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diff --git a/31294-tei/31294-tei.tei b/31294-tei/31294-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..464c808 --- /dev/null +++ b/31294-tei/31294-tei.tei @@ -0,0 +1,21616 @@ +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Ein Kampf um Rom. Erster Band</title> + <author><name reg="Dahn, Felix">Felix Dahn</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date value="2010-02-16">February 16, 2010</date> + <idno type='etext-no'>31294</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <bibl><author><name reg="Dahn, Felix">Felix Dahn</name></author> + <title>Ein Kampf um Rom: historischer Roman. Erster Band</title> + <edition>48. Auflage</edition> + <imprint><pubPlace>Leipzig</pubPlace> + <publisher>Breitkopf und Härtel</publisher> + <date>1906</date></imprint> + </bibl> + </sourceDesc> + </fileDesc> + <encodingDesc> + </encodingDesc> + <profileDesc> + <langUsage> + <language id="de" /> + </langUsage> + </profileDesc> + <revisionDesc> + <change> + <date value="2010-02-16">February 16, 2010</date> + <respStmt> + <resp>Produced by <name>Norbert H. Langkau</name>, <name>Juliet Sutherland</name>, <name>Stefan Cramme</name>, + and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .antiqua { font-style: italic } + .bold { font-weight: bold } + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em } + head { text-align: center } + lg { margin-left: 2 } + </pgStyleSheet> + <pgCharMap formats="txt.iso-8859-1"> + <char id="U0x2013"> + <charName>ndash</charName> + <desc>EN DASH</desc> + <mapping>-</mapping> + </char> + <char id="U0x2019"> + <charName>rsquo</charName> + <desc>RIGHT SINGLE QUOTATION MARK</desc> + <mapping>'</mapping> + </char> + </pgCharMap> + </pgExtensions> + +<text lang="de"> +<front> + <div> + <divGen type="pgheader" /> + </div> + <titlePage rend="text-align: center; page-break-before: right"> +<pb/> + + <docTitle> + <titlePart rend="font-size: xx-large">Ein Kampf um Rom.</titlePart><lb/><lb/> + <titlePart rend="font-size: x-large">Historischer Roman</titlePart> + </docTitle> + <lb/><lb/> + <byline>von<lb/><lb/> + <docAuthor rend="font-size: x-large">Felix Dahn.</docAuthor></byline> + <lb/><lb/> + <epigraph> + <lg> +<l rend="margin-left: 20"><hi rend='gesperrt'>Motto:</hi></l> +<l rend="margin-left: 10">»Wenn etwas ist, gewalt’ger als das Schicksal</l> +<l rend="margin-left: 10">So ist’s der Mut, der’s unerschüttert trägt«</l> +<l rend="margin-left: 30"><hi rend='gesperrt'>Geibel.</hi></l> +</lg> + </epigraph> +<lb/> +<titlePart> + Erster Band. +</titlePart> +<lb/><lb/> +<docEdition> + 48. Auflage. +</docEdition> +<lb/><lb/> +<docImprint> + Leipzig,<lb/> + Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel.<lb/> + <docDate>1906.</docDate> +</docImprint> + +</titlePage><div rend="page-break-before: always"> +<pb/> + +<p rend="text-align: center"> +Alle Rechte,<lb/> +insbesondere auch das der Übersetzung, vorbehalten. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb/> + +<p rend="text-align: center"> +Meinem<lb/><lb/> +lieben Freund und Kollegen +<lb/> +<lb/> +<hi rend="font-size: large">Ludwig Friedländer</hi> +<lb/> +<lb/> +zu eigen. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> + <head>Inhalt</head> + <divGen type="toc"/> +</div> + + <div rend="page-break-before: always"> + <pb n='1'/><anchor id='Pg001'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vorwort.</head> + +<p> +Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt +eines Romans gekleideten Bilder aus dem sechsten +Jahrhundert enthalten meine in folgenden Werken +niedergelegten Forschungen: +</p> + +<p> +Die Könige der Germanen. II. III. IV. Band. +München und Würzburg 1862–1866. +</p> + +<p> +Prokopius von Cäsarea. Ein Beitrag zur Historiographie +der Völkerwanderung und des sinkenden +Römertums. Berlin 1865. +</p> + +<p> +Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergänzungen +und Veränderungen, die der Roman an +der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen. +</p> + +<p> +Das Werk ist 1859 in München begonnen, in +Italien, zumal Ravenna, weitergeführt, und 1876 +in Königsberg abgeschlossen worden. +</p> +<closer> + <dateline rend="text-align: left"><name><hi rend='gesperrt'>Königsberg</hi></name>, Januar 1876.</dateline> + <signed><hi rend="bold">Felix Dahn.</hi></signed> +</closer> + + </div> +</front> +<body><div n="1" type="buch" rend="page-break-before: right"> + <pb n='2'/><anchor id='Pg002'/> + <index index="toc" level1="Erstes Buch. Theoderich."/><index index="pdf" level1="Erstes Buch. Theoderich."/> +<head type="sub">Erstes Buch.</head> + +<head>Theoderich.</head> + + <epigraph> + <p>»<hi rend='antiqua'>Dietericus de Berne, de quo<lb/>cantant rustici usque hodie.</hi>«</p> + </epigraph> + + <div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: always"> +<pb n='3'/><anchor id='Pg003'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Es war eine schwüle Sommernacht des Jahres fünfhundertsechsundzwanzig +nach Christus. +</p> + +<p> +Schwer lagerte dichtes Gewölk über der dunkeln Fläche +der Adria, deren Küsten und Gewässer zusammenflossen in +unterscheidungslosem Dunkel: nur ferne Blitze warfen hier +und da ein zuckendes Licht über das schweigende Ravenna. +In ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen +und Pinien auf dem Höhenzug, welcher sich eine gute Strecke +westlich von der Stadt erhebt, einst gekrönt von einem +Tempel des Neptun, der, schon damals halb zerfallen, heute +bis auf dürftige Spuren verschwunden ist. +</p> + +<p> +Es war still auf dieser Waldhöhe: nur ein vom Sturm +losgerissenes Felsstück polterte manchmal die steinigen Hänge +hinunter, und schlug zuletzt platschend in das sumpfige +Wasser der Kanäle und Gräben, die den ganzen Kreis der +Seefestung umgürteten. +</p> + +<p> +Oder in dem alten Tempel löste sich eine verwitterte +Platte von dem getäfelten Dach der Decke und fiel zerspringend +auf die Marmorstufen, – Vorboten von dem +drohenden Einsturz des ganzen Gebäudes. +</p> + +<p> +Aber dies unheimliche Geräusch schien nicht beachtet zu +werden von einem Mann, der unbeweglich auf der zweithöchsten +Stufe der Tempeltreppe saß, den Rücken an die +höchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in +<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Einer Richtung über die Höhe hinab nach der Stadt zu +blickte. +</p> + +<p> +Lange saß er so: regungslos, aber sehnsüchtig wartend: +er achtete es nicht, daß ihm der Wind die schweren Regentropfen, +die einzeln zu fallen begannen, ins Gesicht schlug, +und ungestüm in dem mächtigen, bis an den ehernen Gurt +wallenden Bart wühlte, der fast die ganze breite Brust des +alten Mannes mit glänzendem Silberweiß bedeckte. +</p> + +<p> +Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen +nieder: »Sie kommen,« sagte er. +</p> + +<p> +Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch +von der Stadt her dem Tempel näherte: man hörte schnelle, +kräftige Schritte und bald danach stiegen drei Männer die +Stufen der Treppe herauf. +</p> + +<p> +»Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn!« rief der +voranschreitende Fackelträger, der jüngste von ihnen, in +gotischer Sprache mit auffallend melodischer Stimme, als +er die lückenhafte Säulenreihe des Pronaos, der Vorhalle, +erreicht. +</p> + +<p> +Er hob das Windlicht hoch empor – schöne, korinthische +Erzarbeit am Stiel, durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen +Schirm, und den gewölbten durchbrochnen Deckel +– und steckte es in den Erzring, der die geborstne Mittelsäule +zusammenhielt. +</p> + +<p> +Das weiße Licht fiel auf ein apollinisch schönes Antlitz +mit lachenden, hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn +teilte sich das lichtblonde Haar in zwei lang fließende +Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine Schultern +wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren +von vollendeter Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes +deckte die freundlichen Lippen und das leicht gespaltene +Kinn; er trug nur weiße Kleider: einen Kriegsmantel von +feiner Wolle, durch eine goldne Spange in Greifengestalt +<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>auf der rechten Schulter festgehalten, und eine römische +Tunika von weicher Seide, beide mit einem Goldstreif durchwirkt; +weiße Lederriemen festigten die Sandalen an den +Füßen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee; +die nackten, glänzendweißen Arme umzirkten zwei breite +Goldreife: und wie er, die Rechte um eine hohe Lanze geschlungen, +die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, +die Linke in die Hüfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, +zu seinen langsameren Weggenossen hinunterblickte, schien +in den grauen Tempel eine jugendliche Göttergestalt aus +seinen schönsten Tagen wieder eingekehrt. +</p> + +<p> +Der zweite der Ankömmlinge hatte, trotz einer allgemeinen +Familienähnlichkeit, doch einen von dem Fackelträger +völlig verschiednen Ausdruck. +</p> + +<p> +Er war einige Jahre älter, sein Wuchs war derber und +breiter, – tief in den mächtigen Stiernacken hinab reichte +das dicht und kurz gelockte braune Haar, – und von fast +riesenhafter Höhe und Stärke: in seinem Gesicht fehlte jener +sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung, +welche die Züge des jüngern Bruders verklärten: +statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung der Ausdruck +von bärenhafter Kraft und bärenhaftem Mut: er trug eine +zottige Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein +Haupt umhüllte, ein schlichtes Wollenwams darunter, und +auf der rechten Schulter eine kurze, wuchtige Keule aus +dem harten Holz einer Eichenwurzel. +</p> + +<p> +Bedächtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroßer +Mann von gemessen verständigem Ausdruck. Er trug den +Stahlhelm, das Schwert und den braunen Kriegsmantel +des gotischen Fußvolks. Sein schlichtes, hellbraunes Haar +war über der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte +germanische Haartracht, die schon auf römischen Siegessäulen +erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis heut’ erhalten +<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>hat. Aus den regelmäßigen Zügen des offnen Gesichts, +aus dem grauen, sichern Auge sprach besonnene Männlichkeit +und nüchterne Ruhe. +</p> + +<p> +Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den +Alten begrüßt hatte, rief der Fackelträger mit lebhafter +Stimme: +</p> + +<p> +»Nun, Meister Hildebrand, ein schönes Abenteuer muß +es sein, zu dem du uns in solch’ unwirtlicher Nacht in +diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast! Sprich +– was soll’s geben?« +</p> + +<p> +Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen +wendend: »Wo bleibt der Vierte, den ich lud?« +</p> + +<p> +– »Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. +Du kennst ja seine Weise.« +</p> + +<p> +»Da kömmt er!« rief der schöne Jüngling, nach einer +andern Seite des Hügels deutend. +</p> + +<p> +Wirklich nahte dorther ein Mann von höchst eigenartiger +Erscheinung. +</p> + +<p> +Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft +bleiches Antlitz, das fast blutleer schien; lange, glänzend +schwarze Locken hingen von dem unbedeckten Haupt wie dunkle +Schlangen wirr bis auf die Schultern. Hochgeschweifte, +schwarze Brauen und lange Wimpern beschatteten die großen, +melancholischen dunkeln Augen voll verhaltner Glut, eine +Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen den feinen, +glattgeschornen Mund, den ein Zug resignierten Grames +umfurchte. +</p> + +<p> +Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die +Seele schien vor der Zeit vom Schmerz gereift. +</p> + +<p> +Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem +Erz und in seiner Rechten blitzte ein Schlachtbeil an langem +lanzengleichem Schaft. Nur mit dem Haupte nickend begrüßte +er die andern und stellte sich hinter den Alten, +<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>der sie nun alle Vier dicht an die Säule, welche die Fackel +trug, treten hieß und mit gedämpfter Stimme begann: +</p> + +<p> +»Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte müssen +gesprochen werden, unbelauscht, und zu treuen Männern, +die da helfen mögen. +</p> + +<p> +Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: – euch +hab’ ich gewählt, ihr seid die Rechten. Wenn ihr mich +angehört habt, so fühlt ihr von selbst, daß ihr schweigen +müßt von dieser Nacht.« +</p> + +<p> +Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten +mit ernsten Augen an: »Rede,« sagte er ruhig, »wir hören +und schweigen. Wovon willst du zu uns sprechen?« +</p> + +<p> +»Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das +hart am Abgrund steht.« +</p> + +<p> +»Am Abgrund?« rief lebhaft der blonde Jüngling. +Sein riesiger Bruder lächelte und erhob aufhorchend das +Haupt. +</p> + +<p> +»Ja, am Abgrund,« rief der Alte, »und ihr allein, +ihr könnt es halten und retten.« +</p> + +<p> +»Verzeih’ dir der Himmel deine Worte!« – fiel der +Blonde lebhaft ein – »haben wir nicht unsern König +Theoderich, den seine Feinde selbst den Großen nennen, +den herrlichsten Helden, den weisesten Fürsten der Welt? +Haben wir nicht dies lachende Land Italia mit all’ seinen +Schätzen? Was gleicht auf Erden dem Reich der Goten?« +</p> + +<p> +Der Alte fuhr fort: »Hört mich an. König Theoderich, +mein teurer Herre und mein lieber Sohn, was der wert +ist, wie groß er ist, – das weiß am besten Hildebrand, +Hildungs Sohn. Ich hab’ ihn vor mehr als fünfzig Jahren +auf diesen Armen seinem Vater als ein zappelnd Knäblein +gebracht und gesagt: »Das ist starke Zucht: – Du wirst +Freude dran haben.« +</p> + +<p> +Und wie er heranwuchs – ich habe ihm den ersten +<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>Bolz geschnitzt und ihm die erste Wunde gewaschen! Ich +habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und +ihn dort gehütet, Leib und Seele. Und als er dieses schöne +Land erkämpfte, bin ich vor ihm hergeschritten, Fuß für +Fuß, und habe den Schild über ihn gehalten in dreißig +Schlachten. Wohl hat er seither gelehrtere Räte und Freunde +gefunden als seinen alten Waffenmeister, aber klügere schwerlich +und treuere gewiß nicht. Wie stark sein Arm gewesen, +wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie schrecklich er +war unterm Helm, wie freundlich beim Becher, wie überlegen +selbst den Griechlein an Klugheit, das hatte ich +hundertmal erfahren, lange ehe dich, du junger Nestfalk, +die Sonne beschienen. +</p> + +<p> +Aber der alte Adler ist flügellahm geworden! +</p> + +<p> +Seine Kriegsjahre lasten auf ihm – denn er und ihr +und euer Geschlecht, ihr könnt die Jahre nicht mehr tragen +wie ich und meine Spielgenossen –: er liegt krank, rätselhaft +krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal +dort unten in der Rabenstadt. Die Ärzte sagen, wie stark +sein Arm noch sei, jeder Schlag des Herzens mag ihn +töten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag +er hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein +Erbe, wer stützt dann dieses Reich? Amalaswintha, seine +Tochter, und Athalarich, sein Enkel: – ein Weib und ein +Kind.« +</p> + +<p> +»Die Fürstin ist weise,« sprach der dritte mit dem +Helm und dem Schwert. +</p> + +<p> +»Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet +römisch mit dem frommen Cassiodor. Ich zweifle, ob sie +gotisch denkt. Weh’ uns, wenn sie im Sturm das Steuer +halten soll.« +</p> + +<p> +»Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter,« – lachte der +Fackelträger und schüttelte die Locken. »Woher soll er +<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>blasen? Der Kaiser ist wieder versöhnt, der Bischof von +Rom ist vom König selbst eingesetzt, die Frankenfürsten +sind seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem +Schild besser als je zuvor. Ich sehe keine Gefahr, nirgends.« +</p> + +<p> +»Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis,« sprach +beistimmend der mit dem Schwert, »ich kenne ihn.« +</p> + +<p> +»Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon +sein rechter Arm, – – kennst du auch den? Unergründlich +wie die Nacht und falsch wie das Meer ist Justinian: +– ich kenne ihn und fürchte was er sinnt. Ich begleitete +die letzte Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem +Gelag: er hielt mich für berauscht: – der Narr, er weiß +nicht, was Hildungs Kind trinken mag! – und fragte +mich um alles, genau um alles, was man wissen muß, +um – uns zu verderben. Nun, von mir hat er den +rechten Bescheid gekriegt! Aber ich weiß es so gewiß wie +meinen Namen: dieser Mann will dies Land, dies Italien +wieder haben und nicht die Fußspur eines Goten wird er +darin übrig lassen.« +</p> + +<p> +»Wenn er kann,« brummte des Blonden Bruder dazwischen. +</p> + +<p> +»Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann +viel. Byzanz kann viel.« +</p> + +<p> +Jener zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +»Weißt du’s, wie viel?« fragte der Alte zornig. +»Zwölf Jahre lang hat unser großer König mit Byzanz +gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber damals warst du +noch nicht geboren,« fügte er ruhig hinzu. +</p> + +<p> +»Wohl!« – kam jenem der Bruder zu Hilfe. – »Aber +damals standen die Goten allein im fremden Land. Jetzt +haben wir eine ganze zweite Hälfte gewonnen: wir haben +eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrüder, die Italier.« +</p> + +<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/> + +<p> +»Italien unsre Heimat!« rief der Alte bitter, »ja, das +ist der Wahn. Und die Welschen unsre Helfer gegen +Byzanz! Du junger Thor!« +</p> + +<p> +»Das sind unsres Königs eigne Worte,« entgegnete +der Gescholtene. +</p> + +<p> +»Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns +alle verderben werden. Fremd sind wir hier, fremd, heute +wie vor vierzig Jahren, da wir von diesen Bergen niederstiegen +und fremd werden wir sein in diesem Lande noch +nach tausend Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!« +</p> + +<p> +»Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen +Schuld ist das als die unsre? Weshalb lernen wir nicht +von ihnen?« +</p> + +<p> +»Schweig still,« schrie der Alte, zuckend vor Grimm +»schweig, Totila, mit solchen Gedanken: sie sind der Fluch +meines Hauses geworden.« Sich mühsam beruhigend fuhr +er fort: +</p> + +<p> +»Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brüder. +Weh, wenn wir ihnen trauen! O daß der König nach +meinem Rat gethan und nach seinem Sieg alles erschlagen +hätte das Schwert und Schild führen konnte vom lallenden +Knäblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig +hassen. Und sie haben Recht. Wir aber, wir sind die +Thoren, sie zu bewundern.« +</p> + +<p> +Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jüngling: +»Und du hältst keine Freundschaft für möglich zwischen +uns und ihnen?« +</p> + +<p> +»Kein Friede zwischen den Söhnen des Gaut und dem +Südvolk! Ein Mann tritt in die Goldhöhle des Drachen: +er drückt das Haupt des Drachen nieder mit eherner Faust: +der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner +schillernden Schuppen und weidet sein Auge an den Schätzen +<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>der Höhle. Was wird der Giftwurm thun? Hinterrücks, +sobald er kann, wird er ihn stechen, daß der Verschoner +stirbt.« +</p> + +<p> +»Wohlan, so laß sie kommen, die Griechlein,« schrie +der riesige Hildebad, »und laß dies Natterngezücht gegen +uns aufzüngeln. Wir wollen sie niederschlagen – so!« +und er hob die Keule und ließ sie niederfallen, daß die +Marmorplatte in Splitter sprang und der alte Tempel in +seinen Grundfugen erdröhnte. +</p> + +<p> +»Ja, sie sollen’s versuchen!« – rief Totila und aus +seinen Augen leuchtete ein kriegerisches Feuer, das ihn noch +schöner machte. – »Wenn diese undankbaren Römer uns +verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen –« er +blickte mit liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder – +»sieh, Alter, wir haben Männer wie die Eichen.« +</p> + +<p> +Wohlgefällig nickte der alte Waffenmeister: »Ja, Hildebad +ist sehr stark; obwohl nicht ganz so stark wie Winithar +und Walamer und die andern waren, die mit mir jung +gewesen. Und gegen Nordmänner ist Stärke gut Ding. +Aber dieses Südvolk,« fuhr er ingrimmig fort – »kämpft +von Türmen und Mauerzinnen herunter. Sie führen +den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt +ein Heer von Helden in einen Winkel hinein, daß es sich +nicht mehr rühren noch regen kann. Ich kenne einen solchen +Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt +die Männer. Du kennst ihn auch, Witichis?« – so fragend +wandte er sich an den Mann mit dem Schwert. +</p> + +<p> +»Ich kenne Narses,« sagte dieser, der sehr ernst geworden, +nachdenklich. »Was du gesprochen, Hildungs Sohn, +ist leider wahr, sehr wahr. Ähnliches ist mir oft schon +durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein +Grauen als ein Denken. – Deine Worte sind unwiderleglich: +der König am Tod – die Fürstin ein halbgriechisch +<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>Weib – Justinian lauernd – die Welschen schlangenfalsch +– die Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber« +– hier holte er tief Atem – »wir stehen nicht allein, +wir Goten. Unser weiser König hat sich Freunde, Verbündete +geschaffen in Überfluß. Der König der Vandalen +ist sein Schwestermann, der König der Westgoten sein +Enkel, die Könige der Burgunden, der Heruler, der Thüringe, +der Franken sind ihm verschwägert, alle Völker +ehren ihn wie ihren Vater, die Sarmaten, die fernen Esthen +selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk und +gelben Bernstein. Ist das alles« – – +</p> + +<p> +»Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind’s und bunte +Lappen! Sollen uns die Esthen helfen mit ihrem Bernstein +wider Belisar und Narses? Weh uns, wenn wir +nicht allein siegen können. Diese Schwäger und Eidame +schmeicheln, so lang sie zittern, und wenn sie nicht mehr +zittern, werden sie drohen. Ich kenne die Treue der Könige! +Wir haben Feinde ringsum, offene und geheime, und keinen +Freund als uns selbst.« +</p> + +<p> +Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte +des Alten besorgt erwogen: heulend fuhr der Sturm um +die verwitterten Säulen und rüttelte an dem morschen +Tempelbau. +</p> + +<p> +Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher +und gefaßt: »Groß ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. +Gewiß hast du uns nicht hierher beschieden, daß +wir thatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen muß +werden: so sprich, wie meinst du, daß zu helfen sei.« +</p> + +<p> +Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und faßte seine +Hand: »Wacker, Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte +dich wohl und will dir’s treu gedenken, daß vor allen du +zuerst ein männlich Wort der Zuversicht gefunden. Ja, ich +denke wie du: noch ist Hilfe möglich, und um sie zu finden +<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>habe ich euch hierher gerufen, wo uns kein Welscher hört. +Saget nun an und ratet: dann will ich sprechen.« +</p> + +<p> +Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: +»Wenn du denkst wie wir, so sprich auch du, +Teja. Warum schwiegst du bisher?« +</p> + +<p> +»Ich schweige, weil ich anders denke, denn ihr.« +</p> + +<p> +Die andern staunten. Hildebrand sprach: »Wie meinst +du das, mein Sohn?« +</p> + +<p> +»Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und +Witichis, ihr sehet sie und hoffet, ich aber sah sie längst +und hoffe nicht.« +</p> + +<p> +»Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem +Kampf?« meinte Witichis. +</p> + +<p> +»Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, +ohne Ruhm untergehen?« rief Totila. +</p> + +<p> +»Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, +so weiß ich,« antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. +<anchor id="corr013"/><corr sic="Kämpfen">»Kämpfen</corr> wollen wir, daß man es nie vergessen soll in allen +Tagen: kämpfen mit höchstem Ruhm, aber ohne <anchor id="corr013a"/><corr sic="Sieg">Sieg.</corr> +Der Stern der Goten sinkt.« +</p> + +<p> +»Mir deucht, er will erst recht hoch steigen,« rief +Totila ungeduldig. »Laßt uns vor den König treten, +sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu uns gesprochen. +Er ist weise: er wird Rat finden.« +</p> + +<p> +Der Alte schüttelte den Kopf: »Zwanzigmal hab ich +zu ihm gesprochen. Er hört mich nicht mehr. Er ist müde +und will sterben und seine Seele ist verdunkelt, ich weiß +nicht, durch welchen Schatten. – Was denkst du, Hildebad?« +</p> + +<p> +»Ich denke,« sprach dieser sich hoch aufrichtend, »sowie +der alte Löwe die müden Augen geschlossen, rüsten +wir zwei Heere. Das eine führen Witichis und Teja vor +Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen +<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>ich und mein Bruder über die Alpen und zerschlagen Paris, +das Drachennest der Merowinger, zu einem Steinhaufen +für alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im Osten und +im Norden.« +</p> + +<p> +»Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz,« sprach +Witichis. +</p> + +<p> +»Und die Franken sind sieben wider Einen gegen +uns,« sagte Hildebrand. »Aber wacker meinst du’s, Hildebad. +Sage, was rätst du, Witichis?« +</p> + +<p> +»Ich rate einen Bund, mit Schwüren beschwert, mit +Geiseln gesichert aller Nordstämme gegen die Griechen.« +</p> + +<p> +»Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein +Freund, nur die Goten können den Goten helfen. Man +muß sie nur wieder daran erinnern, daß sie Goten sind. +Hört mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge +und habt vielerlei Freuden. Der eine liebt ein Weib, +der andre die Waffen, der dritte irgend eine Hoffnung +oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie eine Geliebte. +– Aber glaubt mir, es kömmt eine Zeit, – und +die Not kann sie euch noch in jungen Tagen bringen –, +da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden +wie welke Kränze vom Gelag von gestern. +</p> + +<p> +Da werden denn viele weich und fromm und vergessen +des was auf Erden und trachten nach dem was +hinter dem Grabe ist. Ich kann’s nicht und ihr, mein’ +ich, und viele von uns können’s auch nicht. Die Erde +lieb’ ich mit Berg und Wald und Weide und strudelndem +Strom und das Leben darauf mit heißem Haß und langer +Liebe, mit zähem Zorn und stummem Stolz. Von jenem +Luftleben da droben in den Windwolken, wie’s die +Christenpriester lehren, weiß ich nichts und will ich nichts +wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem rechten, wenn +alles andre dahin. Ein Gut, von dem er nimmer läßt. +<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>Seht mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm, alles hab’ +ich verloren was mein Leben erfreute: mein Weib ist tot +seit vielen Jahren, meine Söhne sind tot, meine Enkel +sind tot: bis auf Einen, der ist schlimmer als tot: – der +ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind +sie alle, mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger +Mann gewesen, und schon steigt meine erste Liebe und mein +letzter Stolz, mein großer König, müde in sein Grab. Nun +seht, was hält mich noch im Leben? Was giebt mir Mut, +Lust, Zwang zu leben? Was treibt mich Alten wie einen +Jüngling in dieser Sturmnacht auf die Berge? Was lodert +hier unter dem Eisbart heiß in lauter Liebe, in störrigem +Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der +Drang, der unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe +Drang und Zug zu meinem Volk, die Liebe, die lodernde, +die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das da Goten heißt, +und das die süße, heimliche, herrliche Sprache redet meiner +Eltern, der Zug zu denen, die da sprechen, fühlen, leben +wie ich. Sie bleibt, sie allein, diese Volksliebe, ein Opferfeuer, +in dem Herzen, darinnen alle andre Glut erloschen, +sie ist das teure, das mit Schmerzen geliebte Heiligtum, +das Höchste in jeder Mannesbrust, die stärkste Macht in +seiner Seele, treu bis zum Tod und unbezwingbar.« +</p> + +<p> +Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet – sein +Haar flog im Winde – er stand wie ein alter hünenhafter +Priester unter den jungen Männern, welche die Fäuste an +ihren Waffen ballten. +</p> + +<p> +Endlich sprach Teja: »Du hast Recht, diese Flamme +lodert noch, wo alles sonst erloschen. Aber sie brennt +in dir, – in uns, – vielleicht noch in hundert andern +unsrer Brüder. Kann das ein ganzes Volk erretten? +Nein! Und kann diese Glut die Masse ergreifen, die Tausende, +die Hunderttausende?« +</p> + +<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/> + +<p> +»Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen +Göttern, daß sie’s kann. Höre mich an. Es sind jetzt fünfundvierzig +Jahre, da waren wir Goten, viele Hunderttausende, +mit Weibern und Kindern, in den Schluchten +der Hämus-Berge eingeschlossen. +</p> + +<p> +Wir lagen in höchster Not. Des Königs Bruder war +von den Griechen in treulosem Überfall geschlagen und +getötet, und aller Mundvorrat, den er uns zuführen sollte, +verloren: wir saßen in den Felsschluchten und litten so +bittern Hunger, daß wir Gras und Leder kochten. Hinter +uns die unersteiglichen Felsen, vor uns und zur Linken +das Meer, rechts in einem Engpaß die Feinde in dreifacher +Überzahl. Viele Tausende von uns waren dem +Hunger, dem Winter erlegen: zwanzigmal hatten wir vergebens +versucht, jenen Paß zu durchbrechen. Wir wollten +verzweifeln. Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot +uns Leben, Freiheit, Wein, Brot, Fleisch, – unter einer +einzigen Bedingung: wir sollten getrennt von einander, +zu vier und vier, über das ganze Weltreich Roms zerstreut +werden, keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien, +keiner sein Kind mehr unsre Sprache und Sitte lehren +dürfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, +Römer sollten wir werden. Da sprang der König auf, +rief uns zusammen und trug’s uns vor in flammender +Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten +Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm +sterben? Da fuhr sein Wort in die Hunderte, die Tausende, +die Hunderttausende wie der Waldbrand in die dürren +Stämme, aufschrieen sie, die wackern Männer, wie ein +tausendstimmiges, brüllendes Meer, die Schwerter schwangen +sie, auf den Engpaß stürzten sie und weggefegt waren die +Griechen als hätten sie nie gestanden, und wir waren +Sieger und frei.« +</p> + +<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/> + +<p> +Sein Auge glänzte in stolzer Erinnerung, nach einer +Pause fuhr er fort: »Dies allein ist, was uns heute retten +kann wie dazumal: fühlen erst die Goten, daß sie für +jenes Höchste fechten, für den Schutz jenes geheimnisvollen +Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt +wie ein Wunderborn, dann können sie lachen zu dem Haß +der Griechen, zu der Tücke der Welschen. Und das vor +allem wollt’ ich euch fragen, fest und feierlich: fühlt ihr +es wie ich so klar, so ganz, so mächtig, daß diese Liebe +zu unsrem Volk unser Höchstes ist, unser schönster Schatz, +unser stärkster Schild? könnt ihr sprechen wie ich: mein +Volk ist mir das Höchste und alles, alles andre dagegen +nichts, ihm will ich opfern was ich bin und habe, wollt +ihr das, könnt ihr das!« +</p> + +<p> +»Ja, das will ich, ja, das kann ich!« sprachen die +vier Männer. +</p> + +<p> +»Wohl,« fuhr der Alte fort, »das ist gut. Aber Teja +hat Recht: nicht alle Goten fühlen das jetzt, heute schon, +wie wir und doch müssen es alle fühlen, wenn es helfen +soll. Darum gelobet mir, von heut’ an unablässig euch +selbst und alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und +handelt, zu erfüllen mit dem Hauch dieser Stunde. Vielen, +vielen hat der fremde Glanz die Augen geblendet: viele +haben griechische Kleider angethan und römische Gedanken: +sie schämen sich, Barbaren zu heißen: sie wollen vergessen +und vergessen <anchor id="corr017"/><corr sic="machen">machen,</corr> daß sie Goten sind – wehe über +die Thoren! +</p> + +<p> +Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und +wollen leben, sie sind wie Blätter, die sich stolz vom Stamme +gelöst und der Wind wird kommen und wird sie verwehen +in Schlamm und Pfützen, daß sie verfaulen: aber der Stamm +wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, +was treu an ihm haftet. Darum sollt ihr euer Volk +<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>wecken und mahnen überall und immer. Den Knaben erzählt +die Sagen der Väter, von den Hunnenschlachten, von +den Römersiegen: den Männern zeigt die drohende Gefahr +und wie nur das Volkstum unser Schild: eure Schwestern +ermahnt, daß sie keinen Römer umarmen und keinen Römling: +eure Bräute, eure Weiber lehrt, daß sie alles, sich +selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten, auf +daß, wenn die Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, +stolz, einig, fest, daran sie zerschellen sollen wie die Wogen +am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?« +</p> + +<p> +»Ja,« sprachen sie, »das wollen wir.« +</p> + +<p> +»Ich glaube euch,« fuhr der Alte fort, »glaube eurem +bloßen Wort. Nicht um euch fester zu binden, – denn +was bände den Falschen? – sondern weil ich treu hange +an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht +nach Sitte der Väter – folget mir.« +</p> + </div><div n="2" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule +und schritt quer durch den Innenraum, die Cella des +Tempels, vorüber an dem zerfallenen Hauptaltar, vorbei +an den Postamenten der lang herabgestürzten Götterbilder +nach der Hinterseite des Gebäudes, dem Posticum. Schweigend +folgten die Geladenen dem Alten, der sie über die +Stufen hinunter ins Freie führte. +</p> + +<p> +Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten +Steineiche, deren mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm +und Regen abhielt. Unter diesem Baum bot sich ihnen +ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Männer sofort +<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der +fernen nordischen Heimat gemahnte. Unter der Eiche war +ein Streifen des dichten Rasens aufgeschlitzt, nur einen +Fuß breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden Enden des +Streifens hafteten noch locker am Grunde: in der Mitte +war der Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte +hohe Speere emporgespreizt, in der Mitte von dem +längsten Speer gestützt, so daß die Vorrichtung ein Dreieck +bildete, unter dessen Dach zwischen den Speersäulen mehrere +Männer bequem stehen konnten. In der so gewonnenen +Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefüllt, +daneben lag ein spitzes und scharfes Schlachtmesser, uralt: +das Heft vom Horn des Auerstiers, die Klinge von Feuerstein. +Der Greis trat nun heran, stieß die Fackel dicht +neben dem Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten +Fuß vorauf, in die Grube, wandte sich gegen Osten und +neigte das Haupt: dann winkte er die Freunde zu sich, +mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend. +Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich, +Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brüder zu +seiner Rechten und alle fünf reichten sich die Hände zu +einer feierlichen Kette. Dann ließ der Alte Witichis und +Hildebad, die ihm zunächst standen, los und kniete nieder. +Zuerst raffte er eine Hand voll der schwarzen Walderde +auf und warf sie über die linke Schulter. Dann griff er +mit der andern Hand in den Kessel und sprengte das +Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in die wehende +Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich +schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über +sein Haupt. Dann steckte er sie wieder in die Erde und +sprach murmelnd vor sich hin: +</p> + +<p> +»Höre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, +flackernde Flamme! Höret mich wohl und bewahret mein +<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>Wort: Hier stehen fünf Männer vom Geschlechte des Gaut, +Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und Witichis, +Waltaris Sohn. +</p> + +<lg> +<l>Wir stehen hier in stiller Stunde,</l> +<l>Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern,</l> +<l>Für immer und ewig und alle Tage.</l> +<l>Wir sollen uns sein wie Sippegesellen</l> +<l>In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.</l> +<l>Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,</l> +<l>Wie wir träufen zu Einem Tropfen</l> +<l>Unser Blut als Blutsbrüder.«</l> +</lg> + +<p> +Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm, die +andern thaten desgleichen, eng aneinander streckten sich die +fünf Arme über den Kessel, der Alte hob das scharfe Steinmesser +und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier +andern die Haut des Vorderarmes, daß das Blut aller +in roten Tropfen in den ehernen Kessel floß. +</p> + +<p> +Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein und +murmelnd fuhr der Alte fort: +</p> + +<lg> +<l>»Und wir schwören den schweren Schwur,</l> +<l>Zu opfern all unser Eigen,</l> +<l>Haus, Hof und Habe,</l> +<l>Roß, Rüstung und Rind,</l> +<l>Sohn, Sippe und Gesinde,</l> +<l>Weib und Waffen und Leib und Leben</l> +<l>Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut,</l> +<l>Den guten Goten.