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+The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben by Paul von Hindenburg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus meinem Leben
+
+Author: Paul von Hindenburg
+
+Release Date: December 17, 2009 [Ebook #30695]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***
+
+
+
+
+
+ Generalfeldmarschall
+ von Hindenburg
+
+ Aus meinem Leben
+
+
+
+
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+ 1920
+
+ Verlag von S. Hirzel in Leipzig
+
+
+
+
+
+ Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920
+
+
+
+
+Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige
+Uebersetzungsrecht fuer folgende Sprachen: Daenisch-norwegisch, Englisch (fuer
+England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Franzoesisch, Hollaendisch,
+Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch
+
+
+
+
+
+ ZUR EINFUeHRUNG
+
+
+Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung
+zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von aussen an
+mich herantraten.
+
+Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindruecke
+wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar
+legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu muessen. Fern lag es
+mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten
+aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich
+gedacht, gehandelt und geirrt. Massgebend in meinem Leben und Tun war fuer
+mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Ueberzeugung, die
+Pflicht und das Gewissen.
+
+Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben,
+entstanden die folgenden Erinnerungsblaetter doch nicht unter dem bitteren
+Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschuetterlich
+vorwaerts und aufwaerts gerichtet.
+
+Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der
+Heimat fuer des Reiches Groesse und Dasein kaempften.
+
+Im September 1919.
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS
+
+
+
+ Zur Einfuehrung V
+
+ Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 3-67
+ Meine Jugend 3-15
+ Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und frueheste Jugend
+ 6-8. Im Kadettenkorps 9-15.
+ Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse 16-47
+ Im 3. Garderegiment zu Fuss 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei
+ Soor 19. Koeniggraetz 20-25. Nach Koeniggraetz 26. In die
+ Heimat zurueck 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins
+ Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St.
+ Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor
+ Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die
+ Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47.
+ Friedensarbeit 48-63
+ Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando
+ und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Grossen
+ Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im
+ Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef
+ 59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General
+ 61-62. Abschied 63.
+ Uebergang in den Ruhestand 64-67
+ Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67.
+
+ Zweiter Teil. Kriegfuehrung im Osten 69-144
+ Der Kampf um Ostpreussen 71-99
+ Kriegsausbruch und Berufung 71-74
+ Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74.
+ Zur Front 75-79
+ Armeefuehrer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76.
+ Verhaeltnis zu General Ludendorff 77-79.
+ Tannenberg 79-91
+ Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80.
+ Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite
+ Rennenkampfs 82. Staerkeverhaeltnisse 83. Die Marienburg 84.
+ Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87.
+ Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91.
+ Die Schlacht an den masurischen Seen 91-99
+ Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95.
+ Verlauf der Schlacht 96-99.
+ Der Feldzug in Polen 100-116
+ Abschied von der 8. Armee 100-104
+ Zusammenwirken mit der oesterreichisch-ungarischen
+ Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104.
+ Der Vormarsch 104-108
+ Operative Lage 104-105. Polnische Zustaende 106. Kaempfe
+ bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische
+ Gegenoperation 108.
+ Der Rueckzug 109-112
+ Neue Plaene 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rueckzug
+ an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im
+ Osten 112.
+ Unser Gegenangriff 112-116
+ Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kaempfe in
+ Polen 116.
+ 1915 117-134
+ Frage der Kriegsentscheidung 117-122
+ Kaempfe und Operationen im Osten 122-130
+ Ansichten der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung
+ 123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische
+ Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
+ Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Plaene.
+ Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130.
+ Loetzen 130-133
+ Kowno 133-134
+ Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August 135-144
+ Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront 135-140
+ Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140.
+ Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische
+ Ostfront 140-144
+ Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina
+ 142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144.
+
+ Dritter Teil. Von der Uebertragung der Obersten Heeresleitung
+ bis zur Zertruemmerung Russlands 145-294
+ Berufung zur Obersten Heeresleitung 147-167
+ Chef des Generalstabes des Feldheeres 147-148
+ Kriegslage Ende August 1916 148-150
+ Politische Lage 150-154
+ Die deutsche Oberste Kriegsleitung 154-161
+ Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das
+ bulgarische und tuerkische Heer 158-159. Unsere Leistungen
+ im Kriege 160-161.
+ Pless 161-167
+ Koenig Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph
+ 163. Generaloberst Conrad von Hoetzendorf 163-164. Enver
+ Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha
+ 166-167. Radoslawow 167.
+ Leben im Grossen Hauptquartier 168-175
+ Regelmaessiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175.
+ Kriegsereignisse bis Ende 1916 176-198
+ Der rumaenische Feldzug 176-187
+ Unsere politische und militaerische Lage zu Rumaenien
+ 176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178.
+ Rumaenische Kriegserklaerung 179. Bisheriger Feldzugsplan
+ 179-181. Niederwerfung Rumaeniens 182-187.
+ Kaempfe an der mazedonischen Front 187-189
+ Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen 189-192
+ Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 192-198
+ Unterstuetzung Rumaeniens durch Russland 192-194. Fortdauer
+ der Kaempfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der
+ Westfront 196-198.
+ Meine Stellung zu politischen Fragen 199-218
+ Aeussere Politik 199-210
+ Politik und Kriegfuehrung 200-201. Polnische Frage
+ 201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige
+ Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische
+ Erregung in Bulgarien 206-207. Tuerkische Politik 207-210.
+ Die Friedensfrage 210-215
+ Innere Politik 215-218
+ "Hindenburg-Programm" 216. Vaterlaendischer Hilfsdienst
+ 216-218.
+ Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr 219-237
+ Unsere Aufgaben 219-227
+ Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene
+ Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung
+ von Angriffsplaenen in Italien und Mazedonien 224-227.
+ Aufgabe der Tuerkei fuer 1917 227.
+ Der Unterseebootkrieg 228-234
+ Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische
+ Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem
+ Unterseebootkrieg 230-232. Erwaegungen und Entscheidung
+ 232-233. Der hoechste Einsatz 234.
+ Kreuznach 235-237
+ Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 238-251
+ Im Westen 238-244
+ Vorbereitung fuer die Abwehrschlachten 238-240.
+ Fruehjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht
+ Aisne-Champagne 242-244.
+ Im nahen und fernen Orient 244-246
+ An der Ostfront 246-251
+ Russische Revolution 246-247. Eigene Zurueckhaltung
+ 247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes
+ 248-249. Letzte russische Anstuerme 250-251.
+ Unser Gegenstoss im Osten 252-258
+ Das Wagnis des Gegenstosses 252-254. Tarnopol 254-255.
+ Riga und Oesel 256-258.
+ Angriff auf Italien 259-263
+ Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 264-293
+ Im Westen 264-268
+ Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai
+ 265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268.
+ Auf dem Balkan 268
+ In Asien 269-276
+ Englische Operationen in Asien 269-272. Plaene zur
+ Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhaeltnisse im
+ tuerkischen Heere 274. Unsere Unterstuetzungen 275-276.
+ Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern
+ Ende 1917 277-293
+ Der tuerkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283.
+ Oesterreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288.
+ Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291.
+ Vereinigte Staaten von Nordamerika 291.
+ Kriegsverlaengerung 291-293.
+
+ Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen 295-354
+ Die Frage der Westoffensive 297-314
+ Absichten und Aussichten fuer 1918 297-312
+ Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301.
+ Lage und Entschluss 301-303. Truppenschulung 304.
+ Vereinigung der Kraefte im Westen 305. Schwierigkeiten im
+ Osten 306-307. Finnische Expedition 308.
+ Oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung 308-309. Truppen
+ aus Bulgarien und der Tuerkei 310. Defensive 1918? 311-312.
+ Spa und Avesnes 312-314
+ Unsere drei Angriffsschlachten 315-338
+ Die "Grosse Schlacht" in Frankreich 315-321
+ Die Schlacht an der Lys 321-326
+ Die Schlacht bei Soissons und Reims 327-333
+ Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem
+ Schlachtfelde 332-333.
+ Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918 333-338
+ Im Angriff gescheitert 339-354
+ Der Plan zur Schlacht bei Reims 339-343
+ Die Schlacht bei Reims 343-354
+ Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes
+ Gegenstoss 348-351. Entschluss zur Raeumung des Marnebogens
+ 351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des
+ Schlachtausgangs 353-354.
+
+ Fuenfter Teil. Ueber unsere Kraft 355-402
+ In die Verteidigung geworfen 357-366
+ Der 8. August 357-361
+ Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe
+ im Westen bis Ende September 362-366
+ Der Kampf unserer Bundesgenossen 367-389
+ Bulgariens Zusammenbruch 367-377
+ Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien 377-383
+ Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn 383-389
+ Unterstuetzung unserer Westfront 384. Kaempfe in Albanien
+ 385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388.
+ Graf Burian 388. Letzte oesterreichische Friedensversuche
+ 389.
+ Dem Ende entgegen 390-402
+ Vom 29. September zum 26. Oktober 390-397
+ Verhaeltnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster
+ Entschluss 392-393. Unser Waffenstillstands- und
+ Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der
+ Heimat 396-397.
+ Vom 26. Oktober zum 9. November 397-402
+ Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399.
+ Die hoechste Spannung und das Zerreissen 400-402.
+ Mein Abschied 403-406
+
+ Personenverzeichnis 407-409
+
+
+
+
+
+
+ ERSTER TEIL
+
+
+ AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914
+
+
+
+
+ Meine Jugend
+
+
+An einem Fruehlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jaehriger Knabe am
+Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
+Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
+gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefuehl heraus
+stahlen sich Traenen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock"
+fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es
+mir durch den Kopf; ich riss mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und
+mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.
+
+Soldat zu werden war fuer mich kein Entschluss, es war eine
+Selbstverstaendlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
+einen Beruf waehlte, war es stets der militaerische gewesen. Der
+Waffendienst fuer Koenig und Vaterland war in unserer Familie eine alte
+Ueberlieferung.
+
+Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es
+urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem
+Zuge der Zeit folgend, ueber die Neumark seinen Weg nach Preussen herauf.
+Dort waren schon manche Traeger meines Namens in den Reihen der
+Deutschritter als Ordensbrueder oder "Kriegsgaeste" gegen die Heiden und
+Polen zu Felde gezogen. Spaeter gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem
+Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, waehrend diejenigen mit
+der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
+ganz aufhoerten.
+
+Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
+Geschlecht in der neumaerkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung
+getreten. Auch die Grossmutter meines im Regiment "von Tettenborn"
+dienenden und in Ostpreussen bei Heiligenbeil ansaessigen Urgrossvaters war
+eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst
+unter Friedrich dem Grossen gekaempft hatte, vermachte seine beiden, in dem
+schon mit der ostpreussischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, spaeter
+aber Westpreussen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Gueter Neudeck und
+Limbsee seinem Grossneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider
+Namen. Diese wurde von Koenig Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem
+wird bei Abkuerzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet.
+
+Die Gueter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
+Limbsee musste, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veraeussert
+werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehoert
+der Witwe meines naechstaeltesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr juenger
+als ich war, so dass unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander
+herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Koenige lange Jahre als
+Offizier in Krieg und Frieden dienen.
+
+In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Grosseltern. Jetzt ruhen sie,
+wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
+Friedhof. Fast alljaehrlich kehrten wir bei den Grosseltern, anfaenglich noch
+unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
+machte es mir dann, wenn mein Grossvater, der bis 1801 im Regiment "von
+Langenn" gedient hatte, davon erzaehlte, wie er im Winter 1806/7 bei
+Napoleon I. im nahen Schloss Finckenstein als Landschaftsrat um Erlass von
+Kontributionen bitten musste, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von
+Durchmaerschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hoerte ich. Und
+mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansaessig war, wusste von
+den Kaempfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen
+drangen damals ueber die Bruecke, wurden aber wieder zurueckgeworfen. Ein
+franzoesischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus
+verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es
+fehlte nicht viel, dann haetten die Russen 1914 wieder diese Bruecke
+betreten.
+
+Nach dem Tode meiner Grosseltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
+fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Raeumen, das
+Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe
+ich mich spaeter oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.
+
+So ist denn Neudeck fuer mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
+engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehoert. Wohin mich auch
+innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf fuehrte, ich fuehlte mich
+stets als Altpreusse.
+
+Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der
+Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des
+damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.
+
+Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preussischen
+Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhaeltnissen, das in der
+Arbeit und Pflichterfuellung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab
+naturgemaess unserm ganzen Geschlecht sein Gepraege. Auch mein Vater ging
+daher voellig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit,
+sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich
+hatte noch zwei juengere Brueder und eine Schwester - zu widmen. Das
+sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete
+Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach aussen hin eine vollendete
+Harmonie. In gegenseitiger Ergaenzung der Charaktere stand neben der
+ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die
+ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer
+Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller
+Uebereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder
+ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe,
+welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefoerdert
+wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Koerper und einen
+kraeftigen Willen zur Tat fuer die Erfuellung der Pflichten auf den Lebensweg
+mitzugeben. Sie bemuehten sich aber auch, uns durch Anregung und
+Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu
+bieten, was Eltern geben koennen: den vertrauensvollen Glauben an Gott den
+Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als
+die staerkste Stuetze dieses Vaterlandes anerkannten, naemlich zu unserm
+preussischen Koenigstum. Der Vater fuehrte uns zugleich von frueher Jugend an
+in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf
+Spaziergaengen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die
+Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schaetzen. Unter
+"uns" verstehe ich hierbei ausser mir meinen naechstaeltesten Bruder. Die
+Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in
+Haenden der Mutter, und mein juengster Bruder trat erst ins Leben, kurz
+bevor ich Kadett wurde.
+
+Das Los des Soldaten, zu wandern, fuehrte meine Eltern von Posen nach Koeln,
+Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
+Vater den Abschied und zog nach Neudeck.
+
+Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Grossvater
+muetterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
+Schlacht bei Kulm als Militaerarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
+erworben, weil er ein fuehrerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon
+wieder geordnet und vorgefuehrt hatte. Meine Grossmutter musste uns in
+spaeteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als
+junges Maedchen durchlebt hatte, erzaehlen. Genau entsinne ich mich eines
+hochbetagten Gaertners meiner Grosseltern, der noch 14 Tage unter Friedrich
+dem Grossen gedient hatte. So fiel gewissermassen auf mich als Kind noch ein
+letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.
+
+Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
+uebergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekaempfung dieser
+Bewegung ausgerueckt. Die Polen bemaechtigten sich nun voruebergehend der
+Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Fuehrers Miroslawski
+sollten alle Haeuser illuminiert werden. Meine Mutter war ausserstande, sich
+diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurueck und
+troestete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, dass gerade auf
+diesen Tag, den 22. Maerz, der Geburtstag des "Prinzen von Preussen" fiel,
+so dass die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
+galten. 23 Jahre spaeter war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
+Versailles Zeuge der Kaisererklaerung Wilhelms I., des einstigen Prinzen
+von Preussen.
+
+Unser Aufenthalt in Koeln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
+Koelner Zeit schwebt mir das Bild des maechtigen, jedoch noch unvollendeten
+Domes vor.
+
+In Pinne fuehrte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
+ueberzaehliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht
+sehr beansprucht, so dass er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
+jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte.
+Er unterrichtete mich bald in Geographie und Franzoesisch, waehrend mir der
+Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
+Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine
+Vorliebe fuer Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und
+anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht
+erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.
+
+Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
+Erziehung ein Verhaeltnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
+unbedingter Autoritaet gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
+weit mehr das Gefuehl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung
+unter eine zu strenge Herrschaft wachrief.
+
+Pinne ist ein kleines Staedtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
+gehoerte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie
+war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Naehe sass ihr Bruder, Herr von
+Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen grosser Kinderschar fand
+ich mehrere liebe Spielgefaehrten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
+stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spaetherbst 1914 den Ort von
+Posen aus und betrat mit Ruehrung das kleine bescheidene Haeuschen im
+Dorfteile, in welchem wir einst ein so glueckliches Familienleben gefuehrt
+hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
+Spielgefaehrten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen.
+
+In die Glogauer Zeit faellt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
+dort vorher je zwei Jahre die Buergerschule und das evangelische Gymnasium
+besucht. Wie ich hoere, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
+Andenken bewahrt, dass eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel
+an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner
+Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war.
+
+Rueckblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, dass
+meine erste Erziehung auf die gesuendeste Grundlage gestellt war. Ich
+fuehlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, dass ich unendlich viel
+zurueckliess, aber ich empfand doch auch, dass mir unendlich viel auf den
+weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben
+hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermueden
+Elternliebe, die sich spaeter auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
+Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
+ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen
+wurde.
+
+Das Leben in dem preussischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl
+sagen, bewusst und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung
+auf eine gesunde Entwicklung des Koerpers und des Willens gestellt.
+Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als
+Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine
+gewisse Staerke. Die einzelne Persoenlichkeit sollte und konnte sich auch in
+ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem
+Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von
+oberflaechlichen Beurteilern falsch aufgefasst worden ist. Gewiss war York
+gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es
+auch, der fuer jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des
+freien selbstaendigen Handelns forderte, wie er selbst diese
+Selbstaendigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist
+ist daher nicht nur in seiner militaerischen Straffheit sondern auch in
+seiner Freiheit einer der kostbarsten Zuege unseres Heeres gewesen.
+
+Fuer die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich
+vorherrschend mit den alten Sprachen beschaeftigt, habe ich nur wenig
+Verstaendnis. Der praktische Nutzen fuer das Leben bleibt mir unklar. Als
+Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen
+im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium
+gehoeren sie in spaetere Lebensjahre. Ich wuenschte, auf die Gefahr hin, fuer
+einen Boeotier gehalten zu werden, dass in solchen Schulen auf Kosten von
+Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch,
+Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt wuerden. Muss denn
+das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die
+Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster
+Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kaempfen und schwerer
+Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen?
+Beduerfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu
+koennen, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen?
+
+Aus dem eben Gesagten soll keine Missachtung des Altertums an sich
+herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von frueher Jugend an auf
+mich eine grosse Anziehungskraft ausgeuebt. Vornehmlich war es die der
+Roemer, welche mich fesselte. Sie hatte fuer mich etwas Gewaltiges, fast
+Daemonisches, ein Eindruck, der mir in spaetern Lebensjahren bei dem Besuche
+Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin aeusserte,
+dass mich dort die Denkmaeler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die
+Schoepfungen italienischer Renaissance.
+
+Roms kluges Erkennen der Vorzuege und Maengel voelkischer Eigentuemlichkeiten,
+seine ruecksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
+Freund und Feind gegenueber verschmaehte, seine geschickt aufgemachte
+tugendhafte Entruestung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten,
+sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwaechen innerhalb der
+feindlichen Voelker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den
+germanischen Staemmen gegenueber angewendet wurde und hier mehr nutzte als
+Waffengebrauch, fand nach meinen spaeteren Erfahrungen sein Spiegelbild und
+seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all
+diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur hoechsten Verfeinerung und
+Welttaeuschung auszubauen.
+
+Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
+meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine
+Auffassung dahin aus, dass wir nicht so einseitig und undankbar sein
+duerfen, ueber der Bewunderung fuer einen Alcibiades oder Themistokles, fuer
+die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Maenner ganz zu
+uebersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine
+mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst fuer
+Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
+leider wiederholt im Gespraech mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann
+bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam.
+
+Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
+Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebuehrt
+vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich
+nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm
+sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren
+dem Kadettenkorps entwachsen, fuehlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern
+an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte
+ueberall erfrischend und anregend und besass obenein ein hervorragendes
+Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre spaeter
+in Berlin in Selekta im Gelaendeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach
+weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den
+Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschaeftigte sich
+schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal waehrend der
+sonntaeglichen Spaziergaenge durch Anlage kleiner Uebungen in geeignetem
+Gelaende anschauliche Bilder ueber den Gang der Schlachten, welche damals,
+1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino.
+Spaeter, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium
+der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in
+Bahnen, die fuer meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch
+die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister fuer die hoehere Truppenfuehrung.
+Als ich spaeter in den Generalstab versetzt wurde, gehoerte ihm
+Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und
+schliesslich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende
+Generale, also Befehlshaber ueber Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine
+Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in
+der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal
+versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte.
+
+Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
+gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, dass sich das frische jugendliche
+Toben, dem natuerlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen
+Uebermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr
+geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern
+meist verstaendnisvolle, milde Richter.
+
+Ich selbst war zunaechst keineswegs das, was man im gewoehnlichen Leben
+einen Musterschueler nennt. Anfangs hatte ich eine aus frueheren Krankheiten
+zurueckgebliebene koerperliche Schwaechlichkeit zu ueberwinden. Als ich dann
+dank der gesunden Erziehungsart allmaehlich erstarkte, hatte ich anfaenglich
+wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
+langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
+bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schliesslich
+unverdientermassen den Ruf eines besonders begabten Schuelers einbrachte.
+
+Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Koeniglicher Kadett" nannte,
+begruesste ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit
+unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders
+waehrend des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel
+wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern
+Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund
+bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der
+Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am waermsten entgegen. So
+entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich
+war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der
+Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspaetet, in
+Glogau ein. Da sass die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum
+erwaermten sogenannten Passagierstube an wollenen Struempfen strickend, als
+wolle sie durch das Nachgeben gegenueber der Sehnsucht zu einem ihrer
+Kinder die Vorsorge fuer das Wohl der anderen nicht versaeumen.
+
+In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
+Prinzen Friedrich Wilhelm, des spaeteren Kaisers Friedrich, und seiner
+Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum
+ersten Male Mitglieder unseres Koenigshauses. Noch nie hatten wir beim
+Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran
+anschliessenden Vorturnen so halsbrecherische Uebungen gemacht als an diesem
+Tage. Und von der Guete und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir
+noch lange Zeit.
+
+Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag Koenig
+Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprueften Herrscher
+habe ich also die preussische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende
+mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin
+des Koenigs, der Koenigin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu
+werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestaet mir damals schenkte, hat mich in
+drei Kriegen treulich begleitet.
+
+Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
+dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstrasse unweit des
+Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preussens Hauptstadt
+kennen und durfte jetzt endlich bei den Fruehjahrsparaden mit Aufstellung
+Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den
+Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnaedigsten Herrn,
+Koenig Wilhelm I., sehen.
+
+Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
+Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Daenemark brach aus, und ein Teil
+unserer Kameraden schied im Fruehjahr von uns, um in die Reihen der
+kaempfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
+jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehoeren. Mit
+welch heissen Wuenschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden,
+bedarf keiner Schilderung.
+
+Ueber die politischen Gruende, die zu dem Kriege fuehrten, zerbrachen wir uns
+den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, dass
+in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
+erfrischender Wind gefahren war, und dass die Tat wieder mehr gelten sollte
+als das Wort und die Aktenbuendel. Im uebrigen verfolgten wir mit gluehendem
+Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
+der Einbringung der eroberten Geschuetze und dem Siegeseinzug der Truppen
+als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefuehl berechtigt zu sein, einen
+Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den daenischen Kampffeldern
+unsere Truppen zum Erfolge fuehrte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem
+kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee
+fuehren sollte?
+
+Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glueck zuteil, unserm
+Koenig persoenlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
+Schloss gefuehrt und hatten dort Seiner Majestaet Namen und Stand des Vaters
+zu nennen. Kein Wunder, dass da mancher in der Aufregung erst kein Wort
+hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
+nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenueber gestanden, ihm noch nie so
+scharf in das guetige Auge geblickt und seine Stimme gehoert. Ernste Worte
+sprach der Koenig zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
+Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
+umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt.
+
+Im Fruehjahr 1866 verliess ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
+dieser militaerischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persoenlichen
+Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
+mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Koenigs Rock. Auch
+waehrend des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Soehne meiner
+Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gaeste
+zu sehen. Ein guenstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier
+meines in den Krieg fallenden 70jaehrigen Geburtstages damit zu beginnen,
+dass ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Strasse weg an meinen mit
+essbaren Geschenken reich besetzten Fruehstueckstisch rufen lassen konnte.
+Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und
+unbefangen, leibhaftige Bilder laengst vergangener Zeiten, Erinnerungen an
+selbsterlebte Tage.
+
+
+
+
+ Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse
+
+
+Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment
+zu Fuss ein. Das Regiment gehoerte zu denjenigen Truppenteilen, die
+gelegentlich der grossen Vermehrung aktiver Verbaende 1859/60 neu errichtet
+worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat,
+bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines
+Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehoerigen und
+liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewaehrt.
+Hierin liegt ein unzerstoerbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn,
+wie im letzten grossen Kriege, Regimenter wiederholt einen foermlichen
+Neuaufbau durchmachen mussten. Uebriggebliebene Reste des alten Geistes
+durchstroemten die neuen Teile in kurzer Zeit.
+
+Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuss
+hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den
+besten Ueberlieferungen des damaligen preussischen Heeres entsprach. Das
+preussische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Gluecksguetern gesegnet,
+und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Beduerfnislosigkeit. Das
+Bewusstsein eines besonderen persoenlichen Verhaeltnisses zu seinem Koenig -
+der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrueckt -
+durchdrang das Leben der Offiziere und entschaedigte sie fuer manche
+materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war fuer die Armee von
+unschaetzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz
+besonderen Klang.
+
+Vielfach wurde behauptet, dass eine solche Auffassung eine Absonderung der
+Offiziere den anderen Berufsklassen gegenueber veranlasst haette. Ich habe
+diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in hoeherem Masse gefunden wie
+in jedem anderen Beruf, der auf sich haelt und sich daher unter
+Seinesgleichen am wohlsten fuehlt. Ein in den Grundzuegen wohl zutreffendes
+Bild des damaligen Geistes innerhalb des preussischen Offizierskorps findet
+sich in einer Abhandlung ueber den Kriegsminister von Roon. Dort wird das
+Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest
+und kraeftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknoechert oder dem
+allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung
+liberaler Elemente, fachmaennisch nuechtern aber auch fachmaennisch reich.
+Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue
+der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in
+den Soehnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preussens
+gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefuehl der staatlichen
+Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preussen in seinem Heere neue
+Betaetigung in der Welt ersehnte.
+
+Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen
+die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten
+voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Oesterreich noch nicht
+ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhoehung des Mannschaftsstandes war
+ergangen und in voller Ausfuehrung begriffen.
+
+Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preussen und
+Oesterreich bewegten sich unsere politischen und militaerischen
+Gedankengaenge voellig in den Bahnen Friedrichs des Grossen. Dementsprechend
+fuehrten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten
+Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses
+unvergesslichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem
+Einmarsch in Boehmen trug diesen Gedanken in seinem Schlusssatz mit den
+Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, dass es
+gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser groesster Koenig mit einem
+kleinen Heere schlug."
+
+Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen
+Oesterreich und uns, weil fuer beide Grossmaechte nebeneinander in dem
+damaligen Bundesverhaeltnis keine freie Betaetigungsmoeglichkeit vorhanden
+war. Einer von beiden musste weichen, und da solches durch staatliche
+Vertraege nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Ueber diese
+Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Oesterreich
+bei uns keine Rede. Das Gefuehl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch
+ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark
+entwickelt, als dass sich feindliche Empfindungen haetten durchsetzen
+koennen. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene
+wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man
+sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder vertraegt. Die
+Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der groesste Teil der
+tschechischen Bevoelkerung, zeigten uns meist ein derartiges
+Entgegenkommen, dass sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie
+in deutschen Manoeverquartieren abspielte.
+
+Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in
+diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf
+viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Boehmen ein.
+Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, fuehrte uns
+am 28. Juni in dem gleichen Gelaende und in der naemlichen Richtung von
+Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September
+1747 waehrend der damaligen Schlacht bei Soor Preussens Garde inmitten der
+in den starren Formen der Lineartaktik anrueckenden Armee des grossen Koenigs
+vorbewegt hatte.
+
+Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen
+Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schuetzenzug fuehrte, hatte
+an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil
+wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor
+dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehoerten. Immerhin hatten wir aber doch
+wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehoelz nordwestlich Burkersdorf mit
+oesterreichischer Infanterie herumzuschiessen und Gefangene zu machen, sowie
+spaeter ungefaehr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde
+ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre
+Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die
+Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere
+Grenadiere auf ihre Bajonette gespiesst in das Biwak bei Burkersdorf
+brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des
+italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren
+lernte ich einen aelteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in
+oesterreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons
+gestanden hatte. Er beichtete mir, dass er bei dieser Gelegenheit seine
+neue Ulanka eingebuesst haette, die fuer den Einzug in Berlin bestimmt gewesen
+war.
+
+Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so musste ich mich damit begnuegen,
+wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung
+durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Beruehrung mit
+dem Gegner ergreift.
+
+Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am naechsten Tage sozusagen
+mit der Rueckseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit
+60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten
+abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch
+erschwert wurde, dass das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not
+erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben
+ueberholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon
+im Gros der Division im Vormarsch nach Sueden befand. Ich kam gerade noch
+zur Zeit, um die Erstuermung des Elbueberganges von Koeniginhof durch unsere
+Vorhut mit anzusehen.
+
+Der 30. Juni versetzte mich in die nuechterne Wirklichkeit kriegerischen
+Kleinkrams. Ich musste mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll
+Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr
+leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach
+Koeniginhof zurueckkehren. Erst am 2. Juli frueh konnte ich mich meiner
+Kompagnie wieder anschliessen. Es war hohe Zeit, denn schon der naechste Tag
+rief uns auf das Schlachtfeld von Koeniggraetz.
+
+Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der
+Richtung auf die Festung Josephstadt ausgefuehrt hatte, standen wir am
+Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im nasskalten Vorposten-Biwak am
+Suedausgang von Koeniginhof herum. Da ertoente das Alarmsignal, und bald
+darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu
+sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschuetzfeuer aus
+suedwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen ueber den Grund des
+Gefechtslaerms waren geteilt. Im allgemeinen ueberwog die Meinung, dass die
+von der Lausitz her in Boehmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich
+Karl - wir gehoerten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes
+oesterreichisches Korps gestossen sei.
+
+Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begruesst. Sah doch der
+Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glaenzenden Erfolge, die das
+links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz
+bisher errungen hatte. Unter stroemendem Regen, trotz kuehler Witterung in
+Schweiss gebadet, wateten wir muehsam in langgezogenen Kolonnen auf
+grundlosen Wegen vorwaerts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und
+steigerte sich bei mir zu der Sorge, dass wir vielleicht zu spaet kommen
+koennten.
+
+Diese Besorgnis erwies sich bald als unnoetig. Der Kanonendonner wurde,
+nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hoerbar.
+Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen hoeheren Stab zu Pferde auf einer Anhoehe
+neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Fernglaeser nach Sueden
+spaehend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser
+Kronprinz, der spaetere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef,
+General von Blumenthal, hat mir nach Jahren ueber diesen Augenblick
+folgendes erzaehlt:
+
+ "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergruendlichen Wegen an uns
+ vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser
+ mich daraufhin fragend anblickte, fuegte ich hinzu, dass ich ihm zur
+ gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das oesterreichische Geschuetzfeuer
+ schluege ueberall nach Westen, ein Beweis dafuer, dass der Feind auf der
+ ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt waere, sodass wir ihm jetzt in
+ die Flanke und teilweise in den Ruecken kaemen. Angesichts solcher Lage
+ war nur noch anzuordnen, dass das Gardekorps rechts, das VI. Korps links
+ einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei maechtigen
+ Lindenbaeumen gekroenten, bei Horenowes gelegenen Hoehe weiter vorgehen
+ sollten, waehrend das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das
+ Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen haetten. Weiteres
+ hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen."
+
+Unsere Bewegung wurde zunaechst noch querfeldein fortgesetzt, dann
+marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den
+Hoehen seitwaerts Horenowes entgegengeschickt. Die oesterreichische
+Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten
+Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Fuehrer, ein anderes toetete dicht
+hinter mir meinen Fluegelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate
+mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann ausser Gefecht. Als dann
+aber das Feuer verstummte und die Hoehen uns kampflos in die Haende fielen,
+weil es sich hier nur um eine aus der Ueberraschung heraus zum Zwecke des
+Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt
+hatte, machte sich ein Gefuehl der Enttaeuschung geltend. Freilich nicht fuer
+lange, denn bald oeffnete sich uns der Einblick auf einen grossen Teil eines
+gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwaerts von uns erhoben sich in der
+trueben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der
+gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschuetzfeuer und die
+Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste
+Faerbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die
+Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.
+Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun
+bald aus suedlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu koennen. Sie
+sind spaeter groesstenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So
+drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelaende, der schwere, tiefe und
+glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrueben gestatteten, vorwaerts.
+Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut
+worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Zuege begannen
+sich ihre Gegner zu suchen; alles draengte nach vorwaerts. Den Zusammenhang
+fuer alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind!
+
+Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr
+beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide ueberraschend auf
+feindliche, von Sueden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das
+ueberlegene Zuendnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem
+Schuetzenzuge in aufgeloester Ordnung folgend, stiess ich ploetzlich auf eine
+oesterreichische Batterie, die in ruecksichtsloser Kuehnheit herbeieilte,
+abprotzte und uns eine Kartaetschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel,
+die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich fuer kurze Zeit
+bewusstlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die
+Batterie ein. Fuenf Geschuetze waren unser, die drei anderen entkamen. Das
+war ein stolzes Gefuehl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde
+blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit,
+auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jaeger, kenntlich an den
+Hahnenfedern auf ihren Hueten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und
+folgte ihnen bis zu einem Hohlwege.
+
+Der Zufall wollte es, dass im Verlauf des letzten grossen Krieges dieses
+mein erstes Schlachterlebnis in Oesterreich bekannt wurde. Ein
+verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir
+infolgedessen aus Reichenberg in Boehmen, dass er bei Koeniggraetz als
+Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und
+belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche
+Worte hinzufuegte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den
+einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande
+gekommen.
+
+Als ich den oben erwaehnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die
+feindlichen Jaeger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Doerfer
+- vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch
+in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekaempft. Ich selbst war mit
+meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die
+geschlossenen Abteilungen waren mir nicht suedwaerts gefolgt, sondern
+schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloss, meiner
+Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, dass
+ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel
+erreichte, brausten noch mehrere oesterreichische Schwadronen, mich mit
+meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorueber. Sie ueberschritten
+vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stiessen kurze Zeit darauf,
+wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelaende nordoestlich Rosberitz
+auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige
+Pferde zurueck und schliesslich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich
+schickte noch einige Kugeln nach; die weissen Maentel der Reiter boten in
+der trueben Witterung gute Ziele.
+
+Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestuem
+vordraengende Zuege und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division
+waren daselbst auf sehr ueberlegene feindliche Kraefte geprallt. Hinter
+unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunaechst keine Verstaerkungen.
+Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen
+worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich
+mich am Ostrande von Rosberitz gluecklich wieder vereinigte, war daher die
+erste Hilfe.
+
+Wer mehr ueberrascht ist, die Oesterreicher oder wir, vermag ich nicht zu
+beurteilen. Jedenfalls draengen die zusammengeballten feindlichen Massen
+von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So
+fuerchterlich unser Zuendnadelgewehr auch wirkt, ueber die stuerzenden ersten
+Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen
+zwischen den brennenden, strohbedeckten Haeusern ein moerderisches
+Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbaenden ist keine Rede mehr. Jeder
+sticht und schiesst um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern
+vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Faehnrich von
+Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und
+herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir ueberbracht,
+damit diese nicht etwa feindlichen Pluenderern in die Haende faellt. Bald
+laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Ruecken
+fuehrenden Seitengasse toenen oesterreichische Hornsignale, hoert man die
+dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir muessen,
+auch in der Front hart bedraengt, zurueck. Ein brennendes Strohdach, das auf
+die Strasse herabstuerzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt,
+rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Hoehe dicht
+nordoestlich des Dorfes.
+
+Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurueckgehen. Major Graf
+Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuss, der 1870 vor Paris als Kommandeur
+des Garde-Grenadierregiments Koenigin Augusta fiel, laesst als aeltester
+anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde
+stecken; um diese geschart werden die Verbaende wieder geordnet. Schon
+nahen auch von rueckwaerts Verstaerkungen. Und so geht es denn bald wieder
+mit schlagenden Tambours vorwaerts, dem Feinde entgegen, der sich mit der
+Besitzergreifung des Dorfes begnuegt hat. Auch dieses raeumt er bald, um
+sich der allgemeinen Rueckzugsbewegung seines Heeres anzuschliessen.
+
+In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach
+kurzer Zeit im Lazarett zu Koeniginhof seinen Wunden erlag. Seine treue
+Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgefuehrt. Auch aus meinem Zuge
+teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer
+Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage spaeter auf dem
+Weitermarsch abends suedwestlich der Festung Koeniggraetz Biwaks bezogen,
+fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der
+Festung hatte sie in der Richtung auf die preussischen Biwakfeuer
+hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernaehrung enthoben zu sein. Sie hatten
+das Glueck, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden.
+
+Als Abschluss des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,
+bis wir das Schlachtfeld verliessen. Der Arzt wollte mich wegen meiner
+Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnuegte mich aber in Erwartung
+einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlaegen und einem leichten
+Verbande und durfte fortan auf den Maerschen statt des Helmes die Muetze
+tragen.
+
+Eigenartige Gefuehle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten.
+Naechst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze
+Bewusstsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues
+Ruhmesblatt in der Geschichte des preussischen Heeres und des preussischen
+Vaterlandes geworden war. Uebersahen wir auch noch nicht die volle
+Tragweite unseres Sieges: dass es sich um mehr als in den vorhergegangenen
+Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich
+der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Haelfte seines
+Bestandes verloren, ein Beweis dafuer, dass er seine Schuldigkeit getan
+hatte.
+
+Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbruecke
+ueberschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns
+seine Anerkennung ueber das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit
+lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber
+unserer Armee und Erben der Krone Preussens gespendete Lob, freudig bereit,
+ihm zu neuen Kaempfen zu folgen.
+
+Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Maersche und
+somit keine erwaehnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende
+Waffenstillstand traf uns in Niederoesterreich, etwa 40 km von Wien
+entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rueckmarsch in die Heimat
+antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst
+allmaehlich verliess sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren
+Reihen gefordert zu haben.
+
+An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Waehrend dieser Zeit traf ich
+mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem
+Schlachtfelde von Koeniggraetz taetig war, in Prag. Wir liessen diese
+Gelegenheit nicht voruebergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres
+grossen Koenigs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom
+preussischen Staat nach dem Befreiungskriege fuer den bei Prag gefallenen
+Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden,
+das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs
+des Grossen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen.
+
+Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf
+des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich
+der Lage Preussens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf
+Prag folgenden Kolin, so noetigte nach der manchem Siege folgenden
+Marneschlacht das Scheitern unseres grossen Offensivgedankens das Vaterland
+zu einer verhaengnisvollen Verlaengerung des Daseinskampfes. Aber waehrend
+uns der Ausgang des siebenjaehrigen Ringens ein maechtiges Preussen zeigt,
+erblicken wir am Ende des letzten vierjaehrigen Verzweiflungskampfes ein
+gebrochenes Deutschland. Waren wir der Vaeter nicht wuerdig gewesen?
+
+Am 2. September ueberschritten wir in Fortsetzung des Rueckmarsches die
+boehmisch-saechsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee
+Grossenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte
+begruesste uns. Durch sie kehrten wir unter den Klaengen des "Heil Dir im
+Siegerkranz" in die Heimat zurueck. Mit welchen Gefuehlen, bedarf keiner
+Erlaeuterung.
+
+Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die
+Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Koenigsplatz, damals einem
+sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebaeude steht, befand
+sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg
+verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom
+Aufstellungsplatze weg rueckte die Einzugstruppe durch das Brandenburger
+Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner
+Majestaet dem Koenig. Bluecher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren
+Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein!
+
+Zum Einruecken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am
+Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden
+4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung ueberreicht, ihn sofort anzulegen,
+weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich
+mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine aeltere
+Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf
+meiner Brust. So oft ich in spaetern Jahren, sei es zu Fuss, sei es zu
+Pferde, ueber den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der
+freundlichen Berlinerin, die dem 18jaehrigen Leutnant dort einst seinen
+ersten Orden angeheftet hat.
+
+Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison
+zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine
+Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren
+die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da
+war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich
+selbst hatte die schoene Stadt, die ich schon 1873 verlassen musste, so lieb
+gewonnen, dass ich mich spaeter nach meiner Verabschiedung dorthin
+zurueckzog.
+
+Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknuepft. Manche
+Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gruenden gaenzlich
+zurueck. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie
+verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers
+in Preussen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten
+einzelner seinen Schmerz nicht mit Wuerde trug, sondern sich in
+Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir
+in ihm einen Gegner.
+
+Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in
+gluecklichster Weise die Vorteile einer Grossstadt nicht mit den Nachteilen
+einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche spaeter,
+nach dem franzoesischen Kriege, dadurch ihren Hoehepunkt erreichte, dass Ihre
+Koeniglichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preussen und Gemahlin dort
+jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzueglichen Hoftheaters
+ab, der dem jungen Offizier fuer ein Billiges ermoeglicht war. Herrliche
+Parkanlagen und einer der schoensten deutschen Waelder, die Eilenriede,
+umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuss
+und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manoevern in der Provinz
+teil, anstatt zu den Herbstuebungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren,
+so lernten wir allmaehlich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner
+anmutenden Eigenart kennen und schaetzen. Der kleine Dienst spielte sich
+auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine
+Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen
+meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt
+versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in
+die goldene Jugendzeit zurueck. Fast alle meine damaligen Kameraden sind
+schon bei der grossen Armee versammelt. Meinen mehrjaehrigen Kompagniechef,
+Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kuerzlich wiedersehen. Ich
+verdanke dem jetzt mehr als 80jaehrigen unendlich viel; war er mir doch
+ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung.
+
+Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestaet der Koenig zum ersten Male Hannover.
+Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im
+Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglueckt, bei
+welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient haette. In spaetern
+Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz fuer 1870/71 erworben hatte,
+hat mein Kaiser und Koenig die gleiche Frage noch manchesmal bei
+Versetzungs- und Befoerderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets
+durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie
+damals.
+
+Immer fester fuegten sich die staatlichen, militaerischen und sozialen
+Verhaeltnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue
+Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbuertiger Bestandteil Preussens
+bewaehren!
+
+Bei Ausbruch des Krieges 1870 rueckte ich als Adjutant des 1. Bataillons
+ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzuege von
+1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein
+kriegserprobter altpreussischer Soldat von ruecksichtsloser Energie und
+unermuedlicher Fuersorge fuer die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen
+waren gute.
+
+Der Beginn des Feldzuges brachte fuer das Regiment, wie fuer das ganze
+Gardekorps, insofern schmerzliche Enttaeuschungen, als wir in wochenlangen
+Maerschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel
+oberhalb Pont a Mousson ueberschritten und beinahe die Maas erreicht
+hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die
+dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach ausserordentlich
+anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von
+Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und
+X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die
+Augen. Ueber die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten
+wir auch am 18. August von unseren Biwakplaetzen bei Hannonville westlich
+Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten
+gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhaeltnismaessig kurze Marsch,
+ausgefuehrt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem
+saechsischen (XII.) Korps, in gluehender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne
+die Moeglichkeit genuegender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage,
+war zu einer grossen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch
+erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem
+Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, ueber das
+Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments
+zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preussen
+wie Franzosen, in und noerdlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein
+moerderischer Kampf hier auf den allernaechsten Entfernungen gefuehrt worden
+war.
+
+Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Geruechte, dass
+Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich.
+Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Ploetzlich beginnt
+in oestlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den
+Feind gestossen. Der Gefechtslaerm belebt auch bei uns alles. Die Nerven
+beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder staerker und freudiger zu
+schlagen. Der Weitermarsch in nordoestlicher Richtung wird angetreten. Der
+Eindruck, dass es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstaerkt
+sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Naehe
+von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthuellen. Es geschieht unter
+dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig
+galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die
+gegnerischen Stellungen. Immer maechtiger entwickelt sich das
+Schlachtenbild. Ueber den Hoehen von Amanweiler bis halbwegs gegen St.
+Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren
+Linien hinter- und zugleich uebereinander steht dort oben feindliche
+Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorlaeufig mit ganzer Wucht gegen
+das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken
+Fluegel vom Gegner ueberragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen.
+
+Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,
+wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fuenf Kilometer gleichlaufend
+zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chenes. Das Dorf
+wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf
+Auboue marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung
+von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht suedlich des Dorfes, mit der
+Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe.
+Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schuetzen
+schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant
+von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Naehe erschossen; sein
+Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Koeniggraetz
+in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet.
+
+Ich betrachte mir die Lage. In oestlicher Richtung, fast in der rechten
+Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmaehlich ansteigenden
+Hoehe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux
+Chenes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden.
+Das Gelaende noerdlich dieser Strasse ist durch die Baumreihen grossenteils
+der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie
+das Feld suedlich der Chaussee. Auf den Hoehen selbst herrscht eine fast
+unheimliche Stille. Unwillkuerlich strengt sich das Auge an, dort vermutete
+Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklaerung den Schleier zu nehmen,
+scheint man auf unserer Seite nicht fuer noetig zu halten. So bleiben wir
+denn ruhig liegen.
+
+Gegen 51/2 Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir
+sollen hart oestlich Ste. Marie vorbei in noerdlicher Richtung antreten und
+dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das
+Bedenken, dass diese kuenstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten
+Flanke gefasst wuerde, draengt sich sofort auf.
+
+Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelaende um St.
+Privat lebendig und huellt sich in den Qualm feuernder franzoesischer
+Linien. Die nicht zu unserer Division gehoerige 4. Gardebrigade geht
+naemlich bereits suedlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher
+vorlaeufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe wuerde in
+kuerzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade,
+nicht baldmoeglich noerdlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung
+schaffen wuerden. Freilich, dort hinueberzukommen, erscheint fast unmoeglich.
+Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelaende einzusehen und dem
+Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein
+ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns ueber das ganze Feld.
+Doch wir muessen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzufuehren. Es
+gelingt uns auch, die Strasse zu ueberschreiten. Jenseits dieser nehmen die
+sich dicht draengenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und
+stuerzen, sich auseinanderziehend, vorwaerts gegen St. Privat. Alles strebt
+danach, so nahe als moeglich an den Gegner heranzukommen, um die dem
+Chassepot gegenueber minderwertigen Gewehre brauchen zu koennen. Der Vorgang
+wirkt ebenso erschuetternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein
+Hagelwetter vorstuermenden Massen bedeckt sich das Gelaende mit Toten und
+Verwundeten, aber die brave Truppe draengt unaufhaltsam vorwaerts. Immer und
+immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald
+von den tuechtigsten Grenadieren und Fuesilieren ersetzt werden muessen, auf-
+und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General
+des Gardekorps, Prinz August von Wuerttemberg, zu Pferde am Ortsausgang von
+Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen
+Regimenter sich hineinstuerzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm
+gegenueber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat
+gestanden haben.
+
+Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordoestlich Ste. Marie
+herauszubringen und ihm die fuer den Kampf notwendige Armfreiheit zu
+schaffen, laesst mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.
+Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunaechst in einer Falte des Gelaendes
+die bisherige noerdliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher
+Deckung so weit seitlich heraus, dass wir nach dem Einschwenken den linken
+Fluegel der Brigade bilden. In diesem Verhaeltnis gelangen wir unter
+zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt.
+
+Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken
+koennen, muessen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboue aus noch nicht
+erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von
+Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbruechen oestlich des
+Dorfes franzoesische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei
+Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu fuehren. Bald darauf
+unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbruechen, welcher
+abgewiesen wird. Nunmehr koennen sich die beiden andern Kompagnien ohne
+Besorgnis fuer Flanke und Ruecken gegen den Nordeingang von St. Privat
+wenden, um dem schweren frontalen Kampf der uebrigen Teile der Brigade
+wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Spaeter, nachdem Roncourt
+von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere
+beiden dort verwendeten Kompagnien heran.
+
+In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von
+feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus
+mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen
+Angriffsfeld niederzudruecken versucht. Auf unserer Seite eine lueckenreiche
+Linie loser Truppentruemmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen,
+sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu
+stuerzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen,
+aufs aeusserste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoss unsere Truppen
+wieder zurueckschleudern wuerde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen
+nicht ueber das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie
+noerdlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen.
+
+Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschoepft
+und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenueber. Die Waffenruhe auf dem
+Schlachtfelde ist so ausgesprochen, dass ich vom linken Fluegel bis fast zur
+Mitte der Brigade und zurueck in der Feuerlinie entlang reite, ohne das
+Gefuehl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermuerbungsarbeit
+unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich ausserdem die
+frischen Kraefte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten
+begriffenen Reste der 4. und 1. ein, waehrend von Nordwesten auch
+saechsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie
+lag, wird fuehlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein
+schien, ruehrt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der
+schliesslich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluss findet. Es
+ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender
+Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben.
+Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne
+Entschluss zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm draengt nach vorwaerts.
+Dieser unwiderstehliche Zug reisst alle mit sich fort. Das Bollwerk des
+Gegners stuerzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel
+bemaechtigt sich unser.
+
+Als ich spaet Abends die Reste unseres Bataillons zaehlte und dann am andern
+Morgen die noch viel schwaechern Truemmer der uebrigen Teile meines
+Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere
+Seiten menschlichen Gefuehles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an
+das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg
+gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von
+36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon
+tot 17 Offiziere und 304 Mann. Aehnliche Zahlen ergaben sich bei allen
+Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten grossen Krieges sind
+Gefechtsverluste in der Hoehe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,
+innerhalb unserer Infanterieregimenter haeufig geworden. Ich konnte aus
+meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das fuer die Truppe bedeutet.
+Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kraefte sinken da ins
+Grab! Welch ein herrlicher Geist muss aber andererseits in unserem Volke
+lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee
+weiter kampfkraeftig zu erhalten!
+
+Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags
+marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur,
+Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung fuer
+unsere Erfolge aus und betonte, dass wir damit aber nur unsere Pflicht und
+Schuldigkeit getan haetten. Er schloss mit den Worten: "Im uebrigen gilt fuer
+uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur
+Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes
+Hurra auf Seine Majestaet den Koenig war unsere Antwort.
+
+Welche militaerische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen
+mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Groesse. Sie
+liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis
+ertrug und schliesslich siegreich ueberwand. Dieses Gefuehl war fuer uns in
+der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste
+Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemaechtigt
+hatte, verfluechtigte sich bald; dafuer erhielt sich der Stolz auf die
+persoenlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen
+Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag
+von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines
+Koenigs wieder angehoerte. Mehrere "alte Herren", Mitkaempfer von 1870,
+darunter auch der frueher erwaehnte Major a. D. von Seel, waren zu dem
+Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, dass
+ich das stolze Regiment gesehen habe!
+
+Wie ich hoere, sind die Denkmaeler der preussischen Garde auf den Hoehen von
+St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies
+wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, dass solche Tat geeignet ist,
+deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere
+und Soldaten vor franzoesischen Kriegsdenkmaelern, auch wenn sie auf
+deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die
+Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden.
+
+Nach der Schlacht uebernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige
+unverwundete Stabsoffizier die Fuehrung des Regiments. Ich blieb auch in
+der neuen Stellung sein Adjutant.
+
+Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwuerdigen
+Abschluss fand, brachte wenig Bemerkenswertes fuer mich. Das Vorspiel, die
+Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve
+stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der
+Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps
+bildete den nordoestlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des
+Tages um die Armee Mac Mahons schloss. Die 1. Gardebrigade stand im
+besondern von morgens bis nachmittags hinter den oestlich des Grundes von
+Givonne gelegenen Hoehen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untaetigkeit
+dazu, mich zu den am Hoehenrande in langer Linie aufgefahrenen
+Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse ueber den Grund hinweg in
+die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Hoehen stehenden Franzosen
+schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze
+Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag
+das Hoehengelaende von Illy und die franzoesische Stellung westlich des
+Givonne-Baches einschliesslich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor
+mir. Die Katastrophe der franzoesischen Armee entwickelte sich also
+geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche
+Feuerkreis sich allmaehlich um den ungluecklichen Gegner schloss, und wie die
+Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an voellig aussichtslose Versuche
+machten, durch einzelne Vorstoesse unsere Umklammerung zu durchbrechen. Fuer
+mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der
+Schlacht hatte ich naemlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem
+gespraechigen franzoesischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine
+Reitpeitsche kaufte, erfahren, dass der franzoesische Kaiser bei seiner
+Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am
+Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen
+Vernichtung die Aeusserung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch
+Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich spaeter meine
+Ansicht bestaetigte, war gross.
+
+Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer groesseren
+Gefechtstaetigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem
+1. Garderegiment ueber den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem
+franzoesischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie
+schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich
+eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm
+die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdruecklich vor die
+Augen zu fuehren. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an
+dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, uebertrafen alle Schrecken, die
+mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind.
+
+Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die
+Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuss fiel noch gegen Abend und eine
+Kugel pfiff ueber uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang
+dort ein Turko mit drohender Gebaerde sein Gewehr und verschwand dann mit
+langen Saetzen im Dunkel der Baeume.
+
+Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit
+dem Gefuehle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Traeumte
+doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem
+baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttaeuscht. Der
+Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des franzoesischen Widerstandes nach
+der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnuetze
+franzoesische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht
+beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall
+nicht versagen koennen. Zeigte sich doch darin, dass die franzoesische
+Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen
+gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher
+patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmaennischer
+Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, dass Frankreich mit einem Versagen
+seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den groessten Teil seiner
+voelkischen Wuerde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft
+preisgegeben haette.
+
+Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem
+wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee
+verdankten, und nachmittags den unseres Koenigs und Kriegsherrn. Von dem
+beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich
+kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und
+Glied zu halten. Sie umringten ihren heissgeliebten Herrn und kuessten ihm
+Haende und Fuesse. Seine Majestaet sah seine Garden zum ersten Male in diesem
+Feldzuge; er dankte uns traenenden Auges fuer das, was wir bei St. Privat
+geleistet hatten. Das war reicher Lohn fuer jene schweren Stunden! Im
+Gefolge des Koenigs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe
+am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra,
+das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen.
+
+Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen
+und alle noch ausserhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese
+hineinzudraengen. Hierdurch sollte verhindert werden, dass die sich
+zahlreich im Vorgelaende herumtreibenden Gegner verleitet wuerden, die
+massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch
+aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois
+de la Garenne bis auf die Hoehen dicht ueber der Stadt. Die die Landschaft
+belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Maenteln und
+Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen
+des Regiments wurde daher unnoetig; einige Patrouillen anderer
+Truppenteile, die in der Naehe biwakierten, genuegten. Als ich dem mir
+nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehoelz
+auf der nach Norden fuehrenden Chaussee eine Staubwolke. Ein franzoesischer
+Militaerarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme
+stand und mich ein Stueck Weges begleitete, sagte mir, dass sich in dieser
+Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befaende,
+um nach Belgien zu fahren. Waere ich nur zwei Minuten eher an die Strasse
+gekommen, dann haette ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein
+koennen.
+
+Am Abend dieses Tages verliessen wir das Schlachtfeld und rueckten in nahe
+Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den
+Vormarsch auf Paris an. Dieser fuehrte uns zunaechst ueber das Schlachtfeld
+von Beaumont und spaeter durch Gegenden, welche im letzten grossen Kriege
+der Schauplatz schwerer Kaempfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag
+das Regiment in Craonne und Corbeny, zwei freundlichen Staedtchen am Fusse
+des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich waehrend der Schlacht bei
+Soissons-Reims neben meinem Allerhoechsten Kriegsherrn auf ebendemselben
+Winterberge. Ich machte Seine Majestaet darauf aufmerksam, dass ich vor
+48 Jahren dort unten im Quartier gelegen haette. Von den beiden Orten waren
+kaum noch Truemmer uebriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der
+Marktecke in Corbeny gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr
+herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein gruener, teilweise bewaldeter
+Ruecken, zeigte nur kahle, steile Kalkhaenge, von denen Geschosse, Hacke und
+Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger
+Siegesfreude trauriges Wiedersehen!
+
+Am 19. September sahen wir von der Hochflaeche bei Gonesse aus, 8 km
+nordoestlich St. Denis, zum ersten Male die franzoesische Hauptstadt. Die
+vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im
+Morgensonnenstrahl. Ich glaube, dass die Kreuzfahrer einst mit aehnlichen
+Gefuehlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren
+Fuessen liegende Paris. Frueh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und
+lagen nun den ganzen schoenen Herbsttag ueber auf den Stoppelfeldern zum
+Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das
+Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stossen
+sollte. Erst am spaeten Nachmittag durften wir in die Quartiere einruecken.
+Wir lagen in der naechsten Zeit in Gonesse, welches uebrigens dadurch
+historischen Wert erlangt hat, dass dort 1815 Bluecher und Wellington beim
+Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um ueber die Fortfuehrung der
+Operationen zu beraten.
+
+Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang
+recht anstrengenden und undankbaren Einschliessungsdienst auszuueben, der an
+unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen
+wurde. In die Eintoenigkeit solcher Taetigkeit brachte erst die
+Weihnachtszeit mit der Beschiessung der Forts eine militaerisch belebende
+Zugluft.
+
+Die Mitte des Januar brachte dann fuer mich ein besonderes Erleben. Ich
+wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur
+Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich
+am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km
+entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee
+fuer die Unterbringung aller aus oestlichen Quartieren kommenden Abordnungen
+gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. ueber St. Germain nach
+Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht
+zuruecklegen, weil ich Gepaeck mit mir fuehren musste. Da setzte ich mich denn
+mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der
+Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und
+auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kaelte
+durch naechtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte
+Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten.
+
+Am 18. frueh eroeffnete mir der Fuehrer der Leibkompagnie, dass er soeben
+angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment
+zurueckzukehren. Gluecklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer
+Kamerad mit auf seinen zweiraederigen Wagen, und auch mein Sergeant fand
+irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen
+unserm naechsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes
+Maechten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart
+verlor ploetzlich ein Rad, und wir lagen vollzaehlig auf der Landstrasse. Zum
+Glueck fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden
+beseitigte, so dass wir uns in St. Germain bei einem Fruehstueck in dem auf
+der Terrasse ueber der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre"
+den uebrigen Mitreisenden wieder anschliessen konnten. Ein eigentuemlicher
+Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug
+in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man
+sie in den Schloessern, Villen und Bauernhoefen um Paris auftreiben konnte.
+Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier
+des Tages rechts und links von seinem Sitz eine grosse preussische Fahne -
+deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes
+Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und
+der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des
+Reservoirs.
+
+Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war fuer mich reich an
+Eindruecken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte
+selbstredend die Person meines Allergnaedigsten Koenigs und Herrn. Seine
+ruhige, schlichte, alles beherrschende Wuerde gab der Feier eine groessere
+Weihe als aller aeussere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung fuer den
+erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen
+Volksstamme sie auch angehoerten, gleich gross. Die Freude ueber das
+"Deutsche Reich" brachten wohl unsere sueddeutschen Brueder am lebhafteren
+zum Ausdruck. Wir Preussen waren darin zurueckhaltender, aus historischen
+Gruenden, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen
+lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte
+fortan anders werden!
+
+Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei
+Seiner Majestaet dem Kaiser in der Praefektur befohlen. Wir uebrigen waren
+Gaeste des Kaisers im Hotel "de France".
+
+Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten franzoesischen
+Koenigsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden
+Gemaeldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns
+ploetzlich Kanonendonner in die Stadt zurueck. Die Besatzung von Versailles
+war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den
+grossen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den
+Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir
+dann die Rueckfahrt an, und spaet in der Nacht erreichte ich wieder mein
+Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km noerdlich St. Denis, dankbar
+dafuer, dass ich den grossen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und
+meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln duerfen.
+
+Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte grosse
+Kraftaeusserung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris
+und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Uebergabe der
+Forts wurde unsere Brigade westwaerts in die zwischen dem Mont Valerien und
+St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schoen
+gelegene Quartiere hart am Flussufer, Paris gegenueber in der Naehe des Pont
+de Neuilly.
+
+Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflaechlich
+kennenzulernen. Am 2. Maerz morgens ritt ich in Begleitung einer
+Gardehusaren-Ordonnanz ueber die eben genannte Bruecke nach dem
+Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein
+Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in
+Paris einrueckte. Dann ritt ich die Champs Elysees herunter ueber die Place
+de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre,
+schliesslich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder
+nach Hause. Ich liess auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmaeler einer
+reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,
+die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung.
+
+So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit
+entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Voelkern gegenueber;
+trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten
+nicht. So hat das franzoesische Volk zwar fuer mich ein zu lebhaftes und
+daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem
+Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig
+lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schaetze ich es,
+dass kraftvolle Persoenlichkeiten so hinreissend auf die Masse zu wirken und
+sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermoegen, dass die franzoesische
+Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterlaendischen Ideal jegliche
+Art von Sonderinteressen bis zur voelligen Hinopferung zurueckzustellen. In
+eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten grossen Kriege oft bis
+zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament
+entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene.
+
+Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und
+unendliche Freude, vor seinem Kaiser und Koenig auf den Longchamps in
+Parade zu stehen. In alter preussischer Strammheit defilierten die
+kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie
+jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben fuer den Schutz und die Ehre des
+Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er
+vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es fuer uns nicht
+mehr, weil inzwischen der Praeliminarfriede abgeschlossen war und
+Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der
+Demuetigung bis auf die Neige leeren lassen wollte.
+
+Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. Maerz den Geburtstag
+Seiner Majestaet. Es war ein herrlicher, warmer Fruehlingstag mit
+Feldgottesdienst im Freien, Salutschiessen der Forts und Festessen der
+Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfuellter
+Pflicht nun bald in die Heimat zurueckkehren zu koennen, liess die Stimmung
+doppelt gehoben sein.
+
+Aber ganz so frueh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht
+verlassen. Wir mussten vielmehr zunaechst noch an der Nordfront von Paris in
+und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der
+franzoesischen Regierung gegen die Kommune.
+
+Die erste Entwickelung der neuen revolutionaeren Ereignisse hatten wir
+schon waehrend der Belagerung verfolgen koennen. Die Zuchtlosigkeit extremer
+politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenueber war uns bekannt. Als
+die Waffenruhe eintrat, begann die umstuerzlerische Bewegung sich immer
+mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den franzoesischen Machthabern
+zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue
+Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen.
+
+Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstuerzlerischen Vorgaengen
+anfaenglich gering. Erst von Mitte Maerz ab, als die Kommune die Herrschaft
+an sich zu reissen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen
+Kampfe zwischen Versailles und Paris draengte, erhoehte sich unsere
+Aufmerksamkeit. Zeitungen und Fluechtlinge unterrichteten uns ueber die
+Vorgaenge im Inneren der Stadt. Waehrend nunmehr deutsche Korps Frankreichs
+Hauptstadt im Norden und Osten gewissermassen als Verbuendete der
+Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kaempfen von
+Sueden und Westen her zum Angriff auf Paris ueber. Die Ereignisse ausserhalb
+der Festungsumwallung konnte man am besten von den Hoehen bei Sannois, 6 km
+nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschaeftsgewandte
+Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen
+Soldaten gegen Entgelt fuer Beobachtung des Dramas eines Buergerkrieges zur
+Benutzung ueberliessen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern
+beschraenkte mich darauf, gelegentlich des taeglichen Befehlsempfanges in
+St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes
+"Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei
+St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Maechtige
+Feuersbruenste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der
+Stadt treiben wuerde. Ich erinnere mich, dass ich besonders am 23. Mai den
+Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.
+Die Lage in der Stadt wurde von den herausstroemenden Fluechtlingen in den
+krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen
+Erzaehlungen auch nicht zurueckgeblieben zu sein. Brandstiftung, Pluenderung,
+Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen
+Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskoerpers
+traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen
+Fuehrers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschiessen zu lassen,
+aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu fuesilieren" sollte
+anscheinend verwirklicht werden. Wie voellig das sonst so starke und
+empfindliche franzoesische Nationalgefuehl bei den Kommunisten ausgeloescht
+war, zeigt deren Erklaerung: "Wir ruehmen uns angesichts des Gegners,
+unserer Regierung die Bajonette in den Ruecken zu stossen." Man sieht, dass
+das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten
+Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalitaet machen
+kann.
+
+Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schliesslich eines Tages
+das Ende der Kommune mit an. Ausserhalb des Hauptwalles von Paris
+vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und
+erstuermten bald darauf ueber dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg
+die weit beherrschende Hoehe, das letzte Bollwerk des Aufstandes.
+
+Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, dass die einzige
+politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in
+voelliger Verkennung der wahren Vorgaenge diese Bewegung verherrlichte, zur
+Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schaerfe gegen
+kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafuer,
+wohin doktrinaere Einseitigkeiten fuehren, bis die praktische Erfahrung
+aufklaerend eingreift.
+
+Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgaenge im Herzen
+kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Ruecken und trafen
+nach dreitaegiger Eisenbahnfahrt in unserem gluecklicheren, siegreichen
+Vaterlande ein.
+
+Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter
+aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.
+Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger
+Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Koenigs und um
+des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte,
+sollte nicht in Erfuellung gehen!
+
+
+
+
+ Friedensarbeit
+
+
+Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
+franzoesischen Boden in die Heimat zurueckgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
+war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
+staatlichen Sonderheiten nur oberflaechliche Abweichungen bedingt hatten.
+Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab
+ebenso gewaehrleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der
+Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natuerlichen Verlauf der deutschen
+Entwicklung, dass die preussischen Erfahrungen und Einrichtungen fuer den
+weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.
+
+Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb fuer die
+naechsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
+einer hoeheren militaerischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
+vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.
+
+Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
+Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem
+Gebiet der Militaerwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter
+Kriegskunst und frueherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu
+mussten wir zwangsweise Mathematik hoeren, die nur ganz wenige von uns
+spaeter als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die
+beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den
+Zwischenkursen brachten dem vorwaertsstrebenden jungen Offizier volle
+Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben
+dem schon frueher erwaehnten Major von Wittich den Oberst Kessler und den
+Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat
+Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
+reichbegabten Altersgenossen, wie den spaetern Generalfeldmarschaellen von
+Buelow und von Eichhorn sowie dem spaeteren General der Kavallerie von
+Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.
+
+Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
+Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Koeniglichen Hoheit des
+Prinzen Alexander von Preussen herangezogen zu werden, und kam dadurch
+nicht nur mit hohen Militaers sondern auch mit Maennern der Wissenschaft
+sowie des Staats- und Hofdienstes in Beruehrung.
