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+ <title>Ein Kampf um Rom. Erster Band</title>
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+ <title>Ein Kampf um Rom: historischer Roman. Erster Band</title>
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+<head>Vorwort.</head>
+
+<p>
+Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt
+eines Romans gekleideten Bilder aus dem sechsten
+Jahrhundert enthalten meine in folgenden Werken
+niedergelegten Forschungen:
+</p>
+
+<p>
+Die Könige der Germanen. II. III. IV. Band.
+München und Würzburg 1862–1866.
+</p>
+
+<p>
+Prokopius von Cäsarea. Ein Beitrag zur Historiographie
+der Völkerwanderung und des sinkenden
+Römertums. Berlin 1865.
+</p>
+
+<p>
+Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen
+und Veränderungen, die der Roman an
+der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Das Werk ist 1859 in München begonnen, in
+Italien, zumal Ravenna, weitergeführt, und 1876
+in Königsberg abgeschlossen worden.
+</p>
+<closer>
+ <dateline rend="text-align: left"><name><hi rend='gesperrt'>Königsberg</hi></name>, Januar 1876.</dateline>
+ <signed><hi rend="bold">Felix Dahn.</hi></signed>
+</closer>
+
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+ <index index="toc" level1="Erstes Buch. Theoderich."/><index index="pdf" level1="Erstes Buch. Theoderich."/>
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+<head>Theoderich.</head>
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+ <p>»<hi rend='antiqua'>Dietericus de Berne, de quo<lb/>cantant rustici usque hodie.</hi>«</p>
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+<pb n='3'/><anchor id='Pg003'/>
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+<head>Erstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig
+nach Christus.
+</p>
+
+<p>
+Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche
+der Adria, deren Küsten und Gewässer zusammenflossen in
+unterscheidungslosem Dunkel: nur ferne Blitze warfen hier
+und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna.
+In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen
+und Pinien auf dem Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke
+westlich von der Stadt erhebt, einst gekrönt von einem
+Tempel des Neptun, der, schon damals halb zerfallen, heute
+bis auf dürftige Spuren verschwunden ist.
+</p>
+
+<p>
+Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm
+losgerissenes Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge
+hinunter, und schlug zuletzt platschend in das sumpfige
+Wasser der Kanäle und Gräben, die den ganzen Kreis der
+Seefestung umgürteten.
+</p>
+
+<p>
+Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte
+Platte von dem getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend
+auf die Marmorstufen, – Vorboten von dem
+drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes.
+</p>
+
+<p>
+Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu
+werden von einem Mann, der unbeweglich auf der zweithöchsten
+Stufe der Tempeltreppe saß, den Rücken an die
+höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in
+<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu
+blickte.
+</p>
+
+<p>
+Lange saß er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend:
+er achtete es nicht, daß ihm der Wind die schweren Regentropfen,
+die einzeln zu fallen begannen, ins Gesicht schlug,
+und ungestüm in dem mächtigen, bis an den ehernen Gurt
+wallenden Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des
+alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen
+nieder: »Sie kommen,« sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch
+von der Stadt her dem Tempel näherte: man hörte schnelle,
+kräftige Schritte und bald danach stiegen drei Männer die
+Stufen der Treppe herauf.
+</p>
+
+<p>
+»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der
+voranschreitende Fackelträger, der jüngste von ihnen, in
+gotischer Sprache mit auffallend melodischer Stimme, als
+er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der Vorhalle,
+erreicht.
+</p>
+
+<p>
+Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische
+Erzarbeit am Stiel, durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen
+Schirm, und den gewölbten durchbrochnen Deckel
+– und steckte es in den Erzring, der die geborstne Mittelsäule
+zusammenhielt.
+</p>
+
+<p>
+Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz
+mit lachenden, hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn
+teilte sich das lichtblonde Haar in zwei lang fließende
+Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine Schultern
+wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren
+von vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes
+deckte die freundlichen Lippen und das leicht gespaltene
+Kinn; er trug nur weiße Kleider: einen Kriegsmantel von
+feiner Wolle, durch eine goldne Spange in Greifengestalt
+<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>auf der rechten Schulter festgehalten, und eine römische
+Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt;
+weiße Lederriemen festigten die Sandalen an den
+Füßen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee;
+die nackten, glänzendweißen Arme umzirkten zwei breite
+Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze geschlungen,
+die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente,
+die Linke in die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang,
+zu seinen langsameren Weggenossen hinunterblickte, schien
+in den grauen Tempel eine jugendliche Göttergestalt aus
+seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
+Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger
+völlig verschiednen Ausdruck.
+</p>
+
+<p>
+Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und
+breiter, – tief in den mächtigen Stiernacken hinab reichte
+das dicht und kurz gelockte braune Haar, – und von fast
+riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht fehlte jener
+sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung,
+welche die Züge des jüngern Bruders verklärten:
+statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung der Ausdruck
+von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut: er trug eine
+zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein
+Haupt umhüllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und
+auf der rechten Schulter eine kurze, wuchtige Keule aus
+dem harten Holz einer Eichenwurzel.
+</p>
+
+<p>
+Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroßer
+Mann von gemessen verständigem Ausdruck. Er trug den
+Stahlhelm, das Schwert und den braunen Kriegsmantel
+des gotischen Fußvolks. Sein schlichtes, hellbraunes Haar
+war über der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte
+germanische Haartracht, die schon auf römischen Siegessäulen
+erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis heut’ erhalten
+<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>hat. Aus den regelmäßigen Zügen des offnen Gesichts,
+aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene Männlichkeit
+und nüchterne Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den
+Alten begrüßt hatte, rief der Fackelträger mit lebhafter
+Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muß
+es sein, zu dem du uns in solch’ unwirtlicher Nacht in
+diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast! Sprich
+– was soll’s geben?«
+</p>
+
+<p>
+Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen
+wendend: »Wo bleibt der Vierte, den ich lud?«
+</p>
+
+<p>
+– »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab.
+Du kennst ja seine Weise.«
+</p>
+
+<p>
+»Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer
+andern Seite des Hügels deutend.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger
+Erscheinung.
+</p>
+
+<p>
+Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft
+bleiches Antlitz, das fast blutleer schien; lange, glänzend
+schwarze Locken hingen von dem unbedeckten Haupt wie dunkle
+Schlangen wirr bis auf die Schultern. Hochgeschweifte,
+schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die großen,
+melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine
+Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen,
+glattgeschornen Mund, den ein Zug resignierten Grames
+umfurchte.
+</p>
+
+<p>
+Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die
+Seele schien vor der Zeit vom Schmerz gereift.
+</p>
+
+<p>
+Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem
+Erz und in seiner Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem
+lanzengleichem Schaft. Nur mit dem Haupte nickend begrüßte
+er die andern und stellte sich hinter den Alten,
+<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>der sie nun alle Vier dicht an die Säule, welche die Fackel
+trug, treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann:
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen
+gesprochen werden, unbelauscht, und zu treuen Männern,
+die da helfen mögen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: – euch
+hab’ ich gewählt, ihr seid die Rechten. Wenn ihr mich
+angehört habt, so fühlt ihr von selbst, daß ihr schweigen
+müßt von dieser Nacht.«
+</p>
+
+<p>
+Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten
+mit ernsten Augen an: »Rede,« sagte er ruhig, »wir hören
+und schweigen. Wovon willst du zu uns sprechen?«
+</p>
+
+<p>
+»Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das
+hart am Abgrund steht.«
+</p>
+
+<p>
+»Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling.
+Sein riesiger Bruder lächelte und erhob aufhorchend das
+Haupt.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein,
+ihr könnt es halten und retten.«
+</p>
+
+<p>
+»Verzeih’ dir der Himmel deine Worte!« – fiel der
+Blonde lebhaft ein – »haben wir nicht unsern König
+Theoderich, den seine Feinde selbst den Großen nennen,
+den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt?
+Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all’ seinen
+Schätzen? Was gleicht auf Erden dem Reich der Goten?«
+</p>
+
+<p>
+Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Theoderich,
+mein teurer Herre und mein lieber Sohn, was der wert
+ist, wie groß er ist, – das weiß am besten Hildebrand,
+Hildungs Sohn. Ich hab’ ihn vor mehr als fünfzig Jahren
+auf diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein
+gebracht und gesagt: »Das ist starke Zucht: – Du wirst
+Freude dran haben.«
+</p>
+
+<p>
+Und wie er heranwuchs – ich habe ihm den ersten
+<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>Bolz geschnitzt und ihm die erste Wunde gewaschen! Ich
+habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und
+ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne
+Land erkämpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuß für
+Fuß, und habe den Schild über ihn gehalten in dreißig
+Schlachten. Wohl hat er seither gelehrtere Räte und Freunde
+gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber klügere schwerlich
+und treuere gewiß nicht. Wie stark sein Arm gewesen,
+wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er
+war unterm Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen
+selbst den Griechlein an Klugheit, das hatte ich
+hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger Nestfalk,
+die Sonne beschienen.
+</p>
+
+<p>
+Aber der alte Adler ist flügellahm geworden!
+</p>
+
+<p>
+Seine Kriegsjahre lasten auf ihm – denn er und ihr
+und euer Geschlecht, ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen
+wie ich und meine Spielgenossen –: er liegt krank, rätselhaft
+krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal
+dort unten in der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark
+sein Arm noch sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn
+töten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag
+er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein
+Erbe, wer stützt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine
+Tochter, und Athalarich, sein Enkel: – ein Weib und ein
+Kind.«
+</p>
+
+<p>
+»Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem
+Helm und dem Schwert.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet
+römisch mit dem frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie
+gotisch denkt. Weh’ uns, wenn sie im Sturm das Steuer
+halten soll.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« – lachte der
+Fackelträger und schüttelte die Locken. »Woher soll er
+<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>blasen? Der Kaiser ist wieder versöhnt, der Bischof von
+Rom ist vom König selbst eingesetzt, die Frankenfürsten
+sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem
+Schild besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.«
+</p>
+
+<p>
+»Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach
+beistimmend der mit dem Schwert, »ich kenne ihn.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon
+sein rechter Arm, – – kennst du auch den? Unergründlich
+wie die Nacht und falsch wie das Meer ist Justinian:
+– ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich begleitete
+die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem
+Gelag: er hielt mich für berauscht: – der Narr, er weiß
+nicht, was Hildungs Kind trinken mag! – und fragte
+mich um alles, genau um alles, was man wissen muß,
+um – uns zu verderben. Nun, von mir hat er den
+rechten Bescheid gekriegt! Aber ich weiß es so gewiß wie
+meinen Namen: dieser Mann will dies Land, dies Italien
+wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten wird er
+darin übrig lassen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+»Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann
+viel. Byzanz kann viel.«
+</p>
+
+<p>
+Jener zuckte die Achseln.
+</p>
+
+<p>
+»Weißt du’s, wie viel?« fragte der Alte zornig.
+»Zwölf Jahre lang hat unser großer König mit Byzanz
+gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber damals warst du
+noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu.
+</p>
+
+<p>
+»Wohl!« – kam jenem der Bruder zu Hilfe. – »Aber
+damals standen die Goten allein im fremden Land. Jetzt
+haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen: wir haben
+eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.«
+</p>
+
+<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>
+
+<p>
+»Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das
+ist der Wahn. Und die Welschen unsre Helfer gegen
+Byzanz! Du junger Thor!«
+</p>
+
+<p>
+»Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete
+der Gescholtene.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns
+alle verderben werden. Fremd sind wir hier, fremd, heute
+wie vor vierzig Jahren, da wir von diesen Bergen niederstiegen
+und fremd werden wir sein in diesem Lande noch
+nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen
+Schuld ist das als die unsre? Weshalb lernen wir nicht
+von ihnen?«
+</p>
+
+<p>
+»Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm
+»schweig, Totila, mit solchen Gedanken: sie sind der Fluch
+meines Hauses geworden.« Sich mühsam beruhigend fuhr
+er fort:
+</p>
+
+<p>
+»Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder.
+Weh, wenn wir ihnen trauen! O daß der König nach
+meinem Rat gethan und nach seinem Sieg alles erschlagen
+hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden
+Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig
+hassen. Und sie haben Recht. Wir aber, wir sind die
+Thoren, sie zu bewundern.«
+</p>
+
+<p>
+Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling:
+»Und du hältst keine Freundschaft für möglich zwischen
+uns und ihnen?«
+</p>
+
+<p>
+»Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem
+Südvolk! Ein Mann tritt in die Goldhöhle des Drachen:
+er drückt das Haupt des Drachen nieder mit eherner Faust:
+der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner
+schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen
+<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>der Höhle. Was wird der Giftwurm thun? Hinterrücks,
+sobald er kann, wird er ihn stechen, daß der Verschoner
+stirbt.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein,« schrie
+der riesige Hildebad, »und laß dies Natterngezücht gegen
+uns aufzüngeln. Wir wollen sie niederschlagen – so!«
+und er hob die Keule und ließ sie niederfallen, daß die
+Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in
+seinen Grundfugen erdröhnte.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, sie sollen’s versuchen!« – rief Totila und aus
+seinen Augen leuchtete ein kriegerisches Feuer, das ihn noch
+schöner machte. – »Wenn diese undankbaren Römer uns
+verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen –« er
+blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder –
+»sieh, Alter, wir haben Männer wie die Eichen.«
+</p>
+
+<p>
+Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad
+ist sehr stark; obwohl nicht ganz so stark wie Winithar
+und Walamer und die andern waren, die mit mir jung
+gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding.
+Aber dieses Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort – »kämpft
+von Türmen und Mauerzinnen herunter. Sie führen
+den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt
+ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, daß es sich
+nicht mehr rühren noch regen kann. Ich kenne einen solchen
+Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt
+die Männer. Du kennst ihn auch, Witichis?« – so fragend
+wandte er sich an den Mann mit dem Schwert.
+</p>
+
+<p>
+»Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden,
+nachdenklich. »Was du gesprochen, Hildungs Sohn,
+ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches ist mir oft schon
+durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein
+Grauen als ein Denken. – Deine Worte sind unwiderleglich:
+der König am Tod – die Fürstin ein halbgriechisch
+<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>Weib – Justinian lauernd – die Welschen schlangenfalsch
+– die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber«
+– hier holte er tief Atem – »wir stehen nicht allein,
+wir Goten. Unser weiser König hat sich Freunde, Verbündete
+geschaffen in Überfluß. Der König der Vandalen
+ist sein Schwestermann, der König der Westgoten sein
+Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Thüringe,
+der Franken sind ihm verschwägert, alle Völker
+ehren ihn wie ihren Vater, die Sarmaten, die fernen Esthen
+selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk und
+gelben Bernstein. Ist das alles« – –
+</p>
+
+<p>
+»Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind’s und bunte
+Lappen! Sollen uns die Esthen helfen mit ihrem Bernstein
+wider Belisar und Narses? Weh uns, wenn wir
+nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame
+schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr
+zittern, werden sie drohen. Ich kenne die Treue der Könige!
+Wir haben Feinde ringsum, offene und geheime, und keinen
+Freund als uns selbst.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte
+des Alten besorgt erwogen: heulend fuhr der Sturm um
+die verwitterten Säulen und rüttelte an dem morschen
+Tempelbau.
+</p>
+
+<p>
+Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher
+und gefaßt: »Groß ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar.
+Gewiß hast du uns nicht hierher beschieden, daß
+wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen muß
+werden: so sprich, wie meinst du, daß zu helfen sei.«
+</p>
+
+<p>
+Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine
+Hand: »Wacker, Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte
+dich wohl und will dir’s treu gedenken, daß vor allen du
+zuerst ein männlich Wort der Zuversicht gefunden. Ja, ich
+denke wie du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu finden
+<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hört.
+Saget nun an und ratet: dann will ich sprechen.«
+</p>
+
+<p>
+Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten:
+»Wenn du denkst wie wir, so sprich auch du,
+Teja. Warum schwiegst du bisher?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.«
+</p>
+
+<p>
+Die andern staunten. Hildebrand sprach: »Wie meinst
+du das, mein Sohn?«
+</p>
+
+<p>
+»Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und
+Witichis, ihr sehet sie und hoffet, ich aber sah sie längst
+und hoffe nicht.«
+</p>
+
+<p>
+»Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem
+Kampf?« meinte Witichis.
+</p>
+
+<p>
+»Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf,
+ohne Ruhm untergehen?« rief Totila.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm,
+so weiß ich,« antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend.
+<anchor id="corr013"/><corr sic="Kämpfen">»Kämpfen</corr> wollen wir, daß man es nie vergessen soll in allen
+Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne <anchor id="corr013a"/><corr sic="Sieg">Sieg.</corr>
+Der Stern der Goten sinkt.«
+</p>
+
+<p>
+»Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief
+Totila ungeduldig. »Laßt uns vor den König treten,
+sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu uns gesprochen.
+Er ist weise: er wird Rat finden.«
+</p>
+
+<p>
+Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich
+zu ihm gesprochen. Er hört mich nicht mehr. Er ist müde
+und will sterben und seine Seele ist verdunkelt, ich weiß
+nicht, durch welchen Schatten. – Was denkst du, Hildebad?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie
+der alte Löwe die müden Augen geschlossen, rüsten
+wir zwei Heere. Das eine führen Witichis und Teja vor
+Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen
+<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>ich und mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris,
+das Drachennest der Merowinger, zu einem Steinhaufen
+für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im Osten und
+im Norden.«
+</p>
+
+<p>
+»Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach
+Witichis.
+</p>
+
+<p>
+»Und die Franken sind sieben wider Einen gegen
+uns,« sagte Hildebrand. »Aber wacker meinst du’s, Hildebad.
+Sage, was rätst du, Witichis?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit
+Geiseln gesichert aller Nordstämme gegen die Griechen.«
+</p>
+
+<p>
+»Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein
+Freund, nur die Goten können den Goten helfen. Man
+muß sie nur wieder daran erinnern, daß sie Goten sind.
+Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge
+und habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib,
+der andre die Waffen, der dritte irgend eine Hoffnung
+oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie eine Geliebte.
+– Aber glaubt mir, es kömmt eine Zeit, – und
+die Not kann sie euch noch in jungen Tagen bringen –,
+da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden
+wie welke Kränze vom Gelag von gestern.
+</p>
+
+<p>
+Da werden denn viele weich und fromm und vergessen
+des was auf Erden und trachten nach dem was
+hinter dem Grabe ist. Ich kann’s nicht und ihr, mein’
+ich, und viele von uns können’s auch nicht. Die Erde
+lieb’ ich mit Berg und Wald und Weide und strudelndem
+Strom und das Leben darauf mit heißem Haß und langer
+Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem
+Luftleben da droben in den Windwolken, wie’s die
+Christenpriester lehren, weiß ich nichts und will ich nichts
+wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem rechten, wenn
+alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer läßt.
+<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>Seht mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab’
+ich verloren was mein Leben erfreute: mein Weib ist tot
+seit vielen Jahren, meine Söhne sind tot, meine Enkel
+sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: – der
+ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind
+sie alle, mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger
+Mann gewesen, und schon steigt meine erste Liebe und mein
+letzter Stolz, mein großer König, müde in sein Grab. Nun
+seht, was hält mich noch im Leben? Was giebt mir Mut,
+Lust, Zwang zu leben? Was treibt mich Alten wie einen
+Jüngling in dieser Sturmnacht auf die Berge? Was lodert
+hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe, in störrigem
+Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der
+Drang, der unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe
+Drang und Zug zu meinem Volk, die Liebe, die lodernde,
+die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das da Goten heißt,
+und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet meiner
+Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben
+wie ich. Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer,
+in dem Herzen, darinnen alle andre Glut erloschen,
+sie ist das teure, das mit Schmerzen geliebte Heiligtum,
+das Höchste in jeder Mannesbrust, die stärkste Macht in
+seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.«
+</p>
+
+<p>
+Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet – sein
+Haar flog im Winde – er stand wie ein alter hünenhafter
+Priester unter den jungen Männern, welche die Fäuste an
+ihren Waffen ballten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich sprach Teja: »Du hast Recht, diese Flamme
+lodert noch, wo alles sonst erloschen. Aber sie brennt
+in dir, – in uns, – vielleicht noch in hundert andern
+unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten?
+Nein! Und kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende,
+die Hunderttausende?«
+</p>
+
+<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>
+
+<p>
+»Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen
+Göttern, daß sie’s kann. Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig
+Jahre, da waren wir Goten, viele Hunderttausende,
+mit Weibern und Kindern, in den Schluchten
+der Hämus-Berge eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war
+von den Griechen in treulosem Überfall geschlagen und
+getötet, und aller Mundvorrat, den er uns zuführen sollte,
+verloren: wir saßen in den Felsschluchten und litten so
+bittern Hunger, daß wir Gras und Leder kochten. Hinter
+uns die unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken
+das Meer, rechts in einem Engpaß die Feinde in dreifacher
+Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem
+Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens
+versucht, jenen Paß zu durchbrechen. Wir wollten
+verzweifeln. Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot
+uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, – unter einer
+einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander,
+zu vier und vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut
+werden, keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien,
+keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte lehren
+dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden,
+Römer sollten wir werden. Da sprang der König auf,
+rief uns zusammen und trug’s uns vor in flammender
+Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
+Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm
+sterben? Da fuhr sein Wort in die Hunderte, die Tausende,
+die Hunderttausende wie der Waldbrand in die dürren
+Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie ein
+tausendstimmiges, brüllendes Meer, die Schwerter schwangen
+sie, auf den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die
+Griechen als hätten sie nie gestanden, und wir waren
+Sieger und frei.«
+</p>
+
+<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>
+
+<p>
+Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer
+Pause fuhr er fort: »Dies allein ist, was uns heute retten
+kann wie dazumal: fühlen erst die Goten, daß sie für
+jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes geheimnisvollen
+Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt
+wie ein Wunderborn, dann können sie lachen zu dem Haß
+der Griechen, zu der Tücke der Welschen. Und das vor
+allem wollt’ ich euch fragen, fest und feierlich: fühlt ihr
+es wie ich so klar, so ganz, so mächtig, daß diese Liebe
+zu unsrem Volk unser Höchstes ist, unser schönster Schatz,
+unser stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein
+Volk ist mir das Höchste und alles, alles andre dagegen
+nichts, ihm will ich opfern was ich bin und habe, wollt
+ihr das, könnt ihr das!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die
+vier Männer.
+</p>
+
+<p>
+»Wohl,« fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja
+hat Recht: nicht alle Goten fühlen das jetzt, heute schon,
+wie wir und doch müssen es alle fühlen, wenn es helfen
+soll. Darum gelobet mir, von heut’ an unablässig euch
+selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und
+handelt, zu erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen,
+vielen hat der fremde Glanz die Augen geblendet: viele
+haben griechische Kleider angethan und römische Gedanken:
+sie schämen sich, Barbaren zu heißen: sie wollen vergessen
+und vergessen <anchor id="corr017"/><corr sic="machen">machen,</corr> daß sie Goten sind – wehe über
+die Thoren!
+</p>
+
+<p>
+Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und
+wollen leben, sie sind wie Blätter, die sich stolz vom Stamme
+gelöst und der Wind wird kommen und wird sie verwehen
+in Schlamm und Pfützen, daß sie verfaulen: aber der Stamm
+wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten,
+was treu an ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk
+<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>wecken und mahnen überall und immer. Den Knaben erzählt
+die Sagen der Väter, von den Hunnenschlachten, von
+den Römersiegen: den Männern zeigt die drohende Gefahr
+und wie nur das Volkstum unser Schild: eure Schwestern
+ermahnt, daß sie keinen Römer umarmen und keinen Römling:
+eure Bräute, eure Weiber lehrt, daß sie alles, sich
+selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf
+daß, wenn die Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk,
+stolz, einig, fest, daran sie zerschellen sollen wie die Wogen
+am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem
+bloßen Wort. Nicht um euch fester zu binden, – denn
+was bände den Falschen? – sondern weil ich treu hange
+an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht
+nach Sitte der Väter – folget mir.«
+</p>
+ </div><div n="2" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweites Kapitel.</head>
+
+<p>
+Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule
+und schritt quer durch den Innenraum, die Cella des
+Tempels, vorüber an dem zerfallenen Hauptaltar, vorbei
+an den Postamenten der lang herabgestürzten Götterbilder
+nach der Hinterseite des Gebäudes, dem Posticum. Schweigend
+folgten die Geladenen dem Alten, der sie über die
+Stufen hinunter ins Freie führte.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten
+Steineiche, deren mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm
+und Regen abhielt. Unter diesem Baum bot sich ihnen
+ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort
+<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der
+fernen nordischen Heimat gemahnte. Unter der Eiche war
+ein Streifen des dichten Rasens aufgeschlitzt, nur einen
+Fuß breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden Enden des
+Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte
+war der Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte
+hohe Speere emporgespreizt, in der Mitte von dem
+längsten Speer gestützt, so daß die Vorrichtung ein Dreieck
+bildete, unter dessen Dach zwischen den Speersäulen mehrere
+Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
+Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt,
+daneben lag ein spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt:
+das Heft vom Horn des Auerstiers, die Klinge von Feuerstein.
+Der Greis trat nun heran, stieß die Fackel dicht
+neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten
+Fuß vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und
+neigte das Haupt: dann winkte er die Freunde zu sich,
+mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend.
+Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich,
+Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder zu
+seiner Rechten und alle fünf reichten sich die Hände zu
+einer feierlichen Kette. Dann ließ der Alte Witichis und
+Hildebad, die ihm zunächst standen, los und kniete nieder.
+Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde
+auf und warf sie über die linke Schulter. Dann griff er
+mit der andern Hand in den Kessel und sprengte das
+Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in die wehende
+Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich
+schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über
+sein Haupt. Dann steckte er sie wieder in die Erde und
+sprach murmelnd vor sich hin:
+</p>
+
+<p>
+»Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft,
+flackernde Flamme! Höret mich wohl und bewahret mein
+<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>Wort: Hier stehen fünf Männer vom Geschlechte des Gaut,
+Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und Witichis,
+Waltaris Sohn.
+</p>
+
+<lg>
+<l>Wir stehen hier in stiller Stunde,</l>
+<l>Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern,</l>
+<l>Für immer und ewig und alle Tage.</l>
+<l>Wir sollen uns sein wie Sippegesellen</l>
+<l>In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.</l>
+<l>Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,</l>
+<l>Wie wir träufen zu Einem Tropfen</l>
+<l>Unser Blut als Blutsbrüder.«</l>
+</lg>
+
+<p>
+Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm, die
+andern thaten desgleichen, eng aneinander streckten sich die
+fünf Arme über den Kessel, der Alte hob das scharfe Steinmesser
+und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier
+andern die Haut des Vorderarmes, daß das Blut aller
+in roten Tropfen in den ehernen Kessel floß.
+</p>
+
+<p>
+Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und
+murmelnd fuhr der Alte fort:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»Und wir schwören den schweren Schwur,</l>
+<l>Zu opfern all unser Eigen,</l>
+<l>Haus, Hof und Habe,</l>
+<l>Roß, Rüstung und Rind,</l>
+<l>Sohn, Sippe und Gesinde,</l>
+<l>Weib und Waffen und Leib und Leben</l>
+<l>Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut,</l>
+<l>Den guten Goten.</l>
+<l>Und wer von uns sich wollte weigern,</l>
+<l>Den Eid zu ehren mit allen Opfern« –</l>
+</lg>
+
+<p>
+Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern,
+aus der Grube und unter dem Rasenstreifen hervor:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»Des rotes Blut soll rinnen ungerächet</l>
+<l>Wie dies Wasser unterm Waldwasen« –</l>
+</lg>
+
+<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>
+
+<p>
+Er erhob den Kessel, goß sein blutiges Wasser in die
+Grube und nahm ihn wie das andre Gerät heraus:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen</l>
+<l>Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken,</l>
+<l>Wuchtig so wie dieser Wasen.«</l>
+</lg>
+
+<p>
+Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden
+Lanzenschäfte nieder und dumpf fiel die schwere Rasendecke
+nieder in die Rinne. Die fünf Männer stellten sich nun
+mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen gedeckte
+Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort:
+»Und wer von uns nicht achtet dieses Eides und dieses
+Bundes und wer nicht die Blutsbrüder als echte Brüder
+schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert,
+sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not
+es begehrt und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen
+sein auf immer den untern, den ewigen, den wüsten Gewalten,
+die da hausen unter dem grünen Gras des Erdgrundes:
+gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über
+des Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit
+Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer
+schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind weht
+über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll’s ihm
+also geschehn, dem niedrigen Neiding?«
+</p>
+
+<p>
+»So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer
+ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette
+der Hände und sprach: »Und auf daß ihr’s wißt, welche
+Weihe diese Stätte hat für mich, – jetzt auch für euch,
+– warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden
+und zu dieser Nacht – kommt und sehet.« Und
+also sprechend erhob er die Fackel und schritt voran hinter
+den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie geschworen.
+Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite
+<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>des alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade
+gegenüber der Rasengrube, in welcher sie gestanden, ein
+breites offenes Grab gähnen sahen, von welchem die deckende
+Felsplatte hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe, im
+Licht der Fackel geisterhaft erglänzend, drei weiße lange
+Skelette, einzelne verrostete Waffenstücke, Lanzenspitzen,
+Schildbuckel lagen daneben. Die Männer blickten überrascht
+bald in die Grube, bald auf den Greis. Dieser
+leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er
+ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreißig
+Jahre. Sie fielen auf diesem Berg, in dem letzten Kampf
+um die Stadt Ravenna. Sie fielen in Einer Stunde,
+heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere
+– – für ihr Volk.«
+</p>
+
+<p>
+Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor
+sich hin. Endlich richtete sich der Alte hoch auf und sah
+gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die Sterne bleichen.
+Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die
+Stadt zurück. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: – dir ist
+ja vor andern, wie des Liedes, der Trauer Gabe gegeben
+– und hältst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten.«
+</p>
+
+<p>
+Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füßen
+des Grabes, wo er stand, nieder. Der Alte reichte Totila
+die Fackel und lehnte sich Teja gegenüber auf die Felsplatte.
+Die andern Drei winkten ihm scheidend zu. Und
+ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie
+hinunter zur Stadt.
+</p>
+
+</div><div n="3" type="kapitel">
+<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Drittes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft
+bei Ravenna fand zu Rom eine Vereinigung statt, ebenfalls
+heimlich, ebenfalls unter dem Schutze der Nacht, aber
+von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken.
+</p>
+
+<p>
+Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium
+des heiligen Kalixtus in einem halbverschütteten
+Gang der Katakomben, jener rätselhaften unterirdischen
+Wege, die unter den Straßen und Plätzen Roms fast eine
+zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen
+Räume – ursprünglich alte Begräbnisplätze, oft die Zuflucht
+der jungen Christengemeinde – so vielfach verschlungen
+und ihre Kreuzungen, Endpunkte, Aus- und
+Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter ortvertrautester
+Führung ihre inneren Tiefen betreten werden
+können. Aber die Männer, deren geheimen Verkehr wir
+diesmal belauschen, fürchteten keine Gefahr. Sie waren
+gut geführt. Denn es war Silverius, der katholische Archidiakonus
+der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
+unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde
+auf steilen Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt
+hatte: und die römischen Priester standen in dem
+Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener
+Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten
+schienen auch sich hier nicht zum erstenmal einzufinden:
+die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie.
+Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen
+Halbrunds, das, von einer bronzenen Hängelampe spärlich
+beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgültig
+hörten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur
+Erde fallen und, wenn ihr Fuß hier und da an weiße,
+<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>halbvermoderte Knochen stieß, schoben sie auch diese gleichgültig
+auf die Seite.
+</p>
+
+<p>
+Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige
+Priester und eine Mehrzahl vornehmer Römer
+aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs anwesend,
+die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der
+höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen
+des Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen
+gemustert und in einige der einmündenden Gänge,
+in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern
+Wache halten sah, prüfende Blicke geworfen hatte, jetzt
+offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eröffnen.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann
+zu, der ihm gegenüber regungslos an der Mauer lehnte
+und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte: und
+nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt,
+wandte er sich gegen die übrigen und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder
+einmal sind wir hier versammelt zu heiligem Werk.
+</p>
+
+<p>
+Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt
+und König Pharao lechzt nach dem Blut der Kinder
+Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den Leib töten
+und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr
+jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit
+ewigem Feuer. Wir vertrauen im Schauer der Nacht auf
+die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste geführt hat,
+bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke.
+Und daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen:
+was wir leiden, wir leiden es um Gottes willen, was wir
+thun, wir thun’s zu seines Namens Ehre. Dank ihm,
+denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des
+Evan<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>geliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir gewachsen
+wie ein Baum an frischen Wasserbächen. Mit
+Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier zusammen:
+groß war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut
+der Besten war geflossen: – heute, wenn wir fest bleiben
+im Glauben, dürfen wir es kühnlich sagen: der Thron des
+Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und die Tage
+der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.«
+</p>
+
+<p>
+»Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit
+kurzkrausem, schwarzem Haar und blitzenden, schwarzen
+Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der linken
+Hüfte über die rechte Schulter zurück, daß das kurze Schwert
+sichtbar wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut’ geschehn?«
+</p>
+
+<p>
+Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften
+Unwillen über solch’ kecke Selbständigkeit nicht ganz
+mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken vermochte. Scharfen
+Tones fuhr er fort: »Auch die an die Heiligkeit unsres
+Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den Glauben
+an diese Heiligkeit bei andern nicht stören, um ihrer eignen
+weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein
+rascher Freund, soll ein neues hochwillkommnes Glied
+unsrem Bunde eingefügt werden: sein Beitritt ist ein sichtbares
+Zeichen der Gnade Gottes.«
+</p>
+
+<p>
+»Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen
+erfüllt? Haftest du für ihn? unbedingt? oder stellst du
+andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer der Versammelten,
+ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmäßigen Zügen, der,
+einen Stab zwischen den Füßen, ruhig auf einem Vorsprung
+der Mauer saß. – »Ich hafte, mein Scävola; übrigens
+genügt seine Person –«
+</p>
+
+<p>
+»Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt
+Verbürgung und ich bestehe darauf,« sagte Scävola
+<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>ruhig. – »Nun gut, gut, ich bürge, zähster aller Juristen!«
+wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen
+der Gänge zur Linken.
+</p>
+
+<p>
+Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des
+Gewölbes einen Mann, auf dessen verhülltes Haupt aller
+Augen gerichtet waren. Nach einer Pause hob Silverius
+den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings.
+</p>
+
+<p>
+»Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung,
+Zorn.
+</p>
+
+<p>
+Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand
+langsam auf, wild durcheinander scholl es: »Wie?
+Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah der Gescholtene
+um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne
+Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem
+Priester. »Ja, Albinus!« sagte dieser ruhig. »Will einer
+der Verbündeten wider ihn sprechen? Er rede.« – »Bei
+meinem Genius,« rief Licinius rasch vor allen, »braucht es
+da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er
+ist. Ein feiger, schändlicher Verräter« – der Zorn erstickte
+seine Stimme. – »Schmähungen sind keine Beweise,«
+nahm Scävola das Wort. »Aber ich frage ihn selbst, er
+soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder
+bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem
+Tyrannen verraten waren, als du noch allein von uns
+allen verklagt warst, es mit ansahst, daß die edeln Männer,
+Boëthius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil sie
+dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen,
+ihres Vermögens beraubt, hingerichtet wurden,
+während du, der eigentliche Angeklagte, durch einen schmählichen
+Eid, dich nie mehr um den Staat kümmern zu
+wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet
+hast? Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die
+Zierden des Vaterlandes gefallen?«
+</p>
+
+<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>
+
+<p>
+Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung.
+Der Angeschuldigte blieb stumm und bebte, selbst
+Silverius verlor einen Augenblick die Haltung. Da richtete
+sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand
+lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nähe schien
+den Priester zu erkräftigen und er begann wieder: »Ihr
+Freunde, es ist geschehen was ihr sagt, nicht wie ihr’s
+sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am wenigsten
+schuldig. Was er gethan, er that’s auf meinen Rat.«
+– »Auf deinen Rat?« – »Das wagst du zu bekennen?«
+– »Albinus war verklagt durch den Verrat eines Sklaven,
+der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz entziffert
+hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt:
+jeder Schein von Widerstand, von Zusammenhang
+mußte die Gefahr vermehren. Der Ungestüm von Boëthius
+und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber
+thöricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des
+ganzen Adels von Rom, zeigte, daß Albinus nicht allein
+stehe. Sie handelten gegen meinen Rat, leider haben sie es
+im Tode gebüßt. Aber ihr Eifer war auch überflüssig:
+denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern
+Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen,
+die Geheimbriefe des Albinus vor dessen Verhaftung
+zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, Albinus würde auf der
+Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen haben,
+geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen
+retten konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus
+selbst nicht. Deshalb mußte vor allem Zeit gewonnen,
+die Folter abgewendet werden. Dies gelang durch jenen
+Eid. Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus:
+sie waren nicht zu retten: doch <hi rend='gesperrt'>ihres</hi> Schweigens,
+auch unter der Folter, waren wir sicher. Albinus aber
+ward durch ein Wunder aus seinem Kerker befreit wie
+<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>Sankt Paulus zu Philippi. Es hieß, er sei nach Athen
+entflohen und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr
+zu verbieten. Allein der dreieinige Gott hat ihm hier in
+seinem Tempel eine Zufluchtstätte bereitet, bis daß die
+Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines
+heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes
+wunderbar gerührt und, ungeschreckt von der Todesgefahr,
+die schon einmal seine Locke gestreift hat, tritt er wieder
+in unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des
+Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen. Vernehmt:
+er hat all sein Gut der Kirche Sanktä <anchor id="corr028"/><corr sic="Märiä">Mariä</corr>
+Majoris zu Bundeszwecken vermacht. Wollt ihr ihn und
+seine Millionen verschmähen?«
+</p>
+
+<p>
+Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius:
+»Priester, du bist klug wie – wie ein Priester. Aber
+mir gefällt solche Klugheit nicht.« – »Silverius,« sprach
+der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das steht
+dir an. Aber ich war der Freund des Boëthius: mir
+steht nicht an, mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten.
+Ich kann ihm nicht vergeben. Hinweg mit ihm!« –
+»Hinweg mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola
+hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus
+erblaßte, selbst Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung.
+»Cethegus!« flüsterte er leise, Beistand heischend.
+</p>
+
+<p>
+Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer
+geschwiegen und nur mit kühler Überlegenheit die Sprechenden
+gemustert hatte. Er war groß und hager, aber kräftig,
+von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. Ein
+Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten
+Reichtum, Rang und Geschmack, aber sonst verhüllte ein
+langer, brauner Soldatenmantel die ganze Unterkleidung
+der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal
+gesehen, nie mehr vergißt.
+</p>
+
+<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>
+
+<p>
+Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach
+Römerart kurz und rund um die gewölbte, etwas zu große
+Stirn und die edel geformten Schläfe geschoren, tief unter
+den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen
+geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes
+Meer versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der
+Ausdruck kältester Selbstbeherrschung lag. Um die scharf
+geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung
+gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er vortrat
+und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten
+streifen ließ, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende
+Redeweise anhob, empfand jeder in der Versammlung
+den Eindruck bewußter Überlegenheit und wenige
+Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der Unterordnung
+tragen.
+</p>
+
+<p>
+»Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die
+geschehen müssen? Wer den Zweck will, muß das Mittel
+wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! Daran
+liegt nichts. Aber vergessen müßt ihr. Und das könnt
+ihr. Auch ich war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht
+ihr nächster. Und doch – ich will vergessen. Ich thu’
+es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, Scävola,
+der allein, der sie rächt. Um der Rache willen – Albinus,
+deine Hand.« – Alle schwiegen, bewältigt mehr von der
+Persönlichkeit als von den Gründen des Redners. Nur der
+Jurist bemerkte noch:
+</p>
+
+<p>
+»Rusticiana, des Boëthius Witwe und des Symmachus
+Tochter, die einflußreiche Frau, ist unsrem Bunde hold.
+Wird sie das bleiben, wenn dieser eintritt? Kann sie je
+vergeben und vergessen? Niemals!«
+</p>
+
+<p>
+»Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren
+Augen.« Mit diesen Worten wandte sich rasch Cethegus
+und schritt in einen der Seitengänge, dessen Mündung
+<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>bisher sein Rücken verdeckt hatte. – Hart am Eingang
+stand lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre
+Hand: »komm’,« flüsterte er, »jetzt komm’.« – »Ich kann
+nicht! ich will nicht!« war die leise Antwort der Widerstrebenden.
+»Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht sehen,
+den Elenden!« – »Es muß sein. Komm, du kannst und
+du willst es: – denn ich will es.« Er schlug ihren
+Schleier zurück: noch ein Blick und sie folgte wie willenlos. –
+</p>
+
+<p>
+Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!«
+riefen alle. – »Ein Weib in unserer Versammlung!«
+sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen, die
+Gesetze.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes
+willen, nicht der Bund um der Gesetze willen. Und geglaubt
+hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet mit Augen.«
+</p>
+
+<p>
+Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte
+des Albinus.
+</p>
+
+<p>
+»Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?«
+– Überwunden und überwältigt verstummten
+alle. Für Cethegus schien das weitere jedes Interesse
+verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die Wand
+im Hintergrund zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus
+ist Glied des Bundes.« – »Und sein Eid, den er dem
+Tyrannen geschworen?« fragte schüchtern Scävola. – »War
+erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen Kirche.
+Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten
+Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der
+Festungsplan von Neapolis: du mußt ihn bis morgen
+nachgezeichnet haben, er geht an Belisar. Hier, Scävola,
+Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin
+Justinians: du mußt sie beantworten. Da, Calpurnius,
+eine Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus:
+<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>du sendest sie an den fränkischen Majordomus, er wirkt
+bei seinem König gegen die Goten. Hier, Pomponius,
+eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge
+dort und die Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen
+fehlen. Euch allen aber sei gesagt, daß, nach heute erhaltenen
+Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer
+auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue
+über all’ seine Sünden soll seine Seele niederdrücken und
+der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern. Harret aus
+noch eine kleine Weile: bald wird ihn die zornige Stimme
+des Richters abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit.
+An den nächsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns
+wieder. Der Segen des Herrn sei mit euch.« Eine Handbewegung
+des Diakons verabschiedete die Versammelten:
+die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den Seitengängen
+und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen
+nach den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben.
+</p>
+</div><div n="4" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Viertes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander
+die Stufen hinauf, welche in die Krypta der Basilika
+des heiligen Sebastian führten. Von da gingen sie durch
+die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des
+Diakonus. Dort angelangt überzeugte sich dieser, daß
+alle Hausgenossen schliefen bis auf einen alten Sklaven,
+der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel
+wachte. Auf den Wink seines Herrn zündete er die neben
+ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine
+Fuge im Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich
+<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>um ihre Achse und ließen den Priester, der die Leuchte
+ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines, niedres
+Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und
+geräuschlos wieder schloß. Keine Ritze verriet nun wieder,
+daß hier eine Thür.
+</p>
+
+<p>
+Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus
+Holz, einem Betschemel und einigen christlichen Symbolen
+auf Goldgrund einfach ausgestattet, hatte in heidnischen
+Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden
+Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von
+zwei oder drei Gästen gedient, deren zwanglose Gemütlichkeit
+Horatius feiert. Zur Zeit war hier das Asyl für die
+geheimsten geistlichen – oder weltlichen – Gedanken des
+Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenüber
+in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen
+Blick des verwöhnten Kunstkenners werfend, auf den niederen
+Lectus. Während der Priester beschäftigt war, aus
+einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in die
+bereit stehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale
+mit Früchten auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen,
+stand Rusticiana Cethegus gegenüber, ihn mit unwillig
+staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre alt, zeigte
+das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen Schönheit,
+die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften
+gelitten hatte: schon war hier und da nicht graues,
+sondern weißes Haar in ihre rabenschwarzen Flechten gemischt,
+das Auge hatte einen unsteten Blick und starke
+Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel.
+Sie stützte die Linke auf den Erztisch und strich mit der
+Rechten wie nachsinnend über die Stirn, dabei fortwährend
+Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie: »Mensch, sage,
+sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe
+dich nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich
+<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>auch. Und doch muß ich dir folgen willenlos. Wie der
+Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst meine Hand,
+<hi rend='gesperrt'>diese</hi> Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du
+Frevler, welches ist diese Macht?«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich
+zurücklehnend: »Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei,
+die besteht, seit ich denken kann. Daß ich als Mädchen
+den schönen Nachbarssohn bewunderte, war natürlich; daß
+ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küßtest
+mich ja. Und wer konnte – damals! – wissen, daß du
+nicht lieben kannst. Nichts: kaum dich selbst. Daß die
+Gattin des Boëthius diese wahnsinnige Liebe nicht erstickte,
+die du wie spielend wieder anfachtest, war eine Sünde,
+aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch,
+daß ich jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose
+Tücke kenne, nachdem die Glut der Leidenschaft erloschen
+in diesen Adern, daß ich jetzt noch blindlings deinem
+dämonischen Willen folgen muß, – das ist eine Thorheit
+zum Lautauflachen.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die
+Stirn. Der Priester hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung
+inne, und sah verstohlen auf Cethegus; er war
+gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rückwärts an den
+Marmorsims und umfaßte mit der Rechten den Pokal, der
+vor ihm stand:
+</p>
+
+<p>
+»Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und
+unklar. Du mischest die Spiele des Eros in die Werke
+der Eris und der Erinnyen. Du weißt es, daß ich der
+Freund des Boëthius war. Obwohl ich sein Weib küßte.
+Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes
+und du: – nun dir haben es ja Silverius und die Heiligen
+vergeben. Du weißt ferner, daß ich diese Goten
+<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>hasse, wirklich hasse, daß ich den Willen und – vor andern
+– die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt
+ganz erfüllt: deinen Vater, den du geliebt, deinen Gatten,
+den du geehrt hast, an diesen Barbaren zu rächen. Du
+gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran sehr
+klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent,
+Ränke zu schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen
+Blick. Sie verdirbt deine feinsten Pläne. Also thust du
+wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das ist alles. – Aber
+jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im Vestibulum.
+Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius.
+Die Beichte darf nicht gar zu lange währen. Auch haben
+wir noch Geschäfte. Grüße mir Kamilla, dein schönes Kind,
+und lebe wohl.« Er stand auf, ergriff ihre Hand und
+führte sie sanft zur Thüre. Sie folgte widerstrebend, nickte
+dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf Cethegus,
+der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging
+mit leisem Kopfschütteln hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
+</p>
+
+<p>
+»Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius
+und setzte sich mit Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten
+zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie will ihr Unrecht
+gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und
+daß sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten
+findet, macht die heilige Pflicht besonders süß. Freilich
+ist ihr dies alles unbewußt. – Aber, was giebt’s zu
+thun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre Arbeit,
+solche Punkte der Verschwörung zu erledigen, die allen
+Gliedern des Bundes mitzuteilen sie nicht für ratsam hielten.
+– »Diesmal,« hob der Diakonus an, »gilt es vor
+allem, das Vermögen des Albinus festzustellen und dessen
+nächste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich
+Geld, viel Geld.« – »Geldsachen sind dein Gebiet,«
+<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>sagte Cethegus trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie
+langweilen mich.«
+</p>
+
+<p>
+»Ferner müssen die einflußreichsten Männer auf Sicilien,
+in Neapolis und Apulien gewonnen werden. Hier ist die
+Liste derselben mit Notizen über die einzelnen. Es sind
+Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel
+nicht verfangen.« »Gieb her,« sagte Cethegus, »<hi rend='gesperrt'>das</hi> will
+ich machen« und zerlegte einen persischen Apfel. – –
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die
+dringendsten Geschäfte bereinigt und der Hausherr legte
+die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter dem großen
+Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah
+mit Neid auf den Genossen, dessen stählernen Körper und
+unangreifbaren Geist keine späte Stunde, keine Anspannung
+ermatten zu können schien. Er äußerte etwas dergleichen,
+als sich Cethegus den silbernen Becher wieder füllte.
+</p>
+
+<p>
+»Übung, Freund, starke Nerven und,« setzte er lächelnd
+hinzu, »ein gutes Gewissen: das ist das ganze Rätsel.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst
+ein Rätsel.« – »Das will ich hoffen.« – »Nun, hältst
+du dich für ein mir so unerreichbar überlegenes Wesen?« –
+»Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade hinreichend
+tief, um andern nicht minder ein Rätsel zu sein als –
+mir selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen.
+Es geht mir selbst mit mir nicht besser als dir.
+Nur die Tropfen sind durchsichtig.« – »In der That,« fuhr
+der Priester ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem
+Wesen muß sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen
+unsres Bundes. Von jedem läßt sich sagen, welcher
+Grund ihn dazu geführt hat. Der hitzige Jugendmut
+einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn
+einen Scävola: mich und die andern Priester – der Eifer
+für die Ehre Gottes.«
+</p>
+
+<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>
+
+<p>
+»Natürlich,« sagte Cethegus trinkend.
+</p>
+
+<p>
+»Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei
+einem Bürgerkrieg ihren Gläubigern die Hälse abzuschneiden,
+oder auch die Langeweile über den geordneten Zustand
+dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch
+einen der Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille
+gegen die Barbaren und die Gewöhnung, nur im
+Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. Bei dir aber schlägt
+keiner dieser Beweggründe an und« –
+</p>
+
+<p>
+»Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn
+mittels Kenntnis ihrer Beweggründe beherrscht man die
+Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich kann
+dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was
+mein Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf,
+daß ich es dir herzlich gern sagen und mich – beherrschen
+lassen wollte, wenn ich es nur entdecken könnte.
+Nur das Eine fühl’ ich: diese Goten sind mir zuwider.
+Ich hasse diese vollblütigen Gesellen mit ihren breiten
+Flachsbärten. Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen
+Gutmütigkeit, dieser naiven Jugendlichkeit, dieses
+alberne Heldentum, diese ungebrochnen Naturen. Es ist
+eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt regiert,
+dieses Land, – nach einer solchen Geschichte, – mit
+Männern wie – wie du und ich – von diesen Nord-Bären
+beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er das Haupt
+zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen
+Trunk Weines. »Daß die Barbaren fort müssen,« sprach
+der andere, »darüber sind wir einig. Und für mich ist
+damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die Befreiung
+der Kirche von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die
+Göttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus
+ihm machen. Ich hoffe, daß alsdann der römischen Kirche
+der Primat im ganzen Gebiet der Christenheit, der ihr
+<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>gebührt, unbestritten zufallen wird. Aber solange Rom
+in der Hand der Ketzer liegt, während der Bischof von
+Byzanz von dem allein rechtgläubigen und rechtmäßigen
+Kaiser gestützt wird« –
+</p>
+
+<p>
+»Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste
+Bischof der Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und
+deshalb der römische Stuhl, selbst wenn ein Silverius ihn
+einnehmen wird, nicht das, was er werden soll: das Höchste.
+Und das will doch Silverius.«
+</p>
+
+<p>
+Überrascht sah der Priester auf.
+</p>
+
+<p>
+»Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiß das
+längst und habe dein Geheimnis bewahrt, obwohl du es
+mir nicht vertraut hast. Allein weiter.« Er schenkte sich
+aufs neue ein: – »dein Falerner ist gut abgelagert, aber
+er hat zu viel Süße. – Du kannst eigentlich nur wünschen,
+daß diese Goten den Thron der Cäsaren räumen, nicht,
+daß die Byzantiner an ihre Stelle treten: denn sonst hat
+der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen Oberbischof
+und einen Kaiser. Du mußt also an der Goten Stelle
+wünschen – nicht einen Kaiser – Justinian, – sondern
+– etwa was?« – »Entweder« – fiel Silverius eifrig ein
+– »einen eignen Kaiser des Westreichs« – »Der aber,«
+vollendete Cethegus seinen Satz, »nur eine Puppe ist in der
+Hand des heiligen Petrus –« – »Oder eine römische Republik,
+einen Staat der Kirche –« – »In welchem der
+Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und
+die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die
+gehorsamen Söhne der Kirche sind. Schön, mein Freund.
+Nur müssen erst die Feinde vernichtet sein, deren Spolien
+du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer Trinkspruch:
+wehe den Barbaren!«
+</p>
+
+<p>
+Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die
+letzte Nachtwache schleicht vorüber und meine Sklaven
+<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>müssen mich am Morgen in meinem Schlafgemach finden.
+Leb wohl.« Damit zog er den Cucullus des Mantels
+über das Haupt und ging.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes
+Werkzeug!« sagte er zu sich. »Gut, daß er nur ein Werkzeug
+ist. Möge er es immer bleiben.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die
+Kirche des heiligen Sebastian den Eingang in die Katakomben
+bedeckt, nach Nordwesten dem Kapitole zu, an dessen
+Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen war,
+nordöstlich vom Forum Romanum.
+</p>
+
+<p>
+Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
+</p>
+
+<p>
+Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite,
+starke, gewaltige Brust. »Ja, ein Rätsel bist du,« sprach
+er vor sich hin; »treibst Verschwörung und nächtlichen Verkehr
+wie ein Republikaner oder ein Verliebter von zwanzig
+Jahren. Und warum? – Ei, wer weiß warum er atmet?
+Weil er muß. Und so muß ich thun was ich thue. Eins
+aber ist gewiß. Dieser Priester mag Papst werden: er
+muß es vielleicht werden. Aber Eins darf er nicht. Er
+darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken,
+ihr kaum eingestandenen, die ihr noch Träume
+seid und Wolkendünste: vielleicht aber ballt sich daraus ein
+Gewitter, das Blitz und Donner führt und mein Verhängnis
+wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut.
+Ich nehme das Omen an.«
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach
+fand er auf dem Cederntisch vor seinem Lager einen
+verschnürten und mit dem königlichen Siegel gepreßten Brief.
+</p>
+
+<p>
+Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die
+doppelte Wachstafel auseinander und las:
+</p>
+
+<p>
+»An Cethegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus
+Aurelius Cassiodorus Senator.
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>
+
+<p>
+Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine
+Tochter und Erbin Amalaswintha wünscht dich noch vor
+seinem Ende zu sprechen. Du sollst das wichtigste Reichsamt
+übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.«
+</p>
+</div><div n="5" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/>
+<head>Fünftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und
+schwül über dem Königspalast zu Ravenna mit seiner
+düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen Weiträumigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte
+schon so manche stilwidrige Veränderung erfahren.
+Und seit an die Stelle der Imperatoren der Gotenkönig
+mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie
+vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen.
+Denn viele Räume, die eigentümlichen Sitten des römischen
+Lebens gedient hatten, standen mit der alten Pracht ihrer
+Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben zogen
+sich über die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr
+betretenen Badgemächer des Honorius und in dem Toilettenzimmer
+der Placidia huschten die Eidechsen über das
+Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. Dagegen
+hatten die Bedürfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts
+manche Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemächer
+des antiken Hauses zu den weiteren Räumen von Waffensälen,
+Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen. Und man
+hatte anderseits durch neue Mauerführungen benachbarte
+Häuser mit dem Palast verbunden, daraus eine Festung
+mitten in der Stadt zu schaffen. Es trieben jetzt in der
+»<hi rend='antiqua'>piscina maxima</hi>«, dem ausgetrockneten Teich, blonde
+<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der
+Palästra wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So
+hatte der weitläufige Bau das unheimliche Ansehen halb
+einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines unvollendeten
+Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein
+Sinnbild seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen
+politischen halbunfertigen, halbverfallenden Schöpfung. –
+</p>
+
+<p>
+An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier
+zuerst wieder eintreten sah, lastete ein Gewölk von Spannung,
+Trauer und Düstre ganz besonders schwer auf diesem
+Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus scheiden. –
+</p>
+
+<p>
+Der große Mann, der von hier aus ein Menschenalter
+lang die Geschicke Europas gelenkt, den Abendland und
+Morgenland in Liebe und Haß bewunderten, der Heros
+seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von Bern,
+dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend
+bemächtigt hatte, der große Amalungen-König
+Theoderich sollte sterben.
+</p>
+
+<p>
+So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch
+seinen Räten verkündet und alsbald war es hinausgedrungen
+in die große volkreiche Stadt. Obwohl man seit
+lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden
+des greisen Fürsten für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt
+die Kunde von dem drohenden Eintritt des verhängnisvollen
+Schlages alle Herzen mit der höchsten Aufregung.
+</p>
+
+<p>
+Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch
+bei der römischen Bevölkerung war eine dumpfe Spannung
+die vorherrschende Empfindung. Denn hier in Ravenna,
+in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier
+die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu
+bewundern und durch besondere Wohlthaten zu erfahren
+am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner fürchtete man
+nach dem Tode dieses Königs, der während seiner ganzen
+<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>Regierung, mit einziger Ausnahme der jüngsten Kämpfe
+mit dem Kaiser und dem Senat, in welchen Boëthius und
+Symmachus geblutet, die Italier vor der Gewaltthätigkeit
+und Rauheit seines Volkes beschützt hatte, unter einem
+neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten
+zu befahren.
+</p>
+
+<p>
+Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Höheres: die
+Persönlichkeit dieses Heldenkönigs war so großartig, so
+majestätisch gewesen, daß auch diejenigen, die seinen und
+seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht hatten, doch
+in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte,
+sich niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer
+Erschütterung nicht erwehren konnten.
+</p>
+
+<p>
+So war die Stadt schon seit grauendem Morgen –
+da man zuerst vom Palast Boten nach allen Winden hatte
+jagen und einzelne Diener in die Häuser der vornehmsten
+Goten und Römer hatte eilen sehen – in höchster Erregung.
+In den Straßen, auf den Plätzen, in den Bädern
+standen die Männer paarweise oder in Gruppen beisammen,
+fragten und teilten sich mit, was sie wußten, suchten
+eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste
+herkam und sprachen über die ernsten Folgen des bevorstehenden
+Ereignisses. Weiber und Kinder kauerten neugierig
+auf den Schwellen der Häuser. Mit den wachsenden
+Stunden des Tages strömte sogar schon die Bevölkerung der
+nächsten Dörfer und Städte, besonders trauernde Goten,
+forschend in die Thore Ravennas. Die Räte des Königs,
+voraus der Präfectus Prätorio Cassiodorus, der sich in
+diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes
+Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen,
+vielleicht Schlimmeres erwartet.
+</p>
+
+<p>
+Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen
+und mit gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum
+<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>des Honorius, vor der Stirnseite des Gebäudes, war ein
+Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten Marmorstufen,
+die zu der stolzen Säulenreihe des Hauptportals hinaufführten,
+waren starke Scharen gotischen Fußvolks, mit Schild
+und Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
+</p>
+
+<p>
+Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt
+in den Palast erlangen und nur die beiden Anführer
+des Fußvolks, der Römer Cyprian und der Gote Witichis,
+durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, der
+Cethegus einließ. Wie dieser den altbekannten Weg zum
+Gemach des Königs verfolgte, fand er in den Hallen und
+Gängen der Burg die Goten und Italier, denen ihr
+Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen Gruppen
+verteilt.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten
+Trinkhalle die jungen Tausendführer und Hundertführer
+der Goten beisammen oder flüsterten einzelne besorgte
+Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein
+Waffengefährte des sterbenden Helden, in einer Nische der
+Bogenfenster lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen;
+in der Mitte des Saales stand, laut weinend, das Haupt
+an einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann von Ravenna:
+der König, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine
+Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor der
+Plünderung durch die ergrimmten Goten gerettet.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt
+Cethegus an dem allen vorüber. Er ging weiter.
+</p>
+
+<p>
+In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder
+Gesandten bestimmten Saal, fand er eine Anzahl von
+vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln beisammen,
+die offenbar Beratung hielten über den Thronwechsel
+und den drohenden Umschwung aller Verhältnisse.
+</p>
+
+<p>
+Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia,
+<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>der die Stadt Arles heldenmütig gegen die Franken verteidigt
+hatte, Ibba von Liguria, der Eroberer von Spanien,
+Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und Gepiden,
+gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel,
+der dem Königshaus der Amaler wenig nachgab – denn
+sie waren aus dem Geschlecht der Balten, das bei den
+Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte –,
+und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt
+und erweitert.
+</p>
+
+<p>
+Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Das waren die Führer der Partei, die längst eine
+härtere Behandlung der Italier, welche sie haßten und
+scheuten zugleich, begehrt und die nur widerstrebend dem
+milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke
+des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen
+Römer, der da Zeuge der Sterbestunde des großen Gotenhelden
+sein wollte. Ruhig schritt Cethegus an ihnen vorüber
+und hob den schweren Wollvorhang auf, der den
+nächsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches.
+Eintretend begrüßte er mit tiefer Verbeugung
+des Hauptes eine hohe königliche Frau, die, in schwarze
+Trauerschleier gehüllt, ernst und schweigend, aber in fester
+Fassung und ohne Thränen vor einem mit Urkunden bedeckten
+Marmortische stand: das war Amalaswintha, die
+verwitwete Tochter Theoderichs.
+</p>
+
+<p>
+Eine Frau in der Mitte der Dreißiger war sie noch
+von außerordentlicher, wenn auch kalter Schönheit. Sie
+trug das reiche dunkle Haar nach griechischer Weise gescheitelt
+und gewellt. Die hohe Stirn, das große, runde
+Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen
+Züge und die Majestät ihrer vollen Gestalt verliehen
+ihr gebietende Würde und in dem ganz nach hellenischem
+Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der That einer
+<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des
+Polyklet.
+</p>
+
+<p>
+An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein
+Knabe oder Jüngling von etwa siebzehn Jahren, Athalarich,
+ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er glich nicht
+der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen
+Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens
+in der Blüte seiner Jahre in das Grab gezogen hatte.
+Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha ihren Sohn in
+allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum
+mehr ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, daß alle
+Spuren jener Krankheit sich schon in dem Knaben zeigten.
+Athalarich war schön wie alle Glieder dieses von den
+Göttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen,
+lange Wimpern beschatteten ein edles, dunkles Auge, das
+aber bald wie in unbestimmten Träumen zerfloß, bald in
+geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune wirre Locken
+hingen in die bleichen Schläfe, in denen bei lebhafter Erregung
+die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der
+edeln Stirn hatte leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung
+tiefe Furchen eingezeichnet, befremdlich auf diesem
+jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblässe und
+heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene,
+aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde
+in ihren Fugen zu hangen und schoß nur manchmal mit
+erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah den eintretenden
+Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter
+Brust gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das
+junge Haupt geschlagen, das bald eine schwere Krone tragen
+sollte. –
+</p>
+
+<p>
+Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des
+Gemaches, der den Blick auf die von den Gotenkriegern
+besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in träumerisches
+<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>Sinnen verloren, ein Weib – oder war es eine Jungfrau?
+– von überraschender, blendender, überwältigender
+Schönheit: das war Mataswintha, Athalarichs Schwester.
+Sie glich der Mutter an Adel und Höhe der Gestalt, aber
+ihre schärferen Züge hatten ein feuriges leidenschaftliches
+Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kälte
+barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmaß von blühender
+Fülle und feiner Schlankheit, mahnte an jene bezwungene
+Artemis in den Armen des Endymion in der
+Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von
+Rhodos hatte aus der Stadt verbannen müssen, weil diese
+marmorne höchste Einheit schönster Jungfräulichkeit und
+schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des Eilands zu Wahnsinn
+und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster
+reifer Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr
+reichwallendes Haar war dunkelrot mit einem schillernden
+Metallglanz und von so außerordentlicher Wirkung, daß
+er der Fürstin, selbst bei diesem durch die prächtigen Goldlocken
+seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar«
+verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die
+langen Wimpern waren glänzend schwarz und hoben die
+blendend weiße Stirn, die alabasternen Wangen leuchtend
+hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen
+manchmal leise zuckenden Flügeln senkte sich auf einen
+üppig schwellenden Mund. Aber das Auffallendste an
+dieser auffallenden Schönheit war das graue Auge, nicht
+so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch
+den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in träumerisches
+Sinnen verloren, manchmal in versengender Leidenschaft
+aufleuchten konnte. In der That, wie sie da an
+dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb gotischen
+von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht,
+den weißen, hochgewölbten Arm um die dunkle
+Porphyr<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>säule geschlungen und hinaus träumend in die Abendluft,
+glich ihre verführerische Schönheit jenen unwiderstehlichen
+Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren allverstrickende
+Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat.
+Und so groß war die Macht dieser Schönheit, daß selbst
+die ausgebrannte Brust des <anchor id="corr046"/><corr sic="Cethejus">Cethegus</corr>, der die Fürstin längst
+kannte, bei seinem Eintritt von neuem Staunen berührt
+wurde. –
+</p>
+
+<p>
+Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von
+dem letzten der im Gemach Anwesenden, von Cassiodor,
+dem gelehrten und treuen Minister des Königs, dem ersten
+Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen Versöhnungspolitik,
+die seit einem Menschenalter im Gotenreich
+geübt wurde. Der alte Mann, dessen ehrwürdige
+und milde Züge der Schmerz um den Verlust seines königlichen
+Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um
+die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden
+Schritten dem Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll
+verneigte. In Thränen schwimmend ruhte das
+Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an die
+kalte Brust des Cethegus, der ihn für diese Weichheit verachtete.
+</p>
+
+<p>
+»Welch ein Tag!« klagte er. – »Ein verhängnisvoller
+Tag,« sprach Cethegus ernst; »er fordert Kraft und Fassung.«
+– »Recht sprichst du, Patricius, und wie ein Römer,«
+– sagte die Fürstin, sich von Athalarich losmachend, –
+»sei gegrüßt.« Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte,
+ihr Auge war klar. »Die Schülerin der Stoa bewährt
+an diesem Tage die Weisheit Zenos und die eigne Kraft,«
+sprach Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+»Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele
+wunderbar,« verbesserte Cassiodor. – »Patricius,« begann
+Amalaswintha, »der Präfectus Prätorio hat dich mir vorgeschlagen
+zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde
+<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>genügen, auch wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du
+bist derselbe Cethegus, der die ersten beiden Gesänge der
+Äneis in griechische Hexameter übertragen hat!« – »<hi rend='antiqua'>Infandum
+renovare jubes, regina, dolorem.</hi> Eine Jugendsünde,
+Königin,« lächelte Cethegus. »Ich habe alle Abschriften aufgekauft
+und verbrannt an dem Tage, da die Übersetzung
+Tullias erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas:
+Cethegus wußte das: aber die Fürstin hatte von
+dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in ihrer
+schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du weißt,
+wie es hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind
+gezählt: nach dem Ausspruch der Ärzte kann er, obwohl
+noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot zusammenbrechen.
+Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich
+aber führe an seiner Statt die Regentschaft und über ihn
+die Mundschaft bis er zu seinen Tagen gekommen.« – »So
+ist der Wille des Königs, und Goten und Römer haben
+dieser Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cethegus.
+– »So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die
+rohen Männer verachten die Herrschaft eines Weibes« –
+und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn in zornige
+Falten. »Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der
+Goten wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist ganz
+neu, daß ein Weib –« – »Die undankbaren Rebellen!«
+murmelte Cethegus, gleichsam für sich. – »Wie man darüber
+denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist so. Gleichwohl
+baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen,
+mögen auch einzelne aus dem Adel Gelüste nach der Krone
+tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna, wie in
+den meisten Städten, fürchte ich nichts. Aber ich fürchte
+– Rom und die Römer.« Cethegus horchte hoch auf:
+sein ganzes Wesen war in plötzlicher Erregung: aber sein
+Antlitz blieb eisig kalt.
+</p>
+
+<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>
+
+<p>
+»Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten
+gewöhnen, es wird uns ewig widerstreben – wie könnte
+es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es war, als ob die
+Tochter Theoderichs eine römische Seele hätte.
+</p>
+
+<p>
+»Wir fürchten deshalb,« – ergänzte Cassiodor, – »daß
+auf die Kunde von der Erledigung des Throns zu Rom
+eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen könnte, sei
+es für Anschluß an Byzanz, sei es für Erhebung eines
+eignen Kaisers des Abendlandes.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. –
+</p>
+
+<p>
+»Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muß, schon ehe
+jene Kunde zu Rom eintrifft, alles geschehen sein. Ein
+entschlossener, mir treu ergebener Mann muß die Besatzung
+für mich – ich meine für meinen Sohn – vereidigen,
+die wichtigsten Thore und Plätze besetzen, Senat und Adel
+einschüchtern, das Volk für mich gewinnen und meine Herrschaft
+unerschütterlich aufrichten, ehe sie noch bedroht ist.
+Und für dies Geschäft hat Cassiodor – dich vorgeschlagen.
+Sprich, willst du es übernehmen?«
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer
+Hand zur Erde gefallen. Cethegus bückte sich, ihn aufzuheben.
+Er hatte nur diesen einen Augenblick für die
+hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem
+Kopfe kreuzten.
+</p>
+
+<p>
+War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht
+er selbst verraten? Lag hier eine Schlinge des
+schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder waren die
+Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen?
+Und wenn dem so war, was sollte er thun?
+Sollte er den Moment benutzen, sogleich loszuschlagen, Rom
+zu gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für einen
+Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden?
+Oder waren die Dinge noch nicht reif? Sollte er für
+<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>diesmal – aus Treulosigkeit – Treue üben? Für all’
+diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie
+zu stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich
+bückte: sein rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im
+Bücken das arglos vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen
+und entschlossen sprach er, den Griffel überreichend: »Königin,
+ich übernehme das Geschäft.« – »Das ist gut,« sagte die
+Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. – »Wenn Cassiodor,«
+fuhr Cethegus fort, »mich zu diesem Amte vorgeschlagen,
+so hat er wieder einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewährt.
+Er hat durch meine Schale auf meinen Kern gesehen.«
+– »Wie meinst du das?« fragte Amalaswintha.
+– »Königin, der Schein konnte ihn trügen. Ich gestehe, daß
+ich die Barbaren – verzeihe! – die Goten nicht gern
+in Italien herrschen sehe.« – »Dieser Freimut ehrt dich und
+ich verzeih’ es dem Römer.« – »Dazu kommt, daß ich seit
+Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen Leben keine Teilnahme
+mehr zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb’ ich
+– ohne alle Leidenschaft – nur einer spielenden Muse
+und leichten Gelehrsamkeit, unbekümmert um die Sorgen
+der Könige, auf meinen Villen.« – »<hi rend='antiqua'>Beatus ille qui procul
+negotiis</hi>«, citierte seufzend die gelehrte Frau. – »Aber eben
+weil ich die Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler
+Platons, will, daß die Weisen herrschen sollen, deshalb
+wünsche ich, daß eine Königin mein Vaterland regiere, die
+nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der
+Tugend nach Römerin ist.
+</p>
+
+<p>
+Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften
+opfern. Aber nur unter der Bedingung, daß dies
+mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme deinen Auftrag
+und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.«
+</p>
+
+<p>
+»Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente,
+deren du bedarfst.«
+</p>
+
+<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>
+
+<p>
+Cethegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest
+des jungen Königs an die Römer, mit deiner Unterschrift.
+Seine Unterschrift fehlt noch.« Amalaswintha
+tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte,
+deren sich die Amaler, wie die römischen Imperatoren
+bedienten: »Komm, schreibe deinen Namen, mein Sohn.«
+Athalarich hatte während der ganzen Verhandlung stehend
+und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gestützt,
+Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er
+war gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers
+und eines Kranken zu gebrauchen: »Nein,« sagte
+er heftig, »ich schreibe nicht. Nicht bloß, weil ich diesem
+kalten Römer nicht traue, – nein, ich traue dir gar nicht,
+du stolzer Mann! – es ist empörend, daß ihr, während
+mein hoher Großvater noch atmet, schon an seiner Krone
+herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone des Riesen.
+Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen Vorhängen
+stirbt der größte Held des Jahrhunderts – und ihr denkt
+nur an die Teilung seiner Königsgewänder.«
+</p>
+
+<p>
+Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach
+dem Fenster zu, wo er den Arm um seine schöne Schwester
+schlang und ihr schimmervolles glänzendes Haar streichelte.
+</p>
+
+<p>
+Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich
+fuhr sie auf aus ihrem Sinnen: »Athalarich,« flüsterte sie,
+hastig seinen Arm fassend und hinausdeutend auf die
+Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen Stahlhelm,
+der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?«
+»Laß sehn,« sagte der Jüngling sich vorbeugend, »der dort?
+ei, das ist Graf Witichis, der Besieger der Gepiden, ein
+wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den Thaten und
+Erfolgen des Grafen im letzten Kriege.
+</p>
+
+<p>
+Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister
+fragend angesehen. »Laß ihn!« seufzte Amalaswintha.
+<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>»Wenn er nicht will, zwingt ihn keine Macht der Erde.«
+Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem
+sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach
+des Königs von allem Geräusch des Vorzimmers schied.
+Es war Elpidios, der griechische Arzt, der, die schweren
+Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus langem
+Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem
+alten Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner
+Seite.
+</p>
+</div><div n="6" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern
+zu gleichem Zweck benutzt, zeigte die düstre Pracht des
+späten römischen Stils. Die überladenen Reliefs an den
+Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte noch
+Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren:
+heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz
+darüber hin: überall in der Architektur und Dekoration
+waltete drückender Prunk.
+</p>
+
+<p>
+Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager
+des Gotenkönigs in seiner schlichten Einfachheit. Kaum
+einen Fuß vom Marmorboden erhob sich das ovale Gestell
+von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der
+köstliche Purpurteppich, der die Füße verhüllte, und das
+Löwenfell mit goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkönigs
+aus Afrika, das vor dem Bette lag, bekundete die
+Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst das
+Gemach erfüllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch
+schwer.
+</p>
+
+<p>
+An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild
+<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/>und das breite Schwert des Königs, seit vielen Jahren
+nicht mehr gebraucht. Am Kopfende des Lagers stand,
+gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des
+Kranken sorglich prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt,
+kehrte ihm das gewaltige, das majestätische Antlitz
+zu. Sein Haar war spärlich und an den Schläfen abgerieben
+durch den langjährigen Druck des schweren Helmes,
+aber noch glänzend hellbraun, ohne irgend graue oder
+weiße Spuren. Die mächtige Stirn, die blitzenden Augen,
+die stark gebogene Nase, die tiefen Furchen der Wangen
+sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft, sie
+zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich
+und hehr: aber die wohlwollende Weichheit des Mundes
+bekundete, trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart,
+jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher der König
+ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit zurückgeführt
+und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte,
+die damals schon Sprichwort und Sage feierten.
+</p>
+
+<p>
+Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune
+Adlerauge auf dem riesigen Krankenwart ruhen. Dann
+reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte. »Alter
+Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.«
+</p>
+
+<p>
+Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand
+des Königs an die breite Brust. »Komm, Alter, steh’
+auf: muß <hi rend='gesperrt'>ich dich</hi> trösten?«
+</p>
+
+<p>
+Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur
+das Haupt, daß er dem König ins Auge sehen konnte.
+»Sieh,« sprach dieser, »ich weiß, daß du, Hildungs Sohn,
+von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde
+hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als
+alle diese griechischen Ärzte und lydischen Salbenkrämer.
+Und vor allem: du hast mehr Wahrhaftigkeit. Darum
+frage ich dich, du sollst mir redlich bestätigen, was ich
+<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>selbst fühle: sprich, ich muß sterben? heute noch? noch vor
+Nacht?«
+</p>
+
+<p>
+Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu
+täuschen war. Aber der Alte wollte gar nicht täuschen, er
+hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja, Gotenkönig, Amalungen
+Erbe, du mußt sterben,« sagte er: »die Hand des
+Todes hat über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die
+Sonne nicht mehr sinken sehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Es ist gut,« sagte Theoderich, ohne mit der Wimper
+zu zucken. »Siehst du, der Grieche, den ich fortgeschickt,
+hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen. Und ich brauche
+doch meine Zeit.«
+</p>
+
+<p>
+»Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte
+Hildebrand, nicht mit Liebe. – »Nein, ich konnte sie nicht
+brauchen. Und ich brauche sie nicht mehr.« – »Der Schlaf
+hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner Seele
+genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich,
+Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkönig.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß,« lächelte dieser, »die Priester waren dir
+nicht genehm an diesem Lager. Du hast Recht. Sie
+konnten mir nicht helfen.« – »Nun aber, wer hat dir
+geholfen?«
+</p>
+
+<p>
+»Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen
+unser Abschied sein! Mein Dank für deine Treue von
+fünfzig Jahren sei es, daß ich dir allein, nicht meiner
+Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequält
+hat. Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du,
+daß jene Schwermut war, die mich plötzlich befallen und
+in dieses Siechtum gestürzt hat?« – »Die Welschen sagen:
+Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus.« – »Hast
+du das geglaubt?« – »Nein, ich mochte nicht glauben, daß
+dich das Blut der Verräter bekümmern kann.« – »Du hast
+wohlgethan. Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig:
+<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boëthius habe
+ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter!
+Verräter in ihren Gedanken, Verräter an meinem Vertrauen,
+an meinem Herzen. Ich habe sie, die Römer, höher
+gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie haben,
+zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner
+Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin
+und einen Justinian der Freundschaft des Theoderich vorgezogen
+–: mich reut der Undankbaren nicht. Ich verachte
+sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?« –
+»König: dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum
+Feinde.« Der Kranke zog die kühnen Brauen zusammen:
+»Du triffst näher ans Ziel. Ich habe stets gewußt, was
+meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten hab’ ich
+geseufzt um seine innere Krankheit, wann ich am Abend
+beim Gastgelag den fremden Gesandten den Stolz höchster
+Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiß, mich
+für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben
+sehen. Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron.
+Ich habe geseufzt, wann ich einsam war und meine Sorge
+allein getragen.« – »Du bist die Weisheit, mein König,
+und ich war ein Thor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der
+König fort, – mit der Hand über die des Alten streichend
+–, »ich weiß alles, was dir nicht recht an mir
+gewesen. Auch deinen blinden Haß gegen diese Welschen
+kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine
+Liebe zu ihnen war.« Hier seufzte er und hielt inne.
+»Was quälst du dich.« – »Nein, laß mich vollenden. Ich
+weiß es, mein Reich, das Werk meines ruhmvollen, mühevollen
+Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht
+durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer. Sei
+es darum! Kein Menschenbau ist ewig und die Schuld zu
+edler Güte – ich will sie tragen.«
+</p>
+
+<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>
+
+<p>
+»Mein großer König!« – »Aber, Hildebrand, in einer
+Nacht, da ich so wachte, sorgte und seufzte über den Gefahren
+meines Reiches, – da stieg mir vor der Seele auf
+das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein,
+der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir,
+wenn das Volk der Goten sollte untergehn zur Strafe für
+Theoderichs Frevel! – <hi rend='gesperrt'>Sein</hi>, <hi rend='gesperrt'>sein</hi> Bild tauchte mir empor!«
+</p>
+
+<p>
+Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte
+einen Augenblick. »Wessen Bild? Wen meinst du?« fragte
+der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!« flüsterte der
+König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
+unterbrach endlich Theoderich: »Ja, Alter, diese Rechte,
+– du weißt es, – hat den gewaltigen Helden durchstoßen,
+beim Mahl, meinen Gast. Heiß spritzte sein Blut mir ins
+Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich aus seinem
+brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht,
+stieg sein blutiges, bleiches, zürnendes Bild wie eines
+Rachegottes vor mir auf. Fiebernd zuckte mein Herz zusammen.
+Und furchtbar sprach’s in mir: um dieser Blutthat
+willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.«
+</p>
+
+<p>
+Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand,
+trotzig aufblickend: »König, was quälst du dich wie ein
+Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen mit eigner Hand
+und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht
+von den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als
+dreißig Schlachten, im Blute watend knöcheltief? Was ist
+dagegen das Blut des einen Mannes! Und denk’: wie es
+stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der
+Auerstier dem Bären. Zweimal hatte er dich und dein
+Volk hart an den Rand des Verderbens gedrängt. Hunger,
+Schwert und Seuche rafften deine Goten dahin. Endlich,
+endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch
+<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen. Da
+kömmt dir Warnung, er sinnt Verrat, er will noch einmal
+den gräßlichen Kampf aufnehmen, er will zur Nacht desselben
+Tages dich und die Deinen überfallen. Was solltest
+du thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so
+konnte das nicht retten. Kühn kamst du ihm zuvor und
+thatest ihm Abends, was er dir Nachts gethan hätte. Und
+wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine That hat all’
+dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung
+erspart. Du hast all’ die Seinen begnadigt, hast Goten
+und Welsche dreißig Jahre leben lassen wie im Himmelreich.
+Und nun willst du um jene That dich quälen?
+Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit. Ich – ich hätt’
+ihn siebenmal erschlagen.«
+</p>
+
+<p>
+Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein
+zorniger Riese. Aber der König schüttelte das Haupt.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal
+hab ich mir dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als
+deine Wildheit es vermag. Das hilft all’ nichts. Er
+war ein Held, – der einzige meinesgleichen! – Und
+ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus
+Argwohn, aus Eifersucht, ja – es muß gesagt sein, aus
+Furcht, – aus Furcht, noch einmal mit ihm ringen zu
+sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. – Und
+ich fand keine Ruhe hinter Ausreden. Düstre Schwermut
+fiel auf mich. Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht
+unaufhörlich. Beim Schmaus und im Rat, auf der Jagd,
+in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte
+mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie konnten mir
+nicht helfen. Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue,
+meinen Glauben, und vergaben mir alle Sünden. Aber
+Friede kam nicht über mich und ob <hi rend='gesperrt'>sie</hi> mir verziehen, –
+<hi rend='gesperrt'>ich</hi> konnte mir nicht verzeihen. Ich weiß nicht, ist es der
+<pb n='57'/><anchor id='Pg057'/>alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: – aber ich kann
+mich nicht hinter dem Kreuz verstecken vor dem Schatten
+des Ermordeten. Ich kann mich nicht gelöst glauben von
+meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen
+Gottes, der am Kreuze gestorben.« – –
+</p>
+
+<p>
+Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du
+weißt,« raunte er ihm zu, »ich habe niemals diesen Kreuzpriestern
+glauben können. Sprich, o sprich, glaubst auch
+du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?«
+</p>
+
+<p>
+Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du
+alter, unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts für
+mich. Höre, wie mir geholfen ward. Ich schickte gestern
+die Bischöfe fort und kehrte tief in mich selber ein. Und
+dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward ruhiger.