</l> +<l>Und wer von uns sich wollte weigern,</l> +<l>Den Eid zu ehren mit allen Opfern« –</l> +</lg> + +<p> +Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, +aus der Grube und unter dem Rasenstreifen hervor: +</p> + +<lg> +<l>»Des rotes Blut soll rinnen ungerächet</l> +<l>Wie dies Wasser unterm Waldwasen« –</l> +</lg> + +<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/> + +<p> +Er erhob den Kessel, goß sein blutiges Wasser in die +Grube und nahm ihn wie das andre Gerät heraus: +</p> + +<lg> +<l>»Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen</l> +<l>Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken,</l> +<l>Wuchtig so wie dieser Wasen.«</l> +</lg> + +<p> +Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden +Lanzenschäfte nieder und dumpf fiel die schwere Rasendecke +nieder in die Rinne. Die fünf Männer stellten sich nun +mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen gedeckte +Stelle und in rascherem Ton fuhr der Alte fort: +»Und wer von uns nicht achtet dieses Eides und dieses +Bundes und wer nicht die Blutsbrüder als echte Brüder +schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert, +sein Alles zu opfern dem Volk der Goten, wann die Not +es begehrt und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen +sein auf immer den untern, den ewigen, den wüsten Gewalten, +die da hausen unter dem grünen Gras des Erdgrundes: +gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über +des Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit +Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer +schlachten, soweit Mutter Kind koset, und der Wind weht +über die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll’s ihm +also geschehn, dem niedrigen Neiding?« +</p> + +<p> +»So soll ihm geschehen,« sprachen die vier Männer +ihm nach. +</p> + +<p> +Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette +der Hände und sprach: »Und auf daß ihr’s wißt, welche +Weihe diese Stätte hat für mich, – jetzt auch für euch, +– warum ich euch zu solchem Thun gerade hierher beschieden +und zu dieser Nacht – kommt und sehet.« Und +also sprechend erhob er die Fackel und schritt voran hinter +den mächtigen Stamm der Eiche, vor der sie geschworen. +Schweigend folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite +<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>des alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade +gegenüber der Rasengrube, in welcher sie gestanden, ein +breites offenes Grab gähnen sahen, von welchem die deckende +Felsplatte hinweggewälzt war: da ruhten in der Tiefe, im +Licht der Fackel geisterhaft erglänzend, drei weiße lange +Skelette, einzelne verrostete Waffenstücke, Lanzenspitzen, +Schildbuckel lagen daneben. Die Männer blickten überrascht +bald in die Grube, bald auf den Greis. Dieser +leuchtete lange schweigend in die Tiefe. Endlich sagte er +ruhig: »Meine drei Söhne. Sie liegen hier über dreißig +Jahre. Sie fielen auf diesem Berg, in dem letzten Kampf +um die Stadt Ravenna. Sie fielen in Einer Stunde, +heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die Speere +– – für ihr Volk.« +</p> + +<p> +Er hielt inne. Mit Rührung sahen die Männer vor +sich hin. Endlich richtete sich der Alte hoch auf und sah +gen Himmel. »Es ist genug,« sagte er, »die Sterne bleichen. +Mitternacht ist längst vorüber. Geht, ihr andern, in die +Stadt zurück. Du, Teja, bleibst wohl bei mir: – dir ist +ja vor andern, wie des Liedes, der Trauer Gabe gegeben +– und hältst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten.« +</p> + +<p> +Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Füßen +des Grabes, wo er stand, nieder. Der Alte reichte Totila +die Fackel und lehnte sich Teja gegenüber auf die Felsplatte. +Die andern Drei winkten ihm scheidend zu. Und +ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie +hinunter zur Stadt. +</p> + +</div><div n="3" type="kapitel"> +<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft +bei Ravenna fand zu Rom eine Vereinigung statt, ebenfalls +heimlich, ebenfalls unter dem Schutze der Nacht, aber +von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken. +</p> + +<p> +Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium +des heiligen Kalixtus in einem halbverschütteten +Gang der Katakomben, jener rätselhaften unterirdischen +Wege, die unter den Straßen und Plätzen Roms fast eine +zweite Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen +Räume – ursprünglich alte Begräbnisplätze, oft die Zuflucht +der jungen Christengemeinde – so vielfach verschlungen +und ihre Kreuzungen, Endpunkte, Aus- und +Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter ortvertrautester +Führung ihre inneren Tiefen betreten werden +können. Aber die Männer, deren geheimen Verkehr wir +diesmal belauschen, fürchteten keine Gefahr. Sie waren +gut geführt. Denn es war Silverius, der katholische Archidiakonus +der alten Kirche des heiligen Sebastian, der +unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde +auf steilen Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt +hatte: und die römischen Priester standen in dem +Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener +Labyrinthe fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten +schienen auch sich hier nicht zum erstenmal einzufinden: +die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie. +Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen +Halbrunds, das, von einer bronzenen Hängelampe spärlich +beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgültig +hörten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur +Erde fallen und, wenn ihr Fuß hier und da an weiße, +<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>halbvermoderte Knochen stieß, schoben sie auch diese gleichgültig +auf die Seite. +</p> + +<p> +Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige +Priester und eine Mehrzahl vornehmer Römer +aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs anwesend, +die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der +höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben. +</p> + +<p> +Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen +des Archidiakons, der sich, nachdem er die Erschienenen +gemustert und in einige der einmündenden Gänge, +in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern +Wache halten sah, prüfende Blicke geworfen hatte, jetzt +offenbar anschickte, die Versammlung in aller Form zu eröffnen. +</p> + +<p> +Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann +zu, der ihm gegenüber regungslos an der Mauer lehnte +und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte: und +nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt, +wandte er sich gegen die übrigen und sprach: +</p> + +<p> +»Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder +einmal sind wir hier versammelt zu heiligem Werk. +</p> + +<p> +Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt +und König Pharao lechzt nach dem Blut der Kinder +Israel. Wir aber fürchten nicht jene, die den Leib töten +und der Seele nichts anhaben können, wir fürchten vielmehr +jenen, der da Leib und Seele verderben mag mit +ewigem Feuer. Wir vertrauen im Schauer der Nacht auf +die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wüste geführt hat, +bei Tag in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. +Und daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen: +was wir leiden, wir leiden es um Gottes willen, was wir +thun, wir thun’s zu seines Namens Ehre. Dank ihm, +denn er hat gesegnet unsern Eifer. Klein, wie des +Evan<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>geliums, waren unsre Anfänge, aber schon sind wir gewachsen +wie ein Baum an frischen Wasserbächen. Mit +Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier zusammen: +groß war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut +der Besten war geflossen: – heute, wenn wir fest bleiben +im Glauben, dürfen wir es kühnlich sagen: der Thron des +Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und die Tage +der Ketzer sind gezählt in diesem Lande.« +</p> + +<p> +»Zur Sache!« rief ein junger Römer dazwischen, mit +kurzkrausem, schwarzem Haar und blitzenden, schwarzen +Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der linken +Hüfte über die rechte Schulter zurück, daß das kurze Schwert +sichtbar wurde. »Zur Sache, Priester! was soll heut’ geschehn?« +</p> + +<p> +Silverius warf auf den Jüngling einen Blick, der lebhaften +Unwillen über solch’ kecke Selbständigkeit nicht ganz +mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken vermochte. Scharfen +Tones fuhr er fort: »Auch die an die Heiligkeit unsres +Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den Glauben +an diese Heiligkeit bei andern nicht stören, um ihrer eignen +weltlichen Ziele willen nicht. Heute aber, Licinius, mein +rascher Freund, soll ein neues hochwillkommnes Glied +unsrem Bunde eingefügt werden: sein Beitritt ist ein sichtbares +Zeichen der Gnade Gottes.« +</p> + +<p> +»Wen willst du einführen? Sind die Vorbedingungen +erfüllt? Haftest du für ihn? unbedingt? oder stellst du +andre Bürgschaft?« so fragte ein andrer der Versammelten, +ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmäßigen Zügen, der, +einen Stab zwischen den Füßen, ruhig auf einem Vorsprung +der Mauer saß. – »Ich hafte, mein Scävola; übrigens +genügt seine Person –« +</p> + +<p> +»Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt +Verbürgung und ich bestehe darauf,« sagte Scävola +<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>ruhig. – »Nun gut, gut, ich bürge, zähster aller Juristen!« +wiederholte der Priester mit Lächeln. Er winkte in einen +der Gänge zur Linken. +</p> + +<p> +Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des +Gewölbes einen Mann, auf dessen verhülltes Haupt aller +Augen gerichtet waren. Nach einer Pause hob Silverius +den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings. +</p> + +<p> +»Albinus!« riefen die andern in Überraschung, Entrüstung, +Zorn. +</p> + +<p> +Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scävola stand +langsam auf, wild durcheinander scholl es: »Wie? +Albinus? der Verräter?« Scheuen Blickes sah der Gescholtene +um sich, seine schlaffen Züge bekundeten angeborne +Feigheit: wie Hilfe flehend haftete sein Auge auf dem +Priester. »Ja, Albinus!« sagte dieser ruhig. »Will einer +der Verbündeten wider ihn sprechen? Er rede.« – »Bei +meinem Genius,« rief Licinius rasch vor allen, »braucht es +da der Rede? Wir wissen alle, wer Albinus ist, was er +ist. Ein feiger, schändlicher Verräter« – der Zorn erstickte +seine Stimme. – »Schmähungen sind keine Beweise,« +nahm Scävola das Wort. »Aber ich frage ihn selbst, er +soll hier vor allen bekennen. Albinus, bist du es, oder +bist du es nicht, der, als die Anfänge des Bundes dem +Tyrannen verraten waren, als du noch allein von uns +allen verklagt warst, es mit ansahst, daß die edeln Männer, +Boëthius und Symmachus, unsre Mitverbündeten, weil sie +dich mutig vor dem Wüterich verteidigten, verfolgt, gefangen, +ihres Vermögens beraubt, hingerichtet wurden, +während du, der eigentliche Angeklagte, durch einen schmählichen +Eid, dich nie mehr um den Staat kümmern zu +wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet +hast? Sprich, bist du es, um dessen Feigheit willen die +Zierden des Vaterlandes gefallen?« +</p> + +<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/> + +<p> +Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. +Der Angeschuldigte blieb stumm und bebte, selbst +Silverius verlor einen Augenblick die Haltung. Da richtete +sich jener Mann, der ihm gegenüber an der Felswand +lehnte, auf und trat einen Schritt herzu; seine Nähe schien +den Priester zu erkräftigen und er begann wieder: »Ihr +Freunde, es ist geschehen was ihr sagt, nicht wie ihr’s +sagt. Vor allem wisset: Albinus ist an allem am wenigsten +schuldig. Was er gethan, er that’s auf meinen Rat.« +– »Auf deinen Rat?« – »Das wagst du zu bekennen?« +– »Albinus war verklagt durch den Verrat eines Sklaven, +der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz entziffert +hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt: +jeder Schein von Widerstand, von Zusammenhang +mußte die Gefahr vermehren. Der Ungestüm von Boëthius +und Symmachus, die ihn mutig verteidigten, war edel, aber +thöricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des +ganzen Adels von Rom, zeigte, daß Albinus nicht allein +stehe. Sie handelten gegen meinen Rat, leider haben sie es +im Tode gebüßt. Aber ihr Eifer war auch überflüssig: +denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern +Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, +die Geheimbriefe des Albinus vor dessen Verhaftung +zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, Albinus würde auf der +Folter, würde unter Todesdrohungen geschwiegen haben, +geschwiegen, wenn ihn die Nennung der Mitverschwornen +retten konnte? Das glaubt ihr nicht, das glaubte Albinus +selbst nicht. Deshalb mußte vor allem Zeit gewonnen, +die Folter abgewendet werden. Dies gelang durch jenen +Eid. Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus: +sie waren nicht zu retten: doch <hi rend='gesperrt'>ihres</hi> Schweigens, +auch unter der Folter, waren wir sicher. Albinus aber +ward durch ein Wunder aus seinem Kerker befreit wie +<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>Sankt Paulus zu Philippi. Es hieß, er sei nach Athen +entflohen und der Tyrann begnügte sich, ihm die Rückkehr +zu verbieten. Allein der dreieinige Gott hat ihm hier in +seinem Tempel eine Zufluchtstätte bereitet, bis daß die +Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines +heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes +wunderbar gerührt und, ungeschreckt von der Todesgefahr, +die schon einmal seine Locke gestreift hat, tritt er wieder +in unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des +Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen. Vernehmt: +er hat all sein Gut der Kirche Sanktä <anchor id="corr028"/><corr sic="Märiä">Mariä</corr> +Majoris zu Bundeszwecken vermacht. Wollt ihr ihn und +seine Millionen verschmähen?« +</p> + +<p> +Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: +»Priester, du bist klug wie – wie ein Priester. Aber +mir gefällt solche Klugheit nicht.« – »Silverius,« sprach +der Jurist, »du magst die Millionen nehmen. Das steht +dir an. Aber ich war der Freund des Boëthius: mir +steht nicht an, mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten. +Ich kann ihm nicht vergeben. Hinweg mit ihm!« – +»Hinweg mit ihm!« scholl es von allen Seiten. Scävola +hatte der Empfindung aller das Wort geliehen. Albinus +erblaßte, selbst Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung. +»Cethegus!« flüsterte er leise, Beistand heischend. +</p> + +<p> +Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer +geschwiegen und nur mit kühler Überlegenheit die Sprechenden +gemustert hatte. Er war groß und hager, aber kräftig, +von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. Ein +Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten +Reichtum, Rang und Geschmack, aber sonst verhüllte ein +langer, brauner Soldatenmantel die ganze Unterkleidung +der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal +gesehen, nie mehr vergißt. +</p> + +<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/> + +<p> +Das dichte, noch glänzend schwarze Haar war nach +Römerart kurz und rund um die gewölbte, etwas zu große +Stirn und die edel geformten Schläfe geschoren, tief unter +den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen +geborgen, in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes +Meer versunkener Leidenschaften, aber noch bestimmter der +Ausdruck kältester Selbstbeherrschung lag. Um die scharf +geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung +gegen Gott und seine ganze Welt. Wie er vortrat +und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten +streifen ließ, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende +Redeweise anhob, empfand jeder in der Versammlung +den Eindruck bewußter Überlegenheit und wenige +Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der Unterordnung +tragen. +</p> + +<p> +»Was hadert ihr,« sagte er kalt, »über Dinge, die +geschehen müssen? Wer den Zweck will, muß das Mittel +wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! Daran +liegt nichts. Aber vergessen müßt ihr. Und das könnt +ihr. Auch ich war ein Freund der Verstorbenen, vielleicht +ihr nächster. Und doch – ich will vergessen. Ich thu’ +es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, Scävola, +der allein, der sie rächt. Um der Rache willen – Albinus, +deine Hand.« – Alle schwiegen, bewältigt mehr von der +Persönlichkeit als von den Gründen des Redners. Nur der +Jurist bemerkte noch: +</p> + +<p> +»Rusticiana, des Boëthius Witwe und des Symmachus +Tochter, die einflußreiche Frau, ist unsrem Bunde hold. +Wird sie das bleiben, wenn dieser eintritt? Kann sie je +vergeben und vergessen? Niemals!« +</p> + +<p> +»Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt Euren +Augen.« Mit diesen Worten wandte sich rasch Cethegus +und schritt in einen der Seitengänge, dessen Mündung +<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>bisher sein Rücken verdeckt hatte. – Hart am Eingang +stand lauschend eine verschleierte Gestalt: er ergriff ihre +Hand: »komm’,« flüsterte er, »jetzt komm’.« – »Ich kann +nicht! ich will nicht!« war die leise Antwort der Widerstrebenden. +»Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht sehen, +den Elenden!« – »Es muß sein. Komm, du kannst und +du willst es: – denn ich will es.« Er schlug ihren +Schleier zurück: noch ein Blick und sie folgte wie willenlos. – +</p> + +<p> +Sie bogen um die Ecke des Eingangs: »Rusticiana!« +riefen alle. – »Ein Weib in unserer Versammlung!« +sprach der Jurist. »Das ist gegen die Satzungen, die +Gesetze.« +</p> + +<p> +»Ja, Scävola, aber die Gesetze sind um des Bundes +willen, nicht der Bund um der Gesetze willen. Und geglaubt +hättet ihr mir nie, was ihr hier sehet mit Augen.« +</p> + +<p> +Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte +des Albinus. +</p> + +<p> +»Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben?« +– Überwunden und überwältigt verstummten +alle. Für Cethegus schien das weitere jedes Interesse +verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die Wand +im Hintergrund zurück. Der Priester aber sprach: »Albinus +ist Glied des Bundes.« – »Und sein Eid, den er dem +Tyrannen geschworen?« fragte schüchtern Scävola. – »War +erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen Kirche. +Aber nun ist es Zeit, zu scheiden. Nur noch die eilendsten +Geschäfte, die neuesten Botschaften. Hier, Licinius, der +Festungsplan von Neapolis: du mußt ihn bis morgen +nachgezeichnet haben, er geht an Belisar. Hier, Scävola, +Briefe aus Byzanz, von Theodora, der frommen Gattin +Justinians: du mußt sie beantworten. Da, Calpurnius, +eine Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus: +<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>du sendest sie an den fränkischen Majordomus, er wirkt +bei seinem König gegen die Goten. Hier, Pomponius, +eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge +dort und die Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen +fehlen. Euch allen aber sei gesagt, daß, nach heute erhaltenen +Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer +auf dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu späte Reue +über all’ seine Sünden soll seine Seele niederdrücken und +der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern. Harret aus +noch eine kleine Weile: bald wird ihn die zornige Stimme +des Richters abrufen: dann kömmt der Tag der Freiheit. +An den nächsten Iden, zur selben Stunde, treffen wir uns +wieder. Der Segen des Herrn sei mit euch.« Eine Handbewegung +des Diakons verabschiedete die Versammelten: +die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den Seitengängen +und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen +nach den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben. +</p> +</div><div n="4" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander +die Stufen hinauf, welche in die Krypta der Basilika +des heiligen Sebastian führten. Von da gingen sie durch +die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des +Diakonus. Dort angelangt überzeugte sich dieser, daß +alle Hausgenossen schliefen bis auf einen alten Sklaven, +der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel +wachte. Auf den Wink seines Herrn zündete er die neben +ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine +Fuge im Marmorgetäfel. Die Marmorplatten drehten sich +<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>um ihre Achse und ließen den Priester, der die Leuchte +ergriffen, mit den beiden andern in ein kleines, niedres +Gemach treten, dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und +geräuschlos wieder schloß. Keine Ritze verriet nun wieder, +daß hier eine Thür. +</p> + +<p> +Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus +Holz, einem Betschemel und einigen christlichen Symbolen +auf Goldgrund einfach ausgestattet, hatte in heidnischen +Tagen offenbar, wie die an den Wänden hinlaufenden +Polstersimse bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von +zwei oder drei Gästen gedient, deren zwanglose Gemütlichkeit +Horatius feiert. Zur Zeit war hier das Asyl für die +geheimsten geistlichen – oder weltlichen – Gedanken des +Diakonus. Schweigend setzte sich Cethegus, auf ein gegenüber +in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen +Blick des verwöhnten Kunstkenners werfend, auf den niederen +Lectus. Während der Priester beschäftigt war, aus +einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in die +bereit stehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale +mit Früchten auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen, +stand Rusticiana Cethegus gegenüber, ihn mit unwillig +staunenden Blicken messend. Kaum vierzig Jahre alt, zeigte +das Weib Spuren einer seltenen, etwas männlichen Schönheit, +die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften +gelitten hatte: schon war hier und da nicht graues, +sondern weißes Haar in ihre rabenschwarzen Flechten gemischt, +das Auge hatte einen unsteten Blick und starke +Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. +Sie stützte die Linke auf den Erztisch und strich mit der +Rechten wie nachsinnend über die Stirn, dabei fortwährend +Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie: »Mensch, sage, +sage, Mann, welche Gewalt du über mich hast? Ich liebe +dich nicht mehr. Ich sollte dich hassen. Ich hasse dich +<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>auch. Und doch muß ich dir folgen willenlos. Wie der +Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst meine Hand, +<hi rend='gesperrt'>diese</hi> Hand, in die Hand jenes Schurken. Sage, du +Frevler, welches ist diese Macht?« +</p> + +<p> +Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich +zurücklehnend: »Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.« +</p> + +<p> +»Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, +die besteht, seit ich denken kann. Daß ich als Mädchen +den schönen Nachbarssohn bewunderte, war natürlich; daß +ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du küßtest +mich ja. Und wer konnte – damals! – wissen, daß du +nicht lieben kannst. Nichts: kaum dich selbst. Daß die +Gattin des Boëthius diese wahnsinnige Liebe nicht erstickte, +die du wie spielend wieder anfachtest, war eine Sünde, +aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, +daß ich jetzt noch, nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose +Tücke kenne, nachdem die Glut der Leidenschaft erloschen +in diesen Adern, daß ich jetzt noch blindlings deinem +dämonischen Willen folgen muß, – das ist eine Thorheit +zum Lautauflachen.« +</p> + +<p> +Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die +Stirn. Der Priester hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung +inne, und sah verstohlen auf Cethegus; er war +gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rückwärts an den +Marmorsims und umfaßte mit der Rechten den Pokal, der +vor ihm stand: +</p> + +<p> +»Du bist ungerecht, Rusticiana,« sagte er ruhig. »Und +unklar. Du mischest die Spiele des Eros in die Werke +der Eris und der Erinnyen. Du weißt es, daß ich der +Freund des Boëthius war. Obwohl ich sein Weib küßte. +Vielleicht ebendeshalb. Ich sehe darin nichts Besonderes +und du: – nun dir haben es ja Silverius und die Heiligen +vergeben. Du weißt ferner, daß ich diese Goten +<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>hasse, wirklich hasse, daß ich den Willen und – vor andern +– die Fähigkeit habe, durchzusetzen, was dich jetzt +ganz erfüllt: deinen Vater, den du geliebt, deinen Gatten, +den du geehrt hast, an diesen Barbaren zu rächen. Du +gehorchst daher meinen Winken. Und du thust daran sehr +klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, +Ränke zu schmieden. Aber deine Heftigkeit trübt oft deinen +Blick. Sie verdirbt deine feinsten Pläne. Also thust du +wohl, kühlerer Leitung zu folgen. Das ist alles. – Aber +jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im Vestibulum. +Sie glaubt dich in der Beichte, bei Freund Silverius. +Die Beichte darf nicht gar zu lange währen. Auch haben +wir noch Geschäfte. Grüße mir Kamilla, dein schönes Kind, +und lebe wohl.« Er stand auf, ergriff ihre Hand und +führte sie sanft zur Thüre. Sie folgte widerstrebend, nickte +dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf Cethegus, +der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien und ging +mit leisem Kopfschütteln hinaus. +</p> + +<p> +Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus. +</p> + +<p> +»Sonderbarer Kampf in diesem Weibe,« sagte Silverius +und setzte sich mit Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten +zu ihm. »Nicht sonderbar. Sie will ihr Unrecht +gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rächt. Und +daß sie diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten +findet, macht die heilige Pflicht besonders süß. Freilich +ist ihr dies alles unbewußt. – Aber, was giebt’s zu +thun?« Und nun begannen die beiden Männer ihre Arbeit, +solche Punkte der Verschwörung zu erledigen, die allen +Gliedern des Bundes mitzuteilen sie nicht für ratsam hielten. +– »Diesmal,« hob der Diakonus an, »gilt es vor +allem, das Vermögen des Albinus festzustellen und dessen +nächste Verwendung zu beraten. Wir brauchten ganz unabweislich +Geld, viel Geld.« – »Geldsachen sind dein Gebiet,« +<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>sagte Cethegus trinkend. »Ich verstehe sie wohl, aber sie +langweilen mich.« +</p> + +<p> +»Ferner müssen die einflußreichsten Männer auf Sicilien, +in Neapolis und Apulien gewonnen werden. Hier ist die +Liste derselben mit Notizen über die einzelnen. Es sind +Menschen darunter, bei denen die gewöhnlichen Mittel +nicht verfangen.« »Gieb her,« sagte Cethegus, »<hi rend='gesperrt'>das</hi> will +ich machen« und zerlegte einen persischen Apfel. – – +</p> + +<p> +Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die +dringendsten Geschäfte bereinigt und der Hausherr legte +die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter dem großen +Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah +mit Neid auf den Genossen, dessen stählernen Körper und +unangreifbaren Geist keine späte Stunde, keine Anspannung +ermatten zu können schien. Er äußerte etwas dergleichen, +als sich Cethegus den silbernen Becher wieder füllte. +</p> + +<p> +»Übung, Freund, starke Nerven und,« setzte er lächelnd +hinzu, »ein gutes Gewissen: das ist das ganze Rätsel.« +</p> + +<p> +»Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst +ein Rätsel.« – »Das will ich hoffen.« – »Nun, hältst +du dich für ein mir so unerreichbar überlegenes Wesen?« – +»Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade hinreichend +tief, um andern nicht minder ein Rätsel zu sein als – +mir selbst. Dein Stolz auf Menschenkenntnis mag sich beruhigen. +Es geht mir selbst mit mir nicht besser als dir. +Nur die Tropfen sind durchsichtig.« – »In der That,« fuhr +der Priester ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem +Wesen muß sehr tief liegen. Sieh zum Beispiel die Genossen +unsres Bundes. Von jedem läßt sich sagen, welcher +Grund ihn dazu geführt hat. Der hitzige Jugendmut +einen Licinius: der verrannte, aber ehrliche Rechtssinn +einen Scävola: mich und die andern Priester – der Eifer +für die Ehre Gottes.« +</p> + +<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/> + +<p> +»Natürlich,« sagte Cethegus trinkend. +</p> + +<p> +»Andere treibt der Ehrgeiz: oder die Hoffnung, bei +einem Bürgerkrieg ihren Gläubigern die Hälse abzuschneiden, +oder auch die Langeweile über den geordneten Zustand +dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch +einen der Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille +gegen die Barbaren und die Gewöhnung, nur im +Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. Bei dir aber schlägt +keiner dieser Beweggründe an und« – +</p> + +<p> +»Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn +mittels Kenntnis ihrer Beweggründe beherrscht man die +Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich kann +dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was +mein Beweggrund ist. Ich bin selbst so neugierig darauf, +daß ich es dir herzlich gern sagen und mich – beherrschen +lassen wollte, wenn ich es nur entdecken könnte. +Nur das Eine fühl’ ich: diese Goten sind mir zuwider. +Ich hasse diese vollblütigen Gesellen mit ihren breiten +Flachsbärten. Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen +Gutmütigkeit, dieser naiven Jugendlichkeit, dieses +alberne Heldentum, diese ungebrochnen Naturen. Es ist +eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt regiert, +dieses Land, – nach einer solchen Geschichte, – mit +Männern wie – wie du und ich – von diesen Nord-Bären +beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er das Haupt +zurück, drückte die Augen zu und schlürfte einen kleinen +Trunk Weines. »Daß die Barbaren fort müssen,« sprach +der andere, »darüber sind wir einig. Und für mich ist +damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die Befreiung +der Kirche von diesen irrgläubigen Barbaren, welche die +Göttlichkeit Christi leugnen und nur einen Halbgott aus +ihm machen. Ich hoffe, daß alsdann der römischen Kirche +der Primat im ganzen Gebiet der Christenheit, der ihr +<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>gebührt, unbestritten zufallen wird. Aber solange Rom +in der Hand der Ketzer liegt, während der Bischof von +Byzanz von dem allein rechtgläubigen und rechtmäßigen +Kaiser gestützt wird« – +</p> + +<p> +»Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste +Bischof der Christenheit, solange nicht Herr Italiens: und +deshalb der römische Stuhl, selbst wenn ein Silverius ihn +einnehmen wird, nicht das, was er werden soll: das Höchste. +Und das will doch Silverius.« +</p> + +<p> +Überrascht sah der Priester auf. +</p> + +<p> +»Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich weiß das +längst und habe dein Geheimnis bewahrt, obwohl du es +mir nicht vertraut hast. Allein weiter.« Er schenkte sich +aufs neue ein: – »dein Falerner ist gut abgelagert, aber +er hat zu viel Süße. – Du kannst eigentlich nur wünschen, +daß diese Goten den Thron der Cäsaren räumen, nicht, +daß die Byzantiner an ihre Stelle treten: denn sonst hat +der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen Oberbischof +und einen Kaiser. Du mußt also an der Goten Stelle +wünschen – nicht einen Kaiser – Justinian, – sondern +– etwa was?« – »Entweder« – fiel Silverius eifrig ein +– »einen eignen Kaiser des Westreichs« – »Der aber,« +vollendete Cethegus seinen Satz, »nur eine Puppe ist in der +Hand des heiligen Petrus –« – »Oder eine römische Republik, +einen Staat der Kirche –« – »In welchem der +Bischof von Rom der Herr, Italien das Hauptland und +die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Spanien die +gehorsamen Söhne der Kirche sind. Schön, mein Freund. +Nur müssen erst die Feinde vernichtet sein, deren Spolien +du bereits verteilst. Deshalb ein altrömischer Trinkspruch: +wehe den Barbaren!« +</p> + +<p> +Er stand auf und trank dem Priester zu. »Aber die +letzte Nachtwache schleicht vorüber und meine Sklaven +<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>müssen mich am Morgen in meinem Schlafgemach finden. +Leb wohl.« Damit zog er den Cucullus des Mantels +über das Haupt und ging. +</p> + +<p> +Der Wirt sah ihm nach: »Ein höchst bedeutendes +Werkzeug!« sagte er zu sich. »Gut, daß er nur ein Werkzeug +ist. Möge er es immer bleiben.« +</p> + +<p> +Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die +Kirche des heiligen Sebastian den Eingang in die Katakomben +bedeckt, nach Nordwesten dem Kapitole zu, an dessen +Fuß am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen war, +nordöstlich vom Forum Romanum. +</p> + +<p> +Die kühle Morgenluft strich belebend um sein Haupt. +</p> + +<p> +Er schlug den Mantel zurück und dehnte die breite, +starke, gewaltige Brust. »Ja, ein Rätsel bist du,« sprach +er vor sich hin; »treibst Verschwörung und nächtlichen Verkehr +wie ein Republikaner oder ein Verliebter von zwanzig +Jahren. Und warum? – Ei, wer weiß warum er atmet? +Weil er muß. Und so muß ich thun was ich thue. Eins +aber ist gewiß. Dieser Priester mag Papst werden: er +muß es vielleicht werden. Aber Eins darf er nicht. Er +darf es nicht lange bleiben. Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, +ihr kaum eingestandenen, die ihr noch Träume +seid und Wolkendünste: vielleicht aber ballt sich daraus ein +Gewitter, das Blitz und Donner führt und mein Verhängnis +wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut. +Ich nehme das Omen an.« +</p> + +<p> +Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach +fand er auf dem Cederntisch vor seinem Lager einen +verschnürten und mit dem königlichen Siegel gepreßten Brief. +</p> + +<p> +Er schnitt die Schnüre mit dem Dolch auf, schlug die +doppelte Wachstafel auseinander und las: +</p> + +<p> +»An Cethegus Cäsarius, den Princeps Senatus, Marcus +Aurelius Cassiodorus Senator. +</p> + +<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/> + +<p> +Unser Herr und König liegt im Sterben. Seine +Tochter und Erbin Amalaswintha wünscht dich noch vor +seinem Ende zu sprechen. Du sollst das wichtigste Reichsamt +übernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.