+
+Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunaechst
+fuer ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurueck und wurde dann im
+Fruehjahr 1877 zum Grossen Generalstab kommandiert.
+
+Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter
+Befoerderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem
+Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann
+meine militaerische Laufbahn ausserhalb der Truppe, zu welch letzterer ich
+bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurueckkehrte.
+
+Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefuege innerhalb des
+Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
+Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
+geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
+Feldmarschalls Graf Moltke, stuetzte. Durch die Friedensschulung der
+Generalstabsoffiziere war die Gewaehr geschaffen, dass im Kriegsfalle ein
+einheitlicher Zug alle Fuehrerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum
+alle Fuehrergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die
+Fuehrung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr
+in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der
+militaerischen und persoenlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die
+erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persoenlichkeit
+und das individuelle Handeln vor der Oeffentlichkeit zuruecktreten zu
+lassen. Er musste ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.
+
+Ich glaube, dass es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit
+verstanden hat, seine ausserordentlich schwere Aufgabe zu erfuellen. Seine
+Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, moegen auch Fehler und Irrtuemer
+im einzelnen vorgekommen sein. Ich wuesste kein ehrenderes Zeugnis fuer ihn,
+als dass die Gegner seine Aufloesung durch die Friedensbedingungen gefordert
+haben.
+
+Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
+Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Taetigkeit so
+beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
+Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben hoeherem
+Gedankenflug gewissenhafte Beschaeftigung mit aller moeglichen Kleinarbeit
+erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der
+durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier
+nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil fuer die Truppe wurde.
+
+Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als juengsten
+Generalstabsoffizier natuerlich hauptsaechlich mit solcher Kleinarbeit.
+Anfangs wirkte das enttaeuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
+ihre Notwendigkeit fuer die Durchfuehrung der grossen Gedanken und fuer das
+Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljaehrlichen Generalstabsreisen
+konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit groesseren Verhaeltnissen
+beschaeftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des
+Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei
+Koenigsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war
+der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in
+jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine
+Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision gefuehrt hatte. Es war eine
+Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der
+Uniform seiner Bluecherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs,
+erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich
+eine gruendliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.
+
+Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanoever und erwarb sich die
+Anerkennung Seiner Majestaet. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den
+russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem
+Tuerkenkriege, auf der Hoehe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
+eines ruecksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befaehigten
+hoehern Fuehrers. Sein Renommieren beruehrte weniger angenehm.
+
+Nicht unerwaehnt darf ich lassen, dass ich mich in Stettin verheiratet habe.
+Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von
+Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee
+Generalstabschef war und gleich nach dem franzoesischen Kriege starb. Ich
+fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermuedlich
+Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester
+Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Toechter.
+Ersterer hat im grossen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit
+getan. Beide Toechter sind verheiratet, ihre Maenner haben im letzten grossen
+Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.
+
+1881 wurde ich zur 1. Division nach Koenigsberg versetzt. Diese Verwendung
+machte mich selbstaendiger, brachte mich der Truppe naeher und fuehrte mich
+in meine Heimatsprovinz.
+
+Aus meinem dortigen dienstlichen Leben moechte ich besonders hervorheben,
+dass der bekannte Militaerschriftsteller General von Verdy du Vernois
+zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte,
+interessante Persoenlichkeit. Er verfuegte infolge seines reichen Erlebens
+in hohen Generalstabsstellen waehrend der Kriege 1866 und 1870/71 ueber
+aussergewoehnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit.
+Auch hatte er schon frueher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des
+russischen Oberkommandos in Warschau waehrend des polnischen Aufstandes
+1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhaeltnisse an unserer
+Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer
+glaenzenden Erzaehlerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom
+militaerischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade
+belehrend. General von Verdy war ausserdem auf dem Gebiete der angewandten
+Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im
+gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel fuer meine spaetere Lehrtaetigkeit
+an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen
+Richtungen aeusserst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein guetiger
+Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.
+
+Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
+erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und
+Aufgaben fuer die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft
+angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.
+
+Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
+das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich
+hatte bei dieser Rueckkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu uebernehmen,
+die fast ausschliesslich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die
+der Verstaendigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der
+Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im
+Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst
+war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner
+Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht maechtig. Meine Einwirkung auf die
+Kompagnie war noch dadurch ausserordentlich erschwert, dass die Mannschaften
+in 33 Buergerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmuehlen,
+verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem
+polnischen Ersatz nicht unguenstig. Die Leute waren fleissig, willig und,
+was ich besonders hervorheben moechte, anhaenglich, wenn man der
+Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu ueberwinden hatten,
+Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge fuer sie sorgte. Damals
+glaubte ich, dass die groessere Haeufigkeit von Diebstaehlen und von
+Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
+vielfach ungenuegender erster Jugenderziehung zu erklaeren sei. Ich bedauere
+es sehr, dass ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
+zurueckstecken muss, nachdem ich von den Greueln gehoert habe, welche die
+Insurgenten Wehrlosen gegenueber veruebt haben. Das haette ich den
+Landsleuten meiner einstigen Fuesiliere nicht zugetraut!
+
+Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fuenfvierteljaehrige
+Kompagniechefszeit zurueck. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
+kleinen, halblaendlichen Garnison kennen, fand ausser im Kameradenkreise
+auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Guetern und stand wieder einmal
+in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemuehte mich redlich, auf
+die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knuepfte so ein festes Band
+zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von
+meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller aeussern Vorteile, welche mir die
+Rueckkehr in den Generalstab brachte.
+
+Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Grossen Generalstab.
+Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des
+damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des spaeteren Generals und Chefs des
+Generalstabes der Armee, wurde aber ausserdem noch der Abteilung des
+derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des spaeteren Kommandierenden
+Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der
+Pioniere, fuer laenger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung
+der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhoechsten
+Vorschrift, zur Verfuegung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden
+bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Beruehrung.
+
+An einem mehrtaegigen Uebungsritte bei Zossen im Fruehjahre 1886, der dem
+Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einfuehrung
+praktisch zu erproben, nahm auch Seine Koenigliche Hoheit der Prinz Wilhelm
+von Preussen teil. Es war fuer mich das erste Mal, dass ich die Ehre hatte,
+meinem spaeteren Kaiser, Koenig und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im
+darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
+Grossen Generalstabes bei. Ich fuehrte bei dieser Gelegenheit die russische
+Armee.
+
+Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
+naehern Verkehr mit den Abteilungen des Grossen Generalstabes seinem
+nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, ueberliess, so beherrschte
+doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
+Versicherung, dass Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung
+genoss, und dass sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluss entziehen
+konnte.
+
+Ich kam unter den dargelegten Verhaeltnissen nur selten in unmittelbaren
+dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das
+Glueck, ihm ausserdienstlich zu begegnen. Eine fuer seine Persoenlichkeit wie
+fuer seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
+Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
+Gemaelde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
+dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Koeniggraetz darstellend. Der in
+der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzaehlte aus
+persoenlichem Erleben, dass Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung
+dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, dass du gekommen
+bist, sonst waere es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzaehlung
+Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre
+aussuchte, mit drei grossen Schritten unter uns und sagte in scharf
+betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wusste doch,
+dass der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu
+erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte
+sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.
+
+Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
+Generalstabes Gaeste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
+behauptete einer der Herrn, dass Moltkes Kaisertoast einschliesslich der
+Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten wuerde.
+Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
+Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der
+Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich
+genuegten. Im naechsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden,
+aber der Gegenpart dankte dafuer. Er haette dieses Mal gewonnen, denn Graf
+Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestaet der Kaiser und Koenig Er lebe
+hoch!" Das sind elf Worte.
+
+Uebrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
+sondern ein sehr liebenswuerdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn fuer
+Humor.
+
+Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
+seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
+treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die uebliche Peruecke, so dass
+die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
+Lorbeerkranz um seine Schlaefe, um das Bild eines idealen Caesarenkopfes zu
+vervollstaendigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
+entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Staette gehabt, welch
+ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes
+und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter
+gleich grosse Persoenlichkeit hat nach meiner Ueberzeugung seitdem unser Volk
+nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung
+dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Groesse gewesen.
+
+Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so grosser Kaiser von uns gegangen.
+Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem ueber
+Alles geliebten Kaiserlichen und Koeniglichen Herrn den letzten Dienst
+erweisen. Meine Gedanken fuehrten mich ueber Memel, Koeniggraetz und Sedan
+nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluss in der Erinnerung an einen
+Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden
+Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand.
+Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen
+fuenfjaehrigen Sohn in die Hoehe und liess ihn unseren greisen Herrn mit den
+Worten sehen: "Vergiss diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann
+wirst du auch immer recht tun." Nun war seine grosse Herrscher- und
+Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher
+durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruss entboten
+hatte.
+
+Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
+alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers
+gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche
+Gefuehle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach
+werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.
+
+Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
+keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte
+ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Grosse Generalstab
+befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreussen. Wir
+wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestaet den Kaiser und Koenig
+Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn
+das Treugeloebnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre spaeter in
+schwerer, aber grosser Zeit durch die Tat bekraeftigen durfte.
+
+Das Schicksal fuegte es fuer mich guenstig, dass ich innerhalb des
+Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch waehrend
+meiner Zuteilung zum Grossen Generalstab wurde mir der Unterricht der
+Taktik an der Kriegsakademie uebertragen. Ich fand in dieser Taetigkeit eine
+hohe Befriedigung und uebte sie fuenf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
+Anforderungen an mich sehr gross, da ich neben diesem Amt gleichzeitig
+andern Dienst tun musste, zuerst im Grossen Generalstab und spaeter als
+erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps.
+Unter diesen Verhaeltnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu
+kurz. Durcharbeitete Naechte wurden zur Gewohnheit.
+
+Viele hochbegabte, zu den schoensten Hoffnungen berechtigende junge
+Offiziere lernte ich waehrend dieser akademischen Lehrtaetigkeit kennen.
+Mancher Namen gehoeren jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur
+Lauenstein, Luettwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei
+tuerkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von
+etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat
+es spaeter in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General
+gebracht.
+
+Beim Generalkommando des III. Korps war der juengere General von Bronsart
+mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und
+1870/71 im Generalstab taetig gewesen war, und spaeter gleich seinem aelteren
+Bruder Kriegsminister wurde.
+
+In ein gaenzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher fuehrte mich im Jahre 1889
+meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
+Allgemeinen Kriegsdepartements zu uebernehmen. Zurueckzufuehren ist diese
+Veraenderung auf den Umstand, dass mein einstiger Divisionskommandeur,
+General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer
+Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch
+Abteilungschef.
+
+So wenig diese Verwendung anfaenglich meinen Wuenschen und Neigungen
+entsprach, so sehr schaetzte ich doch spaeter den Nutzen, den ich durch den
+Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhaeltnisse gewann.
+Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche
+Umstaendlichkeit des Geschaeftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit
+dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung
+untergeordneterer Persoenlichkeiten, zugleich aber auch die grosse
+Pflichttreue kennen zu lernen, mit der ueberall in aeusserster Anspannung der
+Kraefte gearbeitet wurde.
+
+Zu meinen anregendsten Aufgaben gehoerten die Schaffung einer
+Feldpioniervorschrift und die Einfuehrung der Verwendung der schweren
+Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im grossen Kriege bewaehrt.
+
+Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch
+ganz besonders im letzten Kriege, sind der groessten Anerkennung wert. Eine
+ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in
+seiner vollen Berechtigung zu bestaetigen.
+
+So sehr ich auch schliesslich meine Verwendung im Kriegsministerium als fuer
+mich nutzbringend schaetzen gelernt hatte, so warm begruesste ich doch die
+Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
+Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.
+
+Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schoenste in der Armee. Der
+Kommandeur drueckt dem Regiment, dem Traeger der Tradition im Heere, seinen
+Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
+auch in geselliger Beziehung, Leitung und Ueberwachung der Ausbildung der
+Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemuehte mich, im Offizierkorps
+ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmaessigkeit und straffe
+Disziplin, ueberall aber auch neben strenger Dienstauffassung
+Dienstfreudigkeit und Selbstaendigkeit zu pflegen. Der Umstand, dass in der
+Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir
+Gelegenheit zu zahlreichen Uebungen mit gemischten Waffen.
+
+Ihre Koenigliche Hoheiten der Grossherzog und die Grossherzogin waren mir
+gnaedig gesonnen, das gleiche galt vom erbgrossherzoglichen Paare. Ich fand
+auch sonst ueberall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
+Gartenstadt sehr wohl gefuehlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
+Bevoelkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
+Oldenburger Zeit zurueck. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
+grossen Freude an meinem 70jaehrigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
+Regiment durch _a la suite_-Stellung in Verbindung. So zaehle ich mich denn
+auch heute noch zu den Oldenburgern.
+
+Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in
+Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in naehere Beruehrung mit
+unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen
+des Rheinlaenders beruehrten mich durchaus angenehm: an das leichtere
+Hinweggleiten ueber ernstere Lebensfragen und eine im Verhaeltnis zu dem
+Norddeutschen weichere Art des Empfindens musste ich mich dagegen offen
+gestanden erst gewoehnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und
+die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen
+Verhaeltnissen erklaeren ja durchaus manche Unterschiede im Denken und
+Fuehlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbeduerfnis der Rheinlande von
+Preussen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnoeder
+Undank.
+
+Das frohe Leben am Rhein zog uebrigens auch mich in seinen Bann, und ich
+verlebte dort viele frohe Stunden.
+
+Mein Kommandierender General war anfaenglich der mir schon vom Grossen
+Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als
+mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine
+Stelle trat aber bald Seine Koenigliche Hoheit der Erbgrossherzog von Baden.
+
+Diesem hohen Herrn durfte ich 31/2 Jahre zur Seite stehen. Ich zaehle diese
+Jahre mit zu den schoensten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
+Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
+unermuedliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
+erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
+Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevoelkerung.
+
+Waehrend meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanoever. Seine
+Majestaet der Kaiser und Koenig war mit den Leistungen in Parade und
+Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zaehlte auch die
+Enthuellung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem
+schoengelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein
+gegenueber in den Rhein muendet.
+
+Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef
+eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerueckt, dass meine
+Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam.
+Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der
+28. Division in Karlsruhe ernannt.
+
+Diesem Allerhoechsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
+bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgrossherzog liessen mich auch bei
+Ihren Koeniglichen Hoheiten dem Grossherzog und der Grossherzogin ein
+unendlich gnaediges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau
+uebertrug und uns hoch beglueckte. Dazu das herrliche Badener Land mit all
+seinen landschaftlichen Schoenheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und
+Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit
+seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.
+
+In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter
+einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch
+vielseitiger, erhebt sich ueber die kleineren Dinge und fordert eine
+Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Grossen im Kriege beschaeftigt.
+
+Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verliess ich im Januar 1903 Karlsruhe,
+weil mich das Vertrauen meines Allerhoechsten Kriegsherrn an die Spitze des
+IV. Armeekorps berief.
+
+Ich uebernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der
+man in der Regel laenger als auf andern militaerischen Posten verbleibt, und
+in der man, aehnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter hoehern
+Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepraege gibt. Ich handelte im uebrigen
+nach meinen bisherigen Grundsaetzen und glaube Erfolge erreicht zu haben.
+Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine
+der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, aeusserte sich
+wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 81/4jaehriger Taetigkeit
+mein schoenes Amt niederlegte.
+
+Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestaet
+im Kaisermanoever, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Rossbach
+beginnend, vorfuehren zu duerfen. Ich erntete Allerhoechste Anerkennung, die
+ich dankbar auf meinen Vorgaenger und auf meine Truppen zurueckfuehrte.
+
+In diesen Manoevertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestaet der
+Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind spaeter in
+ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
+die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.
+
+Das IV. Armeekorps gehoerte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner
+Koeniglichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen
+hervorragenden Fuehrer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns
+spaeter auf dem oestlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz
+unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der grossen
+Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich ueberlegen war. Im
+Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers im Verein
+mit dem damaligen General von Buelow, dessen Korps auch zur
+Armee-Inspektion des Prinzen gehoerte, in Muenchen an der Feier des
+50jaehrigen Dienstjubilaeums Seiner Koeniglichen Hoheit teil. Wir hatten aus
+dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Koeniglichen Hoheit dem
+hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.
+
+Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
+unterschaetzt. Es ist eine schoene alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren
+ehrwuerdiger Dom als Sehenswuerdigkeiten gelten muessen. Seit der Schleifung
+der Festung sind ueber deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
+Anforderungen entsprechende Vorstaedte entstanden. Was der naechsten
+Umgegend Magdeburgs an Naturschoenheiten versagt ist, hat man durch
+weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewusst. Auch fuer Kunst und
+Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vortraege und dergleichen
+gesorgt. Man sieht also, dass man sich dort auch ausserdienstlich wohl
+fuehlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhaeltnisse
+vorfindet, wie es uns beschieden war.
+
+Dem Verkehr in der Stadt schloss sich ein solcher an den Hoefen von
+Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an.
+Sie alle zu nennen, wuerde zu weit fuehren. Aber eines von uns alljaehrlich
+wiederholten mehrtaegigen Besuches bei meinem jetzt 93jaehrigen, ehrwuerdigen
+vaeterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf
+Carow, muss ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.
+
+Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
+grossen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
+Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im
+Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Guetern
+dafuer, dass man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuss
+kam.
+
+Immer mehr reifte allmaehlich in mir der Entschluss, aus der Armee
+auszuscheiden. Ich hatte in meiner militaerischen Laufbahn viel mehr
+erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und
+so erkannte ich es fuer eine Pflicht an, juengeren Kraeften den Weg nach
+vorwaerts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich
+die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemaechtigt
+hat, so erklaere ich ausdruecklich, dass keinerlei Reibungen dienstlicher
+oder gar persoenlicher Art diesen Schritt veranlasst haben.
+
+Der Abschied von liebgewonnenen, langjaehrigen Beziehungen und besonders
+von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht
+leicht. Aber es musste sein! Ich ahnte nicht, dass ich nach wenigen Jahren
+wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps
+Kaiser und Reich, Koenig und Vaterland erneut dienen durfte.
+
+Im Verlauf meiner langjaehrigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
+Staemme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu koennen, ueber welch
+einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfuegt, und wie kaum
+ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen fuer
+ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.
+
+
+
+
+ Uebergang in den Ruhestand
+
+
+Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und Koenig, unter den
+heissesten Wuenschen fuer seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft
+unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb
+doch im Innern immer Soldat.
+
+Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes liess mich zufrieden
+auf meine bisherige Taetigkeit zurueckblicken. Nichts war imstande, mir das
+Gesamtbild zu trueben, ueber dem der Zauber der Verwirklichung gluehender
+Jugendtraeume lag. Der Uebergang zur selbstgewaehlten Ruhe vollzog sich daher
+auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht
+ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, dass im Falle einer
+Gefahr fuers Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen wuerde, der Wunsch,
+meine letzten Kraefte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines
+veraenderten Daseins nichts von seiner Staerke.
+
+In der Zeit, in der ich die Armee verliess, pulsierte dort ein
+aussergewoehnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen
+Altem und Neuem, zwischen ruecksichtslosen Fortschritten und aengstlichem
+Zurueckhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen
+Erfahrungen der juengsten Kriege. Diese Erfahrungen liessen trotz der neuen
+Bahnen, die sie uns oeffneten, keinen Zweifel darueber, dass inmitten der
+Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschaetzung der Erziehung, der
+sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben musste. Die
+herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Kuensteleien des Verstandes auch
+jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben
+hoeher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Ueber der
+Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen,
+ich moechte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung
+der menschlichen Natur, keine Ueberfeinerung der kriegerischen Erziehung.
+Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des
+Menschen zur willensstarken Persoenlichkeit.
+
+Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivitaet vorwerfen
+zu koennen. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivitaet die Schaffung
+von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die
+Produktivitaet von hoeheren, sittlichen Gesichtspunkten auffasst. Wer nicht
+aus Vorurteil und Uebelwollen unsere militaerische Friedensarbeit von
+vornherein verwarf, musste in der Armee die trefflichste Schule fuer Wille
+und Tat, ja geradezu fuer Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende
+von Menschen haben unter ihrem Einfluss erst gelernt, was sie koerperlich
+und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und
+die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben
+erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des
+Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle
+gleichmachenden Schule unseres grossen, vaterlaendischen Heeres? In ihm
+wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft
+und Staat aufloesenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen
+zum Wohle fuer die Allgemeinheit segensvoll gelaeutert und umgewandelt. Das
+Heer schulte und verstaerkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den
+wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des
+Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik,
+in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im
+Gewerbe. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der
+Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen
+Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewusstsein
+gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen
+moeglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt
+Trotz bieten mussten und konnten.
+
+Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der
+deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, dass unsere
+Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen
+die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen
+entsittlichenden Einfluss ausuebte, oder unter den entnervenden Eindruecken
+seelischer und koerperlicher Ueberanspannung die moralischen Begriffe sich
+teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang
+tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb
+trotz der unerhoertesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe
+gewachsen.
+
+Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, dass sie sich bemuehte, den freien
+Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwuerdigen. Auf den Schlachtfeldern
+des grossen Weltkrieges, inmitten der aufloesenden Wirkungen endloser Kaempfe
+hat es sich aber gezeigt, welch willensstaerkenden Einfluss unsere Erziehung
+ausgeuebt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschuetternde Vorgaenge
+beweisen, zu welch grossen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann
+befaehigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich muss", sondern weil er sich
+sagte: "Ich will."
+
+Es liegt in dem Gange der Ereignisse, dass man mit der Aufloesung der alten
+Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich
+verbleibe dem gegenueber fest auf dem Boden der alten, bewaehrten
+Grundsaetze. Moegen es andere fuer nicht unbedingt entscheidend ansehen,
+durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Moeglichkeit zu gleichen
+Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiss mit mir
+uebereinstimmen, dass es fuer die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist,
+dass wir diese Moeglichkeit ueberhaupt wieder erlangen. Es sei denn, dass wir
+auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboss
+herabwuerdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden,
+zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.
+
+Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur fuer das politische sondern
+auch fuer das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes,
+wie wir die grosse Schule fuer Organisation und Tatkraft, die wir in unserem
+alten Heere besassen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so
+kann das deutsche nur unter aeusserster Anspannung und Zusammenfassung
+seiner schoepferischen Kraefte gedeihen und einen lebenswerten Platz
+inmitten der uebrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen
+eines ungluecklichen Krieges und unter dem truegerischen Eindruck, als ob
+die strenge Unterordnung aller Volkskraefte unter einen beherrschenden
+Willen das Unglueck des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht haette, ist
+leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung
+eingetreten. Die Empoerung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene
+Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf
+neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt
+haben wir jedenfalls unter den Einfluessen der staatlichen Aufloesung weit
+mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des
+eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische
+Kraefte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden
+unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die
+kostbarste Grundlage unseres Staatslebens fruehzeitig bis zur voelligen
+Unfruchtbarkeit und Oede erschoepfen!
+
+
+
+
+
+ ZWEITER TEIL
+
+
+ KRIEGFUeHRUNG IM OSTEN
+
+
+
+
+ Der Kampf um Ostpreussen
+
+
+
+ Kriegsausbruch und Berufung
+
+
+Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Moeglichkeit, mich
+den politischen Vorgaengen in der Welt mit Musse zu widmen. Die
+Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich
+mit Befriedigung zu erfuellen. Aengstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte
+ich ein gewisses bedrueckendes Gefuehl nicht los werden. Die Ansicht draengte
+sich mir auf, dass wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben,
+ohne dass wir in Europa selbst genuegend fest standen. Mochten die
+politischen Wetterwolken ueber Marokko stehen oder sich ueber dem Balkan
+zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen
+Boden miniert wuerde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir
+standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich
+regelmaessig wiederholenden franzoesisch-chauvinistischen Hochfluten
+gegenueber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stuetze suchte und fand sie in
+Russland wie in England, ganz gleichgueltig, wer und was dort die offenen
+oder geheimen, die bewussten oder unbewussten Triebfedern bildete.
+
+Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Fuehrung der deutschen
+Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen
+Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus
+unseren voelkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Haenden zu
+greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden
+Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht
+hierzu keiner grossen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf
+diese Gefahr uns einzustellen, versaeumten wir. Unsere Buendnispolitik
+richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Beduerfnissen unseres
+Volkes und unserer Weltlage.
+
+Wenn ein spaeterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren
+mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbuendeten Donaumonarchie als
+mit etwas Selbstverstaendlichem rechnen zu muessen glaubte, so war es
+unverstaendlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden
+Folgerungen zog.
+
+Den deutsch-oesterreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle
+Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres
+Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses
+unser Gefuehl wurde aber nach meiner Auffassung von der
+oesterreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt.
+
+Das Wort von der Nibelungentreue war gewiss seinerzeit sehr eindrucksvoll.
+Es konnte uns aber ueber die Tatsache nicht hinwegtaeuschen, dass
+Oesterreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemuenzt
+war, ohne bundesbruederliche Verstaendigung ueberraschend hineingezerrt hatte
+und dann von uns verlangte, ihm den Ruecken zu decken. Dass wir den
+Verbuendeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das haette geheissen,
+den russischen Koloss staerken, um dann selbst um so sicherer und
+widerstandsloser von ihm erdrueckt zu werden.
+
+Mir als Soldaten musste besonders das Missverhaeltnis zwischen den
+politischen Anspruechen Oesterreich-Ungarns und seinen innerpolitischen
+sowie militaerischen Kraeften auffallen. Den ungeheuren Ruestungen des nach
+dem ostasiatischen Kriege wieder gekraeftigten Russland gegenueber
+verstaerkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die
+gleichen Anforderungen an unseren oesterreichisch-ungarischen
+Bundesgenossen. Fuer die Staatsmaenner der Donaumonarchie mochte es sehr
+einfach sein, sich gegenueber unseren Anregungen auf Erhoehung der
+oesterreichisch-ungarischen Ruestungen hinter Schwierigkeiten ihrer
+innerstaatlichen Verhaeltnisse zurueckzuziehen. Warum aber fanden wir keine
+Mittel, Oesterreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu
+stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmaessige Ueberlegenheit unserer
+voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, dass der Verbuendete
+einen grossen Teil seiner Volkskraefte fuer die gemeinsame Verteidigung brach
+liegen liess? Was nuetzte es uns, in Oesterreich-Ungarn ein nach Suedosten
+vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen
+Seiten Risse aufwies und nicht genuegend Verteidiger besass, um seine Waelle
+zu halten?
+
+Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher
+bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der
+italienischen Staatsmaenner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwaechen
+des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem
+waren die dortigen Verhaeltnisse bei den schwer erschuetterten Finanzen des
+Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht.
+
+In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und
+Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter
+kraftvoller politischer Fuehrung vereint mit einfachen, klaren
+kriegerischen Zielen. Ich fuerchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht!
+Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden
+Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als dass ich ihn nicht haette
+denkbar lange vermieden wissen wollen.
+
+
+
+Und nun brach der Krieg ueber uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit
+Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschaeftsneid und
+die Rivalitaetsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne
+unseren Buendnisbruch mit Oesterreich befriedigen zu koennen, hatte in
+Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der
+Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem bestaendigen, das ganze
+Leben beeintraechtigenden Drucke empfunden wurde.
+
+Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie
+sie die Welt in dieser Tuechtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem
+Anblick musste der Herzschlag des ganzen Volkes kraeftiger werden. Doch
+nirgends Uebermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch
+weder Bismarck noch Moltke uns ueber die wuchtende Last eines solchen
+Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich
+die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militaerisch und moralisch
+imstande sein wuerden durchzuhalten. Doch groesser als die Sorge war
+zweifellos das Vertrauen.
+
+In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom
+Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles
+beherrschenden Kraft wieder lebendig. Wuerde mein Kaiser und Koenig meiner
+beduerfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser
+Art fuer mich voruebergegangen. Juengere Kraefte schienen ausreichend
+verfuegbar. Ich fuegte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller
+Erwartung.
+
+
+
+ Zur Front
+
+
+Die Heimat lauschte in Spannung.
+
+Die Nachrichten von den Kriegsschauplaetzen entsprachen unseren Hoffnungen
+und Wuenschen. Luettich war gefallen, das Gefecht bei Muelhausen siegreich
+geschlagen, unser rechter Heeresfluegel und unsere Mitte im Vorschreiten
+durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten ueber die Lothringer
+Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie
+Siegesfanfaren.
+
+Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen
+liessen.
+
+Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Grossen
+Hauptquartier Seiner Majestaet des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen
+Verwendung sei.
+
+Meine Antwort lautete: "Bin bereit."
+
+Noch bevor dieses Telegramm im Grossen Hauptquartier eingetroffen sein
+konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man
+augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer
+Feldstelle und teilte mir mit, dass General Ludendorff bei mir eintreffen
+werde. Weitere Mitteilungen aus dem Grossen Hauptquartier klaerten dann die
+Sachlage fuer mich dahin auf, dass ich als Armeefuehrer sogleich nach dem
+Osten abzugehen haette.
+
+Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgeruestet, zum
+Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der maessig beleuchteten Halle.
+Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so ploetzlich
+verlassen musste, erst voellig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm
+entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein
+Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend.
+
+Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei
+Luettich mir noch unbekannt. Er klaerte mich zunaechst ueber die Lage an
+unserer Ostfront auf, ueber die er am 22. August im Grossen Hauptquartier
+Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von
+Moltke, persoenlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die
+Operationen der 8. Armee in Ostpreussen folgendermassen entwickelt: Die
+Armee hatte das XX. Armeekorps, verstaerkt durch Festungsbesatzungen und
+sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der
+Suedgrenze West- und Ostpreussens von der Weichsel bis an das Loetzener
+Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps,
+XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung
+Koenigsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreussens
+versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupoenen, am 19. und
+20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf
+von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Waehrend der
+Kaempfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen
+Narewarmee unter General Samsonoff von Sueden her gegen die deutsche
+Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Fuehrung unserer 8. Armee
+glaubte damit rechnen zu muessen, dass der Russe diese Grenze schon am
+21. August ueberschreiten wuerde. Angesichts dieser Bedrohung der
+rueckwaertigen Verbindungen aus suedlicher Richtung brach das Oberkommando
+die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, dass
+es nicht imstande sein wuerde, das Land oestlich der Weichsel weiterhin zu
+behaupten.
+
+Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluss nicht gebilligt. Er
+vertrat die Auffassung, dass man noch eine Operation zur Vernichtung der
+Narewarmee versuchen muesste, bevor man daran denken duerfte, die
+militaerisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreussen
+aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten
+Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den
+fuehrenden Stellen der 8. Armee veranlasst.
+
+Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Losloesung
+vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision
+befanden sich in Abbefoerderung mit der Bahn nach Westen, waehrend das
+I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fussmarsch
+zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze.
+
+Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der
+Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten
+unaufschiebbaren Weisungen geben koennen, die dahin zielten, die
+Fortfuehrung der Operationen oestlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu
+gehoerte in erster Linie, dass die Transporte des I. Armeekorps nicht zu
+weit nach Westen gefuehrt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwaerts
+hinter den rechten Fluegel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden.
+
+Alles weitere musste und konnte erst bei unserem Eintreffen im
+Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden.
+
+Unser Gespraech hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen.
+Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfuegbare Zeit nuetzte ich
+gruendlich aus.
+
+So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der
+Lage voll bewusst, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu
+unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von
+nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen.
+
+Ich moechte mich hier gleich ueber das Verhaeltnis zwischen mir und meinem
+damaligen Generalstabschef und spaeteren Ersten Generalquartiermeister
+General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhaeltnis mit
+dem Bluechers zu Gneisenau vergleichen zu koennen. Ich lasse dahingestellt
+sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen
+historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des
+Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausfuehrungen ja
+bekannt ist, frueher selbst jahrelang innegehabt. Die Taetigkeit eines
+solchen gegenueber dem die Verantwortung tragenden Fuehrer ist, wie ich
+somit aus eigener Erfahrung wusste, innerhalb der deutschen Armee nicht
+theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmass der
+gegenseitigen Ergaenzung haengen vielmehr von den Persoenlichkeiten ab. Die
+Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf
+voneinander getrennt. Ist das Verhaeltnis zwischen Vorgesetzten und
+Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch
+soldatischen und persoenlichen Takt und die beiderseitigen
+Charaktereigenschaften leicht ergeben.
+
+Ich selbst habe mein Verhaeltnis zu General Ludendorff oft als das einer
+gluecklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Aussenstehende das
+Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich
+im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der
+Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen.
+
+Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals
+Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen
+Gedankengaengen, der nahezu uebermenschlichen Arbeitskraft und dem nie
+ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als moeglich freie Bahn zu
+lassen und sie ihm, wenn noetig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung,
+in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg
+unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer,
+die unser Volk gebracht hatte.
+
+Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten,
+wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die
+Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich,
+seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persoenlichkeit
+waren dieser Treue wert. Moegen andere darueber urteilen wie sie wollen!
+Auch fuer ihn wird wie fuer so viele unserer Grossen und Groessten erst spaeter
+die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm
+aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, dass unser Vaterland in gleich
+schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden moege, einen ganzen
+Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber
+geschaffen fuer ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der
+Geschichte.
+
+Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen
+Gegnern gehasst!
+
+Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Ueberzeugungen
+gruendete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch
+unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren
+natuerlichen Ausgleich und Abgleich, ohne dass das Gefuehl gemachter
+Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals stoerend
+dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte
+unsere Gedanken und Plaene auf das Raederwerk unserer Armeefuehrung um und
+spaeter auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns
+anvertraut worden war. Sein Einfluss belebte alle, niemand konnte sich ihm
+entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn
+geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe
+erfuellt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden?
+
+In selbstverstaendlicher, soldatischer Pflichterfuellung, reich an Willen
+und Gedanken, schloss sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an.
+Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken!
+
+
+
+ Tannenberg
+
+
+Am fruehen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier
+Marienburg. Wir betraten damit das Land oestlich der Weichsel, das
+demnaechstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis
+zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt:
+
+Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf
+Gilgenburg und Gegend oestlich zurueckgegangen. Nach Westen anschliessend an
+dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz
+herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin laengs der Grenze.
+Die 3. Reservedivision war als Verstaerkung fuer das XX. Armeekorps bei
+Allenstein eingetroffen. Die Heranbefoerderung des I. Armeekorps nach
+Deutsch-Eylau hatte mit Verzoegerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und
+I. Reservekorps waren im Fussmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die
+1. Kavalleriedivision stand suedlich Insterburg der Armee Rennenkampf
+gegenueber. Die Besatzung von Koenigsberg hatte Insterburg im Rueckmarsch
+nach Westen durchschritten.
+
+Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten
+Infanterieteilen noch nicht ueber die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden
+russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich
+Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer
+Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte
+Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im uebrigen schien die Masse dieser
+Armee wohl noch an der Grenze im Aufschliessen begriffen, westlicher Fluegel
+bei Mlawa.
+
+In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein
+Schriftstueck gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen
+Fuehrung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen
+Seen noerdlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzuruecken.
+Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkraefte
+angreifen, waehrend die Narewarmee ueber die Linie Loetzen-Ortelsburg den
+Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte.
+
+Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, fuer
+welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen
+ausholte, als urspruenglich beabsichtigt war.
+
+Was sollen, ja was koennen wir gegen diesen gefaehrlichen feindlichen Plan
+tun? Gefaehrlich weniger wegen der Kuehnheit, mit der er erdacht, als wegen
+der Staerke, mit der er ausgefuehrt werden soll, wenigstens mit der Staerke
+an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Staerke an Willen. Fuehrte
+doch Russland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als
+800.000 Soldaten und 1700 Geschuetze gegen Ostpreussen heran, zu dessen
+Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschuetzen verfuegbar
+gemacht werden konnten.
+
+Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn
+er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verstaendlich zu machen.
+
+Wir stellen zunaechst der dichten Masse Samsonoffs eine duenne Mitte
+gegenueber. Ich sage duenn, nicht schwach. Denn Maenner sind es mit
+staehlernem Herzen und staehlernem Willen. In ihrem Ruecken die Heimat, Weib
+und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave
+West- und Ostpreussen. Mag diese duenne Mitte unter dem Drucke der
+feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Waehrend
+diese Mitte kaempft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Fluegel zum
+entscheidenden Angriff heranruecken.
+
+Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstaerkt, auch alles Kinder
+des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die
+Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer
+Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur
+Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und
+I. Reservekorps, ebenso wie die Maenner der Landwehr und des Landsturms
+haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Ruecken.
+
+Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung muessen wir Samsonoff
+treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Haende gegen den zweiten
+Feind, der zurzeit Ostpreussen pluendert und versengt, gegen Rennenkampf.
+Nur so koennen wir das alte Preussenland wirklich und voellig befreien, und
+nur so gewinnen wir Freiheit fuer weitere Taten, die man noch von uns
+erwartet, naemlich fuer das Eingreifen in den maechtig entbrennenden
+Entscheidungskampf zwischen Russland und unserem oesterreichisch-ungarischen
+Verbuendeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht
+durchgreifend, dann bleibt die Gefahr fuer unsere Heimat wie eine
+schleichende Krankheit bestehen, ungeraecht bleibt das Brennen und Morden
+in Ostpreussen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Sueden auf uns.
+
+Also ganzes Handeln! Dazu muss alles heran, was im Bewegungskrieg
+einigermassen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die
+Festungswaelle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr
+beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schuetzengraeben, die zwischen
+den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, ruecken
+unsere Wehrmaenner ab und uebergeben die dortige Verteidigung einer
+verschwindenden Minderzahl braver Landstuermer. Gewinnen wir die
+Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht
+mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig.
+
+Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten
+koennte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve
+Koenigsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch koennen wir an
+diesem Tage noch nicht ueberblicken, ob diese Kraefte auch wirklich genuegen.
+Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreissbaren Schleier,
+vorausgesetzt, dass Rennenkampfs Massen marschieren, dass seine
+uebermaechtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befuerchten
+muessen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genuegt der Schleier zur
+Deckung unserer Schwaeche. Wir muessen es wagen in Flanke und Ruecken, um an
+der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns,
+Rennenkampf zu taeuschen; vielleicht taeuscht er sich selbst. Der starke
+Waffenplatz Koenigsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter koennen sich
+ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Groessen erweitern.
+
+Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen
+Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresfuehrung
+vorwaertstreiben in starken Maerschen nach Suedwesten und in unseren Ruecken?
+Muss ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld
+setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich
+verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen
+Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier
+dringen?
+
+Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also noetig, wir koennen ihr aber nicht
+durch Zuruecklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir
+auf dem Schlachtfelde noch schwaecher, als wir es ohnehin sind.
+
+Berechnen wir die gegenseitigen Staerken, zaehlen wir zu der unserigen auch
+die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus
+dem Kuestenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht
+eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen
+russischen Kraeften immer noch grosse Verschiedenheiten zu unseren
+Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkaempfen will.
+Dazu kommt, dass in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm
+fechten muss. Alte Jahrgaenge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht
+gegen uns, dass die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fuegt,
+gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoss fuehren muessen,
+aus schweren und verlustreichen Kaempfen herankommen. Hatten sie doch den
+Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen ueberlassen muessen. Die Truppen
+marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefuehle der Sieger. Und doch
+ruecken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist
+gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kraeftigen Entschluessen,
+und wo er etwa gedrueckt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen
+Entschluesse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders
+sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmaessigen Unterlegenheit.
+
+Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet
+falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese
+baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir:
+
+Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Beruehrung
+mit deutscher Erde sein Herz hoeher schlagen lassen, sie macht ihn nicht
+zum deutschen Soldaten, und die ihn fuehren, sind keine deutschen
+Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische
+Soldat mit dem groessten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die
+politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es
+schien nicht ausgeschlossen, dass bei einem Kriege gegen die Mittelmaechte
+die Begeisterung der russischen Armee fuer die Kriegsziele des Zarentums
+groesser sein wuerde. Trotzdem nahm ich an, dass der russische Soldat und
+Offizier auch auf dem europaeischen Kriegsschauplatz im grossen und ganzen
+keine hoeheren militaerischen Eigenschaften zeigen wuerde als auf dem
+ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmaessigen
+Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der
+Staerkeverhaeltnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu koennen.
+
+So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und fuer die
+Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer
+kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des
+Inhalts:
+
+ "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps fuer umfassenden
+ Angriff geplant."
+
+Am Abend des 23. August fuehrte mich ein kurzer Erholungsgang auf das
+westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen
+Deutschordensschlosses, des groessten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im
+Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die
+Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkuerlich mit Fragen an
+die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhoeht durch den
+Anblick vorueberziehender Fluechtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige
+Mahnung, dass der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern dass
+er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen
+Geissel der Menschheit wird.
+
+Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum
+Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die
+bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte.
+
+Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen fuer deutsche Ordensmacht,
+ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedaechtnisfrisch geblieben in der
+Geschichte trotz mehr als 500jaehriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu
+diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher oestlicher Kultureroberungen noch
+nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und
+Heldentod. In der Naehe dieses Denkmals standen wir an einigen der
+folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff
+zur vernichtenden Niederlage gestaltete.
+
+Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindruecke
+vom Kriegselend, das ueber die ungluecklichen Einwohner hereingebrochen war.
+Massen von hilflos Fluechtenden draengten sich mit ihrer Habe auf den
+Strassen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind
+marschierenden Truppen.
+
+Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen,
+die fuer das Gelingen unseres Planes unerlaesslich waren. Auch die Eindruecke
+ueber die Haltung der Truppe an dieser unserer zunaechst bedenklichsten
+Stelle waren guenstig.
+
+Der Tag brachte keine durchgreifende Klaerung, weder hinsichtlich der
+Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich
+nur zu bestaetigen, dass Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemaessigtes war.
+Der Grund hierfuer war nicht zu erklaeren. Von der Narewarmee erkannten wir,
+dass sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter
+ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Fluegel zurueck. Diese Massregel
+hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdraengende Feind
+wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf
+Bischofsburg erhaelt, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten.
+Auffallend und nicht ohne Bedenken fuer uns waren dagegen feindliche
+Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westfluegel und gegen
+Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, dass der Russe uns hier zu
+ueberfluegeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer
+rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen wuerde.
+
+Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs.
+Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf
+Koenigsberg. War der urspruengliche russische Operationsplan aufgegeben?
+Oder war die russische Fuehrung ueber unsere Bewegungen getaeuscht und
+vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung?
+Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen
+Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen.
+Samsonoffs auffallend zoegernde Operationen richteten sich auch an diesem
+Tage mit der Hauptstaerke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte
+russische Fluegelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg,
+also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem
+Tage die Gegend noerdlich dieses Staedtchens erreichten. Bei Mlawa haeuften
+sich augenscheinlich weitere russische Massen.
+
+Mit diesem Tage ist fuer uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung
+vorueber. Wir fuehren unser I. Armeekorps an den rechten Fluegel des XX.
+heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen.
+
+Der 26. August ist der erste Tag des moerderischen Ringens von Lautenburg
+bis noerdlich Bischofsburg. Nicht in lueckenloser Schlachtfront sondern in
+Gruppenkaempfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe
+von Schlaegen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Buehne sich auf
+mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt.
+
+Auf dem rechten Fluegel fuehrt General von Francois seine braven Ostpreussen.
+Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am naechsten Tag den Schluesselpunkt
+dieses Teiles des suedlichen Kampffeldes zu stuermen. Auch General von
+Scholtz' praechtiges Korps befreit sich allmaehlich aus den Fesseln der
+Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der
+Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von
+unserer Seite gruendliche Kampfarbeit getan. In kraeftigen Schlaegen wird das
+rechte Fluegelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen
+(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen
+und weicht auf Ortelsburg. Die Groesse des eigenen Erfolgs ist aber noch
+nicht zu erkennen. Die Fuehrer erwarten fuer den folgenden Tag erneuten
+starken Widerstand suedlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter
+Zuversicht.
+
+Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man
+meldet eines seiner Korps im Vormarsch ueber Angerburg. Wird dieses nicht
+den Weg in den Ruecken unserer linken Stossgruppe finden? Ferner kommen
+beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Ruecken unseres westlichen
+Fluegels. Dort bewegt sich im Sueden starke russische Kavallerie. Ob
+Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht
+erreicht ihren Hoehepunkt. Die Frage draengt sich uns auf: wie wird die Lage
+werden, wenn sich bei solch gewaltigen Raeumen und bei dieser feindlichen
+Ueberlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es
+ueberraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfuellen; wenn
+Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn
+Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles
+beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder
+verstaerken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht
+besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die
+eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir ueberwinden die Krisis in uns,
+bleiben dem gefassten Entschlusse treu und suchen weiter die Loesung mit
+allen Kraeften im Angriff. Demnach rechter Fluegel unentwegt weiter auf
+Neidenburg und linke Stossgruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit groesster
+Energie handeln", so etwa lautete der Befehl.
+
+Der 27. August zeigt, dass der Erfolg des I. Reservekorps und
+XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein
+durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern
+flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren ueberblickt man, dass Rennenkampf nur
+in der Phantasie eines Fliegers in unseren Ruecken marschiert. In
+Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Koenigsberg. Sieht er
+nicht oder will er nicht sehen, dass das Verderben gegen die rechte Flanke
+Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und dass es auch gegen dessen
+linken Fluegel andauernd waechst? Denn an diesem Tage erstuermen Francois und
+Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und noerdlich und schlagen den
+suedlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach
+Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg,
+sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist fuer uns klar; wir geben am
+Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners,
+naemlich seines XIII. und XV. Armeekorps.
+
+Waehrend des 28. August geht das blutige Ringen weiter.
+
+Der 29. sieht einen grossen Teil der russischen Hauptkraefte bei Hohenstein
+der endgueltigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden,
+Willenberg ueber Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und
+Abertausende von Russen beginnt sich zu schliessen. Viel russisches
+Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch
+weiter fuer den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die
+Schlacht.
+
+Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Koenigsberg. Samsonoff
+ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer
+kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon koennen wir Truppen aus
+der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich
+in dem grossen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem
+der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen
+groesser und groesser werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem
+Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein
+eigenartiger Zufall wollte es, dass ich in Osterode, einem unserer
+Unterkunftsorte waehrend der Schlacht, den einen der beiden gefangenen
+russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in
+dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger
+Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am
+folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschaeftsraeumen umgewandelten
+Schule.
+
+Schon waehrend der Kaempfe konnten wir das teilweise praechtige
+Soldatenmaterial betrachten, ueber das der Zar verfuegte. Nach meinen
+Eindruecken befanden sich darunter zweifellos bildungsfaehige Elemente. Ich
+nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der
+deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem
+sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergisst.
+Die Kampfeswut unserer Leute ebbt ueberraschend schnell zu ruecksichtsvollem
+Mitgefuehl und menschlicher Guete ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich
+damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausfuehrer all der
+vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreussens Volk und Land so
+grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes
+Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender
+Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehoerigkeit kenntlich
+machten, naemlich die breiten Streifen an den Hosen.
+
+Am 30. August macht der Gegner im Osten und Sueden den Versuch, mit
+frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschliessungsring von
+aussen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka,
+fuehrt er neue starke Kraefte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere
+Truppen, die schon das russische Zentrum voellig einkreisen und daher dem
+anrueckenden Gegner den Ruecken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr,
+als von Mlawa anrueckende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km
+lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem grossen
+Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muss umklammert und vernichtet werden.
+Francois und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch
+schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die
+Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Waehrend Verzweiflung den Umklammerten
+ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelaehmt, der die
+Befreiung haette bringen koennen. Auch in dieser Beziehung bestaetigen die
+Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und
+soldatischen Erfahrungen.
+
+Unser Feuerkreis um die dichtgedraengten, bald hierhin, bald dorthin
+stuerzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger.
+
+Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie oestlich Koenigsberg
+zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen
+naehern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von
+Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermuedete
+Kraefte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt.
+
+Der 31. August ist fuer unsere noch kaempfenden Truppen der Tag der
+Schlussernte, fuer unser Oberkommando der Tag des Ueberlegens ueber
+Weiterfuehrung der Operationen, fuer Rennenkampf der Tag der Rueckkehr in die
+Linie Deime-Allenburg-Angerburg.
+
+Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermoeglicht, meinem
+Allerhoechsten Kriegsherrn den voelligen Zusammenbruch der russischen
+Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem
+Schlachtfelde der Dank Seiner Majestaet, auch im Namen des Vaterlandes. Ich
+uebertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef
+und auf unsere herrlichen Truppen.
+
+Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und Koenig folgendes berichten:
+
+ "Eurer Majestaet melde ich alluntertaenigst, dass sich am gestrigen Tage
+ der Ring um den groessten Teil der russischen Armee geschlossen hat.
+ XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt ueber
+ 60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und
+ XV. Armeekorps. Die Geschuetze stecken noch in den Waldungen und werden
+ zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu uebersehen,
+ ist ausserordentlich gross. Ausserhalb des Ringes stehende Korps, das I.
+ und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den
+ Rueckzug fort ueber Mlawa und Myszyniec."
+
+Die Truppen und ihre Fuehrer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die
+Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen
+schallte aus ihrer Mitte.
+
+In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in
+der Naehe des alten Ordensschlosses waehrend des Gottesdienstes. Als der
+Geistliche das Schlussgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten
+und alte Landstuermer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die
+Knie. Ein wuerdiger Abschluss ihrer Heldentaten.
+
+
+
+ Die Schlacht an den masurischen Seen
+
+
+Der Gefechtslaerm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht
+verstummt, als wir die Vorbereitungen fuer den Angriff auf die Armee
+Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische
+Weisung der Obersten Heeresleitung ein:
+
+ "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur
+ Verfuegung gestellt. Transport hat begonnen. Zunaechst wird Aufgabe der
+ 8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu saeubern.
+
+ Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in
+ Richtung Warschau ist mit Ruecksicht auf die Bewegungen der Russen von
+ Warschau auf Schlesien erwuenscht.
+
+ Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreussen
+ gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen."
+
+Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin
+und ueberliess uns Mittel und Wege zur Ausfuehrung. Wir glaubten annehmen zu
+duerfen, dass die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Truemmern bestand,
+die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten,
+oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es
+musste jedoch darueber geraume Zeit vergehen. Fuer jetzt schien es genuegend,
+diese Reste durch schwache Truppen laengs unseres suedlichen Grenzstreifens
+ueberwachen zu lassen. Alles uebrige musste zur neuen Schlacht heran. Selbst
+das Eintreffen der Verstaerkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer
+Anschauung nicht, jetzt schon Kraefte ueber die Narewlinie hinueber gegen
+Sueden einzusetzen.
+
+Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist
+uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die
+oesterreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt
+gegen den oestlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin
+angreifen, waehrend deutsche Kraefte von Ostpreussen her dem Verbuendeten ueber
+den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein grosser und schoener
+Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwaechen aufwies.
+Er rechnete nicht damit, dass Oesterreich-Ungarn eine starke Armee an die
+serbische Grenze schickte, nicht damit, dass Russland schon ein paar Wochen
+nach Kriegsausbruch voll geruestet an der Grenze stehen konnte, nicht
+damit, dass 800.000 Moskowiter gegen Ostpreussen eingesetzt werden, am
+allerwenigsten aber damit, dass er in all seinen Einzelheiten an den
+russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden wuerde.
+
+Jetzt ist das oesterreichisch-ungarische Heer nach ueberkuehnem Ansturm gegen
+die russische Uebermacht in schwerste frontale Kaempfe verwickelt, ohne dass
+wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir
+starke feindliche Kraefte fesseln. Der Verbuendete muss auszuhalten
+versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind
+wir zur Hilfeleistung befaehigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten
+Staerke, so doch mit ihrem groessten Teile.
+
+Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie
+Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend suedoestlich von den
+masurischen Seen fuer gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das
+Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdaechtig. Dort herrscht viel Unruhe.
+Noch verdaechtiger ist das Gebiet im Ruecken der Njemenarmee. Da ist ein
+staendiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach
+Suedwesten und Westen. Rennenkampf erhaelt zweifellos Verstaerkungen. Die
+russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden.
+Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfuegbar, deren die
+russische Oberste Heeresleitung gegen die Oesterreicher in Polen nicht mehr
+zu beduerfen glaubt. Schickt man diese Verbaende zu Rennenkampf oder in
+seine Naehe, sei es zur unmittelbaren Stuetze, sei es zu einem Schlage gegen
+uns aus ueberraschender Richtung?
+
+Rennenkampf verfuegt, soweit wir es beurteilen koennen, ueber mehr als
+20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, waehrend unsere
+Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn
+aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer groessten Schwaeche, die
+Zeit der Ermuedung unserer Truppen, ihrer Massenanhaeufung auf dem
+Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum laesst er uns
+Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz
+heranzuziehen? Der russische Fuehrer ist doch bekannt als vortrefflicher
+Soldat und General. Als Russland in Ostasien kaempfte, klang unter allen
+russischen Fuehrern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals
+uebertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der
+Zwischenzeit verloren?
+
+Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen
+ueberraschend schnell erschoepft. Wo in einem Jahre noch triebkraeftiger
+Verstand, vorwaertsdraengender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im
+naechsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen.
+Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Groesse.
+
+Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch ueber Tannenberg aufgeschlagen und
+geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier
+Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen.
+
+Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, dass in
+Koenigsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er
+angenommen hatte. Starke Kraefte vermutet er aber jedenfalls immer noch in
+diesem maechtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die
+siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stuerzen, scheint
+also gewagt, zu gewagt. Es waere mindestens ein unsicheres Unternehmen.
+Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem
+Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen koennen die
+Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her ueberhaupt
+nicht, von Sueden aus nur schwer durchfuehren. Rennen sie gegen die Front
+an, so stuerzt man sich mit zurueckgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre
+zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen
+sie durch die Engnisse des Seengebietes, so faellt man von Norden auf die
+linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, waehrend man eine neugebildete
+Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Ruecken
+wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Russland zurueck.
+Russland ist gross, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative
+Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreussen. Der Operationsplan
+im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee
+in hoffnungsvollem Vorwaertsstuermen zugrunde ging, so ist es jetzt das
+beste vorsichtig zu sein.
+
+So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er haette
+so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein grosser
+Entschluss. Sie bewegen sich in wenig kuehnen Bahnen. Und doch kann ihre
+Ausfuehrung uns betraechtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die
+allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausueben. Die grosse
+zahlenmaessige Ueberlegenheit der Njemenarmee haette genuegt, um auch unsere
+jetzt verstaerkte 8. Armee zu zertruemmern. Ein vorzeitiger Rueckzug
+Rennenkampfs aber braechte uns um die Fruechte unserer neuen Operation und
+macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstuetzung
+Oesterreichs auf absehbare Zeit hinaus unmoeglich.
+
+Wir muessen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese
+Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen
+ihren eigentuemlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen
+Koenigsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies
+im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwaerts. 4 Korps (XX., XI.,
+I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Koenigsberg, also
+verhaeltnismaessig starke Kraefte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime,
+d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch
+das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel
+unseres umfassenden Fluegels, suedlich der masurischen Seen herum zu folgen,
+waehrend die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum
+Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geoeffnet sind. Das sind die
+Kraefte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhaeltnisse wie bei den
+Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg fuehrten. Die Sicherheit gegen
+Rennenkampfs starke Reserven veranlasst uns zu dieser Gruppierung der
+Kraefte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Staerke von
+14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf ueber 150 km Front aus. Wird der
+Gegner sie zerreissen?
+
+Wir naehern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und
+beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und
+Wehlau, vielleicht noch staerkere noerdlich Nordenburg. Sie bleiben zunaechst
+unbeweglich und stoeren unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht.
+
+Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September
+die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlaegt bei Bialla
+in glaenzendem Gefecht die Haelfte des XXII. russischen Korps in Truemmer.
+Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die naechsten Tage
+muessen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu
+schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu
+seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Ueberlegenheit scheinen drei
+weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der
+russische Fuehrer noch mehr? Russland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten
+an seiner Westfront; die oesterreichisch-ungarische Heeresmacht und wir
+zaehlen demgegenueber kaum ein Dritteil.
+
+Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser
+frontaler Angriff kommt nicht vorwaerts, auf unserem rechten Fluegel geht es
+besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen
+und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die
+gegnerischen rueckwaertigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen
+freie Bahn dorthin zu haben.
+
+Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum
+Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kuehnem
+Vorschreiten unsererseits oestlich der Seen, wenngleich die beiden
+Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewuenschten
+Schnelligkeit zu brechen vermoegen. Die 3. Reservedivision schlaegt einen
+vielfach ueberlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgueltig von der
+Sorge im Sueden.
+
+Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere
+Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu koennen und
+ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch ueber Tilsit gesehen. Was wird
+das Schicksal unserer duenngestreckten, frontal kaempfenden Korps sein, wenn
+eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, gefuehrt von
+festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stuerzt? Ist es trotzdem
+verstaendlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wuenschen und sprechen:
+"Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner fuer uns unbezwinglichen Front,
+pfluecke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle
+Zuversicht, dass wir solche Lorbeeren dem feindlichen Fuehrer durch kraeftige
+Fortfuehrung unseres Fluegelangriffes wieder entreissen wuerden. Leider
+erkennt der russische Fuehrer diese unsere Gedanken; er findet nicht den
+Entschluss, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen.
+
+In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in
+die feindlichen Graeben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurueck." Die
+Meldung scheint uns unglaubwuerdig. Das I. Reservekorps will sofort von
+Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um
+Mittag des 10. muessen wir das Unwahrscheinliche und Unerwuenschte glauben.
+Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rueckzug begonnen, wenn er auch
+da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen
+in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in
+vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Fluegelkorps und
+Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die
+feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen.
+
+Wir treiben vorwaerts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und
+hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig
+zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt
+Verwirrung und Aufloesung.
+
+Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht
+nebeneinander gedraengten Kolonnen Russland zu. Die Bewegung vollzieht sich
+langsam, sie muss durch Entgegenwerfen starker Kraefte gegen die
+nachdraengenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der
+11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel.
+
+Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, dass nur noch wenig Tage zur
+Durchfuehrung der Verfolgung zur Verfuegung stehen. Die Entwickelung der
+Gesamtlage auf dem oestlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht
+geltend. Wir ahnen mehr, als dass wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten
+ersehen koennen: die Operation unseres Verbuendeten in Polen und Galizien
+ist gescheitert! An unser Nachstossen hinter Rennenkampf ueber den Njemen
+hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht
+noch im letzten Augenblick innerhalb des grossen Rahmens als gescheitert
+gelten, so darf die feindliche Armee den schuetzenden Njemen-Abschnitt nur
+derartig geschwaecht und erschuettert erreichen, dass die Hauptmasse unserer
+Verbaende zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem
+oesterreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann.
+
+Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen
+Boden. Mit knapper Not entgeht der Suedfluegel Rennenkampfs der Einkesselung
+durch unser I. Armeekorps suedlich Stallupoenen. Glaenzend sind die
+Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und
+kaempfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Muedigkeit
+niederstuerzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps
+aus der Kampffront, um es fuer weitere Operationen bereitzustellen.
+
+An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem
+11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloss in Gedanken,
+sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreussischen Landstrasse,
+vorbei an unseren siegreich ostwaerts schreitenden Truppen und an westwaerts
+ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier
+Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Raeumen merkwuerdige
+Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfuem, Juchten
+und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken.
+
+Genau ein Jahr spaeter, an einem Sonntag, kam ich von einem eintaegigen
+Jagdausflug zurueckkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein
+Kraftwagen zurueckgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an
+die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich
+musste einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht
+erkannt.
+
+Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die
+zurueckflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse
+sprengen die dichtgedraengten Haufen auseinander, der Herdentrieb fuehrt sie
+wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die grosse
+Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiss, dass dies fuer einen
+grossen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten
+wuerde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen suedlich der Strasse
+alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbaenden noch zur Hand hat. Nur
+noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich
+die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelaende westlich der
+Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny gefluechtet haben. Dorthin koennen wir
+ihnen nicht nachdraengen.
+
+Am 15. September waren die Kaempfe beendet. Die Schlacht an den masurischen
+Seen schloss auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von ueber 100 km,
+von uns zurueckgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbaende war
+beim Abschluss der Kaempfe zu neuer Verwendung bereit.
+
+Es ist mir nicht moeglich, hier auch noch auf die glaenzenden Leistungen
+einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere
+Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit im
+suedlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur
+Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluss dieser Kaempfe
+dauerte ueber meine Kommandofuehrung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand
+unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.
+
+
+
+
+ Der Feldzug in Polen
+
+
+
+ Abschied von der achten Armee
+
+
+Anfangs September hatten wir aus dem oesterreichisch-ungarischen
+Hauptquartier gehoert, dass die Armeen bei Lemberg durch starke russische
+Ueberlegenheiten sehr gefaehrdet waeren, und dass ein weiteres Vorgehen der
+k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.
+
+Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgaenge und hoerten
+noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklaeren
+am besten nachstehende Telegramme:
+
+Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:
+
+ "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden
+ kann, da Russen heute fruehzeitig Rueckmarsch angetreten haben. Fuer
+ Weiterfuehrung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien
+ in Frage. Koennen wir auf weitere Verstaerkungen aus Westen rechnen? Hier
+ koennen zwei Armeekorps abgegeben werden."
+
+Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf
+ueberraschend fuer uns nach Osten seinen Rueckzug begann.
+
+Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:
+
+ "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen fuer Abtransport
+ nach Krakau!" ...
+
+Krakau? Merkwuerdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darueber.
+Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:
+
+ 13. September 14.
+
+ "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollstaendig. Offensive gegen
+ Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen moeglich. Oesterreich
+ erbittet aber wegen Rumaeniens direkte Unterstuetzung durch Verlegung der
+ Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfuegbar dazu vier Armeekorps und
+ eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange
+ Maersche nach oesterreichischem linken Fluegel. Hilfe kommt dort spaet.
+ Bitte um Entscheidung. Armee muesste dort jedenfalls Selbstaendigkeit
+ behalten."
+
+Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen
+Federn sondern eines ganzen Fluegels und auch sonst noch erheblich
+angeschossen zwischen den Njemensuempfen zu verschwinden begann.
+
+Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:
+
+ "Operation ueber Narew wird in jetziger Lage der Oesterreicher nicht mehr
+ erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstuetzung der Oesterreicher
+ ist politisch erforderlich.
+
+ Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...
+
+ Selbstaendigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den
+ Oesterreichern bestehen."
+
+Also doch! - -
+
+Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein
+Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn
+zu hoeren, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil
+bedeutete Unheil. Er warnte vor Uebergriffen der Politik auf die Fuehrung
+des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine
+Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in
+Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang
+vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung
+eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie
+zeigt vielfach deren Unwert! Wir haetten freilich manchmal waehrend des
+Krieges versucht sein koennen zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches
+Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer
+Ueberzeugung und politischen Forderungen leichter ueberwindet als wir."
+Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in
+diesem Liede waehrend des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem
+soldatischen Herzen angeklungen haetten. Hoffentlich werden andere, wenn
+die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser
+Beziehung gluecklicher sein, als wir es waren!
+
+Am 15. September musste ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum
+Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch
+schon am 17. September ordnete Seine Majestaet der Kaiser an, dass ich den
+Befehl ueber diese Armee zu uebernehmen haette, gleichzeitig aber auch die
+Verfuegung ueber die zum Schutze Ostpreussens zurueckbleibende, nunmehr durch
+Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie
+der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwaechte 8. Armee
+beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also
+lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwaehne sie nur, weil
+sich auch ihrer die Legende entstellend bemaechtigt hat.
+
+Am 18. September verlasse ich in frueher Morgenstunde das Hauptquartier der
+8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitaegiger Fahrt ueber Posen die
+schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunaechst ueber
+die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfuellte Erinnerungen an unsere
+Truppen ausloesend. Anfaenglich durch verlassene, niedergebrannte
+Wohnstaetten, dann allmaehlicher Eintritt in unberuehrte Gebiete, Landvolk
+wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstaetten zustrebend.
+Bewaehrtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken
+begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwaerzten Truemmern seiner
+Haeuser, ein Anblick, vor dem es laenger als hundert Jahre dank der
+Tuechtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur
+Weichsel durch schlichte Doerfer und Staedte, kaum irgendwo Spuren des
+Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, fuer
+dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die
+schlechtesten Kraefte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit
+und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes
+Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier
+nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die
+Welt der Wirklichkeit und des Schaffens uebertragen worden ist. Fast alle
+deutschen Volksstaemme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer
+Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen
+angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschaetzbaren
+Dienste geleistet hat.
+
+Solche und aehnliche ernste Gedanken bewegten mich waehrend der Fahrt und
+haben mich auch spaeterhin waehrend unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht
+verlassen. Deutsche, lasst sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:
+
+Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen
+Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen
+Vaterlandspflicht! Verstaerkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur
+ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein
+leben koennt inmitten der Brandung der europaeischen Welt! Glaubt mir, diese
+Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein
+menschlicher Vertrag wird sie schwaechen! Wehe uns, wenn die Brandung ein
+Stueck von dieser Mauer abgebrochen findet. Es wuerde zum Sturmbock der
+europaeischen Voelkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden.
+Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!
+
+Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein
+anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies
+der Abschied von der bisherigen Selbstaendigkeit.
+
+Mag der Schlusssatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in
+dieser Richtung auch troestlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem
+wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in
+ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Masse beschieden
+gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte frueherer
+Koalitionskriege.
+
+
+
+ Der Vormarsch
+
+
+Wir hatten fuer das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von
+Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir groessere
+Armfreiheit zum Operieren gegen die noerdliche Flanke der russischen
+Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt
+war, zu besitzen. - "Unmoeglich!"
+
+Wir moechten, dass es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Fluegel
+ueber Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmoeglich!"
+
+Wir moechten, dass uns starke oesterreichisch-ungarische Kraefte noerdlich der
+oberen Weichsel bis zur San-Muendung begleiten. - "Unmoeglich!"
+
+Wenn dieses Alles als unmoeglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die
+ganze Operation unmoeglich sein oder werden.
+
+Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps,
+Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und
+8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen
+engsten Anschluss an den linken oesterreichisch-ungarischen Heeresfluegel
+noerdlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt voruebergehend nach Beuthen in
+Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und
+zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Fluegel der Armee, in
+Richtung ueber Kielce. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung
+verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur
+4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwaerts ueber die
+Weichsel. Mehr glaubt sie suedlich des Flusses nicht entbehren zu koennen.
+Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser
+Plan des Verbuendeten ist kuehn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt
+sich nur, ob Aussicht besteht, dass das stark geschwaechte Heer trotz allem
+erhaltenen Ersatz die Durchfuehrung ermoeglicht. Meine Bedenken werden durch
+die Hoffnung gemildert, dass der Russe, sobald er das Auftreten unserer
+deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkraefte auf uns werfen wird
+und dadurch dem Verbuendeten einen Erfolg ermoeglicht.
+
+Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen ueber die Lage machen
+koennen, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, dass die Russen den weichenden
+oesterreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit ueber den San hinaus
+nur zoegernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafuer vorhanden, dass
+noerdlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und
+Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine
+russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfuer werden
+augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den frueheren
+Operationen in Ostpreussen gegenueber standen, teils kommen neue Kraefte aus
+Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, dass westlich Warschau an
+einer grossen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren
+also in eine recht unsichere Lage hinein und muessen auf Ueberraschungen
+gefasst sein.
+
+Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen
+kennen, was ein franzoesischer General in seiner Beschreibung des von ihm
+miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element
+der dortigen Kriegfuehrung bezeichnet hat, naemlich - den Dreck! Und zwar
+den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in
+den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit
+Ueberschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man
+legte sich unwillkuerlich die Frage vor: wie ist es moeglich, dass auf dem
+Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe
+Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In
+welch einem koerperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die
+russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die
+Ueberfeinerung in den Kreisen der polnischen Grossen zivilisatorische Kraefte
+in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die
+offenkundige politische Gleichgueltigkeit dieser Massen beispielsweise
+durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen hoeheren Schwung zu bringen,
+der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluss an uns haette steigern
+lassen, schien mir schon nach den ersten Eindruecken fraglich.
+
+Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs aeusserste erschwert. Der
+Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmassregeln. Er zieht aus der
+Front den Oesterreichern gegenueber ein halbes Dutzend Armeekorps in der
+offenkundigen Absicht heraus, diese uns ueber die Weichsel suedlich
+Iwangorod frontal entgegen zu werfen.
+
+Am 6. Oktober erreichen wir ueber Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier
+vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns
+zurueckgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres
+Nordfluegels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umstaenden ist
+vorlaeufig eine Fortsetzung unserer Operation in oestlicher Richtung ueber
+die Weichsel suedlich Iwangorod hinweg unmoeglich. Wir muessen zunaechst mit
+dem Gegner im Norden abrechnen. Alles uebrige haengt von dem Ausgange der
+dort zu erwartenden groesseren Kaempfe ab. Ein eigenartiges strategisches
+Bild entwickelt sich. Waehrend gegnerische Korps von Galizien aus jenseits
+der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits
+des Stromes in der gleichen noerdlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch
+aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kraefte
+ueber die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kaempfen auf ihre
+Uebergangsstellen zurueckgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner
+voellig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemaersche suedlich Warschau
+trifft unser linker Fluegel unter General von Mackensen auf ueberlegene
+feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch
+von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.
+
+Auf dem Schlachtfeld suedlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestueck
+ein russischer Befehl in die Haende gefallen, der uns klaren Einblick in
+die Staerken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmuendung
+bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind
+etwa 60 Divisionen gegenueber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus
+sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das
+sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische
+Ueberlegenheit erhoeht sich noch dadurch, dass unsere Infanterie infolge der
+vorausgegangenen Kaempfe in Ostpreussen und Frankreich sowie durch die
+jetzigen langen und anstrengenden Maersche, bis ueber 300 km in 14 Tagen und
+auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Haelfte, ja teilweise bis unter ein
+Viertel der urspruenglichen Gefechtsstaerke zusammengeschmolzen ist. Und
+diese Schwaechung unserer Kampfkraft gegenueber neu eintreffenden,
+vollzaehligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!
+
+Die Absicht des Gegners ist, uns laengs der Weichsel zu fesseln, waehrend
+ein entscheidender Stoss aus Warschau heraus uns dem Verderben
+entgegenfuehren soll. Ein zweifellos grosser Plan des Grossfuersten
+Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der groesste, den ich von ihm kennen lernte,
+und der meines Erachtens auch sein groesster blieb, bis er sich in den
+Kaukasus begeben musste.
+
+War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Hoehe nach dem
+Kaisermanoever von dem Grossfuersten in ein Gespraech gezogen worden, das sich
+besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem
+russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_
+unmittelbar gegenueber, denn in Ostpreussen schien er nur voruebergehend als
+Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur
+fuer die 9. Armee, sondern fuer die ganze Ostfront, fuer Schlesien, ja fuer
+die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir duerfen jetzt nicht so
+schwarzen Gedanken nachgehen, sondern muessen Mittel und Wege finden, die
+drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschliessen uns daher dazu, unter
+Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod suedwaerts alle dort noch
+freizumachenden Kraefte unserem linken Fluegel zuzufuehren und uns mit diesem
+auf den Gegner suedlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu
+schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen koennen.
+
+Eile tut not! Wir bitten daher Oesterreich-Ungarn, alles, was es an Truppen
+frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das
+k. und k. Armee-Oberkommando zeigt fuer die Lage durchaus richtiges
+Verstaendnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig
+entsprechen. Oesterreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist
+bereit, uns zu unterstuetzen, aber nur auf dem langsamen und daher
+zeitraubenden Wege einer Abloesung unserer an der Weichsellinie
+zurueckgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher
+und oesterreichisch-ungarischer Verbaende vermieden, aber man bringt die
+ganze Operation in die Gefahr des Misslingens. Gegenvorstellungen
+unsererseits fuehren zu keinem Ergebnis. So fuegen wir uns denn den Wuenschen
+unserer Verbuendeten.
+
+
+
+ Der Rueckzug
+
+
+Was wir befuerchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue
+Truppenmassen, und auch weiter unterhalb ueberschreiten solche die
+Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite
+aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde
+feindliche Ueberlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage
+kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation
+kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man
+koennte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Sueden der oberen
+Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der
+Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangefuehrt, sich
+also unsern Verbuendeten gegenueber geschwaecht hat. Jedenfalls muss der
+schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluss gefasst
+werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere
+Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau
+wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner ueberlassen. Um
+die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, fuehren wir unsere vor Warschau
+unter Mackensen kaempfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km
+westlich der Festung, zurueck. Wir hoffen, dass der Russe gegen diese nach
+Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren
+inzwischen von den Oesterreichern vor Iwangorod abgeloesten Korps von Sueden
+her einen entscheidenden Schlag gegen den staerksten Teil der russischen
+Heeresgruppe im grossen Weichselbogen fuehren. Vorbedingung fuer Durchfuehrung
+dieses Planes ist, dass Mackensens Truppen den Anprall der russischen
+Heerhaufen aushalten, und dass die oesterreichisch-ungarische Verteidigung
+an der Weichsel so fest steht, dass unser beabsichtigter Stoss gegen
+russische Flankeneinwirkung aus oestlicher Richtung sicher geschuetzt ist.
+Die Loesung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Staerke der
+Weichselstellung fuer unseren Verbuendeten einfach. Die oesterreichische
+Fuehrung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch
+ihrerseits einen grossen Schlag auszufuehren. Sie entschliesst sich, dem
+Gegner die Weichseluebergaenge bei Iwangorod und noerdlich frei zu geben, um
+dann ueber die gegnerischen Kolonnen waehrend ihres Uferwechsels
+herzufallen. Ein kuehner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und
+Manoevern in Ausfuehrung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im
+Kriege vom Feldmarschall Bluecher und seinem Gneisenau an der Katzbach
+glaenzend geloest wurde. Gefaehrlich bleibt ein solches Unternehmen aber
+immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht voellig sicher ist. Wir
+raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Ueberlegenheit kann also bei
+Iwangorod ueber die Weichsel ruecken; der oesterreichisch-ungarische
+Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt
+sich schliesslich in einen Rueckzug.
+
+Was nuetzt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstuerme der Russen gegen
+Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten
+Angriffs ist durch das Zurueckweichen unseres Verbuendeten entbloesst. Wir
+muessen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir
+machen uns durch Fortsetzung des Rueckzuges die Arme frei, um spaeter
+anderwaerts wieder zuschlagen zu koennen. Der Entschluss reift in mir in
+unserem Hauptquartier zu Radom, zunaechst nur in Umrissen, aber doch klar
+genug, um fuer die weiteren Massnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein
+Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird fuer
+ihre Durchfuehrung alles vorsorgen, des bin ich gewiss.
+
+Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird
+die Heimat sagen, wenn sich unser Rueckzug ihren Grenzen naehert? Ist es ein
+Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen
+Verwuestungen in Ostpreussen denken, an Pluenderungen, Verschleppung
+Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem maechtig
+entwickelten Bergbau und seiner grossen Industrie, beides fuer die
+Kriegfuehrung uns so notwendig wie das taegliche Brot! Man faehrt im Kriege
+nicht einfach mit der Hand ueber die Karte und sagt: "Ich raeume dieses
+Land!" Man muss nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken;
+auch rein menschliche Gefuehle draengen sich heran. Ja gerade diese sind oft
+am schwersten zu bannen.
+
+Unser Rueckzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober
+angetreten. Gruendliche Zerstoerungen aller Strassen und Eisenbahnen sollen
+die dichtgedraengten russischen Massen aufhalten, bis wir uns voellig
+losgeloest haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten.
+Die Armee rueckt hinter die Widawka und Warthe, linker Fluegel in Gegend
+Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs
+dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel
+spannendster Kriegslagen seine einstweilige Loesung gefunden.
+
+Bei dieser Gelegenheit moechte ich nicht unerwaehnt lassen, dass uns das
+rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche
+Unvorsichtigkeit, ja man koennte sagen, durch die Naivitaet erleichtert
+wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen
+Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprueche waren wir
+vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die
+Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewoehnlichen
+Gunst der Verhaeltnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der
+grossen zahlenmaessigen Ueberlegenheit des Gegners jedoch immer noch genuegend
+starke Ansprueche an die Nerven der obersten Fuehrung. Ich wusste aber die
+untere Fuehrung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen,
+dass von den Truppen das Menschenmoegliche geleistet wurde. Solches
+Zusammengreifen aller hat uns die Ueberwindung der gefaehrlichsten Lagen
+ermoeglicht. Doch schien unser schliessliches Verderben dieses Mal nicht
+bloss aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie
+hielten uns augenscheinlich fuer voellig geschlagen. Vielleicht war diese
+ihre Ansicht unser Glueck, denn am 1. November verkuendet ein russischer
+Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die
+Verfolgung der Kavallerie zu ueberlassen. Die Infanterie sei ermuedet, der
+Nachschub schwierig." Wir koennen also Atem schoepfen und an neue Plaene
+herantreten.
+
+An diesem 1. November verfuegte Seine Majestaet der Kaiser meine Ernennung
+zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkraefte im Osten, auch wurde
+mein Befehlsbereich ueber die deutschen oestlichen Grenzgebiete erweitert.
+General Ludendorff blieb mein Chef. Die Fuehrung der 9. Armee wurde General
+von Mackensen uebertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge fuer
+die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das
+Ganze.
+
+Als unser Hauptquartier waehlen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin
+uebersiedeln, faellt in Czenstochau am 3. November die endgueltige
+Entscheidung ueber unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser,
+erhalten die neuen Absichten ihre endgueltige Form.
+
+
+
+ Unser Gegenangriff
+
+
+Der neue Plan gruendet sich auf folgende Erwaegung: Wuerden wir in der
+jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenueberstehenden 4 russischen
+Armeen frontal abzuwehren versuchen, so wuerde der Kampf gegen die
+erdrueckende Uebermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien
+ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten.
+Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu loesen. Ein solcher, gegen die
+Stirnseite des weit ueberlegenen Gegners gefuehrt, wuerde einfach
+zerschellen. Wir muessen ihn gegen die offene oder bloss schwach gedeckte
+feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner
+linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken.
+Suchen wir den feindlichen Nordfluegel in der Gegend von Lodz, so muessen
+wir unsere Angriffskraefte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser
+Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen
+uns damit weit vom oesterreichisch-ungarischen linken Heeresfluegel. Nur
+noch schwaechere deutsche Kraefte, darunter das hart mitgenommene
+Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen
+werden. Vorbedingung fuer unseren Linksabmarsch ist, dass das k. u. k.
+Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrueckenden Teile in
+die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht
+bedrohten Karpathenfront heranbefoerdert.
+
+Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten
+verbuendeten Streitkraefte im Osten in 3 grosse Gruppen verteilt. Die erste
+wird gebildet durch das oesterreichisch-ungarische Heer beiderseits der
+oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die
+Zwischenraeume zwischen diesen 3 Gruppen koennen wir durch vollwertige
+Kampftruppen nicht schliessen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km
+breite Luecke zwischen den Oesterreichern und unserer 9. Armee im
+wesentlichen neuformierte Verbaende einzuschieben. Diese besitzen an sich
+schon geringere Angriffskraft und muessen noch dazu an der Front einer
+maechtigen russischen Ueberlegenheit sich so breit ausdehnen, dass sie
+eigentlich nur einen duennen Schleier bilden. Rein zahlenmaessig beurteilt
+brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand
+mit Sicherheit zu ueberrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der
+8. Armee in den oestlichen Gebieten Ostpreussens befindet sich im
+wesentlichen nur Grenzschutz, verstaerkt durch die Hauptreserven aus Thorn
+und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenueber steht eine starke russische
+Gruppe von etwa 4 Armeekorps noerdlich von Warschau auf dem Nordufer der
+Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe koennte, wenn sie ueber Mlawa
+angesetzt wuerde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei
+Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rueckengebiet der
+8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in
+Schlesien und Ostpreussen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur
+schwach geschuetzte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz
+befreien. Es ist klar, dass diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch
+durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird.
+Diese Gefahr ist um so groesser, als wir weder zahlenmaessig hinreichende noch
+auch genuegend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen
+Heeresmassen im grossen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps
+noerdlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe
+frontal zu fesseln oder auch nur auf laengere Zeitspanne hinaus zu
+taeuschen. Wir werden freilich trotz alledem ueberall unsere Truppen zum
+Angriff vorgehen lassen, aber es waere doch ein gefaehrlicher Irrtum,
+hiervon sich allzuviel zu versprechen.
+
+Was an starken, angriffskraeftigen Verbaenden irgendwo freigemacht werden
+kann, muss zur Verstaerkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie fuehrt den
+entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muss
+2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor
+kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhaeltnissen freilich nicht
+mehr an der russischen Landesgrenze durchgefuehrt werden sondern muss in das
+Seengebiet und an die Angerapp zurueckverlegt werden; ein harter Entschluss.
+Die Gesamtstaerke der 9. Armee wird durch die geschilderte Massnahme auf
+etwa 51/2 Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren
+werden aus der Westfront herangefuehrt. Weitere Kraefte glaubt die Oberste
+Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu
+koennen. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen guenstigen Ausgang
+der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen
+sich erneut in ihrer ganzen Groesse und Bedeutung.
+
+Was auf unserer Seite an Kraeften fehlt, muss wieder durch Schnelligkeit und
+Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, dass in dieser Beziehung das
+Menschenmoegliche von seiten der Armeefuehrungen und Truppen geleistet
+werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am
+11. bricht sie los, mit dem linken Fluegel laengs der Weichsel, mit dem
+rechten noerdlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kuendet sich an,
+dass auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verraet, dass
+die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kraeften
+von der Ostsee bis einschliesslich Polen steht, am 14. November zu einem
+tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreissen dem
+russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere
+Operation erkennt, wagt er nicht, den grossen Stoss gegen Schlesien
+durchzufuehren, sondern wirft alle verfuegbaren Kraefte unserem Angriff
+entgegen. Schlesien ist damit vorlaeufig gerettet, der erste Zweck unserer
+Operation ist erreicht. Werden wir darueber hinaus eine grosse Entscheidung
+erringen koennen? Die feindliche Uebermacht ist allenthalben gewaltig.
+Trotzdem erhoffe ich Grosses!
+
+Es wuerde den Rahmen dieses Buches ueberschreiten, wollte ich nunmehr einen,
+wenn auch nur allgemeinen Ueberblick ueber die Kampfereignisse, die unter
+der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefasst sind, geben.
+
+In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfasstsein,
+Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten
+ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden
+Wildheit alle die Schlachten uebertrifft, die bisher an der Ostfront getobt
+hatten!
+
+Es war uns im Verein mit Oesterreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb
+Asiens abzudaemmen.
+
+Die Kaempfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern
+wurden auf beiden Seiten weiter genaehrt. Neue Kraefte kamen zu uns vom
+Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber
+mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem
+aehnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter
+uns hatten, naemlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem,
+mit ihnen die abgedaemmte russische Flut zum Zurueckweichen zu bringen. Und
+wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen wuerde. Unsere
+Kraefte zeigten sich jedoch schliesslich auch jetzt aehnlich wie in den
+Kaempfen von Lodz als nicht ausreichend genug fuer dieses Ringen gegen die
+ungeheuerste Ueberlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde
+gegenueberstand. Wir haetten mehr leisten koennen, wenn die Verstaerkungen
+nicht so tropfenweise eingetroffen waeren, wir also vermocht haetten, sie
+gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische
+Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit,
+dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie
+ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe.
+
+Erst der eingetretene Winter legte seine laehmenden Fesseln um die
+Taetigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien
+deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den
+kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung loesen?
+
+
+
+
+ 1915
+
+
+
+ Frage der Kriegsentscheidung
+
+
+Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in
+ihrer ganzen heldenhaften Groesse erst dann einwandfrei gewuerdigt werden,
+wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die
+Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irrefuehrenden Weise
+entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem
+ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, dass dies alles
+eintreten wird.
+
+Trotz der Groesse all unserer Leistungen fehlte aber die Kroenung des
+gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die
+augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkaempft. Die
+Vorstufe, die zu diesem fuehrte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer
+unserer Fronten. Wir mussten herauskommen aus der kriegerischen,
+politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnuerte und uns
+auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gruende fuer das bisherige
+Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die
+Tatsache bestand, dass unsere Oberste Heeresleitung sich genoetigt geglaubt
+hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig
+starke Kraefte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluss nicht auch
+eine Ueberschaetzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine grosse
+Rolle spielte, moechte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen
+Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht.
+
+In zahlreichen Gespraechen mit Offizieren, die einen Einblick in den
+Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen
+Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil
+ueber die Vorgaenge zu gewinnen, die fuer uns in der sogenannten
+Marneschlacht so verhaengnisvoll wurden. Ich glaube nicht, dass eine
+einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres grossen, zweifellos
+richtigen Feldzugsplanes traegt. Eine ganze Reihe unguenstiger Einwirkungen
+entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zaehle ich: Verwaesserung des
+Grundgedankens, mit einem starken rechten Fluegel aufzumarschieren,
+Festrennen des ueberstark gemachten linken Heeresfluegels durch falsche
+Selbsttaetigkeit der unteren Fuehrung, Verkennen der aus dem
+starkbefestigten, grossen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr,
+ungenuegendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der
+Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfuehlen der an sich nicht
+unguenstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden
+Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden
+hier ein dankbares Feld ihrer Taetigkeit haben.
+
+Mit aller Entschiedenheit moechte ich mich aber dahin aussprechen, dass das
+Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere
+Gefahr fuer uns brachte, dass dadurch aber keineswegs die Fortfuehrung des
+Krieges fuer uns aussichtslos geworden war. Waere dies nicht meine
+Ueberzeugung gewesen, so wuerde ich mich schon im Herbste 1914 fuer
+verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem
+Allerhoechsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige
+glaenzende und den Gegnern allenthalben ueberlegene Eigenschaften
+entwickelt, dass nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden
+Zusammenfassung unserer Kraefte trotz der feindlichen stets wachsenden
+zahlenmaessigen Ueberlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunaechst auf
+einem unserer Kriegstheater moeglich blieb.
+
+West oder Ost? Das musste die grosse Frage sein, von deren Beantwortung
+unser Schicksal abhing. Bei Loesung dieser Frage konnte mir
+selbstverstaendlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten
+Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und
+ausschliesslich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit
+auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und
+offen zu aeussern und zu vertreten.
+
+Fuer das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung
+traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen
+stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht
+hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch
+derjenige Gegner, der nach unser aller Ueberzeugung die zur Vernichtung
+Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenueber fand man bei uns die
+Begehrlichkeit Russlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige
+auf Ost- und Westpreussen nahm man nicht ernst.
+
+Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher
+damit rechnen, die fuehrenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des
+groessten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu
+verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer
+Heeresfuehrung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber
+weiss ich, dass der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und
+tausendfach muendlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand
+sogar spaeter, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen,
+die mir eine foermliche Schonung Russlands nahelegten. Man glaubte eben
+vielfach, dass es verhaeltnismaessig leicht fuer uns sei, mit Russland auf
+friedlichem Boden eine Verstaendigung zu finden.
+
+Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir
+als _ultima ratio_ fuer Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima
+ratio_, an die wir nur ueber den auf den Boden geworfenen Russen
+herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das
+Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre
+vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spaet
+geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gruendlich veraendert.
+Die Zahl und Kraft unserer uebrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins
+Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kaempfer trat an
+Stelle Russlands das jugendkraeftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika!
+
+Ich glaubte, die Frage, ob wir Russland niederzwingen koennten, im Winter
+1914/15 bejahen zu duerfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt.
+Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen grossen, ins Ungeheure
+gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und
+aehnlicher Schlachten. Hierfuer aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt
+hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Fuehrung der
+russischen Armeen guenstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses
+bewiesen; Lodz haette es beweisen koennen, vielleicht mit noch gewaltigeren
+Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar
+zu grosse Ueberlegenheiten haetten auf uns nehmen muessen und sozusagen mitten
+im Siege aus Mangel an Kraeften steckenblieben.
+
+Ich habe den Russen nie unterschaetzt. Es war nach meiner Ansicht falsch,
+in Russland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und
+Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kraefte waren auch dort am
+Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbstaendiger
+Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd.
+Wie haetten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie waeren
+anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern
+bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe
+von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen liess.
+Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Groesse menschlicher und
+geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres
+waren.
+
+Die bisherigen Kaempfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren
+und Soldaten das Gefuehl unbedingter Ueberlegenheit ueber diese Feinde
+gegeben. Dieses Gefuehl, das unsere alten Landstuermer ebenso wie unsere
+jungen Soldaten erfuellte, erklaerte es, dass wir hier im Osten
+Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine
+Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen haette. Ein
+ungeheurer Vorteil fuer uns, da wir zahlenmaessig so sehr den Gesamtgegnern
+unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbaende ihre
+Grenzen angesichts der grossen Anforderungen, die an die Ausdauer und an
+die operative Beweglichkeit der Truppe in den oestlichen Gebieten zu
+stellen waren. Die Hauptkraft musste immer wieder durch schlagkraeftige
+Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Fuehrung entscheidender
+Operationen noetige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mussten sie
+nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete,
+aus der westlichen Front gezogen werden.
+
+Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachtraeglicher
+Gedankenkonstruktionen oder rueckschauender Kritik. Man hat ihnen gegenueber
+darauf hingewiesen, dass der Russe jederzeit imstande sein wuerde, sich im
+Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit
+zurueckzuziehen, dass unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen muesste.
+Ich glaube, dass diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der
+Erinnerungen an 1812 befanden, dass sie der inzwischen eingetretenen
+Entwickelung und Aenderung der politischen und wirtschaftlichen
+Verhaeltnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die
+Eisenbahnen - nicht genuegend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug
+hatte seinerzeit nur einen verhaeltnismaessig schmalen Keil in das weite,
+duenn bevoelkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch voellig
+unerweckte Russland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite,
+moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhaeltnisse
+musste sie jetzt auch in Russland vorfinden?
+
+In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der
+damaligen deutschen Heeresfuehrung und meinem Oberkommando. Die
+Oeffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen.
+Von dramatischen Vorgaengen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch
+die Angelegenheit persoenlich ergriff. Ich ueberlasse die nachtraegliche
+sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch
+ueberzeugt, dass auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht
+kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben.
+
+
+
+ Kaempfe und Operationen im Osten
+
+
+Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten moechte ich nur in grossen
+Umrissen sprechen.
+
+Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen
+Staerke wieder wach. Voellig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber
+auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k.
+und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer
+Ueberflutung schuetzen mussten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not
+der Tage voruebergehend gerufen worden. Die inneren Gruende, die zu unserer
+damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden.
+Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese
+Verfuegung rueckgaengig zu machen, was Seine Majestaet auch gnaedigst
+bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurueck mit ernsten
+Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten ueber die Zustaende bei
+oesterreichisch-slawischen Truppenteilen.
+
+Dem k. u. k. Armee-Oberkommando musste der Gedanke zu einer entscheidenden
+Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er draengte sich ihm nicht
+nur aus militaerischen sondern auch aus politischen Gruenden auf. Die
+fortschreitende Abnahme des Wertes der oesterreichisch-ungarischen
+Kampfkraefte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein laengeres Hinziehen des
+Krieges verschlimmerte diese Zustaende augenscheinlich in dem Heere der
+Donaumonarchie verhaeltnismaessig rascher als beim gegenueberstehenden Feind.
+Dazu kam die oesterreichische Sorge, dass der drohende Verlust von Przemysl
+nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront
+wesentlich steigern werde, sondern dass auch unter dem Eindruck, den der
+Fall dieser Festung auf die Heimat machen musste, die schon jetzt nicht
+unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefuege und von
+Schwinden des Vertrauens auf ein guenstiges Kriegsende sich noch weiter
+verschaerfen wuerden. Auch fuehlte Oesterreich-Ungarn sich schon jetzt durch
+die politische Haltung Italiens im Ruecken bedroht. Ein grosser,
+erfolgreicher Schlag im Osten konnte die missliche Lage des Staates
+gruendlich aendern.
+
+Aus dieser Beurteilung der Verhaeltnisse heraus trat ich auf die Seite des
+Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung
+entscheidende Operationen auf dem oestlichen Kriegsschauplatz anregte. Die
+von mir fuer eine solche Entscheidung noetig befundenen Truppenstaerken
+glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfuegung stellen zu
+koennen. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines
+Befehlsbereiches nur ein einziger grosser Schlag, den wir in Ostpreussen
+fuehrten.
+
+4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfuegung aus der
+Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreussen ausgeladen,
+verstaerken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst
+von Eichhorn, marschieren auf und ruecken los, um seitlich beider Fluegel
+unserer in der Linie Loetzen-Gumbinnen gelegenen duennen
+Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Fluegelgruppen soll
+die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfasst werden,
+damit schliesslich durch deren Zusammenschluss im Osten auf Russlands Boden
+im grossen Massstabe alles zertruemmert werden kann, was noch vom Feinde etwa
+uebrig geblieben ist.
+
+Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im
+Hauptquartier zu Posen fuer unsere Armeefuehrer in folgende Worte gefasst:
+
+ "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Fluegel laengs der Linie
+ Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des noerdlichen Fluegels des Gegners
+ anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Koenigsberg und dem linken
+ Fluegel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Fluegel
+ der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und suedlich angreifen zu lassen."
+
+Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur
+Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7.
+ab die beiden Massen an den Fluegeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser
+ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es fuer die
+10. Russenarmee schliesslich bei Augustowo auch werden. Dort schloss sich am
+21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn
+100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugefuehrt wurden. Eine noch weit
+groessere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen.
+
+Das Ganze wurde auf Allerhoechsten Befehl Seiner Majestaet des Kaisers
+"Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer naeheren
+Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzaehlen? Ihr Name mutet
+an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der
+rueckblickende Mensch, wie wenn er sich fragen muesste: Haben wirklich
+irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Maerchen
+oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Zuege durch Winternaechte, jene Lager im
+eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluss der fuer den Feind so
+schrecklichen Kaempfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter
+menschlicher Phantasien?
+
+Trotz der grossen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die
+strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder
+imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu voellig zu vernichten,
+aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kraefte, herangezogen von
+anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen
+Verhaeltnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfuegbaren Mitteln zu
+keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Uebermacht war allzu
+gewaltig.
+
+Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf
+unsere Stellungen vorwaerts der altpreussischen Grenzgebiete. Gewaltige
+Bloecke waelzt der feindliche Heerfuehrer gegen uns heran, Bloecke von
+uebermaechtiger Groesse, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kraefte
+zusammen. Aber der deutsche Wille ueberwindet auch diese Belastung. Stroeme
+russischen Blutes fliessen in den moerderischen Kaempfen bis Fruehjahrsbeginn
+noerdlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf
+russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl
+schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft,
+die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der grosse
+deutsch-oesterreichisch-ungarische Stoss weit im Sueden die ganze russische
+Heeresfront erbeben macht.
+
+Nicht nur in den preussischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen
+wird in dieser Zeit mit aeusserster Erbitterung gefochten. Dort versucht der
+Russe auch ueber den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu
+bezwingen. Er fuehlt wohl mit Recht, dass ein Einbruch der russischen Flut
+in die magyarischen Laender den Krieg entscheiden koennte, dass das
+Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr ueberwinden wuerde. War es zu
+bezweifeln, dass der erste russische Kanonenschuss in der ungarischen
+Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den
+transsylvanischen Alpen finden wuerde? Der russische Grossfuerst wusste wohl,
+fuer welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den
+schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte.
+
+Die andauernd grosse Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre
+Rueckwirkung auf die politischen Verhaeltnisse forderten gebieterisch eine
+Loesung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie
+durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in
+Nordgalizien und fasste die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen
+Grenze in Flanke und Ruecken.
+
+Mein Oberkommando war zunaechst an der grossen Operation, die bei Gorlice
+ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen
+dieser grosszuegigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kraefte
+zu binden. Das geschah zunaechst durch Angriffe im grossen Weichselbogen
+westlich Warschau und an der ostpreussischen Grenze, in Richtung Kowno,
+dann aber im groesseren Stile durch ein am 27. April begonnenes
+Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoss von drei
+Kavalleriedivisionen, unterstuetzt von der gleichen Zahl
+Infanteriedivisionen, beruehrte eine empfindliche Stelle russischen
+Kriegsgebietes. Der Russe fuehlte wohl zum ersten Male, dass die wichtigsten
+Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch
+ein solches Vorgehen ernstlich gefaehrdet werden konnten. Er warf unserem
+Einbruch starke Kraefte entgegen. Die Kaempfe auf litauischem Boden zogen
+sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlasst, weitere Kraefte dorthin
+zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf
+den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberuehrten Gebieten dauernd zu
+erhalten. So entstand dort allmaehlich eine neue deutsche Armee. Sie
+erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee".
+
+Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in
+Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien uebergreifend, in den
+Herbstmonaten oestlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar
+kleinen Anfaengen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem
+verheerenden Weg mit sich reisst, so beginnt und verlaeuft dieser Zug in nie
+gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu
+unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlasst, als der Durchstoss ueber
+Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken naemlich die
+deutsch-oesterreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in noerdlicher
+Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der
+Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der suedlichen Haelfte fast
+bis zur Zersprengung eingedrueckt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten
+festgehalten, hat eine neue maechtige Flanke zwischen der Weichsel und den
+Pripetsuempfen nach Sueden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des
+russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den
+Ruecken der russischen Heeresmacht gelingt.
+
+Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht fuehrte, draengt sich aufs neue auf,
+diesmal vielleicht in noch groesseren Umrissen. Jetzt muss von Ostpreussen her
+der Schlag angesetzt werden, am naechsten und wirkungsvollsten ueber
+Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser
+Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es
+bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder oestlich
+dieser Linie. Der Stoss in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich
+moechte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung
+oestlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste
+Heeresleitung verschloss sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die
+westliche Stossrichtung fuer kuerzer und glaubte auch hier an grosse Erfolge.
+Sie forderte also den Angriff ueber den unteren Narew. Ich glaubte meinen
+Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben,
+die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen
+abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zaehe an
+unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die uebrigens weder
+irgendwelchen Einfluss auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln
+hatte, noch die Kraft beeintraechtigte, mit der wir den Entschluss der
+verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten.
+Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem
+Angriff begab ich mich persoenlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die
+mir als meisterhaft bekannte Taetigkeit des Armee-Oberkommandos
+irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil
+ich wusste, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste
+Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich
+wollte zur Stelle sein, um noetigenfalls sofort eingreifen zu koennen, wenn
+das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen fuer die
+Durchfuehrung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches
+bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstuermung des
+schon frueher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das
+Gelaende suedlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew.
+Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbuendeten
+Armeen beginnt der Russe allmaehlich, auf allen Seiten zu weichen und sich
+der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung faengt
+an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir koennen auf diesem Wege
+die Fruechte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder
+aufs neue gesaet werden. Wir greifen daher unsern frueheren Gedanken wieder
+auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen ueber Kowno auf
+Wilna vordruecken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die
+Pripet-Suempfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu
+durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert
+unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger staerker erlahmt als der
+Verfolgte.
+
+In diesen Zeitraum faellt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung
+hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brueckenkopf bisher noch
+keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt fuer
+uns von Wert, weil sie die ueber Mlawa nach Warschau fuehrende Bahn sperrte.
+Unmittelbar vor der Uebergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor
+dem Waffenplatz zusammen und fuhr spaeter in seinem Gefolge in die Stadt.
+Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezuendeten Kasernen
+und andere militaerische Gebaeude. Grosse Massen von Gefangenen standen
+herum. Auffallend war es, dass die Russen vor der Uebergabe ihre Pferde
+reihenweise erschossen hatten, wohl in der Ueberzeugung von dem
+ausserordentlichen Werte, den diese Tiere fuer unsere Operationen im Osten
+hatten. Unser Gegner benahm sich ueberhaupt in der Zerstoerung aller Mittel
+und Vorraete, die dem siegreichen Feinde fuer die Kriegfuehrung von
+irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets ausserordentlich gruendlich.
+
+Um wenigstens freie Bahn fuer ein spaeteres Vorgehen gegen Wilna zu
+schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten
+vorbrechen. Mitte August faellt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee.
+Der Weg gegen Wilna ist geoeffnet, aber noch immer fehlen die Kraefte zur
+weiteren Durchfuehrung unseres grossen operativen Gedankens. Sie bleiben
+vorlaeufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis
+Verstaerkungen herangeholt werden koennen. Unterdessen weicht aber der Russe
+weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine
+Hauptkraefte dem Verderben entziehen kann.
+
+Erst am 9. September koennen wir vorwaerts auf Wilna. Moeglicherweise kann in
+dieser Richtung auch jetzt noch Grosses gewonnen werden. Hunderttausende
+russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen
+mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir
+zu spaet? Sind wir kraeftig genug? Doch nur vorwaerts, ueber Wilna hinaus und
+dann nach Sueden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische
+Lebensader. Druecken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche
+Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es
+abzuwenden. Ein moerderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene
+Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen.
+Unsere Kavalleriedivisionen muessen vor deren Rueckstau wieder zurueck. Die
+Bahnlinie ins Herz der Heimat wird fuer den Gegner wieder frei. Wir sind zu
+spaet gekommen, und wir ermatten!
+
+Ich taeusche mich wohl nicht in der Annahme, dass der Gegensatz zwischen den
+Anschauungen der deutschen Obersten Fuehrung und den unserigen ein
+geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir duerfen bei der
+Beurteilung der Plaene der Heeresleitung den Blick ueber das Gesamtbild des
+Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses
+Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und
+kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt haetten, mag
+uneroertert bleiben.
+
+
+
+ Loetzen
+
+
+Aus diesem ernsten Gedankenstreit moechte ich zu einer idyllischeren Seite
+unseres Kriegslebens im Jahre 1915 uebergehen, indem ich mich in meinen
+Erinnerungen nach Loetzen begebe.
+
+Das freundlich zwischen Seen, Wald und Hoehen gelegene Staedtchen wurde
+unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen
+begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,
+gewaehrten uns eine ruehrend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch
+des Landverkehrs auf den ohne zu grossen Zeitverlust erreichbaren Guetern,
+der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung,
+Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu
+kurz; den Hoehepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestaet die
+Erlegung eines besonders starken Elches im Koeniglichen Jagdrevier
+Niemonien am Kurischen Haff.
+
+Als im Fruehjahr allmaehlich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann,
+fehlte es uns, ebensowenig wie spaeter im Sommer, nicht an Besuchern
+jeglicher Art. Deutsche Fuerstlichkeiten, Politiker, Maenner aus
+wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte
+kamen zu uns, gefuehrt durch das Interesse, das die sonst so wenig
+besuchten oestlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen
+hatten. Kuenstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch
+Pinsel oder Meissel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller
+Liebenswuerdigkeit und Tuechtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten
+unserer knappen Freistunden verzichtet haetten. Auch das neutrale Ausland
+stellte Gaeste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den
+bekannten Asienreisenden und ueberzeugten Deutschenfreund, kennen und
+schaetzen.
+
+Unter den Staatsmaennern, die uns in Loetzen besuchten, nenne ich besonders
+den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Grossadmiral von
+Tirpitz.
+
+Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den
+Reichskanzler bei mir begruessen zu koennen. Seine Besuche entsprangen in
+erster Linie seiner persoenlichen Liebenswuerdigkeit und standen in keinem
+Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch
+nicht, dass die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals
+beruehrten. Wohl aber gewann ich die Ueberzeugung, dass ich es mit einem
+klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen ueber die
+damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem
+Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefuehl
+sprach aus allen Aeusserungen des Kanzlers. Diesem Gefuehl schrieb ich es zu,
+wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach
+meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen
+etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.
+
+Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Loetzen bestaetigt.
+
+Grossadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger fuer
+Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine voellig anders geartete
+Persoenlichkeit. Auf einem laengeren Spaziergang trug er mir alle die
+Schmerzen vor, die sein flammendes vaterlaendisches und ganz besonders sein
+seemaennisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, dass er die gewaltige
+waehrend der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im
+Kriege in den heimatlichen Haefen festgebannt sah. Gewiss war die Lage fuer
+eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit
+langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens wuerde die ueberaus grosse
+Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenueber dem Phantom einer
+deutschen Landung eine groessere Taetigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer
+Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht fuer ausgeschlossen, dass
+durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer
+Heereskraefte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres
+erreicht werden konnte. Man sagt, dass unsere Politik sich die Moeglichkeit
+schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte
+deutsche Seekraft hinweisen zu koennen. Eine solche Rechnung waere wohl
+irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nuetzen
+wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.
+
+Im Fruehjahr 1916 ist der Wunsch des Grossadmirals doch noch in Erfuellung
+gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak
+glaenzend gezeigt.
+
+Auch ueber die Frage unserer Unterseebootkriegfuehrung aeusserte sich Herr von
+Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, dass wir diese Waffe zur Unzeit gezueckt
+haetten, und dass wir dann, eingeschuechtert durch das Verhalten des
+Praesidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen
+Arm ebenso zur Unzeit wieder haetten sinken lassen. Die damaligen
+Ausfuehrungen des Grossadmirals konnten auf meine spaetere Stellungnahme zu
+dieser Frage keinen Einfluss ausueben. Bis die Entscheidung hierueber an mich
+herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum
+hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten
+verschoben und war andererseits die Leistungsfaehigkeit unserer Marine auf
+dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.
+
+
+
+ Kowno
+
+
+Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
+besetzte Feindesland.
+
+Zu der bisherigen Taetigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die
+Arbeiten fuer die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnuetzung des
+Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die
+hieraus erwachsende Beschaeftigung waere allein genuegend gewesen, die
+Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
+Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem uebrigen Dienste und
+widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.
+
+Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den
+Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
+kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
+wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
+noch, in viertaegigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
+1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
+ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewaehrten Haenden des
+bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die
+reichen Holzbestaende nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.
+
+Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
+Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Woelfe zogen
+es vor, ausserhalb meiner Schussweite durch die Lappen zu gehen. Von den
+Kaempferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schuetzengraeben. Sonst war
+das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst
+beruehrte, voellig aufgeraeumt.
+
+In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jaehriges Dienstjubilaeum. Mit Dank
+gegen Gott und meinen Kaiser und Koenig, der mir den Tag durch gnaediges
+Meingedenken verschoente, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurueck,
+das ich in Krieg und Frieden im Dienste fuer Thron und Vaterland durchlebt
+hatte.
+
+Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des franzoesischen Heeres nach
+Osten ueber den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den
+tragischen Ausgang dieses kuehnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
+Hoffnung ausgeloest, dass auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
+Sumpfgebieten Russlands einem aehnlichen Schicksal durch Hunger, Kaelte und
+Krankheiten erliegen wuerden wie die stolzen Armeen des grossen Korsen. Man
+verkuendete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Ueberzeugung
+als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber
+unsere Sorgen fuer die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine
+geringen. Wussten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit
+immer noch verhaeltnismaessig oeden, vielfach von ansteckenden Krankheiten
+durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen
+hatten.
+
+
+
+
+ Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August
+
+
+
+ Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront
+
+
+Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen
+Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der
+Operationen und Kaempfe dieses Jahres lag fuer uns etwas Unbefriedigendes.
+Der russische Baer hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus
+mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter
+wilden Anfaellen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit
+beweisen, dass er noch Lebenskraft genug uebrig hatte, um uns auch weiterhin
+das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, dass die
+russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend waeren,
+dass wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein wuerden. Wir
+beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit
+Misstrauen, und bald sollte sich zeigen, dass dieses Misstrauen
+gerechtfertigt war.
+
+Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen koennen.
+Zeigte sich doch bald, dass der Russe an alles eher dachte, als sich stille
+zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darueber hinaus nach Sueden,
+war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne dass man zuerst
+die Absichten der russischen Fuehrung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt
+die Gegenden von Smorgon, Duenaburg und Riga fuer besondere Gefahrpunkte vor
+unseren Stellungen. In diese Gebiete fuehrten die leistungsfaehigsten
+russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen fuer einen feindlichen
+Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.
+
+Die Taetigkeit im Rueckengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Ueberlaeufer
+klagten ueber die harte Zucht, der die zurueckgezogenen Divisionen
+unterworfen wuerden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.
+
+Das Staerkeverhaeltnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten
+der Ruhe fuer uns ausserordentlich unguenstig. Wir mussten damit rechnen, dass
+durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte
+(9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone)
+gegenueberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den
+Anforderungen an die Kraefte unserer Truppen gegenueber den feindlichen mehr
+als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemaess nicht nur im
+Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen taeglichen
+Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei
+der grossen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und
+Strassenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzaehlige Arbeiten fuer
+die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw.
+machten das Wort "Ruhe" fuer Offizier und Mann meist zu einem voellig leeren
+Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen
+durchaus gut. Wuerde unser Sanitaetsdienst nicht auf der Hoehe gestanden
+haben, auf der er sich tatsaechlich befand, so haetten wir schon aus diesem
+Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten koennen. Die Leistungen
+unseres Feldsanitaetswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
+Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
+Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe fuer einen grossen Zweck
+erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar
+gemacht werden.
+
+Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
+Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der
+Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners
+an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, dass der Russe die
+von seinen leistungsfaehigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem
+seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Fuehrung
+infolge der Gelaendegestaltung nur geringe Armfreiheit liessen, zu einem
+wirklich grossen Schlage auswaehlen wuerde. Die kommenden Ereignisse
+belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.
+
+Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
+Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir haetten sonst wohl
+nicht geglaubt, dass wir mit den von uns allmaehlich im Gebiete des
+Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort
+bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten
+vermoechten. Aber diese Gegenueberstellung gibt, wie eine auf unsere
+Feststellungen gestuetzte Veroeffentlichung ausfuehrt, doch nur ein ungenaues
+Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze
+Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die
+russischen Divisionen nicht etwa gleichmaessig in breiter Front gegen die
+Deutschen vorstiessen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei maechtigen
+Stossgruppen vor den Fluegeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die
+noerdliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen
+Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunaechst nur 4
+deutsche Bataillone standen, waehrend die suedliche mit
+8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee
+und Wisznewsee einzudruecken suchte, die von unserer 75. Reservedivision
+und der verstaerkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128
+russische gegen 19 deutsche Bataillone!
+
+Am 18. Maerz bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen
+Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Staerke noch nie zu
+durchleben gehabt hatte, stuermen die feindlichen Massen gleich einer
+ununterbrochenen Sturzflut auf unsere duennbesetzten Stellungen. Doch
+vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene
+Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst maehen zurueckgehaltene
+feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu
+weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu
+foermlichen Huegeln haeufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front.
+Die Anstrengungen fuer den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
+gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter fuellt die Schuetzengraeben mit
+Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfliessenden
+Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis
+zur teilweisen Bewegungsunfaehigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die
+Gliedmassen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft
+und Kampfeswille in diesen Koerpern, um die feindlichen Anstuerme immer
+wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens,
+und vom 25. Maerz ab koennen wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am
+Naroczsee blicken.
+
+Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung
+entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermassen aus:
+
+ "Welcher groessere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
+ ergibt folgender Befehl des russischen Hoechstkommandierenden der Armeen
+ an der Westfront vom 4. (17.) Maerz, Nr. 537:
+
+ "Truppen der Westfront!
+
+ Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwaecht, mit einer geringeren
+ Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
+ nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
+ aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.
+
+ Seine Majestaet und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
+ Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn
+ ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an
+ euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heisse
+ Liebe zur Heimat davon ueberzeugt, dass ihr eure heilige Pflicht gegen den
+ Zaren und die Heimat erfuellen und eure unter dem Joche des Feindes
+ seufzenden Brueder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen
+ Sache!
+
+ Generaladjutant gez. Ewert."
+
+ Freilich ist es fuer jeden Kenner der Verhaeltnisse erstaunlich, dass ein
+ solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner
+ Durchfuehrung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze
+ bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes
+ ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Fuehrung als dem
+ Zwang durch einen notleidenden Verbuendeten zuzuschreiben.
+
+ Wenn nunmehr die gegenwaertige Einstellung der Angriffe von amtlicher
+ russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklaert wird, so
+ ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der
+ aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rueckschlage
+ beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schaetzung auf mindestens
+ 140.000 Mann berechnet. Richtiger wuerde die feindliche Heeresleitung
+ daher sagen, dass die grosse Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern
+ in Sumpf und Blut erstickt ist."
+
+Der Beschreibung dieser Fruehjahrskaempfe durch einen deutschen Offizier
+entnehme ich zum Schluss folgende Stelle:
+
+ "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an
+ der Postawyfront die Parade ueber die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr
+ Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen
+ Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und
+ Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade
+ entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte
+ die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da fuer einen Augenblick
+ Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem,
+ vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Fruehlingssonne leuchtete als
+ Siegessonne ueber der Hindenburgfront ..."
+
+Das war mein Anteil an der Naroczschlacht.
+
+
+
+ Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront
+
+
+"Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres
+ab haeufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu
+sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken
+hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in
+unserer Hand, das musste die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich
+festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten
+Druckstelle da drueben endgueltig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der
+Eroberung der Festung noch weitere operative Moeglichkeiten in suedlicher
+und westlicher Richtung.
+
+Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner
+Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand,
+das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine
+Durchfuehrbarkeit als unmoeglich erweisen oder die dafuer noetigen Opfer als
+zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kuehnste, das
+Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht
+schon wiederholt glaenzend gelungen?
+
+Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen,
+sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang
+damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten
+herueber und erhebt die Gemueter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und
+Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich
+liegt in dem Angriff auf Verdun fuer uns auch ein bitteres Gefuehl. Bedeutet
+das Unternehmen doch das endgueltige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier
+im Osten.
+
+Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung
+genannt. Die Bedenken fangen allmaehlich an, zu ueberwiegen, man spricht sie
+aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen
+zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so
+unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon
+erkennbar ist? Waere es nicht moeglich, an die Stelle dieser rein oertlichen
+Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestuetzten noerdlichen
+Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienfuehrung unserer Aufstellung
+zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnuerende Operation
+treten zu lassen? Erst spaetere Zeiten werden nach unparteiischer Pruefung
+ueber die Berechtigung dieser Fragen urteilen koennen.
+
+
+
+Noch ein anderes Wort tritt spaeterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum
+ersten Male erwaehnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch
+Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit groesserem und staerkerem als
+Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken.
+Der Plan eines oesterreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kuehn
+und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militaerisches Anrecht auf
+Gelingen. Was diesen Plan aber als ueberkuehn erscheinen laesst, das ist
+unsere Einschaetzung des Instrumentes, mit dem er durchgefuehrt wird. Wenn
+gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die
+nicht bloss Oesterreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und
+Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Russland? Russland ist aber nicht so
+geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die
+ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer
+Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenueber der so manche mit slawischen
+Elementen stark durchsetzten oesterreichisch-ungarischen Heeresverbaende
+sich bisher als wenig widerstandsfaehig erwiesen haben.
+
+Die Sorge bei uns waechst trotz der Siegesmeldungen aus Italien taeglich
+mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch
+die nunmehr eintretenden Ereignisse suedlich des Pripet. Am 4. Juni stuerzt
+die oesterreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina
+auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis
+des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als
+diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches
+deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um
+Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.
+
+Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinueber, aber zum
+Heile fuer das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So koennen wir
+wenigstens helfen, wo die Not am groessten ist.
+
+Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwaecht in
+seinen Stellungen. Den ersten Erfolg suedlich des Pripet hat er daher nicht
+durch seinen sonst gewohnten Einsatz ueberlegener Massen sondern mit
+verhaeltnismaessig schwachen Kraeften erreicht.
+
+ "Der Plan Brussilows muss eingangs streng genommen als eine Erkundung
+ aufgefasst werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige
+ Ausdehnungen und mit kuehner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine
+ Erkundung, kein Schlag mit einem gewaehlten Ziel ... Seine Aufgabe war
+ es, die Staerke der gegnerischen Linien anzufuehlen auf einer Front von
+ nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumaenien. Brussilow glich einem Manne,
+ der an eine Mauer schlaegt, um herauszubringen, welche Teile solider
+ Stein und welche nur Latten und Moertel waren."
+
+So schrieb ein Auslaender ueber Brussilows erste Schlachttage. Und dieser
+Auslaender sagt einwandfrei das Richtige.
+
+Die oesterreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine,
+sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein
+braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer
+Front weg herangefuehrt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden
+koennen? Nur eine starke Saeule bleibt zunaechst noch inmitten dieser
+Brandung. Es ist die Suedarmee unter ihrem trefflichen General Grafen
+Bothmer. Deutsche, Oesterreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.
+
+Was auf unserem Teil der grossen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr
+nach dem Sueden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.
+
+Inzwischen verduestert sich auch die Lage an der Westfront.
+Franzoesisch-englische Uebermacht wirft sich auf unsere verhaeltnismaessig
+schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drueckt die
+Verteidigung ein. Ja es droht voruebergehend die Gefahr eines vollendeten
+Durchbruchs!
+
+Mein Allerhoechster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef
+zweimal zu Beratungen ueber die schwere Lage an der Ostfront in sein
+Hauptquartier nach Pless. Das letzte Mal, Ende Juli, faellt dort die
+Entscheidung ueber die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die
+deutsche Oberste Heeresleitung hat von Oesterreich-Ungarn als Entgelt fuer
+die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewaehr fuer straffere
+Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde
+meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, oestlich Lemberg,
+ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbaende wurden mir unterstellt.
+
+Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden
+bei den oesterreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und
+rueckhaltslose Kritik der eigenen Schwaechen. Freilich, die Erkenntnis war
+nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die
+vorhandenen Schaeden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so
+bedurfte es in diesem Voelkergemisch einer alles beherrschenden,
+durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst musste auch das
+beste Blut in diesem Koerper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.
+
+Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlasste mich zur Verlegung meines
+Hauptquartiers nach Sueden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am
+28. August mittags der Befehl Seiner Majestaet des Kaisers, baldmoeglichst
+in sein Grosses Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des
+Militaerkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!"
+
+Ich lege den Hoerapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow
+und die oesterreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumaenien hat uns
+den Krieg erklaert." Starke Nerven werden noetig sein!
+
+
+
+
+
+ DRITTER TEIL
+
+
+ VON DER UeBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRUeMMERUNG
+ RUSSLANDS
+
+
+
+
+ Berufung zur Obersten Heeresleitung
+
+
+
+ Chef des Generalstabes des Feldheeres
+
+
+Es war bekanntlich nicht das erste Mal, dass mich mein Kaiserlicher und
+Koeniglicher Herr zur Besprechung ueber militaerische Lagen und Absichten zu
+sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, dass Seine Majestaet meine
+Anschauungen ueber eine bestimmte Frage persoenlich und muendlich hoeren
+wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das
+fuer einen solchen unbedingt noetige Gepaeck mit mir. Am 29. August
+vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pless ein. Auf dem
+Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des
+Militaerkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die fuer mich und
+General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen.
+
+Vor dem Schlosse in Pless traf ich meinen Allerhoechsten Kriegsherrn selbst,
+der das Eintreffen Ihrer Majestaet der Kaiserin, die von Berlin aus kurz
+nach mir Pless erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begruesste mich sogleich
+als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als
+meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von
+Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veraenderung in der
+Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestaet in meiner Gegenwart
+mitteilte, nicht weniger ueberrascht als ich selbst. Ich erwaehne dies, weil
+auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat.
+
+Die Uebernahme der Geschaefte aus den Haenden meines Vorgaengers vollzog sich
+bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit
+den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!"
+
+Welche Gruende unsere ploetzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis
+veranlassten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines
+Vorgaengers stets ehrend gedachte, weder bei der Uebernahme meiner neuen
+Stellung noch spaeter. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu
+machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Draengten
+sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden.
+
+
+
+ Kriegslage Ende August 1916
+
+
+Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
+erfolgte, war nach den ersten Eindruecken, die ich gewann, folgende:
+
+Die Verhaeltnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
+nicht in unsere Haende gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
+franzoesischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
+Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht.
+Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden,
+aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das
+Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in
+die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand aeusserster
+Zerreissprobe.
+
+Im Osten war die russische Offensive im Suedostteil der Karpathen bis auf
+den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
+Landes mit den jetzt verfuegbaren Kraeften gegen neue Anstuerme zu behaupten
+sein wuerde, musste nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch
+im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs aeusserste
+gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas
+nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, dass diese Ruhe von laengerer
+Dauer sein wuerde.
+
+Der oesterreichisch-ungarische Angriff aus Suedtirol hatte angesichts des
+Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden muessen. Der
+Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront ueber.
+Diese Kaempfe zehrten in starkem Masse an den oesterreichisch-ungarischen
+Heereskraeften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhaeltnissen
+gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit, wert des hoechsten Ruhmes
+schlugen.
+
+Von Wichtigkeit fuer die Gesamtlage wie fuer die Not des Augenblickes waren
+schliesslich auch die derzeitigen Verhaeltnisse auf dem Balkan. Die von den
+Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive
+gegen Sarrail hatte nach anfaenglichen Erfolgen abgebrochen werden muessen.
+Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumaenien vom Eingreifen
+in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.
+
+Die Vorhand lag zur Zeit ueberall in den Haenden unserer Gegner. Es war
+damit zu rechnen, dass diese alle Kraefte einsetzen wuerden, uns weiter unter
+diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und
+erfolgreiche Kriegsbeendigung mussten die gegnerischen Verbuendeten auf
+allen Fronten zu den groessten Kraftanstrengungen und zu den schwersten
+Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem
+Todesstoss gegen die Mittelmaechte zu beteiligen, zu dem Rumaenien das
+siegessichere Halali blies!
+
+Die augenblicklich freien und verfuegbaren Reserven des deutschen sowie des
+oesterreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der
+zunaechst bedrohten siebenbuergisch-rumaenischen Grenze nur schwache
+Postierungen, groesstenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbuergens
+waren abgekaempfte oesterreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum
+Teil gefechtsunbrauchbare Truemmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
+begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Staerke, um fuer einen
+ernsten Widerstand gegen einen rumaenischen Einfall in das Land in Betracht
+kommen zu koennen. Die Verhaeltnisse auf dem suedlichen Donauufer waren in
+dieser Beziehung fuer uns guenstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und
+deutschen Verbaenden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete
+der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwaerts in Versammlung begriffen,
+zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Staerke.
+
+Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
+Stellen unseres europaeischen Kriegsschauplatzes, naemlich an den
+rumaenischen Grenzen, verfuegbar war. Weiterer Kraeftebedarf musste entweder
+aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekaempften und der Ruhe
+beduerftigen Verbaenden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
+Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
+Verhaeltnisse bei uns wie bei unseren Verbuendeten nicht guenstig. Die
+Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhoehter Anspannung
+bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Geraet und Schiessbedarf
+durch die lange Dauer und den Umfang der Kaempfe auf allen Fronten ein
+solch ungeheurer geworden, dass die Gefahr einer Laehmung unserer
+Kriegfuehrung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
+die Lage in der Tuerkei komme ich spaeter zurueck.
+
+
+
+ Politische Lage
+
+
+Nicht nur die ersten Eindruecke ueber die militaerische, sondern auch
+diejenigen ueber die politische Gesamtgestaltung beduerfen einer kurzen
+Darlegung. Ich beginne mit den Verhaeltnissen in unserem eigenen
+Vaterlande.
+
+Als mir die Leitung der Operationen uebertragen wurde, hielt ich die
+Stimmung in unserer Heimat zwar nicht fuer verzagt, aber doch fuer ernst.
+Kein Zweifel, dass man dort durch manche kriegerischen Vorgaenge der letzten
+Monate enttaeuscht war. Dazu kam, dass sich die Not des taeglichen Lebens
+wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter
+den fuer ihn ungewoehnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhaeltnissen. Die
+Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren
+maessig.
+
+Die Kriegserklaerung Rumaeniens bedeutete unter diesen Verhaeltnissen eine
+weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das
+Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und
+wie stark diese Stimmung anhalten werde, liess sich freilich nicht
+vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der naechsten Zeit
+musste in dieser Hinsicht entscheidend wirken.
+
+Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbuendeten betrifft, so
+sollten wir diese nach den propagandistischen Aeusserungen der gegnerischen
+Presse waehrend des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet,
+wir hielten Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Tuerkei sozusagen am Halse
+fest, bereit sie zu wuergen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und
+doch konnte es kaum eine groessere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes
+geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, dass sich nirgends die
+Schwaeche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in
+der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen
+Bundesgenossen.
+
+Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt haette, offen
+Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder
+Zeit imstande, diesen Verbuendeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der
+einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Aehnlich stark und unbedingt
+herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenueber. Unabhaengiger war in
+dieser Beziehung wohl nur Russland; aber auch die politische
+Selbstaendigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und
+finanziellen Gruenden England gegenueber ihre Grenzen. Wie viel unguenstiger
+war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen,
+wirtschaftlichen oder militaerischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um
+etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen
+entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen
+oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fuehlten, hatten
+wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese
+unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwaeche unserer gesamten Lage
+hervorzuheben.
+
+Nunmehr zu den einzelnen Verbuendeten.
+
+Die innerpolitischen Verhaeltnisse in Oesterreich-Ungarn hatten sich im
+Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige
+politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pless
+unserer Reichsleitung gegenueber kein Hehl daraus gemacht, dass die
+Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militaerische und politische
+Misserfolge nicht mehr vertrug. Die Enttaeuschung ueber das Scheitern der mit
+allzu lauten Verheissungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine
+tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der
+galizisch-wolhynischen Front liess in der grossen Masse des
+oesterreichisch-ungarischen Volkes einen misstrauischen Pessimismus
+aufkommen, der in der Volksvertretung ein rueckhaltloses Echo fand. Die
+leitenden Kreise Oesterreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung
+dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, dass solche
+bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herueberklangen. Man traute
+sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kraefte nicht
+zusammenzufassen wusste, misstraute man deren Groesse. Bei diesem Urteil
+verkenne ich nicht, dass die politischen Schwierigkeiten der
+Doppelmonarchie unendlich viel groesser waren, als diejenigen unseres
+geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine
+ernste. Besonders litten die deutsch-oesterreichischen Landesteile bitter
+unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der
+Buendnistreue Oesterreich-Ungarns irgendwie zu misstrauen. Jedoch musste unter
+allen Umstaenden dafuer gesorgt werden, dass das Land von dem auf ihm
+liegenden Druck baldmoeglichst entlastet wurde.
+
+Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Oesterreich-Ungarn
+lagen die innerpolitischen Verhaeltnisse in Bulgarien. Das Land fuehrte mit
+dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen
+gleichzeitig den Kampf um seine endgueltige Vormachtstellung auf dem
+Balkan. Die mit den Mittelmaechten und der Tuerkei abgeschlossenen Vertraege
+im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens
+weitgehenden Wuenschen sichere Erfuellung bringen zu wollen. Das Land war
+freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschoepft in den neuen Krieg
+eingetreten. Ausserdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit
+jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912.
+Diesmal war es mehr von der kuehlen Berechnung seiner Staatsmaenner als von
+nationalem Schwung gefuehrt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im
+jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fuehlte und keine
+starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zoegern mit der
+Kriegserklaerung an Rumaenien - sie war bei meinem Eintreffen in Pless noch
+nicht erfolgt - lediglich ein Ausfluss dieser Stimmung war, moechte ich
+freilich heute noch bezweifeln. Die Verhaeltnisse in der
+Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Massstabe gemessen,
+gute.
+
+Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, dass unser Buendnis mit
+Bulgarien eine etwaige militaerische Belastungsprobe vertragen wuerde.
+
+Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Tuerkei entgegen. Das
+osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach
+politischer Machterweiterung. Seine fuehrenden Persoenlichkeiten, allen
+voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, dass es fuer die Tuerkei in dem
+ausgebrochenen Kampfe keine Neutralitaet geben koenne. Man kann sich in der
+Tat nicht vorstellen, dass Russland und die Westmaechte die einschraenkenden
+Bestimmungen ueber die Benutzung der Meerengen auf die Dauer haetten
+beruecksichtigen koennen. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete fuer die Tuerkei
+eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie fuer uns
+andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an
+laut und deutlich zu verkuenden.
+
+Die Tuerkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Staerke entwickelt, die alle
+in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegfuehrung ueberraschte Freunde wie
+Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kraefte auf allen asiatischen
+Kriegsschauplaetzen. Man hat in Deutschland spaeterhin oftmals den Vorwurf
+gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, dass sie zur Staerkung der
+Kampfkraft der Tuerkei ihre eigenen Mittel zersplittert haette. Man
+beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene
+Unterstuetzungen den Bundesgenossen andauernd befaehigten, mehrere
+100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren
+mitteleuropaeischen Kriegsschauplaetzen fernzuhalten.
+
+
+
+ Die deutsche Oberste Kriegsleitung
+
+
+Die Erfahrungen des Fruehjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit
+ergeben, eine fuehrende und voll verantwortliche Befehlsstelle fuer uns und
+unsere verbuendeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden
+Staatshaeuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde
+Seiner Majestaet dem Deutschen Kaiser uebertragen. Der Chef des
+Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage
+dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und
+Vereinbarungen mit den verbuendeten Heereschefs zu treffen.
+
+Bei dem grossen Entgegenkommen und der verstaendnisvollen Mitarbeit der mir
+im uebrigen gleichgestellten Chefs der verbuendeten Heere konnte ich die
+Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische
+Entscheidungen beschraenken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und
+wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten
+Kriegsleitung.
+
+Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbuendeten die
+leitenden Gesichtspunkte fuer die gesamte Kriegsfuehrung zu geben und ihre
+Kraefte und Taetigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
+zusammenzufassen. Unser aller Interessen wuerde es entsprochen haben, wenn
+die Oberste Kriegsleitung unter Zurueckstellung der einzelnen
+Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner fuer die Entscheidung
+nebensaechlicher Ruecksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der
+Hauptkriegsschauplaetze haette erzwingen koennen. Im unabaenderlichen Wesen
+des Koalitionskrieges lag es aber, dass unserer Obersten Kriegsleitung
+durch Ruecksichten aller moeglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet
+wurden.
+
+Es ist bekannt, dass Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen
+gegenueber in weit hoeherem Masse der gebende als der empfangende Teil war.
+Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung
+vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne
+Bundesgenossen haette durchfuehren koennen. Auch liegt in der vielfach
+ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krueppelhafte
+Verbuendete gestuetzt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine
+einseitige Uebertreibung. Man uebersieht dabei, dass auch unsere Verbuendeten
+vielerorts starke feindliche Ueberlegenheiten auf sich gezogen hatten.
+
+Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurueckwende, so habe ich den
+Eindruck, dass nicht in grossen Operationen, sondern in dem Ausgleich
+verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der
+schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten
+Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den
+meisten Faellen politische Verhaeltnisse dringender geltend machten, als
+militaerische Gruende. Eine ganz besondere Erschwerung lag fuer unsere Plaene
+und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbuendeten Heere. Wir
+mussten nach Uebernahme der Obersten Heeresleitung erst allmaehlich lernen,
+was wir von den Waffen unserer Verbuendeten erwarten und verlangen konnten.
+
+Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem
+Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen
+kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an
+unsere eigenen Kraefte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollstaendig.
+Der Hauptgrund fuer den Rueckgang des Durchschnittswertes der k. u. k.
+Truppenteile lag unbestrittenermassen in der ausserordentlichen
+Erschuetterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrueckte,
+ueberkuehnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und
+Polen erlitten hatte. Man hat nachtraeglich behauptet, dass die
+oesterreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm
+der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht haette sich aber dieses
+auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen
+lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals
+erlittenen Verlusten wieder, das oesterreichisch-ungarische aber nicht
+mehr, ja es schlug der kuehne Unternehmungsgeist Oesterreich-Ungarns in eine
+dauernde Ueberempfindlichkeit gegenueber den russischen Massen um. Allen
+Anstrengungen der oesterreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die
+erlittenen schweren Schaeden zu beheben, stellten sich unueberwindliche
+Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir
+versagen zu koennen. Ich moechte nur die Frage aufwerfen: Wie haette es
+Menschenkraeften gelingen koennen, einen neuen erhebenden Antrieb
+einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Voelkergemisch der
+Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Bluete des Willens, der
+Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders
+das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstuermen so schwer gelitten hatte,
+einigermassen wieder auf die alte Hoehe gebracht werden? Vergessen wir
+nicht, dass Oesterreich-Ungarn keineswegs ueber die geistigen Kraefte
+verfuegte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schoepfen vermochte.