+Und sieh, in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer,
+wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und
+als ich erwachte, da schauerte kein Fieber der Qual mehr
+in meinen Gliedern. Ruhig war ich und klar. Und dachte
+dieses: »Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder
+Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich.
+Und wenn er der zornige Gott des Moses, so räche er
+sich und strafe mit mir mein ganzes Haus bis ins siebente
+Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
+des Herrn. Er mag <hi rend='gesperrt'>uns</hi> verderben: er ist gerecht. Aber
+weil er gerecht ist, <hi rend='gesperrt'>kann</hi> er nicht strafen dieses edle Volk
+der Goten um fremde Schuld. Er <hi rend='gesperrt'>kann</hi> es nicht verderben
+um des Frevels seines Königs willen. Nein, das
+wird er nicht. Und muß dies Volk einst untergehen, –
+ich fühl’ es klar, dann ist es nicht um meine That. Für
+diese weih’ ich mich und mein Haus der Rache des Herrn.
+Und so kam Friede über mich und mutig mag ich sterben.«
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und
+küßte die Rechte, welche Odovakar erschlagen hatte. –
+</p>
+
+<pb n='58'/><anchor id='Pg058'/>
+
+<p>
+»Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis,
+mein Dank für ein ganzes Leben der Treue. –
+Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der
+Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann
+nicht in den Kissen sterben. Dort hangen meine Waffen.
+Gieb sie mir! – Keine Widerrede –! Ich will. Und
+ich kann.«
+</p>
+
+<p>
+Hildebrand mußte gehorchen: rüstig erhob sich mit seiner
+Hilfe der Kranke von dem Lager, schlug einen weiten
+Purpurmantel um die Schultern, gürtete sich mit dem
+Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf
+das Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren
+Lanze, den Rücken gegen die breite dorische Mittelsäule
+des Gemaches gelehnt.
+</p>
+
+<p>
+»So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und
+wer sonst da draußen.«
+</p>
+</div><div n="7" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebentes Kapitel.</head>
+
+<p>
+So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge
+an der Thür zu beiden Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer
+und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum
+bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich
+inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden
+– näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem Schweigen
+dem König.
+</p>
+
+<p>
+»Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt,
+die meinen Tod und meines Enkels Thronfolge
+nach Byzanz berichten sollen?«
+</p>
+
+<p>
+»Hier sind sie,« sprach Amalaswintha.
+</p>
+
+<pb n='59'/><anchor id='Pg059'/>
+
+<p>
+Der König durchflog die Papyrusrollen.
+</p>
+
+<p>
+»An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen
+Justinianus. Freilich, der wird bald das Diadem tragen
+und ist schon jetzt der Herr seines Herrn! Cassiodor hat
+sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen.
+Aber halt« – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich
+– »eurem kaiserlichen Schutze meine Jugend empfehlend.«
+Schutze? Das ist des Guten zu viel. Wehe, wenn ihr
+auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. <hi rend='gesperrt'>Freundschaft</hi>
+mich empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.«
+Und er gab die Briefe zurück. »Und hier ein drittes
+Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, die edle
+Gattin Justinians? Wie! an die Tänzerin vom Cirkus?
+Des Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge
+funkelte. »Sie ist von größtem Einfluß auf ihren Gemahl,«
+wandte Cassiodor ein. – »Nein, meine Tochter
+schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt
+hat.« Und er zerriß die Papyrusrolle und schritt über
+die Stücke zu den Goten im Mittelgrund der Halle.
+»Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein nach
+meinem Tod?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.«
+</p>
+
+<p>
+»Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht
+den Wunsch gethan, den ich dir damals freigestellt nach
+der Gepidenschlacht. Hast du noch immer nichts zu
+wünschen?«
+</p>
+
+<p>
+»Doch, mein König.«
+</p>
+
+<p>
+»Endlich! Das freut mich, – sprich.« – »Heute soll
+ein armer Kerkerwart, weil er sich weigerte, einen Angeklagten
+zu foltern und nach dem Liktor schlug, selbst gefoltert
+werden. Herr König, gieb den Mann frei: das
+Foltern ist schändlich und –«
+</p>
+
+<p>
+»Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die
+<pb n='60'/><anchor id='Pg060'/>Folter nicht mehr gebraucht im Reich der Goten. Sorg
+dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis, gieb mir die Hand.
+Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir
+Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser
+Scheidestunde. Und kommst du je auf seinen Rücken in
+Gefahr, oder« – hier sprach er ganz leise zu ihm –
+»will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins
+Ohr. – Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun
+war zu rauh. – Das fröhliche Volk dort muß durch
+fröhliche Mienen gewonnen werden.«
+</p>
+
+<p>
+»Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,«
+sprach Cassiodor.
+</p>
+
+<p>
+»Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein
+Götterliebling! Ihm können die Herzen nicht widerstehen.
+Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!« Er seufzte und
+fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?«
+»Cethegus Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung,
+»dieser edle Römer.« – »Cethegus? Ich kenne
+ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.« Ungern erhob der
+Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des
+Königs rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das
+Adlerauge, das seine Seele durchdrang, ruhig aus, mit
+dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank, Cethegus,
+daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat
+fern gehalten. Und von uns. Oder es war gefährlich.
+Vielleicht ist es noch gefährlicher, daß du dich – jetzt –
+dem Staat zuwendest.« – »Nicht mein Wunsch, o König.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. – »Still, Freund!
+Auf Erden mag keiner für den andern bürgen! – Kaum
+für sich selbst! – Aber,« fuhr er forschenden Blickes fort,
+»an die Griechlein wird dieser stolze Kopf – dieser Cäsarkopf
+– Italien nicht verraten.«
+</p>
+
+<p>
+Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen
+<pb n='61'/><anchor id='Pg061'/>mußte Cethegus tragen. Dann ergriff der König plötzlich
+den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich geschlossenen
+Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir warnend
+weissage. Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem
+Thron des Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe
+dich gewarnt. – – Was lärmt da draußen?« fragte er,
+rasch sich wendend, seine Tochter, die einem meldenden
+Römer leisen Bescheid erteilte. »Nichts, mein König, nichts
+von Bedeutung, mein Vater!« – »Wie? Geheimnisse vor
+mir? Bei meiner Krone! Wollt ihr schon herrschen, so
+lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut fremder
+Zungen da draußen. Auf die Thüren!« Die Pforte,
+welche die äußere Halle mit dem Vorzimmer verband,
+öffnete sich.
+</p>
+
+<p>
+Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern
+kleine fremd aussehende Gestalten, in seltsamer Tracht, mit
+Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz zulaufenden Mützen und
+langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken hingen.
+Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des
+Königs, der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die
+Fremden wie vom Blitz getroffen auf die Kniee.
+</p>
+
+<p>
+»Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel
+an unsern Ostmarken! Habt ihr den schuldigen
+Jahrestribut?« – »Herr, wir bringen ihn noch für diesmal
+– Pelzwerk, – wollne Teppiche, – Schwerter, –
+Schilde. – Da hangen sie, – dort liegen sie. Aber wir
+hoffen, daß für nächstes Jahr – wir wollten sehn« –
+»Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern nicht
+altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und
+meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern?
+Ihr irrt, Späher!« Und er ergriff wie prüfend eines der
+Schwerter, welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet,
+samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff
+<pb n='62'/><anchor id='Pg062'/>und Spitze: – ein Druck und in zwei Stücken warf er
+ihnen das Eisen vor die Füße. »Schlechte Schwerter
+führen die Avaren,« sagte er ruhig. »Und nun komm,
+Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht
+glauben, daß du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen,
+wie du meinen Speer führest.«
+</p>
+
+<p>
+Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes
+zuckte über sein bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren
+Speer seines Großvaters und schleuderte ihn mit solcher
+Kraft auf einen der Schilde, welche die Gesandten an die
+Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend durchbohrte
+und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang.
+Stolz legte der König die Linke auf das Haupt seines
+Enkels und rief den Gesandten zu: »Jetzt geht, daheim zu
+melden was ihr hier gesehen.«
+</p>
+
+<p>
+Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die
+staunenden Avaren aus. »Gebt mir einen Becher Wein.
+– Leicht den letzten! Nein, ungemischten! Nach Germanen
+Art!« – und er wies den griechischen Arzt zurück –
+»Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht.
+Ich trinke der Goten Heil.« Er leerte langsam
+den Pokal. Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch.
+</p>
+
+<p>
+Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was
+die Ärzte lang erwartet: er wankte, griff an die Brust
+und stürzte rücklings in die Arme Hildebrands, der langsam
+niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten ließ, und
+das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an:
+aber der König regte sich nicht und laut aufschreiend warf
+sich Athalarich über die Leiche.
+</p>
+
+</div></div><div n="2" type="buch" rend="page-break-before: right">
+<pb n='63'/><anchor id='Pg063'/>
+ <index index="toc" level1="Zweites Buch. Athalarich."/><index index="pdf" level1="Zweites Buch. Athalarich."/>
+<head type="sub">Zweites Buch.</head>
+
+<head>Athalarich.</head>
+<epigraph>
+<lg>
+<l rend='margin-left: 10'>»Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?«</l>
+<l rend='margin-left: 20'>Schiller, Wilhelm Tell.</l>
+ <l rend='margin-left: 20'>III. Aufzug. 2. Scene.</l>
+</lg>
+</epigraph>
+
+<pb n='64'/><anchor id='Pg064'/>
+
+<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right">
+<pb n='65'/><anchor id='Pg065'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Erstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und
+Feind in diesem Augenblick schwere Gefahren für das junge
+Gotenreich. Noch waren es nicht vierzig Jahre, daß
+Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem
+Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer
+Odovakar, den ein Aufstand der germanischen Söldner auf
+den Thron des Abendlands erhoben, Krone und Leben
+entrissen hatte. Alle Weisheit und Größe des Königs
+hatte nicht die Unsicherheit beseitigen können, die in der
+Natur seiner mehr kühnen als besonnenen Schöpfung lag.
+Trotz der Milde seiner Regierung fühlten die Italier –
+und wir wollen uns hüten, solche Gesinnung zu verdammen
+– aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und
+diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt
+verhaßt. Nach der Auffassung jener Zeit galten das weströmische
+und das oströmische Reich als eine unteilbare
+Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im Occident erloschen,
+erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige
+Herr des Abendlands. Nach Byzanz also waren
+die Augen aller römischen Patrioten, aller rechtgläubigen
+Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz erhofften sie
+Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen.
+Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese
+Hoffnung zu erfüllen. Waren auch die Unterthanen des
+Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans:
+<pb n='66'/><anchor id='Pg066'/>– noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche, den
+Goten durch alle Mittel der Bildung und eines lang
+bestehenden Staatswesens unendlich überlegene Macht.
+</p>
+
+<p>
+An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung
+des Barbarenreiches zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen,
+da das Verhältnis beider Staaten von vornherein auf
+Überlistung, Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war.
+Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den
+Donauländern angesiedelt, an Byzanz ein für beide Teile
+unerfreuliches Bundesverhältnis geknüpft, das in Folge des
+Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der Treulosigkeit der
+Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen den
+ungleichartigen Verbündeten umschlug: wiederholt hatte
+Theoderich, obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den
+höchsten Ehren des Reiches, mit den Titeln Konsul, Patricius,
+Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine Waffen
+bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen.
+</p>
+
+<p>
+Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte
+Kaiser Zeno, ein feiner Diplomat, das echt byzantinische
+Auskunftsmittel getroffen, den lästigen Gotenkönig mit
+seinem Volk dadurch aus der gefährlichen Nachbarschaft zu
+entfernen, daß er ihm als ein Danaërgeschenk Italien übertrug,
+das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar
+entrissen werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+In der That, wie immer der Kampf zwischen den
+beiden deutschen Fürsten enden mochte: Byzanz mußte immer
+gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die Goten und
+ihr furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und
+schwere Jahrgelder hatte überlassen müssen, für immer beseitigt.
+Siegte Theoderich, nun, so war ein Anmaßer,
+den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte, gestürzt und
+gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des
+Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch
+<pb n='67'/><anchor id='Pg067'/>eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem
+Ostreich vereinigt.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht
+der erwünschte. Denn als Theoderich gesiegt und sein
+Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete sich alsbald
+die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm
+eine Stellung, in der, bei aller Höflichkeit in den Formen,
+doch jede Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der
+Italier zu schwächen, berief er sich formell auf jenen Auftrag
+des Kaisers: in Wahrheit aber herrschte er auch über
+die Italier wie über seine Goten nicht als Statthalter
+und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen
+Rechts, kraft seines Sieges, als »König der Goten und
+Italier«. Dies führte natürlich zu Mißhelligkeiten mit
+dem Kaiser, die wiederholt in offnen Krieg zwischen den
+beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel,
+daß man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens
+nach Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen,
+so wie man sich stark genug fühlte. Und die <anchor id="corr067"/><corr sic="Gothen">Goten</corr> hatten
+keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern Feinde.
+Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik
+der Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm
+doch nur eine Art moralischen Protektorats, keine sichre
+Verstärkung seiner Macht verschaffen können.
+</p>
+
+<p>
+Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit
+allzuverwegen und vertrausam mitten in das Herz der
+römischen Bildungswelt gepflanzt hatte, der unmittelbare
+Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskräften,
+es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen,
+der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer
+wieder verjüngt und wenigstens dessen nordöstliche Teile
+vor der mit der Romanisierung verbundenen Fäulnis
+<pb n='68'/><anchor id='Pg068'/>bewahrt hatte, während die kleine gotische Insel, auf allen
+Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens
+umspült und benagt, diesen gegenüber von Jahr zu Jahr
+zusammenschmolz.
+</p>
+
+<p>
+So lange Theoderich, der gewaltige Schöpfer dieses
+gewagten Werkes lebte, blendete der Glanz seines Namens
+über die Gefahren und Blößen seiner Schöpfung.
+</p>
+
+<p>
+Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da
+das Steuer dieses gefährdeten Schiffes in die Hand eines
+Weibes oder eines kranken Jünglings übergehen sollte:
+Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall der
+unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme
+waren zu besorgen. Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl
+ruhig vorüberging, so war dies vor allem der unermüdlich
+eifrigen und vorsorglichen Thätigkeit zu danken, die
+Cassiodor, des Königs Freund und lang bewährter Minister,
+schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode
+Theoderichs, verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten,
+ward sofort ein Manifest erlassen, das die Thronbesteigung
+Athalarichs, unter Vormundschaft seiner Mutter,
+als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene
+Thatsache Italien und den Provinzen verkündete. Sofort
+auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet,
+die den Huldigungseid der Bevölkerung entgegennehmen,
+aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben
+sollten, daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten
+der Italier und Provinzialen achten und in allen Stücken
+die Milde, ja Vorliebe des großen Toten für seine römischen
+Unterthanen zum Muster nehmen werde.
+</p>
+
+<p>
+Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, daß eine
+Furcht gebietende Entfaltung der gotischen Heeresmacht an
+den Grenzen und in den wichtigsten oder unruhigsten
+Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die
+<pb n='69'/><anchor id='Pg069'/>Lust zu Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof
+das gute Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe
+sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert wurde.
+</p>
+</div><div n="1" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweites Kapitel.</head>
+
+<p>
+Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann,
+der in jenen Tagen des Übergangs eine bedeutende und,
+wie es der Regentschaft schien, hochverdienstliche Rolle spielte.
+</p>
+
+<p>
+Das war kein andrer als Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von
+Rom übernommen. Er war, sowie der König die Augen
+geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und den Thoren
+von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt
+und dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen.
+</p>
+
+<p>
+Sofort, noch eh’ der Tag angebrochen, hatte er die
+Senatoren in dem »Senatus«, d. h. dem geschaffenen Hallenbau
+Domitians nahe dem Janus Geminus, rechtsab vom
+Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit gotischen
+Truppen umstellt, die überraschten Senatoren – von
+denen er gar manchen erst neuerlich in den Katakomben
+gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert
+hatte – von dem bereits vollzognen Thronwechsel benachrichtigt
+und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal
+aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde
+hinweisende Worte,) mit einer keinen Widerspruch
+duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und Pflicht
+genommen.
+</p>
+
+<p>
+Dann verließ er den »Senatus«, wo er die Väter
+eingeschlossen hielt, bis er in dem flavischen Amphitheater,
+<pb n='70'/><anchor id='Pg070'/>wohin er eine Volksversammlung der Römer berufen,
+diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten
+und die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine
+meisterhafte Rede für den jungen König begeistert hatte.
+Er zählte die Wohlthaten Theoderichs auf, verhieß gleiche
+Milde von dessen Enkel, der übrigens bereits von ganz
+Italien, den Provinzen und den Vätern dieser Stadt anerkannt
+sei, meldete eine allgemeine Speisung des römischen
+Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt
+Amalaswinthens an und schloß mit der Verkündung
+siebentägiger Cirkusspiele, – Wettfahrten mit einundzwanzig
+spanischen Viergespannen – mit welchen er selbst die
+Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur
+feiern werde.
+</p>
+
+<p>
+Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen
+der Regentin und ihres Sohnes, aber noch lauter den
+Namen Cethegus, das Volk verlief sich in heller Freude,
+die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen
+und die ewige Stadt war für die Goten erhalten. Der
+Präfekt aber eilte nach seinem Hause am Fuß des Kapitols,
+schloß sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die
+Regentin. –
+</p>
+
+<p>
+Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen
+Vorthür des Hauses. Es war Lucius Licinius, der junge
+Römer, den wir in den Katakomben kennen gelernt: er
+schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, daß das
+Haus dröhnte. Ihm folgten Scävola, der Jurist, – er
+war unter den Eingesperrten gewesen – mit schwer gefurchter
+Stirn und Silverius, der Priester, mit zweifelnder
+Miene.
+</p>
+
+<p>
+Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thüre durch eine
+verborgne Luke in der Mauer und ließ, als er Licinius
+erkannte, die Männer ein. Heftig stürmte der Jüngling
+<pb n='71'/><anchor id='Pg071'/>den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch
+das Vestibulum, das Atrium und dessen Säulengang in
+das Studierzimmer des Cethegus. Dieser, als er die
+hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich von dem
+Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloß seine
+Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. »Ah, die
+Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die
+Hand am Schwert: – der Zorn ließ ihn nicht weiter
+sprechen, er zückte halb das breite Eisen aus der Scheide.
+</p>
+
+<p>
+»Halt, erst laß ihn sich verteidigen, wenn er kann,«
+keuchte, dem Stürmischen in den Arm fallend, Scävola,
+der jetzt nachgekommen war. »Es ist unmöglich, daß er
+abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,« sprach Silverius
+im Eintreten.
+</p>
+
+<p>
+»Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder
+bin ich’s? Hat er nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern
+festhalten lassen? Hat er nicht die Thore gesperrt und
+den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« – »Hat er nicht,«
+sprach Cethegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt,
+dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Mäuse
+in der Mausfalle gefangen, dreihundert hochadlige Mäuse?«
+– »Er höhnt uns noch! Wollt ihr das dulden?« rief Licinius.
+Und Scävola erbleichte vor Zorn. »Nun, und
+was hättet ihr gethan, wenn man euch hätte handeln
+lassen?« fragte der Präfekt ruhig, die Arme auf der breiten
+Brust kreuzend. »Was wir gethan hätten?« antwortete Licinius,
+»was wir – was du mit uns hundertmal verabredet!
+Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf,
+hätten wir die Goten in der Stadt erschlagen, die Republik
+ausgerufen und zwei Konsuln ernannt –« – »Namens
+Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun, und
+<pb n='72'/><anchor id='Pg072'/>dann? was dann?« – »Was dann? die Freiheit hätte
+gesiegt!«
+</p>
+
+<p>
+»Die Thorheit hätte gesiegt!« herrschte Cethegus losbrechend
+den Erschrocknen an. »Wie gut, daß man euch
+die Hände band: ihr hättet alle Hoffnung erwürgt, auf
+immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!« Er
+nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab
+sie den Erstaunten. »Da, lest. Der Feind war gewarnt
+und hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms
+geschürzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem
+Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem
+salarischen Thor im Norden, morgen sperrte der junge
+Totila mit der Flotte von Neapel im Süden die Tibermündung,
+und gegen das Grabmal Hadrians und das
+aurelische Thor war Herzog Thulun mit zwanzigtausend
+Mann von Westen her im Anzug. Hättet ihr heute früh
+einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?«
+</p>
+
+<p>
+Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen
+beschämt. Doch faßte sich Licinius: »Wir hätten den
+Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,« sprach er, mutig
+das schöne Haupt aufwerfend. – »Ja. So wie ich diese
+Mauern herstellen werde – eine Ewigkeit, mein Licinius:
+wie sie jetzt sind – nicht einen Tag.« – »So wären
+wir gestorben als freie Bürger,« sprach Scävola. »Das
+hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,«
+lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen
+Armen, wie um ihn zu küssen, auf ihn zu; vornehm entzog
+sich Cethegus: »Du hast uns alle, du hast Kirche und
+Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!« sprach
+der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten,
+die dieser ihm willig ließ:
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit,
+»vergieb, du großer Römer. Dies Schwert, das dich
+<pb n='73'/><anchor id='Pg073'/>heute durchbohren sollte, dir ist es fortan für ewig zu
+Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine
+Konsuln, dann <hi rend='antiqua'>salve</hi>, Diktator Cethegus!« Und mit
+leuchtenden Augen eilte er hinaus. Der Präfekt warf ihm
+einen befriedigten Blick nach. »Diktator, ja, doch nur bis
+zur vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist und
+folgte ihm. »Jawohl,« lächelte Cethegus, »dann wecken
+wir Camillus und Brutus wieder auf und führen die
+Republik da fort, wo sie diese vor tausend Jahren gelassen.
+Nicht wahr, Silverius?« – »Präfekt von Rom,« sprach
+der Priester, »du weißt, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache
+des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab’ ihn
+nicht mehr seit dieser Stunde. Dein sei die Führung, ich
+folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der römischen Kirche
+– freie Papstwahl.« – »Jawohl,« sagte Cethegus, »sowie
+nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« – Der
+Priester schied mit einem Lächeln auf den Lippen, aber
+schwere Gedanken im Herzen. »Geht,« sagte Cethegus
+nach einer Pause, den Dreien nachblickend, »ihr werdet
+keinen Tyrannen stürzen: – ihr braucht einen Tyrannen!«
+Dieser Tag, diese Stunde wurden entscheidend für Cethegus:
+fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse
+fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, zu
+Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt,
+oder doch nie als mehr denn Träume, die er sich
+als Ziele eingestanden hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen
+Herrn der Lage: er hatte die beiden großen Parteien der
+Zeit, die Gotenregierung und ihre Feinde, die Verschwornen,
+völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses gewaltigen
+Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit
+Jahrzehnten für gelähmt erachtet, plötzlich wieder in mächtigste
+Thätigkeit gesetzt: der unbegrenzte Drang, ja das
+<pb n='74'/><anchor id='Pg074'/>Bedürfnis, <hi rend='gesperrt'>zu herrschen</hi>, machte sich mit einem Male alle
+Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu
+heftiger Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling
+eines alten und unermeßlich reichen Geschlechts, dessen
+Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und Staatsmann
+Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: – man
+sagte, er sei ein Sohn des großen Diktators gewesen. –
+Unser Cethegus hatte von der Natur die vielseitigsten
+Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch
+seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs
+großartigste zu entfalten, diese aufs großartigste zu befriedigen.
+Er empfing die sorgfältigste Bildung, die damals
+einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen
+Künsten. Er trieb zu Berytus, zu Alexandrien, zu Athen
+in den besten Schulen mit glänzenden Erfolgen das Studium
+des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
+</p>
+
+<p>
+Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den
+Hauch des Verfalls in aller Kunst und Wissenschaft seiner
+Zeit. Die Philosophie insbesondre vermochte nur die letzten
+Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm irgend
+welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren.
+Als er von seinen Studien zurückkam, führte ihn sein
+Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst ein:
+rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu Amt.
+</p>
+
+<p>
+Aber plötzlich sprang er aus.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennen
+gelernt, mochte er nicht länger ein Rad in der großen
+Maschine des Reiches sein, das die Freiheit ausschloß und
+obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater
+und Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines
+ungeheuern Vermögens geworden, mit der Gewalt, mit
+<pb n='75'/><anchor id='Pg075'/>welcher er alles verfolgte, in die wildesten Strudel des
+Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald
+fertig: da machte er große Reisen nach Byzanz, nach
+Ägypten, bis nach Indien drang er vor. Da war kein
+Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß, den
+er nicht schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die
+Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen
+dieser Fahrten ertragen.
+</p>
+
+<p>
+Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom.
+</p>
+
+<p>
+Es hieß, er werde großartige Bauten aufführen; man
+freute sich, das üppigste Leben in seinen Häusern und
+Villen beginnen zu sehen, man täuschte sich sehr.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des
+Kapitols, bequem und von feinstem Geschmack, und lebte
+mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler.
+</p>
+
+<p>
+Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen
+heraus, eine Charakterisierung der wenig bekannten Völker
+und Länder, die er besucht. Das Buch hatte unerhörten
+Erfolg; Cassiodor und Boëthius warben um seine Freundschaft,
+der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen.
+Aber plötzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis,
+das ihn in jenen Tagen betroffen haben mußte,
+blieb allen Nachforschungen der Neugier, der Teilnahme,
+der Schadenfreude verborgen.
+</p>
+
+<p>
+Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn
+eines Morgens am Ufer des Tibers vor den Thoren der
+Stadt, bewußtlos und dem Tode nah, gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze
+des Reiches in den unwirtlichen Donauländern
+auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit Avaren und
+Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender
+Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie
+mit erlesenen, von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle
+<pb n='76'/><anchor id='Pg076'/>Schlupfwinkel ihrer Felsen, schlief alle Nächte auf der gefrornen
+Erde. Und als der gotische Feldherr ihm eine
+kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt
+dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und
+eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit.
+Nach dem Friedensschluß machte er abermals Reisen
+nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von da nach
+Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten
+Muße und Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen,
+wissenschaftlichen Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm
+Cassiodor aufdringen wollte. Er schien für nichts mehr
+Interesse zu haben, als für seine Studien.
+</p>
+
+<p>
+Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach
+Gallien einen schönen Jüngling oder Knaben mit, welchem
+er Rom und Italien zeigte und väterliche Liebe und Sorgfalt
+erwies. Es hieß, er wolle ihn adoptieren: solange
+dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner
+Einsamkeit heraus, lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden
+Festen in seine Villen und war bei den Gegeneinladungen,
+die er alle annahm, der liebenswürdigste Gesellschafter.
+Aber sowie er den jungen Julius Montanus
+mit einem stattlichen Gefolge von Pädagogen, Freigelassenen
+und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen
+entsendet hatte, brach er plötzlich wieder alle Verbindungen
+ab und zog sich in seine undurchdringliche Abgeschlossenheit
+zurück, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen
+Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius
+und Rusticianen, ihn aus seiner ablehnenden Ruhe
+heraus und zur Teilnahme an der Katakombenverschwörung
+fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot aus
+eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des
+Königs hatte er das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner
+und des Diakons Hand lag, fast mit Abneigung betrieben.
+</p>
+
+<pb n='77'/><anchor id='Pg077'/>
+
+<p>
+Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens,
+der Drang in allen möglichen Gebieten des Geistes sich zu
+versuchen, die Schwierigkeiten zu überwinden, alle Nebenbuhler
+zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er betrat,
+zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er
+den Siegeskranz genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen
+und nach neuen Aufgaben auszuschauen, hatte ihn bisher
+bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen. Kunst,
+Wissenschaft, Genuß, Amtsehre, Kriegsruhm: – alles hatte
+ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und
+alles hatte ihn leer gelassen. Herrschen, der erste sein,
+über widerstrebende Verhältnisse mit allen Mitteln überlegner
+Kraft und Klugheit siegen und dann über knirschende
+Menschen ein ehernes Regiment führen, das allein hatte
+er unbewußt und bewußt von jeher erstrebt: nur darin
+fühlte er sich wohl.
+</p>
+
+<p>
+In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser
+Stunde seine Brust: er, der Eisigkalte, erglühte in dem
+Gedanken, daß er über die beiden großen feindlichen
+Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem Zucken
+seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der
+Herrschaft stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung
+empor, daß es für ihn und seinen Ehrgeiz nur
+noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des Lebens
+wert machen könne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes,
+jedem andern unerreichbares: – er glaubte gern an
+seine Abkunft von Julius Cäsar und er fühlte das Blut
+Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken: –
+Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der römischen
+Welt! – – – –
+</p>
+
+<p>
+Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine
+Seele durchzuckt hatte, – kein Gedanke, – kein Wunsch,
+– nur ein Schatte, ein Traum, – erschrak er und
+<pb n='78'/><anchor id='Pg078'/>lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit. Er
+Kaiser und Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und
+Italien bebte unter dem Schritt von dreimalhunderttausend
+gotischen Kriegern! Und der größte aller Barbarenkönige,
+dessen Ruhm die Erde erfüllte, saß gewaltig herrschend zu
+Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war,
+so streckten die Franken über die Alpen, die Byzantiner
+übers Meer die gierigen Hände nach der italienischen
+Beute, zwei große Reiche gegen ihn, den einzelnen Mann! –
+</p>
+
+<p>
+Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie
+genau kannte, wie bitter verachtete er seine Landsleute,
+die unwürdigen Enkel großer Ahnen! Wie lachte er der
+Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen
+Römern die Tage der Republik erneuern wollten!
+</p>
+
+<p>
+Er stand allein.
+</p>
+
+<p>
+Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und
+gerade in diesem Augenblick, da ihn die Verschworenen
+verlassen hatten, da seine Überlegenheit gewaltiger als je
+ihnen und ihm selbst klar geworden war, gerade jetzt schoß
+in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel seiner
+träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren
+Gedanken, zum festen Entschluß empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken
+Schritten, wie ein Löwe seinen Käfig, das Gemach
+durchmessend, sprach er in abgerissenen Sätzen zu sich selbst:
+</p>
+
+<p>
+»Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben,
+Griechen und Franken nicht hereinlassen: – das
+wäre nicht schwer, das könnte ein andrer auch. Aber
+allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und
+Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure
+vollenden, und diese Memmen erst wieder zu Helden, diese
+Sklaven zu Römern, diese Knechte der Pfaffen und Barbaren
+wieder zu Herren der Erde machen: – das, das ist
+<pb n='79'/><anchor id='Pg079'/>der Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine
+neue Welt schaffen, allein, ein einziger Mann, mit der
+Kraft seines Willens und der Macht seines Geistes: –
+das hat noch kein Sterblicher vollbracht: – das ist größer
+als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es
+kann gethan werden, denn es kann gedacht werden. Und
+ich, der’s denken konnte, ich kann’s auch thun. Ja, Cethegus,
+das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich’s zu denken,
+zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun
+an: – keinen Gedanken mehr und kein Gefühl als für
+dies Eine.«
+</p>
+
+<p>
+Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem
+parischem Marmor, die, das Meisterwerk des Arkesilaos
+und der edelste Schmuck, ja nach der Familientradition
+von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das Heiligtum
+dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdivan stand:
+</p>
+
+<p>
+»Hör’ es, göttlicher Julius, großer Ahnherr, es lüstet
+deinen Enkel, mit dir zu ringen: es giebt noch ein Höheres
+als du erreicht: schon fliegen nach einem höheren Ziel als
+du, ist unsterblich und fallen, fallen aus solcher Höhe: –
+das ist der herrlichste Tod. Heil mir, daß ich wieder
+weiß, warum ich lebe.«
+</p>
+
+<p>
+Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen
+Blick auf die auf dem Tisch aufgerollte Militärkarte des
+römischen Weltreichs:
+</p>
+
+<p>
+»Erst diese Barbaren zertreten –: Rom! – Dann
+den Norden wieder unterwerfen –: Paris! – Dann zum
+alten Gehorsam unter die alte Cäsarenstadt das abtrünnige
+Ostreich zurückheischen –: Byzanz! Und weiter, immer
+weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros
+– und zurück nach Westen, durch Skythien und
+Germanien, an den Tiber – die Bahn, welche dir, Cäsar,
+der Dolch des Brutus durchgeschnitten. – Und so
+<pb n='80'/><anchor id='Pg080'/>größer als du, größer als Alexander – o halt, Gedanke,
+halt ein!«
+</p>
+
+<p>
+Und der eisige Cethegus loderte und glühte; mächtig
+pochten seine Adern an den Schläfen: er drückte die brennende
+Stirn an die kalte Marmorbrust Julius Cäsars,
+der majestätisch auf ihn niederschaute.
+</p>
+</div><div n="3" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Drittes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von
+entscheidender Bedeutung, auch für die Verschwörung in
+den Katakomben, für Italien und das Reich der Goten.
+</p>
+
+<p>
+Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren
+Häuptern, die über die Mittel, ja sogar über die Zwecke
+ihrer Pläne nicht immer einig waren, bisher nur langsame
+und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies anders von
+dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser
+Partei, da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm.
+</p>
+
+<p>
+Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes,
+– sogar, wie es schien, Silverius – dem Präfekten untergeordnet,
+der seine Überlegenheit so mächtig bewährt und
+das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten
+wahrhaft gefährlich.
+</p>
+
+<p>
+Unermüdlich war Cethegus beschäftigt, die Macht und
+Sicherheit ihres Reiches auf allen Seiten zu untergraben:
+mit seiner großen Kunst, die Menschen zu durchschauen, zu
+gewinnen und zu beherrschen wußte er die Zahl bedeutender
+Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu
+vermehren.
+</p>
+
+<pb n='81'/><anchor id='Pg081'/>
+
+<p>
+Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden
+Verdacht der gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits
+jede unzeitige Erhebung der Verschwornen zu verhindern.
+Denn ein Leichtes wär’ es freilich gewesen, plötzlich an
+Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren
+zu überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner,
+die längst hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges
+ins Land zu rufen. Aber damit hätte der Präfekt seine
+geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur an die
+Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei
+gesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
+</p>
+
+<p>
+Um dies zu erreichen, mußte er sich zuvor in Italien
+eine Machtstellung schaffen, wie sie kein andrer besaß.
+</p>
+
+<p>
+Er mußte, wenn auch nur im stillen, der mächtigste
+Mann im Lande sein, ehe der Fuß eines Byzantiners es
+betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge mußten soweit
+vorbereitet sein, daß die Barbaren von Italien, das hieß
+von Cethegus, allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von
+Byzanz, vertrieben würden, so daß nach dem Siege der Kaiser
+gar nicht umhin konnte, die Herrschaft über das befreite
+Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur als Statthalter,
+zu überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlaß
+gewonnen, den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft
+der »Griechlein«, wie man die Byzantiner verächtlich
+nannte, aufzureizen.
+</p>
+
+<p>
+Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen
+des großen Konstantin, der Glanz der Weltherrschaft von
+der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen Stadt am
+Hellespont verlegt und das Scepter von den Söhnen des
+Romulus auf die Griechen übergegangen schien, obwohl das
+Ost- und das Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber
+Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten, so
+<pb n='82'/><anchor id='Pg082'/>waren doch auch jetzt noch die Griechen den Römern verhaßt
+und verächtlich, wie in den Tagen, da Flaminius
+das gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt
+hatte: der alte Haß war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb
+war der Mann der Begeisterung und der Hilfe ganz
+Italiens gewiß, der nach Vertreibung der Barbaren auch
+die Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone
+von Rom, die Krone des Abendlands war sein sichrer
+Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte Nationalgefühl
+wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben,
+wenn Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu
+Aurelianum und Paris die Herrschaft des römischen Imperators
+über das Abendland wieder aufgerichtet hatte,
+dann war der Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene
+Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das
+ewige Rom und die Weltherrschaft am Strand des Tibers
+da fortzuführen, wo sie Trajan und Hadrian gelassen. –
+</p>
+
+<p>
+Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen,
+mußte jeder nächste Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad
+mit größter Vorsicht geschehen: jedes Straucheln mußte für
+immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als Kaiser
+zu beherrschen, mußte Cethegus vor allem Rom haben: denn
+nur an Rom ließen sich jene Gedanken knüpfen. Deshalb
+wandte der neue Präfekt höchste Sorgfalt auf die ihm anvertraute
+Stadt: Rom sollte ihm moralisch und physisch
+eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehörig und
+unentreißbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit:
+es war ja die Pflicht des Präfectus Urbi, für das
+Wohl der Bevölkerung, für Erhaltung und Sicherheit der
+Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die
+Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine Zwecke auszubeuten:
+leicht hatte er alle Stände für sich gewonnen:
+der Adel ehrte in ihm das Haupt der
+Katakombenverschwö<pb n='83'/><anchor id='Pg083'/>rung, über die Geistlichkeit herrschte er durch Silverius,
+der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme
+bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem
+Präfekten eine diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den
+Tag legte. Das niedre Volk aber fesselte er an seine Person
+nicht nur durch vorübergehende Brotspenden und Cirkusspiele
+aus seiner Tasche, sondern durch großartige Unternehmungen,
+die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit
+und Unterhalt – auf Kosten der gotischen Regierung –
+verschafften.
+</p>
+
+<p>
+Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen
+Roms, die seit den Tagen des Honorius durch
+die Zeit und durch den Eigennutz römischer Bauherren vielmehr
+als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten
+hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur
+Ehre der ewigen Stadt und, – wie sie wähnte, – zum
+Schutz gegen die Byzantiner«.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus selbst hatte – und zwar, wie die alsbald
+folgenden vergeblichen Belagerungen durch Goten und
+Byzantiner bewiesen, mit genialem Feldherrnblick, – den
+Plan der großartigen Werke entworfen. Und er betrieb
+nun mit größtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure
+Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu
+einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die Tausende
+von Arbeitern, die wohl wußten, wem sie diese reich
+bezahlte Beschäftigung verdankten, jubelten dem Präfekten
+zu, wenn er auf den Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb,
+besserte und wohl selbst mit Hand anlegte. Und die getäuschte
+Fürstin wies eine Million Solidi nach der andern
+an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht
+ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte.
+</p>
+
+<p>
+Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das
+heute unter dem Namen der Engelsburg bekannte
+Grab<pb n='84'/><anchor id='Pg084'/>mal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian aus
+parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel
+zusammengefügt waren, aufgeführt, lag damals einen
+Steinwurf vor dem aurelischen Thor, dessen Mauerseiten
+es weit überragte. Mit scharfem Auge hatte Cethegus
+erkannt, daß das unvergleichlich feste Gebäude, in seiner
+bisherigen Lage ein Festungswerk <hi rend='gesperrt'>gegen</hi> die Stadt, sich
+durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk <hi rend='gesperrt'>für</hi> die
+Stadt verwandeln ließ: er führte vom aurelischen Thor
+zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun
+bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze
+für das aurelische Thor, um so mehr als der Tiber knapp
+davor einen natürlichen Festungsgraben zog. Oben auf
+der Mauer des Mausoleums aber standen, zum Teil noch
+von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen
+dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor, Bronze
+und Erz: darunter der Divus Hadrianus selbst, sein schöner
+Liebling Antinous, ein Zeus Soter, die Pallas »Städtebeschirmerin«,
+ein schlafender Faun und viele andere.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese
+Stätte, wo er allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom
+mit dem Blick beherrschend und den Fortschritt der Schanzarbeiten
+prüfend: und er hatte deshalb eine reiche Zahl
+von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch
+aufstellen lassen.
+</p>
+
+</div><div n="4" type="kapitel">
+<pb n='85'/><anchor id='Pg085'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Viertes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer
+zweiten, für seine Ziele nicht minder unerläßlichen Vorbereitung
+sein. Um selbständig in Rom, in <hi rend='gesperrt'>seinem</hi> Rom,
+wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten
+und nötigenfalls den Griechen trotzen zu können, bedurfte
+er nicht bloß der Wälle, sondern auch der Verteidiger auf
+denselben. Er dachte zunächst an Söldner, an eine Leibwache,
+wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte, Staatsmänner
+und Feldherren häufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar
+und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang
+es ihm zwar, durch früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte
+Verbindungen und bei seinen reichen Schätzen
+tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker, die in
+jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts
+spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen
+hatte dies Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken.
+</p>
+
+<p>
+Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für
+andre Zwecke unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch
+immer nur verhältnismäßig kleine Massen aufbringen, den
+Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und ferner war es
+unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten
+zu wecken, in größerer Anzahl nach Italien, nach Rom
+zu bringen. Einzeln, paarweise, in kleinen Gruppen
+schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als
+seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in seine
+durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte
+sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von
+Ostia oder als Arbeiter in Rom.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und
+<pb n='86'/><anchor id='Pg086'/>beschützen und all seine ferneren Pläne drängten ihn, seine
+Landsleute wieder an die Waffen zu gewöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier
+von dem Heer ausgeschlossen – nur Ausnahmen bei einzelnen
+als besonders zuverlässig Erachteten wurden gemacht
+– und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments
+während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner
+Entwaffnung der Römer erlassen.
+</p>
+
+<p>
+Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden:
+aber Cethegus konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde
+ihm erlauben, gegen den entschiednen Willen ihres großen
+Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine
+irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
+</p>
+
+<p>
+Er begnügte sich, ihr vorzustellen, daß sie durch ein
+ganz unschädliches Zugeständnis sich das Verdienst erwirken
+könne, jene gehässige Maßregel Theoderichs in edlem Vertrauen
+aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm zu
+gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft
+als Schutzwache Roms rüsten, einüben und immer
+unter den Waffen gegenwärtig halten zu dürfen: die Römer
+würden ihr schon für diesen Schein, daß die ewige Stadt
+nicht von Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar
+sein. Amalaswintha, begeistert für Rom und nach
+der Liebe der Römer als ihrem schönsten Ziele trachtend,
+gab ihre Einwilligung und Cethegus fing an seine »Landwehr«,
+wie wir sagen würden, zu bilden. Er rief in einer
+wie Trompetenschall klingenden Proklamation »die Söhne
+der Scipionen zu den alten Waffen zurück,« er bestellte
+die jungen Adligen der Katakomben zu »römischen Rittern«
+und »Kriegstribunen«: er verhieß jedem Römer, der sich
+freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von
+der Fürstin bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden,
+die sich daraus herbeidrängten die Tauglichsten aus;
+<pb n='87'/><anchor id='Pg087'/>er rüstete die Ärmeren aus, schenkte denen, die sich besonders
+auszeichneten im Dienst, gallische Helme und spanische
+Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und –
+was das Wichtigste – er entließ regelmäßig sobald als
+möglich die hinlänglich Eingeübten mit Belassung ihrer
+Waffen und hob neue Mannschaften aus, so daß, obwohl
+in jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete
+Zahl im Dienst stand, doch in kurzer Frist viele Tausende
+bewaffnete und waffengeübte Römer zur Verfügung ihres
+vergötterten Führers standen.
+</p>
+
+<p>
+Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz
+baute und seine künftigen Prätorianer heranbildete, vertröstete
+er den Eifer seiner Mitverschwornen, die unablässig
+zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der
+Vollendung jener Vorbereitungen, den er natürlich allein
+bestimmen konnte. Zugleich unterhielt er eifrigen Verkehr
+mit Byzanz. Dort mußte er sich einer Hilfe versichern,
+die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem
+Kampfplatz erscheinen könnte, die aber andrerseits auch nicht,
+ehe er sie rief, auf eigne Faust oder mit einer Stärke
+erschiene, die nicht leicht wieder zu entfernen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der
+aber kein großer Staatsmann sein durfte, mit einem Heere,
+stark genug, die Italier zu unterstützen, nicht stark genug,
+ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im Lande bleiben
+zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser
+Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr
+gegen den Wunsch des Präfekten sich gestaltete. Daneben
+war gegenüber den Goten, die zur Zeit noch unangefochten
+im Besitz der Beute standen, um die Cethegus bereits im
+Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet,
+sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten
+und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
+</p>
+
+<pb n='88'/><anchor id='Pg088'/>
+
+<p>
+Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen
+verachteten in barbarischem Hochmut alle offenen und
+geheimen Feinde: wir haben gesehen, wie schwer selbst der
+sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings wie Totila
+von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die
+trotzige Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich
+die allgemeine Stimmung der Goten aus. Auch an Parteiungen
+fehlte es nicht in diesem Volk.
+</p>
+
+<p>
+Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten
+mit ihren weitverzweigten <anchor id="corr088"/><corr sic="Sippen">Sippen,</corr> an ihrer Spitze die
+drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza: die reichbegüterten
+Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis von
+Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr,
+die alle den Amalern an Glanz der Ahnen wenig nachgaben
+und eifersüchtig ihre Stellung dicht neben dem
+Throne bewachten.
+</p>
+
+<p>
+Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes,
+die Herrschaft eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die
+gern, nach dem alten Recht des Volkes, das Königshaus
+umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf
+den Schild erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die
+Amaler blind ergebene Anhänger, die solche Gesinnung als
+Treubruch verabscheuten. Endlich teilte sich das ganze
+Volk in eine rauhere Partei, die, längst unzufrieden mit
+der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen
+bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was, wie sie
+meinten, bei der Eroberung des Landes versäumt worden,
+und die Italier für ihren heimlichen Haß mit offener Gewalt
+zu strafen begehrten. Viel kleiner natürlich war die
+Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich
+selbst, empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen,
+sich und ihr Volk zu dieser emporzuheben strebten.
+Das Haupt dieser Partei war die Königin.
+</p>
+
+<pb n='89'/><anchor id='Pg089'/>
+
+<p>
+Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht
+zu erhalten; denn sie, diese weibliche, schwache, geteilte
+Herrschaft, verhieß, die Kraft des Volkes zu lähmen, die
+Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. Ihre
+Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls
+aus. Er bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen
+Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen zu
+sehen.
+</p>
+
+<p>
+Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit,
+die sich in diesem Weibe zeigten, mehr noch die feurigen
+Funken verhaltener Glut, die zu Zeiten aus Athalarichs
+tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt. Sollten Mutter
+und Sohn solche Spuren öfter verraten, dann freilich
+mußte er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre
+Regierung gehalten hatte. Einstweilen aber freute er sich
+noch der unbedingten Herrschaft, die er über die Seele
+Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen.
+Nicht nur, weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu
+gelehrten Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem,
+wie es schien, ihm überall überlegenen Wissen der Fürstin
+so häufig überwunden wurde, daß Cassiodor, der oft Zeuge
+ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern,
+wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter
+Übung etwas eingerostet sei.
+</p>
+
+<p>
+Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib
+noch viel tiefer getroffen. Ihrem großen Vater war kein
+Sohn, war nur diese Tochter beschieden: der Wunsch nach
+einem männlichen Erben seiner schweren Krone war oft
+aus des Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren
+Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empörte das
+hochbegabte Mädchen, daß man es lediglich um ihres
+Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem möglichen
+Bruder, der, wie selbstverständlich, der Herrschaft würdiger
+<pb n='90'/><anchor id='Pg090'/>und fähiger sein würde. So weinte sie als Kind oft bittere
+Thränen, daß sie kein Knabe war.
+</p>
+
+<p>
+Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch
+von ihrem Vater jenen kränkenden Wunsch: jeder andre
+Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, den
+männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden
+Fürstin. Und das waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha
+war in der That in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches
+Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres
+Wollens, aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit
+überschritten weit die Schranken, in welchen sich holde
+Weiblichkeit bewegt. Das Bewußtsein, daß mit ihrer Hand
+zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die Krone
+selbst, würde vergeben werden, machte sie eben auch nicht
+bescheidener: und ihre tiefste, mächtigste Empfindung war
+jetzt nicht mehr der Wunsch, Mann zu sein, sondern die
+Überzeugung, daß sie, das Weib, allen Aufgaben des Lebens
+und des Regierens so gut wie der begabteste Mann, besser
+als die meisten Männer, gewachsen, daß sie berufen sei,
+das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit
+ihres Geschlechts glänzend zu widerlegen.
+</p>
+
+<p>
+Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem
+Amaler aus andrer Linie, einem Mann von hohen Anlagen
+des Geistes und reichem Gemüt, war kurz –: Eutharich
+erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden –
+und wenig glücklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich
+ihrem Gatten gebeugt. Als Witwe atmete sie stolz auf.
+Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als Vormünderin ihres
+Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewähren:
+sie wollte so regieren, daß die stolzesten Männer ihre Überlegenheit
+sollten einräumen müssen. Wir haben gesehen,
+wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den
+Tod ihres großen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
+</p>
+
+<pb n='91'/><anchor id='Pg091'/>
+
+<p>
+Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit
+unermüdlicher Thätigkeit. Sie wollte alles selbst, alles
+allein thun.
+</p>
+
+<p>
+Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite,
+der ihrem Geist nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt.
+Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie dulden.
+</p>
+
+<p>
+Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und
+nur Einem ihrer Beamten lieh sie gern und häufig das
+Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut die männliche Selbständigkeit
+ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe still
+zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen,
+gar nie wagen zu können schien: sie traute nur Cethegus.
+Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken
+und Pläne der Königin mit eifriger Sorge durchzuführen.
+Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der
+gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er
+unterstützte sie darin: er half ihr, sich mit Römern und
+Griechen umgeben, den jungen König möglichst von der
+Teilnahme am Regiment ausschließen, die alten gotischen
+Freunde ihres Vaters, die, im Bewußtsein ihrer Verdienste
+und nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe
+Wort des Tadels erlaubten, als rohe Barbaren allmählich
+vom Hof entfernen, die Gelder, die für Kriegsschiffe, Rosse,
+Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren, für Wissenschaften
+und Künste oder auch für die Verschönerung, Erhaltung
+und Sicherung Roms verwenden: – kurz, er war
+ihr behilflich in allem, was sie ihrem Volk entfremden,
+ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos machen
+konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wußte er
+seine Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, daß
+sich diese für die Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem
+Vollzug seiner geheimsten Wünsche als <hi rend='gesperrt'>ihrer</hi> Aufträge
+befehligte.
+</p>
+
+</div><div n="5" type="kapitel">
+<pb n='92'/><anchor id='Pg092'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/>
+<head>Fünftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluß zu
+gewinnen und zu pflegen, häufigeren Aufenthalts am Hof,
+längerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen Interessen
+vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die Nähe der
+Königin Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe
+zum Teil ersparen könnten, die ihn immer gut unterrichten
+und warm vertreten sollten. Die Frauen von mehreren
+gotischen Edeln, welche grollend Ravenna verließen, mußten
+in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und
+Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit
+Rusticiana, die Tochter des Symmachus, die Witwe
+des Boëthius an den Hof zu bringen. Die Aufgabe war
+nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverräter
+hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt
+verbannt. Vor allem mußte daher die Königin umgestimmt
+werden für sie.
+</p>
+
+<p>
+Dies freilich gelang alsbald, indem die Großmut der
+edeln Frau gegen das so tief gefallne Haus wachgerufen
+wurde. Dazu kam, daß sie an die niemals vollbewiesene
+Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte
+glauben mögen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie
+als großen Gelehrten und in manchen Gebieten als ihren
+Lehrer verehrte. Endlich wußte Cethegus zu betonen, wie
+gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der Gnade,
+die Herzen all’ ihrer römischen Unterthanen rühren müsse.
+So war die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen.
+Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe
+des Verurteilten bewogen, diese Gnade anzunehmen. Denn
+Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre
+ganze Seele und Cethegus mußte sogar fürchten, ihr
+unbe<pb n='93'/><anchor id='Pg093'/>herrschbarer Haß könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen«
+leicht verraten. Wiederholt hatte Rusticiana trotz
+all’ seiner sonst so großen Gewalt über sie dieses Ansinnen
+zurückgewiesen.
+</p>
+
+<p>
+Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende
+Entdeckung, die zur Erfüllung der Wünsche des Präfekten
+führen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter,
+Kamilla. Aus ihrem echt römischen Gesicht mit den edeln
+Schläfen und den schön geschnittenen Lippen leuchteten
+dunkle schwärmerische Augen: der eben erst vollendete Wuchs
+zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und
+fein wie einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser
+schlanken Glieder. Eine reiche Seele mit schwungvoller
+Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit aller Inbrunst
+kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen
+Vater geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen,
+hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen;
+ungestillte Trauer, heilige Wehmut, mit der sich
+die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für
+Italien mischte, erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen
+Entfaltens.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast
+am Königshof war sie nach dem Schicksalsschlag mit ihrer
+Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen, wo ein alter
+Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte
+bot, während Anicius und Severinus, Kamillas
+Brüder, anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt,
+dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt,
+aus dem Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des
+Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten
+in Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der
+Sturm der Verfolgung verzogen, nach Italien zurückgekehrt
+<pb n='94'/><anchor id='Pg094'/>und lebten ihrem stillen Gram im Häuschen eines treuen
+Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich Rusticiana,
+wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom
+wohl zu finden wußte.
+</p>
+
+<p>
+Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme
+Römer noch immer, wie zur Zeit des Horatius
+und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und
+in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der
+Meeresküste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde
+trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub
+in den heißen Straßen des engen Perusia, mit Seufzen
+der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis gedenkend,
+die sie, wie all’ ihr Vermögen, an den gotischen
+Fiskus verloren.
+</p>
+
+<p>
+Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam
+verlegenem Gesicht vor Rusticiana. Er habe längst bemerkt,
+wie die »Patrona« unter seinem unwürdigen Dach
+zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine
+Hantierung – er war seines Zeichens Steinmetz – zu
+erdulden gehabt und so habe er denn an den letzten Calenden
+ein kleines, freilich nur ein ganz kleines, Gütchen
+mit einem noch kleineren Häuschen gekauft, droben im
+Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia
+dürften sie dabei nicht denken: aber es riesele doch auch
+dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell,
+Eichen und Kornellen gäben breiten Schatten, um
+den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Epheu und
+im Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen
+lassen, wie sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie
+denn Maultier und Sänfte besteigen und wie andre Edelfrauen
+ihre Villa beziehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt,
+nahmen dankbar seine Güte an und Kamilla, die sich in
+<pb n='95'/><anchor id='Pg095'/>kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung freute,
+war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres Vaters.
+</p>
+
+<p>
+Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch
+am selben Tage mit Corbulo und Daphnidion, dessen
+Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den Sklaven und
+dem Gepäck so bald als möglich folgen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum,
+als Corbulo, Kamillens Maultier am Zügel führend, aus
+den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte, von wo aus
+man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte
+er sich auf die Überraschung des Kindes gefreut, wenn er
+ihr von hier aus das anmutig gelegene Haus zeigen
+würde.
+</p>
+
+<p>
+Aber erstaunt blieb er stehen: – er hielt die Hand
+vor die Augen, ob ihn die Abendsonne blende, er sah
+umher, ob er denn nicht an der rechten Stelle: aber kein
+Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese
+sich berührten, der graue Markstein in Gestalt des alten
+Grenzgottes Terminus mit seinem spitz zulaufenden Kopf:
+der rechte Ort war es, aber das Häuschen nicht zu sehen:
+vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien
+und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung
+verändert: da standen grüne Hecken und Blumenbeete, wo
+sonst Kohl und Rüben, und ein zierlicher Pavillon prangte,
+wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein bescheidnes
+Gebiet begrenzt hatten.
+</p>
+
+<p>
+»Die Mutter Gottes steh’ mir bei und alle obern
+Götter!« rief der Steinmetz, »bin ich verzaubert oder die
+Gegend? Aber Zauber ist los!« Seine Tochter reichte
+ihm eifrig das Amulet, das sie am Gürtel trug: aber
+Aufschluß konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das
+neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig, als das
+Maultier zur größten Eile zu treiben und springend und
+<pb n='96'/><anchor id='Pg096'/>rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens
+die Wiesenhänge hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings
+hinter der Baumgruppe das Haus, das er gekauft: aber
+so verjüngt, erneuert, verschönt, daß er es kaum erkannte.
+</p>
+
+<p>
+Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend
+stieg aufs neue zu abergläubischer Furcht: offnen
+Mundes blieb er zuletzt stehen, ließ die Zügel fallen und
+begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen
+und heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso
+überrascht ausrief: »Aber das ist ja der Garten, wo wir
+gewohnt, das Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben
+Bäume, dieselben Blumenbeete, und auch an jenem
+Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der Tempel der
+Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo, wie
+hast du das angefangen?« Und Thränen freudiger Rührung
+traten in ihre Augen. – »So sollen mich alle Teufel
+peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen habe.
+Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß, der ist
+also nicht mit verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier
+geschehen?«
+</p>
+
+<p>
+Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave,
+humpelte mit ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte
+nach vielen Fragen und Unterbrechungen des Staunens
+eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen etwa, wenige
+Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es
+für seinen Herrn, der auf längere Zeit in die Marmorbrüche
+von Luna verreist war, zu verwalten, kam von
+Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß von
+Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen
+an. Er fragte, ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz
+Corbulo von Perusia für die Witwe des Boëthius
+gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als den
+<pb n='97'/><anchor id='Pg097'/>Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gärten
+zu Ravenna zu erkennen. Ein alter Freund des Boëthius,
+der aus Furcht vor den gotischen Tyrannen seinen Namen
+nicht zu nennen wage, wünsche, sich insgeheim der Verfolgten
+anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben,
+den Aufenthalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst
+zu schmücken und zu verschönern. Der Sklave dürfe die
+beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb mit
+Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox
+auf der Villa fest. Der Intendant aber entwarf sofort
+seinen Plan und seine Arbeiter gingen unverzüglich
+ans Werk.
+</p>
+
+<p>
+Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen
+hinzugekauft und nun hob an ein Niederreißen und Bauen,
+ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern und Klopfen, ein
+Putzen und Malen, daß dem guten Cappadox Hören und
+Sehen verging. Wollte er fragen und drein reden, so
+lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht. Wollte er sich davon
+machen, so winkte der Intendant und ein halb Dutzend
+Fäuste hielten ihn fest. »Und« – schloß der Erzähler –
+»so ging’s bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig
+und zogen davon.
+</p>
+
+<p>
+Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen
+Herrlichkeiten aus dem Boden wachsen sah. Ich
+dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das alles bezahlen
+soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte
+dir’s melden. Aber sie ließen mich nicht und obenein
+wußt’ ich dich fern von Haus. Und wie ich nachgerade
+das unsinnig viele Geld des Intendanten verspürte und
+wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder
+mit Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmählich mein Gemüte
+und ich ließ alles gehen wie es ging. Nun, o Herr,
+weiß ich wohl: du kannst mich dennoch in den Block setzen
+<pb n='98'/><anchor id='Pg098'/>und prügeln lassen. Mit der Rebe oder sogar mit dem
+Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der
+Herr und Cappadox der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre
+es kaum! bei allen Heiligen und allen Göttern! Denn du
+hast mich gesetzt über ein Paar Kohlfelder und siehe, sie
+sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.«
+</p>
+
+<p>
+Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft,
+ehe der Sklave zu Ende. Mit vor Freude hochklopfendem
+Herzen durcheilte sie den Garten, die Lauben, das Haus:
+sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke
+Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Überraschung des
+freudigen Schreckens jagte den andern: so oft sie um eine
+Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, bog, wieder und
+wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna
+vor ihrem entzückten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte
+und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt,
+ausgerüstet, geschmückt fand wie jener Raum im Kaiserschloß
+gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit
+verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt,
+dieselben Bilder auf den bastgeflochtnen Vorhängen,
+die gleichen Vasen und zierlichen Citruskästchen und auf dem
+gleichen Schildpatttischchen ihre kleine zierliche Lieblingsharfe
+mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so
+vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des
+Dankes gegen so zarte Freundschaft, sank sie schluchzend
+in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen des Lectus
+zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen. »Es
+giebt noch edle Herzen, noch Freunde für das Haus des
+Boëthius,« rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das
+innigste Gebet des Dankes gegen Himmel. –
+</p>
+
+<p>
+Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum
+weniger ergriffen von der seltsamen Überraschung.
+</p>
+
+<p>
+Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte,
+<pb n='99'/><anchor id='Pg099'/>welcher Freund ihres Gatten wohl in diesem geheimnisvollen
+Wohlthäter zu suchen sei? Es war ihr eine stille
+Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt
+schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und
+schrieb ihr zurück: er kenne niemand, an den ihn diese
+zartfühlende Weise mahnen könne. Sie möge scharf jede
+Spur beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne.
+</p>
+
+<p>
+Es sollte sich bald genug enthüllen. –
+</p>
+
+<p>
+Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen
+und immer neue Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild
+zu entdecken. Oft führten sie diese Gänge über den
+Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald. Dabei
+pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr
+gleiche Jugend und treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten
+gemacht. Wiederholt hatte diese der Patrona bemerkt,
+ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn
+vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im
+Grase hinter oder neben ihnen. Und doch sei nirgends
+Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla lachte ihres
+Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen
+Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze
+tiefer und tiefer in die Kühle des Waldes flüchtend, eine
+lebhafte Quelle, die reichlich und klar von dunkeln Porphyrfelsen
+traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal
+und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen
+Silbertropfen erhaschen. »Wie Schade,« rief Kamilla, »um
+das köstliche Naß! Da hättest du die Tritonenquelle sehen
+sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig sprudelte
+der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen
+Meergotts und fiel gesammelt in eine breite Muschel von
+braunem Marmor, wie Schade!« Und sie gingen weiter.
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.
+</p>
+
+<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/>
+
+<p>
+Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend
+stehen und wies sprachlos mit dem Finger auf
+die Quelle. Der Waldquell war gefaßt. Aus einem
+bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche
+Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt
+fest an Geisterspuk glaubend, wandte sich ohne weiteres zur
+Flucht: sie floh mit den Händen vor den Augen, die Waldgeister
+nicht zu sehen, was für höchst gefährlich galt, nach
+dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen.
+Aber Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der
+uns neulich hierher gefolgt, ist gewiß auch jetzt in der
+Nähe, sich an unsrem Staunen zu weiden. Scharf sah sie
+umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blüten von
+schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das
+Dickicht zu. Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche
+und Wurfspeer ein junger Jäger entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner
+Stimme, anmutig in seiner Beschämung.
+</p>
+
+<p>
+Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück:
+»Athalarich« – stammelte sie – »der König!«
+</p>
+
+<p>
+Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte
+ihr durch Haupt und Herz, und halb ohnmächtig sank sie
+auf den Rasenhang neben der Quelle. Der junge König
+stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden
+vor der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes
+Auge die schönen Züge, die edeln Formen ein:
+flüchtiges Rot schoß zuckend wie Blitze über sein bleiches
+Gesicht. »O sie – sie ist mein heißer Tod« – hauchte
+er, endlich beide Hände an das pochende Herz drückend –
+»jetzt sterben, – sterben mit ihr.«
+</p>
+
+<p>
+Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung
+zurück. Er kniete neben ihr nieder und sprengte das kühle
+Naß des Brunnens auf ihre Schläfe. Sie schlug die
+<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/>Augen auf: »Barbar – Mörder!« schrie sie gellend, stieß
+seine Hand zurück, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes
+Reh hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Athalarich folgte ihr nicht. »Barbar – Mörder,«
+hauchte er in tiefstem Schmerz vor sich hin. Und er verbarg
+die glühende Stirn in den Händen.
+</p>
+</div><div n="6" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß
+Daphnidion sich’s nicht nehmen ließ, die Domna müsse
+die Nymphen oder gar den altehrwürdigen Waldgott Picus
+selbst gesehen haben.
+</p>
+
+<p>
+Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in
+die Arme der erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener
+Gefühle löste sich in einem Strom von heißen Thränen
+und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen Rusticianas
+Antworten und Aufschluß zu geben.
+</p>
+
+<p>
+In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres
+Ringen.
+</p>
+
+<p>
+Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden
+Mädchen nicht ganz entgangen, daß der schöne, bleiche
+Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die dunkeln
+Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem
+Tonfall ihrer Stimme lauschte. Aber niemals war diese
+Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins Bewußtsein
+getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte die
+Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen
+Blick ertappte und ihn unbefangen fragend ansah: waren
+sie doch beide damals beinahe noch Kinder. Sie wußte
+nicht zu nennen, was in Athalarich vorging – kaum
+<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>wußte er es selbst – und nie war es ihr eingefallen,
+nachzudenken, warum auch sie gern in seiner Nähe lebte,
+gern dem kühnen, von der Art aller andrer Gespielen abweichenden
+Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte,
+gern auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht
+durch die stillen Gärten wandelte, wo er oft mitten
+aus seinen Träumereien abgerissene, aber immer sinnige
+Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie schwärmerischer
+Jugend, sie so völlig verstand und würdigte.
+</p>
+
+<p>
+In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug
+nun die Katastrophe ihres über alles geliebten Vaters.
+</p>
+
+<p>
+Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten,
+glühender Haß gegen die Mörder ergriff die Seele der
+leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte Boëthius, selbst
+in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein hochmütiges
+Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau
+getragen, und seit seinem Untergang atmete natürlich die
+ganze Umgebung Kamillas, die Mutter, die beiden rachedürstenden
+Brüder, die Freunde des Hauses nur Haß und
+Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und
+Tyrannen Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab
+gegen Tochter und Enkel des Königs, die seine Schuld zu
+teilen schienen, weil sie dieselbe nicht verhindert. So hatte
+das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht.
+Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal
+begegnete, sein Bild im Traume vor ihre Seele trat,
+so gipfelte all’ ihr Haß gegen die Barbaren in höchstem
+Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im
+geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende
+Ahnung von jener Neigung zitterte, die sie zu dem schönen
+Königssohn gezogen. –
+</p>
+
+<p>
+Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr
+argloses Herz mit tückischem Streich zu treffen!
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/>
+
+<p>
+Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah,
+sowie sie ihn erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war,
+der, wie die Fassung der Quelle, so die Umgestaltung der
+ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte Feind, der Sproß
+des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres
+Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden,
+mit welchen sie in diesen Tagen Haus und Garten durchmustert,
+brannten jetzt wie glühend Erz auf ihrer Seele.
+Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte gewagt,
+sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn
+hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich
+erkühnt, ihren Schritten zu folgen, ihre Worte zu belauschen,
+ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: – und im Hintergrund
+ihrer Seele stand, schrecklicher als all’ dies, der Gedanke,
+warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkühnte
+sich, es ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte
+wohl gar zu hoffen, daß des Boëthius Tochter –
+</p>
+
+<p>
+O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie
+das Haupt in den Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf
+der Erschöpfung auf sie niedersank. Alsbald erschien der
+eilig herbeigerufene Cethegus bei den ratlosen Frauen.
+Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle folgen,
+sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen
+und ihr Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der
+Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert
+und sowie der Präfekt das Haus betrat, schien sich die
+Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen.
+Er nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig
+und aufmerksam hörte er daselbst, den Rücken an einen
+Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die linke Hand gestützt,
+ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu.
+</p>
+
+<p>
+»Und nun rede,« schloß sie, »was soll ich thun? Wie
+soll ich mein armes Kind retten? wohin sie bringen?«
+</p>
+
+<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/>
+
+<p>
+Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem
+Nachsinnen pflegte, halb geschlossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof,
+nach Ravenna.«
+</p>
+
+<p>
+Rusticiana fuhr empor: »Wozu jetzt der giftige Scherz!«
+</p>
+
+<p>
+Aber Cethegus richtete sich rasch auf.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist mein Ernst. Still – höre mich. Kein gnädigeres
+Geschenk hat das Schicksal, das die Barbaren verderben
+will, in unsren Weg legen können. Du weißt, wie
+völlig ich die Regentin beherrsche.
+</p>
+
+<p>
+Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über
+jenen eigensinnigen Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der
+kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk der einzige, der
+mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß
+nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre
+mir ziemlich gleichgültig, wenn der Verwegne mir nicht
+sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete.
+Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner Mutter. Oft
+schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer,
+gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre.
+Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft.
+Jedesmal spricht er gegen mich. Oft siegt er. Erst
+neulich hat er es gegen mich durchgesetzt, daß der schwarzgallige
+Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom
+erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird
+höchst gefährlich. Und ich hatte bisher nicht einen Schatten
+von Gewalt über ihn. Zu seinem Verderben liebt er
+Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, so lang ich
+atme. Ich an den Hof des Tyrannen! Mein Kind die
+Geliebte Athalarichs! des Boëthius Tochter! Sein blutger
+Schatte würde –«
+</p>
+
+<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/>
+
+<p>
+»Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die
+Goten verderben? Ja! Also mußt du wollen, was dahin
+führt.« – »Nie, bei meinem Eide!« – »Weib, reize mich
+nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem
+Eide! Wie? Hast du mir nicht Gehorsam geschworen,
+blinden, unbedingten, wie ich dir Rache verheißen? Hast
+du’s nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, dich
+und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht
+sich vor bei euch Weibern. Gehorche oder zittre für
+deine Seele.«
+</p>
+
+<p>
+»Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen
+Plänen opfern?«
+</p>
+
+<p>
+»Mir? Wer spricht von mir? <hi rend='gesperrt'>Deine</hi> Sache führ’ ich.
+<hi rend='gesperrt'>Deine</hi> Rache vollend’ ich: <hi rend='gesperrt'>Mir</hi> haben die Goten nichts
+zuleid gethan. <hi rend='gesperrt'>Du</hi> hast mich aufgestört von meinen
+Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten.
+Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre
+zurück zu Horatius und der Stoa! Leb wohl.«
+</p>
+
+<p>
+»Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer
+werden?«
+</p>
+
+<p>
+»Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn
+ja nicht lieben, sie soll ihn nur beherrschen. Oder,« fügte
+er, sie scharf ansehend, hinzu, »fürchtest du für ihr Herz?«
+– »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? <hi rend='gesperrt'>ihn</hi> lieben?
+eher erwürg’ ich sie mit diesen Händen.«
+</p>
+
+<p>
+Aber Cethegus war nachdenklich geworden.
+</p>
+
+<p>
+Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst.
+Was liegt an ihr! Aber wenn sie ihn liebt – und der
+Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch .... »Wo ist
+deine Tochter?« fragte er laut.
+</p>
+
+<p>
+»Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde
+nie einwilligen, nie.«
+</p>
+
+<p>
+»Wir wollen’s versuchen. Ich gehe zu ihr.«
+</p>
+
+<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/>
+
+<p>
+Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm
+in das Gemach. Aber Cethegus wies sie zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Allein muß ich sie haben!« sprach er und schritt durch
+den Vorhang. Bei seinem Anblick erhob sich das schöne
+Mädchen von den Teppichen, auf denen sie in ratlosem
+Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden
+Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und
+Helfer zu finden, begrüßte sie ihn vertrauend wie die
+Kranke den Arzt.
+</p>
+
+<p>
+»Du weißt, Cethegus?« – »Alles.« – »Und du
+bringst mir Hilfe.« – »Rache bring ich dir, Kamilla!«
+</p>
+
+<p>
+Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke!
+Nur Flucht, Rettung aus dieser qualvollen Lage hatten
+ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine zornige Abweisung
+der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung
+für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene
+Schmach! Rache an den Mördern ihres Vaters! Ihre
+Wunden waren frisch. Und in ihren Adern kochte das
+heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus’
+Wort!
+</p>
+
+<p>
+»Rache? wer wird mich rächen? du?« – »Du dich
+selbst! Das ist süßer.«
+</p>
+
+<p>
+Ihre Augen blitzten. »An wem?« – »An ihm. An
+seinem Haus. An allen unsern Feinden.« – »Wie kann
+ich das? Ein schwaches Mädchen?« – »Höre auf mich,
+Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter
+sag ich, was ich sonst keinem Weib der Erde vertrauen
+würde. Es besteht ein starker Bund von Patrioten, der
+die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus
+diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den
+Häuptern der Tyrannen. Das Vaterland, der Schatte
+deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.«
+</p>
+
+<p>
+»Mich? ich – meinen Vater rächen? sprich!« rief
+<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>hocherglühend das Mädchen, die schwarzen Haare aus den
+Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom fordert
+es.« – »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich
+sterben.« – »Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der
+König liebt dich. Du mußt nach Ravenna. An den Hof.
+Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle
+haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über
+seine Seele. Du sollst dich rächen und ihn vernichten.«
+</p>
+
+<p>
+»Ihn vernichten?!« – Seltsam bewegt klang die leise
+Frage; ihr Busen wogte, ihre Stimme bebte in der
+Mischung ringender Gefühle, Thränen brachen aus ihren
+Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus
+stand auf. »Vergieb,« sagte er. »Ich gehe. Ich
+wußte nicht, – – daß du den König liebst.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz
+drang aus des Mädchens Brust. Sie sprang auf und
+faßte ihn an der Schulter:
+</p>
+
+<p>
+»Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie
+ich nie gewußt, daß ich hassen kann.« – »So beweis’ es.
+Denn ich glaub’ es dir nicht.« – »Ich will dir’s beweisen!«
+rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!«
+</p>
+
+<p>
+Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden
+Augen, ihr schwarzes Haar flog um die weißen
+Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht.
+Denn sie weiß es noch nicht. Sie haßt ihn daneben.
+Und das allein weiß sie. Es wird gehn.
+</p>
+
+<p>
+»Er soll nicht leben,« <anchor id="corr107"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> sie. »Du sollst sehen,«
+lachte sie, »wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?« – »Mir
+folgen in allem.« – »Und was versprichst du mir dafür?
+was soll er erleiden?« – »Verzehrende Liebe bis zum
+Tod.« – »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« – »Er,
+sein Haus, sein Reich soll fallen.«
+</p>
+
+<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/>
+
+<p>
+»Und er wird wissen, daß durch mich –?« – »Er
+soll es wissen. Wann reisen wir nach Ravenna?«
+</p>
+
+<p>
+»Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und
+faßte seine Hand: »Cethegus, sage, bin ich schön?«
+</p>
+
+<p>
+»Der Schönsten eine.«
+</p>
+
+<p>
+»Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er
+soll mich lieben und verderben! Fort nach Ravenna! Ich
+will ihn sehen, ich muß ihn sehen!« Und sie stürmte aus
+dem Gemach. – Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei
+Athalarich zu sein.
+</p>
+</div><div n="7" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebentes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen
+und der Weg nach der Königsstadt angetreten.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem
+Brief Rusticianas an die Regentin. Die Witwe des
+Boëthius erklärte darin, daß sie die durch Vermittelung
+des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung
+an den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als
+eine That der Gnade, sondern der Sühne, als ein Zeichen,
+daß die Erben Theoderichs dessen Unrecht an den Verblichenen
+gut machen wollten.
+</p>
+
+<p>
+Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem
+Herzen und Cethegus wußte, daß solches Auftreten nicht
+schaden, nur alle verdächtige Auslegung der raschen Umstimmung
+ausschließen werde. Unterwegs noch traf die
+Reisenden die Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen
+hieß. In Ravenna angelangt wurden sie von der
+Fürstin aufs ehrenvollste empfangen, mit Sklaven und
+Sklavinnen umgeben und in dieselben Räume des Palastes
+<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>eingeführt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrüßten sie
+die Römer.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Zorn der Goten, die in Boëthius und Symmachus
+undankbare Verräter verabscheuten, wurde durch
+diese Maßregeln, die eine stillschweigende Verurteilung
+Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die
+letzten Freunde des großen Königs verließen grollend den
+verwelschten Hof. –
+</p>
+
+<p>
+Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der
+Reise und der Ankunft Kamillas Aufregung gemildert.
+Und ihr Zorn konnte sich um so eher beschwichtigen als ihr
+viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie Athalarich
+begegnete. Denn der junge König war gefährlich erkrankt.
+</p>
+
+<p>
+Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufenthalt
+zu Aretium, – er wollte dort, mit geringer Begleitung,
+der Bergluft, der Bäder und der Jagd genießen – in
+den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen
+kalten Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch
+einen heftigen Anfall seines alten Leidens zugezogen.
+</p>
+
+<p>
+Thatsache war, daß ihn sein Gefolge an jener Quelle
+bewußtlos niedergesunken gefunden hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam.
+Zu dem Haß gegen Athalarich trat jetzt ein Zug
+von leisem Bedauern. Ja eine Art von Selbstanklage.
+Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, daß durch diese
+Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie
+jetzt in Ravenna nicht minder fürchtete als sie dieselbe,
+da sie noch fern von ihm in Tifernum war, lebhaft herbeigewünscht
+hatte. Und wenn sie jetzt in den weiten
+Anlagen des herrlichen Schloßgartens einsam wandelte,
+hatte sie immer und immer wieder zu bewundern, mit
+welcher Sorgfalt das kleine Gütchen des Corbulo diesem
+Muster nachgebildet worden war.
+</p>
+
+<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/>
+
+<p>
+Tage und Wochen vergingen.
+</p>
+
+<p>
+Man vernahm nichts von dem Kranken, als daß er
+zwar auf dem Weg der Besserung, aber noch streng an
+seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und Hofleute, die ihn
+umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den
+heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen
+Liebesdienst, seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz
+ertappte, wie gern es diesen Lobesworten lauschte, sagte
+sie heftig zu sich selbst:
+</p>
+
+<p>
+»Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!«
+und ihre Brauen zogen sich zusammen und sie legte
+heimlich die geballte Faust auf das pochende Herz.
+</p>
+
+<p>
+In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem
+friedlosen Wachen endlich gegen Morgen in unruhigen
+Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie. Ihr
+war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren
+Reliefgestalten auf sie nieder. Gerade über ihrem Haupte
+war ein jugendlich schöner Hypnos, der sanfte Gott des
+Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, angebracht.
+</p>
+
+<p>
+Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren,
+trauervollen Züge seines bleichen Bruders Thanatos an.
+</p>
+
+<p>
+Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein
+Antlitz auf sie nieder. – Immer näher rückte er. –
+Immer bestimmter wurden seine Züge. – Schon fühlte
+sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. – Schon
+berührten fast die feinen Lippen ihren Mund. – Da erkannte
+sie mit Entsetzen die bleichen Züge, das dunkle
+Auge. – Es war Athalarich – dieser Todesgott. –
+Mit einem Schrei fuhr sie empor.
+</p>
+
+<p>
+Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es
+dämmerte im Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster
+von Frauenglas. Sie erhob sich und öffnete es; die
+<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/>Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten Strahlenspitzen
+aus dem Meer, auf das sie, über den Schloßgarten
+hinweg, freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in
+dem schwülen Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und
+eilte leise, leise aus dem noch schlummernden Palast über
+die Marmorstufen in den Garten, aus dem ihr erfrischender
+Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte.
+Sie eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten
+stieß der Garten des Kaiserpalastes mit seinen hohen
+Mauern unmittelbar an die blauen Wellen der Adria.
+Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn
+breite Stufen von weißem hymettischem Marmor führten
+hinab zu dem kleinen Hafen des Gartens, in welchem die
+schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem dreieckigen
+lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten,
+mit silbernen Kettchen an den zierlichen Widderköpfen von
+Erz befestigt, die links und rechts aus dem Marmorquai
+hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem Garten
+zu, fanden die Anlagen ihren Abschluß in einer geräumigen
+Rundung, die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet
+war. Ihre Bodenfläche, von üppigem, sorgfältig gezognem
+Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen durchschnitten
+und von reichen Beten stark duftender Blumen
+unterbrochen. Eine Quelle, zierlich gefaßt, rieselte den
+Abhang hinab in das Meer. Die Mitte des Platzes
+bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine
+einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter
+Steinbrech in den leeren Halbnischen seiner Außenwände
+prangte. Vor seiner längst geschlossenen Pforte stand zur
+Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar zur Linken
+war schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Theoderich
+hatte auf dem Postament ein Erzbild des Amala
+<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/>errichten lassen, des mythischen Stammvaters seines Hauses.
+Hier, zwischen diesen Statuen, an den Eingangsstufen des
+kleinen Fanum genoß man des herrlichsten Blickes durch
+das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln
+und einer Gruppe von scharfkantigen malerischen
+Felsklippen, »die Nadeln der Amphitrite« genannt.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
+</p>
+
+<p>
+Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den
+reichen Tau von dem hohen Grase streifend, wie sie mit
+leis gehobnem Gewand durch die schmalen Wieswege eilte.
+Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen sehen.
+Sie kam von der Rückseite des Tempels, ging an dessen
+linker Seite hin und trat eben auf die erste der Stufen,
+die von seiner Stirn zu dem Gitter hinabführten, als sie
+rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, halb liegend,
+eine weiße Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe
+gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende
+Haar: es war der junge König.
+</p>
+
+<p>
+Die Begegnung war so plötzlich, daß an Ausweichen
+nicht zu denken. Wie angewurzelt hielt das Mädchen
+auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf und wandte
+sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches
+Gesicht. Doch faßte er sich zuerst von beiden und
+sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten.
+Zu dieser Stunde. Ich gehe. Und lasse dich
+allein mit der Sonne.« Und er schlug den weißen Mantel
+über die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich
+habe nicht das Recht, dich zu verscheuchen – und nicht
+die Absicht,« fügte sie bei.
+</p>
+
+<p>
+Athalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir.
+Aber ich bitte dich um eins,« setzte er lächelnd hinzu,
+<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/>»verrate mich nicht an meine Ärzte, an meine Mutter.
+Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein,
+daß ich ihnen wohl vor Tag entschlüpfen muß. Denn die
+frische Luft, die Seeluft thut mir gut. Ich fühl’s. Sie
+kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er sprach so ruhig.
+Er blickte so unbefangen.
+</p>
+
+<p>
+Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre
+viel mutiger gewesen, wenn er bewegter. Sie sah diese
+Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um der Pläne
+des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das
+Haupt zur Antwort. Und sie senkte die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf
+der die beiden standen. Der alte Tempel und das Erz
+der Statuen schimmerten im Morgenlicht. Und eine breite
+Straße von zitterndem Gold bahnte sich von Osten her
+über die spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief
+Athalarich, fortgerissen von dem Eindruck. »Sieh die
+Brücke von Licht und Glanz.«
+</p>
+
+<p>
+Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weißt du noch,
+Kamilla?« fuhr er langsamer fort, wie in Erinnerungen
+verloren und ohne sie anzusehen, »weißt du noch, wie wir
+hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten: die
+goldne Straße, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet,
+führe zu den Inseln der Seligen.« –
+</p>
+
+<p>
+»Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla.