« +</p> +</div><div n="5" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und +schwül über dem Königspalast zu Ravenna mit seiner +düstern Pracht, mit seiner unwirtlichen Weiträumigkeit. +</p> + +<p> +Die alte Burg der Cäsaren hatte im Lauf der Jahrhunderte +schon so manche stilwidrige Veränderung erfahren. +Und seit an die Stelle der Imperatoren der Gotenkönig +mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie +vollends ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. +Denn viele Räume, die eigentümlichen Sitten des römischen +Lebens gedient hatten, standen mit der alten Pracht ihrer +Einrichtung unbenutzt und vernachlässigt: Spinnweben zogen +sich über die Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr +betretenen Badgemächer des Honorius und in dem Toilettenzimmer +der Placidia huschten die Eidechsen über das +Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. Dagegen +hatten die Bedürfnisse eines mehr kriegerischen Hofhalts +manche Mauer niedergerissen, um die kleinen Gemächer +des antiken Hauses zu den weiteren Räumen von Waffensälen, +Trinkhallen, Wachtzimmern auszudehnen. Und man +hatte anderseits durch neue Mauerführungen benachbarte +Häuser mit dem Palast verbunden, daraus eine Festung +mitten in der Stadt zu schaffen. Es trieben jetzt in der +»<hi rend='antiqua'>piscina maxima</hi>«, dem ausgetrockneten Teich, blonde +<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorsälen der +Palästra wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So +hatte der weitläufige Bau das unheimliche Ansehen halb +einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines unvollendeten +Neubaus: und die Burg dieses Königs erschien so wie ein +Sinnbild seines römisch-gotischen Reiches, seiner ganzen +politischen halbunfertigen, halbverfallenden Schöpfung. – +</p> + +<p> +An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier +zuerst wieder eintreten sah, lastete ein Gewölk von Spannung, +Trauer und Düstre ganz besonders schwer auf diesem +Haus: denn seine königliche Seele sollte daraus scheiden. – +</p> + +<p> +Der große Mann, der von hier aus ein Menschenalter +lang die Geschicke Europas gelenkt, den Abendland und +Morgenland in Liebe und Haß bewunderten, der Heros +seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von Bern, +dessen Namen schon bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmückend +bemächtigt hatte, der große Amalungen-König +Theoderich sollte sterben. +</p> + +<p> +So hatten es die Ärzte, wenn nicht ihm selbst doch +seinen Räten verkündet und alsbald war es hinausgedrungen +in die große volkreiche Stadt. Obwohl man seit +lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden +des greisen Fürsten für möglich gehalten, erfüllte doch jetzt +die Kunde von dem drohenden Eintritt des verhängnisvollen +Schlages alle Herzen mit der höchsten Aufregung. +</p> + +<p> +Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch +bei der römischen Bevölkerung war eine dumpfe Spannung +die vorherrschende Empfindung. Denn hier in Ravenna, +in der unmittelbaren Nähe des Königs hatten die Italier +die Milde und Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu +bewundern und durch besondere Wohlthaten zu erfahren +am häufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner fürchtete man +nach dem Tode dieses Königs, der während seiner ganzen +<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>Regierung, mit einziger Ausnahme der jüngsten Kämpfe +mit dem Kaiser und dem Senat, in welchen Boëthius und +Symmachus geblutet, die Italier vor der Gewaltthätigkeit +und Rauheit seines Volkes beschützt hatte, unter einem +neuen Regiment Härte und Druck von Seite der Goten +zu befahren. +</p> + +<p> +Endlich aber wirkte noch ein Anderes, Höheres: die +Persönlichkeit dieses Heldenkönigs war so großartig, so +majestätisch gewesen, daß auch diejenigen, die seinen und +seines Reiches Untergang oft herbeigewünscht hatten, doch +in dem Augenblick, da nun diese Sonne erlöschen sollte, +sich niedriger Schadenfreude nicht hingeben und ernsterer +Erschütterung nicht erwehren konnten. +</p> + +<p> +So war die Stadt schon seit grauendem Morgen – +da man zuerst vom Palast Boten nach allen Winden hatte +jagen und einzelne Diener in die Häuser der vornehmsten +Goten und Römer hatte eilen sehen – in höchster Erregung. +In den Straßen, auf den Plätzen, in den Bädern +standen die Männer paarweise oder in Gruppen beisammen, +fragten und teilten sich mit, was sie wußten, suchten +eines Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste +herkam und sprachen über die ernsten Folgen des bevorstehenden +Ereignisses. Weiber und Kinder kauerten neugierig +auf den Schwellen der Häuser. Mit den wachsenden +Stunden des Tages strömte sogar schon die Bevölkerung der +nächsten Dörfer und Städte, besonders trauernde Goten, +forschend in die Thore Ravennas. Die Räte des Königs, +voraus der Präfectus Prätorio Cassiodorus, der sich in +diesen Tagen um Aufrechthaltung der Ordnung hohes +Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen, +vielleicht Schlimmeres erwartet. +</p> + +<p> +Seit Mitternacht waren alle Zugänge zum Palast geschlossen +und mit gotischen Wachen besetzt. Auf dem Forum +<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>des Honorius, vor der Stirnseite des Gebäudes, war ein +Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten Marmorstufen, +die zu der stolzen Säulenreihe des Hauptportals hinaufführten, +waren starke Scharen gotischen Fußvolks, mit Schild +und Speer, in malerischen Gruppen gelagert. +</p> + +<p> +Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt +in den Palast erlangen und nur die beiden Anführer +des Fußvolks, der Römer Cyprian und der Gote Witichis, +durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, der +Cethegus einließ. Wie dieser den altbekannten Weg zum +Gemach des Königs verfolgte, fand er in den Hallen und +Gängen der Burg die Goten und Italier, denen ihr +Rang und Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen Gruppen +verteilt. +</p> + +<p> +Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten +Trinkhalle die jungen Tausendführer und Hundertführer +der Goten beisammen oder flüsterten einzelne besorgte +Fragen, während hier und da ein älterer Mann, ein +Waffengefährte des sterbenden Helden, in einer Nische der +Bogenfenster lehnte, seinen lauten Schmerz zu verbergen; +in der Mitte des Saales stand, laut weinend, das Haupt +an einen Pfeiler drückend, ein reicher Kaufmann von Ravenna: +der König, der jetzt scheiden sollte, hatte ihm eine +Verschwörung verziehen und seine Warenhallen vor der +Plünderung durch die ergrimmten Goten gerettet. +</p> + +<p> +Mit einem kalten Blick der Geringschätzung schritt +Cethegus an dem allen vorüber. Er ging weiter. +</p> + +<p> +In dem nächsten Gemach, dem zum Empfang fremder +Gesandten bestimmten Saal, fand er eine Anzahl von +vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln beisammen, +die offenbar Beratung hielten über den Thronwechsel +und den drohenden Umschwung aller Verhältnisse. +</p> + +<p> +Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, +<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>der die Stadt Arles heldenmütig gegen die Franken verteidigt +hatte, Ibba von Liguria, der Eroberer von Spanien, +Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und Gepiden, +gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, +der dem Königshaus der Amaler wenig nachgab – denn +sie waren aus dem Geschlecht der Balten, das bei den +Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte –, +und auf ihre kriegerischen Verdienste, die das Reich beschirmt +und erweitert. +</p> + +<p> +Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen. +</p> + +<p> +Das waren die Führer der Partei, die längst eine +härtere Behandlung der Italier, welche sie haßten und +scheuten zugleich, begehrt und die nur widerstrebend dem +milden Sinn des Königs sich gefügt hatten. Wilde Blicke +des Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen +Römer, der da Zeuge der Sterbestunde des großen Gotenhelden +sein wollte. Ruhig schritt Cethegus an ihnen vorüber +und hob den schweren Wollvorhang auf, der den +nächsten Raum abschied, das Vorzimmer des Krankengemaches. +Eintretend begrüßte er mit tiefer Verbeugung +des Hauptes eine hohe königliche Frau, die, in schwarze +Trauerschleier gehüllt, ernst und schweigend, aber in fester +Fassung und ohne Thränen vor einem mit Urkunden bedeckten +Marmortische stand: das war Amalaswintha, die +verwitwete Tochter Theoderichs. +</p> + +<p> +Eine Frau in der Mitte der Dreißiger war sie noch +von außerordentlicher, wenn auch kalter Schönheit. Sie +trug das reiche dunkle Haar nach griechischer Weise gescheitelt +und gewellt. Die hohe Stirn, das große, runde +Auge, die geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast männlichen +Züge und die Majestät ihrer vollen Gestalt verliehen +ihr gebietende Würde und in dem ganz nach hellenischem +Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der That einer +<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>von ihrem Postament heruntergeschrittenen Hera des +Polyklet. +</p> + +<p> +An ihrem Arme hing, mehr gestützt als stützend, ein +Knabe oder Jüngling von etwa siebzehn Jahren, Athalarich, +ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er glich nicht +der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglücklichen +Vaters Eutharich, den eine zehrende Krankheit des Herzens +in der Blüte seiner Jahre in das Grab gezogen hatte. +Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha ihren Sohn in +allem ein Ebenbild des Vaters werden und es war kaum +mehr ein Geheimnis am Hofe von Ravenna, daß alle +Spuren jener Krankheit sich schon in dem Knaben zeigten. +Athalarich war schön wie alle Glieder dieses von den +Göttern stammenden Hauses. Starke schwarze Brauen, +lange Wimpern beschatteten ein edles, dunkles Auge, das +aber bald wie in unbestimmten Träumen zerfloß, bald in +geisterhaftem Glanz aufblitzte. Dunkelbraune wirre Locken +hingen in die bleichen Schläfe, in denen bei lebhafter Erregung +die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der +edeln Stirn hatte leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung +tiefe Furchen eingezeichnet, befremdlich auf diesem +jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten Marmorblässe und +heißes Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch aufgeschossene, +aber geknickte Gestalt schien meistens wie müde +in ihren Fugen zu hangen und schoß nur manchmal mit +erschreckender Raschheit in die Höhe. Er sah den eintretenden +Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter +Brust gelehnt, den griechischen Mantel klagend um das +junge Haupt geschlagen, das bald eine schwere Krone tragen +sollte. – +</p> + +<p> +Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des +Gemaches, der den Blick auf die von den Gotenkriegern +besetzten Marmorstufen gewährte, stand, in träumerisches +<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>Sinnen verloren, ein Weib – oder war es eine Jungfrau? +– von überraschender, blendender, überwältigender +Schönheit: das war Mataswintha, Athalarichs Schwester. +Sie glich der Mutter an Adel und Höhe der Gestalt, aber +ihre schärferen Züge hatten ein feuriges leidenschaftliches +Leben, das sich nur wenig unter angenommener Kälte +barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenmaß von blühender +Fülle und feiner Schlankheit, mahnte an jene bezwungene +Artemis in den Armen des Endymion in der +Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von +Rhodos hatte aus der Stadt verbannen müssen, weil diese +marmorne höchste Einheit schönster Jungfräulichkeit und +schönster Sinnlichkeit die Jünglinge des Eilands zu Wahnsinn +und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber höchster +reifer Mädchenschönheit zitterte über diesem Wesen. Ihr +reichwallendes Haar war dunkelrot mit einem schillernden +Metallglanz und von so außerordentlicher Wirkung, daß +er der Fürstin, selbst bei diesem durch die prächtigen Goldlocken +seiner Weiber berühmten Volk, den Namen »Schönhaar« +verschafft hatte. Ihre Augenbrauen aber und die +langen Wimpern waren glänzend schwarz und hoben die +blendend weiße Stirn, die alabasternen Wangen leuchtend +hervor. Die fein gebogene Nase mit den zartgeschnittenen +manchmal leise zuckenden Flügeln senkte sich auf einen +üppig schwellenden Mund. Aber das Auffallendste an +dieser auffallenden Schönheit war das graue Auge, nicht +so fast durch die ziemlich unbestimmte Farbe, wie durch +den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in träumerisches +Sinnen verloren, manchmal in versengender Leidenschaft +aufleuchten konnte. In der That, wie sie da an +dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen, halb gotischen +von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewählten Tracht, +den weißen, hochgewölbten Arm um die dunkle +Porphyr<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>säule geschlungen und hinaus träumend in die Abendluft, +glich ihre verführerische Schönheit jenen unwiderstehlichen +Waldfrauen oder Wellenmädchen, deren allverstrickende +Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat. +Und so groß war die Macht dieser Schönheit, daß selbst +die ausgebrannte Brust des <anchor id="corr046"/><corr sic="Cethejus">Cethegus</corr>, der die Fürstin längst +kannte, bei seinem Eintritt von neuem Staunen berührt +wurde. – +</p> + +<p> +Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von +dem letzten der im Gemach Anwesenden, von Cassiodor, +dem gelehrten und treuen Minister des Königs, dem ersten +Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen Versöhnungspolitik, +die seit einem Menschenalter im Gotenreich +geübt wurde. Der alte Mann, dessen ehrwürdige +und milde Züge der Schmerz um den Verlust seines königlichen +Freundes nicht weniger bewegte als die Sorge um +die Zukunft des Reiches, stand auf und ging mit schwankenden +Schritten dem Eintretenden entgegen, der sich ehrfurchtvoll +verneigte. In Thränen schwimmend ruhte das +Auge des Greises auf ihm, endlich sank er seufzend an die +kalte Brust des Cethegus, der ihn für diese Weichheit verachtete. +</p> + +<p> +»Welch ein Tag!« klagte er. – »Ein verhängnisvoller +Tag,« sprach Cethegus ernst; »er fordert Kraft und Fassung.« +– »Recht sprichst du, Patricius, und wie ein Römer,« +– sagte die Fürstin, sich von Athalarich losmachend, – +»sei gegrüßt.« Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, +ihr Auge war klar. »Die Schülerin der Stoa bewährt +an diesem Tage die Weisheit Zenos und die eigne Kraft,« +sprach Cethegus. +</p> + +<p> +»Sagt lieber, die Gnade Gottes kräftigt ihre Seele +wunderbar,« verbesserte Cassiodor. – »Patricius,« begann +Amalaswintha, »der Präfectus Prätorio hat dich mir vorgeschlagen +zu einem wichtigen Geschäft. Sein Wort würde +<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>genügen, auch wenn ich dich nicht längst schon kennte. Du +bist derselbe Cethegus, der die ersten beiden Gesänge der +Äneis in griechische Hexameter übertragen hat!« – »<hi rend='antiqua'>Infandum +renovare jubes, regina, dolorem.</hi> Eine Jugendsünde, +Königin,« lächelte Cethegus. »Ich habe alle Abschriften aufgekauft +und verbrannt an dem Tage, da die Übersetzung +Tullias erschien.« Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas: +Cethegus wußte das: aber die Fürstin hatte von +dieser seiner Kenntnis keine Ahnung. Sie war in ihrer +schwächsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: »Du weißt, +wie es hier steht. Die Atemzüge meines Vaters sind +gezählt: nach dem Ausspruch der Ärzte kann er, obwohl +noch rüstig und stark, jeden Augenblick tot zusammenbrechen. +Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich +aber führe an seiner Statt die Regentschaft und über ihn +die Mundschaft bis er zu seinen Tagen gekommen.« – »So +ist der Wille des Königs, und Goten und Römer haben +dieser Weisheit längst schon zugestimmt,« sagte Cethegus. +– »So thaten sie. Aber die Menge ist wandelbar. Die +rohen Männer verachten die Herrschaft eines Weibes« – +und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn in zornige +Falten. »Es widerstreitet immerhin dem Staatsrecht der +Goten wie der Römer,« begütigte Cassiodor, »es ist ganz +neu, daß ein Weib –« – »Die undankbaren Rebellen!« +murmelte Cethegus, gleichsam für sich. – »Wie man darüber +denken mag,« fuhr die Fürstin fort, »es ist so. Gleichwohl +baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, +mögen auch einzelne aus dem Adel Gelüste nach der Krone +tragen. Auch von den Italiern hier in Ravenna, wie in +den meisten Städten, fürchte ich nichts. Aber ich fürchte +– Rom und die Römer.« Cethegus horchte hoch auf: +sein ganzes Wesen war in plötzlicher Erregung: aber sein +Antlitz blieb eisig kalt. +</p> + +<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/> + +<p> +»Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten +gewöhnen, es wird uns ewig widerstreben – wie könnte +es anders!« setzte sie seufzend hinzu. Es war, als ob die +Tochter Theoderichs eine römische Seele hätte. +</p> + +<p> +»Wir fürchten deshalb,« – ergänzte Cassiodor, – »daß +auf die Kunde von der Erledigung des Throns zu Rom +eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen könnte, sei +es für Anschluß an Byzanz, sei es für Erhebung eines +eignen Kaisers des Abendlandes.« +</p> + +<p> +Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. – +</p> + +<p> +»Darum,« fiel die Fürstin rasch ein, »muß, schon ehe +jene Kunde zu Rom eintrifft, alles geschehen sein. Ein +entschlossener, mir treu ergebener Mann muß die Besatzung +für mich – ich meine für meinen Sohn – vereidigen, +die wichtigsten Thore und Plätze besetzen, Senat und Adel +einschüchtern, das Volk für mich gewinnen und meine Herrschaft +unerschütterlich aufrichten, ehe sie noch bedroht ist. +Und für dies Geschäft hat Cassiodor – dich vorgeschlagen. +Sprich, willst du es übernehmen?« +</p> + +<p> +Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer +Hand zur Erde gefallen. Cethegus bückte sich, ihn aufzuheben. +Er hatte nur diesen einen Augenblick für die +hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem +Kopfe kreuzten. +</p> + +<p> +War die Verschwörung in den Katakomben, war vielleicht +er selbst verraten? Lag hier eine Schlinge des +schlauen und herrschsüchtigen Weibes? Oder waren die +Thoren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? +Und wenn dem so war, was sollte er thun? +Sollte er den Moment benutzen, sogleich loszuschlagen, Rom +zu gewinnen? Und für wen? für Byzanz? oder für einen +Kaiser im Abendlande? Und wer sollte das werden? +Oder waren die Dinge noch nicht reif? Sollte er für +<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>diesmal – aus Treulosigkeit – Treue üben? Für all’ +diese und manche andere Zweifel und Fragen hatte er, sie +zu stellen und zu lösen, nur den einen Moment, da er sich +bückte: sein rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im +Bücken das arglos vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen +und entschlossen sprach er, den Griffel überreichend: »Königin, +ich übernehme das Geschäft.« – »Das ist gut,« sagte die +Fürstin. Cassiodor drückte seine Hand. – »Wenn Cassiodor,« +fuhr Cethegus fort, »mich zu diesem Amte vorgeschlagen, +so hat er wieder einmal seine tiefe Menschenkenntnis bewährt. +Er hat durch meine Schale auf meinen Kern gesehen.« +– »Wie meinst du das?« fragte Amalaswintha. +– »Königin, der Schein konnte ihn trügen. Ich gestehe, daß +ich die Barbaren – verzeihe! – die Goten nicht gern +in Italien herrschen sehe.« – »Dieser Freimut ehrt dich und +ich verzeih’ es dem Römer.« – »Dazu kommt, daß ich seit +Jahrzehnten dem Staat, dem öffentlichen Leben keine Teilnahme +mehr zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb’ ich +– ohne alle Leidenschaft – nur einer spielenden Muse +und leichten Gelehrsamkeit, unbekümmert um die Sorgen +der Könige, auf meinen Villen.« – »<hi rend='antiqua'>Beatus ille qui procul +negotiis</hi>«, citierte seufzend die gelehrte Frau. – »Aber eben +weil ich die Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schüler +Platons, will, daß die Weisen herrschen sollen, deshalb +wünsche ich, daß eine Königin mein Vaterland regiere, die +nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der +Tugend nach Römerin ist. +</p> + +<p> +Ihr zu Liebe will ich meine Muße den verhaßten Geschäften +opfern. Aber nur unter der Bedingung, daß dies +mein letztes Staatsamt sei. Ich übernehme deinen Auftrag +und stehe dir für Rom mit meinem Kopf.« +</p> + +<p> +»Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, +deren du bedarfst.« +</p> + +<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/> + +<p> +Cethegus durchflog die Urkunden. »Dies ist das Manifest +des jungen Königs an die Römer, mit deiner Unterschrift. +Seine Unterschrift fehlt noch.« Amalaswintha +tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gefäß mit Purpurtinte, +deren sich die Amaler, wie die römischen Imperatoren +bedienten: »Komm, schreibe deinen Namen, mein Sohn.« +Athalarich hatte während der ganzen Verhandlung stehend +und mit beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gestützt, +Cethegus scharf beobachtet. Jetzt richtete er sich auf: er +war gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines Kronfolgers +und eines Kranken zu gebrauchen: »Nein,« sagte +er heftig, »ich schreibe nicht. Nicht bloß, weil ich diesem +kalten Römer nicht traue, – nein, ich traue dir gar nicht, +du stolzer Mann! – es ist empörend, daß ihr, während +mein hoher Großvater noch atmet, schon an seiner Krone +herumtappt, ihr Zwerge nach der Krone des Riesen. +Schämt euch eurer Fühllosigkeit. Hinter jenen Vorhängen +stirbt der größte Held des Jahrhunderts – und ihr denkt +nur an die Teilung seiner Königsgewänder.« +</p> + +<p> +Er wandte ihnen den Rücken und schritt langsam nach +dem Fenster zu, wo er den Arm um seine schöne Schwester +schlang und ihr schimmervolles glänzendes Haar streichelte. +</p> + +<p> +Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Plötzlich +fuhr sie auf aus ihrem Sinnen: »Athalarich,« flüsterte sie, +hastig seinen Arm fassend und hinausdeutend auf die +Marmorstufen, »wer ist der Mann dort? im blauen Stahlhelm, +der eben um die Säule biegt? Sprich, wer ist es?« +»Laß sehn,« sagte der Jüngling sich vorbeugend, »der dort? +ei, das ist Graf Witichis, der Besieger der Gepiden, ein +wackrer Held.« Und er erzählte ihr von den Thaten und +Erfolgen des Grafen im letzten Kriege. +</p> + +<p> +Indessen hatte Cethegus die Fürstin und den Minister +fragend angesehen. »Laß ihn!« seufzte Amalaswintha. +<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>»Wenn er nicht will, zwingt ihn keine Macht der Erde.« +Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem +sich der dreifache Vorhang aufthat, der das Schlafgemach +des Königs von allem Geräusch des Vorzimmers schied. +Es war Elpidios, der griechische Arzt, der, die schweren +Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus langem +Schlummer erwacht, habe ihn fortgeschickt, um mit dem +alten Hildebrand allein zu sein: dieser wich nie von seiner +Seite. +</p> +</div><div n="6" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern +zu gleichem Zweck benutzt, zeigte die düstre Pracht des +späten römischen Stils. Die überladenen Reliefs an den +Wänden, die Goldornamentik der Decke schilderte noch +Siege und Triumphzüge der römischen Konsuln und Imperatoren: +heidnische Götter und Göttinnen schwebten stolz +darüber hin: überall in der Architektur und Dekoration +waltete drückender Prunk. +</p> + +<p> +Dazu bildete einen merkwürdigen Gegensatz das Lager +des Gotenkönigs in seiner schlichten Einfachheit. Kaum +einen Fuß vom Marmorboden erhob sich das ovale Gestell +von rohem Eichenholz, das wenige Decken füllten. Nur der +köstliche Purpurteppich, der die Füße verhüllte, und das +Löwenfell mit goldnen Tatzen, ein Geschenk des Vandalenkönigs +aus Afrika, das vor dem Bette lag, bekundete die +Königshoheit des Kranken. Alles Gerät, das sonst das +Gemach erfüllt, war prunklos, schlicht, fast barbarisch +schwer. +</p> + +<p> +An einer Säule im Hintergrund hing der eherne Schild +<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/>und das breite Schwert des Königs, seit vielen Jahren +nicht mehr gebraucht. Am Kopfende des Lagers stand, +gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Züge des +Kranken sorglich prüfend: dieser, auf den linken Arm gestützt, +kehrte ihm das gewaltige, das majestätische Antlitz +zu. Sein Haar war spärlich und an den Schläfen abgerieben +durch den langjährigen Druck des schweren Helmes, +aber noch glänzend hellbraun, ohne irgend graue oder +weiße Spuren. Die mächtige Stirn, die blitzenden Augen, +die stark gebogene Nase, die tiefen Furchen der Wangen +sprachen von großen Aufgaben und von großer Kraft, sie +zu lösen und machten den Eindruck des Gesichts königlich +und hehr: aber die wohlwollende Weichheit des Mundes +bekundete, trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart, +jene Milde und friedliche Weisheit, mit welcher der König +ein Menschenalter lang für Italien eine goldne Zeit zurückgeführt +und sein Reich zu einer Blüte erhoben hatte, +die damals schon Sprichwort und Sage feierten. +</p> + +<p> +Lang ließ er mit Huld und Liebe das goldbraune +Adlerauge auf dem riesigen Krankenwart ruhen. Dann +reichte er ihm die magre, aber nervige Rechte. »Alter +Freund,« sagte er, »nun wollen wir Abschied nehmen.« +</p> + +<p> +Der Greis sank in die Knie und drückte die Hand +des Königs an die breite Brust. »Komm, Alter, steh’ +auf: muß <hi rend='gesperrt'>ich dich</hi> trösten?« +</p> + +<p> +Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur +das Haupt, daß er dem König ins Auge sehen konnte. +»Sieh,« sprach dieser, »ich weiß, daß du, Hildungs Sohn, +von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde +hast von der Menschen Siechtum und Heilung, als +alle diese griechischen Ärzte und lydischen Salbenkrämer. +Und vor allem: du hast mehr Wahrhaftigkeit. Darum +frage ich dich, du sollst mir redlich bestätigen, was ich +<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>selbst fühle: sprich, ich muß sterben? heute noch? noch vor +Nacht?« +</p> + +<p> +Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu +täuschen war. Aber der Alte wollte gar nicht täuschen, er +hatte jetzt seine zähe Kraft wieder. »Ja, Gotenkönig, Amalungen +Erbe, du mußt sterben,« sagte er: »die Hand des +Todes hat über dein Antlitz gestrichen. Du wirst die +Sonne nicht mehr sinken sehen.« +</p> + +<p> +»Es ist gut,« sagte Theoderich, ohne mit der Wimper +zu zucken. »Siehst du, der Grieche, den ich fortgeschickt, +hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen. Und ich brauche +doch meine Zeit.« +</p> + +<p> +»Willst du wieder die Priester rufen lassen?« fragte +Hildebrand, nicht mit Liebe. – »Nein, ich konnte sie nicht +brauchen. Und ich brauche sie nicht mehr.« – »Der Schlaf +hat dich sehr gestärkt und den Schleier von deiner Seele +genommen, der sie so lang verdunkelt. Heil dir, Theoderich, +Theodemers Sohn, du wirst sterben wie ein Heldenkönig.« +</p> + +<p> +»Ich weiß,« lächelte dieser, »die Priester waren dir +nicht genehm an diesem Lager. Du hast Recht. Sie +konnten mir nicht helfen.« – »Nun aber, wer hat dir +geholfen?« +</p> + +<p> +»Gott und ich selbst. Höre. Und diese Worte sollen +unser Abschied sein! Mein Dank für deine Treue von +fünfzig Jahren sei es, daß ich dir allein, nicht meiner +Tochter, nicht Cassiodor, es vertraue, was mich gequält +hat. Sprich: was sagt man im Volk, was glaubst du, +daß jene Schwermut war, die mich plötzlich befallen und +in dieses Siechtum gestürzt hat?« – »Die Welschen sagen: +Reue über den Tod des Boëthius und Symmachus.« – »Hast +du das geglaubt?« – »Nein, ich mochte nicht glauben, daß +dich das Blut der Verräter bekümmern kann.« – »Du hast +wohlgethan. Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig: +<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>nach dem Gesetz, nach ihren Thaten. Und Boëthius habe +ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verräter! +Verräter in ihren Gedanken, Verräter an meinem Vertrauen, +an meinem Herzen. Ich habe sie, die Römer, höher +gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie haben, +zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewünscht, dem Byzantiner +Schmeichelbriefe geschrieben: sie haben einen Justin +und einen Justinian der Freundschaft des Theoderich vorgezogen +–: mich reut der Undankbaren nicht. Ich verachte +sie. Rate weiter! Du, was hast du geglaubt?« – +»König: dein Erbe ist ein Kind und du hast ringsum +Feinde.« Der Kranke zog die kühnen Brauen zusammen: +»Du triffst näher ans Ziel. Ich habe stets gewußt, was +meines Reiches Schwäche. In bangen Nächten hab’ ich +geseufzt um seine innere Krankheit, wann ich am Abend +beim Gastgelag den fremden Gesandten den Stolz höchster +Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du hast, ich weiß, mich +für allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben +sehen. Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. +Ich habe geseufzt, wann ich einsam war und meine Sorge +allein getragen.« – »Du bist die Weisheit, mein König, +und ich war ein Thor!« rief der Alte. »Sieh,« fuhr der +König fort, – mit der Hand über die des Alten streichend +–, »ich weiß alles, was dir nicht recht an mir +gewesen. Auch deinen blinden Haß gegen diese Welschen +kenne ich. Glaube mir, er ist blind. Wie vielleicht meine +Liebe zu ihnen war.« Hier seufzte er und hielt inne. +»Was quälst du dich.« – »Nein, laß mich vollenden. Ich +weiß es, mein Reich, das Werk meines ruhmvollen, mühevollen +Lebens kann fallen, leicht fallen. Und vielleicht +durch Schuld meiner Großmut gegen diese Römer. Sei +es darum! Kein Menschenbau ist ewig und die Schuld zu +edler Güte – ich will sie tragen.« +</p> + +<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/> + +<p> +»Mein großer König!« – »Aber, Hildebrand, in einer +Nacht, da ich so wachte, sorgte und seufzte über den Gefahren +meines Reiches, – da stieg mir vor der Seele auf +das Bild einer andern Schuld! Nicht der Güte, nein, +der Ruhmsucht, der blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, +wenn das Volk der Goten sollte untergehn zur Strafe für +Theoderichs Frevel! – <hi rend='gesperrt'>Sein</hi>, <hi rend='gesperrt'>sein</hi> Bild tauchte mir empor!« +</p> + +<p> +Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte +einen Augenblick. »Wessen Bild? Wen meinst du?« fragte +der Alte leise, sich vorbeugend. »Odovakar!« flüsterte der +König. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen +unterbrach endlich Theoderich: »Ja, Alter, diese Rechte, +– du weißt es, – hat den gewaltigen Helden durchstoßen, +beim Mahl, meinen Gast. Heiß spritzte sein Blut mir ins +Gesicht und ein Haß ohne Ende sprühte auf mich aus seinem +brechenden Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, +stieg sein blutiges, bleiches, zürnendes Bild wie eines +Rachegottes vor mir auf. Fiebernd zuckte mein Herz zusammen. +Und furchtbar sprach’s in mir: um dieser Blutthat +willen wird dein Reich zerfallen und dein Volk vergehn.« +</p> + +<p> +Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, +trotzig aufblickend: »König, was quälst du dich wie ein +Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen mit eigner Hand +und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht +von den Bergen in dies Land herabgestiegen in mehr als +dreißig Schlachten, im Blute watend knöcheltief? Was ist +dagegen das Blut des einen Mannes! Und denk’: wie es +stand. Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der +Auerstier dem Bären. Zweimal hatte er dich und dein +Volk hart an den Rand des Verderbens gedrängt. Hunger, +Schwert und Seuche rafften deine Goten dahin. Endlich, +endlich fiel das trotzige Ravenna; ausgehungert, durch +<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Füßen. Da +kömmt dir Warnung, er sinnt Verrat, er will noch einmal +den gräßlichen Kampf aufnehmen, er will zur Nacht desselben +Tages dich und die Deinen überfallen. Was solltest +du thun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so +konnte das nicht retten. Kühn kamst du ihm zuvor und +thatest ihm Abends, was er dir Nachts gethan hätte. Und +wie hast du deinen Sieg benützt! Die Eine That hat all’ +dein Volk gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung +erspart. Du hast all’ die Seinen begnadigt, hast Goten +und Welsche dreißig Jahre leben lassen wie im Himmelreich. +Und nun willst du um jene That dich quälen? +Zwei Völker danken sie dir in Ewigkeit. Ich – ich hätt’ +ihn siebenmal erschlagen.« +</p> + +<p> +Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein +zorniger Riese. Aber der König schüttelte das Haupt. +</p> + +<p> +»Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal +hab ich mir dasselbe gesagt, und verlockender, feiner als +deine Wildheit es vermag. Das hilft all’ nichts. Er +war ein Held, – der einzige meinesgleichen! – Und +ich hab ihn ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus +Argwohn, aus Eifersucht, ja – es muß gesagt sein, aus +Furcht, – aus Furcht, noch einmal mit ihm ringen zu +sollen. Das war und ist und bleibt ein Frevel. – Und +ich fand keine Ruhe hinter Ausreden. Düstre Schwermut +fiel auf mich. Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht +unaufhörlich. Beim Schmaus und im Rat, auf der Jagd, +in der Kirche, im Wachen und im Schlafen. Da schickte +mir Cassiodor die Bischöfe, die Priester. Sie konnten mir +nicht helfen. Sie hörten meine Beichte, sahen meine Reue, +meinen Glauben, und vergaben mir alle Sünden. Aber +Friede kam nicht über mich und ob <hi rend='gesperrt'>sie</hi> mir verziehen, – +<hi rend='gesperrt'>ich</hi> konnte mir nicht verzeihen. Ich weiß nicht, ist es der +<pb n='57'/><anchor id='Pg057'/>alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: – aber ich kann +mich nicht hinter dem Kreuz verstecken vor dem Schatten +des Ermordeten. Ich kann mich nicht gelöst glauben von +meiner blutigen That durch das Blut eines unschuldigen +Gottes, der am Kreuze gestorben.« – – +</p> + +<p> +Freude leuchtete über das Antlitz Hildebrands: »Du +weißt,« raunte er ihm zu, »ich habe niemals diesen Kreuzpriestern +glauben können. Sprich, o sprich, glaubst auch +du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?« +</p> + +<p> +Der König schüttelte lächelnd das Haupt: »Nein, du +alter, unverbesserlicher Heide. Dein Walhall ist nichts für +mich. Höre, wie mir geholfen ward. Ich schickte gestern +die Bischöfe fort und kehrte tief in mich selber ein. Und +dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward ruhiger. +Und sieh, in der Nacht kam über mich tiefer Schlummer, +wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr gekannt. Und +als ich erwachte, da schauerte kein Fieber der Qual mehr +in meinen Gliedern. Ruhig war ich und klar. Und dachte +dieses: »Ich habe es gethan und keine Gnade, kein Wunder +Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich. +Und wenn er der zornige Gott des Moses, so räche er +sich und strafe mit mir mein ganzes Haus bis ins siebente +Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache +des Herrn. Er mag <hi rend='gesperrt'>uns</hi> verderben: er ist gerecht. Aber +weil er gerecht ist, <hi rend='gesperrt'>kann</hi> er nicht strafen dieses edle Volk +der Goten um fremde Schuld. Er <hi rend='gesperrt'>kann</hi> es nicht verderben +um des Frevels seines Königs willen. Nein, das +wird er nicht. Und muß dies Volk einst untergehen, – +ich fühl’ es klar, dann ist es nicht um meine That. Für +diese weih’ ich mich und mein Haus der Rache des Herrn. +Und so kam Friede über mich und mutig mag ich sterben.« +</p> + +<p> +Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und +küßte die Rechte, welche Odovakar erschlagen hatte. – +</p> + +<pb n='58'/><anchor id='Pg058'/> + +<p> +»Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermächtnis, +mein Dank für ein ganzes Leben der Treue. – +Jetzt laß uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der +Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann +nicht in den Kissen sterben. Dort hangen meine Waffen. +Gieb sie mir! – Keine Widerrede –! Ich will. Und +ich kann.« +</p> + +<p> +Hildebrand mußte gehorchen: rüstig erhob sich mit seiner +Hilfe der Kranke von dem Lager, schlug einen weiten +Purpurmantel um die Schultern, gürtete sich mit dem +Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf +das Haupt und stützte sich auf den Schaft der schweren +Lanze, den Rücken gegen die breite dorische Mittelsäule +des Gemaches gelehnt. +</p> + +<p> +»So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und +wer sonst da draußen.« +</p> +</div><div n="7" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge +an der Thür zu beiden Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer +und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum +bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich +inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden +– näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem Schweigen +dem König. +</p> + +<p> +»Meine Tochter,« sprach dieser, »sind die Briefe aufgesetzt, +die meinen Tod und meines Enkels Thronfolge +nach Byzanz berichten sollen?« +</p> + +<p> +»Hier sind sie,« sprach Amalaswintha. +</p> + +<pb n='59'/><anchor id='Pg059'/> + +<p> +Der König durchflog die Papyrusrollen. +</p> + +<p> +»An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen +Justinianus. Freilich, der wird bald das Diadem tragen +und ist schon jetzt der Herr seines Herrn! Cassiodor hat +sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen. +Aber halt« – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich +– »eurem kaiserlichen Schutze meine Jugend empfehlend.« +Schutze? Das ist des Guten zu viel. Wehe, wenn ihr +auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. <hi rend='gesperrt'>Freundschaft</hi> +mich empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.« +Und er gab die Briefe zurück. »Und hier ein drittes +Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, die edle +Gattin Justinians? Wie! an die Tänzerin vom Cirkus? +Des Löwenwärters schamlose Tochter?« Und sein Auge +funkelte. »Sie ist von größtem Einfluß auf ihren Gemahl,« +wandte Cassiodor ein. – »Nein, meine Tochter +schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt +hat.« Und er zerriß die Papyrusrolle und schritt über +die Stücke zu den Goten im Mittelgrund der Halle. +»Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein nach +meinem Tod?« +</p> + +<p> +»Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.« +</p> + +<p> +»Kein Bessrer könnte das. Du hast noch immer nicht +den Wunsch gethan, den ich dir damals freigestellt nach +der Gepidenschlacht. Hast du noch immer nichts zu +wünschen?« +</p> + +<p> +»Doch, mein König.« +</p> + +<p> +»Endlich! Das freut mich, – sprich.« – »Heute soll +ein armer Kerkerwart, weil er sich weigerte, einen Angeklagten +zu foltern und nach dem Liktor schlug, selbst gefoltert +werden. Herr König, gieb den Mann frei: das +Foltern ist schändlich und –« +</p> + +<p> +»Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die +<pb n='60'/><anchor id='Pg060'/>Folter nicht mehr gebraucht im Reich der Goten. Sorg +dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis, gieb mir die Hand. +Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir +Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser +Scheidestunde. Und kommst du je auf seinen Rücken in +Gefahr, oder« – hier sprach er ganz leise zu ihm – +»will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins +Ohr. – Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun +war zu rauh. – Das fröhliche Volk dort muß durch +fröhliche Mienen gewonnen werden.