+
+Ein Irrtum lag in der Annahme, dass die oesterreichisch-ungarische Armee in
+ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rueckgang des Wertes ihrer Truppen
+ueberall gleichmaessig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfuegte bis
+zuletzt ueber hochwertige Verbaende. Ein starker Hang zu einem
+ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an
+vielen Stellen. Besonders war auch die hoehere oesterreichisch-ungarische
+Truppenfuehrung hiervon nicht unberuehrt. Nur so konnte es kommen, dass
+selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres
+Bundesgenossen ganz ueberraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins
+Gegenteil verkehrte.
+
+Durch die beruehrten Erscheinungen wurde natuerlicherweise ein Element
+grosser Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung
+hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht ueberraschendes
+Nachgeben verbuendeter Heeresteile unerwartet vor ganz veraenderte Lagen
+stellen und dadurch unsere Plaene umwerfen wuerde. Schwaechemomente treten in
+den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur
+begruendet. Die Fuehrung muss damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor,
+dessen Groesse aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe
+werden jedoch solche Momente meist rasch ueberwunden, oder es bleibt selbst
+im groessten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und
+Widerstandswille uebrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern voellig
+verbrennt. Das Unheil faellt dann verheerend nicht nur auf die betroffene
+Truppe sondern auch auf die anschliessenden oder eingestreuten zaeheren
+Verbaende; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Ruecken gefasst und
+erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften.
+Das war so oft das traurige Ende unserer in oesterreichisch-ungarische
+Fronten eingebauten Stuetzen. War es ein Wunder, dass hierdurch die Stimmung
+unserer Truppen gegenueber den oesterreichisch-ungarischen Waffengefaehrten
+nicht immer vertrauensvoll und guenstig war?
+
+Im grossen und ganzen duerfen wir aber die Leistungen Oesterreichs-Ungarns in
+diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschaetzen und bitteren Gefuehlen
+nachhaengen, die manchmal unter dem Eindruck enttaeuschter Erwartungen
+entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse.
+Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hueten, im
+gemeinsamen Unglueck uns innerlich zu trennen.
+
+Einen anderen inneren Aufbau als das oesterreichisch-ungarische Heer hatte
+das bulgarische. Es war national in sich voellig geschlossen. Die
+bulgarische Armee hatte im grossen Kriege bis zum Herbste 1916
+verhaeltnismaessig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes duerfte
+aber nicht vergessen werden, dass sie erst vor kurzem einen anderen
+moerderischen Krieg ueberstanden hatte, in dem der groesste Teil der Bluete des
+Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen
+war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig
+wie in Oesterreich-Ungarn. Die verhaeltnismaessig noch primitiven Zustaende des
+Balkanlandes erschwerten ausserdem dem Heere Einfuehrung und Gebrauch
+mancher fuer den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und
+Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fuehlbar, als auch an der
+mazedonischen Front vollwertige franzoesische und englische Truppenteile
+uns gegenueberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Ueberraschendes
+darin gefunden werden, dass wir Bulgarien nicht nur mit materiellen
+Mitteln, sondern auch mit personellen Kraeften unterstuetzen mussten.
+
+Wieder anders als in der oesterreichisch-ungarischen und der bulgarischen
+Armee lagen die Verhaeltnisse in der tuerkischen. Unsere deutsche
+Militaermission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken,
+geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerruetteten
+Verhaeltnissen des tuerkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es
+gelungen, eine grosse Anzahl tuerkischer Verbaende mobil zu machen. Die Armee
+hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in
+Armenien ausserordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre
+Leistungsfaehigkeit fuer die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunaechst
+gestellte Aufgabe: Verteidigung des tuerkischen Landbesitzes, ausreichend.
+Ja, es war sogar moeglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmaehlich
+auf europaeischem Boden zu verwenden. Unsere militaerische Unterstuetzung der
+Tuerkei beschraenkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln
+und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die fuer die asiatischen
+Kriegsschauplaetze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen
+wurden von uns mit Zustimmung der tuerkischen Obersten Heeresleitung nach
+und nach zurueckgezogen, je nachdem die Tuerkei imstande war, das Material
+dieser Formationen selbst zu uebernehmen und zu bedienen.
+
+Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordkueste
+Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsaechlich Gewehre
+und Schiessbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten
+sie doch ausserordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der
+mohammedanischen Staemme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes fuer
+unsere Kriegfuehrung lassen sich bis jetzt noch nicht ueberblicken;
+vielleicht waren sie groesser, als wir es damals ahnen konnten.
+
+Selbst ueber die Nordkueste Afrikas hinaus versuchten wir unseren
+Waffengenossen Unterstuetzung zu bringen. So traten wir unter anderm dem
+von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken naeher, den Staemmen im
+Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren,
+finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch
+aufruehrerische Nomadenstaemme der arabischen Wueste versperrt war, und die
+Kuesten des Roten Meeres fuer unsere Unterseeboote wegen ihres nicht
+genuegenden Aktionsradius unerreichbar waren, so waere uns nur der Luftweg
+uebrig geblieben. Zu meinem groessten Bedauern verfuegten wir aber damals noch
+nicht ueber ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer
+Fahrt ueber die grosse Wueste mit Sicherheit haette ueberwinden koennen. Die
+Durchfuehrung des Planes musste also unterbleiben.
+
+In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwaehnen, dass ich 1917 den
+Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und
+Medikamente zuzufuehren, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das
+Zeppelinschiff musste bekanntlich ueber dem Sudan umkehren, da unsere
+Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Sueden gerueckt war und ihre
+Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen
+Gefuehlen ich waehrend des Krieges die Taten und fast uebermenschlichen
+Leistungen dieser praechtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner
+naeheren Ausfuehrung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergaengliches
+Denkmal deutschen Heldentums errichtet.
+
+Rueckblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muss ich anerkennen,
+dass sie die ihnen eigenen Kraefte in dem gemeinsamen Dienst unserer grossen
+Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen,
+wirtschaftlichen, militaerischen und ethischen Mittel ihnen das
+ermoeglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen
+anderen diesem Ideal uns am meisten naeherten, so war das nur moeglich,
+infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewussten inneren
+Kraefte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte
+angesammelt hatten, Kraefte, die in allen Schichten des Vaterlandes
+vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in
+bestaendiger Regung sich weiter staerkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund
+ist und unverdorbene Lebenskraefte ihn so stark durchfluten, dass die
+ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann
+sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar
+vollbrachten weit ueber die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere
+Buendnisse uns stellten.
+
+Dass dem so sein konnte, dafuer gebuehrt der Dank geschichtlich nachweisbar
+vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche
+deutscher Groesse unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Ueberlieferungen
+seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des
+Volkes und arbeitete unermuedlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn
+Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der
+achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, waehrend des Krieges der Kern
+aller Kraftaeusserung.
+
+
+
+ Pless
+
+
+Das oberschlesische Staedtchen Pless war von der deutschen Obersten
+Heeresleitung schon in frueheren Zeitabschnitten des Krieges als
+voruebergehender Sitz des Grossen Hauptquartiers gewaehlt worden. Der Grund
+dieser Wahl lag in der Naehe des Aufenthaltes des k. u. k.
+Armee-Oberkommandos in der oesterreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der
+Vorteil, der sich aus der Moeglichkeit rascher und persoenlicher Aussprache
+zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt massgebend fuer
+den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.
+
+Das deutsche Grosse Hauptquartier bildete natuerlicherweise den Treffpunkt
+deutscher und verbuendeter Fuerstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
+Herrn ueber politische und militaerische Fragen unmittelbare Ruecksprache
+nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort naeher zu treten
+die Ehre hatte, zaehlte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den
+Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit
+ueber die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es
+dabei, in den grossen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung
+seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu ruecken.
+Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch
+die endgueltige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
+Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehoerigen unter einheitlicher
+Fuehrung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenueber
+niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die
+Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines
+aeltesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermassen der
+Privatsekretaer seines koeniglichen Vaters und schien mir in die geheimsten
+politischen Gedankengaenge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte
+Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute
+wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurueckhaltung. Das
+vaeterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.
+
+Die Aussenpolitik seines Staates fuehrte der Zar im wesentlichen ganz
+allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhaeltnisse
+seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
+glaube aber, dass er es verstand, mitten in der oftmals einreissenden
+parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
+auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
+dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
+Balkanvoelker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
+hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Uebergangs von
+einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fuerchte, dass diese oft
+so vortrefflich beanlagten Voelkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den
+Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.
+
+Der bulgarische Koenig war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
+Herrscher. Uns gegenueber bewaehrte er sich als treuer Bundesgenosse.
+
+Waehrend unseres Aufenthaltes in Pless starb Kaiser Franz Joseph. Sein
+Heimgang war fuer das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen
+Groesse wohl erst spaeter voll gewuerdigt werden kann. Es unterlag keinem
+Zweifel, dass mit seinem Tode fuer die Voelkervielheit der Doppelmonarchie
+der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem
+ehrwuerdigen, greisen Kaiser ein grosser Teil des nationalen Gewissens des
+verschiedenstaemmigen Reiches fuer immer ins Grab.
+
+Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenuebergestellt war, lassen
+sich in ihrer Groesse und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
+Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
+Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der
+durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch voelkisch
+versoehnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen
+gegenueber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise.
+Das Mittel versagte voellig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren
+gemeinsamen Feinden laengst geschlossen und waren weit entfernt, ihn
+freiwillig wieder zu kuendigen.
+
+Bei den vielfachen regen persoenlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt
+in Pless mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hoetzendorf brachte,
+bestaetigte sich mir der Eindruck, den ich schon frueher von ihm als Soldat
+und Fuehrer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte
+Persoenlichkeit, ein gluehender oesterreichischer Patriot und ein
+warmherziger Anhaenger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
+Einfluesse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos
+aus tiefster Ueberzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem
+operativen Denken sehr grosszuegig; er verstand es, die Kernpunkte unserer
+gemeinsamen, grossen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden
+Nebendinge herauszuschaelen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der
+Verhaeltnisse des Balkans und Italiens.
+
+Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
+oesterreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
+ergebenden Maengel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
+ueberschaetzte er bei seinen hohen Plaenen hier und da die moeglichen
+Leistungen des ihm anvertrauten Heeres.
+
+Auch die militaerischen Fuehrer der Tuerkei und Bulgariens lernte ich im
+Laufe des Herbstes und Winters in Pless persoenlich kennen.
+
+Enver Pascha zeigte mir gegenueber einen ungewoehnlich weiten und freien
+Blick fuer das Wesen der Fuehrung des gegenwaertigen Krieges und seiner
+Durchfuehrung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, grosse und
+schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
+den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
+tuerkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine
+Bitte hin die militaerische Lage in der Tuerkei. Mit einer bemerkenswerten
+Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschoepfendes
+Bild, und, sich an mich wendend, schloss er mit den Worten: "Die Lage der
+Tuerkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir muessen befuerchten, in
+Armenien noch weiter zurueckgeworfen zu werden. Es ist auch nicht
+ausgeschlossen, dass die Kaempfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch
+glaube ich, dass der Englaender in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in
+Syrien mit Uebermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag,
+die Entscheidung des Krieges liegt auf europaeischem Boden, und hierfuer
+stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfuegung."
+Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem
+anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten.
+
+Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
+Pascha aber doch einer gruendlichen militaerischen, ich moechte sagen,
+Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
+tuerkischen Fuehrern wie auch in ihren Staeben zu finden war. Es machte den
+Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
+Natur gegebener Mangel vorlaege. Die tuerkische Armee schien nur ganz wenige
+Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig
+gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Fuehrung zu
+beherrschen. Es fehlte das Gefuehl fuer die Notwendigkeit, dass sich der
+Generalstab inmitten der Durchfuehrung grosser Gedanken auch mit dem Kleinen
+beschaeftigen muss. So kam es, dass der orientalische Gedankenreichtum durch
+den mangelnden militaerischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht
+wurde.
+
+Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
+bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nuechterner
+Beobachtungsgabe, grossen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
+auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschraenkend. Inwieweit er in
+letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
+nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhaenger der
+aussenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
+innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein.
+
+General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
+Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
+weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Aeusserungen,
+als Zweifel darueber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa
+weigern wuerde, gegen den Russen zu kaempfen: "Wenn ich meinen Bulgaren
+sage, sie sollen kaempfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!"
+Im uebrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwaechen
+seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf spaeter noch
+zurueckkommen.
+
+Ausser mit den leitenden militaerischen Persoenlichkeiten trat ich in Pless
+auch mit den politischen Fuehrern unserer Bundesgenossen in persoenliche
+Fuehlung. Ich moechte an dieser Stelle nur vom osmanischen Grosswesir Talaat
+Pascha und dem bulgarischen Ministerpraesidenten Radoslawow sprechen.
+
+Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich
+ueber die Groesse der Aufgabe wie ueber die Maengel seines Staatswesens nicht
+im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale
+Traegheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das
+lediglich an der Groesse der dabei zu ueberwindenden Schwierigkeiten. Es
+konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten
+versaeumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische
+Erschoepfung weiter Kreise des Staates laengst vor dem Kriege verdorben
+hatten. Er selbst trat mit reinen Haenden an die Spitze seines Staates und
+blieb mit reinen Haenden dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des
+alten, ritterlichen Tuerkentums. Politisch unbedingt zuverlaessig, so
+begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns
+im Herbste 1918.
+
+Die Schwaechen der tuerkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
+grossen Abhaengigkeit von den inneren Verhaeltnissen. Politische und
+wirtschaftlich selbstsuechtige Persoenlichkeiten der sogenannten
+Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Fuehrung und banden
+dieser in vielen Faellen die Haende, so dass sie ausserstande war, richtig
+erkannte Missstaende mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten
+einzelne hervorragende Maenner alles, was in ihren Kraeften stand. Aber die
+staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes,
+Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
+erfrischenden und staatsfoerdernden Saefte in die entfernten Provinzen. Neue
+Gedanken waren freilich waehrend des Krieges entstanden und wuchsen mit den
+kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt
+orientalischer Ueppigkeit. Man begann, an die religioese und politische
+Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der
+sichtbaren Misserfolge bei Verkuendung des Heiligen Krieges, an dem
+Auftreten mohammedanischer Glaubenskaempfer, wie zum Beispiel im noerdlichen
+Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, dass diese
+Erscheinung religioesen Fanatismus nur oertlichen Sonderheiten entsprang,
+und dass Hoffnung auf deren Uebertragung in die weiten Gebiete des inneren
+Asiens eine Taeuschung war, ja noch mehr als das: eine verhaengnisvolle
+militaerische Gefahr.
+
+Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
+Scholle gebunden, als der grosszuegige osmanische Staatsmann Talaat Pascha.
+Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kuehnheit des Schrittes, der
+Bulgarien 1915 an unsere Seite fuehrte, in seiner ganzen Groesse - ich darf
+vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Groesse -
+wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlaessig war
+Radoslawow in seiner Aussenpolitik fuer uns jederzeit.
+
+Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
+Erregtheit waehrend des grossen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
+der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
+spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
+Parteigruppen uebertrug sich auf die Truppen und deren Fuehrer. An dieser
+Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig.
+
+
+
+
+ Leben im Grossen Hauptquartier
+
+
+Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem
+persoenlichen Leben waehrend des grossen Krieges genommen wurde, moechte ich
+an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmaessigen Tagesverlaufes in
+unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an
+solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen
+haben, die naechstfolgenden Seiten zu ueberschlagen. Ihre Kenntnis ist zum
+Verstaendnis der grossen Zeit nicht notwendig.
+
+Waehrend des Bewegungskrieges in Ostpreussen und Polen im Herbst 1914 war an
+einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes
+nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach
+Posen im November 1914 begann eine groessere Regelmaessigkeit in unserem
+dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch
+ausserdienstlichen Leben. Spaeterhin war der laengere staendige Aufenthalt in
+Loetzen besonders geeignet zur Einfuehrung eines streng geregelten Ganges
+unserer Arbeit.
+
+Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres aenderte im
+wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewaehrten Geschaeftsgang,
+wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung grosszuegigeres und
+belebteres Treiben fuer uns einsetzte.
+
+Die gewoehnliche Tagesbeschaeftigung begann fuer mich damit, dass ich mich
+etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heisst, nachdem die Morgenmeldungen
+eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Aenderungen
+der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte
+es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen
+in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschluesse
+fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Saetze, ja manchmal
+genuegten einige Worte, um das gegenseitige Einverstaendnis festzulegen, das
+dem General als Grundlage fuer die weiteren Ausarbeitungen diente.
+
+Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstuendige Bewegung im
+Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen
+morgendlichen Spaziergaengen forderte ich gelegentlich auch Gaeste des
+Grossen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen
+entgegen und laeuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen
+Ersten Generalquartiermeister stuerzte, um sich bei diesem mehr ins
+einzelne gehende Wuensche, Hoffnungen und Vorschlaege vom Herzen zu reden.
+
+Nach meiner Rueckkehr in das Dienstgebaeude erfolgten weitere Besprechungen
+mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vortraege meiner
+Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer.
+
+Neben dieser dienstlichen Taetigkeit bewegte sich die Erledigung der an
+mich eingetroffenen persoenlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir
+ueber alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz
+ausschuetten oder ihre Gedanken offenbaren zu muessen glaubten, war nicht
+gering. Fuer mich war es voellig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich
+bedurfte hierfuer die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser
+Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr
+Gegenteil zeigte sich in allen moeglichen Abstufungen. Es war oft sehr
+schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und
+meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den
+hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was
+ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend
+notwendigen Muellabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren
+gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte.
+Trotzdem wurde in beiden Faellen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja
+in derartigen brieflichen Anliegen ein ruehrendes, wenn auch manchmal etwas
+naives Vertrauen auf meinen persoenlichen Einfluss. Wo ich Zeit und
+Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift.
+Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu
+muessen.
+
+Um die Mittagsstunde war ich regelmaessig zum Vortrag bei Seiner Majestaet
+dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage.
+Bei wichtigeren Entschluessen uebernahm ich selbst den Vortrag und erbat,
+sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Plaene.
+Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsaetzlichen
+Fragen von einer besonderen Allerhoechsten Zustimmung. Seine Majestaet
+begnuegte sich uebrigens auch bei Vorschlaegen ueber neue Operationen
+allermeist mit der Entgegennahme meiner Begruendungen. Ich erinnere mich
+keines Gegensatzes, der nicht schon waehrend des Vortrags durch meinen
+Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedaechtnis des Kaisers
+fuer Kriegslagen unterstuetzte uns bei diesen Vortraegen in hohem Masse. Seine
+Majestaet studierte nicht nur die Karten mit groesster Genauigkeit, sondern
+nahm auch persoenliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittaeglichen
+Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit
+Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt.
+
+Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die
+Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das
+unbedingt noetige Mass beschraenkt. Ich hielt darauf, dass meine Offiziere
+Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer
+Taetigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persoenlichen Bedauern
+konnte ich von dieser Kuerzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn
+wir Gaeste bei uns zu Tische hatten. Die Ruecksicht auf die Erhaltung der
+Arbeitskraft meiner Mitarbeiter musste ich geselligen Formen voranstellen.
+War doch eine 16stuendige Arbeitszeit fuer die Mehrzahl dieser Offiziere
+eine tagtaegliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjaehrigen Krieges!
+Wir waren eben genoetigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im
+Schuetzengraben unser Menschenmaterial bis zur aeussersten Grenze der
+Leistungsfaehigkeit auszunutzen.
+
+Der Nachmittag verlief fuer mich aehnlich dem Vormittage. Die laengste
+Abspannung brachte fuer alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloss
+sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenraeumen an, fuer dessen
+Beendigung General Ludendorff puenktlich um 91/2 Uhr abends das Zeichen gab.
+Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte
+sich in zwangloser Form und offenster Aussprache ueber alle uns unmittelbar
+beruehrenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch
+der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstuetzen, hielt ich fuer
+eine Pflicht gegenueber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der
+Wahrnehmung, dass unsere Gaeste vielfach einerseits von der zuversichtlichen
+Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich
+ueberrascht waren.
+
+Nach dem Schluss unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns
+gemeinsam in das Dienstgebaeude. Dort waren inzwischen die abschliessenden
+Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten
+zeichnerisch festgelegt. Die Erlaeuterungen gab ein juengerer
+Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplaetzen hing
+es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal
+eingehender besprechen musste, oder ob ich ihn nicht mehr laenger in
+Anspruch zu nehmen brauchte. Fuer die Offiziere meines engeren Stabes
+begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die
+abschliessenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgueltiger
+Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen
+Anforderungen, Anregungen und Vorschlaege der Armeen und sonstigen Stellen
+ein. Die Tagesbeschaeftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vortraege
+der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmaessig bis
+in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders
+ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht
+sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtaeglich am Beginn der
+8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General
+Ludendorff sich einmal ein frueheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden
+zaehlen konnte, zu goennen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und
+Fuehlen ging voellig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfuellt mich noch
+jetzt mit dankbarer Genugtuung.
+
+Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel
+war mit Ruecksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natuerlicherweise
+gering. Immerhin war es ab und zu moeglich, dem draengenden Verlangen der
+Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu
+tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung
+von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten
+oder an diejenigen unserer Verbuendeten. Im allgemeinen verlangte aber der
+Zusammenhang in den ausserordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten
+die dauernde Anwesenheit wenigstens der aelteren Offiziere an ihren
+Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung.
+
+Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte
+ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden,
+allgemein geschaetzten persoenlichen Adjutanten, Major Kaemmerer, an den
+Folgen einer Erkaeltung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von
+Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den
+Angehoerigen des Grossen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen
+den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden
+glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals ausserordentlich schwierigen
+Zeit seinen Posten nicht verlassen zu duerfen, bis er koerperlich kraftlos
+und vom Fieber geschuettelt die Arbeit doch aus der Hand legen musste, zu
+spaet, um noch gerettet werden zu koennen. Wir verloren an ihm einen geistig
+wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam
+nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudruecken zu koennen. Manche
+von denen, die zeitweise meinem Stabe angehoert hatten, sind ausserdem
+spaeter an der Front gefallen.
+
+Das Bild unseres Lebens wuerde unvollstaendig sein, wenn ich nicht auch auf
+die Besucher zu sprechen kaeme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder
+Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das staendige Ab und Zu von
+Persoenlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns
+in Beruehrung kommen mussten, sondern ich denke an diejenigen, die durch
+vielfach andere Interessen zu uns gefuehrt wurden. Ich oeffnete jedermann
+gern Tuer und Herz, vorausgesetzt, dass er selbst mir offen entgegenkam.
+
+Die Zahl unserer Gaeste war gross. Wir waren nur wenige Tage ohne solche.
+Nicht nur Deutschland und seine Verbuendeten, sondern auch die Neutralen
+stellten ein betraechtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei
+Tisch den Eindruck eines bunten Voelkergemisches, und es traf sich auch,
+dass christliche Wuerdentraeger mit mohammedanischen Glaeubigen Stuhl an Stuhl
+sassen. Leute aller Staende und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme.
+Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke
+ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pless
+aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens,
+ein gluehendes patriotisches Gefuehl. Auch andere Politiker aller
+Schattierungen aus unseren und unserer Verbuendeten Laendern sprachen bei
+mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefuehlen fuer
+die gemeinsame grosse Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so
+mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drueckte in meinem
+Kreise die schwielig kraeftigen Haende von Handwerkern und Arbeitern und
+freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter
+fuehrender Industrien und Maenner der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis
+von neuen Erfindungen und Gedanken und schwaermten von kuenftigen
+wirtschaftlichen Plaenen. Sie klagten wohl auch ueber den engen
+Bureaukratismus der Heimat und ueber die Beschraenkung der Mittel zur
+Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten ueber die
+geldfressende Begehrlichkeit gefuerchteter Phantasten und ueber die
+uferlosen Plaene von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen
+eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines
+Schusses jeden Geschuetzkalibers wissen wollte, um daraus die ungefaehren
+Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines
+Kalkuls verschont, wohl in der Befuerchtung, dass ich deswegen den
+Munitionsverbrauch doch nicht einschraenken wuerde.
+
+Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch
+Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen ueber verlegene
+Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte.
+Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach,
+wage ich nicht in allen Faellen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir
+manch praechtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und
+harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze
+Erzaehlungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche
+Berichte. Die Wirklichkeit des frueher Selbsterlebten trat mir so oft mit
+aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem
+furchtbarsten aller Ringen unseren frueheren Kriegen gegenueber alles in das
+Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu
+monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine
+Grenzen zu haben.
+
+Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pless und wirkte auf uns alle durch
+die ruehrende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon
+seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehoerte
+dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald
+nach seinem Besuch, ohne das Unglueck seines Vaterlandes erleben zu muessen
+- ein gluecklicher Mann! Noch zwei andere beruehmt gewordene Herrscher der
+Luefte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann
+Boelcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes
+Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsfuehrer sah ich
+gleichfalls in der Zahl meiner Gaeste; unter ihnen fehlte auch nicht der
+Fuehrer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitaen Koenig.
+
+So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den
+gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbuendeten und
+uns selbst oft in meiner naechsten Naehe zu fuehlen.
+
+
+
+
+ Kriegsereignisse bis Ende 1916
+
+
+
+ Der rumaenische Feldzug
+
+
+Unsere politische Lage Rumaenien gegenueber hatte im Verlauf der Kriegsjahre
+1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere
+Heeresfuehrung ungewoehnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine
+billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumaeniens in den Kreis unserer Feinde
+und angesichts unserer unzureichenden militaerischen Vorbereitungen dem
+neuen Gegner gegenueber ein scharfes Urteil ueber unsere damals
+verantwortlichen Stellen und Persoenlichkeiten auszusprechen. Solche
+Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgaenge auf willkuerlichen
+Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Aeusserung Fichtes in seinen
+"Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von
+Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da
+haette geschehen sollen.
+
+Es duerfte wohl kein Zweifel darueber bestehen, dass die Entente in unserer
+Lage die rumaenische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumaenische
+militaerische Drohstellung spaetestens 1915 beseitigt haette, und zwar mit
+der Anwendung aehnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in
+Taetigkeit brachte. Wie es sich spaeter herausstellen sollte, wurde Rumaenien
+im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel
+hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen
+Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergroesserungsplaene zu
+verzichten. Eine aehnliche Loesung war aber politisch zu gewalttaetig, als
+dass sie bei uns ohne dringendste Not Anhaenger haette finden koennen. Wir
+glaubten, mit Rumaenien saeuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der
+Hoffnung, dass es sich sein Grab selbst graben wuerde. Gewiss trat dies auch
+ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!
+
+Die Beteiligung Rumaeniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rueckte in
+greifbare Naehe, als die oesterreichische Ostfront zusammenbrach. Es waere
+vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, dass sich diese Gefahr auch dann
+noch haette beschwoeren lassen, wenn der deutsche Plan eines grossen
+Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
+Suedfluegel haette verwirklicht werden koennen. Allein bei den immer erneuten
+Zusammenbruechen in den oesterreichisch-ungarischen Linien kam diese
+Operation nicht zustande. Die Angriffskraefte verschwanden in
+Verteidigungsfronten.
+
+Angesichts dieses Verlaufes der Kaempfe an der Ostfront hatte die deutsche
+Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu
+dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Fluegelarmeen einen
+grossen Schlag gegen die Ententekraefte bei Saloniki zu fuehren. Der Gedanke
+war sowohl politisch wie militaerisch durchaus zu billigen. Gelang das
+Unternehmen, so war zu erwarten, dass Rumaenien eingeschuechtert und seine
+zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail
+zerstoert wuerde. Rumaenien waere daher vielleicht schon dann zur Ruhe
+veranlasst worden, wenn starke bulgarische Kraefte nach einem Siege ueber
+Sarrail fuer beliebige andere Verwendung freigeworden waeren. Die deutsche
+Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der
+Bulgaren zunaechst in einen gewissen militaerischen Widerspruch hinein. Da
+sie naemlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu
+versammeln, um auf die taeglich staerker werdenden rumaenischen
+Kriegsleidenschaften ernuechternd zu wirken, so wurden Kraefte, die zum
+Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front haetten Verwendung finden
+koennen, aus politischen Gruenden an die Donau gezogen. Das Verfahren der
+deutschen Obersten Heeresleitung wird erklaerlich einerseits durch das
+Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,
+andererseits durch eine gewisse Unterschaetzung der gegnerischen Staerke bei
+Saloniki. Ganz besonders taeuschte man sich ueber die Bedeutung der dort
+auftretenden, neugebildeten serbischen Verbaende in der Zahl von
+6 Infanteriedivisionen.
+
+Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
+Fluegelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Fluegel in
+Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gruenden
+haengen, deren Eroerterungen uns an dieser Stelle zu weit fuehren wuerden. Die
+bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff
+wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der
+Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des
+Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor
+eine neue schwierige Frage. Die rumaenische Kriegslust steigerte sich
+dauernd. Es war zu erwarten, dass die Stockung der bulgarischen Operationen
+in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd
+wirken wuerde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den
+Angriff der Bulgaren endgueltig abbrechen lassen, um starke bulgarische
+Kraefte aus den jetzt wesentlich verkuerzten mazedonischen Fronten nach
+Nordbulgarien zu fuehren, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon
+versammelten Streitkraefte nach Mazedonien ueberzufuehren, um hier nochmals
+zu versuchen, den rumaenischen gordischen Knoten mit dem Schwerte
+durchzuschlagen? Die Kriegserklaerung Rumaeniens befreite die Oberste
+Heeresleitung aus diesen Zweifeln.
+
+So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhaeltnisse suedlich der
+Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage noerdlich der
+transsylvanischen Alpen geworden. Waehrend naemlich Rumaenien offenkundig
+ruestete, verzehrten die Kaempfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen
+an der oesterreichischen Ost- und Suedwestfront alles, was den Obersten
+Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfuegbar schien oder aus nicht
+angegriffenen Frontteilen noch verfuegbar gemacht werden konnte. Gegen
+Rumaenien glaubte man keine Kraefte freimachen zu koennen. Man vertrat den an
+sich richtigen Grundsatz, von Streitkraeften, die auf den augenblicklichen
+Schlachtfeldern dringend benoetigt waren, nichts aus politischen Gruenden
+brachliegen zu lassen.
+
+So kam es, dass die rumaenische Kriegserklaerung am 27. August uns dem neuen
+Feind gegenueber in einer nahezu voellig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf
+diese Entwicklung der Verhaeltnisse deswegen ausfuehrlicher eingegangen, um
+die Entstehung der grossen Krisis verstaendlich zu machen, in der wir uns
+seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch
+angesichts der spaeteren erfolgreichen Durchfuehrung des Feldzuges nicht gut
+bestritten werden.
+
+Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
+getroffen werden konnten, um der rumaenischen Gefahr zu begegnen, so hatten
+sich doch seine verantwortlichen militaerischen Fuehrer selbstredend ueber
+die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Massnahmen fruehzeitig
+geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der
+Heereschefs Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Bulgariens zu Pless
+stattgefunden. Sie fuehrte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen
+entscheidender Ziffer 2 es woertlich heisst:
+
+ "Schliesst Rumaenien sich der Entente an: schnellstes, kraeftigstes
+ Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
+ oesterreichisch-ungarischem, soweit irgend moeglich, fernzuhalten und nach
+ Rumaenien hineinzutragen. Hierzu
+
+ a) demonstrative Operationen deutscher und oesterreichischer Truppen
+ von Norden her, zwecks Fesselung starker rumaenischer Kraefte;
+
+ b) Vorstoss bulgarischer Kraefte von der Dobrudschagrenze gegen die
+ Donauuebergaenge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten
+ Flanke der Hauptkraefte;
+
+ c) Bereitstellung der Hauptkraefte zum Uebergang ueber die Donau bei
+ Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest."
+
+In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest
+wurde auch die Teilnahme der Tuerken an einem etwaigen rumaenischen Feldzug
+festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei
+osmanischen Divisionen fuer den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.
+
+Dieser Kriegsplan gegen Rumaenien erfuhr, so lange mein Vorgaenger noch die
+Zuegel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Aenderung. Wohl aber fand
+noch ein wiederholter Gedankenaustausch darueber zwischen den einzelnen
+Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur
+Fuehrung der suedlich der Donau bereitgestellten Kraefte bestimmt war, wurde
+zur Sache gehoert. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei
+Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige
+eines ruecksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff
+diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kraefte suedlich der
+Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser
+Front beabsichtigte Doppelaufgabe, naemlich Donauuebergang und Angriff gegen
+Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchfuehren zu koennen.
+
+Am 28. August erging von meinem Vorgaenger an Generalfeldmarschall von
+Mackensen der Befehl zum baldmoeglichsten Angriff. Richtung und Ziel
+blieben dem Feldmarschall ueberlassen.
+
+So fand ich am 29. August bei der Uebernahme der Operationsleitung die
+militaerische Lage gegenueber Rumaenien. Sie war schwierig.
+
+Wahrlich, noch niemals war einem verhaeltnismaessig so kleinen Staatswesen
+wie Rumaenien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
+Groesse in einem ebenso guenstigen Augenblicke in die Haende gelegt. Noch
+niemals waren starke Grossmaechte wie Deutschland und Oesterreich in gleicher
+Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein
+Zwanzigstel der Bevoelkerung der beiden Grossstaaten zaehlte, wie im jetzt
+vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage haette man annehmen koennen,
+dass Rumaenien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf
+zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich
+gegen uns anstuermten. Alles schien davon abzuhaengen, ob Rumaenien gewillt
+war, von seiner augenblicklichen Staerke einigermassen Gebrauch zu machen.
+
+Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefuehlt und mehr
+gefuerchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zoegerte mit dem
+Kriegsentschluss. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber
+am 1. September der bulgarische Kriegsentschluss zu unseren Gunsten
+gefallen war, trat das Land mit all seinen Kraeften und mit dem ganzen Hass
+seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumaenischen Ueberfall in den
+Ruecken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes
+entsprungen war, an unsere Seite. Der moerderische Tag von Tutrakan gab den
+ersten Beweis fuer die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.
+
+Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
+Vorbereitungen zunaechst naturgemaess jede Bedeutung verloren. Der Gegner
+verfuegte fuers erste ueber die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
+Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmaessigen Staerke, die durch die uns
+bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
+befuerchten, dass unsere eigenen Mittel nicht ausreichen wuerden, der
+rumaenischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
+beschraenken. Wohin der Rumaene auch seine Operationen richten wollte, ob
+ueber das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbuergen oder aus der
+Dobrudscha gegen Bulgarien, ueberall schienen ihm grosse Ziele und leichte
+Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumaenisch-russische
+Offensivbewegungen gegen Sueden befuerchten zu sollen. Selbst Bulgaren
+hatten darueber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen
+kaempfen wuerden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung
+- ich sprach an frueherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien
+keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, dass unsere
+Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken
+Teiles der bulgarischen Armee rechnen wuerden. Ganz abgesehen aber auch
+hiervon lag es fuer Rumaenien nahe, durch einen Angriff nach Sueden der Armee
+Sarrails die Hand zu reichen. Wie musste alsdann unsere Lage werden, wenn
+es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Tuerkei, aehnlich
+wie das vor Durchfuehrung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
+erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Buendnis
+abzusprengen? Eine abermals isolierte Tuerkei, gleichzeitig bedroht aus
+Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Oesterreich-Ungarn
+haetten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr
+ueberwunden.
+
+Das von meinem Vorgaenger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
+entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Ueberschreitung der Donau mit
+den in Nordbulgarien verfuegbaren Kraeften konnte hierbei freilich nicht in
+Frage kommen. Es genuegte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in
+der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugsplaene dadurch verwirrten. Um
+letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den
+Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und
+Silistria beschraenken. Wir mussten vielmehr durch eine weitgehendere
+Ausnuetzung von Erfolgen in der Sueddobrudscha bei der rumaenischen
+Heeresfuehrung Besorgnis fuer den Ruecken ihrer an der siebenbuergischen
+Grenze eingesetzten Hauptkraefte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns
+dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche
+Naehe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumaenische Fuehrung
+veranlasst, Kraefte aus ihrer gegen Siebenbuergen gerichteten Operation nach
+der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer
+frischer Kraefte, der Offensive Mackensens ueber Rahowo, donauabwaerts
+Ruscuk, in den Ruecken zu gehen. Auf dem Papier ein schoener Plan! Ob dieser
+dem rumaenischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbuendeten
+entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis
+zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumaenen
+gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen fuer mehr als kuehn und dachte mir
+nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!"
+Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den
+Deutschen und Bulgaren bestens erfuellt. Von dem Dutzend rumaenischer
+Bataillone, die bei Rahowo das suedliche Donauufer betreten hatten, sahen
+waehrend des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.
+
+Das Verhaengnis brach ueber Rumaenien herein, weil seine Armee nicht
+marschierte, weil seine Fuehrung nichts verstand, und weil es uns doch noch
+gelang, ausreichende Kraefte in Siebenbuergen rechtzeitig zu versammeln.
+
+Ausreichend? Gewiss ausreichend fuer diesen Gegner! Tollkuehn wird man uns
+vielleicht einmal nennen, wenn man die Staerkeverhaeltnisse vergleichen
+wird, unter denen wir gegen das rumaenische Heer zum Angriff schritten, und
+mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen
+rumaenischen Fluegel bei Hermannstadt zerrieb.
+
+Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach
+Osten herum. Er rueckt unter Nichtachtung der ihm durch rumaenische
+Ueberlegenheit und guenstige gegnerische Lage noerdlich des oberen Alt
+drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen suedlich des genannten
+Flusses am Fusse des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumaene
+stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Ueberlegenheit wie zum eigenen
+Koennen, vergisst die Ausnutzung der ihm immer noch guenstigen Kriegslage und
+macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten
+Schritt rueckwaerts. General von Falkenhayn reisst die Vorhand nunmehr voellig
+an sich, zertruemmert suedlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand
+und marschiert weiter. Der Rumaene weicht nunmehr allenthalben aus
+Siebenbuergen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige
+Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schuetzenden Wall
+seiner Heimat zurueck. Unsere demnaechstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu
+ueberschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen
+taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu koennen, dass wir von
+Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Moegen auch das wilde
+Hochgebirge und die feindliche Ueberlegenheit unsere wenigen und schwachen
+Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser
+Vormarschrichtung sind zu gross, als dass wir den Versuch unterlassen
+duerften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,
+jeden Felshang, ja jeden Felsblock kaempfen. Unsere Bewegung stockt voellig,
+als am 18. Oktober ein rauher Fruehwinter die Berge in Schnee huellt und die
+Strassen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsaeglichen Entbehrungen und Leiden
+halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich
+weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.
+
+Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
+walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus ueber
+den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen fuehren. General von
+Falkenhayn schlaegt den Durchbruch ueber den westlicher gelegenen Szurdukpass
+vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber
+unter den jetzigen Verhaeltnissen die taktisch und technisch einzig
+moegliche. So brechen wir ueber diesen Pass am 11. November in Rumaenien ein.
+
+Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen suedlich der Donau
+bereitgestellt, um dem noerdlichen Einbruch von Sueden her die Hand zu
+reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumaenische Armee suedlich der
+Linie Constanza-Czernavoda gruendlich geschlagen. Am 22. Oktober war
+Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner
+weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung
+einstellen, sobald noerdlich der erwaehnten Eisenbahn eine
+Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kraeften behauptet
+werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rueckt gegen
+Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die
+Hand zu nehmen und dann bei Braila im Ruecken der rumaenischen Hauptmacht in
+das noerdliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das
+notwendige Brueckenmaterial in die noerdliche Dobrudscha bringen?
+Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die
+rumaenischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir muessen dem Schicksal
+dankbar sein, dass diese nicht schon laengst unseren einzigen verfuegbaren
+schweren Brueckentrain bei Sistow in Truemmer geschossen haben, der, seit
+Monaten im Bereich der feindlichen Geschuetzwirkung, nur durch einen fuer
+uns nicht aufklaerbaren Fehler des Gegners der Zerstoerung entgangen ist. So
+koennen wir wenigstens dort den Stromuebergang im Auge behalten.
+
+Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von
+Mackensen das noerdliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
+ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
+Argesch findet es seine Kroenung in der Zertruemmerung der rumaenischen
+Hauptkraefte. Der Schlussakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest faellt
+widerstandslos in unsere Hand.
+
+Am Abend dieses Tages schliesse ich den gemeinsamen Vortrag ueber die
+Kriegslage mit den Worten: "Ein schoener Tag." Als ich spaeter in die
+Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtuermen des Staedtchens Pless
+das Dankgelaeute fuer den grossen neuen Erfolg. Ich hatte laengst aufgehoert,
+in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren
+Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als
+dass diese Leistungen uns dem endlichen Abschluss des schweren Ringens und
+der grossen Opfer nahe braechten.
+
+Den Gewinn der rumaenischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
+kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest fuer eine maechtige Festung
+gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
+herangefuehrt, und nun zeigte sich der beruehmte Waffenplatz als offene
+Stadt. Kein Geschuetz kroent mehr die maechtigen Waelle der Forts, und die
+Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
+viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
+die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumaenischen Feldzuges
+festzustellen.
+
+Das Schicksal Rumaeniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
+ganze Welt musste sehen, und Rumaenien sah es wohl auch selbst, dass kein
+leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:
+
+ Wer Unglueck will im Kriege han,
+ Der binde mit dem Deutschen an.
+
+Mit Anfuehrung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
+Oesterreich-Ungarns, der Tuerkei und Bulgariens an diesem grossen und schoenen
+Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur
+Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem grossen mannhaften Werke.
+Rumaenien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, musste froh
+sein, dass seine Heerestruemmer durch russische Hilfe vor Vernichtung
+bewahrt wurden. Sein Traum, dass noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem
+Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmaessiger Dankbarkeit,
+wenn auch mit bitterem Gefuehl im Herzen, die Hand fuer die erwiesenen
+Dienste druecken muesste, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die
+Zeiten hatten sich gewandelt.
+
+Meinem Allerhoechsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
+Anschauung dahin ausgesprochen, dass wir am Ende des Jahres den rumaenischen
+Feldzug beendet haben wuerden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestaet
+melden, dass unsere Truppen den Sereth erreicht haetten, und dass die
+Bulgaren am Suedufer des Donaudeltas stuenden. Die gesteckten Ziele waren
+erreicht.
+
+
+
+ Kaempfe an der mazedonischen Front
+
+
+Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den
+Fortgang der Kaempfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhoeht.
+
+Die Armee Sarrails haette jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren,
+wenn sie nicht im Augenblick der rumaenischen Kriegserklaerung auch
+ihrerseits die Offensive ergriffen haette. Ihr Vorgehen erwarteten wir im
+Wardartal. Waere sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so
+haette sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz
+genommen und haette auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von
+Monastir unmoeglich gemacht. Sarrail waehlte die unmittelbare
+Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische
+Gruende veranlasst.
+
+Die bulgarische rechte Fluegelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren
+Stellungen, die sie beim Angriff im August suedlich Florina gewonnen hatte,
+zurueckgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kaempfe Monastir,
+behauptete sich aber dann.
+
+Wir waren hierdurch genoetigt gewesen, den Bulgaren Unterstuetzungen aus
+unseren Kampffronten zuzufuehren, Unterstuetzungen, die meist fuer den
+rumaenischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Groesse dieser Hilfe im
+Verhaeltnis zur gesamten Staerke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend -
+es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien -
+so traf uns diese Abgabe doch in einer ausserordentlich kritischen Zeit, in
+der wir tatsaechlich mit jedem Mann und jedem Geschuetz geizen mussten.
+
+Wie wir, so leistete auch die Tuerkei dem verbuendeten Bulgarien in diesen
+schweren Kaempfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte ueber die fuer
+den rumaenischen Krieg versprochene Unterstuetzung hinaus ein ganzes
+tuerkisches Armeekorps zur Abloesung bulgarischer Truppen an der Strumafront
+zur Verfuegung. Diese Unterstuetzung wurde von bulgarischer Seite ungern
+gesehen, da man befuerchtete, es wuerden sich daraus unangenehme tuerkische
+Ansprueche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte
+uns jedoch ausdruecklich, dass er solches verhindern wuerde. Es war ja
+begreiflich, dass Bulgarien deutsche Unterstuetzung der osmanischen
+vorgezogen haette, unbegreiflich aber war es, dass man in Sofia nicht
+einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine
+Kraefte noch weiter anzuspannen.
+
+Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militaerische
+Bedeutung. Die freiwillige Zuruecknahme des bulgarischen rechten
+Heeresfluegels in die ausserordentlich starken Stellungen bei Prilep waere
+von grossem militaerischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische
+Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um
+vieles erschwert worden waere. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den
+rueckwaertigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kaempfen
+wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen
+mussten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schiessbedarf.
+Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln
+versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu
+erleichtern. Die Groesse der zurueckzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit
+und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Loesung dieser Aufgabe
+ungemein.
+
+Bei den Kaempfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in
+schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen
+Nachrichten unserer Offiziere ueber die Haltung des bulgarischen Heeres den
+glaenzenden Geist des Soldaten beim Angriff geruehmt, so trat jetzt bei
+diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenueber einem laenger andauernden
+feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte
+ueberraschen, man konnte sie aber bei allen Voelkern, sowohl auf feindlicher
+als auch auf unserer Seite bestaetigt finden, die mit sogenannter
+unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als
+ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstoerenden Wirkungen fuer
+durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die
+nur durch eine hoehere Willenskultur geliefert werden kann. In der
+Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige
+Mischung von sittlicher und koerperlicher Kraft vorhanden zu sein, die
+unsere Truppen in Verbindung mit unserer militaerischen Willensschulung in
+den Stand setzt, den gewaltigen Eindruecken eines modernen Kampfes
+erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen
+Heeres hatte das richtige Gefuehl fuer die eben erwaehnte Empfindlichkeit
+seiner Soldaten. Er aeusserte darueber in soldatischer Offenheit seine
+Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine aengstliche Natur zu
+sein.
+
+
+
+ Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen
+
+
+Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres
+nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur
+Beschaeftigung mit den Vorgaengen auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen
+veranlasst. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Grossen
+Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermassen
+beurteilen zu koennen:
+
+Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie
+Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die tuerkische Offensive, die
+im Sommer dieses Jahres von Sueden her aus Richtung Diabekr gegen die linke
+Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der
+ausserordentlichen Gelaendeschwierigkeiten und der ganz ungenuegenden
+Nachschubmoeglichkeiten nicht vorwaerts. Es war jedoch zu erwarten, dass die
+Russen in diesem Jahre mit Ruecksicht auf den im armenischen Hochlande frueh
+eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgueltig einstellen
+wuerden.
+
+Die Gefechtskraft der beiden tuerkischen Kaukasusarmeen war aufs aeusserste
+zurueckgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach.
+Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die
+Truppenbestaende gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem
+kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste
+Bekleidung; dazu bot die Ernaehrung der Armeen in diesen armen, grossenteils
+entvoelkerten und verwuesteten Gebieten ausserordentliche Schwierigkeiten.
+Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mussten den osmanischen Soldaten in
+dem oeden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbeduerfnisse durch
+Traegerkolonnen in vielen Tagemaerschen zugefuehrt werden. Weiber und Kinder
+fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.
+
+Besser waren die Verhaeltnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der
+Englaender augenblicklich in dem Ausbau seiner rueckwaertigen Verbindungen
+noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache fuer
+Kut-el-Amara schreiten zu koennen. Dass er eine solche nehmen wuerde, war fuer
+uns zweifellos. Ob alsdann die tuerkische Macht im Irak hinreichte, um dem
+englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu
+beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen
+Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstaerkung der dortigen Truppen.
+Leider liess sich aber die Tuerkei aus politischen und panislamitischen
+Gruenden verfuehren, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.
+
+Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, naemlich derjenige in Suedpalaestina,
+gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal
+gerichtete tuerkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des
+noerdlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die
+tuerkischen Truppen allmaehlich aus diesem Gebiete hinausgedraengt worden und
+standen jetzt im suedlichen Teile Palaestinas in der Gegend von Gaza. Die
+Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen wuerden, schien lediglich von
+dem Zeitpunkt abzuhaengen, an dem die Englaender ihre Eisenbahn aus Aegypten
+bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.
+
+Der somit drohende Angriff auf Palaestina schien fuer den militaerischen und
+politischen Bestand der Tuerkei weit gefaehrlicher als ein solcher auf das
+fernab liegende Mesopotamien. Man musste annehmen, dass der Verlust von
+Jerusalem - ganz abgesehen davon, dass er voraussichtlich den Verlust des
+ganzen suedlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige tuerkische Politik
+vor eine Belastungsprobe stellen wuerde, die sie nicht ertragen koennte.
+
+Leider waren die operativen Verhaeltnisse fuer die osmanische Kriegfuehrung
+in Suedsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort
+litten die Tuerken, im schaerfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch
+ausserordentlichen Schwierigkeiten der rueckwaertigen Verbindungen, dass eine
+wesentliche Verstaerkung ihrer Streitkraefte ueber den jetzigen Stand hinaus
+den Hunger, ja selbst den Durst fuer alle bedeutet haette. Die
+Verpflegungsverhaeltnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu
+unguenstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der
+verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der
+arabischen Bevoelkerung.
+
+Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von
+der Notwendigkeit zu ueberzeugen, dass Mesopotamien und Syrien mit staerkeren
+Kraeften verteidigt, ja dass hier wie dort zum Angriff uebergegangen werden
+muesste. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplaetzen
+war gross. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermassen
+vielfach ueber Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von
+Syrien nach Aegypten. Man traeumte im stillen an der Hand der Karten, dass
+wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefaehrlichen
+britischen Weltmachtstellung herankaemen. Vielleicht lag in solchen
+Gedanken oft unbewusst das Wiedererwachen frueherer napoleonischer Plaene. Zu
+ihrer Durchfuehrung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger
+weitgreifender Operationen, naemlich genuegend leistungsfaehige
+Nachschublinien.
+
+
+
+ Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916
+
+
+Waehrend wir Rumaenien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in
+den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war
+nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff
+auf Siebenbuergen unmittelbar zu unterstuetzen, wohl aber sollte diese
+rumaenische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen
+russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden.
+Unmittelbare Hilfe gewaehrten die Russen den Rumaenen dagegen in der
+Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gruende hierfuer lagen ebensosehr
+auf politischem wie militaerischem Gebiete; Russland rechnete zweifellos
+sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee.
+Daher versuchten auch bei Beginn der Kaempfe in der Sueddobrudscha russische
+Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu naehern, und waren
+bitter enttaeuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, dass
+Russland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumaenien sich
+in den Besitz von Siebenbuergen setzte, aber nicht dulden durfte, dass der
+neue Verbuendete selbstaendig Bulgarien auf die Knie warf und dann
+moeglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens
+freimachte. Galt doch die Eroberung der tuerkischen Hauptstadt seit
+Jahrhunderten als historisches und religioeses Vorrecht Russlands.
+
+Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den
+Rumaenen ohne unmittelbare Unterstuetzung, sei es auch nur durch etliche
+russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbuergen allein zu
+ueberlassen. Man ueberschaetzte dabei jedenfalls die Leistungsfaehigkeit der
+rumaenischen Armee und ihrer Fuehrung und ging von der irrigen Ansicht aus,
+dass die Kraefte der Mittelmaechte an der Ostfront durch die russischen
+Angriffe vollstaendig gebunden, ja sogar erschoepft seien.
+
+Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,
+stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die
+Lage wurde zeitweise so misslich, dass wir befuerchten mussten, unsere
+Verteidigung wuerde von den Karpathenkaemmen heruntergeworfen werden. Deren
+Behauptung war aber fuer uns eine Vorbedingung zur Durchfuehrung unseres
+Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in
+Galizien mussten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe
+weiterer dortiger Gebietsteile wuerde an sich fuer unsere Gesamtlage von
+geringer militaerischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer
+galizischen Stellung die fuer uns so kostbaren, ja fuer die Kriegfuehrung
+unentbehrlichen Oelfelder gelegen haetten. Wiederholt mussten aus diesen
+Gruenden fuer den Angriff gegen Rumaenien bestimmte Truppenverbaende gegen die
+ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.
+
+Wenn auch die kritischen Lagen schliesslich immer wieder ueberwunden und
+unser Feldzug gegen Rumaenien einem gluecklichen Abschluss entgegengefuehrt
+wurde, so kann man doch nicht behaupten, dass die russischen
+Entlastungsangriffe ihren grossen operativen Zweck voellig verfehlt haetten.
+Rumaenien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbuendeten. Die
+Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kraeften
+tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluss an das rumaenische
+Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien,
+durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schliesslich auch durch die
+Fortsetzung der englisch-franzoesischen Anstuerme im Westen.
+
+
+
+Wir hatten, wie ich schon frueher andeutete, von Anfang an damit gerechnet,
+dass der Gegner mit dem Eintritt Rumaeniens in den Krieg seine Angriffe auch
+gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zaehigkeit und
+franzoesischem Elan fortfuehren wuerde. Dies trat auch ein.
+
+Unsere Fuehrereinwirkung auf diese Kaempfe war einfach. An einen
+Entlastungsangriff konnten wir mangels genuegender Kraefte weder bei Verdun
+noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen
+Neigungen entsprochen haette. Kurz nach der Uebernahme der Obersten
+Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner
+Majestaet dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun
+zu unterbreiten. Die dortigen Kaempfe zehrten wie eine offene Wunde an
+unseren Kraeften. Es liess sich auch klar ueberblicken, dass das Unternehmen
+in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit
+groessere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren.
+Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer
+uebermaechtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien
+waren ausserordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hoelle und
+in diesem Sinne bei der Truppe geradezu beruechtigt. Jetzt in
+rueckschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, dass wir aus rein
+militaerischen Gruenden gut daran getan haetten, die Kampfverhaeltnisse vor
+Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch
+freiwilliges Aufgeben noch groesserer Teile des eroberten Gelaendes als
+geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand
+nehmen zu muessen. Fuer das Unternehmen war eine grosse Masse unserer besten
+Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf
+einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu
+leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer
+umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr
+gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.
+
+Unsere Hoffnung, dass mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch
+der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg uebergehen wuerde,
+erfuellte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der
+Maas zu einem grossangelegten, kuehn durchgefuehrten Gegenstoss vor und
+ueberrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kraefte
+mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.
+
+Der franzoesische Fuehrer hatte sich bei diesem Gegenstoss von der bisherigen
+Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung
+freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der
+Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur aeussersten
+Grenze der Leistungsfaehigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit
+vorbereitet und war dann gegen den schlagartig koerperlich und seelisch
+niedergedrueckten Verteidiger sofort zum Angriff uebergegangen. Wir hatten
+diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des
+Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eroeffnung einer
+grossen Angriffshandlung war sie fuer uns neu und verdankte vielleicht
+gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im grossen und
+ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen
+Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, dass er es im kommenden Jahre
+nicht mit gleichem Erfolg in noch groesserem Umfang wiederholen wuerde.
+
+Die Kaempfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.
+
+Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines
+ausserordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen
+Kraefte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin
+bestehen, den Armeen die noetigen Kraefte zum Durchhalten zur Verfuegung zu
+stellen.
+
+Man gab dieser Art von Kaempfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man
+koennte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines
+Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Fuehrung jeder hoehere
+Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in
+den Vordergrund geschoben, waehrend die geistige Fuehrung allzusehr in den
+Hintergrund trat.
+
+Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kaempfen von 1915 bis 1917 nicht
+gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im
+wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Fuehrung. An der
+noetigen zahlenmaessigen Ueberlegenheit an Menschen, Kriegsgeraet und
+Schiessbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht
+behaupten, dass die Guete der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer
+taetigeren und gedankenreicheren Fuehrung nicht haette genuegen koennen.
+Ausserdem war fuer unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten
+Eisenbahn- und Strassennetz und den in Massen vorhandenen
+Befoerderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmoeglichkeit fuer eine
+weit groessere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch
+die gegnerische Fuehrung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres
+Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gruenden auch auf eine
+gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurueckzufuehren, auf dem die feindlichen
+Plaene reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf
+den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeefuehrungen und unsere Truppen
+gestellt werden mussten.
+
+Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die
+Westfront. Wir mussten die dortigen Kampfverhaeltnisse sobald als moeglich
+kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu koennen. Seine Kaiserliche
+und Koenigliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloss sich uns unterwegs an
+und ehrte mich in Montmedy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem
+Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen
+Herrn, dem ich fortan oefters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen
+und sein gesundes militaerisches Urteil haben mich stets mit Freude und
+Vertrauen erfuellt. In Cambrai ueberreichte ich auf Befehl Seiner Majestaet
+des Kaisers zwei anderen bewaehrten Heerfuehrern, den Thronfolgern Bayerns
+und Wuerttembergs, die ihnen verliehenen preussischen Feldmarschallstaebe und
+hielt dann eine laengere Besprechung mit den Generalstabschefs der
+Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, dass rasches und
+energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende
+Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermassen
+auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese
+ernste Krisis ueberwunden. Zu meiner Freude hoerte ich spaeter durch
+Frontoffiziere, dass sich die Fruechte der Besprechung von Cambrai bald bei
+der Truppe bemerkbar gemacht haetten.
+
+Die Groesse der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir
+bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die
+Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, dass ich damals erst einen
+vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie
+undankbar war die Aufgabe fuer Fuehrung und Truppe, da in der aufgezwungenen
+reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben musste! Der
+Erfolg in der Abwehrschlacht fuehrt den Verteidiger, auch wenn er siegreich
+ist, nicht aus dem staendig lastenden Druck, ich moechte sagen, aus dem
+Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muss auf den
+maechtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche
+Vorwaertsschreiten gewaehrt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, dass
+man ihn erlebt haben muss, um ihn in seiner ganzen Groesse begreifen zu
+koennen. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste
+Soldatenglueck nie empfinden duerfen! Sie sahen kaum etwas anderes als
+Schuetzengraeben und Geschosstrichter, in denen und um die sie wochen-, ja
+monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch
+geringe Nervennahrung! Welche Staerke des Pflichtgefuehls und welche
+selbstlose Hingabe gehoerten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller
+Entsagung auf hoeheres kriegerisches Glueck zu ertragen! Ich gestehe offen,
+dass diese Eindruecke fuer mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun
+verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen
+Kampfverhaeltnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der
+Hoffnung fuellten, dass nun endlich nach diesen erschoepfenden Schlachten ein
+hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben
+bringen wuerde.
+
+Freilich sollten unsere Fuehrer und Truppen noch lange auf die Erfuellung
+dieser Sehnsucht warten muessen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten
+Soldaten mussten noch vorher in zertruemmerten Schuetzengraeben ihr Herzblut
+hingeben!
+
+In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die
+einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.
+Die Millionen von Geschosstrichtern fuellten sich mit Wasser oder wurden zu
+Friedhoefen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kaempfenden Parteien
+die Rede. Ueber allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das
+in seiner Oede und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu uebertreffen
+schien.
+
+
+
+
+ Meine Stellung zu politischen Fragen
+
+
+
+ Aeussere Politik
+
+
+Die Beschaeftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
+Vaterlandes war mir stets ein Beduerfnis. Lebensgeschichten seiner grossen
+Soehne waren fuer mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
+Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
+Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch haette man ein volles
+Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betaetigung
+innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
+war hierfuer mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
+mein soldatisches Gefuehl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
+dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurueckzufuehren.
+Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verstaendnis, die
+Tatsache haette ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich
+ihr waehrend des Krieges nicht so oft und so laut haette Ausdruck geben
+muessen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschaeftigung
+wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer
+der Hauptgruende fuer unsere aussenpolitische Rueckstaendigkeit. Eine solche
+musste sich um so staerker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle
+Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdraengen
+unserer geistigen Kraefte ueber die vaterlaendischen Grenzen hinaus zu einem
+Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche
+Kraftbewusstsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer
+bei den unserigen.
+
+Weder bei meiner Taetigkeit in den hoeheren Fuehrerstellen des Ostens noch
+bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
+Feldheeres hatte ich das Beduerfnis und die Neigung, mich mehr als
+unbedingt notwendig mit gegenwaertigen politischen Fragen zu beschaeftigen.
+Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen
+und mannigfaltigen, auf die Kriegfuehrung wirkenden Entscheidungen eine
+voellige Zurueckhaltung der Kriegsleitung von der Politik fuer unmoeglich.
+Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm fuer
+das gegenseitige Verhaeltnis zwischen militaerischer und politischer Fuehrung
+im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand
+entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen
+Auffassung, wenn er sagte:
+
+ "Der Fuehrer hat bei seinen Operationen den militaerischen Erfolg in
+ erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen
+ oder Niederlagen anfaengt, ist nicht seine Sache, deren Ausnuetzung ist
+ vielmehr allein Sache der Politiker."
+
+Andererseits wuerde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben
+verantworten koennen, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Faellen
+zur Geltung gebracht haette, in denen die Bestrebungen anderer uns nach
+meiner Ueberzeugung auf eine bedenkliche Bahn fuehrten, wenn ich nicht da
+zur Tat getrieben haette, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu
+bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten fuer Gegenwart und
+Zukunft nicht dann mit aller Schaerfe vertreten haette, wenn die
+Kriegfuehrung und die zukuenftige militaerische Sicherheit meines Vaterlandes
+durch politische Massnahmen beruehrt oder gar gefaehrdet wurden. Man wird mir
+zugeben, dass die Grenzen zwischen Politik und Kriegfuehrung sich wohl nie
+mit voller Schaerfe ziehen lassen werden. Beide muessen schon im Frieden
+zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verstaendigung
+unbedingt verlangen. Sie muessen sich im Kriege, in dem ihre Faeden
+tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergaenzen. Dieses
+schwierige Verhaeltnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch
+der lapidare Stil Bismarcks laesst die Grenzlinien ineinander ueberfliessend
+erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche
+Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Loesung arbeitenden
+Persoenlichkeiten.
+
+Ich gebe zu, dass ich gar manche Aeusserungen ueber politische Fragen mit
+meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
+derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
+draengte mich in solchen Faellen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
+Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
+Aeusserung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
+Grund dafuer ein, warum ich schweigen sollte.
+
+Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Uebernahme
+der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
+Polens. Angesichts der grossen Bedeutung dieser Frage waehrend des Krieges
+und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
+muessen.
+
+Ich habe frueher nie eine persoenliche Abneigung gegen das polnische Volk
+empfunden; andererseits haette mir aber auch jeder vaterlaendische Instinkt,
+jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen muessen, wenn ich die
+schweren Gefahren verkannt haette, die in einer Wiederaufrichtung Polens
+fuer mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darueber hin, dass wir
+von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafuer erwarten
+koennten, dass wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute
+befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung fuer die wirtschaftliche und
+geistige Hebung unserer preussisch-polnischen Volksteile erhalten haben.
+Nie also wuerde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik ueberhaupt
+anerkannt wuerde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in
+unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.
+
+Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu loesen versuchte, immer
+musste Preussen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische
+Zeche zu zahlen hatte. Oesterreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in
+der Schoepfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr fuer das eigene
+Staatswesen zu befuerchten. Einflussreiche Kreise in Wien wie in Budapest
+glaubten vielmehr, dass es moeglich sein wuerde, das katholische Polen
+dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsaetzlich
+deutschfeindlichen Haltung der Polen schloss diese oesterreichische Politik
+eine schwere Gefahr fuer uns in sich. Es war nicht zu verkennen, dass
+hierdurch die Festigkeit unseres Buendnisses in Zukunft einer auf die Dauer
+unertraeglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden wuerde. Die Oberste
+Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um
+unsere zukuenftige militaerische Lage an der Ostgrenze unter keiner
+Bedingung aus dem Auge verlieren.
+
+Aus all diesen politischen wie militaerischen Erwaegungen haette sich meines
+Erachtens fuer Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage
+moeglichst wenig zu ruehren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen
+Faellen ausdrueckt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher
+Seite leider nicht geschehen. Die Gruende, warum wir aus der gebotenen
+Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und
+oesterreichisch-ungarischen Reichsleitung war naemlich Mitte August 1916 in
+Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmoeglichst die
+oeffentliche Verkuendigung eines selbstaendigen Koenigreichs Polen mit
+erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte.
+Diese Abmachung hatte man dadurch fuer uns Deutsche schmackhafter zu machen
+versucht, dass die beiden Vertragschliessenden sich verpflichtet hatten,
+keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen
+Staat zufallen zu lassen, und dass Deutschland die oberste Fuehrung der
+einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide
+Zugestaendnisse hielt ich fuer Utopien.
+
+Durch diese oeffentliche Verkuendigung wuerden die politischen Verhaeltnisse
+im Rueckengebiet unserer Ostfront voellig veraendert worden sein. Mein
+Vorgaenger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkuendigung
+Einspruch erhoben. Seine Majestaet der Kaiser entschied zugunsten des
+Generals von Falkenhayn. Nun war es aber fuer jedermann, der die Zustaende
+in der Donaumonarchie kannte, klar, dass die in Wien einmal getroffene
+Vereinbarung nicht geheim bleiben wuerde. Sie konnte wohl noch eine kurze
+Zeit offiziell zurueckgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
+werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
+ich bei Uebernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
+gegenueber.
+
+Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
+Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkuendigung
+des polnischen Koenigsreichs als eine nicht laenger hinausschiebbare
+Tatsache. Er liess die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der
+sicheren Aussicht auf eine Verstaerkung unserer Streitkraefte durch
+polnische Truppen, die sich im Fruehjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf
+5 ausgebildete Divisionen, bei Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht auf
+1 Million Mann belaufen wuerden. Eine so wenig guenstige Meinung ich auch
+glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevoelkerung am
+Krieg gegen Russland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur musste es
+besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen
+Verhaeltnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Ueberzeugung, dass
+uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstuetzen
+wuerde.
+
+Wie haette ich es da bei unserer Kriegslage verantworten koennen, diese als
+so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber fuer
+diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der
+naechsten Fruehjahrskaempfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten
+Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach
+dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.
+
+Da stiessen wir, ueberraschend fuer mich, auf den Widerstand der
+Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Faeden fuer einen Sonderfrieden
+mit Russland gefunden zu haben und hielt es fuer bedenklich, die
+eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhaengigen Polens in
+den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militaerischen
+Ruecksichten gerieten also in Widerstreit.