+Im stillen bewunderte sie, mit welcher Zartheit und
+edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an ihre letzte Begegnung
+fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die
+sie völlig entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen
+glänzen: das wundersame Paar, Äneas und – Amala!
+Höre, Kamilla, ich habe dir abzubitten.« Lebhaft schlug
+ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung der Villa,
+der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen.
+<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>Sie schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr
+der Jüngling fort: »Du weißt, wie oft wir, du die
+Römerin, ich der Gote, an diesem Ort in Wettreden den
+Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker priesen.
+Dann standest du unter dem Äneas und sprachst mir von
+Brutus und Camillus, von Marcellus und den Scipionen.
+Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild gelehnt,
+rühmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber
+du sprachst besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer
+deiner Helden mich zu überstrahlen drohte, lachte ich deiner
+Toten und rief: »das Heute und die lebendige Zukunft ist
+meines <anchor id="corr114"/><corr sic="Volkes!«">Volkes!««</corr>
+</p>
+
+<p>
+»Nun, und jetzt?« – »Ich spreche nicht mehr so. Du
+hast gesiegt, Kamilla!«
+</p>
+
+<p>
+Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie
+zuvor. Und dieser überlegne Ausdruck empörte die Römerin.
+Sie war ohnehin gereizt durch die unnahbare Ruhe, mit
+welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche Pläne
+gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht.
+Sie hatte ihn gehaßt, weil er es gewagt, ihr seine Liebe
+zu zeigen. Und jetzt lebte dieser Haß auf, weil er es
+vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der Absicht, ihm
+weh zu thun, sagte sie langsam: »So räumst du ein,
+König der Goten, daß deine Barbaren den Völkern der
+Menschlichkeit nachstehen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, Kamilla,« antwortete er ruhig, »aber nur in
+einem: im Glück! Im Glück des Geschickes wie im Glück
+der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, die ihre
+Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie
+schön sind diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz
+ihrer Lumpen: lauter Statuen! Hier das Mädchen mit
+der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den
+Kopf auf den linken Arm gestützt, im Sande liegt und
+<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>hinaus träumt ins Meer. Jeder Bettler unter ihnen
+sieht aus wie ein entthronter König. Wie sie schön sind!
+Und in sich eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen
+Glücks liegt über ihnen. Wie über Kindern!
+Oder edeln Tieren! Das fehlt uns Barbaren!« – »Fehlt
+euch nur das?« – »Nein, uns fehlt auch Glück im
+Schicksal.
+</p>
+
+<p>
+Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein
+verschlagen in eine fremde Welt, in der wir nicht gedeihen.
+Wir gleichen der Blume der hohen Alpen, dem Edelweiß,
+die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand
+der Niederung. Wir können nicht wurzeln hier. Wir
+welken und sterben.« –
+</p>
+
+<p>
+Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue
+Flut. Aber Kamilla hatte nicht die Stimmung, diesen
+weissagerischen Worten eines Königs über sein Volk nachzusinnen.
+»Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit
+Härte. »Warum seid ihr über die Berge gedrungen, die
+ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen euch und
+uns. Sprich, warum?« – »Weißt du,« sprach Athalarich,
+ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und für
+sich selber fortdenkend, »weißt du, warum die dunkle Motte
+nach der hellen Flamme fliegt? Wieder, immer wieder!
+Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt ist von der
+schönen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus
+einem süßen Wahnsinn! Und solch’ ein süßer Wahnsinn
+ist es, ganz derselbe, der meine Goten aus den Tannen
+und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive.
+Sie werden sich die Flügel verbrennen, die thörichten
+Helden. Und werden doch nicht davon lassen. Wer will
+sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief blau der
+Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die
+Wipfel der Pinien und die Säulentempel voll
+Marmor<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/>glanz! und fern da drüben ragen schön gewölbte Berge
+und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo
+sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die
+weiche, die warme, die kosende Luft, die alles erhellt.
+Welche Wunder der Formen, der Farben trinkt das Auge
+und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der
+uns ewig locken und ewig verderben wird.«
+</p>
+
+<p>
+Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb
+nicht ohne Eindruck auf Kamilla. Die tragische Gewalt
+dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber sie wollte nicht ergriffen
+sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende
+Empfindung. Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen
+Verstand und Einsicht vom Zauber angezogen?« und kalt
+und zweifelnd sah sie ihn an.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den
+dunkeln Augen des Jünglings und die lang zurückgehaltne
+Glut brach plötzlich aus den Tiefen seiner Seele: »Ja,
+sag’ ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein ganzes
+Volk kann eine thörichte Liebe, einen süßen, verderblichen
+Wahnsinn, eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie –
+so gut wie ein einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine
+Gewalt im Herzen, die, stärker als Verstand und Wille,
+uns sehenden Auges ins Verderben reißt. Aber du weißt
+das nicht! Und mögest du’s nie erfahren. Niemals. Leb
+wohl!«
+</p>
+
+<p>
+Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in
+den dichten Laubgang von rankendem Wein, der ihn sofort
+vor Kamilla wie vor den Fenstern des Schlosses verbarg.
+</p>
+
+<p>
+Sinnend blieb das Mädchen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken:
+lange sah sie träumend ins offene Meer hinaus
+und mit wundersam gemischter Empfindung, mit verwandelter
+Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.
+</p>
+
+</div><div n="8" type="kapitel">
+<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achtes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den
+Frauen ein. Er war in wichtigen Geschäften von Rom
+herbeigeeilt und kam soeben aus dem Regentschaftsrat, der
+in des kranken Königs Gemach gehalten wurde. Verhaltner
+Zorn lagerte auf seinen herben Zügen.
+</p>
+
+<p>
+»Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt
+zu lang. Dieser vorlaute Knabe wird immer herrischer.
+Er trotzt mir und Cassiodor und seiner schwachen Mutter
+selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem
+alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er
+schickt Briefe und empfängt Briefe hinter unsrem Rücken.
+Er hat es durchgesetzt, daß die Königin nur noch in seiner
+Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und in
+diesem Rat kreuzt er all’ unsre Pläne. Das muß aufhören.
+So oder so.« – »Ich hoffe nicht mehr, Einfluß
+auf den König zu gewinnen,« sagte Kamilla ernst. – »Weshalb?
+hast du ihn schon gesehen.« Das Mädchen überlegte,
+daß sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam
+nicht an die Ärzte gelangen zu lassen. Aber auch sonst
+widerstrebte es ihrem Gefühl, die Begegnung dieses Morgens
+zu entweihen, zu verraten.
+</p>
+
+<p>
+Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der
+König sich sogar seiner Mutter, der Regentin, widersetzt,
+wird er sich nicht von einem jungen Mädchen beherrschen
+lassen.« – »Goldne Einfalt!« lächelte Cethegus und ließ
+das Gespräch ruhen, solang das Kind anwesend war.
+Aber insgeheim trieb er Rusticianen, zu veranlassen, daß
+ihre Tochter den König fortan häufig sehe und spreche.
+</p>
+
+<p>
+Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch
+besserte. Und wie äußerlich, wurde er innerlich zusehends
+<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/>männlicher, fester und reifer: es war, als ob das Widerstreben
+gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige.
+</p>
+
+<p>
+So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den
+weiten Anlagen des Gartens. Dort war es, wo ihn seine
+Mutter und die Familie des Boëthius in den Abendstunden
+häufig trafen.
+</p>
+
+<p>
+Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit
+voller Freundschaft zu erwidern schien und aufmerksam
+ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, um sie wörtlich
+dem Präfekten wieder erzählen zu können, wandelten die
+jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge
+des Gartens.
+</p>
+
+<p>
+Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten
+Gondeln in jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl
+selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus, nach einer der
+kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit vor der
+Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die
+purpurnen Segel auf und ließ sich von dem frischen Westwind,
+der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte,
+langsam und mühelos zurücktragen. –
+</p>
+
+<p>
+Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die,
+nur von Daphnidion begleitet, sich dieser Wanderungen
+im Grünen und auf den Wellen erfreuten.
+</p>
+
+<p>
+Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch
+die Neigung ihres Sohnes, die ihr nicht entgangen war,
+zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen segnete
+sie dankbar den günstigen Einfluß, den dieser Umgang
+augenscheinlich auf ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas
+Nähe ruhiger, heiterer und war dann auch weicher gegen
+seine Mutter, der er sonst oft heftig und schroff gegenüber
+trat.
+</p>
+
+<p>
+Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit,
+die bei dem reizbaren Kranken doppelt befremdete: und
+<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>endlich würde die Regentin, im Fall sich diese Liebe ernster
+geltend machte, sogar einer Verbindung nicht abgeneigt
+gewesen sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen
+und jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulöschen
+versprach. –
+</p>
+
+<p>
+In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung
+vor. Täglich mehr fühlte sie ihren Groll und Haß
+schwinden, wie sie täglich klarer die edle Zartheit der Seele,
+den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt des
+jungen Königs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung
+konnte sie gegen diesen wachsenden Zauber sich immer
+wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken
+zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den
+Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigeführt, mit
+Gerechtigkeit zu unterscheiden: immer bestimmter sagte sie
+sich, wie unbillig es sei, Athalarich um eines Unglücks
+willen zu hassen, das er nur nicht verhindert hatte und
+wohl schwerlich hätte verhindern können. Längst hätte
+sie ihn am liebsten völlig frei gesprochen: aber sie mißtraute
+dieser Milde: sie scheute sie wie eine schwarze Sünde
+gegen Vater, Vaterland und eigne Freiheit.
+</p>
+
+<p>
+Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies
+edle Menschenbild ihr wurde, wie mächtig sie sich sehnte,
+diese melodische Stimme zu hören und in dies dunkle,
+sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte Liebe,
+die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die
+einzige Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der
+Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang,
+wollte sie sich nicht entwinden lassen. So schwankte sie
+in wogenden Gefühlen, desto unsichrer, je rätselhafter ihr
+Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja
+nicht daran zweifeln, daß er sie liebe, nach allem was
+geschehen – aber doch!
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/>
+
+<p>
+Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe:
+jene Äußerung, mit der er sie damals am Venustempel
+rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja das einzige bedeutsame
+Wort, das ihm entschlüpfte.
+</p>
+
+<p>
+Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des
+Jünglings durchgekämpft und durchgelitten, bis seine Liebe
+zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch weniger, in
+welch’ neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung
+gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe
+des Hasses beobachtete und darüber das eigne Kind zu
+überwachen vergaß, schien noch mehr erstaunt über seine
+Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cethegus, mit dem
+sie oft hinter Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld,
+bald, binnen drei Tagen, wirst du ihn verwandelt sehen.«
+– »Es wäre Zeit,« meinte Cethegus; »aber auf was vertraust
+du?« – »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht
+hat.«
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?«
+lächelte der Präfekt. – »Allerdings, das werd’ ich thun;
+das hab’ ich schon gethan.« – Jener sah sie spöttisch
+an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des
+großen Philosophen Boëthius! In Liebeswahn sind alle
+Weiber gleich!«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig.
+»Seit mehr als hundert Jahren lebt das Geheimnis in
+unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib hat es dereinst am
+Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich bewährt.
+Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« –
+»Dazu braucht’s keinen Zauber,« meinte der Präfekt: »ihr seid
+ein schönes Geschlecht.« – »Spare deinen Spott. Der Trank
+wirkt unfehlbar und wenn er bis heute nicht wirkte –«
+– »So hast du wirklich – Unvorsichtige! wie konntest
+du unvermerkt?« – »Am Abend, wann er vom
+Spazier<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>gang oder von der Gondelfahrt mit uns zurückkommt,
+nimmt er einen Becher gewürzten Falerners. Der Arzt
+hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen Balsams
+darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch
+vor dem Venustempel. Dreimal schon gelang es,
+den Trank hineinzuschütten.« – »Nun,« meinte Cethegus,
+»es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« – »Daran ist
+nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kräuter müssen im
+Neumond gebrochen werden – ich wußte das wohl. Aber,
+gedrängt von deinen Mahnungen, versucht’ ich’s schon im
+Vollmond und du siehst, es wirkte nicht.« – Cethegus
+zuckte die Achseln. – »Aber gestern Nacht trat Neumond
+ein. Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und
+wenn er jetzt trinkt –« »Eine zweite Locusta! Nun,
+mein Trost sind Kamillas schöne Augen. Weiß sie von
+deinen Künsten?«
+</p>
+
+<p>
+»Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden.
+Stille, sie kommt.« Das Mädchen trat ein in lebhafter
+Erregung, die lieblichen Wangen gerötet, eine Flechte des
+dunklen Haares war losgegangen und spielte um den
+feinen Nacken.
+</p>
+
+<p>
+»Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren,
+sagt mir, was soll ich denken? Ich komme aus
+dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der Hochmütige,
+er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das
+rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in
+Thränen ausbrechend, barg sie das Haupt am Halse der
+Mutter. – »Was ist geschehen, Kamilla?« fragte Cethegus.
+– »Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein
+Zug um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem
+Auge, als sei Er der tief von mir Gekränkte, als habe
+Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein großes
+Opfer gebracht –« – »Unreife Knaben bilden sich immer
+<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/>ein, es sei ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte
+Kamillas Auge, sie warf den schönen Kopf zurück und
+wandte sich heftig gegen Cethegus: »Athalarich ist kein
+Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.« Cethegus
+schwieg, ruhig die Augen senkend. Aber Rusticiana
+fragte erstaunt: »Hassest du den König nicht mehr?« –
+»Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhöhnen.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist geschehen?« wiederholte Cethegus. – »Heute
+stand jener rätselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je
+auf seinem Antlitz. Ein Zufall äußerte ihn in Worten.
+Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins Wasser
+gefallen: der König bückte sich und zog ihn heraus: das
+Tierchen aber wehrte sich gegen die mildthätige Hand und
+biß mit den Zangen des Kopfes in den Finger, der ihn
+hielt. »Der Undankbare,« sagte ich. – »Oh,« sprach
+Athalarich, bitter lächelnd, und er setzte den Käfer auf ein
+Blatt: »man verwundet die am meisten, die am meisten
+für uns gethan.« Und dabei flog sein Blick mit stolzer
+Wehmut über mich dahin. Doch rasch, als ob er zuviel
+gesagt, schritt er kalt grüßend hinweg. Ich aber« – und
+ihre Brust wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen
+sich – »ich aber trage das nicht mehr. Der Stolze! er
+soll mich lieben – oder sterben.« – »Das soll er,«
+sagte Cethegus kaum hörbar, »eins von beiden.«
+</p>
+
+</div><div n="9" type="kapitel">
+<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neuntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen
+Schritt des jungen Königs zur Selbständigkeit überrascht:
+er selbst berief den Rat der Regentschaft, ein Recht, das
+bisher nur Amalaswintha geübt. Die Regentin war nicht
+wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen
+Gemächer beschied, wo der König bereits eine Auswahl
+der höchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe,
+Goten und Römer, unter diesen Cassiodor und Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht
+durch sein Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der
+Knabe herausnahm: ihm ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb
+besann er sich bald eines andern. »Ich darf der
+Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muß ich ihr bieten,«
+sprach er, als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte.
+Er fand in dem Gemach des Königs alle Geladenen bereits
+versammelt. Nur die Regentin fehlte noch. Als
+sie eintrat, erhob sich Athalarich – er trug eine langfaltige
+Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs
+glänzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte
+das Schwert – von seinem Thronsessel, der vor einer
+durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand, ging ihr
+entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl,
+der aber zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen,
+hob er an: »Meine königliche Mutter, tapfre Goten, edle
+Römer! Wir haben euch hieher beschieden, euch unsern
+Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche Gefahren,
+die nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.«
+</p>
+
+<p>
+Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch
+nicht vernommen. Alle schwiegen betroffen, Cethegus aus
+Klugheit: er wollte den rechten Augenblick abwarten.
+End<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/>lich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und dein
+getreuer Diener Cassiodor« – – »Mein getreuer Diener
+Cassiodor schweigt, bis sein Herr und König ihn um Rat
+befrägt. Wir sind schlecht zufrieden, sehr schlecht, mit dem
+was die Räte unsrer königlichen Mutter bisher gethan
+haben und nicht gethan. Es ist höchste Zeit, daß wir
+selbst zum Rechten sehn.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir
+fühlen uns nicht mehr zu jung und nicht mehr zu krank.
+Wir künden euch an, daß wir demnächst die Regentschaft
+aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen
+werden.«
+</p>
+
+<p>
+Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust
+nach Cassiodors Beispiel zu reden und dann zu verstummen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fand Amalaswintha, die diese plötzliche Energie
+ihres Sohnes gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder:
+»Mein Sohn, dies Alter der Mündigkeit ist nach den
+Gesetzen der Kaiser« – – »Nach den Gesetzen der Kaiser,
+Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten
+und leben nach gotischem Recht. Germanische Jünglinge
+werden mündig, wann sie das gesammelte Volksheer
+waffenreif erklärt.
+</p>
+
+<p>
+Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und
+Grafen und alle freien Männer unsres Volkes, so viele
+ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen Provinzen des
+Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem
+nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.«
+</p>
+
+<p>
+Überrascht schwieg die Versammlung.
+</p>
+
+<p>
+»Das sind nur noch vierzehn Tage,« sprach endlich
+Cassiodor. »Wird es möglich sein, in so kurzer Frist
+noch die Ladungen zu besorgen?« – »Sie sind besorgt.
+Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis
+<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/>haben sie alle bestellt.« – »Wer hat die Dekrete unterschrieben?«
+fragte Amalaswintha, sich ermannend. –
+»Ich allein, liebe Mutter. Ich mußte doch den Geladnen
+zeigen, daß ich reif genug, allein zu handeln.«
+</p>
+
+<p>
+»Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. –
+»Und ohne dein Wissen geschah es, weil es sonst gegen
+deinen Willen geschehen mußte.«
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt
+von der plötzlich entfalteten Kraft des jungen Königs.
+Nur in Cethegus stand sogleich der Entschluß fest, jene
+Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah
+den Grund all seiner Pläne wanken: gern wär’ er mit
+aller Wucht seines Wortes der vor seinen Augen versinkenden
+Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern hätte er
+schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne
+Aufstreben des Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit
+zu Boden gedrückt: – aber ihm hielt ein seltsamer Zufall
+Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch
+zu vernehmen geglaubt und scharfe Blicke darauf geheftet:
+da bemerkte er unter dem Vorhang durch, dessen Fransen
+nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füße eines Mannes.
+</p>
+
+<p>
+Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen
+Knöcheln saßen Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit.
+Er kannte diese Beinschienen, er wußte, daß sie zu einer
+vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er wußte auch in
+unbestimmter Gedankenverbindung, daß der Träger dieser
+Rüstung ihm verhaßt und gefährlich: aber es war ihm
+nicht möglich, sich zu sagen, wer dieser Feind sei. Hätte
+er die Schienen nur bis ans Knie verfolgen können! Gegen
+seinen Willen mußte er die Augen immer und immer
+wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten.
+Und das bannte seinen Geist jetzt, – jetzt, da alles auf
+<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>dem Spiele stand. Er zürnte über sich selbst, aber er
+konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische losreißen.
+Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden,
+fort: »Ferner haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas
+und Pitza, die grollend diesen Hof verlassen, aus Gallien
+und Spanien zurückgerufen. Wir finden, daß allzuviele
+Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern
+Krieger werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres
+Reiches, die Festen und die Schiffe untersuchen und alle
+Schäden aufdecken und heilen. Sie werden nächstens eintreffen.«
+Sie müssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus
+rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort:
+Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt.
+</p>
+
+<p>
+»Weiter,« hob der königliche Jüngling wieder an,
+»haben wir Mataswinthen, unsre schöne Schwester, zurückbeschieden
+an unsern Hof. Man hat sie nach Tarent verbannt,
+weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib
+zu werden. Sie soll wiederkehren, die schönste Blume
+unseres Volkes, und unsern Hof verherrlichen.«
+</p>
+
+<p>
+»Unmöglich!« rief Amalaswintha: »Du greifst in das
+Recht der Mutter wie der Königin.« – »Ich bin das
+Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.«
+</p>
+
+<p>
+»Mein Sohn, du weißt, wie schwach du warst noch
+vor wenigen Wochen. Glaubst du wirklich, die gotischen
+Heermänner werden dich waffenreif erklären?«
+</p>
+
+<p>
+Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor
+Scham, halb vor Zorn; eh’ er Antwort fand rief eine
+rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum, Frau
+Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage
+dir, er kann sich messen mit jedem Feind: und wen der alte
+Hildebrand wehrfähig spricht, der gilt dafür bei allen
+Goten.« Lauter Beifall der anwesenden Goten bestätigte
+sein Wort.
+</p>
+
+<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/>
+
+<p>
+Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung
+hinter dem Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer
+meiner größten Feinde ist es, aber wer?
+</p>
+
+<p>
+»Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun,«
+begann der König wieder, mit einem flüchtigen Seitenblick
+nach der Nische, der dem Präfekten nicht entging.
+</p>
+
+<p>
+Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte
+mich überraschen? Das soll nicht gelingen! –
+</p>
+
+<p>
+Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König
+mit lauter Stimme rief: »Präfekt von Rom, Cethegus
+Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefaßt, neigte er das
+Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« – »Hast du
+uns nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung
+der Quiriten? Was denkt man dort von den Goten?«
+</p>
+
+<p>
+»Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!« – »Fürchtet
+man sie?« – »Man hat nicht Ursach, sie zu fürchten.«
+– »Liebt man sie?« – Gern hätte Cethegus geantwortet:
+Man hat nicht Ursach’, sie zu lieben. Aber der König
+selbst fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund
+zur Sorge? Nichts besonderes, das sich vorbereitet.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe nichts dir anzuzeigen.« – »Dann bist du
+schlecht unterrichtet, Präfekt, – oder schlecht gesinnt. Muß
+ich, der in Ravenna kaum vom Siechbett ersteht, dir sagen,
+was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht? Die
+Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die
+Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare führen
+bei ihren Waffenübungen drohende Reden. Höchst wahrscheinlich
+besteht bereits eine ausgebreitete Verschwörung,
+Senatoren, Priester, an der Spitze: sie versammeln sich
+Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des
+Boëthius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen
+worden; und weißt du wo? im Garten deines Hauses.«
+<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>Der König stand auf. Die Augen aller Anwesenden richteten
+sich, erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cethegus.
+Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens.
+Aber dieser war jetzt wieder völlig er selbst. Ruhig, kalt,
+schweigend, sah er dem König ins Auge.
+</p>
+
+<p>
+»Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht,
+eine Klage sonder Kläger? Nie!« – »Man wird dich zu
+zwingen wissen.« Hohn zuckte um des Präfekten schmale
+Lippen.
+</p>
+
+<p>
+»Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht, ohne
+Zweifel, – wir haben das erfahren, wir Italier! –
+nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es keine
+Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« – »Gerechtigkeit
+soll dir werden, zweifle nicht. Wir übertragen den hier
+anwesenden Römern die Untersuchung, dem Senat in Rom
+die Urteilsfällung. Wähle dir einen Verteidiger.« – »Ich
+verteidige mich selbst,« sprach Cethegus kühl. »Wie lautet
+die Anklage? Wer ist mein Ankläger? Wo ist er?« –
+»Hier,« rief der König und schlug den Vorhang zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+Wir kennen ihn. Es war Teja.
+</p>
+
+<p>
+Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder.
+Jener aber sprach: »Ich, Teja, des Tagila Sohn, klage
+dich an, Cethegus Cäsarius, des Hochverrats an diesem
+Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter
+Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu
+hehlen. Es steht der Tod darauf. Und du willst dies
+Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.«
+</p>
+
+<p>
+»Das will ich nicht,« sprach Cethegus ruhig; »beweise
+deine Klage.« – »Ich habe Albinus vor vierzehn Nächten
+mit diesen Augen in deinen Garten treten sehen,« fuhr
+<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der
+Via sacra her, in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut
+auf dem Kopf. Schon in zwei Nächten war die Gestalt
+an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn. Als ich
+auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte,
+an der Thür, die sich von innen schloß.« – »Seit wann
+spielt mein Amtsgenoß, der tapfre Kommandant von Rom,
+den nächtlichen Späher?« – »Seit er einen Cethegus
+zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flüchtling entkam,
+– diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthält
+Namen von römischen Großen und neben den Namen
+Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift. Hier ist die Rolle.«
+Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die Namen sind:
+Silverius, Cethegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius.
+– Kannst du beschwören, daß der Vermummte
+Albinus war?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich will’s beschwören.« – »Wohlan, Präfekt. Graf
+Teja ist ein freier, unbescholtener, eidwürdiger Mann.
+Kannst du das leugnen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine
+Eltern lebten in nichtiger, blutschänderischer Ehe: sie waren
+Geschwisterkinder, die Kirche hat ihr Zusammensein verflucht
+und seine Frucht: er ist ein Bastard und kann nicht
+zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.«
+Ein Murren des Zornes entrang sich den anwesenden
+Goten. Teja’s blasses Antlitz aber wurde noch bleicher.
+Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans Schwert: »So vertret’
+ich mein Wort mit dem Schwert,« sprach er mit tonloser
+Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht
+auf Tod und Leben.« – »Ich bin Römer und lebe nicht
+nach eurem blutigen Barbarenrecht. Aber auch als Gote:
+– ich würde dem Bastard den Kampf versagen.« –
+»Geduld,« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert
+<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>leise in die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es
+kömmt dein Tag.« Aber die Römer im Saale atmeten auf.
+</p>
+
+<p>
+Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage
+ist genug begründet, die genannten Römer zu verhaften.
+Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu entziffern suchen.
+Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich
+der fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des
+Präfekten. Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm
+ihm das Schwert ab.« – »Halt,« sprach Cethegus, »ich
+leiste Bürgschaft mit all’ meinem Gut, daß ich Ravenna
+nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange
+Untersuchung auf freiem Fuß: das ist des Senators Recht.«
+</p>
+
+<p>
+»Kehr dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte
+Hildebrand vortretend, »laß mich ihn fassen.« – »Laß,«
+sprach der König, »Recht soll ihm werden, strenges Recht,
+doch nicht Gewalt. Laß ab von ihm. Auch hat ihn die
+Klage überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen.
+Morgen um diese Stunde treffen wir uns wieder hier.
+Ich löse die Versammlung.«
+</p>
+
+<p>
+Der König winkte mit dem Scepter: in höchster Aufregung
+eilte Amalaswintha aus dem Gemach. Die Goten
+traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich rasch an
+Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur
+Cassiodor schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine
+Schulter, sah ihm prüfend ins Auge und fragte dann:
+»Cethegus, kann ich dir helfen?« – »Nein, ich helfe mir
+selbst,« sprach dieser, entzog sich ihm und schritt allein und
+stolzen Ganges hinaus.
+</p>
+
+</div><div n="10" type="kapitel">
+<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet
+gegen den ganzen Grundbau der Regentschaft geführt hatte,
+erfüllte bald den Palast und die Stadt mit Staunen, mit
+Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëthius
+brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen
+zum Trost der erschütterten Regentin beschied. Mit Fragen
+bestürmt erzählte er den ganzen Hergang ausführlich: und
+so bestürzt oder unwillig er darüber war, auch aus seinem
+feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des jungen
+Fürsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla
+jedem seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten –
+der Liebe glücklichstes Gefühl – erfüllte mächtig ihre ganze
+Seele.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist kein Zweifel,« schloß Cassiodor mit Seufzen,
+»Athalarich ist unser entschiedenster Gegner: er steht ganz
+zu der gotischen Partei, zu Hildebrand und seinen Freunden.
+Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte das von
+ihm geglaubt! Immer muß ich daran denken, Rusticiana,
+wie so ganz anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten
+benahm.«
+</p>
+
+<p>
+Kamilla horchte hoch auf.
+</p>
+
+<p>
+»Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde
+zeitlebens der glühendste Freund, der eifrigste Vertreter der
+Römer sein.« – »Ich weiß davon nichts,« sagte Rusticiana.
+– »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war gesprochen
+über Boëthius und seine Söhne. Vergebens hatten wir
+alle, Amalaswintha voran, die Gnade des Königs angerufen:
+sein Zorn war unauslöschlich. Als ich wieder und
+wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig auf und schwur bei
+seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker büßen, der
+<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe.
+Da verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich,
+der Knabe, ließ sich nicht schrecken, er weinte und
+flehte und hing sich an seines Großvaters Knie.
+</p>
+
+<p>
+Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr.
+</p>
+
+<p>
+»Und nicht ließ er ab, bis Theoderich in höchstem
+Zorn emporfuhr, ihn mit einem Schlag in den Nacken
+von sich schleuderte und den Wachen übergab. Der ergrimmte
+König hielt seinen Eid. Athalarich ward in den
+Kerker des Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet.«
+</p>
+
+<p>
+Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des
+Saales.
+</p>
+
+<p>
+»Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und
+gelitten.
+</p>
+
+<p>
+Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer
+den Liebling, den er von sich gebannt. Er gedachte, mit
+welch edlem Mut er, der Knabe, für seine Freunde gebeten,
+als die Männer in Furcht verstummten. Er stand
+endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange
+sinnend saß, stieg selbst hinab in den Kerker, öffnete die
+Pforte, umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte
+deinen Söhnen, Rusticiana, das <anchor id="corr132"/><corr sic="Leben.">Leben.«</corr>
+</p>
+
+<p>
+»Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter
+Stimme zu sich selbst und eilte aus dem Saal.
+</p>
+
+<p>
+»Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer
+und Römerfreunde in dem künftigen König ihre beste Stütze
+sehen und jetzt – meine arme Herrin, arme Mutter!«
+und klagend schritt er hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Rusticiana saß lange wie betäubt. Sie sah alles
+wanken, worauf sie ihre Rachepläne gebaut: sie versank in
+dumpfes Brüten. Länger und länger schon fielen die
+Schatten der hohen, starken Türme in den Schloßhof, auf
+welchen sie hinausstarrte.
+</p>
+
+<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/>
+
+<p>
+Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal,
+erschrocken fuhr sie auf: Cethegus stand vor ihr. Sein
+Antlitz war kalt und finster, aber eisig ruhig.
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand
+fassen, aber seine Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!«
+seufzte sie, stehen bleibend. »Nichts ist verloren.
+Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte er, umblickend
+im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff
+er in die Brustfalten seiner Toga. »Dein Liebestrank hat
+nicht geholfen, Rusticiana. Hier ist ein andrer, – stärkrer.
+Nimm.« Und rasch drückte er ihr eine Phiole von dunklem
+Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah ihn die
+Freundin an: »Glaubst du auf einmal an Magie und
+Zaubertrank? Wer hat ihn gebraut?« – »Ich,« sagte
+er, »und <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Liebestränke wirken.« – »Du!« – es
+durchlief sie ein eisiges Grauen. »Frage nicht, forsche
+nicht, säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muß noch
+heute geschehen. Hörst du? Noch heute.«
+</p>
+
+<p>
+Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf
+das Fläschchen in ihrer Hand. Da trat er heran, leise
+ihre Schulter berührend: »Du zauderst,« sagte er langsam.
+»Weißt du, was auf dem Spiele steht? nicht nur
+unser ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr.
+Kamilla <hi rend='gesperrt'>liebt</hi>, liebt den König mit aller Kraft der jungen
+Seele. Soll die Tochter des Boëthius die Buhle des
+Tyrannen werden?«
+</p>
+
+<p>
+Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in
+den letzten Tagen wie eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen,
+ward ihr gewiß mit diesem Einen Wort: noch
+einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame
+gesprochen und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das
+Fläschchen geballt.
+</p>
+
+<p>
+Ruhig sah ihr Cethegus nach. »Nun, Prinzlein,
+<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>wollen wir sehen. Du warst rasch, ich bin rascher. –
+Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner Toga
+herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche
+heftige Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben
+wieder einen Reiz. Ich kann wieder streben, hoffen,
+fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen Knaben,
+der sich unterfängt, mit der kindischen Hand in meine
+Kreise zu tappen. Er will mir trotzen – meinen Gang
+aufhalten, er stellt sich kühn in meinen Weg: Er – mir!
+wohlan, so trag’ er denn die Folgen.«
+</p>
+
+<p>
+Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte
+sich nach dem Audienzsaal der Regentin, wo er sich absichtlich
+der versammelten Menge zeigte und durch die
+eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige
+Ruhe wiedergab. Er sorgte dafür, zahlreicher Zeugen
+für all’ seine Schritte an diesem verhängnisvollen Tag
+sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging er
+mit Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung
+für den nächsten Tag beratend, in den Garten,
+in dessen Laubgängen er sich umsonst nach Kamilla
+umsah.
+</p>
+
+<p>
+Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört,
+in den Hof des Palastes geeilt, wo sie zu dieser
+Stunde den König mit den andern jungen Goten seines
+Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen
+wollte sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen
+ihr großes Unrecht abbitten. Sie hatte ihn verabscheut,
+von sich gestoßen, ihn als mit dem Blut ihres Vaters
+befleckt gehaßt – ihn, der sich für diesen Vater geopfert,
+der ihre Brüder gerettet hatte!
+</p>
+
+<p>
+Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse
+des Tages hielten ihn in seinem Arbeitszimmer
+fest. Auch seine Waffengesellen fochten und spielten heute
+<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/>nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie
+laut den Mut ihres jungen Königs.
+</p>
+
+<p>
+Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend,
+selig träumend wandelte sie in den Garten und
+suchte dort an allen seinen Lieblingsstätten die Spuren
+des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und freudig gestand
+sie sich’s ein: er hatte es tausendfach um sie verdient.
+Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher
+Jüngling, ein König, der König ihrer Seele. Wiederholt
+wies sie die begleitende Daphnidion aus ihrer Nähe, daß
+diese nicht höre, wie sie wieder und wieder den geliebten
+Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel
+angelangt versank sie in süße Träume über die Zukunft,
+die unklar, aber golden dämmernd, vor ihr lag. Vor
+allem beschloß sie, dem Präfekten und ihrer Mutter schon
+morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen
+den König zählen zu sollen. Dann wollte sie diesem
+selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten und dann
+– dann? sie wußte nicht was dann werden solle: aber
+sie errötete in holden Träumen.
+</p>
+
+<p>
+Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden
+Büschen: in dem dichten Oleander neben ihr sang
+die Nachtigall, eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr
+vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses
+Meeres rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren
+Füßen.
+</p>
+
+</div><div n="11" type="kapitel">
+<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Elftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender
+Schritt auf den Sandwegen. Der Gang war so rasch
+und so bestimmt der Tritt, daß sie nicht Athalarich vermutete.
+Aber es war der König: verändert in Haltung
+und Erscheinen, männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug
+er das sonst zur Brust gebeugte Haupt und das Schwert
+Theoderichs klirrte an seiner Hüfte.
+</p>
+
+<p>
+»Gegrüßt, gegrüßt, Kamilla,« rief er ihr laut und
+lebhaft entgegen. »Dein Anblick ist der schönste Lohn für
+diesen heißen Tag.«
+</p>
+
+<p>
+So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+»Mein König,« flüsterte sie erglühend: einen leuchtenden
+Blick noch warfen die braunen Augen auf ihn: dann
+senkten sich die langen Wimpern. Mein König! so hatte
+sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. »Dein
+König?« sagte er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte,
+so wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfährst,
+was alles heute geschehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß alles.« – »Du weißt? Nun dann, Kamilla,
+sei gerecht: schilt nicht, ich bin kein Tyrann.« Der
+Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um seine schönsten
+Thaten.
+</p>
+
+<p>
+»Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiß
+es, – sie sind ja <hi rend='gesperrt'>dein</hi> Volk! – ich ehre sie und ihre
+alte Größe, ich achte ihre Rechte. Aber mein Reich, den
+Bau Theoderichs, muß ich beschützen, streng und unerbittlich,
+und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,«
+fuhr er langsamer und feierlich fort, »vielleicht ist
+dies Reich schon verurteilt in den Sternen – gleichviel,
+ich, sein König, muß mit ihm stehen und fallen.«
+</p>
+
+<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/>
+
+<p>
+»Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein König.«
+</p>
+
+<p>
+»Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder
+gut! Solcher Güte darf ich wohl anvertrauen, welcher
+Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh’, ich war
+ein kranker, irrer Träumer, ohne Halt, ohne Freude, dem
+Tode gern entgegenwankend. Da trat an meine Seele
+die Gefahr dieses Reichs, die thätige Sorge um mein
+Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die
+Liebe, die mächtige Liebe zu meinen Goten, und diese
+stolze und bange und wachsame Liebe für mein Volk, sie
+hat mein Herz gestärkt und getröstet für ... für andres
+bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glück,
+wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich
+gesund gemacht und stark und wahrlich! des Größten könnt’
+ich jetzt mich unterwinden.«
+</p>
+
+<p>
+Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
+</p>
+
+<p>
+»O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu
+Roß und in waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne
+sinkt. Es ladet die spiegelnde Flut. Komm, komm mit
+in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die
+Dienerin? Ach laß sie! Dort ruht sie unter der Palme
+an der Quelle, sie schläft. Komm, komm rasch, eh’ die
+Sonne versinkt. Sieh die goldne Straße auf der Flut. Sie
+winkt!« – »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das liebliche
+Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er
+glücklich, hob sie rasch in den Kahn, löste dessen Silberkette
+von den Widderköpfen des Quais, sprang hinein,
+ergriff das zierliche Ruder und stieß ab. Dann legte er
+das Ruder in die Öse zur Linken: und im hintern
+Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er zugleich,
+eine schöne und malerische Bewegung, und ein echt germanischer
+Fergenbrauch.
+</p>
+
+<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/>
+
+<p>
+Kamilla saß vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf
+einem Diphros, dem griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl,
+und sah ihm in das edle Antlitz, das von der rotschimmernden
+Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar
+flog im Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen
+Bewegungen des fein gebauten Ruderers zu schauen.
+Beide schwiegen. Pfeilschnell schoß die leichte Barke durch
+die glatte Flut.
+</p>
+
+<p>
+Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den
+Himmel, der leise Wind führte von den Mandelgebüschen
+des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich, und rings
+war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König
+das Schweigen und sprach, dem Bot einen kräftigen Druck
+gebend, daß es gehorsam vorwärts schoß: »Weißt du, was
+ich denke? Wie schön muß es sein ein Reich, ein Volk,
+viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch
+Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und
+Glanz. – Was aber sannest du, Kamilla? Du sahst so
+mild, es sind gute Gedanken gewesen.« Sie errötete und
+blickte seitab in die Flut.
+</p>
+
+<p>
+»O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine
+Köpfchen noch immer abgewendet, »wie schön muß es sein,
+von treuer, geliebter Hand, der man so ganz vertraut,
+gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« –
+»O, Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man
+sich vertraun« – – »Du bist kein Barbar! Wer zart
+empfindet und edel denkt und sich hochherzig überwindet
+und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar,
+er ist ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen.«
+Entzückt hielt der König im Rudern inne, das Schiff
+stand: »Kamilla! träum ich? sprichst du das? und zu
+mir?«
+</p>
+
+<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/>
+
+<p>
+»Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb,
+daß ich dich so grausam von mir gestoßen. Ach, es war
+nur Scham und Furcht.« – »Kamilla, Perle meiner
+Seele« – Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte,
+rief plötzlich: »was ist das? Man folgt uns. Der Hof,
+die Frauen, meine Mutter.« So war es. Rusticiana
+hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink getrieben, ihre
+Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte
+nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie
+plötzlich die beiden, ihr Kind mit ihm allein, auf dem
+Schiff, fern im Meer. In höchstem Zorn flog sie an den
+Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher
+des Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine
+Gondel zu lösen, gewann so einen unbelauschten Augenblick
+an dem Tisch und stieg gleich darauf mit Daphnidion, die
+ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab nach dem
+Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang
+der Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln
+ebenfalls an diese Stelle führte. Cethegus folgte
+ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in den
+Kahn zu steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei
+zu und die Gondel stieß ab. In diesem Augenblick
+war es, daß das junge Paar auf die Bewegung am Ufer
+aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte erwarten,
+der König werde das Schiff wenden. Aber dieser rief:
+»Nein, sie sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schönste
+meines Lebens. Ich muß noch mehr von diesen süßen
+Worten schlürfen. O, Kamilla, du mußt mir mehr, du
+mußt mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel
+dort, da mögen sie uns finden.« Und mächtig ausgreifend
+drückte er mit aller Kraft auf das Ruder, daß das Fahrzeug
+wie beflügelt dahinschoß.
+</p>
+
+<p>
+»Willst du nicht weiter sprechen?«
+</p>
+
+<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/>
+
+<p>
+»O, mein Freund, mein König – dringe nicht in
+mich.« Er sah nur ihr in das liebliche Antlitz, in
+das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel.
+»Nun warte – dort auf der Insel – dort sollst du
+mir« – –
+</p>
+
+<p>
+Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag – da erdröhnte
+ein dumpfer Krach, das Schiff war angeprallt
+und fuhr schütternd zurück.
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr140"/><corr sic="»Himmel!">»Himmel!«</corr> rief <anchor id="corr140a"/><corr sic="Camilla">Kamilla</corr> aufspringend und nach dem
+Schnabel des Schiffes sehend: ein ganzer Schwall von
+Wasser sprudelte herein ihr entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Das Schiff ist geborsten – wir sinken,« sprach sie
+erbleichend. – »Hierher zu mir, laß mich sehen,« rief
+Athalarich vorspringend. »Ah, das sind die Nadeln der
+Amphitrite – wir sind verloren.« Die Nadeln der Amphitrite
+– wir wissen, man konnte sie von der Terrasse
+des Venustempels kaum erkennen – waren zwei schmale
+scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nächsten
+der Laguneninseln: sie ragten kaum über den Wasserspiegel,
+bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg. Athalarich
+kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer
+leicht vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten
+Augen geblickt.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine
+Rettung.
+</p>
+
+<p>
+Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefährts
+war durch den Anprall an der Klippe zertrümmert, gewaltig
+drang das Wasser durch den Leck.
+</p>
+
+<p>
+Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
+</p>
+
+<p>
+Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das
+Ufer zu erreichen, konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff
+Rusticianens hatte kaum erst abgestoßen. Mit Blitzesschnelle
+hatte er all’ das überschaut, erwogen, eingesehen,
+<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/>und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte,
+du stirbst,« jammerte er verzweifelnd, »und ich,
+ich hab’s verschuldet.« Und er umfaßte sie stürmisch.
+»Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung, nicht jetzt
+sterben! Leben, leben mit dir.« Und sie klammerte sich
+fest an seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten
+sein Herz.
+</p>
+
+<p>
+Er riß sich los, er sah nach Rettung ringsumher,
+umsonst, umsonst – immer höher stieg das Wasser,
+immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder weg.
+»Es ist aus, alles aus, Geliebte. Laß uns Abschied nehmen.«
+– »Nein! nicht mehr scheiden! Muß es gestorben
+sein: – o dann hinweg alle Scheu, welche die Lebendigen
+bindet« – und glühend drückte sie das Haupt
+an seine Brust – »o laß dir sagen, laß dir noch gestehn,
+wie ich dich liebe, wie lange schon, seit – seit immer.
+All’ mein Haß war ja nur verschämte Liebe. Gott, ich
+liebte dich schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen.
+Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe.« Und
+sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Küssen.
+»O, jetzt will ich auch sterben – lieber sterben mit dir
+als leben ohne dich. Aber nein« – und sie riß sich von
+ihm los – »du sollst nicht sterben – laß mich hier,
+springe, schwimme, versuch’s, du allein erreichst die Insel
+wohl – versuch’s und laß mich.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben
+ohne dich. Nach so langem, langem Sehnen endlich Erfüllung!
+Wir gehören einander auf ewig von dieser Stunde.
+Komm, Kamilla, Geliebte, laß uns hinab.«
+</p>
+
+<p>
+Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander.
+Er zog sie an sich, umschlang sie mit dem linken
+Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit
+über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich
+<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>zum jähen Sprunge an, – da entrang sich beiden ein
+froher Schrei der Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze,
+die unfern von ihnen ins Meer ragte, ein Schiff
+mit vollen Segeln, das gerade auf sie los eilte.
+</p>
+
+<p>
+Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls
+die Lage des sinkenden Kahns, vielleicht die Person
+des Königs: vierzig Ruder, aus zwei Stockwerken von
+Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den
+Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem
+Wind mit allen Segeln daherschoß. Die Leute auf dem
+Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald – es war
+die höchste Zeit – lag der Bauch der Bireme neben der
+Gondel, die augenblicklich versank, nachdem das Paar durch
+die Lukenpforte des untern Ruderstockwerks an Bord gerettet
+war. Es war ein kleines gotisches Wachtschiff, der
+goldene, steigende Löwe, das Wappen der Amalungen,
+glänzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas,
+befehligte es.
+</p>
+
+<p>
+»Dank euch, wackre Freunde,« sprach Athalarich, da er
+wieder Worte gefunden, »Dank! ihr habt nicht euren König
+nur, ihr habt eure Königin gerettet.«
+</p>
+
+<p>
+Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um
+den Glücklichen, der die laut weinende Kamilla in seinen
+Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen Königin!«
+jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte
+donnernd nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem
+Augenblick rauschte der Segler an dem Kahn Rusticianens
+vorbei: der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige aus
+der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die sie ergriffen,
+da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr
+des jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und
+zugleich erklärt hatten, es sei ihnen unmöglich, sie
+recht<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/>zeitig aus den Wellen zu retten. Da war sie besinnungslos
+Daphnidion in die Arme gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher.
+Sie staunte: war es ein Traumbild, was sie sah? oder
+war es wirklich ihre Tochter, die dort auf dem Deck des
+Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der Brust
+des jungen Königs lag? und jauchzten wirklich dazu
+jubelnde Stimmen: »Heil Kamilla, unsrer Königin?«
+</p>
+
+<p>
+Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos,
+lautlos. Aber das rasch fliegende Segelschiff war schon
+an ihrem Kahn vorüber und dem Lande nah. Es ankerte
+außerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward herabgelassen,
+das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen
+sprangen hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe
+hinan, wo, außer Cethegus und seiner Begleitung,
+eine Menge von Leuten sich versammelt hatte, die vom
+Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr
+des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten,
+die Geretteten zu begrüßen. Unter Glückwünschen und
+Segensrufen stieg Athalarich die Stufen hinan.
+</p>
+
+<p>
+»Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt,
+»sehet, Goten und Römer, eure Königin, meine Braut.
+Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt, nicht wahr,
+Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie:
+die Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und
+Freude hatten den kaum Genesenen übermächtig erschüttert:
+sein Antlitz war marmorblaß, er wankte und griff wie Luft
+schöpfend krampfhaft an seine Brust.
+</p>
+
+<p>
+»Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten
+Leidens fürchtend, »dem König ist nicht wohl. Rasch den
+Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch, ergriff den
+Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine
+Hand.
+</p>
+
+<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/>
+
+<p>
+Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem
+Blick jeder seiner Bewegungen.
+</p>
+
+<p>
+Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich
+ließ er ihn nochmal sinken, er lächelte: »du mußt mir
+zutrinken, wie’s der gotischen Königin ziemt an ihrem Hof,«
+und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn aus seiner
+Hand.
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend
+heiß. Er wollte hinzustürzen, ihr den Trank aus der
+Hand reißen, ihn verschütten.
+</p>
+
+<p>
+Aber er hielt sich zurück. That er’s, so war er unrettbar
+verloren. Nicht nur morgen als Hochverräter, nein,
+sofort als Giftmörder angeklagt und überführt.
+</p>
+
+<p>
+Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft
+Roms. Und um wen? – Um ein verliebtes Mädchen,
+das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. – Nein, sagte
+er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom:
+– also sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mädchen,
+hold errötend, einen leichten Trunk aus dem Becher nahm,
+den der König darauf tief schlürfend bis zum Grunde
+leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch
+niedersetzte. »Kommt hinauf ins Palatium,« sprach
+er fröstelnd, den Mantel über die linke Schulter schlagend,
+»mich friert.« Und er wandte sich.
+</p>
+
+<p>
+Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick
+still und sah dem Präfekten eindringend ins Auge.
+</p>
+
+<p>
+»Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt
+auf ihn zu: da zuckte er nochmal und stürzte mit einem
+jähen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder.
+</p>
+
+<p>
+»Athalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd
+über ihn. Der alte Corbulo sprang aus der Schar der
+Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er, »sie stirbt – der
+König!«
+</p>
+
+<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/>
+
+<p>
+»Wasser! rasch Wasser!« sprach Cethegus laut. Und
+entschlossen trat er an den Tisch, ergriff den Silberbecher,
+bückte sich, spülte ihn schnell, aber gründlich in der Quelle
+und neigte sich über den König, der in Cassiodors Armen
+lag, indeß Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee
+legte.
+</p>
+
+<p>
+Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar
+leblosen Gestalten.
+</p>
+
+<p>
+»Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei
+drängte sich Rusticiana, die soeben gelandet, an der Tochter
+Seite. »Kamilla!« rief sie verzweifelt, »was ist mit dir?«
+</p>
+
+<p>
+»Nichts!« sagte Cethegus ruhig, sich prüfend über die
+beiden beugend. »Es ist nur eine Ohnmacht. Aber den
+jungen König hat sein Herzkrampf hingerafft. Er ist tot.«
+</p>
+
+<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/>
+
+</div></div><div n="3" type="buch" rend="page-break-before: right">
+<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/>
+ <index index="toc" level1="Drittes Buch. Amalaswintha."/><index index="pdf" level1="Drittes Buch. Amalaswintha."/>
+<head type="sub">Drittes Buch.</head>
+
+<head>Amalaswintha.</head>
+
+<epigraph>
+<p>
+»Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart,<lb/>
+sonder kräftig wahrte sie ihr Königtum.«
+</p>
+ <p rend="text-align: right">Prokop, Gotenkrieg I. 2</p>
+</epigraph>
+
+<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/>
+
+<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right">
+<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Erstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs
+plötzliches Ende die gotische Partei, die an diesem
+nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt hatte.
+Alle Maßregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet,
+waren gelähmt, die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung
+in dem Staat, an dessen Spitze jetzt die Regentin
+ganz allein gestellt war.
+</p>
+
+<p>
+Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich
+Cassiodor bei dem Präfekten ein. Er fand diesen in
+ruhigem, festem Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+»Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach
+einem solchen Schlag!« – »Ich schlief,« sagte Cethegus
+sich auf den linken Arm aufrichtend, »im Gefühle neuer
+Sicherheit.« – »Sicherheit! ja für dich, aber das Reich!«
+</p>
+
+<p>
+»Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben
+als ich. Wo ist die Königin?« – »Am offenen Sarge
+ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze Nacht.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus sprang auf: »das darf nicht sein,« rief er.
+»Das thut nicht gut. Sie gehört dem Staat, nicht dieser
+Leiche. Um so weniger, als ich von Gift flüstern hörte.
+Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?«
+</p>
+
+<p>
+»Sehr ungewiß. Der griechische Arzt Elpidios, der
+die Leiche untersuchte, sprach zwar von einigen auffallenden
+<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>Erscheinungen. Aber, wenn Gift gebraucht worden, meinte
+er, müßte es ein sehr geheimes, ihm völlig fremdes sein.
+In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan,
+fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts.
+So glaubt man allgemein, die Aufregung habe das alte
+Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet. Aber doch
+ist es gut, daß man dich von dem Augenblick, da du die
+Versammlung verließest, immer vor Zeugen gesehen: der
+Schmerz macht argwöhnisch.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie steht es um Kamilla?« forschte der Präfekt
+weiter. – »Sie soll von ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht
+sein; die Ärzte fürchten das Schlimmste. – Aber
+ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen?
+Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich
+niederzuschlagen.« – »Das darf nicht sein!« rief Cethegus.
+»Ich fordre die Durchführung. Eilen wir zu
+ihr.« – »Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören?«
+– »Ja, das will ich! Deine zarte Rücksicht bebt davor
+zurück? Gut, komme du nach, wenn ich das Eis gebrochen.«
+</p>
+
+<p>
+Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven,
+ihn anzukleiden. Bald darauf schritt er, in dunkelgraues
+Trauergewand gehüllt, hinab zu dem Gewölbe, wo die
+Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen
+und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang
+hüteten und trat geräuschlos ein.
+</p>
+
+<p>
+Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die
+Leichen der Kaiser mit Salben und Brennstoffen waren
+für den Scheiterhaufen bereitet worden. Das schweigende
+Gelaß, mit dunkelgrünem Serpentin getäfelt, von kurzen
+dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war
+nie von der Tageshelle beleuchtet: auch jetzt fiel auf die
+düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der
+<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln,
+die an dem Steinsarkophag des jungen Königs
+mit unstetem Schimmer flackerten.
+</p>
+
+<p>
+Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm,
+Schwert und Schild zu seinen Häupten.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um
+die dunkeln Locken gewunden. Die edeln Züge ruhten in
+ernster, bleicher Schöne.
+</p>
+
+<p>
+Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe
+Gestalt der Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestützt,
+der auf dem Sarkophage ruhte: der rechte hing erschlafft
+herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
+</p>
+
+<p>
+Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch
+in dieser Grabesstille. –
+</p>
+
+<p>
+Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der
+Poesie des Anblicks. Aber mit einem Zusammenziehen
+der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid
+erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und Ruhe.
+Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand
+Amalaswinthens. »Erhebe dich, hohe Frau, du gehörst den
+Lebendigen, nicht den Toten.«
+</p>
+
+<p>
+Erschrocken sah sie auf: »Du hier, Cethegus? Was
+suchst du hier?«
+</p>
+
+<p>
+»Eine Königin.«
+</p>
+
+<p>
+»O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie
+schluchzend. – »Das kann ich nicht glauben. Das Reich ist
+in Gefahr und Amalaswintha wird zeigen, daß auch ein
+Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.«
+</p>
+
+<p>
+»Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh
+auf ihn hin. – Wie jung, wie schön –! Wie konnte der
+Himmel so grausam sein.« – »Jetzt oder nie,« dachte Cethegus.
+»Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie redest du? was hatte mein edler Sohn
+ver<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>schuldet? Wagst du ihn anzuklagen?« – »Nicht ich! Doch
+eine Stelle der heiligen Schrift hat sich erfüllt an ihm:
+»Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang lebest auf
+Erden.« Die Verheißung ist auch eine Drohung. Gestern
+hat er gefrevelt gegen seine Mutter und sie verunehrt in
+trotziger Empörung: – heute liegt er hier. Ich sehe darin
+den Finger Gottes.«
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem
+Sohn an seinem Sarge seine Auflehnung herzlich vergeben.
+Aber diese Auffassung, diese Worte ergriffen sie doch mächtig
+und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen
+Gewohnheit des Herrschens. »Du hast, o Königin, die
+Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis
+zurückberufen. Letzteres mag sein. Aber ich fordere die
+Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung
+als mein Recht.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir,
+wenn ich es jemals müßte. Sage mir: ich weiß von keiner
+Verschwörung! und alles ist abgethan.« – Sie schien
+seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine Weile.
+Dann sagte er ruhig: »Königin, ich weiß von einer Verschwörung.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend
+an. – »Ich habe diese Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr
+Cethegus mit einem Blick auf die Leiche fort, »dir meine
+Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir unauslöschlich
+möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« –
+»Was werd’ ich hören?« sprach die Königin wachsam und
+fest entschlossen, sich weder täuschen noch erweichen zu lassen.
+»Ich wär’ ein schlechter Römer, Königin, und du müßtest
+mich verachten, liebte ich nicht vor allem andern mein Volk.
+Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich
+wußte, – wie du es weißt – daß der Haß gegen euch
+<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>als Ketzer, als Barbaren in den Herzen fortglimmt. Die
+letzten strengen Thaten deines Vaters hatten ihn geschürt.
+Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.«
+– »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich
+erhebend. – »Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten
+wollten die Griechen herbeirufen und nach Vernichtung
+der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.« – »Die
+Schändlichen!« rief Amalaswintha heftig. – »Die Thoren!
+Sie waren schon soweit gegangen, daß nur Ein Mittel
+blieb, sie zurückzuhalten: ich trat an ihre Spitze, ich ward ihr
+Haupt.« – »Cethegus!« – »Dadurch gewann ich Zeit und
+konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben
+zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen
+darüber öffnen, daß ihr Plan, wenn er gelänge, nur eine
+milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen würde.
+Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner
+wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich – oder du.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich! rasest du?« – »Nichts ist den Menschen zu
+verschwören! sagt Sophokles, dein Liebling. Laß dich
+warnen, Königin, die du die dringendste Gefahr nicht siehst.
+Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene römische
+Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht
+der Amaler, in nächster Nähe – eine Verschwörung
+der Goten.«
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha erbleichte.
+</p>
+
+<p>
+»Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht
+deine Hand mehr das Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig
+dieser edle Tode, der nur ein Werkzeug deiner
+Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk
+sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten
+dies Land brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt.
+Du weißt, dein trotziger Adel haßt die Übermacht des
+Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen. Du
+<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem
+Beruf des Weibes zur Herrschaft.« – »Ich weiß es,« sprach
+sie stolz und zornig. – »Aber nicht weißt du, daß alle diese
+Parteien sich geeinigt haben. Geeinigt gegen dich und dein
+römerfreundlich Regiment. Dich wollen sie stürzen oder zu
+ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen von
+deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen,
+das Königtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser
+soll entbrennen. Und Gewalt, Erpressung, Raub über uns
+Römer hereinbrechen.« – »Du malst eitle Schreckbilder!« –
+»War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn
+nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst
+– wie ich – der Macht beraubt? Warst du denn noch
+Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? Sind sie nicht
+schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der bäuerische
+Witichis, der finstre Teja in deines bethörten Sohnes
+Namen offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene
+rebellischen drei Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige
+Tochter und –« – »Wahr, zu wahr!« seufzte die
+Königin.
+</p>
+
+<p>
+»Wenn diese Männer herrschen – dann lebt wohl
+Wissenschaft und Kunst und edle Bildung! Leb wohl, Italia,
+Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in Flammen auf,
+ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen.
+Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte
+Enkel werden bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha,
+der Tochter Theoderichs.«
+</p>
+
+<p>
+»Nie, niemals soll das geschehen! Aber –«
+</p>
+
+<p>
+»Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst
+du sie haben. Du siehst jedoch schon jetzt: auf die Goten
+kannst du dich nicht stützen, wenn du jene Greuel verhindern
+willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir, denen du
+ohnehin angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer.
+<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>Dann, wenn jene Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen,
+dann laß mich jene Männer um dich scharen, die
+sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie
+schützen dich und sich selbst zugleich.«
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest
+die Menschen leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die
+Patrioten, für deine Treue?«
+</p>
+
+<p>
+»Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine
+genaue Liste der römischen Verschwornen – du siehst, es
+sind viele hundert Namen: dies die Glieder des gotischen
+Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber ich rate
+gut. Mit diesen beiden Blättern geb’ ich die beiden Parteien,
+geb’ ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst
+mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst als Verräter
+entlarven, der vor allem <hi rend='gesperrt'>deine</hi> Gunst gesucht, kannst mich
+preisgeben dem Haß der Goten – ich habe jetzt keinen
+Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf
+dem Boden deiner Gunst.«
+</p>
+
+<p>
+Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen
+durchflogen. »Cethegus,« rief sie jetzt, »ich will deiner
+Treue gedenken und dieser Stunde!« Und sie reichte ihm
+gerührt die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin.
+Die Patrioten, fortan deine Freunde wie die meinen, wissen
+das Schwert des Verderbens, des Hasses der Barbaren
+über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen bedürfen
+der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern:
+stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes
+und laß mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen deiner
+Gnade geben.«
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die
+er ihr reichte. Einen Augenblick noch zögerte sie nachdenklich:
+dann aber schrieb sie rasch ihren Namen und gab
+<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir treu
+bleiben, treu wie du.«
+</p>
+
+<p>
+Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen
+Großen harren dein. Sie begehren dich zu sprechen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,«
+sprach sie heftig: »du aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge
+des Beschlusses, den diese ernste Stunde in mir gereift,
+den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der Präfekt
+von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der
+treuste ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen
+und an meinem Thron.«
+</p>
+
+<p>
+Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln
+Stufen hinan. Langsam folgte Cethegus: er hob die Wachstafel
+in die Höhe und sprach zu sich selbst: »Jetzt bist du
+mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser Liste
+trennt dich auf immer von deinem Volk.« – –
+</p>
+</div><div n="2" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweites Kapitel.</head>
+
+<p>
+Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder
+zu dem Erdgeschoß des Palastes aufgetaucht war und sich
+anschickte, der Regentin zu folgen, ward sein Ohr berührt
+und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende Flötentöne.
+Er erriet, was sie bedeuteten.
+</p>
+
+<p>
+Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald
+entschloß er sich zu bleiben. »Einmal muß es doch geschehen,
+also am besten gleich,« dachte er. »Man muß
+prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.«
+</p>
+
+<p>
+Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen
+Klagegesängen. <anchor id="corr156"/><corr sic="Chetegus">Cethegus</corr> trat in eine breite Nische des
+<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>dunklen Ganges, in welchen schon die Spitze des kleinen
+Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle römische
+Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den
+Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe
+Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen wurde.
+Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie, angeführt
+von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschien,
+von vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter
+Sarg: da lag auf weißem Linnentuch die
+tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck, einen Kranz von
+weißen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lächelnden
+Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter
+dem Sarg aber wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich
+hinblickend, die unselige Mutter, von Matronen umgeben,
+welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von Sklavinnen
+schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe
+verlor.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und
+hielt sie an. »Wann starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach,
+Herr, vor wenigen Stunden! Oh die gute, schöne, freundliche
+Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem
+Bewußtsein?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie
+die großen Augen nochmal auf und schien rings umher
+zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie die Mutter.
+»Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den
+Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte
+die Herrin. »Nun, dorthin,« sagte sie mit verklärtem
+Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!« und sie schloß die
+Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde
+Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin,
+dahin auf ewig!« – <anchor id="corr157"/><corr sic="Wer">»Wer</corr> hat sie hier herab bringen lassen?«
+– »Die Königin. Sie erfuhr alles und befahl die Tote
+<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/>als die Braut ihres Sohnes neben ihm auszustellen und
+zu bestatten.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich
+sterben?« – »Ach der Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte
+alle Gedanken bei der Königsleiche und die Herrin litt ja
+gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre.
+Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl
+sterben! Aber still, sie kommen.« Der Zug ging in derselben
+Ordnung, ohne den Sarg, zurück. Daphnidion schloß
+sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus
+den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf.
+Sie wankte und drohte zu fallen. Da ergriff er rasch
+ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!«
+</p>
+
+<p>
+»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir,
+wir beide haben sie ermordet!« Und sie brach auf seine
+Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!« flüsterte er, sich
+umsehend.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe
+den Trank gemischt, der ihm den Tod gebracht.«
+</p>
+
+<p>
+Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie <anchor id="corr158"/><corr sic="getrunken">getrunken,</corr>
+geschweige, daß ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer
+Streich des Geschicks,« sagte er laut; »aber bedenke, was
+sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn!« – »Was
+werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend.
+</p>
+
+<p>
+»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe?
+Wäre sie sein geworden, sein Weib, – seine Geliebte, wenn
+sie nur lebte!« – »Aber du <anchor id="corr158a"/><corr sic="vergießt">vergißt</corr>, daß er sterben
+mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß
+du deine stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!«
+– »Es sind deine Pläne, die ich ausführe,
+nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s wiederholen? Du
+hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was
+<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne
+dich besser. Lebe wohl.«
+</p>
+
+<p>
+Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist
+alles? Und weiter hast du nichts, kein Wort, keine Thräne
+für mein Kind? Und du willst mich glauben machen, um
+sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie
+ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten
+Blutes siehst du sie sterben – ha, Fluch – Fluch über
+dich.« – »Schweig, Unsinnige.« – »Schweigen? nein,
+reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das
+dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich,
+deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen,
+fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott ist im Himmel,
+wirst du das erleben.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus lächelte.
+</p>
+
+<p>
+»Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte?
+wohlan, glaub’ an die Rache einer jammervollen Mutter!
+Du sollst erzittern! ich eile zur Regentin und entdecke ihr
+alles! Du sollst sterben!« – »Und du stirbst mit mir.«
+</p>
+
+<p>
+»Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.«
+Und sie wollte hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit
+starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst du, man sieht sich
+nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und
+Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in
+Rom, in meinem Hause. Du weißt, auf ihrer Rückkehr
+steht der Tod. Ein Wort – und sie sterben mit uns:
+dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die
+Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über
+dein Haupt.« Und rasch war er um die Ecke des Ganges
+biegend verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+»Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem
+Marmorestrich zusammen. –
+</p>
+
+<p>
+Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius
+<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>mit Corbulo und Daphnidion den Königshof für immer.
+Vergebens suchte die Regentin sie zu halten.
+</p>
+
+<p>
+Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne
+Villa bei Tifernum, die je verlassen zu haben sie
+jetzt tief betrauerte. Sie baute daselbst, an der Stelle des
+kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren Krypta eine
+Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für
+das Heil ihres Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache
+an Cethegus, dessen wahre Beteiligung an Kamillens Tod
+sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute sie, daß er
+Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht
+und in herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs
+Spiel gesetzt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst
+gestifteten ewigen Lampe stieg das Gebet und der Fluch
+der vereinsamten Mutter zum Himmel empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld
+des Präfekten ganz enthüllte und auch die Rache nicht, die
+sie dafür vom Himmel niederrief.
+</p>
+</div><div n="3" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Drittes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und
+grimmiger Kampf geführt.
+</p>
+
+<p>
+Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen
+Untergang ihres jugendlichen Königs schwer betrübt und
+für den Augenblick überwunden, wurden doch von ihren
+unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das hohe
+Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des
+zurück<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/>berufenen Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten
+unablässig. Wir haben gesehen, wie es diesen Männern
+gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der Oberleitung
+seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht,
+unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen
+eine Regentschaft, in welcher der ihnen als Hochverräter
+verhaßte Cethegus mehr als je in den Vordergrund trat.
+Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung
+von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage
+vorbereitet. Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die
+Unzufriedenen zurück, bis sie, durch wichtige Bundesgenossen
+verstärkt, desto sicherer siegen könnten.
+</p>
+
+<p>
+Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun,
+Ibba und Pitza, die Amalaswintha vom Hofe verscheucht
+und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte. Thulun und
+Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter.
+</p>
+
+<p>
+Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war
+vor Jahren wegen angeblicher Verschwörung zum Tode
+verurteilt und seit seiner Flucht verschollen.
+</p>
+
+<p>
+Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten,
+das bei den Westgoten die Königskrone getragen hatte und
+den Amalungen kaum nachstand an Alter und Ansehn.
+Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis
+zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und
+abhängigen Colonen und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhöhten
+Macht und Glanz ihres Hauses. Man sagte im
+Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit
+Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben,
+zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu
+seinem Nachfolger zu bestellen.
+</p>
+
+<p>
+Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs,
+entschlossen, für den äußersten Fall, das heißt,
+<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>wenn die Regentin von ihrem System nicht abzubringen
+sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie
+das gotische Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen
+Freunden wachgerufen, sich immer heftiger gegen die romanisirende
+Regentschaft sträubte.
+</p>
+
+<p>
+Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher
+Macht fehle, diese Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna
+war nicht sein Rom, wo er die Werke beherrschte, wo er
+die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine
+Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und
+er mußte fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand
+oder Witichis mit offnem Aufruhr beantworten
+würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit Einem
+Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten,
+herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls
+mit Gewalt, nach Rom zu bringen, nach seinem Rom:
+dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort war Amalaswintha
+ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten
+hatten das Nachsehen.
+</p>
+
+<p>
+Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen
+Plan ein. Sie sehnte sich hinweg aus diesen Mauern, wo
+sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin erschien. Sie
+verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. Rasch wie
+immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzern
+Weg zu Lande mußte er verzichten, da die große Via
+flaminia sowohl als die andern Straßen von Ravenna nach
+Rom durch gotische Scharen, die Witichis befehligte, bedeckt
+waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf
+diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert
+würde. So mußte er sich entschließen, einen Teil des Weges
+zur See zurückzulegen: aber auf die gotischen Schiffe im Hafen
+von Ravenna konnte man zu einem solchen Zweck nicht zählen.
+</p>
+
+<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/>
+
+<p>
+Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch
+Pomponius, einer der Verschwornen, mit drei Trieren
+zuverlässiger d. h. römischer Bemannung an der Ostküste
+des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf
+afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem
+sandte er Befehl, in der Nacht des Epiphaniasfestes in der
+Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er hoffte vom Garten
+des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und
+während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte,
+leicht und sicher mit Amalaswintha die Schiffe
+zu erreichen, die sie zur See über die gotischen Stellungen
+hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus war
+der Weg nach Rom kurz und ungefährdet.
+</p>
+
+<p>
+Diesen Plan im Bewußtsein – sein Bote kam glücklich
+hin und zurück mit dem Versprechen des Pomponius,
+pünktlich einzutreffen – lächelte der Präfekt zu dem täglich
+wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine Günstlingsstellung
+bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er
+ermahnte diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen
+Ausbruch ihres königlichen Zornes über die »Rebellen«
+vor dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoß herbeizuführen,
+der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte
+in dichten Massen in den Basiliken, auf den Plätzen der
+Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet und
+gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs.
+</p>
+
+<p>
+Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten
+soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan unterrichtet,
+dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte, dessen Klugheit
+ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus dem Gemach
+der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes,
+das vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und
+<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/>heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren
+wild durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters
+zurück: doch er sah nur noch die letzten Reihen
+der Menge nachdrängen in die offenen Thore des Palastes.
+Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
+</p>
+
+<p>
+Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen
+hinan, Zank mit der Dienerschaft wurde hörbar, einzelne
+Waffenschläge, bald nahe, schwere Tritte. Amalaswintha
+bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des Thronstuhls,
+auf den Cassiodor sie zurückgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen.
+»Halt,« rief er, unter der Thüre des Gemaches
+hinaus, »die Königin ist für niemand sichtbar.«
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick lautlose Stille.
+</p>
+
+<p>
+Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich,
+Römer, auch für uns, für ihre gotischen Brüder. Vorwärts!«
+</p>
+
+<p>
+Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und
+im Augenblick war Cethegus, ohne Anwendung bestimmter
+Gewalt, von dem Andrang der Masse wie von unwiderstehlicher
+Meeresflut bis weit in den Hintergrund des
+Saales zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen
+dicht vor dem Thron.
+</p>
+
+<p>
+Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger
+Gote, den Cethegus nicht kannte, und neben ihm – es
+litt keinen Zweifel – die drei Herzoge Thulun, Ibba
+und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle Kriegergestalten.
+Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron.
+Dann rief Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit
+der Handbewegung eines gebornen Herrschers: »Ihr, gotische
+Männer, harret noch draußen eine kurze Weile; wir
+wollen’s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten
+<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/>suchen. Gelingt es nicht – so rufen wir euch auf zur That
+– ihr wißt, zu welcher.«
+</p>
+
+<p>
+Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen
+hinter ihm zurück und verloren sich bald in den Gängen
+und Hallen des Schlosses.
+</p>
+
+<p>
+»Tochter Theoderichs,« hob Herzog Thulun an, das
+Haupt zurückwerfend, »wir sind gekommen, weil uns dein
+Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden wir ihn
+nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht
+gerne hier siehst.«
+</p>
+
+<p>
+»Wenn ihr das wißt,« sprach Amalaswintha mit Hoheit,
+»wie könnt ihr wagen, dennoch vor unser Angesicht
+zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern Willen zu uns
+zu dringen?« – »Die Not gebeut es, hohe Frau, die
+Not, die schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes
+Laune. Wir haben dir die Forderungen deines Volkes
+vorzutragen, die du erfüllen wirst.« – »Welche Sprache!
+Weißt du wer vor dir steht, Herzog Thulun?« – »Die
+Tochter der Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es
+irrt und frevelt.« – »Rebell!« rief Amalaswintha und
+erhob sich majestätisch vom Throne, »dein König steht vor
+dir.« Aber Thulun lächelte: »Du würdest klüger thun,
+Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König
+Theoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen,
+dem Weibe: – das war wider Recht, aber wir
+Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er
+hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben:
+– das war nicht klug. Aber Adel und Volk der Goten
+haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch
+eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat
+er gewünscht und niemals hätten wir gebilligt, daß nach
+jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle, die
+Spindel über die Speere.«
+</p>
+
+<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/>
+
+<p>
+»So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure
+Königin?« rief sie empört. »Und auch du, Hildebrand, alter
+Freund Theoderichs, auch du verleugnest seine Tochter?«
+</p>
+
+<p>
+»Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst
+verhüten, daß ich dich verleugnen muß.«
+</p>
+
+<p>
+Thulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht – noch
+nicht. Jenen Bescheid gab ich nur, weil du auf dein
+Recht pochst und weil du wissen mußt, daß du ein Recht
+nicht hast.
+</p>
+
+<p>
+Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren – wir
+ehren damit uns selbst – und weil es in diesem
+Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte,
+wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die
+Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen
+magst.«
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das
+stolze Haupt, das solche Worte sprach, dem Henker geweiht.
+Und machtlos mußte sie das dulden! Thränen
+wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber
+erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten:
+»Bewillige alles!« raunte er ihr zu, <anchor id="corr166"/><corr sic="’s">»’s</corr> ist alles erzwungen
+und nichtig. Und heute Nacht noch kömmt Pomponius.«
+</p>
+
+<p>
+»Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes,
+ihr Barbaren.« – »Ei,« lachte Herzog Pitza, »sie will
+ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist ja unser König.«
+</p>
+
+<p>
+»Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Thulun, »sie ist
+von edlem Blut wie wir.«
+</p>
+
+<p>
+»Fürs erste,« fuhr er fort, »entläßt du aus deiner
+Nähe den Präfekten von Rom. Er gilt für einen Feind
+der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin beraten. An
+seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.«
+</p>
+
+<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/>
+
+<p>
+»Bewilligt!« sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
+</p>
+
+<p>
+»Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß
+fortan kein Befehl von dir vollziehbar, der nicht von
+Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß kein Gesetz
+ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.«
+</p>
+
+<p>
+Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt
+ihren Arm nieder. »Heute Nacht kommt Pomponius!«
+flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das wird
+zugestanden.«
+</p>
+
+<p>
+»Das dritte,« hob Thulun wieder an, »wirst du so
+gern gewähren, als wir es empfangen. Wir drei Balten
+haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter zu bücken:
+das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten
+leben am besten weit von einander – wie Adler und
+Falk. Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen
+Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset,
+seit dein großer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden,
+Sclavenen springen ungescheut über unsre Grenzen. Diese
+drei Völker zu züchtigen, rüstest du drei Heere, je zu
+dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie
+als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.«
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: –
+nicht übel! dachte Cethegus. »Bewilligt,« rief er lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+»Und was bleibt mir,« fragte Amalaswintha, »wenn ich
+all das euch dahingegeben?«
+</p>
+
+<p>
+»Die goldne Krone auf der weißen Stirn,« sagte
+Herzog Ibba.
+</p>
+
+<p>
+»Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann
+Thulun aufs neue. »Wohlan, man lernt solche Künste
+nicht umsonst. Hier dies Pergament soll enthalten – mein
+Sklave hat es aufgezeichnet – was wir fordern.«
+</p>
+
+<p>
+Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut.
+<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>Das wirst du unterschreiben, Fürstin. – So, wir sind
+fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, mit jenem Römer.«
+</p>
+
+<p>
+Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert,
+zitternd vor Haß: »Präfekt von Rom,« sagte er, »Blut
+ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es weiht ihn
+ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut,
+das du büßen« – der Zorn erstickte seine Stimme.
+</p>
+
+<p>
+»Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad, – denn er
+war der baumlange Gote – »macht nicht soviel Aufhebens
+davon! Mein goldner Bruder kann leicht etwas
+missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr
+verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel,«
+rief er Cethegus zu und hielt ihm ein breites Schwert
+dicht vor die Augen, »kennst du das?«
+</p>
+
+<p>
+»Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und
+einen Schritt zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor
+fragten erschrocken: »Pomponius?«
+</p>
+
+<p>
+»Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm?
+Ja, aus der Wasserfahrt kann nichts werden.«
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswintha
+heftig.
+</p>
+
+<p>
+»Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.«
+</p>
+
+<p>
+»Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cethegus, jetzt fortgerissen
+vor Zorn, »wie geht das zu?«
+</p>
+
+<p>
+»Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila – du
+kennst ihn ja, nicht wahr? – lag im Hafen von Ancona
+mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, der
+machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht
+und ließ so dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen
+Blonden auffiel. Plötzlich ist er eines Morgens mit
+seinen drei <anchor id="corr168"/><corr sic="Trieren,">Trieren</corr> aus dem Hafen entwischt. Totila
+schöpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm nach,
+holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht
+<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/>zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und fragt
+ihn, wohinaus?«
+</p>
+
+<p>
+»Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine
+Antwort gegeben haben.«
+</p>
+
+<p>
+»Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah,
+daß wir zu sieben allein auf seinem Schiff, da lachte er
+und rief: »Wohin ich segle? Nach Ravenna, du Milchbart,
+und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.«
+Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch
+wir die Schilde vor und hui, flogen die Schwerter aus
+den Scheiden. Das war ein harter Stand, sieben gegen
+dreißig. Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten
+unsre Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und
+flugs waren sie mit ihren Boten heran und erkletterten
+wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir die mehreren:
+aber der Nauarch – gieb dem Teufel sein Recht!
+– gab sich nicht, focht wie ein Rasender und stieß meinem
+Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm,
+daß es hoch aufspritzte. Da aber ward mein Bruder auch
+zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, daß er
+fiel wie ein Schlachtstier. »Grüßt mir den Präfekten,«
+sprach er sterbend, »gebt ihm das Schwert, sein Geschenk,
+zurück und sagt ihm, es kann keiner wider den Tod:
+sonst hätte ich Wort gehalten.« Ich hab’s ihm gelobt,
+es zu bestätigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist
+das Schwert.«
+</p>
+
+<p>
+Schweigend nahm es Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+»Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie
+zurück nach Ancona. Ich aber segelte mit dem schnellsten
+hierher und traf am Hafen mit den drei <anchor id="corr169"/><corr sic="Balthen">Balten</corr> zusammen,
+gerade zur rechten Zeit.«
+</p>
+
+<p>
+Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen
+ihre böse Lage schmerzlich überdachten. Cethegus hatte
+<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern Hoffnung
+auf die Flucht, die nun vereitelt war.
+</p>
+
+<p>
+Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von
+Totila: tief grub der Haß diesen Namen in des Präfekten
+Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward erst durch den
+Ausruf Thuluns gestört: »Nun, Amalaswintha, willst du
+unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines
+Königs berufen?«
+</p>
+
+<p>
+Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung
+wieder: er nahm die Wachstafel aus der Hand des Grafen
+und reichte sie ihr hin: »Du mußt, o Königin,« sagte er
+leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr den
+Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die
+Tafel zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden,
+daß ihr Reich gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns,
+zu bezeugen, daß alles ohne Gewalt geschehen ist.«
+</p>
+
+<p>
+Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator
+und folgte den gotischen Männern hinaus auf das
+Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit Cethegus allein
+sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie
+ihren Thränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor
+die Stirn. Ihr Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer
+als des Gatten, des Vaters, ja selbst als Athalarichs
+Verlust traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie laut
+weinend, »das also ist die Überlegenheit der Männer.
+Rohe, plumpe Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um
+ein gnädiges Andenken,« setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach
+Rom.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie? du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du
+hast mir all diese Versprechungen abgewonnen, die mich
+entthronen, und nun scheidest du? O besser, ich hätte
+<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>widerstanden, dann wär ich Königin geblieben, hätten sie
+auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.«
+</p>
+
+<p>
+Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer
+für mich. Nein, kein Held soll mehr diese Krone tragen.
+– Rasch hatte er erkannt, daß Amalaswintha ihm nichts
+mehr nützen könne – und rasch gab er sie auf. Schon
+sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne
+um. Doch beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken
+zu enthüllen, damit sie nicht auf eigne Faust handelnd
+jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und dadurch
+Thulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o Herrin,«
+sprach er, »doch ich verlasse dich darum nicht. Hier kann
+ich dir nichts mehr nützen. Man hat mich aus deiner
+Nähe verbannt und man wird dich hüten, eifersüchtig wie
+eine Geliebte.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen,
+mit diesen drei Herzogen?«
+</p>
+
+<p>
+»Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,«
+setzte er zögernd bei – »die ziehn ja in den Krieg:
+– vielleicht kehren sie nicht zurück.«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein
+vielleicht!« Cethegus trat fest auf sie zu: »Sie kehren
+nicht zurück – sobald du’s willst.« Erschrocken bebte die
+Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« – »Das Notwendige.
+Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr.
+Oder Strafe. Hattest du in dieser Stunde die
+Macht, du hattest das volle Recht, sie zu töten. Sie sind
+Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie
+erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.«
+</p>
+
+<p>
+»Und sie soll’n ihn finden,« flüsterte Amalaswintha, die
+Faust ballend, vor sich hin, »sie soll’n nicht leben, die rohen
+Männer, die eine Königin gezwungen. Du hast Recht –
+<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>sie sollen sterben.« – »Sie müssen sterben – sie, und,«
+fügte er ingrimmig bei, »und – – der junge Seeheld!«
+</p>
+
+<p>
+»Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling
+meines Volks.«
+</p>
+
+<p>
+»Er stirbt,« knirschte Cethegus, »o, könnt’ er zehnmal
+sterben.«
+</p>
+
+<p>
+Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses,
+die, plötzlich aus der eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha
+in Schrecken überraschte. »Ich schicke dir,« fuhr
+er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute Männer,
+isaurische Söldner. Die sendest du den drei <anchor id="corr172"/><corr id="Balthen">Balten</corr> nach,
+sobald sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, <hi rend='gesperrt'>du</hi>
+sendest sie, die Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder.