« +</p> + +<p> +»Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen,« +sprach Cassiodor. +</p> + +<p> +»Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein +Götterliebling! Ihm können die Herzen nicht widerstehen. +Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!« Er seufzte und +fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats?« +»Cethegus Cäsarius,« sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, +»dieser edle Römer.« – »Cethegus? Ich kenne +ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.« Ungern erhob der +Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des +Königs rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das +Adlerauge, das seine Seele durchdrang, ruhig aus, mit +dem Aufgebot aller Kraft. »Es war krank, Cethegus, +daß ein Mann von deiner Art sich solang vom Staat +fern gehalten. Und von uns. Oder es war gefährlich. +Vielleicht ist es noch gefährlicher, daß du dich – jetzt – +dem Staat zuwendest.« – »Nicht mein Wunsch, o König.« +</p> + +<p> +»Ich bürge für ihn,« rief Cassiodor. – »Still, Freund! +Auf Erden mag keiner für den andern bürgen! – Kaum +für sich selbst! – Aber,« fuhr er forschenden Blickes fort, +»an die Griechlein wird dieser stolze Kopf – dieser Cäsarkopf +– Italien nicht verraten.« +</p> + +<p> +Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen +<pb n='61'/><anchor id='Pg061'/>mußte Cethegus tragen. Dann ergriff der König plötzlich +den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich geschlossenen +Mannes und flüsterte ihm zu: »Höre, was ich dir warnend +weissage. Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem +Thron des Abendlands. Still, kein Widerwort. Ich habe +dich gewarnt. – – Was lärmt da draußen?« fragte er, +rasch sich wendend, seine Tochter, die einem meldenden +Römer leisen Bescheid erteilte. »Nichts, mein König, nichts +von Bedeutung, mein Vater!« – »Wie? Geheimnisse vor +mir? Bei meiner Krone! Wollt ihr schon herrschen, so +lang ich noch atme? Ich vernahm den Laut fremder +Zungen da draußen. Auf die Thüren!« Die Pforte, +welche die äußere Halle mit dem Vorzimmer verband, +öffnete sich. +</p> + +<p> +Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern +kleine fremd aussehende Gestalten, in seltsamer Tracht, mit +Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz zulaufenden Mützen und +langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken hingen. +Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des +Königs, der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die +Fremden wie vom Blitz getroffen auf die Kniee. +</p> + +<p> +»Ah, Gesandte der Avaren. Das räuberische Grenzgesindel +an unsern Ostmarken! Habt ihr den schuldigen +Jahrestribut?« – »Herr, wir bringen ihn noch für diesmal +– Pelzwerk, – wollne Teppiche, – Schwerter, – +Schilde. – Da hangen sie, – dort liegen sie. Aber wir +hoffen, daß für nächstes Jahr – wir wollten sehn« – +»Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern nicht +altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und +meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern? +Ihr irrt, Späher!« Und er ergriff wie prüfend eines der +Schwerter, welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet, +samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff +<pb n='62'/><anchor id='Pg062'/>und Spitze: – ein Druck und in zwei Stücken warf er +ihnen das Eisen vor die Füße. »Schlechte Schwerter +führen die Avaren,« sagte er ruhig. »Und nun komm, +Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht +glauben, daß du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, +wie du meinen Speer führest.« +</p> + +<p> +Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes +zuckte über sein bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren +Speer seines Großvaters und schleuderte ihn mit solcher +Kraft auf einen der Schilde, welche die Gesandten an die +Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend durchbohrte +und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. +Stolz legte der König die Linke auf das Haupt seines +Enkels und rief den Gesandten zu: »Jetzt geht, daheim zu +melden was ihr hier gesehen.« +</p> + +<p> +Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die +staunenden Avaren aus. »Gebt mir einen Becher Wein. +– Leicht den letzten! Nein, ungemischten! Nach Germanen +Art!« – und er wies den griechischen Arzt zurück – +»Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. +Ich trinke der Goten Heil.« Er leerte langsam +den Pokal. Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch. +</p> + +<p> +Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was +die Ärzte lang erwartet: er wankte, griff an die Brust +und stürzte rücklings in die Arme Hildebrands, der langsam +niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten ließ, und +das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt. +</p> + +<p> +Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: +aber der König regte sich nicht und laut aufschreiend warf +sich Athalarich über die Leiche. +</p> + +</div></div><div n="2" type="buch" rend="page-break-before: right"> +<pb n='63'/><anchor id='Pg063'/> + <index index="toc" level1="Zweites Buch. Athalarich."/><index index="pdf" level1="Zweites Buch. Athalarich."/> +<head type="sub">Zweites Buch.</head> + +<head>Athalarich.</head> +<epigraph> +<lg> +<l rend='margin-left: 10'>»Wo wär’ die sel’ge Insel wohl zu finden?«</l> +<l rend='margin-left: 20'>Schiller, Wilhelm Tell.</l> + <l rend='margin-left: 20'>III. Aufzug. 2. Scene.</l> +</lg> +</epigraph> + +<pb n='64'/><anchor id='Pg064'/> + +<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right"> +<pb n='65'/><anchor id='Pg065'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Nicht ohne Grund fürchtete und hoffte Freund und +Feind in diesem Augenblick schwere Gefahren für das junge +Gotenreich. Noch waren es nicht vierzig Jahre, daß +Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem +Volk den Isonzo überschritten und dem tapfern Abenteurer +Odovakar, den ein Aufstand der germanischen Söldner auf +den Thron des Abendlands erhoben, Krone und Leben +entrissen hatte. Alle Weisheit und Größe des Königs +hatte nicht die Unsicherheit beseitigen können, die in der +Natur seiner mehr kühnen als besonnenen Schöpfung lag. +Trotz der Milde seiner Regierung fühlten die Italier – +und wir wollen uns hüten, solche Gesinnung zu verdammen +– aufs tiefste die Schmach der Fremdherrschaft. Und +diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt +verhaßt. Nach der Auffassung jener Zeit galten das weströmische +und das oströmische Reich als eine unteilbare +Einheit und, nachdem die Kaiserwürde im Occident erloschen, +erschien der oströmische Kaiser als der einzige rechtmäßige +Herr des Abendlands. Nach Byzanz also waren +die Augen aller römischen Patrioten, aller rechtgläubigen +Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz erhofften sie +Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen. +Und Byzanz hatte Macht und Neigung, diese +Hoffnung zu erfüllen. Waren auch die Unterthanen des +Imperators nicht mehr die Römer Cäsars oder Trajans: +<pb n='66'/><anchor id='Pg066'/>– noch gebot das Ostreich über eine sehr ansehnliche, den +Goten durch alle Mittel der Bildung und eines lang +bestehenden Staatswesens unendlich überlegene Macht. +</p> + +<p> +An der Lust aber, diese Überlegenheit zur Vernichtung +des Barbarenreiches zu gebrauchen, konnte es nicht fehlen, +da das Verhältnis beider Staaten von vornherein auf +Überlistung, Mißtrauen und geheimen Haß gegründet war. +Vor ihrem Abzug nach Italien hatte die Goten, in den +Donauländern angesiedelt, an Byzanz ein für beide Teile +unerfreuliches Bundesverhältnis geknüpft, das in Folge des +Ehrgeizes ihrer Könige, mehr noch der Treulosigkeit der +Kaiser, fast alle paar Jahre in offnen Krieg zwischen den +ungleichartigen Verbündeten umschlug: wiederholt hatte +Theoderich, obwohl in Zeiten der Aussöhnung mit den +höchsten Ehren des Reiches, mit den Titeln Konsul, Patricius, +Adoptivsohn des Kaisers ausgezeichnet, seine Waffen +bis vor die Thore der Kaiserstadt getragen. +</p> + +<p> +Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte +Kaiser Zeno, ein feiner Diplomat, das echt byzantinische +Auskunftsmittel getroffen, den lästigen Gotenkönig mit +seinem Volk dadurch aus der gefährlichen Nachbarschaft zu +entfernen, daß er ihm als ein Danaërgeschenk Italien übertrug, +das erst dem eisernen Arm des Helden Odovakar +entrissen werden mußte. +</p> + +<p> +In der That, wie immer der Kampf zwischen den +beiden deutschen Fürsten enden mochte: Byzanz mußte immer +gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die Goten und +ihr furchtbarer König, denen man schöne Provinzen und +schwere Jahrgelder hatte überlassen müssen, für immer beseitigt. +Siegte Theoderich, nun, so war ein Anmaßer, +den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte, gestürzt und +gestraft: und da Theoderich im Namen und Auftrag des +Kaisers siegen und als Statthalter herrschen sollte, durch +<pb n='67'/><anchor id='Pg067'/>eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem +Ostreich vereinigt. +</p> + +<p> +Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht +der erwünschte. Denn als Theoderich gesiegt und sein +Reich in Italien gegründet hatte, entfaltete sich alsbald +die ganze Großartigkeit seines Geistes und erwarb ihm +eine Stellung, in der, bei aller Höflichkeit in den Formen, +doch jede Abhängigkeit von Byzanz völlig verschwand. +</p> + +<p> +Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der +Italier zu schwächen, berief er sich formell auf jenen Auftrag +des Kaisers: in Wahrheit aber herrschte er auch über +die Italier wie über seine Goten nicht als Statthalter +und im Namen des Byzantiners, sondern kraft eignen +Rechts, kraft seines Sieges, als »König der Goten und +Italier«. Dies führte natürlich zu Mißhelligkeiten mit +dem Kaiser, die wiederholt in offnen Krieg zwischen den +beiden Reichen aufloderten. Es war also kein Zweifel, +daß man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens +nach Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen, +so wie man sich stark genug fühlte. Und die <anchor id="corr067"/><corr sic="Gothen">Goten</corr> hatten +keine Bundesgenossen gegen diese innern und äußern Feinde. +Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik +der Verschwägerung mit allen Germanenfürsten hatten ihm +doch nur eine Art moralischen Protektorats, keine sichre +Verstärkung seiner Macht verschaffen können. +</p> + +<p> +Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persönlichkeit +allzuverwegen und vertrausam mitten in das Herz der +römischen Bildungswelt gepflanzt hatte, der unmittelbare +Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskräften, +es fehlte der Nachschub an frischen germanischen Elementen, +der das gleichzeitig entstehende Reich der Franken immer +wieder verjüngt und wenigstens dessen nordöstliche Teile +vor der mit der Romanisierung verbundenen Fäulnis +<pb n='68'/><anchor id='Pg068'/>bewahrt hatte, während die kleine gotische Insel, auf allen +Seiten von den feindlichen Wellen des römischen Lebens +umspült und benagt, diesen gegenüber von Jahr zu Jahr +zusammenschmolz. +</p> + +<p> +So lange Theoderich, der gewaltige Schöpfer dieses +gewagten Werkes lebte, blendete der Glanz seines Namens +über die Gefahren und Blößen seiner Schöpfung. +</p> + +<p> +Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da +das Steuer dieses gefährdeten Schiffes in die Hand eines +Weibes oder eines kranken Jünglings übergehen sollte: +Aufstände der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall der +unterworfnen, Angriffe der feindlichen Barbarenstämme +waren zu besorgen. Wenn der gefährliche Augenblick gleichwohl +ruhig vorüberging, so war dies vor allem der unermüdlich +eifrigen und vorsorglichen Thätigkeit zu danken, die +Cassiodor, des Königs Freund und lang bewährter Minister, +schon seit Wochen entfaltet hatte und jetzt, nach dem Tode +Theoderichs, verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu erhalten, +ward sofort ein Manifest erlassen, das die Thronbesteigung +Athalarichs, unter Vormundschaft seiner Mutter, +als eine bereits vollendete und in aller Ruhe vollzogene +Thatsache Italien und den Provinzen verkündete. Sofort +auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet, +die den Huldigungseid der Bevölkerung entgegennehmen, +aber auch im Namen des jungen Königs eidlich geloben +sollten, daß die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten +der Italier und Provinzialen achten und in allen Stücken +die Milde, ja Vorliebe des großen Toten für seine römischen +Unterthanen zum Muster nehmen werde. +</p> + +<p> +Gleichzeitig wurde aber auch dafür gesorgt, daß eine +Furcht gebietende Entfaltung der gotischen Heeresmacht an +den Grenzen und in den wichtigsten oder unruhigsten +Städten des Reiches äußeren und inneren Gegnern die +<pb n='69'/><anchor id='Pg069'/>Lust zu Feindseligkeiten vertreibe, während mit dem Kaiserhof +das gute Vernehmen durch Gesandtschaften und Briefe +sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert wurde. +</p> +</div><div n="1" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Neben Cassiodor war es nun aber vor allen Ein Mann, +der in jenen Tagen des Übergangs eine bedeutende und, +wie es der Regentschaft schien, hochverdienstliche Rolle spielte. +</p> + +<p> +Das war kein andrer als Cethegus. +</p> + +<p> +Er hatte das wichtige Amt eines Stadtpräfekten von +Rom übernommen. Er war, sowie der König die Augen +geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und den Thoren +von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt +und dort vor aller Kunde des Geschehenen eingetroffen. +</p> + +<p> +Sofort, noch eh’ der Tag angebrochen, hatte er die +Senatoren in dem »Senatus«, d. h. dem geschaffenen Hallenbau +Domitians nahe dem Janus Geminus, rechtsab vom +Severusbogen, versammelt, darauf das Gebäude mit gotischen +Truppen umstellt, die überraschten Senatoren – von +denen er gar manchen erst neuerlich in den Katakomben +gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert +hatte – von dem bereits vollzognen Thronwechsel benachrichtigt +und, (nicht ohne einige auf die von dem Saal +aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft gelinde +hinweisende Worte,) mit einer keinen Widerspruch +duldenden Raschheit für Athalarich in Eid und Pflicht +genommen. +</p> + +<p> +Dann verließ er den »Senatus«, wo er die Väter +eingeschlossen hielt, bis er in dem flavischen Amphitheater, +<pb n='70'/><anchor id='Pg070'/>wohin er eine Volksversammlung der Römer berufen, +diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten +und die leicht beweglichen »Quiriten« durch eine +meisterhafte Rede für den jungen König begeistert hatte. +Er zählte die Wohlthaten Theoderichs auf, verhieß gleiche +Milde von dessen Enkel, der übrigens bereits von ganz +Italien, den Provinzen und den Vätern dieser Stadt anerkannt +sei, meldete eine allgemeine Speisung des römischen +Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt +Amalaswinthens an und schloß mit der Verkündung +siebentägiger Cirkusspiele, – Wettfahrten mit einundzwanzig +spanischen Viergespannen – mit welchen er selbst die +Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Präfektur +feiern werde. +</p> + +<p> +Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen +der Regentin und ihres Sohnes, aber noch lauter den +Namen Cethegus, das Volk verlief sich in heller Freude, +die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen +und die ewige Stadt war für die Goten erhalten. Der +Präfekt aber eilte nach seinem Hause am Fuß des Kapitols, +schloß sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die +Regentin. – +</p> + +<p> +Jedoch ungestüm pochte es alsbald an der ehernen +Vorthür des Hauses. Es war Lucius Licinius, der junge +Römer, den wir in den Katakomben kennen gelernt: er +schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, daß das +Haus dröhnte. Ihm folgten Scävola, der Jurist, – er +war unter den Eingesperrten gewesen – mit schwer gefurchter +Stirn und Silverius, der Priester, mit zweifelnder +Miene. +</p> + +<p> +Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Thüre durch eine +verborgne Luke in der Mauer und ließ, als er Licinius +erkannte, die Männer ein. Heftig stürmte der Jüngling +<pb n='71'/><anchor id='Pg071'/>den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch +das Vestibulum, das Atrium und dessen Säulengang in +das Studierzimmer des Cethegus. Dieser, als er die +hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich von dem +Lectus, auf den hingestreckt er schrieb, und verschloß seine +Briefe in einer Capsula mit silberner Kuppel. »Ah, die +Vaterlandsbefreier!« sagte er lächelnd und trat ihnen entgegen. +</p> + +<p> +»Schändlicher Verräter!« schrie ihn Licinius an, die +Hand am Schwert: – der Zorn ließ ihn nicht weiter +sprechen, er zückte halb das breite Eisen aus der Scheide. +</p> + +<p> +»Halt, erst laß ihn sich verteidigen, wenn er kann,« +keuchte, dem Stürmischen in den Arm fallend, Scävola, +der jetzt nachgekommen war. »Es ist unmöglich, daß er +abgefallen von der Sache der heiligen Kirche,« sprach Silverius +im Eintreten. +</p> + +<p> +»Unmöglich?« lachte Licinius, »wie? seid ihr toll oder +bin ich’s? Hat er nicht uns, die Ritter, in ihren Häusern +festhalten lassen? Hat er nicht die Thore gesperrt und +den Pöbel für den Barbaren vereidigt?« – »Hat er nicht,« +sprach Cethegus fortfahrend, »die edeln Väter der Stadt, +dreihundert an der Zahl, in der Kurie wie soviel Mäuse +in der Mausfalle gefangen, dreihundert hochadlige Mäuse?« +– »Er höhnt uns noch! Wollt ihr das dulden?« rief Licinius. +Und Scävola erbleichte vor Zorn. »Nun, und +was hättet ihr gethan, wenn man euch hätte handeln +lassen?« fragte der Präfekt ruhig, die Arme auf der breiten +Brust kreuzend. »Was wir gethan hätten?« antwortete Licinius, +»was wir – was du mit uns hundertmal verabredet! +Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, +hätten wir die Goten in der Stadt erschlagen, die Republik +ausgerufen und zwei Konsuln ernannt –« – »Namens +Licinius und Scävola, das ist die Hauptsache. Nun, und +<pb n='72'/><anchor id='Pg072'/>dann? was dann?« – »Was dann? die Freiheit hätte +gesiegt!« +</p> + +<p> +»Die Thorheit hätte gesiegt!« herrschte Cethegus losbrechend +den Erschrocknen an. »Wie gut, daß man euch +die Hände band: ihr hättet alle Hoffnung erwürgt, auf +immer. Seht her und dankt mir auf den Knien!« Er +nahm Urkunden aus einer andern Papyruskapsel und gab +sie den Erstaunten. »Da, lest. Der Feind war gewarnt +und hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms +geschürzt. Wenn ich nicht handelte, so stand in diesem +Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor dem +salarischen Thor im Norden, morgen sperrte der junge +Totila mit der Flotte von Neapel im Süden die Tibermündung, +und gegen das Grabmal Hadrians und das +aurelische Thor war Herzog Thulun mit zwanzigtausend +Mann von Westen her im Anzug. Hättet ihr heute früh +einem Goten ein Haar gekrümmt, was wäre geschehen?« +</p> + +<p> +Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen +beschämt. Doch faßte sich Licinius: »Wir hätten den +Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern,« sprach er, mutig +das schöne Haupt aufwerfend. – »Ja. So wie ich diese +Mauern herstellen werde – eine Ewigkeit, mein Licinius: +wie sie jetzt sind – nicht einen Tag.« – »So wären +wir gestorben als freie Bürger,« sprach Scävola. »Das +hättet ihr vor drei Stunden in der Kurie auch gekonnt,« +lachte Cethegus achselzuckend. Silverius trat mit offnen +Armen, wie um ihn zu küssen, auf ihn zu; vornehm entzog +sich Cethegus: »Du hast uns alle, du hast Kirche und +Vaterland gerettet! Ich habe nie an dir gezweifelt!« sprach +der Priester. Da ergriff Licinius die Hand des Präfekten, +die dieser ihm willig ließ: +</p> + +<p> +»Ich habe an dir gezweifelt,« rief er mit schöner Offenheit, +»vergieb, du großer Römer. Dies Schwert, das dich +<pb n='73'/><anchor id='Pg073'/>heute durchbohren sollte, dir ist es fortan für ewig zu +Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine +Konsuln, dann <hi rend='antiqua'>salve</hi>, Diktator Cethegus!« Und mit +leuchtenden Augen eilte er hinaus. Der Präfekt warf ihm +einen befriedigten Blick nach. »Diktator, ja, doch nur bis +zur vollen Sicherheit der Republik!« sprach der Jurist und +folgte ihm. »Jawohl,« lächelte Cethegus, »dann wecken +wir Camillus und Brutus wieder auf und führen die +Republik da fort, wo sie diese vor tausend Jahren gelassen. +Nicht wahr, Silverius?« – »Präfekt von Rom,« sprach +der Priester, »du weißt, ich hatte den Ehrgeiz, die Sache +des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab’ ihn +nicht mehr seit dieser Stunde. Dein sei die Führung, ich +folge. Gelobe nur das Eine: Freiheit der römischen Kirche +– freie Papstwahl.« – »Jawohl,« sagte Cethegus, »sowie +nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt.« – Der +Priester schied mit einem Lächeln auf den Lippen, aber +schwere Gedanken im Herzen. »Geht,« sagte Cethegus +nach einer Pause, den Dreien nachblickend, »ihr werdet +keinen Tyrannen stürzen: – ihr braucht einen Tyrannen!« +Dieser Tag, diese Stunde wurden entscheidend für Cethegus: +fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse +fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, zu +Zielen, die er sich bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, +oder doch nie als mehr denn Träume, die er sich +als Ziele eingestanden hatte. +</p> + +<p> +Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen +Herrn der Lage: er hatte die beiden großen Parteien der +Zeit, die Gotenregierung und ihre Feinde, die Verschwornen, +völlig in seiner Hand. Und in der Brust dieses gewaltigen +Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit +Jahrzehnten für gelähmt erachtet, plötzlich wieder in mächtigste +Thätigkeit gesetzt: der unbegrenzte Drang, ja das +<pb n='74'/><anchor id='Pg074'/>Bedürfnis, <hi rend='gesperrt'>zu herrschen</hi>, machte sich mit einem Male alle +Kräfte dieses reichen Lebens dienstbar und trieb sie an zu +heftiger Bewegung. +</p> + +<p> +Cornelius Cethegus Cäsarius war der Abkömmling +eines alten und unermeßlich reichen Geschlechts, dessen +Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und Staatsmann +Cäsars in den Bürgerkriegen gegründet: – man +sagte, er sei ein Sohn des großen Diktators gewesen. – +Unser Cethegus hatte von der Natur die vielseitigsten +Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch +seine gewaltigen Reichtümer die Mittel erhalten, jene aufs +großartigste zu entfalten, diese aufs großartigste zu befriedigen. +Er empfing die sorgfältigste Bildung, die damals +einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte. +</p> + +<p> +Er übte sich bei den ersten Lehrern in den schönen +Künsten. Er trieb zu Berytus, zu Alexandrien, zu Athen +in den besten Schulen mit glänzenden Erfolgen das Studium +des Rechts, der Geschichte, der Philosophie. +</p> + +<p> +Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fühlte den +Hauch des Verfalls in aller Kunst und Wissenschaft seiner +Zeit. Die Philosophie insbesondre vermochte nur die letzten +Reste des Glaubens in ihm zu zerstören, ohne ihm irgend +welche Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewähren. +Als er von seinen Studien zurückkam, führte ihn sein +Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst ein: +rasch stieg der glänzend Begabte von Amt zu Amt. +</p> + +<p> +Aber plötzlich sprang er aus. +</p> + +<p> +Nachdem er die Staatsgeschäfte zur Genüge kennen +gelernt, mochte er nicht länger ein Rad in der großen +Maschine des Reiches sein, das die Freiheit ausschloß und +obenein dem Barbarenkönig diente. Da starb sein Vater +und Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines +ungeheuern Vermögens geworden, mit der Gewalt, mit +<pb n='75'/><anchor id='Pg075'/>welcher er alles verfolgte, in die wildesten Strudel des +Lebens, des Genusses, der Lüste. Mit Rom war er bald +fertig: da machte er große Reisen nach Byzanz, nach +Ägypten, bis nach Indien drang er vor. Da war kein +Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genuß, den +er nicht schlürfte. Nur ein stählerner Körper konnte die +Anstrengungen, die Entbehrungen, die Abenteuer, die Ausschweifungen +dieser Fahrten ertragen. +</p> + +<p> +Nach zwölf Jahren kehrte er zurück nach Rom. +</p> + +<p> +Es hieß, er werde großartige Bauten aufführen; man +freute sich, das üppigste Leben in seinen Häusern und +Villen beginnen zu sehen, man täuschte sich sehr. +</p> + +<p> +Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fuß des +Kapitols, bequem und von feinstem Geschmack, und lebte +mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler. +</p> + +<p> +Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen +heraus, eine Charakterisierung der wenig bekannten Völker +und Länder, die er besucht. Das Buch hatte unerhörten +Erfolg; Cassiodor und Boëthius warben um seine Freundschaft, +der große König wollte ihn an seinen Hof ziehen. +Aber plötzlich war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, +das ihn in jenen Tagen betroffen haben mußte, +blieb allen Nachforschungen der Neugier, der Teilnahme, +der Schadenfreude verborgen. +</p> + +<p> +Man erzählte sich damals, arme Fischer hätten ihn +eines Morgens am Ufer des Tibers vor den Thoren der +Stadt, bewußtlos und dem Tode nah, gefunden. +</p> + +<p> +Wenige Wochen später tauchte er wieder an der Nordostgrenze +des Reiches in den unwirtlichen Donauländern +auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit Avaren und +Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender +Tapferkeit mit diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie +mit erlesenen, von ihm besoldeten Scharen freiwillig in alle +<pb n='76'/><anchor id='Pg076'/>Schlupfwinkel ihrer Felsen, schlief alle Nächte auf der gefrornen +Erde. Und als der gotische Feldherr ihm eine +kleine Schar zu einem Streifzug anvertraute, griff er statt +dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt der Feinde, und +eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit. +Nach dem Friedensschluß machte er abermals Reisen +nach Gallien und Spanien und Byzanz, kehrte von da nach +Rom zurück und lebte dort jahrelang in einer verbitterten +Muße und Zurückgezogenheit, alle kriegerischen, bürgerlichen, +wissenschaftlichen Ämter und Ehren ausschlagend, die ihm +Cassiodor aufdringen wollte. Er schien für nichts mehr +Interesse zu haben, als für seine Studien. +</p> + +<p> +Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach +Gallien einen schönen Jüngling oder Knaben mit, welchem +er Rom und Italien zeigte und väterliche Liebe und Sorgfalt +erwies. Es hieß, er wolle ihn adoptieren: solange +dieser sein junger Gast um ihn war, trat er aus seiner +Einsamkeit heraus, lud die adlige Jugend Roms zu glänzenden +Festen in seine Villen und war bei den Gegeneinladungen, +die er alle annahm, der liebenswürdigste Gesellschafter. +Aber sowie er den jungen Julius Montanus +mit einem stattlichen Gefolge von Pädagogen, Freigelassenen +und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen +entsendet hatte, brach er plötzlich wieder alle Verbindungen +ab und zog sich in seine undurchdringliche Abgeschlossenheit +zurück, grollend wie es schien mit Gott und der ganzen +Welt. Mit schwerer Mühe gelang es dem Priester Silverius +und Rusticianen, ihn aus seiner ablehnenden Ruhe +heraus und zur Teilnahme an der Katakombenverschwörung +fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot aus +eitel Langweile. Und in der That, bis zu dem Tod des +Königs hatte er das Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner +und des Diakons Hand lag, fast mit Abneigung betrieben. +</p> + +<pb n='77'/><anchor id='Pg077'/> + +<p> +Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, +der Drang in allen möglichen Gebieten des Geistes sich zu +versuchen, die Schwierigkeiten zu überwinden, alle Nebenbuhler +zu überflügeln, in jedem Lebenskreise, den er betrat, +zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er +den Siegeskranz genommen, ihn gleichgültig wegzuwerfen +und nach neuen Aufgaben auszuschauen, hatte ihn bisher +bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen. Kunst, +Wissenschaft, Genuß, Amtsehre, Kriegsruhm: – alles hatte +ihn gereizt, alles hatte er wie kein andrer gewonnen und +alles hatte ihn leer gelassen. Herrschen, der erste sein, +über widerstrebende Verhältnisse mit allen Mitteln überlegner +Kraft und Klugheit siegen und dann über knirschende +Menschen ein ehernes Regiment führen, das allein hatte +er unbewußt und bewußt von jeher erstrebt: nur darin +fühlte er sich wohl. +</p> + +<p> +In stolzen, vollen Atemzügen hob sich darum in dieser +Stunde seine Brust: er, der Eisigkalte, erglühte in dem +Gedanken, daß er über die beiden großen feindlichen +Mächte der Zeit, Goten und Römer, heute mit einem Zucken +seiner Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefühl der +Herrschaft stieg ihm mit dämonischer Gewalt die Überzeugung +empor, daß es für ihn und seinen Ehrgeiz nur +noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mühe des Lebens +wert machen könne, nur noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, +jedem andern unerreichbares: – er glaubte gern an +seine Abkunft von Julius Cäsar und er fühlte das Blut +Cäsars aufwallen in seinen Adern bei dem Gedanken: – +Cäsar, Imperator des Abendlands, Kaiser der römischen +Welt! – – – – +</p> + +<p> +Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine +Seele durchzuckt hatte, – kein Gedanke, – kein Wunsch, +– nur ein Schatte, ein Traum, – erschrak er und +<pb n='78'/><anchor id='Pg078'/>lächelte zugleich über seine unermeßliche Kühnheit. Er +Kaiser und Wiederaufrichter des römischen Weltreichs! Und +Italien bebte unter dem Schritt von dreimalhunderttausend +gotischen Kriegern! Und der größte aller Barbarenkönige, +dessen Ruhm die Erde erfüllte, saß gewaltig herrschend zu +Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, +so streckten die Franken über die Alpen, die Byzantiner +übers Meer die gierigen Hände nach der italienischen +Beute, zwei große Reiche gegen ihn, den einzelnen Mann! – +</p> + +<p> +Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie +genau kannte, wie bitter verachtete er seine Landsleute, +die unwürdigen Enkel großer Ahnen! Wie lachte er der +Schwärmerei eines Licinius oder Scävola, die mit diesen +Römern die Tage der Republik erneuern wollten! +</p> + +<p> +Er stand allein. +</p> + +<p> +Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und +gerade in diesem Augenblick, da ihn die Verschworenen +verlassen hatten, da seine Überlegenheit gewaltiger als je +ihnen und ihm selbst klar geworden war, gerade jetzt schoß +in seiner Brust was früher ein schmeichelnd Spiel seiner +träumenden Stunden gewesen mit Blitzesschnelle zum klaren +Gedanken, zum festen Entschluß empor. +</p> + +<p> +Die Arme über der mächtigen Brust gekreuzt, mit starken +Schritten, wie ein Löwe seinen Käfig, das Gemach +durchmessend, sprach er in abgerissenen Sätzen zu sich selbst: +</p> + +<p> +»Mit einem tüchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, +Griechen und Franken nicht hereinlassen: – das +wäre nicht schwer, das könnte ein andrer auch. Aber +allein, ganz allein, von diesen Männern ohne Mark und +Willen mehr gehemmt als getragen, das Ungeheure +vollenden, und diese Memmen erst wieder zu Helden, diese +Sklaven zu Römern, diese Knechte der Pfaffen und Barbaren +wieder zu Herren der Erde machen: – das, das ist +<pb n='79'/><anchor id='Pg079'/>der Mühe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit, eine +neue Welt schaffen, allein, ein einziger Mann, mit der +Kraft seines Willens und der Macht seines Geistes: – +das hat noch kein Sterblicher vollbracht: – das ist größer +als Cäsar: er führte Legionen von Helden! Und doch, es +kann gethan werden, denn es kann gedacht werden. Und +ich, der’s denken konnte, ich kann’s auch thun. Ja, Cethegus, +das ist ein Ziel, dafür verlohnt sich’s zu denken, +zu leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun +an: – keinen Gedanken mehr und kein Gefühl als für +dies Eine.« +</p> + +<p> +Er stand still vor der Kolossalstatue Cäsars aus weißem +parischem Marmor, die, das Meisterwerk des Arkesilaos +und der edelste Schmuck, ja nach der Familientradition +von Julius Cäsar selbst dem Sohne geschenkt, das Heiligtum +dieses Hauses, gegenüber dem Schreibdivan stand: +</p> + +<p> +»Hör’ es, göttlicher Julius, großer Ahnherr, es lüstet +deinen Enkel, mit dir zu ringen: es giebt noch ein Höheres +als du erreicht: schon fliegen nach einem höheren Ziel als +du, ist unsterblich und fallen, fallen aus solcher Höhe: – +das ist der herrlichste Tod. Heil mir, daß ich wieder +weiß, warum ich lebe.« +</p> + +<p> +Er schritt an der Bildsäule vorbei und warf einen +Blick auf die auf dem Tisch aufgerollte Militärkarte des +römischen Weltreichs: +</p> + +<p> +»Erst diese Barbaren zertreten –: Rom! – Dann +den Norden wieder unterwerfen –: Paris! – Dann zum +alten Gehorsam unter die alte Cäsarenstadt das abtrünnige +Ostreich zurückheischen –: Byzanz! Und weiter, immer +weiter: an den Tigris, an den Indus, weiter als Alexandros +– und zurück nach Westen, durch Skythien und +Germanien, an den Tiber – die Bahn, welche dir, Cäsar, +der Dolch des Brutus durchgeschnitten. – Und so +<pb n='80'/><anchor id='Pg080'/>größer als du, größer als Alexander – o halt, Gedanke, +halt ein!