+
+Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schliesslich der, dass die
+Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Russland scheiterten, dass in den
+ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veroeffentlicht wurde, und dass
+die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen voellig
+ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstuetzung der
+katholischen Geistlichkeit, sondern loeste offenen Widerstand aus.
+
+Sofort nach Verkuendigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den
+Interessen Oesterreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
+Problem hervor. Unsere Verbuendeten erstrebten immer offenkundiger eine
+Vereinigung Kongress-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
+Einfluss. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenueber, sofern sie nicht von
+unserer Reichsleitung ueberhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
+wenigstens fuer eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
+rein militaerischen Gesichtspunkten eintreten zu muessen.
+
+Eigentlich konnte ja ueber alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
+entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, dass unsere Zeit durch diese
+im Kriege ueberreichlich in Anspruch genommen wurde. Im uebrigen muss ich
+betonen, dass die mit unserem Verbuendeten entstandenen Reibungen auf
+politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militaerischen
+Verhaeltnisse irgend welchen Einfluss ausuebten.
+
+Eine aehnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn
+spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militaerischen
+Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es
+sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschraenkten
+zukuenftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg ueber Cernavoda-Constanza
+in seine Hand bekommen wuerde. Geschah das, so beherrschte es die letzte
+und naechst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen
+Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natuerlich die
+guenstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung waehrend des Krieges
+Zugestaendnisse abzuringen. Andererseits bat die Tuerkei als zunaechst
+beruehrt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Plaene.
+Wir gaben ihr diese Unterstuetzung. So brach ein politischer Kleinkrieg
+unter militaerischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der
+Verlauf war kurz beschrieben folgender:
+
+Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Buendnisvertrag stellte fuer
+einen rumaenischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
+im Jahre 1912 verlorenen Teile der suedlichen Dobrudscha sowie dortige
+Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
+Anheimfall dieser ganzen rumaenischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
+dieses Vertrages hatten wir die frueheren bulgarischen Teile der suedlichen
+Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumaenischen Feldzuges
+sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung uebergeben, richteten aber
+in der Mitteldobrudscha im Einverstaendnis mit allen unseren Verbuendeten
+eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen
+Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschliesslich zugunsten
+Bulgariens. Die noerdliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort
+stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhaeltnisse schienen aeusserlich
+voellig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht
+lange.
+
+Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpraesidenten
+hingeworfen. Noch vor Abschluss des rumaenischen Feldzuges regte er bei
+seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an
+Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh
+dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung
+gegen uns. Koenig Ferdinand war zunaechst mit dem Vorgehen seiner Regierung
+nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch
+spaeter nachgeben zu muessen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste
+Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie
+fuehlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und
+verschiedenen politischen Stroemungen innerhalb ihres Heeres ein neues
+Element der Beunruhigung hineingeworfen wuerde. Bald leistete aber auch
+General Jekoff dem Draengen seines Ministerpraesidenten keinen weiteren
+Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen
+Regierung ueber den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches
+Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsaechlich
+gefuehrt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Ruecksicht auf das
+bestehende waffenbruederliche Verhaeltnis. Die Verbissenheit, mit der
+bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heisshungers festhielten, haette
+sich auf dem Gebiete der Kriegfuehrung fuer die allgemeinen Zwecke besser
+gelohnt.
+
+In diesen Zustaenden zeigten sich die Folgen einer schaedlichen Seite
+unserer Buendnisvertraege. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluss unseres
+Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug
+auf Vergroesserung des Landes und Vereinigung seiner voelkischen Staemme
+gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges haetten
+halten koennen. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht
+zufrieden. Fortdauernd vergroesserte es seine Ansprueche ganz ohne Ruecksicht
+darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein wuerde, solche
+Vergroesserungen spaeter politisch und wirtschaftlich beherrschen zu koennen.
+
+Solche Begehrlichkeiten enthielten fuer uns aber auch eine unmittelbare
+militaerische Gefahr. Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, von welch
+grossem militaerischen Vorteil es gewesen waere, wenn wir im Herbste 1916 die
+Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Fluegel bis in
+die Gegend von Prilep zurueckverlegt haetten. Nur eine Andeutung
+unsererseits in dieser Beziehung genuegte, um in allen politischen
+bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken
+hervorzurufen. Man befuerchtete sofort den Verlust der Ansprueche auf
+militaerisch geraeumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das
+Spiel, als dass man, wie es hiess, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt
+Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden spaeter
+sehen, wohin uns unsere grossen Zugestaendnisse an Bulgarien noch fuehren
+sollten.
+
+Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
+brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstaerkte betraechtlich meine
+Abneigung gegen die Politik.
+
+Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Buendnisvertrag mit Bulgarien
+hatte derjenige mit der Tuerkei. Deren Regierung gegenueber hatten wir uns
+nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
+verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
+Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
+Unsere Buendnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
+bedenkliche Rueckwirkung dieser misslichen Verhaeltnisse auf die
+Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die tuerkische
+Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus
+politischen Gruenden vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser
+Hinsicht war daher fuer uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der
+gemeinsamen Kriegfuehrung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von
+groesstem Wert. Auch die politische Auffassung der uebrigen tuerkischen
+Machthaber schien uns einstweilen eine Gewaehr dafuer zu geben, dass die
+bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht uebertrieben
+belasten wuerden. Wurde uns doch versichert, dass die osmanische Regierung
+sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den
+Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der
+Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit ueber grosse Teile der
+verlorenen Gebiete abfinden wuerde, sofern es gelingen solle, eine Formel
+zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.
+
+Fuer unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
+Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stuetzen; fuer Enver wie
+fuer Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und
+sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen
+Stroemungen in der Tuerkei entgegenzutreten, die auf die militaerischen
+Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges stoerend wirkten. Ich
+verweise hierbei auf meine frueheren Bemerkungen ueber die panislamitische
+Bewegung. Sie drohte andauernd die Tuerkei militaerisch in eine falsche
+Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Russlands suchte der
+Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja,
+er fasste darueber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Laender
+ins Auge und verlor sich schliesslich in den weiten Raeumen Zentralasiens
+mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und
+Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.
+
+Dass wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
+militaerische Unterstuetzung nicht leihen konnten, dass wir vielmehr die
+Rueckkehr aus diesen weitschweifenden Plaenen auf den Boden der jetzigen
+kriegerischen Wirklichkeiten fordern mussten, war klar, das Bemuehen aber
+leider nicht erfolgreich.
+
+
+
+Weit schwieriger als unser Einfluss auf die aussenpolitischen Probleme der
+Tuerkei musste natuerlich unser Einfluss auf innere Verhaeltnisse dieses
+Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
+Schritte nicht voellig entschlagen. Nicht nur die primitiven
+wirtschaftlichen Zustaende gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein
+menschliche Empfindungen.
+
+Das ueberraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
+Wiederaufflammen frueheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
+gleichzeitig die dunkelste Seite der tuerkischen Herrschaft: ich meine ihr
+Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische
+Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme fuer die Tuerkei in sich.
+Sie beruehrte sowohl den pantuerkischen wie auch den panislamitischen
+Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer tuerkischer Seite zu loesen
+versucht wurde, hat die ganze Welt waehrend des Krieges beschaeftigt. Man
+hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen
+wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluss des
+Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fuehle mich
+daher verpflichtet, sie hier zu beruehren, und habe wahrlich keinen Grund,
+unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu uebergehen. Wir haben nicht
+gezoegert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluss auf die wilde,
+schrankenlose Art der Kriegfuehrung auszuueben, die im Orient durch
+Rassenhass und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir
+haben wohl zusagende Aeusserungen massgebender Stellen der tuerkischen
+Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu
+ueberwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So
+erklaerte man beispielsweise von tuerkischer Seite die armenische Frage als
+lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns
+beruehrt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen
+Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Hass- und Racheakte.
+Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im
+politischen und religioesen Fanatismus, bildet eines der schwaerzesten
+Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Voelker.
+
+Die uebereinstimmenden Urteile voelkisch voellig neutraler Beobachter gingen
+dahin, dass die in ihren innersten Leidenschaften aufgewuehlten Parteien bei
+der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl
+den sittlichen Begriffen, die bei Voelkern jener Gebiete durch die noch
+herrschenden oder erst seit kurzem ueberwundenen Gesetze der Blutrache
+geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte
+angerichtet wurde, ist ganz unuebersehbar. Er machte sich nicht allein auf
+menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und
+militaerischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten tuerkischen
+Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter
+als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden
+Erschoepfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die
+Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses
+Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte
+Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel
+erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist?
+
+
+
+ Die Friedensfrage
+
+
+Mitten in den Vorbereitungen zum rumaenischen Feldzug trat an mich die
+Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den
+oesterreichisch-ungarischen Aussenminister Baron Burian ins Rollen gebracht.
+Dass ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen
+entgegenbrachte, bedarf fuer den Kenner meiner Person und meiner Auffassung
+vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im uebrigen gab es fuer mich
+bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Ruecksichten auf meinen Kaiser und
+mein Vaterland. Ich hielt es fuer meine Aufgabe, bei der Behandlung und
+versuchten Loesung des Friedensgedankens dafuer zu sorgen, dass weder Heer
+noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte
+bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken;
+eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der
+Schwaeche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks
+vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem
+Pflichtbewusstsein Gott und den Menschen gegenueber sich mein Allerhoechster
+Kriegsherr der Loesung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht,
+dass er ein voelliges Scheitern dieses Schrittes fuer wahrscheinlich hielt.
+Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering.
+Unsere Gegner hatten sich foermlich in ihren Begehrlichkeiten ueberboten,
+und es schien mir ausgeschlossen, dass eine der feindlichen Regierungen von
+den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Voelkern gemacht
+hatten, freiwillig zuruecktreten koennte und wuerde. Durch diese Ansicht
+wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der
+Menschlichkeit nicht beeintraechtigt.
+
+Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum
+Frieden verkuendet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den
+gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.
+
+Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemuehung des
+Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fusse. Die
+Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler ueber die Anregungen, die er
+durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen,
+unterrichtet. Ich selbst hielt den Praesidenten Wilson nicht geeignet fuer
+eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefuehles nicht
+erwehren, dass der Praesident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und
+zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natuerliche
+Folgeerscheinung seiner angelsaechsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen
+meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht fuer
+parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der
+Neutralitaetsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung
+des Voelkerrechtes ging der Praesident gegen England mit allen moeglichen
+Ruecksichten vor. Er liess sich hierbei die schroffsten Abweisungen
+gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur
+unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willkueren war, zeigte Wilson die
+groesste Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen.
+Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen
+Anregung. Die Gegner aeusserten sich Wilson gegenueber ueber Einzelheiten
+ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche
+und politische Laehmung Deutschlands, auf eine Zertruemmerung
+Oesterreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens
+hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig wuerdigte, musste
+sich der Gedanke aufdraengen, dass die gegnerischen Kriegsziele nur bei
+einem voellig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, dass wir
+aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklaeren.
+Jedenfalls wuerde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge fuer ein
+Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen
+erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen
+gegenueber anders als voellig ablehnend verhalten haette. Ich konnte bei der
+damaligen Kriegslage meiner Ueberzeugung und meinem Gewissen nach keinen
+anderen Frieden gut heissen als einen solchen, der unsere zukuenftige
+Stellung in der Welt derartig festigte, dass wir gegen gleiche politische
+Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschuetzt
+blieben, und dass wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke
+Stuetze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und
+geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war fuer mich als
+Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, dass es erreicht
+wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darueber hingeben zu brauchen,
+dass das deutsche Volk und seine Verbuendeten die Kraft besitzen wuerden, die
+unerhoerten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen
+in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat
+gegenueber den feindlichen Anspruechen durchaus ablehnend. Auch kam weder
+von tuerkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung
+zur Nachgiebigkeit. Die Schwaecheanwandlungen Oesterreich-Ungarns hielt ich
+fuer ueberwindbar. Hauptsache war, dass man sich dort andauernd das Schicksal
+vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen
+Anforderungen entgegenging, und dass man sich von dem Wahne freihielt, als
+ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln
+sei. Wir hatten mit Oesterreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung
+gemacht, dass es zu weit hoeheren Leistungen faehig war, als es selbst von
+sich glaubte. Die dortige Staatsleitung musste sich nur einem unbedingten
+Zwange gegenuebergestellt sehen, um dann auch groesseres leisten zu koennen.
+Aus diesen Gruenden war es meiner Ansicht nach verfehlt, Oesterreich-Ungarn
+gegenueber mit Trostspruechen zu arbeiten. Solche staerken nicht und heben
+nicht das Vertrauen und die Entschlusskraft. Das gilt Politikern ebenso wie
+Soldaten gegenueber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht,
+da reissen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des
+Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schaerfer empor, als es Worte des
+Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermoegen.
+
+Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Praesidenten
+Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die
+ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklaerung der
+Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage fuer
+Friedensbemuehungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich
+auf die grundsaetzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte
+beschraenkte. Dieses Verhalten des Praesidenten erschuetterte mein Vertrauen
+auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schoenen
+Worten reichen Botschaft vergebens die Zurueckweisung des Versuches unserer
+Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklaeren. Auch der Satz ueber
+die Herstellung eines einigen, unabhaengigen und selbstaendigen Polens
+erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Oesterreich und
+gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf
+Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch
+fuer Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des
+Vermittlers Wilson gegen die Mittelmaechte die Rede sein? Die Botschaft war
+fuer uns mehr eine Kriegserklaerung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir
+uns erst einmal der Politik des Praesidenten an, so mussten wir auf eine
+abschuessige Bahn geraten, die uns schliesslich zu einem Frieden des
+Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militaerische
+Stellung zu fuehren drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass wir
+nach dem ersten zustimmenden Schritt allmaehlich politisch immer weiter in
+die Tiefe gedrueckt und dann schliesslich zur militaerischen Kapitulation
+gezwungen wuerden.
+
+Durch Veroeffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, dass
+Praesident Wilson unmittelbar nach Verkuendigung der Senatsbotschaft vom
+22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine
+Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung
+ueberreichen liess. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin
+eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit
+entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehoert. Ob
+Irrtuemer oder Verkettung von widrigen Verhaeltnissen Schuld daran waren,
+weiss ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende
+Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in
+Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschraenkten
+Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, dass
+der Praesident hierueber durch Auffangen und Entzifferung unserer
+diesbezueglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von
+seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer
+uebrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran
+anknuepfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres
+gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr
+aufgehalten durch unsere Erklaerung vom 29. Januar, in der wir bereit
+waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemuehungen
+des Praesidenten gelingen wuerde, eine Grundlage fuer Friedensverhandlungen
+zu sichern.
+
+Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestaetigung
+meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten
+Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
+
+
+
+ Innere Politik
+
+
+Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner
+gestanden. Auch nach meinem Uebertritt in den Ruhestand beschaeftigten sie
+mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu
+verstehen, dass hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht
+kleinlichen Parteiinteressen gegenueber zuruecktreten sollte, und fuehlte
+mich in meiner politischen Ueberzeugung am wohlsten in dem Schatten des
+Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres grossen
+greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer fuer mich wunderbaren
+Groesse hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren
+Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse waehrend des jetzigen Krieges
+waren nicht geeignet, mich fuer die Aenderungen einer neueren Zeit besonders
+zu erwaermen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks
+war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und
+Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen fuer mich hoeher als
+kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht fuer einen
+Staatsbuerger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenueberzustellen
+waere.
+
+Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner
+Fuehrung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage
+ruecksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir
+haetten an ihrem Beispiel lernen koennen. Leider haben wir es nicht getan,
+sondern sind einem Wahngebilde der Voelkergerechtigkeit verfallen, anstatt
+das eigene Staatsgefuehl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser
+Dasein ueber alles andere zu stellen.
+
+Waehrend des Krieges musste sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen
+innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,
+beschaeftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie draengten sich, mehr
+als mir erwuenscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer
+und Volkswirtschaft machten es uns unmoeglich, die wirtschaftlichen
+Heimatfragen von der Kriegfuehrung durch eine Grenzlinie aehnlich einer
+solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.
+
+Das grosse Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen traegt, vertrat ich mit
+der vollen Verantwortung fuer seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die
+ich fuer seine Bearbeitung gab, lautete dahin, dass der Bedarf fuer unsere
+kaempfenden Truppen unter allen Umstaenden gedeckt werden muesste. Einen
+anderen Grundsatz als diesen haette ich im vorliegenden Falle fuer ein
+Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern
+Forderungen waren die Zahlen den frueheren gegenueber freilich ins Riesige
+gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu
+beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es
+sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase
+taeuschte sich vollstaendig ueber die Stimmung, unter deren Einfluss dieses
+Programm entstanden ist.
+
+An der Einbringung des Gesetzes ueber den Kriegshilfsdienst war ich mit
+ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach
+meinem Wunsche nicht nur alle waffenfaehigen sondern auch alle
+arbeitsfaehigen Maenner, ja selbst Frauen, in den Dienst der grossen Sache
+stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, dass durch ein solches Gesetz
+nicht nur personelle sondern auch sittliche Kraefte ausgeloest wuerden, die
+wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schliessliche
+Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit
+bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser
+Enttaeuschung bedauerte ich fast, dass wir unser Ziel nicht auf den schon
+bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer
+Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu
+einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes
+zu gestalten, hatte mich den Einfluss der bestehenden inneren politischen
+Verhaeltnisse uebersehen lassen. Das Gesetz kam schliesslich zustande auf dem
+Boden innerpolitischer Handelsgeschaefte, nicht aber auf dem tiefgehender
+vaterlaendischer Stimmung.
+
+Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, dass sie durch das Gesetz
+ueber den "Vaterlaendischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des
+sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und
+wirtschaftlicher Beziehung zu ueberstuerzenden Massnahmen Anlass gegeben
+haette, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar
+darueber hinaus noch deutlich verfolgen liessen. Ich muss der zukuenftigen,
+von den gegenwaertigen Parteistroemungen befreiten Forschung zur
+Entscheidung ueberlassen, ob diese Vorwuerfe gerechtfertigt sind. Auf einen
+Punkt moechte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines fuer den Krieg
+geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres
+Kampfes ausserordentlich fuehlbar. Die Erfahrung zeigte, dass sich ein
+solcher waehrend des Krieges nicht aus dem Boden stampfen laesst. So glaenzend
+unsere militaerische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung
+geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen.
+Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden
+musste, ueberstieg alle frueheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der
+nahezu voelligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen
+Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und
+Schiessbedarf vor voellig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden
+kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den
+entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs
+innigste beruehrten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen
+Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermassen
+reibungslos arbeiten sollte. Notwendig waere es wohl gewesen, eine
+gemeinsame Zentralbehoerde zu schaffen, bei der alle Forderungen
+zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine
+solche Behoerde haette wirtschaftlich und militaerisch weitblickende
+Entscheidungen treffen koennen. Sie haette unterstuetzt von
+volkswirtschaftlichen Groessen, die imstande waren, die Folgen ihrer
+Entscheidungen weithin zu ueberblicken, im freien Geiste geleitet werden
+muessen. An einer solchen Behoerde fehlte es. Es bedarf keiner naeheren
+Erlaeuterungen, dass nur ein ungewoehnlich begabter Verstand und eine
+ungewoehnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe haette gewachsen
+sein koennen. Selbst bei Erfuellung aller dieser Vorbedingungen waeren
+schwere Reibungen nicht ausgeblieben.
+
+So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in
+das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien
+Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner
+Natur meine Unterstuetzung. Besonders glaubte ich zur Frage der
+Kriegerheimstaetten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu muessen. Meinen
+Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte
+ich doch keinen schoeneren und befriedigerenden Blick als den ueber ein
+wohlgepflegtes Stueck Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen.
+Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein
+Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefuehlt haben. Mein Wunsch geht
+dahin, dass recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefaehrten nach allen
+Leiden und Muehen dieses Glueck beschieden sei!
+
+
+
+
+ Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr
+
+
+
+ Unsere Aufgaben
+
+
+Als sich das Ergebnis der Kaempfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit
+ueberblicken liess, mussten wir ueber die Weiterfuehrung des Krieges im Jahre
+1917 ins klare kommen. Ueber das, was der Gegner im naechsten Jahre tun
+wuerde, war bei uns kein Zweifel. Wir mussten auf einen allgemeinen
+feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und
+die Witterungsverhaeltnisse einen solchen zuliessen. Vorauszusehen war, dass
+unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre,
+eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben wuerden,
+sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit liessen.
+
+Nichts konnte naeher liegen und unser aller Wuenschen und Empfindungen mehr
+entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die
+gegnerischen Plaene dadurch ueber den Haufen zu werfen und damit von Anfang
+an die Vorhand an uns zu reissen. Ich darf wohl behaupten, dass ich in
+dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versaeumt
+hatte, sobald mir die Mittel hierfuer in einem nur einigermassen genuegenden
+Ausmass zur Verfuegung standen. Jetzt aber durften wir uns ueber diesen
+Wuenschen den Blick fuer die tatsaechliche Lage nicht trueben lassen.
+
+Es bestand kein Zweifel, dass sich das Staerkeverhaeltnis zwischen uns und
+unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten
+verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen
+war. Rumaenien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren
+Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mussten.
+Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit fuer
+seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im
+weitesten Umfang rechnen.
+
+Es war ein Verhaengnis fuer uns, dass es unserer Heeresfuehrung waehrend des
+ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner
+mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer
+Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen
+entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd
+gegenueber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kraefteverbrauch
+zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar
+guenstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen,
+allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie
+jedoch wieder kampfkraeftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt
+zur Auffrischung ihrer Verbaende andauernd Zuzug und Ersatz aus allen
+moeglichen Laendern, zuletzt besonders auch durch oesterreichisch-ungarische
+Ueberlaeufer slawischer Nationalitaeten.
+
+In allen drei Faellen, Belgien, Serbien und Rumaenien, hatte das Schicksal
+der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gruende ihres
+Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche.
+
+Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im
+Kriege eine grosse Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck wuerdigt man den
+Krieg aus seiner stolzen Hoehe zu einem Gluecksspiel herab. Als solches ist
+er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch
+wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und ueberall eine herbe
+Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den
+Erfolg auf seiner Seite, wer das unterlaesst oder unterlassen muss, verliert.
+
+Fuer das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darueber im Zweifel sein, ob die
+Hauptgefahr fuer uns aus West oder Ost kommen wuerde. Rein vom Standpunkte
+zahlenmaessiger Ueberlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront groesser. Wir
+mussten annehmen, dass es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den
+Vorjahren gelingen wuerde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit
+Erfolg angriffsfaehig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der
+besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen
+Heeres hervorgegangen waere. Die Erfahrung hatte mich uebrigens gelehrt,
+derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit
+aeusserster Vorsicht aufzunehmen.
+
+Dieser russischen Staerke gegenueber konnten wir die Verhaeltnisse in dem
+oesterreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten,
+die uns zukamen, liessen die Zuversicht nicht recht aufkommen, dass der
+glueckliche Ausgang des rumaenischen Feldzuges und die verhaeltnismaessig
+guenstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf
+den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und
+staerkenden Einfluss ausgeuebt hatten. Wir mussten weiterhin damit rechnen,
+dass Angriffe der Russen wieder Zusammenbrueche in den oesterreichischen
+Linien verursachen koennten. Es war sonach ausgeschlossen, den
+oesterreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstuetzung zu
+nehmen; wir mussten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen
+Notfaellen an den Fronten des Verbuendeten mit weiteren Kraeften auszuhelfen.
+
+Wie sich die Verhaeltnisse an der mazedonischen Front gestalten wuerden, war
+ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kaempfe ein deutsches
+Heeresgruppenkommando die Fuehrung der rechten und mittleren bulgarischen
+Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See,
+uebernommen; auch waren sonst noch aus den Kaempfen der Jahre 1915 und 1916
+her hoehere deutsche Befehlshaber in dieser Front taetig geblieben. Andere
+unserer Offiziere waren ferner damit beschaeftigt, die reichen
+Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu
+uebermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim
+Wiederaufleben der Kaempfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere
+Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstuetzungsbereit mussten wir
+jedenfalls auch fuer die mazedonische Front sein.
+
+Auch an unserer Westfront mussten wir damit rechnen, dass die Gegner im
+kommenden Fruehjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des
+vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
+wuerden. Ich moechte den Ausdruck "volle Kraft" natuerlich bedingt aufgefasst
+wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger
+Monate wohl zahlenmaessig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und
+ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen
+wie auch wir.
+
+Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes:
+Der Gegner hatte im zaehesten, fuenfmonatigen Ringen an der Somme unsere
+Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurueckgeworfen. Vergessen wir
+diese Zahlen fuer spaetere Vergleiche nicht!
+
+Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war,
+war bei der Groesse unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung
+unserer Linien drueckte aber auf unsere nach Nord und Sued anschliessenden
+Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen
+sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe,
+verbunden mit noerdlich und suedlich davon angesetzten Nebenangriffen,
+umfasst zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den
+eingebrochenen Feind war die naechstliegende, angesichts unserer Gesamtlage
+aber auch die bedenklichste Loesung. Durften wir es wagen, alle unsere
+Kraft zu einem grossen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefuellten
+Gegend an der Somme einzusetzen, waehrend wir vielleicht an anderer Stelle
+der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte
+sich hier wieder einmal, dass unsere Kriegfuehrung, wenn sie mit grossen
+Plaenen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht
+verschliessen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine
+Sprache, die sich Gehoer verschaffen musste.
+
+Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch
+einen Angriff nicht verbessern konnten, so mussten wir die Folgerungen
+daraus ziehen und unsere Linien zuruecknehmen. Wir entschieden uns daher
+auch zu dieser Massnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne
+eingedrueckt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon
+vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurueck. Diese
+neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.
+
+Also Rueckzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluss.
+Schwere Enttaeuschung fuer das Westheer, vielleicht eine noch schwerere fuer
+die Heimat, die schwerste, wie zu befuerchten, bei unseren Verbuendeten.
+Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren
+Stoff fuer Propaganda vorstellen? Glaenzender, wenn auch spaet sichtbarer
+Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher
+Widerstand, heftige unaufhoerliche Verfolgungen mit grossen Beutezahlen,
+Schauergeschichten ueber unsere Kriegfuehrung. Man konnte das ganze
+Register, das aufgezogen werden wuerde, schon vorher hoeren. Welch ein Hagel
+propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien
+niederfallen!
+
+Unsere grosse Rueckwaertsbewegung begann am 16. Maerz 1917. Der Gegner folgte
+ihr ins freie Gelaende zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht
+sich zu groesserem Draengen steigern wollte, verstanden es unsere
+Deckungstruppen, abkuehlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.
+
+Mit der getroffenen Massnahme schufen wir uns nicht nur guenstigere oertliche
+Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte
+Kriegslage. Gab uns doch die Verkuerzung der Verteidigungslinie im Westen
+die Moeglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan,
+wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser
+unserem Rueckzug in die Siegfriedstellung ueber das freie Gelaende folgen
+wuerde, in dem wir uns ihm unbedingt ueberlegen fuehlten. Wir verzichteten
+jedoch hierauf und hielten unser Pulver fuer die Zukunft trocken.
+
+Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Fruehjahr des Jahres 1917
+geschaffen hatten, vielleicht als eine grosse strategische Bereitstellung
+bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand ueberliessen, aus
+der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche
+Schwaechepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus
+frueheren Kriegen koennen bei der ungeheuer gesteigerten Groesse aller
+Verhaeltnisse nicht gezogen werden.
+
+
+
+Im Zusammenhang mit diesen Ausfuehrungen muss ich zwei Plaene besprechen, mit
+denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschaeftigen hatten. Es waren
+Vorschlaege fuer einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die
+Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom
+Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem grossen Erfolge
+gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische
+und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschliessen.
+Wie ich schon frueher ausfuehrte, vertrat ich dauernd die Anschauung, dass
+Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem
+politischen Druck Englands stuende, als dass dieses Land, selbst durch eine
+grosse Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen waere. Generaloberst
+von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die
+guenstige Rueckwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die
+Stimmung in den oesterreichisch-ungarischen Laendern. Er hoffte auf die
+grosse militaerische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge fuer
+Oesterreich-Ungarn eintreten musste. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als
+wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche
+Unterstuetzung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte
+Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener
+aus Suedtirol heraus unternehmen zu koennen. Demgegenueber glaubte ich es
+jedoch nicht verantworten zu koennen, so viele deutsche Truppen auf nicht
+absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner
+Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefaehrlichsten Fronten
+in Ost und West ablag.
+
+Aehnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die
+Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebaeugelte mit diesem Plane, und
+von seinem Standpunkte aus natuerlich mit vollster Berechtigung. Ein
+entscheidender Erfolg unsererseits haette die Entente zur Raeumung dieses
+Landes zwingen koennen. Bulgarien waere dadurch militaerisch und politisch
+nahezu voellig entlastet worden. Das Unternehmen haette auch den lebhaften
+Wuenschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch
+bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen,
+schoenen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei
+mir keinen Eindruck. Auch die militaerische Entlastung Bulgariens haette
+nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen fuer unsere Gesamtlage
+bedeutet. Haetten wir die Ententekraefte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen,
+so wuerden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir
+dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo ausserhalb
+des Balkans haetten einsetzen koennen, erschien mir mindestens fraglich.
+Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen ausserhalb des
+unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes waehrend des rumaenischen
+Feldzuges noerdlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit
+diesen Verbaenden gefuehrt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die
+bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegfuehrung am
+besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien
+beschaeftigten. Das schloss natuerlich nicht aus, dass ich einen selbstaendigen
+Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begruesst haette. Das
+Ziel eines solchen haette dann aber wohl wesentlich begrenzter gefasst
+werden muessen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die
+Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen
+glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe,
+allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu koennen, und wohl mit
+Recht.
+
+Nachrichten ueber die Entwicklung der politischen Verhaeltnisse in
+Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines
+Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie
+verfuehrerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber voellig
+unempfindlich. Ich bezweifelte es, dass das Volk der Hellenen mit grosser
+Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an
+Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im grossen und ganzen waere es dabei um
+das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner
+haetten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht
+poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen.
+
+
+
+Aus meinen vorstehenden Ausfuehrungen duerfte mit aller Klarheit
+hervorgehen, dass die Anspannung der deutschen Kraefte durch die gesamte
+Lage eine so hohe war, dass wir sie nicht durch weitere, ausserhalb
+unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende
+Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Plaene, die
+sichere Aussichten auf grosse kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht
+von der zunaechst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf
+im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrueckende
+Ueberlegenheiten.
+
+Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre
+1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute
+nochmals die Frage vorlege, ob ich anders haette entscheiden sollen und
+duerfen, so muss ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen
+zu koennen, dass der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa spaeterhin unser
+Verhalten als das Richtige bestaetigt hat. Wir konnten und durften nicht
+einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um
+billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu
+pfluecken.
+
+
+
+Die Tuerkei war fuer 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht
+zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr
+gegenueberstehenden Kraefte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so
+erfuellte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges.
+
+Um die hierfuer noetigen Truppen kampfkraeftig zu erhalten, hatten wir schon
+im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie
+moechte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvoelkerten und
+ausgesogenen armenischen Hochlande zurueckziehen, um den Truppen die
+Ueberwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spaet erteilt.
+Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kaelte dem
+vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr
+tragisches Ende je verkuenden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle
+getan.
+
+
+
+ Der Unterseebootkrieg
+
+
+Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an
+die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen!
+Man denke an die vielen Saeuglinge, die infolge Aushungerung der Muetter
+dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank
+bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose,
+kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier
+mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein
+Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von
+Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung bruesten! Wo ist da Gesittung?
+Stehen sie als Menschen hoeher wie jene, die im armenischen Hochlande zum
+Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wueteten und dafuer vom
+Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen
+hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als
+derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Naechstenliebe
+gesprochen.
+
+Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist
+klar. Sie haben eingesehen, dass ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur
+Erkaempfung ihres tyrannischen Willens, dass ihre Kriegskunst unfruchtbar
+bleibt gegenueber ihrem Gegner mit staehlernen Nerven. Man zermuerbe also
+dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so
+gelingt es vielleicht von rueckwaerts her auf dem Wege ueber die Heimat. Man
+lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den
+Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch
+allmaehlich! Vielleicht entschliessen sich diese Gatten und Vaeter, die
+Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und
+Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und koennen dabei beten!
+
+"Der Gegner ueberschuettet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken
+wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu?
+Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der
+Soldat an unseren Fronten.
+
+Heimat und Heer wenden sich mit solchen und aehnlichen Ausfuehrungen an ihre
+Fuehrer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher.
+Der Wille, die ganze Schaerfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die
+Leiden der Heimat abzukuerzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu
+entlasten, war schon vor meiner Uebernahme der Obersten Heeresleitung
+vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt
+nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint
+Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.
+
+Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so
+durften doch nicht Folgen ausser acht gelassen werden, die aus der
+ruecksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen
+konnten. Werden Ruecksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt
+es doch Ruecksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat
+darf durch Anwendung der Waffe nicht in groessere Gefahren und Sorgen
+gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es
+schwankt also der Entschluss, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch
+menschliche Gefuehle mitreden!
+
+So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Grossen Hauptquartier.
+Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle
+Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darueber bei
+der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste
+Heeresleitung stark davon beruehrt. Ist es doch klar, dass wir aus allgemein
+militaerischen Gruenden die Fuehrung des Unterseebootkrieges wuenschen muessen.
+Die Vorteile, die wir hieraus fuer unsere Landkriegfuehrung erwarten koennen,
+sind mit den Haenden zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite
+die Fertigung von Kriegsbeduerfnissen oder deren Befoerderung ueber See
+wesentlich eingeschraenkt werden muesste, waere das fuer uns eine grosse
+Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelaenge, die gegnerischen
+ueberseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch grosse
+Entlastung wuerde das nicht bloss fuer Bulgarien und die Tuerkei, sondern auch
+fuer uns bedeuten, ohne dass wir hierfuer deutsches Blut opferten! In
+weiterer Ferne steht auch die Moeglichkeit, den Ententelaendern die
+Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unertraeglichen
+Masse zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick
+entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versoehnende Hand zu
+reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien
+der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges
+einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das
+wir noch fuer eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten,
+nachdem wir zum Weiterkaempfen gezwungen waren.
+
+In welchen Zusammenhang wir die Fuehrung des Unterseebootkrieges zu der
+gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus
+einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung.
+Diese Zuschrift sollte als Grundlage fuer eine Anweisung an unseren
+Botschafter in Washington dienen und lautete:
+
+ "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persoenlichen Unterweisung
+ mitgeteilt, dass die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu
+ durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird,
+ ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der
+ Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmaechte gegen
+ Rumaenien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in
+ diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch
+ zweifelhaft. Daher muss vorlaeufig mit laengerer Kriegsdauer gerechnet
+ werden.
+
+ Demgegenueber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den
+ ruecksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der
+ wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den
+ Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt
+ machen wuerde. Deshalb muss die Deutsche Oberste Heeresleitung den
+ ruecksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Massnahmen einbeziehen, unter
+ anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der
+ Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer
+ Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu fuehren. Schliesslich koennen
+ wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen
+ Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die
+ neutralen Maechte bearbeitet, um seine militaerische und wirtschaftliche
+ Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten muessen
+ wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns
+ vorbehielten, wiedergewinnen.
+
+ Die Gesamtlage wuerde sich aber vollstaendig aendern, falls Praesident
+ Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Maechten einen
+ Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser muesste allerdings ohne bestimmte
+ Vorschlaege territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand
+ der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezuegliche Aktion muesse aber
+ bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor
+ derselben warten, so wuerde er zu einem solchen Schritte kaum mehr
+ Gelegenheit finden. Auch duerften die Verhandlungen nicht erst auf
+ Abschluss eines Waffenstillstandes abzielen, sondern muessten lediglich
+ unter den Kriegsparteien gefuehrt werden und innerhalb kurzer Frist
+ unmittelbar den Praeliminarfrieden bringen. Ein laengeres Hinausziehen
+ wuerde die militaerische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere
+ Vorbereitungen der Maechte zur Fortsetzung des Krieges bis in das naechste
+ Jahr zur Folge haben, sodass an einen Frieden in absehbarer Zeit dann
+ nicht mehr zu denken waere.
+
+ Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem
+ Mittelsmann, durch welchen er mit dem Praesidenten verhandelt -
+ besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine
+ Friedensaktion des Praesidenten, die nach aussen hin am besten spontan
+ erscheinen wuerde, wuerde bei uns ernsthaft in Erwaegung gezogen werden,
+ und diese wuerde ja auch fuer die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg
+ bedeuten."
+
+Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird
+der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden koennen?" Der
+Admiralstab kann hierfuer natuerlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber
+selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten
+Schaetzungen sind so guenstig fuer uns, dass ich grundsaetzlich die Gefahr in
+den Kauf nehmen zu koennen glaube, uns mit der Anwendung des neuen
+Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.
+
+Mochte die Marine auch noch so sehr draengen, so verlangten doch politische
+und militaerische Ruecksichten eine Verzoegerung des Beginns des
+uneingeschraenkten Unterseebootkrieges ueber den Herbst 1916 hinaus. Wir
+durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf
+uns ziehen. Wir mussten jedenfalls warten, bis wir einen guenstigen Abschluss
+des rumaenischen Feldzuges ueberblicken konnten. Gelang ein solcher, so
+verfuegten wir ueber genuegend Kraefte, um angrenzende neutrale Staaten von
+einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu koennen, mochte
+England auch deren wirtschaftliche Bedrueckung noch weiter steigern.
+
+Zu den Ruecksichten aus militaerischen Gruenden treten solche aus
+politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein voelliger
+Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstaerkte Anwendung der
+Unterseebootwaffe nicht denken.
+
+Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es fuer mich nur noch
+militaerische Ruecksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in
+Rumaenien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Ueberzeugung die
+weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe.
+
+Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhoechster Kriegsherr gegen die Ansicht des
+Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und
+Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im
+Zweifel ueber die Schwere des Schrittes.
+
+Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen
+verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine grosse
+moralische Staerkung fuer Fortfuehrung des Landkrieges.
+
+Angesichts des fuer uns verhaengnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die
+Erklaerung des uneingeschraenkten Unterseebootkrieges fuer ein Vabanquespiel
+halten zu muessen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluss
+politisch und militaerisch wie auch moralisch herabzuwuerdigen. Man
+uebersieht bei diesem Urteil, dass nahezu alle entscheidenden Entschluesse,
+und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich
+tragen, ja, dass die Groesse einer Tat hauptsaechlich darin liegt und daran zu
+messen ist, dass ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem
+Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er
+nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt
+die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten
+entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen waere. Ein
+Fuehrer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an
+den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Misslingt ihm
+der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen
+und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es
+wuerde jeder Groesse entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich
+gruenden liesse, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhaengig waere von
+dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer
+deutschen militaerischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die
+groessten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die maechtigsten
+Taten unserer gefaehrlichsten Gegner. Gab es einen kuehneren Einsatz der
+letzten Kraft, als ihn der grosse Koenig bei Leuthen wagte und damit das
+Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluss
+Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine
+letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie
+Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden?
+Waere nicht ein Bluecher dem Korsen gegenueber gewesen, der Korse haette
+gesiegt, und die Weltgeschichte waere wohl einen anderen Weg gegangen. Und
+auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwaerts; wagte er
+nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Aeusserste? Hoeren wir, was
+vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darueber sagte:
+
+ "Das schoenste Manoever, das ich je auf Erden habe ausfuehren sehen, ist
+ die Tat des Greises Bluecher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe
+ der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten
+ Soldaten losstuermte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der
+ Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenfuehrte."
+
+Ich moechte dieses Kapitel nicht schliessen, ohne meine Zweifel der
+Behauptung gegenueber zu aeussern, dass mit dem Eintritt Amerikas in die
+Reihen unserer Gegner unsere Sache endgueltig verloren gewesen sei. Warten
+wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren
+Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise grossen Erfolge zu Lande vom
+Fruehjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht
+erfahren, dass wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu
+reissen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, dass andere als
+militaerische Gruende uns um ein erfolgreiches oder wenigstens ertraegliches
+Kriegsende brachten.
+
+
+
+ Kreuznach
+
+
+Nach erfolgreicher Beendigung des rumaenischen Feldzuges und der dadurch
+eingetretenen Entspannung der Ostlage musste das Schwergewicht unserer
+demnaechstigen Taetigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein
+fruehzeitiger Beginn der Kaempfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir
+wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen
+gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die
+Moeglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in
+unmittelbare persoenliche Beruehrung zu treten. Dazu kam, dass Kaiser Karl
+einerseits in der Naehe der politischen Behoerden seines Landes zu sein
+wuenschte und andererseits auf den unmittelbaren persoenlichen Verkehr mit
+seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k.
+Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917
+nach Baden bei Wien ueber. Damit entfiel fuer Seine Majestaet unseren Kaiser
+und fuer die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pless zu
+bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach.
+
+Beim Abschied von Pless war es mir ein besonderes Beduerfnis, dem dortigen
+Fuersten und seiner Beamtenschaft fuer die grosse Gastfreundschaft zu danken,
+die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm
+Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher
+herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im
+Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken.
+
+An die Gegend, in die wir nun kamen, knuepften sich fuer mich Erinnerungen
+aus meiner frueheren Taetigkeit als Chef des Generalstabes in der
+Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt
+geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen ruehrender
+Freundlichkeit. Diese aeusserte sich unter anderem auch darin, dass unser
+Heim und unser gemeinsamer Speiseraum taeglich durch die Haende junger Damen
+mit frischen Blumen geschmueckt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der
+Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen aeltesten
+Vertretern im Kriege ich gehoerte.
+
+Kurz nach unserem Weggang von Pless trat Generaloberst von Conrad von der
+Heeresleitung Oesterreich-Ungarns zurueck, um den Oberbefehl an der Front
+Suedtirols zu uebernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt
+geworden. Ich glaubte sie auf persoenlichem Gebiete suchen zu muessen, da
+sachliche Gruende meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein
+treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von
+Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher
+Soldat, also gleich seinem Vorgaenger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging
+auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, dass uns
+beiden die Abneigung gegen die Beschaeftigung mit politischen Fragen
+gemeinsam war. Was unter den frueher von mir beruehrten schwierigen
+Verhaeltnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General
+von Arz nach meiner Ueberzeugung mit bewundernswuerdiger Ausdauer geleistet.
+Er hat sich ueber die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel
+hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, dass er mit so mannhaftem
+Vertrauen an sie herantrat.
+
+Fuer mich persoenlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die
+Feier meines 70jaehrigen Geburtstages.
+
+Seine Majestaet mein Kaiser, Koenig und Herr, hatte die grosse Gnade, mir als
+Erster an diesem Tage persoenlich seine Glueckwuensche in meinem Heim
+auszusprechen. Das war fuer mich die groesste Weihe des Tages!
+
+Auf dem Wege zu unserem Dienstgebaeude begruesste mich spaeter in der
+strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur
+gemeinsamen Arbeitsstaette erwarteten mich meine Mitarbeiter, im
+anschliessenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten,
+verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstaetten des Badeortes,
+daneben alte Veteranen, Mitkaempfer aus laengst vergangener Zeit.
+
+Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus
+einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Geruecht von der
+Wahrscheinlichkeit eines grossen feindlichen Fliegerangriffes auf unser
+Grosses Hauptquartier fuer den heutigen Tag verbreitet. Moeglich auch, dass
+das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den
+Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurueck laengs der Nahe suchte. Kein
+Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in
+der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und
+gehoert wurde, als tatsaechlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht
+eroeffneten unsere Flugabwehrgeschuetze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der
+hohen Feuergeschwindigkeit erschoepfte sich rasch die vorhandene Munition,
+und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestoert
+zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine
+grosse Schale, angefuellt mit Sprengstuecken deutscher Geschosse, die in dem
+Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr
+hatten wir also doch geschwebt.
+
+Ein Teil der Kreuznacher hatte uebrigens die naechtliche Schiesserei fuer den
+militaerischen Abschluss meines Geburtstagsfestes gehalten.
+
+
+
+
+ Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917
+
+
+
+ Im Westen
+
+
+Mit groesster Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem
+Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen
+entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kraefte auf ihn
+strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in
+taktischer Beziehung alle Massnahmen getroffen, dieser jedenfalls groessten
+aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.
+
+Zu diesen Massnahmen gehoerten nicht in letzter Linie die Aenderungen unseres
+bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der
+Erfahrungen in den bisherigen Kaempfen verfuegt. Nicht mehr aus einzelnen
+Linien und Stuetzpunkten sondern aus Liniensystemen und Stuetzpunktgruppen
+sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch
+gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in
+zusammenhaengenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und
+Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine
+Kraefte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung
+waehrend des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar
+gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoss das
+wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung noetig war.
+Diese Grundsaetze galten im Kleinen wie im Grossen.
+
+Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und
+den ueberraschenden gegnerischen Anstuermen setzten wir also eine Vermehrung
+und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit
+unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz
+verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhoehung der Zahl
+der Maschinengewehre Menschenkraefte zu schonen und damit solche zu sparen.
+
+Mit dieser tiefgreifenden Aenderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen
+wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin,
+dass wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und
+Erfahrungen forderten, in die sich die untere Fuehrung und die Truppe
+eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen
+schaetzten. Der Uebergang von einer taktischen Anschauung in eine andere
+bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen
+Seite Uebertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares
+Festhalten am Alten mit sich. Missverstaendnisse draengen sich in den
+klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbstaendige und willkuerliche
+Auslegungen feiern Orgien; das Traegheitsmoment im menschlichen Denken und
+Handeln wird manchmal nicht ohne kraeftigsten Antrieb ueberwunden.
+
+Aber nicht nur aus diesen Gruenden bedeuteten unsere taktischen Aenderungen
+einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen,
+ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande
+sein wuerde, diese Aenderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit
+des Schlachtfeldes zu uebertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darueber
+sein, dass das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit
+demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes
+von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag
+in unseren Ehrenfriedhoefen gebettet oder war mit zertruemmerten Gliedern
+oder krankem Koerper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer
+Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn
+schloss sich viel junge, begeisterungsfaehige Kraft und opferfreudiger
+Wille. Aber das allein macht die Staerke eines Heeres nicht aus; Kraft und
+Wille muessen geschult und durch Erfahrungen gelaeutert werden. Ein Heer mit
+dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen
+Ueberlieferung wie das deutsche von 1914 ueberdauert zwar in seinem inneren
+Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer koerperlicher
+und sittlicher Kraefte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert
+jedoch wird, ja er muss nach dem natuerlichen Lauf der Dinge sinken, wenn
+auch sein Verhaeltniswert jedem Feinde gegenueber, der gleich lang im Felde
+steht, in voller Hoehe und Ueberlegenheit erhalten bleibt.
+
+Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an
+das Koennen der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen aeusseren
+Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbstaendigkeit
+kleinster Teile zum hoechsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang
+war nicht mehr in aeusserlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern
+im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine
+Uebertreibung darin, wenn ich sage, dass unter den vorliegenden
+Verhaeltnissen in dem Uebergang zu diesen neuen Grundsaetzen die groesste
+Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft
+unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die
+naechste Zukunft musste den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen
+gerechtfertigt war.
+
+
+
+Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Fruehjahr los. Am
+9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur grossen,
+feindlichen Fruehjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit
+der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen,
+nichts von Ueberraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des
+vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht,
+oder fuehlt man sich taktisch hierfuer zu ungewandt? Der Grund ist fuer den
+Augenblick gleichgueltig, die Tatsache genuegt und redet eine furchtbare
+Sprache. Der englische Angriff braust ueber die ersten, zweiten, dritten
+Graeben hinweg. Stuetzpunktgruppen versagen oder verstummen nach
+heldenmuetigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das
+Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!
+
+Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos
+geworden zu sein scheint. "Krisen muss man vermeiden", ruft der Laie. Der
+Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein
+auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der
+Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und
+der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu ueberwinden, ist
+Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurueckschrecken
+wollte, bindet sich selbst die Haende, wird ein Spielball des kuehneren
+Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde."
+
+Ich will hiermit nicht behaupten, dass die Krisis am 9. April nach all den
+Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen waere, nicht haette
+vermieden werden koennen. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser
+furchtbaren Groesse einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten
+Reserven im Gegenstoss dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren
+oertlichen Erschuetterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch
+hoellischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen muessen.
+
+Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein duesteres Bild, viel
+Schatten, wenig Licht. Doch man muss in solchen Faellen nach Licht suchen.
+Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der
+Englaender scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis
+zu seinem letztmoeglichen Ergebnis auszunuetzen. Ein Glueck fuer uns, jetzt,
+wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag druecke ich meinem Ersten
+Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon
+Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem
+Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschuettert. Ich wusste, neue Truppen
+von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzuege rollen heran. Die
+Krisis wird ueberwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der
+Kampf aber tobte weiter.
+
+Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach
+Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten
+Aprilwoche ab die franzoesischen Kanonen; viele hundert feindliche
+Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl
+dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten
+Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir
+erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wuetet das franzoesische Feuer. Unsere
+Verteidigungszonen sollen in ein Truemmer- und Leichenfeld verwandelt, was
+vielleicht noch zufaellig der koerperlichen Zerstoerung entgeht, soll
+wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint
+die Erreichung solcher Absicht ausser Zweifel zu stehen. Endlich haelt
+Nivelle unsere Truppen fuer vernichtet oder wenigstens hinreichend
+zermuerbt. Er laesst seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme,
+wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Fruechte
+antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Truemmern und
+Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille
+und schleudert sein Verderben in die stuermenden Linien und die ihnen
+folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich
+zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am
+schwersten erschuetterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in
+diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenueber
+der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?
+
+Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene
+franzoesische Niederlage. Der blutige Rueckschlag wirft die franzoesische
+Fuehrung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttaeuschung.
+
+Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er
+bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenueber dem Ringen an
+der Somme im vergangenen Jahre, und den moechte ich zu erwaehnen nicht
+vergessen: der Gegner erringt naemlich ueber die ersten Tage hinaus nirgends
+mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er
+auf seinen Angriffsfeldern erschoepft in den Stellungskrieg zurueck. Unser
+Abwehrverfahren hat sich also doch noch glaenzend bewaehrt!
+
+Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Hoehen
+von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es
+ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher
+erwaehnten Kaempfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den
+Wytschaeter Hoehen, dem Schluesselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist
+wenig guenstig fuer neuzeitliche Verteidigung. Der verhaeltnismaessig schmale
+Ruecken gestattet nicht die Anwendung einer genuegend tiefen Zone. Das
+vorderste Grabensystem liegt auf den Westhaengen und bietet feindlicher
+Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und
+Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwuehlt, einer Kampfart,
+die frueher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit
+aeusserster Erbitterung angewendet worden war. Doch hoert man seit langem
+nichts mehr von unterirdischem Wuehlen. Nicht nur von Westen, sondern auch
+von Sued und Nord her ist die Verteidigung auf den Hoehen bei St. Eloi sowie
+an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische
+Artillerie zu fassen.
+
+Der Englaender bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der
+Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere
+besorgte Frage, ob die Hoehen nicht besser freiwillig geraeumt wuerden,
+erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!"
+Als aber der verhaengnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter
+den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stuetzteile brechen zusammen und
+durch den Rauch und die niederstuerzenden Erdmassen der gesprengten
+Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen ueber die letzten Reste
+deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,
+die Lage durch Gegenstoss zu retten, scheitern an dem moerderischen
+feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rueckengebiet der
+verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem
+gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien
+zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgeraet sind
+schwer; die Preisgabe des Gelaendes waere zu verschmerzen gewesen.
+
+Das bisherige Gesamtergebnis der grossen feindlichen Offensive im Westen
+war nach meinem Urteil fuer uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir
+nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.
+Nirgends war es dem Feinde gelungen, ueber einen maessigen Gelaendegewinn
+hinaus groessere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der
+Durchbruchsschlacht zur freien Operation uebergehen zu koennen. Die
+Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen
+Fronten stattfinden.
+
+
+
+ Im nahen und fernen Orient
+
+
+Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail
+seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch
+diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch
+die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem
+Ansturm gegen die bulgarische Front veranlasste der Feind einen Aufstand in
+Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefaehrdend.
+Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, naemlich bei
+Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen
+Regierungskreisen befuerchtete Ausdehnung ueber ganz Altserbien annahm.
+
+Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit grosser Erbitterung
+gefuehrt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne dass wir ihr weitere
+deutsche Unterstuetzung zusenden mussten, ihre Stellungen nahezu restlos zu
+behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbuendeter hatte
+sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rueckhaltslos an, dass sich die
+deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewaehrt hatte. Ich gewann
+daraus die Ueberzeugung, dass die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch
+weiterhin gewachsen sei. Dies bestaetigte sich bei Erneuerung der Angriffe
+der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstuerme in ihrer Ausdehnung
+von Monastir bis zum Doiran-See voellig zum Scheitern gebracht.
+
+
+
+Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere
+Zusammenstoesse im Winter schienen mehr durch Beutezuege als durch das
+Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlasst worden zu
+sein. Der Russe hatte unter dem Einfluss der auch bei ihm bestehenden
+ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den
+wildesten und veroedetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete
+des Landesinnern zurueckgezogen. Die voellige Erstarrung der russischen
+Kampflust war aber ueberraschend. Wir erhielten von tuerkischer Seite keine
+Nachricht, die uns die Gruende hierfuer haette erkennen lassen.
+
+Im Irak griff der Englaender im Februar an und kam schon am 11. Maerz in den
+Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung
+der starken tuerkischen Front.
+
+In Suedpalaestina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit
+erdrueckender Ueberlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen
+Geschick gefuehrt, vor den tuerkischen Linien vollstaendig zusammen. Nur das
+Versagen einer zum umfassenden Gegenstoss angesetzten tuerkischen Kolonne
+rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage.
+
+Die Rueckwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage
+werde ich noch zu besprechen haben.
+
+
+
+ An der Ostfront
+
+
+Noch bevor Franzosen und Englaender im Westen zum allgemeinen Angriff
+antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren
+bisherigen wuchtigen Schlaegen hatte das Gefuege des russischen Staates sich
+zu lockern begonnen.
+
+Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloss bisher auf der ganzen
+europaeischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb
+seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die
+Oberflaeche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in
+die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher
+Kraefte. Das Zarentum stuerzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese
+politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefaengnisse wieder zur
+Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Graeberhuegeln
+erdrueckt?
+
+Russland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner
+des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkuendet. Ich hatte den Glauben
+daran verloren. Nun da es eintrat, loeste es in mir keineswegs Gefuehle
+politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus.
+Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war
+der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensstroemung? Hatten
+die Totengraeber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem
+letzten Traeger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer
+Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen?
+
+Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare
+Antwort gab, war und blieb unsere Lage Russland gegenueber unsicher. Der
+Zersetzungsprozess hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es
+nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich ruecksichtsloser Gewalt
+wie die eben gestuerzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in
+dem grossen schweren russischen Koloss mit seinen plumpen Lebensaeusserungen
+vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen
+Gang der Ereignisse nicht zu stoeren, wir muessen nur auf der Hut sein, dass
+er uns nicht stoert: ja vielleicht zerstoert. Man muss in dieser Lage an die
+Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre frueher
+die aufgewuehlten und zerrissenen franzoesischen Volkskraefte wieder
+zusammenschweisste und den Antrieb gab zu jener grossen blutroten Flut, die
+ganz Europa ueberschwemmte. Freilich, das Russland des Jahres 1917 verfuegt
+nicht mehr ueber die grossen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen
+Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kraefte stehen an der
+Front oder liegen in Massengraebern vor und hinter unseren Linien.
+
+Der Verzicht, der mir persoenlich durch ruhiges Warten angesichts der
+beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist gross. Kann ich mich
+jetzt aus politischen Gruenden mit einer Offensive an der Ostfront nicht
+befreunden, so draengt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im
+Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die
+schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen
+naeher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten
+nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist
+Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kraefte gebrochen
+sind. Dann kommt es zu spaet!
+
+Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie
+arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und
+damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Russland
+muss aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den
+franzoesischen Boden betreten koennen, sonst scheint die kriegerische und
+moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente
+Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Russland, um die dortige zerwuehlte
+und rissige Front zu stuetzen; sie vergisst auch nicht diesen Missionen Geld
+mitzugeben, das an manchen Stellen Russlands kraeftiger wirkt als politische
+Gruende.
+
+Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die groessten
+Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch
+eigene Staerke, sondern hauptsaechlich durch die agitatorischen Mittel, die
+unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen
+den Willen der russischen Massen.
+
+Haetten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten
+Zerreissungen im russischen Gebaeude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht
+politische Gesichtspunkte die schoensten Fruechte unserer bisherigen groessten
+Erfolge?
+
+Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich
+zunaechst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn
+auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklaerte
+allmaehlich fast ueberall, dass sie nicht mehr kaempfen wuerde. Doch bleibt sie
+mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Graeben sitzen. Wo die
+gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche
+Verkehrsformen annehmen, schiesst die russische Artillerie ab und zu
+dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Haenden ihrer Fuehrer, nicht aus
+einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so
+viele selbstaendige Koepfe zerfaellt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluss der
+Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien
+noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar ueber
+diese Stoerung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verpruegelt wohl auch
+hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere
+Granaten in deren Geschuetzstaenden krepieren, aber der geschilderte Zustand
+bleibt monatelang unveraendert.
+
+Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem noerdlichen
+Fluegel. Von da nimmt sie nach Sueden ab. Der Rumaene ist augenscheinlich von
+ihr unberuehrt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, dass die Fuehrung die
+Zuegel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den
+beiderseitigen Schuetzengraeben hoert mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu
+den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurueck. Bald ist auch
+kein Zweifel mehr, dass im Rueckengebiet der russischen Front mit aller
+Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer
+wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfaehig
+gemacht. Die Kriegsstroemung hat sich durchgesetzt, und Russland schreitet
+zu einer grossen Offensive unter Kerenski.
+
+Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Stroeme eigenen
+Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von
+dieser hoechsten Stelle hinweggerissen, aehnlich wie es in diesem Fruehjahr
+Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Russland scheint
+man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im
+grossen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die
+russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar.
+Fuenf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Groesse. Wir
+wissen nur, dass wir ab und zu in den Russenschlachten die Huegel der
+feindlichen Leichen vor unseren Graeben entfernen mussten, um das Schussfeld
+gegen neuanstuermende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie
+hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung
+bleibt fuer ewig ein misslingender Versuch.
+
+Ob Kerenski aus eigenem Entschluss oder durch die Lockungen und den Zwang
+der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden.
+Jedenfalls hat die Entente das groesste Interesse daran, dass Russland
+nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute
+Haelfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht
+schon mehr als die Haelfte. Was bleibt ihr aber uebrig als den Einsatz des
+gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist?
+Der Unterseebootkrieg frisst gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark
+unseres erbittertsten, unversoehnlichsten Gegners in einer Staerke, dass es
+fraglich erscheinen muss, ob fuer Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die
+Moeglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen muessen
+also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte
+Kraft Russlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt
+fuer Russland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die
+Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen
+und erhalten werden. Ohne solche ist Russland dem Chaos verfallen.
+
+Die Aussichten fuer die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind
+freilich jetzt kaum besser als in frueheren Zeiten. Moegen auch gute,
+deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen
+genuegen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden
+Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner
+die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkuender durchziehen
+pluendernd das Rueckengebiet der Armee oder stroemen der Heimat zu. Auch gute
+Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehoerige und Besitz
+angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe.
+
+Bedenklich liegen dagegen die Verhaeltnisse an der
+oesterreichisch-ungarischen Front; es ist zu befuerchten, dass dort auch
+jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden
+wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darueber die gleichen
+Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Fruehjahr durch einen
+Vertreter der verbuendeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen
+Zustaenden entworfen mit dem Gesamteindruck, dass "die
+oesterreichisch-slawischen Truppen in ueberwiegender Mehrzahl einem
+russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden
+wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch
+politisch zersetzt worden.
+
+Aus aehnlichem Einblick, den Ueberlaeufer ihm liefern, wird sich wohl
+Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, naemlich: Oertliche Angriffe gegen die
+Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoss aber gegen die k. u. k.
+Mauer. Und so geschah es.
+
+Bei Riga, Duenaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen
+an und wird zurueckgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als
+steinern, wo oesterreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint
+stehen. Dagegen stuerzt die oesterreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor
+dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr
+Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war
+ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung fuer das russische Heer.
+So dringt die russische Offensive trotz guenstigster Aussichten auch bei
+Stanislau nicht vollstaendig durch.
+
+Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter
+stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der
+deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!
+
+
+
+
+ Unser Gegenstoss im Osten
+
+
+Gegenstoss! Keine Truppe, kein Fuehrer an der Front kann diese Nachricht mit
+freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich
+endlich den Zeitpunkt hierfuer gekommen sah.
+
+An frueherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Fruehjahr 1917 als eine
+grosse strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei
+freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er
+im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner
+erwartete. Die ungeheuren Raeume, die wir zu beherrschen hatten, verboten
+ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermoeglichten
+andererseits, auch weit verstreut stehende Verfuegungstruppen rasch zu
+einem Stoss auf ein gewaehltes Operationsfeld zu werfen.
+
+Die Abwehrkaempfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark
+gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen,
+verboten die Staerkeverhaeltnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen
+schienen diese unsere Kraefte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage
+endgueltig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen
+Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizufuehren. Die Stuetzen Russlands
+waren morsch geworden. Die letzten Kraftaeusserungen des jetzt
+republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer kuenstlich
+hochgetriebenen Welle, die ihre Staerke nicht mehr aus den Tiefen des
+Volkes schoepfte. War aber in diesem Voelkerringen die Faeulnis in ein
+Volksheer einmal eingedrungen, so musste der voellige Zusammenbruch
+unvermeidlich sein. Aus dieser Ueberzeugung heraus war ich der Meinung, dass
+wir in Russland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen
+koennten.
+
+Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz
+unserer verfuegbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und
+in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt,
+wo sich der Gang der Ereignisse klar ueberblicken laesst, scheinen moechte.
+Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen
+zurueckzustellen. War doch damals schon klar, dass der englische Angriff bei
+Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem
+weit groesseren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschliessend,
+seinen Hintergrund in der weiter noerdlich gelegenen flandrischen
+Landschaft haben wuerde. Auch mussten wir damit rechnen, dass Frankreich
+wieder zum Angriff schreiten wuerde, sobald sich sein Heer von den schweren
+Rueckschlaegen aus der Fruehjahrsoffensive erholt hatte.
+
+Das Wegziehen von Kraeften aus dem Westen, es handelte sich um
+6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, aehnlich, wie wir es im Jahre 1916
+beim Angriff auf Rumaenien uebernehmen mussten. Damals freilich zwang uns die
+offene Not. Jetzt fuehrte uns der freie Entschluss. In beiden Faellen aber
+war das Wagnis gegruendet auf das unerschuetterliche Vertrauen zu unseren
+Truppen.
+
+Auch aus anderen Gruenden, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben
+sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen,
+die die Gegner unserer Verteidigung gegenueber gemacht hatten, wurde die
+Moeglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich
+erinnere mich, dass wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstosses an
+der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kraeften
+nicht mehr zu erhoffen, als einen oertlichen Erfolg; also eine Einbeulung
+der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere
+Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben?
+Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?
+
+Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten
+unsere Landkraefte lediglich zur Abwehr bereithalten und im uebrigen
+abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfuellt haben wuerden.
+Der Gedanke hatte etwas verfuehrerisches. Das Ergebnis des
+Unterseebootkrieges uebertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen
+alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mussten daher bald offen zutage
+treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden.
+Die militaerischen wie politischen Verhaeltnisse im Osten draengten gerade
+jetzt derartig zur Entscheidung, dass wir nicht monatelang stillhalten und
+nur zusehen konnten. Wir mussten befuerchten, dass, wenn dem Angriff
+Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fusse folgte, die kriegerischen
+Stroemungen in Russland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen wuerden. Es
+ist nicht notwendig, sich die Rueckwirkung eines solchen Ganges der
+Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbuendeten naeher auszumalen.
+
+Waehrend sich Kerenski vergeblich abmueht, mit der Masse seiner noch
+angriffsfaehigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch
+deutsche Kraefte staerker gestuetzten oesterreichisch-ungarischen Linien zu
+durchbrechen, versammeln wir suedwestlich Brody, also seitwaerts des
+russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in
+suedoestlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft
+wenig widerstandsfaehige, im voraufgegangenen Angriff erschoepfte Teile der
+russischen Linien. Sie werden rasch ueber den Haufen geworfen, und mit
+einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur
+schleuniger Rueckzug kann die nach Norden und vor allem die nach Sueden an
+unsere Durchbruchstelle anschliessenden russischen Kraefte vor dem Verderben
+retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Sueden in die
+Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde.
+Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner
+befreit. An diesem schoenen Erfolge haben unsere Bundesgenossen
+entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, dass sich in den
+oesterreichisch-ungarischen Verfolgungskaempfen ganz besonders die
+Feldartillerie ausgezeichnet haette. Sie fuhr in kuehner Ruecksichtslosigkeit
+ueber die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese
+treffliche Waffe ja schon 1866 bei Koeniggraetz als Gegner bewundern gelernt
+und freute mich daher doppelt der erneuten Bewaehrung ihres Ruhmes auf
+unserer Seite.
+
+Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte
+das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar guenstigsten
+strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz
+dieses letzten Teiles Rumaeniens zu setzen. Bei den damaligen politischen
+Verhaeltnissen in Russland haette das rumaenische Heer sich wohl sicher
+aufgeloest, wenn wir es zum voelligen Verlassen seines heimatlichen Bodens
+zwingen konnten. Wie haetten ein rumaenischer Koenig und ein koeniglich
+rumaenisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen
+koennen? Unsere rueckwaertigen Verbindungen waren jedoch infolge
+Bahnzerstoerungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, dass
+wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle
+verzichten mussten. Ein spaeterer Versuch unsererseits durch einen Angriff
+bei Focsani die rumaenische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen,
+drang nicht durch.