+Die Drei müssen an Einem Tage fallen – Für den
+schönen Totila sorge ich selbst! – Der Schlag wird alles
+erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich
+von Rom herbei. Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb
+wohl.«
+</p>
+
+<p>
+Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem
+Augenblick von dem Forum vor dem Palatium jubelndes
+Freudengeschrei der Goten schlug, die den Erfolg ihrer
+Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte sich ganz verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr
+als ein leeres Trostwort zur Beschönigung seines Abgangs
+war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll stützte sie die
+Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile
+finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge
+des Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr:
+»Gesandte von Byzanz bitten um Gehör. Justinus ist
+gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet dir
+seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.«
+</p>
+
+<p>
+»Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten
+<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>Frau. Sie sah sich ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk
+bedroht, von Cethegus verlassen: ringsumher hatte sie in
+trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht und aufatmend
+aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz –
+Justinianus!«
+</p>
+</div><div n="4" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Viertes Kapitel.</head>
+
+<p>
+In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der
+Wandrer, der von Florenz heranzieht, rechts von der
+Straße die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen Gebäudes.
+</p>
+
+<p>
+Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette
+die Trümmer überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes
+haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen, die Erde
+ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen.
+Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die
+Säulenhalle vor dem Hause, wo das Mittelgebäude, wo die
+Hofmauer stand. Üppig wuchert das Unkraut auf dem
+Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und
+Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das
+breite Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens,
+in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
+</p>
+
+<p>
+Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es
+hier viel anders aus. »Die Villa des Mäcen bei Fäsulä,«
+wie man das Gebäude damals, wohl mit wenig
+Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das
+Haus von sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von
+hellem Kindeslachen belebt. Zierlich war die rankende
+Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der
+korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog
+<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>freundlich schmückend über das flache Dach. Mit weißem
+Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut
+und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft dienten,
+glänzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die
+nicht auf römische Sklavenhände raten ließ.
+</p>
+
+<p>
+Es war um Sonnenuntergang.
+</p>
+
+<p>
+Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück:
+die hoch mit Heu beladenen Wagen mit Rossen nicht
+italischer Zucht bespannt, schwankten heran: von den Hügeln
+herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, von
+großen zottigen Hunden umbellt.
+</p>
+
+<p>
+Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene
+des bunten Schauspiels: ein paar römische Sklaven trieben
+mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei die keuchenden
+Pferde eines grausam überladnen Wagens an:
+nicht mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen
+sie den Tieren immer in dieselbe wunde Stelle
+stießen. Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts. Jetzt
+lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad, jeden
+Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier
+sah es nicht.
+</p>
+
+<p>
+»Vorwärts, Bestie, und Kind einer <anchor id="corr174"/><corr sic="Bestie,">Bestie,«</corr> schrie er
+dem zitternden Rosse zu, <corr sic="vorwärts,">»vorwärts,</corr> du gotisches Faultier!«
+Und ein neuer Stich mit dem Stachel und ein neuer verzweifelter
+Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein,
+das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den
+Wagen mit umzureißen. Darüber wurde der Treiber
+erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie er und
+schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. – Aber nur
+einmal schlug er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst
+wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche nieder.
+</p>
+
+<p>
+»Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme
+und über dem Gefallenen stand schier noch mal so
+<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>lang und gewiß noch mal so breit wie der erschrockene
+Tierquäler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel
+wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend.
+</p>
+
+<p>
+»Du elender Neiding,« schloß er mit einem Fußtritt,
+»ich will dich lehren, umgehn mit einem Geschöpf, das
+sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du Schandbub
+quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch
+einmal laß mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen
+im Leibe. Jetzt auf und abgeladen: – du trägst alle
+Schwaden, die zuviel sind, auf deinem eignen Rücken in
+die Scheuer. Vorwärts.«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und
+schickte sich hinkend an, zu gehorchen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet
+und wusch ihm jetzt sorglich die geschürften Knie mit seinem
+eignen Abendtrunk von Wein und Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen
+Stall her dringend eine helle Knabenstimme rief: »Wachis,
+hierher, Wachis!« – »Komme schon, Athalwin, mein Bursch,
+was giebt’s?« – und schon stand er in der offnen Thüre
+des Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben
+bis acht Jahren, der sich heftig die langen, gelben Haare
+aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den
+himmelblauen Augen zwei Thränen des Zornes zerdrückte.
+Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten
+und hob es drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven,
+der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten trotzig
+ihm gegenüberstand.
+</p>
+
+<p>
+»Was giebt’s da?« wiederholte Wachis über die Schwelle
+tretend.
+</p>
+
+<p>
+»Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh
+nur, zwei Bremsen haben sich eingesogen oben an seinem
+Bug, wo er mit der Mähne nicht hinreichen kann und ich
+<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie ich’s ihm
+sage, will mir nicht folgen: und gewiß hat er mich geschimpft
+auf römisch, was ich nicht verstehe.« Wachis trat
+drohend näher.
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend,
+»erst eß’ ich meine Hirse; das Tier mag warten;
+bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor dem Vieh.« – »So,
+du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei
+uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach
+vorwärts.«
+</p>
+
+<p>
+Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf
+auf und sagte: »wir sind hier in unserm Land – da gilt
+unser Brauch.« – »Eia, du verfluchter Schwarzkopf, wirst
+du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. – »Gehorchen?
+Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine
+Eltern haben schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen
+noch Küh’ und Schafe stahlen jenseit der Berge.« Wachis
+ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme: »Höre,
+Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du
+weißt schon, was für einen. Jetzt geht’s in einem hin.« –
+»Ha,« lachte Cacus <anchor id="corr176"/><corr sic="hönisch">höhnisch</corr>, »wegen Liuta, der Flachsdirn?
+Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin. Sie tanzt
+wie eine Jungkuh.« – Jetzt ist’s aus mit dir,« sagte
+Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber
+dieser wandte sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten,
+riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte des Wollrocks
+und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es
+haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den
+Pfosten der Thür. »Na, warte, du Mordwurm!« rief der
+Germane und wollte sich auf Cacus werfen; da fühlte er
+sich von hinten umklammert.
+</p>
+
+<p>
+Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf
+erpaßt hatte.
+</p>
+
+<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/>
+
+<p>
+Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
+</p>
+
+<p>
+Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick,
+erwischte mit der Rechten Cacus an der Brust und
+stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern die Köpfe
+zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend, »so,
+meine Jungen – das für das Messer – und das für
+den Rückensprung – und den für die Jungkuh« – und
+wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert
+haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört.
+</p>
+
+<p>
+»Wachis – Cacus – auseinander sag’ ich!« rief eine
+volle starke Frauenstimme, und vor der Thür erschien ein
+stattliches Weib in blauem gotischem Gewand. Sie war
+nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau eher mächtig
+als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch
+einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die
+Züge regelmäßig, aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit,
+Tüchtigkeit, Verlässigkeit sprachen aus den fast allzugroßen
+graublauen Augen: die unbedeckten vollen Arme
+zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten
+Gürtel, über den das braune Untergewand von selbstgewirktem
+Zeuge bauschte, klirrte ein Bund von Schlüsseln:
+die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte und befehlend
+streckte sie die Rechte vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+»Eia, Rauthgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend,
+»mußt du denn überall die Augen haben?«
+</p>
+
+<p>
+Ȇberall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet
+ihr lernen, euch vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr
+im Hause. Aber du, Wachis, solltest nicht auch der Hausfrau
+Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.« Und
+sie führte den Knaben an der Hand mit fort.
+</p>
+
+<p>
+Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe
+Körner in ihr Gewand, die Hühner und Tauben zu füttern,
+die sie sogleich dicht umdrängten.
+</p>
+
+<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/>
+
+<p>
+Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte
+er: »Du, Mutter, ist’s wahr? ist der Vater ein Räuber?«
+</p>
+
+<p>
+Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das
+Kind an: »Wer hat das gesagt.«
+</p>
+
+<p>
+»Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir
+spielten auf dem großen Heuhaufen seiner Wiese drüben
+überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das Land uns
+gehöre rechts vom Zaun, – weit und breit – so weit
+unsre Knechte mähten und fern der Bach schimmerte. Da
+ward er zornig und sagte: »Ja, und all’ das Land gehörte
+früher uns und dein Vater oder dein Großvater,
+die haben’s gestohlen, die Räuber.«
+</p>
+
+<p>
+»So? und was sagtest du drauf.«
+</p>
+
+<p>
+»Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den
+Heuhaufen hinunter, daß er die Füße gen Himmel schlug.
+Aber jetzt, nach der Hand, möcht’ ich doch wissen, ob’s
+wahr ist.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der
+Vater nicht. Aber offen genommen, weil er besser war
+und stärker als diese Welschen. Und alle starken Helden
+haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die
+Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre
+Nachbarn schwach, am allermeisten. Aber nun komm, wir
+müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem Anger zur
+Bleiche liegt.«
+</p>
+
+<p>
+Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und
+dem nahen Grashügel links vom Hause zuschritten, hörten
+sie den raschen Hufschlag eines Rosses, das auf der alten
+römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin den
+Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin.
+</p>
+
+<p>
+Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen
+die Waldhöhe herab auf die Villa zu: hell funkelte sein
+<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>Helm und die Spitze der Lanze, die er schräg über dem
+Rücken trug.
+</p>
+
+<p>
+»Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und
+rannte pfeilgeschwind den Hügel hinab dem Reiter entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr
+Herz pochte. Sie legte die Hand vors Auge, in die
+schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte sie still
+glücklich vor sich hin: »Ja, er ist’s. Mein Mann!«
+</p>
+</div><div n="5" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/>
+<head>Fünftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht
+und kletterte an seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn
+mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor sich in den
+Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig wieherte
+Wallada, das edle Tier, einst Theoderich’s Streitroß, die
+Heimat und die Herrin erkennend und schlug freudig mit
+dem langen wallenden Schweif.
+</p>
+
+<p>
+Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem
+Knaben: »mein liebes Weib!« sprach er, sie herzlich umarmend.
+»Mein Witichis!« flüsterte sie, an seiner Brust
+erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« –
+»Ich hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu
+kommen – schwer ging’s –«
+</p>
+
+<p>
+»Aber du hieltst Wort wie immer.« – »Mich zog
+das Herz,« sagte er, den Arm um sie schlingend. Sie
+schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Athalwin, ist,
+scheint’s, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er
+dem Kleinen zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte.
+</p>
+
+<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/>
+
+<p>
+»Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu –
+so gut wird mir’s selten hier in dem Bauernleben« –
+und den langen schweren Speerschaft mit Mühe einherschleppend,
+rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater
+ist da! – Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller.
+Der Vater hat Durst vom scharfen Ritt.«
+</p>
+
+<p>
+Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben,
+der jetzt an ihnen vorüber und voran eilte. »Nun, und
+wie steht’s hier draußen bei euch?« fragte er, auf Rauthgundis
+blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist glücklich
+eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.«
+– »Nicht danach frag’ ich,« sagte er, sie zärtlich an sich
+drückend, – »wie geht es dir?« – »Wie’s einem armen
+Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm aufblickend, »das
+seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit,
+Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz
+betäubt. Oft denk’ ich, wie hart du dich mühen mußt,
+draußen, unter fremden Leuten, im Lager und am Hof,
+wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens,
+denk’ ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer wohl
+bestellt und traulich finden.
+</p>
+
+<p>
+Und das ist’s, sieh, was mir all’ die dumpfe Arbeit
+lieb macht und weihet und veredelt.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht
+zuviel?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit
+der Leute, das thut mir weh.« Witichis blieb stehen.
+»Wer wagt’s, dir weh zu thun?« – »Ach, die welschen
+Knechte und die welschen Nachbarn.
+</p>
+
+<p>
+Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht
+mehr fürchten. Calpurnius, der Nachbar, ist so frech,
+wenn er dich ferne weiß, und die römischen Sklaven sind
+trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte sind brav.«
+</p>
+
+<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/>
+
+<p>
+Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt
+und ließen in dem Säulengang sich vor einem
+Marmortisch nieder. »Du mußt bedenken,« sagte Witichis,
+»der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner
+Sklaven an uns abtreten <anchor id="corr181"/><corr sic="müssen.">müssen.«</corr> – »Und hat zwei
+Drittel behalten und das Leben dazu – er sollte Gott
+danken!« meinte Rauthgundis verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll
+Äpfeln, die er vom Baum gepflückt; dann kamen Wachis
+und die andern germanischen Knechte mit Wein, Fleisch
+und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem
+Handschlag. »Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die
+Frau lobt euch. Aber wo stecken Davus, Cacus und die
+andern?« – »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie
+haben ein schlecht Gewissen.«
+</p>
+
+<p>
+»Warum? Weshalb?« – »Ei, ich glaube, – weil ich
+sie ein bischen geprügelt habe – sie schämen sich.« Die
+andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen nicht
+schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen.
+Morgen seh’ ich nach eurer Arbeit.« Die Knechte gingen.
+»Was ist’s mit Calpurnius,« fragte Witichis, sich einschenkend.
+Rauthgundis errötete und besann sich: »Das
+Heu von der Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre
+Knechte gemäht, hat er nachts in seine Scheuer geschafft
+und giebt es nicht heraus.« – »Er wird es schon herausgeben,
+mein’ ich ....« sagte er ruhig, trinkend. – »Jawohl,«
+rief Athalwin lebhaft, »das mein’ ich auch. Und
+giebt er’s nicht – mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde
+an und ich zieh’ hinüber mit Wachis und den reisigen
+Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer
+so giftig an, der schwarze Schleicher.«
+</p>
+
+<p>
+Rauthgundis wies ihn zur Ruh’ und schickte ihn schlafen.
+»Wohl, ich gehe,« sagte er, »aber, Vater, wenn du
+wieder<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>kömmst, bringst du mir statt dieses Steckens da ein richtig
+Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus.
+</p>
+
+<p>
+»Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis,
+»er vererbt sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel
+Verdruß damit. Desto lieber wirst du thun, was ich dir
+vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.«
+</p>
+
+<p>
+Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!«
+sagte sie ungläubig. »Du hast das nie gewollt. In den
+neun Jahren, die ich dein bin, ist dir’s nie eingefallen,
+mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiß niemand
+in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja
+unsere Ehe geheim gehalten,« lächelte sie, »wie eine Schuld.«
+»Wie einen Schatz,« sagte Witichis, die Arme um sie
+schlingend. – »Ich habe dich nie gefragt, warum. Ich war
+und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird
+wohl seinen Grund haben.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr.
+Du magst nun alles wissen. Wenige Monate, nachdem
+ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und lieb gewonnen,
+kam König Theoderich auf den seltsamen Gedanken,
+mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des
+Thüringerkönigs, zu vermählen, die gegen ihre schlimmen
+Nachbarn, die Franken, Mannesschutz bedurfte.« – »Du
+solltest dort die Krone tragen?« sprach Rauthgundis mit
+strahlenden Augen. »Mir aber,« fuhr Witichis fort, »war
+Rauthgundis lieber als Königin und Krone, und ich
+sagte nein.
+</p>
+
+<p>
+Es verdroß ihn schwer und er verzieh mir nur, als
+ich ihm sagte, ich würde wohl niemals freien. Konnt’ ich
+doch damals nicht hoffen, dich je mein zu nennen: du
+weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich
+mir nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch
+mein geworden, da hielt ich’s nicht für wohlgethan, ihm
+<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>das Weib zu zeigen, um das ich seine Schwester ausgeschlagen.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun
+Jahre lang?«
+</p>
+
+<p>
+»Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend,
+»weil ich meine Rauthgundis kenne. Du hättest immer
+geglaubt, Wunder was ich an jener Krone verloren. Jetzt
+aber ist der König tot und ich bin dauernd an den Hof
+gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im
+Schatten dieser Säulen, im Frieden dieses Daches.«
+</p>
+
+<p>
+Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des
+Präfekten und welche Stellung er nunmehr einnahm bei
+Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn Rauthgundis an;
+dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis,
+daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben.
+Und du bist heiterer, denk’ ich, als sonst.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der
+Last der Zeit. Dabei stehen und sie wuchtig drücken sehen
+auf mein Volk war viel schwerer. Mich dauert dabei nur
+die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.«
+</p>
+
+<p>
+»Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der
+Männer. Mir fiele das nie ein.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha
+ist stolz.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin
+ich nicht. Sie muß nie einen Mann geliebt haben und
+seinen Wert und seine Art begriffen. Sie könnte sonst
+nicht die Männer ersetzen wollen.«
+</p>
+
+<p>
+»Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit
+an den Hof.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof
+paßt nicht für mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin
+des Ödbauern Kind und gar unhöfisch geartet. Sieh diesen
+<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>braunen Nacken,« lachte sie, »und diese rauhen <anchor id="corr184"/><corr sic="Hände">Hände.</corr>
+Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht
+taugt’ ich zu den feinen Römerinnen und wenig Ehre
+würdest du haben von mir.«
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den
+Hof?« – »Nein, Witichis, zu gut.« – »Nun, man müßte
+sich gegenseitig ertragen, würdigen lernen.« – »Das würd’
+ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, ich niemals
+sie. Ich würd’ ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß
+sie hohl, falsch und schlecht sind.«
+</p>
+
+<p>
+»So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?«
+– »Ja, lieber ihn entbehren, als in schiefer,
+schlimmer Stellung um ihn sein. O mein Witichis,« sagte
+sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur,
+wer ich bin und wie du mich gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den
+Saum der Alpen umgürten, hoch auf den Felsschroffen
+der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus den
+Steinklüften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht
+meines Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt’ ich da als die
+strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen Almen, des
+Winters in der rauchgeschwärzten Halle am Rocken mit
+den Mägden. Früh starb die Mutter und den Bruder
+haben die Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf,
+allein mit dem alten Vater, der so treu, aber auch so hart
+und verschlossen wie seine Felsen. Da sah ich nichts von
+der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag.
+Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein
+Saumroß mit Salz oder Wein unten in der Thalschlucht
+des Weges zog. Da saß ich wohl manchen schimmervollen
+Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und
+sah der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit
+drüben überm Licus: und ich dachte, was sie wohl alles
+<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>gesehen den langen Sommertag, seit sie aufstieg drüben
+überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen
+möchte, wie’s aussieht über dem Karwändel. Oder gar
+drüben, hinter dem Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog
+und nie mehr wiederkam. Und doch fühlte ich, wie schön
+es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich den
+Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst und wo ich
+prächtige Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der
+Ebene und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor
+meiner Stallthür heulen hörte und mit dem Kienbrand
+scheuchte.
+</p>
+
+<p>
+Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern
+hatte ich Muße, still in mich hineinzusinnen: wann um die
+hohen Tannen die weißen Nebelschleier spannen, wann der
+Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und
+die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen.
+So wuchs ich auf, fremd in der Welt jenseit der nächsten
+Wälder, nur zu Hause in der stillen Welt meiner Gedanken,
+und in dem engen Bauernleben.
+</p>
+
+<p>
+Da kamest du – ich weiß es noch wie heute« – und
+sie hielt an, in Erinnerung verloren.
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich
+führte eine Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach
+der Augustastadt am Licus – ich war vom Weg und
+meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen
+Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen
+überm Tannenhang und bald fand ich das versteckte
+Gehöft und trat ins Thor: da stand ein prächtig Mädchen
+am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« –
+</p>
+
+<p>
+»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in
+meinem Leben! – als der große, bräunliche Mann um
+die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden
+Helm.«
+</p>
+
+<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/>
+
+<p>
+»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich
+bat dich um einen Trunk Wasser. Und niemals hat mein
+Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich nun niederbeugtest
+und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer
+auf den Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem
+Kürbiskrug: reich fielen die dichten goldbraunen Zöpfe übers
+schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren
+pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du
+aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir
+geblieben seither alle Zeit.«
+</p>
+
+<p>
+»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend
+bleibe, führe mich nicht an den Hof. Sieh hier schon im
+Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs oft zu schwül
+und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft
+meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen
+Goldgemächern – da würd’ ich dir verkümmern und verschmachten.
+Laß du mich hier – ich will schon fertig
+werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich
+ja, du denkst doch auch im Königssaal nach Haus an Weib
+und Kind.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe
+denn hier und Gott behüte dich, mein gutes Weib.« –
+</p>
+
+<p>
+Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück,
+die Waldhöhe hinan. Der Abschied hatte ihn fast weich
+gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des Gefühls
+gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu
+zeigen scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem
+kern’gen Weib und seinem Knaben!
+</p>
+
+<p>
+Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus
+nicht hatte nehmen lassen, dem Herrn noch eine Strecke
+das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er zu ihm hinan.
+»Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst
+du’s nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt
+<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/>hat.« – »Nun, ich frage dich drum.« – »Ja, wenn man
+gefragt ist, muß man freilich reden. – Die Frau hat dir
+gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« –
+»Ja. Und was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber
+nicht gesagt, seit wann?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa
+einem halben Jahr. Da traf Calpurnius einmal die Frau
+im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie waren
+nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen
+Mittagsschlaf.«
+</p>
+
+<p>
+»Der Faulpelz warst du.«
+</p>
+
+<p>
+»Richtig erraten. Und da sagte <anchor id="corr187"/><corr sic="Culpurnius">Calpurnius</corr> etwas
+zur Frau.«
+</p>
+
+<p>
+»Was sagte er?«
+</p>
+
+<p>
+»Das hab’ ich nicht verstanden. Aber die Frau war
+nicht faul, hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, daß
+es patschte. Das hab’ ich verstanden. Und seither ist der
+Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt’ ich dir
+sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht
+ärgern wollen mit dem Wicht.
+</p>
+
+<p>
+Aber es ist doch besser du weißt darum. Und sieh,
+da steht Calpurnius gerade unter seiner Hofthür – siehst
+du, dort – und jetzt fahr’ wohl, lieber Herr.«
+</p>
+
+<p>
+Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp
+nach Hause.
+</p>
+
+<p>
+Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die
+Thür seines Nachbars, dieser wollte sich ins Haus drücken,
+aber Witichis rief ihn in einem Ton, daß er bleiben mußte.
+</p>
+
+<p>
+»Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er,
+blinzelnd zu ihm aufsehend.
+</p>
+
+<p>
+Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht
+neben jenen. Dann streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte
+Faust hart vor die Augen: »Nachbar Calpurnius,« sagte
+<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>er ruhig, »wenn <hi rend='gesperrt'>ich</hi> dir einmal ins Gesicht schlage, stehst
+du nie wieder auf.«
+</p>
+
+<p>
+Calpurnius fuhr erschrocken zurück.
+</p>
+
+<p>
+Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt
+stolz und langsam seines Weges.
+</p>
+</div><div n="6" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen
+Kissen des Lectus behaglich ausgestreckt, Cethegus der
+Präfekt.
+</p>
+
+<p>
+Er war guter Dinge.
+</p>
+
+<p>
+Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung
+geendet: nur im Fall augenblicklicher Durchforschung seines
+Hauses, wie sie der junge König angeordnet, aber sein
+Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten gewesen.
+Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt
+wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern,
+was seinen Einfluß in der Stadt noch hob. In der letzten
+Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben:
+alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an
+Zahl und Reichtum.
+</p>
+
+<p>
+Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu
+Ravenna auf den Italiern lastete, konnte die Zahl der
+Unzufriednen nur vermehren und, was die Hauptsache
+war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung
+in seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten
+Republikaner die Notwendigkeit an, bis zum
+Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen.
+</p>
+
+<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/>
+
+<p>
+So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren
+bei allen Italiern, daß Cethegus den Gedanken
+fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, ohne Hilfe
+der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich
+immer wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer
+abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den Gedanken, Italien
+allein zu befreien.
+</p>
+
+<p>
+So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem
+er geblättert, zur Seite, stützte das Haupt auf den linken
+Arm und sagte zu sich selbst: »die Götter müssen noch
+Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest,
+fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah,
+wenn es uns wohl geht, möchten wir uns mitteilen. Aber
+Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen und das
+Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man
+ein Mensch und möchte ...« –
+</p>
+
+<p>
+Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus,
+überreichte schweigend einen Brief auf flacher goldner Schale
+und ging. »Der Bote wartet,« sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben.
+</p>
+
+<p>
+Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der
+Tafeln zusammenhielt das Siegel – die Dioskuren –
+erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter Stunde!«
+löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und
+las – das kalte bleiche Antlitz überflogen von einem sonst
+völlig fremden Hauch freudiger Wärme.
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus dem Präfekten sein Julius Montanus.
+</p>
+
+<p>
+Wie lange ist’s, mein väterlicher Lehrer,« (– »beim
+Jupiter, das klingt frostig« –) »daß ich dir nicht den
+schuldigen Gruß gesendet. Das letzte Mal schrieb ich dir
+an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verödeten
+Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und
+nicht fand. Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter.
+<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen
+wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn
+der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts
+in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel,
+ich wußte nicht weshalb.
+</p>
+
+<p>
+Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten
+aller Wohlthäter – –« (»so unerträgliche Namen
+hat er mir nie gegeben,« schaltete Cethegus ein).
+</p>
+
+<p>
+»Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern
+wie ein König der Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen
+und Sklaven begleitet, durch ganz Asien und
+Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten –
+und mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt.
+Nicht Platons schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein
+des Pheidias, Homeros nicht und nicht Thukydides
+boten, was mir fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten
+Stadt hab’ ich gefunden, was ich unbewußt
+überall vermißt und immer gesucht.
+</p>
+
+<p>
+Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück,« (– er
+hat eine Geliebte! nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank
+euch, Eros und Anteros! –) »o, mein Lehrer, mein
+Vater! weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das
+dich ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?«
+(– »ah, Julius,« seufzte der Präfekt mit einem seltnen
+Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es wußte!« –)
+»Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O,
+wenn du’s je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller
+endlich: zum erstenmal hab’ ich einen Freund.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das?« rief Cethegus unwillig aufspringend
+mit einem Blick eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!«
+</p>
+
+<p>
+»Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter
+fehlte mir bis jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« –
+</p>
+
+<pb n='191'/><anchor id='Pg191'/>
+
+<p>
+Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch
+und machte einen hastgen Gang durchs Zimmer. »Thorheit!«
+sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las
+weiter –
+</p>
+
+<p>
+»Du, soviel älter, weiser, besser, größer als ich – du
+hast mir eine solche Wucht von Dank und Verehrung auf
+die junge Seele geladen, daß sie sich dir nie ohne Scheu
+öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie du
+solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest:
+ein scharfer Zug um deinen stolzen festgeschlossenen
+Mund hat solche Gefühle in mir in deiner Nähe stets getötet
+wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (– »nun, aufrichtig
+ist er!« –) »Jetzt aber hab’ ich einen Freund
+gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich und nie
+gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur Eine
+Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen
+Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen
+Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte.
+– Aber ich muß ein Ende finden dieses Briefs. Er ist
+ein Gote« (– »auch noch,« sagte Cethegus ungehalten,)
+»und heißt Totila.« –
+</p>
+
+<p>
+Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick
+sinken, er sagte nichts, nur die Augen schloß er einen
+Moment, dann las er ruhig nochmal:
+</p>
+
+<p>
+»Und heißt Totila!
+</p>
+
+<p>
+Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis
+durch das Forum des Neptunus schlenderte und an der
+Bogenwölbung eines Hauses die Statuen bewunderte, die
+ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt urplötzlich
+aus der Thür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit
+einer wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt,
+in der Hand ein spitzes Gerät: er packte mich an der Schulter
+und schrie: »Pollux, mein Pollux, hab’ ich dich endlich!«
+</p>
+
+<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/>
+
+<p>
+Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: »Du irrst,
+guter Mann: ich heiße Julius und komme von Athen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« schrie der Alte, »Pollux heißt du und kömmst
+vom Olymp.« Und eh’ ich wußte, wie mir geschah, hatte
+er mich zur Thür hineingedreht. Da erkannte ich denn
+allmählich, woran ich mit dem Alten war: er war der
+Bildhauer, der die Statuen ausgestellt.
+</p>
+
+<p>
+In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher
+und er erklärte mir, seit Jahren trage er sich mit der
+Idee einer Dioskurengruppe. Für den Kastor habe er vor
+kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden.
+»Aber umsonst erflehte ich« – fuhr er fort – »all diese
+Tage vom Himmel einen Gedanken für meinen Pollux.
+Er soll dem Kastor gleichen, ein Bruder Helenas, ein
+Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und
+Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit
+so deutlich sein wie die Gleichheit: sie müssen zusammengehören
+und doch jeder ganz eigenartig sein. Umsonst lief
+ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den
+Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber
+hat dich mir ans eigne Fenster geführt: wie ein Blitz
+schlug’s in mich ein, da steht mein Pollux, wie er sein
+muß: und nicht lebendig laß ich dich aus dieser Halle,
+bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.«
+</p>
+
+<p>
+Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages
+wieder zu kommen. Und das erfüllt ich um so lieber als
+ich erfuhr, daß mein gewaltthätiger Freund Xenarchos sei,
+der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit
+lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und
+fand meinen Kastor – es war Totila: – und ich kann
+nicht leugnen, daß mich die große Ähnlichkeit selbst überraschte,
+wenn auch Totila älter, höher, kräftiger und unvergleichlich
+schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien
+<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an
+Haar und Haut: und gerade so, schwört der Meister, haben
+sich die beiden Dioskuren geglichen und nicht geglichen.
+So lernten wir uns denn unter den Götterbildern Xenarchs
+kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und
+Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft
+uns das heitre Volk von Neapolis bei diesem Namen,
+wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die Straßen gehn.
+</p>
+
+<p>
+Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders
+rasch gereift durch eine drohende Gefahr, die sie leicht in
+der Blüte geknickt hätte.
+</p>
+
+<p>
+Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur
+Porta Nolana hinaus gewandelt, in den Bädern des
+Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suchen. Nach
+dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit
+– du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel
+umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln
+aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, meine
+Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich
+plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten
+Dunkel der Nacht nach der Stadt zurück.
+</p>
+
+<p>
+Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein
+Mann auf mich her und ich fühle kaltes Eisen an meinem
+Halse.
+</p>
+
+<p>
+Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen
+Füßen, Totila’s Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet
+beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und
+fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum Morde
+gegen mich treiben können.
+</p>
+
+<p>
+Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: »Nicht
+dich: – Totila, den Goten« – und er zuckte und war
+tot. Man sah’s an Tracht und Waffen – es war ein
+isaurischer Söldner.«
+</p>
+
+<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/>
+
+<p>
+Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand
+vor die Stirn. »Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin
+konntest du führen!«
+</p>
+
+<p>
+Und er las zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+»Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu
+Ravenna. Wir zeigten den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen
+zu Neapolis, an. Dieser ließ die Leiche durchsuchen
+und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns
+beiden aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft
+befestigt und mit Blut geweiht für alle Zeit. Ernster und
+heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren,
+das du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich
+Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich
+mich frage, wem dank’ ich all dies Glück? Dir, dir allein,
+der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all’
+mein Glück gefunden. So mögen dir es alle Götter und
+Göttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief redet
+nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald
+wie es um dich steht. Vale.«
+</p>
+
+<p>
+Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen
+Mund.
+</p>
+
+<p>
+Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit
+Mühe gehaltenen Schritten. Endlich blieb er stehen, das
+Kinn in die linke Hand stützend. – »Wie kann ich nur so
+– jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr
+natürlich, wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius.
+Warte: ich will dir ein Rezept schreiben.« Und mit einem
+Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, setzte er sich
+auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der
+Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit
+der roten Tinte, aus einem Löwenkopf von Achat, der an
+dem Lectus angeschraubt war:
+</p>
+
+<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/>
+ <p rend="text-align: center">»An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt
+ <lb/>von Rom.</p>
+ <p>
+Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel
+Spaß gemacht. Sie zeigt, daß du in der letzten Kinderkrankheit
+steckst. Hast du sie abgethan, wirst du ein Mann sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste
+Mittel. Du suchst sogleich den Purpurhändler Valerius
+Procillus, meinen ältesten Gastfreund in Neapolis, auf.
+Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger
+Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder
+getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein
+vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist
+die schönste Römerin unserer Zeit und eine echte Tochter der
+alten, der heidnischen Welt. Antigone oder Virginia würden
+sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei Jahre jünger und
+folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir
+der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus
+für dich wirbt. Du aber wirst dich beim ersten Anblick
+sterblich in sie verlieben.
+</p>
+
+<p>
+Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich
+du weißt, daß ich es wünsche. In ihren Armen
+wirst du alle Freunde der Welt vergessen: geht die Sonne
+auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein
+Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich
+habe einmal einen gewissen Julius gekannt, der geschworen:
+Rom über alles. Vale.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte
+ihn mit den Bändern von rotem Bast, befestigte diese an
+der Schleife mit Wachs und drückte seinen Amethystring
+mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte
+er einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden
+silbernen Adler: – draußen an der Wand des Vestibulums
+<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines
+niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave trat wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+»Laß den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm
+Speise und Wein, einen Goldsolidus und diesen Brief.
+Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach
+Neapolis.« – –
+</p>
+</div><div n="7" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebentes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten
+in einem Kreise, der sehr wenig zu seinem hohen
+Trachten, ja zu seinem Alter zu passen schien.
+</p>
+
+<p>
+In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und
+Christentum, das in den ersten Jahrhunderten nach der
+Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten der
+Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders
+die friedliche Mischung von Festen der alten und der
+neuen Religion eine auffallende Rolle. Neben den großen
+Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch noch
+größtenteils die fröhlichen Feste der alten Götter fort, wenn
+auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres religiösen
+Kernes beraubt.
+</p>
+
+<p>
+Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und
+Juno nehmen und die Kultushandlungen und die Opfer,
+aber nicht die Spiele, die Feste, die Tänze und Schmäuse,
+die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die
+Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht
+ändern konnte.
+</p>
+
+<p>
+So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien,
+mit welchen sich derber Aberglaube und wüster Unfug aller
+<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/>Art verband, erst im Jahre vierhundertsechsundneunzig –
+und nur mit Mühe – abgeschafft.
+</p>
+
+<p>
+Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste
+wie die Floralien, die Palilien und zum Teil haben sich
+ja manche von ihnen in den Städten und Dörfern Italiens
+mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten.
+So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die,
+früher auf der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders
+der fröhlichen Jugend, mit lauten Spielen und Tänzen gefeiert,
+auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus
+und Gelage begangen wurden.
+</p>
+
+<p>
+Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr
+Kreis von jungen Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag
+der Floralien zu einem Symposion zusammen bestellt,
+für welches jeder der Gäste, wie bei unsern »Picknicks,«
+seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern
+hatte. Die Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen
+Kallistratos, einem liebenswürdigen und reichen Griechen
+aus Korinth, der sich im Genuß künstlerischer Muße zu
+Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des Sallust
+ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt
+heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt.
+Außer dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich
+die Künstler und Gelehrten: und dann auch jene Schichten
+der römischen Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen
+und Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat
+übrig blieb und die daher bis jetzt dem Einfluß des Präfekten
+unzugänglich gewesen waren.
+</p>
+
+<p>
+Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der
+junge Lucius Licinius, jetzt sein glühendster Anhänger, die
+Einladung des Korinthers überbrachte. »Ich weiß wohl,«
+sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht ebenbürtige
+Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten
+<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>Kyprier und Falerner locken, die Kallistratos spenden wird,
+lehnst du ab.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cethegus »und
+mich locken nicht die alten Kyprier, sondern die jungen
+Römer.« –
+</p>
+
+<p>
+Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau
+trug, hatte sein Haus mitten in Rom in griechischem Stil
+gebaut. Und zwar nicht in dem des damaligen, sondern
+des freien, des perikleischen Griechenlands und dies machte
+im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage
+den Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang
+gelangte man in das Peristyl, den offenen von Säulengängen
+umschlossenen Hof, dessen Mittelpunkt ein plätschernder
+Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete. Die
+nach Norden offne Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen
+auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt
+hielt. Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon
+zu der »Coena«, dem eigentlichen Schmause, sondern erst
+zu der »Commissatio,« dem darauf folgenden nächtlichen
+Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
+Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die
+zierlichen Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden
+brannten und die Gäste, mit Rosen und Eppich bekränzt,
+auf den Polstern des hufeisenförmigen Trikliniums lagerten.
+Eine betäubende Mischung von Weinduft und Blumenduft,
+von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Salve, Cethege!« rief der Wirt dem Eintretenden
+entgegen. »Du findest nur kleine Gesellschaft.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem
+herrlich gewachsenen jungen Mauren, dessen schlanke Glieder
+durch den Scharlachflor seiner leichten Tunika mehr gezeigt
+als verhüllt wurden, ihm die Sandalen abzubinden. Er
+<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>zählte indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er,
+»nicht über die Musen.«
+</p>
+
+<p>
+»Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos,
+»und nimm deinen Platz da oben auf dem Ehrensitz der
+mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus zum Symposiarchen,
+zum Festkönig gewählt.«
+</p>
+
+<p>
+Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu
+bezaubern. Er wußte, wie gut er das konnte: und er
+wollte es heute. Er wählte einen Rosenkranz und ergriff
+das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer Sklave
+knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rückend schwang
+er mit Würde den Stab: »So mach’ ich eurer Freiheit
+ein Ende!«
+</p>
+
+<p>
+»Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im
+Scherz, halb im Ernst. – »Aber ich will ein sanfter
+Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein Drittel Wasser – zwei
+Drittel Wein.« – »Oho,« rief Lucius Licinius und trank
+ihm zu, »<hi rend='antiqua'>bene te</hi>! Du führst üppig Regiment. Gleiche
+Mischung ist sonst unser Höchstes.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, Freund,« lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz
+der mittleren Kline, dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich
+habe meine Trinkstudien unter den Ägyptern gemacht, die
+trinken nur lautern. He, Mundschenk – wie heißt er?«
+</p>
+
+<p>
+»Ganymedes – er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs,
+eh?« – »Also, Ganymed, gehorche deinem Jupiter und stelle
+neben jeden eine Patera Mamertiner Wein – doch neben
+Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen
+Leute lachten.
+</p>
+
+<p>
+Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch
+sehr jung und schon sehr dick.
+</p>
+
+<p>
+»Pah,« lachte der Trinker, »Epheu ums Haupt und
+Amethyst am Finger – so trotz ich den Mächten des
+Bacchus.« – »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte Cethegus,
+<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm
+einen zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken,
+schlang.
+</p>
+
+<p>
+»Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte.
+Da, versuch!« so sprach Piso, der schelmische Poet, dessen
+Epigramme und Anakreontika die Buchhändler nicht rasch
+genug konnten abschreiben lassen und dessen Finanzen sich
+doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte
+dem Präfekten was wir einen »Vexierbecher« nennen würden,
+einen bronzenen Schlangenkopf, der, unvorsichtig an
+den Mund gebracht, einen Strahl Weines heftig in die
+Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam
+trank er und gab den Becher zurück. »Deine <hi rend='gesperrt'>trocknen</hi>
+Witze sind mir lieber, Piso,« lachte er und haschte ihm
+aus der Brustfalte ein beschriebenes Täfelchen.
+</p>
+
+<p>
+»O gieb,« sagte Piso, »es sind keine Verse – sondern
+– ganz im Gegenteil! – eine Zusammenstellung meiner
+Schulden für Wein und Pferde.« – »Je nun,« meinte
+Cethegus, »ich hab’ sie an mich genommen – sie sind also
+mein. Du magst morgen die Quittung bei mir einlösen:
+aber nicht umsonst – mit einem deiner boshaftesten Epigramme
+auf meinen frommen Freund Silverius!« – »O
+Cethegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie
+boshaft kann man sein für vierzigtausend Solidi! Wehe
+dem heiligen Mann Gottes.«
+</p>
+</div><div n="8" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achtes Kapitel.</head>
+
+<p>
+»Und im Schmause – wie weit seid ihr damit?«
+fragte Cethegus, »schon bei den Äpfeln? sind es diese?«
+</p>
+
+<p>
+Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkörben von
+<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>Palmenbast, die hoch aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit
+elfenbeinernen Füßen prangten. »Ha Triumph!« lachte
+Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich
+mit der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da
+siehst du meine Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt
+meine Wachsäpfel, die ich dir gestern geschenkt, für echt.«
+»Ah wirklich?« rief Cethegus wie erstaunt, obwohl er den
+Wachsgeruch längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht
+die Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen
+in meinem kyzikenischen Saal aufstellen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen
+schicke ich dir meine neuen persischen Äpfel: – denn du
+würdigst die Kunst.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt,
+den linken Arm auf das Polster der Kline stützend.
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da
+ich auf unsern Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte,
+hab’ ich noch einen kleinen Nachschmaus zu den Bechern
+gerüstet.« – »O du Frevler,« rief Balbus, sich mit der
+zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend,
+»und ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen
+gegessen!« – »Das ist wider die Verabredung!« rief
+Marcus Licinius. – »Das verdirbt meine Sitten!« sagte
+der fröhliche Piso ernsthaft. – »Sprich, ist das hellenische
+Einfachheit?« fragte Lucius Licinius. – »Ruhig, Freunde,«
+tröstete Cethegus mit einem Citat: »Auch unverhofftes Unheil
+trägt ein Römer stark.«
+</p>
+
+<p>
+»Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen
+richten,« entschuldigte Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt
+mir nicht wieder, böte ich euch marathonische Kost.« –
+»Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,« rief
+Cethegus, »du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich
+werde dann die Weine bestimmen, die dazu gehören.«
+</p>
+
+<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/>
+
+<p>
+Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis
+an die Knie aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer
+Leinwand, trat dicht neben Cethegus an den Tisch von
+Cypressenholz und las von einem Täfelchen ab, das er an
+goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus
+Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.« – »Dazu
+Falerner von Fundi,« sprach Cethegus ohne Besinnen.
+»Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen? Rechter
+Trunk mundet nur aus rechter Schale.«
+</p>
+
+<p>
+»Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des
+Hausherrn fiel der Vorhang zurück, der die eine Ecke des
+Zimmers, den Gästen gegenüber, verhüllt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
+</p>
+
+<p>
+Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre
+und der Geschmack ihrer Anordnung war selbst
+diesen verwöhnten Augen überraschend. Auf der Marmorplatte
+des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen
+mit goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein
+Beutewagen, wie sie in römischen Triumphen aufgeführt
+zu werden pflegten: und als köstliche Beute lagen darin
+Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in
+scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand,
+gehäuft.
+</p>
+
+<p>
+»Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der
+erste römische Triumph seit zweihundert Jahren. Ein
+seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« – »Du bist
+der Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius
+feurig. – »Meinst du? Versuchen wir’s! – Also zum
+Falerner die Kelche dort von Terebinthenholz.«
+</p>
+
+<p>
+»Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!«
+fuhr der Lydier fort. »Dazu den roten Massiker von
+Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.«
+</p>
+
+<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/>
+
+<p>
+»Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen –«
+</p>
+
+<p>
+»Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das
+sind ja die Qualen des Tantalus. Mir ist ganz gleich,
+aus was ich trinke, aus Terebinthen oder Amethyst –
+aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen
+halt’ ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem
+Tyrannen, er sterbe, wenn er uns hungern läßt.« – »Mir
+ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue Volk von
+Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf,
+ihr Sklaven.« Da tönten Flöten aus dem Vorgemach
+und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven, <anchor id="corr203"/><corr sic="Eupheu">Epheu</corr>
+um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und
+weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische
+Handtücher von feinstem sidonischem Linnen mit weichen
+Purpurfransen.
+</p>
+
+<p>
+»Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich
+mit schönen Sklaven und Sklavinnen handelte
+und in dem zweideutigen Ruhme stand, der feinste Kenner
+solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein schönes
+Haar« – und er fuhr dem eben neben ihm knieenden
+Ganymed durch die Locken. »Aber, Kallistratos, jene Flöten
+sind hoffentlich weiblichen Geschlechts – auf mit dem
+Vorhang – laß die Mädchen ein.«
+</p>
+
+<p>
+»Noch nicht,« befahl Cethegus. »Erst trinken, dann
+küssen. Ohne Bacchus und Ceres, du weißt –«
+</p>
+
+<p>
+»Friert Venus, nicht Massurius.«
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von
+Lyra und Kithara und ein trat ein Zug von acht Jünglingen
+in goldgrün schillernden Seidengewändern, vorauf
+der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern
+trugen Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt
+an den Gästen vorüber und machten vor dem Anrichttisch
+<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>von Citrus Halt. Während sie hier beschäftigt waren,
+erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und Cymbeln,
+die großen Doppelthüren drehten sich um ihre erzschimmernden
+Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in
+der schönen Tracht korinthischer Epheben strömte herein.
+Die einen reichten Brot in zierlich durchbrochenen Bronzekörben:
+andre verscheuchten die Mücken mit breiten Fächern
+von Straußenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl
+in die Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvoller
+Bewegung, indes etliche mit zierlichen Besen von
+ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen
+fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen,
+die jetzt schon eifrig kreisten.
+</p>
+
+<p>
+Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs
+und Cethegus, der, wie überlegen nüchtern er blieb,
+völlig im Moment versunken schien, bezauberte durch seine
+Jugendlichkeit die Jünglinge.
+</p>
+
+<p>
+»Wie ist’s,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln
+zwischen den Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.«
+– »Nun, Massurius,« meinte Cethegus mit
+einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler, »willst du
+wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du
+wetten gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!« winkte
+er dem Mauren.
+</p>
+
+<p>
+»Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius
+in komischem Schreck. »Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten
+– er hat das Glück seines Ahnherrn Julius Cäsar
+geerbt.«
+</p>
+
+<p>
+»<hi rend='antiqua'>Omen accipio!</hi>« lachte Cethegus, »das nehm’ ich an,
+mitsamt dem Dolch des Brutus.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich sag’ euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er
+eine ungewinnbare Wette gegen mich gewonnen an diesem
+braunen Dämon –« Und er wollte dem Sklaven eine
+<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit
+den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem
+Behagen.
+</p>
+
+<p>
+»Gut, Syphax,« lobte Cethegus, »Rosen aus den
+Dornen der Feinde! Du kannst ein Gaukler werden, sobald
+ich dich freilasse.«
+</p>
+
+<p>
+»Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein
+und dein Leben retten wie du seins.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das – dein Leben?« fragte Lucius Licinius
+mit erschrockenem Blick. – »Hast du ihn begnadigt?« sagte
+Marcus.
+</p>
+
+<p>
+»Mehr, ich hab’ ihn losgekauft.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius.
+</p>
+
+<p>
+»Du weißt, ich hab’ ihm dein verwettet Geld sofort
+als Peculium geschenkt.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein
+Stoff für meine Epigramme,« fragte Piso.
+</p>
+
+<p>
+»Laßt den Mauren selbst erzählen – sprich, Syphax,
+du darfst.«
+</p>
+</div><div n="9" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neuntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den
+Tischen gebildete Hufeisen, den Rücken zur Thüre gewandt:
+sein funkelndes Auge überflog rasch die Versammlung und
+haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle bewunderten
+die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder,
+deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz
+von Scharlach verhüllte.
+</p>
+
+<p>
+»Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich
+bin daheim im Lieblingsland der Sonne; wo hundert
+<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>Palmen die immer grüne Oase beschatten, außer uns nur
+dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther. Aber in
+einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser
+altes Versteck. Vandalische Reiter waren’s und keine
+Rettung. Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte
+durch die Cedernwipfel hinan, kreischend flohen Weiber und
+Kinder. Da traf mich ein sausender Speer.
+</p>
+
+<p>
+Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs,
+das uns gekauft, mich und viele Männer und
+Weiber meines Stammes: ich hatte nichts gerettet als
+meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im
+Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte
+mich einer, dessen Namen verflucht sei.«
+</p>
+
+<p>
+»’s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+»Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt,
+er soll verdursten im heißen Sand,« knirschte der Maure
+mit aufloderndem Haß. »Er schlug mich oft um nichts
+und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu meinem
+Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut
+ertrug.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug
+in Gestalt einer Schlange. Da trat er eines Morgens an
+mein Lager und fand sie um meinen Hals geringelt. Er
+erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht tödlich, aber
+seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte:
+»Töte den Wurm!« Umsonst flehte ich und wand mich
+auf den Knieen vor ihm. Er schlug mich und schlug nach
+dem Gott: und als ich den deckte mit meinem Leibe, schrie
+er noch wilder: »Töte das Tier.« Wie konnt’ ich gehorchen!
+Da rief er seine Sklaven und befahl: »Nehmt
+ihm die Bestie und kocht sie lebendig. Er soll seinen
+Gott fressen!« Ich erschrak zum Tode über diesen Frevel.
+Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange.
+<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/>Aber der Gott gab mir die Kraft der Wut, die da gleich
+ist der Kraft des pfeilwunden Tigers, und ich sprang unter
+sie mit gellendem Schrei.
+</p>
+
+<p>
+Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und
+gewann die Thüre des Hauses und sprang hinaus ins
+Freie und dreißig Sklaven hinter mir drein. Da galt es
+das Leben.«
+</p>
+
+<p>
+Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den
+Becher ab, den er eben zu Munde führte.
+</p>
+
+<p>
+»Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern
+und ich, die windschnelle Antilope müde gejagt. Und die
+Sklaven waren langsam und schwer.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich
+nicht. So war es ein ungleich Spiel. Die Verfolger
+teilten sich in Scharen von drei, vier Mann und gewannen
+mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab.
+</p>
+
+<p>
+Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede
+einen schweren Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht’
+ich ihn, die Verfolger zu scheuchen, zu treffen, die mir
+plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich fühlte aber, lange
+konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie
+langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen.
+</p>
+
+<p>
+Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken
+an die Brust drückte, Ihn,« – und sein schönes Auge
+funkelte, – »meinen Herrn, den gewaltigen, der mächtig
+ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant,
+der da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre
+und herrlich wie –«
+</p>
+
+<p>
+»Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden.
+Ich kam gerade von den Schanzwerken am aurelischen
+Thor, dem Grabmal Hadrians.«
+</p>
+
+<p>
+»Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach
+Kallistratos.
+</p>
+
+<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/>
+
+<p>
+»Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans:
+da stand eine gaffende, schreiende Menge und sah
+der Menschenjagd neugierig zu: wie ein Pfeil schoß der
+Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger
+weit hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von
+links fünf, von rechts sieben der Sklaven des Calpurnius
+auf das Forum ein, bereit, ihn aufzufangen, sowie er auf
+dem Platz ankam. »Der ist verloren!« sagte neben mir
+eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem
+Bade des Augustus trat.
+</p>
+
+<p>
+»Wem gehört er?« fragte ich. »Calpurnius ist unser
+Herr,« antwortete der Sklave neben mir. »Dann wehe
+ihm,« sprach Massurius zu mir: »er hängt seine Strafsklaven
+bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher
+und läßt sie lebendig auffressen von seinen Muränen und
+Hechten.« – »Ja,« sagte der Sklave, »Syphax hat ihn
+niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: »zu den
+Muränen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.«
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt
+gleich heran war. »Der ist zu gut für die Fische,« sagte
+ich, »welch’ herrlicher Wuchs! Und sieh, er kömmt durch,
+ich <anchor id="corr208"/><corr sic="wette.">wette.«</corr>
+</p>
+
+<p>
+Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der
+Sklaven, die sich ihm an der Mündung der Via julia entgegenwarf,
+durchbrochen und flog jetzt auf uns zu.«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch:
+sieh’, dort die Lanzen,« sprach Massurius. – »Gerade vor
+uns standen fünf Sklaven mit Lanzen und Wurfspeeren.
+»Es gilt!« rief ich, tausend Solidi.
+</p>
+
+<p>
+Da war er heran.
+</p>
+
+<p>
+Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther
+duckte der Flinke unter ihnen weg und, plötzlich aufschnellend,
+sprang er in hohem Satz über die Lanzen der beiden
+<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er
+blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom
+Forum julium heran das ganze Rudel. Verzweifelnd sah
+er um sich und wollte nach rechts in die Friedens-Tempel-Straße,
+die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurückgeführt
+hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika von
+Sankt Laurentius offen stehen. »Dort hin!« rief ich ihm zu.«
+</p>
+
+<p>
+»In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief
+Syphax.
+</p>
+
+<p>
+»Er kennt, glaub’ ich, alle Sprachen,« meinte Marcus
+Licinius.
+</p>
+
+<p>
+»Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der
+Blitz war er die Stufen hinan, schon auf der letzten, da
+traf ihn ein Stein, daß er stürzte und sein nächster Verfolger
+war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal
+rang er sich aus seinem Griff, stieß ihn die Stufen hinab
+und sprang in die Thüre der Kirche.«
+</p>
+
+<p>
+»Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos.
+</p>
+
+<p>
+»Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von
+St. Laurentius, so eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren,
+so wenig haben sie Mitleid mit einem Heiden. Einen Tag
+lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er um der
+Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten
+sie ihm die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben,
+oder Calpurnius und die Muränen.
+</p>
+
+<p>
+Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte
+dem Zornigen seine Rache ab und das Leben dieses
+schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.«
+</p>
+
+<p>
+»Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure
+ist dir treu.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich glaube,« sagte Cethegus, »tritt zurück, Syphax.
+</p>
+
+<p>
+Da bringt der Koch sein Meisterstück, so scheint’s.«
+</p>
+
+</div><div n="10" type="kapitel">
+<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im
+Meerwasserweiher des Kallistratos mit Gänselebern gemästet.
+Der vielgepriesene »Rhombus« kam auf silberner Schüssel,
+ein goldenes Krönchen auf dem Kopf.
+</p>
+
+<p>
+»Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte
+Balbus zurücksinkend in die Polster, »der Fisch ist mehr
+wert als ich selber.« – »Still, Freund,« warnte Piso,
+»daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt,
+wo ein Fisch mehr wert als ein Rind.« Schallendes
+Gelächter und der laute Ruf <hi rend='antiqua'>Euge belle!</hi> übertönte den
+Zornruf des Halbberauschten.
+</p>
+
+<p>
+Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden.
+</p>
+
+<p>
+»Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker.
+Der edle Fisch will schwimmen in edlem Naß. Auf,
+Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage beigesteuert.
+Geh’ und laß die Amphora hereinbringen, welche die
+Sklaven draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen
+von gelbem Bernstein.«
+</p>
+
+<p>
+»Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte
+Kallistratos. – »Frag, aus welchem Weltteil? bei diesem
+vielgereisten Odysseus,« sagte Piso.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr müßt raten. Und wer es errät, wer diesen Wein
+schon gekostet hat, dem schenk’ ich eine Amphora, so hoch
+wie diese.«
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr210"/><corr sic="»Zwei">Zwei</corr> Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen,
+dunkeln Krug herein: von schwarzbraunem Porphyr und
+fremdartiger Gestalt, mit hieroglyphischen Zeichen geschmückt
+und wohl vergipst oben an der Mündung.
+</p>
+
+<p>
+»Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist
+ein schwarzer Gesell,« lachte Marcus.
+</p>
+
+<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/>
+
+<p>
+»Aber er hat eine weiße Seele – zeige sie, Syphax.«
+Der Nubier schlug mit dem Hammer von Ebenholz, den
+ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips herunter, hob
+mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde heraus,
+schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und
+füllte die Pokale. Ein starker berauschender Geruch entstieg
+der weißen, klebrigen Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender
+Miene.
+</p>
+
+<p>
+»Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. – »Aber
+stark wie flüssiges Feuer,« sagte Kallistratos.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, den kenn’ ich nicht!« sprach Lucius Licinius.
+</p>
+
+<p>
+»Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. – »Aber
+ich freue mich, ihn kennen zu lernen,« rief Piso und hielt
+Syphax die leere Schale hin.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast
+ganz stummen Gast zu seiner Rechten gewendet, »nun,
+Furius, großer Seefahrer, Abenteurer, Indiensucher, Weltumsegler,
+wird deine Weisheit auch zu Schanden?«
+</p>
+
+<p>
+Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein
+schöner athletischer Mann von einigen dreißig Jahren, von
+bronzener wettergebräunter Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden
+Augen, blendend weißen Zähnen und vollem
+Rundbart nach orientalischem Schnitt.
+</p>
+
+<p>
+Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch
+ein: »Doch, beim Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch
+gar nicht?« Cethegus maß die fesselnde Erscheinung mit
+scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von Rom,«
+sagte der Schweigsame. – »Nun, Cethegus, und dies ist
+mein vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der
+reichste Schiffsherr des Abendlands, tief wie die Nacht
+und heiß wie das Feuer: er hat fünfzig Häuser, Villen und
+Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika, zwanzig
+Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und –«
+</p>
+
+<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/>
+
+<p>
+»Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloß der
+Korse. »Präfekt, mir ist es leid um dich, aber die Amphora
+ist mein. Ich kenne den Wein.« – Und er nahm
+ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel.
+</p>
+
+<p>
+»Schwerlich,« lächelte Cethegus spöttisch.
+</p>
+
+<p>
+»Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.«
+Und ruhig schlürfte er das goldrötliche Ei.
+</p>
+
+<p>
+Erstaunt sah ihn Cethegus an. »Erraten,« sagte er
+dann. »Wo hast du ihn gekostet?« – »Notwendig da,
+wo du. Er fließt ja nur aus Einer Quelle,« lächelte der
+Korse. – »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel
+unter den Rosen!« rief Piso. – »Wo habt ihr beiden
+Marder dasselbe Nest gefunden?« fragte Kallistratos.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« rief Cethegus, »wisset es immerhin. Im alten
+Ägypten, im heilgen Memphis voraus, haben sich immer
+noch, dicht neben den christlichen Einsiedlern und Mönchen
+in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich
+Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und
+Osiris und besonders treu den süßen Dienst der Isis
+pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche, wo die Kirche
+das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen,
+in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem
+heilgen teuren Wahn. In einem Labyrinth unter den
+Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert
+Krüge geborgen des mächt’gen Weines, welcher dereinst die
+Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte.
+Die Kunde geht geheim gehalten von Geschlecht
+zu Geschlecht, immer nur Eine Priesterin kennt den Keller
+und bewahrt den Schlüssel.
+</p>
+
+<p>
+Ich küßte die Priesterin und sie führte mich ein: –
+sie war eine wilde Katze, aber ihr Wein war gut: – und
+sie gab mir zum Abschied fünf Krüge mit aufs Schiff.«
+</p>
+
+<p>
+»Soweit hab’ ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte
+<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>der Korse; »sie ließ mich trinken im Keller, aber als
+Andenken gab sie mir nur das mit« – und er entblößte
+den braunen Hals. – »Einen Dolchstich der Eifersucht,«
+lachte Cethegus. »Nun, mich freut, daß die Tochter nicht
+aus der Art schlägt. Zu meiner Zeit, das heißt, als mich
+die Mutter trinken ließ, lief die kleine Smerda noch im
+Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die
+süße Isis.« Und die beiden tranken sich zu.
+</p>
+
+<p>
+Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen,
+das jeder allein zu besitzen geglaubt.
+</p>
+
+<p>
+Doch die andern waren bezaubert von der Laune des
+eisigen Präfekten, der jugendlich wie ein Jüngling mit
+ihnen plauderte und jetzt, da das beliebteste Thema für
+junge Herren unter den Bechern angeregt war – Liebesabenteuer
+und Mädchengeschichten – unerschöpflich übersprudelte
+von Streichen und Schwänken, die er meistens
+selbst erlebt. Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen.
+Nur der Korse blieb stumm und kalt.
+</p>
+
+<p>
+»Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als
+gerade das Gelächter über eine solche Geschichte verhallt
+war, »sag an, du Mann buntscheckiger Erfahrung: –
+ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige
+Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von
+Hellas: – alle kennst du und weißt du zu schätzen, aber
+sprich, hast du je ein germanisch Weib geliebt?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie
+waren mir immer zu langweilig.«
+</p>
+
+<p>
+»Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich
+sage euch, ich habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn
+gehabt für ein germanisch Weib, die war nicht langweilig.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der
+Helena Landsmann, erglühst für ein Barbarenweib? O
+<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>arger Eros, Sinnenverwirrer, Männerbeschämer,« schalt
+der Präfekt.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, wenn du willst, war’s eine Sinnesverwirrung:
+– ich habe nie dergleichen erfahren.«
+</p>
+
+<p>
+»Erzähle, erzähle,« drängten die andern.
+</p>
+</div><div n="11" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Elftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend,
+»obwohl ich keine glänzende Rolle dabei spiele.
+</p>
+
+<p>
+Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten
+Stunde aus den Bädern des Abaskantos nach Hause.
+</p>
+
+<p>
+Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte,
+vier Sklaven dabei, ich glaube, gefangne Gepiden.
+Unmittelbar aber vor der Thüre meines Hauses stehen
+zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen.
+Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre
+war sehr reich und geschmackvoll gekleidet und das Wenige,
+was von Wuchs und Gestalt zu sehen, war göttlich.
+Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel, welch hochgewölbter
+Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide
+rasch in die Sänfte heben und fort waren sie. Ich aber
+– ihr wißt, es steckt des Bildhauers Blut in allen
+Hellenen – ich träumte des Nachts von dem feinen Knöchel
+und dem wogenden Schritt.
+</p>
+
+<p>
+Mittags drauf, da ich die Thüre öffne, aufs Forum
+zu gehn zu den Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe
+Sänfte rasch von dannen eilen.
+</p>
+
+<p>
+Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal
+hoffte ich eine Eroberung gemacht zu haben, – ich wünschte
+<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>es so sehr. Und ich zweifelte gar nicht mehr, als ich,
+um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder meine
+Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah
+und nach ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt’ ich den
+raschen Sklaven nicht, so trat ich in mein Haus, froher
+Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: »Herr, eine verhüllte
+Sklavin wartet dein in der Bibliothek.«
+</p>
+
+<p>
+Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig!
+es war die Sklavin, die ich gestern gesehen. Sie schlug
+den faltigen Mantel zurück: eine hübsche, verschlagne Maurin
+oder Karthagerin – ich kenne den Schlag – sah mich
+mit schlauen Augen an.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bitte um Botenlohn,« sagte sie, »Kallistratos, ich
+bringe dir gute Kunde.«
+</p>
+
+<p>
+Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange
+streicheln – denn wer die Herrin begehrt, der küsse die
+Sklavin – aber sie lachte und sprach: »Nein, nicht Eros,
+Hermes sendet mich.
+</p>
+
+<p>
+Meine Herrin« – hoch horchte ich auf – »meine
+Herrin ist – eine leidenschaftliche Freundin der Kunst.
+Sie bietet dir dreitausend Solidi für die Aresbüste, die
+in der Nische neben der Thüre deines Hauses <anchor id="corr215"/><corr sic="steht.«">steht.««</corr>
+</p>
+
+<p>
+Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend
+fort, »ich aber lachte damals nicht. Aus all meinen
+Träumen heruntergefallen, sprach ich verdrießlich: mir ist
+das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend, bot
+zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rücken und griff
+nach der Thür.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte die Schlange: »Ich weiß, Kallistratos von
+Korinth ist unwillig, weil er ein Abenteuer gehofft und
+fand ein Geldgeschäft.
+</p>
+
+<p>
+Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor
+<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/>Neugier, meine Herrin zu sehn.« Das war so richtig, daß
+ich nur lächeln konnte.
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« sprach sie, »du sollst sie sehn. Und dann
+erneuere ich mein letzt Gebot. Schlägst du’s dann dennoch
+aus, hast du immerhin den Vorteil, deine Neugier gestillt
+zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die
+Sänfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt.
+Fest entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen
+und die Kunstnärrin doch zu sehen, erwartete ich gierig die
+bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die Sänfte kam.
+Ich stand lauschend an meiner offnen Thür. Die Sklavin
+stieg heraus.
+</p>
+
+<p>
+»Komm,« rief sie mir zu, »du sollst sie sehn.«
+</p>
+
+<p>
+Bebend vor Aufregung trat ich heran, der <anchor id="corr216"/><corr sic="Pupurvorhang">Purpurvorhang</corr>
+der Sänfte fiel halb zurück und ich sah –«
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in
+der Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht,
+Freunde, von ungeahnter Schönheit. Kypris und Artemis
+in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich kann sie
+nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang
+zurück, hob den Ares aus der Nische, reichte ihn der
+Punierin, wies ihr Gold zurück und taumelte in meine
+Thür, betäubt, als hätt’ ich eine Waldnymphe gesehn.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch
+sonst kein Neuling in den Werken des Eros.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber,« fragte Cethegus, »woher weißt du, daß diese
+Zauberin eine Gotin war?«
+</p>
+
+<p>
+»Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und
+schwarze Augenbrauen.«
+</p>
+
+<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/>
+
+<p>
+»Alle guten Götter!« dachte Cethegus. Aber er schwieg
+und wartete.
+</p>
+
+<p>
+Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
+</p>
+
+<p>
+»Sie kennen sie nicht,« sagte Cethegus zu sich. – »Und
+wann war das?« fragte er den Wirt.
+</p>
+
+<p>
+»An den vorigen Calenden.«
+</p>
+
+<p>
+»Ganz richtig,« rechnete Cethegus; »da kam sie von
+Tarentum durch Rom nach Ravenna. Sie ruhte hier
+drei Tage.«
+</p>
+
+<p>
+»Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüßt
+für einen Blick. Schlechter Handel! diesmal waren Merkur
+und Venus im Bunde. Armer Kallistratos.«
+</p>
+
+<p>
+»Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel
+wert. Es war moderne Arbeit. Jon in Neapolis hat
+sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag euch, einen
+Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick.«
+</p>
+
+<p>
+»Ein Idealkopf?« fragte Cethegus, wie gleichgültig
+und hob den ehernen Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar
+bewundernd, auf.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, das Modell war ein Barbar – irgend ein
+Gotengraf – Watichis oder Witichas – wer kann sich
+die hyperboräischen Namen merken!« sagte Kallistratos
+seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut abziehend.
+</p>
+
+<p>
+Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von
+Bernstein.
+</p>
+
+</div><div n="12" type="kapitel">
+<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/>
+<head>Zwölftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,«
+rief Markus Licinius, »aber der Orcus verschlinge ihre
+Brüder!« Und er riß den welken Rosenkranz vom Haupt:
+– die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht
+– und ersetzte ihn durch einen frischen. »Nicht nur die
+Freiheit haben sie uns genommen: – sie schlagen uns
+bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem
+Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder
+die Thüre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.«
+</p>
+
+<p>
+»Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte
+achselzuckend und wie zum Trost nach seinem Isiswein
+langend. »Du kennst sie ja auch, Furius – ist es nicht
+Geschmacksverirrung?« – »Ich kenne deinen Nebenbuhler
+nicht,« sagte der Korse. »Aber es giebt schon Burschen
+unter diesen Goten, die einem Weib gefährlich werden
+mögen.
+</p>
+
+<p>
+»Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst
+entdeckt, das aber freilich noch ohne Spitze ist.« – »Erzähle
+nur,« mahnte Kallistratos, die Hände in das laue
+Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen Erzschüsseln
+herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.«
+</p>
+
+<p>
+»Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist
+der schönste der Goten.« – »Ah, Totila der junge,«
+unterbrach Piso und ließ sich den kameengeschmückten Becher
+mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren
+und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig
+Angesicht geschaut, abgesehen davon,« – und hier überflog
+des Korsen Züge ein Schatte ernsten Erinnerns und er
+stockte – »daß ich ihm sonst verbunden bin.«
+</p>
+
+<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/>
+
+<p>
+»Du bist, scheint’s, verliebt in den Blondkopf,« spottete
+Massurius, dem Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch
+voll picentinischen Zwiebacks zuwerfend, um es mit nach
+Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie allen,
+mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und
+gar oft hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten,
+wo ich landete.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der
+Barbaren,« sagte Lucius Licinius. – »Wie um ihre Reiterei,«
+stimmte Markus bei, »der schlanke Bursche ist der
+beste Reiter seines Volks.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten
+uns der Begegnung, aber vergebens drang ich in ihn, die
+fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu teilen.«
+</p>
+
+<p>
+»O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,«
+meinte Balbus, »du hast stets die feurigsten
+Weine.« – »Und die feurigsten Mädchen,« fügte Massurius
+bei.
+</p>
+
+<p>
+»Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor
+und war nicht zu gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte
+nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die Fleißigsten
+faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß
+ihm auf die Sprünge zu kommen und umschlich Abends
+sein Haus in der Via lata. Richtig: gleich den ersten
+Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend, und, zu
+meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angethan,
+einen Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla
+umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer durch
+die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem
+Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner,
+ein alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob
+seiner großen Treue die Hut des Thores anvertraut.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug
+<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/>leise in die Hand: da flog eine schmale Seitenthür von
+Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos auf und hinein
+schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.«
+</p>
+
+<p>
+»Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne
+den Juden und Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind!
+Die schönste Tochter Israels, die Perle des Morgenlands,
+ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug’ ist dunkelmeeresblau
+und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« –
+»Gut, Piso,« lächelte Cethegus – »dein Gedicht ist schön.« –
+»Nein,« rief dieser. »Miriam selbst ist die lebendige Poesie.«
+– »Stolz ist die Judendirne,« brummte Massurius dazwischen,
+»sie hat mich und mein Gold verschmäht mit
+einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.«
+– »Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der
+hochmüt’ge Gote, der einherschreitet, als trüg’ er alle Sterne
+des Himmels auf seinem Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.«
+</p>
+
+<p>
+»So dacht’ auch ich und ich beschloß, den Jungen bei
+nächster Gelegenheit schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack.
+Aber nichts da. Ein paar Tage darauf
+mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang
+auf, die Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta
+Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot: und als
+ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem
+Judenturm vorüberrassele, denk’ ich neidvoll an Totila und
+sage mir, der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am
+zweiten Meilensteine vor dem Thor begegnet mir, nach der
+Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über Brust und
+Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag
+also nicht in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht
+seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer weiß,
+wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt. Der Glücksvogel!
+Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all’ die
+<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis
+und in jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten
+Weiber.«
+</p>
+
+<p>
+»Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte
+Schale hebend, »dort leben ja die schönsten Weiber
+Italiens – Fluch über den Goten!« – »Nein,« schrie Massurius,
+von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und
+den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten,
+wie der Storch aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich,
+Hausherr, deine Mädchen kommen, wenn du deren bestellt
+hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen.«
+– »Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!«
+riefen die jungen Leute durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+»Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muß
+sie auf Blumen wandeln. Dies Glas bring’ ich dir,
+Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte
+Decke eine köstliche Krystallschale, daß sie klirrend zersprang.
+</p>
+
+<p>
+Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob
+sich das ganze Getäfel wie eine Fallthür empor und ein
+reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf die Häupter
+der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen
+von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten
+wie ein dichtes Schneegestöber in duftigen Flocken
+den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Häupter
+der Gäste.
+</p>
+
+<p>
+»Schöner,« rief Cethegus, »zog Venus nie auf Paphos
+ein.«
+</p>
+
+<p>
+Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim
+Klang von Lyra und Flöte dem Triklinium gerade gegenüber
+die Mittelwand des Gemachs: vier hochgeschürzte
+Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische Tracht,
+d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen cymbelnschlagend
+aus einem Gebüsch von blühendem Oleander.
+</p>
+
+<pb n='222'/><anchor id='Pg222'/>
+
+<p>
+Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer
+Fächermuschel, dessen goldne Räder von acht jungen Sklavinnen
+geschoben wurden, vier Flötenbläserinnen in Indischem
+Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten Mänteln
+– schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte,
+von Rosen übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite
+selbst, in Gestalt eines blühenden Mädchens von lockender,
+üppiger Schönheit, dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen
+nachgebildete Gürtel der Grazien war.
+</p>
+
+<p>
+»Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius
+und sprang unsichern Schrittes von der Kline herab
+unter die Gruppe.
+</p>
+
+<p>
+»Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz
+neue Würfel aus Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.«
+»Laßt sie den Festkönig verteilen,« schlug Marcus Licinius
+vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe,«
+rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, »und
+Musik, heda, Musik – –«
+</p>
+
+<p>
+»Musik,« befahl Kallistratos.
+</p>
+
+<p>
+Aber ehe noch die Cymbelschlägerinnen wieder anheben
+konnten, wurde die Eingangsthüre hastig aufgerissen und
+die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur Seite drängend,
+stürmte Scävola herein, er war leichenblaß.
+</p>
+
+<p>
+»Hier also, hier wirklich find’ ich dich, Cethegus? in
+diesem Augenblick!«
+</p>
+
+<p>
+»Was giebt’s?« sagte der Präfekt und nahm ruhig
+den Rosenkranz vom Haupt.
+</p>
+
+<p>
+»Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen
+Scylla und Charybdis. Die gotischen Herzoge Thulun,
+Ibba und Pitza –«
+</p>
+
+<p>
+»Nun?« fragte Lucius Licinius.
+</p>
+
+<p>
+»Sie sind ermordet!«
+</p>
+
+<pb n='223'/><anchor id='Pg223'/>
+
+<p>
+»Triumph!« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin
+fahren, die er umfaßt hielt.
+</p>
+
+<p>
+»Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die
+Nachricht nach Ravenna kam, beschuldigte alles Volk die
+Königin, sie stürmten den Palast: – doch Amalaswintha
+war entfloh’n.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohin?« fragte Cethegus, rasch aufspringend.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin? auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch
+und furchte die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+»Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen
+und einen König wählen.« – »Einen König?« sagte Cethegus.
+»Wohlan, ich rufe den Senat zusammen. Auch die
+Römer sollen wählen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola.
+</p>
+
+<p>
+Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius
+Licinius rief statt seiner: »Einen Diktator! fort, fort in
+den Senat.«
+</p>
+
+<p>
+»In den Senat!« wiederholte Cethegus majestätisch.
+»Syphax, meinen Mantel.«
+</p>
+
+<p>
+»Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der
+Maure. »Ich führ’ es immer mit, auf alle Fälle.«
+</p>
+
+<p>
+Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten,
+der, allein völlig nüchtern, ihnen voran aus dem
+Hause auf die Straße schritt.
+</p>
+</div><div n="13" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dreizehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu
+Byzanz stand kurze Zeit nach dem Fest der Floralien ein
+kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in sorgenschweres
+Sinnen versunken.
+</p>
+
+<pb n='224'/><anchor id='Pg224'/>
+
+<p>
+Es war still und einsam rings um ihn.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das
+Rundbogenfenster, das nach dem Hofraum des weitläufigen
+Gebäudes führte, mit schweren golddurchwirkten Teppichen
+dicht verhangen: gleich köstliche Stoffe deckten den Mosaikboden
+des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte
+des langsam auf und ab Wandelnden begleitete.
+</p>
+
+<p>
+Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Goldgrund der Wände prangte die lange
+Reihe der christlichen Imperatoren seit Constantius in
+kleinen weißen Büsten: gerade über dem Schreibdivan hing
+ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
+</p>
+
+<p>
+So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran
+vorbeikam, neigte er das Haupt vor demselben: denn in
+der Mitte des Goldes war, von Glas umschlossen, ein
+Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
+</p>
+
+<p>
+Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis
+romanus darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament
+eine der Wände bedeckte: nach langem, prüfendem Blick
+seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und
+Augen.
+</p>
+
+<p>
+Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht:
+aber vieles, Gutes und Böses, lag darin.
+</p>
+
+<p>
+Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem
+unruhigen Blick der tiefliegenden Augen: schwere Falten,
+der Sorge mehr als des Alters, furchten die vorspringende
+Stirn und die magern Wangen.
+</p>
+
+<p>
+»Wer den Ausgang wüßte!« seufzte er noch einmal, die
+knochigen Hände reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein
+Geist ist in meine Brust gefahren und mahnt und mahnt.
+</p>
+
+<p>
+Aber ist’s ein Engel des Herrn oder ein Dämon?
+Wer mir meinen Traum deutete! Vergieb, dreieiniger
+<pb n='225'/><anchor id='Pg225'/>Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du hast die Traumdeuter
+verflucht.
+</p>
+
+<p>
+Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte
+ihm deuten: und Jakob sah im Traum den Himmel offen
+und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? darf ich es
+wagen?«
+</p>
+
+<p>
+Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer
+weiß, wie lange noch, wäre nicht der Purpurvorhang des
+Eingangs leise gehoben worden.
+</p>
+
+<p>
+Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem
+kleinen Mann zur Erde mit auf der Brust gekreuzten
+Armen. »Imperator, die Patricier, die du beschieden.«
+</p>
+
+<p>
+»Geduld,« sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell
+von Gold und Elfenbein niederlassend, »rasch die
+Silberschuhe und die Chlamys.«
+</p>
+
+<p>
+Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken
+Sohlen und den hohen Absätzen an, welche die Gestalt um
+ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm den faltenreichen,
+mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes
+Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach
+einer Wiederholung der fußfälligen Niederwerfung, die in
+dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft
+worden war, ging der Velarius.
+</p>
+
+<p>
+Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm
+auf eine gebrochne Porphyrsäule aus dem Tempel von
+Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf nach seiner Größe
+zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem Eingang
+gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten
+das Gemach mit der gleichen Begrüßungsform wie jener
+Sklave: und doch waren sie die ersten Männer dieses
+Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten
+<pb n='226'/><anchor id='Pg226'/>Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge
+bewiesen.
+</p>
+
+<p>
+»Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne
+ihre demütige Begrüßung zu erwidern, »euren Rat zu hören
+– über Italien. Ich habe euch alle nötigen Kenntnisse
+über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der Regentin,
+die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage
+hattet ihr Zeit. Erst rede du, Magister Militum.«
+</p>
+
+<p>
+Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer
+stattlichen, ganz in eine reichvergoldete Rüstung gekleideten
+Heldengestalt. Die großen, offenen, hellbraunen Augen
+sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke gerade Nase,
+volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder
+Kraft, die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme
+hatten etwas herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des
+grimmen Rundbartes Milde und Gutherzigkeit.
+</p>
+
+<p>
+»Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender
+Stimme, »Belisars Rat ist immer: greifen wir die
+Barbaren <anchor id="corr226"/><corr sic="an.« »Soeben">an. Soeben</corr> hab’ ich auf dein Geheiß das
+Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit fünfzehntausend
+Mann. Gieb mir dreißigtausend und ich werde
+dir die Gotenkrone zu Füßen legen.«
+</p>
+
+<p>
+»Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir
+wohlgethan. – Was sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten,
+Tribonianus?«
+</p>
+
+<p>
+Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber
+nicht so breitschultrig und die Glieder nicht so sehr durch
+stete Übung entwickelt. Die hohe, ernste Stirn, das ruhige
+Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem mächtigen
+Geist. »Imperator,« sagte er gemessen, »ich warne
+dich vor diesem Krieg. Er ist ungerecht.«
+</p>
+
+<p>
+Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen,
+was zum römischen Reich gehört.«
+</p>
+
+<pb n='227'/><anchor id='Pg227'/>
+
+<p>
+»Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag
+das Abendland an Theoderich und seine Goten, wenn
+sie den Anmaßer Odovakar gestürzt.«
+</p>
+
+<p>
+»Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht
+König von Italien.«
+</p>
+
+<p>
+»Zugegeben. Aber nachdem er es geworden – wie
+er es werden mußte, ein Theoderich konnte nicht der Diener
+eines Kleinern sein – hat ihn Kaiser Anastasius, dein
+Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
+Königreich.«
+</p>
+
+<p>
+»Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich
+der Stärkere, nehm’ ich die Anerkennung zurück.«
+</p>
+
+<p>
+»Das eben nenn’ ich ungerecht.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und
+ein zäher Rechthaber. Du taugst trefflich, meine Pandekten
+zusammenzubauen. In Politik werd’ ich dich nie
+wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der
+Politik zu thun!«
+</p>
+
+<p>
+»Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.«
+</p>
+
+<p>
+»Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.«
+</p>
+
+<p>
+»Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann
+zweitens« – er hielt inne.
+</p>
+
+<p>
+»Nun, zweitens?«
+</p>
+
+<p>
+»Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« –
+</p>
+
+<p>
+Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser
+ruhig: »du bist sehr offen, Tribonianus.«
+</p>
+
+<p>
+»Immer, Justinianus.«
+</p>
+
+<p>
+Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun,
+was ist deine Meinung, Patricius?«
+</p>
+
+</div><div n="14" type="kapitel">
+<pb n='228'/><anchor id='Pg228'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Vierzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein
+kaltes Lächeln, das ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt
+und richtete sich auf.
+</p>
+
+<p>
+Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend
+kleiner als Justinian, weshalb dieser im Gespräch mit ihm
+den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen wäre, herabsenkte.
+Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem
+Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke und er
+hinkte etwas auf dem linken Fuß, weshalb er sich auf
+einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte.
+Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß
+es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des
+Widrigen fern hielt, dem fast häßlichen Gesicht die Weihe
+geistiger Größe verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung
+und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar
+einen fesselnden Reiz. »Imperator,« sagte er mit scharfer
+bestimmter Stimme, »ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.«
+</p>
+
+<p>
+Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen
+der Gerechtigkeit?« fragte er, fast höhnisch. – »Ich sagte:
+für jetzt.« – »Und warum?« – »Weil das Notwendige
+dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen
+hat, soll nicht in fremde Häuser einbrechen.« – »Was soll
+das heißen?« – »Das soll heißen: vom Westen, von den
+Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der
+dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird,
+kömmt vom Osten.«
+</p>
+
+<p>
+»Die Perser!« rief Justinian verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+»Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann
+fürchtet Narses, mein großer Nebenbuhler, die Perser?«
+</p>
+
+<p>
+»Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen
+<pb n='229'/><anchor id='Pg229'/>Gegner anzusehn, »weder die Perser, die er geschlagen hat,
+noch dich, den die Perser geschlagen haben. Aber er
+kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es
+andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das
+Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, und was soll das bedeuten?«
+</p>
+
+<p>
+»Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich,
+o Kaiser, für den Römernamen, den wir noch immer
+führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem Perserchan den
+Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.«
+</p>
+
+<p>
+Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie
+kannst du Geschenke, Hilfsgelder also deuten!«
+</p>
+
+<p>
+»Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur
+über den Zahltag, verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn,
+deine Dörfer. Hilfsgelder! und er besoldet damit Hunnen
+und Saracenen, deiner Grenzen gefährlichste Feinde.«
+</p>
+
+<p>
+Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer.
+»Was also rätst du?« fragte er, hart vor Narses stehen
+bleibend. »Nicht die Goten anzugreifen ohne Not, ohne
+Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle
+Kräfte deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen
+Tribute abzustellen, die schmählichen Verheerungen deiner
+Grenzen zu verhindern, die verbrannten Städte Antiochia,
+Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu
+gewinnen, die du im nahen Osten, – trotz Belisars tapfrem
+Schwert, – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen
+Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu
+schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht –
+und ich fürchte sehr, du kannst es nicht vollbringen! –
+dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.«
+</p>
+
+<p>
+Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir
+nicht erfreulich, Narses,« sagte er bitter.