« +</p> + +<p> +Und der eisige Cethegus loderte und glühte; mächtig +pochten seine Adern an den Schläfen: er drückte die brennende +Stirn an die kalte Marmorbrust Julius Cäsars, +der majestätisch auf ihn niederschaute. +</p> +</div><div n="3" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +Aber nicht nur für Cethegus wurde dieser Tag von +entscheidender Bedeutung, auch für die Verschwörung in +den Katakomben, für Italien und das Reich der Goten. +</p> + +<p> +Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren +Häuptern, die über die Mittel, ja sogar über die Zwecke +ihrer Pläne nicht immer einig waren, bisher nur langsame +und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies anders von +dem Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser +Partei, da Cethegus die Führung in die kräftige Hand nahm. +</p> + +<p> +Unbedingt hatten sich die bisherigen Häupter des Bundes, +– sogar, wie es schien, Silverius – dem Präfekten untergeordnet, +der seine Überlegenheit so mächtig bewährt und +das Leben ihrer Sache gerettet hatte. +</p> + +<p> +Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten +wahrhaft gefährlich. +</p> + +<p> +Unermüdlich war Cethegus beschäftigt, die Macht und +Sicherheit ihres Reiches auf allen Seiten zu untergraben: +mit seiner großen Kunst, die Menschen zu durchschauen, zu +gewinnen und zu beherrschen wußte er die Zahl bedeutender +Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu +vermehren. +</p> + +<pb n='81'/><anchor id='Pg081'/> + +<p> +Aber er wußte auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden +Verdacht der gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits +jede unzeitige Erhebung der Verschwornen zu verhindern. +Denn ein Leichtes wär’ es freilich gewesen, plötzlich an +Einem Tage in allen Städten der Halbinsel die Barbaren +zu überfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner, +die längst hierauf lauerten, zur Vollendung des Sieges +ins Land zu rufen. Aber damit hätte der Präfekt seine +geheimen Pläne nicht hinausgeführt. Er hätte nur an die +Stelle der gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei +gesetzt. +</p> + +<p> +Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel. +</p> + +<p> +Um dies zu erreichen, mußte er sich zuvor in Italien +eine Machtstellung schaffen, wie sie kein andrer besaß. +</p> + +<p> +Er mußte, wenn auch nur im stillen, der mächtigste +Mann im Lande sein, ehe der Fuß eines Byzantiners es +betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge mußten soweit +vorbereitet sein, daß die Barbaren von Italien, das hieß +von Cethegus, allein, mit möglichst geringer Nachhilfe von +Byzanz, vertrieben würden, so daß nach dem Siege der Kaiser +gar nicht umhin konnte, die Herrschaft über das befreite +Land seinem Befreier, wenn auch zunächst nur als Statthalter, +zu überlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anlaß +gewonnen, den Nationalstolz der Römer gegen die Herrschaft +der »Griechlein«, wie man die Byzantiner verächtlich +nannte, aufzureizen. +</p> + +<p> +Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen +des großen Konstantin, der Glanz der Weltherrschaft von +der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen Stadt am +Hellespont verlegt und das Scepter von den Söhnen des +Romulus auf die Griechen übergegangen schien, obwohl das +Ost- und das Westreich zusammen der Barbarenwelt gegenüber +Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten, so +<pb n='82'/><anchor id='Pg082'/>waren doch auch jetzt noch die Griechen den Römern verhaßt +und verächtlich, wie in den Tagen, da Flaminius +das gedemütigte Hellas für eine Freigelassene Roms erklärt +hatte: der alte Haß war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb +war der Mann der Begeisterung und der Hilfe ganz +Italiens gewiß, der nach Vertreibung der Barbaren auch +die Byzantiner aus dem Lande weisen würde: die Krone +von Rom, die Krone des Abendlands war sein sichrer +Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte Nationalgefühl +wieder zum Angriffskrieg über die Alpen zu treiben, +wenn Cethegus auf den Trümmern des Frankenreichs zu +Aurelianum und Paris die Herrschaft des römischen Imperators +über das Abendland wieder aufgerichtet hatte, +dann war der Versuch nicht mehr zu kühn, auch das losgerissene +Ostreich zurückzuzwingen zum Gehorsam unter das +ewige Rom und die Weltherrschaft am Strand des Tibers +da fortzuführen, wo sie Trajan und Hadrian gelassen. – +</p> + +<p> +Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, +mußte jeder nächste Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad +mit größter Vorsicht geschehen: jedes Straucheln mußte für +immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als Kaiser +zu beherrschen, mußte Cethegus vor allem Rom haben: denn +nur an Rom ließen sich jene Gedanken knüpfen. Deshalb +wandte der neue Präfekt höchste Sorgfalt auf die ihm anvertraute +Stadt: Rom sollte ihm moralisch und physisch +eine Burg der Herrschaft werden, ihm allein gehörig und +unentreißbar. Sein Amt bot ihm dazu die beste Gelegenheit: +es war ja die Pflicht des Präfectus Urbi, für das +Wohl der Bevölkerung, für Erhaltung und Sicherheit der +Stadt zu sorgen. Cethegus verstand es meisterhaft, die +Rechte, die in dieser Pflicht lagen, für seine Zwecke auszubeuten: +leicht hatte er alle Stände für sich gewonnen: +der Adel ehrte in ihm das Haupt der +Katakombenverschwö<pb n='83'/><anchor id='Pg083'/>rung, über die Geistlichkeit herrschte er durch Silverius, +der die rechte Hand und der von der öffentlichen Stimme +bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem +Präfekten eine diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den +Tag legte. Das niedre Volk aber fesselte er an seine Person +nicht nur durch vorübergehende Brotspenden und Cirkusspiele +aus seiner Tasche, sondern durch großartige Unternehmungen, +die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit +und Unterhalt – auf Kosten der gotischen Regierung – +verschafften. +</p> + +<p> +Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen +Roms, die seit den Tagen des Honorius durch +die Zeit und durch den Eigennutz römischer Bauherren vielmehr +als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten +hatten, vollständig und rasch wieder herzustellen, »zur +Ehre der ewigen Stadt und, – wie sie wähnte, – zum +Schutz gegen die Byzantiner«. +</p> + +<p> +Cethegus selbst hatte – und zwar, wie die alsbald +folgenden vergeblichen Belagerungen durch Goten und +Byzantiner bewiesen, mit genialem Feldherrnblick, – den +Plan der großartigen Werke entworfen. Und er betrieb +nun mit größtem Eifer das Riesenwerk, die ungeheure +Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu +einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die Tausende +von Arbeitern, die wohl wußten, wem sie diese reich +bezahlte Beschäftigung verdankten, jubelten dem Präfekten +zu, wenn er auf den Schanzen sich zeigte, prüfte, antrieb, +besserte und wohl selbst mit Hand anlegte. Und die getäuschte +Fürstin wies eine Million Solidi nach der andern +an für einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht +ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte. +</p> + +<p> +Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das +heute unter dem Namen der Engelsburg bekannte +Grab<pb n='84'/><anchor id='Pg084'/>mal Hadrians. Dies Prachtgebäude, von Hadrian aus +parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel +zusammengefügt waren, aufgeführt, lag damals einen +Steinwurf vor dem aurelischen Thor, dessen Mauerseiten +es weit überragte. Mit scharfem Auge hatte Cethegus +erkannt, daß das unvergleichlich feste Gebäude, in seiner +bisherigen Lage ein Festungswerk <hi rend='gesperrt'>gegen</hi> die Stadt, sich +durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk <hi rend='gesperrt'>für</hi> die +Stadt verwandeln ließ: er führte vom aurelischen Thor +zwei Mauern gegen und um das Grabmal. Und nun +bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze +für das aurelische Thor, um so mehr als der Tiber knapp +davor einen natürlichen Festungsgraben zog. Oben auf +der Mauer des Mausoleums aber standen, zum Teil noch +von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen +dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor, Bronze +und Erz: darunter der Divus Hadrianus selbst, sein schöner +Liebling Antinous, ein Zeus Soter, die Pallas »Städtebeschirmerin«, +ein schlafender Faun und viele andere. +</p> + +<p> +Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese +Stätte, wo er allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom +mit dem Blick beherrschend und den Fortschritt der Schanzarbeiten +prüfend: und er hatte deshalb eine reiche Zahl +von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch +aufstellen lassen. +</p> + +</div><div n="4" type="kapitel"> +<pb n='85'/><anchor id='Pg085'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer +zweiten, für seine Ziele nicht minder unerläßlichen Vorbereitung +sein. Um selbständig in Rom, in <hi rend='gesperrt'>seinem</hi> Rom, +wie er es, als Stadtpräfekt, zu nennen liebte, den Goten +und nötigenfalls den Griechen trotzen zu können, bedurfte +er nicht bloß der Wälle, sondern auch der Verteidiger auf +denselben. Er dachte zunächst an Söldner, an eine Leibwache, +wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte, Staatsmänner +und Feldherren häufig gehalten hatten, wie sie jetzt Belisar +und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun gelang +es ihm zwar, durch früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte +Verbindungen und bei seinen reichen Schätzen +tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker, die in +jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts +spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen +hatte dies Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken. +</p> + +<p> +Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine für +andre Zwecke unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen, doch +immer nur verhältnismäßig kleine Massen aufbringen, den +Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und ferner war es +unmöglich, diese Söldner, ohne den Verdacht der Goten +zu wecken, in größerer Anzahl nach Italien, nach Rom +zu bringen. Einzeln, paarweise, in kleinen Gruppen +schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als +seine Sklaven, Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in seine +durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte +sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von +Ostia oder als Arbeiter in Rom. +</p> + +<p> +Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und +<pb n='86'/><anchor id='Pg086'/>beschützen und all seine ferneren Pläne drängten ihn, seine +Landsleute wieder an die Waffen zu gewöhnen. +</p> + +<p> +Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier +von dem Heer ausgeschlossen – nur Ausnahmen bei einzelnen +als besonders zuverlässig Erachteten wurden gemacht +– und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments +während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner +Entwaffnung der Römer erlassen. +</p> + +<p> +Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden: +aber Cethegus konnte doch nicht hoffen, die Regentin werde +ihm erlauben, gegen den entschiednen Willen ihres großen +Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine +irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden. +</p> + +<p> +Er begnügte sich, ihr vorzustellen, daß sie durch ein +ganz unschädliches Zugeständnis sich das Verdienst erwirken +könne, jene gehässige Maßregel Theoderichs in edlem Vertrauen +aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm zu +gestatten, nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft +als Schutzwache Roms rüsten, einüben und immer +unter den Waffen gegenwärtig halten zu dürfen: die Römer +würden ihr schon für diesen Schein, daß die ewige Stadt +nicht von Barbaren allein gehütet werde, unendlich dankbar +sein. Amalaswintha, begeistert für Rom und nach +der Liebe der Römer als ihrem schönsten Ziele trachtend, +gab ihre Einwilligung und Cethegus fing an seine »Landwehr«, +wie wir sagen würden, zu bilden. Er rief in einer +wie Trompetenschall klingenden Proklamation »die Söhne +der Scipionen zu den alten Waffen zurück,« er bestellte +die jungen Adligen der Katakomben zu »römischen Rittern« +und »Kriegstribunen«: er verhieß jedem Römer, der sich +freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von +der Fürstin bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, +die sich daraus herbeidrängten die Tauglichsten aus; +<pb n='87'/><anchor id='Pg087'/>er rüstete die Ärmeren aus, schenkte denen, die sich besonders +auszeichneten im Dienst, gallische Helme und spanische +Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und – +was das Wichtigste – er entließ regelmäßig sobald als +möglich die hinlänglich Eingeübten mit Belassung ihrer +Waffen und hob neue Mannschaften aus, so daß, obwohl +in jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete +Zahl im Dienst stand, doch in kurzer Frist viele Tausende +bewaffnete und waffengeübte Römer zur Verfügung ihres +vergötterten Führers standen. +</p> + +<p> +Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz +baute und seine künftigen Prätorianer heranbildete, vertröstete +er den Eifer seiner Mitverschwornen, die unablässig +zum Losschlagen drängten, auf den Zeitpunkt der +Vollendung jener Vorbereitungen, den er natürlich allein +bestimmen konnte. Zugleich unterhielt er eifrigen Verkehr +mit Byzanz. Dort mußte er sich einer Hilfe versichern, +die einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem +Kampfplatz erscheinen könnte, die aber andrerseits auch nicht, +ehe er sie rief, auf eigne Faust oder mit einer Stärke +erschiene, die nicht leicht wieder zu entfernen wäre. +</p> + +<p> +Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der +aber kein großer Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, +stark genug, die Italier zu unterstützen, nicht stark genug, +ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im Lande bleiben +zu können. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser +Hinsicht vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr +gegen den Wunsch des Präfekten sich gestaltete. Daneben +war gegenüber den Goten, die zur Zeit noch unangefochten +im Besitz der Beute standen, um die Cethegus bereits im +Geiste mit dem Kaiser haderte, sein Streben dahin gerichtet, +sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in Parteiungen zu spalten +und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten. +</p> + +<pb n='88'/><anchor id='Pg088'/> + +<p> +Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen +verachteten in barbarischem Hochmut alle offenen und +geheimen Feinde: wir haben gesehen, wie schwer selbst der +sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jünglings wie Totila +von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war: und die +trotzige Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich +die allgemeine Stimmung der Goten aus. Auch an Parteiungen +fehlte es nicht in diesem Volk. +</p> + +<p> +Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten +mit ihren weitverzweigten <anchor id="corr088"/><corr sic="Sippen">Sippen,</corr> an ihrer Spitze die +drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza: die reichbegüterten +Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis von +Tuscien und Graf Arahad von Asta: und andre mehr, +die alle den Amalern an Glanz der Ahnen wenig nachgaben +und eifersüchtig ihre Stellung dicht neben dem +Throne bewachten. +</p> + +<p> +Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, +die Herrschaft eines Knaben nur mit Unwillen trugen, die +gern, nach dem alten Recht des Volkes, das Königshaus +umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf +den Schild erhoben hätten. Andrerseits zählten auch die +Amaler blind ergebene Anhänger, die solche Gesinnung als +Treubruch verabscheuten. Endlich teilte sich das ganze +Volk in eine rauhere Partei, die, längst unzufrieden mit +der Milde, die Theoderich und seine Tochter den Welschen +bewiesen, gern nunmehr nachgeholt hätten, was, wie sie +meinten, bei der Eroberung des Landes versäumt worden, +und die Italier für ihren heimlichen Haß mit offener Gewalt +zu strafen begehrten. Viel kleiner natürlich war die +Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich +selbst, empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen, +sich und ihr Volk zu dieser emporzuheben strebten. +Das Haupt dieser Partei war die Königin. +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pg089'/> + +<p> +Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht +zu erhalten; denn sie, diese weibliche, schwache, geteilte +Herrschaft, verhieß, die Kraft des Volkes zu lähmen, die +Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. Ihre +Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls +aus. Er bebte vor dem Gedanken, einen gewaltigen +Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen zu +sehen. +</p> + +<p> +Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit, +die sich in diesem Weibe zeigten, mehr noch die feurigen +Funken verhaltener Glut, die zu Zeiten aus Athalarichs +tiefer Seele aufsprühten, ernstlich besorgt. Sollten Mutter +und Sohn solche Spuren öfter verraten, dann freilich +mußte er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre +Regierung gehalten hatte. Einstweilen aber freute er sich +noch der unbedingten Herrschaft, die er über die Seele +Amalaswinthens gewonnen. Dies war ihm bald gelungen. +Nicht nur, weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu +gelehrten Gesprächen ausbeutete, in welchen er von dem, +wie es schien, ihm überall überlegenen Wissen der Fürstin +so häufig überwunden wurde, daß Cassiodor, der oft Zeuge +ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu bedauern, +wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter +Übung etwas eingerostet sei. +</p> + +<p> +Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib +noch viel tiefer getroffen. Ihrem großen Vater war kein +Sohn, war nur diese Tochter beschieden: der Wunsch nach +einem männlichen Erben seiner schweren Krone war oft +aus des Königs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren +Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen. Es empörte das +hochbegabte Mädchen, daß man es lediglich um ihres +Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem möglichen +Bruder, der, wie selbstverständlich, der Herrschaft würdiger +<pb n='90'/><anchor id='Pg090'/>und fähiger sein würde. So weinte sie als Kind oft bittere +Thränen, daß sie kein Knabe war. +</p> + +<p> +Als sie herangewachsen, hörte sie natürlich nur noch +von ihrem Vater jenen kränkenden Wunsch: jeder andre +Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, den +männlichen Geist, den männlichen Mut der glänzenden +Fürstin. Und das waren nicht Schmeicheleien: Amalaswintha +war in der That in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches +Geschöpf: die Kraft ihres Denkens und ihres +Wollens, aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit +überschritten weit die Schranken, in welchen sich holde +Weiblichkeit bewegt. Das Bewußtsein, daß mit ihrer Hand +zugleich die höchste Stellung im Reich, vielleicht die Krone +selbst, würde vergeben werden, machte sie eben auch nicht +bescheidener: und ihre tiefste, mächtigste Empfindung war +jetzt nicht mehr der Wunsch, Mann zu sein, sondern die +Überzeugung, daß sie, das Weib, allen Aufgaben des Lebens +und des Regierens so gut wie der begabteste Mann, besser +als die meisten Männer, gewachsen, daß sie berufen sei, +das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit +ihres Geschlechts glänzend zu widerlegen. +</p> + +<p> +Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem +Amaler aus andrer Linie, einem Mann von hohen Anlagen +des Geistes und reichem Gemüt, war kurz –: Eutharich +erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden – +und wenig glücklich. Nur mit Widerstreben hatte sie sich +ihrem Gatten gebeugt. Als Witwe atmete sie stolz auf. +Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als Vormünderin ihres +Knaben, als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewähren: +sie wollte so regieren, daß die stolzesten Männer ihre Überlegenheit +sollten einräumen müssen. Wir haben gesehen, +wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den +Tod ihres großen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen. +</p> + +<pb n='91'/><anchor id='Pg091'/> + +<p> +Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer, mit +unermüdlicher Thätigkeit. Sie wollte alles selbst, alles +allein thun. +</p> + +<p> +Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, +der ihrem Geist nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt. +Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie dulden. +</p> + +<p> +Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit. Und +nur Einem ihrer Beamten lieh sie gern und häufig das +Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut die männliche Selbständigkeit +ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe still +zu bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, +gar nie wagen zu können schien: sie traute nur Cethegus. +Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz, alle Gedanken +und Pläne der Königin mit eifriger Sorge durchzuführen. +Nie trat er, wie Cassiodor oder gar die Häupter der +gotischen Partei, ihren Lieblingsbestrebungen entgegen; er +unterstützte sie darin: er half ihr, sich mit Römern und +Griechen umgeben, den jungen König möglichst von der +Teilnahme am Regiment ausschließen, die alten gotischen +Freunde ihres Vaters, die, im Bewußtsein ihrer Verdienste +und nach alter Gewohnheit, sich manches freie und derbe +Wort des Tadels erlaubten, als rohe Barbaren allmählich +vom Hof entfernen, die Gelder, die für Kriegsschiffe, Rosse, +Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren, für Wissenschaften +und Künste oder auch für die Verschönerung, Erhaltung +und Sicherung Roms verwenden: – kurz, er war +ihr behilflich in allem, was sie ihrem Volk entfremden, +ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos machen +konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wußte er +seine Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden, daß +sich diese für die Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem +Vollzug seiner geheimsten Wünsche als <hi rend='gesperrt'>ihrer</hi> Aufträge +befehligte. +</p> + +</div><div n="5" type="kapitel"> +<pb n='92'/><anchor id='Pg092'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einfluß zu +gewinnen und zu pflegen, häufigeren Aufenthalts am Hof, +längerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen Interessen +vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die Nähe der +Königin Persönlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mühe +zum Teil ersparen könnten, die ihn immer gut unterrichten +und warm vertreten sollten. Die Frauen von mehreren +gotischen Edeln, welche grollend Ravenna verließen, mußten +in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und +Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei dieser Gelegenheit +Rusticiana, die Tochter des Symmachus, die Witwe +des Boëthius an den Hof zu bringen. Die Aufgabe war +nicht leicht. Denn die Familie dieser als Hochverräter +hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt +verbannt. Vor allem mußte daher die Königin umgestimmt +werden für sie. +</p> + +<p> +Dies freilich gelang alsbald, indem die Großmut der +edeln Frau gegen das so tief gefallne Haus wachgerufen +wurde. Dazu kam, daß sie an die niemals vollbewiesene +Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte +glauben mögen, deren einen, den Gatten Rusticianas, sie +als großen Gelehrten und in manchen Gebieten als ihren +Lehrer verehrte. Endlich wußte Cethegus zu betonen, wie +gerade diese That, sei es der Gerechtigkeit, sei es der Gnade, +die Herzen all’ ihrer römischen Unterthanen rühren müsse. +So war die Regentin leicht gewonnen, Gnade zu erteilen. +Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe +des Verurteilten bewogen, diese Gnade anzunehmen. Denn +Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre +ganze Seele und Cethegus mußte sogar fürchten, ihr +unbe<pb n='93'/><anchor id='Pg093'/>herrschbarer Haß könnte sich in der steten Nähe der »Tyrannen« +leicht verraten. Wiederholt hatte Rusticiana trotz +all’ seiner sonst so großen Gewalt über sie dieses Ansinnen +zurückgewiesen. +</p> + +<p> +Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende +Entdeckung, die zur Erfüllung der Wünsche des Präfekten +führen sollte. +</p> + +<p> +Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter, +Kamilla. Aus ihrem echt römischen Gesicht mit den edeln +Schläfen und den schön geschnittenen Lippen leuchteten +dunkle schwärmerische Augen: der eben erst vollendete Wuchs +zeigte feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und +fein wie einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser +schlanken Glieder. Eine reiche Seele mit schwungvoller +Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen. Mit aller Inbrunst +kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen +Vater geliebt: der Streich, der sein teures Haupt getroffen, +hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen; +ungestillte Trauer, heilige Wehmut, mit der sich +die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für +Italien mischte, erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen +Entfaltens. +</p> + +<p> +Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast +am Königshof war sie nach dem Schicksalsschlag mit ihrer +Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen, wo ein alter +Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte +bot, während Anicius und Severinus, Kamillas +Brüder, anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt, +dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt, +aus dem Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des +Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten +in Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der +Sturm der Verfolgung verzogen, nach Italien zurückgekehrt +<pb n='94'/><anchor id='Pg094'/>und lebten ihrem stillen Gram im Häuschen eines treuen +Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich Rusticiana, +wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom +wohl zu finden wußte. +</p> + +<p> +Der Sommer war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme +Römer noch immer, wie zur Zeit des Horatius +und Tibullus, die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und +in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der +Meeresküste sich zu verstecken pflegten. Mit Beschwerde +trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub +in den heißen Straßen des engen Perusia, mit Seufzen +der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis gedenkend, +die sie, wie all’ ihr Vermögen, an den gotischen +Fiskus verloren. +</p> + +<p> +Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam +verlegenem Gesicht vor Rusticiana. Er habe längst bemerkt, +wie die »Patrona« unter seinem unwürdigen Dach +zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine +Hantierung – er war seines Zeichens Steinmetz – zu +erdulden gehabt und so habe er denn an den letzten Calenden +ein kleines, freilich nur ein ganz kleines, Gütchen +mit einem noch kleineren Häuschen gekauft, droben im +Gebirge bei Tifernum. Freilich, an die Villa bei Florentia +dürften sie dabei nicht denken: aber es riesele doch auch +dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell, +Eichen und Kornellen gäben breiten Schatten, um +den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Epheu und +im Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen +lassen, wie sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie +denn Maultier und Sänfte besteigen und wie andre Edelfrauen +ihre Villa beziehen. +</p> + +<p> +Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerührt, +nahmen dankbar seine Güte an und Kamilla, die sich in +<pb n='95'/><anchor id='Pg095'/>kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung freute, +war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres Vaters. +</p> + +<p> +Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch +am selben Tage mit Corbulo und Daphnidion, dessen +Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den Sklaven und +dem Gepäck so bald als möglich folgen. +</p> + +<p> +Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum, +als Corbulo, Kamillens Maultier am Zügel führend, aus +den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte, von wo aus +man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte. Längst hatte +er sich auf die Überraschung des Kindes gefreut, wenn er +ihr von hier aus das anmutig gelegene Haus zeigen +würde. +</p> + +<p> +Aber erstaunt blieb er stehen: – er hielt die Hand +vor die Augen, ob ihn die Abendsonne blende, er sah +umher, ob er denn nicht an der rechten Stelle: aber kein +Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese +sich berührten, der graue Markstein in Gestalt des alten +Grenzgottes Terminus mit seinem spitz zulaufenden Kopf: +der rechte Ort war es, aber das Häuschen nicht zu sehen: +vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien +und Platanen: und auch sonst war die ganze Umgebung +verändert: da standen grüne Hecken und Blumenbeete, wo +sonst Kohl und Rüben, und ein zierlicher Pavillon prangte, +wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein bescheidnes +Gebiet begrenzt hatten. +</p> + +<p> +»Die Mutter Gottes steh’ mir bei und alle obern +Götter!« rief der Steinmetz, »bin ich verzaubert oder die +Gegend? Aber Zauber ist los!« Seine Tochter reichte +ihm eifrig das Amulet, das sie am Gürtel trug: aber +Aufschluß konnte sie nicht geben, da sie zum erstenmal das +neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig, als das +Maultier zur größten Eile zu treiben und springend und +<pb n='96'/><anchor id='Pg096'/>rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens +die Wiesenhänge hinunter. +</p> + +<p> +Als sie nun näher kamen, fand Corbulo allerdings +hinter der Baumgruppe das Haus, das er gekauft: aber +so verjüngt, erneuert, verschönt, daß er es kaum erkannte. +</p> + +<p> +Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend +stieg aufs neue zu abergläubischer Furcht: offnen +Mundes blieb er zuletzt stehen, ließ die Zügel fallen und +begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen +und heidnischen Ausrufen, als plötzlich Kamilla ebenso +überrascht ausrief: »Aber das ist ja der Garten, wo wir +gewohnt, das Viridarium des Honorius zu Ravenna, dieselben +Bäume, dieselben Blumenbeete, und auch an jenem +Teich, wie zu Ravenna am Meeresufer, der Tempel der +Venus! o wie schön, welche Erinnerung! Corbulo, wie +hast du das angefangen?« Und Thränen freudiger Rührung +traten in ihre Augen. – »So sollen mich alle Teufel +peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen habe. +Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß, der ist +also nicht mit verhext. Rede, du Cyklope, was ist hier +geschehen?« +</p> + +<p> +Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, +humpelte mit ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte +nach vielen Fragen und Unterbrechungen des Staunens +eine rätselhafte Geschichte. Vor drei Wochen etwa, wenige +Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es +für seinen Herrn, der auf längere Zeit in die Marmorbrüche +von Luna verreist war, zu verwalten, kam von +Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß von +Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen +an. Er fragte, ob dies die Besitzung sei, welche der Steinmetz +Corbulo von Perusia für die Witwe des Boëthius +gekauft. Und als dies bejaht wurde, gab er sich als den +<pb n='97'/><anchor id='Pg097'/>Hortulanus Prinzeps d. h. als Oberintendanten der Gärten +zu Ravenna zu erkennen. Ein alter Freund des Boëthius, +der aus Furcht vor den gotischen Tyrannen seinen Namen +nicht zu nennen wage, wünsche, sich insgeheim der Verfolgten +anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, +den Aufenthalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst +zu schmücken und zu verschönern. Der Sklave dürfe die +beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb mit +Güte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox +auf der Villa fest. Der Intendant aber entwarf sofort +seinen Plan und seine Arbeiter gingen unverzüglich +ans Werk. +</p> + +<p> +Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen +hinzugekauft und nun hob an ein Niederreißen und Bauen, +ein Pflanzen und Graben, ein Hämmern und Klopfen, ein +Putzen und Malen, daß dem guten Cappadox Hören und +Sehen verging. Wollte er fragen und drein reden, so +lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht. Wollte er sich davon +machen, so winkte der Intendant und ein halb Dutzend +Fäuste hielten ihn fest. »Und« – schloß der Erzähler – +»so ging’s bis vorgestern Morgen. Da waren sie fertig +und zogen davon. +</p> + +<p> +Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen +Herrlichkeiten aus dem Boden wachsen sah. Ich +dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das alles bezahlen +soll, dann weh über meinen Rücken! Und ich wollte +dir’s melden. Aber sie ließen mich nicht und obenein +wußt’ ich dich fern von Haus. Und wie ich nachgerade +das unsinnig viele Geld des Intendanten verspürte und +wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder +mit Kieseln, siehe, da beruhigte sich allmählich mein Gemüte +und ich ließ alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, +weiß ich wohl: du kannst mich dennoch in den Block setzen +<pb n='98'/><anchor id='Pg098'/>und prügeln lassen. Mit der Rebe oder sogar mit dem +Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der +Herr und Cappadox der Knecht. Aber gerecht, Herr, wäre +es kaum! bei allen Heiligen und allen Göttern! Denn du +hast mich gesetzt über ein Paar Kohlfelder und siehe, sie +sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.« +</p> + +<p> +Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft, +ehe der Sklave zu Ende. Mit vor Freude hochklopfendem +Herzen durcheilte sie den Garten, die Lauben, das Haus: +sie schwebte wie auf Flügeln, kaum konnte ihr die flinke +Daphnidion folgen. Ein Ausruf der Überraschung des +freudigen Schreckens jagte den andern: so oft sie um eine +Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, bog, wieder und +wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna +vor ihrem entzückten Auge. Als sie aber ins Haus gelangte +und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt, +ausgerüstet, geschmückt fand wie jener Raum im Kaiserschloß +gewesen war, in dem sie die letzten Tage der Kindheit +verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt, +dieselben Bilder auf den bastgeflochtnen Vorhängen, +die gleichen Vasen und zierlichen Citruskästchen und auf dem +gleichen Schildpatttischchen ihre kleine zierliche Lieblingsharfe +mit den Schwanenflügeln, da, überwältigt von so +vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefühl des +Dankes gegen so zarte Freundschaft, sank sie schluchzend +in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen des Lectus +zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen. »Es +giebt noch edle Herzen, noch Freunde für das Haus des +Boëthius,« rief sie wieder und wieder. Und sie sandte das +innigste Gebet des Dankes gegen Himmel. – +</p> + +<p> +Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum +weniger ergriffen von der seltsamen Überraschung. +</p> + +<p> +Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, +<pb n='99'/><anchor id='Pg099'/>welcher Freund ihres Gatten wohl in diesem geheimnisvollen +Wohlthäter zu suchen sei? Es war ihr eine stille +Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Präfekt +schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und +schrieb ihr zurück: er kenne niemand, an den ihn diese +zartfühlende Weise mahnen könne. Sie möge scharf jede +Spur beachten, die zur Lösung des Rätsels führen könne. +</p> + +<p> +Es sollte sich bald genug enthüllen. – +</p> + +<p> +Kamilla wurde nicht müde, den Garten zu durchstreifen +und immer neue Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild +zu entdecken. Oft führten sie diese Gänge über den +Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald. Dabei +pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr +gleiche Jugend und treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten +gemacht. Wiederholt hatte diese der Patrona bemerkt, +ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen. Denn +vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im +Grase hinter oder neben ihnen. Und doch sei nirgends +Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla lachte ihres +Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen +Schatten der Ulmen und Platanen hinaus. +</p> + +<p> +Eines Tages entdeckten die Mädchen, vor der Hitze +tiefer und tiefer in die Kühle des Waldes flüchtend, eine +lebhafte Quelle, die reichlich und klar von dunkeln Porphyrfelsen +traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal +und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen +Silbertropfen erhaschen. »Wie Schade,« rief Kamilla, »um +das köstliche Naß! Da hättest du die Tritonenquelle sehen +sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig sprudelte +der Strahl aus den aufgeblasenen Backen des bronzenen +Meergotts und fiel gesammelt in eine breite Muschel von +braunem Marmor, wie Schade!« Und sie gingen weiter. +</p> + +<p> +Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle. +</p> + +<pb n='100'/><anchor id='Pg100'/> + +<p> +Daphnidion, die voranschritt, blieb plötzlich laut aufschreiend +stehen und wies sprachlos mit dem Finger auf +die Quelle. Der Waldquell war gefaßt. Aus einem +bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche +Muschel von braunem Marmor. Daphnidion, jetzt +fest an Geisterspuk glaubend, wandte sich ohne weiteres zur +Flucht: sie floh mit den Händen vor den Augen, die Waldgeister +nicht zu sehen, was für höchst gefährlich galt, nach +dem Hause zu, der Herrin laut rufend, ihr zu folgen. +Aber Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher, der +uns neulich hierher gefolgt, ist gewiß auch jetzt in der +Nähe, sich an unsrem Staunen zu weiden. Scharf sah sie +umher: an einem wilden Rosenbusch fielen die Blüten von +schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das +Dickicht zu. Und sieh, aus dem Gebüsch trat ihr mit Jagdtasche +und Wurfspeer ein junger Jäger entgegen. +</p> + +<p> +»Ich bin entdeckt,« sagte er mit leiser, schüchterner +Stimme, anmutig in seiner Beschämung. +</p> + +<p> +Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurück: +»Athalarich« – stammelte sie – »der König!« +</p> + +<p> +Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefühlen wogte +ihr durch Haupt und Herz, und halb ohnmächtig sank sie +auf den Rasenhang neben der Quelle. Der junge König +stand in Schrecken und Entzücken sprachlos einige Sekunden +vor der hingegossenen zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes +Auge die schönen Züge, die edeln Formen ein: +flüchtiges Rot schoß zuckend wie Blitze über sein bleiches +Gesicht. »O sie – sie ist mein heißer Tod« – hauchte +er, endlich beide Hände an das pochende Herz drückend – +»jetzt sterben, – sterben mit ihr.« +</p> + +<p> +Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung +zurück. Er kniete neben ihr nieder und sprengte das kühle +Naß des Brunnens auf ihre Schläfe. Sie schlug die +<pb n='101'/><anchor id='Pg101'/>Augen auf: »Barbar – Mörder!