+
+Wir halten nun weiter an dem Entschluss fest, Russland bis zur endgueltigen
+militaerischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu
+dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere
+Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir
+in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter
+losschlagen, so musste das an einem anderen Frontteil geschehen.
+
+Bei Riga bot sich nun hierfuer eine besonders geeignete Stelle, an der
+Russland nicht nur militaerisch sondern auch politisch empfindlich getroffen
+werden konnte. Dort sprang der russische Nordfluegel wie eine maechtige
+Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe laengs des
+Meeres auf das Westufer der Duena vor, eine strategische und taktische
+Drohstellung gegenueber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits
+frueher, als ich noch das Oberkommando im Osten fuehrte, gereizt. Wir hatten
+schon 1915 und 1916 Plaene geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Naehe
+ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen grossen Schlag gegen ihre
+Besatzung fuehren koennten.
+
+Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der
+rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil
+musste naemlich oberhalb Riga ueber die breite Duena in noerdlicher Richtung
+vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges grosse
+Stroeme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse
+eingebuesst. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die maechtige
+Donau angesichts des Gegners zweimal ueberschritten. Wir konnten uns also
+an die Ueberwindung der schmaleren Duena mit leichterem Herzen heranwagen;
+aber die grosse Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, dass die
+russischen vollbesetzten Schuetzengraeben sich ueberall dicht an dem
+gegenueberliegenden Ufer hinzogen, die Duena wie einen nassen Festungsgraben
+ausnuetzend.
+
+Trotzdem gelingt am 1. September der kuehne Angriff, da der Russe in
+unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verlaesst. Und auch die
+Besatzung der grossen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und
+Nacht marschierend, ueber Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider
+grossenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.
+
+Unser Angriff bei Riga ruft in Russland die groesste Sorge um Petersburg
+hervor. Die Hauptstadt des Landes geraet in Aufregung. Sie fuehlt sich durch
+unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der
+Kopf Russlands, gelangt in einen Zustand hoechster Nervositaet, der
+sachliches, ruhiges Denken ausschliesst; sonst wuerde man dort wohl den
+Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die
+unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen
+Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Russland, auch in unserem
+Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und
+vergisst Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen ueber
+einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden wuerde diesen niemand
+lieber durchgefuehrt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Draengen
+unserer Truppen und ihrer Fuehrer, das Vorgehen mindestens bis zum
+Peipussee fortzusetzen. Allein wir mussten auf die Ausfuehrung all dieser
+gewiss sehr schoenen Gedanken verzichten; sie haetten unsere Truppen zu lange
+und in zu grosser Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren
+weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit
+musste sich vom Rigaischen Meerbusen der Kueste des Adriatischen Meeres
+zuwenden. Darueber gleich nachher.
+
+Koennen wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das
+Nervenzentrum Russlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe
+erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen,
+naemlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere
+Anregung ein. So entsteht der Entschluss, die dem Rigaischen Meerbusen
+vorgelagerte Insel Oesel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen
+Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte
+Petersburg unter Einsatz nur geringer Kraefte.
+
+Die Operation gegen Oesel zeigt die einzige voellig gelungene Unternehmung
+beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von
+Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfaenglich
+durch unguenstiges Wetter derartig in Frage gestellt, dass wir schon daran
+dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt
+besserer Witterung laesst uns dann die Ausfuehrung wagen. Sie verlaeuft von da
+ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den
+hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen muessen, in jeder
+Richtung.
+
+Wir gelangen in den Besitz von Oesel und der benachbarten Inseln. In
+Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder
+und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront
+lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, dass Russland zu
+sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als dass es noch imstande waere,
+in absehbarer Zeit nach aussen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen.
+Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der
+roten Flut immer staerker umbrandet; Stueck auf Stueck wird von den
+Grundpfeilern des Staates weggerissen.
+
+Unter unseren letzten Schlaegen wankt der Koloss nicht nur, sondern er
+berstet und stuerzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.
+
+
+
+
+ Angriff auf Italien
+
+
+Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit ausserordentlich ernst
+ist, entschliessen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner
+frueheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht
+darueber verwundert sein, dass ich nun doch die Zustimmung meines
+Allerhoechsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen fuer eine
+Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluss auf unsere gesamte
+Lage versprach. Demgegenueber kann ich nur sagen, dass ich meine
+Anschauungen in dieser Beziehung nicht geaendert hatte. Ich hielt es auch
+im Herbste 1917 fuer ausgeschlossen, dass uns selbst im Falle eines
+durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner
+gelingen wuerde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn
+dieses Jahres, dass wir lediglich fuer den Ruhm eines erfolgreichen
+Feldzuges gegen Italien deutsche Kraefte der gefaehrlichen Lage unserer
+Westfront entziehen duerften. Die Gruende meiner nunmehrigen Befuerwortung
+unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten
+zu suchen. Unser oesterreichisch-ungarischer Verbuendeter klaerte uns dahin
+auf, dass er nicht mehr die Kraft habe, einen zwoelften italienischen
+Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eroeffnung war fuer uns
+militaerisch wie politisch von gleich grosser Bedeutung. Es handelte sich
+nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den
+Zusammenbruch des gesamten oesterreichisch-ungarischen Widerstandes. Die
+Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front
+gegenueber weit empfindlicher als gegenueber einer solchen auf dem
+galizischen Kriegstheater. Fuer Galizien hatte man in Oesterreich-Ungarn nie
+mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, muss Galizien
+behalten", war ein im Feldzug oft gehoertes oesterreichisch-ungarisches
+Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse fuer die
+italienische Grenze immer ein ausserordentlich grosses. In Galizien, das
+heisst gegen Russland, focht Oesterreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen
+Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten
+sich auffallenderweise alle Staemme des Doppelreiches mit fast gleich
+grosser Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Russland versagt
+hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete
+gewissermassen ein kriegerisch einigendes Band fuer die ganze Monarchie. Was
+wuerde eintreten, wenn auch dieses Band zerriss? Die Gefahr hierfuer ist in
+dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, gross. Ende August hat naemlich Cadorna
+in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelaende gewonnen.
+Alle bisherigen Gelaendeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren
+nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natuerliche Folge der
+zerstoerenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die staerkste Verteidigung.
+Jetzt aber waren die oesterreichischen Widerstandslinien an den aeussersten
+Rand zurueckgedraengt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen
+weiteres Gelaende, so wurde fuer Oesterreich die Lage vorwaerts Triest
+unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese
+Stadt faellt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg
+zwischen Italien und Oesterreich entscheiden zu koennen. Triest ist fuer die
+Donaumonarchie nicht nur eine ideale Groesse sondern auch ein hoechst realer
+Wert. An seinem Besitz haengt auch in der Zukunft ein grosser Teil der
+wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muss also gerettet werden, und
+da es nicht anders moeglich ist, mit deutscher Hilfe.
+
+Gelang es uns, den Verbuendeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden
+Sieg an seiner Suedwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der
+Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Oesterreich-Ungarn jedenfalls
+imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die
+schweren Kaempfe an der Isonzofront hatten bisher an der
+oesterreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der groesste Teil ihrer
+besten Truppen hatte Cadorna gegenueber gestanden und am Isonzo schwer
+geblutet. Oesterreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich
+groessten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang
+einer mindestens dreifachen italienischen Ueberlegenheit gegenueber, und
+zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer
+Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung
+sogar uebertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige
+Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Suedtirol an die Verteidigungstruppen
+stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet
+des ewigen Eises und Schnees hinauf.
+
+Fuer eine Operation gegen Italien war es der naechstliegende Gedanke:
+Vorbrechen aus Suedtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen
+Heeres im grossen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Aufloesung
+entgegengefuehrt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die
+strategische Linienfuehrung gleichguenstige Vorbedingungen fuer einen
+gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation musste dieser gegenueber fast wie
+ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mussten wir
+auf ihre Durchfuehrung verzichten!
+
+Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes duerfen wir den inneren
+Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen
+Italien nicht ausser acht lassen. Wir konnten fuer den letzteren in
+Ruecksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Haelfte derjenigen
+Zahl deutscher Divisionen zur Verfuegung stellen, die Generaloberst von
+Conrad fuer einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Suedtirol
+heraus im Winter 1916/17 fuer erforderlich gehalten hatte. Staerkere Kraefte
+konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfuegung stellen, wenn
+wir, wie es tatsaechlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit
+rechneten, dass unsere Gegner an der Westfront sich genoetigt sehen wuerden,
+bei einer schweren Niederlage ihres Verbuendeten einige Divisionen aus
+ihrer grossen Ueberlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer
+Operation aus Suedtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, dass ein
+frueher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet
+war. Die angefuehrten Gruende zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren
+Ziele zu begnuegen und zu versuchen, die italienische Front an dem
+offenkundig schwachen Nordfluegel der Isonzoarmee zu durchstossen, um dann
+gegen den suedlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden
+Schlag zu fuehren, bevor ihm der Rueckzug hinter den schuetzenden Abschnitt
+des Tagliamento gelingen konnte.
+
+Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Muehe gelang es
+Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Suedteil seines Heeres unter
+Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zuruecklassung grosser
+Mengen Kriegsgeraets hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die
+Italiener in engerer Vereinigung und gestuetzt durch herbeigeeilte
+franzoesische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand.
+Der linke Fluegel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergruecken
+der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische
+Tiefebene weithin beherrschenden Hoehen noch zu gewinnen und damit den
+feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu
+bringen, scheiterte. Ich musste mich ueberzeugen, dass unsere Kraft zur
+Erfuellung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich
+tot gelaufen. Der zaeheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Fuehrung
+wie ihrer Truppen musste vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.
+
+So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich
+mich doch eines Gefuehles des Unbefriedigtseins nicht voellig entziehen. Der
+grosse Sieg war schliesslich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere
+praechtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem
+Feldzuge zurueck. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch
+diejenige ihres Fuehrers.
+
+
+
+
+ Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917
+
+
+
+ Im Westen
+
+
+Waehrend wir gegen Russland die letzten Schlaege fuehrten und Italien nahezu
+an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England
+und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag fuer uns
+die groesste Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.
+
+Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der ausserordentlichen
+Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und
+ungeachtet der Gefahr, dass durch groessere englische Erfolge unsere
+Operationen auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen beeintraechtigt werden
+koennten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse
+Befriedigung. England machte nochmals die erwartete aeusserste Anstrengung,
+einen grossen und entscheidenden Angriff gegen uns zu fuehren, bevor die
+Unterstuetzung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fuehlbar werden
+konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu
+erkennen, durch den England sich veranlasst sah, die Kriegsentscheidung
+noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.
+
+Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmassen,
+wohl aber in der Zaehigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekaempft
+wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelaende in erster Linie dem
+Verteidiger bot, unseren Kaempfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an
+die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde
+nunmehr auf der sumpfigen, bruechigen, flandrischen Erde gefochten. Auch
+dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten
+Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Hoechststeigerung
+der duesteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kaempfe
+hielten uns selbstredend in einer grossen Spannung. Ich darf wohl sagen,
+dass wir unter ihrem Drucke das Gefuehl der Siegesfreude ueber unsere Erfolge
+in Russland und Italien nur selten unbeeintraechtigt geniessen konnten.
+
+Mit groesster Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit.
+Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flaechen des
+flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen
+fuellten sich die frischgeschlagenen Geschosstrichter so rasch mit
+Grundwasser, dass der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die
+Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Hoehlung verlassen!"
+Auch dieser Kampf musste dann im Morast ersticken, wenn auch englische
+Zaehigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.
+
+Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme
+erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen
+Parteien.
+
+Gegen Abschluss der flandrischen Schlacht entbrannte ploetzlich ein wilder
+Kampf in einer bisher verhaeltnismaessig stillen Gegend. Am 20. November
+wurden wir bei Cambrai ueberraschend von den Englaendern angegriffen. Sie
+trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur
+wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der
+Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere
+voellig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische
+Kavallerie erschien am Rande der Vorstaedte von Cambrai. Der Durchbruch
+unserer Linien schien gegen Jahresschluss also doch noch Tatsache zu
+werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf-
+und transportmueden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es
+glueckte uns nach mehrtaegigen moerderischen Abwehrkaempfen am 30. November,
+mit rasch herangefahrenen, einigermassen frischen Kraeften den feindlichen
+Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die fruehere Lage
+unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast voellig wiederherzustellen.
+Nicht nur unsere dortige Armeefuehrung, sondern auch die Truppen und unser
+Eisenbahnwesen hatten eine der glaenzendsten Leistungen des Krieges
+vollbracht.
+
+Der erste groessere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen
+Operationen uebertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und
+belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Fuehrer wirkte,
+war seine Wirkung auch auf mich persoenlich. Ich empfand es wie eine
+Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen
+Verteidigungstaetigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres
+Gegenangriffs bedeutete fuer uns aber mehr als blosse Befriedigung. Die
+Ueberraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre
+fuer die Zukunft.
+
+Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Fuehrung zum
+ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,
+schematischen Kriegfuehrung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte.
+Ein hoeherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu
+sein. Die Fesselung unserer Hauptkraefte in Flandern und der franzoesischen
+Front gegenueber war zu einem ueberraschenden, grossen Schlag bei Cambrai
+ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Fuehrung auf englischer
+Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht
+gewachsen. Sie liess sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines
+glaenzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Haenden nehmen, und zwar von
+Kraeften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit
+unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei
+Cambrai den gruendlichen Rueckschlag. Auch seine Oberste Fuehrung scheint
+versaeumt zu haben, die noetigen Mittel zur unbedingten Sicherung der
+Durchfuehrung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke
+Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen
+genuegten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen
+Widerstaende zu beseitigen, die fuer eine durchgreifende Entscheidung die
+freie Bahn in Flanke und Ruecken des Gegners noch sperrten. Die englischen
+Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen
+Verteidigung gegenueber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, fuer den
+sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.
+
+Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines
+grossen Ueberraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses
+Kampfmittel schon von der Fruehjahrsoffensive her, in der es uns keinen
+besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, dass die Tanks
+nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, dass sie die meisten
+unserer unversehrten Graeben und Hindernisse ueberwanden, verfehlte eine
+starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger
+physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten
+Geschuetzen, das aus ihnen spruehte, als moralisch aufreibend durch ihre
+verhaeltnismaessige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fuehlte sich den
+Panzerwaenden gegenueber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die
+Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Ruecken bedroht und
+verliess seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, dass unsere
+Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug ueber sich
+ergehen lassen mussten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen
+Vernichtungswaffe abfinden wuerden, und dass unsere Technik die Mittel zur
+Bekaempfung der Tanks bald und in der noetigen handlichen Form liefern
+wuerde.
+
+Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen
+ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuss zu. Sie griffen
+uns in der zweiten Augusthaelfte bei Verdun und am 22. Oktober nordoestlich
+von Soissons an. In beiden Faellen entrissen sie unseren dort stehenden
+Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende
+Verluste. Im allgemeinen beschraenkte sich die franzoesische Fuehrung aber in
+der zweiten Jahreshaelfte auf oertliche Angriffe, wohl gezwungen durch die
+moerderischen Verluste, die sie im Fruehjahr erlitten hatte, und die es ihr
+nicht raetlich erscheinen liessen, ihre Truppen nochmals gleich schweren
+Erschuetterungen auszusetzen.
+
+
+
+ Auf dem Balkan
+
+
+Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien waehrend der
+letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz
+nicht zu veraendern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen
+Unternehmungen keine groesseren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine
+merkwuerdige Zurueckhaltung, die auf ein nahezu voelliges Brachlegen seiner
+Kraefte fuer die Gesamtlage hinauslief.
+
+Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische
+Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten,
+liessen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen wuerde,
+kampfbrauchbare Truppenverbaende zu schaffen. Selbst die sogenannten
+venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als
+teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen
+Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten.
+Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die
+Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die
+bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der
+Ereignisse des Jahres 1913.
+
+
+
+ In Asien
+
+
+Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Tuerkei zu. Das
+Fehlen ihrer Darstellung wuerde ich fuer ein Unrecht gegen den tapferen und
+treuen Bundesgenossen halten. Ferner wuerde durch diesen Mangel die
+Schilderung des gewaltigen Dramas unvollstaendig werden, dessen Szenerien
+sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans
+ausdehnten. Auch hier moechte ich mich weniger mit der Beschreibung der
+Vorgaenge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhaenge beschaeftigen.
+
+Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen muehte sich nicht nur an
+Feldzugsplaenen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in
+den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemuehungen gelangten teilweise auch
+in meine Haende. Meistens beschraenkte man sich bei solchen schriftlichen
+Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu
+nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere
+vertrauensvoll mir ueberlassen zu koennen. Nur mahnte man haeufig zur Eile!
+Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb
+mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei
+Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunaechst diesen Ort zu
+suchen. Er wurde innerhalb der gemaessigten Zone, noerdlich von Aleppo,
+entdeckt.
+
+Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag
+doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefuehls in diesem seinem
+Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das
+Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen waere auf dem kuerzesten Wege
+bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht,
+ja vielleicht nur ernstlich versucht haette. Die Herrschaft ueber das Land
+suedlich des Taurus war fuer die Tuerkei mit einem Schlage unrettbar
+verloren, wenn es den Englaendern gelang, im Golf von Alexandrette zu
+landen und in oestlicher Richtung vorzudringen. Damit waere die Lebensader
+der ganzen transtaurischen Tuerkei, durch die frisches Blut und andere
+Naehrkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der
+kaukasischen Armeen floss, durchschnitten worden. Gering genug war ja die
+Kraft- und Blutmenge, aber sie genuegte doch lange Zeit, um die osmanischen
+Armeen gegen die ungenuegend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich
+gefuehrten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden
+Standhalten zu befaehigen.
+
+Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer tuerkischen Armee
+anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies.
+Alles, was diese Bezeichnung verdiente, stroemte immer wieder von dort nach
+Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Kuestenschutz
+bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der
+kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir
+gegenueber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, dass der
+Gegner unsere Schwaeche an dieser gefaehrlichen Stelle nicht bemerkt."
+
+War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafuer gegeben, dass diese
+ernstliche Schwaeche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb?
+Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich
+ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Voelkergemisch groessere
+Unterstuetzung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, dass
+die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den
+Verhaeltnissen im dortigen Kuestenschutz gehabt haben sollte. England konnte
+auch nicht befuerchten, dass es mit einem Vorstoss aus dem Golf von
+Alexandrette in ein Wespennest stossen wuerde; das Nest hatte ja keine
+Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glaenzende strategische Tat
+gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat wuerde auf der ganzen Welt den
+groessten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren
+tuerkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.
+
+Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die
+Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch laehmend
+in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren
+Unterseebooten zu gross, als dass man sich von feindlicher Seite an ein
+solches Unternehmen gewagt haette.
+
+Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klaeren. Ich sage
+"vielleicht", denn Voraussetzung ist, dass England sie klaeren laesst. Wir
+bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische
+Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene
+Aeusserung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der
+Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage ueber seine vorsichtige
+Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittellaendischen
+Gebieten im Falle eines englisch-franzoesischen Krieges die Antwort: "Ich
+habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu
+setzen."
+
+Der Ruhm von Trafalgar ist gross und berechtigt. Es gibt Kleinodien
+abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England
+verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren
+und es seinem Volke und der ganzen Welt staendig im schoensten Lichte vor
+die bewundernden Augen zu halten. Im grossen Kriege fiel freilich so
+mancher Schatten ueber dieses Kleinod. So beispielsweise an den
+Dardanellen, und weitere Schatten folgten waehrend der Kaempfe gegen die
+deutsche Seemacht, der staerkste und schwaerzeste im Skagerrak. England wird
+uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.
+
+Es verzichtete auf den kuehnen Stoss in das Herz seines osmanischen Gegners
+und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Muehe, die
+tuerkische Herrschaft suedlich des Taurus durch allmaehliches Zurueckwerfen
+der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad
+war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheissender grosser Schritt zur
+Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff
+im Fruehjahr gescheitert und musste aufs neue vorbereitet werden. Unter dem
+bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren
+kriegerischen Bewegungen erlahmt.
+
+Der Verlust von Bagdad war schmerzlich fuer uns und, wie wir annehmen zu
+muessen glaubten, noch schmerzlicher fuer die ganze denkende und fuehlende
+Tuerkei. Wie viel und wie oft war der Name der frueheren Kalifenstadt im
+deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknuepft
+worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt haette, statt
+sie geraeuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher
+Art.
+
+Die militaerische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien
+nicht weiter beeinflusst, wohl aber war der deutschen Aussenpolitik der
+Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den
+Besitzstand ihres Landes gewaehrleistet und fuehlten nun, dass, trotz aller
+weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres
+Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, grossen
+Verlust sehr belastet wurde.
+
+Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe fuer eine Wiedereroberung
+Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen,
+nicht zum mindesten auch deswegen, weil die tuerkische Heeresleitung
+jederzeit auf dem europaeischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war.
+Die Fuehrung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers
+entsprechend in deutsche Haende gelegt werden, und zwar nicht aus dem
+Grunde, weil deutsche Truppenunterstuetzung in groesserem Massstabe ins Auge
+gefasst wurde, sondern weil es dem tuerkischen Vizegeneralissimus notwendig
+erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des
+Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur
+gedacht werden, wenn es moeglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an
+den endlos langen rueckwaertigen Verbindungen zu ueberwinden. Eine tuerkische
+Fuehrung wuerde an der Erfuellung dieser ersten Voraussetzung gescheitert
+sein.
+
+Seine Majestaet der Kaiser beauftragte auf tuerkisches Anfordern den General
+von Falkenhayn mit der Fuehrung dieser ausserordentlich schwierigen
+Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in
+Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persoenlich ueber seine
+Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von
+Falkenhayn unmoeglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewaehr
+vorhanden war, dass die tuerkische Front in Syrien feststand. Unterlag es
+doch keinem Zweifel, dass das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England
+verraten sein wuerde, und dass die Nachricht hiervon einen englischen
+Angriff in Syrien herausfordern musste.
+
+General von Falkenhayn gewann den Eindruck, dass die Operation durchfuehrbar
+sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen.
+Wir gaben der Tuerkei alle ihre Kampftruppen zurueck, die wir noch zur
+Verwendung auf dem europaeischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das
+osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande
+aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoss nach Osten weichen.
+Es kehrt in seine Heimat zurueck, begleitet von unserem waermsten Dank. Die
+Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewaehrt
+und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand
+erwiesen. Ich muss dabei freilich hervorheben, dass Enver Pascha uns die
+besten seiner verfuegbaren Truppen fuer die Ostfront und Rumaenien abgegeben
+hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Massstab fuer
+die Guete und Verwendbarkeit des gesamten tuerkischen Heeres genommen
+werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in
+Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der
+Verpflegung und der gesundheitlichen Fuersorge seiner osmanischen Truppen
+widmete, hatte ihre reichsten Fruechte getragen. Wie viele dieser rauhen
+Naturkinder fanden Kameradschaft und Naechstenliebe zum ersten und wohl
+auch zum letzten Male unter unserer Obhut.
+
+Ich hatte gehofft, dass die heimkehrenden tuerkischen Verbaende einen
+besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden
+wuerden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfuellung. Die Truppen waren
+kaum unserem Einfluss entrueckt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein
+Zeichen dafuer, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die tuerkischen
+Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der grossen Masse
+mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenueber eine
+besondere, manchmal allerdings ueberraschend glaenzende Ausnahme. Das
+osmanische Heer haette eines voelligen Neubaues bedurft, um wirklich zu
+Leistungen befaehigt zu sein, die den grossen Opfern des Landes entsprachen.
+Der Nachteil der jetzigen Zustaende zeigte sich besonders in einem
+ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei
+jeder fuer den Krieg ungenuegend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen
+Armee eintritt. Eine gruendliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart
+dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkraefte. Welch einen ungeheueren Umfang
+der Verbrauch an solchen in der Tuerkei im Verlauf des Krieges angenommen
+hatte, duerfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in
+einzelnen Bezirken von Anatolien die Doerfer von jeder maennlichen
+Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entbloesst waren.
+Das wird begreiflich, wenn man hoert, dass die Verteidigung der Dardanellen
+den Tuerken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem
+Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.
+
+Die deutsche Unterstuetzung fuer das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen
+von einer Anzahl Offizieren fuer besondere Verwendung, aus dem sogenannten
+Asienkorps. Man hat sich darueber in unserem Vaterlande aufregen zu muessen
+geglaubt, dass wir den Tuerken ein ganzes Korps fuer so fernliegende Zwecke
+zur Verfuegung stellten, anstatt diese kostbaren Kraefte in Mitteleuropa zu
+verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und
+etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Taeuschung des Gegners gewaehlt;
+ob diese Taeuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden.
+Bei solchen Unterstuetzungen handelte es sich weit weniger um zahlenmaessige
+Verstaerkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und
+geistige Kraefte, das heisst Willen und Wissen zuzufuehren. Der eigentliche
+Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren
+Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkaempfen des Jahres 1916 in
+Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen
+Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick
+gibt ihnen Vertrauen und Rueckhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch
+hier wurde also die Erfahrung bestaetigt, die Scharnhorst einmal in die
+Worte fasste, dass der staerkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger fuer
+das Ganze sei, als die rohe Kraft.
+
+Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchfuehrung. Schon in den
+letzten Sommermonaten zeigte sich, dass der Englaender alle Vorbereitungen
+zu Ende gefuehrt hatte, um die tuerkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt
+der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im
+Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, dass die syrische Front
+diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos grosser Ueberlegenheit gefuehrt
+werden wuerde, nicht gewachsen sei. Tuerkische Divisionen, die zur
+Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mussten nach Sueden abgezweigt
+werden. Damit entfiel die Moeglichkeit einer erfolgreichen Operation in
+Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher
+meine Zustimmung, dass alle verfuegbaren Kraefte nach Syrien gefuehrt wuerden,
+damit wir dort selbst womoeglich noch vor den Englaendern zum Angriff
+uebergehen koennten. Die deutsche Fuehrung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb
+und die Verwaltung in den tuerkischen Gebieten so sehr verbessern zu
+koennen, dass eine wesentlich erhoehte Truppenzahl auf diesem
+Kriegsschauplatz ernaehrt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen
+werden koennte.
+
+Infolge von Reibungen politischer wie militaerischer Art gingen fuer General
+von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Englaender Anfang
+November, den Tuerken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die
+osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang
+Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in
+die tuerkischen Linien noerdlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.
+
+Wenn wir befuerchtet hatten, dass diese tuerkischen Niederlagen, ganz
+besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen
+auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausueben wuerden,
+so trat hiervon, wenigstens aeusserlich, nichts in die Erscheinung; eine
+merkwuerdige Gleichgueltigkeit zeigte sich an Stelle der gefuerchteten
+Erregung.
+
+Fuer mich bestand kein Zweifel, dass die Tuerkei niemals wieder in den Besitz
+von Jerusalem und der dortigen heiligen Staetten kommen koennte. Auch am
+Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Staerker als vorher
+wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschaedigung fuer die
+verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom
+militaerischen Gesichtspunkte aus leider zu fruehzeitig!
+
+
+
+ Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917
+
+
+Man befuerchte nicht, dass ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
+bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstuerze. Ich kann aber
+die folgenden Ausfuehrungen, wenn ich das Bild, das ich geben moechte, nicht
+allzu lueckenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die
+Zeit, von der ich schreibe, jemals lueckenlos darzustellen vermoegen? Es
+werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?"
+auftauchen. Luecken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon
+zur Auskunft dringend benoetigte, fuer immer still geworden ist. Ich kann
+auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und
+Striche dort geben, mehr fuer eine Charakterzeichnung als fuer ein
+vollendetes Gemaelde. Scheinbar willkuerlich setze ich an, wenn ich mich
+zunaechst dem Orient zuwende.
+
+"Die Tuerkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstueck aus der
+Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Tuerkei
+politisch gehaessigen Aktenstueck. Eine eigenartige Null, durch die die
+Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Aegypten zog,
+den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine
+fuer uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende
+feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den tuerkischen
+Grenzlaendern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkoerper
+verschlingen zu koennen!
+
+Was gibt wohl dieser Null die innere Staerke? Selbst fuer den, der in diesen
+Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Raetsel!
+Stumpf und gleichgueltig erscheint die grosse Masse, selbstsuechtig und
+unempfindlich gegen hoeheres voelkisches Empfinden ein grosser Teil hoher
+Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Voelkerschaften gebildet,
+die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben.
+Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kraefte. Die Macht
+Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; ueber Kleinasien
+hinaus herrscht kein wirklicher tuerkischer Einfluss, und trotzdem stehen
+immer noch tuerkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und
+Syrien. Der Araber dort hasst den Tuerken, der Tuerke den Araber. Und doch
+schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter tuerkischen Fahnen und
+laufen nicht in Massen zum Feinde ueber, der ihnen nicht nur goldene Berge
+verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold
+reichlichst spendet. In dem Ruecken der englisch-indischen Armee, die in
+Mesopotamien, wie man meinte, den von den Tuerken geknechteten und
+ausgepressten arabischen Staemmen die ersehnte Erloesung brachte, erheben
+sich diese Erloesten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es
+muss also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und
+zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von aussen, nicht nur ein
+politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefuehl im Innern. Auch die
+Gewalt der tuerkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht
+ausschliesslich liefern. Die Araber koennten sich ja dieser Gewalt
+entziehen, sie brauchten nur die Schuetzengraeben mit erhobenen Armen
+feindwaerts zu verlassen, oder im Ruecken der tuerkischen Armeen sich zu
+erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines
+alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten
+Gruenden und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verstaendnis
+der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir muessen den Streit der
+Meinungen ungeloest lassen.
+
+So ganz lebensunfaehig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht
+sein. Man hoert auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
+pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Maenner mit grossen
+Plaenen und grosser Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach
+kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines
+Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, dass er
+nicht einem Boden mit gesuenderen Kraeften entwuchs. Man sagte, er schriebe
+nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er fuer
+tausenderlei, dachte weit ueber den Krieg hinaus nationale, schoene
+Gedanken! Was ihn damals am meisten beschaeftigte, worin gleichzeitig seine
+groesste Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von
+Konstantinopel. Haette man Ismail Hakki entfernt, so haette die tuerkische
+Armee Mangel an allem gelitten; sie haette noch mehr entbehrt, als sie es
+teilweise schon musste, und Konstantinopel waere vielleicht verhungert. Fast
+das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an
+Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die
+Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen
+Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen
+der groesseren Staedte lebten, wusste niemand. Konstantinopel versorgten wir
+mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumaenien hin und
+halfen trotz der eigenen Not. Freilich wuerde das, was wir fuer
+Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel
+geholfen haben. Haetten wir die Lieferungen verweigert, so haetten wir die
+Tuerkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel wuerde revoltieren,
+trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich
+sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einfluesse gegen
+die starken Maenner taetig, Einfluesse des politischen, vielleicht auch
+geschaeftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke
+Stroemungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberflaeche; ihre
+Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen
+fuehrenden Maenner in die Tiefe zu ziehen.
+
+Das Heer leidet auch unter diesen Stroemungen. Die Heeresleitung muss ihnen,
+wie ich schon frueher andeutete, Rechnung tragen, muss manchmal nachgiebig
+gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst wuerde das Heer, das an
+seiner zahlenmaessigen Staerke immer reissender abnimmt, auch innerlich
+aufgeloest werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An
+ihren Bestaenden zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der
+mit frueheren Feldzuegen, im Yemen und auf dem Balkan, sich fuer so viele
+tuerkische Soldaten zu einem grossen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat.
+Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt
+diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den
+vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden,
+kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darueber
+streiten, ob die Zahl tuerkischer Fahnenfluechtiger in Kleinasien 300.000
+oder 500.000 betraegt. Jedenfalls ist sie nahezu so gross, wie die
+Kampftruppen aller tuerkischen Armeen zusammen. Kein schoenes Bild und doch
+- die Tuerkei haelt noch immer stand und erfuellt ihre Treuepflicht ohne
+einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Koennen!
+
+Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
+sonst Ueberfluss hat! Die Ernte war maessig, aber sie koennte reichen, wenn das
+Land wie unsere Heimat verwaltet wuerde, wenn auch hier Ausgleich
+geschaffen werden koennte zwischen Gegenden des Ueberflusses und solchen des
+Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezuegliche Anregungen: "Wir
+verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich
+eine Selbstanklage. Man legt die Haende in den Schoss, weil man nicht
+gelernt hat, sie zu ruehren. Wir wissen ja, dass Bulgarien beim Uebergang aus
+tuerkischem Sklaventum zur voelligen innenstaatlichen Freiheit einer
+erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse
+mich als Preussen sprechen, keinen Koenig Friedrich Wilhelm I., der die
+eisernen Traeger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher
+ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafuer viele
+Parteien. Mit Schaerfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
+nicht wegen deren Aussenpolitik, denn diese verspricht eine grosse Zukunft,
+voelkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt
+der Kampf wegen innerer Fragen um so ruecksichtsloser. Kein Mittel, auch
+das gefaehrlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den
+Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefaehrliches Spiel! Die
+Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen
+Parteigetriebes. Die Regierung hat gefaehrliche Geister beschworen, um auf
+die Tuerkei und uns einen Druck auszuueben, und wird diese Geister, die
+alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Hass gegen die
+Verbuendeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns
+im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorlaeufig nachzugeben
+und ihre endgueltige Loesung dem Ausgang des Krieges zu ueberlassen. Ein
+Rueckzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Ueberzeugung. Auffallend ist
+es, dass sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser
+Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr
+seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige
+Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen
+Parteien haelt an und treibt ruecksichtslos seine Keile selbst in das Gefuege
+des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.
+
+Die Truppe zeigt sich fuer diese zersetzende Taetigkeit zugaenglich, denn sie
+ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
+Fehlen organisatorischer Taetigkeit und Faehigkeit zeigt sich auch hier an
+allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschlaege zu durchgreifenden
+Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschlaege als
+zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die
+Muehe, sie zu verwirklichen. Man beschraenkt sich darauf, an dem Deutschen
+herum zu noergeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam
+eroberten Lande -, der vertragsmaessig ernaehrt werden soll, weil er an der
+mazedonischen Grenze kaempft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in
+erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach
+bulgarischer Meinung, nur selbst ernaehren, und er tut es denn um des
+lieben Friedens willen auch, fuehrt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis
+nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich
+nicht bei den kaempfenden Truppen, denn dort schaetzt man sich, wohl aber in
+dem Rueckengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
+einzuschraenken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
+Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumaenien stehen.
+Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmaessigen
+Ersatz, doch sofort erhebt sich ein grosser Laerm in Sofia ueber Mangel an
+Bundestreue. Wir beschraenken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
+deutscher Kraefte und uebernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen
+Divisionen in Rumaenien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die
+bulgarischen Divisionen das noerdliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit
+fast widerwillig hinuebergegangen waren.
+
+Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetruebt. Aber wir koennen auf
+weitere Buendnistreue rechnen, wenigstens solange wir die grossen
+politischen Ansprueche Bulgariens erfuellen koennen und wollen. Als dann aber
+im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseaeusserungen und
+deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen
+Armeen Zweifel darueber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch
+wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was
+schlimmer ist, man wird misstrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt
+verstaerkt die Abdankung Radoslawows. Seine Aussenpolitik wird als grosszuegig
+anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr
+der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenueber durchzusetzen. Seine
+Innenpolitik ist zudem vielfach verhasst. Neue Maenner sollen ans Ruder
+kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
+Krippe des Staates. Man meint, sie koennten sich gesaettigt haben. Alles
+soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhaengt, vom
+hoechsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische,
+das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im
+Kriege!
+
+Ueber Oesterreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im
+Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darueber
+gesprochen, dass die versuchte Versoehnung der staatszersetzenden
+tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollstaendig scheiterte. Nun
+wird versucht, durch verstaerktes Vorschieben kirchlicher Macht und
+kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religioeser Gefuehle ein
+einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
+wenigstens um seine einflussreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch
+bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen
+und erregt Misstrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die
+gegenseitige Abneigung der Voelkerschaften wird durch die Verschiedenheiten
+in der Lebensmittelversorgung verschaerft. Wien hungert, waehrend Budapest
+genuegend Nahrung hat. Der Deutsch-Boehme stirbt fast den Erschoepfungstod,
+waehrend der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglueck ist die Ernte
+teilweise missraten. Dies verstaerkt die innere Krisis und wird sie noch
+mehr verstaerken. Es fehlt in Oesterreich-Ungarn nicht, wie in der Tuerkei,
+an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Ueberschuss- und
+Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich
+durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Uebel der inneren
+politischen Gegensaetze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf
+das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung uebertragen. Kein Wunder, dass die
+Friedenssehnsucht waechst, und dass das Vertrauen auf den Ausgang des
+Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
+als staerkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
+Gemueter nicht zu heben, sondern sie gleichgueltiger zu machen. Selbst der
+Sieg in Italien ist ein Jubel nur fuer einzelne Teile und Kreise der
+Voelker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
+zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
+Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
+Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
+wie je mit Fuessen getreten. Wahrlich es haette staerkerer Nerven bedurft, als
+an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die
+teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch laenger Widerstand zu
+leisten.
+
+Und nun zu unserer eigenen Heimat:
+
+Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
+vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
+Aenderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
+durch den Ruecktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfaenglich
+angenommen hatte, dass sich unsere Auffassungen ueber die durch den Krieg
+geschaffene Lage deckten, so musste ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
+immer mehr erkennen, dass dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des
+Krieges uebertragen, und fuer ihn bedurfte ich aller Kraefte des Vaterlandes.
+Diese in einer Zeit groesster aeusserer Spannung durch innere Kaempfe zu
+zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureissen,
+musste zu einer Schwaechung unserer politischen und militaerischen Stosskraft
+fuehren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten,
+still zu bleiben, wenn ich sah, dass die Einheitlichkeit, die wir an der
+Front noetig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Ueberzeugung, dass
+wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenueber mehr und mehr ins
+Hintertreffen gerieten, dass wir den entgegengesetzten Weg gingen wie
+diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
+Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher fuer meine
+Pflicht, meinem Allerhoechsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
+einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
+wurde von Seiner Majestaet nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
+gleichzeitig infolge einer Erklaerung der Parteifuehrer des Reichstages
+seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.
+
+Die nunmehr aeusserlich zutage tretenden Folgen dieses Ruecktrittes waren
+bedenklich. Der bisher nach aussen hin aufrechterhaltene Schein des
+politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hoerte auf. Es bildete sich
+eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluss nach links. Die
+Versaeumnisse, die angeblich in frueheren Zeiten in der Weiterentwicklung
+unserer innerstaatlichen Verhaeltnisse begangen waren, wurden nunmehr im
+Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen aeusseren
+Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere
+Zugestaendnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung
+zu erpressen. Wir mussten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren.
+Die Zuegel der Staatsleitung gerieten allmaehlich in die Haende extremer
+Parteien.
+
+Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat
+ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhaeltnis. Er war unverzagt an
+sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsfuehrung war nur kurz; die
+Verhaeltnisse sollten sich staerker erweisen als sein guter Wille.
+
+Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
+gebessert. Immer mehr draengte die Mehrheit nach links und stellte sich,
+trotz mancher schoener Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
+bisherige Staatsordnung aufloesen wollten. Immer schaerfer zeigte es sich,
+dass die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen
+und Parteidogmata vergass oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte.
+Darueber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese
+Parteiungen zu schueren.
+
+Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
+Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
+auf die zerfahrenen Parteiverhaeltnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
+Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Koenigs von Bayern schon in
+Pless bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
+der er mir damals seine Glueckwuensche zu der eben durch Seine Majestaet den
+Kaiser vollzogenen Verleihung des Grosskreuzes des Eisernen Kreuzes
+aussprach. Es lag fuer mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in
+der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten
+Lebenskraefte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes
+Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft ueberdauerte
+die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit
+Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenueber nicht mehr
+durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung
+blieb leider ein wohl von frueher uebernommenes Misstrauen bestehen, das ab
+und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung fuer den Grafen
+wurde dadurch nicht beeintraechtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er
+sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.
+
+Auch abgesehen von den eben beruehrten Missstaenden ist in der Heimat am Ende
+des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen.
+Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des
+Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesaettigter oder
+mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen hoeheren Schwung,
+drueckt die Menschen zur Gleichgueltigkeit herab. Die grosse Menge denkt auch
+bei uns bei koerperlich ungenuegender Ernaehrung nicht viel besser als
+anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des
+Volkes unser ganzes Leben kraeftiger durchsetzen. Dieses Leben muss aber
+unter solchen Verhaeltnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen
+geistigen und seelischen Anregungen mehr erhaelt. An einer solchen Belebung
+fehlt es aber auch bei uns. Man stoesst in Kreisen, in denen man sonst
+anderes denken gewohnt war, auf die gefaehrliche Ansicht, dass gegen die
+Gleichgueltigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
+dieser Anschauung legen die Haende in den Schoss und lassen den Dingen ihren
+Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren
+Boden fuer ihre die staatliche Ordnung aufloesenden Ideen ausnuetzen und eine
+verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich
+keine Haende finden, das Unkraut auszureissen.
+
+Die Gleichgueltigkeit wirkt wie Untaetigkeit. Sie durchsaeuert den Boden fuer
+Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevoelkerung der
+Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurueckkehrt.
+
+Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie
+belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch
+niederdrueckend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend
+nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr
+wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus
+diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung
+hinaus ins Feld.
+
+Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine
+Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein.
+Aber der Krieg erhebt nicht nur, er loest auch auf. Und dieser Krieg tat
+dies mehr, wie jeder fruehere; er verdarb nicht nur die Koerper, sondern
+auch die Seelen.
+
+Auch der Gegner sorgt fuer diese Zersetzung. Nicht bloss durch seine
+Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
+durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager"
+nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens
+in solcher Groesse und in solch ruecksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der
+Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Tuerkei, in Oesterreich-Ungarn
+wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblaetter faellt nicht nur
+hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den tuerkischen
+im Irak und in Syrien herab.
+
+Als "Aufklaerung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda.
+"Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als
+das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung,
+die nicht die Kraft in sich fuehlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe
+zu ueberwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer
+gefuehrten Schwertes niederzuzwingen.
+
+Schliesslich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
+feindlichen Staaten:
+
+Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich
+fuer uns waehrend des Kriegszustandes handeln. Wir waren naemlich nicht nur
+blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
+anderen Beziehungen zum Auslande. Daran aenderte unsere teilweise
+Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
+lieferte nur ganz klaegliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern
+Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!
+
+Wir wussten, dass jenseits der kaempfenden Westfront eine Regierung sitzt,
+die persoenlich von Hass- und Rachegedanken erfuellt, das Innerste ihres
+Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen
+Sieger", wenn die Stimme Clemenceaus erschallt. Frankreich blutet aus
+tausend Wunden. Wuerden wir es nicht wissen, so koennten wir es den offenen
+Erklaerungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
+weiterkaempfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem
+wie mit eisernen Ketten zusammengefassten Staatsgefuege erscheinen, da
+greift die Regierung mit ruecksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
+Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden
+ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche
+offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen
+Phrasen weiter gefuettert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem
+sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und
+Pazifizismus" als "gefaehrliche Betaeubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen
+die doktrinaeren Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Voelker
+schwaechen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
+rechter Name ist Feigheit, d. h. uebertriebene Liebe des Individuums zu
+sich selbst, die es von jedem persoenlichen Risiko zurueckschrecken laesst,
+das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem
+"Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, dass das "Frankreich des
+Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege ueberhaupt von
+Frieden zu reden wagte, als Landesverraeter brandmarkte?
+
+Wir koennen es nicht bezweifeln, dass das franzoesische Volk auch Ende 1917
+besser genaehrt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man fuer den Pariser,
+entschaedigt ihn fuer so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch
+moeglichen Genuesse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
+Entbehrungen des taeglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange
+ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, dass die
+Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir duerfen uns nicht im
+Unklaren sein, dass auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
+kaempfen muss, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.
+
+Die franzoesischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
+erzaehlen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
+laesst auf keinen Mangel schliessen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch
+keiner glaubt, dass es kommen wird, solange "die anderen kaempfen wollen".
+
+Wie steht es in England?
+
+Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
+einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es
+gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England
+einen "Schwaecheanfall" ueberwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein,
+als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die
+Kriegsziele herabgemindert werden wuerden. Die Stimme eines Lord Lansdowne
+ertoente. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden
+Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt.
+Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte
+man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert,
+eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
+noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns spaeter erst bekannt wurde, einem
+politischen Pfuhle auf mitteleuropaeischem Boden entstiegen. Der Gedanke an
+das nahende Ende reisst das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder
+empor. Man ertraegt wiederum williger das Entbehren von Genuessen,
+verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische
+Freiheiten in der Hoffnung, dass die Vorhersage in Erfuellung geht, nach
+einem gluecklichen Ende dieses Krieges wuerde jeder einzelne Englaender
+reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische
+Selbstzucht des einzelnen Englaenders. Also auch hier nichts von Frieden,
+es sei denn, dass der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen
+Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat
+keiner. Doch danach fragt da drueben kein Mensch. Man fordert, und es wird
+geleistet.
+
+Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im
+Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
+zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
+Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem fuer sie sinnlosen Blutvergiessen.
+Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und
+begruessten die ihnen dort bekannten Arbeitsstaetten mit deutschen Gesaengen.
+Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht,
+das Volk erlahmt nicht voellig. Es weiss, dass es sonst hungern und frieren
+muss. Der italienische Wille muss sich auch weiterhin vor fremdem beugen,
+das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es ertraeglich
+durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.
+
+Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
+fremden europaeischen Boden. Was wir vernehmen, bestaetigt unsere Vermutung.
+Das glaenzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschaeft ist in den Dienst des
+Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an
+dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem
+Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der
+Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine ruecksichtslose Gewalt. Man begreift
+den Krieg. Die weichen Stimmen muessen schweigen, bis die harte Arbeit
+getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der
+Menschen, jetzt wird sie unterdrueckt zum Nutzen des Staates. Man fuehlt
+sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf fuer ein Ideal,
+und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des
+an den Rand des Verderbens gedrueckten Angelsachsen spricht, da wird Gold
+in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.
+
+Von Russland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
+Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht voellig
+ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumaenischen
+Verbuendeten mit sich gerissen.
+
+So erschienen mir die Verhaeltnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende
+des Jahres 1917.
+
+Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt:
+"Wie erklaert es sich, dass der Gegner in seinen ruecksichtslosen politischen
+Forderungen uns gegenueber nichts nachliess, trotz seiner vielen
+militaerischen Misserfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Russlands
+als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden
+Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit
+fuer einen Transport starker nordamerikanischer Kraefte auf den europaeischen
+Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter
+dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen fuer einen Frieden
+zuzumuten, die man wohl einem voellig geschlagenen Feind diktieren konnte,
+mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der
+bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast ueberall tief in
+Feindesland stand?"
+
+Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:
+
+Waehrend wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
+Blicke ihrer Regierungen und Voelker unentwegt auf die Entwicklung der
+inneren Zustaende unseres Vaterlandes und der Laender unserer
+Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwaechen, die ich im
+Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwaechen
+aber staerkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen
+Willen zum Siege.
+
+Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
+guenstigsten Verhaeltnissen arbeitete, gab dem Gegner den wuenschenswerten
+vollen Einblick in unsere Verhaeltnisse, sondern auch unser Volk und seine
+politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Missstaende vor den
+gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht
+so weit politisch geschult, dass er imstande gewesen waere, sich zu
+beherrschen. Er musste seine Gedanken aussprechen, mochten sie fuer den
+Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit
+befriedigen zu muessen, indem er sein Wissen und seine Gefuehle der weiten
+Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nuetzte oder
+schadete, war bei dem vagen weltbuergerlichen Gefuehle, in dem er vielfach
+lebt, fuer ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und
+klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus,
+dass es auch seine Zuhoerer sein wuerden. Damit war der Fall fuer ihn dann
+erledigt.
+
+Dieser Fehler hat uns im grossen Ringen um unser voelkisches Dasein mehr
+geschadet als militaerischer Misserfolg. Dem Mangel an politischer
+Selbstzucht, wie sie dem Englaender zur zweiten Natur geworden ist, dem
+Fehlen einer von kosmopolitischen Schwaermereien voellig freien
+Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglueht, schiebe ich letzten
+Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die
+Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
+der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiss sehr wohl, dass
+unter den sachlichen Gruenden, die damals fuer diese Resolution
+ausschlaggebend waren, mancherlei Enttaeuschungen ueber den Gang des Krieges
+sowie ueber die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegfuehrung eine
+grosse Rolle spielten. Man konnte ueber die Berechtigung zu einem solchen
+Misstrauen unserer Lage gegenueber verschiedener Anschauung sein -
+bekanntlich beurteilte ich sie guenstiger - aber fuer voellig verfehlt
+glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu muessen, in der man sich von
+parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloss. Zu einem
+Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten
+der Deutschen vielleicht froh gewesen waeren, wenn sie irgend welche leisen
+Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes haetten entnehmen
+koennen, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren.
+Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte,
+waren zu fadenscheinig, als dass sie irgend jemanden im feindlichen Lager
+haetten taeuschen koennen. So fand bei uns das Wort Clemenceaus "Ich fuehre
+Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!"
+
+Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
+Standpunkte menschlichen Gefuehles sondern vom Standpunkte soldatischen
+Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten wuerde, und kleidete das in die
+Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in
+unserer eigenen und unserer Verbuendeten schweren Lage!
+
+
+
+
+
+ VIERTER TEIL
+
+
+ ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN
+
+
+
+
+ Die Frage der Westoffensive
+
+
+
+ Absichten und Aussichten fuer 1918
+
+
+Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
+Teil meiner Darlegungen abschloss, wird man wohl die berechtigte Frage an
+mich richten, welche Aussichten ich fuer eine guenstige Beendigung des
+Krieges durch eine letzte grosse Waffenentscheidung zu haben glaubte.
+
+Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
+spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunaechst zu
+den Verhaeltnissen bei unseren Bundesgenossen wende:
+
+Oesterreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militaerischen Machtlosigkeit
+Russlands und Rumaeniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig
+militaerisch entlastet, dass es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte,
+die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich
+fuer durchaus imstande, den Ententekraeften gegenueber in Mazedonien
+auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkraefte, die noch
+gegen Russland und Rumaenien standen, in absehbarer Zeit vollstaendig fuer
+Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Tuerkei war durch den
+Zusammenbruch Russlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte
+dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genuegend Kraefte frei, um ihre
+Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstaerken.
+
+Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
+Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
+zweckmaessigen Verwendung der fuer ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
+Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst
+wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Fuer eine solche bekamen
+wir nunmehr unsere Ostkraefte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum
+Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kraefte
+vermochten wir uns im Westen eine zahlenmaessige Ueberlegenheit zu schaffen.
+Zum ersten Male waehrend des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine
+deutsche Ueberlegenheit! Sie konnte freilich nicht so gross sein, als es
+diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren
+unsere Westfront vergeblich bestuermt hatten. Insbesondere reichten unsere
+Ostkraefte nicht hin, um die gewaltige Ueberlegenheit unserer Gegner an
+Artillerie- und Fliegerverbaenden auszugleichen. Immerhin waren wir aber
+jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur
+Ueberwaeltigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel
+auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.
+
+Leicht und einfach war der Entschluss zum Angriff im Westen aber auch unter
+diesen fuer uns guenstigeren Zahlenverhaeltnissen nicht. Die Bedenken, ob uns
+ein grosser Erfolg gelingen wuerde, blieben nicht gering. Im Verlauf und
+Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich
+wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner
+mit allen seinen zahlenmaessigen Ueberlegenheiten, mit seinen Millionen von
+Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von
+Menschenopfern schliesslich erreicht? Oertliche Gewinne von etlichen
+Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir
+hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es musste
+jedoch angenommen werden, dass diejenigen der Angreifer die unsern
+wesentlich uebertrafen. Mit blossen sogenannten Materialschlachten konnten
+wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten fuer die Fuehrung
+solcher Kaempfe weder die Kraefte noch auch die Zeit. Denn naeher und naeher
+rueckte der Augenblick, an welchem das noch vollkraeftige Amerika allmaehlich
+auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht
+derartig wirkten, dass der Seetransport grosser Massen und ihrer Beduerfnisse
+in Frage gestellt war, dann musste unsere Lage ernst werden.
+
+Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht fuer die Hoffnung auf einen oder
+mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch
+bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen,
+aber schwer zu erklaeren; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen".
+Nicht Vertrauen auf einen gluecklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch
+weniger das Vertrauen auf Zahlen und aeussere Staerken; es war das Vertrauen,
+mit dem der Fuehrer seine Truppen in das feindliche Feuer entlaesst,
+ueberzeugt, dass sie das Schwerste ertragen und das Unmoeglichscheinende
+moeglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als
+wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast
+uebermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwaerts
+Angriffsfeldzuege zu fuehren, das gleiche Vertrauen, das uns wagen liess, mit
+Unterlegenheiten feindliche Uebermacht auf allen Kriegsschauplaetzen in
+Schach zu halten oder gar zu schlagen.
+
+Wenn die noetige zahlenmaessige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
+Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fuehlte foermlich die
+Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
+Abwehrkampfes. Ich wusste, dass aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott
+eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die
+Erdloecher vertrieben" der englischen Laecherlichkeit preisgeben zu duerfen
+glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden wuerde, der mit seinem
+ganzen, maechtigen Zorne dem Schuetzengraben entsteigt, um die jahrelange
+Kampfqual der Verteidigung im Vorstuermen zu beenden.
+
+Darueber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch groessere und
+weitergehende Folgen erwarten zu duerfen. Ich hoffte, dass mit unseren
+ersten siegreichen Schlaegen auch die Heimat emporgehoben wuerde aus ihrem
+dumpfen Brueten und Gruebeln ueber die Not der Zeit, ueber die
+Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, ueber die Unmoeglichkeit, den Krieg noch
+anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
+tyrannischer Gewalten. Faehrt erst das blitzende Schwert in die Hoehe, so
+reisst es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
+sein? Und meine Hoffnungen flogen hinueber ueber die Grenzen des
+Heimatlandes. Unter den maechtigen Eindruecken grosser kriegerischer
+deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
+dem so sehr bedrueckten Oesterreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
+politischen und voelkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
+des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.
+
+Wie haette ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
+Sache verzichten duerfen, um meinem Kaiser gegenueber vor meinem Vaterland
+und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?"
+Ja gewiss! Es konnte keine Taeuschung darueber geben, dass unsere Gegner ihre
+Forderungen bis zu dieser Hoehe treiben wuerden. Gerieten wir nur erst
+einmal auf die abschuessige Bahn des Nachgebens, hoerte die straffe Spannung
+unserer Kraefte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein
+Ende mit Schrecken, es sei denn, dass wir vorher dem Gegner selbst die Arme
+und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon
+1917, so verwirklichten sie sich spaeter. Wir standen immer in der Wahl
+zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung.
+Aeusserten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang
+niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo
+friedensverheissender ertoent sein sollte, dann durchdrang sie nicht die
+Atmosphaere, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.
+
+Wir hatten nach meiner Ueberzeugung die noetige Staerke und den noetigen
+kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
+hatten uns darueber schluessig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
+wollten. Das "Wie" liess sich im allgemeinen mit den Worten ausdruecken:
+Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
+mussten einen grossen, wenn moeglich ueberraschenden Schlag anstreben. Gelang
+es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch
+zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schlaege an anderen
+Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel
+erreicht war.
+
+Als kriegerisches Ideal schwebte mir natuerlich von vornherein ein voelliger
+Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu
+freien Operationen oeffnen wuerde. Dieses Tor sollte in der Linie
+Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fere aufgeschlagen werden. Die Wahl der
+Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflusst. Wir
+wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Englaender in diesem
+Angriffsgebiet gegenueber standen. Ich sah freilich in England noch immer
+die Hauptstuetze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
+darueber auch klar, dass in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
+bis zur Vernichtung zu schaedigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
+wie in England.
+
+Auch in militaerischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
+unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Englaender richteten. Der
+Englaender war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefaehrte.
+Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu
+schematisch. Diese Maengel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich
+glaubte, dass das in der Verteidigung nicht anders sein wuerde. Derartige
+Erscheinungen waren fuer jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz
+selbstverstaendlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer
+entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjaehriger Krieg konnte diese
+mangelnde Vorbereitung nicht voellig ersetzen. Was dem Englaender an
+Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine
+Zaehigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im
+Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbaende waren von
+verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine
+Erscheinung, die wohl darauf zurueckzufuehren ist, dass die dortige
+Bevoelkerung vorwiegend eine agrarische ist.
+
+Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
+Bundesgenosse. Dafuer war er aber wohl weniger zaehe in der Verteidigung als
+dieser. In der franzoesischen Artillerie erblickten unsere Fuehrer wie
+Soldaten ihren gefaehrlichsten Feind, waehrend der franzoesische Infanterist
+in weniger grossem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die
+franzoesischen Truppenverbaende je nach den Landesteilen, aus denen sie sich
+ergaenzten, verschieden.
+
+Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
+franzoesisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, dass jeder der
+Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen wuerde. Dass
+dabei der Franzose rascher und rueckhaltloser handeln wuerde, wie der
+Englaender, betrachtete ich bei der politischen Abhaengigkeit Frankreichs
+vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
+selbstverstaendlich.
+
+Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
+Flandernschlacht noch besonders stark auf dem noerdlichen Fluegel seiner
+sich vom Meere bis in die Gegend suedlich St. Quentin ausdehnenden Front
+massiert. Eine andere etwas schwaechere Kraeftegruppe schien aus der
+Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelaende verblieben zu sein. Im
+uebrigen waren die englischen Kraefte augenscheinlich ziemlich gleichmaessig
+verteilt; am schwaechsten besetzt zeigten sich die Stellungen suedlich der
+Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
+dieser Stadt war infolge unseres Gegenstosses vom 30. November 1917 nur
+noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man
+sich ausdrueckte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten.
+Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kraefte zerdruecken.
+Es war allerdings fraglich, ob die englische Kraefteverteilung bis zum
+Beginn unseres Angriffes auch tatsaechlich in der geschilderten Weise
+bestehen bleiben wuerde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein
+Verbergen unserer Angriffsabsichten moeglich sein wuerde. Eine
+bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen liessen eigentlich eine
+solche Moeglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen.
+Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen fuer all die grossen
+Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
+Beginn der eigentlichen Kaempfe erkannt. Fast regelmaessig waren wir
+imstande, sogar die Fluegelausdehnung der gegnerischen Angriffe
+festzustellen. Die monatelange Taetigkeit der Feinde war den Spaeheraugen
+unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
+hatte sich zu einem ausserordentlich feinen Empfinden fuer jede Veraenderung
+auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen
+Grosskaempfen angesichts der scheinbaren Unmoeglichkeit, die ausgedehnten
+Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhaeufungen zu verbergen, auf
+Ueberraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir,
+auf Ueberraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu muessen. Dieses
+Bestreben forderte natuerlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
+eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
+durfte, musste dem taktischen Gefuehle unserer Unterfuehrer und unserer
+Truppen ueberlassen werden.
+
+Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
+sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher fuer die
+Verteidigung, so wurden jetzt fuer den Angriff neue Grundsaetze festgelegt
+und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den
+Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in duenne
+Schuetzenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von
+Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und
+Kampffliegern im hohen Grade feuerkraeftig gemacht wurden. Solche duenne
+Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfaehig, wenn ein starker
+Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach voellig einer Taktik
+von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner
+Mitkaempfer den Angriffstrieb erhaelt, eine Taktik, wie wir sie von
+gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie
+ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.
+
+Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
+Massenstuermen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdruecke wohl in
+erster Linie, um Sensationsbeduerfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
+auch, um die Schlachtbilder fuer die Masse ihrer Leser anschaulicher und
+die eingetretenen Ereignisse verstaendlicher zu machen. Woher haetten wir
+allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
+Massenopfern nehmen sollen? Ausserdem hatten wir genuegende Erfahrung darin
+gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kraefte vor unseren Linien
+hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes,
+am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen
+konnten, je dichter die Menschenhalme standen.
+
+Diese Ausfuehrungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
+Kampfverfahrens beschaeftigen, duerften zur allgemeinen Kennzeichnung
+unserer Angriffsgrundsaetze genuegen. Der deutsche Infanterist trug
+natuerlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
+aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
+Musketier die Arbeit zu erleichtern.
+
+Die Schwere des bevorstehenden grossen Waffenganges im Westen wurde von uns
+in ihrer ganzen Groesse gewuerdigt. Sie machte es uns zur
+selbstverstaendlichen Pflicht, alle brauchbaren Kraefte fuer das blutige Werk
+heranzuziehen, die wir irgendwie auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen
+entbehrlich machen konnten.
+
+Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
+wirtschaftlichen Verhaeltnisse legte der Durchfuehrung mancherlei
+Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persoenliches Eingreifen
+noetig machten. Ich moechte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen
+und beginne mit dem Osten:
+
+Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
+geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten
+wir schon vorher mit der Abbefoerderung eines grossen Teiles unserer
+Kampfverbaende von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffaehigen
+Divisionen musste jedoch bis zur endgueltigen politischen Abrechnung mit
+Russland und Rumaenien zurueckbleiben.
+
+Unseren militaerischen Wuenschen wuerde es natuerlich durchaus entsprochen
+haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingelaeutet worden
+waere. Statt ihrer toenten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die
+wildesten Agitationsreden umstuerzlerischer Doktrinaere. Die breiten
+Volksmassen aller Laender wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen,
+die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des
+Schreckens abzuschuetteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am
+Buergertum gesichert werden. Die russischen Unterhaendler, allen voran
+Trotzki, wuerdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versoehnung maechtiger
+Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wuester Agitatoren herab.
+Unter diesen Umstaenden war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen
+keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und
+Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem
+sie die politische Aufloesung in unserem Ruecken und in die Reihen unserer
+Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhaeltnissen
+schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter
+gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darueber doch wohl einem
+falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf fuer sich in
+Anspruch nehmen, dass sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.
+
+Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
+Brest-Litowsk litt, mochten noch so gross sein, ich hatte jedenfalls die
+Pflicht, darauf zu dringen, dass mit Ruecksicht auf unsere beabsichtigen
+Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht wuerde. Die
+Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluss, als Trotzki am
+10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
+uebrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklaerte. Ich konnte in
+diesem, allen voelkerrechtlichen Grundsaetzen hohnsprechenden Verhalten
+Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
+Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einfluesse der Entente
+wirksam waren, muss ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
+damalige Zustand in militaerischer Beziehung unertraeglich. Der
+Reichskanzler Graf von Hertling schloss sich dieser Anschauung der Obersten
+Heeresleitung an. Seine Majestaet der Kaiser entschied am 13. Februar, dass
+die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.
+
+Die Durchfuehrung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
+feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
+drohende Gefahr. Am 3. Maerz wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem
+Vierbund und Grossrussland unterzeichnet. Die russische militaerische Macht
+war damit auch rechtsgueltig aus dem Kriege ausgeschieden. Grosse
+Landesteile und Voelkerstaemme waren von dem bisherigen geschlossenen
+russischen Koerper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrussland ein tiefer
+Riss zwischen Grossrussland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der
+Randstaaten vom frueheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war fuer
+mich in erster Linie ein militaerischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich
+mich so ausdruecken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen
+Russland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begruesste ich die
+Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, dass von jetzt ab
+das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche
+Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.
+
+Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, dass die Verhandlungen mit
+einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten aeusserst
+wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunaechst einmal mit
+den jetzt in Grossrussland vorhandenen Machthabern zu einem abschliessenden
+Vertrag zu kommen. Im uebrigen war ja zurzeit dort alles in groesster Gaerung,
+und ich persoenlich glaubte nicht an eine laengere Dauer der Herrschaft des
+damaligen Terrors.
+
+Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht moeglich,
+alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefoerdern. Wir konnten
+die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal ueberlassen. Schon
+allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und
+den von uns befreiten Laendern forderte gebieterisch das Belassen staerkerer
+deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine
+noch nicht abgeschlossen. Wir mussten in dieses Land einmarschieren, um in
+die dortigen politischen Verhaeltnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn
+dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete
+Lebensmittel in erster Linie fuer Oesterreich-Ungarn, dann aber auch fuer
+unsere Heimat, ferner Rohstoffe fuer unsere Kriegsindustrie und
+Kriegsbeduerfnisse fuer unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte
+spielten bei diesen Unternehmungen fuer die Oberste Heeresleitung keine
+Rolle.
+
+Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militaerische Unterstuetzung,
+die wir im Fruehjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen
+die russische Gewaltherrschaft angedeihen liessen. Hatte doch die
+bolschewistische Regierung die uns zugesagte Raeumung des Landes nicht
+durchgefuehrt. Wir hofften ausserdem dadurch, dass wir Finnland auf unsere
+Seite zogen, der Entente eine militaerische Einwirkung auf die weitere
+Entwicklung der Verhaeltnisse in Grossrussland von Archangelsk und der
+Murmankueste her aufs aeusserste zu erschweren. Auch erreichten wir damit
+gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die fuer den Fall
+wichtig wurde, dass das bolschewistische Russland auf unsere Ostfront
+erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kraefteaufwand, es handelte
+sich hierfuer um kaum eine Division, lohnte sich fuer uns jedenfalls
+reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des
+finnischen Volkes entgegenbrachte, liess sich meiner Ansicht nach durchaus
+mit den Forderungen der militaerischen Lage in Einklang bringen.
+
+Die Kampftruppen, die wir gegen Rumaenien stehen hatten, wurden
+groesstenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres
+Friedensschlusses mit Russland genoetigt sah, auch ihrerseits zu einem
+friedlichen Abschluss mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende
+Rest unserer fechtenden Truppen bildete fuer die Zukunft eine gewisse
+Kraftquelle zur Ergaenzung unseres Westheeres.
+
+Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
+Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
+Winters durchgefuehrt werden. Oesterreich-Ungarn musste nach meiner Ansicht
+durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
+beherrschen.
+
+Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Oesterreich-Ungarn mit dem
+Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
+frei werdenden Kraefte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfuegung zu
+stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, dass diese Kraefte
+sich in Italien besser verwerten liessen als bei unserem schweren Ringen im
+Westen. Gelang es Oesterreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des
+Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort
+befindlichen Teile der englischen und franzoesischen Truppen zu binden oder
+gar Kraefte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront
+abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen
+wurde, vielleicht groesser, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstuetzung.