+</p>
+
+<p>
+»Das weiß ich längst,« sprach dieser ruhig.
+</p>
+
+<pb n='230'/><anchor id='Pg230'/>
+
+<p>
+»Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre
+dich nicht, mein großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler!
+Gieb mir die dreißigtausend und ich wette meine rechte
+Hand, ich erobre dir Italien.«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was
+mehr ist, daß Belisar Italien nicht erobern wird, nicht mit
+dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht mit hunderttausend Mann.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« fragte Justinian, »und wer soll’s dann können
+und mit welcher Macht?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.«
+</p>
+
+<p>
+Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine
+Worte fand.
+</p>
+
+<p>
+»Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so
+hoch über deinen Gegner gestellt,« sprach der Jurist.
+</p>
+
+<p>
+»Und thu’s auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der
+Unterschied ist der: Belisarius ist ein großer Held, der
+bin ich nicht. Aber ich bin ein großer Feldherr – und
+siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur
+ein großer Feldherr überwinden.«
+</p>
+
+<p>
+Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe
+auf und preßte die Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf.
+Es war als wollte er dem Krüppel neben ihm
+den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar
+kein großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte
+er leise, »um seine Gesundheit. Er wäre ein großer
+Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held wäre. Er
+hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum
+verloren.«
+</p>
+
+<p>
+»Das kann man von dir nicht sagen, Narses,« warf
+Belisar bitter ein.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht
+verloren.«
+</p>
+
+<pb n='231'/><anchor id='Pg231'/>
+
+<p>
+Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten
+durch den Velarius, der, den Vorhang aufhebend, meldete:
+</p>
+
+<p>
+»Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr,
+ist seit einer Stunde gelandet und frägt –«
+</p>
+
+<p>
+»Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von
+seiner Kline aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten,
+von seiner Proskynesis sich zu erheben: »Nun
+Alexandros, du kömmst allein zurück?«
+</p>
+
+<p>
+Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte:
+»Allein.«
+</p>
+
+<p>
+»Es verlautete doch – dein letzter Bericht – wie verließest
+du das Gotenreich?«
+</p>
+
+<p>
+»In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem
+letzten Bericht, die Königin habe beschlossen, sich ihrer drei
+hochmütigsten Feinde zu entledigen. Sollte der Anschlag
+mißlingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und
+bat sich in diesem Fall aus, daß ich sie auf meinem Schiff
+nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?«
+</p>
+
+<p>
+»Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste
+unter ihnen, Herzog Thulun, sei nur verwundet. Dies
+bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der Stadt
+sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff
+zu flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem
+wir den Hafen verlassen, schon auf der Höhe von Ariminum,
+holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein, kam an
+Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren, indem
+er sich für ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung
+vor der Volksversammlung verbürgte. Da sie von
+ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog Thulun seinen Wunden
+erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und seine
+<pb n='232'/><anchor id='Pg232'/>mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da
+überdies Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit
+ihm umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie
+noch an Bord der Sophia diesen Brief an dich und sendet
+dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.«
+</p>
+
+<p>
+»Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt
+in Italien?«
+</p>
+
+<p>
+»Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte
+Gerücht von dem Aufstand der Goten in Ravenna, von
+der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze
+Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen
+Römern und Barbaren. In Rom selbst wollten die
+Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator wählen,
+deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen,
+nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur
+das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es verhindert.«
+</p>
+
+<p>
+»Der Präfekt von Rom?« fragte Justinian.
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen
+wollten die Goten überfallen, dich zum Kaiser
+Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator wählen.
+Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf
+die Brust setzen und sagte: nein.«
+</p>
+
+<p>
+»Ein mutiger Mann!« rief Belisar.
+</p>
+
+<p>
+»Ein gefährlicher Mann!« sagte Narses.
+</p>
+
+<p>
+»Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr
+Amalaswinthens und alles blieb beim alten. Der
+schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer Viehweide
+zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen.
+All’ das hab ich auf meiner absichtlich zögernden
+Küstenfahrt bis nach Brundusium erfahren. Aber noch
+Besseres hab’ ich zu melden. Nicht nur unter den Römern,
+unter den Goten selbst hab’ ich eifrige Freunde von Byzanz
+gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.«
+</p>
+
+<pb n='233'/><anchor id='Pg233'/>
+
+<p>
+»Das wäre!« rief Justinian. »Wen meinst du?«
+</p>
+
+<p>
+»In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad,
+Amalaswinthens Vetter.«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen,
+nicht wahr?«
+</p>
+
+<p>
+»Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein
+kluges, aber böses Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen
+aufs gründlichste die Regentin: er, weil sie seiner maßlosen
+Habsucht, mit der er all’ seiner Nachbarn Grundbesitz
+an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen,
+die ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die
+Mädchenzeit der beiden Fürstinnen zurück – genug, ihr
+Haß ist tödlich. Diese beiden nun haben mir zugesagt, dir
+in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen:
+ihr genügt es, scheint’s, die Todfeindin vom Thron zu
+stürzen: er freilich fordert reichen Lohn.«
+</p>
+
+<p>
+»Der soll ihm werden.«
+</p>
+
+<p>
+»Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb
+Tuscien besitzt – das Adelsgeschlecht der Wölsungen hat
+den andern Teil – und spielend in unsre Hände bringen
+kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr
+auf den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe
+von ihm und von Gothelindis. Aber lies vor allem das
+Schreiben der Regentin – ich glaube, es ist sehr wichtig.«
+</p>
+</div><div n="15" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfzehntes Kapitel."/>
+<head>Fünfzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel
+und las: »An Justinian, den Imperator der Römer,
+Amalaswintha, der Goten und Italier Königin!«
+</p>
+
+<pb n='234'/><anchor id='Pg234'/>
+
+<p>
+»Der Italier Königin,« lachte Justinian, »welch’ verrückter
+Titel!«
+</p>
+
+<p>
+»Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren,
+wie Eris und Ate in diesem Lande hausen. Ich
+gleiche der einsamen Palme, die von widerstreitenden
+Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich
+feindseliger, ich ihnen täglich fremder, die Römer aber,
+soviel ich mich ihnen nähere, werden mir nie vergessen,
+daß ich germanischen Stammes. Bis jetzt habe ich entschlossenen
+Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich kann
+es nicht länger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine
+fürstliche Person vor der Überraschung drängender Gewalt
+sicher ist. Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier
+im Lande unbedingt verlassen.
+</p>
+
+<p>
+So ruf ich dich, als meinen Bruder in der königlichen
+Würde, zu Hilfe. Es ist die Majestät aller Könige, die
+Ruhe Italiens, die es zu beschirmen gilt.
+</p>
+
+<p>
+Schicke mir, ich bitte dich, eine verlässige Schar, eine
+Leibwache« – der Kaiser warf einen bedeutsamen Blick
+auf Belisar – »eine Schar von einigen tausend Mann
+mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen
+den Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung für
+sich. Was Rom betrifft, so müssen jene Scharen mir vor
+allem den Präfekten Cethegus, der ebenso mächtig als
+zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich
+geführt, plötzlich verlassen hat, fern halten, nötigenfalls
+vernichten. Habe ich meine Feinde niedergeworfen und
+mein Reich befestigt, wie ich zum Himmel und der eignen
+Kraft vertraue, so werd’ ich dir Truppen und Führer mit
+reichen Geschenken und reicherem Dank zurücksenden. Vale.«
+</p>
+
+<p>
+Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner
+Faust: leuchtenden Auges sah er vor sich hin, seine nicht
+schönen Züge veredelten sich im Ausdruck hoher geistiger
+<pb n='235'/><anchor id='Pg235'/>Macht, und dieser Augenblick zeigte, daß in dem Manne
+neben vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke, Eine
+Größe lebte: die Größe eines diplomatischen Genies.
+</p>
+
+<p>
+»In diesem Brief,« rief er endlich strahlenden Blickes,
+»halt’ ich Italien und das Gotenreich.« Und in mächtiger
+Bewegung durchschritt er das Gemach mit großen Schritten,
+jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
+</p>
+
+<p>
+»Eine Leibwache – sie soll sie haben! – Aber nicht
+ein paar Tausend Mann, viele Tausende, mehr als ihr lieb
+sein wird, und du, Belisarius, sollst sie führen.«
+</p>
+
+<p>
+»Sieh auch die Geschenke,« mahnte Alexandros und
+wies auf einen köstlichen Schrein von Thuienholz mit Gold
+eingelegt, den der Velarius hinter ihm niedergestellt hatte.
+»Hier ist der Schlüssel.« Er überreichte ein kleines
+Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel
+geschlossen war.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist ihr Bild dabei,« sagte er, wie zufällig mit
+lauterer Stimme.
+</p>
+
+<p>
+In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme
+kräftiger erhoben, steckte sich, leise und unbemerkt von allen
+außer ihm, der Kopf eines Weibes durch den Vorhang
+und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den
+Kaiser. Dieser öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten
+bei Seite und griff hastig nach einem unscheinbaren
+Täfelchen von geglättetem Buchs mit einem schmalen Goldrahmen.
+Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich
+seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar:
+»Ein herrliches Weib, welche Majestät der Stirn! ja man
+sieht die geborene Herrscherin, die Königstochter!« und
+bewundernd sah er auf die edeln Züge.
+</p>
+
+<p>
+Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.
+</p>
+
+<p>
+Es war Theodora, die Kaiserin: ein verführerisches
+Weib. Alle Künste weiblichen Erfindungsgeistes in einer
+<pb n='236'/><anchor id='Pg236'/>Zeit des äußersten Luxus und alle Mittel eines Kaiserreichs
+wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an sich ausgezeichnete,
+aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh
+angegriffene Schönheit frisch und blendend zu erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen
+Glanz: es war am Nacken mit aller Sorgfalt gegen
+den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen Bau des Hinterkopfs,
+den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem
+Stimmi glänzend schwarz gefärbt: und so künstlich war
+das Rot der Lippen aufgetragen, daß selbst Justinian, der
+diese Lippen küßte, nie an eine Unterstützung der Natur
+durch phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den
+alabasterweißen Armen war sorgfältig ausgetilgt und das
+zarte Rosa der Fingernägel beschäftigte täglich eine besondere
+Sklavin lange Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Und doch hätte Theodora, damals noch nicht vierzig
+Jahre alt, auch ohne all’ diese Künste für ein ganz auffallend
+schönes Weib gelten müssen.
+</p>
+
+<p>
+Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein großer, ja
+kein stolzer Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich
+glänzenden Augen: um die Lippen schwebte ein
+zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle der
+ersten künftigen Falte ahnen ließ: und die Wangen zeigten
+in der Nähe der Augen Spuren müder Erschöpfung.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie sie jetzt, mit ihrem süßesten Lächeln, auf
+Justinian zuschwebte, das schwere Faltenkleid von dunkelgelber
+Seide zierlich mit der Linken aufhebend, übte die
+ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich dem
+süßen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von
+ihr duftete.
+</p>
+
+<p>
+»Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf
+ich seine Freude teilen?« fragte sie mit süßer,
+ein<pb n='237'/><anchor id='Pg237'/>schmeichelnder Stimme. Die Anwesenden warfen sich vor
+der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor
+Justinian.
+</p>
+
+<p>
+Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer
+Schuld ertappt, zusammen und wollte das Bild in der
+Busenfalte seiner Chlamys verbergen. Aber zu spät. Schon
+haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
+</p>
+
+<p>
+»Wir bewunderten,« sagte er verlegen, »die – die
+schöne Goldarbeit des Rahmens.« Und er reichte ihr
+errötend das Bild.
+</p>
+
+<p>
+»Nun, an dem Rahmen,« lächelte Theodora, »ist beim
+besten Willen nicht viel zu bewundern. Aber das Bild
+ist nicht übel. Gewiß die Gotenfürstin?« Der Gesandte
+nickte. »Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng,
+unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?«
+</p>
+
+<p>
+»Etwa fünfundvierzig.«
+</p>
+
+<p>
+Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den
+Gesandten. »Das Bild ist vor fünfzehn Jahren gemacht,«
+sagte Alexandros wie erklärend.
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sprach der Kaiser, »du irrst; hier steht die
+Jahrzahl nach Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt:
+es ist von diesem Jahr.«
+</p>
+
+<p>
+Eine peinliche Pause entstand.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« stammelte der Gesandte, »dann schmeicheln die
+Maler wie–« – »Wie die Höflinge,« schloß der Kaiser.
+Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.
+</p>
+
+<p>
+»Was plaudern wir von Bildern und dem Alter
+fremder Weiber, wo es sich um das Reich handelt. Welche
+Nachrichten bringt Alexandros? Bist du entschlossen,
+Justinianus?« – »Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme
+wollte ich noch hören und du, das weiß ich, bist für den
+Krieg.«
+</p>
+
+<p>
+Da sagte Narses ruhig: »Warum, Herr, hast du uns
+<pb n='238'/><anchor id='Pg238'/>nicht gleich gesagt, daß die Kaiserin den Krieg will? Wir
+hätten unsre Worte sparen können.« – »Wie? willst du
+damit sagen, daß ich der Sklave meines Weibes bin?«
+– »Hüte besser deine Zunge,« sagte Theodora zornig,
+»schon manchen, der sonst unverwundbar schien, hat die
+eigne spitze Zunge erstochen.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist sehr unvorsichtig, Narses,« warnte Justinian.
+</p>
+
+<p>
+»Imperator,« sagte dieser ruhig, »die Vorsicht hab’
+ich längst aufgegeben. Wir leben in einer Zeit, in einem
+Reich, an einem Hof, wo man um jedes mögliche Wort,
+das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade
+fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort
+den Tod bringen kann, will ich wenigstens an solchen
+Worten sterben, die mir selbst gefallen.«
+</p>
+
+<p>
+Der Kaiser lächelte: »Du mußt gestehn, Patricius, daß
+ich viel Freimut ertrage.«
+</p>
+
+<p>
+Narses trat auf ihn zu: »Du bist groß von Natur,
+o Justinianus, und ein geborner Herrscher: sonst würde
+Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat selbst Herkules
+klein gemacht.«
+</p>
+
+<p>
+Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Haß. Justinian
+ward ängstlich.
+</p>
+
+<p>
+»Geht,« sagte er, »ich will mit der Kaiserin allein
+beraten. Morgen vernehmt ihr meinen Entschluß.«
+</p>
+</div><div n="16" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+So wie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine
+Gattin zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre
+Stirn. »Vergieb ihm,« sagte er, »er meint es gut.«
+</p>
+
+<pb n='239'/><anchor id='Pg239'/>
+
+<p>
+»Ich weiß es,« sagte sie, seinen Kuß erwidernd. »Darum,
+und weil er unentbehrlich ist gegen Belisar, darum
+lebt er noch.« – »Du hast Recht, wie immer.« Und er
+schlang den Arm um sie. »Was hat er besondres vor?«
+dachte Theodora. »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes
+Gewissen.«
+</p>
+
+<p>
+»Du hast Recht,« wiederholte er, mit ihr im Gemach
+auf und nieder schreitend. »Gott hat mir den Geist versagt,
+der die Schlachten entscheidet, aber mir dafür diese
+beiden Männer des Sieges gegeben – und zum Glück
+ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine
+Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren
+allein wäre eine stete Reichsgefahr und an dem Tage, da
+sie Freunde würden, wankte mein Thron. Du schürst doch
+ihren Haß?«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist leicht schüren: es ist zwischen ihnen eine natürliche
+Feindschaft wie zwischen Feuer und Wasser. Und
+jede Bosheit des Verschnittenen erzähl’ ich mit großer
+Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar
+Weib und Gebieterin.« – »Und jede Grobheit des Helden
+Belisar bericht’ ich treulich dem reizbaren Krüppel. – Aber
+zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des
+Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach
+Italien.«
+</p>
+
+<p>
+»Wen willst du senden?« – »Natürlich Belisar. Er
+verheißt, mit dreißigtausend zu vollbringen, was Narses
+kaum mit achtzigtausend übernehmen will.«
+</p>
+
+<p>
+»Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird
+all seine Kraft aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz
+gelingen.« – »Und das wird ihm sehr heilsam sein.
+Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu
+ertragen.« – »Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun.
+<pb n='240'/><anchor id='Pg240'/>Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit sechstausend auf,
+nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel
+und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.«
+</p>
+
+<p>
+»Fein gedacht,« sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung
+seiner Schlauheit: »dein Plan ist reif.«
+</p>
+
+<p>
+»Freilich,« sagte Justinian seufzend stehen bleibend,
+»Narses hat Recht, im geheimen Grund des Herzens
+muß ich’s zugestehen. Es wäre dem Reiche heilsamer, die
+Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr
+sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kömmt einst das
+Verderben.«
+</p>
+
+<p>
+»Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn,
+wann von Justinian nur noch der Ruhm auf Erden
+lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu haben.
+Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen,
+mögen für ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.«
+– »Wenn man aber dann sprechen wird: hätte Justinian
+verteidigt, statt zu erobern, so stünd’ es besser? Wenn
+man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?«
+– »So wird niemand sprechen. Die Menschen
+blendet der Glanz des Ruhms. Und noch Eins« – und
+hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den
+Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden
+Zügen.
+</p>
+
+<p>
+»Ich ahn’ es, doch vollende.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
+</p>
+
+<p>
+Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit
+stehen. Auf deinem, auf unsrem Pfad zur Herrschaft,
+zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher blut’ge
+Schritt geschehn: manches Harte mußte gethan werden:
+Leben und Schätze, so manchen gefährlichen Feindes mußten
+– genug.
+</p>
+
+<p>
+Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der
+<pb n='241'/><anchor id='Pg241'/>heilgen, der christlichen Weisheit jenen Siegestempel, der
+allein schon unsern Namen unsterblich machen wird auf
+Erden. Aber für den Himmel – wer weiß, ob es genügt!
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr241"/><corr sic="»Laß">Laß</corr> uns« – und ihr Auge erglühte von unheimlichem
+Feuer – »laß uns die Ungläubigen vertilgen und
+über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur
+Gnade suchen.« Justinian drückte ihre Hand. »Auch die
+Perser sind Feinde Christi, sind sogar Heiden.« – »Hast
+du vergessen, was der Patriarch gelehrt? Ketzer sind
+siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte
+Glaube gebracht und sie haben ihn verschmäht. Das ist
+die Sünde wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird
+– auf Erden und im Himmel. Du aber bist das Schwert,
+daß diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi
+verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch,
+daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen
+Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut
+und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Stätte,
+wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die heilge Stadt:
+nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb
+sie dem wahren Glauben wieder.«
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend
+zu dem Goldkreuz empor. »Du deckst die letzten Tiefen
+meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch mächtiger
+als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt.
+Aber bin ich fähig, bin ich würdig so Großes, so Heiliges
+zu Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sündge
+Hand so Großes vollführen? Ich zweifle, ich schwanke.
+Und der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war
+er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt
+er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine
+Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, große
+Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.« –
+</p>
+
+<pb n='242'/><anchor id='Pg242'/>
+
+<p>
+»Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir
+nicht auch den Ausgang des Vandalenkriegs aus deinem
+Traume gedeutet?«
+</p>
+
+<p>
+»Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt,
+ich werde irre an dem besten Plan, wenn ein Omen
+dawider spricht. Höre denn. Aber« – und er warf
+einen ängstlichen Blick auf sein Weib, – »aber bedenke, daß
+es ein Traum war und kein Mensch für seine Träume kann.«
+</p>
+
+<p>
+»Natürlich, sie sendet Gott.« – »Was werd ich vernehmen?«
+sagte sie zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>
+»Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwägend den
+letzten Bericht über Amala – über Italien. Da träumte
+mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben Hügeln.
+Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das
+ich je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit
+Wohlgefallen. Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten
+ein brüllender Bär, aus dem Gestein zur Linken eine
+zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend
+rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie,
+drückte sie an meine Brust und floh mit ihr: rückblickend
+sah ich, wie der Bär die Schlange zerriß und die Schlange
+den Bären zu Tode biß.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, und das Weib?«
+</p>
+
+<p>
+»Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine
+Stirn und war plötzlich wieder verschwunden, und ich erwachte,
+vergebens die Arme nach ihr ausstreckend. Das
+Weib,« fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen sollte,
+»ist natürlich Italien.«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl,« sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen
+wogte. »Der Traum ist der glücklichste. Bär und Schlange
+sind Barbaren und Italier, die um die Siebenhügelstadt
+ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich gegenseitig
+vernichten.«
+</p>
+
+<pb n='243'/><anchor id='Pg243'/>
+
+<p>
+»Aber sie entschwindet mir wieder: – sie bleibt mir
+nicht.«
+</p>
+
+<p>
+»Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen
+Armen. So wird Italien aufgehn in deinem Reich.«
+</p>
+
+<p>
+»Du hast recht,« rief Justinian aufspringend. »Sei
+bedankt, mein kluges Weib. Du bist die Leuchte meiner
+Seele. Es sei gewagt: – Belisar soll ziehn.«
+</p>
+
+<p>
+Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er
+plötzlich an. »Aber noch eins.« Und die Augen niederschlagend,
+faßte er ihre Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Ah,« dachte Theodora, »jetzt kommt’s.«
+</p>
+
+<p>
+»Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die
+Hofburg von Ravenna mit Hilfe der Königin selbst eingezogen
+sind – was – was soll dann mit ihr, der Fürstin,
+werden?«
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« sagte Theodora völlig unbefangen, »was mit
+ihr werden soll? Was mit dem entthronten Vandalenkönig
+geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, daß du
+das Richtige fandest.«
+</p>
+
+<p>
+Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale,
+weiße, wunderzierliche Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Mehr als das,« fuhr Theodora fort. »Sie wird
+um so leichter auf unsre Pläne eingehen, je sicherer sie
+einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will
+ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen.
+Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an
+meinem Herzen finden.«
+</p>
+
+<p>
+»Du weißt gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie
+sehr du dadurch unsern Sieg erleichterst. Die Tochter
+Theoderichs muß völlig von ihrem Volk hinweg zu uns
+gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna führen.«
+</p>
+
+<p>
+»Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem
+<pb n='244'/><anchor id='Pg244'/>Heere senden. Das würde sie nur argwöhnisch machen und
+widerspenstig. Sie muß völlig in unsern Händen, das
+Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das
+Schwert Belisars aus der Scheide fährt.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika
+geben den besten Vorwand, eine Flotte in jene Gewässer
+zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß Belisars
+Arm es zuziehn.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber wer soll es legen?«
+</p>
+
+<p>
+Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus
+Cäsarius, der Präfekt von Rom, mein Jugendfreund.«
+</p>
+
+<p>
+»Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer,
+nicht mein Unterthan, mir nicht völlig sicher. Wen soll
+ich senden. Noch einmal Alexandros?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« rief Theodora rasch, »er ist zu jung für ein
+solches Geschäft. Nein.« Und sie schwieg nachdenklich.
+»Justinian,« sprach sie endlich, »auf daß du siehst, wie ich
+persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich gilt
+und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir
+selber meinen Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des
+Präfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor: – ihn
+sende.«
+</p>
+
+<p>
+»Theodora,« – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend,
+»du bist mir wirklich von Gott geschenkt. Cethegus –
+Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!«
+</p>
+
+</div><div n="17" type="kapitel">
+<pb n='245'/><anchor id='Pg245'/>
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt
+von dem schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen,
+mit blaßgelber Seide überzogen, mit den zarten Halsfedern
+des pontischen Kranichs gefüllt waren.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen
+Becken, den Okeanos darstellend, darin lag eine massiv
+goldne Kugel. Die weiche Hand der Kaiserin hob lässig
+die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen: der
+helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die
+im Vorzimmer schlief. Mit auf der Brust gekreuzten
+Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhänge
+von violetter chinesischer Seide zurück. Dann ergriff
+sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getränkt,
+in krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfältig
+die Masse von öligem Teig, die Gesicht und Hals
+der Kaiserin während der Nacht bedeckte.
+</p>
+
+<p>
+Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast
+zur Erde gebeugt und reichte die rechte Hand hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen
+Fuß auf den Nacken der Knieenden und schwang sich dann
+elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob sich und warf der
+Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem
+Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß,
+den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe über die
+Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thüre, rief
+»Agave!« und verschwand. Agave, eine junge, schöne
+Thessalierin, trat ein; sie rollte dicht vor die Herrin den
+mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten Waschtisch
+von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und
+<pb n='246'/><anchor id='Pg246'/>Hände mit weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten
+Tüchern zu reiben.
+</p>
+
+<p>
+Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den
+bunten, mit Pardelfell überzogenen Stuhl, die Kathedra.
+</p>
+
+<p>
+»Das große Bad erst gegen Mittag!« sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz
+heran, außen mit Schildpatt bekleidet, gefüllt mit
+köstlich duftendem Wasser und hob die zierlichen, glänzend
+weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das
+Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden
+Haare der Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die
+weichen schwarzen Wellen über Schultern und Brust wallen
+konnten. Sie schlang ihr noch das breite Busenband von
+Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe:
+»Galatea!«
+</p>
+
+<p>
+Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und
+Wärterin und, leider müssen wir hinzufügen, die Kupplerin
+Theodoras in der Zeit, da sie nur erst des Akacius,
+des Löwenwärters im Cirkus, flitterbehängtes Töchterlein
+und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling
+des großen Cirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe,
+alle Laster und Listen auf der Abenteurerin wechselndem
+Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich geteilt.
+</p>
+
+<p>
+»Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie,
+ihr in einer Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend,
+welche die Stadt Adana in Cilicien für die Toilette der
+Kaiserin in großen Massen als jährlichen Tribut einzusenden
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Gut, ich träumte von ihm.« – »Von Alexandros?«
+– »Nein, du Närrin, von dem schönen Anicius.« –
+»Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in der
+geheimen Nische.« – »Er ist ungeduldig,« lächelte der
+kleine Mund, »nun, so laß ihn ein.« Und sie legte sich
+<pb n='247'/><anchor id='Pg247'/>auf dem langen Divan zurück, eine Decke von Purpurseide
+über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der schönen Füße
+blieben sichtbar.
+</p>
+
+<p>
+Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch
+welchen sie eingetreten und ging dann quer durch das Gemach
+zu der Ecke gegenüber, die durch eine eherne Kolossalstatue
+Justinians ausgefüllt war.
+</p>
+
+<p>
+Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite,
+sowie die Vertraute eine Feder berührte, und zeigte eine
+schmale Öffnung in der Wand, welche durch die Statue
+in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt wurde:
+ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea
+hob den Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der
+schöne junge Gesandte.
+</p>
+
+<p>
+Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre
+schmale Hand und bedeckte sie mit glühenden Küssen.
+</p>
+
+<p>
+Theodora entzog sie ihm leise. – »Es ist sehr unvorsichtig,
+Alexandros,« sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend,
+»den Geliebten zur Ankleidung <anchor id="corr247"/><corr sic="zuzulassen.">zuzulassen.«</corr> Wie
+sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist
+kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur
+entstanden gefällt.«
+</p>
+
+<p>
+»Allein ich hab’ es dir bei der Abreise nach Ravenna
+verheißen, dich einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen.
+Und du hast deinen Lohn reichlich verdient. Du hast
+viel für mich gewagt. – – Fasse die Flechten fester!« rief
+sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit
+gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu
+ordnen.
+</p>
+
+<p>
+– »Du hast das Leben für mich gewagt.« – Und
+sie reichte ihm wieder zwei Finger der rechten Hand.
+</p>
+
+<p>
+»O Theodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick
+würd’ ich zehnmal sterben.«
+</p>
+
+<pb n='248'/><anchor id='Pg248'/>
+
+<p>
+»Aber,« fuhr sie <anchor id="corr248"/><corr sic="fort">fort,</corr> »warum hast du mir nicht auch
+von dem letzten Brief der Barbarin an Justinian Abschrift
+zukommen lassen?« – »Es war nicht mehr möglich, es
+ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten
+mehr senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung,
+dir sagen zu lassen, daß ihr Bild bei den Geschenken
+sei. Du kamst im rechten Augenblick.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, was würde aus mir, wenn ich die Thürsteher
+Justinians nicht doppelt so hoch besoldete als er? Aber
+Unvorsichtigster aller Gesandten, wie täppisch war das mit
+der Jahrzahl!«
+</p>
+
+<p>
+»O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang
+nicht mehr gesehen. Ich konnte nichts denken als
+dich und deine berauschende Schönheit.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze
+Stirnband Galatea! Du bist ein besserer Liebhaber als
+Staatsmann. Deshalb hab’ ich dich auch hier behalten.
+Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke,
+ich schicke einen ältern Gesandten und behalte den jungen
+für mich. Ist’s recht so?« lächelte sie, die Augen halb
+schließend.
+</p>
+
+<p>
+Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang
+auf und drückte einen Kuß auf ihre roten Lippen.
+</p>
+
+<p>
+»Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie, und schlug
+mit dem Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist’s
+genug für heute. Morgen magst du wieder kommen und
+von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du mußt
+jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen
+andern.«
+</p>
+
+<p>
+»Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend.
+»So ist es wahr, was man leise zischelt in den Gynäceen,
+in den Bädern von Byzanz? Du ewig Ungetreue hast –«
+</p>
+
+<p>
+»Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!«
+<pb n='249'/><anchor id='Pg249'/>lachte die Kaiserin. Es war kein schönes Lachen. »Aber
+für diesmal sei unbesorgt – du sollst ihm selbst begegnen.
+Geh.«
+</p>
+
+<p>
+Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den
+Widerstrebenden ohne weiteres hinter die Statue und zur
+Thüre hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand
+mit dem Gürtel schließend.
+</p>
+</div><div n="18" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achtzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem
+kleinen gebückten Mann, der viel älter aussah als seine
+vierzig Jahre. Kluge, aber allzuscharfe Züge, das stechende
+Auge, der bartlose eingekniffne Mund: – alles machte
+den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung;
+Galatea begann ihr die Augenbrauen zu malen.
+</p>
+
+<p>
+»Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune
+über deine Kühnheit. Wenn man mich hier sähe! Die
+Klugheit von neun Jahren wäre durch einen Augenblick
+vereitelt.«
+</p>
+
+<p>
+»Man wird dich aber nicht sehen, <anchor id="corr249"/><corr sic="Petros,">Petros,«</corr> sagte Theodora
+ruhig. <corr sic="Diese">»Diese</corr> Stunde ist die einzige, da ich vor der
+zudringlichen Zärtlichkeit Justinians sicher bin. Es ist
+seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten so gut ich kann.
+Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein.
+Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem
+gefährlichen Verführer allein zu lassen?« Die Alte ging
+mit häßlichem Grinsen und kam gleich zurück, einen
+Henkel<pb n='250'/><anchor id='Pg250'/>krug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand,
+Becher mit Wasser und Honig in der andern.
+</p>
+
+<p>
+»Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich,
+in der Kirche veranstalten, wo du in dem dunkeln
+Beichtstuhl einem Priester täuschend ähnlich siehst.
+Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden
+und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist zu thun?«
+</p>
+
+<p>
+»Petros,« sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend
+und langsam das süße Getränk schlürfend, das Galatea
+mischte, »heute kam der Tag, der unsere langjährige Mühe
+und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann machen
+wird.«
+</p>
+
+<p>
+»Zeit wär’ es,« meinte der Rhetor.
+</p>
+
+<p>
+»Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas
+mehr Honig.) Um dich für das heutige Geschäft in die
+rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut sein, dich an
+das Vergangne, an die Entstehungsart unserer – Freundschaft
+zu erinnern.«
+</p>
+
+<p>
+»Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte
+unbehaglich.
+</p>
+
+<p>
+»Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger
+meines Todfeindes Narses. Folglich auch mein
+Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters
+mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst
+aber noch weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter
+Freund, setzt seine Ehre und seine Schlauheit darein,
+nie etwas für seine Verwandten zu thun, daß man
+ihn nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus
+zeihen könne.
+</p>
+
+<p>
+Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich
+unbefördert. Du darbtest und bliebst einfacher Schreiber.
+Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu helfen. Du
+<pb n='251'/><anchor id='Pg251'/>fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers.
+Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten
+noch eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber
+untereinander teilten. Eine Weile ging das vortrefflich.
+Aber einmal –«
+</p>
+
+<p>
+»Kaiserin, ich bitte dich –«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest
+du das Unglück, daß einer von den neuen Steuerboten
+die Gunst der Kaiserin höher anschlug als den von dir
+verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag
+ein, ließ sich die Urkunde von dir fälschen und – brachte
+sie mir.«
+</p>
+
+<p>
+»Der Elende,« murrte Petros.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, es war schlimm,« lächelte Theodora, den Becher
+wegstellend. »Ich konnte jetzt meinem boshaften Feind,
+dem Vertrauten des verhaßten Eunuchen, den schlauen
+Kopf vor die Füße legen und ich muß gestehen: es lüstete
+mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache
+einem großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir
+und ließ dir die Wahl, zu sterben oder fortan mir
+zu dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu wählen
+und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten
+Feinde, insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt:
+du hast mir alle Pläne des großen Narses im Entstehen
+verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist jetzt
+ein reicher Mann.«
+</p>
+
+<p>
+»O nicht der Rede wert.«
+</p>
+
+<p>
+»Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister
+besser. Du bist sehr reich.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen
+sind Patricier, Präfekten, große Herren in Morgen-
+und Abendland: so Cethegus in Rom, Prokopius in
+Byzanz.«
+</p>
+
+<pb n='252'/><anchor id='Pg252'/>
+
+<p>
+»Geduld. Vom heut’gen Tage an wirst du die Leiter
+der Ehren rasch erklimmen. Ich mußte doch immer etwas
+zu geben behalten. Höre: du gehst morgen als Gesandter
+nach Ravenna.«
+</p>
+
+<p>
+»Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig.
+</p>
+
+<p>
+»Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
+</p>
+
+<p>
+Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen,
+das Gotenreich zu verderben, Belisar den Weg nach Italien
+zu bahnen.«
+</p>
+
+<p>
+»Diese Anweisungen – befolg’ ich oder vereitl’ ich?«
+</p>
+
+<p>
+»Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag,
+den dir Justinian ganz besonders ans Herz legen wird:
+die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus der Hand
+ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier
+hast du einen Brief von mir, der sie dringend einladet,
+an meiner Brust ein Asyl zu suchen.«
+</p>
+
+<p>
+»Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe
+sie also sofort hierher.«
+</p>
+
+<p>
+Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange
+vom Lager auf, daß Galatea erschrocken zurückfuhr.
+</p>
+
+<p>
+»Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send’ ich deshalb.
+Sie darf nicht nach Byzanz, sie darf nicht leben.«
+</p>
+
+<p>
+Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,«
+flüsterte er – »ein Mord!«
+</p>
+
+<p>
+»Still, Rhetor,« sprach Theodora mit heiserer Stimme
+und unheimlich funkelten ihre Augen. »Sie muß sterben.«
+</p>
+
+<p>
+»Sterben? o Kaiserin, warum?«
+</p>
+
+<p>
+»Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt:
+– du sollst es wissen, es giebt deiner Feigheit einen
+Sporn – wisse –« und sie faßte ihn wild am Arme
+und raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt
+an sie zu lieben.«
+</p>
+
+<pb n='253'/><anchor id='Pg253'/>
+
+<p>
+»Theodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen
+Schritt zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Die Kaiserin sank auf die Kline zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend
+Petros.
+</p>
+
+<p>
+»Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr,
+er glüht für dieses Bild.«
+</p>
+
+<p>
+»Du hast nie eine Rivalin gehabt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde dafür wachen, daß ich keine erhalte.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist so schön.«
+</p>
+
+<p>
+»Amalaswintha ist jünger.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute
+seiner geheimsten Gedanken.«
+</p>
+
+<p>
+»Das eben wird ihm lästig. Und« – sie ergriff
+wieder seinen Arm – »merke wohl: sie ist eine Königstochter!
+eine geborne Herrscherin, ich des Löwenwärters
+plebejisch Kind. Und – so wahnwitzig lächerlich es ist!
+– Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen
+Ziegenhirten Sohn. Er hat den Wahnsinn der
+Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er faselt von angeborner
+Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts.
+Gegen solche Grillen hab’ ich keinen Schutz: von allen
+Weibern der Erde fürchte ich nichts: aber diese Königstochter – –«
+</p>
+
+<p>
+Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Hüte dich, Justinian!« sagte sie durchs Gemach
+schreitend. »Theodora hat mit diesem Auge, mit dieser
+Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht: laß
+sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten
+kann.« Sie setzte sich wieder.
+</p>
+
+<p>
+»Kurz, Amalaswintha stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder
+kalt geworden.
+</p>
+
+<p>
+»Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich.
+<pb n='254'/><anchor id='Pg254'/>Du hast der blutgewohnten Diener genug. Sie sende;
+ich bin ein Mann der Rede. –«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst.
+Gerade du, mein Feind, mußt es thun: keiner
+meiner Freunde kann es ohne Verdacht.«
+</p>
+
+<p>
+»Theodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die
+Tochter des großen Theoderich ermorden, eine geborne
+Königin – –«
+</p>
+
+<p>
+»Ha,« lachte Theodora grimmig, »auch dich Armseligen
+blendet die geborne Königin. Narren sind die Männer
+alle, noch mehr als Schurken! Höre, Petros, an dem
+Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist
+du Senator und Patricius.«
+</p>
+
+<p>
+Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst
+war doch mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,«
+sagte er entschlossen, »lieber lasse ich den Hof und alle Pläne.«
+</p>
+
+<p>
+»Das Leben läss’st du, Elender!« rief Theodora zornig.
+»O, du wähntest, du seiest frei und ungefährdet, weil ich
+damals vor deinen Augen die gefälschte Urkunde verbrannt?
+Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her – hier
+halte ich dein Leben.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein
+vergilbtes Pergament. Sie zeigte es dem Erschrocknen, der
+jetzt willenlos in die Kniee brach.
+</p>
+
+<p>
+»Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.«
+</p>
+
+<p>
+Da pochte man an die Hauptthüre.
+</p>
+
+<p>
+»Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an
+die Gotenfürstin vom Boden auf und bedenk es wohl:
+Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, wenn sie lebt.
+Fort.«
+</p>
+
+<p>
+Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen
+Eingang hinaus, drehte den bronzenen Justinian wieder
+an seine Stelle und ging, die Hauptthür aufzuthun.
+</p>
+
+</div><div n="19" type="kapitel">
+<pb n='255'/><anchor id='Pg255'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neunzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Herein trat eine stattliche Frau, größer und von gröberen
+Formen als die kleine, zierliche Kaiserin, nicht so
+verführerisch schön, aber jünger und blühender, mit frischen
+Farben und ungekünstelter Art.
+</p>
+
+<p>
+»Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an
+meine Brust!« rief die Kaiserin der tief sich Verbeugenden
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
+</p>
+
+<p>
+»Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich
+wieder aufrichtend.
+</p>
+
+<p>
+»Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte
+die Kaiserin zu sich selbst, da sie die Freundin musterte. –
+</p>
+
+<p>
+»Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu,
+»und wie die weiße Seide deine frischen Wangen hebt!
+Hast du etwas neues mitzuteilen von – von ihm?« fragte
+sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein gefürchtetes
+Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen
+von Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche
+Sklavinnen von der zürnenden Herrin oft zolltief
+in Schultern und Arme gestochen wurden.
+</p>
+
+<p>
+»Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab’
+ihn gestern nicht gesehn.«
+</p>
+
+<p>
+»Das glaub’ ich,« lächelte Theodora in sich hinein.
+»O wie schmerzlich werd’ ich dich bald vermissen,« sagte
+sie, Antoninens vollen Arm streichelnd. »Schon in der
+nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen
+und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von
+euren Freunden wird euch folgen?«
+</p>
+
+<p>
+»Prokopius,« sagte <anchor id="corr255"/><corr sic="Antonina und">Antonina, »und«</corr> – setzte sie, die Augen
+niederschlagend, hinzu – »die beiden Söhne des Boëthius.«
+</p>
+
+<pb n='256'/><anchor id='Pg256'/>
+
+<p>
+»Ah so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der
+Freiheit des Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings
+ungestörter zu erfreuen und indessen Held Belisarius
+Schlachten schlägt und Städte gewinnt –«
+</p>
+
+<p>
+»Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an
+dich. Dir freilich ward es gut. Alexandros, dein schöner
+Freund ist zurück: er bleibt in deiner Nähe und er ist sein
+eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt
+es, der Jüngling, steht unter seines altern Bruders Severinus
+strenger Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an
+den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten, diese zarte –
+Freundschaft dulden. Er würde unsern Verkehr tausendfach
+stören. Deshalb thu’ mir eine Liebe: Severinus darf uns
+nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte
+den ältern Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt
+– du kannst es ja leicht – du bist die Kaiserin.«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht übel,« lächelte Theodora. »Welche Kriegslisten!
+Man sieht, du lernst von Belisarius.«
+</p>
+
+<p>
+Da erglühte Antonina über und über.
+</p>
+
+<p>
+»O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du
+weißt am besten, von wem ich gelernt, zu thun, worüber
+man erröten muß.«
+</p>
+
+<p>
+Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin.
+</p>
+
+<p>
+»Der Himmel weiß,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten,
+»Belisar selbst war nicht treuer als ich, bis ich an
+diesen Hof kam. Du warst es, Kaiserin, die mich gelehrt,
+daß diese selbstischen Männer, von Krieg und Staat und
+Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, vernachlässigen,
+uns nicht mehr würdigen, wann sie uns besitzen.
+Du hast mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein
+Unrecht sei, die unschuldige Huldigung, die schmeichelnde
+Verehrung, die der tyrannische Gemahl versagt, von einem
+noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
+hin<pb n='257'/><anchor id='Pg257'/>zunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen
+süßen Weihrauch der Huldigung, den Belisar versagt und
+den mein eitles, schwaches Herz nicht missen kann, will ich
+von Anicius.«
+</p>
+
+<p>
+»Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig
+für ihn,« sagte Theodora zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>
+»Und doch – schon dies ist ein Verbrechen, fürcht’ ich,
+an Belisar. O wie ist er groß und edel und herrlich.
+Wenn er nur nicht allzugroß wäre für dies kleine Herz.«
+– Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen.
+</p>
+
+<p>
+»Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach
+zum Genuß wie zur Tugend.«
+</p>
+
+<p>
+Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins
+Gemach mit einem großen Strauß herrlicher Rosen.
+</p>
+
+<p>
+»Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. – »Von wem?«
+fragte diese. Aber jetzt sah Antonina auf und Agave
+winkte warnend mit den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu
+beschäftigen, »bitte, stell’ ihn dort in die Marmorvase.«
+</p>
+
+<p>
+Während die Gattin Belisars den Rücken wendend
+gehorchte, flüsterte Agave: »Nun, von ihm, den du gestern
+den ganzen Tag hier versteckt gehalten: – von dem schönen
+Anicius –« setzte das holde Kind errötend bei.
+</p>
+
+<p>
+Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als
+sie laut schreiend nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin
+schlug sie mit der noch blutigen Lanzette ins Gesicht.
+»Ich will dich lehren, Augen haben, ob Männer schön
+sind oder häßlich,« flüsterte sie grimmig. »Du läßt dich
+in die Spinnstube sperren auf vier Wochen – sogleich –
+und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern. Fort!«
+</p>
+
+<p>
+Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend.
+</p>
+
+<p>
+»Was hat sie gethan?« fragte Antonina sich wendend.
+</p>
+
+<p>
+»Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch,
+<pb n='258'/><anchor id='Pg258'/>ein solches von dem Teppich aufhebend. – »Herrin, dein
+Haar ist fertig.«
+</p>
+
+<p>
+»So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal.
+– Willst du einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina?
+Es sind die neuesten Gedichte des Arator, ȟber
+die Thaten der Apostel«, gar erbaulich zu lesen! Zumal
+hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies
+und sprich sein Urteil.«
+</p>
+
+<p>
+Galatea öffnete weit die Thüre des Haupteingangs:
+ein ganzer Schwarm von Sklavinnen und Freigelassenen
+wogte herein. Die einen besorgten das Hinausräumen der
+gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit Kohlenpfännchen
+und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam
+durch das Gemach. Die meisten aber waren um die
+Person der Kaiserin beschäftigt, die jetzt ihren Anzug vollendete.
+Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab. »Berenike,«
+rief sie, »die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und
+der goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.«
+</p>
+
+<p>
+Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der
+Kaiserin berühren durfte, die kostbare Goldnadel, mit der
+Venusgemme im Knopf, künstlich in die Knoten des Hinterhauptes
+schob, fragte die Kaiserin: »Was giebt es neues
+in der Stadt, Delphine?«
+</p>
+
+<p>
+»Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte,
+mit den Goldsandalen niederknieend. »Deine Farbe, die
+Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt über die Grünen
+zu Roß und Wagen.«
+</p>
+
+<p>
+»Triumph!« frohlockte Theodora, »eine Wette von zwei
+Centenaren Gold, – es ist mein. – Nachrichten? woher?
+aus Italien?« rief sie einer eben mit Briefen eintretenden
+Dienerin entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin
+<pb n='259'/><anchor id='Pg259'/>Gothelindis: ich kenne das Gorgonensiegel: und von Silverius,
+dem Diakon.«
+</p>
+
+<p>
+»Gieb,« sagte Theodora, »ich nehme sie mit in die
+Kirche. Den Spiegel, Elpis.« – Eine junge Sklavin trat
+vor mit einer ovalen drei Fuß langen Platte von glänzend
+polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten
+Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von
+Elfenbein. Die arme Elpis hatte harten Dienst. Sie
+mußte während der Vollendung des Ankleidens die schwere
+Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort
+dermaßen drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen
+konnte und weh’ ihr, wenn sie einer Wendung zu
+spät nachfolgte.
+</p>
+
+<p>
+»Was giebt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin
+eine dunkelfarbige libysche Freigelassene, die ihr eben
+die zahme Hausschlange, die in einem Körbchen auf weichem
+Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, –
+»komm, Glauke,« fuhr sie fort, indem sie die blendend
+weiße golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse nahm
+und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis die
+Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin
+in den schönsten Falten über die Schulter schlug, mit dem
+weißen Gürtel zusammenfaßte und das eine Ende mit
+einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt
+aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, über der
+weißen Achsel befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen
+Bildhauers, hatte jahrelang den Faltenwurf studirt,
+war deshalb von der Kaiserin um viele tausend Solidi
+angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies
+einzige Geschäft.
+</p>
+
+<p>
+»Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris,
+»sind wieder frisch angekommen. Ein neues
+mile<pb n='260'/><anchor id='Pg260'/>sisches Märchen ist erschienen und der alte Ägypter ist
+wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem Nilwasser.
+Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht
+Jahre kinderlos – –«
+</p>
+
+<p>
+Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog
+über das glatte Gesicht. »Schick’ ihn fort,« sagte sie, »diese
+Hoffnung ist vorüber.« –
+</p>
+
+<p>
+Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes
+Sinnen versinken.
+</p>
+
+<p>
+Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu
+ihrem Lager zurück, nahm den zerdrückten Eppichkranz, der
+auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn der Alten mit den
+geflüsterten Worten: »für Anicius, schick’ es ihm zu. –
+Den Schmuck, Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen
+unterstützt, trug mühsam die schwere Kiste von Erz
+herbei, deren Deckel, in getriebnen Figuren die Werkstätte
+des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der Kaiserin
+an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel
+unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich
+da manches Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von
+den schimmernden Schätzen zu erhaschen. »Willst du noch
+die Sommerringe, Herrin?« fragte Erigone. – »Nein,«
+sprach Theodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gieb
+mir die schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr
+Ohrringe, Fingerring und Armband.
+</p>
+
+<p>
+»Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen
+aufsehend, »steht das Weiß der Perle zu dem Grün
+des Steins!«
+</p>
+
+<p>
+»Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin
+gleichgültig, »der Jude hat den Stammbaum der Perle
+eidlich erhärtet.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians
+Goldsänfte harrte schon als ich herauf kam.«
+</p>
+
+<pb n='261'/><anchor id='Pg261'/>
+
+<p>
+»Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der
+Sklave vor der Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde
+an. Eile, Herrin.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst
+du die Kaiserin mahnen?« Aber Antoninen flüsterte sie
+zu: »Man muß die Männer nicht verwöhnen: sie müssen
+immer auf uns warten, wir nie auf sie.
+</p>
+
+<p>
+Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen
+Sklaven sollen an meine Sänfte treten.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie wandte sich zum Gehen. »O Theodora,« rief
+Antonina rasch, »vergiß meine Bitte nicht.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sagte diese, plötzlich stehen bleibend, »gewiß
+nicht! Und damit du ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg’
+ich’s in deine eigne Hand. Meine Wachstafel und den Stift.«
+Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und flüsterte
+der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner
+alten Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich
+schreibe: »An Aristarchos den Präfekten Theodora die
+Kaiserin.
+</p>
+
+<p>
+Wenn Severinus, des Boëthius Sohn, das Schiff des
+Belisarius besteigen will, halt’ ihn, nötigenfalls mit Gewalt,
+zurück und sende ihn hierher in meine Gemächer: er ist zu
+meinem Kämmerer ernannt. Ist’s recht so, liebe Schwester?«
+flüsterte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen.
+</p>
+
+<p>
+»Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren
+Hals fassend, »und die Hauptsache hätten wir vergessen?
+Mein Amulet, den Mercurius! Bitte, Antonina, dort liegt
+es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen Merkur,
+den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem
+Bette der Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich
+Theodora schnell das Wort »Severinus« mit dem Goldgriffel
+aus, und schrieb dafür »Anicius«. Sie klappte das
+<pb n='262'/><anchor id='Pg262'/>Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem
+Venusring.
+</p>
+
+<p>
+»Hier das Amulet,« sagte Antonina zurückkommend.
+</p>
+
+<p>
+»Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du
+magst ihn selbst im Augenblick der Abfahrt an Aristarchos
+übergeben. Und jetzt,« rief sie, »jetzt auf: in die Kirche.«
+</p>
+</div><div n="20" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher
+die zu Byzanz aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen
+sollten, ahnte man nichts von einer drohenden Gefahr.
+Da wandelten damals Tag für Tag an den reizenden
+Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an
+den Uferhöhen im Südosten der Stadt, in vertrautem
+Gespräch, alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft
+genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in braunen,
+der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und
+Totila.
+</p>
+
+<p>
+O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von
+der frischen Morgenluft des Lebens, noch unenttäuscht
+und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer Träume,
+drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches,
+gleich überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz
+zu allem Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten,
+der Flug bis in die lichte Nähe des Göttlichen wird
+in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit, verstanden
+zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist
+und die Ernte unsres Lebens beginnt, mögen wir lächeln
+<pb n='263'/><anchor id='Pg263'/>über jene Träume der Jünglingszeit und Jünglingsfreundschaft;
+aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein
+Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner
+Herbstluft der süßen, berauschenden Lüfte des ersten Frühlings
+gedenken. –
+</p>
+
+<p>
+Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden
+in der glücklichsten Zeit für einen solchen Bund
+und sie ergänzten sich wunderbar. Totilas sonnige Seele
+hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt: lachend
+sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und
+der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht
+und rasch alle Herzen. Er glaubte nur an das Gute und
+des Guten Sieg: traf er das Böse, das Gemeine auf
+seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn
+eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur
+brach dann, den Helden verratend, die gewaltige Kraft, die
+in ihr ruhte und nicht eher ließ er ab, bis das verhaßte
+Element aus seinem Lebenskreise getilgt war. Aber im
+nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden
+so vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er
+ringsum Welt und Leben. Stolz und froh empfand er
+die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend drückte er das
+goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die
+wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen,
+der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde, wie ein
+Gott der Freude, beglückend und beglückt.
+</p>
+
+<p>
+Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der
+stilleren Seele seines Freundes mit. Julius Montanus,
+zart und sinnig angelegt, eine fast weibliche Natur, früh
+verwaist und von Cethegus’ hochüberlegnem Geist eingeschüchtert,
+in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen,
+von der trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als
+gehoben, sah das Leben ernst, fast wehmütig an. Ein
+<pb n='264'/><anchor id='Pg264'/>Zug zur Entsagung und die Neigung, alles Bestehende an
+dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu messen,
+lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern.
+Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige
+Freundschaft in seine Seele und erhellte sie bis in ihre
+tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle Natur auch von
+einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten
+konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten:
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus dem Präfekten Julius Montanus.
+</p>
+
+<p>
+Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten
+Bericht von meinem neuen Freundschafts-Glück erteiltest,
+hat mir zuerst – gewiß gegen deine Absicht – sehr wehe
+gethan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft erhöht,
+freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch
+wünschen konntest.
+</p>
+
+<p>
+Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz
+um dich verwandelt. Wollte es mich anfangs kränken,
+daß du meine tiefste Empfindung als die Schwärmerei
+eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer
+meiner Seele mit bittrem Spott antasten wolltest – nur
+wolltest, denn sie sind unantastbar, – so ergriff mich doch
+statt dessen bald das Gefühl des Mitleids mit dir. Wehe,
+daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des
+Geistes, darbest an den Gütern des Herzens. Wehe, daß
+du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige
+Liebe, die ein von dir mehr verspotteter als verstandner
+Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher
+bringt, die <hi rend='antiqua'>caritas</hi>, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir,
+daß du das Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit
+dieser meiner Rede: ich weiß, ich habe noch nie in solchen
+<pb n='265'/><anchor id='Pg265'/>Worten zu dir gesprochen: aber erst seit kurzem bin ich,
+der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch
+dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir
+gegeißelt. Ich glaube, sie sind seitdem verschwunden und
+ein Verwandelter sprech’ ich zu dir. Dein Brief, dein
+Rat, deine »Arzenei« hat mich allerdings zum Manne
+gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem
+Wunsch. Schmerz, heiligen, läuternden Schmerz hat er mir
+gebracht, er hat diese Freundschaft, die er verdrängen sollte,
+auf eine harte Probe gestellt, aber, der Güte Gottes sei’s
+gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört, sondern gehärtet
+für immer.
+</p>
+
+<p>
+Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen
+geschaffen hat.
+</p>
+
+<p>
+Wie wehe mir dein Brief gethan, – in alter Gewohnheit
+des Gehorsams befolgte ich alsbald seinen Auftrag
+und suchte deinen Gastfreund auf, den Purpurhändler
+Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen
+und seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen
+vielerfahrnen Mann und einen eifrigen Freund der Freiheit
+und des Vaterlandes: in seiner Tochter Valeria aber
+ein Kleinod.
+</p>
+
+<p>
+Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen
+sie zu verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel
+vor der Sonne: mir war Elektra oder Kassandra, Clölia
+oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr noch als ihre
+hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen
+Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater
+behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich
+verlebte unter seinem Dach mit ihr die schönsten Tage
+meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der Äther
+ihrer Seele.
+</p>
+
+<p>
+Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend
+<pb n='266'/><anchor id='Pg266'/>tönte Antigones Klage in ihrer melodischen Stimme;
+stundenlang lasen wir in Wechselrede und herrlich war sie
+zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der Begeisterung,
+wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst,
+niederfloß und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer
+blitzte nicht von dieser Welt.
+</p>
+
+<p>
+Und, – was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten
+wird, – eine Spaltung, die durch all’ ihr Leben
+geht, giebt ihr den höchsten Reiz. Du ahnst wohl, was
+ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses
+kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß
+Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter
+einem ehelosen, einsamen Leben in Werken der Andacht
+geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch
+als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche
+und eines Klosters, die er baute, losgekauft worden ist.
+Aber Valeria glaubt, daß der Himmel nicht totes Gold
+nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich der Bande
+jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in
+Furcht, nicht in Liebe, gedenkt.
+</p>
+
+<p>
+Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch
+und durch ein Kind der alten, der heidnischen Welt. Das
+ist sie, die echte Tochter ihres Vaters: aber doch kann sie
+der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abthun:
+es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr
+als ein Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes.
+Diesen wundersamen Zwiespalt, diesen verhängnisvollen
+Widerstreit trägt die edle Jungfrau im Gemüt:
+er quält sie, aber er veredelt sie zugleich.
+</p>
+
+<p>
+Wer weiß, wie er sich lösen wird? der Himmel allein,
+der ihr Schicksal lenkt. Mich aber zieht dieser innere
+Kampf mit ernsten Schauern an: du weißt ja, daß in mir
+selbst der Christenglaube und die Philosophie in
+unge<pb n='267'/><anchor id='Pg267'/>klärter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen
+hat in diesen Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen
+und fast will mich bedünken, die Freude führe zu
+der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz
+und das Unglück.
+</p>
+
+<p>
+Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war
+ich froher Hoffnung voll. Valerius, vielleicht schon früher
+von dir für mich gewonnen, sah meine wachsende Neigung
+offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das an mir
+auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung
+der römischen Republik nicht eifrig genug teilte
+und nicht seinen Haß gegen die Byzantiner, in denen er
+die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht. Auch
+Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer
+weiß ob nicht damals die Verehrung gegen den Willen
+ihres Vaters und diese Freundschaft genügt hätten, sie in
+meine Arme zu führen. Aber ich danke, – soll ich sagen
+Gott oder dem Schicksal? – daß es nicht so kam: Valeria
+einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen.
+Ich weiß nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt
+das Wort zu sprechen, das sie in jenen Tagen gewiß
+zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so tief:
+– aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem
+Vater um sie werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl,
+als thu’ ich Unrecht an dem Gut eines andern, als sei
+ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die ihr vom Schicksal
+zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und bezähmte
+das pochende Herz.
+</p>
+
+<p>
+Einstmals um die sechste Stunde, – schwül brannte die
+Sonne rings auf Land und Meer – suchte ich Schatten
+in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich trat ein
+durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der
+<pb n='268'/><anchor id='Pg268'/>weichen Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden
+Busen, der linke Arm unter dem edeln Haupt, das noch
+vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz schmückte.
+Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen,
+ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie
+in Marmor gebildeten Züge an: heiß schlug mein Herz,
+ich beugte mich über sie, diese roten feingeschnittenen Lippen
+zu küssen.
+</p>
+
+<p>
+Da fiel mir’s plötzlich centnerschwer aufs Herz: es ist
+ein Raub, was du begehen willst. Totila! rief unwillkürlich
+meine ganze Seele und still, wie ich gekommen,
+schlich ich fort.
+</p>
+
+<p>
+Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen?
+</p>
+
+<p>
+Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens
+über dem neuen Glück fast vergessen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht
+erfüllen: diese Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden.
+Er soll Valeria sehen, gleich mir bewundern,
+meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben
+und Totila soll glücklich sein mit uns.
+</p>
+
+<p>
+Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu
+holen. Ich pries ihm den Schimmer des Mädchens, aber
+ich vermochte es nicht über mich, ihm von meiner Liebe
+zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir
+fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der
+Villa. So führte ich Totila in den Garten – Valeria
+ist die eifrigste Pflegerin der Blumen – wir bogen,
+Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte
+uns ihre Erscheinung plötzlich entgegen: sie stand vor
+einer Statue ihres Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten
+Rosen, die sie, hoch aufgehäuft in der Busenfalte
+der Tunika, mit der Linken auf der Brust zusammenhielt.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche
+<pb n='269'/><anchor id='Pg269'/>Jungfrau, in dem Grün des Taxus gleichsam eingerahmt,
+vor dem weißen Marmor, die Rechte anmutvoll erhebend:
+und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit einem
+lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade
+gegenüber, stehen.
+</p>
+
+<p>
+Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen,
+zusammen: die Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem
+Gewand: sie sah es nicht: ihre Augen hatten sich getroffen,
+ihre Wangen erglühten: – ich sah mit Blitzesschnelle ihr
+Geschick und mein Geschick entschieden.
+</p>
+
+<p>
+Sie liebten sich beim ersten Anblick.
+</p>
+
+<p>
+Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die
+Gewißheit meine Seele. Aber doch nur einen Augenblick
+herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust. Sofort,
+wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen Gestalten,
+empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn
+es war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber
+bildet und Seelen, sie aus Einem Stoff für einander
+geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte schimmerten
+sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl,
+das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten,
+das mir <hi rend='gesperrt'>seinen</hi> Namen auf die Lippen geführt
+hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes Ratschluß
+oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen
+sie treten.
+</p>
+
+<p>
+Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch
+ist mein Sinn geartet, sowenig Macht hat noch die heilige
+Lehre des Entsagens über mich gewonnen, daß – ich
+schäme mich, das zu gestehen – daß mein Herz auch jetzt
+noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen
+für das Glück der Freunde.
+</p>
+
+<p>
+Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander
+lodern, schlugen ihre Seelen zusammen. Sie lieben sich
+<pb n='270'/><anchor id='Pg270'/>und sind glücklich wie die seligen Götter: mir ist die
+Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen beizustehen,
+es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein
+Kind wohl schwerlich dem »Barbaren« schenken wird, solang
+er in Totila nur den »Barbaren« sieht.
+</p>
+
+<p>
+Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt’ ich vor
+dem Freunde tief verborgen: er ahnt nicht und soll nie
+erfahren, was sein glänzend Glück nur trüben könnte. Du
+siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel ein
+Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod
+Italiens bringen wollen und hast es Totila zugeführt.
+Meine Freundschaft hast du zerstören wollen und hast sie
+in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen
+befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne
+machen wollen durch der Liebe Glück: – ich bin’s geworden
+durch der Liebe Schmerz.
+</p>
+
+<p>
+Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.«
+</p>
+</div><div n="21" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Einundzwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf
+den Präfekten auszumalen, und begleiten lieber die beiden
+Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergänge an den
+reizenden Ufergeländen von Neapolis.
+</p>
+
+<p>
+Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die
+Stadt und zur Porta nolana hinaus, die in schon halb
+verwitterten Reliefs die Siege eines römischen Imperators
+über germanische Stämme verherrlichte.
+</p>
+
+<p>
+Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+»Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund,
+<pb n='271'/><anchor id='Pg271'/>»dort auf dem Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in
+der Hand, wie ein Jupiter Tonans?« – »Es ist Marc
+Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. – »O bleib
+doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden
+Haaren, die den Wagen ziehn?«
+</p>
+
+<p>
+»Es sind Germanenkönige.« – »Doch welches Stammes?«
+fragte Totila weiter – »sieh da, eine Inschrift: »<hi rend='antiqua'>Gothi
+extincti!</hi>« »Die Goten <anchor id="corr271"/><corr sic="vernichtet!«">vernichtet!««</corr>
+</p>
+
+<p>
+Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand
+auf die <anchor id="corr271a"/><corr sic="Mormorsäule">Marmorsäule</corr> und schritt rasch durch das Thor.
+»Eine Lüge in Marmor!« rief er rückwärts blickend.
+»Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein
+gotischer Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lügen
+straft.« – »Ja, die Völker sind wie die wechselnden
+Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich; »wer wird
+nach euch in diesen Landen herrschen?« Totila blieb
+stehen. »<hi rend='gesperrt'>Nach uns?</hi>« fragte er erstaunt. – »Nun, du
+wirst doch nicht glauben, daß deine Goten ewig dauern
+werden unter den Völkern?«
+</p>
+
+<p>
+»Das weiß ich doch nicht,« sagte Totila, langsam fortschreitend.
+– »Mein Freund, Babylonier und Perser, Griechen
+und Makedonen und, wie es scheinen will, auch wir Römer
+hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reisten und vergingen.
+Soll’s anders sein mit den Goten?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe
+den Gedanken nie gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen,
+daß eine Zeit kommen könnte, da mein Volk« –
+– er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken.
+»Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich
+denke daran so wenig wie – wie an den Tod!«
+</p>
+
+<p>
+»Das sieht dir gleich, mein Totila!«
+</p>
+
+<p>
+»Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen
+Träumereien zu quälen.«
+</p>
+
+<pb n='272'/><anchor id='Pg272'/>
+
+<p>
+»Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für
+mein Volk schon Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß
+ich ein Römer bin. Und ich kann mich nicht darüber
+täuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns. Das
+Scepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du,
+es lief so ohne Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in
+dir, meinem Herzensfreund, den Barbaren, den Feind
+meines Volkes zu vergessen?«
+</p>
+
+<p>
+»Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila
+eifrig ein. »Find’ ich auch in deiner milden Seele den
+herben Wahn? Blick’ doch nur um dich! Wann, sage
+mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem
+Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt
+uns Weisheit und Kunst, wir leihen euch Friede und
+Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt sich denken!
+Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine
+ganz neue Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.«
+</p>
+
+<p>
+»Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns
+ein fremdes Volk, geschieden durch Sprache und Glaube,
+durch Stammes- und Sinnesart und durch halbtausendjährigen
+Haß.
+</p>
+
+<p>
+Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre;
+zwischen uns gähnt eine ewige Kluft.« – »Du verwirfst
+den Lieblingsgedanken meiner Seele.«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist ein Traum!« – »Nein, er ist Wahrheit, ich
+fühl’ es und vielleicht kömmt noch die Zeit, dir’s zu beweisen.
+Das Werk meines ganzen Lebens bau’ ich drauf.«
+– »So wär’s auf einen edeln Wahn gebaut. Keine
+Brücke zwischen Römern und Barbaren!« – »Dann,«
+sagte Totila heftig, »begreif’ ich nicht, wie du leben kannst,
+wie du mich –«
+</p>
+
+<p>
+»Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht
+leicht: es war die schwerste der Entsagungen! Erst nach
+<pb n='273'/><anchor id='Pg273'/>hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie mir gelungen:
+aber endlich hab’ ich aufgehört, in meinem Volk allein zu
+leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon – und er
+allein vermag’s – Römer und Germanen verbindet, der
+meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen
+– Schmerzen, die Freuden sind – allmählich immer
+mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt
+Friede gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt
+schon rühmen, ein Christ zu sein: ich lebe der Menschheit,
+nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein bloßer Römer
+mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie
+einen Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der
+Menschheit.
+</p>
+
+<p>
+Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich
+mein Volk gestorben sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist
+mein Volk!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« rief Totila lebhaft, »das könnt’ ich nimmermehr.
+In meinem Volk allein kann ich und will ich
+leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der allein meine
+Seele atmen kann. Warum soll’n wir nicht dauern können,
+ewig: oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser
+und Griechen! Wir sind von besserem Stoff. Weil sie
+dahin siechten und versanken, müssen darum auch wir
+siechen und versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft!
+Nein, wenn ein Tag kömmt, da die Goten sinken,
+– mög’ ihn mein Auge nicht mehr sehn. O all’ ihr
+Götter, laßt uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang
+wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben!
+Nein, muß es sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter
+und laßt uns rasch und herrlich fallen, alle, alle
+und mich voran!«
+</p>
+
+<p>
+Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung
+gesprochen. Er sprang empor von der Marmorbank auf
+<pb n='274'/><anchor id='Pg274'/>der Straße, darauf sie sich niedergelassen, den Lanzenschaft
+hoch gen Himmel erhebend.
+</p>
+
+<p>
+»Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend,
+»wie schön steht dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein
+solcher Kampf würde mit uns, mit meinem Volk entbrennen
+und sollte ich –?«
+</p>
+
+<p>
+»Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele,
+das ist klar, wenn es jemals zu solchem Kampfe kömmt.
+Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft Eintrag thun?
+mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden
+hau’n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich
+würd’ es freuen, dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten
+sehn mit Schild und Speer!«
+</p>
+
+<p>
+Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger
+Art, du wilder Gote. – Diese Fragen und Zweifel
+haben mich lange und bitter gequält und all’ meine Philosophen
+zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht.
+Erst seit ich’s in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott
+im Himmel allein zu dienen habe und auf Erden der
+Menschheit und nicht Einem Volk –«
+</p>
+
+<p>
+»Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die
+Menschheit, von der du schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich
+sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine Menschheit über
+den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn’ ich
+nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke
+lebe. Ich kann gar nicht anders! ich kann nicht die Haut
+abstreifen, darin ich geboren bin. Gotisch denk’ ich, in
+gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache der
+Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch
+denke, kann ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das
+Fremde anerkennen, o ja. Ich bewundre eure Kunst, euer
+Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles so streng
+geordnet ist.
+</p>
+
+<pb n='275'/><anchor id='Pg275'/>
+
+<p>
+Wir können vieles von euch lernen – aber tauschen
+könnt’ ich und möcht’ ich mit keinem Volk von Engeln.
+Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind mir ihre
+Fehler lieber als eure Tugenden.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein
+Römer!«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist kein Römer! vergieb, mein Freund, es giebt
+schon lange keine Römer mehr. Sonst wär ich’ nicht der
+Seegraf von Neapolis! So wie du kann nur empfinden,
+wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder
+fühlen, der eines lebendigen Volkes ist.«
+</p>
+
+<p>
+Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist,
+– wohl mir! Heil, wenn ich die Erde verloren, den
+Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was ist der
+Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat
+meiner unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche,
+wo alles anders ist als hier.«
+</p>
+
+<p>
+»Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehen bleibend,
+die Lanze auf den Boden stoßend. »Hier, auf Erden, hab’
+ich festen Grund, hier laß mich stehn und leben, hier nach
+Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen nach
+Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht
+folgen. Ich ehre deine Träume, ich ehre deine heilge
+Sehnsucht – aber ich teile sie nicht. Du weißt,« fügte
+er lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide, unverbesserlich, wie
+meine Valeria – unsere Valeria. Zur rechten Stunde
+denk’ ich ihrer. Deine erdenflücht’gen Träume ließen uns
+am Ende des Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir
+sind zur Stadt zurückgekommen, die Sonne sinkt so rasch
+hier im Süden und ich soll noch vor Nacht die bestellten
+Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein
+schlechter Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergäße.
+Leb wohl – ich biege rechts hinab.«
+</p>
+
+<pb n='276'/><anchor id='Pg276'/>
+
+<p>
+»Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.«
+</p>
+
+<p>
+»Was liesest du jetzt? Noch Platon?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Augustinus. Lebe wohl!«
+</p>
+</div><div n="22" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweiundzwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt, die
+belebteren Teile der Innenstadt meidend, nach der Porta
+capuana zu und dem Turm Isaks, des jüdischen Pförtners.
+Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit
+starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob
+sich in mehreren sich verjüngenden Absätzen. In dem
+höchsten Stockwerk, dicht an den zackigen Zinnen, waren
+zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des Türmers
+bestimmt.
+</p>
+
+<p>
+Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes
+Kind.
+</p>
+
+<p>
+In dem größern Gemach, wo an den Wänden in
+strenger Ordnung die großen schweren Schlüssel zu den
+Hauptthüren und den Nebenpforten des wichtigen Thorgebäudes,
+dann das krumme Wächterhorn und der breite,
+hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit
+gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte Isak, der
+greise Turmwart: eine hohe, starkknochige Gestalt mit der
+Adlernase und den buschigen, hochgeschweiften Brauen
+seiner Rasse.
+</p>
+
+<p>
+Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und
+aufmerksam hörte er den Worten eines jungen unansehnlichen
+Mannes, offenbar auch eines Israeliten, zu, in dessen
+harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des
+jüdischen Stammes lag.
+</p>
+
+<pb n='277'/><anchor id='Pg277'/>
+
+<p>
+»Sieh, Vater Isak,« schloß er mit unschöner, klangloser
+Stimme, »meine Rede ist keine eitle Rede und meine Worte
+kommen nicht aus dem Herzen allein, das blind ist, sondern
+aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier hab’ ich
+mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines
+Mundes: hier meine Bestallung als Baumeister für alle
+Wasserleitungen von Italien, jährlich fünfzig Goldsoldi und
+für jedes neue Werk zehn Soldi besonders. Eben erst hab’
+ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser
+Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke,
+richtig bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein
+Weib; zudem bin ich Rachels, deiner Muhme, leiblicher
+Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gieb mir
+Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.«
+</p>
+
+<p>
+Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart
+und schüttelte langsam das Haupt. »Jochem, Sohn
+Rachels, mein Sohn – ich sage dir, laß ab, laß ab.«
+</p>
+
+<p>
+»Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag
+reden wider Jochem in Israel?«
+</p>
+
+<p>
+»Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und
+mehrest deine Habe und dein Werk gedeiht vor dem Herrn.
+Aber hast du gesehn, daß sich die Nachtigall paart mit
+dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier?
+Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und
+sage mir selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.«
+</p>
+
+<p>
+Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen
+Vorhang zur Seite, der das vordere Gemach
+abschloß.
+</p>
+
+<p>
+Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in
+das Gespräch der Männer: jetzt sah man in den einfachen
+aber gefälligen Raum. An dem weiten Rundbogenfenster,
+das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die
+fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges
+<pb n='278'/><anchor id='Pg278'/>Mädchen, ein fremdartig geformtes Saiteninstrument im
+Arm. Es war eine Erscheinung von überraschender Schönheit.
+Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne
+noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das
+weiße Faltengewand so das edel geschnittene Profil des
+Mädchens mit purpurnem Schimmer: es spielte auf dem
+glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr
+zurückgestrichen, die edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser
+Sonnenglanz, so schien der Glanz der Poesie die ganze
+Erscheinung zu umstrahlen, jede ihrer Bewegungen zu begleiten
+und jeden träumerischen Blick aus diesen dunkelblauen
+Augen, die, in weiches Sinnen versunken, über die
+Stadt und das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau«
+hatte diese Augen Piso, der Dichter, genannt. –
+</p>
+
+<p>
+Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise,
+leise die Saiten, während von den halbgeöffneten Lippen,
+geflüstert mehr als gesungen, eine alte, melancholische
+Weise klang:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»An Wasserflüssen Babylons</l>
+<l rend='margin-left: 2'>Saß weinend Judas Stamm: –</l>
+<l>Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm</l>
+<l rend='margin-left: 2'>Nicht mehr zu weinen hat?« –</l>
+</lg>
+
+<p>
+»Nicht mehr zu weinen hat!« <anchor id="corr278"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> sie träumend
+und neigte das Haupt auf den Arm, der die Harfe auf
+der Fensterbrüstung hielt.
+</p>
+
+<p>
+»Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich
+wie die Rose in den Gärten von Saron und die Hindin
+auf den Bergen von Hiram und ist kein Fehl an ihrem
+Leibe?«
+</p>
+
+<p>
+Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises
+Klopfen an der schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr
+auf aus ihrem Sinnen, strich rasch mit der Hand über die
+Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
+</p>
+
+<pb n='279'/><anchor id='Pg279'/>
+
+<p>
+Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich
+in grimmige Falten. »Ha, der Christ, der gottverfluchte,«
+knirschte er und ballte die Faust. »Schon wieder der
+blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist
+das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?«
+– »Sohn, rede nicht Hohnwort wider Isak! Du weißt
+ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf ein Römermädchen,
+seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!«
+</p>
+
+<p>
+»Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des
+starken Hirten, der es entrissen dem Rachen des Wolfs.
+Hast du vergessen, wie bei der letzten Jagd, welche die
+verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen
+von Israel, und als sie niederbrannten die heil’ge
+Synagoge mit unheiligem Feuer, wie da eine Rotte dieser
+bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Straße,
+wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr
+den Schleier vom Haupt und das Busentuch von den
+Schultern: – wo war da Jochem, meiner Muhme Sohn,
+der sie begleitete? Entflohen war er vor der Gefahr mit
+hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der
+Geier!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem
+unbehaglich, »meine Hand führt nicht das Schwert der
+Gewalt.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und
+der Herr ist mit ihm. Allein, wie er des Weges kam,
+sprang er unter die Schar der frechen Räuber und schlug
+den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte
+die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und
+hüllte sorglich den Schleier über mein bebendes Kind und
+stützte ihren wankenden Schritt und führte sie heim, ungeschädigt,
+in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne
+<pb n='280'/><anchor id='Pg280'/>ihm Jehovah der Herr mit langem Leben und segne alle
+Schritte seines Pfades.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend,
+»ich gehe, diesmal für lange Zeit. Ich reise über das
+große Wasser zu machen ein groß Geschäft.«
+</p>
+
+<p>
+»Ein groß Geschäft? Mit wem?«
+</p>
+
+<p>
+»Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es
+ist eingestürzt ein Stück der großen Kirche, die er baut
+der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des Konstantin.
+Ich hab’ entworfen Plan und saubern Grundriß,
+wieder aufzubauen das Gebäude.«
+</p>
+
+<p>
+Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf
+den Boden: »Wie, Jochem, Sohn Rachels, dem Römer
+willst du dienen? Dem Kaiser, dessen Vorfahren die heilige
+Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des Herrn?
+Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du,
+der Sohn des frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!«
+– »Was rufest du Wehe und weißt nicht warum? Riechst
+du’s dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des
+Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer
+und glänzt es nicht gleich lieblich?«
+</p>
+
+<p>
+»Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und
+dem Mammon.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen?
+Seh ich nicht das Wächterhorn an der Wand deines Hauses?
+führst du nicht die Schlüssel für diese Goten und thust
+ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und
+Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, das thu’ ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen
+will ich für sie treulich, Tag und Nacht, wie der Hund
+für den Herrn, und solang Isak Odem hat, der Sohn
+Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies
+Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und
+<pb n='281'/><anchor id='Pg281'/>ihrem großen König, der weise war wie Salomo und wie
+Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre Väter dem
+großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon.
+Die Römer haben gebrochen den Tempel des Herrn und
+zerstreut sein Volk über das Angesicht der Erde. Sie
+haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt unsre
+heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt
+unsre Häuser und gezwungen unsre Weiber überall
+in ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch
+grausam Gesetz. Da kam dieser große König von Mitternacht,
+dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut
+unsre Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen,
+mußten sie alles wieder aufrichten mit eigner Hand
+und eignem Gelde, und er hat beschützt den Frieden unsrer
+Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der mußte es
+büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns
+gelassen unsern Gott und unsern Glauben und hat beschirmt
+unsre Schritte auf den Straßen unsres Handels und wir
+feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht
+mehr seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den
+Höhen von Zion. Und als ein Großer unter den Römern
+mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib, ließ
+ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch
+am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehret.
+Und das will ich gedenken, solange meine Tage
+dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode
+und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu
+und dankbar wie ein Jude.«
+</p>
+
+<p>
+»Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für
+deinen Dank,« sagte Jochem, sich zum Gehen rüstend:
+»mir ist, einmal kömmt die Stunde für mich, wieder um
+Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater
+Isak, bist du dann minder stolz.« Und er schritt durch
+<pb n='282'/><anchor id='Pg282'/>Miriams Gemach zur Treppe hinaus, wo er Totila begegnete.
+Mit einer häßlichen Verbeugung und einem
+stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken
+Goten vorbei, der beim Eintritt in die Türmerwohnung
+sich tief bücken mußte. Miriam folgte ihm auf dem Fuß.
+</p>
+
+<p>
+»Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne
+die langen Wimpern aufzuschlagen, »und hier am Fenster
+hab’ ich die Blumen bereit gestellt. Sie liebt die weißen
+Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße Narcissen
+besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme
+schwieg.
+</p>
+
+<p>
+»Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila,
+den Helm mit den silberweißen Schwanenflügeln abhebend
+und auf den Tisch setzend, »wo ist dein Vater?« – »Der
+Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,« sprach
+der Alte, in das Gemach tretend. – »Gegrüßt, treuer
+Isak!« rief Totila, warf den langen, glänzend weißen
+Mantel ab, der ihm von den Schultern floß, und hüllte
+sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam von der
+Wand reichte. »Ihr guten Leute! Ohne euch und eure
+verschwiegene Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis.
+Wie kann ich euch danken!« – »Dank?« sagte
+Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie
+leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für
+alle Zeit.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen breitkrempigen
+Filzhut tief in die Stirne ziehend, »ich mein’
+es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, wer ist der
+Kleine, den ich schon öfter hier geseh’n und eben wieder
+begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen.
+Sprich offen, wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt – ich
+helfe gern.« – »Es fehlt an der Liebe, Herr, bei ihr,«
+sagte Isak ruhig. – »Da kann ich freilich nicht helfen!
+<pb n='283'/><anchor id='Pg283'/>Aber wenn sonst ihr Herz gewählt – ich möchte gern
+etwas thun für meine Miriam.« Und er legte freundlich
+die Hand auf das glänzende schwarze Haar des Mädchens.
+Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz
+getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über
+dem Busen kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn
+beugend: wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Füßen
+Totilas nieder.
+</p>
+
+<p>
+Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück.
+</p>
+
+<p>
+Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf:
+»Verzeih, es war nur eine Rose – sie fiel vor deinen Fuß.«
+</p>
+
+<p>
+Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefaßt war
+sie, daß weder ihr Vater noch der Jüngling des Vorfalls
+weiter achteten.
+</p>
+
+<p>
+»Es dunkelt schon, eile, Herr,« sprach sie ruhig und
+reichte ihm den Korb mit den Blumen. – »Ich gehe.
+Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich habe ihr viel
+von dir erzählt und sie frägt mich stets nach dir. Sie
+möchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das
+bald – heut’ ist’s wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung
+brauche.«
+</p>
+
+<p>
+»Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief
+der Alte. »Bring sie nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!«
+</p>
+
+<p>
+»Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist kein Raum für seine Braut – dies Gemach
+– es brächte ihr kein Heil.« – »Beruhigt euch,« sagte
+Totila, schon an der Thüre, »offne Werbung soll der
+Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt
+hinaus. Isak nahm den Speer, das Horn und einige
+Schlüssel von der Wand; er folgte, ihm zu öffnen und die
+Abendrunde längs allen Pforten des großen Thorbaues
+zu machen.
+</p>
+
+<pb n='284'/><anchor id='Pg284'/>
+
+<p>
+Miriam blieb oben allein.
+</p>
+
+<p>
+Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen
+an derselben Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen
+über Schläfe und Wangen und schlug die Augen auf.
+Still war’s im Gemach; durch das offene Fenster glitt
+der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf
+Totilas hellen Mantel, der in langen Falten über dem
+Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf den weißen Schimmer
+zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen Küssen.
+Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben
+ihr auf dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden
+Armen und drückte ihn zärtlich an die Brust. Dann hielt
+sie ihn eine Weile träumend vor sich hin: endlich – sie
+konnte nicht widerstehen – hob sie ihn rasch auf und
+setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung
+ihre Stirn berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten
+aus den Schläfen und drückte einen Augenblick den harten,
+kalten Stahl fest mit beiden Händen an die glühende
+Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu
+umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel.
+Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in die duftige
+Nacht und das zauberische Mondlicht. Ihre Lippen regten
+sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen
+aus in der alten Weise:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»An Wasserflüssen Babylons</l>
+<l rend='margin-left: 2'>Saß weinend Judas Stamm:</l>
+<l>Wann kömmt der Tag, der all dein Leid,</l>
+<l rend='margin-left: 2'>Du Tochter Zion, stillt?«</l>
+</lg>
+
+</div><div n="23" type="kapitel">
+<pb n='285'/><anchor id='Pg285'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dreiundzwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten
+Sternen, hatte Totilas rascher sehnsuchtbeflügelter Schritt
+alsbald die Villa des reichen Purpurhändlers, die etwa
+eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen war,
+erreicht.
+</p>
+
+<p>
+Der Thürstehersklave wies ihn an den alten Hortularius,
+den Freigelassenen Valerias, dem die Sorge für
+die Gärten überlassen war. Dieser, der Vertraute der
+Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und
+Sämereien ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler
+von Neapolis brachte, und geleitete ihn in sein
+gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen niedrige
+Fenster in den Garten führten: am andern Morgen noch
+vor Aufgang der Sonne – so wollte es die Geheimlehre
+der antiken Gärtnerei – müßten die Blumen eingesetzt
+werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in dem
+neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne
+sei. –
+</p>
+
+<p>
+Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen
+Gemach bei einem Kruge Weines die Stunde, da sich
+Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen Nachtmahl
+verabschieden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen
+der Sterne und dem Gang des Mondes den Fortschritt
+der Nacht zu ermessen. Er schlug den Vorhang
+zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war’s in dem
+weiten Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der
+Springbrunnen und Zikaden zirpten in den Myrtengebüschen:
+der warme üppige Südwind strich in schwülem
+Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze Wolken von
+Wohl<pb n='286'/><anchor id='Pg286'/>gerüchen aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich
+führend: und weithin aus dem Pinienwäldchen am Ende
+des Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene
+heiße Schlag der Nachtigall.
+</p>
+
+<p>
+Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos
+schwang er sich über die Marmorbrüstung des Fensters:
+kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der weiße
+Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des Mondlichts
+meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahin
+eilte. Vorüber an den dunkeln Taxusgängen und den
+Lauben von dichten Oliven, vorüber an der hohen Statue
+der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht
+schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs
+Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen,
+rasch eingebogen in den dicht verwachsenen Laubweg von
+Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein Oleandergebüsch
+durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein,
+in der die Quellnymphe über einer dunkeln großen
+Urne lehnte.
+</p>
+
+<p>
+Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der
+Statue hervor.
+</p>
+
+<p>
+»Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang
+glühend die Geliebte, die leise seinem Ungestüm
+wehrte. »Laß, laß ab, mein Geliebter,« flüsterte sie, sich
+seinem Arm entziehend. »Nein, du Süße, ich will nicht
+von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab’ ich dein
+entbehrt! Hörst du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall
+ruft, fühlst du wie der warme Hauch der Sommernacht,
+der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet?
+Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein!
+O laß sie uns festhalten, diese goldnen Stunden. Meine
+Seele ist nicht weit genug all’ ihr Glück zu fassen: all’
+deine Schönheit, all’ unsre Jugend und diese glühende,
+<pb n='287'/><anchor id='Pg287'/>blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das
+volle Leben durch das Herz und will’s vor Wonne sprengen.«
+</p>
+
+<p>
+»O mein Freund! gern möcht’ ich, wie du, aufgehn
+im Glücke dieser Stunden. Ich kann es nicht. Ich traue
+nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen Schwüle
+dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil:
+ich kann nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.«
+</p>
+
+<p>
+»Du liebe Thörin, warum nicht?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all’
+mein Leben scheidet, übt seinen Fluch auch hier. Gern
+möchte mein Herz sich trunken, wie du, diesem Glücke hingeben.
+Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es
+dauert nicht, – du sollst nicht glücklich sein.«
+</p>
+
+<p>
+»So bist du nicht glücklich in meinen Armen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja und nein! das Gefühl des Unrechts, der Schuld
+gegen meinen edlen Vater lastet auf mir. Sieh, Totila,
+was mich zumeist an dir beglückt ist nicht diese deine jugendschöne
+Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der
+Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne,
+lichte, edle Seele. Ich habe mich gewöhnt, dich klar und
+hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle Welt
+schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, der
+Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist
+mein Stolz: daß alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken
+muß, wo du nahest, das ist mein Glück. Ich liebe dich
+wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle
+seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts
+Heimliches, Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser
+Stunden nicht – sie sind erlistet und es kann nicht länger
+also sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fühle ganz
+wie du. Auch mir ist die Lüge dieser Mummerei verhaßt,
+ich trage sie nicht länger. Ich bin gekommen, ihr ein
+<pb n='288'/><anchor id='Pg288'/>Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung
+ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.«
+– »Dieser Entschluß ist der beste, denn« –
+</p>
+
+<p>
+»Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach
+plötzlich eine tiefe Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund
+der Grotte trat ein Mann und stieß das blanke
+Schwert in die Scheide.
+</p>
+
+<p>
+»Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger
+Fassung. Totila schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod
+zu verteidigen.
+</p>
+
+<p>
+»Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach
+Valerius, befehlend den Arm ausstreckend.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an
+sich drückend, »ihr Platz ist forthin an dieser Brust.«
+</p>
+
+<p>
+»Verwegner Gote!«
+</p>
+
+<p>
+»Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser
+Täuschung willen. Du hast es selbst gehört, schon morgen
+sollte sie enden.«
+</p>
+
+<p>
+»Zu deinem Glück hab’ ich’s gehört. Gewarnt von
+dem ältesten meiner Freunde, wollt’ ich doch kaum glauben,
+daß meine Tochter – mich hintergeht. Als ich’s glauben
+mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine List bezahlen
+sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt
+aber flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.« –
+</p>
+
+<p>
+Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm
+zuvor: »Vater,« sprach sie ruhig, zwischen die Männer
+tretend, »höre dein Kind. Ich will meine Liebe nicht entschuldigen,
+sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und notwendig
+wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das
+Leben meines Lebens.
+</p>
+
+<p>
+Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther und
+ich sage dir, bei meiner Seele: nie werd’ ich lassen von
+<pb n='289'/><anchor id='Pg289'/>diesem Mann!« – »Und niemals ich von ihr,« rief Totila
+und ergriff ihre Rechte.
+</p>
+
+<p>
+Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht
+des Mondes voll beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen
+Züge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe
+heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe, daß
+ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich
+dem zürnenden Vater aufdrängte. »Valeria, mein
+Kind!«
+</p>
+
+<p>
+»O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue
+all’ meine Schritte geleitet, daß ich bisher die Mutter, die
+verlorne, zwar beklagte, aber kaum vermißte. Jetzt, in
+dieser Stunde vermiß’ ich sie zum erstenmal: jetzt, ich fühl’
+es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken
+wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor
+die Seele führen und dich an den Augenblick erinnern, da
+dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und
+dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele band
+als heiligstes Vermächtnis. –«
+</p>
+
+<p>
+Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine
+Tochter wagte, die andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht:
+offenbar rang es gewaltig in des Alten Brust. Endlich
+sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort gesprochen,
+ohne es zu wissen. Es wäre Unrecht, dir zu verschweigen,
+was du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter
+in jener Sterbestunde mir auferlegt. Noch immer drückte
+ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch lange abgelöst.
+»Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,«
+sprach sie, »so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer
+Wahl zu ehren. Ich weiß wie römische Mädchen, zumal
+die Töchter unsres Standes, in die Ehe gegeben werden,
+ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend auf
+Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria
+<pb n='290'/><anchor id='Pg290'/>wird edel wählen – gelobe mir, sie dem Mann ihrer
+Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.«
+</p>
+
+<p>
+Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. – Aber
+mein Kind einem Barbaren geben, einem Feind Italiens,
+nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riß er sich
+von ihr los.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius,«
+hob Totila an. »Wenigstens bin ich in meinem ganzen
+Volk der wärmste Freund der Römer. Glaube mir, nicht
+euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre verderblichsten
+Feinde – die Byzantiner!«
+</p>
+
+<p>
+Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen
+des alten Republikaners war der Haß gegen Byzanz die
+Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien. Er
+schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling.
+</p>
+
+<p>
+»Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen
+Barbaren lieben. Lern’ ihn kennen: und schiltst du ihn
+dann noch barbarisch – so will ich nie die Seine werden.
+Ich fordre nichts von dir als: lern’ ihn kennen: entscheide
+du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht.
+</p>
+
+<p>
+Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm
+gut sein – du allein wirst ihn nicht verwerfen.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie faßte seine Hand.
+</p>
+
+<p>
+»O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig
+seine andre Hand ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich
+sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe der Mutter. Dort
+ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit
+ihrem Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten
+Frau, und ihren Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe
+und eine edle Wahl – so werd’ ich erfüllen, was ich
+gelobt.«
+</p>
+
+</div><div n="24" type="kapitel">
+<pb n='291'/><anchor id='Pg291'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Vierundzwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns
+wohl erinnerlichen Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus,
+den Präfekten und unsern neuen Bekannten, Petros,
+des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch
+und wechselseitigem Erinnern an frühere Zeiten, – sie
+waren Studiengenossen, wie wir erfuhren, – zu einfachem
+Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben
+aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten,
+um jetzt ungestört von den bedienenden Sklaven
+Geheimeres zu bereden.
+</p>
+
+<p>
+»Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloß Cethegus
+seinen Bericht über die letzten Ereignisse »daß die Schreckensnachrichten
+aus Ravenna nur erst Gerüchte waren, vielleicht
+erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung und
+dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der
+Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thörichten Begeisterung
+für mich hätte bald alles verdorben. Unablässig
+forderte er meine Dictatur, buchstäblich setzte er mir das
+Schwert auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen,
+das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der
+Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse –
+der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiß
+recht warum – nahm ihn für mehr berauscht als er war.
+Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei zurückgekehrt,
+und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.«
+</p>
+
+<p>
+»Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal
+Rom vor der Rache der Barbaren gerettet – ein unvergeßliches
+Verdienst, das dir die ganze Welt, zunächst aber
+die Regentin, danken muß.« – »Die Regentin – arme
+<pb n='292'/><anchor id='Pg292'/>Frau!« meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß wie lange
+die Goten oder deine Gebieter zu Byzanz, sie noch werden
+auf dem Throne lassen.« – »Wie? da irrst du sehr!«
+fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem
+den Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich
+eben anfragen, wie man das am besten könne,« setzte er
+pfiffig hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand
+und sah den Gesandten lächelnd an: »O Petros,
+o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt? Ich dächte doch,
+wir kennten uns besser.«
+</p>
+
+<p>
+»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen.
+</p>
+
+<p>
+»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte
+miteinander studiert haben zu Berytus und Athen. Ich
+meine, daß wir damals schon unzählige Male als Jünglinge,
+lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem
+Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben
+aus Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu
+Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst
+wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« – »Ich
+habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und
+Justinian« – »Erglüht natürlich für die Herrschaft der
+Barbaren in Italien.« – »Freilich,« sagte der Rhetor
+verlegen, »es könnten Fälle eintreten –«
+</p>
+
+<p>
+»Petre,« rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend,
+»keine Phrasen und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt
+bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein alter
+Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du
+meinst, es muß immer gelogen sein und hast nie den Mut
+zur Wahrheit. Man muß aber nur dann lügen, wenn
+man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich
+darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder
+haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will,
+<pb n='293'/><anchor id='Pg293'/>hängt davon ab, ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter
+ans Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich
+nicht erfahren. Aber sieh’, trotz all’ deiner Verschmitztheit,
+sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir
+ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.«
+</p>
+
+<p>
+Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten
+Mund: »Noch immer so stolz, wie in der Dialektik
+zu Athen,« sagte er giftig. – »Jawohl und du weißt,
+zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite
+und erst der Dritte warst du.«
+</p>
+
+<p>
+Da trat Syphax ein:
+</p>
+
+<p>
+»Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet
+dein im Zeussaal.«
+</p>
+
+<p>
+Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen,
+denn er fühlte sich dem Präfekten nicht gewachsen, grinste
+Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu solcher Störung.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus.
+</p>
+
+<p>
+»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,«
+dachte der Byzantiner.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen
+Zeusstatue des Glykon von Athen den Namen trug, eine
+in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug bei
+seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Fürstin Gothelindis,« fragte der Präfekt überrascht,
+»was führt dich zu mir?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme
+und die Gotin trat dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe,
+aber nicht häßliche Züge, und man hätte sie sogar schön
+nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen
+und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt
+gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu
+bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die
+Wangen schoß, wie sie bei jenem Wort die Faust ballte.
+<pb n='294'/><anchor id='Pg294'/>So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge,
+daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat.
+</p>
+
+<p>
+»Rache?« fragte er, »an wem?«
+</p>
+
+<p>
+»An – davon später. Vergieb,« sagte sie, sich fassend,
+»daß ich euch störe.
+</p>
+
+<p>
+Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei
+dir, nicht wahr?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja. Woher weißt du –«
+</p>
+
+<p>
+»O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus
+eintreten,« sagte sie gleichgültig.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist nicht wahr,« sprach Cethegus im Geiste:
+»ich hab’ ihn ja zur Gartenthür hereinführen lassen.
+Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt. Ich
+soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich will dich nicht lange hier festhalten,« fuhr Gothelindis
+fort. »Ich habe nur Eine Frage an dich. Antworte
+kurz ja oder nein. Ich kann das Weib – die
+Tochter Theoderichs – stürzen und ich will’s: bist du
+darin für mich oder gegen mich?«
+</p>
+
+<p>
+»O, Freund Petros,« dachte der Präfekt, »jetzt weiß
+ich bereits, was du mit Amalaswinthen vorhast. Aber
+wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.«
+</p>
+
+<p>
+»Gothelindis,« hob er ausholend an, »du willst die Regentin
+stürzen – das glaub’ ich dir gern – aber daß
+du’s kannst, bezweifle ich.«
+</p>
+
+<p>
+»Höre, dann entscheide ob ich’s kann. Das Weib hat
+die drei Herzoge ermorden lassen.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche
+Leute.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber ich kann es beweisen.«
+</p>
+
+<p>
+»Das wäre,« meinte Cethegus ungläubig. »Herzog
+Thulun, wie du weißt, starb nicht sofort. Er ward auf
+der ämilischen Straße überfallen, nahe bei meiner Villa
+<pb n='295'/><anchor id='Pg295'/>zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten
+ihn in mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter –
+ich bin aus dem Hause der Balten – er verschied in
+meinen Armen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?«
+</p>
+
+<p>
+»Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im
+Stürzen den Mörder mit dem Schwert: er entkam nicht
+weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend
+im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen.
+»Nun, was war er? was hat er ausgesagt.«
+</p>
+
+<p>
+»Er war,« sprach Gothelindis scharf, »ein isaurischer
+Söldner, ein Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und
+sagte aus: Cethegus, der Präfekt, hat mich zur Regentin,
+die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.«
+</p>
+
+<p>
+»Wer hörte dies Geständnis außer dir?« fragte Cethegus
+lauernd.
+</p>
+
+<p>
+»Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du
+zu mir stehest. Wenn aber nicht, dann –«
+</p>
+
+<p>
+»Gothelindis,« unterbrach der Präfekt, »keine Drohung:
+sie nützt dir nichts. Du solltest einsehn, daß du mich dadurch
+nur erbittern, nicht zwingen kannst. Ich lasse es
+im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige
+Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis
+allein – du warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß
+niemand sonst das Geständnis gehört – wird weder sie
+noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe
+gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du
+mir’s als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und
+dazu will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du
+kennst doch Petros, meinen Freund?«
+</p>
+
+<p>
+»Genau, seit lange.«
+</p>
+
+<p>
+»Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.«
+</p>
+
+<pb n='296'/><anchor id='Pg296'/>
+
+<p>
+Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros,
+mein Besuch ist die Fürstin Gothelindis, Theodahads Gemahlin.
+Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du sie?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der
+Rhetor rasch.
+</p>
+
+<p>
+»Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus
+traten, rief Gothelindis ihm entgegen:
+</p>
+
+<p>
+»Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.«
+</p>
+
+<p>
+Petros verstummte.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete
+sich an der Bestürzung des Diplomaten von Byzanz. Nach
+einer peinlichen Pause hob er an: »Du siehst, Petros,
+immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm,
+laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen.
+Ihr beide habt euch also verbunden, die Regentin zu
+stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen.
+Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen
+wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch
+ist der Weg für Justinian nicht frei.«
+</p>
+
+<p>
+Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein
+klares Durchschauen der Lage. Endlich sprach Gothelindis:
+»Theodahad, meinen Gemahl, den letzten der Amelungen.«
+</p>
+
+<p>
+»Theodahad, den letzten der Amelungen,« wiederholte
+Cethegus langsam. Indessen überlegte er alle Gründe für
+und wider. Er bedachte, daß Theodahad, unbeliebt bei
+den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand
+der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung
+des Kaisers anders, früher als Er wollte, herbeiführen
+würde.
+</p>
+
+<p>
+Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer
+möglichst lange fernhalten müsse und er beschloß bei <anchor id="corr296"/><corr sic="sich.">sich,</corr>
+<pb n='297'/><anchor id='Pg297'/>die gegenwärtige Lage und Amalaswintha aufrecht zu halten,
+da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen ließen.
+All’ das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen.
+»Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?«
+fragte er ruhig.
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines
+Gatten abzudanken, unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.«
+</p>
+
+<p>
+»Und wenn sie’s darauf wagt?«
+</p>
+
+<p>
+»So vollführen wir die Drohung,« sagte Petros, »und
+erregen unter den Goten einen Sturm, der ihr –«
+</p>
+
+<p>
+»Das Leben kostet,« rief Gothelindis.
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht die Krone kostet,« sagte Cethegus. »Aber
+gewiß sie nicht Theodahad zuwendet.
+</p>
+
+<p>
+Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er
+nicht Theodahad.«
+</p>
+
+<p>
+»Nur zu wahr!« knirschte Gothelindis.
+</p>
+
+<p>
+»Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen
+viel unerfreulicher wäre als Amalaswintha. Und deshalb
+sag’ ich euch offen: <anchor id="corr297"/><corr sic="»ich">ich</corr> bin nicht für euch, ich halte die
+Regentin.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« rief Gothelindis grimmig, sich zur Thüre
+wendend, »also Kampf zwischen uns, komm, Petros.«
+</p>
+
+<p>
+»Gemach, ihr Freunde,« sprach der Byzantiner.
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies
+Blatt gelesen.«
+</p>
+
+<p>
+Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros
+von Amalaswintha an Justinian überbracht.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« meinte Petros höhnisch, »willst du noch die
+Königin stützen, die dich dem Untergang geweiht? Wo
+warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine
+Freunde nicht für dich wachten.«
+</p>
+
+<pb n='298'/><anchor id='Pg298'/>
+
+<p>
+Cethegus hörte ihn kaum. »Armseliger,« dachte er,
+»als ob es das wäre! Als ob die Regentin daran nicht
+ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte!
+Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von
+Theodahad erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und
+all’ meine Pläne bedroht: sie hat die Byzantiner schon
+ins Land gerufen und sie werden jetzt kommen, ob sie noch
+will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, wird
+Justinian ihren Beschützer spielen.« Und nun wandte er
+sich scheinbar in großer Bestürzung an den Gesandten, den
+Brief zurückgebend: »Und wenn sie ihren Entschluß durchführte,
+wenn sie auf dem Thron bliebe – bis wann
+können eure Heere landen?«
+</p>
+
+<p>
+»Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien,« sagte
+Petros, stolz darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu
+haben, »in einer Woche kann er vor Rom liegen.«
+</p>
+
+<p>
+»Unerhört,« rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+»Du siehst,« sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen
+den Brief gereicht, »die du halten wolltest, will
+dich verderben. Komm ihr zuvor.«
+</p>
+
+<p>
+»Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford’re
+ich dich auf, mir beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten
+und Italien seiner Freiheit wiederzugeben. Man weiß am
+Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und nach dem
+Siege verheißt dir Justinian: – die Würde eines Senators
+zu Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+»Ist’s möglich!« rief Cethegus. »Aber nicht einmal
+diese höchste Ehre treibt mich dringender in euren Bund
+als die Entrüstung über die Undankbare, die zum Lohn
+für meine Dienste mein Leben bedroht. – Du bist doch gewiß,«
+fragte er ängstlich, »daß Belisar noch nicht sobald
+landen wird?«
+</p>
+
+<p>
+»Beruhige dich,« lächelte Petros, »diese meine Hand
+<pb n='299'/><anchor id='Pg299'/><anchor id="corr299"/><corr sic="ist s">ist’s</corr>, die ihn herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muß Amalaswintha
+durch Theodahad ersetzt sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Gut,« dachte Cethegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen.
+Und nicht eher soll der Byzantiner landen, bis
+ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens empfangen
+kann.« »Ich bin der eure,« sprach er, »und ich denke, ich
+werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit
+eigner Hand die Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha
+soll dem Scepter entsagen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nie thut sie das!« rief Gothelindis.
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr
+Herrscherstolz. Man kann seine Feinde auch durch ihre
+Tugenden verderben,« sagte Cethegus nachsinnend. »Ich
+bin meiner Sache gewiß und ich grüße dich, Königin der
+Goten!« schloß er mit leichter Verbeugung.
+</p>
+</div><div n="25" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfundzwanzigstes Kapitel."/>
+<head>Fünfundzwanzigstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach
+der Beseitigung der drei Herzoge in einer abwartenden
+Haltung.
+</p>
+
+<p>
+Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen
+Adels etwas mehr freie Hand gewonnen, so stand
+doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in naher
+Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes
+völlig reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen
+mußte. Nur bis dahin hatten ihr Witichis und die Seinen
+ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Kräfte
+an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen
+Seiten zu befestigen.
+</p>
+
+<pb n='300'/><anchor id='Pg300'/>
+
+<p>
+Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine
+kalte Selbstsucht durchschaut; doch vertraute sie, daß die
+Italier und die Verschwornen in den Katakomben, an
+deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche
+Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen
+König vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie
+das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei
+um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu
+haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst
+die Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
+</p>
+
+<p>
+Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters,
+eifrige Anhänger des Hauses der Amaler, greise Helden
+von großem Namen im Volk, Waffenbrüder und beinahe
+Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna,
+besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk
+Theoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm und
+Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte ihn und die andern
+Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden
+das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste
+dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen
+eine Art von Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis
+und ihre Freunde schaffen sollte, – und Witichis konnte
+die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als staatsgefährlich
+verhindern – so sah sich die Königin auch gegen
+die Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach
+einer Stütze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick
+in dem edeln Hause der Wölsungen, nach den Amalern
+und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten,
+reich begütert und einflußreich in dem mittleren Italien,
+deren Häupter dermalen zwei Brüder, Herzog Guntharis
+und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, hatte sie
+ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die
+<pb n='301'/><anchor id='Pg301'/>Freundschaft der Wölsungen keinen geringern Preis als
+die Hand ihrer schönen Tochter. –
+</p>
+
+<p>
+Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen
+Mutter und Tochter in ernstem, aber nicht vertraulichem
+Gespräch hierüber.
+</p>
+
+<p>
+Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe,
+durchmaß die junonische Gestalt der Regentin den schmalen
+Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das herrliche
+Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor
+ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die
+Platte des Marmortisches gestützt.
+</p>
+
+<p>
+»Besinne dich wohl,« rief Amalaswintha heftig, plötzlich
+stehen bleibend, »besinne dich anders. Ich gebe dir noch
+drei Tage Bedenkzeit.«
+</p>
+
+<p>
+»Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute,«
+sagte Mataswintha, die Augen nicht erhebend.
+</p>
+
+<p>
+»So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.«
+</p>
+
+<p>
+»Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.«
+</p>
+
+<p>
+Die Königin schien dies gar nicht zu hören. »Es ist
+doch in diesem Fall ganz anders als damals, da du mit
+Cyprianus vermählt werden solltest. Er war alt und –
+was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« – fügte sie
+bitter hinzu – »ein Römer!«
+</p>
+
+<p>
+»Und doch ward ich um meiner Weigerung willen
+nach Tarentum verbannt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich hoffte, <anchor id="corr301"/><corr sic="Stenge">Strenge</corr> würde dich heilen. Mondelang
+halt’ ich dich ferne von meinem Hof, von meinem Mutterherzen« –
+</p>
+
+<p>
+Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben
+Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+»Umsonst! ich rufe dich zurück« –
+</p>
+
+<p>
+»Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.«
+</p>
+
+<pb n='302'/><anchor id='Pg302'/>
+
+<p>
+»Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung,
+blühend schön, ein Gote von edelstem Adel, sein Haus jetzt
+das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst wenigstens, wie
+sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er
+und sein kriegsgewalt’ger Bruder verheißen uns die Hilfe
+ihrer ganzen Macht: Graf Arahad liebt dich und du –
+du schlägst ihn aus! Warum? Sage warum?«
+</p>
+
+<p>
+»Weil ich ihn nicht liebe.«
+</p>
+
+<p>
+»Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter
+– du hast dich deinem Hause, deinem Reiche zu opfern.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin ein Weib,« sagte Mataswintha, die blitzenden
+Augen aufschlagend, »und opfre mein Herz keiner Macht im
+Himmel und auf Erden.« –
+</p>
+
+<p>
+»Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thörichtes
+Kind. Großes hab’ ich erstrebt und erreicht. Solange
+Menschen das Hohe bewundern, werden sie meinen Namen
+nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes
+bietet und doch hab’ ich <anchor id="corr302"/><corr sic="--">–«</corr>
+</p>
+
+<p>
+»Nie geliebt. Ich weiß es,« seufzte ihre Tochter.
+</p>
+
+<p>
+»Du weißt es?«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war
+ich noch ein Kind, als mein geliebter Vater starb: ich
+wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte es empfinden,
+damals schon, daß seinem Herzen etwas fehle, wenn er
+seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing
+und küßte und wieder seufzte.
+</p>
+
+<p>
+Und ich liebte ihn darum desto inniger, daß ich fühlte,
+er suchte Liebe, die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich
+längst, was mich damals unerklärlich peinigte: du wardst
+unseres Vaters Weib, weil er nach Theoderich der nächste
+am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du
+sein und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.«
+</p>
+
+<p>
+Überrascht blieb Amalaswintha stehen: »Du bist sehr kühn.«
+</p>
+
+<pb n='303'/><anchor id='Pg303'/>
+
+<p>
+»Ich bin deine Tochter.«
+</p>
+
+<p>
+»Du redest von der Liebe so vertraut – du kennst sie
+besser scheint’s mit zwanzig als ich mit vierzig Jahren –
+du liebst!« rief sie schnell, »und daher dieser Starrsinn.«
+</p>
+
+<p>
+Mataswintha errötete und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr303"/><corr sic="»Rede,">»Rede,«</corr> rief die erzürnte Mutter, <corr sic="gesteh'">»gesteh’</corr> es oder leugne!«
+</p>
+
+<p>
+Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war
+sie so schön gewesen.
+</p>
+
+<p>
+»Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige,
+Amelungentochter?«
+</p>
+
+<p>
+Stolz schlug das Mädchen die Augen auf:
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit
+nicht. Ja, ich liebe.«
+</p>
+
+<p>
+»Und wen, Unselige?«
+</p>
+
+<p>
+»Das wird mir kein Gott entreißen.«
+</p>
+
+<p>
+Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha
+keinen Versuch machte, es zu erfahren.
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich
+Wesen. So fordere ich das Ungewöhnliche von dir: dein
+alles dem Höchsten zu opfern.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum.
+Er ist mein Höchstes. Ihm will ich alles opfern.«
+</p>
+
+<p>
+»Mataswintha,« sprach die Regentin, »wie unköniglich!
+Sieh, dich hat Gott vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit
+des Leibes und der Seele: du bist zur Königin geboren.«
+</p>
+
+<p>
+»Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen
+mich alle um meine Weibesschönheit: wohlan: ich hab’
+mir’s vorgesteckt, liebend und geliebt, beglückend und beglückt,
+ein Weib zu sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!«
+</p>
+
+<p>
+»Mein ganzer. O wär’ es auch der deine gewesen!«
+</p>
+
+<pb n='304'/><anchor id='Pg304'/>
+
+<p>
+»Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die
+Krone nichts? Und nichts dein Volk, die Goten?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Mutter,« sagte Mataswintha ernst: »es schmerzt
+mich beinahe, es beschämt mich: aber ich kann mich nicht
+zwingen zu dem, was ich nicht fühle: ich empfinde nichts
+bei dem Worte »Goten«: vielleicht ist es nicht meine
+Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese
+Barbaren gering geschätzt: das waren die ersten Eindrücke:
+sie sind geblieben. Und ich hasse diese Krone, dieses
+Gotenreich: es hat in deiner Brust dem Vater, dem Bruder,
+mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts
+ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte,
+feindliche Macht.«
+</p>
+
+<p>
+»O mein Kind, weh’ mir, wenn ich das verschuldet
+hätte! Und thust du’s nicht um des Reiches, o thu’s um
+meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die
+Wölsungen. Thu’s um meiner Liebe willen.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie faßte ihre Hand. –
+</p>
+
+<p>
+Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter,
+entweihe den höchsten Namen nicht. Deine Liebe! Du
+hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den Bruder, nicht
+den Vater.«
+</p>
+
+<p>
+»Mein Kind! Was hätt’ ich geliebt, wenn nicht euch!«
+</p>
+
+<p>
+»Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft.
+Wie oft hast du mich von dir gestoßen vor Athalarichs
+Geburt, weil ich ein Mädchen war und du einen Thronerben
+wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an –«
+</p>
+
+<p>
+»Laß ab,« winkte Amalaswintha.
+</p>
+
+<p>
+»Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr
+sein Recht auf den Thron? O wie oft haben wir armen
+Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und die
+Königin fanden.«
+</p>
+
+<pb n='305'/><anchor id='Pg305'/>
+
+<p>
+»Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer
+bringen sollst.«
+</p>
+
+<p>
+»Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner
+Krone, deiner Herrschaft. Leg’ diese Krone ab und du
+bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir und uns allen
+kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht:
+dir wollt’ ich alles opfern – nur dein Thron, nur der
+goldne Reif des Gotenreichs, der Götze deines Herzens,
+der Fluch meines Lebens: nie werd’ ich dieser Krone meine
+Liebe opfern, nie, nie, nie!«
+</p>
+
+<p>
+Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als
+wollte sie die Liebe darin beschirmen.
+</p>
+
+<p>
+»Ah,« sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses
+Kind! Du gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk,
+für die Krone deiner großen Ahnen – du gehorchst nicht
+freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses
+– wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die
+Liebe ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt
+du mit deinem Gefolge Ravenna.
+</p>
+
+<p>
+Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des
+Herzogs Guntharis: seine Gattin hat dich geladen. Graf
+Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß mich. Die
+Zeit wird dich beugen.«
+</p>
+
+<p>
+»Mich?« sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend:
+»keine Ewigkeit!«
+</p>
+
+<p>
+Schweigend blickte ihr die Königin nach: die Anklagen
+der Tochter hatten einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht
+als sie zeigen wollte. »Herrschsucht?« sagte sie zu
+sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was mich erfüllt.
+Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken konnte,
+darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie
+mein Leben, so meine Krone opfern, verlangte es das Heil
+<pb n='306'/><anchor id='Pg306'/>meines Volks. Könntest du das, Amalaswintha?« fragte
+sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend.
+</p>
+
+<p>
+Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor,
+der langsam und gesenkten Hauptes eintrat.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck
+seiner Züge, »bringst du ein Unglück?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nur eine Frage.«
+</p>
+
+<p>
+»Welche Frage?«
+</p>
+
+<p>
+»Königin,« hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem
+Vater und dir dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig,
+ein Römer den Barbaren, weil ich eure Tugenden ehrte
+und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fähig,
+sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure
+Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient,
+obwohl ich meiner Freunde, Boëthius und Symmachus,
+Blut fließen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber
+sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord. Ich
+mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben
+konnte. Jetzt aber –«
+</p>
+
+<p>
+»Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz.
+</p>
+
+<p>
+»Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin,
+ich darf sagen, meiner Schülerin –«
+</p>
+
+<p>
+»Du darfst es sagen,« sprach Amalaswintha weicher.
+</p>
+
+<p>
+»Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach
+schlichtes Wort, ein Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja
+sprechen – ich flehe zu Gott, daß du es könnest – so
+will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise
+Haupt vermag.«
+</p>
+
+<p>
+»Und kann ich’s nicht?«
+</p>
+
+<p>
+»Und könntest du es nicht, o Königin,« rief der Alte
+schmerzlich, »o dann Lebewohl dir und meiner letzten Freude
+an dieser Welt.«
+</p>
+
+<p>
+»Und was hast du zu fragen?«
+</p>
+
+<pb n='307'/><anchor id='Pg307'/>
+
+<p>
+»Amalaswintha, du weißt ich war fern an der Nordgrenze
+des Reichs, als hier der Aufstand losbrach, als jene
+furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich erhob. Ich
+glaubte nichts – ich flog hierher von Tridentum. – Seit
+zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen
+Goten spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer
+aufs Herz fällt. Und auch du bist verwandelt, ungleich,
+unstet, unruhig – und doch will ich’s nicht glauben. –
+Ein treues Wort von dir soll all’ diese Nebel zerstreuen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wozu die vielen Reden,« rief sie, auf die Armlehne
+des Thrones sich stützend, »sage kurz, was hast du zu
+fragen?«
+</p>
+
+<p>
+»Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an
+dem Tode der drei Herzoge?«
+</p>
+
+<p>
+»Und wenn ich es nicht wäre, – haben sie nicht reichlich
+den Tod verdient?«
+</p>
+
+<p>
+»Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.«
+</p>
+
+<p>
+»Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den
+gotischen Rebellen!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich beschwöre dich,« rief der Greis auf die Kniee
+fallend, »Tochter Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.«
+</p>
+
+<p>
+»Steh auf,« sprach sie finster sich abwendend, »du hast
+kein Recht, so zu fragen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sagte der Alte ruhig aufstehend, »nein, jetzt
+nicht mehr. Denn von diesem Augenblick an gehör’ ich
+der Welt nicht mehr an.«
+</p>
+
+<p>
+»Cassiodor!« rief die Königin erschrocken.
+</p>
+
+<p>
+»Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser
+Königsburg: du findest darin alle Geschenke, die ich von
+dir und Theoderich erhalten, die Urkunden meiner Würden,
+die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohin, mein alter Freund, wohin?«
+</p>
+
+<p>
+»In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in
+<pb n='308'/><anchor id='Pg308'/>Apulien. Fortan werd’ ich, fern den Werken der Könige,
+nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: längst verlangt
+meine Seele nach Frieden, und jetzt hab’ ich auf Erden
+nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir
+scheidend geben: lege das Scepter aus der blutbefleckten
+Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur Fluch
+kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele,
+Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.«
+</p>
+
+<p>
+Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er
+verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem
+Vorhang trat ihr Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Königin,« sagte er rasch und leise, »bleib’ und höre
+mich. Es gilt ein dringendes Wort. Man folgt mir auf
+dem Fuß.«
+</p>
+
+<p>
+»Wer folgt dir?«
+</p>
+
+<p>
+»Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich.
+Täusche dich nicht länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen
+sich: du hältst sie nicht mehr auf, so rette für dich
+was zu retten ist: ich wiederhole meinen Vorschlag.«
+</p>
+
+<p>
+»Welchen Vorschlag?«
+</p>
+
+<p>
+»Den von gestern.«
+</p>
+
+<p>
+»Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde
+diese Beleidigung deinem Herrn, dem Kaiser, melden und
+ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich nicht
+mehr.«
+</p>
+
+<p>
+»Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der
+nächste Gesandte Justinians heißt Belisar und kömmt mit
+einem Heere.«
+</p>
+
+<p>
+»Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme
+meine Bitte zurück.«
+</p>
+
+<p>
+»Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien.
+<pb n='309'/><anchor id='Pg309'/>Den Vorschlag, den ich dir gestern als meinen Gedanken
+mitteilte, hast du als solchen verworfen. Vernimm: nicht ich,
+der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als
+letztes Zeichen seiner Huld.«
+</p>
+
+<p>
+»Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich
+und mein Reich verderben!« rief Amalaswintha, der es
+schrecklich tagte.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen
+will er dies Italien, die Wiege des römischen Reichs:
+dieser unnatürliche, unmögliche Staat der Goten, er ist
+gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden
+Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die
+Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du
+Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars
+Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten entwaffnet
+über die Alpen geführt werden.«
+</p>
+
+<p>
+»Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich?
+Zu spät erkenne ich eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an
+und ihr wollt mich verderben.«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht dich, nur die Barbaren.«
+</p>
+
+<p>
+»Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen
+Freunde: ich erkenne es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod
+und Leben.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber sie steh’n nicht mehr zu dir.«
+</p>
+
+<p>
+»Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem
+Hof.«
+</p>
+
+<p>
+»Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur
+unter jener Bedingung bürg’ ich für dein Leben.«
+</p>
+
+<p>
+»Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.«
+</p>
+
+<p>
+»Schwerlich. Zum letztenmal frag’ ich dich –«
+</p>
+
+<p>
+»Schweig. Ich lief’re die Krone nicht ohne Kampf an
+Justinian.«
+</p>
+
+<pb n='310'/><anchor id='Pg310'/>
+
+<p>
+»Wohlan,« sagte Petros zu sich selbst, »so muß es ein
+andrer thun. – Tretet ein, ihr Freunde,« rief er hinaus. –
+Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten
+Armen Cethegus.
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?« flüsterte
+Petros. –
+</p>
+
+<p>
+Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht.
+</p>
+
+<p>
+»Ich ließ sie vor dem Palast. Die beiden Weiber
+hassen sich zu grimmig. Ihre Leidenschaft würde alles
+verderben.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom,«
+sprach Amalaswintha finster und von ihm zurückweichend.
+</p>
+
+<p>
+»Diesmal vielleicht doch,« flüsterte Cethegus auf sie
+zuschreitend. »Du hast die Vorschläge von Byzanz verworfen?
+Das erwartete ich von dir. Entlaß den falschen
+Griechen.«
+</p>
+
+<p>
+Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach.
+</p>
+
+<p>
+»Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht
+mehr!«
+</p>
+
+<p>
+»Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut
+und du siehst den Erfolg.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich sehe ihn,« sagte sie schmerzlich.
+</p>
+
+<p>
+»Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht
+darin: ich liebe Italien und Rom mehr als deine Goten:
+du wirst dich erinnern, ich habe dir dies niemals verhehlt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es und kann es nicht tadeln.«
+</p>
+
+<p>
+»Am liebsten säh’ ich Italien frei. Muß es dienen,
+so dien’ es nicht dem tyrannischen Byzanz, sondern euch,
+der milden Hand der Goten. Das war von je mein Gedanke,
+das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten,
+will ich dein Reich erhalten: aber offen sag’ ich dir, du,
+<pb n='311'/><anchor id='Pg311'/>deine Herrschaft läßt sich nicht mehr stützen. Rufst du
+zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir die Goten nicht
+mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.«
+</p>
+
+<p>
+»Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern
+und von meinem Volk?«
+</p>
+
+<p>
+»Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in
+der Hand des Kaisers Justinian. Du selbst hast zuerst
+seine Waffen ins Land gerufen, eine Leibwache von
+Byzanz!«
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha erbleichte: »Du weißt –«
+</p>
+
+<p>
+»Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen
+in den Katakomben: Petros hat ihnen den
+Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.«
+</p>
+
+<p>
+»So bleiben mir meine Goten.«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht mehr. Nicht bloß der ganze Anhang der Balten
+steht dir nach dem Leben: – die Verschworenen von
+Rom haben im Zorn über dich beschlossen, sowie der
+Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, daß dein Name
+an ihrer Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk.
+Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in meiner
+Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.«
+</p>
+
+<p>
+»Ungetreuer!«
+</p>
+
+<p>
+»Wie konnte ich wissen, daß du hinter meinem Rücken
+mit Byzanz verkehrst und dadurch meine Freunde dir verfeindest?
+Du siehst: Byzanz, Goten, Italier, alles steht
+gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter
+deiner Führung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren
+spalten, niemand dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor
+Belisar erliegen. Amalaswintha, es gilt ein Opfer: ich
+fordre es von dir im Namen Italiens, deines und meines
+Volks.«
+</p>
+
+<p>
+»Welches Opfer? ich bringe jedes.«
+</p>
+
+<p>
+»Das höchste: deine Krone. Übergieb sie einem Mann
+<pb n='312'/><anchor id='Pg312'/>der Goten und Italier gegen Byzanz zu vereinen vermag
+und rette dein Volk und meines.«
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha sah ihn forschend an: es kämpfte und
+rang in ihrer Brust. »Meine Krone! sie war mir sehr
+teuer.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe Amalaswinthen stets jedes höchsten Opfers
+fähig gehalten.«
+</p>
+
+<p>
+»Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!«
+</p>
+
+<p>
+»Wenn der dir süß wäre, dürftest du zweifeln. Wenn
+ich deinem Stolze schmeichelte, dürftest du mißtrauen: aber
+ich rate dir die bittre Arznei der Entsagung. Ich wende
+mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: laß mich
+nicht zu Schanden werden.«
+</p>
+
+<p>
+»Dein letzter Rat war ein Verbrechen,« sagte Amalaswintha
+schaudernd.
+</p>
+
+<p>
+»Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang
+er zu halten war, solang er Italien nützte: jetzt schadet
+er Italien und ich verlange, daß du dein Volk mehr liebst
+als dein Scepter.«
+</p>
+
+<p>
+»Bei Gott! du irrst darin nicht: für mein Volk hab’
+ich mich nicht gescheut, fremdes Leben zu opfern,« – sie
+verweilte gern bei diesem Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte,
+– »ich werde mich nicht weigern, jetzt – aber
+wer soll mein Nachfolger werden?«
+</p>
+
+<p>
+»Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte der
+Amaler.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie? Theodahad, der Schwächling?«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden
+werden ihm gehorchen, dem Neffen Theoderichs, wenn du
+ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine römische
+Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie
+beistehen: einen König nach des alten Hildebrand, nach
+Tejas Herzen würden sie hassen und fürchten.«
+</p>
+
+<pb n='313'/><anchor id='Pg313'/>
+
+<p>
+»Und mit Recht;« sagte die Regentin sinnend: »aber
+Gothelindis Königin!«
+</p>
+
+<p>
+Da trat Cethegus ihr näher und sah ihr scharf ins
+Auge: »So klein ist Amalaswintha nicht, daß sie kläglicher
+Weiberfeindschaft gedenkt, wo es edler Entschlüsse bedarf.
+Du erschienst mir von jeher größer als dein Geschlecht.
+Beweis’ es jetzt. Entscheide dich!«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht jetzt,« sprach Amalaswintha, »meine Stirne
+glüht, und verwirrend pocht mein Herz. Laß mir diese
+Nacht, mich zu fassen. Du hast mir Entsagung zugetraut:
+ich danke dir. Morgen die Entscheidung.«
+</p>
+
+<pb n='314'/><anchor id='Pg314'/>
+
+</div></div><div n="4" type="buch" rend="page-break-before: right">
+<pb n='315'/><anchor id='Pg315'/>
+ <index index="toc" level1="Viertes Buch. Theodahad."/><index index="pdf" level1="Viertes Buch. Theodahad."/>
+<head type="sub">Viertes Buch.</head>
+
+<head>Theodahad.</head>
+<epigraph><p>
+ »Nachbarn zu haben schien Theodahad
+ <lb/>eine Art von Unglück.«
+</p>
+<p rend="text-align: right">
+ Prokop, Gotenkrieg I. 3.
+</p></epigraph>
+
+<pb n='316'/><anchor id='Pg316'/>
+
+<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right">
+<pb n='317'/><anchor id='Pg317'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Erstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem
+staunenden Ravenna, daß die Tochter Theoderichs zu
+Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone verzichtet
+und daß dieser, der letzte Mannessproß der Amelungen,
+den Thron bestiegen habe. Italier und Goten wurden
+aufgefordert, dem neuen Herrscher den Eid der Treue zu
+schwören.
+</p>
+
+<p>
+So hatte Cethegus richtig gerechnet.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch
+manche Thorheit, ja durch blut’ge Schuld schwer belastet:
+edle Naturen suchen Erleichterung und Buße in Opfer und
+Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors Anklagen
+war ihr Herz mächtig bewegt worden und der Präfekt
+hatte sie in günstiger Stimmung für seinen Rat gefunden.
+Weil er so bitter war, befolgte sie ihn: ja sie hatte, um
+ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu sühnen, sich noch
+weitere Demütigungen vorgesteckt.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel.
+</p>
+
+<p>
+Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung
+keineswegs vorbereitet und wurden von Cethegus auf gelegnere
+Zeit vertröstet. Auch war der neue König als
+Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.
+</p>
+
+<p>
+Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den
+Tausch gefallen lassen zu wollen. Fürst Theodahad war
+allerdings ein Mann – das empfahl ihn gegenüber
+<pb n='318'/><anchor id='Pg318'/>Amalaswinthen – und ein Amaler: das wog schwer zu
+seinen Gunsten gegenüber jedem andern Bewerber um die
+Krone.
+</p>
+
+<p>
+Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs
+hoch angesehen. Unkriegerisch und feige, verweichlicht
+an Leib und Seele hatte er keine der Eigenschaften, welche
+die Germanen von ihren Königen forderten. Nur Eine
+Leidenschaft erfüllte seine Seele: Habsucht, unersättliche
+Goldgier. Reich begütert in Tuscien lebte er mit allen
+seinen Nachbarn in ewigen Prozessen: mit List und Gewalt
+und dem Schwergewicht seiner königlichen Geburt
+wußte er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen
+und die Ländereien weit in der Runde an sich zu reißen:
+»denn – sagt ein Zeitgenosse – Nachbarn zu haben
+schien dem Theodahad eine Art von Unglück«.
+</p>
+
+<p>
+Dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig
+von der bösartigen, aber kräftigen Natur seines Weibes.
+</p>
+
+<p>
+Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter
+den Goten nicht gern auf dem Throne Theoderichs. Und
+kaum war das Manifest Amalaswinthens bekannt geworden,
+als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna
+angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister
+und den Grafen Witichis zu sich beschied und sie aufforderte,
+die Unzufriedenheit des Volkes zu steigern, zu
+leiten und einen Würdigern an Theodahads Stelle zu setzen.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr wißt,« schloß er seine Worte, »wie günstig die
+Stimmung im Volke. Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel
+haben wir unablässig geschürt unter den Goten
+und Großes ist schon gelungen: des edeln Athalarich Aufschwung,
+der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurückholen
+Amalaswinthens, wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die
+günstige Gelegenheit. Soll an des Weibes Stelle treten
+ein Mann, der schwächer als ein Weib? Haben wir
+<pb n='319'/><anchor id='Pg319'/>keinen Würdigern mehr als Theodahad im Volk der
+Goten?«
+</p>
+
+<p>
+»Recht hat er, beim Donner und Strahl,« rief Hildebad.
+»Fort mit diesen verwelkten Amalern! Einen
+Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los nach allen
+Seiten. Fort mit dem Amaler!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend,
+»noch nicht! Vielleicht, daß es noch einmal so kommen
+muß: aber nicht früher darf es geschehen als es muß.
+Der Anhang der Amaler ist groß im Volk: nur mit Gewalt
+würde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die
+Macht der Krone sich entwinden lassen: sie würden stark
+genug sein, wenn nicht zum Siege, doch zum Kampf.
+</p>
+
+<p>
+Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich,
+nur die Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die
+ist noch nicht da. Theodahad mag sich bewähren: er ist
+schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich unfähig
+erwiesen, so ist’s noch immer Zeit.«
+</p>
+
+<p>
+»Wer weiß, ob dann noch Zeit ist,« warnte Teja.
+</p>
+
+<p>
+»Was rätst du, Alter?« fragte Hildebad, auf welchen
+die Gründe des Grafen Witichis nicht ohne Wirkung
+blieben.
+</p>
+
+<p>
+»Brüder,« sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart
+streichend, »ihr habt die Wahl, darum die Qual. Mir
+sind beide erspart: ich bin gebunden. Die alten Gefolgen
+des großen Königs haben einen Eid gethan, solang
+sein Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.«
+</p>
+
+<p>
+»Welch thörichter Eid!« rief Hildebad.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin alt und nenn’ ihn nicht thöricht. Ich weiß,
+welcher Segen auf der festen, heiligen Ordnung des Erbgangs
+ruht. Und die Amaler sind Söhne der Götter,«
+schloß er geheimnisvoll.
+</p>
+
+<pb n='320'/><anchor id='Pg320'/>
+
+<p>
+»Ein schöner Göttersohn, Theodahad!« lachte Hildebad.
+</p>
+
+<p>
+»Schweig,« rief zornig der Alte, »das begreift ihr
+nicht mehr, ihr neuen Menschen. Ihr wollt alles fassen
+und verstehen mit eurem kläglichen Verstand. Das Rätsel,
+das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute
+liegt – dafür habt ihr den Sinn verloren. Darum
+schweig’ ich von solchen Dingen zu euch.
+</p>
+
+<p>
+Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen
+bald hundert Jahren. Thut ihr, was ihr wollt, ich thue,
+was ich muß.«
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« sprach Graf Teja nachgebend, »auf euer Haupt
+die Schuld. Aber wenn dieser letzte Amaler dahin ...« –
+</p>
+
+<p>
+»Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht,« schloß Witichis, »ist es ein Glück, daß
+auch uns dein Eid die Wahl erspart: denn gewiß wollen
+wir keinen Herrscher, den du nicht anerkennen könntest.
+Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen
+wir diesen König – solang er zu tragen ist.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber keine Stunde länger,« sagte Teja und ging
+zürnend hinaus.
+</p>
+</div><div n="2" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zweites Kapitel.</head>
+
+<p>
+Am nämlichen Tage noch wurden Theodahad und
+Gothelindis mit der alten Krone der Gotenkönige gekrönt.
+</p>
+
+<p>
+Ein reiches Festmahl, besucht von allen römischen und
+gotischen Großen des Hofes und der Stadt, belebte den
+weiten Palast Theoderichs und den sonst so stillen Garten,
+den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas
+Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht währte das
+lärmende Gelage. Der neue König, kein Freund der
+<pb n='321'/><anchor id='Pg321'/>Becher und barbarischer Festfreuden, hatte sich frühe zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz
+ihrer jungen Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem
+Purpursitz, die goldne Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie
+schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe, die ihren und
+ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz
+dabei nur Eine Freude: den Gedanken, daß dieser Jubel
+hinunterdringen müsse bis in die Königsgruft, wo Amalaswintha,
+die verhaßte, besiegte Feindin, am Sarkophage
+ihres Sohnes trauerte.
+</p>
+
+<p>
+Unter der Menge von jenen Gästen, die immer fröhlich
+sind, wenn sie bei vollen Bechern sitzen, war doch auch so
+manches ernstere Gesicht zu bemerken: mancher Römer,
+der auf dem leeren Thron da oben lieber den Kaiser
+gesehen hätte: so mancher Gote, der in der gefährlichen
+Lage des Reiches einem König wie Theodahad nicht ohne
+Sorge huldigen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Zu letzteren zählte Witichis, dessen Gedanken nicht
+unter dem kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu
+weilen schienen. Unberührt stand die goldne Schale vor
+ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der ihm gegenüber
+saß, achtete er kaum. Endlich – schon leuchteten
+längst im Saale die Lampen und am Himmel die Sterne
+– stand er auf und ging hinaus in das grüne Dunkel
+des Gartens.
+</p>
+
+<p>
+Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin:
+sein Auge hing an den funkelnden Sternen. Sein Herz
+war daheim bei seinem Weibe, bei seinem Knaben, die er
+monatelang nicht mehr gesehen. So führte ihn sein sinnendes
+Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht,
+die wir kennen. Er sah hinaus nach der flimmernden
+See – da blitzte etwas dicht vor seinen Füßen im schwachen
+<pb n='322'/><anchor id='Pg322'/>Mondlicht: es war eine Rüstung, daneben die kleine,
+gotische Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase
+und ein bleiches Antlitz hob sich ihm entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, ich war bei den Toten.«
+</p>
+
+<p>
+»Auch mein Herz weiß nichts von diesen Festen: es
+war daheim bei Weib und Kind,« sagte Witichis, sich zu
+ihm niedersetzend.
+</p>
+
+<p>
+»Bei Weib und Kind,« wiederholte Teja seufzend.
+</p>
+
+<p>
+»Viele fragten nach dir, Teja.«
+</p>
+
+<p>
+»Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir
+die Ehre nahm, und neben Theodahad, der mir mein
+Erbe nahm?«
+</p>
+
+<p>
+»Dein Erbe nahm?«
+</p>
+
+<p>
+»Wenigstens besitzt er’s. Und über den Ort, wo meine
+Wiege stand, ging seine Pflugschar.«
+</p>
+
+<p>
+Und schweigend sah er lange vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+»Dein Harfenspiel – es schweigt? Man rühmt dich
+unsres Volkes besten Harfenschläger und Sänger!«
+</p>
+
+<p>
+»Wie Gelimer, der letzte König der Vandalen, seines
+Volkes bester Harfenschläger war. – – Aber mich würden
+sie nicht im Triumph einführen nach Byzanz!«
+</p>
+
+<p>
+»Du singst nicht oft mehr?«
+</p>
+
+<p>
+»Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen,
+da ich wieder singen werde.«
+</p>
+
+<p>
+»Tage der Freude?«
+</p>
+
+<p>
+»Tage der höchsten, der letzten Trauer.«
+</p>
+
+<p>
+Lange schwiegen beide. –
+</p>
+
+<p>
+»Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen
+Nöten von Krieg und Frieden hab’ ich dich erfunden treu,
+wie mein Schwert. Und obwohl du soviel jünger als ich
+und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling verbindet,
+kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und
+<pb n='323'/><anchor id='Pg323'/>ich weiß, daß auch dein Herz mehr an mir hängt als an
+deinen Jugendgenossen.«
+</p>
+
+<p>
+Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und
+ehrest meine Art, auch wo du sie nicht verstehst. Die
+andern –! und doch: den einen hab’ ich sehr lieb.«
+</p>
+
+<p>
+»Wen?«
+</p>
+
+<p>
+»Den alle lieb haben.«
+</p>
+
+<p>
+»Totila!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich hab’ ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern.
+Aber er ist so hell: er kann’s nicht fassen, daß andere
+dunkel sind und bleiben müssen.«
+</p>
+
+<p>
+»Bleiben müssen! Warum? Du weißt, Neugier ist
+meine Sache nicht. Und wenn ich dich in dieser ernsten
+Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir und deiner
+finstern Trauer liegt, so bitt’ ich’s nur, weil ich dir helfen
+möchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als
+das eigene.«
+</p>
+
+<p>
+»Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder
+auferwecken? Mein Schmerz ist unwiderruflich wie die
+Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den unbarmherzigen
+Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es,
+blind und taub für das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser
+Gewalt alles vor sich nieder tritt, ja, wie es das
+Edle, weil es zart ist, leichter und lieber zermalmt, als das
+Gemeine, wer erkannt hat, daß eine dumpfe Notwendigkeit,
+welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die
+Welt und das Leben der Menschen beherrscht, der ist hinaus
+über Hilfe und Trost: er hört ewig, wenn er es einmal
+erlauscht, mit dem leisen Gehör der Verzweiflung den
+immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades im Mittelpunkt
+der Welt, das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben
+zeugt und Leben tötet. Wer das einmal empfunden und
+<pb n='324'/><anchor id='Pg324'/>erlebt, der entsagt einmal und für immer und allem:
+nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich – die
+Kunst des Lächelns hat er auch vergessen auf immerdar.«
+</p>
+
+<p>
+»Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn!
+Wie kamst du so jung zu so fürchterlicher Weisheit?«
+</p>
+
+<p>
+»Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die
+Wahrheit nicht, erleben mußt du sie. Und nur, wenn du
+des Mannes Leben kennst, begreifst du, was er denkt und
+wie er denkt. Und auf daß ich dir nicht länger erscheine
+wie ein irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern
+in seinen Schmerzen wiegt, – und damit ich dein Vertrauen
+und deine schöne Freundschaft ehre, vernimm, –
+höre ein kleines Stück meines Grams. Das größere, das
+unendlich größere behalt’ ich noch für mich,« sagte er
+schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend, – »es
+kömmt wohl noch die Stunde auch für dies. Vernimm
+heute nur, wie über meinem Haupte der Stern des Unheils
+schon leuchtete, da ich gezeugt ward. – Und von all den
+tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu.
+Du warst dabei – du erinnerst dich – wie der falsche
+Präfekt mich laut vor allen einen Bastard schalt und mir
+den Zweikampf weigerte: – ich mußte es dulden: ich
+bin noch schlimmeres als ein Bastard. – –
+</p>
+
+<p>
+Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld,
+aber kein Adaling, gemeinfrei und arm. Er liebte, schon
+seit der Bart ihm sproßte, Gisa, seines Vaterbruders
+Tochter. Sie lebten draußen, weit an der äußersten Ostgrenze
+des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets
+im Kampfe liegt mit den Gepiden und den wilden räuberischen
+Sarmaten und wenig Zeit hat, an die Kirche zu
+denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien
+erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimführen:
+er hatte nichts als Helm und Speer und konnte
+<pb n='325'/><anchor id='Pg325'/>ihrem Mundwalt den Malschatz nicht zahlen und einem
+Weibe keinen Herd bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen
+Sarmatenkönig eroberte er dessen festen Schatzturm an der
+Alutha: und die reichen Schätze, welche die Sarmaten seit
+Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft,
+wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn
+Theoderich zum Grafen und rief ihn nach Italien. Mein
+Vater nahm seine Schätze und Gisa, jetzt sein Weib, mit
+sich über die Alpen und kaufte sich weite schöne Güter in
+Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange
+währte sein Glück.
+</p>
+
+<p>
+Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein
+feiger Schurke, meine Eltern wegen Blutschande beim Bischof
+von Florentia. Sie waren katholisch – nicht Arianer –
+und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem
+Recht der Kirche – und die Kirche gebot ihnen, sich zu
+trennen.
+</p>
+
+<p>
+Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte
+des Gebots. Aber der geheime Ankläger ruhte nicht –«
+</p>
+
+<p>
+– »Wer war der Neiding?«
+</p>
+
+<p>
+»O wenn ich es wüßte, ich wollte ihn erreichen und
+thronte er in allen Schrecken des Vesuvius! Er ruhte
+nicht. Unablässig bedrängten die Priester meine arme
+Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
+</p>
+
+<p>
+Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten
+und trotzte dem Bischof und seinen Sendboten. Und mein
+Vater, wenn er einen der Pfaffen in seinem Gehöfte traf,
+begrüßte ihn, daß er nicht wieder kam.
+</p>
+
+<p>
+Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen
+Gottes sprechen! Eine letzte Frist ward den Ungehorsamen
+gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht getrennt, so sollten
+sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche.
+</p>
+
+<pb n='326'/><anchor id='Pg326'/>
+
+<p>
+Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs,
+Aufhebung des grausamen Spruches zu erflehen. Aber die
+Satzung des Konzils sprach zu klar und Theoderich konnte
+es nicht wagen, das Recht der katholischen Kirche zu
+kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit
+Gisa zu flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein
+Haus gestanden: der Termin war abgelaufen, und die
+Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein Weib, sein Kind
+verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen.
+Endlich entdeckte er, als Priester verkleidet, seine Gisa in
+einem Kloster zu Ticinum: ihren Knaben hatte man ihr
+entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater bereitet
+mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht
+über die Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen
+fehlt die Büßerin bei der Hora: man vermißt sie, ihre
+Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren des
+Rosses, – sie werden eingeholt: grimmig fechtend fällt
+mein Vater: meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht.
+Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes
+und die Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele,
+daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine
+Eltern!«
+</p>
+
+<p>
+»Und du?«
+</p>
+
+<p>
+»Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein
+Waffenfreund meines Großvaters und Vaters: – er entriß
+mich, mit des Königs Beistand, den Priestern und ließ
+mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Und dein Gut, dein Erbe?«
+</p>
+
+<p>
+»Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad
+überließ: er war meines Vaters Nachbar, er ist jetzt
+mein König!«
+</p>
+
+<p>
+»Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später?
+<pb n='327'/><anchor id='Pg327'/>Man weiß nur dunkles Gerede – du warst einmal in
+Griechenland gefangen ... –«
+</p>
+
+<p>
+Teja stand auf. »Davon laß mich schweigen; vielleicht
+ein andermal.
+</p>
+
+<p>
+Ich war Thor genug, auch einmal an Glück zu glauben
+und an eines liebenden Gottes Güte. Ich hab’ es
+schwer gebüßt. Ich will’s nie wieder thun. Leb wohl,
+Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie
+andre.«
+</p>
+
+<p>
+Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln
+Laubgang verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann
+blickte er gen Himmel, in den hellen Sternen eine Widerlegung
+der finstern Gedanken zu finden, die des Freundes
+Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll
+Frieden und Klarheit. Aber während des Gesprächs war
+Nebelgewölk rasch aus den Lagunen aufgestiegen und hatte
+den Himmel überzogen: es war finster ringsum.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in
+ernstem Sinnen sein einsames Lager.
+</p>
+</div><div n="3" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Drittes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Während unten in den Hallen des Palatiums Italier
+und Goten tafelten und zechten, ahnten sie nicht, daß über
+ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine Verhandlung
+gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches
+Schicksale entscheiden sollte.
+</p>
+
+<p>
+Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von
+Byzanz nachgefolgt und lange und geheim sprachen und
+<pb n='328'/><anchor id='Pg328'/>schrieben die beiden miteinander. Endlich schienen sie handelseinig
+geworden und Petros wollte anheben, nochmal
+vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet.
+Aber der König unterbrach ihn. »Halt,« flüsterte der kleine
+Mann, der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu
+gehen drohte, »halt – noch eins!«
+</p>
+
+<p>
+Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich
+durch das Gemach und hob den Vorhang, ob niemand
+lausche.
+</p>
+
+<p>
+Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner
+leise am Gewand.
+</p>
+
+<p>
+Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd
+auf den gelben vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes,
+der die kleinen Augen zusammenkniff: »Noch dies.
+Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen, –
+auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig,
+einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich
+zu machen.« – »Daran hab’ ich bereits gedacht,« nickte Petros.
+»Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister, der
+grobe Hildebad, der nüchterne Witichis« –
+</p>
+
+<p>
+»Du kennst deine Leute gut,« grinste Theodahad, »du
+hast dich tüchtig umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins
+Ohr, »einer, den du nicht genannt hast, einer vor allen
+muß fort.«
+</p>
+
+<p>
+»Der ist?«
+</p>
+
+<p>
+»Graf Teja, des Tagila Sohn.«
+</p>
+
+<p>
+»Ist der melancholische Träumer so gefährlich?«
+</p>
+
+<p>
+»Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher
+Feind! schon von seinem Vater her.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie kam das?«
+</p>
+
+<p>
+»Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte
+seine Äcker haben – umsonst drang ich in ihn. Ha,«
+lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein. Die
+<pb n='329'/><anchor id='Pg329'/>heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm
+sein Gut dabei und ließ mir’s – billig – ab. Ich hatte
+einiges Verdienst um die Kirche in dem Prozeß – dein
+Freund, der Bischof von Florentia kann dir’s genau erzählen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar
+seine Äcker nicht in Güte! Weiß Teja –?«
+</p>
+
+<p>
+»Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb,
+weil ich sein Erbgut – kaufte. Er wirft mir finstere
+Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist der Mann,
+seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.«
+</p>
+
+<p>
+»So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun,
+genug von ihm: er soll nicht schaden. Laß dir jetzt nochmal
+den ganzen Vertrag Punkt für Punkt vorlesen; dann
+unterzeichne.
+</p>
+
+<p>
+Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft
+über Italien und die zugehörigen Inseln und Provinzen
+des Gotenreichs: nämlich Dalmatien, Liburnien, Istrien,
+das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den
+gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian
+und seiner Nachfolger auf dem Throne von Byzanz.
+Er verspricht, Ravenna, Rom, Neapolis und alle festen
+Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen.«
+</p>
+
+<p>
+Theodahad nickte.
+</p>
+
+<p>
+»Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln
+dahin wirken, daß das ganze Heer der Goten entwaffnet
+und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt werde.
+Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen
+Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach
+Byzanz zu gehen. Der König wird dafür sorgen, daß
+jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muß.
+</p>
+
+<p>
+Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König
+Theodahad und seiner Gemahlin den Königstitel und die
+königlichen Ehren auf Lebenszeit, und viertens« –
+</p>
+
+<pb n='330'/><anchor id='Pg330'/>
+
+<p>
+Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen
+lesen,« unterbrach Theodahad, nach der Urkunde langend.
+»Viertens beläßt der Kaiser dem König der Goten nicht
+nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein Privateigentum
+bezeichnen wird, sondern auch den ganzen
+Königsschatz der Goten, der allein an geprägtem Gold auf
+vierzigtausend Pfunde geschätzt ist. Er übergiebt ihm
+ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis
+Cäre, von Populonia bis Clusium und endlich überweist
+er an Theodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen
+Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmäßigen
+Herrn zurückerworbenen Reiches. – Sage, Petros, meinst
+du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?« – –
+</p>
+
+<p>
+»Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie
+dir Justinian gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die
+äußersten, meiner Vollmacht überschritten.«
+</p>
+
+<p>
+»Fordern wollen wir’s doch immerhin,« meinte der
+König, die Zahl ändernd. »Dann muß Justinian herunter
+markten oder dafür andre Vorteile gewähren.«
+</p>
+
+<p>
+Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches
+Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+»Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber
+hier verrechnest du dich doch,« sagte er zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>
+Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang
+heran und eintrat ins Gemach in langem schwarzem
+Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen besätem
+Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler
+Haltung, eine Königin trotz der verlornen Krone: überwältigende
+Hoheit der Trauer sprach aus den bleichen
+Zügen.
+</p>
+
+<p>
+»König der Goten,« hob sie an, »vergieb, wenn an
+deinem Freudenfeste ein dunkler Schatte noch einmal auftaucht
+von der Welt der Toten. Es ist zum letztenmal.«
+</p>
+
+<pb n='331'/><anchor id='Pg331'/>
+
+<p>
+Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen.
+</p>
+
+<p>
+»Königin,« – stammelte Theodahad.
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr331"/><corr sic="»Königin!«">»Königin!</corr> o wär’ ich’s nie gewesen. Ich komme,
+Vetter, von dem Sarge meines edeln Sohnes, wo ich
+Buße gethan für all’ meine Verblendung, und all’ meine
+Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich
+zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.«
+</p>
+
+<p>
+Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden
+Blick.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in
+mitternächtiger Stunde als deinen Vertrauten bei dir finde.
+Es ist kein Heil für einen Fürsten als in seinem Volk:
+zu spät hab’ ich’s erkannt, zu spät für mich, nicht zu spät,
+hoff’ ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist
+ein Schild, der den erdrückt, den er beschirmen soll.«
+</p>
+
+<p>
+»Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.«
+</p>
+
+<p>
+»Thu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort,
+»was dieser von dir fordert. Bewillige nicht du, was ich
+ihm weigerte. Sicilien sollen wir abtreten und dreitausend
+Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege – ich
+wies die Schmach von mir. Ich sehe,« sprach sie, auf das
+Pergament deutend, »du hast schon mit ihm abgeschlossen.
+Tritt zurück, sie werden dich immer täuschen.«
+</p>
+
+<p>
+Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf
+einen mißtrauischen Blick auf Petros.
+</p>
+
+<p>
+Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: »Was willst du
+hier, du Königin von gestern? Willst du dem Beherrscher
+dieses Reiches wehren? Deine Zeit und deine Macht ist
+um.« – »Verlaß uns,« sagte Theodahad, ermutigt. »Ich
+werde thun was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen
+mich von meinen Freunden in Byzanz zu trennen. Sieh
+her, vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein.«
+Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
+</p>
+
+<pb n='332'/><anchor id='Pg332'/>
+
+<p>
+»Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht,
+als Zeugin mit zu unterzeichnen.«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sprach Amalaswintha mit einem drohenden
+Blick auf die beiden Männer, »ich kam noch eben recht,
+euren Plan zu vereiteln. Ich gehe geradeswegs von
+hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens
+bei Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem
+Volk deine Anträge, die Pläne von Byzanz und dieses
+schwachen Fürsten Verrat.«
+</p>
+
+<p>
+»Das wird nicht angehn,« sagte Petros ruhig, »ohne
+dich selbst zu verklagen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all’
+meine Thorheit, all’ meine blutige Schuld und gern den
+Tod erleiden, den ich verdient. Aber warnen, aufschrecken
+soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna
+bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn
+und retten werd’ ich meine Goten durch meinen
+Tod von der Gefahr, in die mein Leben sie gestürzt.«
+Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang
+fand er keine Worte. »Rate, hilf –« stammelte er endlich.
+</p>
+
+<p>
+»Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird
+sich und uns verderben, läßt man sie gewähren. Sie darf
+ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du sorgen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich?« rief Theodahad erschreckt; »ich kann dergleichen
+nicht! Wo ist Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.«
+</p>
+
+<p>
+»Und der Präfekt,« sagte Petros – »sende nach ihnen.«
+</p>
+
+<p>
+Alsbald waren die beiden Genannten von dem <anchor id="corr332"/><corr sic="Festmale">Festmahle</corr>
+herauf beschieden. Petros verständigte sie von den
+Worten der Fürstin, ohne jedoch dem Präfekten den Vertrag
+als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin:
+</p>
+
+<pb n='333'/><anchor id='Pg333'/>
+
+<p>
+»Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre
+Schritte bewachen, sie darf mit keinem Goten in Ravenna
+sprechen – sie darf den Palast nicht verlassen. Das vor
+allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor Amalaswinthens
+Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder.
+»Sie betet laut in ihrer Kammer,« sprach sie verächtlich.
+»Auf, Cethegus, laß uns ihre Gebete vereiteln.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen
+des Eingangs gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt,
+diese Vorgänge schweigend und sinnend mit angehört. Er
+erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse wieder
+mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen.
+Er sah Byzanz immer mehr in den Vordergrund
+dringen: – das durfte nicht weiter angehn.
+</p>
+
+<p>
+»Sprich, Cethegus,« mahnte Gothelindis nochmals, »was
+thut jetzt vor allem Not?«
+</p>
+
+<p>
+»Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem
+Bunde muß der Zweck, der besondere Zweck jedes der
+Verbündeten klar sein: sonst werden sie stets sich durch
+Mißtrau’n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, – ich habe
+den meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie
+euch neulich schon gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser
+Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche: ihr,
+Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen reiche
+Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber –
+ich habe auch meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen?
+Mein schlauer Petros, du würdest doch nicht lange
+mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein Werkzeug
+zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden.
+Also auch ich habe meinen Zweck: all’ eure dreieinige Schlauheit
+würde ihn nie entdecken, weil er zu nahe vor Augen
+liegt. Ich muß ihn euch selbst verraten.
+</p>
+
+<p>
+Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein
+<pb n='334'/><anchor id='Pg334'/>Italien. Drum will er, wie ihr, die Goten fort haben
+aus diesem Land.
+</p>
+
+<p>
+Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus
+unbedingt an ihre Stelle trete: er will nicht die Traufe
+statt des Regens.
+</p>
+
+<p>
+Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner
+– du weißt, mein Petros, wir waren es damals
+beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen und
+ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem
+Herrn, nicht zu melden, ich hab’ es ihm lange selbst geschrieben
+– die Barbaren hinauswerfen, ohne euch herein
+zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe
+nicht entbehren. Doch will ich diese auf das Unvermeidliche
+beschränken. Kein byzantinisch Heer darf diesen Boden
+betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus
+der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr
+ein von den Italiern dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung
+für Justinian: die Segnungen der Feldherrn und
+Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es
+befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz,
+nicht eure Tyrannei.«
+</p>
+
+<p>
+Über Petros’ Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus
+nicht zu bemerken schien; er fuhr fort: »So vernehmt
+meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius liegt mit Flotte
+und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er
+muß heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien
+brauchen. Wenigstens nicht eher als ich ihn rufe. Und
+sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen Befehl zu, so
+scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses
+und ihre Soldatenherrschaft und ich weiß, welch’ milde
+Herren diese Goten sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens:
+sie war eine Mutter meines Volks. Deshalb wählet,
+<pb n='335'/><anchor id='Pg335'/>wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar,
+so steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und
+den Goten: und dann laß sehn, ob ihr uns eine Scholle
+dieses Landes entreißt. Wählt ihr Cethegus, so bricht er
+die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich dem
+Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin.
+Wähle, Petros.«
+</p>
+
+<p>
+»Stolzer Mann,« sprach Gothelindis, »du wagst uns
+Bedingungen zu setzen, uns, deiner Königin?« Und drohend
+erhob sie die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand
+und zog sie ruhig herab. »Laß die Possen, Eintagskönigin.
+Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz. Vergißt du
+deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du
+thronst, solange wir dich halten.« Und mit so ruhiger
+Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib, daß sie
+verstummte. Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Haß.
+</p>
+
+<p>
+»Cethegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen,
+»du hast Recht. Byzanz kann für den Augenblick
+nicht mehr erreichen als deine Hilfe, weil nichts ohne
+sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit uns
+und <anchor id="corr335"/><corr sic="unbedingt?">unbedingt?«</corr>
+</p>
+
+<p>
+»Unbedingt.«
+</p>
+
+<p>
+»Und Amalaswinthen?«
+</p>
+
+<p>
+»Geb’ ich Preis.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.«
+</p>
+
+<p>
+Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den
+Befehl zur Heimkehr an Belisar und reichte sie dem Präfekten:
+»Du magst die Botschaft selbst bestellen.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die
+Tafel in die Brust steckend, »es gilt.«
+</p>
+
+<p>
+»Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte
+Petros.
+</p>
+
+<pb n='336'/><anchor id='Pg336'/>
+
+<p>
+»In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe
+nach Rom. Leb wohl.«
+</p>
+
+<p>
+»Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die
+Tochter Theoderichs verderben?« fragte die Königin mit
+bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer abermals?«
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist gerichtet,« sagte Cethegus, an der Thür sich
+kurz umwendend. »Der Richter geht – der Henker Amt
+hebt an.« Und stolz schritt er hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den
+Byzantiner hatte handeln sehn, mit Entsetzen dessen Hand:
+»Petros,« rief er, »um Gott und aller Heiligen willen,
+was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf
+Belisar und du schickst ihn nach Hause?«
+</p>
+
+<p>
+»Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte
+Gothelindis.
+</p>
+
+<p>
+Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte
+auf seinem Antlitz. »Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist
+er überwunden, der Allüberwinder Cethegus, besiegt von
+dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Theodahad und Gothelindis
+an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um,
+und flüsterte dann: »Vor jenem Brief an Belisar steht ein
+kleiner Punkt: der bedeutet ihm: all das Geschriebene ist
+nicht ernst gemeint, ist nichtig. Ja, ja, man lernt, man
+lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.«
+</p>
+
+</div><div n="4" type="kapitel">
+<pb n='337'/><anchor id='Pg337'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Viertes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit <anchor id="corr337"/><corr sic="Teodahad">Theodahad</corr>
+und Petros verbrachte Amalaswintha in einer Art
+von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft.
+</p>
+
+<p>
+So oft sie ihre Gemächer verließ, so oft sie einbog in
+einen Gang des Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder
+neben sich Gestalten auftauchen, hingleiten, verschwinden zu
+sehen, die ebenso eifrig bedacht schienen, all’ ihre Schritte
+zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen:
+kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht
+niedersteigen.
+</p>
+
+<p>
+Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten
+gleich am Morgen nach dem Krönungsfest in Aufträgen
+des Königs die Stadt verlassen. Das Gefühl, vereinsamt
+und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend
+auf ihrer Seele.
+</p>
+
+<p>
+Schwer und düster hingen am Morgen des dritten
+Tages die herbstlichen Regenwolken auf Ravenna herab,
+als sich Amalaswintha von dem schlummerlosen Lager erhob.
+Unheimlich berührte es sie, daß, als sie an das
+Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem
+Marmorsims aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem
+Flügelschlag langsam über die Gärten dahinflog.
+</p>
+
+<p>
+Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele
+war durch diese Tage von Schmerz, Furcht und Reue, daß
+sie sich des finstern Eindrucks nicht erwehren konnte, den
+ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der Seestadt
+aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue
+Sumpflandschaft hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
+</p>
+
+<p>
+Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie
+Selbst<pb n='338'/><anchor id='Pg338'/>anklage und volle Demütigung vor allem Volk das Reich
+noch zu retten um den Preis ihres Lebens. Denn sie
+zweifelte nicht, daß die Gesippen und Bluträcher der drei
+Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen
+Gedanken schritt sie durch die öden Hallen und Gänge des
+Palastes, diesmal, wie sie glaubte, unbelauscht, hinunter
+zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den Vorsätzen der
+Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder
+emporstieg und in einen dunkeln Gewölbgang einlenkte,
+huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische hervor
+– sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben
+– drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und
+war seitab verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Sie erkannte sofort – die Handschrift Cassiodors –.
+</p>
+
+<p>
+Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer:
+es war Dolios, der Briefsklave ihres treuen Ministers.
+Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend eilte sie in ihr
+Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn,
+schied ich von dir. Ich will nicht, daß du unbußfertig
+abgerufen werdest und deine unsterbliche Seele verloren
+gehe. Flieh aus diesem Palast, aus dieser Stadt: dein
+Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst Gothelindis
+und ihren Haß. Traue niemand als meinem Schreiber
+und finde dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel
+im Garten ein. Dort wird dich meine Sänfte erwarten
+und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im Bolsener
+See. Folge und vertraue.«
+</p>
+
+<p>
+Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue
+Cassiodor! Er hatte sie doch nicht ganz verlassen.
+Er bangte und sorgte noch immer für das Leben der
+Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel
+im blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen
+<pb n='339'/><anchor id='Pg339'/>Jahren, als Gast Cassiodors, in voller Blüte der Jugendschönheit,
+Hochzeit gehalten mit Eutharich, dem edeln Amalungen,
+und, von allem Schimmer der Macht und Ehren
+umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert.
+</p>
+
+<p>
+Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes
+Gemüt beschlich mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer
+schönsten Freuden wiederzusehen. Schon dies Eine Gefühl
+trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu
+folgen: noch mehr die Furcht, – nicht für ihr Leben,
+denn sie wollte sterben – die Raschheit ihrer Feinde
+möchte ihr unmöglich machen, das Volk zu warnen und
+das Reich zu retten. Endlich überlegte sie, daß der Weg
+nach Regeta bei Rom, wo in Bälde die große Volksversammlung,
+wie alljährlich im Herbst, statthaben sollte, sie
+am Bolsener See vorüberführte. Also war es nur eine Beschleunigung
+ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser
+Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn,
+um, auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen
+sollte, ihre warnende Stimme an das Ohr des Volks gelangen
+zu lassen, beschloß sie einem Brief an Cassiodor,
+den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen
+konnte, ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller
+Pläne der Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen.
+</p>
+
+<p>
+Bei geschlossenen Thüren schrieb sie die schmerzreichen
+Worte nieder: heiße Thränen des Dankes und der Reue
+fielen auf das Pergament, das sie sorgfältig siegelte und
+dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher nach dem
+Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem
+gewöhnlichen Aufenthalt Cassiodors, zu befördern.
+</p>
+
+<pb n='340'/><anchor id='Pg340'/>
+
+<p>
+Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden
+des Tages. Mit ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne
+Hand ergriffen. Erinnerung und Hoffnung malten
+ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures
+Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie
+hielt sich sorgsam innerhalb ihrer Gemächer, um keinem
+ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht, Gelegenheit, sie
+aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne gesunken.
+</p>
+
+<p>
+Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen
+zurückweisend und nur einige Kleinodien und Dokumente
+unter dem weiten Mantel bergend, aus ihrem Schlafgemach
+in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe
+führte. Sie zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der
+lauschenden Späher zu stoßen, gesehen, angehalten zu werden.
+Häufig sah sie sich um, vorsichtig blickte sie sogar
+in die Statuennischen: – alles war leer, kein Lauscher
+folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet
+die Plattform der Freitreppe, die Palast und Garten verband
+und weiten Ausblick über diesen hin gewährte. Scharf
+überschaute sie den nächsten Weg, der zum Venustempel
+führte. Der Weg war frei.
+</p>
+
+<p>
+Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von
+den rauschenden Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt
+von dem Winde, der fern, jenseit der Gartenmauer,
+Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her
+trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten
+und seiner grauen Dämmerung.
+</p>
+
+<p>
+Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an
+ihrem Schleier und Mantel: einen scheuen Blick warf sie
+noch auf die düstern, lastenden Steinmassen des Palastes
+hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und
+aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine Verbrecherin
+flüchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den
+<pb n='341'/><anchor id='Pg341'/>Tiefen des Palastes ruhte. – Sie dachte der Tochter,
+die sie selbst aus diesen Mauern, aus ihrer Nähe verbannt
+hatte. –
+</p>
+
+<p>
+Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene
+zu überwältigen: sie wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht
+an dem breiten Marmorgeländer der Terrasse: ein Fieberschauer
+rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der Verlassenheit
+an ihrer Seele.
+</p>
+
+<p>
+»Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst »und meine
+Buße – ich will’s vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken
+eilte sie die Stufen der Treppe hinab und bog in
+den von Epheu überwölbten Laubgang ein, der quer durch
+den Garten führte und an dem Venustempel mündete.
+Rasch schritt sie voran, erbebend, wann zu einem der
+Seitengänge das Herbstlaub, wie seufzend, hereinwirbelte.