« schrie sie gellend, stieß +seine Hand zurück, sprang auf und floh wie ein gescheuchtes +Reh hinweg. +</p> + +<p> +Athalarich folgte ihr nicht. »Barbar – Mörder,« +hauchte er in tiefstem Schmerz vor sich hin. Und er verbarg +die glühende Stirn in den Händen. +</p> +</div><div n="6" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, daß +Daphnidion sich’s nicht nehmen ließ, die Domna müsse +die Nymphen oder gar den altehrwürdigen Waldgott Picus +selbst gesehen haben. +</p> + +<p> +Aber das Mädchen warf sich in wilder Bewegung in +die Arme der erschrockenen Mutter. Der Kampf verworrener +Gefühle löste sich in einem Strom von heißen Thränen +und erst spät vermochte sie, den besorgten Fragen Rusticianas +Antworten und Aufschluß zu geben. +</p> + +<p> +In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres +Ringen. +</p> + +<p> +Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden +Mädchen nicht ganz entgangen, daß der schöne, bleiche +Knabe oft mit seltsamem, träumendem Blick die dunkeln +Augen auf ihr ruhen ließ, daß er wie mit Andacht dem +Tonfall ihrer Stimme lauschte. Aber niemals war diese +Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins Bewußtsein +getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte die +Augen niedergeschlagen, wenn sie ihn über einem solchen +Blick ertappte und ihn unbefangen fragend ansah: waren +sie doch beide damals beinahe noch Kinder. Sie wußte +nicht zu nennen, was in Athalarich vorging – kaum +<pb n='102'/><anchor id='Pg102'/>wußte er es selbst – und nie war es ihr eingefallen, +nachzudenken, warum auch sie gern in seiner Nähe lebte, +gern dem kühnen, von der Art aller andrer Gespielen abweichenden +Flug seiner Gedanken oder Phantasien folgte, +gern auch schweigend neben dem Schweigenden im Abendlicht +durch die stillen Gärten wandelte, wo er oft mitten +aus seinen Träumereien abgerissene, aber immer sinnige +Worte zu ihr sprach, deren Poesie, die Poesie schwärmerischer +Jugend, sie so völlig verstand und würdigte. +</p> + +<p> +In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug +nun die Katastrophe ihres über alles geliebten Vaters. +</p> + +<p> +Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, +glühender Haß gegen die Mörder ergriff die Seele der +leidenschaftlichen Römerin. Von jeher hatte Boëthius, selbst +in der Zeit seiner höchsten Gunst am Hofe, ein hochmütiges +Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau +getragen, und seit seinem Untergang atmete natürlich die +ganze Umgebung Kamillas, die Mutter, die beiden rachedürstenden +Brüder, die Freunde des Hauses nur Haß und +Verachtung: nicht nur gegen den blutigen Mörder und +Tyrannen Theoderich, nein, gegen alle Goten und vorab +gegen Tochter und Enkel des Königs, die seine Schuld zu +teilen schienen, weil sie dieselbe nicht verhindert. So hatte +das Mädchen Athalarichs fast gar nicht mehr gedacht. +Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal +begegnete, sein Bild im Traume vor ihre Seele trat, +so gipfelte all’ ihr Haß gegen die Barbaren in höchstem +Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb, weil im +geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende +Ahnung von jener Neigung zitterte, die sie zu dem schönen +Königssohn gezogen. – +</p> + +<p> +Und nun – nun hatte es der Frevler gewagt, ihr +argloses Herz mit tückischem Streich zu treffen! +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pg103'/> + +<p> +Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, +sowie sie ihn erkannte, blitzschnell erfaßt, daß er es war, +der, wie die Fassung der Quelle, so die Umgestaltung der +ganzen Villa geschaffen. Er, der verhaßte Feind, der Sproß +des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres +Vaters klebte, der König der Barbaren! All die Freuden, +mit welchen sie in diesen Tagen Haus und Garten durchmustert, +brannten jetzt wie glühend Erz auf ihrer Seele. +Der Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte gewagt, +sie zu beschenken, zu erfreuen, zu beglücken. Für ihn +hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt. Er hatte sich +erkühnt, ihren Schritten zu folgen, ihre Worte zu belauschen, +ihre leisesten Wünsche zu erfüllen: – und im Hintergrund +ihrer Seele stand, schrecklicher als all’ dies, der Gedanke, +warum er das gethan. Er liebte sie! Der Barbar erkühnte +sich, es ihr zu zeigen. Der Tyrann Italiens, er wagte +wohl gar zu hoffen, daß des Boëthius Tochter – +</p> + +<p> +O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie +das Haupt in den Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf +der Erschöpfung auf sie niedersank. Alsbald erschien der +eilig herbeigerufene Cethegus bei den ratlosen Frauen. +Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefühle folgen, +sofort die Villa und die verhaßte Nähe des Königs fliehen +und ihr Kind jenseit der Alpen bergen wollen. Aber der +Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert +und sowie der Präfekt das Haus betrat, schien sich die +Flamme der Aufregung vor seinem kalten Blick zu legen. +Er nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig +und aufmerksam hörte er daselbst, den Rücken an einen +Lorberstamm gelehnt, das Kinn in die linke Hand gestützt, +ihrer leidenschaftlichen Erzählung zu. +</p> + +<p> +»Und nun rede,« schloß sie, »was soll ich thun? Wie +soll ich mein armes Kind retten? wohin sie bringen?« +</p> + +<pb n='104'/><anchor id='Pg104'/> + +<p> +Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem +Nachsinnen pflegte, halb geschlossen hatte. +</p> + +<p> +»Wohin Kamilla bringen?« sagte er. »An den Hof, +nach Ravenna.« +</p> + +<p> +Rusticiana fuhr empor: »Wozu jetzt der giftige Scherz!« +</p> + +<p> +Aber Cethegus richtete sich rasch auf. +</p> + +<p> +»Es ist mein Ernst. Still – höre mich. Kein gnädigeres +Geschenk hat das Schicksal, das die Barbaren verderben +will, in unsren Weg legen können. Du weißt, wie +völlig ich die Regentin beherrsche. +</p> + +<p> +Aber nicht weißt du, wie völlig machtlos ich bin über +jenen eigensinnigen Schwärmer. Es ist rätselhaft. Der +kranke Jüngling ist im ganzen Gotenvolk der einzige, der +mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich weiß +nicht, ob er mich mehr fürchtet oder mehr haßt. Das wäre +mir ziemlich gleichgültig, wenn der Verwegne mir nicht +sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete. +Sein Wort wiegt natürlich schwer bei seiner Mutter. Oft +schwerer als das meine. Und er wird immer älter, reifer, +gefährlicher. Sein Geist überflügelt mächtig seine Jahre. +Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft. +Jedesmal spricht er gegen mich. Oft siegt er. Erst +neulich hat er es gegen mich durchgesetzt, daß der schwarzgallige +Teja den Befehl der gotischen Truppen in Rom +erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge König wird +höchst gefährlich. Und ich hatte bisher nicht einen Schatten +von Gewalt über ihn. Zu seinem Verderben liebt er +Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen.« +</p> + +<p> +»Nimmermehr!« rief Rusticiana. »Nie, so lang ich +atme. Ich an den Hof des Tyrannen! Mein Kind die +Geliebte Athalarichs! des Boëthius Tochter! Sein blutger +Schatte würde –« +</p> + +<pb n='105'/><anchor id='Pg105'/> + +<p> +»Willst du diesen Schatten rächen? Ja! willst du die +Goten verderben? Ja! Also mußt du wollen, was dahin +führt.« – »Nie, bei meinem Eide!« – »Weib, reize mich +nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem +Eide! Wie? Hast du mir nicht Gehorsam geschworen, +blinden, unbedingten, wie ich dir Rache verheißen? Hast +du’s nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, dich +und deine Kinder verflucht für den Eidbruch? Man sieht +sich vor bei euch Weibern. Gehorche oder zittre für +deine Seele.« +</p> + +<p> +»Entsetzlicher! Soll ich all meinen Haß dir, deinen +Plänen opfern?« +</p> + +<p> +»Mir? Wer spricht von mir? <hi rend='gesperrt'>Deine</hi> Sache führ’ ich. +<hi rend='gesperrt'>Deine</hi> Rache vollend’ ich: <hi rend='gesperrt'>Mir</hi> haben die Goten nichts +zuleid gethan. <hi rend='gesperrt'>Du</hi> hast mich aufgestört von meinen +Büchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. +Willst du nicht mehr? Auch gut! Ich kehre +zurück zu Horatius und der Stoa! Leb wohl.« +</p> + +<p> +»Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer +werden?« +</p> + +<p> +»Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn +ja nicht lieben, sie soll ihn nur beherrschen. Oder,« fügte +er, sie scharf ansehend, hinzu, »fürchtest du für ihr Herz?« +– »Deine Zunge erlahme! Meine Tochter? <hi rend='gesperrt'>ihn</hi> lieben? +eher erwürg’ ich sie mit diesen Händen.« +</p> + +<p> +Aber Cethegus war nachdenklich geworden. +</p> + +<p> +Es ist nicht um das Mädchen, sagte er zu sich selbst. +Was liegt an ihr! Aber wenn sie ihn liebt – und der +Gote ist schön, geistvoll, schwärmerisch .... »Wo ist +deine Tochter?« fragte er laut. +</p> + +<p> +»Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie würde +nie einwilligen, nie.« +</p> + +<p> +»Wir wollen’s versuchen. Ich gehe zu ihr.« +</p> + +<pb n='106'/><anchor id='Pg106'/> + +<p> +Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm +in das Gemach. Aber Cethegus wies sie zurück. +</p> + +<p> +»Allein muß ich sie haben!« sprach er und schritt durch +den Vorhang. Bei seinem Anblick erhob sich das schöne +Mädchen von den Teppichen, auf denen sie in ratlosem +Sinnen geruht. Gewöhnt, in dem klugen, beherrschenden +Mann, dem Freund ihres Vaters, stets einen Berater und +Helfer zu finden, begrüßte sie ihn vertrauend wie die +Kranke den Arzt. +</p> + +<p> +»Du weißt, Cethegus?« – »Alles.« – »Und du +bringst mir Hilfe.« – »Rache bring ich dir, Kamilla!« +</p> + +<p> +Das war ein neuer, ein mächtig ergreifender Gedanke! +Nur Flucht, Rettung aus dieser qualvollen Lage hatten +ihr bisher vorgeschwebt. Höchstens eine zornige Abweisung +der königlichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung +für die Schmerzen dieser Stunden! Rache für die erlittene +Schmach! Rache an den Mördern ihres Vaters! Ihre +Wunden waren frisch. Und in ihren Adern kochte das +heiße Blut des Südens. Ihr Herz frohlockte über Cethegus’ +Wort! +</p> + +<p> +»Rache? wer wird mich rächen? du?« – »Du dich +selbst! Das ist süßer.« +</p> + +<p> +Ihre Augen blitzten. »An wem?« – »An ihm. An +seinem Haus. An allen unsern Feinden.« – »Wie kann +ich das? Ein schwaches Mädchen?« – »Höre auf mich, +Kamilla. Nur dir, nur des edeln Boëthius edler Tochter +sag ich, was ich sonst keinem Weib der Erde vertrauen +würde. Es besteht ein starker Bund von Patrioten, der +die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus +diesem Lande: das Schwert der Rache hängt über den +Häuptern der Tyrannen. Das Vaterland, der Schatte +deines Vaters beruft dich, es herabzustürzen.« +</p> + +<p> +»Mich? ich – meinen Vater rächen? sprich!« rief +<pb n='107'/><anchor id='Pg107'/>hocherglühend das Mädchen, die schwarzen Haare aus den +Schläfen streichend. »Es gilt ein Opfer. Rom fordert +es.« – »Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich +sterben.« – »Du sollst leben, den Sieg zu schauen. Der +König liebt dich. Du mußt nach Ravenna. An den Hof. +Du mußt ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle +haben keine Macht über ihn. Nur du hast Gewalt über +seine Seele. Du sollst dich rächen und ihn vernichten.« +</p> + +<p> +»Ihn vernichten?!« – Seltsam bewegt klang die leise +Frage; ihr Busen wogte, ihre Stimme bebte in der +Mischung ringender Gefühle, Thränen brachen aus ihren +Augen, sie verbarg das Gesicht in den Händen. – Cethegus +stand auf. »Vergieb,« sagte er. »Ich gehe. Ich +wußte nicht, – – daß du den König liebst.« +</p> + +<p> +Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz +drang aus des Mädchens Brust. Sie sprang auf und +faßte ihn an der Schulter: +</p> + +<p> +»Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie +ich nie gewußt, daß ich hassen kann.« – »So beweis’ es. +Denn ich glaub’ es dir nicht.« – »Ich will dir’s beweisen!« +rief sie. »Sterben soll er! Er soll nicht leben!« +</p> + +<p> +Sie warf das Haupt zurück, wild funkelten die blitzenden +Augen, ihr schwarzes Haar flog um die weißen +Schultern. +</p> + +<p> +Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. +Denn sie weiß es noch nicht. Sie haßt ihn daneben. +Und das allein weiß sie. Es wird gehn. +</p> + +<p> +»Er soll nicht leben,« <anchor id="corr107"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> sie. »Du sollst sehen,« +lachte sie, »wie ich ihn liebe! Was soll ich thun?« – »Mir +folgen in allem.« – »Und was versprichst du mir dafür? +was soll er erleiden?« – »Verzehrende Liebe bis zum +Tod.« – »Liebe zu mir? ja, ja, das soll er!« – »Er, +sein Haus, sein Reich soll fallen.« +</p> + +<pb n='108'/><anchor id='Pg108'/> + +<p> +»Und er wird wissen, daß durch mich –?« – »Er +soll es wissen. Wann reisen wir nach Ravenna?« +</p> + +<p> +»Morgen! Nein, heute noch.« Sie hielt inne und +faßte seine Hand: »Cethegus, sage, bin ich schön?« +</p> + +<p> +»Der Schönsten eine.« +</p> + +<p> +»Ha!« rief sie, die losgegangenen Locken schüttelnd. »Er +soll mich lieben und verderben! Fort nach Ravenna! Ich +will ihn sehen, ich muß ihn sehen!« Und sie stürmte aus +dem Gemach. – Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei +Athalarich zu sein. +</p> +</div><div n="7" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +Noch am nämlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen +und der Weg nach der Königsstadt angetreten. +</p> + +<p> +Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem +Brief Rusticianas an die Regentin. Die Witwe des +Boëthius erklärte darin, daß sie die durch Vermittelung +des Präfekten von Rom wiederholt angebotene Rückberufung +an den Hof nunmehr anzunehmen bereit sei. Nicht als +eine That der Gnade, sondern der Sühne, als ein Zeichen, +daß die Erben Theoderichs dessen Unrecht an den Verblichenen +gut machen wollten. +</p> + +<p> +Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem +Herzen und Cethegus wußte, daß solches Auftreten nicht +schaden, nur alle verdächtige Auslegung der raschen Umstimmung +ausschließen werde. Unterwegs noch traf die +Reisenden die Antwort der Königin, die sie am Hof willkommen +hieß. In Ravenna angelangt wurden sie von der +Fürstin aufs ehrenvollste empfangen, mit Sklaven und +Sklavinnen umgeben und in dieselben Räume des Palastes +<pb n='109'/><anchor id='Pg109'/>eingeführt, die sie ehedem bewohnt. Freudig begrüßten sie +die Römer. +</p> + +<p> +Aber der Zorn der Goten, die in Boëthius und Symmachus +undankbare Verräter verabscheuten, wurde durch +diese Maßregeln, die eine stillschweigende Verurteilung +Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die +letzten Freunde des großen Königs verließen grollend den +verwelschten Hof. – +</p> + +<p> +Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der +Reise und der Ankunft Kamillas Aufregung gemildert. +Und ihr Zorn konnte sich um so eher beschwichtigen als ihr +viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie Athalarich +begegnete. Denn der junge König war gefährlich erkrankt. +</p> + +<p> +Am Hof erzählte man, er habe bei einem Aufenthalt +zu Aretium, – er wollte dort, mit geringer Begleitung, +der Bergluft, der Bäder und der Jagd genießen – in +den Wäldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen +kalten Trunk aus einer Felsenquelle gethan und sich dadurch +einen heftigen Anfall seines alten Leidens zugezogen. +</p> + +<p> +Thatsache war, daß ihn sein Gefolge an jener Quelle +bewußtlos niedergesunken gefunden hatte. +</p> + +<p> +Die Wirkung dieser Erzählung auf Kamilla war seltsam. +Zu dem Haß gegen Athalarich trat jetzt ein Zug +von leisem Bedauern. Ja eine Art von Selbstanklage. +Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, daß durch diese +Krankheit eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie +jetzt in Ravenna nicht minder fürchtete als sie dieselbe, +da sie noch fern von ihm in Tifernum war, lebhaft herbeigewünscht +hatte. Und wenn sie jetzt in den weiten +Anlagen des herrlichen Schloßgartens einsam wandelte, +hatte sie immer und immer wieder zu bewundern, mit +welcher Sorgfalt das kleine Gütchen des Corbulo diesem +Muster nachgebildet worden war. +</p> + +<pb n='110'/><anchor id='Pg110'/> + +<p> +Tage und Wochen vergingen. +</p> + +<p> +Man vernahm nichts von dem Kranken, als daß er +zwar auf dem Weg der Besserung, aber noch streng an +seine Gemächer gebunden sei. Ärzte und Hofleute, die ihn +umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den +heftigsten Schmerzen, seine Dankbarkeit für jeden kleinen +Liebesdienst, seine edle Milde. Aber wenn sie ihr Herz +ertappte, wie gern es diesen Lobesworten lauschte, sagte +sie heftig zu sich selbst: +</p> + +<p> +»Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!« +und ihre Brauen zogen sich zusammen und sie legte +heimlich die geballte Faust auf das pochende Herz. +</p> + +<p> +In einer heißen Nacht war Kamilla nach langem +friedlosen Wachen endlich gegen Morgen in unruhigen +Schlaf gesunken. Angstvolle Träume quälten sie. Ihr +war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren +Reliefgestalten auf sie nieder. Gerade über ihrem Haupte +war ein jugendlich schöner Hypnos, der sanfte Gott des +Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, angebracht. +</p> + +<p> +Ihr träumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, +trauervollen Züge seines bleichen Bruders Thanatos an. +</p> + +<p> +Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein +Antlitz auf sie nieder. – Immer näher rückte er. – +Immer bestimmter wurden seine Züge. – Schon fühlte +sie den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. – Schon +berührten fast die feinen Lippen ihren Mund. – Da erkannte +sie mit Entsetzen die bleichen Züge, das dunkle +Auge. – Es war Athalarich – dieser Todesgott. – +Mit einem Schrei fuhr sie empor. +</p> + +<p> +Die zierliche Silberlampe war längst erloschen. Es +dämmerte im Gemach. +</p> + +<p> +Ein rotes Licht drang gedämpft durch das Fenster +von Frauenglas. Sie erhob sich und öffnete es; die +<pb n='111'/><anchor id='Pg111'/>Hähne krähten, die Sonne tauchte mit den ersten Strahlenspitzen +aus dem Meer, auf das sie, über den Schloßgarten +hinweg, freien Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in +dem schwülen Gemach. +</p> + +<p> +Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und +eilte leise, leise aus dem noch schlummernden Palast über +die Marmorstufen in den Garten, aus dem ihr erfrischender +Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. +Sie eilte der Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten +stieß der Garten des Kaiserpalastes mit seinen hohen +Mauern unmittelbar an die blauen Wellen der Adria. +Ein vergoldetes Gitterthor und jenseit desselben zehn +breite Stufen von weißem hymettischem Marmor führten +hinab zu dem kleinen Hafen des Gartens, in welchem die +schwanken Gondeln mit leichten Rudern und dem dreieckigen +lateinischen Segel von Purpurlinnen schaukelten, +mit silbernen Kettchen an den zierlichen Widderköpfen von +Erz befestigt, die links und rechts aus dem Marmorquai +hervorragten. Diesseit des Gitterthors, nach dem Garten +zu, fanden die Anlagen ihren Abschluß in einer geräumigen +Rundung, die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet +war. Ihre Bodenfläche, von üppigem, sorgfältig gezognem +Graswuchs bedeckt, wurde von reinlichen Wegen durchschnitten +und von reichen Beten stark duftender Blumen +unterbrochen. Eine Quelle, zierlich gefaßt, rieselte den +Abhang hinab in das Meer. Die Mitte des Platzes +bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den eine +einsame Palme hochwipflig überragte, indes brennendroter +Steinbrech in den leeren Halbnischen seiner Außenwände +prangte. Vor seiner längst geschlossenen Pforte stand zur +Rechten ein eherner Äneas. Der Julius Cäsar zur Linken +war schon vor Jahrhunderten zusammengestürzt. Theoderich +hatte auf dem Postament ein Erzbild des Amala +<pb n='112'/><anchor id='Pg112'/>errichten lassen, des mythischen Stammvaters seines Hauses. +Hier, zwischen diesen Statuen, an den Eingangsstufen des +kleinen Fanum genoß man des herrlichsten Blickes durch +das Gitterthor auf das Meer mit seinen buschigen Laguneninseln +und einer Gruppe von scharfkantigen malerischen +Felsklippen, »die Nadeln der Amphitrite« genannt. +</p> + +<p> +Es war ein alter Lieblingsort Kamillas. +</p> + +<p> +Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den +reichen Tau von dem hohen Grase streifend, wie sie mit +leis gehobnem Gewand durch die schmalen Wieswege eilte. +Sie wollte die Sonne über das Meer hin aufglühen sehen. +Sie kam von der Rückseite des Tempels, ging an dessen +linker Seite hin und trat eben auf die erste der Stufen, +die von seiner Stirn zu dem Gitter hinabführten, als sie +rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, halb liegend, +eine weiße Gestalt erblickte, die, das Haupt an die Treppe +gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte. +</p> + +<p> +Aber sie erkannte das braune, das seidenglänzende +Haar: es war der junge König. +</p> + +<p> +Die Begegnung war so plötzlich, daß an Ausweichen +nicht zu denken. Wie angewurzelt hielt das Mädchen +auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf und wandte +sich rasch. Eine helle Röte flammte über sein marmorbleiches +Gesicht. Doch faßte er sich zuerst von beiden und +sprach: +</p> + +<p> +»Vergieb, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. +Zu dieser Stunde. Ich gehe. Und lasse dich +allein mit der Sonne.« Und er schlug den weißen Mantel +über die linke Schulter. »Bleib, König der Goten. Ich +habe nicht das Recht, dich zu verscheuchen – und nicht +die Absicht,« fügte sie bei. +</p> + +<p> +Athalarich trat einen Schritt näher. »Ich danke dir. +Aber ich bitte dich um eins,« setzte er lächelnd hinzu, +<pb n='113'/><anchor id='Pg113'/>»verrate mich nicht an meine Ärzte, an meine Mutter. +Sie sperren mich den ganzen Tag über so sorgsam ein, +daß ich ihnen wohl vor Tag entschlüpfen muß. Denn die +frische Luft, die Seeluft thut mir gut. Ich fühl’s. Sie +kühlt. Du wirst mich nicht verraten.« Er sprach so ruhig. +Er blickte so unbefangen. +</p> + +<p> +Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wäre +viel mutiger gewesen, wenn er bewegter. Sie sah diese +Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um der Pläne +des Präfekten willen. So schüttelte sie nur schweigend das +Haupt zur Antwort. Und sie senkte die Augen. +</p> + +<p> +Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Höhe, auf +der die beiden standen. Der alte Tempel und das Erz +der Statuen schimmerten im Morgenlicht. Und eine breite +Straße von zitterndem Gold bahnte sich von Osten her +über die spiegelglatte Flut. »Sieh, wie schön!« rief +Athalarich, fortgerissen von dem Eindruck. »Sieh die +Brücke von Licht und Glanz.« +</p> + +<p> +Sie blickte teilnehmend hinaus. »Weißt du noch, +Kamilla?« fuhr er langsamer fort, wie in Erinnerungen +verloren und ohne sie anzusehen, »weißt du noch, wie wir +hier als Kinder spielten? Träumten? Wir sagten: die +goldne Straße, von Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, +führe zu den Inseln der Seligen.« – +</p> + +<p> +»Zu den Inseln der Seligen!« wiederholte Kamilla. +Im stillen bewunderte sie, mit welcher Zartheit und +edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an ihre letzte Begegnung +fern haltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die +sie völlig entwaffnete. »Und schau, wie dort die Statuen +glänzen: das wundersame Paar, Äneas und – Amala! +Höre, Kamilla, ich habe dir abzubitten.« Lebhaft schlug +ihr Herz. Jetzt wollte er der Ausschmückung der Villa, +der Quelle gedenken. Das Blut stieg ihr in die Wangen. +<pb n='114'/><anchor id='Pg114'/>Sie schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr +der Jüngling fort: »Du weißt, wie oft wir, du die +Römerin, ich der Gote, an diesem Ort in Wettreden den +Ruhm und den Glanz und die Art unserer Völker priesen. +Dann standest du unter dem Äneas und sprachst mir von +Brutus und Camillus, von Marcellus und den Scipionen. +Ich aber, an meines Ahnherrn Amala Schild gelehnt, +rühmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber +du sprachst besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer +deiner Helden mich zu überstrahlen drohte, lachte ich deiner +Toten und rief: »das Heute und die lebendige Zukunft ist +meines <anchor id="corr114"/><corr sic="Volkes!«">Volkes!««</corr> +</p> + +<p> +»Nun, und jetzt?« – »Ich spreche nicht mehr so. Du +hast gesiegt, Kamilla!« +</p> + +<p> +Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie +zuvor. Und dieser überlegne Ausdruck empörte die Römerin. +Sie war ohnehin gereizt durch die unnahbare Ruhe, mit +welcher der Fürst, auf dessen Leidenschaft man solche Pläne +gebaut, ihr gegenüberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. +Sie hatte ihn gehaßt, weil er es gewagt, ihr seine Liebe +zu zeigen. Und jetzt lebte dieser Haß auf, weil er es +vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der Absicht, ihm +weh zu thun, sagte sie langsam: »So räumst du ein, +König der Goten, daß deine Barbaren den Völkern der +Menschlichkeit nachstehen?« +</p> + +<p> +»Ja, Kamilla,« antwortete er ruhig, »aber nur in +einem: im Glück! Im Glück des Geschickes wie im Glück +der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, die ihre +Netze aufhängen an den Olivenbäumen am Strande. Wie +schön sind diese Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz +ihrer Lumpen: lauter Statuen! Hier das Mädchen mit +der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der, den +Kopf auf den linken Arm gestützt, im Sande liegt und +<pb n='115'/><anchor id='Pg115'/>hinaus träumt ins Meer. Jeder Bettler unter ihnen +sieht aus wie ein entthronter König. Wie sie schön sind! +Und in sich eins und glücklich! Ein Schimmer ungebrochenen +Glücks liegt über ihnen. Wie über Kindern! +Oder edeln Tieren! Das fehlt uns Barbaren!« – »Fehlt +euch nur das?« – »Nein, uns fehlt auch Glück im +Schicksal. +</p> + +<p> +Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein +verschlagen in eine fremde Welt, in der wir nicht gedeihen. +Wir gleichen der Blume der hohen Alpen, dem Edelweiß, +die vom Sturmwind vertragen ward in den heißen Sand +der Niederung. Wir können nicht wurzeln hier. Wir +welken und sterben.« – +</p> + +<p> +Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue +Flut. Aber Kamilla hatte nicht die Stimmung, diesen +weissagerischen Worten eines Königs über sein Volk nachzusinnen. +»Warum seid ihr gekommen?« fragte sie mit +Härte. »Warum seid ihr über die Berge gedrungen, die +ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen euch und +uns. Sprich, warum?« – »Weißt du,« sprach Athalarich, +ohne sie anzublicken, wie mit sich selber und für +sich selber fortdenkend, »weißt du, warum die dunkle Motte +nach der hellen Flamme fliegt? Wieder, immer wieder! +Von keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt ist von der +schönen, lockenden Feindin? Aus welchem Grund! Aus +einem süßen Wahnsinn! Und solch’ ein süßer Wahnsinn +ist es, ganz derselbe, der meine Goten aus den Tannen +und Eichen hinweggezogen hat zu Lorber und Olive. +Sie werden sich die Flügel verbrennen, die thörichten +Helden. Und werden doch nicht davon lassen. Wer will +sie drum schelten? Sieh um dich her. Wie tief blau der +Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln die +Wipfel der Pinien und die Säulentempel voll +Marmor<pb n='116'/><anchor id='Pg116'/>glanz! und fern da drüben ragen schön gewölbte Berge +und draußen in der Flut schwimmen grüne Inseln, wo +sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drüber hin die +weiche, die warme, die kosende Luft, die alles erhellt. +Welche Wunder der Formen, der Farben trinkt das Auge +und atmen die entzückten Sinne! Das ist der Zauber, der +uns ewig locken und ewig verderben wird.« +</p> + +<p> +Die tiefe und edle Erregung des jungen Königs blieb +nicht ohne Eindruck auf Kamilla. Die tragische Gewalt +dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber sie wollte nicht ergriffen +sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende +Empfindung. Sie sagte kalt: »Ein ganzes Volk gegen +Verstand und Einsicht vom Zauber angezogen?« und kalt +und zweifelnd sah sie ihn an. +</p> + +<p> +Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den +dunkeln Augen des Jünglings und die lang zurückgehaltne +Glut brach plötzlich aus den Tiefen seiner Seele: »Ja, +sag’ ich dir, Mädchen!« rief er leidenschaftlich. »Ein ganzes +Volk kann eine thörichte Liebe, einen süßen, verderblichen +Wahnsinn, eine tödliche Sehnsucht pflegen so gut wie – +so gut wie ein einzelner. Ja, Kamilla, es giebt eine +Gewalt im Herzen, die, stärker als Verstand und Wille, +uns sehenden Auges ins Verderben reißt. Aber du weißt +das nicht! Und mögest du’s nie erfahren. Niemals. Leb +wohl!« +</p> + +<p> +Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in +den dichten Laubgang von rankendem Wein, der ihn sofort +vor Kamilla wie vor den Fenstern des Schlosses verbarg. +</p> + +<p> +Sinnend blieb das Mädchen stehen. +</p> + +<p> +Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: +lange sah sie träumend ins offene Meer hinaus +und mit wundersam gemischter Empfindung, mit verwandelter +Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu. +</p> + +</div><div n="8" type="kapitel"> +<pb n='117'/><anchor id='Pg117'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtes Kapitel.</head> + +<p> +Noch am nämlichen Tage fand sich Cethegus bei den +Frauen ein. Er war in wichtigen Geschäften von Rom +herbeigeeilt und kam soeben aus dem Regentschaftsrat, der +in des kranken Königs Gemach gehalten wurde. Verhaltner +Zorn lagerte auf seinen herben Zügen. +</p> + +<p> +»Ans Werk, Kamilla,« sprach er heftig. »Ihr säumt +zu lang. Dieser vorlaute Knabe wird immer herrischer. +Er trotzt mir und Cassiodor und seiner schwachen Mutter +selbst. Er verkehrt mit gefährlichen Leuten. Mit dem +alten Hildebrand, mit Witichis und ihren Freunden. Er +schickt Briefe und empfängt Briefe hinter unsrem Rücken. +Er hat es durchgesetzt, daß die Königin nur noch in seiner +Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und in +diesem Rat kreuzt er all’ unsre Pläne. Das muß aufhören. +So oder so.« – »Ich hoffe nicht mehr, Einfluß +auf den König zu gewinnen,« sagte Kamilla ernst. – »Weshalb? +hast du ihn schon gesehen.« Das Mädchen überlegte, +daß sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam +nicht an die Ärzte gelangen zu lassen. Aber auch sonst +widerstrebte es ihrem Gefühl, die Begegnung dieses Morgens +zu entweihen, zu verraten. +</p> + +<p> +Sie wich daher der Frage aus und sagte: »Wenn der +König sich sogar seiner Mutter, der Regentin, widersetzt, +wird er sich nicht von einem jungen Mädchen beherrschen +lassen.« – »Goldne Einfalt!« lächelte Cethegus und ließ +das Gespräch ruhen, solang das Kind anwesend war. +Aber insgeheim trieb er Rusticianen, zu veranlassen, daß +ihre Tochter den König fortan häufig sehe und spreche. +</p> + +<p> +Dies ward möglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch +besserte. Und wie äußerlich, wurde er innerlich zusehends +<pb n='118'/><anchor id='Pg118'/>männlicher, fester und reifer: es war, als ob das Widerstreben +gegen Cethegus ihm Leib und Seele kräftige. +</p> + +<p> +So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den +weiten Anlagen des Gartens. Dort war es, wo ihn seine +Mutter und die Familie des Boëthius in den Abendstunden +häufig trafen. +</p> + +<p> +Und während Rusticiana die Huld der Regentin mit +voller Freundschaft zu erwidern schien und aufmerksam +ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, um sie wörtlich +dem Präfekten wieder erzählen zu können, wandelten die +jungen Leute vor ihnen her durch die schattigen Gänge +des Gartens. +</p> + +<p> +Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten +Gondeln in jenem Hafen und Athalarich steuerte wohl +selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus, nach einer der +kleinen, grünbuschigen Inseln, die nicht weit vor der +Bucht lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die +purpurnen Segel auf und ließ sich von dem frischen Westwind, +der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte, +langsam und mühelos zurücktragen. – +</p> + +<p> +Oft waren es auch der König und Kamilla allein, die, +nur von Daphnidion begleitet, sich dieser Wanderungen +im Grünen und auf den Wellen erfreuten. +</p> + +<p> +Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch +die Neigung ihres Sohnes, die ihr nicht entgangen war, +zu steigern. Aber vor allen andern Erwägungen segnete +sie dankbar den günstigen Einfluß, den dieser Umgang +augenscheinlich auf ihren Sohn übte: er wurde in Kamillas +Nähe ruhiger, heiterer und war dann auch weicher gegen +seine Mutter, der er sonst oft heftig und schroff gegenüber +trat. +</p> + +<p> +Auch beherrschte er sein Gefühl mit einer Sicherheit, +die bei dem reizbaren Kranken doppelt befremdete: und +<pb n='119'/><anchor id='Pg119'/>endlich würde die Regentin, im Fall sich diese Liebe ernster +geltend machte, sogar einer Verbindung nicht abgeneigt +gewesen sein, die den römischen Adel völlig zu gewinnen +und jedes Andenken einer unseligen Blutthat auszulöschen +versprach. – +</p> + +<p> +In dem Mädchen aber ging eine wundersame Wandlung +vor. Täglich mehr fühlte sie ihren Groll und Haß +schwinden, wie sie täglich klarer die edle Zartheit der Seele, +den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemüt des +jungen Königs sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung +konnte sie gegen diesen wachsenden Zauber sich immer +wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken +zurückrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den +Goten und Amalern, die jenes Schicksal herbeigeführt, mit +Gerechtigkeit zu unterscheiden: immer bestimmter sagte sie +sich, wie unbillig es sei, Athalarich um eines Unglücks +willen zu hassen, das er nur nicht verhindert hatte und +wohl schwerlich hätte verhindern können. Längst hätte +sie ihn am liebsten völlig frei gesprochen: aber sie mißtraute +dieser Milde: sie scheute sie wie eine schwarze Sünde +gegen Vater, Vaterland und eigne Freiheit. +</p> + +<p> +Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies +edle Menschenbild ihr wurde, wie mächtig sie sich sehnte, +diese melodische Stimme zu hören und in dies dunkle, +sinnige Auge zu blicken. Sie fürchtete die frevelhafte Liebe, +die sie sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die +einzige Waffe, mit der sie sich noch dagegen wehrte, der +Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang, +wollte sie sich nicht entwinden lassen. So schwankte sie +in wogenden Gefühlen, desto unsichrer, je rätselhafter ihr +Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb. Sie konnte ja +nicht daran zweifeln, daß er sie liebe, nach allem was +geschehen – aber doch! +</p> + +<pb n='120'/><anchor id='Pg120'/> + +<p> +Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: +jene Äußerung, mit der er sie damals am Venustempel +rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja das einzige bedeutsame +Wort, das ihm entschlüpfte. +</p> + +<p> +Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des +Jünglings durchgekämpft und durchgelitten, bis seine Liebe +zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch weniger, in +welch’ neuem Gefühl er die männliche Kraft solcher Entsagung +gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schärfe +des Hasses beobachtete und darüber das eigne Kind zu +überwachen vergaß, schien noch mehr erstaunt über seine +Kälte. »Aber Geduld,« sprach sie zu Cethegus, mit dem +sie oft hinter Kamillas Rücken Beratung pflog, »Geduld, +bald, binnen drei Tagen, wirst du ihn verwandelt sehen.« +– »Es wäre Zeit,« meinte Cethegus; »aber auf was vertraust +du?« – »Auf ein Mittel, das noch nie getäuscht +hat.« +</p> + +<p> +»Du wirst ihm doch kein Liebestränklein brauen?« +lächelte der Präfekt. – »Allerdings, das werd’ ich thun; +das hab’ ich schon gethan.« – Jener sah sie spöttisch +an: »Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des +großen Philosophen Boëthius! In Liebeswahn sind alle +Weiber gleich!« +</p> + +<p> +»Nicht Wahn und Aberglaube,« sagte Rusticiana ruhig. +»Seit mehr als hundert Jahren lebt das Geheimnis in +unsrer Familie. Ein ägyptisch Weib hat es dereinst am +Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich bewährt. +Kein Weib unseres Hauses hat ohne Erhörung geliebt.« – +»Dazu braucht’s keinen Zauber,« meinte der Präfekt: »ihr seid +ein schönes Geschlecht.« – »Spare deinen Spott. Der Trank +wirkt unfehlbar und wenn er bis heute nicht wirkte –« +– »So hast du wirklich – Unvorsichtige! wie konntest +du unvermerkt?« – »Am Abend, wann er vom +Spazier<pb n='121'/><anchor id='Pg121'/>gang oder von der Gondelfahrt mit uns zurückkommt, +nimmt er einen Becher gewürzten Falerners. Der Arzt +hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen Balsams +darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch +vor dem Venustempel. Dreimal schon gelang es, +den Trank hineinzuschütten.« – »Nun,« meinte Cethegus, +»es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt.« – »Daran ist +nur deine Ungeduld die Ursache. Die Kräuter müssen im +Neumond gebrochen werden – ich wußte das wohl. Aber, +gedrängt von deinen Mahnungen, versucht’ ich’s schon im +Vollmond und du siehst, es wirkte nicht.« – Cethegus +zuckte die Achseln. – »Aber gestern Nacht trat Neumond +ein. Ich war nicht müßig mit meiner goldnen Schere und +wenn er jetzt trinkt –« »Eine zweite Locusta! Nun, +mein Trost sind Kamillas schöne Augen. Weiß sie von +deinen Künsten?« +</p> + +<p> +»Kein Wort zu ihr! Sie würde das nie dulden. +Stille, sie kommt.« Das Mädchen trat ein in lebhafter +Erregung, die lieblichen Wangen gerötet, eine Flechte des +dunklen Haares war losgegangen und spielte um den +feinen Nacken. +</p> + +<p> +»Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, +sagt mir, was soll ich denken? Ich komme aus +dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der Hochmütige, +er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das +rechte Wort. Ich kann es mir nicht deuten.« Und in +Thränen ausbrechend, barg sie das Haupt am Halse der +Mutter. – »Was ist geschehen, Kamilla?