+Wir beschraenkten uns daher auf Heranziehung oesterreichisch-ungarischer
+Artillerie. Fuer mich bestand uebrigens kein Zweifel, dass General von Arz
+ein Ersuchen unsererseits um groessere oesterreichische Hilfe jederzeit und
+mit allen seinen Kraeften vertreten haette.
+
+Der oesterreichisch-ungarische Aussenminister hat in dieser Zeit in einer
+Rede darauf hingewiesen, dass die Kraefte der Donaumonarchie ebensowohl fuer
+Strassburg wie fuer Triest eingesetzt wuerden. Diese bundesfreundliche
+Aeusserung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachtraeglich wurde mir
+bekannt, dass diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
+Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprueche hervorgerufen hatten. Diese
+politische Erregung uebte sonach auf meine militaerische Entscheidung ueber
+die Groesse der oesterreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren kuenftigen
+Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluss.
+
+Es galt fuer mich als selbstverstaendlich, dass wir den Versuch machen
+mussten, auch diejenigen unserer Kampftruppen fuer unsere Westoffensive frei
+zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Tuerkei verwendet
+waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie gross die politischen
+Widerstaende gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General
+Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer
+Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen
+Pickelhauben in Mazedonien fuer ebenso unentbehrlich wie sein Koenig. Die
+Zurueckziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam
+infolgedessen nur recht allmaehlich in Fluss. Nur schwer entschloss sich
+General Jekoff auf unser wiederholtes Draengen, sie durch die bulgarischen
+Truppen aus der Dobrudscha abzuloesen. Ernste Mitteilungen unserer
+deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front ueber Stimmung und
+Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlassten uns schliesslich, den
+Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer
+noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.
+
+Ein aehnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemuehen in der Tuerkei. Unser
+Asienkorps war im Herbste 1917 mit den urspruenglich fuer den Feldzug nach
+Bagdad bestimmten tuerkischen Divisionen nach Syrien befoerdert worden. Die
+bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres
+1918 eine Verstaerkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzufuehren.
+Die meisten der hierfuer bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien
+stehenden Verbaenden entnommen. Bevor diese Verstaerkungen ihren neuen
+Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung
+in der Lage an der syrischen Front feststellen zu koennen, und traten daher
+mit Enver Pascha wegen Zurueckziehung aller dortigen deutschen Truppen in
+Verbindung. Der Pascha gab sein Einverstaendnis. Dringende militaerische und
+politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien
+sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflussten deutschen
+Reichsleitung veranlassten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.
+
+Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, dass von unserer Seite nichts
+unterlassen wurde, um moeglichst alle unsere deutschen Kampfkraefte im
+Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten
+Mann gelang, so lag der Grund in Verhaeltnissen verschiedenster Art, in
+keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von
+unserer Seite.
+
+So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so
+sehnsuechtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Ruecken dem
+Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mussten jetzt zu diesem
+Waffengang schreiten. Ein solcher wuerde uns vielleicht erspart geblieben
+sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgueltig geschlagen haetten.
+
+Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
+die Aufgabe fuer uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
+maechtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
+wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
+geruestet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
+wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
+Kriegfuehrung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
+dem Niederbruch stuetzend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
+Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Naehe. Wird
+dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
+Haenden zu reissen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin!
+Ich glaubte sie verneinen zu koennen!
+
+Der Ausgang unserer grossen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
+lassen, ob es fuer uns nicht raetlich gewesen waere, auch im Jahre 1918 den
+Krieg an der Westfront, unter Stuetzung der bisher dort verwendeten Armeen
+mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu fuehren, alle
+uebrigen militaerischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu
+vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhaeltnisse
+zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu
+unterstuetzen. Es waere ein Irrtum, anzunehmen, dass mich derartige Gedanken
+nicht vor unseren Offensivplaenen beschaeftigt hatten. Ich wies sie nach
+reiflichster Ueberlegung zurueck. Gefuehlsmomente spielten dabei keine Rolle.
+Wie waere ein Ende des Krieges bei solcher Fuehrung abzusehen gewesen?
+Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an
+unserer deutschen Widerstandskraft ueber das kommende Jahr hinaus zu
+zweifeln, so konnte ich ueber dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei
+unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mussten mit allen
+Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr
+oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbuendeten. Man
+kann dagegen nicht einwenden, dass auch unsere Gegner an den aeussersten Rand
+ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfaehigkeit herankamen. Sie
+konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen,
+und wer unter ihnen nicht haette mittun wollen, wuerde durch die anderen
+einfach gezwungen worden sein. Ein allmaehlicher Erschoepfungstod war,
+nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos
+unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglueck meines Vaterlandes vor Augen
+habe, trage ich die felsenfeste Ueberzeugung, dass ihm das Bewusstsein, die
+letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu
+seinem inneren Aufbau nuetzen wird, als wenn der Krieg in einem
+allmaehlichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet haette. Dem Schicksal,
+das es jetzt tragen muss, waere es doch nicht entgangen, wohl aber wuerde ihm
+der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche
+nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, dass der
+Waffenruhm von Preussisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten
+Preussens nicht mehr haben wenden koennen, doch wie ein Stern in der
+lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand
+so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders
+geworden sein? Mein preussisches schlaegt in diesen Bahnen!
+
+
+
+ Spa und Avesnes
+
+
+In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestaet des
+Kaisers am 8. Maerz das deutsche Grosse Hauptquartier nach Spa verlegt. Die
+Aenderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem
+neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer
+westlichen Heeresfront auf kuerzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da
+wir jedoch den kommenden Ereignissen in moeglichst unmittelbarer Naehe
+folgen wollten, so waehlten wir ausserdem Avesnes als eine Art von
+vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir
+am 19. Maerz mit dem groessten Teil des Generalstabes ein und befanden uns
+damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die
+bei den bevorstehenden Entscheidungskaempfen die Hauptrolle zu spielen
+hatten.
+
+Das Bild der Stadt wird aeusserlich beherrscht durch den maechtigen,
+klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen
+noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, dass Avesnes in
+frueheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit
+mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preussischen Armee nach der
+Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt
+und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war
+die Gegend nicht betroffen worden.
+
+Die Stadt, ganz in gruene Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch
+unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepraege. Ich
+selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder fuer laengere Zeit unter
+franzoesischer Bevoelkerung. Die verschiedenen Strassentypen erschienen mir
+gegen die Zeit von 1870/71 so unveraendert, dass ich den zeitlichen
+Zwischenraum vergessen konnte. So sassen auch jetzt noch, wie damals, die
+Einwohner vor ihren Tueren, die Maenner meist still in Schauen vertieft, die
+Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
+Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
+Glueckliche Jugend!
+
+Unser langes Verbleiben in Avesnes bestaetigte mir im uebrigen die
+allgemeine Erfahrung, dass die franzoesische Bevoelkerung sich mit Wuerde in
+das harte Schicksal fuegte, das die lange Dauer des Krieges ueber sie
+verhaengt hatte. Wir waren nicht veranlasst, irgendwelche besondern
+Massregeln fuer Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu
+ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschraenken, die Ruhe fuer unsere
+Arbeit sicherzustellen.
+
+Seine Majestaet der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
+verweilte waehrend der Zeit der folgenden grossen Ereignisse in seinem
+Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange
+Aufenthalt in den engen Raeumen des Zuges mag als Beweis fuer die
+Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten
+voellig seinem Heer. Ruecksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch
+feindliche Flieger, lagen ausserhalb der Gedankenreihe des Kaisers.
+
+Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der naechsten Monate
+Gelegenheit, haeufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
+Armeefuehrern sowie sonstigen hoeheren Staeben in persoenliche Beruehrung zu
+kommen. Ganz besonders begruesste ich die Moeglichkeit, Truppenoffiziere bei
+mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
+ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren fuer mich
+nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
+Standpunkt aus von hohem Interesse.
+
+Der gelegentlich ausgefuehrte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
+meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger
+Offizier waehrend zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie,
+die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war fuer mich eine ganz
+besondere Freude. Freilich war von den Friedensstaemmen nur noch wenig
+uebrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen
+Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele
+auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
+
+
+
+
+ Unsere drei Angriffsschlachten
+
+
+
+ Die "Grosse Schlacht" in Frankreich
+
+
+Noch vor unserer Abfahrt von Spa erliess Seine Majestaet der Kaiser den
+Befehl fuer die demnaechstige grosse Angriffsschlacht. Ich fuehre diesen
+Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt woertlich an, um weitlaeufige
+Ausfuehrungen ueber unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur
+Erlaeuterung bemerke ich im voraus, dass die Vorarbeiten zu dieser grossen
+Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und dass
+Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefuegt wurden, als sich der
+Abschluss der Vorbereitungen einwandfrei uebersehen liess.
+
+ Grosses Hauptquartier, 10. 3. 18.
+
+ "Seine Majestaet befehlen:
+
+ 1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste
+ feindliche Stellung 940 vormittags.
+
+ 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnuert dabei als erstes grosses
+ taktisches Ziel den Englaender im Cambraibogen ab und gewinnt ... die
+ Linie Croisilles (suedoestlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei guenstigem
+ Fortschreiten des Angriffes des rechten Fluegels (17. Armee) ist dieser
+ ueber Croisilles weiter vorzutragen.
+
+ Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert
+ vorzustossen, mit linkem Fluegel die Somme bei Peronne festzuhalten und
+ mit Schwerpunkt auf dem rechten Fluegel die englische Front auch vor der
+ 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kraefte aus dem
+ Stellungskriege fuer den Vormarsch frei zu machen ...
+
+ 3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunaechst suedlich des
+ Omigonbaches (dieser muendet suedlich Peronne) die Somme und den
+ Crosatkanal (westlich La Fere). Bei raschem Vorwaertskommen hat die
+ 18. Armee (rechter Fluegel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die
+ Uebergaenge ueber die Somme und die Kanaluebergaenge zu erkaempfen ..."
+
+Die Spannung, unter der wir am 18. Maerz abends Spa verlassen hatten,
+steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das
+bisher herrliche, klare Vorfruehlingswetter war umgeschlagen. Heftige
+Regenboeen zogen ueber das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes
+und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich
+konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie
+verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten
+wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, dass der Gegner in unsere
+bisherigen Massnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche
+Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und
+lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und
+dort suchten feindliche Flieger waehrend der Nacht im Scheine von
+Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstrassen ab und schossen
+mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab
+noch keinen festen Anhalt fuer eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere
+Ueberraschung gelingen?"
+
+Die Angriffsverstaerkungen rueckten in den letzten Naechten in ihre
+Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien
+wurden vorgezogen. Keine wesentliche Stoerung durch den Gegner! An
+einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschuetze bis an die
+Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschosstrichtern unterzubringen.
+Man glaubte Ueberkuehnes wagen zu sollen, um der stuermenden Infanterie die
+artilleristische Unterstuetzung waehrend ihres Durchbruches durch das ganze
+feindliche Stellungssystem zu gewaehrleisten. Keine feindliche
+Gegenmassregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.
+
+Der groesste Teil des 20. Maerz verging in Sturm und Regen. Die Aussichten
+auf den 21. waren unsicher, oertlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem
+entschieden wir uns am Mittag fuer den Beginn der Schlacht am Morgen des
+folgenden Tages.
+
+Die Fruehdaemmerung des 21. Maerz fand das noerdliche Frankreich von der Kueste
+bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je hoeher die Sonne stieg, um so
+dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrueckt. Er beschraenkte
+zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die
+Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes
+vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf
+dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschuetzen jeden Kalibers im
+heftigsten Feuer standen.
+
+Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die
+Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewaehr geben fuer die Wirkung
+unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war oertlich und zeitlich von
+wechselnder Staerke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten
+Gegner, als eine systematische Bekaempfung des laestigen Feindes.
+
+Also auch jetzt noch keine Gewissheit, ob nicht der Englaender in voller
+Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der ueber allem
+lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stuermte gegen 10 Uhr vormittags
+unsere brave Infanterie. Zunaechst kamen von ihr nur unklare Meldungen,
+Angaben ueber erreichte Ziele, Abaenderungen dieser Nachrichten, Widerrufe.
+Erst allmaehlich hob sich die Ungewissheit, und es liess sich ueberblicken,
+dass wir ueberall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen
+waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.
+
+In den spaeten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger
+Klarheit zu erkennen. Die rechte Fluegelarmee und die Mitte unserer
+Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung
+zum Halten gekommen. Die linke Armee war ueber St. Quentin hinaus maechtig
+vorwaerts geschritten. Kein Zweifel, dass der rechte Fluegel den staerksten
+Widerstand vor sich hatte. Der Englaender spuerte die ihm aus noerdlicher
+Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfuegbaren Reserven
+entgegen. Der linke Fluegel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender
+Ueberraschung die verhaeltnismaessig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der
+Kraefteverbrauch war im Norden ueber unser Erwarten gross, sonst entsprach er
+unseren Voraussetzungen.
+
+Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen
+sich auch unsere vom Schlachtfeld zurueckkehrenden Generalstabsoffiziere
+aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der
+zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen
+teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns gefuehrt hatte, naemlich eine
+Versumpfung des Vorwaertsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.
+
+Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Fluegel im Besitz der
+zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte
+feindliche Widerstandslinie genommen, waehrend die linke Armee im vollen
+Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte
+von feindlichen Geschuetzen, ungeheure Mengen Schiessbedarfs und sonstige
+Beute jeder Art lagen im Ruecken unserer vordersten Linien. Lange
+Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertruemmerung der
+englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da
+unser rechter Fluegel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch
+genug vorwaerts gekommen war.
+
+Der dritte Kampftag veraenderte nicht das bisherige Bild des
+Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Fluegels, wo
+hoechstgespannte englische Zaehigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute
+noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafuer weiterer grosser
+Gelaendegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Fluegel. Suedlich
+Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte
+sogar ueberschritten.
+
+An diesem Tage, dem 23. Maerz, fallen die ersten Granaten in die feindliche
+Hauptstadt.
+
+Bei diesem glaenzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher
+Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront
+geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens
+moeglich. Amiens ist der grosse Vereinigungspunkt der wichtigsten
+Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen
+Kriegsgebiet des mittleren und noerdlichen Frankreichs, letzteres das
+hauptsaechliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von groesstem
+strategischen Wert. Faellt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns,
+wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kraeftiges Artilleriefeuer zu
+bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt,
+der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der
+einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die
+verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Laender durch
+solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die
+beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwaerts gegen Amiens!
+
+Und in der Tat geht es auch weiter vorwaerts mit Riesenschritten. Fuer
+lebhafte Phantasien und heisse Wuensche freilich immer noch nicht rasch
+genug. Muss man doch befuerchten, dass auch der Gegner die ihm nunmehr
+drohende Gefahr erkennt, und dass er alles versuchen wird, ihr zu begegnen.
+Englische Reserven vom Nordfluegel, franzoesische Truppen aus ganz
+Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben.
+Auch ist zu erwarten, dass die franzoesische Fuehrung sich unserem Vordraengen
+von Sueden her in die Flanke werfen wird.
+
+Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Haenden.
+Peronne und die Sommelinie suedwaerts liegt schon hinter unseren vordern
+Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten;
+fuer manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten
+Erinnerungen, fuer alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch
+die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern,
+aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Graeben, aus dem
+majestaetischen Schweigen ueber den veroedeten Flaechen und aus den Tausenden
+von Graebern an das menschliche Herz dringt.
+
+Starke Frontteile der Englaender sind voellig geschlagen und weichen
+ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurueck. Zunaechst stockt aber nun
+das Vorschreiten unserer rechten Fluegelarmee. Um die Schlacht hier wieder
+in Fluss zu bringen, greifen wir das Hoehengelaende ostwaerts Arras mit neuen
+Kraeften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen
+wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der
+linke Fluegel stoesst am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen
+franzoesische Angriffe aus suedlicher Richtung ueber Roye bis Montdidier vor.
+
+Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.
+Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwaerts zu kommen. Aber bald
+wird auch hier der Widerstand zaeher und zaeher, die Bewegung langsamer und
+langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen
+muessen zurueckgeholt werden. Die Tatsachen muessen so betrachtet werden, wie
+sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stueckwerk. Guenstige Gelegenheiten
+werden versaeumt, nicht ueberall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen,
+selbst da, wo ein glaenzendes Ziel in Aussicht steht. Man moechte es jedem
+einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwaerts auf Amiens, gib den letzten
+Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden
+Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen
+Hoehen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen koennen!"
+Vergebens, die Kraefte sind erlahmt.
+
+Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren wuerde. Er
+wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er
+heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen
+Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage fuer den
+Verbuendeten und fuer sich selber.
+
+Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir muessen Atem
+schoepfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glueck
+war es, dass wir teilweise aus den reichen Vorraeten des geschlagenen
+Gegners leben konnten; wir haetten sonst die Somme wohl nicht ueberschreiten
+koennen, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen
+Stellungen verschuetteten Strassen koennen erst durch tagelange Arbeit wieder
+benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung,
+Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht voellig auf. Am 4. April versuchen
+wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheissungsvoll lauten
+an diesem Tage zuerst die Nachrichten ueber das Vorschreiten unseres
+Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rueckschlag
+und Enttaeuschung.
+
+Amiens bleibt in den Haenden der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer
+beruehrt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht
+unterbinden kann.
+
+Die "Grosse Schlacht" in Frankreich ist zu Ende!
+
+
+
+ Die Schlacht an der Lys
+
+
+Unter den Schlachtentwuerfen fuer den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand
+sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in
+Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach
+Osten vorspringenden englischen Nordfluegel beiderseits Armentieres zu
+wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den
+Zusammenbruch herbeizufuehren. Die Aussichten, die eine solche Operation im
+Falle guenstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
+Durchfuehrung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenueber.
+Zunaechst war es klar, dass wir es hier mit der staerksten englischen
+Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhaeltnismaessig engem Raum
+zusammengefasst, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
+Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen
+Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu
+kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgelaendes beiderseits Armentieres. Da
+waren zunaechst die meilenbreiten Wiesengruende der Lys und dann dieser Fluss
+selbst zu ueberwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken
+ueberschwemmt, im Fruehjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken
+fuer die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Noerdlich der Lys
+stieg das Gelaende allmaehlich an und erhob sich dann schaerfer zu den
+gewaltigen Hoehenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre maechtigsten
+Eckpfeiler hatten.
+
+Bevor die Lys-Niederung nicht einigermassen gangbar war, liess sich an die
+Durchfuehrung dieses Angriffes ueberhaupt nicht denken. Ein genuegendes
+Trockenwerden war bei gewoehnlichen Witterungsverhaeltnissen erst gegen
+Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den
+Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben
+zu koennen. Mussten wir doch ununterbrochen die Moeglichkeit des Eingreifens
+von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff
+vorhandenen Bedenken liessen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch
+vorbereiten. An seine Verwirklichung war fuer den Fall gedacht, dass unsere
+Operation bei St. Quentin die gegnerische Fuehrung veranlassen wuerde,
+starke Kraefte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem
+Durchbruch entgegenzuwerfen.
+
+Dieser Fall war Ende Maerz eingetreten. Sobald sich nun uebersehen liess, dass
+unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen musste,
+entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
+zurueckzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
+erhielt die Antwort: Der Angriff ueber die Lys-Niederung sei dank des
+trockenen Vorfruehlingswetters schon jetzt moeglich. Mit ausserordentlicher
+Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeefuehrungen und
+Truppen gefoerdert.
+
+Am 9. April, am Jahrestage der grossen Krisis von Arras, erhoben sich aus
+den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentieres bis La
+Bassee unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
+Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
+Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwuehlten Morast,
+zwischen tiefen, mit Wasser gefuellten Geschosstrichtern oder auf den
+wenigen einigermassen festen Gelaendestreifen den feindlichen Linien
+entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang
+trotz aller natuerlichen und kuenstlichen Hindernisse das ueberraschende
+Vorgehen, an das anscheinend weder die Englaender noch die zwischen ihnen
+eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen
+verliessen groesstenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und
+verzichteten endgueltig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit.
+Unsere Ausnuetzung der Ueberraschung und des portugiesischen Versagens fand
+freilich in dem Gelaende die groessten Schwierigkeiten; nur mit Muehe konnten
+einzelne Geschuetze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwaerts
+gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle
+ueberschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf
+der naechstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunaechst guenstig. Der
+10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der
+Gegend nordwestlich Armentieres Gelaende gewonnen. Am gleichen Tage wird
+unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die
+Truemmerstaetten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder
+gestuermt.
+
+Auch der naechste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
+Armentieres wird vom Gegner geraeumt, Merville von uns genommen. Wir naehern
+uns von Sueden her der ersten Stufe zu dem maechtigen Hoehengelaende, von dem
+aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten.
+Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hoeren am
+linken Fluegel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich
+in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den naechsten Tagen
+noch Bailleul und setzen von Sueden her den Fuss auf das Huegelgelaende. Auch
+Wytschaete faellt in unsere Hand. Damit erschoepft sich jedoch dieser erste
+Schlag.
+
+Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
+Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Sueden her angreifenden Truppen
+gelegt. Schiessbedarf kommt in nur ungenuegenden Mengen durch, und wir sind
+nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage,
+unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.
+
+In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
+Infanterie ausserordentlich, ihre Erschoepfung droht, wenn wir nicht eine
+Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits draengt die Lage zu einer
+Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff
+aeusserst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten,
+nur im Vorwaertskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.
+
+Wir muessen den Kemmelberg stuermen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
+Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, dass ihn der Gegner zum
+Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder
+unserer Flieger enthuellen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen
+Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, dass der aeussere
+Eindruck des Berges staerker ist als sein wirklicher taktischer Wert.
+Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten
+gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpass, bei den Kaempfen in den
+transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
+oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewaehrt
+hatten, duerften vielleicht auch hier das scheinbar Unmoegliche moeglich
+machen.
+
+Voraussetzung fuer das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist,
+die franzoesische Fuehrung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die
+Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher
+zunaechst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, dass der
+franzoesischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens naeherliegen wuerde als die
+Hilfeleistung fuer den schwer bedraengten englischen Freund in Flandern.
+Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die
+englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen.
+Der Verlust dieser Stuetze erschuettert die ganze feindliche Flandernfront.
+Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem
+Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt
+klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen
+Ruecksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von
+Suedosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung
+in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muss die
+ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie
+vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
+Hoffnungen und eilen bis an die Kueste des Kanals. Ich glaube zu fuehlen,
+wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
+Schlacht folgt.
+
+Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen
+Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurueckzuweichen.
+Freilich kommen Nachrichten ueber das Versagen einzelner unserer Truppen.
+Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versaeumnisse
+begangen. Doch solche Fehler und Versaeumnisse liegen in der menschlichen
+Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir
+waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am
+Kemmel, reissen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie
+beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunaechst wenigstens bis Cassel! Von
+dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschuetze Boulogne und
+Calais erreichen. Beide Staedte sind vollgepfropft mit englischen
+Kriegsvorraeten, sie sind ausserdem die hauptsaechlichsten Ausschiffhaefen der
+englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am
+Kemmelberge ueberraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein
+abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf grossen Erfolg. Trifft
+keine franzoesische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht
+verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands aeusserster Not. Mit
+verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat,
+versuchen die eintreffenden franzoesischen Truppen, uns diesen Stuetzpunkt
+zu entreissen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten grossen Anstuerme gegen
+die neuen franzoesisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr
+durch.
+
+Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung ueber, oder, wie wir
+damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.
+
+
+
+ Die Schlacht bei Soissons und Reims
+
+
+Der von uns zur Erreichung unseres grossen Zieles eingeschlagene Weg wurde
+auch nach Beendigung der Kaempfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch
+weiterhin "durch eng zusammenhaengende Teilschlaege das feindliche Gebaeude
+derartig erschuettern, dass es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So
+kennzeichnete eine damals verfasste Niederschrift unsere Absichten. Zweimal
+war England in aeusserster Krisis durch Frankreich gerettet worden;
+vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgueltigen Sieg gegen
+diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordfluegel blieb
+auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt fuer unsere Operationen. In der
+gluecklichen Durchfuehrung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die
+Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Kueste des Kanals, so
+beruehrten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in
+die denkbar guenstigste Lage fuer Bekaempfung seiner Seeverbindungen, sondern
+wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschuetzen sogar einen
+Teil von Britanniens Suedkueste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle
+Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten
+bis in die franzoesische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur
+Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergroesserung dieses Wunders
+ist noetig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Kueste
+bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten fuer Grossbritannien
+damals, aber auch weiter fuer alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach
+Kruppschen Gedanken nunmehr ueberall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien
+oder Kriegserreger gegeben sind, muss die Zukunft entscheiden. England hat
+wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden fuer die ihm drohenden
+Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch
+Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Dass man ueber
+solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden
+selbstverstaendlich; doch fuehlt man wohl beiderseits die Waffe in der
+Tasche des anderen.
+
+Fuer uns handelte es sich im Mai 1918 zunaechst darum, die beiden jetzigen
+Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen,
+wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine
+Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die
+zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Moeglichste
+Eile ist notwendig, sonst entreisst uns der wieder gestaerkte Gegner die
+Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken
+Verteidigungsfronten wuerde unsere Absichten empfindlich stoeren, ja
+unmoeglich machen.
+
+Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist
+die politische Atmosphaere gegenwaertig ziemlich stark geladen. Unsere
+Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung
+gebracht, doch koennen wir hoffen, dass dies gelingt, wenn wir naeher an die
+Stadt heranruecken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir
+wissen, die franzoesische Verteidigung zahlenmaessig besonders schwach, doch
+gerade hier im angriffsschwierigsten Gelaende.
+
+Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon
+die Terrasse der Praefektur am Suedteil der eigenartig aufgebauten
+Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines
+herrlichen Vorfruehlingtages. Eingefasst zwischen zwei Huegelrahmen im Westen
+und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Sueden, dort
+abgeschlossen durch einen maechtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor
+103 Jahren hatten Preussen und Russen unter Bluechers Fuehrung nach
+kampfheissen Tagen suedlich der Marne die Hoehen des Chemin des Dames von
+Sueden her ueberschritten und sich nach dem moerderischen Gefechte bei
+Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im
+Ostgelaende des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9.
+auf den 10. Maerz 1814 der Kampf zugunsten der Verbuendeten.
+
+An den Hoehen des Chemin des Dames war die franzoesische Fruehjahrsoffensive
+1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die
+dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917
+aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordoestlich Soissons
+vom Gegner gestuermt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu
+raeumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurueckzulegen.
+
+Ueber die Steilhaenge des Chemin des Dames hinueber hatten unsere Truppen
+nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen
+Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Ueberraschung ab.
+War eine solche nicht moeglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an
+den noerdlichen Steilhaengen des Hoehenrueckens. Die Ueberraschung gelang
+jedoch vollstaendig.
+
+Eine eigenartige Erklaerung fuer diese Tatsache moechte ich hier anfuehren.
+Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette taetig gewesen war,
+vertrat die Anschauung, dass der Laerm der quakenden Froesche in den
+Flussarmen und feuchten Wiesengruenden so stark gewesen sei, dass er selbst
+das Geraeusch unserer vorfahrenden Brueckenwagen uebertoente. Mag ein anderer
+ueber diese Mitteilung denken, wie er will, ich moechte nur versichern, dass
+ich den Erzaehler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem
+Jaegerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende
+Erklaerung fuer das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt
+dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage
+vor Beginn unseres Angriffes ein preussischer Unteroffizier gebracht, der
+auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas ueber einen
+deutschen Angriff sagen koennte, gab dieser folgende Auskunft:
+
+ "In den fruehesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein maechtiges deutsches
+ Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Taeuschungszwecken, denn
+ der anschliessende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen
+ Freiwilligenabteilungen ausgefuehrt werden. Die Moral der deutschen
+ Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in
+ Flandern so erschuettert, dass sich die Infanterie einem allgemeinen
+ Angriffsbefehl offen widersetzt hat".
+
+Der Offizier gab offen zu, dass ihm diese Angaben den Eindruck voller
+Glaubwuerdigkeit gemacht haetten, und dass er deswegen am 27. Mai in voller
+Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu koennen glaubte. Vielleicht kommen
+diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich
+druecke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres,
+dem er einen so unschaetzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen
+Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch
+seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Taeuschung des feindlichen
+Offiziers haette uebrigens nicht so gelingen koennen, wenn nicht die
+feindliche Propaganda durch die sinnlose Uebertreibung unserer bisherigen
+Verluste einen guenstigen Boden fuer die Glaubwuerdigkeit der Angaben des
+preussischen Unteroffiziers vorbereitet haette. So raechen sich hier und da
+propagandistische Unwahrheiten und Uebertreibungen.
+
+Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glaenzenden Verlauf. Wir
+hatten urspruenglich damit rechnen zu muessen geglaubt, dass unser Angriff an
+der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen wuerde, und wollten dann ueber
+diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht
+wenig ueberrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages
+die Meldung erhielten, dass die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem
+Suedufer der Aisne liegen, und dass unsere Infanterie dorthin noch am
+gleichen Tage vorgehen wollte.
+
+Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen
+Tagen die Marne von Chateau-Thierry bis Dormans. Unsere Fluegel schwenkten
+nach Westen gegen Villers-Cotterets und nach Osten gegen Reims und das
+Hoehengelaende suedlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze
+Aufmarschgebiet der franzoesischen Fruehjahrsoffensive von 1917 mit seinen
+noch vorhandenen reichen Vorraeten aller Art war in unserem Besitz. Die
+Anlage neuer Strassen, Lagerbauten fuer viele Tausende von Mannschaften und
+anderes legten Zeugnis davon ab, in welch grosszuegiger Weise der Franzose
+damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir
+hatten die Sache kuerzer gemacht!
+
+In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder
+Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast
+friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem
+unsere groessten Geschuetze aus den Waldungen bei Crepy, westlich Laon, das
+Feuer gegen Paris eroeffnet hatten, begannen naemlich feindliche Batterien
+aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglueckliche Stadt. Ich moechte
+damit nicht behaupten, dass die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut
+wueteten ohne verstaendlichen militaerischen Zweck. Sie nahmen wohl an, dass
+die Munitionszufuhr zu unseren Paris so laestigen Batterien ueber Laon gehen
+wuerde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine
+grosse Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevoelkerte Stadt, auch
+warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder.
+Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung
+bedrohten Heimstaette nicht losreissen konnte, musste in Kellern oder
+Erdraeumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus
+aehnlichen Gruenden auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen
+Verteidigungsfronten mit ansehen mussten, ohne etwas daran aendern zu
+koennen. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschuetze am
+Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschiessung Laons ein Ende
+genommen. Ein Zugehoeriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt
+gefuehrt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Haeuserviertel
+besuchen zu duerfen, da ihn die Lage der Schuesse seiner Geschuetze
+interessiere. Welch ueberraschender Tiefstand eines durch den Krieg
+versteinerten Herzens!
+
+Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern
+fanden sich weiche Herzen nach hartem Maennerkampfe. Von den mir erzaehlten
+Beispielen moechte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. Maerz in dem
+noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen
+sich in den zerschossenen Strassen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene,
+aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten
+gezwungen. Sie legen ihre Buerde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter
+deutscher Soldat, dem Tode naeher als dem Leben, den ermattenden Arm
+suchend und stoehnt zu dem sich niederbeugenden Traeger: "Mutter, Mutter."
+Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an
+der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt:
+"_Mother, yes, mother is here!_"
+
+Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen
+Fuehlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals
+ueber die kurz vorher erstuermten Hoehen westlich Craonne. Bei jedem der noch
+nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bueckt er sich und bedeckt das
+noch entbloesste Gesicht, eine Huldigung an die Majestaet des Todes. Er sorgt
+aber auch fuer lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwaeche
+zurueckgebliebene Verwundete und veranlasst ihren bequemen Transport. Auch
+schon frueher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses
+Deutschen zu blicken. In den Maerztagen des Jahres fahre ich in der Gegend
+von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener
+entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der
+Spitze einer dieser Kolonnen laesst er Halt machen und spricht den dort
+vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung fuer die tapfere Haltung
+ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis troestend, dass das haerteste Los, das
+der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat.
+Die Wirkung dieser Worte scheint gross. Am groessten bei einem jungen
+hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer beruehrt bisher den
+Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke
+Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer
+Blick trifft das Auge - meines Kaisers.
+
+Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch waehrend der Kaempfe in dem
+bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Fluegel unseres Angriffes
+nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur
+unvollstaendig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am
+9. Juni in Richtung Compiegne fuehrten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt
+vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterets gelangten
+zu keinem groesseren Ergebnis. Wir mussten uns davon ueberzeugen, dass wir in
+der Gegend von Compiegne-Villers-Cotterets die Hauptkraefte des feindlichen
+Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kraefte nicht besassen.
+
+Zusammenfassend moechte ich meine Bemerkungen ueber die Schlacht von
+Soissons-Reims damit schliessen, dass uns die Kaempfe viel weiter gefuehrt
+hatten, als es urspruenglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus
+unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Dass diese
+schliesslich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmaehlichen
+Erschoepfung der eingesetzten Kraefte begruendet. Unseren allgemeinen
+Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen fuer die
+Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich
+ununterbrochen nach Flandern.
+
+
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+ Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918
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+Das von uns in den drei grossen Schlachten Erreichte stellte vom
+kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
+Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem
+Gelaendegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des
+Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Groesse der deutschen Erfolge. Wir
+hatten das Gefuege des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten
+erschuettert. Unsere Truppen hatten sich den grossen Anforderungen, die wir
+an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen
+Angriffskaempfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, dass der alte Geist
+durch die jahrelangen Verteidigungskaempfe nicht erstickt war, sondern sich
+unter dem Worte "Vorwaerts" bis zu der Hoehe des seelischen Schwunges des
+Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte
+seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and
+gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich
+gegenueber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluss an
+diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
+vorderster Linie gestanden. Ein maechtiger Einheitszug war durch das Ganze
+hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten
+Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwaerts gestrebt, um teilzuhaben,
+mitzuwirken und mitzufuehlen an dem grossen Geschehen! Wie oft loeste sich da
+ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet.
+Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen,
+der mich wie ein Herueberwehen aus meiner laengst vergangenen militaerischen
+Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das
+Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unveraendert geblieben. So
+hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von
+Koeniggraetz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt
+wieder sprachen und sangen in den grossen Kaempfen um Dasein und Vaterland,
+fuer Kaiser und Reich.
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+Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
+den Gegner militaerisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der
+gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach aussen
+hin schien im Gegenteil jede militaerische Niederlage den
+Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstaerken. Dieser Eindruck
+wurde auch nicht dadurch abgeschwaecht, dass ab und zu im gegnerischen Lager
+Stimmen zur Maessigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen
+Staatsgebaeude war im grossen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit
+eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Voelker zusammen
+und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle
+diejenigen unschaedlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die
+jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag fuer
+mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stuetzten ihre eigenen Hoffnungen und
+verwiesen ihre Voelker in erster Linie auf das allmaehliche Ermatten unserer
+Kraft. Diese musste sich nach ihrer Anschauung allmaehlich verbrauchen. Der
+Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der
+Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kaempfe
+hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer
+Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten
+kampfgeschulten Truppen bei Chateau-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns
+dort entgegen, noch ungelenk aber von kraeftigem Willen gefuehrt. Sie
+wirkten auf unsere schwachen Verbaende ueberraschend durch ihre zahlenmaessige
+Ueberlegenheit.
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+Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange
+gehegten franzoesischen und englischen Hoffnungen endlich erfuellt. War es
+da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmaenner jetzt weniger als je an
+einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres
+staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem
+beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden
+und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen
+nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es,
+um ihren eigenen Voelkern die auferlegte Blutsteuer ertraeglich erscheinen
+zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermuerben. So war
+ein Ende des Krieges fuer uns nicht abzusehen.
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+Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militaerische Lage fuer den
+Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
+erfolgverheissenden Anfaengen war der Angriff Oesterreich-Ungarns in Italien
+gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besass, aus
+dem Misslingen des oesterreichisch-ungarischen Unternehmens groesseren Vorteil
+zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet,
+die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs haetten
+entstehen koennen. Das Missgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglueck
+auch fuer uns. Der Gegner wusste so gut wie wir, dass Oesterreich-Ungarn mit
+diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges
+geworfen hatte. Von jetzt ab hoerte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr fuer
+Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu muessen, dass Italien
+sich nunmehr dem Draengen seiner Verbuendeten nicht mehr entziehen koennte
+und auch seinerseits Kraefte auf den alles entscheidenden westlichen
+Kriegsschauplatz werfen wuerde, nicht nur, um die feindliche politische
+Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kaempfen eine
+wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf
+unsere Schultern allein fallen, so mussten wir oesterreichisch-ungarische
+Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der fuer uns
+massgebende Grund fuer das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare
+oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung. Grosse Wirkung konnten wir uns von
+dieser Unterstuetzung allerdings zunaechst nicht versprechen. Die
+Entscheidung ueber die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr
+als je ab von Deutschlands Kraft.
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+Die Frage war also, ob diese noch ausreichen wuerde, um ein siegreiches
+Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glaenzenden
+Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende
+ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:
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+Bei aller Liebe und Anerkennung fuer unsere Soldaten durften wir doch die
+Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Maengeln in dem
+Gefuege unserer Armee nicht verschliessen. Das Fehlen einer genuegenden Zahl
+langgeschulter Fuehrer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern grossen
+Angriffsschlachten sehr fuehlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und
+zu bedenklich gelockert. Es war an sich verstaendlich, dass der Soldat sich
+inmitten der erbeuteten reichen Bestaende gegnerischer Depots dem Genusse
+lang entbehrter Lebens- und Genussmittel hingab. Aber es haette verhindert
+werden muessen, dass er sich auf diese Genuesse zur Unzeit stuerzte und dabei
+seine augenblickliche Pflicht vernachlaessigte. Ganz abgesehen von den
+aufloesenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat
+auch die Gefahr ein, dass uns guenstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen
+und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.
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+Die Kaempfe hatten weitere schwere, unausfuellbare Luecken in unsere Truppen
+gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines voellig neuen
+Aufbaues. Die Bausteine hierfuer waren dem alten Material moralisch meist
+nicht mehr gleichwertig. Die Schwaechen der heimatlichen Verhaeltnisse
+spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld
+nachkommenden Ersatz durchdrangen.
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+Unter dem Einfluss unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
+Stimmung der Heimat in weiten Kreisen maechtig gehoben. Man folgte den
+Nachrichten aus dem Felde mit groesster Spannung und hoffte auf ein
+baldiges, glueckliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
+schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
+manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein gluecklicher
+Schluss des ungeheuern Duldens in greifbare Naehe gerueckt blieb. So
+bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Fuehrung
+versaeumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen
+Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen
+Ideenrichtungen durchtraenkt waren, die bei ihrer Nervenzerruettung und
+sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glueck und den Frieden des
+Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschliesslich im feindlichen Lager,
+das Boese ebenso ausschliesslich im eigenen Lande suchten und zu finden
+glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt fuer die Zersetzung, die unsern
+ganzen Volkskoerper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in
+Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen
+Irrlehren drangen ueber unsere Grenzpfaehle und fanden zahlreiche Anbeter in
+allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggruenden. Die
+feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort.
+Sie warf sich mit wechselnder Staerke auf alle Gebiete unseres Lebens.
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+So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich
+mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden.
+Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage
+geben zu koennen. Mit ihrer Hilfe zu einem gluecklichen Ende zu kommen, war
+nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung.
+Vorbedingung fuer solche Erfolge war, dass wir die Vorhand nicht verloren,
+das heisst im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn
+wir ihn selbst aus der Hand gaben.
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+Wir konnten uns durchkaempfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
+koerperlichen und sittlichen Kraefte gab, ueber die sie noch verfuegte, wenn
+sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
+Bundesgenossen nicht versagten.
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+In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortfuehrung unseres
+bisherigen Gesamtplanes heran.
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+ Im Angriff gescheitert
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+ Der Plan zur Schlacht bei Reims
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+Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluss der Junikaempfe machte den
+Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von
+Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht
+stehen bleiben. Die Zufuhrverhaeltnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein
+waren mangelhaft. Sie genuegten knapp fuer den Zustand verhaeltnismaessiger
+Kampfruhe, drohten aber fuer den Fall eines ausbrechenden, laenger dauernden
+Grosskampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig
+leistungsfaehige Bahnlinie als hauptsaechlichste Zufuhrstrasse fuer unsere
+grossen Truppenmassen auf dem im Verhaeltnis zu deren Staerke engen Raum zur
+Verfuegung. Dazu kam, dass der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu
+allseitigen Angriffen reizen musste.
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+Die gruendliche Besserung der Versorgungsverhaeltnisse sowie der taktischen
+Lage war nur moeglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die
+Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikaempfen nicht
+gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsaechlich in westliche
+Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims musste jetzt Aufgabe einer
+besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fuegte sich
+aber auch in den Rahmen unserer gesamten Plaene ein.
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+An frueherer Stelle habe ich schon betont, dass es nach Abbruch der
+Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Englaender in Flandern nochmals einen
+entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte
+diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Fuehrung
+veranlassen wollten, den Englaendern in Flandern die franzoesischen Stuetzen
+wieder zu entziehen.
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+Die Vorbereitungen fuer die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit
+fortgesetzt worden. Waehrend der Arbeiten an den zukuenftigen
+Angriffsfronten lagen unsere fuer die Durchfuehrung bestimmten Divisionen in
+Belgien und im noerdlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in
+Unterkunft.
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+Ich befuerchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen
+Gegenmassregeln. Hatte auch der groesste Teil des englischen Heeres nunmehr
+seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschuetterten
+Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden
+Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, dass der Englaender zum Angriff
+uebergehen wuerde.
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+Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, dass wir mit den
+englischen Hauptkraeften in Flandern fertig werden wuerden, wenn es uns nur
+gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten.
+Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem
+groesseren und weiteren Zwecke, naemlich dem entscheidenden Kampf gegen die
+Masse des englischen Heeres, dienen.
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+Die Lage an der franzoesischen Front zeigte Anfang Juli ungefaehr folgendes
+Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend
+Compiegne-Villers-Cotterets. Sie befanden sich dort in einer strategisch
+sehr guenstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung
+unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Staedte
+entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der ausserordentlich
+guenstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an
+jeden Teil der franzoesischen und englischen Front verschoben werden. Der
+Uebergang Fochs zu einer grossen Offensive schien mir vor dem Eintreffen
+starker amerikanischer Kraefte wenig wahrscheinlich, es sei denn, dass Foch
+zu einer solchen Offensive durch besonders guenstige oder zwingende
+Verhaeltnisse veranlasst wurde.
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+Suedlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen
+Kraefte. Bei Reims und im Berggelaende suedlich davon befand sich dagegen
+zweifellos eine grosse gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von
+Franzosen, auch aus Englaendern und Italienern gebildet war. An den uebrigen
+franzoesischen Fronten hatten sich die Verhaeltnisse im Vergleich mit der
+Zeit unserer Fruehjahrsangriffe nicht wesentlich veraendert. Mit dem
+staendigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten
+Kampfdivisionen aenderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht
+wesentlich.
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+Ueber das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschoepfende
+Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, dass die amerikanischen
+Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere
+Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder
+abzuschwaechen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte,
+den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, dass ein solcher
+Massentransport ueberhaupt nicht in Frage gekommen waere. Die Gegner
+stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen
+und umfassenden militaerischen Hilfe fuer Frankreich und England alle
+Ruecksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbeduerfnisse ihrer
+Laender zurueck. Wir mussten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.
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+Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen
+Zusammenhang mit unsern Plaenen in Flandern, so blieb die Frage zu
+entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kaempfen bei Reims geben wollten
+und mussten. Wir hatten urspruenglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der
+Stadt zu begnuegen. Ueber den Besitz von Reims entschied die Beherrschung
+des Huegelgelaendes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses
+Huegellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur
+Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heisst zur Ausschaltung einer
+etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom suedlichen Marneufer her,
+sollten staerkere Kraefte beiderseits Dormans auf das Suedufer dieses Flusses
+vorstossen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flussuebergang
+angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kuehnes
+Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den
+verschiedenen Fluss- und Stromuebergaengen hielten wir jedoch auch in diesem
+Falle ein solches Vorgehen nicht fuer zu bedenklich. Die
+Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewaeltigung des
+Flussabschnittes sondern in der Fortfuehrung des Kampfes jenseits des
+Hindernisses. Die Nachfuehrung der Artillerie und aller Kampf- und
+Lebensbeduerfnisse fuer die Angriffstruppen war auf Kriegsbruecken
+angewiesen, die naturgemaess dankbare Ziele fuer das artilleristische
+Fernfeuer und fuer die Fliegerangriffe des Gegners boten.
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+Ueber die anfaengliche Beschraenkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz
+von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener
+Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein.
+Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im
+Suedosten abzuschnueren, andererseits glaubten wir nach den letzten
+Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu
+koennen, verlockt durch die Aussichten auf grosse Beute an Gefangenen und
+Kriegsbeduerfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir
+nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer grossen
+Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwaechen.
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+An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natuerlich ein
+grosses Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen
+Verstaerkungen arbeitete die Zeit nicht fuer sondern gegen uns. Das richtige
+Ausmass zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der
+gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und
+wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen
+von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen
+und Vorfuehren der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei
+allem Draengen der Gesamtlage nicht uebersehen, welche Schwierigkeiten die
+jedesmalige Auffrischung unserer Truppen fuer neue Kampfaufgaben in sich
+schloss. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli
+beginnen lassen.
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+ Die Schlacht bei Reims
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+In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige
+Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
+Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
+Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
+allmaehlich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen fuer eine Verstaerkung der
+gegnerischen Front oder fuer besondere Abwehrmassregeln des Feindes bemerkt.
+Unserer Infanterie gelingt es, auf das suedliche Marneufer ueberzusetzen.
+Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Hoehen jenseits des
+Flusses erstiegen, Geschuetze erobert. Die Nachricht von diesen ersten
+Vorgaengen erreicht uns in Avesnes schon sehr fruehzeitig. Sie loest die
+begreifliche Spannung und verstaerkt unsere Hoffnung.
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+Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims,
+ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu
+richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnuerung zu Fall
+gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das
+erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und
+Minenwerfer zertruemmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet
+sich aus den frueheren Kaempfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand
+kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt
+in ihnen jedenfalls zahllose Stuetzpunkte, und es bedarf kaum einer
+besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfaehig zu machen und neue
+veraenderte Verteidigungsmoeglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
+der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindruecken am wenigsten
+auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr
+stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer
+Gruppierung.
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+Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche
+Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskaempfen, diese
+zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch ueber die
+gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
+feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
+gestuermt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze
+die weiteren Sturmziele verlaesst, um sie der Infanterie freizugeben, da
+erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des
+Gegners beginnt ihr Feuer aufs aeusserste zu steigern. Unsere Truppen
+versuchen trotzdem, vorwaerts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien
+werden herangeholt. Geschuetzweise und von Menschen gezogen treffen sie
+ein, denn in dem Trichterfelde versagen groesstenteils die Pferde. Kaum sind
+die Geschuetze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertruemmert
+am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite
+Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war
+meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches
+Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
+artilleristischen Massenwirkung gegenueber angeordnet und angewendet worden
+auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner spaeter selbst der
+ganzen Welt jubelnd verkuendet.
+
+Die Kampfverhaeltnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
+Tages unveraendert.
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+Einen guenstigeren Verlauf nehmen unsere Kaempfe suedwestlich Reims und
+beiderseits der Marne. Suedlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
+fast eine Wegstunde vorwaerts, mit dem Hauptdruck laengs des Flusses in
+Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
+in erbittertem Kampfe zurueckgelegt. Auch noerdlich des Flusses ist unser
+Angriff im Vorschreiten. Maechtiger wie die Kalkhaenge des Chemin des Dames
+erhebt sich hier das Reimser Berggelaende, von tiefen Schluchten
+zerklueftete Hoehen, deren flachgewoelbte Kuppen grossenteils von dichtem
+Walde bestanden sind. Das ganze Gelaende ist fuer zaeheste Verteidigung
+hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im hoechsten Grade eine
+Zusammenfassung seiner artilleristischen Kraefte auf ausgesprochene Ziele
+erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwaerts. Sie trifft hier zum
+ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
+anscheinend auf franzoesischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.
+
+Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
+Geschuetze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis
+entspricht freilich nicht unseren hoeheren Hoffnungen. Doch erwarten wir
+mehr von dem folgenden Tag.
+
+Der Vormittag des 16. Juli verlaeuft in der Champagne, ohne dass unsere
+Truppen noch irgendwo merklich vorwaerts kommen. Wir stehen vor der
+schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr
+tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die
+Gefahr besteht, dass die Truppe sich umsonst verblutet, oder dass sie selbst
+im guenstigen Falle so schwere Verluste erleidet, dass sie kaum mehr
+befaehigt sein wird, die errungenen Vorteile gruendlichst auszunutzen. Das
+Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerueckt. Aus diesen Gruenden gebe
+ich meine Zustimmung zum Uebergang in die Verteidigung an dieser Stelle.
+Dagegen bleibt es bei der Fortfuehrung unserer Angriffe suedlich der Marne
+und in dem Reimser Berggelaende. Jenseits des Flusses werden wir aber im
+Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der
+Feind wirft uns starke Kraefte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
+Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir
+stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt.
+Auch im Berggelaende naehern wir uns der Strasse Epernay-Reims trotz
+verzweifelter Gegenstoesse des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von
+Reims scheint an einem Faden zu haengen. Wenngleich die uebrige Operation
+jetzt schon als gescheitert angesehen werden muss, so soll doch wenigstens
+Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militaerisches Wertobjekt fuer
+uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen
+Eindruck auf den Gegner.
+
+Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Suedlich der Marne
+beginnen die Verhaeltnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
+gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelaende gegen erbitterte
+feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluss so nahe, hat
+also so wenig Tiefe, dass jeder Rueckschlag zum Verhaengnis werden kann.
+Hinzu kommt, dass die Kriegsbruecken ueber die Marne durch das Fernfeuer
+feindlicher Artillerie und durch franzoesische Fliegerbomben immer mehr
+gefaehrdet werden. Wir muessen also wieder nach Norden zurueck, da wir nach
+Sueden keinen weiteren Raum mehr gewinnen koennen. Ich ordne daher das
+Zuruecknehmen der Truppen auf das noerdliche Marne-Ufer an, so schwer es mir
+wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgefuehrt
+werden.
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+Im Berggelaende setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
+Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres
+Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gruendlicher
+Vorbereitung.
+
+Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig uebrig. Das Unternehmen
+scheint gescheitert und bringt daher der franzoesischen Front gegenueber
+keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung fuer unseren
+Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen
+auch nur das Fernhalten der franzoesischen Kraefte von der englischen
+Verteidigung erreicht ist, so sind die Kaempfe nicht vergebens gewesen.
+
+In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
+17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
+Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordfluegel das Naehere zu besprechen.
+
+Vorbedingung fuer die Durchfuehrung unserer Angriffe bei Reims war, dass der
+nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens
+zwischen Soissons und Chateau-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, dass
+unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiegne und Villers-Cotterets
+versammelten franzoesischen Kraefte geradezu herausforderte. War General
+Foch auch nur einigermassen zu einer aktiven Taetigkeit imstande, so musste
+er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser
+Angriff ueber die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, dass
+der franzoesische Fuehrer fruehzeitig von unseren Plaenen erfuhr und
+ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.
+
+Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
+franzoesischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterets
+her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
+vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
+bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
+geschilderten grossen Angriff auf Reims herangehen zu koennen. Freilich
+waren die zwischen Soissons und Chateau-Thierry stehenden Truppen nicht
+alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kaempfen so
+glaenzend geschlagen, dass ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
+Aufgabe fuer durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, dass
+auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines
+starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen liessen. Ob
+in dieser Beziehung an der Front Soissons-Chateau-Thierry Versaeumnisse
+vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst
+glaube auf Grund spaeterer Mitteilungen, dass der anfaenglich guenstige
+Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die
+Truppen an der Front Soissons-Chateau-Thierry an einigen Stellen den Ernst
+der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen liess.
+
+Man hoert dort waehrend dieser Tage den Kanonendonner aus der
+Angriffsschlacht herueberschallen, man erfaehrt unser anfaenglich Erfolg
+versprechendes Vorgehen ueber die Marne; Uebertreibungen der erreichten
+Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprueftem Wege zu den Truppen. Man
+erzaehlt sich von der Eroberung von Reims, von grossen Siegen in der
+Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, fuer
+einen sachlichen Beobachter unheimlich still, fuer jemand, der ohne naehere
+Kenntnis der Lage dem Gefuehle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in
+der Richtung auf Villers-Cotterets, die am 15. Juli noch volle
+Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend
+gewuerdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle
+Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an
+einer Zwischenstelle stecken. Das Gefuehl fuer die Lage ist eben teilweise
+abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.
+
+Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den
+Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
+Kornfelder. Sie sind ueberrascht, als ploetzlich ein heftiger Granathagel in
+das Gelaende schlaegt. - Ein Feuerueberfall? - Die eigene Artillerie
+antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
+Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf
+breiter Front und zeigt, dass es sich um mehr handelt, als um einen
+Feuerueberfall. Ehe man sich darueber voellig klar wird, tauchen in den hohen
+Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen
+Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen
+Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die groesste Gefahr scheint
+zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.
+
+Waehrend dort die uebriggebliebenen Teile der zertruemmerten und versprengten
+Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf fuehren, versuchen die
+rueckwaerts befindlichen Unterstuetzungen einen neuen Widerstand zu bilden
+und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoss
+herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In voruebergehend wieder
+genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche
+Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann
+verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser
+Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur
+vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter
+suedlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer
+empfindlichsten Stelle, naemlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres
+Marnebogens suedlich der Aisne. Aber von hier aus drueckt der Feind auf die
+ganze uebrige bis Chateau-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch
+mehr, er drueckt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinfuehrende
+Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich oestlich Soissons aus dem Aisnetal
+nach Sueden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.
+
+Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
+droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
+frueheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
+Zustand zuverlaessig zu festigen. Meinen Wuenschen und Absichten haette es
+entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her ueber die Aisne bei
+Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der
+Aufmarsch hierfuer haette jedoch zu viel Zeit gekostet, und so musste ich den
+Gegengruenden nachgeben, die zunaechst eine voellige Sicherung unserer
+angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren
+unserer Entschluesse wurden. Was also an Truppen verfuegbar ist, wird zu
+diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht ueberwunden,
+sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrueche des Gegners verschaerfen die
+Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn suedlich der Ourq die
+feindlichen Anstuerme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei
+Chateau-Thierry die starken, aber ungeuebt gefuehrten amerikanischen
+Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir koennen und duerfen
+die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das waere
+Tollkuehnheit. Wir loesen daher unseren linken Fluegel von Chateau-Thierry
+los und weichen zunaechst ein Stueck weiter nach Osten, behalten aber noch
+die Anlehnung an die Marne.
+
+Vom Suedufer dieses Flusses sind wir in Ausfuehrung unseres Entschlusses vom
+17. Juli nach schweren Kaempfen rechtzeitig zurueckgewichen. Die treffliche
+Haltung unserer Truppen, an der alle franzoesischen Angriffe scheitern, hat
+uns die gefaehrliche Lage dort gluecklich ueberdauern lassen. Das Zurueckgehen
+gelingt ueber Erwarten gut. Der Gegner erstuermt erst am 21. Juli nach
+gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken
+Kolonnen, unsere schon geraeumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten
+dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.
+
+Die Kampffuehrung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
+gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs aeusserste erschwert. Die
+gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke oestlich von
+Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben faellt bei
+Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu
+eintreffender Verstaerkungen und Kampfabloesungen weit ausserhalb des Bogens
+in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmaerschen werden
+sie von da auf das Schlachtfeld vorgefuehrt. Sie erreichen ihre Bestimmung
+manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem
+Zusammenbrechen aus den Haenden der ermatteten Kameraden zu uebernehmen.
+
+So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
+unsere Kraefte zu verzehren. Wir muessen aus dem Bogen heraus, uns von der
+Marne trennen. Ein schwerer Entschluss, nicht vom Standpunkte kriegerischer
+Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner
+jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung
+der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie
+wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele
+Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Hass, mit Hoffnung.
+
+Aber jetzt darf nur die militaerische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
+lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Ueberstuerzung der
+Massregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kraefte und von
+allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer
+greifender Einbruch. So koennen wir Schritt um Schritt weichen. Wir koennen
+unser kostbares Kriegsgeraet dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue
+Verteidigungslinie ruecken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne
+und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August
+vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Fuehrung und Truppe.
+
+Nicht die Waffengewalt des Feindes presste uns aus dem Marnebogen heraus
+sondern die Unertraeglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
+Schwierigkeiten der Verbindungen im Ruecken unserer nach drei Seiten
+kaempfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt.
+Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die
+treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten
+Ueberraschung glaenzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden
+konnte, wurde hier geleistet. So kam es, dass unsere Infanterie aus diesem
+Kampfe keineswegs mit dem Gefuehle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr
+stolzes Selbstbewusstsein war zum Teil auf die Beobachtung gegruendet, dass
+ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stuetze der Panzerwagen
+vielfach im Angriff versagten.
+
+Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
+entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
+diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
+schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
+Scheusslichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empoerung und Anklage,
+sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit
+und Recht auf europaeischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese
+Schwarzen auf die Schlachtbank gefuehrt.
+
+Mochten Englaender, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
+Hilfsvoelkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
+Kampfe Mann gegen Mann, dann fuehlte und zeigte sich damals noch unser
+Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefuehl persoenlicher
+Machtlosigkeit gegenueber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
+ueberwunden. In tollkuehnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich
+dieser laestigen Gegner zu entledigen, kraeftigst unterstuetzt durch die
+eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte ueber unsere Truppen
+auch diesmal wieder die franzoesische Artillerie. Den stunden-, ja
+tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt,
+nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien
+unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die aeusserste Probe
+gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine
+Erloesung aus einem Drucke wehrloser Zermuerbung empfunden.
+
+Die Truppen hatten das aeusserste leisten muessen, nicht nur im Kampfe,
+sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Maerschen und Entbehrungen.
+Ihr Kraefteverbrauch war gross, ihr Nervenverbrauch noch groesser. Ich sprach
+Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen
+Antworten und Erzaehlungen redeten deutlicher als ganze Buecher von dem, was
+sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen
+steckte. Wie sollte man an diesen praechtigen Menschen verzweifeln koennen!
+Sie waren freilich muede, bedurften der koerperlichen Ruhe und der
+seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu
+gewaehren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafuer liess.
+
+Wenn wir in den Kaempfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
+Gegner zufuegen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch ueber die
+weitreichende Rueckwirkung dieser Schlacht und unseres Rueckzuges keiner
+Taeuschung hingeben.
+
+Militaerisch war fuer uns von der groessten und folgenschwersten Bedeutung,
+dass wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und dass wir zunaechst
+keine Kraft besassen, sie wieder an uns zu reissen. Wir waren gezwungen
+gewesen, starke Teile von jenen Kraeften zum Kampfe heranzuziehen, die wir
+zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafuer entfiel fuer uns die
+Moeglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische
+Heer durchfuehren zu koennen. Die gegnerische Fuehrung war dadurch von dem
+Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Massnahmen
+ausgeuebt wurde. Auch Englands Kraefte waren durch die Schlacht in dem
+Marnebogen aus dem Banne geloest, in dem wir sie monatelang gehalten
+hatten. Es war zu erwarten, dass eine tatkraeftige gegnerische Fuehrung
+diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte,
+soweit sie irgendwie Kraefte hierfuer verfuegbar machen konnte. Guenstige
+Aussichten mussten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten
+vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkraeftigen Truppen besetzt
+sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Fruehjahr wesentlich an
+Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.
+
+Es war freilich anzunehmen, dass auch der Gegner durch die letzten Kaempfe
+schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 franzoesische,
+hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die
+englischen Kraefte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so
+musste doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen
+Umstaenden fuer den Gegner aeusserst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in
+militaerischer Beziehung nicht voll auf der Hoehe neuzeitlicher
+Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbaende so schwer gelitten hatten,
+wirkte mehr als je die blosse zahlenmaessige Ueberlegenheit.
+
+Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindruecken die Wirkung unseres
+Missgeschickes auf Heimat und Verbuendete. Wie viele in den letzten Monaten
+aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung
+wurde zerstoert!
+
+Konnten wir jedoch wieder Herren der militaerischen Lage werden, so war
+auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit
+zu erwarten.
+
+
+
+
+
+ FUeNFTER TEIL
+
+
+ UeBER UNSERE KRAFT
+
+
+
+
+ In die Verteidigung geworfen
+
+
+
+ Der 8. August
+
+
+Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle
+eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran
+und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder
+auf.
+
+Zahlreiche unserer Divisionen, abgekaempft, der Auffrischung beduerftig,
+wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um
+Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon ueberzeugen,
+wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gruendlich
+ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so
+schien er schnell ueber all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch
+seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfuer der wirklichen Ruhe,
+ungestoert von feindlichen Granaten und Bombenabwuerfen und, wenn moeglich,
+auch entfernt aus dem Hoerbereiche des Donners der Geschuetze. Aber wie
+wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjaehrigen Kaempfen eine
+solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von
+Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in
+koerperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt
+der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und
+denjenigen aller unserer Gegner.
+
+Nach Avesnes war der Geschuetzdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie
+ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald
+undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.
+
+Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jaehlings unterbrochen; von Suedwesten
+her droehnte auffallend starker Gefechtslaerm. Die ersten Meldungen - sie
+kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst.
+Der Gegner war mit maechtigen Tankgeschwadern beiderseits der Strasse
+Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Naeheres liess sich
+vorlaeufig nicht feststellen.
+
+Die Ungewissheit wurde jedoch in den naechsten Stunden behoben, wenn auch
+die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war
+tief in unsere Stellung hineingestossen, Batterien waren verloren. Unsere
+Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage ueberhaupt durch
+sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um
+die Vorgaenge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und
+den Verfuegungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschuetterten
+Front zu schaffen. Was war geschehen?
+
+Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die
+Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse,
+nicht natuerliche und leider auch nicht kuenstliche, getroffen. Man hatte an
+dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu
+wenig an Verteidigung.
+
+Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und
+Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend
+eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen,
+dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu
+sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen
+feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Fernglaeser. Man
+schonte auf diese Weise waehrend der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich
+viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu
+verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an
+den rueckwaertigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstuecke,
+verstreute Stuetzpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen
+sogenannten ruhigen Fronten fuer ausgedehnte Schanzarbeiten nur duenn gesaet.
+Wir brauchten die Massen anderwaerts zu den grossen Angriffsschlachten.
+
+An diesem 8. August mussten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich
+drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren fuer uns
+ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von
+Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst juengst wieder
+bei Soissons kennen und ueberwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden
+Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch
+des Gegners war gleichzeitig ueberraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen,
+schneller wie bisher, ueberfielen Divisionsstaebe in ihrer Unterkunft,
+zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kaempfenden
+Truppen fuehrten. Die hoeheren Kommandobehoerden werden dadurch
+ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist
+es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Uebersicht
+verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schiessen zwar in die
+Richtungen, aus denen Motorgeraeusche und Kettengerassel hoerbar sind,
+werden aber vielfach durch Stahlkolosse ueberrascht, die aus anderer
+Richtung ploetzlich auftauchen. Wirre Geruechte beginnen sich in unsern
+Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, dass englische
+Kavalleriemassen schon weit im Ruecken der vordersten deutschen Infanterie
+sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verlaesst die Stellungen, aus denen
+heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen
+hat, man sucht nach rueckwaerts den verlorenen Anschluss. Die Phantasie
+zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.
+
+Alles, was da geschah, was uns zum ersten grossen Unheil werden sollte, ist
+ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in
+solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten
+Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluss ist auch
+nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einfluesse.
+Der Missmut und die Enttaeuschung, dass trotz aller Siege der Krieg fuer uns
+kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten
+verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der
+Heimat Klagen ueber wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das
+zermuerbt allmaehlich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann.
+Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern
+abgeworfenen Flugblaettern, dass er es nicht so schlimm mit uns meine, wir
+muessten nur vernuenftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir
+erobert haben, verzichten. Dann wuerde alles rasch wieder gut werden. Und
+wir koennten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Voelker. Fuer den
+Frieden im Innern der Heimat wuerden dann neue Maenner, neue Regierungen
+sorgen. Auch das wuerde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen
+Kaempfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.
+
+Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, dass der Gegner doch
+nicht all das erluegen kann, laesst sich vergiften und vergiftet andere.
+
+Unsere Befehle zum Gegenstoss koennen an diesem 8. August nicht mehr
+ausgefuehrt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschuetzen
+zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen
+sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue
+Artillerieverbaende muessen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen
+und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die
+in dieser Lage die Eisenbahnen fuer uns besitzen. Weithin in unsern Ruecken
+feuern seine schweren und schwersten Geschuetze. Auf einzelne
+Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben
+feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwaermen ueber Stadt und Bahnhof
+kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im
+Ruecken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Gluecke die ganze Groesse
+seines ersten taktischen Erfolges. Er stoesst an diesem Tage nicht bis an
+die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch
+nennenswerte Kraefte haetten entgegengestellt werden koennen.
+
+Dem verhaengnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhaeltnismaessig
+ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Waehrend dieser rollen
+unsere ersten Verstaerkungen heran.
+
+Die Lage ist bereits zu unguenstig, als dass wir von dem anfaenglich
+geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten
+koennen. Der Gegenstoss haette laengerer Vorbereitung und staerkerer Truppen,
+als am Morgen des 9. August zur Hand sein koennen, bedurft. Daher soll und
+darf nichts ueberstuerzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt
+jedoch, nicht warten zu koennen. Man meint, guenstige Gelegenheiten zu
+versaeumen, und stuerzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein
+Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in oertlich
+begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im grossen zu nutzen.
+
+Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Fluegel
+unternommen worden. Die suedlich anschliessenden franzoesischen Truppen
+hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu
+erwarten, dass die grossen britischen Erfolge nunmehr auch die franzoesischen
+Linien in Bewegung bringen wuerden. Gelang dem Franzosen ein rasches
+Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so musste unsere Lage in dem weit
+nach Suedwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhaengnisvoll werden.