+</p>
+
+<p>
+Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und
+ließ ringsum die suchenden Blicke schweifen. Aber keine
+Sänfte, keine Sklaven waren zu sehen, rings war alles
+still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
+</p>
+
+<p>
+Sie wandte sich: – um den Vorsprung der Mauer
+bog mit hastigen Schritten ein Mann. Es war Dolios.
+Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die Fürstin
+auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand
+Cassiodors wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme
+und vornehme Carruca, von allen vier Seiten mit
+verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen,
+und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
+</p>
+
+<p>
+»Eile thut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die
+weichen Polster hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für
+den Haß deiner Feinde. Stille und Eile, daß uns niemand
+bemerkt.«
+</p>
+
+<pb n='342'/><anchor id='Pg342'/>
+
+<p>
+Amalaswintha blickte noch einmal um sich.
+</p>
+
+<p>
+Dolios öffnete das Thor des Gartens und führte den
+Wagen vor dasselbe hinaus. Da traten zwei Männer
+aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz des Wagenlenkers
+vor ihr: der andere schwang sich auf eines der
+beiden gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte
+die Männer als vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren
+wie Dolios mit Waffen versehen. Dieser sperrte wieder
+sorgfältig das Gartenthor und ließ die Gitterladen des
+Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der
+Pferde und zog das Schwert: »Vorwärts!« rief er.
+</p>
+
+<p>
+Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär’ ihm
+der Tod auf der Ferse.
+</p>
+</div><div n="5" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/>
+<head>Fünftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der
+Freiheit, der Sicherheit. Sie baute schöne Entwürfe der
+Sühne.
+</p>
+
+<p>
+Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme
+gerettet vor Byzanz, vor dem Verrat des eigenen Königs:
+schon hörte sie den begeisterten Ruf des tapferen Heeres,
+der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung verkündete.
+In solchen Träumen verflogen ihr die Stunden, die
+Tage und Nächte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwärts:
+drei-, viermal des Tages wurden die Pferde des Wagens
+und der Reiter gewechselt, so daß sie Meile um Meile wie
+im Fluge zurücklegten.
+</p>
+
+<p>
+Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin:
+mit gezogenem Schwert schützte er den Zugang zum Wagen,
+<pb n='343'/><anchor id='Pg343'/>während seine Begleiter Speisen und Wein aus den Stationen
+holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit
+benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie
+sich eine Weile nicht hatte erwehren können: ihr war, sie
+würden verfolgt.
+</p>
+
+<p>
+Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie
+der Wagen hielt, dicht hinter sich Rädergerassel zu hören
+und den Hufschlag eilender Rosse: ja in Clusium meinte
+sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen zurückspähend,
+eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in das
+Thor der Stadt einbiegen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs
+nach dem Thore zurück und kam sogleich mit der
+Meldung wieder, daß nichts wahrzunehmen sei; auch hatte
+sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile,
+mit der sie sich dem ersehnten Eiland näherte, ließ sie
+hoffen, daß ihre Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt
+und eine Strecke weit verfolgt haben sollten, alsbald
+ermüdet zurückgeblieben seien.
+</p>
+
+<p>
+Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber
+unheilkündend durch seine begleitenden Umstände, plötzlich
+die hellere Stimmung der flüchtenden Fürstin.
+</p>
+
+<p>
+Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
+</p>
+
+<p>
+Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder
+Richtung: nur Schilf und hohe Sumpfgewächse ragten aus
+den feuchten Niederungen zu beiden Seiten der römischen
+Hochstraße und nickten und flüsterten gespenstisch im Nachtwind.
+Die Straße war hin und wieder mit niedern, von
+Reben überflochtenen Mauern eingefaßt und, nach altrömischer
+Sitte, mit Grabmonumenten, die aber oft traurig
+zerfallen waren und mit ihren auf dem Wege zerstreuten
+Steintrümmern den Pferden das Fortkommen erschwerten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und
+<pb n='344'/><anchor id='Pg344'/>Dolios riß die rechte Thüre auf. »Was ist geschehen,«
+rief die Fürstin erschreckt, »sind wir in Feindes Hand?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen
+und finster bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam
+schien, »ein Rad ist gebrochen. Du mußt aussteigen
+und warten, bis es gebessert.«
+</p>
+
+<p>
+Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine
+Fackel und naßkalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz.
+»Aussteigen? hier? und wohin dann? hier ist nirgend
+ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen und
+Sturm. Ich bleibe in dem Wagen.« – »Das Rad muß
+abgehoben werden. Dort, das Grabmal, mag dir Schutz
+gewähren.«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha
+und schritt über die Steintrümmer, die ringsum zerstreut
+lagen, nach der rechten Seite des Weges, wo sie
+jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit
+ragen sah. Dolios half ihr über den Graben.
+</p>
+
+<p>
+Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her
+das Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr. Erschrocken blieb
+sie stehen.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der
+uns den Rücken deckt, komm.«
+</p>
+
+<p>
+Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran,
+auf dem sich das Monument erhob. Oben angelangt setzte
+sie sich auf die breite Steinplatte eines Sarkophags.
+</p>
+
+<p>
+Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens
+rief sie ihn zurück: bald sah sie unten auf der
+Straße seine Fackel wieder brennen: rot leuchtete sie durch
+die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch
+den Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem
+Rade arbeiteten.
+</p>
+
+<p>
+So saß die Tochter des großen Theoderich, einsam und
+<pb n='345'/><anchor id='Pg345'/>todesflüchtig, auf der Heerstraße in unheimlicher Nacht; der
+Sturm riß an ihrem Mantel und Schleier, der feine kalte
+Regen durchnäßte sie, in den Cypressen hinter dem Grabmal
+seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel
+jagte zerfetztes Gewölk und ließ nur manchmal einen flüchtigen
+Mondstrahl durch, der die gleich wieder folgende
+Dunkelheit noch düsterer machte.
+</p>
+
+<p>
+Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit
+und umher sehend konnte sie die Umrisse der nächsten
+Dinge deutlicher unterscheiden: da – ihr Haar sträubte
+sich vor Entsetzen – da war ihr, es säße dicht hinter ihr
+auf dem erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite
+Gestalt: – ihr eigener Schatten war es nicht –: eine
+kleinere Gestalt in weitem, faltigem Gewand, die Arme
+auf die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu
+ihr herunter starrend.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft
+strengte sie die Sinne an zu sehen, zu hören: da
+flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch nicht!« So glaubte
+sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die Gestalt
+schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
+</p>
+
+<p>
+Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!«
+Und sie wollte den Hügel hinab, aber zitternd versagten
+die Kniee, sie fiel und verletzte die Wange an dem scharfen
+Gestein.
+</p>
+
+<p>
+Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob
+er die Blutende: er fragte nicht. »Dolios,« rief sie
+sich fassend, »gieb die Leuchte: ich muß sehen, was dort
+war, was dort ist.«
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die
+Ecke des Sarkophags: es war nichts zu sehen: aber jetzt,
+im Glanze der Fackel, erkannte sie, daß das Monument
+<pb n='346'/><anchor id='Pg346'/>nicht, wie die übrigen, ein altes, daß es sichtlich erst neu
+errichtet war, so unverwittert war der weiße Marmor, so
+frisch die schwarzen Buchstaben der Inschrift. –
+</p>
+
+<p>
+Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen
+verbindet, unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel
+dicht an den Sockel des Monuments und las bei flackerndem
+Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei Balten Thulun,
+Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück.
+</p>
+
+<p>
+Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen.
+Fast bewußtlos legte sie die noch übrigen Stunden des
+Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib und Seele. Je
+näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die fieberhafte
+Freude, mit der sie es ersehnt, verdrängt von einer
+ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Sträucher
+und Bäume des Weges immer rascher an sich vorüberfliegen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich machten die dampfenden Rosse Halt.
+</p>
+
+<p>
+Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die
+kalte, unheimliche Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft
+gegen die noch herrschende Nacht: sie waren, so
+schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von seinen
+blauen Fluten war nichts zu sehen; ein düstrer grauer
+Nebel lag undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren
+Augen: von der Villa, ja von der Insel selbst war nichts
+zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine niedrige
+Fischerhütte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch
+welches wie seufzend der Morgenwind fuhr, daß die schwankenden
+Häupter sich bogen.
+</p>
+
+<p>
+Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg
+von dem dahinter verborgenen See.
+</p>
+
+<p>
+Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück
+und hob die Fürstin aus dem Wagen, schweigend führte
+er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem Schilf zu.
+</p>
+
+<pb n='347'/><anchor id='Pg347'/>
+
+<p>
+Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr
+im Nebel als im Wasser zu schwimmen.
+</p>
+
+<p>
+Am Steuer aber saß in einen grauen zerfetzten Mantel
+gehüllt ein alter Mann, dem die langen weißen Haare
+wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor sich hin zu träumen
+mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als
+die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in
+der Mitte desselben auf einem Feldstuhl niederließ.
+</p>
+
+<p>
+Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff
+zwei Ruder: die Sklaven blieben bei dem Wagen zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Dolios,« rief Amalaswintha besorgt, »es ist sehr dunkel,
+wird der Alte steuern können in diesem Nebel, und
+an keinem Ufer ein Licht?« – »Das Licht würde ihm nichts
+nützen, Königin, er ist blind.« – »Blind?« rief die Erschrockene,
+»laß landen! kehr um!« – »Ich fahre hier seit
+bald zwanzig Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender
+kennt den Weg gleich mir.« – »So bist du blind geboren?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Theoderich der Amaler ließ mich blenden, weil
+mich Alarich, der Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen
+hätte, ihn zu morden. Ich bin ein Knecht der
+Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so
+unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch
+über die Amalungen!« rief er mit zornigem Ruck am
+Steuer.
+</p>
+
+<p>
+»Schweig! Alter,« sprach Dolios.
+</p>
+
+<p>
+»Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem
+Ruderschlag seit zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch.
+– Fluch den Amalungen!«
+</p>
+
+<p>
+Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in
+der That mit völliger Sicherheit und pfeilgerade fuhr.
+Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im Winde:
+ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man
+<pb n='348'/><anchor id='Pg348'/>gleichförmig einschlagen, leere Luft und graues Licht auf
+allen Seiten. Ihr war, als führe sie Charon über den
+Styx in das graue Reich der Schatten. – Fiebernd hüllte
+sie sich in ihren faltigen Mantel.
+</p>
+
+<p>
+Noch einige Ruderschläge und sie landeten.
+</p>
+
+<p>
+Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber
+wandte sein Boot schweigend und ruderte so rasch und
+sicher zurück wie er gekommen: Mit einer Art von Grauen
+sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel
+verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen
+eines zweiten Schiffes, die rasch näher und näher
+drangen. Sie fragte Dolios nach dem Grund dieses Geräusches.
+</p>
+
+<p>
+»Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt,
+komm in das Haus.« Sie wankte auf seinen Arm gestützt
+die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan, die zu der
+burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem Garten,
+der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten
+dieses schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel
+kaum die Linien der Baumreihen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne
+Thür im Rahmen von schwarzem Marmor. Der Freigelassene
+pochte mit dem Knauf seines Schwertes: – dumpf
+dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach – die
+Thüre sprang auf.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor,
+das die Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres
+Gatten Seite eingezogen war: sie gedachte, wie sie die
+Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar, so freundlich
+begrüßt. –
+</p>
+
+<p>
+Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der
+jetzt mit Ampel und Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
+</p>
+
+<pb n='349'/><anchor id='Pg349'/>
+
+<p>
+»Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie
+nicht mehr im Hause?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner
+gleichgültig und schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd
+folgte die Fürstin: sie mußte sich die kalten dunkeln Wogen
+vorstellen, die so unheimlich an den Planken ihrer Fähre
+geleckt. Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen:
+– alles leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut
+durch die Öde: – die ganze Villa schien ein weites
+Totengewölbe.
+</p>
+
+<p>
+»Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.«
+</p>
+
+<p>
+»Mein Weib wird dir dienen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ist sonst niemand in der Villa?«
+</p>
+
+<p>
+»Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ein Arzt – ich will ihn –«
+</p>
+
+<p>
+Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal
+her einige heftige Schläge: schwer dröhnten sie durch die
+leeren Räume. Entsetzt fuhr Amalaswintha zusammen.
+»Was war das?« fragte sie, Dolios’ Arm fassend. Sie
+hörte die schwere Thüre zufallen.
+</p>
+
+<p>
+»Es hat nur jemand Einlaß begehrt,« sagte der
+Ostiarius und schloß die Thüre des für die Flüchtige bestimmten
+Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines lang
+nicht mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen:
+aber mit Rührung erkannte sie die Schildpattbekleidung
+der Wände: es war dasselbe Gemach, das sie
+vor zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung
+glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln
+Polstern belegt war.
+</p>
+
+<p>
+Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge
+des Lagers um sich her zu und verfiel bald in einen
+unruhigen Schlaf.
+</p>
+
+</div><div n="6" type="kapitel">
+<pb n='350'/><anchor id='Pg350'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Sechstes Kapitel.</head>
+
+<p>
+So lag sie, sie wußte nicht wie lange, bald wachend,
+bald träumend: wild jagte Bild auf Bild an ihrem Auge
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die
+Lippen: – Athalarich, wie er auf seinem Sarkophag hingestreckt
+lag, er schien ihr zu sich herab zu winken: –
+das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens – dann Nebel
+und Wolken und blattlose Bäume: – drei zürnende
+Kriegergestalten mit bleichen Gesichtern und blutigen Gewändern:
+und der blinde Fährmann in das Reich der
+Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der öden
+Heide auf den Stufen des Baltendenkmals und als rausche
+es hinter ihr und als beuge sich abermals hinter dem
+Steine hervor jene verhüllte Gestalt über sie näher und
+näher, – beengend, – erstickend. Die Angst schnürte ihr
+das Herz zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum
+und sah hochaufgerichtet um sich: da – nein, es war
+kein Traumgesicht – da rauschte es, hinter dem Vorhang
+des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter
+Schatte.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Schrei riß Amalaswintha die Falten des
+Vorhangs auseinander – da war nichts mehr zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht
+mehr allein sein mit ihren bangen Gedanken. So drückte
+sie auf den Achatknauf in der Wand, der draußen einen
+Hammer in Bewegung setzte.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht
+höhere Bildung verrieten. Er gab sich als den griechischen
+Arzt zu erkennen: sie teilte ihm die Schreckgesichte, die
+Fieberschauer der letzten Stunden mit: er erklärte es für
+<pb n='351'/><anchor id='Pg351'/>Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der
+Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen
+Mischung anzuordnen.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bäder, die,
+in zwei Stockwerken übereinander, den ganzen rechten Flügel
+der Villa einnahmen. Das untere Stockwerk der großen
+achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt, stand
+mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein
+Wasser wurde durch Siebthüren, die jede Unreinheit abhielten,
+hereingeleitet. Das obere Stockwerk erhob sich,
+als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des unteren,
+deren Decke – eine große, kreisförmige Metallplatte,
+– den Boden des oberen warmen Bades bildete und nach
+Belieben in zwei Halbkreisen rechts und links in das Gemäuer
+geschoben werden konnte, so daß die beiden Stockwerke
+dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten,
+der zum Zweck der Reinigung oder zum Behuf von
+Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem Wasser des
+Sees erfüllt werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Regelmäßig aber bildete das obere Achteck für sich den
+Raum des warmen Bades, in das vielfach verschlungene
+Wasserkünste in hundert Röhren mit zahllosen Delphinen,
+Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor
+duftige, mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten,
+während zierliche Stufen von der Galerie, auf der man
+sich entkleidete, in das muschelförmige Porphyrbecken des
+eigentlichen Baderaumes hinabführten.
+</p>
+
+<p>
+Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis
+zurückrief, erschien das Weib des Thürsklaven, sie
+in das Bad abzuholen. Sie gingen durch weite Säulenhallen
+und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die
+Kapseln und Rollen Cassiodors vermißte, in der Richtung
+nach dem Garten; die Sklavin trug die feinen <anchor id="corr351"/><corr sic="Badetücher">Badetücher,</corr>
+<pb n='352'/><anchor id='Pg352'/>Ölfläschchen und den Salbenkrug. Endlich gelangte sie in
+das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen sämtliche
+Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen
+Marmorplatten belegt waren. Vorüber an den
+Hallen und Gängen, die der Gymnastik und dem Ballspiel
+vor und nach dem Bade dienten, vorüber an den Heizstübchen,
+den Auskleide- und Salbgemächern eilten sie sofort
+nach dem Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin
+öffnete schweigend die in die Marmorwand eingesenkte
+Thür.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen
+Galerie, die rings um das Bassin lief: gerade vor ihr
+führten die bequemen Stufen in das Bad, aus dem bereits
+warme und köstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von
+oben herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll
+geschliffenem Glas: gerade am Eingang erhob sich eine
+Treppe von Cedernholz, die auf zwölf Staffeln zu einer
+Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der
+Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die
+Mündungen der Röhren, die den Wasserkünsten und der
+Luftheizung dienten.
+</p>
+
+<p>
+Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die
+weichen Kissen und Teppiche, die den Boden der Galerie
+bedeckten und wandte sich zur Thüre. »Woher bist du
+mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich betrachtend,
+»wie lange bist du hier?«
+</p>
+
+<p>
+»Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Thüre.
+</p>
+
+<p>
+»Wie lange dienst du Cassiodor?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich diene von jeher der Fürstin Gothelindis.«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem
+Namen auf, wandte sich und griff nach dem Gewand des
+Weibes – zu spät: sie war hinaus, die Thüre war zugefallen
+und Amalaswintha hörte, wie der Schlüssel von
+<pb n='353'/><anchor id='Pg353'/>außen umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte
+ihr Auge nach einem anderen Ausgang.
+</p>
+
+<p>
+Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die
+Königin: sie fühlte, daß sie furchtbar getäuscht, daß hier
+ein verderbliches Geheimnis verborgen sei: Angst, unsägliche
+Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem
+Raum war ihr einziger Gedanke.
+</p>
+
+<p>
+Aber keine Flucht schien möglich: die Thüre war von
+innen jetzt nur eine dicke Marmortafel, wie die zur Rechten
+und Linken: nicht mit einer Nadel war in ihre Fugen zu
+dringen: verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an der Wand
+der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten
+ihr entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden
+Medusenhaupt ihr gerade gegenüber – und sie
+stieß einen Schrei des Entsetzens aus.
+</p>
+
+<p>
+Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und
+die ovale Öffnung unter dem Schlangenhaar war von
+einem lebenden Antlitz ausgefüllt.
+</p>
+
+<p>
+War es ein menschlich Antlitz?
+</p>
+
+<p>
+Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung
+der Galerie und spähte vorgebeugt hinüber: ja, es waren
+Gothelindens verzerrte Züge: und eine Hölle von Haß und
+Hohn sprühte aus ihrem Blick.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha brach in die Kniee und verhüllte ihr
+Gesicht. »Du – du hier!«
+</p>
+
+<p>
+Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib,
+ich bin hier und dein Verderben! Mein ist
+dies Eiland, mein das Haus! – es wird dein Grab! –
+mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft
+seit acht Tagen.
+</p>
+
+<p>
+Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen
+wie dein Schatte: lange Tage, lange Nächte
+hab’ ich den brennenden Haß getragen, endlich hier die
+<pb n='354'/><anchor id='Pg354'/>volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich mich weiden
+an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche,
+winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schüttelt
+und durch diese hochmütigen Züge zuckt: – o ein Meer
+von Rache will ich trinken.«
+</p>
+
+<p>
+Händeringend erhob sich Amalaswintha: »Rache! Wofür?
+Woher dieser tödliche Haß?«
+</p>
+
+<p>
+»Ha, du frägst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber
+hingegangen und das Herz des Glücklichen vergißt so leicht.
+Aber der Haß hat ein treues Gedächtnis. Hast du vergessen,
+wie dereinst zwei junge Mädchen spielten unter dem
+Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie
+waren die ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung,
+schön und lieblich: Königskind die eine, die andere die
+Tochter der Balten. Und die Mädchen sollten eine Königin
+des Spieles wählen: und sie wählten Gothelindis,
+denn sie war noch schöner als du und nicht so herrisch:
+und sie wählten sie einmal, zweimal nacheinander. Die
+Königstochter aber stand dabei von wildem, unbändigem
+Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten
+wieder gewählt, faßte sie die scharfe, spitzige Gartenschere« –
+</p>
+
+<p>
+»Halt ein, o schweig, Gothelindis.«
+</p>
+
+<p>
+– »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf;
+aufschreiend, blutend stürzte ich zu Boden, meine ganze
+Wange eine klaffende Wunde und mein Auge, mein Auge
+durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.«
+</p>
+
+<p>
+»Verzeih, vergieb, Gothelindis!« jammerte die Gefangene.
+»Du hattest mir ja längst verziehn.«
+</p>
+
+<p>
+»Verzeihen? ich dir verzeihen? Daß du mir das Auge
+aus dem Antlitz und die Schönheit aus dem Leben geraubt,
+das soll ich verzeihen? Du hattest gesiegt fürs
+Leben: Gothelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte
+im stillen, die Entstellte floh das Auge der <anchor id="corr354"/><corr sic="Menschen">Menschen.</corr>
+</p>
+
+<pb n='355'/><anchor id='Pg355'/>
+
+<p>
+Und Jahre vergingen.
+</p>
+
+<p>
+Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der
+edle Eutharich, der Amaler mit dem dunkeln Auge und
+der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte sich der
+kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid
+und Güte, mit der Häßlichen, die sonst alle mieden. O wie
+erquickte das meine dürstende Seele! Und es ward beraten,
+zur Tilgung uralten Hasses der beiden Geschlechter,
+zur Sühne alter und neuer Schuld, – denn auch den
+Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene
+Anklage gerichtet – daß die arme mißhandelte Baltentochter
+des edelsten Amalers Weib werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt,
+da beschlossest du, mir den Geliebten zu nehmen: nicht aus
+Eifersucht, nicht, weil du ihn liebtest, nein, aus Stolz:
+weil du den ersten Mann im Gotenreich, den nächsten
+Manneserben der Krone, für dich haben wolltest.
+</p>
+
+<p>
+Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein
+Vater konnte dir keinen Wunsch versagen: und Eutharich
+vergaß alsbald seines Mitleids mit der Einäugigen, als
+ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur
+Entschädigung – oder war es zum Hohne? – gab man
+auch mir einen Amaler: – Theodahad, den elenden
+Feigling!«
+</p>
+
+<p>
+»Gothelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, daß
+du Eutharich liebtest. Wie konnte ich –«
+</p>
+
+<p>
+»Freilich, wie konntest du glauben, daß die Häßliche
+die Gedanken so hoch erhebe? O, du Verfluchte! Und
+hättest du ihn noch geliebt und beglückt – alles hätt’ ich
+dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst
+ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn <anchor id="corr355"/><corr sic="gemacht">gemacht.</corr>
+Jahrelang sah ich ihn an deiner Seite schleichen, gedrückt,
+ungeliebt, erkältet bis ins Herz hinein von deiner <anchor id="corr355a"/><corr sic="Kälte">Kälte.</corr>
+<pb n='356'/><anchor id='Pg356'/>Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh gemordet:
+du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht
+– Rache, Rache für ihn.«
+</p>
+
+<p>
+Und die weite Wölbung wiederhallte von dem Ruf:
+»Rache! Rache!«
+</p>
+
+<p>
+»Zu Hilfe!« rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd,
+mit den Händen an die Marmorplatten schlagend, den
+Kreis der Galerie entlang.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott
+der Rache. Glaubst du, umsonst hab’ ich solang meinen
+Haß gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich schon in Ravenna
+mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber
+nein, hierher hab’ ich dich gelockt. An dem Denkstein
+meiner Vettern, vor Einer Stunde an deinem Bette, hab’
+ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm vom Streiche
+abgehalten: – denn langsam, Zoll für Zoll, sollst du
+sterben, stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen
+deines Todes.«
+</p>
+
+<p>
+»Entsetzliche!«
+</p>
+
+<p>
+»O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du
+mich gemartert mit meiner Entstellung, mit deiner Schönheit,
+mit dem Besitz des Geliebten. Was sind Stunden
+gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büßen.«
+</p>
+
+<p>
+»Was willst du thun?« rief die Gequälte, wieder und
+wieder an den Wänden nach einem Ausgang suchend.
+</p>
+
+<p>
+»Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den
+Wasserkünsten dieses Bades, die dein Freund Cassiodor
+gebaut. Du weißt es nicht, welche Qualen der Eifersucht,
+der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da
+du Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem
+Gefolge und mußte dir dienen! In diesem Bade, du Übermütige,
+habe ich dir die Sandalen gelöst und die stolzen
+Glieder getrocknet: – in diesem Bade sollst du sterben!«
+</p>
+
+<pb n='357'/><anchor id='Pg357'/>
+
+<p>
+Und sie drückte an einer Feder.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die
+runde Metallplatte, teilte sich in zwei Halbkreise, die links
+und rechts in die Mauer zurückwichen: mit Entsetzen sah
+die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe
+Tiefe zu ihren Füßen.
+</p>
+
+<p>
+»Denk an mein Auge!« rief Gothelindis und im Erdgeschoß
+öffneten sich plötzlich die Schleusenthüren und die
+Wogen des Sees schossen ungestüm herein, brausend und
+zischend, und sie stiegen höher und höher mit furchtbarer
+Raschheit.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie
+erkannte die Unmöglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische
+Feindin mit Bitten zu erweichen: da kehrte ihr der alte,
+stolze Mut der Amalungen wieder: sie faßte sich und ergab
+sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen Reliefs
+aus der hellenischen Mythe in ihrer Nähe rechts vom
+Eingang eine Darstellung vom Tode Christi: das erquickte
+ihre Seele: sie warf sich vor dem in Marmor gehauenen
+Kreuze nieder, faßte es mit beiden Händen und betete
+ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser stiegen
+und stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.
+</p>
+
+<p>
+»Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!«
+rief Gothelindis grimmig, »denk’ an die drei Herzoge!«
+Und plötzlich begannen alle die Delphine und Tritonen auf
+der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen Wassers auszuspeien:
+weißer Dampf quoll aus den Röhren.
+</p>
+
+<p>
+Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite
+der Galerie: »Gothelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber
+verzeih’ auch du meiner Seele.« Und das Wasser stieg
+und stieg: schon schwoll es über die oberste Stufe und
+drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben?
+Niemals! Denk’ an Eutharich!« –
+</p>
+
+<pb n='358'/><anchor id='Pg358'/>
+
+<p>
+Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden
+Wasserstrahlen auf Amalaswintha. Sie flüchtete nun in
+die Mitte, gerade dem Medusenhaupt gegenüber, die einzige
+Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte.
+</p>
+
+<p>
+Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg,
+konnte sie noch einige Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis
+schien dies zu erwarten und sich an der verlängerten Qual
+weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem
+Marmorboden der Galerie und bespülte die Füße der
+Gefangenen; rasch flog sie die braunglänzenden Staffeln
+hinan und lehnte sich an die Brüstung der Brücke: »Höre
+mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht für mich, –
+für mein Volk, für unser Volk: – Petros will es verderben
+und Theodahad ...« –
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich wußte, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner
+Seele! Verzweifle! Es ist verloren! Diese thörichten Goten,
+die jahrhundertelang den Balten die Amaler vorgezogen,
+sie sind verkauft und verraten von dem Haus der Amaler:
+Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.«
+</p>
+
+<p>
+»Du irrst, Teufelin, sie <hi rend='gesperrt'>sind</hi> gewarnt. Ich, ihre
+Königin, habe sie gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben
+seinen Feinden und Gnade meiner Seele!«
+</p>
+
+<p>
+Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der
+Brüstung in die Fluten, die sich brausend über ihr schlossen.
+</p>
+
+<p>
+Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer
+gestanden. »Sie ist verschwunden,« sagte sie. Dann schaute
+sie in die Flut: obenauf schwamm das Brusttuch Amalaswinthens.
+»Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,«
+sagte sie langsam: »wie lang war der Haß und wie kurz
+die Rache!«
+</p>
+
+</div><div n="7" type="kapitel">
+<pb n='359'/><anchor id='Pg359'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Siebentes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu
+Ravenna in dem Gemach des Gesandten von Byzanz eine
+Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und weltlichen
+Standes versammelt – auch die Bischöfe Hypatius und
+Demetrius aus dem Ostreich weilten bei ihm.
+</p>
+
+<p>
+Große Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach
+aus allen Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache
+mit folgenden Worten schloß: »Deshalb, ihr ehrwürdigen
+Bischöfe des Westreichs und des Ostreichs und
+ihr edeln Römer, hab’ ich euch hierher beschieden. Laut
+und feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers
+Verwahrung ein gegen alle Thaten der Arglist und Gewalt,
+die im geheimen gegen die hohe Frau verübt werden mögen.
+</p>
+
+<p>
+Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna:
+wohl mit Gewalt hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die
+von jeher die Freundin, die Beschützerin der Italier gewesen.
+Verschwunden ist am gleichen Tage die Königin, ihre grimme
+Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen Richtungen,
+noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... –«
+</p>
+
+<p>
+Er konnte nicht vollenden.
+</p>
+
+<p>
+Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules
+herauf, bald hörte man hastige Schritte im Vestibulum,
+der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins Gemach eilte
+staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten:
+»Herr,« rief er, »sie ist tot! sie ist ermordet!«
+</p>
+
+<p>
+»Ermordet!« scholl es in der Runde.
+</p>
+
+<p>
+»Durch wen?« fragte Petros.
+</p>
+
+<p>
+»Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.«
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?«
+</p>
+
+<p>
+»Gothelindis giebt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken,
+<pb n='360'/><anchor id='Pg360'/>unkundig mit den Wasserkünsten spielend. Aber man weiß,
+daß sie ihrem Opfer von hier auf dem Fuße nachgefolgt.
+Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, die
+Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin
+floh vor der Rache des Volks in das feste Schloß von
+Feretri.«
+</p>
+
+<p>
+»Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König
+und fordre euch auf, ihr edeln Männer, mir zu folgen.
+Auf euer Zeugnis will ich mich berufen vor Kaiser Justinian.«
+Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten nach
+dem Palast.
+</p>
+
+<p>
+Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in
+Bestürzung und Entrüstung hin- und herwogend: die
+Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von Haus
+zu Haus.
+</p>
+
+<p>
+Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen
+der Stadt erkannte, öffnete sich die Menge vor ihnen,
+schloß sich aber dicht hinter ihnen wieder und flutete nach
+auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie kaum
+abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl
+und der Lärm des Volkes: auf dem Forum des Honorius
+drängten sich die Ravennaten zusammen, die mit der Trauer
+um ihre Beschützerin schon die Hoffnung vereinten, bei
+diesem Anlaß die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das
+Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung
+und der Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr
+eine Richtung, die keineswegs bloß Theodahad und Gothelindis
+bedrohte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das
+Gemach des hilflosen Königs, den mit seiner Gattin alle
+Kraft des Widerstandes verlassen hatte: er zagte vor der
+Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach
+Petros gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da
+<pb n='361'/><anchor id='Pg361'/>ja dieser es gewesen, der mit Gothelindis den Untergang
+der Fürstin beschlossen und die Art der Ausführung beraten
+hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That tragen
+helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien,
+eilte er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt
+blieb er plötzlich stehen: erstaunt über die Begleitung, noch
+mehr erstaunt über die finster drohende Miene des Gesandten.
+</p>
+
+<p>
+»Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,«
+rief dieser schon an der Thüre, »Rechenschaft im Namen
+von Byzanz für die Tochter Theoderichs. Du weißt, Kaiser
+Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: jedes
+Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe
+ihres Blutes. Wo ist Amalaswintha?«
+</p>
+
+<p>
+Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese
+Verstellungskunst. Aber er begriff ihren Zweck nicht. Er
+schwieg.
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist Amalaswintha?« wiederholte Petros, drohend
+vortretend und sein Anhang folgte ihm einen Schritt.
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist tot,« sagte Theodahad, ängstlich werdend.
+</p>
+
+<p>
+»Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien,
+ermordet von dir und deinem Weibe. Justinian, mein
+hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser Frau, er wird
+ihr Rächer sein: Krieg künd’ ich dir in seinem Namen an,
+Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch
+und euer ganz Geschlecht.«
+</p>
+
+<p>
+»Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten
+die Italier, fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks
+und den alten, langgenährten Haß entzügelnd; und
+wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden König.
+</p>
+
+<p>
+»Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken
+des Vertrages, du wirst doch ... –«
+</p>
+
+<p>
+Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem
+<pb n='362'/><anchor id='Pg362'/>Mantel und riß sie mitten durch. »Zerrissen ist jedes
+Band zwischen meinem Kaiser und deinem blutbefleckten
+Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung
+verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen.
+Krieg!«
+</p>
+
+<p>
+»Um Gott,« jammerte Theodahad, »nur nicht Krieg
+und Kampf! Was forderst du, Petros?«
+</p>
+
+<p>
+»Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und
+Gothelindis lad’ ich zum Gericht nach Byzanz vor den Thron
+Justinians, dort ... –«
+</p>
+
+<p>
+Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des
+gotischen Kriegshorns und in das Gemach eilte mit gezogenen
+Schwertern eine starke Schar gotischer Krieger,
+von Graf Witichis geführt.
+</p>
+
+<p>
+Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht
+von Amalaswinthens Untergang die tüchtigsten Männer
+ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung vor die Porta
+romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und
+der Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie
+jetzt auf dem Forum des Honorius, wo der Auflauf immer
+drohender wurde: schon blinkte hier und dort ein Dolch,
+schon ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!«
+</p>
+
+<p>
+Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten
+sofort, als nun die verhaßten Goten in geschlossenem
+Zug von dem Forum des Herkules her durch
+die Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer
+durch die grollenden Haufen und indessen Graf Teja und
+Hildebad die Thore und die Terrasse des Palastes besetzten,
+waren Graf Witichis und Hildebrand gerade rechtzeitig im
+Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des
+Gesandten noch zu hören. Ihr Zug stellte sich in einer
+Schwenkung rechts vom Thronsitz des Königs, zu dem dieser
+zurückgewichen war: und Witichis, auf sein langes Schwert
+<pb n='363'/><anchor id='Pg363'/>gestützt, trat hart vor den Griechen hin und sah ihm scharf
+ins Auge.
+</p>
+
+<p>
+Eine erwartungsvolle Pause trat ein.
+</p>
+
+<p>
+»Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn
+und Meister zu spielen im Königshaus der Goten?«
+</p>
+
+<p>
+Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros:
+»Es steht dir übel an, Graf Witichis, Mörder zu
+beschützen. Ich hab’ ihn nach Byzanz geladen vor Gericht.«
+</p>
+
+<p>
+»Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief
+der alte Hildebrand zornig.
+</p>
+
+<p>
+Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme.
+</p>
+
+<p>
+»So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis.
+»Wisse, Grieche, vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren
+Ravennaten: das Volk der Goten ist frei und
+erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.«
+</p>
+
+<p>
+»Auch nicht für Mord und Blutschuld?«
+</p>
+
+<p>
+»Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und
+strafen wir sie selbst. Den Fremdling geht das nichts an,
+am wenigsten unsern Feind, den Kaiser in Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+»Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht
+retten konnte. Liefert die Mörder aus nach Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+»Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige
+unsern König,« sprach Witichis.
+</p>
+
+<p>
+»So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg
+erklär’ ich euch, im Namen meines Herrn. Erbebt vor
+Justinian und Belisar.«
+</p>
+
+<p>
+Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die
+Antwort. Der alte Hildebrand trat ans Fenster und rief
+zu den unten stehenden Goten hinab: »Hört, ihr Goten,
+frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer
+entfesselt über seine Dämme bricht, die Waffen klirrten und
+tausend Stimmen jubelten: »Krieg, Krieg mit Byzanz!«
+</p>
+
+<pb n='364'/><anchor id='Pg364'/>
+
+<p>
+Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros
+und die Italier: das Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte
+sie: schweigend sahen sie vor sich nieder. Während
+die Goten sich glückwünschend die Hände schüttelten, trat
+Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart neben
+Petros und sprach feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn
+nicht: – du hast es gehört. Besser offner Kampf als die
+langjährige, lauernde, wühlende Feindschaft. Der Krieg
+ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne Recht und ohne
+Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele
+Jahre von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte
+Saaten, rauchende Städte, zahllose Leichen die Ströme
+hinabschwimmen. Hört unser Wort: auf euer Haupt dies
+Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt jahrelang:
+– wir haben’s ruhig getragen. Und jetzt habt <hi rend='gesperrt'>ihr</hi>
+den Krieg hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten
+habt, ohne Grund euch mischend in das Leben eines Volkes,
+das so frei wie ihr: auf euer Haupt die Schuld. Dies
+unsre Antwort nach Byzanz.«
+</p>
+
+<p>
+Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend
+wandte er sich und schritt mit seinen italischen Freunden
+hinaus. Einige von diesen gaben ihm das Geleit bis in
+seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.
+</p>
+
+<p>
+»Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied,
+»die Briefe Theodahads in der bewußten Sache,
+die ihr mir zur Einsicht anvertraut, mußt du mir ganz
+belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie
+nicht mehr nötig.« – »Der Prozeß ist längst entschieden,«
+erwiderte der Bischof, »und die Güter unwiderruflich erworben.
+Die Dokumente sind dein.« –
+</p>
+
+<p>
+Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die
+ihn bald mit dem kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen
+hofften, und eilte in sein Gemach, wo er zuerst einen
+<pb n='365'/><anchor id='Pg365'/>Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen Angriff
+aufzufordern.
+</p>
+
+<p>
+Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den
+Kaiser, der mit folgenden Worten schloß: »Und so scheinst
+du, o Herr, wohl Grund zu haben, mit den Diensten
+deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der
+Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien
+zerspalten: auf dem Thron ein verhaßter Fürst, unfähig
+und treulos: die Feinde sonder Rüstung überrascht: die italische
+Bevölkerung überall für dich gewonnen: – es kann
+nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, müssen die Barbaren
+fast ohne Widerstand erliegen.
+</p>
+
+<p>
+Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser,
+dessen Stolz das Recht, als Schirmherr und Rächer der
+Gerechtigkeit auf: – es ist ein geistvoller Zufall, daß die
+Triere, die mich trägt, den Namen »Nemesis« führt.
+</p>
+
+<p>
+Nur das Eine betrübt mich unendlich, daß es meinem
+treuen Eifer nicht gelungen, die unselige Tochter Theoderichs
+zu retten. Ich flehe dich an, meiner hohen Herrin, der
+Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war, wenigstens
+zu versichern, daß ich allen ihren Aufträgen bezüglich der
+Fürstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung
+als Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen
+suchte.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Anfrage bezüglich Theodahads und Gothelindens,
+deren Hilfe uns das Gotenreich in die Hände liefert, wage
+ich es, der hohen Kaiserin mit der ersten Regel der Klugheit
+zu antworten: es ist zu gefährlich, die Mitwisser unsrer
+tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.«
+</p>
+
+<p>
+Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe
+Hypatius und Demetrius voraus. Sie sollten nach
+Brundusium und von da über Epidamnus auf dem Landweg
+nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen
+<pb n='366'/><anchor id='Pg366'/>Tagen folgen, langsam die gotische Küste des jonischen
+Meerbusens entlang fahrend, überall die Stimmung der
+Bevölkerung in den Hafenstädten zu prüfen und zu schüren.
+</p>
+
+<p>
+Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her
+nach Byzanz segeln: denn die Kaiserin hatte ihm den Seeweg
+vorgeschrieben und ihm Aufträge für Athen und Lampsakos
+erteilt.
+</p>
+
+<p>
+Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna
+mit vergnügten Sinnen immer wieder seine Wirksamkeit in
+Italien und den Lohn, den er dafür in Byzanz erwartete.
+</p>
+
+<p>
+Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Denn er hatte der Königin Gothelindis nie eingestanden,
+daß er mit dem Auftrag, Amalaswintha zu verderben,
+ins Land gekommen. Er hatte ihr vielmehr lange die
+Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin entgegengehalten
+und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe
+Summen von ihr für den Plan gewinnen lassen, in welchem
+er sie doch nur als Werkzeug brauchte. Er erwartete
+in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Würde des Patriciats
+und freute sich schon, seinem hochmütigen Vetter
+Narses, der ihn nie befördert hatte, nun bald in gleichem
+Range gegenüberzutreten.
+</p>
+
+<p>
+»So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er
+selbstzufrieden, während er seine Briefschaften ordnete: »und
+diesmal, du stolzer Freund Cethegus, hat sich die Verschmitztheit
+doch trefflich bewährt. Und der kleine Rhetor
+aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen
+kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden
+Gang. Nur muß noch dafür gesorgt werden,
+daß Theodahad und Gothelindis nicht nach Byzanz an den
+Hof entrinnen: wie gesagt, das wäre zu gefährlich: vielleicht
+hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung
+<pb n='367'/><anchor id='Pg367'/>sein sollen. Nein, dieses Königspaar muß verschwinden
+aus unsern Wegen.«
+</p>
+
+<p>
+Und er ließ den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt,
+und nahm Abschied von ihm. Dabei übergab er ihm eine
+dunkle, schmale Vase von der Form derer, die zur Aufbewahrung
+von Urkunden dienten: er versiegelte den Deckel
+mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte,
+und schrieb einen Namen auf die daran hängende Wachstafel.
+»Diesen Mann,« sagte er dem Gastfreund, »suche
+auf bei der nächsten Versammlung der Goten zu Regeta
+und übergieb ihm die Vase: was sie enthält ist sein. Leb
+wohl, auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.« Und er
+verließ mit seinen Sklaven das Haus und bestieg alsbald
+das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen hoch gehoben
+trug ihn die »Nemesis« dahin. –
+</p>
+
+<p>
+Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz
+näherte, von Lampsakos aus hatte er – auch dies hatte
+die Kaiserin gewünscht – seine baldige Ankunft durch einen
+kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden lassen,
+überflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen
+Landhäuser, die marmorweiß aus den Schatten immergrüner
+Gärten blinkten.
+</p>
+
+<p>
+»Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren
+des Reichs,« sprach wohlgefällig Petros.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Thetis«,
+das prachtvolle Lustboot der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie
+es des Gesandten Galeere erkannte die Purpurwimpel
+entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg
+an Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war
+Alexandros, der frühere Gesandte am Hof von Ravenna.
+</p>
+
+<p>
+Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers,
+in das dieser einen erschrockenen Blick warf: dann wandte
+er sich zu Petros: »Im Namen des Kaisers Justinian!
+<pb n='368'/><anchor id='Pg368'/>Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung
+und Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten
+in den Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen
+Hunnen verurteilt. Du hast die Tochter Theoderichs
+ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte dich durch
+deinen Brief für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin,
+untröstlich über den Untergang ihrer königlichen Schwester,
+hat deine alte Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief
+des Präfekten von Rom an diesen hat dargethan, daß du
+mit Gothelindis geheim der Königin Verderben geplant.
+Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin überzeugt. Dein
+Vermögen ist eingezogen: die Kaiserin aber läßt dir sagen,«
+– hier flüsterte er in des Zerschmetterten Ohr, – »du
+habest in deinem klugen Brief ihr selbst den Rat erteilt,
+Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du
+führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.«
+</p>
+
+<p>
+Und Alexandros ging auf die »Thetis« zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer,
+wandte dem Hafen von Byzanz den Rücken und trug den
+Sträfling für immer aus dem Leben der Menschen.
+</p>
+</div><div n="8" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Achtes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Wir haben Cethegus den Präfekten seit seiner Abreise
+nach Rom aus den Augen verloren.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse
+die eifrigste Thätigkeit entfaltet: denn er erkannte,
+daß die Dinge jetzt zur Entscheidung drängten; er konnte
+ihr getrost entgegensehen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die
+<pb n='369'/><anchor id='Pg369'/>Barbaren: und wer anders vermochte es, der Kraft dieses
+Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das Haupt der
+Katakombenverschwörung und der Herr von Rom.
+</p>
+
+<p>
+Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und
+ausgerüsteten Legionare und durch die nahezu vollendete
+Befestigung der Stadt, an der er in den letzten Monaten
+Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war
+es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges
+Auftreten der byzantinischen Macht in seinem Italien, die
+Hauptgefahr, die seinen ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden:
+durch zuverlässige Kundschafter hatte er erfahren,
+daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei Sicilien
+geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und
+der afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei
+zu unterdrücken beschäftigt schien.
+</p>
+
+<p>
+Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung
+der Griechen in Italien kommen werde: er konnte derselben
+als einer Nachhilfe nicht entbehren.
+</p>
+
+<p>
+Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten
+des Kaisers eben nur eine Nachhilfe bleibe: und deshalb
+mußte er, ehe ein Byzantiner den italischen Boden betreten,
+eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft veranlaßt und
+zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere Mitwirkung
+der Griechen nur als eine Nebensache erschien und
+mit der Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers
+abgelohnt werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet.
+</p>
+
+<p>
+Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten
+die Goten in ganz Italien an einem Tag überfallen, mit
+einem Schlag alle festen Plätze, Burgen und Städte, Rom,
+Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und
+waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so
+<pb n='370'/><anchor id='Pg370'/>stand nicht mehr zu fürchten, daß sie bei ihrer großen
+Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Stärke
+der italischen Festen diese und damit die Herrschaft über
+die Halbinsel wieder gewinnen würden.
+</p>
+
+<p>
+Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die
+Goten vollends über die Alpen zu drängen: und Cethegus
+wollte schon dafür sorgen, daß diese Befreier ebenfalls
+keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten, um
+sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten
+durch die Erhebung Italiens überrascht würden. Wenn
+der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon ausgesprochen
+war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die
+in Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich
+entreißen. Da nun aber Cethegus, seit er die Sendung
+des Petros durchschaut hatte, bei jeder Gelegenheit Justinians
+Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten
+mußte, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden
+von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr
+zu verlieren.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen
+Roms eine allgemeine Versammlung der Verschworenen
+in den Katakomben anberaumt, in der das mühsam und
+erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick
+des Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser
+rein italischen Bewegung bezeichnet werden sollte. Er
+hoffte sicher, den Widerstand der Bestochenen oder Furchtsamen,
+die nur für und mit Byzanz zu handeln geneigt
+waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen,
+wenn er diese sofort in den Kampf zu führen versprach.
+</p>
+
+<p>
+Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens
+Ermordung, von der Verwirrung und Spaltung
+der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der Präfekt
+<pb n='371'/><anchor id='Pg371'/>die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch
+der einzige noch unfertige Turm des aurelischen Thores
+unter Dach: Cethegus führte die letzten Hammerschläge:
+ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals von
+Rom und von Italien dröhnen.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von
+Arbeitern in dem Theater des Pompejus gab, hatten sich
+auch die meisten der Verschworenen eingefunden und der
+Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine unbegrenzte
+Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter
+den Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er
+gewünscht hatte; aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt
+Silverius war, zog sich mit finstern Mienen von den
+Tischen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Priester hatte seit lange eingesehen, daß Cethegus
+nicht bloß Werkzeug sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte,
+die der Kirche und seinem persönlichen Einfluß sehr
+gefährlich werden konnten. Und er war entschlossen, den
+kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden
+konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht
+so manches Römers gegen den Überlegenen im geheimen
+zu schüren.
+</p>
+
+<p>
+Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich,
+Hypatius von Ephesus und Demetrius von Philippi,
+die in Glaubensfragen öffentlich mit dem Papst, aber geheim
+mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros,
+in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt,
+um mit Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung
+zu treten.
+</p>
+
+<p>
+»Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen
+aus dem Thor des Theaters, »der Präfekt ist
+Marius und Cäsar in Einer Person.« – »Er verschwendet
+diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm
+<pb n='372'/><anchor id='Pg372'/>nicht zu sehr trauen,« warnte der geizige Albinus. – »Lieben
+Brüder,« mahnte der Priester, »sehet zu, daß ihr nicht
+einen unter euch lieblos verdammet. Wer solches thäte,
+wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht
+unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen
+seiner jungen »Ritter«: es ist das gut, er kann dadurch
+die Tyrannei zerbrechen ... –«
+</p>
+
+<p>
+»Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius.
+</p>
+
+<p>
+»Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in
+Brutus’ Tagen,« sprach Scävola.
+</p>
+
+<p>
+»Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:«
+sagte Silverius, »je näher der Tyrann, desto drückender
+die Tyrannei: je ferner der Herrscher, desto erträglicher
+die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist
+aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl,« stimmte Albinus bei, der große Summen
+von Byzanz erhalten hatte, »der Kaiser muß der Herr
+Italiens werden.« – »Das heißt,« beschwichtigte Silverius
+den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten
+durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten
+niederhalten. Siehe, wir stehen an der Schwelle meines
+Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim euch mitzuteilen,
+was heute Abend in der Versammlung kund werden
+soll. Es wird euch überraschen. Aber andre Leute
+noch mehr.«
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach
+Hause geeilt, sich in einsamem Sinnen zu seinem wichtigen
+Werke zu bereiten. Nicht seine Rede überdachte er: wußte
+er doch längst was er zu sagen hatte und, ein glänzender
+Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen,
+überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des
+Augen<pb n='373'/><anchor id='Pg373'/>blicks, wohl wissend, daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte
+Wort am lebendigsten wirkt.
+</p>
+
+<p>
+Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft
+schlug hohe Wellen.
+</p>
+
+<p>
+Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele
+hin gethan, seit zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt
+ihn angezogen: er erwog die kurze Strecke, die noch zurückzulegen
+war: er überzählte die Schwierigkeiten, die Hindernisse,
+die noch auf diesem Wege lagen und ermaß dagegen
+die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden: und das
+Ergebnis dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine
+Siegesfreude, die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff.
+</p>
+
+<p>
+Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der
+Stunde beginnender Schlacht: er umgürtete sich mit dem
+breiten, siegreichen Schwert seiner Kriegsfahrten und drückte
+krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, jetzt gegen zwei
+Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu erkämpfen.
+Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah
+ihr lange in das schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff
+er mit beiden Händen die Hüften des Imperators
+und rüttelte an ihnen: »lebwohl,« sagte er, »und gieb
+mir dein Glück mit auf den Weg. – Mehr brauch’ ich
+nicht.«
+</p>
+
+<p>
+Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache
+und durch das Atrium hinaus auf die Straße, wo ihn
+schon die ersten Sterne begrüßten.
+</p>
+
+<p>
+Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an
+diesem Abend in den Katakomben eingefunden: waren doch
+durch ganz Italien die Ladungen zu dieser Versammlung
+als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf
+den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen
+Punkte vertreten: von den starken Grenzhüterinnen
+<pb n='374'/><anchor id='Pg374'/>Tridentum, Tarvisium und Verona, die das Eis der Alpen
+schauen, bis zu Otorantum und Consentia, welche die laue
+Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre
+Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siciliens und
+Italiens mit den stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen
+Namen: Syrakusä und Catana, Panormus und Messana,
+Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum,
+Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus
+und Spoletum, Clusium und Perusia, Auximum und Ancon,
+Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca, Luna und Genua,
+Ariminum, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona
+und Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum
+(Pavia), Mediolanum, Comum und Bergamum, Asta und
+Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des jonischen
+Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und
+Salona.
+</p>
+
+<p>
+Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut
+in dem Rat ihrer Städte, deren Häupter ihre Ahnen seit
+Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute, breitschultrige
+Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren:
+und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes
+Ranges und jedes Alters: die einzige fest organisierte Macht
+und Silverius unbedingt gehorsam.
+</p>
+
+<p>
+Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen
+Ganges verborgen, die Massen in dem Halbrund der
+Grotte übersah, konnte er sich eines verächtlichen Lächelns
+nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. Außer
+der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch
+bei weitem nicht stark genug war, schwere politische Pläne
+mit Opfern und Entsagungen zu tragen, – welch’ verschiedene
+und oft welch’ kleine Motive hatten diese Verschwornen
+hier zusammengeführt!
+</p>
+
+<p>
+Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau:
+<pb n='375'/><anchor id='Pg375'/>hatte er sie doch durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten
+beherrschen gelernt. Und er mußte zuletzt noch froh darum
+sein: echte Römer hätte er nie, wie diese Verschworenen, so
+völlig unter seinen Einfluß gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese
+Patrioten, und bedachte, wie den einen die Hoffnung auf
+einen Titel von Byzanz, den andern plumpe Bestechung,
+einen dritten Rachsucht wegen irgend einer Beleidigung
+oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein
+schlechter Streich unter die Unzufriedenen geführt: und
+wenn er sich nun vorstellte, daß er mit solchen Bundesgenossen
+den gotischen Heermännern entgegentreten sollte,
+– da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes.
+</p>
+
+<p>
+Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme
+des Lucius Licinius seinen Blick auf die Schar der jungen
+»Ritter« lenkte, denen wirklich kriegerischer Muth und nationale
+Begeisterung aus den Augen sprühte: so hatte er
+doch einige verlässige Waffen. –
+</p>
+
+<p>
+»Gegrüßt, Lucius Licinius,« sprach er aus dem Dunkel
+des Ganges hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und
+gewaffnet, als ging es von hier gegen die Barbaren.«
+</p>
+
+<p>
+»Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Haß
+und vor Freude,« sagte der schöne Jüngling. »Sieh,
+alle diese hier hab’ ich für dich, für das Vaterland geworben.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus blickte grüßend umher:
+</p>
+
+<p>
+»Auch du hier, Kallistratos, – du heitrer Sohn des
+Friedens?«
+</p>
+
+<p>
+»Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in
+der Stunde der Gefahr,« sagte der Hellene und legte die
+weiße Hand auf das zierliche Schwert mit dem Griff von
+Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte sich
+zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus,
+<pb n='376'/><anchor id='Pg376'/>die, seit den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen,
+ihre Brüder, Vettern, Freunde mitgebracht hatten. Prüfend
+flog sein Blick über die Gruppe, er schien einen aus
+diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine
+Gedanken: »Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla?
+</p>
+
+<p>
+Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von
+weitem aus, aber er sprach: »ich bin ein Korse, kein
+Italier: mein Handel blüht unter gotischem Schutz: laßt
+mich aus eurem Spiel.« Und als ich weiter in ihn drang
+– denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen
+Tausende von Armen, über die er gebeut – sprach er
+kurz abweisend: »ich fechte nicht gegen <anchor id="corr376"/><corr sic="Totila.«">Totila.««</corr>
+</p>
+
+<p>
+»Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen
+an jenen Milchbart bindet,« meinte Piso.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich
+denke, wir Römer genügen,« sprach er laut: und das Herz
+der Jünglinge schlug.
+</p>
+
+<p>
+»Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig
+den Archidiakon, »du siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt;
+er wird sie alle gewinnen. Unterbrich ihn: rede.«
+</p>
+
+<p>
+»Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinus kommt?«
+</p>
+
+<p>
+»Er kommt; er erwartet den Boten am appischen
+Thor.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und
+er trat in die Mitte der Rotunde, erhob ein schwarzes
+Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen Gottes!
+Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der
+Nacht zu den Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal:
+denn wunderbar hat der Sohn Gottes, dem die
+Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner Verherrlichung,
+zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst
+Gott dem Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln
+Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin, die mit
+<pb n='377'/><anchor id='Pg377'/>thätigem Mitleid die Seufzer der leidenden Kirche vernehmen:
+und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem
+Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers
+Sache, wirkt ...« –
+</p>
+
+<p>
+»Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer
+nennt den Kaiser von Byzanz hier unsern Herrn? wir
+wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten! Frei
+wollen wir sein!« – »Frei wollen wir sein,« wiederholte
+der Chor seiner Freunde.
+</p>
+
+<p>
+»Frei wollen wir <hi rend='gesperrt'>werden</hi>!« fuhr Silverius fort.
+»Gewiß. Aber das können wir nicht aus eigner Macht,
+nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, geliebte
+Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt,
+Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm
+einen köstlichen Ring – sein Bild in Carneol – gesendet,
+zum Zeichen, daß er billige, was der Präfekt für ihn, den
+Kaiser, thue und der Präfekt hat den Ring angenommen:
+sehet hier, er trägt ihn am Finger.«
+</p>
+
+<p>
+Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus.
+Dieser trat schweigend in die Mitte. Eine peinliche
+Pause entstand.
+</p>
+
+<p>
+»Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es
+ist nicht wie sie sagen mit dem Ring.«
+</p>
+
+<p>
+Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist
+wie sie sagen: der Ring ist vom Kaiser und ich hab’ ihn
+angenommen.«
+</p>
+
+<p>
+Lucius Licinius trat einen Schritt zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Zum Zeichen?« fragte Silverius.
+</p>
+
+<p>
+»Zum Zeichen,« sprach Cethegus mit drohender Stimme,
+»daß ich der herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den
+mich einige halten, zum Zeichen, daß ich Italien mehr
+liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf Byzanz und
+wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten: –
+<pb n='378'/><anchor id='Pg378'/>darum nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf
+Byzanz, das ewig zögert: deshalb hab’ ich diesen Ring
+heute mitgebracht, ihn dem Kaiser zurückzustellen. Du,
+Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz erwiesen:
+hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurück: er
+säumt zu lang: sag’ ihm, Italien hilft sich selbst.«
+</p>
+
+<p>
+»Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter.
+</p>
+
+<p>
+»Bedenket, was ihr thut!« warnte mit verhaltnem
+Zorn der Priester. »Den heißen Mut der Jünglinge begreif’
+ich, – aber daß meines Freundes, des gereiften
+Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, – befremdet
+mich. Bedenket die Zahl und wilde Kraft der
+Barbaren! Bedenket, wie die Männer Italiens seit lange
+des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des Landes
+in der Hand ...« –
+</p>
+
+<p>
+»Schweig, Priester,« donnerte Cethegus, »das verstehst
+du nicht! Wo es die Psalmen zu erklären gilt und die
+Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da rede du: denn
+solches ist dein Amt; wo’s aber Krieg und Kampf der
+Männer gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen.
+Wir lassen dir den ganzen Himmel – laß uns nur die
+Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl.
+Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich
+doch vielleicht Italiens noch erbarmt – ihr könnt müde
+Greise werden bis dahin – oder wollt ihr, nach alter
+Römer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert erkämpfen?
+Ihr wollt’s, ich seh’s am Feuer eurer Augen.
+Wie? man sagt uns, wir sind zu schwach, Italien zu befreien?
+Ha, seid ihr nicht die Enkel jener Römer, die den
+Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für
+Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm:
+Decius, Corvinus, Cornelius, Valerius, Licinius: – wollt
+ihr mit mir das Vaterland befreien?«
+</p>
+
+<pb n='379'/><anchor id='Pg379'/>
+
+<p>
+»Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!« riefen die
+Jünglinge begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heiße
+Scävola. Wo römische Heldennamen aufgerufen werden,
+hätte man auch des Geschlechts gedenken mögen, in dem
+das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du
+jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume
+und Wünsche, wie diese jungen Thoren, hast du einen
+Plan?« –
+</p>
+
+<p>
+»Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg.
+Hier ist die Liste fast aller Festungen Italiens: an den
+nächsten Iden, in dreißig Tagen also, fallen sie, alle, auf
+Einen Schlag, in meine Hand.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie? dreißig Tage sollen wir noch warten?« fragte
+Lucius.
+</p>
+
+<p>
+»Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte
+wieder erreicht, bis meine Eilboten Italien durchflogen
+haben. Ihr habt über vierzig Jahre warten müssen!«
+</p>
+
+<p>
+Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er
+selbst geschürt, wollte nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne
+Mienen zu dem Aufschub – sie murrten.
+</p>
+
+<p>
+Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der
+Stimmung. »Nein, Cethegus,« rief er, »solang kann nicht
+mehr gezögert werden! Unerträglich ist dem Edeln die
+Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet als er muß.
+Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den
+nächsten Tagen können die Waffen Belisars in Italien
+blitzen.«
+</p>
+
+<p>
+»Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar
+nicht folgen, weil er nicht Cethegus ist?«
+</p>
+
+<p>
+»Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von
+Wirklichem. Landete Belisar, ich wäre der erste mich
+ihm anzuschließen. Aber er wird nicht landen. Das ist’s
+<pb n='380'/><anchor id='Pg380'/>ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser hält
+nicht Wort.«
+</p>
+
+<p>
+Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte
+nicht anders.
+</p>
+
+<p>
+»Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort
+erfüllen, als du meinst. Belisar liegt bei Sicilien.«
+</p>
+
+<p>
+»Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause
+gewendet. Hofft nicht mehr auf Belisar.«
+</p>
+
+<p>
+Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und
+eilfertig stürzte Albinus herein:
+</p>
+
+<p>
+»Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!«
+</p>
+
+<p>
+»Was bringst du?« fragte freudig der Priester.
+</p>
+
+<p>
+»Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den
+Krieg erklärt.«
+</p>
+
+<p>
+»Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist unmöglich!« sprach Cethegus, tonlos.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist gewiß!« rief eine andre Stimme vom Gange
+her – es war Calpurnius, der jenem auf dem Fuß gefolgt
+– »und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
+Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusä,
+Messana sind ihm zugefallen, Panormus hat er mit der
+Flotte genommen, er ist übergesetzt nach Italien, von
+Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.«
+</p>
+
+<p>
+»Freiheit!« rief Marcus Licinius.
+</p>
+
+<p>
+»Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien,
+aus Calabrien flüchten die überraschten Goten, unaufhaltsam
+dringt er durch Bruttien und Lucanien gen Neapolis.«
+</p>
+
+<p>
+»Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cethegus mehr
+zu sich selbst als zu den andern.
+</p>
+
+<p>
+»Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten
+Sache. Aber der Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar
+ist gelandet mit dreißigtausend Mann.« – »Ein
+Ver<pb n='381'/><anchor id='Pg381'/>räter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. – »Nun laß
+sehen,« höhnte Silverius, »ob du dein Wort halten wirst.
+Wirst du der erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?«
+</p>
+
+<p>
+Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine
+ganze Welt, <hi rend='gesperrt'>seine</hi> Welt. So hatte er denn umsonst, nein,
+schlimmer als das, für einen verhaßten Feind alles gethan,
+was er gethan.
+</p>
+
+<p>
+Belisar in Italien mit einem starken Heere und er
+getäuscht, machtlos, überwunden! Wohl jeder andre hätte
+jetzt alles weitre Streben ermüdet aufgegeben. In des
+Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung.
+Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der
+Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben
+Augenblick ihn von neuem zu beginnen: seine Welt war
+versunken, und er hatte nicht Muße ihr einen Seufzer
+nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er beschloß,
+eine zweite zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+»Nun! was wirst du thun?« wiederholte Silverius.
+</p>
+
+<p>
+Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung
+gewendet sprach er mit ruhiger Stimme: »Belisar
+ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich gehe in
+sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen
+Ganges, gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen
+Freunden vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber
+er verstummte, da ihn der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke
+nicht, Priester,« schien er zu sagen, »diese Stunde wird
+dir vergolten.«
+</p>
+
+<p>
+Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. – –
+</p>
+
+</div><div n="9" type="kapitel">
+<pb n='382'/><anchor id='Pg382'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Neuntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie
+Italiern, gleich unerwartet gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten
+hatte alle Erwartungen von der kaiserlichen Flotte in die
+Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden war nur
+Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf
+von Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um
+Vollmachten, um Mittel zur Verteidigung Siciliens gebeten.
+Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel genommen wurden,
+das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das
+gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst
+verhängnisvolle Schatten werfen und die Bande des Glückes
+zerreißen sollte, mit welchen ein freundliches Schicksal
+diesen Liebling der Götter bisher umwoben hatte.
+</p>
+
+<p>
+Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut
+seiner Natur gelungen, das edle, wenn auch strenge, Herz
+des Valerius zu gewinnen. Wir haben gesehen, wie
+mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die
+Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in
+jener Stunde der nächtlichen Überraschung auf den würdigen
+Alten gewirkt.
+</p>
+
+<p>
+Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner
+gewinnenden Güte, wurde von den Liebenden zu Hilfe
+gerufen und ihren vereinten Einflüssen gab der Sinn des
+Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen
+Römertum des Alten nur dadurch möglich, daß von allen
+Goten Totila an Sinnesart, Bildung und Wohlwollen
+den Römern am nächsten stand, so daß Valerius bald einsah,
+er könne einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten,
+der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit
+<pb n='383'/><anchor id='Pg383'/>und die Schönheit der hellenischen und römischen Litteratur
+kannte und würdigte, und, wie er seine Goten liebte, so
+die Kultur der alten Welt bewunderte.
+</p>
+
+<p>
+Dazu kam endlich, daß im politischen Gebiet den alten
+Römer und den jungen Germanen der gemeinsame Haß
+gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen Heldenseele
+Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation
+die Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkürlich
+wie dem Lichte die Nacht verhaßt war, so war für
+Valerius die ganze Tradition seiner Familie eine Anklage
+gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier
+hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition
+wider das Cäsarentum gezählt. Und so mancher
+der Ahnen hatte schon seit den Tagen des Tiberius die
+alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt und
+besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die
+Übertragung der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach
+Byzanz anerkannt: in dem byzantinischen Kaisertum erblickte
+Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und um jeden
+Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den
+orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium
+fern halten. Es kam dazu, daß sein Vater und sein
+Bruder bei einer Handelsreise durch Byzanz von einem
+Vorgänger Justinians aus Habsucht waren festgehalten
+und, wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung,
+unter Konfiskation ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet
+worden, so daß den politischen Haß des Patrioten
+mit aller Macht persönliche Schmerzen verstärkten. Er
+hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwörung
+einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung
+Italiens ergriffen, aber alle Annäherungen der kaiserlichen
+Partei mit den Worten abgewiesen: »lieber den Tod als
+Byzanz!«
+</p>
+
+<pb n='384'/><anchor id='Pg384'/>
+
+<p>
+So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluß,
+keine Byzantiner in dem schönen Lande zu dulden, das
+dem Goten kaum minder teuer war, als dem Römer.
+</p>
+
+<p>
+Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon
+jetzt zu einem bindenden Wort zu drängen; sie begnügten
+sich für die Gegenwart mit der Freiheit des Umgangs,
+die Valerius ihnen beließ und warteten ruhig ab, bis der
+Einfluß allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken
+an ihre völlige Vereinigung befreunden würde. So
+verlebten unsere jungen Freunde goldene Tage.
+</p>
+
+<p>
+Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke
+die Freude an der wachsenden Neigung des Vaters zu
+Totila: und Julius genoß jene weihevolle Erhebung, die
+für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen
+um des Glückes geliebter Herzen willen liegt.
+</p>
+
+<p>
+Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie
+nicht befriedigte Seele wandte sich mehr und mehr jener
+Lehre zu, die den höchsten Frieden im Entsagen findet.
+</p>
+
+<p>
+Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
+</p>
+
+<p>
+Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres
+Vaters, der an der frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre
+ganze Erziehung geleitet und im geistigen und sittlichen
+Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen Geistes ihr
+angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei
+dem Eintritt in das Leben durch eine äußere Nötigung
+war zugewendet und später ebenso durch ein äußerliches
+Mittel wieder war entrissen worden, erschien ihr als eine
+gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht,
+die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und
+Gefühle zu scheiden vermochte. Als echte Römerin sah sie
+auch nicht mit bangem Zagen, sondern mit freudigem
+Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespräch mit
+<pb n='385'/><anchor id='Pg385'/>ihrem Vater über Byzanz und seine Feldherrn aus der
+Seele Totilas leuchtete, den künftigen Helden verkündend.
+</p>
+
+<p>
+Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten
+seine Kriegerpflicht plötzlich abrief aus den Armen
+der Liebe und Freundschaft. Denn sowie die Flotte der
+Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen war,
+loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch
+des Krieges unauslöschlich empor. Als Befehlshaber des
+unteritalischen Geschwaders lag ihm die Pflicht ob, die
+Feinde zu beobachten, die Küste zu decken. Er setzte rasch
+seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht
+entgegen, Erklärung heischend über den Grund ihres Erscheinens
+in diesen Gewässern.
+</p>
+
+<p>
+Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf
+von Petros feindlich aufzutreten, gab eine friedliche und
+unanfechtbare Auskunft, die Unruhen in Afrika und Seeräubereien
+mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit dieser
+Antwort mußte sich Totila begnügen: aber in seiner Seele
+stand der Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb,
+weil er ihn wünschte. Er traf daher alle Anstalten, schickte
+warnende Boten nach Ravenna und suchte vor allem, das
+wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu
+decken, da die Landbefestigung der Stadt während des
+langen Friedens vernachlässigt und der alte Uliaris, der
+Stadtgraf von Neapolis, nicht aus seiner stolzen Sicherheit
+und Griechenverachtung aufzurütteln war.
+</p>
+
+<p>
+Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen
+Wahn, die Byzantiner würden gar nie wagen, sie anzugreifen:
+und ihr verräterischer König bestärkte sie gern in
+diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben deshalb
+unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein
+ganzes Geschwader abgenommen und in den Hafen von
+Ravenna zu angeblicher Ablösung beordert: aber die
+<pb n='386'/><anchor id='Pg386'/>Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten, blieben
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe,
+mit welchen er, wie er den Freunden erklärte, die
+Bewegungen der zahlreichen Griechenflotte nicht beobachten,
+geschweige denn aufhalten konnte. Diese Mitteilungen bewogen
+den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen
+und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen
+bei Regium, an der Südspitze der Halbinsel, aufzusuchen,
+um die wertvollste Habe aus dieser Gegend, für die Totila
+den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach Neapolis zu
+flüchten und überhaupt seine Anordnungen für den Fall
+eines längeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte
+Julius ihn begleiten: und auch Valeria war nicht zu bewegen,
+in der leeren Villa zurückzubleiben: von Gefahr
+war, wie Totila versichert hatte, für die nächsten Tage
+nichts zu fürchten.
+</p>
+
+<p>
+So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet,
+nach der Hauptvilla bei dem Passe Jugum nördlich von
+Regium ab, die, unmittelbar am Meere gelegen, ja zum
+Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus in
+das Meer selbst »wagend hinausgebaut« war.
+</p>
+
+<p>
+Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine
+Institoren hatten, sicher gemacht durch lange Abwesenheit
+des Herrn, übel gewirtschaftet: und mit Unwillen erkannte
+dieser, daß seine prüfende, ordnende, strafende Thätigkeit,
+nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig
+sein werde.
+</p>
+
+<p>
+Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila
+schickte warnende Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater
+in der Gefahr nicht verlassen zu können: und dieser verschmähte
+es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die er noch
+mehr verachtete, als haßte.
+</p>
+
+<pb n='387'/><anchor id='Pg387'/>
+
+<p>
+Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht,
+die fast gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen:
+das eine trug Totila, das andre den Korsen Furius
+Ahalla. Die Männer begrüßten sich überrascht, doch erfreut
+als alte Bekannte und wandelten mit einander durch
+die Taxus- und Lorbeergänge des Gartens zu der Villa
+hinan. Hier trennten sie sich: Totila gab vor, seinen
+Freund Julius besuchen zu wollen, indes den Korsen ein
+Geschäft zu dem Kaufherrn führte, mit dem er seit Jahren
+in einer für beide Teile gleich vorteilhaften Handelsverbindung
+stand.
+</p>
+
+<p>
+Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen
+und stattlich-schönen Seefahrer bei sich eintreten und nach
+herzlicher Begrüßung wandten sich die beiden Handelsfreunde
+ihren Büchern und Rechnungen zu.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von
+den Rechentafeln und sprach: »So siehst du, Valerius, aufs
+neue hat Mercurius unser Bündnis gesegnet. Meine
+Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus
+Phönikien und aus Spanien zugeführt: und deine köstlichen
+Fabrikate des verflossenen Jahres verführt nach Byzanz
+und Alexandria, nach Massilia und Antiochia. Ein Centenar
+Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird er
+steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern
+Goten den Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland.«
+Er schwieg wie abwartend.
+</p>
+
+<p>
+»Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang
+diese Griechen Frieden halten. Wer steht dafür, daß
+uns nicht diese Nacht der Seewind die Flotte Belisars an
+die Küste treibt!«
+</p>
+
+<p>
+»Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen:
+er ist mehr als wahrscheinlich, er ist gewiß.«
+</p>
+
+<p>
+»Furius,« rief der Römer, »woher weißt du das?«
+</p>
+
+<pb n='388'/><anchor id='Pg388'/>
+
+<p>
+»Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die
+Flotte des Kaisers gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber.
+Ich habe die Heerführer Belisars gesprochen: sie
+träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens.
+Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.«
+</p>
+
+<p>
+Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte
+es und fuhr fort: »Und deshalb vor allem bin ich hierher
+geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird in dieser Gegend
+landen und ich wußte, – daß deine Tochter dich begleitet.«
+</p>
+
+<p>
+»Valeria ist eine Römerin.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren.
+Denn Hunnen, Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen
+und Sarazenen sind es, die dieser Kaiser der Römer losläßt
+auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches Kind
+in ihre Hände fiele.«
+</p>
+
+<p>
+»Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am
+Dolch. »Aber du sprichst wahr – sie muß fort – in
+Sicherheit.« – – »Wo ist in Italien Sicherheit? Bald
+werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen
+über Neapolis, – über Rom und kaum sich an Ravennas
+Mauern brechen.« – Denkst du so groß von diesen
+Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes nach
+Italien geschickt als Mimen, Seeräuber und Kleiderdiebe!«
+– »Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls
+entbrennt ein Kampf, dessen Ende so mancher von euch
+nicht erleben wird!« – »Von <hi rend='gesperrt'>euch</hi>, sagst du? wirst du
+nicht mit kämpfen?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Valerius! Du weißt, in meinen Adern fließt
+nur korsisch Blut, trotz meines römischen Adoptivnamens:
+ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht Gote. Ich
+wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung
+halten zu Wasser und zu Land und weil mein Handel
+blüht unter ihrem Scepter: aber wollt’ ich offen für sie
+<pb n='389'/><anchor id='Pg389'/>fechten, – der Fiskus von Byzanz verschlänge, was irgend
+von meinen Schiffen und Waren in den Häfen des Ostreichs
+liegt, drei Viertel all’ meines Guts. Nein, ich gedenke mein
+Eiland so zu befestigen, – du weißt ja, halb Korsika ist
+mein – daß keine der kämpfenden Parteien mich viel
+belästigen wird: meine Insel wird eine Friedensinsel sein,
+während rings die Länder und Meere vom Krieg erdröhnen.
+Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone,
+wie ein Bräutigam die Braut – und deshalb« – seine
+Augen funkelten und seine Stimme bebte vor Erregung –
+»deshalb wollte ich jetzt, – heute – ein Wort aussprechen,
+das ich seit Jahren auf dem Herzen trage« – – Er stockte.
+</p>
+
+<p>
+Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es
+mit tiefem Schmerz: seit Jahren hatte er sich in dem
+Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen Kaufherrn zu
+vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen
+Neigung er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit
+den jungen Goten gewonnen, er würde doch den langjährigen
+Handelsgenossen als Eidam vorgezogen haben.
+Und er kannte den unbändigen Stolz und die zornige
+Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der Weigerung
+die alte Liebe und Freundschaft alsbald in lodernden Haß
+umschlagen zu sehen: man erzählte dunkle Geschichten von
+der jähzornigen Wildheit des Mannes und gern hätte
+Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung
+erspart.
+</p>
+
+<p>
+Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind
+Männer, die Geschäfte geschäftlich abthun. Und ich spreche,
+nach altem Brauch, gleich mit dem Vater, nicht erst mit
+der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius: du
+kennst zum Teil mein Vermögen – nur zum Teil: –
+denn es ist viel größer als du ahnst. Zur Widerlage der
+Mitgift geb’ ich, wie groß sie sei, das doppelte ...« –
+</p>
+
+<pb n='390'/><anchor id='Pg390'/>
+
+<p>
+»Furius!« unterbrach der Vater.
+</p>
+
+<p>
+»Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib
+beglücken mag. Jedenfalls kann ich sie beschützen, wie kein
+andrer in diesen drohenden Zeiten: ich führe sie, wird
+Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach
+Afrika; an jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein
+Palast. Keine Königin soll sie beneiden. Ich will sie hoch
+halten: – höher als meine Seele.« Er hielt inne, sehr
+erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
+</p>
+
+<p>
+Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: – es
+war nur eine Sekunde: aber der Anschein nur, daß sich
+der Vater besinne, empörte den Korsen. Sein Blut kochte
+auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch beinahe
+weich und mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck
+an: dunkelrote Glut schoß in die braunen Wangen.
+»Furius Ahalla,« sprach er rasch und hastig, »ist nicht
+gewöhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine Ware aufs
+erste Angebot mit beiden Händen zu ergreifen –: nun
+biete ich mich selbst: – ich bin, bei Gott, nicht schlechter
+als mein Purpur« –
+</p>
+
+<p>
+»Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht
+mehr in der Zeit alten, strengen Römerbrauchs: der neue
+Glaube hat den Vätern fast das Recht genommen, die
+Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und
+keinem andern geben, aber ihr Herz« ... –
+</p>
+
+<p>
+»Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?«
+Und seine Faust fuhr an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler
+keinen Augenblick mehr atmen. Es lag etwas vom
+Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden
+Auges. Valerius empfand, wie tödlich dieser Haß und
+wollte den Namen nicht nennen. – »Wer kann es sein?«
+fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer? Montanus?
+<pb n='391'/><anchor id='Pg391'/>Nein! O nur – nur nicht er – sag’ nein, Alter, nicht
+Er« .. – Und er faßte ihn am Gewande.
+</p>
+
+<p>
+»Wer? wen meinst du?«
+</p>
+
+<p>
+»Der mit mir landete – der Gote: doch ja: er muß
+es sein, es liebt ihn ja alles: – Totila!«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist’s!« sagte Valerius und suchte begütigend seine
+Hand zu fassen.
+</p>
+
+<p>
+Doch mit Schrecken ließ er sie los: ein zuckender Krampf
+rüttelte den ehernen Leib des starken Korsen: er streckte
+beide Hände starr vor sich hin als wollte er den Schmerz,
+der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das Haupt in
+den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste
+grausam gegen die Stirn, den Kopf schüttelnd und laut
+auflachend.
+</p>
+
+<p>
+Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten
+die gepreßten Hände langsam herab und zeigten ein aschenfahles
+Antlitz. »Es ist aus,« sagte er dann mit bebender
+Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll
+nicht glücklich werden im Weibe. Schon einmal, – hart
+vor der Erfüllung –! Und jetzt, – ich weiß es, –
+Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch in mein
+wild schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: – ich
+wäre anders geworden, – – besser. Und sollte es nicht
+sein« – hier funkelte sein Auge wieder – »nun, so wär’
+es fast das gleiche Glück gewesen, den Räuber dieses Glücks
+zu morden. Ja, in seinem Blute hätte ich gewühlt und
+von der Leiche die Braut hinweggerissen – und nun ist
+Er es!
+</p>
+
+<p>
+Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet – und
+welchen Dank« – – – Und er schwieg, mit dem Haupte
+nickend und wie verloren in Erinnerung. »Valerius,« rief
+er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem Mann
+auf Erden: – ich hätt’ es nicht getragen, hinter einem
+<pb n='392'/><anchor id='Pg392'/>andern zurückzustehen – doch Totila! – Es sei ihr vergeben,
+daß sie mich ausschlägt, weil sie Totila gewählt.
+Leb wohl, Valerius, ich geh’ in See, nach Persien, Indien
+– ich weiß nicht, wohin – ach überallhin nehm’ ich diese
+Stunde mit.« Und rasch war er hinaus und gleich darauf
+entführte ihn sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen
+der Villa. –
+</p>
+
+<p>
+Seufzend verließ Valerius das Gemach, seine Tochter
+zu suchen. Er traf im Atrium auf Totila, der sich schon
+wieder verabschiedete. Er war nur gekommen, zu rascher
+Rückreise nach Neapolis zu treiben.
+</p>
+
+<p>
+Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet
+und kreuze bei Panormus: jeden Tag könne die Landung
+auf Sicilien, in Italien selbst erfolgen und trotz all’ seines
+Dringens sende der König keine Schiffe. In den nächsten
+Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewißheit zu
+schaffen. Die Freunde seien daher hier völlig unbeschützt:
+und er beschwor den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege
+nach Neapolis heimzukehren. Aber den alten Soldaten
+empörte es, vor den Griechen flüchten zu sollen: vor drei
+Tagen könne und wolle er nicht weichen von seinen Geschäften,
+und kaum war er von Totila zu bestimmen, eine
+Schar von zwanzig Goten zur notdürftigsten Deckung
+anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in seinen
+Kahn und ließ sich an Bord des Wachschiffes zurückbringen.
+</p>
+
+<p>
+Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam,
+ein Nebelschleier verhüllte die Dinge in nächster Nähe.
+</p>
+
+<p>
+Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff,
+kenntlich an der roten Leuchte an dem hohen Mast, bog
+um die Spitze eines kleinen Vorgebirges.
+</p>
+
+<p>
+Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur
+Linken! was für Schiff? was für Herr?«
+</p>
+
+<pb n='393'/><anchor id='Pg393'/>
+
+<p>
+»Schon angezeigt vom Mastkorb:« – hallte es wieder
+– »Kauffahrer – Furius Ahalla – lag hier vor Anker.«
+</p>
+
+<p>
+»Fährt wohin?«
+</p>
+
+<p>
+»Nach Osten – nach Indien!« –
+</p>
+</div><div n="10" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Zehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische
+Bedeckung geschickt, hatte Valerius endlich seine Geschäfte
+beendet und auf den andern Morgen die Abreise festgesetzt.
+Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und
+sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die
+des jungen Helden Kriegesdurst doch wohl unterschätzt
+habe: es war dem Römer ein unerträglicher Gedanke, daß
+»Griechen« das teure Italien in Waffen betreten sollten.
+»Auch ich wünsche den Frieden,« sprach Valeria, nachsinnend
+– »und doch –« »Nun?« fragte Valerius.
+»Ich bin gewiß, du würdest,« vollendete das Mädchen, »im
+Krieg erst Totila so lieben lernen, wie er es verdient: er
+würde für mich streiten und für Italien.« – »Ja,« sagte
+Julius, »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das.«
+– »Ich kenne nichts Größeres,« antwortete Valerius.
+</p>
+
+<p>
+Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende
+Schritte und der junge Thorismuth, der Anführer der
+zwanzig Goten und Totilas Schildträger, trat hastig ein.