« fragte Cethegus. +– »Schon oft,« begann sie tiefaufatmend, »spielte ein +Zug um seinen Mund, sprach eine Wehmut aus seinem +Auge, als sei Er der tief von mir Gekränkte, als habe +Er uns edel zu vergeben, als habe er mir ein großes +Opfer gebracht –« – »Unreife Knaben bilden sich immer +<pb n='122'/><anchor id='Pg122'/>ein, es sei ein Opfer, wenn sie lieben.« Da blitzte +Kamillas Auge, sie warf den schönen Kopf zurück und +wandte sich heftig gegen Cethegus: »Athalarich ist kein +Knabe mehr und man soll ihn nicht verhöhnen.« Cethegus +schwieg, ruhig die Augen senkend. Aber Rusticiana +fragte erstaunt: »Hassest du den König nicht mehr?« – +»Bis zum Tode. Man soll ihn verderben, nicht verhöhnen.« +</p> + +<p> +»Was ist geschehen?« wiederholte Cethegus. – »Heute +stand jener rätselhafte, kalte, stolze Zug deutlicher als je +auf seinem Antlitz. Ein Zufall äußerte ihn in Worten. +Wir waren eben gelandet. Ein Käfer war ins Wasser +gefallen: der König bückte sich und zog ihn heraus: das +Tierchen aber wehrte sich gegen die mildthätige Hand und +biß mit den Zangen des Kopfes in den Finger, der ihn +hielt. »Der Undankbare,« sagte ich. – »Oh,« sprach +Athalarich, bitter lächelnd, und er setzte den Käfer auf ein +Blatt: »man verwundet die am meisten, die am meisten +für uns gethan.« Und dabei flog sein Blick mit stolzer +Wehmut über mich dahin. Doch rasch, als ob er zuviel +gesagt, schritt er kalt grüßend hinweg. Ich aber« – und +ihre Brust wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen +sich – »ich aber trage das nicht mehr. Der Stolze! er +soll mich lieben – oder sterben.« – »Das soll er,« +sagte Cethegus kaum hörbar, »eins von beiden.« +</p> + +</div><div n="9" type="kapitel"> +<pb n='123'/><anchor id='Pg123'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neuntes Kapitel.</head> + +<p> +Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen +Schritt des jungen Königs zur Selbständigkeit überrascht: +er selbst berief den Rat der Regentschaft, ein Recht, das +bisher nur Amalaswintha geübt. Die Regentin war nicht +wenig erstaunt, als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen +Gemächer beschied, wo der König bereits eine Auswahl +der höchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe, +Goten und Römer, unter diesen Cassiodor und Cethegus. +</p> + +<p> +Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht +durch sein Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der +Knabe herausnahm: ihm ahnte nichts gutes. Aber ebendeshalb +besann er sich bald eines andern. »Ich darf der +Gefahr nicht den Rücken, die Stirn muß ich ihr bieten,« +sprach er, als er sich zu dem verhaßten Gang anschickte. +Er fand in dem Gemach des Königs alle Geladenen bereits +versammelt. Nur die Regentin fehlte noch. Als +sie eintrat, erhob sich Athalarich – er trug eine langfaltige +Abolla von Purpur, die Zackenkrone Theoderichs +glänzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte +das Schwert – von seinem Thronsessel, der vor einer +durch einen Vorhang geschlossenen Nische stand, ging ihr +entgegen und führte sie zu einem zweiten höheren Stuhl, +der aber zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, +hob er an: »Meine königliche Mutter, tapfre Goten, edle +Römer! Wir haben euch hieher beschieden, euch unsern +Willen kund zu thun. Es drohten diesem Reiche Gefahren, +die nur wir, der König dieses Reiches, abwenden konnten.« +</p> + +<p> +Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch +nicht vernommen. Alle schwiegen betroffen, Cethegus aus +Klugheit: er wollte den rechten Augenblick abwarten. +End<pb n='124'/><anchor id='Pg124'/>lich begann Cassiodor: »Deine weise Mutter und dein +getreuer Diener Cassiodor« – – »Mein getreuer Diener +Cassiodor schweigt, bis sein Herr und König ihn um Rat +befrägt. Wir sind schlecht zufrieden, sehr schlecht, mit dem +was die Räte unsrer königlichen Mutter bisher gethan +haben und nicht gethan. Es ist höchste Zeit, daß wir +selbst zum Rechten sehn. +</p> + +<p> +Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir +fühlen uns nicht mehr zu jung und nicht mehr zu krank. +Wir künden euch an, daß wir demnächst die Regentschaft +aufheben und die Zügel dieses Reiches selbst ergreifen +werden.« +</p> + +<p> +Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust +nach Cassiodors Beispiel zu reden und dann zu verstummen. +</p> + +<p> +Endlich fand Amalaswintha, die diese plötzliche Energie +ihres Sohnes gleichsam betäubt hatte, die Sprache wieder: +»Mein Sohn, dies Alter der Mündigkeit ist nach den +Gesetzen der Kaiser« – – »Nach den Gesetzen der Kaiser, +Mutter, mögen die Römer sich richten. Wir sind Goten +und leben nach gotischem Recht. Germanische Jünglinge +werden mündig, wann sie das gesammelte Volksheer +waffenreif erklärt. +</p> + +<p> +Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerführer und +Grafen und alle freien Männer unsres Volkes, so viele +ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen Provinzen des +Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem +nächsten Sonnwendfest sollen sie eintreffen.« +</p> + +<p> +Überrascht schwieg die Versammlung. +</p> + +<p> +»Das sind nur noch vierzehn Tage,« sprach endlich +Cassiodor. »Wird es möglich sein, in so kurzer Frist +noch die Ladungen zu besorgen?« – »Sie sind besorgt. +Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis +<pb n='125'/><anchor id='Pg125'/>haben sie alle bestellt.« – »Wer hat die Dekrete unterschrieben?« +fragte Amalaswintha, sich ermannend. – +»Ich allein, liebe Mutter. Ich mußte doch den Geladnen +zeigen, daß ich reif genug, allein zu handeln.« +</p> + +<p> +»Und ohne mein Wissen!« sprach die Regentin. – +»Und ohne dein Wissen geschah es, weil es sonst gegen +deinen Willen geschehen mußte.« +</p> + +<p> +Er schwieg. Alle Römer waren ratlos und wie betäubt +von der plötzlich entfalteten Kraft des jungen Königs. +Nur in Cethegus stand sogleich der Entschluß fest, jene +Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah +den Grund all seiner Pläne wanken: gern wär’ er mit +aller Wucht seines Wortes der vor seinen Augen versinkenden +Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern hätte er +schon mehrere Male in dieser Verhandlung das kühne +Aufstreben des Jünglings mit seiner ruhigen Überlegenheit +zu Boden gedrückt: – aber ihm hielt ein seltsamer Zufall +Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt. +</p> + +<p> +Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Geräusch +zu vernehmen geglaubt und scharfe Blicke darauf geheftet: +da bemerkte er unter dem Vorhang durch, dessen Fransen +nicht ganz bis zur Erde reichten, die Füße eines Mannes. +</p> + +<p> +Freilich nur bis an die Knöchel. Aber an diesen +Knöcheln saßen Beinschienen von Erz eigentümlicher Arbeit. +Er kannte diese Beinschienen, er wußte, daß sie zu einer +vollen Rüstung gleicher Arbeit gehörten, er wußte auch in +unbestimmter Gedankenverbindung, daß der Träger dieser +Rüstung ihm verhaßt und gefährlich: aber es war ihm +nicht möglich, sich zu sagen, wer dieser Feind sei. Hätte +er die Schienen nur bis ans Knie verfolgen können! Gegen +seinen Willen mußte er die Augen immer und immer +wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. +Und das bannte seinen Geist jetzt, – jetzt, da alles auf +<pb n='126'/><anchor id='Pg126'/>dem Spiele stand. Er zürnte über sich selbst, aber er +konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische losreißen. +Der König jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, +fort: »Ferner haben wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas +und Pitza, die grollend diesen Hof verlassen, aus Gallien +und Spanien zurückgerufen. Wir finden, daß allzuviele +Römer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern +Krieger werden mit Graf Witichis die Wehrmacht unsres +Reiches, die Festen und die Schiffe untersuchen und alle +Schäden aufdecken und heilen. Sie werden nächstens eintreffen.« +Sie müssen sogleich wieder fort, sagte Cethegus +rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken fuhren fort: +Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt. +</p> + +<p> +»Weiter,« hob der königliche Jüngling wieder an, +»haben wir Mataswinthen, unsre schöne Schwester, zurückbeschieden +an unsern Hof. Man hat sie nach Tarent verbannt, +weil sie sich geweigert, eines betagten Römers Weib +zu werden. Sie soll wiederkehren, die schönste Blume +unseres Volkes, und unsern Hof verherrlichen.« +</p> + +<p> +»Unmöglich!« rief Amalaswintha: »Du greifst in das +Recht der Mutter wie der Königin.« – »Ich bin das +Haupt der Sippe, sobald ich mündig bin.« +</p> + +<p> +»Mein Sohn, du weißt, wie schwach du warst noch +vor wenigen Wochen. Glaubst du wirklich, die gotischen +Heermänner werden dich waffenreif erklären?« +</p> + +<p> +Der König wurde rot wie sein Purpur, halb vor +Scham, halb vor Zorn; eh’ er Antwort fand rief eine +rauhe Stimme an seiner Seite: »Sorge nicht darum, Frau +Königin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage +dir, er kann sich messen mit jedem Feind: und wen der alte +Hildebrand wehrfähig spricht, der gilt dafür bei allen +Goten.« Lauter Beifall der anwesenden Goten bestätigte +sein Wort. +</p> + +<pb n='127'/><anchor id='Pg127'/> + +<p> +Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung +hinter dem Vorhang zog seine Gedanken ab: Einer +meiner größten Feinde ist es, aber wer? +</p> + +<p> +»Noch eine wichtige Sache ist euch kund zu thun,« +begann der König wieder, mit einem flüchtigen Seitenblick +nach der Nische, der dem Präfekten nicht entging. +</p> + +<p> +Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte +mich überraschen? Das soll nicht gelingen! – +</p> + +<p> +Aber es überraschte ihn doch, als plötzlich der König +mit lauter Stimme rief: »Präfekt von Rom, Cethegus +Cäsarius!« Er zuckte, aber rasch gefaßt, neigte er das +Haupt und sprach: »Mein Herr und König.« – »Hast du +uns nichts aus Rom zu melden? Wie ist die Stimmung +der Quiriten? Was denkt man dort von den Goten?« +</p> + +<p> +»Man ehrt sie als das Volk Theoderichs!« – »Fürchtet +man sie?« – »Man hat nicht Ursach, sie zu fürchten.« +– »Liebt man sie?« – Gern hätte Cethegus geantwortet: +Man hat nicht Ursach’, sie zu lieben. Aber der König +selbst fuhr fort: +</p> + +<p> +»Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund +zur Sorge? Nichts besonderes, das sich vorbereitet.« +</p> + +<p> +»Ich habe nichts dir anzuzeigen.« – »Dann bist du +schlecht unterrichtet, Präfekt, – oder schlecht gesinnt. Muß +ich, der in Ravenna kaum vom Siechbett ersteht, dir sagen, +was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht? Die +Arbeiter auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die +Goten, auf die Regentin, auf mich, deine Legionare führen +bei ihren Waffenübungen drohende Reden. Höchst wahrscheinlich +besteht bereits eine ausgebreitete Verschwörung, +Senatoren, Priester, an der Spitze: sie versammeln sich +Nachts an unbekannten Orten. Ein Mitschuldiger des +Boëthius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen +worden; und weißt du wo? im Garten deines Hauses.« +<pb n='128'/><anchor id='Pg128'/>Der König stand auf. Die Augen aller Anwesenden richteten +sich, erstaunt, erzürnt, erschrocken auf Cethegus. +Amalaswintha bebte für den Mann ihres Vertrauens. +Aber dieser war jetzt wieder völlig er selbst. Ruhig, kalt, +schweigend, sah er dem König ins Auge. +</p> + +<p> +»Rechtfertige dich!« rief ihm dieser entgegen. +</p> + +<p> +»Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gerücht, +eine Klage sonder Kläger? Nie!« – »Man wird dich zu +zwingen wissen.« Hohn zuckte um des Präfekten schmale +Lippen. +</p> + +<p> +»Man kann mich ermorden auf bloßen Verdacht, ohne +Zweifel, – wir haben das erfahren, wir Italier! – +nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt giebt es keine +Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit.« – »Gerechtigkeit +soll dir werden, zweifle nicht. Wir übertragen den hier +anwesenden Römern die Untersuchung, dem Senat in Rom +die Urteilsfällung. Wähle dir einen Verteidiger.« – »Ich +verteidige mich selbst,« sprach Cethegus kühl. »Wie lautet +die Anklage? Wer ist mein Ankläger? Wo ist er?« – +»Hier,« rief der König und schlug den Vorhang zurück. +</p> + +<p> +Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rüstung trat +hervor. +</p> + +<p> +Wir kennen ihn. Es war Teja. +</p> + +<p> +Dem Präfekten drückte der Haß die Wimper nieder. +Jener aber sprach: »Ich, Teja, des Tagila Sohn, klage +dich an, Cethegus Cäsarius, des Hochverrats an diesem +Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verräter +Albinus in deinem Haus zu Rom zu bergen und zu +hehlen. Es steht der Tod darauf. Und du willst dies +Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.« +</p> + +<p> +»Das will ich nicht,« sprach Cethegus ruhig; »beweise +deine Klage.« – »Ich habe Albinus vor vierzehn Nächten +mit diesen Augen in deinen Garten treten sehen,« fuhr +<pb n='129'/><anchor id='Pg129'/>Teja zu den Richtern gewendet fort. »Er kam von der +Via sacra her, in einen Mantel gehüllt, einen Schlapphut +auf dem Kopf. Schon in zwei Nächten war die Gestalt +an mir vorbeigeschlüpft: diesmal erkannt ich ihn. Als ich +auf ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, +an der Thür, die sich von innen schloß.« – »Seit wann +spielt mein Amtsgenoß, der tapfre Kommandant von Rom, +den nächtlichen Späher?« – »Seit er einen Cethegus +zur Seite hat. Aber ob mir auch der Flüchtling entkam, +– diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie enthält +Namen von römischen Großen und neben den Namen +Zeichen einer unlösbaren Geheimschrift. Hier ist die Rolle.« +Er reichte sie dem König. Dieser las: »Die Namen sind: +Silverius, Cethegus, Licinius, Scävola, Calpurnius, Pomponius. +– Kannst du beschwören, daß der Vermummte +Albinus war?« +</p> + +<p> +»Ich will’s beschwören.« – »Wohlan, Präfekt. Graf +Teja ist ein freier, unbescholtener, eidwürdiger Mann. +Kannst du das leugnen?« +</p> + +<p> +»Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine +Eltern lebten in nichtiger, blutschänderischer Ehe: sie waren +Geschwisterkinder, die Kirche hat ihr Zusammensein verflucht +und seine Frucht: er ist ein Bastard und kann nicht +zeugen gegen mich, einen edeln Römer senatorischen Ranges.« +Ein Murren des Zornes entrang sich den anwesenden +Goten. Teja’s blasses Antlitz aber wurde noch bleicher. +Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans Schwert: »So vertret’ +ich mein Wort mit dem Schwert,« sprach er mit tonloser +Stimme. »Ich fordere dich zum Kampf, zum Gottesgericht +auf Tod und Leben.« – »Ich bin Römer und lebe nicht +nach eurem blutigen Barbarenrecht. Aber auch als Gote: +– ich würde dem Bastard den Kampf versagen.« – +»Geduld,« sprach Teja und stieß das halb gezückte Schwert +<pb n='130'/><anchor id='Pg130'/>leise in die Scheide zurück. »Geduld, mein Schwert. Es +kömmt dein Tag.« Aber die Römer im Saale atmeten auf. +</p> + +<p> +Der König nahm das Wort: »Wie dem sei, die Klage +ist genug begründet, die genannten Römer zu verhaften. +Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu entziffern suchen. +Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemächtigst dich +der fünf Verdächtigen, durchsuchst ihre Häuser und das des +Präfekten. Hildebrand, du verhafte den Verklagten, nimm +ihm das Schwert ab.« – »Halt,« sprach Cethegus, »ich +leiste Bürgschaft mit all’ meinem Gut, daß ich Ravenna +nicht verlasse, bis dieser Streit zu Ende. Ich verlange +Untersuchung auf freiem Fuß: das ist des Senators Recht.« +</p> + +<p> +»Kehr dich nicht dran, mein Sohn,« rief der alte +Hildebrand vortretend, »laß mich ihn fassen.« – »Laß,« +sprach der König, »Recht soll ihm werden, strenges Recht, +doch nicht Gewalt. Laß ab von ihm. Auch hat ihn die +Klage überrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. +Morgen um diese Stunde treffen wir uns wieder hier. +Ich löse die Versammlung.« +</p> + +<p> +Der König winkte mit dem Scepter: in höchster Aufregung +eilte Amalaswintha aus dem Gemach. Die Goten +traten freudig zu Teja. Die Römer drückten sich rasch an +Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur +Cassiodor schritt fest auf ihn zu, legte die Hand auf seine +Schulter, sah ihm prüfend ins Auge und fragte dann: +»Cethegus, kann ich dir helfen?« – »Nein, ich helfe mir +selbst,« sprach dieser, entzog sich ihm und schritt allein und +stolzen Ganges hinaus. +</p> + +</div><div n="10" type="kapitel"> +<pb n='131'/><anchor id='Pg131'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehntes Kapitel.</head> + +<p> +Der heftige Schlag, den der junge König so unerwartet +gegen den ganzen Grundbau der Regentschaft geführt hatte, +erfüllte bald den Palast und die Stadt mit Staunen, mit +Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Boëthius +brachte die erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen +zum Trost der erschütterten Regentin beschied. Mit Fragen +bestürmt erzählte er den ganzen Hergang ausführlich: und +so bestürzt oder unwillig er darüber war, auch aus seinem +feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des jungen +Fürsten unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla +jedem seiner Worte: Stolz, Stolz auf den Geliebten – +der Liebe glücklichstes Gefühl – erfüllte mächtig ihre ganze +Seele. +</p> + +<p> +»Es ist kein Zweifel,« schloß Cassiodor mit Seufzen, +»Athalarich ist unser entschiedenster Gegner: er steht ganz +zu der gotischen Partei, zu Hildebrand und seinen Freunden. +Er wird den Präfekten verderben. Wer hätte das von +ihm geglaubt! Immer muß ich daran denken, Rusticiana, +wie so ganz anders er sich bei dem Prozeß deines Gatten +benahm.« +</p> + +<p> +Kamilla horchte hoch auf. +</p> + +<p> +»Damals gewannen wir die Überzeugung, er werde +zeitlebens der glühendste Freund, der eifrigste Vertreter der +Römer sein.« – »Ich weiß davon nichts,« sagte Rusticiana. +– »Es ward vertuscht. Das Todesurteil war gesprochen +über Boëthius und seine Söhne. Vergebens hatten wir +alle, Amalaswintha voran, die Gnade des Königs angerufen: +sein Zorn war unauslöschlich. Als ich wieder und +wieder ihn bestürmte, fuhr er zornig auf und schwur bei +seiner Krone, der solle es im tiefsten Kerker büßen, der +<pb n='132'/><anchor id='Pg132'/>ihm noch einmal mit einer Fürbitte für die Verräter nahe. +Da verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, +der Knabe, ließ sich nicht schrecken, er weinte und +flehte und hing sich an seines Großvaters Knie. +</p> + +<p> +Kamilla erbebte: der Atem stockte ihr. +</p> + +<p> +»Und nicht ließ er ab, bis Theoderich in höchstem +Zorn emporfuhr, ihn mit einem Schlag in den Nacken +von sich schleuderte und den Wachen übergab. Der ergrimmte +König hielt seinen Eid. Athalarich ward in den +Kerker des Schlosses geführt und Boëthius sofort getötet.« +</p> + +<p> +Kamilla wankte und hielt sich an einer Säule des +Saales. +</p> + +<p> +»Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und +gelitten. +</p> + +<p> +Tags darauf vermißte der König an der Tafel schwer +den Liebling, den er von sich gebannt. Er gedachte, mit +welch edlem Mut er, der Knabe, für seine Freunde gebeten, +als die Männer in Furcht verstummten. Er stand +endlich auf von seinem Abendtrunk, bei dem er lange +sinnend saß, stieg selbst hinab in den Kerker, öffnete die +Pforte, umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte +deinen Söhnen, Rusticiana, das <anchor id="corr132"/><corr sic="Leben.">Leben.«</corr> +</p> + +<p> +»Fort, fort zu ihm!« sprach Kamilla mit erstickter +Stimme zu sich selbst und eilte aus dem Saal. +</p> + +<p> +»Damals,« fuhr Cassiodor fort, »damals mochten Römer +und Römerfreunde in dem künftigen König ihre beste Stütze +sehen und jetzt – meine arme Herrin, arme Mutter!« +und klagend schritt er hinaus. +</p> + +<p> +Rusticiana saß lange wie betäubt. Sie sah alles +wanken, worauf sie ihre Rachepläne gebaut: sie versank in +dumpfes Brüten. Länger und länger schon fielen die +Schatten der hohen, starken Türme in den Schloßhof, auf +welchen sie hinausstarrte. +</p> + +<pb n='133'/><anchor id='Pg133'/> + +<p> +Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, +erschrocken fuhr sie auf: Cethegus stand vor ihr. Sein +Antlitz war kalt und finster, aber eisig ruhig. +</p> + +<p> +»Cethegus!« rief die Bekümmerte und wollte seine Hand +fassen, aber seine Kälte schreckte sie zurück. »Alles verloren!« +seufzte sie, stehen bleibend. »Nichts ist verloren. +Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit,« setzte er, umblickend +im Gemach, hinzu. Als er sich allein mit ihr sah, griff +er in die Brustfalten seiner Toga. »Dein Liebestrank hat +nicht geholfen, Rusticiana. Hier ist ein andrer, – stärkrer. +Nimm.« Und rasch drückte er ihr eine Phiole von dunklem +Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah ihn die +Freundin an: »Glaubst du auf einmal an Magie und +Zaubertrank? Wer hat ihn gebraut?« – »Ich,« sagte +er, »und <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Liebestränke wirken.« – »Du!« – es +durchlief sie ein eisiges Grauen. »Frage nicht, forsche +nicht, säume nicht,« sprach er herrisch. »Es muß noch +heute geschehen. Hörst du? Noch heute.« +</p> + +<p> +Aber Rusticiana zögerte noch und sah zweifelnd auf +das Fläschchen in ihrer Hand. Da trat er heran, leise +ihre Schulter berührend: »Du zauderst,« sagte er langsam. +»Weißt du, was auf dem Spiele steht? nicht nur +unser ganzer Plan! Nein, blinde Mutter. Noch mehr. +Kamilla <hi rend='gesperrt'>liebt</hi>, liebt den König mit aller Kraft der jungen +Seele. Soll die Tochter des Boëthius die Buhle des +Tyrannen werden?« +</p> + +<p> +Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurück: was in +den letzten Tagen wie eine böse Ahnung in ihr aufgestiegen, +ward ihr gewiß mit diesem Einen Wort: noch +einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame +gesprochen und hinwegeilte sie, zornig die Faust um das +Fläschchen geballt. +</p> + +<p> +Ruhig sah ihr Cethegus nach. »Nun, Prinzlein, +<pb n='134'/><anchor id='Pg134'/>wollen wir sehen. Du warst rasch, ich bin rascher. – +Es ist eigen,« sagte er dann, die Falten seiner Toga +herabziehend, »ich glaubte längst nicht mehr, noch solche +heftige Regung empfinden zu können. Jetzt hat das Leben +wieder einen Reiz. Ich kann wieder streben, hoffen, +fürchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen Knaben, +der sich unterfängt, mit der kindischen Hand in meine +Kreise zu tappen. Er will mir trotzen – meinen Gang +aufhalten, er stellt sich kühn in meinen Weg: Er – mir! +wohlan, so trag’ er denn die Folgen.« +</p> + +<p> +Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte +sich nach dem Audienzsaal der Regentin, wo er sich absichtlich +der versammelten Menge zeigte und durch die +eigne Sicherheit den bestürzten Herzen der Hofleute einige +Ruhe wiedergab. Er sorgte dafür, zahlreicher Zeugen +für all’ seine Schritte an diesem verhängnisvollen Tag +sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging er +mit Cassiodor und einigen andern Römern, seine Verteidigung +für den nächsten Tag beratend, in den Garten, +in dessen Laubgängen er sich umsonst nach Kamilla +umsah. +</p> + +<p> +Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehört, +in den Hof des Palastes geeilt, wo sie zu dieser +Stunde den König mit den andern jungen Goten seines +Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen +wollte sie ihn, noch nicht ihn sprechen und ihm zu Füßen +ihr großes Unrecht abbitten. Sie hatte ihn verabscheut, +von sich gestoßen, ihn als mit dem Blut ihres Vaters +befleckt gehaßt – ihn, der sich für diesen Vater geopfert, +der ihre Brüder gerettet hatte! +</p> + +<p> +Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse +des Tages hielten ihn in seinem Arbeitszimmer +fest. Auch seine Waffengesellen fochten und spielten heute +<pb n='135'/><anchor id='Pg135'/>nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie +laut den Mut ihres jungen Königs. +</p> + +<p> +Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errötend, +selig träumend wandelte sie in den Garten und +suchte dort an allen seinen Lieblingsstätten die Spuren +des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: kühn und freudig gestand +sie sich’s ein: er hatte es tausendfach um sie verdient. +Was Gote, was Barbar! Er war ein edler herrlicher +Jüngling, ein König, der König ihrer Seele. Wiederholt +wies sie die begleitende Daphnidion aus ihrer Nähe, daß +diese nicht höre, wie sie wieder und wieder den geliebten +Namen selig vor sich hin sprach. Endlich am Venustempel +angelangt versank sie in süße Träume über die Zukunft, +die unklar, aber golden dämmernd, vor ihr lag. Vor +allem beschloß sie, dem Präfekten und ihrer Mutter schon +morgen zu erklären, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen +den König zählen zu sollen. Dann wollte sie diesem +selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten und dann +– dann? sie wußte nicht was dann werden solle: aber +sie errötete in holden Träumen. +</p> + +<p> +Rote, duftige Mandelblüten fielen aus den nickenden +Büschen: in dem dichten Oleander neben ihr sang +die Nachtigall, eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr +vorüber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses +Meeres rollten leise wie ihrer Liebe huldigend zu ihren +Füßen. +</p> + +</div><div n="11" type="kapitel"> +<pb n='136'/><anchor id='Pg136'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elftes Kapitel.</head> + +<p> +Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender +Schritt auf den Sandwegen. Der Gang war so rasch +und so bestimmt der Tritt, daß sie nicht Athalarich vermutete. +Aber es war der König: verändert in Haltung +und Erscheinen, männlicher, kräftiger, fester. Hoch trug +er das sonst zur Brust gebeugte Haupt und das Schwert +Theoderichs klirrte an seiner Hüfte. +</p> + +<p> +»Gegrüßt, gegrüßt, Kamilla,« rief er ihr laut und +lebhaft entgegen. »Dein Anblick ist der schönste Lohn für +diesen heißen Tag.« +</p> + +<p> +So hatte er noch nie zu ihr gesprochen. +</p> + +<p> +»Mein König,« flüsterte sie erglühend: einen leuchtenden +Blick noch warfen die braunen Augen auf ihn: dann +senkten sich die langen Wimpern. Mein König! so hatte +sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. »Dein +König?« sagte er, sich neben ihr niederlassend, »ich fürchte, +so wirst du mich nicht mehr nennen, wenn du erfährst, +was alles heute geschehen.« +</p> + +<p> +»Ich weiß alles.« – »Du weißt? Nun dann, Kamilla, +sei gerecht: schilt nicht, ich bin kein Tyrann.« Der +Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um seine schönsten +Thaten. +</p> + +<p> +»Sieh, ich hasse die Römer nicht, der Himmel weiß +es, – sie sind ja <hi rend='gesperrt'>dein</hi> Volk! – ich ehre sie und ihre +alte Größe, ich achte ihre Rechte. Aber mein Reich, den +Bau Theoderichs, muß ich beschützen, streng und unerbittlich, +und weh der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht,« +fuhr er langsamer und feierlich fort, »vielleicht ist +dies Reich schon verurteilt in den Sternen – gleichviel, +ich, sein König, muß mit ihm stehen und fallen.« +</p> + +<pb n='137'/><anchor id='Pg137'/> + +<p> +»Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein König.« +</p> + +<p> +»Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder +gut! Solcher Güte darf ich wohl anvertrauen, welcher +Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh’, ich war +ein kranker, irrer Träumer, ohne Halt, ohne Freude, dem +Tode gern entgegenwankend. Da trat an meine Seele +die Gefahr dieses Reichs, die thätige Sorge um mein +Volk: und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die +Liebe, die mächtige Liebe zu meinen Goten, und diese +stolze und bange und wachsame Liebe für mein Volk, sie +hat mein Herz gestärkt und getröstet für ... für andres +bitter schmerzliches Entsagen. Was liegt an meinem Glück, +wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat mich +gesund gemacht und stark und wahrlich! des Größten könnt’ +ich jetzt mich unterwinden.« +</p> + +<p> +Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend. +</p> + +<p> +»O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu +Roß und in waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne +sinkt. Es ladet die spiegelnde Flut. Komm, komm mit +in den Kahn.« Kamilla zögerte. Sie blickte um. »Die +Dienerin? Ach laß sie! Dort ruht sie unter der Palme +an der Quelle, sie schläft. Komm, komm rasch, eh’ die +Sonne versinkt. Sieh die goldne Straße auf der Flut. Sie +winkt!« – »Zu den Inseln der Seligen?« fragte das liebliche +Mädchen mit einem holdseligen Blick und leicht errötend. +</p> + +<p> +»Ja, komm zu den seligen Inseln!« antwortete er +glücklich, hob sie rasch in den Kahn, löste dessen Silberkette +von den Widderköpfen des Quais, sprang hinein, +ergriff das zierliche Ruder und stieß ab. Dann legte er +das Ruder in die Öse zur Linken: und im hintern +Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er zugleich, +eine schöne und malerische Bewegung, und ein echt germanischer +Fergenbrauch. +</p> + +<pb n='138'/><anchor id='Pg138'/> + +<p> +Kamilla saß vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf +einem Diphros, dem griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, +und sah ihm in das edle Antlitz, das von der rotschimmernden +Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar +flog im Winde und herrlich waren die raschen und kräftigen +Bewegungen des fein gebauten Ruderers zu schauen. +Beide schwiegen. Pfeilschnell schoß die leichte Barke durch +die glatte Flut. +</p> + +<p> +Flockige, rosige Abendwölklein zogen langsam über den +Himmel, der leise Wind führte von den Mandelgebüschen +des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich, und rings +war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der König +das Schweigen und sprach, dem Bot einen kräftigen Druck +gebend, daß es gehorsam vorwärts schoß: »Weißt du, was +ich denke? Wie schön muß es sein ein Reich, ein Volk, +viel tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch +Wind und Wellen sicher vorwärts zu steuern zu Glück und +Glanz. – Was aber sannest du, Kamilla? Du sahst so +mild, es sind gute Gedanken gewesen.« Sie errötete und +blickte seitab in die Flut. +</p> + +<p> +»O sprich doch, sei offen in dieser schönen Stunde.« +</p> + +<p> +»Ich dachte,« flüsterte sie vor sich hin, das feine +Köpfchen noch immer abgewendet, »wie schön muß es sein, +von treuer, geliebter Hand, der man so ganz vertraut, +gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens.« – +»O, Kamilla, glaub mir, auch dem Barbaren kann man +sich vertraun« – – »Du bist kein Barbar! Wer zart +empfindet und edel denkt und sich hochherzig überwindet +und schweren Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, +er ist ein edles Menschenbild, wie je ein Scipio gewesen.« +Entzückt hielt der König im Rudern inne, das Schiff +stand: »Kamilla! träum ich? sprichst du das? und zu +mir?« +</p> + +<pb n='139'/><anchor id='Pg139'/> + +<p> +»Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergieb, +daß ich dich so grausam von mir gestoßen. Ach, es war +nur Scham und Furcht.« – »Kamilla, Perle meiner +Seele« – Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, +rief plötzlich: »was ist das? Man folgt uns. Der Hof, +die Frauen, meine Mutter.« So war es. Rusticiana +hatte, von des Präfekten furchtbarem Wink getrieben, ihre +Tochter im Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte +nach dem Venustempel. Umsonst. Umherschauend sah sie +plötzlich die beiden, ihr Kind mit ihm allein, auf dem +Schiff, fern im Meer. In höchstem Zorn flog sie an den +Marmortisch, an dem die Sklaven eben den Abendbecher +des Königs mischten, schickte sie die Stufen hinab, eine +Gondel zu lösen, gewann so einen unbelauschten Augenblick +an dem Tisch und stieg gleich darauf mit Daphnidion, die +ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen hinab nach dem +Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang +der Präfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln +ebenfalls an diese Stelle führte. Cethegus folgte +ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in den +Kahn zu steigen. »Es ist geschehen,« flüsterte sie ihm dabei +zu und die Gondel stieß ab. In diesem Augenblick +war es, daß das junge Paar auf die Bewegung am Ufer +aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte erwarten, +der König werde das Schiff wenden. Aber dieser rief: +»Nein, sie sollen mir diese Stunde nicht rauben, die schönste +meines Lebens. Ich muß noch mehr von diesen süßen +Worten schlürfen. O, Kamilla, du mußt mir mehr, du +mußt mir alles sagen. Komm, wir landen auf der Insel +dort, da mögen sie uns finden.« Und mächtig ausgreifend +drückte er mit aller Kraft auf das Ruder, daß das Fahrzeug +wie beflügelt dahinschoß. +</p> + +<p> +»Willst du nicht weiter sprechen?« +</p> + +<pb n='140'/><anchor id='Pg140'/> + +<p> +»O, mein Freund, mein König – dringe nicht in +mich.« Er sah nur ihr in das liebliche Antlitz, in +das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel. +»Nun warte – dort auf der Insel – dort sollst du +mir« – – +</p> + +<p> +Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag – da erdröhnte +ein dumpfer Krach, das Schiff war angeprallt +und fuhr schütternd zurück. +</p> + +<p> +<anchor id="corr140"/><corr sic="»Himmel!">»Himmel!«</corr> rief <anchor id="corr140a"/><corr sic="Camilla">Kamilla</corr> aufspringend und nach dem +Schnabel des Schiffes sehend: ein ganzer Schwall von +Wasser sprudelte herein ihr entgegen. +</p> + +<p> +»Das Schiff ist geborsten – wir sinken,« sprach sie +erbleichend. – »Hierher zu mir, laß mich sehen,« rief +Athalarich vorspringend. »Ah, das sind die Nadeln der +Amphitrite – wir sind verloren.« Die Nadeln der Amphitrite +– wir wissen, man konnte sie von der Terrasse +des Venustempels kaum erkennen – waren zwei schmale +scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nächsten +der Laguneninseln: sie ragten kaum über den Wasserspiegel, +bei leisestem Wind gingen die Wellen über sie weg. Athalarich +kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer +leicht vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten +Augen geblickt. +</p> + +<p> +Mit einem Blick übersah er die Lage. Es gab keine +Rettung. +</p> + +<p> +Ein Bret im Boden des leicht gezimmerten Gefährts +war durch den Anprall an der Klippe zertrümmert, gewaltig +drang das Wasser durch den Leck. +</p> + +<p> +Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde. +</p> + +<p> +Schwimmend mit Kamilla die nächste Insel oder das +Ufer zu erreichen, konnte er nicht hoffen und das Ruderschiff +Rusticianens hatte kaum erst abgestoßen. Mit Blitzesschnelle +hatte er all’ das überschaut, erwogen, eingesehen, +<pb n='141'/><anchor id='Pg141'/>und warf einen entsetzten Blick auf das Mädchen. »Geliebte, +du stirbst,« jammerte er verzweifelnd, »und ich, +ich hab’s verschuldet.« Und er umfaßte sie stürmisch. +»Sterben?« rief sie, »o nein! nicht so jung, nicht jetzt +sterben! Leben, leben mit dir.« Und sie klammerte sich +fest an seinen Arm. Der Ton, die Worte durchschnitten +sein Herz. +</p> + +<p> +Er riß sich los, er sah nach Rettung ringsumher, +umsonst, umsonst – immer höher stieg das Wasser, +immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder weg. +»Es ist aus, alles aus, Geliebte. Laß uns Abschied nehmen.« +– »Nein! nicht mehr scheiden! Muß es gestorben +sein: – o dann hinweg alle Scheu, welche die Lebendigen +bindet« – und glühend drückte sie das Haupt +an seine Brust – »o laß dir sagen, laß dir noch gestehn, +wie ich dich liebe, wie lange schon, seit – seit immer. +All’ mein Haß war ja nur verschämte Liebe. Gott, ich +liebte dich schon, da ich wähnte, ich müsse dich verabscheuen. +Ja du sollst wissen, wie ich dich liebe.« Und +sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Küssen. +»O, jetzt will ich auch sterben – lieber sterben mit dir +als leben ohne dich. Aber nein« – und sie riß sich von +ihm los – »du sollst nicht sterben – laß mich hier, +springe, schwimme, versuch’s, du allein erreichst die Insel +wohl – versuch’s und laß mich.« +</p> + +<p> +»Nein,« rief er selig, »lieber sterben mit dir als leben +ohne dich. Nach so langem, langem Sehnen endlich Erfüllung! +Wir gehören einander auf ewig von dieser Stunde. +Komm, Kamilla, Geliebte, laß uns hinab.« +</p> + +<p> +Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. +Er zog sie an sich, umschlang sie mit dem linken +Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit +über Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich +<pb n='142'/><anchor id='Pg142'/>zum jähen Sprunge an, – da entrang sich beiden ein +froher Schrei der Hoffnung. +</p> + +<p> +Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, +die unfern von ihnen ins Meer ragte, ein Schiff +mit vollen Segeln, das gerade auf sie los eilte. +</p> + +<p> +Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls +die Lage des sinkenden Kahns, vielleicht die Person +des Königs: vierzig Ruder, aus zwei Stockwerken von +Ruderbänken zugleich in die Flut getaucht, beförderten den +Flug des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem +Wind mit allen Segeln daherschoß. Die Leute auf dem +Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald – es war +die höchste Zeit – lag der Bauch der Bireme neben der +Gondel, die augenblicklich versank, nachdem das Paar durch +die Lukenpforte des untern Ruderstockwerks an Bord gerettet +war. Es war ein kleines gotisches Wachtschiff, der +goldene, steigende Löwe, das Wappen der Amalungen, +glänzte auf der blauen Flagge: Aligern, ein Vetter Tejas, +befehligte es. +</p> + +<p> +»Dank euch, wackre Freunde,« sprach Athalarich, da er +wieder Worte gefunden, »Dank! ihr habt nicht euren König +nur, ihr habt eure Königin gerettet.