+Wir befehlen daher die Raeumung unserer bisherigen ersten Stellungen
+suedwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurueck.
+
+
+
+Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis
+ Ende September
+
+
+Ueber die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich
+mich keinen Taeuschungen hin. Unsere Kaempfe vom 15. Juli bis 4. August
+konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglueckten,
+kuehnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege
+ereignet. Das Missgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller
+Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwaeche. Es war etwas ganz
+anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer
+Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner
+der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und
+Verbuendete mussten aengstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe,
+die Ruhe zu behalten und die Verhaeltnisse zwar ohne Selbsttaeuschung, aber
+auch ohne uebertriebenen Pessimismus zu betrachten.
+
+Die militaerische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf
+der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt,
+das verlorene Kriegsgeraet wieder ergaenzt, neue Kraefte konnten herangefuehrt
+werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es
+war zu erwarten, dass der Gegner, durch seinen grossen Erfolg angeregt,
+solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen wuerde. Er
+hatte jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich in unserem Verteidigungssystem
+dem des Jahres 1917 gegenueber mancherlei Maengel befanden. Zunaechst in
+technischer Beziehung. Auf den seit dem Fruehjahr 1918 neu gewonnenen
+Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden.
+Es wurde, wie in der Gegend oestlich Amiens, so auch an anderen Stellen der
+Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der
+Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, dass die Haltung eines
+grossen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner ueberzeugt haben musste,
+dass an unseren Verteidigungsfronten der zaehe Widerstandswille von 1917
+nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem
+Fruehjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige
+Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gruendlich
+geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach
+monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht
+mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht,
+sondern er hatte uns in breiten Anstuermen ueberrascht. Er wagte nunmehr
+diese unsere Taktik, weil er die Schwaechen unserer Verteidigungsfront
+erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht,
+so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht voellig
+der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmaehlich zu laehmen. Andererseits
+schoepfte ich aber aus dem Umstande, dass der Feind aus seinen grossen
+Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die
+ihm haetten werden koennen, wieder die Hoffnung, dass wir weitere Krisen
+ueberwinden wuerden.
+
+Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der
+Reichsleitung gegenueber in einer politischen Beratung in Spa ueber die
+militaerische Lage dahin aussprechen zu muessen, dass diese zwar ernst sei,
+dass aber nicht vergessen werden duerfe, dass wir noch immer tief in
+Feindesland staenden. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch
+meinem Kaiser vor, indem ich nach einer laengeren gemeinsamen Sitzung das
+Schlusswort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung
+des Reichskanzlers Graf Hertling, dass mit einem wirklich offiziellen
+Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in
+unserer damaligen militaerischen Lage eintreten wuerde. Von dieser hing es
+dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele wuerden
+verzichten muessen.
+
+Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluss des Krieges zu zweifeln, hielt
+ich demnach Mitte August noch nicht fuer gekommen. Ich hoffte bestimmt, dass
+die Armee, trotz betruebender Einzelerscheinungen auf dem letzten
+Schlachtfelde, imstande sein wuerde, zunaechst einmal auszuhalten. Auch
+hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, dass sie Kraft genug haette, auch
+diese jetzige Krisis zu ueberwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was
+die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie
+vielleicht noch weiter ertragen musste. Hatte nicht Frankreich, auf dessen
+Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War
+dieses Land waehrend dieser ganzen Zeit jemals unter Misserfolgen verzagt;
+war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das,
+so dachte ich, wuerde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor
+Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft
+blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere
+Verbuendeten nicht ausbleiben. Ihre militaerische Aufgabe war ja, soweit sie
+Oesterreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.
+
+Bei diesen meinen Erwaegungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer
+Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in
+den vier Kriegsjahren so fest begruendet, dass diese uns, mochte kommen was
+wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend fuer
+meine Entschluesse und Vorschlaege blieb einzig und allein die Ruecksicht auf
+das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem
+Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab,
+was unsere deutsche Zukunft endgueltig sicher stellte, so konnten wir es
+doch wenigstens dahin bringen, dass die gegnerischen Kraefte im Kampfe
+erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein ertraegliches
+staatliches Dasein.
+
+General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt,
+dass die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen wuerden, wenn unseren
+Truppen die Zeit zur Erholung gelassen wuerde. Ich hatte das Gefuehl, dass
+die gegnerische Fuehrung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu
+muessen.
+
+Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der
+Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitaegigen Kaempfen auf
+diesen Punkt zurueck. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen
+verbreitern die Englaender ihre Angriffsfront vom 8. August in noerdlicher
+Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrueche
+zwingen uns auch hier zum allmaehlichen Zuruecknehmen unserer Linien. Am
+26. August wirft sich der Englaender beiderseits Arras in der Richtung auf
+Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schliesslich
+aufgehalten. Da ueberrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September
+endgueltig unsere Linien an der grossen Strasse Arras-Cambrai und zwingt uns,
+die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurueckzunehmen. Zur
+Kraefteersparnis raeumen wir gleichzeitig den weit ueber den Kemmel-Berg und
+Merville vorspringenden Bogen noerdlich der Lys. Alles schwere Entschluesse,
+die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgefuehrt werden. Die erhoffte
+Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner draengt ueberall sofort
+nach, und die Spannung dauert an.
+
+Am 12. September setzen die Kaempfe an der bisher ruhigen Front suedoestlich
+Verdun und bei Pont-a-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in
+der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches
+Missgebilde, das den Gegner zu einem grossen Schlag einladen konnte. Es ist
+nicht recht verstaendlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem
+grossen Dreieck stehen liess, das in seine Gesamtfront hineinsprang.
+Durchstiess er dieses in maechtigem Schlage an der Basis, so war eine
+schwere Krisis fuer uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen
+Fehler anrechnen, dass wir diese Lage nicht schon laengst, spaetestens mit
+dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir uebten
+gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die
+Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so
+wichtige Maastal suedlich der Festung. Erst Anfang September, als es
+zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen
+wir, diese Stellung zu raeumen und auf die schon lange vorbereitete
+Basisstellung zurueckzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen
+uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste
+Niederlage bei.
+
+Im uebrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenueber unsere Front im
+wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die
+Champagne am 26. September aenderte die Lage von der Kueste bis zu den
+Argonnen zunaechst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage
+zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die
+nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlusskampfes in einer
+selbstaendigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.
+
+Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrueche wiederholt
+zurueckgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um
+diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Luecke
+gerissen. Bulgarien brach zusammen.
+
+
+
+
+ Der Kampf unserer Bundesgenossen
+
+
+
+ Bulgariens Zusammenbruch
+
+
+Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
+wesentlich geaendert. Sie blieb ernst. Die aeussere Politik des Landes schien
+jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen
+ueber Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persoenlichkeiten mit
+der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der
+amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstaette von uns
+verderblichen Plaenen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie
+zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen
+Wirklichkeit des Krieges.
+
+Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die
+Armee wurde auch weiterhin davon beruehrt. Der Sturz Radoslawows war
+endlich im Fruehjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Maenner
+versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Buendnis. Das war fuer uns
+das Entscheidende.
+
+Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
+Lebensmittelversorgung machte immer groessere Schwierigkeiten. Unter diesen
+litt besonders die Armee, das heisst, man liess sie darunter leiden. Der
+Soldat musste zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so
+elend gekleidet, dass ihm eine Zeitlang das Noetigste fehlte. Meutereien
+fanden statt, wurden uns gegenueber aber meistens vertuscht. Die Armee
+wurde durchsetzt mit voelkisch fremden Elementen. Man stellte aus den
+besetzten Gebieten gepresste Mannschaften ein, um die Truppenstaerken in der
+Hoehe zu halten. Das Ueberlaufen nahm daher einen ausserordentlichen Umfang
+an. War es ein Wunder, dass unter allen diesen Umstaenden der Geist der
+Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Fruehjahr seinen Tiefstand. Die
+bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen
+Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des
+Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine
+wirkungsvolle Sperrung der fuer den Gegner so wichtigen Strasse Santa
+Quaranti-Korca, sowie eine guenstige Rueckwirkung auf die Stimmung von Heer
+und Volk. Die Durchfuehrung des Unternehmens erwies sich schliesslich als
+unmoeglich, da nach Erklaerungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
+Angriff verweigern wuerde. Noch bedenklichere Zustaende zeigten sich, als im
+Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen
+in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung
+fast kampflos verliessen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte
+groesstenteils.
+
+Die Zustaende innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
+Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
+unseren Lebensmittelvorraeten und schickten Bekleidungsstuecke. Auch loesten
+unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee grosse
+Begeisterung aus. Es war aber klar, dass diese gehobene Stimmung rasch
+wieder in sich zusammenbrechen wuerde, wenn auf unserer Seite Rueckschlaege
+erfolgten. Darueber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli
+nicht im Zweifel lassen.
+
+Die gegenseitigen Staerkeverhaeltnisse an der mazedonischen Front schienen
+sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
+dem schliesslichen Ausgleich mit Rumaenien war Bulgarien imstande, alle
+seine Kraefte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstaerkung gegenueber
+kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmaessig
+gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefoerdert
+worden; die franzoesischen Truppen hatten ihre juengsten Jahrgaenge nach der
+Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten koeniglich griechischen
+Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
+wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes uebertragen. Nach
+Mitteilungen von Ueberlaeufern war der groesste Teil dieser Truppen bereit,
+sich uns anzuschliessen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
+eingesetzt wuerden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
+Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie
+trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung
+des Krieges fuer Bulgarien fiel.
+
+Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
+Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
+Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Fruehjahr erklaert, dass sie an
+diesem Tage die Stellungen verlassen wuerden, sofern der Krieg bis dahin
+nicht beendet waere.
+
+Nicht weniger auffallend war es andererseits, dass sich der Gegner zu einem
+Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande waehlte, an der bei
+einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
+Fuehrung das Durchdringen die allergroessten Schwierigkeiten bieten musste.
+Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen
+zu koennen, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des
+Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit
+laengerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Englaender erkannt worden.
+Auch hier bestand angesichts der ganz ausserordentlichen Staerke der
+Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer
+solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Ueber
+die zahlenmaessigen Kraefte verfuegte die bulgarische Oberste Heeresleitung
+ganz gewiss.
+
+Die zuerst eintreffenden Meldungen ueber den Verlauf der Kaempfe am
+15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlass. Die vordersten
+Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
+nichts ungewoehnliches an sich. Die Hauptsache war, dass dem Gegner der
+glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spaetere Nachrichten
+lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedraengt, als
+man zuerst annehmen konnte. Die zunaechst am Kampfe beteiligten Truppen
+hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die
+Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung,
+sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem
+Gegner das Kampffeld zu ueberlassen, und das an einer Stelle, die dem
+wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen
+Kriegsschauplatzes, naemlich Gradsko, bedenklich nahe lag.
+
+Faellt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschuetzen erreichen, so
+ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
+wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
+fuer die Dauer unmoeglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
+beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
+Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, dass die bulgarischen
+Fuehrer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, dass sie nicht alles
+daran setzen wuerden, ein namenloses Unheil fuer die Masse des Heeres
+abzuwenden.
+
+Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen suedlich von Gradsko kaempfen die
+bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
+18. September mit groesster Erbitterung. Vergeblich versuchen die Englaender,
+sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zaeher
+Wille in glaenzendem Licht. Aber was nuetzt der Heldenmut am Doiransee, wenn
+in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch
+Schlimmeres als Mutlosigkeit.
+
+Vergeblich versucht die deutsche Fuehrung mit deutschen Truppen die Lage in
+der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
+kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
+raeumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen stroemen
+ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein
+eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklaerung der bulgarischen
+Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder
+einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach
+ihre Offiziere unbelaestigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie
+willkommen, wollen sie zurueckbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie
+das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedraenge ein
+Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedraengnis kommt, er hilft
+den deutschen Geschuetzen beim Marsch auf das Gefechtsfeld ueber schlechte
+Wegestrecken fort. Den Kampf indessen ueberlaesst er den Deutschen.
+Mazedonien wird auf diese Weise freilich fuer Bulgarien verloren gehen.
+Aber der bulgarische Bauer sagt sich, dass er in der Heimat Land genug
+habe; also zieht er in die Heimat und ueberlaesst die Sorge und den Kampf um
+Mazedonien und die bisherigen Grossmachtsplaene anderen Menschen.
+
+Die deutsche Fuehrung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
+verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhaeltnisse
+vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
+Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
+zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stuetzen und Gradsko zu
+retten. Die Aussichten, dass dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der
+Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung,
+die Fluegel des Heeres zurueckzunehmen. Eine solche Bewegung wuerde an sich
+nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine
+gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der
+Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rueckwaertigen
+Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern
+sich auch die rueckwaertigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint
+wenigstens moeglich, durch diese Massnahme die Masse des Heeres zu retten.
+
+Dem Entschluss des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
+bulgarischen Fuehrer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, dass
+ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
+kaempfen wuerden. Dagegen sind sie der Anschauung, dass die Armeen sich
+voellig aufloesen wuerden, wenn man ihnen den Rueckzugsbefehl gaebe.
+
+Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll fuer alle
+Beteiligten. Die Bulgaren klagen, dass nicht genug deutsche Truppen zur
+Stelle sind, dass man die frueher vorhandenen zum Teil entfernt haette. Was
+aber haetten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
+Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen haette man schicken
+muessen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
+im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
+schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, dass die deutsche Kraft
+auch zu erschoepfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
+erschoepft, erschoepft ist nur der bulgarische Kriegswille.
+
+Auch wir im Grossen Hauptquartier stehen vor verhaengnisvollen Fragen. Wir
+muessen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
+Wir muessen also doch Unterstuetzungen schicken und zwar sofort, so schwer
+uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit
+in vollem Umfange auspraegt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu
+dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die
+Amerikaner ihren grossen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine
+weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.
+
+Die erste Unterstuetzung, die wir freimachen koennen, sind Truppen, eine
+gemischte Brigade, die fuer Transkaukasien bestimmt waren und eben ueber das
+Schwarze Meer befoerdert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und
+sollen ueber Varna-Sofia herankommen. Diese Kraefte genuegen jedoch nicht. An
+unserer Ostfront koennen wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht
+werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was
+sind das fuer Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkraeftigen
+schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung
+erwartet werden? Sie moegen den besten Willen mitbringen, aber in diesem
+Klima und ohne Ausruestung fuer den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie
+an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muss sein, denn
+nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der
+Zar muessen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.
+
+Auch vom Westen her schicken wir Unterstuetzung. Unser Alpenkorps, eben
+erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn
+gesetzt. Ebenso beteiligt sich Oesterreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien
+zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfuer zur Verfuegung. Wir
+verzichten daher auf weitere oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung an
+unserer Westfront.
+
+Bis diese deutsche und oesterreichische Hilfe eintreffen kann, muss versucht
+werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz
+aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
+Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rueckzug an die rechte und mittlere
+bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, noerdlich des
+Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.
+
+Die linke bulgarische Armee wird waehrend dieser ganzen Zeit nicht
+angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
+von groesster Staerke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genuegen fuer ihre
+Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung;
+Mut und ruhige Ueberlegung schwinden. Der Fuehrer haelt seine Lage fuer
+unhaltbar und beschwoert den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schliessen.
+Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu
+Grunde." Das Wort beweist, dass der Zar Herr der Lage ist, und dass ich mich
+nicht in ihm taeuschte.
+
+Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Hoehe seiner Aufgabe. Er eilt an
+die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein
+einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller
+getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
+Schwinden des Willens?
+
+Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemaess den Rueckzug.
+Dieser wird zur Aufloesung; ungeschickte Anordnungen vervollstaendigen die
+Verwirrung. Die Staebe versagen, am gruendlichsten der Armeestab. Hier ist
+nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
+beseelt, naemlich der Fuehrer.
+
+Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrueckzugsstrasse
+fuehrt ueber Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
+diese Strasse aeusserst bedroht. Ein anderer Weg fuehrt aus dem Seengebiete
+und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
+Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen ueber
+Veles bei Ueskueb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber
+sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob groessere Truppenmassen in diesen
+Gebieten die noetige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken muessen
+starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch staerkere werden dorthin
+gedraengt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Strassenstueck
+Prilep-Veles von Suedosten her vorrueckt. Gradsko faellt schon am
+21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer
+foermlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Groesse an eine
+amerikanische Neugruendung erinnert. Ungeheuere Vorraete sind hier
+aufgespeichert, ausreichend fuer einen ganzen Feldzug. In den dortigen
+Depots merkt man nichts davon, dass die bulgarischen Armeen an der Front
+irgend etwas entbehren mussten. Jetzt faellt alles der bulgarischen
+Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko
+sondern auch anderwaerts verfuegt Bulgarien noch ueber reiche Bestaende. Sie
+ruhten bisher im Verborgenen, behuetet von der einseitigen Sorge
+bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das
+Volksleben ueberzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem
+Parlament.
+
+Bulgarien kann also den Krieg noch weiter fuehren, wenn es ihn nur nicht
+selbst fuer verloren haelt oder halten will. Unser Plan, der auch die
+Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender:
+Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurueckschwenken. Die
+rechte Armee soll sich bei Ueskueb oder weiter noerdlich versammeln; sie wird
+verstaerkt durch die anrollenden deutschen und oesterreichischen Divisionen.
+Diese Kraefte bei Ueskueb werden reichlichst genuegen, um die Lage zu halten;
+ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbaende damit zu
+rechnen, dass wir von Ueskueb aus bald wieder zu einem Angriff in suedlicher
+Richtung vorgehen koennen. Es scheint ausgeschlossen, dass der Gegner ohne
+Rast mit starken Massen bis Ueskueb und bis an die altbulgarische Grenze
+nachdraengt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und
+Strassen gruendlich zerstoert haben? Wir hoffen auch, dass in den bulgarischen
+Truppen bei Beruehrung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
+Verantwortungsgefuehl zusammenfinden.
+
+Die vorgeschlagene Operation ist nur moeglich, wenn Ueskueb so lange gehalten
+wird, bis die bulgarischen Truppen ueber Kalkandelen herankommen. Diese
+Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat ueber Gradsko
+hinaus mit nur verhaeltnismaessig schwachen Kraeften.
+
+Waehrend dieser Vorgaenge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
+eintreffenden Bataillone, die der Bevoelkerung zur Beruhigung, der
+Regierung zum Schutz und zur Stuetze dienen sollen, finden nichts von der
+gefuerchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
+Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die ausserhalb
+ihrer Verbaende durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
+liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
+Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, dass sie
+wiederkommen wuerden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt haetten.
+Ein eigenartiges Bild, ein merkwuerdiger Seelenzustand. Oder ein
+abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
+Soldaten vorauszusetzen. Dass es in dieser Aufloesung nicht ueberall
+friedlich zugeht, ist klar. Die Geruechte von schweren Ausschreitungen
+erweisen sich aber meist als uebertrieben.
+
+An der Front aendert sich die Lage nicht. Der Rueckzug der bulgarischen
+Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kraefte
+des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
+versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch
+sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und
+wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der
+Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schuessen ihre
+Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen
+Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemuehen
+deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch
+ihr Beispiel auf die haltlose gleichgueltige Masse zu wirken.
+
+So naehert sich der Gegner Ueskueb, bevor neue deutsche und
+oesterreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen koennen. Am 29. September
+treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen
+aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Strasse nach Ueskueb
+zu ruecken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffaehig.
+Die schwerste Krisis scheint demnach ueberwunden zu sein. Militaerisch
+mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgueltig verloren.
+Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kraefte haben
+Ueskueb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
+29. September abends schliesst Bulgarien Waffenstillstand.
+
+
+
+ Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien
+
+
+Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kuehnen Aufschwung des osmanischen
+Kriegswillens. Die Tuerkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen
+Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen.
+Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom.
+Die Masse der Truppen hatte sich bereits voellig aufgeloest. Der Vormarsch
+der Tuerken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden.
+Schwieriger als dessen Beseitigung war die Ueberwindung der Hindernisse,
+die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Tuerken in den Weg legte.
+Dass der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwuerdigen
+Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die
+Tuerkei warf sich ueber die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die
+Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggruende:
+Panislamitische Traeumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschaedigungen
+fuer bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch
+ein weiteres, naemlich die Suche nach Menschenkraeften. Das Land, in erster
+Linie die Siedlungsgebiete der praechtigen Anatolier, ist in bezug auf
+Menschenkraefte voellig erschoepft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
+unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue grosse Quellen zu
+eroeffnen. Russland hat diese Mohammedaner zu dem regelmaessigen Militaerdienst
+nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen
+der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die
+Ueppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch muesste man, wenn man den
+osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, dass die
+mohammedanischen Voelker Russlands seit langem keine hoehere Sehnsucht
+gekannt haetten, als mit dem tuerkischen Reiche zusammen ein einiges grosses
+geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von
+der Hand zu weisen, dass die Tuerkei sich in diesen Gebieten neue Kraefte
+erschliesst, und dass England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung
+dieser Vorgaenge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es
+aber gut, mit nuechterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf
+die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
+freilich nicht mit dem wuenschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, dass die
+Hauptaufgabe der Tuerkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
+Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf
+den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und
+guter Wille in Konstantinopel, wenn die Fuehrer auf den entlegenen
+Kriegsschauplaetzen ihre eigenen Wege gehen!
+
+Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorraeten von Kriegsrohstoffen in
+Transkaukasien fuer die allgemeine Kriegfuehrung zu retten, senden wir
+Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines
+geordneten Wirtschaftslebens zu ermoeglichen.
+
+Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht
+eher, als bis Baku auch in die Hand der Tuerken faellt, und zwar zu einer
+Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der
+Tuerkei vollzieht.
+
+Auch die Absicht, ueber Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluss zu
+gewinnen, fuehrte die Tuerkei so weit in oestlicher Richtung vor. Man will
+durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die
+Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchfuehrung aber
+Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden
+werden. Vielleicht aber binden schon die ersten tuerkischen Bewegungen im
+noerdlichen Persien englische Kraefte und retten dadurch Mesopotamien fuer
+die Tuerkei.
+
+Wie durch das Weisse Meer ueber Archangelsk, so scheint England auch ueber
+das Kaspische Meer und ueber Baku sich einen Einfluss in Russland sichern zu
+wollen. Aus diesen Gruenden liegt die Durchfuehrung der osmanischen Plaene in
+Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur haette
+demgegenueber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien
+nicht vernachlaessigt werden duerfen. Die Aufstellung einer
+verwendungsbereiten tuerkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo waere
+jedenfalls mit Ruecksicht auf alle operativen Moeglichkeiten des Englaenders
+suedlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als groessere Operationen in
+Persien.
+
+In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
+betrachtet unveraendert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
+Gegenden suedlich von Mosul fuer die tuerkischen Armeen eine Katastrophe
+vollzogen, freilich nicht unter Geschuetzdonner. Wie im armenischen
+Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
+Winter 1917/18 die tuerkischen Soldaten in grosser Zahl zugrunde. Man
+spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den
+Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermoegen wir nicht
+nachzupruefen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte
+uns ein Tuerke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster
+Ueberzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen tuerkischen Armee ueberleben in
+Mesopotamien das Fruehjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu
+gefechtsfaehiger Staerke gebracht werden koennen. Man fragt sich, warum
+greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum
+marschiert es nicht einfach vorwaerts? Genuegen die Schatten dieser
+osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms
+kolonialer Kriegfuehrung zu veranlassen? Die englische Fuehrung mag fuer
+diese Vorsicht ihrer Operationen alle moeglichen Gruende anfuehren koennen,
+nur einen hat sie nicht, naemlich die Staerke des Gegners.
+
+Waehrend im armenischen Hochlande die tuerkische Wehrmacht nochmals einen
+Triumph feierte, hatten die Kaempfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam
+es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne dass
+hierdurch die Lage wesentlich geaendert wurde. Im Fruehjahr 1918 schien die
+englische Kriegfuehrung dieses ewigen Einerleis endlich muede zu werden. Sie
+raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach ueber Jericho in das
+Ostjordanland ein. Man nahm an, dass die Araberstaemme in diesem Gebiete das
+Auftreten ihrer Befreier vom tuerkischen Joch nur erwarteten, um sofort den
+osmanischen Armeen in den Ruecken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte
+jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und tuerkischen Kraeften dank
+ausgezeichneter osmanischer Fuehrung. Die Lage an der syrischen Front wurde
+hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in
+jenen glutheissen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit
+Sicherheit zu erwarten, dass der Englaender im Herbste seine Angriffe in
+irgend einer Richtung wiederholen wuerde. Wir glaubten, dass die
+Zwischenzeit genuegend sei, um die Lage an der syrischen Front durch
+Zufuehrung neuer tuerkischer Kraefte zu festigen.
+
+Die inneren Schwierigkeiten im tuerkischen Staate dauerten auch im Jahre
+1918 an. Der Tod des Sultans uebte nach aussen hin zunaechst keinen
+sichtbaren Einfluss aus. Im Innern begann allmaehlich eine Bewegung zur
+Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
+Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
+durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschaeden
+entgegenzutreten. Er waehlte die Maenner seiner Umgebung aus den Kreisen,
+die sich den alttuerkischen Richtungen zuneigten.
+
+Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt.
+Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den
+Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur
+tuerkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf
+den Austausch von Ansprachen beschraenkt. Die Erwiderung des Thronfolgers
+auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem
+entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.
+
+Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
+persoenlichen Einfluss auszuueben. Er wollte auch die Armeen in den
+entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Maengel haetten
+beseitigt werden koennen, wage ich nicht zu entscheiden.
+
+Das Land war durch den Kriegszustand voellig erschoepft. Es konnte dem Heere
+kaum noch irgend welche neuen Kraefte bieten. So gelang es auch waehrend des
+Sommers nicht, die Verhaeltnisse an der syrischen Front wesentlich zu
+staerken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu
+klaeglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes haette geleistet werden
+koennen. Die Zustaende in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die
+Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu bestaendig in ungestilltem
+Hunger dahin, koerperlich muede, seelisch empfindungslos.
+
+Wie ich schon frueher anfuehrte, mussten wir auf das Wegziehen der deutschen
+Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Fuehrung
+glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu
+koennen. Man schaetzte freilich den Angriffsgeist der gegenueberstehenden
+englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen
+mohammedanisch-indischer Ueberlaeufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die
+bisherigen Leistungen der englischen Fuehrung so wenig eindrucksvoll, dass
+man sich zu der Hoffnung berechtigt fuehlte, mit den vorhandenen geringen
+Kraeften dem Feinde wenigstens die Moeglichkeit eines weiteren Widerstandes
+vortaeuschen zu koennen. Wie lange eine solche Taeuschung vorhielt, hing
+lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
+kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Geruest
+des tuerkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stuetzen
+umwerfen wuerde oder nicht.
+
+Am 19. September griff der Englaender ueberraschend den rechten tuerkischen
+Heeresfluegel in den Kuestenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die
+dortigen Linien. Die Niederlage der beiden tuerkischen Armeen an der
+syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
+indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.
+
+In diesen Tagen wurde die Tuerkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
+ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
+dadurch im ersten Augenblick auf der europaeischen Landseite voellig
+schutzlos. Die tuerkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der
+letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen
+der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen
+steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfaehigen
+Kuestenbesatzung ungeschuetzt. Die Befestigungen der beruehmten
+Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schuetzengraeben, wie sie
+nach den Kaempfen der Jahre 1912/13 von den tuerkischen Truppen verlassen
+waren. Alles uebrige war nur in der Phantasie oder auf truegerischen Plaenen
+vorhanden. Man mag ueber diese Zustaende nachtraeglich den Kopf schuetteln,
+letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der grosse Wille, alle
+vorhandenen Kraefte auf den entscheidenden Aussenposten zu verwenden. Wehe
+dann freilich, wenn der aeussere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die
+feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.
+
+Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
+Eindruecken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch
+wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte
+Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter
+Widerstand waere jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der
+moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige
+Ueberfuehrung von deutschen Landwehrformationen aus dem suedlichen Russland
+nach Konstantinopel an. Auch entschloss sich die Tuerkei dazu, alle aus
+Transkaukasien zurueckgerufenen Divisionen zunaechst nach Thrazien zu
+werfen. Bis jedoch nennenswerte Kraefte Konstantinopel erreichen konnten,
+musste geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte,
+um sich der Hauptstadt zu bemaechtigen, laesst sich nach den bis jetzt
+vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Tuerkei vor einer
+unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber
+Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.
+
+
+
+ Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn
+
+
+Nach den vergeblichen Angriffen des oesterreichisch-ungarischen Heeres in
+Oberitalien zeigte sich immer mehr, dass die Donaumonarchie ihre letzte und
+beste Staerke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so
+viel zahlenmaessige und sittliche Kraefte, um einen solchen Angriff
+wiederholen zu koennen. Die Verhaeltnisse dieses Heeres traten uns so recht
+deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer
+Unterstuetzung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz
+war unmoeglich, wenn man spaeter groessere Kampfleistungen von ihnen verlangen
+wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der
+Ausruestung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen
+ebenso rueckhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k.
+Armee-Oberkommandos. Alle oesterreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben
+sich die groesste Muehe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in
+verhaeltnismaessig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend
+leistungsfaehig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht
+wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Taetigkeit und Einsicht der
+Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.
+
+Die grossen Verluste der oesterreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,
+die mangelhaften Ersatzverhaeltnisse, die politische Unzuverlaessigkeit
+einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustaende im Innern des Landes
+machten eine wirklich grosse und ausschlaggebende Unterstuetzung unserer
+Westfront leider unmoeglich. General von Arz musste sich angesichts dieser
+Verhaeltnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die
+er uns schicken wollte, von der Seele reissen. Er selbst war von der grossen
+Bedeutung dieser Hilfe durchaus ueberzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob
+man in allen oesterreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen
+Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man ueberall die gleiche
+Dankesschuld uns gegenueber empfand, wie General von Arz.
+
+An den oesterreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf
+des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische
+Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort
+hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenuebergestanden, die
+Italiener, etwa ein verstaerktes Armeekorps, um Valona und oestlich, die
+Oesterreicher im noerdlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz waere ohne jede
+militaerische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den
+mazedonischen Fronten gehabt haette. Bulgarien befuerchtete bestaendig, dass
+durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte
+Flanke seiner Heeresfront umfasst werden koennte. Militaerisch waere einem
+solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zuruecknahme des bulgarischen
+Westfluegels aus dem Gebiete von Ochrida in nordoestlicher Richtung zu
+begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhaeltnisse Bulgariens
+machten, wie ich das schon erwaehnt habe, damals jedes Zurueckziehen
+bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmoeglich. Dazu kamen
+bulgarisch-oesterreichische Eifersuechteleien in Albanien, die mit Muehe von
+uns ausgeglichen worden waren.
+
+Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Oesterreicher ihre
+italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die
+ausserordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstuetzpunktes als zweiter
+Torfluegel zur Sperrung der Adria war mit den Haenden zu greifen. Fuer eine
+solche Operation fehlte jedoch fuer Oesterreich-Ungarn die erste
+Voraussetzung, naemlich die entsprechende leistungsfaehige, rueckwaertige
+Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein
+solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in
+dem oeden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und
+Oesterreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in
+genuegendem Umfang schaffen.
+
+Die oesterreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in
+einer Art von Dornroeschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch
+gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer
+Tatkraft gestoert wurden. Einen groesseren Ernst nahm die Lage in Albanien
+erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten
+Angriff von der Meereskueste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.
+Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlaessigten
+oesterreichisch-ungarischen Verbaende wurden nach Norden zurueckgedrueckt.
+Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der
+mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste
+Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens
+an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die oesterreichischen Kraefte in
+Albanien zu verstaerken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen
+Flanke durchfuehren zu koennen. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung
+entschloss sich darueber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die
+Italiener wurden wieder zurueckgeschlagen.
+
+Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend
+welche weiter gesteckten politischen und militaerischen Ziele im Auge
+hatte. Besonders muss ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem spaeter
+einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front
+in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der oesterreichische
+Gegenangriff stellte angesichts der ganz ausserordentlichen Schwierigkeiten
+in den albanischen Gelaendeverhaeltnissen und der feindlichen zahlenmaessigen
+Ueberlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient
+durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.
+
+Die inneren Verhaeltnisse Oesterreich-Ungarns hatten sich im Laufe des
+Jahres 1918 in der frueher erwaehnten bedenklichen Richtung weiter
+entwickelt. Die ungewoehnlichen Schwierigkeiten in der Volksernaehrung
+bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein
+Wunder, dass die oesterreichisch-ungarischen Behoerden in dem Zusammenraffen
+greifbarer Verpflegungsbestaende, sei es in Rumaenien, sei es in der
+Ukraine, zu Massnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im hoechsten
+Grade entgegengesetzt waren.
+
+Unter den trueben politischen Verhaeltnissen Oesterreich-Ungarns war es nicht
+weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklaert wurde, dass eine
+Weiterfuehrung des Krieges ueber das Jahr 1918 hinaus von seiten der
+Donaumonarchie ausgeschlossen waere. Der Drang nach Abschluss der
+Feindseligkeiten aeusserte sich immer haeufiger und immer staerker. Ob dabei,
+wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu
+spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluss ausuebte,
+lasse ich dahingestellt sein.
+
+Im Sommer erfolgte der Ruecktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als
+Aussenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, dass die von seinem Kaiser
+an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unueberbrueckbaren
+Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen haetten. Mir war der
+Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensaetze, die zwischen
+seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns
+gegenueber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.
+
+Fuer mich war Graf Czernin der typische Vertreter der
+oesterreichisch-ungarischen Aussenpolitik. Er war klug und von scharfem
+Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von
+zutreffender, rueckhaltsloser Kritik der Schwaechen des von ihm vertretenen
+Staatswesens. Seine politischen Plaene bewegten sich dabei aber weit mehr
+im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Fuer
+die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes
+Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in
+der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht.
+Aus diesen Widerspruechen kam es, dass er fuer die Doppelmonarchie
+Erweiterung ihrer Machtsphaere anzustreben nicht aufhoerte, auch wenn er
+gleichzeitig uns Deutschen grosse Opfer fuer die Interessen der verbuendeten
+Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschaetzte, wie alle
+oesterreichisch-ungarischen Staatsmaenner dieser Zeit, die
+Leistungsfaehigkeit seines Vaterlandes. Sonst haette er nicht im Fruehjahr
+1917 kurz nach seiner Amtsuebernahme von der Unmoeglichkeit weiteren
+Durchhaltens sprechen duerfen, obwohl die oesterreichisch-ungarische Kraft
+noch laenger ausreichte und auch bei der Geschaeftsniederlegung des Grafen
+noch keineswegs bei dem Erschoepfungstod angelangt war. Es lag in den
+Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben.
+Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers
+Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster
+Ueberzeugung unterstuetzte, vermochte ich waehrend seiner Amtsfuehrung nicht
+klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in
+einer uebertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der
+Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenueber enthalten
+waren. Nur so wird es verstaendlich, dass er in einer Zeit des scheinbar
+beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Misserfolges der
+feindlichen Fruehjahrsoffensive und der Rueckwirkung der staatlichen
+Aufloesung in Russland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die
+Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.
+
+Ich war der Meinung, dass es Graf Czernin an der bundesbruederlichen
+Gesinnung uns gegenueber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei
+den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei
+Ueberraschungen stellte. Er befuerchtete damals wohl, dass die Donaumonarchie
+ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht ueberwinden koennte, und
+dass der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit
+der Ukraine forderte.
+
+Unter der aussenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage
+zwischen uns und Oesterreich-Ungarn keinen Abschluss. Eine Preisgabe ganz
+Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon frueher beruehrten
+Gruenden fuer uns unannehmbar.
+
+Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner
+Taetigkeit als Aussenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pless bekannt
+geworden. Bei der Umstaendlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren
+Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in
+absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muss auch offen eingestehen, dass meine
+Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in
+Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren
+Verhandlungen.
+
+Bei seiner Wiederberufung als Aussenminister hatte Graf Burian das
+begreifliche Bestreben, moeglichst bald einen Ausweg aus unserer
+politischen Lage zu finden. Es war menschlich verstaendlich, dass er unter
+dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit groesster
+Hartnaeckigkeit zum Frieden draengte. Nach meiner Anschauung sollte indessen
+keiner der verbuendeten Staaten aus dem Rahmen der politischen
+Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war
+ein Irrtum, zu glauben, dass dadurch jetzt noch wesentliches fuer einen
+Einzelstaat oder fuer unsere Gesamtheit gebessert werden koenne. Der
+tuerkische Grosswesir, der in der ersten Septemberhaelfte in Spa weilte,
+beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu
+gleichem Zeitpunkt davon, dass Friedensbestrebungen seines Landes ausserhalb
+des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen koennten. Vielleicht ahnte der
+Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor
+in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.
+
+Aus den angefuehrten Gruenden heraus fuehlte ich mich nicht veranlasst, den
+oesterreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente
+einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, fuer gluecklich zu halten.
+Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenueber in der Tat auch
+voellig ablehnend. Sie uebersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als
+dass sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten.
+Die Frage weiterer Menschenopfer spielte fuer sie keine Rolle. Die
+Befuerchtung, dass wir Deutschen uns rasch wieder erholen koennten, wenn uns
+auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen wuerde, beherrschte voellig den
+feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere
+Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch
+machten. Fuer uns ein stolzes Gefuehl mitten in alledem, was um uns zurzeit
+vorging und noch vorgehen sollte!
+
+
+
+
+ Dem Ende entgegen
+
+
+
+ Vom 29. September zum 26. Oktober
+
+
+Waere in dem Buch des grossen Krieges das Kapitel ueber das Heldentum des
+deutschen Heeres nicht schon laengst geschrieben gewesen, so wuerde es in
+dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Soehne in ewig
+unausloeschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
+wurden in diesen Wochen an die Koerper- und Seelenkraefte von Offizieren und
+Mannschaften aller Staebe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mussten
+auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem
+Schlachtfeld auf das andere gefuehrt werden. Kaum, dass die sogenannten
+Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbaende neu zu
+ordnen, ihnen Ersatz zuzufuehren, die Bestaende aufgeloester Divisionen in
+die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen
+wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,
+den feindlichen Anstuermen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade
+bis zu den hoeheren Staeben hinauf wurden Mitkaempfer in den vordersten
+Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja
+vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum Aeussersten."
+
+Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
+glaenzender Erfolge. Fuer mich kann der Anblick solch todesmutigen Kaempfens
+nicht beeintraechtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des
+Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder
+Aufschwung siegreichen Kraftgefuehles fehlt, muessen menschliche Schwaechen
+staerker zur Geltung kommen als sonstwo.
+
+Fuer zusammenhaengende Linien fehlte es an Kraeften. In Gruppen und Grueppchen
+leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner
+sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine
+Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertoetet hat, da schreitet er
+nur selten noch zu grossen Gefechtshandlungen. Er stuermt nicht auf unsern
+Widerstand los, er schleicht sich allmaehlich ein in unsere lueckenreichen,
+zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung
+immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu koennen bis zur
+Erlahmung des Gegners.
+
+Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
+frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
+stehen hart vor dem Zusammenbruch.
+
+Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
+vermoegend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann
+muessen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Faellen an die
+grosse Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie
+nicht zur Vorsicht, sondern zur Kuehnheit. Richte ich meine Blicke auf die
+Gestalt unseres groessten Koenigs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!"
+
+Gewiss, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre frueher
+waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk fuehrt den Krieg,
+ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im
+Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Staerken und Schwaechen. Und
+wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,
+dieses niemals!
+
+So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.
+Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir
+allein. Niemand raet uns als die eigene Ueberzeugung und das Gewissen.
+Nichts haelt uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in
+mir stark genug, um auch noch andere zu stuetzen.
+
+Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
+Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
+moegen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrueckende
+Ueberlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch
+unsere Kraefte sichtlich ab. Sie werden um so frueher versagen, je
+bedrueckender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer
+schliesst die Luecke, wenn Bulgarien endgueltig zusammenbricht? Manches
+koennen wir wohl noch leisten, aber wir vermoegen nicht eine neue Front
+aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,
+aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch
+gefechtsfaehige Verbaende; eine der anrollenden oesterreichisch-ungarischen
+Divisionen wird fuer voellig unbrauchbar erklaert; sie besteht aus Tschechen,
+die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in
+Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermuerbt die dortige
+Niederlage doch zweifellos den treuen tuerkischen Genossen, der nun auch in
+Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumaenien sich verhalten, was werden
+die grossen Truemmer Russlands tun? Alles dies draengt auf mich ein und
+erzwingt den Entschluss, nun doch ein Ende zu suchen, das heisst ein Ende in
+Ehren. Niemand wird sagen: "Zu frueh."
+
+In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluss trifft mich mein
+Erster Generalquartiermeister am spaeten Nachmittag des 28. September. Ich
+sehe ihm an, was ihn zu mir fuehrt. Wie so oft seit dem 23. August 1914
+fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.
+Unser schwerster Entschluss wird auf gleicher Ueberzeugung gefasst.
+
+In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem
+Staatssekretaer des Auswaertigen Amtes. Die Lage nach aussen wird von ihm mit
+wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen
+Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch
+Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Maechte irgend eine Annaeherung an
+die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretaer bespricht
+dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Tuere, man
+habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;
+parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.
+
+Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat
+gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden
+auferlegen muessen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen
+ueber die Lage an der Front und ueber unsere Zukunft ausloesen wird. In
+diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste
+Enttaeuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach
+einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen
+Leidenschaften in hoehere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung
+werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung
+sondern in derjenigen der weiteren Zerstoerung. Die das Unkraut in unsere
+Saat gesaeet haben, werden die Zeit der Ernte fuer gekommen erachten. Wir
+beginnen, zu gleiten.
+
+Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
+stimmen zu koennen, der sich durch das Schwert nicht zwingen liess? Fragt
+diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
+Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
+feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
+verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwuerdiger behandelt
+als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im
+Kleinen wird sich im Grossen, ja im Groessten wiederholen.
+
+Wir muessen auch befuerchten, dass die Bildung einer neuen Regierung den
+Schritt, den wir so lange als moeglich hinausschoben, noch weiter verzoegern
+wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die
+staatliche Neuordnung verspaetet werden?
+
+Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.
+
+Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestaet dem Kaiser
+unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhoechsten
+Kriegsherrn zur Begruendung des politischen Aktes die militaerische Lage zu
+schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
+Majestaet billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.
+
+Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer
+mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch
+das Andere zusammen. In dem gegenwaertigen Augenblick, mehr wie in jedem
+anderen vorher, muss sich dies beweisen.
+
+Mein Allerhoechster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurueck, wohin ich ihm am
+1. Oktober folge. Ich moechte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen
+meiner beduerfen sollte. Politische Einwirkungen ausueben zu wollen, lag mir
+fern. Zu Aufschluessen fuer die sich neubildende Regierung war ich bereit
+und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Ueberzeugung
+moeglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekaempfen und Vertrauen wieder
+aufzurichten. Die innern Erschuetterungen erwiesen sich aber bereits als zu
+schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu koennen. Ich selbst hatte auch
+damals noch die feste Zuversicht, dass wir dem Gegner trotz des Abnehmens
+unserer Kraefte das Betreten unseres vaterlaendischen Bodens monatelang
+verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht
+hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, dass
+unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Sueden bedroht wuerden, und
+dass die Heimat in ihrem Innern feststand.
+
+In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den
+Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar
+dieses Jahres aufgestellten Grundlinien fuer einen "gerechten Frieden"
+waren von uns angenommen worden.
+
+Uns selbst blieb zunaechst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen
+der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kaempferzahlen, die
+wiederholten Einbrueche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
+weiterem allmaehlichen Ausweichen in kuerzere Linien. Was ich der
+Reichsleitung am 3. Oktober erklaert hatte, wurde ausgefuehrt: Wir
+klammerten uns so viel wie moeglich an den feindlichen Boden. Die
+Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte
+August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine
+gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem
+Glauben, dass wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in
+der Hoffnung, dass die Gegner voellig erlahmen wuerden. So war der endgueltige
+Ausgang des Kampfes nicht mehr zu aendern, wenn es uns nicht gelang, ein
+Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine
+Massenerhebung des Volkes wuerde den Eindruck auf den Gegner und unser
+eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare
+Lebensstaerke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser
+Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.
+
+Die Heimat erlahmte frueher als das Heer. Unter diesen Umstaenden vermochten
+wir dem immer haerter werdenden Druck des Praesidenten der Vereinigten
+Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
+entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und
+Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in
+verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riss wurde nicht mehr beseitigt.
+Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus
+folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:
+
+ "Euerer Grossherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, dass ich in den
+ letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und fuer die Armee
+ schmerzlich vermisst habe.
+
+ Ich habe von der neuen Regierung erhofft, dass sie alle Kraefte des
+ gesamten Volkes in den Dienst der vaterlaendischen Verteidigung sammeln
+ wuerde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
+ Ausnahmen abgesehen, nur von Versoehnung, nicht aber von Bekaempfung des
+ dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
+ niederdrueckend, dann erschuetternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
+ dies.
+
+ Zur Fuehrung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
+ Menschen sondern den Geist der Ueberzeugung fuer die Notwendigkeit, zu
+ kaempfen, und den seelischen Schwung fuer diese hohe Aufgabe.
+
+ Euere Grossherzogliche Hoheit werden mit mir ueberzeugt sein, dass, in
+ Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
+ Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
+ hineintragen und erhalten muessen.
+
+ An Euere Grossherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte
+ ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen."
+
+Es war zu spaet. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
+26. Oktober gebracht.
+
+Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
+mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
+Allerhoechsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Grossen Hauptquartier
+zurueck. Ich war allein. Seine Majestaet hatte dem General Ludendorff den
+erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.
+
+Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsraeume wieder.
+Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren
+Toten in die veroedete Wohnung zurueckkehrte.
+
+Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
+meinen vieljaehrigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich
+habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
+dankerfuellten Herzen stets gefunden!
+
+
+
+ Vom 26. Oktober zum 9. November
+
+
+Mein Allerhoechster Kriegsherr verfuegte auf meine Bitte die Ernennung des
+Generals Groener zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus
+seinen frueheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wusste, dass er eine
+vortreffliche organisatorische Begabung und eine gruendliche Kenntnis der
+inneren Verhaeltnisse unseres Vaterlandes besass. Die kommenden gemeinsamen
+Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafuer, dass ich mich in meinem
+neuen Mitarbeiter nicht getaeuscht hatte.
+
+Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
+undankbar. Sie forderten eine rastlose Taetigkeit, eine volle
+Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen
+hingebendster Pflichterfuellung, und auf jede andere Anerkennung, als
+diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Groesse
+und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.
+
+Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich moechte
+sie nur in Streiflichtern beleuchten:
+
+Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
+zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Haende der
+Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehoert, zu
+bestehen. Georgien musste von uns geraeumt werden, nicht weil wir
+militaerisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen
+Plaene dort unausfuehrbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend
+gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stuetze der
+Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurueckgeholt. Die
+Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch
+kuehne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfuer
+ist unbekannt. Er mag in sachlich fuer uns damals nicht verstaendlichen
+militaerischen Bedenken liegen; es koennen aber auch politische Erwaegungen
+hierbei fuer die Entente ausschlaggebend gewesen sein.
+
+Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Tuerkei stand, wurde in
+Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam
+verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem
+Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen
+uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen bluehen
+sahen, und die sich durch Hassesaeusserungen einen Vorschuss auf die
+Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane
+wusste, dass wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum spaeteren
+Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.
+
+Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Taetigkeit ab, von
+ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.
+
+Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerueckt. Auch ihnen folgte so
+manches dankbare Gefuehl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
+ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Fuehrer des bulgarischen
+Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
+nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
+den Aeusserungen dieses ehrlichen Offiziers zu fuehlen glaubte: "Waere ich
+politisch frei gewesen, so haette ich militaerisch anders gehandelt." Die
+Einsicht kam wohl zu spaet, bei ihm wie an anderen Stellen.
+
+Oesterreich-Ungarn loeste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner
+Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
+Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
+die Deutschen. Konnte das ueberraschend wirken? Gehoerte dieser Hass nicht
+zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders
+empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
+gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
+begruesst, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwoehnt worden, als es
+sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
+empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbuergens erschienen!
+Dankesbetaetigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
+noch weit seltener.
+
+Dagegen fanden wir in Rumaenien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
+dass ohne Zertruemmerung Russlands ein freies rumaenisches Leben sich nicht
+haette verwirklichen lassen.
+
+Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Hass ehemaliger
+Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
+verfehlten politischen und militaerischen Haltung erblicken, so uebersehen
+sie dabei wohl, dass Ausbrueche des Hasses aus Freundesmund auch im
+feindlichen Lager ertoenten. Ballten sich doch Faeuste franzoesischer
+Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
+Bundesgenossen. Riefen doch franzoesische Stimmen zu uns herueber: "Heute
+mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein
+franzoesischer Soldat im Maerz des Jahres 1918, hinweisend auf die Truemmer
+des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
+Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!"
+
+Ich hoffe, dass die Aeusserungen des Missverstehens zwischen uns und unsern
+ehemaligen Verbuendeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die duestern
+Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhuellen, und die unsern
+bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen
+Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch
+ihrer Plaene und Traeume eingesetzt wurde.
+
+Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab ueberall; nur an der
+Westfront wussten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwaecher wurde dort
+der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer
+kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer groesser wurden die
+freien Luecken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche
+Divisionen, und Grosses haette geleistet werden koennen. Vergebliche Wuensche,
+eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein
+neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!
+
+General Groener begibt sich am 1. November zur Front. Das Zuruecknehmen
+unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
+demnaechstige Sorge. Der Entschluss ist einfach, die Ausfuehrung schwer.
+Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwaerts in dieser Linie, doch
+kostbarer als dessen Rettung ist fuer uns die Zurueckfuehrung von 80.000
+Verwundeten in den vorwaerts befindlichen Lazaretten. So wird die
+Durchfuehrung des Entschlusses aus Dankesgefuehlen, die wir unseren
+blutenden Kameraden schulden, verzoegert. Dauernd kann freilich die jetzige
+Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kraefte nunmehr zu
+schwach und zu muede geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den
+frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im
+Maasgebiet ausgeuebt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die
+Vereinigten Staaten fuer die Zukunft belehrt haben, dass das Kriegshandwerk
+nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, dass die Unkenntnis dieses
+Handwerkes im Ernstfalle Stroeme von Blut kostet.
+
+Mit der deutschen Kampflinie haelt damals auch noch die Etappe, der
+Lebensnerv, der zur Heimat fuehrt. Duestere Bilder zeigen sich freilich hier
+und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
+indessen nicht mehr dauern koennen. Die Spannung ist auf das aeusserste
+gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschuetterung, sei es in Heimat oder
+Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.
+
+Das sind meine Eindruecke in den ersten Tagen des November.
+
+Die befuerchtete Erschuetterung kuendigt sich an. In der Heimat regt es sich
+mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Groener
+in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muss, wenn man jetzt
+in den letzten Stunden nicht zusammenhaelt. Er tritt fuer seinen Kaiser ein
+und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!
+Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall
+entgeht der General auf der Rueckreise ins Hauptquartier den Haenden der
+Revolutionaere. Das ist am Abend des 6. November.
+
+Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskoerper zu schuetteln. Ruhiges
+Ueberlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen fuer das Ganze,
+sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
+nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plaenen. Denn gibt es einen
+wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmoeglich zu machen?
+War je ein groesseres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse
+entsprungen? Der Koerper wird nach aussen machtlos; zwar schlaegt er noch um
+sich, aber er stirbt. Ist es ueberraschend, dass der Gegner mit solch einem
+Koerper macht, was er will, dass er seine harten Bedingungen noch haerter
+auslegt, als er sie geschrieben hat?
+
+Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkuendet hatte,
+sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem
+Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht
+entspringt.
+
+So ist die Lage am 9. November. Das Drama schliesst an diesem Tage nicht,
+erhaelt aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
+seinen Gruenden. Er trifft zunaechst vernichtend die Stuetze des Heeres, den
+deutschen Offizier. Er reisst ihm, wie ein Fremdlaender sagt, den verdienten
+Lorbeer vom Haupte und drueckt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die
+blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Moege er
+jedem Deutschen zum Herzen sprechen!
+
+Das aeussere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
+Auch das deutsche Kaisertum faellt.
+
+Man verkuendet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Koenigs,
+ehe der Entschluss dazu von diesem gefasst ist. Auf dunklem Wege vollzieht
+sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte
+hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.
+
+Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
+zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Maenner, wuerdig des groessten
+Vertrauens und faehig des tiefsten Einblickes, erklaeren, dass unsere Truppen
+zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, dass sie aber die
+Front gegen die Heimat nicht nehmen wuerden.
+
+Ich bin meinem Allerhoechsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
+uebertraegt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurueckzufuehren. Als ich
+am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht
+mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
+ersparen, um ihm guenstigere Friedensbedingungen zu schaffen.
+
+Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
+verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Fuer hunderttausende
+getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fuehlens
+und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,
+vielen der Besten die Loesung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich
+voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe
+zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefuehl wiesen. Ich blieb auf meinem
+Posten.
+
+
+
+
+ Mein Abschied
+
+
+Wir waren am Ende!
+
+Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so
+stuerzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem
+versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere
+Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der uebriggebliebenen Kraefte unseres
+Heeres fuer den spaetern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war
+verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft.
+
+Heran an die Arbeit!
+
+Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere
+angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war,
+bemaechtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt,
+in der die aufgewuehlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes
+bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch -
+ich muss es offen aussprechen, wie ich denke:
+
+Kameraden der einst so grossen, stolzen deutschen Armee! Koenntet ihr vom
+Verzagen sprechen? Denkt an die Maenner, die uns vor mehr als hundert
+Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube
+an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue
+Vaterland, nicht es gruendend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern
+es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem
+Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird
+auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen
+vermag.
+
+Ich habe die feste Zuversicht, dass auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der
+Zusammenhang mit unserer grossen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er
+vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird
+sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Laeuterungen in
+dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die
+Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und hassten ihn in der Werktaetigkeit
+des Friedens, sie staunten ihn an und fuerchteten ihn auf den
+Schlachtfeldern des grossen Krieges. Sie suchten unsere Staerke mit dem
+leeren Worte "Organisation" ihren Voelkern begreiflich zu machen. Den
+Geist, der sich diese Huelle schuf, in ihr lebte und wirkte, den
+verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs
+neue mutvoll wieder aufbauen.
+
+Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler
+unerschoepflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange
+nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behaelt an seine grosse
+weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, dass es der
+Gedankentiefe und der Gedankenstaerke der Besten unseres Vaterlandes
+gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schaetzen der frueheren Zeit zu
+verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu praegen, zum Heile
+unseres Vaterlandes.
+
+Das ist die felsenfeste Ueberzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des
+Voelkerkampfes verliess. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes
+gesehen und glaube nie und nimmermehr, dass es sein Todesringen gewesen
+ist.
+
+Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des
+Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stuetzte. Ich konnte nur auf
+meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu
+Vaterland und Heer hinweisen.
+
+Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit
+bestand ich in Gedanken und Gefuehlen, fuer die ich nirgends einen besseren
+Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preussische
+Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811,
+inmitten der groessten politischen und militaerischen Noete unseres
+geknechteten Heimatlandes, an seinen Koenig schrieb:
+
+ "Ich uebersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur
+ zwischen Unterjochung oder Ehre zu waehlen sein duerfte, da gibt mir die
+ Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert.
+
+ Niemals kann der Mensch mit Gewissheit den Ausgang eines begonnenen
+ Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach hoeherer Ueberzeugung nur
+ seinen Pflichten lebt, traegt einen Schild um sich, der in jeder Lage des
+ Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft
+ selbst zu einem gluecklichen Ausgang fuehrt.
+
+ Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwaermerei, sondern der
+ Ausdruck eines religioesen Gefuehles, das ich meinen Erziehern danke, die
+ mich frueh schon Koenig und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben
+ lehrten."
+
+Gegenwaertig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und
+toenender Redensarten unsere ganze fruehere staatliche Auffassung unter sich
+vergraben, anscheinend alle heiligen Ueberlieferungen vernichtet. Aber
+diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten
+Meere voelkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst
+die Hoffnung unserer Vaeter geklammert hat, und auf dem vor fast einem
+halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft
+vertrauensvoll begruendet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der
+nationale Gedanke, das nationale Bewusstsein wieder erstanden, dann werden
+fuer uns aus dem grossen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz
+und reinerem Gewissen zurueckblicken kann als das unsere, so lange es treu
+war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich
+wertvolle Fruechte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an
+Deutschlands Groesse gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen.
+
+In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf
+Dich - Du deutsche Jugend!
+
+
+
+
+
+
+ PERSONENVERZEICHNIS
+
+
+_Albrecht von Preussen_, Prinz 28.
+
+_Alexander von Preussen_, Prinz 49. 54.
+
+_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25.
+
+_Arz_, von, General 236. 309. 384.
+
+_August von Wuerttemberg_, Prinz 33.
+
+_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61.
+
+
+_Bartenwerffer_, von, Oberst 52.
+
+_Bazaine_, Marschall 30.
+
+_Below_, von, General 87.
+
+_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49.
+
+_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232.
+
+_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285.
+
+_Bismarck_, Otto, Fuerst 39. 45. 74. 200. 201. 215.
+
+_Bluecher_, General 27. 77. 110. 234. 328.
+
+_Blumenthal_, von, General 21.
+
+_Boelcke_, Hauptmann 175.
+
+_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374.
+
+_Bothmer_, Graf, General 143.
+
+_Boyen_, Herrmann von 405.
+
+_Bronsart_, von, General 57.
+
+_Brussilow_, General 142. 249.
+
+_Buelow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62.
+
+_Burian_, Baron, Minister 210. 388.
+
+
+_Cadorna_, General 261. 262.
+
+_Canrobert_, Marschall 33.
+
+_Clausewitz_, General 101. 234.
+
+_Clemenceau_, Ministerpraesident 293.
+
+_Conrad von Hoetzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261.
+
+_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388.
+
+
+_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49.
+
+
+_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123.
+
+_Elisabeth_, Koenigin 13.
+
+-, Grossherzogin von Oldenburg 59.
+
+_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207.
+208. 270. 272. 275. 310. 398.
+
+_Escherich_, Forstmeister 133.
+
+_Ewert_, Generaladjutant 139.
+
+
+_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276.
+
+_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389.
+
+_Fichte_, Philosoph 176.
+
+_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364.
+
+_Francois_, von, General 86. 88. 90.
+
+_Franz Joseph I._, Kaiser von Oesterreich 163.
+
+_Freytag-Loringhoven_, von, General 57.
+
+_Friedrich II._, Erbgrossherzog von Baden 60.
+
+_Friedrich August II._, Grossherzog von Oldenburg 59.
+
+_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55.
+
+_Friedrich Wilhelm I._, Koenig von Preussen 281.
+
+_Friedrich der Grosse_ 17. 234.
+
+_Friedrich Wilhelm IV._, Koenig von Preussen 13.
+
+_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56.
+
+
+_Gallwitz_, von, General 128.
+
+_Gneisenau_, General 27. 77. 110.
+
+_Goltz_, von der, General 99.
+
+_Groeben_, von der 5.
+
+_Groener_, General 397. 400. 401.
+
+
+_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279.
+
+_Hann von Weyherrn_, General 51.
+
+_Helldorff_, von, Major 31.
+
+-, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31.
+
+_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363.
+
+_Hintze_, Staatssekretaer 393.
+
+_Hutier_, von, General 57. 137.
+
+
+_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398.
+
+_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26.
+
+
+_Kaemmerer_, Major 172.
+
+_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254.
+
+_Kessler_, Oberst 49.
+
+_Kobelt_, Lehrer 7.
+
+_Koenig_, Kapitaen 175.
+
+_Krupp_, Grossindustrieller 327.
+
+
+_Lansdowne_, Lord 290.
+
+_Lauenstein_, von, General 57.
+
+_Lenin_, Minister 305.
+
+_Leopold von Bayern_, Prinz 61.
+
+_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173.
+
+_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147.
+169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397.
+
+_Ludwig III._, Koenig von Bayern 286.
+
+_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62.
+
+_Luettwitz_, von, General 57.
+
+
+_Mac Mahon_, Marschall 37.
+
+_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256.
+
+_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8.
+
+_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285.
+
+_Miroslawski_, polnischer Fuehrer 7.
+
+_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200.
+
+-, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76.
+
+
+_Napoleon I._, Kaiser 4. 234.
+
+_Napoleon III._, Kaiser 37. 40.
+
+_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Grossfuerst 107.
+
+_Nikolaus II._, Zar von Russland 246.
+
+_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242.
+
+
+_Pape_, von, Generalleutnant 35.
+
+_Petersdorff_, von, Oberst 51.
+
+_Pless_, von, Fuerst 235.
+
+
+_Radoslawow_, Ministerpraesident 167. 205. 282. 367.
+
+_Rappard_, von, Frau 8.
+
+_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94.
+95. 97. 98. 100. 101.
+
+_Richter_, Professor, Historiker 49.
+
+_Richthofen_, von, Rittmeister 175.
+
+_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56.
+
+
+_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94.
+
+_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187.
+
+_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57.
+
+_Scharnhorst_, General 27. 275.
+
+_Schlieffen_, Graf von, General 53.
+
+_Scholtz_, von, General 86. 88.
+
+_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26.
+
+_Schwickart_, Generalarzt 5.
+
+_Seegenberg_, von, Major 29.
+
+_Seel_, von, Major 29. 36.
+
+_Sievers_, General 124.
+
+_Sixtus von Parma_, Prinz 386.
+
+_Skobeleff_, General 51.
+
+_Sperling_, von, General 51.
+
+_Stein_, von, General 57.
+
+_Steinmetz_, von, General 20.
+
+_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131.
+
+
+_Talaat Pascha_, Grosswesir 166. 167. 208. 389. 398.
+
+_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57.
+
+_Tirpitz_, von, Grossadmiral 131. 132.
+
+_Tisza_, Graf, Minister 173.
+
+_Trotzki_, Minister 305. 306. 338.
+
+
+_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58.
+
+_Villaume_, Hauptmann 49.
+
+_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60.
+
+
+_Waldersee_, Graf, Major 24.
+
+-, General 51. 54.
+
+_Wartensleben_, Graf, General 62.
+
+_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215.
+
+_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170.
+187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396.
+397. 402.
+
+_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196.
+
+_Wilson_, Praesident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231.
+232. 395.
+
+_Winterfeldt_, von, General 54. 55.
+
+_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49.
+
+_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113.
+
+
+_York_, General 9.
+
+
+_Zeppelin_, Graf 175.
+
+_Zingler_, von, Oberstleutnant 51.
+
+ Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von
+ H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius
+ Hager, Huebel & Denck, Leipziger Buchbinderei
+ A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche
+ Buchbinderei, saemtliche in Leipzig.
+ Druckaufsicht und Einbandentwurf
+ von _Walter Tiemann_
+
+
+
+
+
+ Verlag von S. Hirzel in Leipzig
+
+ ---------------------------------------------------
+
+ Heinrich von Treitschke:
+
+ Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert
+
+ Fuenf Baende
+
+ 10. Auflage Gebunden 190 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Briefe
+
+ Herausgegeben von
+
+ Max Cornicelius
+
+ Drei Baende
+
+ 2. Auflage Gebunden 112,80 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Politik
+
+ Vorlesungen, gehalten an der Universitaet Berlin
+
+ Herausgegeben von
+
+ Max Cornicelius
+
+ Zwei Baende
+
+ 4. Auflage Gebunden 47 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Historische und Politische Aufsaetze
+
+ Vier Baende
+
+ 8. Auflage Gebunden 81,60 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Im Sommer 1920 liegt vollstaendig vor:
+
+ Eine Weltreise 1911/1912
+
+ und
+
+ Der Zusammenbruch Deutschlands
+
+ Eindruecke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914
+ mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919
+
+ von
+
+ Friedrich von Bernhardi
+ General der Kavallerie z. D.
+
+ *
+
+ Drei Baende
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Im Sommer 1920 erscheint:
+
+ Freiherr vom Stein
+
+ von
+
+ Professor Dr. Max Lehmann
+ Geheimer Regierungsrat
+
+ *
+
+ Volksausgabe in einem Bande
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben, ebenso die Abkuerzung "km") und einzelne Woerter aus fremden
+Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt
+sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne
+Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier
+durch Unterstrich gekennzeichnet).
+
+Fuenf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium
+untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist.
+
+In der Originalausgabe sind laengere Zitate in den meisten Faellen mit
+Anfuehrungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen
+Fassung sind sie stattdessen durch Einrueckung gekennzeichnet.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite IX: "139" in "140" geaendert (zweimal)
+ Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" geaendert
+ Seite 8: "derem" in "deren" geaendert (eventuell kein Druckfehler,
+ sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers)
+ Seite 24: "hin" in "hin-" geaendert
+ Seite 59: "frohen" in "frohe" geaendert
+ Seite 148: Punkt ergaenzt (nach "aufgegeben")
+ Seite 189: "1916" in "1917" geaendert
+ Seite 193: "uberwunden" in "ueberwunden" geaendert
+ Seite 202: Punkt ergaenzt (nach "fuer uns in sich")
+ Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" geaendert
+ Seite 407: Komma ergaenzt (vor "Grossherzogin von Oldenburg")
+ Seite 408: Punkt ergaenzt (nach "110")
+
+Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie
+"San-Muendung" und "Sanmuendung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa"
+und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung"
+und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen
+Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische
+Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S".
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+December 17, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>.
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30695.txt or 30695.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/6/9/30695/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License when you
+share it without charge with others.
+
+
+ 1.D.
+
+
+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
+downloading, copying, displaying, performing, distributing or creating
+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
+any work in any country outside the United States.
+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
+ included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org
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+
+ 1.E.2.
+
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is derived from the
+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
+
+
+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
+
+ 1.E.4.
+
+
+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
+
+
+ 1.E.5.
+
+
+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+
+
+ 1.E.6.
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+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
+
+
+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
+with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ 1.E.8.
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+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
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+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
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+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES -- Except for the "Right of
+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
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+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
+FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT
+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND -- If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file