+</p>
+
+<p>
+»Valerius,« sprach er schnell, »laß die Wagen anschirren,
+– die Sänften in den Hof – ihr müßt fort.«
+</p>
+
+<p>
+Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn – sind sie
+gelandet?« – »Rede,« sprach Julius, »was macht dich
+besorgt?« – »Für mich nichts,« lachte der Gote, »und
+<pb n='394'/><anchor id='Pg394'/>euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber
+ich darf nicht mehr schweigen – gestern früh spülte die
+Flut eine Leiche ans Land ... –«
+</p>
+
+<p>
+»Eine Leiche?« – »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft
+– es war Alb, der Steuermann auf Totilas
+Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte nicht. »Das kann
+ein Zufall sein – er ist ertrunken.« – »Nein,« sagte der
+Gote fest, »er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner
+Brust.« – »Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht
+auf mehr!« meinte Valerius. »Aber heute –«
+</p>
+
+<p>
+»Heute?« fragte Julius. – »Heute sind alle Landleute
+ausgeblieben, die sonst täglich von Regium hier durch nach
+Colum gehen. Auch ein Reiter, den ich auf Kundschaft
+nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« – »Beweist
+noch immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. –
+Sein Herz sträubte sich gegen den Gedanken einer Landung
+der Verhaßten solang als möglich – »oft schon hat die
+Brandung die Straße gesperrt.«
+</p>
+
+<p>
+»Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium
+vorging und das Ohr auf die Erde legte, hörte ich
+die Erde zittern unter dem Hufschlag von vielen Rossen,
+die in rasender Eile nahen. Ihr müßt fliehn.«
+</p>
+
+<p>
+Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die
+an den Pfeilern des Gemaches hingen, Valeria legte schwer
+atmend die Hand aufs Herz: »Was ist zu thun?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Besetzt den Engpaß von Jugum,« befahl Valerius,
+»in den die Straße längs der Küste verläuft: er ist schmal;
+er ist lange zu halten.« – »Er ist schon besetzt von acht
+meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde sitzt, die
+Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.«
+</p>
+
+<p>
+Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein
+gotischer Krieger, mit Schlamm und Blut bedeckt, herein:
+»flieht,« rief er, »sie sind da!« – »Wer ist da, Gelaris?«
+<pb n='395'/><anchor id='Pg395'/>fragte Thorismuth. – »Die Griechen! Belisar! der Teufel!« –
+»Rede,« befahl Thorismuth. – »Ich kam bis in den Pinienwald
+von Regium, ohne etwas Verdächtiges zu spüren,
+freilich auch ohne einer Seele auf der Straße zu begegnen.
+Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, eifrig
+vorwärts spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse
+mir ein Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu
+lag ich unter meinem Tier am Boden .... –«
+</p>
+
+<p>
+»Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Thorismuth. –
+»Jawohl, eine Roßhaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel
+an den Kopf geschnellt, da fällt auch ein besserer Reitersmann
+als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde –
+Waldschraten oder Alraunen acht’ ich sie ähnlich – setzten
+aus dem Busch über den Graben, banden mich auf mein
+Pferd, nahmen mich zwischen ihre kleinen, zottigen Gäule
+– und hui ...« –
+</p>
+
+<p>
+»Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius.
+</p>
+
+<p>
+»Jagten sie mit mir davon. – Als ich wieder ganz
+zu mir gekommen, war ich in Regium, mitten unter den
+Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die Regentin ist ermordet,
+der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sicilien
+überrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen – –«
+– »Und das feste Panormus?«
+</p>
+
+<p>
+»Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die
+Mastkörbe waren höher als die Mauern der Stadt: von
+den Masten schossen und sprangen sie herab.« – »Und
+Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der
+Sicilianer – die Goten der Besatzung sind ermordet: in
+Syrakusä ist Belisarius eingeritten unter einem Blumenregen,
+als scheidender Konsul des Jahres – denn es war
+am letzten Tage seines Konsulats – Goldmünzen streuend,
+unter Händeklatschen alles Volks.« – »Und wo ist der
+Seegraf? wo ist Totila?« – »Zwei seiner drei Schiffe
+<pb n='396'/><anchor id='Pg396'/>sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoße der Trieren.
+Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller
+Rüstung – und ist – noch nicht – aufgefischt.«
+</p>
+
+<p>
+Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
+</p>
+
+<p>
+»Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete
+gestern in dunkler stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt
+hat ihn mit Jubel aufgenommen; er ordnet nur sein Heer,
+dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine Vorhut,
+die gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mußten sogleich
+wieder umkehren und den Paß gewinnen. Ich sollte
+ihnen Führer dahin sein. Ich führte sie weit ab – nach
+Westen – in den Meeressumpf und – entsprang ihnen
+im Dunkel – des Abends – aber – sie schickten mir –
+Pfeile nach – und einer traf – ich kann nicht mehr.« –
+Und klirrend stürzte der Mann zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+»Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes
+Geschoß! Auf, Julius und Thorismuth, ihr geleitet
+mein Kind auf der Straße gen Neapolis: ich gehe in den
+Paß und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die
+Bitten Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen
+einen Ausdruck eisernen Entschlusses an. »Gehorcht!« befahl
+er den Widerstrebenden, »ich bin der Herr dieses
+Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen
+Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland.
+Nein, Julius! Dich muß ich bei Valeria wissen –
+lebet wohl.«
+</p>
+
+<p>
+Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und
+mit den meisten der Sklaven spornstreichs auf der Straße
+nach Neapolis hinwegeilte, stürmte Valerius mit Schild
+und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum
+Garten der Villa hinaus, nach dem Engpaß zu, der nicht
+weit vor dem Anfang seiner Besitzungen die Straße nach
+Regium überwölbte.
+</p>
+
+<pb n='397'/><anchor id='Pg397'/>
+
+<p>
+Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich
+und zur Rechten, nach Süden, fielen jene Wände
+senkrecht in das tiefe Meer, dessen Brandung oft die Straße
+überflutete. Die Mündung des Passes aber war so schmal,
+daß zwei nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren
+Schilden wie eine Pforte schließen konnten: so durfte Valerius
+hoffen, den Paß auch gegen große Übermacht lang
+genug zu decken, um den raschen Pferden der Fliehenden
+hinlänglichen Vorsprung zu gewähren. Während der Alte
+den schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen
+Weinbergen nach dem Engpaß hinzog, durch die mondlose
+Nacht vorwärts eilte, bemerkte er zur Rechten, draußen,
+in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen
+Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast
+eines Schiffes niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die
+Byzantiner zur See gegen Neapolis vorrücken? Sollten
+sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses Rücken ans
+Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere
+Lichter zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf
+seinen Befehl, aber schon mit sichtlichem Widerwillen, ihm
+aus der Villa gefolgt waren.
+</p>
+
+<p>
+Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der
+Nacht. Sie waren dem Herrn entwischt, sobald dieser ihrer
+nicht mehr achtete. So kam Valerius allein an dem Engpaß
+an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen
+besetzt hielten, während zwei andere den östlichen, dem
+Feinde zugekehrten Eingang ausfüllten und die übrigen
+vier in dem innern Raum hielten. Kaum war Valerius
+dicht hinter die beiden vordersten Wächter getreten, als
+man plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und
+alsbald bogen um die letzte Krümmung, welche die Straße
+vor dem Paß um eine Felsennase machte, zwei Reiter im
+vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es
+<pb n='398'/><anchor id='Pg398'/>warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Scene:
+denn die Goten vermieden alles, was ihre kleine Zahl
+verraten konnte. »Beim Barte Belisars!« schalt der vorderste
+der Reiter, in Schritt übergehend, »hier wird der
+Katzensteig so schmal, daß kaum ein ehrlich Roß drauf
+Platz hat, – und da kömmt noch ein Hohlweg oder –
+halt, was rührt sich da?« Und er hielt sein Pferd an
+und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, vorsichtig
+nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht
+seiner Kienfackel ein bequemes Ziel.
+</p>
+
+<p>
+»Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu.
+</p>
+
+<p>
+Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten
+Panzerringe in seine Brust. »Feinde, weh!« schrie der
+Sterbende und stürzte rücklings aus dem Sattel. »Feinde,
+Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die verderbliche
+Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd
+herum und jagte zurück, während das Tier des Gefallenen
+ruhig stehen blieb bei der Leiche seines Herrn.
+</p>
+
+<p>
+Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als
+den Hufschlag des enteilenden Rosses, und, zur Rechten
+des Passes, den leisen Schlag der Wellen am Fuße der
+Felswand. Den Männern im Engpaß schlug das Herz in
+Erwartung. »Jetzt bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte
+Valerius, »lasse sich keiner aus dem Passe locken. Ihr in
+der ersten Reihe schließt die Schilde fest aneinander und
+streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr
+drei im Rücken reicht uns die Speere und habt acht auf
+alles –.«
+</p>
+
+<p>
+»Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der
+Straße stand, »das Licht! das Schiff nähert sich immer
+mehr.«
+</p>
+
+<p>
+»Hab’ acht und ruf’ es an, wenn –«
+</p>
+
+<p>
+Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die
+<pb n='399'/><anchor id='Pg399'/>beiden Späher gebildet hatten: es war ein Trupp von
+fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen Fackeln. Wie sie
+um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die
+Scene mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+»Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter,
+»seht euch vor.« – »Schafft den Toten zurück und das
+Roß!« sprach eine rauhe Stimme und der Anführer, eine
+Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
+</p>
+
+<p>
+»Halt!« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer
+seid ihr und was wollt ihr?« – »Das habe ich zu fragen!«
+entgegnete der Führer der Reiter in derselben Sprache.
+– »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein
+Vaterland gegen Räuber.«
+</p>
+
+<p>
+Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel
+die ganze Örtlichkeit besehen: sein geübtes Auge erkannte
+die Unmöglichkeit, links oder rechts den Engpaß zu umgehen
+und zugleich die Enge seiner Mündung. »Freund,«
+sagte er etwas zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen.
+Auch wir sind Römer und wollen Italien von seinen
+Räubern befreien. Also gieb Raum und laß uns durch.«
+Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen wollte, sprach:
+»Wer bist du und wer sendet dich?« – »Ich heiße Johannes:
+die Feinde Justinians nennen mich »den blutigen«:
+und ich führe die leichten Reiter Belisars. Alles Land
+von Regium bis hierher hat uns mit Jubel aufgenommen:
+hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir weiter,
+hätt’ uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten
+Sumpf geführt, drin je ein guter Gaul versank. Köstliche
+Zeit ging uns verloren. Halt’ uns nicht auf! Leben und
+Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du uns
+führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt:
+sie dürfen sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis
+stehen, ja vor Rom. »Johannes,« sprach Belisar zu mir,
+<pb n='400'/><anchor id='Pg400'/>»da ich’s dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor mir
+her durch dieses Land zu fegen, befehl ich’s dir.« Also
+fort und laßt uns durch –.« Und er spornte sein
+Pferd.
+</p>
+
+<p>
+»Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er
+keinen Fuß breit vorwärts in Italien. Zurück, ihr Räuber!«
+– »Verrückter Mensch! du hältst es mit den Goten gegen
+uns?« – »Mit der Hölle –, wenn gegen euch.«
+</p>
+
+<p>
+Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts
+und links: »Höre,« sprach er, »du kannst uns hier wirklich
+eine Weile aufhalten. Nicht lang. Weichst du, so
+sollst du leben. Weichst du nicht, so laß ich dich erst
+schinden und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach
+einer Blöße spähend.
+</p>
+
+<p>
+»Zurück,« rief Valerius. »Schieß’, Freund!« Und
+eine Sehne klirrte und ein Pfeil schlug an den Helm des
+Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte sein Tier zurück.
+»Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen
+trennten sich nicht gern von ihren Rossen. »Wie, Herr?
+absitzen?« fragte einer der nächsten. Da schlug ihm Johannes
+mit der Faust ins Gesicht. Der Mann rührte sich
+nicht. »Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu
+Pferde in das Mauseloch schlüpfen?« Und er selbst schwang
+sich aus dem Sattel: »Sechs steigen auf die Bäume und
+schießen von oben. Sechs legen sich auf die Erde, kriechen
+an den Seiten der Straße vor und schießen im Liegen.
+Zehn schießen stehend, auf Brusthöhe. Zehn hüten die
+Pferde; die andern zwanzig folgen mir mit dem Speer,
+sowie die Sehnen geschwirrt. Vorwärts.« Und er gab
+die Fackel ab und ergriff eine Lanze.
+</p>
+
+<p>
+Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte
+Johannes noch einmal den Paß. »Ergebt euch!« rief er
+– »Kommt an,« riefen die Goten.
+</p>
+
+<pb n='401'/><anchor id='Pg401'/>
+
+<p>
+Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten
+zugleich.
+</p>
+
+<p>
+Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten
+fiel: einer der Schützen auf den Bäumen hatte ihn in die
+Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit dem vorgehaltenen
+Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht,
+den wütenden Anprall des anstürmenden Johannes aufzuhalten,
+der mit der Lanze in die Lücke rannte. Er fing
+den Lanzenstoß mit dem Schilde und schlug nach dem
+Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurückprallte,
+strauchelte und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Da konnte sich’s der Gote neben Valerius nicht versagen,
+den feindlichen Führer unschädlich zu machen: er
+sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpaß einen Schritt
+vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell
+hatte er sich aufgerafft, den überraschten Goten von der
+Straßenwand zur Rechten des Felsenpasses hinabgestoßen,
+und im selben Augenblick stand er an der rechten, schildlosen
+Seite des Valerius, der die wieder vordringenden
+Hunnen abwehrte, und stieß diesem mit aller Kraft das
+lange Persermesser in die Weichen.
+</p>
+
+<p>
+Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei
+hinter ihm stehenden Goten, Johannes, der schon in das
+Innere des Passes gedrungen war, mit ihren Schildschnäbeln
+wieder zurück- und hinauszustoßen. Er ging
+zurück, einen neuen Pfeilregen zu befehlen.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung,
+der dritte hielt den blutenden Valerius in seinen
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpaß:
+»Das Schiff! Herr – das Schiff! sie sind gelandet:
+sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir wollen euch tragen
+– ein Versteck in den Felsen.« –
+</p>
+
+<pb n='402'/><anchor id='Pg402'/>
+
+<p>
+»Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich
+sterben; stemme mein Schwert gegen die Wand und« –
+</p>
+
+<p>
+Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der
+Ruf des gotischen Heerhorns: Fackeln blitzten und eine
+Schar von dreißig Goten stürmte in den Paß: Totila an
+ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu spät,
+zu spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache!
+hinaus!«
+</p>
+
+<p>
+Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk
+aus dem Paß. Und schrecklich war der Zusammenstoß
+auf der schmalen Straße zwischen Felsen und Meer.
+Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende
+Morgen gab nur ein graues Licht. Die Hunnen,
+obwohl an Zahl den kühnen Angreifern überlegen, waren
+durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie glaubten,
+ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten,
+ihre Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten
+erreichten mit ihnen zugleich die Stelle, wo die ledigen
+Tiere hielten: und in wirrem Knäuel stürzte Mann und
+Roß die Felsen hinab.
+</p>
+
+<p>
+Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden
+Leute ein: ihr Schwall warf ihn zu Boden, er raffte sich
+wieder auf und sprang den nächsten Goten an. Aber er
+kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter
+Flachskopf,« schrie er, »so bist du nicht ersoffen?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das
+Schwert durch den Helmkamm und noch ein Stück in den
+Schädel, daß er taumelte. Da war aller Widerstand zu
+Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner
+Reiter auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der
+Kampfplatz war geräumt.
+</p>
+
+<p>
+Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand
+Valerius, bleich, mit geschlossenen Augen, das Haupt auf
+<pb n='403'/><anchor id='Pg403'/>seinen Schild gelegt. Er warf sich zu ihm nieder und
+drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,«
+rief er, »Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns.
+Noch ein Wort des Abschieds.« Der Sterbende schlug
+matt die Augen auf.
+</p>
+
+<p>
+»Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.«
+– »Ah, Sieg!« atmete Valerius auf; »ich darf im Siege
+sterben. Und Valeria – mein Kind – sie ist gerettet?«
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer
+entkommen, eilte ich hierher, Neapolis zu warnen, euch zu
+retten. Nahe der Straße, zwischen deinem Hause und
+Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr
+deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und
+führt sie nach Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher
+dich zu retten – ach nur zu rächen!« Und er senkte das
+Haupt auf des Sterbenden Brust.
+</p>
+
+<p>
+»Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir,
+mein Sohn, dir, dank’ ich es.« Und wohlgefällig streichelte
+er die langen Locken des Jünglings. »Und auch Valerias
+Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens Rettung.
+Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, – trotz
+Belisar und Narses. Du kannst es, – du wirst es –
+und dein Lohn sei mein geliebtes Kind.« – »Valerius!
+Mein Vater!« – »Sie sei dein! Aber schwöre mir’s,«
+– und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah
+ihm scharf ins Auge – »schwöre mir’s beim Genius
+Valeria’s: nicht eher wird sie dein, als bis Italien frei
+ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen
+Byzantiner trägt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich schwör’ es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte
+fassend, »ich schwör’s beim Genius Valerias!«
+</p>
+
+<p>
+»Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben:
+– grüße sie und sage ihr: dir hab’ ich sie empfohlen und
+<pb n='404'/><anchor id='Pg404'/>anvertraut: sie – und Italien.« Und er legte das Haupt
+zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der
+Brust – und war tot.
+</p>
+
+<p>
+Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner
+Brust.
+</p>
+
+<p>
+Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem
+Träumen: es war die Morgensonne, deren goldne Scheibe
+prächtig über den Kamm des Felsgebirges emportauchte:
+er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die
+Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer
+flog über alles Land.
+</p>
+
+<p>
+»Beim Genius Valerias!« <anchor id="corr404"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> er leise mit
+innigster Empfindung und hob die Hand zum Schwur dem
+Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er Kraft und
+Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die
+hohe Pflicht erhob ihn. Gekräftigt wandte er sich zurück
+und befahl, die Leiche auf sein Schiff zu tragen, um sie
+nach dem Grabmal der Valerier in Neapolis zu führen.
+</p>
+</div><div n="11" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Elftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich
+auch die Goten nicht völlig müßig geblieben. Doch
+waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr gelähmt, ja absichtlich
+vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs.
+</p>
+
+<p>
+Theodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die
+Kriegserklärung des byzantinischen Gesandten alsbald wieder
+erholt, da er sich nicht von der Überzeugung trennen
+konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt,
+um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes
+<pb n='405'/><anchor id='Pg405'/>zu decken. Er hatte ja Petros nicht mehr allein gesprochen:
+und dieser mußte doch vor Goten und Römern einen Vorwand
+haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. Das
+Auftreten dieses Mannes war ja das längst verabredete
+Mittel zur Durchführung der geheimen Pläne. Den Gedanken,
+Krieg führen zu sollen, – von allen ihm der unerträglichste!
+– wußte er sich dadurch fern zu halten, daß
+er weislich überlegte, zum Kriegführen gehören zwei.
+»Wenn ich mich nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff
+bald vorüber. Belisar mag kommen: – ich will
+nach Kräften dafür sorgen, daß er auf keinen Widerstand
+stößt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern
+könnte. Berichtet der Feldherr im Gegenteil
+nach Byzanz, daß ich seine Erfolge in jeder Weise befördert,
+so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag ganz
+oder doch zum größten Teil zu erfüllen.«
+</p>
+
+<p>
+In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte
+der Goten zu Land und zur See aus Unteritalien, wo er
+die Landung Belisars erwartete, hinweg, und schickte sie
+massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach Liburnien,
+Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem
+er, gestützt auf die Thatsache, daß Byzanz eine kleine
+Truppenabteilung nach Dalmatien gegen Salona gesendet
+und mit den Frankenkönigen Gesandte gewechselt hatte, vorgab,
+der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu Lande,
+in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken
+am Rhodanus und Padus zu befahren.
+</p>
+
+<p>
+Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen
+Glauben: und so geschah das Unerhörte, daß die Heerscharen
+der Goten, die Schiffe, die Waffen, die Kriegsvorräte
+in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
+hinweggeführt, daß Unteritalien bis Rom, ja alles
+Land bis Ravenna entblößt und alle
+Verteidigungsmaß<pb n='406'/><anchor id='Pg406'/>regeln in den Gegenden vernachlässigt wurden, auf die alsbald
+die ersten Schläge der Feinde fallen sollten.
+</p>
+
+<p>
+An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es
+von gotischen Waffen und Segeln, während bei Sicilien,
+wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum Wachtdienst
+fehlten.
+</p>
+
+<p>
+Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten
+besserte daran nicht viel. Witichis und Hildebad hatte sich
+der König aus der Nähe geschafft, indem er sie mit Truppen
+und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien entsandte:
+und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand,
+der nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler
+aufgeben wollte, zähen Widerstand.
+</p>
+
+<p>
+Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt, als ihm
+seine entschlossene Königin zurückgegeben wurde. Witichis
+war alsbald nach der Kriegserklärung der Byzantiner mit
+einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen,
+wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht
+gesucht, und hatte sie bewogen, sich freiwillig wieder in
+Ravenna einzufinden, unter Verbürgung für ihre Sicherheit,
+bis in der bevorstehenden großen Volks- und Heeresversammlung
+bei Rom ihre Sache nach allen Formen des
+Rechts untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen
+waren beiden Parteien genehm: denn den gotischen
+Patrioten mußte alles daran gelegen sein, jetzt, bei dem
+Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in
+der Oberleitung gespalten zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen
+Witichis wider jede Anklage das Recht voller Verteidigung
+gewahrt wissen wollte, so sah auch Teja ein, daß, nachdem
+der Feind die schwere Beschuldigung des Königsmordes
+auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur
+ein strenges und feierliches Verfahren in allen Formen,
+<pb n='407'/><anchor id='Pg407'/>nicht eine stürmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin,
+die Volksehre wahren könne.
+</p>
+
+<p>
+Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner
+Stirn entgegen: mochten die Stimmen innerer Überzeugung
+auch gegen sie sprechen, sie glaubte ganz sicher zu sein,
+daß sich ein genügender Beweis ihrer That nicht erbringen
+lasse. – Hatte doch nur ihr Auge das Ende der
+Feindin gesehen. – Und sie wußte wohl, daß man sie
+ohne volle Überführung nicht strafen werde.
+</p>
+
+<p>
+So folgte sie willig nach Ravenna, flößte dem zagen
+Herzen ihres Gatten neuen Mut ein und hoffte, war nur
+der Gerichtstag überstanden, alsbald im Lager Belisars und
+am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen
+zu finden. Die Zuversicht des Königspaares über den
+Ausgang jenes Tages wurde nun noch dadurch erhöht, daß
+die Rüstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben
+hatten, außer Witichis und Hildebad auch noch den gefährlichen
+Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den
+Nordwesten der Halbinsel zu entsenden: – mit ihm zogen
+viele Tausende gerade der eifrigsten Anhänger der Gotenpartei,
+– so daß an dem Tag bei Rom eine von ihren
+Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden
+würde. – Und unablässig waren sie thätig, sowohl
+ihre persönlichen Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens,
+die mächtige Sippe der Balten in ihren weitverbreiteten
+Zweigen, in möglichst großer Anzahl zur Entscheidung
+jenes Tages heranzuziehen. So hatte das
+Königspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen. Und Theodahad
+war von Gothelindis bewogen worden, selbst als Vertreter
+seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu
+erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen
+Ansehens vielleicht von vornherein alle Widersacher
+einzuschüchtern.
+</p>
+
+<pb n='408'/><anchor id='Pg408'/>
+
+<p>
+Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache
+verließen Theodahad und Gothelindis Ravenna und
+eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage vor dem für die
+Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem
+alten Kaiserpalast abstiegen.
+</p>
+
+<p>
+Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der
+Nähe Roms, auf einem freien offnen Felde, Regeta genannt,
+zwischen Anagni und Terracina, sollte die Versammlung
+gehalten werden. Früh am Morgen des Tages,
+da sich Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen
+wollte und von Gothelindis Abschied nahm, ließ sich ein
+unerwarteter und unwillkommener Name melden: Cethegus,
+der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt
+nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der
+Befestigungen beschäftigt.
+</p>
+
+<p>
+Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck:
+»Um Gott, Cethegus! welch ein Unheil bringst
+du?«
+</p>
+
+<p>
+Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn
+bei ihrem Anblick, dann sprach er ruhig: »Unheil? für
+den, den’s trifft. Ich komme aus einer Versammlung
+meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom
+wissen wird: Belisar ist gelandet.«
+</p>
+
+<p>
+»Endlich,« rief Theodahad. – Und auch die Königin
+konnte eine Miene des Triumphs nicht verbergen.
+</p>
+
+<p>
+»Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich
+komme nicht, Rechenschaft von euch und eurem Freunde
+Petros zu verlangen: wer mit Verrätern handelt, muß
+sich aufs Lügen gefaßt machen. Ich komme nur, um euch
+zu sagen, daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid.«
+</p>
+
+<p>
+»Verloren?« – »Gerettet sind wir jetzt!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein
+Manifest erlassen: er sagt, er komme, die Mörder
+Amala<pb n='409'/><anchor id='Pg409'/>swinthens zu strafen; ein hoher Preis und seine Gnade
+ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.«
+</p>
+
+<p>
+Theodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gothelindis.
+</p>
+
+<p>
+»Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat
+den Feind ohne Widerstand ins Land gelassen.
+</p>
+
+<p>
+Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag,
+in dieser stürmischen Zeit als Präfekt ihr Wohl zu
+wahren. Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und
+Belisar übergeben lassen.«
+</p>
+
+<p>
+»Das wagst du nicht!« rief Gothelindis nach dem
+Dolche greifend.
+</p>
+
+<p>
+»Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen
+im Bad ermorden. Ich lasse euch aber entkommen –
+was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! – gegen
+einen billigen Preis.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich gewähre jeden!« stammelte Theodahad.
+</p>
+
+<p>
+»Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Verträge
+mit Silverius: – schweig! lüge nicht! ich weiß, ihr habt
+lang und geheim verhandelt. Du hast wieder einmal einen
+hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben! Mich
+lüstet nach dem Kaufbrief.«
+</p>
+
+<p>
+»Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft!
+Nimm sie! sie liegen verwahrt in der Basilika des heiligen
+Martinus, in dem Sarkophag, links in der Krypta!«
+Seine Furcht zeigte, daß er wahr sprach.
+</p>
+
+<p>
+»Es ist gut,« sagte Cethegus. »Alle Ausgänge des
+Palastes sind von meinen Legionären besetzt. Erst erhebe
+ich die Urkunden. Fand ich sie am bezeichneten Ort, so
+werd’ ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr dann
+entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt
+meinen Namen dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er
+wird euch ziehen lassen.« Und er ging, das Paar ratlosen
+Ängsten überlassend.
+</p>
+
+<pb n='410'/><anchor id='Pg410'/>
+
+<p>
+»Was thun?« fragte Gothelindis mehr sich selbst als
+ihren Gemahl. »Weichen oder trotzen?« – »Was thun?!«
+wiederholte Theodahad unwillig. »Trotzen? das heißt
+bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als möglich; kein
+Heil als die Flucht!« – »Wohin willst du fliehn?« – »Nach
+Ravenna zunächst – das ist fest! Dort erheb’ ich
+den Königsschatz. Von da, wenn es sein muß, zu den
+Franken. Schade, schade, daß ich die hier verborgnen
+Gelder preisgeben muß. Die vielen Millionen Solidi!«
+– »Hier? auch hier,« fragte Gothelindis aufmerksam »in
+Rom hast du Schätze geborgen. Wo? und sicher?« –
+»Ach, allzusicher! In den Katakomben! Ich selber würde
+Stunden brauchen, sie alle aufzufinden in jenen finstern
+Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt Leben oder
+Tod. Und das Leben geht doch noch über die Solidi!
+Folge mir, Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick
+verlieren; ich eile an die Pforte Marc Aurels.«
+</p>
+
+<p>
+Und er verließ das Gemach. Aber Gothelindis blieb
+überlegend stehn. Ein Gedanke, ein Plan hatte sie bei
+seinen Worten erfaßt: sie erwog die Möglichkeit des Widerstands.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen.
+»Gold ist Macht,« sprach sie zu sich selber, »und nur
+Macht ist Leben.« Ihr Entschluß stand fest. Sie <anchor id="corr410"/><corr sic="gegedachte">gedachte</corr>
+der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz
+aus seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos
+in Rom, der Einschiffung gewärtig. Sie hörte Theodahad
+hastig die Treppe hinunter steigen und nach seiner
+Sänfte rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!« sprach
+sie, »ich bleibe.«
+</p>
+
+</div><div n="12" type="kapitel">
+<pb n='411'/><anchor id='Pg411'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/>
+<head>Zwölftes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus
+dem Meer: und ihre Strahlen glitzerten auf den blanken
+Waffen von vielen tausend Gotenkriegern, die das weite
+Blachfeld von Regeta belebten.
+</p>
+
+<p>
+Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die
+Scharen herbeigeeilt, gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib
+und Kind, sich bei der großen Musterung, die alljährlich
+im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
+</p>
+
+<p>
+Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest
+und der edelste Ernst der Nation zugleich: ursprünglich, in
+der heidnischen Zeit, war ihr Mittelpunkt das große Opferfest
+gewesen, das alljährlich zweimal, an der Winter- und
+Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur
+Verehrung der gemeinsamen Götter vereinte: daran schlossen
+sich dann Markt- und Tausch-Verkehr, Waffenspiele und
+Heeresmusterung: die Versammlung hatte zugleich die höchste
+Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg und
+Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten.
+</p>
+
+<p>
+Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat,
+in welchem der König so manches Recht, das sonst dem
+Volke zukam, erworben, hatte die Volksversammlung eine
+höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte heidnische
+Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit,
+die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet,
+lebten unter seinen schwächern Nachfolgern kräftiger wieder
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten
+das Urteil zu finden, die Strafe zu verhängen, wenn auch
+der Graf des Königs in dessen Namen das Gericht leitete
+und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische
+<pb n='412'/><anchor id='Pg412'/>Völker selbst ihre Könige wegen Verrates, Mordes und
+andrer schwerer Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt,
+gerichtet und getötet. In dem stolzen Bewußtsein,
+sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem
+König nicht, über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen,
+zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem »Ding«
+wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und
+stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit, Kraft
+und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah.
+</p>
+
+<p>
+Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit
+besonders starken Gründen. Der Krieg mit Byzanz war
+zu erwarten oder schon ausgebrochen, als die Ladung nach
+Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit
+dem verhaßten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht
+zu mustern: diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung
+zugleich Heerschau sein. Dazu kam, daß
+wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten Goten
+bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten
+werden über die Mörder der Tochter Theoderichs: die
+große Aufregung, die diese That erweckt hatte, mußte ebenfalls
+mächtig nach Regeta ziehn.
+</p>
+
+<p>
+Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten
+Dörfern bei Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten
+sich große Scharen schon einige Tage vor der feierlichen
+Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, zweihundertachtzig
+Stadien (gegen sechsunddreißig römische Meilen zu
+tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Hütten
+oder auch unter dem milden freien Himmel gelagert. Diese
+waren mit den frühsten Stunden des Versammlungstages
+schon in brausender Bewegung und nützten die geraume
+Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu
+allerlei Spiel und Kurzweil.
+</p>
+
+<p>
+Die einen schwammen und badeten in den klaren
+<pb n='413'/><anchor id='Pg413'/>Fluten des raschen Flusses Ufens (oder »Decemnovius«,
+weil er nach neunzehn römischen Meilen bei Terracina in
+das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere
+zeigten ihre Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen
+Speeren hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter
+den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen,
+indes die Raschfüßigsten, angeklammert an die Mähnen
+ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt
+hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich
+auf den sattellosen Rücken schwangen.
+</p>
+
+<p>
+»Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf
+zuerst an das Ziel gelangt war und sich jetzt die
+gelben Locken aus der Stirne strich, »schade, daß Totila
+nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat
+mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen,
+nehm’ ich’s mit ihm auf.« – »Ich bin froh, daß er nicht
+da ist,« lachte Gunthamund, der als der zweite herangesprengt
+war, »sonst hätte ich gestern schwerlich den ersten
+Preis im Lanzenwurf davongetragen.« – »Ja,« sprach
+Hilderich, ein stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer,
+»Totila ist gut mit der Lanze. Aber sichrer noch
+wirft der schwarze Teja: der nennt dir die Rippe vorher,
+die er treffen wird.« – »Bah,« brummte Hunibad, ein
+älterer Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend
+zugesehn, »das ist doch all’ nur Spielerei. Im blutigen
+Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das Schwert:
+wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den
+Leib rückt, daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf.
+Und da lob’ ich mir den Grafen Witichis von Fäsulä!
+</p>
+
+<p>
+Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im
+Gepidenkrieg! Durch Stahl und Leder schlug der Mann
+als wär’ es trocken Stroh. Der kann’s noch besser als
+mein eigner Herzog, Guntharis, der Wölsung, in Florentia.
+<pb n='414'/><anchor id='Pg414'/>Doch was wißt ihr davon, ihr Knaben. – Seht, da
+steigen die frühesten Ankömmlinge von den Hügeln nieder:
+auf! ihnen entgegen!«
+</p>
+
+<p>
+Und aus allen Wegen strömte jetzt das Volk heran:
+zu Fuß, zu Roß und zu Wagen. Ein brausendes, wogendes
+Leben erfüllte mehr und mehr das Blachfeld. An den
+Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden
+die Rosse abgezäumt, die Gespanne zu einer Wagenburg
+zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin flutete
+nun die stündlich wachsende Menge.
+</p>
+
+<p>
+Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde
+und Waffenbrüder, die sich seit Jahren nicht gesehn. Es
+war ein buntgemischtes Bild: die alte germanische Gleichartigkeit
+war in diesem Reiche lang geschwunden. Da stand
+neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen
+Städte Italiens niedergelassen, in den Palästen senatorischer
+Geschlechter wohnte und die feinere und üppigere Sitte der
+Welschen angenommen hatte, neben dem Herzog oder Grafen
+aus Mediolanum oder Ticinum, der über dem reichvergoldeten
+Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug,
+neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher,
+riesiger Gotenbauer, der in den tiefen Eichwäldern am
+Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am
+rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen
+hatte, die er um die mächtigen Schultern schlug, und dessen
+rauher erhaltne Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten
+Genossen schlug. Und wieder friedliche Schafhirten
+aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit
+ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in
+derselben Weise noch, welche die Ahnen vor tausend Jahren
+aus Asien herübergeführt hatte. Da war ein reicher Gote,
+der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers
+Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem
+<pb n='415'/><anchor id='Pg415'/>römischen Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach
+Tausenden zu berechnen gelernt hatte. Und daneben stand
+ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus die
+magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben
+der Höhle des Bären seine Bretterhütte errichtet hatte.
+</p>
+
+<p>
+So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden,
+das Los gefallen, seit ihre Väter dem Ruf
+des großen Theoderich nach Westen gefolgt waren, hinweg
+aus den Thälern des Hämus.
+</p>
+
+<p>
+Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne
+Eines Volkes: dieselbe stolzklingende Sprache redeten sie,
+dieselben Goldlocken, dieselbe schneeweiße Haut, dieselben
+hellen blitzenden Augen und – vor allem – das gleiche
+Gefühl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem
+Boden, den unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt,
+und den wir decken wollen, lebendig oder tot.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und
+rauschten die Tausende durcheinander, die sich hier begrüßten,
+alte Bekanntschaften aufsuchten und neue schlossen
+und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen
+und zu können.
+</p>
+
+<p>
+Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her
+eigentümliche, feierlich gezogene Töne des gotischen Heerhorns:
+und augenblicklich legte sich das Gesumme der
+brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen
+nach der Richtung der Hügel, von denen ein geschlossener
+Zug ehrwürdiger Greise nahte. Es war ein halbes Hundert
+von Männern in weißen, wallenden Mänteln, die Häupter
+eichenbekränzt, weiße Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile
+führend: die Sajonen und Fronwärter des Gerichts,
+welche die feierlichen Formen der Eröffnung, Hegung und
+Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem,
+<pb n='416'/><anchor id='Pg416'/>langgezogenem Hornruf die Versammlung der freien Heermänner,
+die, nach feierlicher Stille, mit klirrenden Waffen
+lärmend antworteten.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie
+teilten sich nach rechts und links und umzogen mit Schnüren
+von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt um einen Haselstab,
+den sie in die Erde stießen, geschlungen wurden, die
+ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit
+uralten Liedern und Sprüchen.
+</p>
+
+<p>
+Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre
+auf mannshohe Lanzenschäfte gespannt, so daß sie
+die zwei Thore der nun völlig umfriedeten Dingstätte
+bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten Beilen
+Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle
+Weiber fern zu halten.
+</p>
+
+<p>
+Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden
+Ältesten unter die Speerthore und riefen mit lauter Stimme:
+</p>
+
+<lg>
+<l>»Gehegt ist der Hag</l>
+<l>Altgotischer Art:</l>
+<l>Nun beginnen mit Gott</l>
+<l>Mag gerechtes Gericht.«</l>
+</lg>
+
+<p>
+Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten
+Menge ein anfangs leises, dann lauter tönendes
+und endlich fast betäubendes Getöse von fragenden, streitenden,
+zweifelnden Stimmen.
+</p>
+
+<p>
+Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen,
+daß er nicht, wie gewöhnlich, von dem Grafen
+geführt war, der im Namen und Bann des Königs das
+Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man
+erwartet, daß dieser Vertreter des Königs wohl während
+der Umschnürung des Platzes erscheinen werde. Als nun
+aber diese Arbeit geschehen, und der Spruch der Alten,
+<pb n='417'/><anchor id='Pg417'/>der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und
+doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war,
+der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die
+Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt.
+Während man nun überall nach dem Grafen, dem
+Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte man sich,
+daß dieser ja verheißen hatte, in Person vor seinem Volk
+zu erscheinen, sich und seine Königin gegen die erhobnen
+schweren Anklagen zu verteidigen.
+</p>
+
+<p>
+Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und
+Anhängern sich nach ihm erkundigen wollte, ergab sich die
+verdächtige Thatsache, die man bisher, im Gedräng der
+allgemeinen Begrüßungen, gar nicht wahrgenommen, daß
+nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten,
+Freunde, Diener des Königshauses, die zur Unterstützung
+der Beschuldigten zu erscheinen Recht, Pflicht und Interesse
+hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man
+sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in
+der Umgegend Roms gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien
+es, als ob an dem Lärm über diese Seltsamkeit und an
+dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige Anfang der
+ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner
+hatten bereits vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. –
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung
+ein alles übertönender Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren
+Ungetümes vergleichbar. Aller Augen folgten dem
+Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den
+Rücken einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende
+Gestalt, die in den hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild
+mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen ließ.
+Als sie den Schild senkte, erkannte man das mächtige Antlitz
+des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen schienen.
+</p>
+
+<pb n='418'/><anchor id='Pg418'/>
+
+<p>
+Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister
+des großen Königs, den, wie seinen Herrn, Lied und Sage
+schon bei lebendem Leib zu einer mythischen Gestalt unter
+den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf gelegt,
+hob der Alte an: »Gute Goten, meine wackern Männer.
+Es ficht euch an und will euch befremden, daß ihr keinen
+Grafen seht und Vertreter des Mannes, der eure Krone
+trägt.
+</p>
+
+<p>
+Laßt’s euch nicht Bedenken machen! Wenn der König
+meint, damit das Gericht zu stören, so soll er irren. Ich
+denke noch die alten Zeiten und sage euch: das Volk kann
+Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne Königsgrafen.
+Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und
+Sitte, aber da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar
+Winter jünger denn ich: der wird’s mir bezeugen: beim
+Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist frei!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor.
+</p>
+
+<p>
+»Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der
+König den seinen nicht,« rief der graue Haduswinth,
+»Recht und Gericht war, eh’ König war und Graf. Und
+wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand,
+Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja!« hallte es ringsum wieder, »Hildebrand soll
+unser Dinggraf sein.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin’s durch eure Wahl: und achte mich so gut
+bestellt, als hätte mir König Theodahad Brief und Pergament
+darüber ausgestellt. Auch haben meine Ahnen Gericht
+gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen,
+helft mir öffnen das Gericht.«
+</p>
+
+<p>
+Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der
+Eiche lagen noch die Trümmer eines uralten Fanums des
+Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten die Stelle, hoben
+die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und
+<pb n='419'/><anchor id='Pg419'/>rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der
+Eiche, so daß ein stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet
+ward. Und so hielt, von dem Altar des altitalischen
+Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf Gericht.
+</p>
+
+<p>
+Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel
+mit breitem, weißem Kragen über Hildebrands
+Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten Eschenstab in
+die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken
+Stahlschild an die Zweige der Eiche.
+</p>
+
+<p>
+Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten
+und Linken auf: der Alte schlug mit dem Stab auf den
+Schild, daß er hell erklang, dann setzte er sich, das Antlitz
+gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille, Bann und
+Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut
+und Scheltwort und Waffenzücken, und alles, was den
+Dingfrieden kränken mag. Und ich frage hier: ist es an
+Jahr und Tag, an Weil’ und Stunde, an Ort und Stätte,
+zu halten ein frei Gericht gotischer Männer?«
+</p>
+
+<p>
+Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen
+im Chor: »Hier ist rechter Ort, unter hohem Himmel,
+unter rauschender Eiche, hier ist rechte Tageszeit, bei
+klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund,
+zu halten ein frei Gericht gotischer Männer.«
+</p>
+
+<p>
+»Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind
+versammelt, zu richten zweierlei Klage: Mordklage wider
+Gothelindis, die Königin, und schwere Rüge wegen Feigheit
+und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Theodahad,
+unsern König. Ich frage ... –«
+</p>
+
+<p>
+Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden
+Hornruf, der von Westen her näher und näher drang.
+</p>
+
+</div><div n="13" type="kapitel">
+<pb n='420'/><anchor id='Pg420'/>
+<index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Dreizehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug
+von Reitern, welche die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte
+eilten. Die Sonne fiel grell blendend auf die waffenblitzenden
+Gestalten, daß sie nicht erkenntlich waren, obwohl
+sie in Eile nahten.
+</p>
+
+<p>
+Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem
+erhöhten Sitz, hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen
+und rief sogleich: »Das sind gotische Waffen! – Die
+wallende Fahne trägt als Bild die Wage: – das ist das
+Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst!
+An der Spitze des Zugs. Und an seiner Linken die hohe
+Gestalt, das ist der starke Hildebad! Was führt die Feldherrn
+zurück? ihre Scharen sollten schon weit auf dem
+Weg nach Gallien und Dalmatien sein.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüßenden
+Stimmen erfolgte.
+</p>
+
+<p>
+Indeß waren die Reiter heran und sprangen von den
+dampfenden Rossen. Mit Jubel empfangen, schritten die
+Führer, Witichis und Hildebad, durch die Menge den Hügel
+heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
+</p>
+
+<p>
+»Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und
+haltet Gericht, wie im tiefsten Frieden: und der Feind,
+Belisar, ist gelandet!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten
+mit dem König beraten, wie ihm zu wehren sei.«
+</p>
+
+<p>
+»Mit dem König!« lachte Hildebad bitter.
+</p>
+
+<p>
+»Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das
+verstärkt unsern Verdacht. Wir kehrten um, weil wir
+Grund zu schwerem Argwohn erhielten. Aber davon später!
+fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und Ordnung!
+<pb n='421'/><anchor id='Pg421'/>still, Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend,
+stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles
+in die Reihe der andern.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort:
+»Gothelindis, unsre Königin, ist verklagt wegen Mordes
+an Amalaswintha, der Tochter Theoderichs. Ich frage:
+sind wir Gericht zu richten solche Klage?«
+</p>
+
+<p>
+Der alte Haduswinth, gestützt auf seine lange Keule,
+trat vor und sprach: »Rot sind die Schnüre dieser Malstätte.
+Beim Volksgericht ist das Recht über roten Blutfrevel,
+über warmes Leben und kalten Tod. Wenn’s
+anders geübt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt,
+nicht Recht. Wir sind Gericht, zu richten solche Klage.«
+</p>
+
+<p>
+»In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider
+Gothelindis schwerer Vorwurf: im stillen Herzen verklagen
+wir alle sie darob. Wer aber will hier, im offnen Volksgericht,
+mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner,
+junger Gote, in glänzenden Waffen, trat von rechts vor
+den Richter, die rechte Hand auf die Brust legend.
+</p>
+
+<p>
+Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die
+Reihen: »Er liebt die schöne Mataswintha!« – »Er ist der
+Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der Florentia
+besetzt hält.« – »Er freit um sie!« – »Als Rächer ihrer
+Mutter tritt er auf!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn,
+aus der Wölsungen Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote
+mit einem anmutigen Erröten fort. »Zwar bin ich nicht
+versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer Sippe,
+Theodahad voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht
+die Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes
+Helfer und Hehler.
+</p>
+
+<p>
+So klag’ ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln
+<pb n='422'/><anchor id='Pg422'/>Stammes, ein Freund der unseligen Fürstin, an Mataswinthens,
+ihrer Tochter, Statt. Ich klag’ um Mord! Ich
+klag’ auf Blut!«
+</p>
+
+<p>
+Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche
+schöne Jüngling das Schwert und streckte es gerad vor sich
+auf den Richterstuhl.
+</p>
+
+<p>
+»Und dein Beweis? sag an ... –«
+</p>
+
+<p>
+»Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis
+trat vor, dem Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst
+das Recht so wohl, Meister Hildebrand, und läßt dich fortreißen
+von der Menge wildem Drang? Muß ich dich
+mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes
+Gebot? Den Kläger hör’ ich, die Beklagte nicht.«
+</p>
+
+<p>
+»Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach
+Hildebrand ruhig.
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und
+Mundwalt, sie zu vertreten?«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist nicht erschienen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ist er geladen?«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,«
+sprach Arahad: »tretet vor, Sajonen.« Zwei der
+Fronwärter traten vor und rührten mit ihren Stäben an
+den Richterstuhl.
+</p>
+
+<p>
+»Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen,
+daß im Volk der Goten ein Weib ungehört, unverteidigt
+verurteilt werde; wie schwer sie auch verhaßt sei, – sie
+hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz. Ich will
+ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein.«
+</p>
+
+<p>
+Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen,
+gleich ihm das Schwert ziehend.
+</p>
+
+<p>
+Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So
+leugnest du die That?« fragte der Richter. »Ich sage:
+<pb n='423'/><anchor id='Pg423'/>sie ist nicht erwiesen!« – »Erweise sie!« sprach der Richter
+zu Arahad gewendet.
+</p>
+
+<p>
+Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren
+und nicht gefaßt auf einen Widersacher von Witichis’ großem
+Gewicht und kräftiger Ruhe, ward etwas verwirrt. »Erweisen?«
+rief er ungeduldig. »Was braucht’s noch Erweis?
+Du, ich, alle Goten wissen, daß Gothelindis die Fürstin
+lang und tödlich haßte. Die Fürstin verschwindet aus
+Ravenna: gleichzeitig die Mörderin: ihr Opfer kömmt in
+einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein – tot:
+die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß. Was
+braucht’s da noch Erweis?«
+</p>
+
+<p>
+Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
+</p>
+
+<p>
+»Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?«
+sprach Witichis ruhig. »Wahrlich der Tag sei fern vom
+Gotenvolk, da man nach solchem Anschein Urteil spricht.
+Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh
+dem Volk, das seinen Haß zu seinem Recht erhebt. Ich
+selber hasse dieses Weib und ihren Gatten: aber wo ich
+hasse, bin ich doppelt streng mit mir.«
+</p>
+
+<p>
+Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, daß
+aller Goten Herzen dem treuen Manne zuschlugen.
+</p>
+
+<p>
+»Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast
+du handhafte That? hast du blickenden Schein? hast du
+gichtigen Mund? hast du echten Eid? heischest du der
+Verklagten Unschuldseid?«
+</p>
+
+<p>
+»Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen
+als meines Herzens festen Glauben.«
+</p>
+
+<p>
+»Dann,« sprach Hildebrand –
+</p>
+
+<p>
+Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom
+Thore her den Weg zu ihm und sprach: »Römische Männer
+stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör: sie wissen,
+sagen sie, alles um der Fürstin Tod.«
+</p>
+
+<pb n='424'/><anchor id='Pg424'/>
+
+<p>
+»Ich fordre, daß man sie höre,« rief Arahad eifrig,
+»nicht als Kläger, als Zeugen des Klägers.«
+</p>
+
+<p>
+Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten
+durch die neugierige Menge heraufzuführen. Voran schritt
+ein von Jahren gebeugter Mann in härener Kutte, den
+Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs machte
+seine Züge unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten.
+Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen
+Erscheinung bei aller Einfachheit, ja Armut, von seltner
+Würde geadelt war.
+</p>
+
+<p>
+Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands,
+sah ihm Arahad dicht ins Antlitz und trat mit Staunen
+rasch zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen
+stellest deines Wortes? Ein unbekannter Fremdling?« –
+»Nein,« rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel zurück,
+»ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus Aurelius
+Cassiodorus.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte.
+</p>
+
+<p>
+»So hieß ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines
+weltlichen Lebens: jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine
+hohe Weihe lag in seinen Zügen: – die Weihe der Entsagung.
+</p>
+
+<p>
+»Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast
+du uns zu melden vom Tode Amalaswinthens? Sag’ uns
+die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.«
+</p>
+
+<p>
+»Die werd’ ich sagen. Vor allem wißt: nicht Streben
+nach menschlicher Vergeltung führt mich her: nicht den
+Mord zu rächen bin ich gekommen: – die Rache ist mein,
+ich will vergelten, spricht der Herr! – Nein, den letzten
+Auftrag der Unseligen, der Tochter meines großen Königs,
+zu erfüllen, bin ich da.« Und er zog eine Papyrusrolle
+<pb n='425'/><anchor id='Pg425'/>aus dem Gewande. »Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna
+richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, als ihr Vermächtnis
+an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: »Den Dank
+einer zerknirschten Seele für deine Freundschaft. Mehr noch
+als die Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner
+Treue. Ja, ich eile auf deine Villa im Bolsener See: führt
+doch der Weg von da nach Rom, nach Regeta, wo ich vor
+meinen Goten all’ meine Schuld aufdecken und auch büßen
+will. Ich will sterben, wenn es sein muß: aber nicht
+durch die tückische Hand meiner Feinde: nein, durch den
+Richterspruch meines Volkes, das ich Verblendete ins Verderben
+geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur
+um des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen
+es erfahren, durch mich starben: mehr noch um des Wahnes
+willen, mit dem ich mein Volk zurückgesetzt um Byzanz.
+Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich warnen und
+mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz!
+Byzanz ist falsch wie die Hölle und ist kein Friede
+denkbar zwischen ihm und uns.
+</p>
+
+<p>
+Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
+</p>
+
+<p>
+König Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros,
+den Gesandten von Byzanz, Italien und die Gotenkrone
+verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen weigerte.
+Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt’ ich sterbend
+sühnen, was ich lebend <anchor id="corr425"/><corr sic="gefehlt.«">gefehlt.««</corr>
+</p>
+
+<p>
+In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen,
+die Cassiodor mit zitternder Stimme gesprochen und die
+jetzt wie aus dem Jenseits herüberzutönen schienen.
+</p>
+
+<p>
+Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids
+und der Trauer fort in feierlichem Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach:
+»Sie hat gefehlt: sie hat gebüßt. Tochter Theoderichs,
+<pb n='426'/><anchor id='Pg426'/>das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und dankt
+dir deine Treue.«
+</p>
+
+<p>
+»So mög’ ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor.
+»Ich habe niemals die Fürstin an den Bolsener See
+geladen: ich konnt’ es nicht: vierzehn Tage zuvor hatt’ ich
+all’ meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis.«
+</p>
+
+<p>
+»Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen
+Namen mißbrauchend, in jenes Haus gelockt. Kannst du
+das leugnen, Graf Witichis?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor
+gewendet fort, »hast du auch Beweis, daß die Fürstin
+daselbst nicht zufälligen Todes gestorben, daß Gothelindis
+ihren Tod herbeigeführt?«
+</p>
+
+<p>
+»Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich
+bürge für die Treue dieses Mundes.« Der Sklave trat
+vor, neigte sich und sprach: »Ich habe seit zwanzig Jahren
+die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die Wasserkünste
+des Bades der Villa im Bolsener See: niemand außer
+mir kannte dessen Geheimnisse. Als die Königin Gothelindis
+das Gut erkauft, wurden alle Sklaven Cassiodors
+entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt: ich allein
+ward belassen.
+</p>
+
+<p>
+Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha
+auf der Insel, bald darauf die Königin. Diese
+ließ mich sofort kommen, erklärte, sie wolle ein Bad nehmen,
+und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen des
+Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und
+ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu erklären. Ich
+gehorchte, gab ihr die Schlüssel und den auf Pergament
+gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht alle
+Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen
+zu lassen: das könne das Leben kosten. Sie aber wies mich
+zürnend ab und ich hörte, wie sie ihrer Badsklavin befahl
+<pb n='427'/><anchor id='Pg427'/>die Kessel nicht mit warmem, sondern mit heißem Wasser
+zu füllen.
+</p>
+
+<p>
+Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich
+in der Nähe des Bades.
+</p>
+
+<p>
+Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen
+und Rauschen, daß die Königin dennoch, gegen meinen Rat,
+die ganze Flut des Sees hereingelassen: zugleich hörte ich in
+allen Wänden das dampfende Wasser zischend aufsteigen
+und da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft
+durch die Marmormauern, ängstlichen Hilfschrei, eilte ich
+auf den Außengang des Bades, die Königin zu retten.
+Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir wohlbekannten
+Mittelpunkt der Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin,
+die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte, völlig angekleidet
+stehen sah.
+</p>
+
+<p>
+Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand,
+der im Bade um Hilfe rief, zornige Worte. Entsetzt und
+dunkel ahnend, was da vorging, schlich ich, zum Glück noch
+unbemerkt, hinweg.«
+</p>
+
+<p>
+»Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was
+vorging und schlichst hinweg?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte
+mich die grimme Königin bemerkt, ich stünde wohl nicht
+hier, sie <anchor id="corr427"/><corr sic="anzuklagen.«">anzuklagen.</corr> Gleich darauf erscholl der Ruf, die
+Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.«
+</p>
+
+<p>
+Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte
+Volk.
+</p>
+
+<p>
+Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst
+du sie noch beschützen?« – »Nein,« sprach dieser ruhig,
+das Schwert einsteckend, »ich schütze keine Mörderin. Mein
+Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von der
+linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das
+<pb n='428'/><anchor id='Pg428'/>Recht zu schöpfen,« sprach Hildebrand, »ich habe nur zu
+vollziehen, was ihr gefunden. So frag’ ich euch, ihr
+Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage,
+die Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wölsung, erhoben
+gegen Gothelindis, die Königin? Sagt an: ist sie
+des Mordes schuldig?«
+</p>
+
+<p>
+»Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend
+Stimmen und keine sagte nein.
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich,
+Kläger, welche Strafe forderst du um diese Schuld?«
+</p>
+
+<p>
+Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich
+klagte um Mord. Ich klagte auf Blut. Sie soll des
+Todes sterben.«
+</p>
+
+<p>
+Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen
+konnte, war die Menge von zorniger Bewegung ergriffen,
+alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten gen
+Himmel auf und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes
+sterben!« –
+</p>
+
+<p>
+Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die
+Majestät des Volksgerichts vor sich her tragend, über das
+weite Gefild, daß bis in weite Ferne die Lüfte wiederhallten. –
+</p>
+
+<p>
+»Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend,
+»durch das Beil. Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie
+findet.«
+</p>
+
+<p>
+»Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend,
+»schwer wird unser Spruch erfüllt werden, solang dies
+Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre deshalb, daß
+die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir
+gegen Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von
+Helden so unheldenhaft beherrscht. Ich will sie aussprechen,
+diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe ihn des Verrates,
+nicht nur der Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen.
+</p>
+
+<pb n='429'/><anchor id='Pg429'/>
+
+<p>
+Schweigen will ich davon, daß wohl schwerlich ohne
+sein Wissen seine Königin ihren Haß an Amalaswintha
+kühlen konnte, schweigen davon, daß diese in ihren letzten
+Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist
+es nicht wahr, daß er den ganzen Süden des Reiches von
+Männern, Waffen, Rossen, Schiffen entblößt, daß er alle
+Kraft nach den Alpen geworfen hat, bis daß die elenden
+Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen, Italien
+betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner
+handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm
+den Rücken zu decken, sendet der König auch noch Witichis,
+Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem Herzen gehorchten
+wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde.
+Nur langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf
+erwartend. Umsonst. Schon lief durch die Landschaften,
+die wir durchzogen, das dunkle Gerücht, Sicilien sei verloren
+und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
+machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar
+Tagemärsche an der Küste hingezogen. Da traf mich dieser
+Brief meines Bruders Totila:
+</p>
+
+<p>
+»Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der
+Goten, so mein Bruder mich aufgegeben und vergessen?
+Belisar hat Sicilien überrascht. Er ist gelandet. Alles
+Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis.
+Vier Briefe hab’ ich an König Theodahad um
+Hilfe geschrieben. Alles umsonst. Kein Segel <anchor id="corr429"/><corr sic="erhalten">erhalten.</corr>
+Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet, rettet Neapolis
+und das <anchor id="corr429a"/><corr sic="Reich.«">Reich.««</corr>
+</p>
+
+<p>
+Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende
+gotischer Männer.
+</p>
+
+<p>
+»Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit
+all’ unsren Tausendschaften umkehren, aber Graf <anchor id="corr429b"/><corr sic="Witichis">Witichis,</corr>
+mein Oberfeldherr, litt es nicht. Nur das setzte ich <anchor id="corr429c"/><corr sic="durch">durch,</corr>
+<pb n='430'/><anchor id='Pg430'/>daß wir die Truppen Halt machen ließen und mit wenigen
+Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen.
+Denn Rache, Rache heisch ich an König Theodahad: nicht
+nur Thorheit und Schwäche, Arglist war es, daß er den
+Süden den Feinden preisgegeben. Hier dieser Brief beweist
+es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten.
+All’ umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in
+Feindeshand. Weh’ uns, wenn Neapolis fällt, schon gefallen
+ist. Ha, er soll nicht länger herrschen, nicht leben
+soll er länger, der das verschuldet hat. Reißt ihm die
+Krone der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder
+mit ihm! Er sterbe!«
+</p>
+
+<p>
+»Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in
+mächtigem Echo nach.
+</p>
+
+<p>
+Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu
+wogen und jeden zu zerreißen, der ihm widerstehen wollte.
+Nur Einer blieb ruhig und gelassen inmitten der stürmenden
+Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf
+einen der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete,
+bis sich der Lärm etwas gelegt. Dann erhob er die
+Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, die ihm
+so wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich
+an! Ihr habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn
+im Gotenstamm, des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit gewesen
+seit der Väter Zeit, Haß und Gewalt des Rechtes
+Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter
+König! Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel
+lenken! Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmündigen!
+Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod, sein
+Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, daß er
+verraten hat? Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt?
+Seht ihr, ihr schweigt: hütet euch vor Ungerechtigkeit, sie
+stürzt die Reiche der Völker.«
+</p>
+
+<pb n='431'/><anchor id='Pg431'/>
+
+<p>
+Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden,
+im vollen Glanz der Sonne, voll Kraft und edler
+Würde.
+</p>
+
+<p>
+Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm,
+der ihnen an Hoheit und Maß und klarer Ruhe so überlegen
+schien. Eine feierliche Pause erfolgte. Und ehe noch
+Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den
+Mann, der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die
+allgemeine Aufmerksamkeit nach dem dichten Walde gezogen,
+der im Süden die Aussicht begrenzte und der auf einmal
+lebendig zu werden schien.
+</p>
+</div><div n="14" type="kapitel">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+<head>Vierzehntes Kapitel.</head>
+
+<p>
+Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag
+nahender Pferde und das Klirren von Waffen: alsbald
+bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald: aber
+weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß
+ein Mann, der wie mit dem Sturmwind um die
+Wette ritt.
+</p>
+
+<p>
+Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger
+schwarzer Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen
+Locken: vorwärts gebeugt trieb er das schaumbespritzte
+Roß zu rasender Eile und sprang am Südeingang des
+Dings sausend vom Sattel.
+</p>
+
+<p>
+Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme,
+tödlichen Haß sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen,
+schönen Antlitz traf. Wie von Flügeln getragen
+stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen Stein neben
+Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter
+<pb n='432'/><anchor id='Pg432'/>Kraft: »Verrat, Verrat!« und stürzte dann wie blitzgetroffen
+nieder. Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad
+hinzu: sie hatten kaum den Freund erkannt: »Teja, Teja!«
+riefen sie, »was ist geschehen? rede!« – »Rede!« wiederholte
+Witichis, »es gilt das Reich der Goten!«
+</p>
+
+<p>
+Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem
+Wort der stählerne Mann wieder empor, sah einen Augenblick
+um sich und sprach dann mit hohler Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm
+König. Ich erhielt Auftrag vor sechs Tagen, nach Istrien
+zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich gebeten. Ich schöpfe
+Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit
+meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein,
+verschlägt zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu
+uns. Darunter den »Mercurius«, den raschen Keles, –
+das leichte Postschiff Theodahads. Ich kannte das Fahrzeug
+wohl: es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer
+Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch,
+jage ihm nach und hole es ein. Es trug diesen
+Brief an Belisar von des Königs Hand: »Du wirst zufrieden
+sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere
+stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr
+könntest du landen. Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis
+habe ich zerstört, seine Boten in den Turm geworfen.
+</p>
+
+<p>
+Zum Dank erwart’ ich, daß du den Vertrag genau
+erfüllst, und den Kaufpreis in Bälde <anchor id="corr432"/><corr sic="bezahlst.«">bezahlst.««</corr> Teja ließ
+den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
+</p>
+
+<p>
+Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung.
+</p>
+
+<p>
+»Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und
+jage hierher seit drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt.
+Ich kann nicht mehr.« Und taumelnd sank er in Witichis’
+Arme.
+</p>
+
+<pb n='433'/><anchor id='Pg433'/>
+
+<p>
+Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten
+Stein seines Stuhles: weit überragte er die ganze Menge:
+er riß dem Träger, der die Lanze mit des Königs kleiner
+Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus
+der Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der
+Rechten hob er sein Steinbeil: »Verkauft, verraten sein
+Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm, nieder, nieder!«
+Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt
+war wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes
+Gewitter entfesselt. Nur dem Wüten empörter Elemente
+war das Stürmen vergleichbar, welches nun das in seinen
+Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder,
+nieder mit ihm!« hallte es tausendfach wieder unter betäubendem
+Klirren der Waffen.
+</p>
+
+<p>
+Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister
+seine eherne Stimme und sprach feierlich: »Wisset es, Gott
+im Himmel und Menschen auf Erden, sehende Sonne, und
+wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und
+alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan
+seinen ehemaligen König Theodahad, des Theodis
+Sohn, weil er Volk und Reich an den Feind verraten.
+</p>
+
+<p>
+Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und
+das Gotenreich, das Gotenrecht und das Leben. Und
+solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern nach Recht.
+Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen
+und wollten eh’ der Könige missen als der Freiheit.
+Und so hoch steht kein König, daß er nicht um Mord,
+Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk.
+</p>
+
+<p>
+So sprech’ ich dir ab Krone und Reich, Recht und
+Leben. Landflüchtig sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos.
+Soweit Christenleute zur Kirche gehen und Heidenleute
+zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde
+grünt. Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit
+<pb n='434'/><anchor id='Pg434'/>Himmel sich höht und Welt sich weitet. Soweit der Falke
+fliegt den langen Frühlingstag, wann ihm der Wind steht
+unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein Halle
+und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung,
+ausgenommen die Hölle. Dein Erb’ und Eigen teil ich
+zu dem Gotenvolk. Dein Blut und Fleisch den Raben in
+den Lüften.
+</p>
+
+<p>
+Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder
+Heerstraße, soll dich erschlagen, ungestraft und soll bedankt
+sein dazu von Gott und den guten Goten. Ich frage euch,
+soll’s so geschehn?«
+</p>
+
+<p>
+»So soll’s geschehn!« antworteten die Tausende und
+schlugen Schwert an Schild.
+</p>
+
+<p>
+Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte
+Haduswinth seine Stelle einnahm, das zottige Bärenfell
+zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs wären wir ledig!
+Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer,
+gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König
+sind wir nie gewesen. Soweit unsere Sagen und Sprüche
+zurückdenken, haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben,
+das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des
+Glückes der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden
+sie Könige haben: und solang sich ein König findet,
+wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem gilt’s, ein
+Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen
+ist glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang
+hat sein hellster Strahl, Theoderich, geleuchtet: aber schmählich
+ist’s erloschen in Theodahad. Auf, Volk der Goten,
+du bist frei! frei wähle dir den rechten König, der dich
+zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein
+Volk, ich lade dich zur Königswahl!«
+</p>
+
+<p>
+»Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll
+der Chor der Tausende.
+</p>
+
+<pb n='435'/><anchor id='Pg435'/>
+
+<p>
+Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm
+vom Haupt und die Rechte gen Himmel: »Du weißt es,
+Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht frevler
+Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt
+das heilige Recht der Not. Wir ehren das Recht des
+Königtums, den Glanz, der von der Krone strahlt: geschändet
+aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not des
+Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde
+sollen ziehen zu allen Völkern der Erde und laut verkünden:
+nicht aus Verachtung, aus Verehrung der Krone
+haben wir es gethan.
+</p>
+
+<p>
+Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer
+im Volk, von altem Geschlecht, von tapfrem Arm und
+klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone würdig. Wie
+leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen
+vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen
+Streit! Jetzt, da der Feind im Lande liegt! Drum laßt
+uns schwören vorher feierlich: wer das Stimmenmehr erhält,
+sei’s nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als
+unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich
+schwöre es: – schwört mit mir.«
+</p>
+
+<p>
+»Wir schwören!« riefen die Goten.
+</p>
+
+<p>
+Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und
+Liebe loderten in seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus
+jetzt, nach dem Fall der Balten und der Amaler, das
+edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu
+gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und
+kaum war der Schwur verhallt, als er vortrat und rief:
+»Wen sollen wir wählen, gotische Männer? bedenkt euch
+wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann jungkräftigen
+Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht.
+Weshalb haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil
+sie das <anchor id="corr435"/><corr sic="edelste">edelste,</corr> das älteste, Götter entstammte Geschlecht
+<pb n='436'/><anchor id='Pg436'/>waren. Wohlan, das erste Gestirn ist erloschen, gedenkt
+des zweiten, gedenkt der Balten!«
+</p>
+
+<p>
+Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß, ein
+noch nicht wehrhafter Enkel des Herzog Pitza – denn
+Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und Ibba, war
+seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad
+rechnete sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen
+und vielmehr des dritten Gestirns gedenken. Aber er irrte.
+Der alte Haduswinth trat zornig vor und schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte
+oder freie Männer? Beim Donner! werden wir Ahnen
+zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir sagen,
+Knabe, was ein König braucht.
+</p>
+
+<p>
+Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das
+allein. Der König soll ein Hort des Rechts, ein Schirm
+des Friedens sein, nicht nur der Vorkämpfer im Schwertkampf.
+Der König soll haben einen immer ruhigen, immer
+klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die
+lichten Sterne sollen darin auf- und niedergehen gerechte
+Gedanken. Der König soll haben eine stete Kraft, aber
+noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst verlieren
+und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen,
+wir unten im Volk. Er soll nicht nur mild sein den
+Freunden, er soll gerecht sein dem Verhaßtesten, selbst dem
+Feind. In dessen Brust ein klarer Friede wohnt bei
+kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der
+Mann, Arahad, ist königlich geartet und hätt’ ihn der letzte
+Bauer gezeugt.«
+</p>
+
+<p>
+Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt
+trat Arahad zurück. Aber jener fuhr fort: »Gute
+Goten! ich meine, wir haben einen solchen Mann! Ich
+will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
+</p>
+
+<pb n='437'/><anchor id='Pg437'/>
+
+<p>
+Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer
+Mark gegen die Karanthanen, wo der wilde Turbidus
+schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb’ ich mehr, als
+sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig
+erfahr’ ich von der Menschen Händeln, selbst von des
+eignen Volkes Thaten, wenn nicht ein Salzroß halbverirrt
+des Weges kommt. Und doch drang mir bis in jene öde
+Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der
+nie das Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch
+niemals sieglos eingesteckt. Seinen Namen hört’ ich immer
+wieder, wenn ich fragte: Wer wird uns schirmen, wenn
+Theoderich schied? Seinen Namen hört’ ich bei jedem
+Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des
+Friedens, das geschehn. Ich hatt’ ihn nie gesehen. Ich
+sehnte mich danach, ihn zu sehen. Heute hab’ ich ihn gesehen
+und gehört. Ich habe sein Aug’ gesehen, das klar
+und milde wie die Sonne. Ich hab’ sein Wort gehört;
+ich hab’ gehört, wie er dem Feind selbst, dem verhaßten,
+zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf. Ich hab’ gehört,
+wie er allein, da uns alle der blinde Haß fortriß mit
+dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da
+dacht’ ich mir in meinem alten Herzen: »der Mann ist
+königlich geartet, stark im Kampf und gerecht im Frieden,
+hart wie Stahl und klar wie Gold.« Goten: der Mann
+soll unser König sein. Nennt mir den Mann!«
+</p>
+
+<p>
+»Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!«
+</p>
+
+<p>
+Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde
+hallte, hatte ein erschütternder Schreck den bescheidnen
+Mann ergriffen, der gespannt der Rede des Alten gefolgt
+war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen
+ward, daß er der so Gepriesne sei.
+</p>
+
+<p>
+Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen
+Jauchzen erschallen hörte, überkam ihn vor
+<pb n='438'/><anchor id='Pg438'/>allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein, das kann, das
+soll nicht sein.«
+</p>
+
+<p>
+Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine
+Hände drückten, los, und sprang hervor, das Haupt
+schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm <anchor id="corr438"/><corr sic="ausstreckend">ausstreckend.</corr>
+»Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das <anchor id="corr438a"/><corr sic="mir!«">mir!</corr> Ich bin
+ein schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht
+ein gutes Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen
+andern, einen Würdigern!«
+</p>
+
+<p>
+Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk.
+</p>
+
+<p>
+Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward
+ihm statt aller Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand
+vor, faßte seine Hand und sprach laut: »Laß ab,
+Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich
+den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr
+hätte? Siehe, du hast alle Stimmen und willst dich
+wehren?«
+</p>
+
+<p>
+Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die
+Hand vor die Stirn. Da trat der Alte ganz nah zu ihm
+und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muß ich dich stärker
+mahnen? Muß ich dich mahnen jenes nächtigen Eides und
+Bundes, da du gelobtest: »Alles zu meines Volkes Heil.«
+Ich weiß, – ich kenne deine klare Seele, –: dir ist die
+Krone mehr eine Last als eine Zierde: ich ahne, daß dir
+diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird. Vielleicht
+mehr als Freuden: deshalb fordre ich, daß du sie
+auf dich nimmst.«
+</p>
+
+<p>
+Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor
+die Augen. Schon viel zu lang währte dem begeisterten
+Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie den breiten
+Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den
+Hügel hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig
+scholl aufs neue der Ruf: »Heil König Witichis.«
+</p>
+
+<pb n='439'/><anchor id='Pg439'/>
+
+<p>
+»Ich fordre es bei deinem Bluteid! – willst du ihn
+halten oder brechen?« flüsterte Hildebrand. »Halten!«
+sprach Witichis und richtete sich entschlossen auf.
+</p>
+
+<p>
+Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit,
+einen Schritt vor und sprach: »Du hast gewählt,
+mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich will dein
+König sein!«
+</p>
+
+<p>
+Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter
+scholl’s: »Heil König Witichis.«
+</p>
+
+<p>
+Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem
+Dingstuhl und sprach: »Ich weiche nun von diesem hohen
+Stuhl. Denn unserm König ziemt jetzt diese Stätte. Nur
+einmal noch laß mich des Grafenamtes warten.
+</p>
+
+<p>
+Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den
+die Amaler getragen und ihr goldenes Scepter reichen, –
+nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als Scepter,
+zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit
+willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne
+drücken, die alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif.
+So laß dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche, der
+du an Kraft und Treue gleichst.«
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von
+der Eiche und schlang es um Witichis’ Haupt: »Auf,
+gotische Heerschar, nun warte deines Schildamts.«
+</p>
+
+<p>
+Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen
+der altertümlichen breiten Dingschilde der Sajonen, hoben
+den König, der nun mit Kranz, Stab und Mantel geschmückt
+war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen
+Schultern allem Volk: »Sehet, Goten, den König, den ihr
+selbst gewählt: so schwört ihm Treue.«
+</p>
+
+<p>
+Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend,
+die Hände hoch gen Himmel hebend, nun die Waffentreue
+bis in den Tod.
+</p>
+
+<pb n='440'/><anchor id='Pg440'/>
+
+<p>
+Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl
+und rief: »Wie ihr mir Treue, so schwör’ ich euch
+<anchor id="corr440"/><corr sic="Huld">Huld.</corr> Ich will ein milder und gerechter König sein: des
+Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will
+ich, daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und
+mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihen,
+dem Volk der guten Goten. Das schwöre ich euch bei dem
+Himmelsgott und bei meiner Treue.«
+</p>
+
+<p>
+Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: »Das
+Ding ist aus. Ich löse die Versammlung.«
+</p>
+
+<p>
+Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den
+Schnüren nieder und bunt und ordnungslos wogte nun
+die Menge durcheinander. Auch die Römer, die sich neugierig,
+aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer
+Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als
+fünfhundert Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter
+die gotischen Männer mischen, denen sie Wein und Speisen
+verkauften.
+</p>
+
+<p>
+Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den
+Führern des Heeres nach einem der Zelte sich zu begeben,
+die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren.
+</p>
+
+<p>
+Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es
+schien, ein wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte
+eifrig nach Graf Teja, des Tagila Sohn.
+</p>
+
+<p>
+»Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach
+dieser sich wendend. – »Nichts, Herr, als diese Vase überreichen:
+seht nach: das Siegel, der Skorpion, ist unversehrt.«
+– »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts dergleichen.«
+– »Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden
+und Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom
+Gastfreund aufgetragen, sie euch zu geben. Ich bitt’ euch,
+nehmt.«
+</p>
+
+<p>
+Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und
+<pb n='441'/><anchor id='Pg441'/>war im Gedränge verschwunden. Gleichgültig löste Teja
+das Siegel und nahm die Urkunden heraus, gleichgültig
+sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot über
+seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er
+biß krampfhaft in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er
+aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach
+mit fast tonloser Stimme: »Mein König! – König Witichis
+– eine Gnade!«
+</p>
+
+<p>
+»Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?«
+</p>
+
+<p>
+»Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich
+muß fort.« – »Fort, wohin?« – »Zur Rache! Hier
+lies: – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in Verzweiflung,
+Tod und Wahnsinn trieb, – er ist es – den
+ich längst geahnt: hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof
+von Florentia, mit seiner eignen Hand – es ist Theodahad! –«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist’s, es ist Theodahad,« sagte Witichis, vom
+Briefe aufsehend. »Geh denn! Aber, zweifle nicht: du
+triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiß längst entflohn.
+Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers
+säße.«
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst ihn nicht finden.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich finde ihn und müßte ich ihn aus dem tiefsten
+Pfuhl der Hölle oder im Schoße des Himmelsgottes suchen.«
+</p>
+
+<p>
+»Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte
+der König.
+</p>
+
+<p>
+»Aus tausend Teufeln hol’ ich ihn heraus. Hildebad,
+dein Pferd! Leb’ wohl, König der Goten. Ich vollstrecke
+die Acht.«
+</p>
+ </div></div></body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+ <p>Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.</p>
+ <pgIf output="txt">
+ <then>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen
+ (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie
+ gesperrt gesetzte Passagen.</p>
+ </then>
+ <else>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen
+ (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen (hier kursiv).
+ Gesperrt gesetzte Passagen sind in dieser Form übernommen.</p>
+ </else>
+ </pgIf>
+ <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
+ <list>
+ <item><ref target="corr013">Seite 13</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Kämpfen«,
+ Punkt hinter <ref target="corr013a">»Sieg«</ref></item>
+ <item><ref target="corr017">Seite 17</ref>: Komma ergänzt hinter »machen«</item>
+ <item><ref target="corr028">Seite 28</ref>: »Märiä« geändert in »Maria«</item>
+ <item><ref target="corr046">Seite 46</ref>: »Cethejus« geändert in »Cethegus«</item>
+ <item><ref target="corr067">Seite 67</ref>: »Gothen« geändert in »Goten«</item>
+ <item><ref target="corr088">Seite 88</ref>: Komma ergänzt hinter »Sippen«</item>
+ <item><ref target="corr107">Seite 107</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item>
+ <item><ref target="corr114">Seite 114</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Volkes!«</item>
+ <item><ref target="corr132">Seite 132</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Leben.«</item>
+ <item><ref target="corr140">Seite 140</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Himmel!«,
+ »Camilla« geändert in »Kamilla«</item>
+ <item><ref target="corr156">Seite 156</ref>: »Chetegus« geändert in »Cethegus«</item>
+ <item><ref target="corr157">Seite 157</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Wer«</item>
+ <item><ref target="corr158">Seite 158</ref>: Komma ergänzt hinter »getrunken«,
+ »vergießt« geändert in <ref target="corr158a">»vergißt«</ref></item>
+ <item><ref target="corr166">Seite 166</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »’s ist«</item>
+ <item><ref target="corr168">Seite 168</ref>: Komma entfernt hinter »Trieren«</item>
+ <item><ref target="corr169">Seite 169</ref>: »Balthen« geändert in »Balten«
+ (ebenso <ref target="corr172">Seite 172</ref>)</item>
+ <item><ref target="corr174">Seite 174</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Bestie,«, vor »vorwärts,«</item>
+ <item><ref target="corr176">Seite 176</ref>: »hönisch« geändert in »höhnisch«</item>
+ <item><ref target="corr181">Seite 181</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »müssen.«</item>
+ <item><ref target="corr184">Seite 184</ref>: Punkt ergänzt hinter »Hände«</item>
+ <item><ref target="corr187">Seite 187</ref>: »Culpurnius« geändert in »Calpurnius«</item>
+ <item><ref target="corr203">Seite 203</ref>: »Eupheu« geändert in »Epheu«</item>
+ <item><ref target="corr208">Seite 208</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »wette.«</item>
+ <item><ref target="corr210">Seite 210</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »Zwei«</item>
+ <item><ref target="corr215">Seite 215</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »steht.«</item>
+ <item><ref target="corr216">Seite 216</ref>: »Pupurvorhang« geändert in »Purpurvorhang«</item>
+ <item><ref target="corr226">Seite 226</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter «an.« und vor »Soeben«</item>
+ <item><ref target="corr241">Seite 241</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »Laß«</item>
+ <item><ref target="corr247">Seite 247</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »zuzulassen.«</item>
+ <item><ref target="corr248">Seite 248</ref>: Komma ergänzt hinter »fort«</item>
+ <item><ref target="corr249">Seite 249</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Petros,« und vor »Diese«</item>
+ <item><ref target="corr255">Seite 255</ref>: Komma ergänzt hinter »Antonina«, Anführungszeichen um »und«</item>
+ <item><ref target="corr271">Seite 271</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »vernichtet!«,
+ »Mormorsäule« geändert in <ref target="corr271a">»Marmorsäule«</ref></item>
+ <item><ref target="corr278">Seite 278</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item>
+ <item><ref target="corr296">Seite 296</ref>: Punkt geändert in Komma hinter »sich«</item>
+ <item><ref target="corr297">Seite 297</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »ich«</item>
+ <item><ref target="corr299">Seite 299</ref>: »ist s« geändert in »ist’s«</item>
+ <item><ref target="corr301">Seite 301</ref>: »Stenge« geändert in »Strenge«</item>
+ <item><ref target="corr302">Seite 302</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »ich –«</item>
+ <item><ref target="corr303">Seite 303</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Rede,« und vor »gesteh’«</item>
+ <item><ref target="corr331">Seite 331</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter »Königin!«</item>
+ <item><ref target="corr332">Seite 332</ref>: »Festmale« geändert in »Festmahle«</item>
+ <item><ref target="corr335">Seite 335</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »unbedingt?«</item>
+ <item><ref target="corr337">Seite 337</ref>: »Teodahad« geändert in »Theodahad«</item>
+ <item><ref target="corr351">Seite 351</ref>: Komma ergänzt hinter »Badetücher«</item>
+ <item><ref target="corr354">Seite 354</ref>: Punkt ergänzt hinter »Menschen«</item>
+ <item><ref target="corr355">Seite 355</ref>: Punkt ergänzt hinter »gemacht« und <ref target="corr355a">»Kälte«</ref></item>
+ <item><ref target="corr376">Seite 376</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Totila.«</item>
+ <item><ref target="corr404">Seite 404</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item>
+ <item><ref target="corr410">Seite 410</ref>: »gegedachte« geändert in »gedachte«</item>
+ <item><ref target="corr425">Seite 425</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »gefehlt.«</item>
+ <item><ref target="corr427">Seite 427</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter »anzuklagen.«</item>
+ <item><ref target="corr429">Seite 429</ref>: Punkt ergänzt hinter »erhalten«,
+ zweites Anführungszeichen ergänzt hinter <ref target="corr429a">»Reich.«</ref>,
+ Komma ergänzt hinter <ref target="corr429b">»Witichis«</ref> und hinter <ref target="corr429c">»durch«</ref></item>
+ <item><ref target="corr432">Seite 432</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »bezahlst.«</item>
+ <item><ref target="corr435">Seite 435</ref>: Komma ergänzt hinter »edelste«</item>
+ <item><ref target="corr438">Seite 438</ref>: Punkt ergänzt hinter »ausstreckend«,
+ Anführungszeichen entfernt hinter <ref target="corr438a">»mir!«</ref></item>
+ <item><ref target="corr440">Seite 440</ref>: Punkt ergänzt hinter »Huld«</item>
+ </list>
+
+ <p>Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, Pronomina und
+ Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. </p>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>