« +</p> + +<p> +Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um +den Glücklichen, der die laut weinende Kamilla in seinen +Armen hielt. »Heil unsrer schönen jungen Königin!« +jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte +donnernd nach: »Heil, Heil unsrer Königin!« In diesem +Augenblick rauschte der Segler an dem Kahn Rusticianens +vorbei: der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige aus +der Erstarrung von Entsetzen und Betäubung, die sie ergriffen, +da die beiden erschrocknen Rudersklaven die Gefahr +des jungen Paares auf dem sinkenden Boot entdeckt und +zugleich erklärt hatten, es sei ihnen unmöglich, sie +recht<pb n='143'/><anchor id='Pg143'/>zeitig aus den Wellen zu retten. Da war sie besinnungslos +Daphnidion in die Arme gefallen. +</p> + +<p> +Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. +Sie staunte: war es ein Traumbild, was sie sah? oder +war es wirklich ihre Tochter, die dort auf dem Deck des +Gotenschiffs, das stolz an ihr vorüberrauschte, an der Brust +des jungen Königs lag? und jauchzten wirklich dazu +jubelnde Stimmen: »Heil Kamilla, unsrer Königin?« +</p> + +<p> +Sie starrte auf die vorübergleitende Erscheinung, sprachlos, +lautlos. Aber das rasch fliegende Segelschiff war schon +an ihrem Kahn vorüber und dem Lande nah. Es ankerte +außerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward herabgelassen, +das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen +sprangen hinein und bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe +hinan, wo, außer Cethegus und seiner Begleitung, +eine Menge von Leuten sich versammelt hatte, die vom +Palast oder vom Garten aus mit Schrecken die Gefahr +des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt herbeieilten, +die Geretteten zu begrüßen. Unter Glückwünschen und +Segensrufen stieg Athalarich die Stufen hinan. +</p> + +<p> +»Seht hier,« sprach er, vor dem Tempel angelangt, +»sehet, Goten und Römer, eure Königin, meine Braut. +Uns hat der Gott des Todes zusammengeführt, nicht wahr, +Kamilla?« Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: +die Aufregung und der jähe Wechsel von Schrecken und +Freude hatten den kaum Genesenen übermächtig erschüttert: +sein Antlitz war marmorblaß, er wankte und griff wie Luft +schöpfend krampfhaft an seine Brust. +</p> + +<p> +»Um Gott,« rief Kamilla, einen Anfall des alten +Leidens fürchtend, »dem König ist nicht wohl. Rasch den +Wein, die Arznei!« Sie flog an den Tisch, ergriff den +Silberbecher, der bereit stand, und drängte ihn in seine +Hand. +</p> + +<pb n='144'/><anchor id='Pg144'/> + +<p> +Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem +Blick jeder seiner Bewegungen. +</p> + +<p> +Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber plötzlich +ließ er ihn nochmal sinken, er lächelte: »du mußt mir +zutrinken, wie’s der gotischen Königin ziemt an ihrem Hof,« +und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn aus seiner +Hand. +</p> + +<p> +Einen Augenblick durchzuckte es den Präfekten siedend +heiß. Er wollte hinzustürzen, ihr den Trank aus der +Hand reißen, ihn verschütten. +</p> + +<p> +Aber er hielt sich zurück. That er’s, so war er unrettbar +verloren. Nicht nur morgen als Hochverräter, nein, +sofort als Giftmörder angeklagt und überführt. +</p> + +<p> +Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft +Roms. Und um wen? – Um ein verliebtes Mädchen, +das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. – Nein, sagte +er kalt zu sich, die Faust zusammendrückend, sie oder Rom: +– also sie! Und ruhig sah er zu, wie das Mädchen, +hold errötend, einen leichten Trunk aus dem Becher nahm, +den der König darauf tief schlürfend bis zum Grunde +leerte. Er zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch +niedersetzte. »Kommt hinauf ins Palatium,« sprach +er fröstelnd, den Mantel über die linke Schulter schlagend, +»mich friert.« Und er wandte sich. +</p> + +<p> +Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick +still und sah dem Präfekten eindringend ins Auge. +</p> + +<p> +»Du hier?« sagte er finster und trat einen Schritt +auf ihn zu: da zuckte er nochmal und stürzte mit einem +jähen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder. +</p> + +<p> +»Athalarich!« rief Kamilla und warf sich taumelnd +über ihn. Der alte Corbulo sprang aus der Schar der +Diener zuerst hinzu: »Hilfe,« rief er, »sie stirbt – der +König!« +</p> + +<pb n='145'/><anchor id='Pg145'/> + +<p> +»Wasser! rasch Wasser!« sprach Cethegus laut. Und +entschlossen trat er an den Tisch, ergriff den Silberbecher, +bückte sich, spülte ihn schnell, aber gründlich in der Quelle +und neigte sich über den König, der in Cassiodors Armen +lag, indeß Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Kniee +legte. +</p> + +<p> +Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar +leblosen Gestalten. +</p> + +<p> +»Was ist geschehen? Mein Kind!« mit diesem Schrei +drängte sich Rusticiana, die soeben gelandet, an der Tochter +Seite. »Kamilla!« rief sie verzweifelt, »was ist mit dir?« +</p> + +<p> +»Nichts!« sagte Cethegus ruhig, sich prüfend über die +beiden beugend. »Es ist nur eine Ohnmacht. Aber den +jungen König hat sein Herzkrampf hingerafft. Er ist tot.« +</p> + +<pb n='146'/><anchor id='Pg146'/> + +</div></div><div n="3" type="buch" rend="page-break-before: right"> +<pb n='147'/><anchor id='Pg147'/> + <index index="toc" level1="Drittes Buch. Amalaswintha."/><index index="pdf" level1="Drittes Buch. Amalaswintha."/> +<head type="sub">Drittes Buch.</head> + +<head>Amalaswintha.</head> + +<epigraph> +<p> +»Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart,<lb/> +sonder kräftig wahrte sie ihr Königtum.« +</p> + <p rend="text-align: right">Prokop, Gotenkrieg I. 2</p> +</epigraph> + +<pb n='148'/><anchor id='Pg148'/> + +<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right"> +<pb n='149'/><anchor id='Pg149'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs +plötzliches Ende die gotische Partei, die an diesem +nämlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt hatte. +Alle Maßregeln, die der König in ihrem Sinne angeordnet, +waren gelähmt, die Goten plötzlich wieder ohne Vertretung +in dem Staat, an dessen Spitze jetzt die Regentin +ganz allein gestellt war. +</p> + +<p> +Am frühen Morgen des nächsten Tages stellte sich +Cassiodor bei dem Präfekten ein. Er fand diesen in +ruhigem, festem Schlaf. +</p> + +<p> +»Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach +einem solchen Schlag!« – »Ich schlief,« sagte Cethegus +sich auf den linken Arm aufrichtend, »im Gefühle neuer +Sicherheit.« – »Sicherheit! ja für dich, aber das Reich!« +</p> + +<p> +»Das Reich war mehr gefährdet durch diesen Knaben +als ich. Wo ist die Königin?« – »Am offenen Sarge +ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze Nacht.« +</p> + +<p> +Cethegus sprang auf: »das darf nicht sein,« rief er. +»Das thut nicht gut. Sie gehört dem Staat, nicht dieser +Leiche. Um so weniger, als ich von Gift flüstern hörte. +Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?« +</p> + +<p> +»Sehr ungewiß. Der griechische Arzt Elpidios, der +die Leiche untersuchte, sprach zwar von einigen auffallenden +<pb n='150'/><anchor id='Pg150'/>Erscheinungen. Aber, wenn Gift gebraucht worden, meinte +er, müßte es ein sehr geheimes, ihm völlig fremdes sein. +In dem Becher, daraus der Arme den letzten Trunk gethan, +fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts. +So glaubt man allgemein, die Aufregung habe das alte +Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet. Aber doch +ist es gut, daß man dich von dem Augenblick, da du die +Versammlung verließest, immer vor Zeugen gesehen: der +Schmerz macht argwöhnisch.« +</p> + +<p> +»Wie steht es um Kamilla?« forschte der Präfekt +weiter. – »Sie soll von ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht +sein; die Ärzte fürchten das Schlimmste. – Aber +ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? +Die Regentin sprach davon, die Untersuchung gegen dich +niederzuschlagen.« – »Das darf nicht sein!« rief Cethegus. +»Ich fordre die Durchführung. Eilen wir zu +ihr.« – »Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören?« +– »Ja, das will ich! Deine zarte Rücksicht bebt davor +zurück? Gut, komme du nach, wenn ich das Eis gebrochen.« +</p> + +<p> +Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, +ihn anzukleiden. Bald darauf schritt er, in dunkelgraues +Trauergewand gehüllt, hinab zu dem Gewölbe, wo die +Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen +und die Frauen Amalaswinthens hinweg, die den Eingang +hüteten und trat geräuschlos ein. +</p> + +<p> +Es war die niedrig gewölbte Halle, in der ehedem die +Leichen der Kaiser mit Salben und Brennstoffen waren +für den Scheiterhaufen bereitet worden. Das schweigende +Gelaß, mit dunkelgrünem Serpentin getäfelt, von kurzen +dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen, war +nie von der Tageshelle beleuchtet: auch jetzt fiel auf die +düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der +<pb n='151'/><anchor id='Pg151'/>Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln, +die an dem Steinsarkophag des jungen Königs +mit unstetem Schimmer flackerten. +</p> + +<p> +Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, +Schwert und Schild zu seinen Häupten. +</p> + +<p> +Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um +die dunkeln Locken gewunden. Die edeln Züge ruhten in +ernster, bleicher Schöne. +</p> + +<p> +Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe +Gestalt der Regentin, das Haupt auf den linken Arm gestützt, +der auf dem Sarkophage ruhte: der rechte hing erschlafft +herab. Sie konnte nicht mehr weinen. +</p> + +<p> +Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch +in dieser Grabesstille. – +</p> + +<p> +Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der +Poesie des Anblicks. Aber mit einem Zusammenziehen +der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid +erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und Ruhe. +Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand +Amalaswinthens. »Erhebe dich, hohe Frau, du gehörst den +Lebendigen, nicht den Toten.« +</p> + +<p> +Erschrocken sah sie auf: »Du hier, Cethegus? Was +suchst du hier?« +</p> + +<p> +»Eine Königin.« +</p> + +<p> +»O, du findest nur eine weinende Mutter!« rief sie +schluchzend. – »Das kann ich nicht glauben. Das Reich ist +in Gefahr und Amalaswintha wird zeigen, daß auch ein +Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.« +</p> + +<p> +»Das kann sie,« sagte sie, sich aufrichtend: »Aber sieh +auf ihn hin. – Wie jung, wie schön –! Wie konnte der +Himmel so grausam sein.« – »Jetzt oder nie,« dachte Cethegus. +»Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.« +</p> + +<p> +»Wie redest du? was hatte mein edler Sohn +ver<pb n='152'/><anchor id='Pg152'/>schuldet? Wagst du ihn anzuklagen?« – »Nicht ich! Doch +eine Stelle der heiligen Schrift hat sich erfüllt an ihm: +»Ehre Vater und Mutter, auf daß du lang lebest auf +Erden.« Die Verheißung ist auch eine Drohung. Gestern +hat er gefrevelt gegen seine Mutter und sie verunehrt in +trotziger Empörung: – heute liegt er hier. Ich sehe darin +den Finger Gottes.« +</p> + +<p> +Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz. Sie hatte dem +Sohn an seinem Sarge seine Auflehnung herzlich vergeben. +Aber diese Auffassung, diese Worte ergriffen sie doch mächtig +und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen +Gewohnheit des Herrschens. »Du hast, o Königin, die +Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis +zurückberufen. Letzteres mag sein. Aber ich fordere die +Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung +als mein Recht.« +</p> + +<p> +»Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, +wenn ich es jemals müßte. Sage mir: ich weiß von keiner +Verschwörung! und alles ist abgethan.« – Sie schien +seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine Weile. +Dann sagte er ruhig: »Königin, ich weiß von einer Verschwörung.« +</p> + +<p> +»Was ist das?« rief die Regentin und sah ihn drohend +an. – »Ich habe diese Stunde, diesen Ort gewählt,« fuhr +Cethegus mit einem Blick auf die Leiche fort, »dir meine +Treue entscheidend zu besiegeln, daß sie dir unauslöschlich +möge ins Herz geschrieben sein. Höre und richte mich.« – +»Was werd’ ich hören?« sprach die Königin wachsam und +fest entschlossen, sich weder täuschen noch erweichen zu lassen. +»Ich wär’ ein schlechter Römer, Königin, und du müßtest +mich verachten, liebte ich nicht vor allem andern mein Volk. +Dies stolze Volk, das selbst du, die Fremde, liebst. Ich +wußte, – wie du es weißt – daß der Haß gegen euch +<pb n='153'/><anchor id='Pg153'/>als Ketzer, als Barbaren in den Herzen fortglimmt. Die +letzten strengen Thaten deines Vaters hatten ihn geschürt. +Ich ahnte eine Verschwörung. Ich suchte, ich entdeckte sie.« +– »Und verschwiegst sie!« sprach die Regentin, zürnend sich +erhebend. – »Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten +wollten die Griechen herbeirufen und nach Vernichtung +der Goten sich dem Kaiser unterwerfen.« – »Die +Schändlichen!« rief Amalaswintha heftig. – »Die Thoren! +Sie waren schon soweit gegangen, daß nur Ein Mittel +blieb, sie zurückzuhalten: ich trat an ihre Spitze, ich ward ihr +Haupt.« – »Cethegus!« – »Dadurch gewann ich Zeit und +konnte edle, wenn auch verblendete Männer von dem Verderben +zurückhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen +darüber öffnen, daß ihr Plan, wenn er gelänge, nur eine +milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen würde. +Sie sahen es ein, sie folgten mir und kein Byzantiner +wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe, ich – oder du.« +</p> + +<p> +»Ich! rasest du?« – »Nichts ist den Menschen zu +verschwören! sagt Sophokles, dein Liebling. Laß dich +warnen, Königin, die du die dringendste Gefahr nicht siehst. +Eine andre Verschwörung, viel gefährlicher als jene römische +Schwärmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht +der Amaler, in nächster Nähe – eine Verschwörung +der Goten.« +</p> + +<p> +Amalaswintha erbleichte. +</p> + +<p> +»Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, daß nicht +deine Hand mehr das Ruder dieses Reiches führt. Ebensowenig +dieser edle Tode, der nur ein Werkzeug deiner +Feinde war. Du weißt es, Königin, viele in deinem Volk +sind blutdürstende Barbaren, raubgierig, roh: sie möchten +dies Land brandschatzen, wo Vergil und Tullius gewandelt. +Du weißt, dein trotziger Adel haßt die Übermacht des +Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen. Du +<pb n='154'/><anchor id='Pg154'/>weißt, die rauhen Goten denken nicht würdig von dem +Beruf des Weibes zur Herrschaft.« – »Ich weiß es,« sprach +sie stolz und zornig. – »Aber nicht weißt du, daß alle diese +Parteien sich geeinigt haben. Geeinigt gegen dich und dein +römerfreundlich Regiment. Dich wollen sie stürzen oder zu +ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen von +deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, +das Königtum ein Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser +soll entbrennen. Und Gewalt, Erpressung, Raub über uns +Römer hereinbrechen.« – »Du malst eitle Schreckbilder!« – +»War ein eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn +nicht der Arm des Himmels eingriff, warst nicht du selbst +– wie ich – der Macht beraubt? Warst du denn noch +Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? Sind sie nicht +schon so mächtig, daß der heidnische Hildebrand, der bäuerische +Witichis, der finstre Teja in deines bethörten Sohnes +Namen offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene +rebellischen drei Herzoge zurückberufen? Und deine widerspenstige +Tochter und –« – »Wahr, zu wahr!« seufzte die +Königin. +</p> + +<p> +»Wenn diese Männer herrschen – dann lebt wohl +Wissenschaft und Kunst und edle Bildung! Leb wohl, Italia, +Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in Flammen auf, +ihr weißen Pergamente, brecht in Trümmer, schöne Statuen. +Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen und späte +Enkel werden bezeugen: solches geschah unter Amalaswintha, +der Tochter Theoderichs.« +</p> + +<p> +»Nie, niemals soll das geschehen! Aber –« +</p> + +<p> +»Du willst Beweise? Ich fürchte, nur zu bald wirst +du sie haben. Du siehst jedoch schon jetzt: auf die Goten +kannst du dich nicht stützen, wenn du jene Greuel verhindern +willst. Gegen sie schützen nur wir dich, wir, denen du +ohnehin angehörst nach Geist und Bildung, wir Römer. +<pb n='155'/><anchor id='Pg155'/>Dann, wenn jene Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen, +dann laß mich jene Männer um dich scharen, die +sich einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie +schützen dich und sich selbst zugleich.« +</p> + +<p> +»Cethegus,« sprach die bedrängte Frau, »du beherrschest +die Menschen leicht! Wer, sage mir, wer bürgt mir für die +Patrioten, für deine Treue?« +</p> + +<p> +»Dies Blatt, Königin, und dieses! Jenes enthält eine +genaue Liste der römischen Verschwornen – du siehst, es +sind viele hundert Namen: dies die Glieder des gotischen +Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber ich rate +gut. Mit diesen beiden Blättern geb’ ich die beiden Parteien, +geb’ ich mich selbst ganz in deine Hand. Du kannst +mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst als Verräter +entlarven, der vor allem <hi rend='gesperrt'>deine</hi> Gunst gesucht, kannst mich +preisgeben dem Haß der Goten – ich habe jetzt keinen +Anhang mehr, sobald du willst: ich stehe allein, allein auf +dem Boden deiner Gunst.« +</p> + +<p> +Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen +durchflogen. »Cethegus,« rief sie jetzt, »ich will deiner +Treue gedenken und dieser Stunde!« Und sie reichte ihm +gerührt die Hand. +</p> + +<p> +Cethegus neigte leise das Haupt. »Noch eins, o Königin. +Die Patrioten, fortan deine Freunde wie die meinen, wissen +das Schwert des Verderbens, des Hasses der Barbaren +über ihren Häuptern hangen. Die Erschrocknen bedürfen +der Aufrichtung. Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern: +stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes +und laß mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen deiner +Gnade geben.« +</p> + +<p> +Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die +er ihr reichte. Einen Augenblick noch zögerte sie nachdenklich: +dann aber schrieb sie rasch ihren Namen und gab +<pb n='156'/><anchor id='Pg156'/>ihm Griffel und Tafel zurück: »Hier, sie sollen mir treu +bleiben, treu wie du.« +</p> + +<p> +Da trat Cassiodorus ein: »o Königin, die gotischen +Großen harren dein. Sie begehren dich zu sprechen.« +</p> + +<p> +»Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen,« +sprach sie heftig: »du aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge +des Beschlusses, den diese ernste Stunde in mir gereift, +den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der Präfekt +von Rom ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der +treuste ist: sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen +und an meinem Thron.« +</p> + +<p> +Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln +Stufen hinan. Langsam folgte Cethegus: er hob die Wachstafel +in die Höhe und sprach zu sich selbst: »Jetzt bist du +mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser Liste +trennt dich auf immer von deinem Volk.« – – +</p> +</div><div n="2" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder +zu dem Erdgeschoß des Palastes aufgetaucht war und sich +anschickte, der Regentin zu folgen, ward sein Ohr berührt +und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende Flötentöne. +Er erriet, was sie bedeuteten. +</p> + +<p> +Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald +entschloß er sich zu bleiben. »Einmal muß es doch geschehen, +also am besten gleich,« dachte er. »Man muß +prüfen, wie weit sie unterrichtet ist.« +</p> + +<p> +Immer näher kamen die Flöten, wechselnd mit eintönigen +Klagegesängen. <anchor id="corr156"/><corr sic="Chetegus">Cethegus</corr> trat in eine breite Nische des +<pb n='157'/><anchor id='Pg157'/>dunklen Ganges, in welchen schon die Spitze des kleinen +Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle römische +Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den +Händen. Darauf folgte ein Priester, dem eine hohe +Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen wurde. +Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie, angeführt +von Corbulo, und die Flötenbläser. Dann erschien, +von vier römischen Mädchen getragen, ein offener, blumenüberschütteter +Sarg: da lag auf weißem Linnentuch die +tote Kamilla, in bräutlichem Schmuck, einen Kranz von +weißen Rosen um das schwarze Haar: ein Zug lächelnden +Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund. Hinter +dem Sarg aber wankte, mit gelöstem Haar, stier vor sich +hinblickend, die unselige Mutter, von Matronen umgeben, +welche die Sinkende stützten. Eine Reihe von Sklavinnen +schloß den Zug, der sich langsam in das Totengewölbe +verlor. +</p> + +<p> +Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und +hielt sie an. »Wann starb sie?« fragte er ruhig. – »Ach, +Herr, vor wenigen Stunden! Oh die gute, schöne, freundliche +Domna!« – »Ist sie noch einmal erwacht zu vollem +Bewußtsein?« +</p> + +<p> +»Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie +die großen Augen nochmal auf und schien rings umher +zu suchen. »Wo ist er hin?« fragte sie die Mutter. +»Ach, ich sehe ihn,« rief sie dann und hob sich aus den +Kissen. »Kind, mein Kind, wo willst du hin?« weinte +die Herrin. »Nun, dorthin,« sagte sie mit verklärtem +Lächeln: »nach den Inseln der Seligen!« und sie schloß die +Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde +Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund – und sie war dahin, +dahin auf ewig!« – <anchor id="corr157"/><corr sic="Wer">»Wer</corr> hat sie hier herab bringen lassen?« +– »Die Königin. Sie erfuhr alles und befahl die Tote +<pb n='158'/><anchor id='Pg158'/>als die Braut ihres Sohnes neben ihm auszustellen und +zu bestatten.« +</p> + +<p> +»Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so plötzlich +sterben?« – »Ach der Arzt sah sie nur flüchtig; er hatte +alle Gedanken bei der Königsleiche und die Herrin litt ja +gar nicht, daß der fremde Mann ihre Tochter berühre. +Das Herz ist ihr eben gebrochen: daran mag man wohl +sterben! Aber still, sie kommen.« Der Zug ging in derselben +Ordnung, ohne den Sarg, zurück. Daphnidion schloß +sich an. Nur Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus +den einsamen Gang auf und nieder, sie zu erwarten. +</p> + +<p> +Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. +Sie wankte und drohte zu fallen. Da ergriff er rasch +ihren Arm. »Rusticiana, fasse dich!« +</p> + +<p> +»Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, +wir beide haben sie ermordet!« Und sie brach auf seine +Schulter zusammen. »Schweig, Unselige!« flüsterte er, sich +umsehend. +</p> + +<p> +»Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie getötet. Ich habe +den Trank gemischt, der ihm den Tod gebracht.« +</p> + +<p> +Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, daß sie <anchor id="corr158"/><corr sic="getrunken">getrunken,</corr> +geschweige, daß ich sie trinken sah. »Es ist ein grausamer +Streich des Geschicks,« sagte er laut; »aber bedenke, was +sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn!« – »Was +werden sollte?« rief Rusticiana, von ihm zurücktretend. +</p> + +<p> +»O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? +Wäre sie sein geworden, sein Weib, – seine Geliebte, wenn +sie nur lebte!« – »Aber du <anchor id="corr158a"/><corr sic="vergießt">vergißt</corr>, daß er sterben +mußte.« – »Mußte? warum mußte er sterben? auf daß +du deine stolzen Pläne hinausführst! O Selbstsucht ohnegleichen!« +– »Es sind deine Pläne, die ich ausführe, +nicht die meinen; wie oft muß ich dir’s wiederholen? Du +hast den Gott der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was +<pb n='159'/><anchor id='Pg159'/>klagst du mich an, wenn er Opfer von dir fordert? Besinne +dich besser. Lebe wohl.« +</p> + +<p> +Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm: »Und das ist +alles? Und weiter hast du nichts, kein Wort, keine Thräne +für mein Kind? Und du willst mich glauben machen, um +sie, um mich zu rächen habest du gehandelt? Du hast nie +ein Herz gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt – kalten +Blutes siehst du sie sterben – ha, Fluch – Fluch über +dich.« – »Schweig, Unsinnige.« – »Schweigen? nein, +reden will ich und dir fluchen. O, wüßt’ ich etwas, das +dir wäre, was mir Kamilla war! O, müßtest du, wie ich, +deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen sehen, +fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott ist im Himmel, +wirst du das erleben.« +</p> + +<p> +Cethegus lächelte. +</p> + +<p> +»Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? +wohlan, glaub’ an die Rache einer jammervollen Mutter! +Du sollst erzittern! ich eile zur Regentin und entdecke ihr +alles! Du sollst sterben!« – »Und du stirbst mit mir.« +</p> + +<p> +»Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe.« +Und sie wollte hinweg. Aber Cethegus ergriff sie mit +starkem Arm. »Halt, Weib. Glaubst du, man sieht sich +nicht vor mit deinesgleichen? Deine Söhne, Anicius und +Severinus, die Verbannten, sind heimlich in Italien, in +Rom, in meinem Hause. Du weißt, auf ihrer Rückkehr +steht der Tod. Ein Wort – und sie sterben mit uns: +dann magst du deinem Gatten auch die Söhne, wie die +Tochter, als durch dich gefallen zuführen. Ihr Blut über +dein Haupt.« Und rasch war er um die Ecke des Ganges +biegend verschwunden. +</p> + +<p> +»Meine Söhne!« rief Rusticiana und brach auf dem +Marmorestrich zusammen. – +</p> + +<p> +Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius +<pb n='160'/><anchor id='Pg160'/>mit Corbulo und Daphnidion den Königshof für immer. +Vergebens suchte die Regentin sie zu halten. +</p> + +<p> +Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne +Villa bei Tifernum, die je verlassen zu haben sie +jetzt tief betrauerte. Sie baute daselbst, an der Stelle des +kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren Krypta eine +Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde. +</p> + +<p> +Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für +das Heil ihres Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache +an Cethegus, dessen wahre Beteiligung an Kamillens Tod +sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute sie, daß er +Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht +und in herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs +Spiel gesetzt hatte. +</p> + +<p> +Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst +gestifteten ewigen Lampe stieg das Gebet und der Fluch +der vereinsamten Mutter zum Himmel empor. +</p> + +<p> +Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld +des Präfekten ganz enthüllte und auch die Rache nicht, die +sie dafür vom Himmel niederrief. +</p> +</div><div n="3" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und +grimmiger Kampf geführt. +</p> + +<p> +Die gotischen Patrioten, obwohl durch den plötzlichen +Untergang ihres jugendlichen Königs schwer betrübt und +für den Augenblick überwunden, wurden doch von ihren +unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft. Das hohe +Ansehen des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des +zurück<pb n='161'/><anchor id='Pg161'/>berufenen Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten +unablässig. Wir haben gesehen, wie es diesen Männern +gelungen war, Athalarich zur Abschüttelung der Oberleitung +seiner Mutter zu verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, +unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen +eine Regentschaft, in welcher der ihnen als Hochverräter +verhaßte Cethegus mehr als je in den Vordergrund trat. +Die Stimmung im Heer, in der germanischen Bevölkerung +von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage +vorbereitet. Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die +Unzufriedenen zurück, bis sie, durch wichtige Bundesgenossen +verstärkt, desto sicherer siegen könnten. +</p> + +<p> +Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, +Ibba und Pitza, die Amalaswintha vom Hofe verscheucht +und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte. Thulun und +Ibba waren Brüder, Pitza ihr Vetter. +</p> + +<p> +Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war +vor Jahren wegen angeblicher Verschwörung zum Tode +verurteilt und seit seiner Flucht verschollen. +</p> + +<p> +Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten, +das bei den Westgoten die Königskrone getragen hatte und +den Amalungen kaum nachstand an Alter und Ansehn. +Ihr Stammbaum führte, wie der des Königshauses, bis +zu den Göttern hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und +abhängigen Colonen und der Ruhm ihrer Kriegsthaten erhöhten +Macht und Glanz ihres Hauses. Man sagte im +Volk, Theoderich habe eine Zeit lang daran gedacht, mit +Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben, +zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu +seinem Nachfolger zu bestellen. +</p> + +<p> +Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, +entschlossen, für den äußersten Fall, das heißt, +<pb n='162'/><anchor id='Pg162'/>wenn die Regentin von ihrem System nicht abzubringen +sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen. +</p> + +<p> +Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie +das gotische Volksbewußtsein, von Hildebrand und seinen +Freunden wachgerufen, sich immer heftiger gegen die romanisirende +Regentschaft sträubte. +</p> + +<p> +Mit Unmut gestand er sich, daß es ihm an wirklicher +Macht fehle, diese Unzufriedenheit niederzuhalten: Ravenna +war nicht sein Rom, wo er die Werke beherrschte, wo er +die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine +Person gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten und +er mußte fürchten, daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand +oder Witichis mit offnem Aufruhr beantworten +würden. So faßte er den kühnen Gedanken, mit Einem +Zug sich aus den Netzen, die ihn zu Ravenna umstrickten, +herauszureißen: er beschloß, die Regentin, nötigenfalls +mit Gewalt, nach Rom zu bringen, nach seinem Rom: +dort hatte er Waffen, Anhang, Macht. Dort war Amalaswintha +ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten +hatten das Nachsehen. +</p> + +<p> +Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen +Plan ein. Sie sehnte sich hinweg aus diesen Mauern, wo +sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin erschien. Sie +verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. Rasch wie +immer traf Cethegus seine Maßregeln. Auf den kürzern +Weg zu Lande mußte er verzichten, da die große Via +flaminia sowohl als die andern Straßen von Ravenna nach +Rom durch gotische Scharen, die Witichis befehligte, bedeckt +waren und daher zu fürchten stand, daß ihre Flucht auf +diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert +würde. So mußte er sich entschließen, einen Teil des Weges +zur See zurückzulegen: aber auf die gotischen Schiffe im Hafen +von Ravenna konnte man zu einem solchen Zweck nicht zählen. +</p> + +<pb n='163'/><anchor id='Pg163'/> + +<p> +Zum Glück erinnerte sich der Präfekt, daß der Nauarch +Pomponius, einer der Verschwornen, mit drei Trieren +zuverlässiger d. h. römischer Bemannung an der Ostküste +des adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf +afrikanische Seeräuber Jagd machend, kreuzte. Diesem +sandte er Befehl, in der Nacht des Epiphaniasfestes in der +Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er hoffte vom Garten +des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und +während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte, +leicht und sicher mit Amalaswintha die Schiffe +zu erreichen, die sie zur See über die gotischen Stellungen +hinaus bis nach Teate bringen sollten: von da aus war +der Weg nach Rom kurz und ungefährdet. +</p> + +<p> +Diesen Plan im Bewußtsein – sein Bote kam glücklich +hin und zurück mit dem Versprechen des Pomponius, +pünktlich einzutreffen – lächelte der Präfekt zu dem täglich +wachsenden, trotzigen Haß der Goten, die seine Günstlingsstellung +bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er +ermahnte diese, geduldig auszuharren und nicht durch einen +Ausbruch ihres königlichen Zornes über die »Rebellen« +vor dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoß herbeizuführen, +der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln +konnte. +</p> + +<p> +Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte +in dichten Massen in den Basiliken, auf den Plätzen der +Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet und +gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. +</p> + +<p> +Es war Mittag. Amalaswintha und der Präfekt hatten +soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan unterrichtet, +dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte, dessen Klugheit +ihn alsbald gewann. Sie wollten gerade aus dem Gemach +der Beratung aufbrechen, als plötzlich der Lärm des Volkes, +das vor dem Palast auf und niederflutete, lauter und +<pb n='164'/><anchor id='Pg164'/>heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren +wild durcheinander. +</p> + +<p> +Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters +zurück: doch er sah nur noch die letzten Reihen +der Menge nachdrängen in die offenen Thore des Palastes. +Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken. +</p> + +<p> +Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen +hinan, Zank mit der Dienerschaft wurde hörbar, einzelne +Waffenschläge, bald nahe, schwere Tritte. Amalaswintha +bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des Thronstuhls, +auf den Cassiodor sie zurückgeführt. +</p> + +<p> +Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. +»Halt,« rief er, unter der Thüre des Gemaches +hinaus, »die Königin ist für niemand sichtbar.« +</p> + +<p> +Einen Augenblick lautlose Stille. +</p> + +<p> +Dann rief eine kräftige Stimme: »Wenn für dich, +Römer, auch für uns, für ihre gotischen Brüder. Vorwärts!« +</p> + +<p> +Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und +im Augenblick war Cethegus, ohne Anwendung bestimmter +Gewalt, von dem Andrang der Masse wie von unwiderstehlicher +Meeresflut bis weit in den Hintergrund des +Saales zurückgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen +dicht vor dem Thron. +</p> + +<p> +Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger +Gote, den Cethegus nicht kannte, und neben ihm – es +litt keinen Zweifel – die drei Herzoge Thulun, Ibba +und Pitza, in voller Rüstung, drei prachtvolle Kriegergestalten. +Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. +Dann rief Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit +der Handbewegung eines gebornen Herrschers: »Ihr, gotische +Männer, harret noch draußen eine kurze Weile; wir +wollen’s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten +<pb n='165'/><anchor id='Pg165'/>suchen. Gelingt es nicht – so rufen wir euch auf zur That +– ihr wißt, zu welcher.« +</p> + +<p> +Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen +hinter ihm zurück und verloren sich bald in den Gängen +und Hallen des Schlosses. +</p> + +<p> +»Tochter Theoderichs,« hob Herzog Thulun an, das +Haupt zurückwerfend, »wir sind gekommen, weil uns dein +Sohn, der König, zurückberufen. Leider finden wir ihn +nicht mehr am Leben. Wir wissen, daß du uns nicht +gerne hier siehst.« +</p> + +<p> +»Wenn ihr das wißt,« sprach Amalaswintha mit Hoheit, +»wie könnt ihr wagen, dennoch vor unser Angesicht +zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern Willen zu uns +zu dringen?« – »Die Not gebeut es, hohe Frau, die +Not, die schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes +Laune. Wir haben dir die Forderungen deines Volkes +vorzutragen, die du erfüllen wirst.« – »Welche Sprache! +Weißt du wer vor dir steht, Herzog Thulun?« – »Die +Tochter der Amalungen, deren Kind ich ehre, auch wo es +irrt und frevelt.« – »Rebell!« rief Amalaswintha und +erhob sich majestätisch vom Throne, »dein König steht vor +dir.« Aber Thulun lächelte: »Du würdest klüger thun, +Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. König +Theoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen, +dem Weibe: – das war wider Recht, aber wir +Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er +hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht, den Knaben: +– das war nicht klug. Aber Adel und Volk der Goten +haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch +eines Königs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat +er gewünscht und niemals hätten wir gebilligt, daß nach +jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle, die +Spindel über die Speere.« +</p> + +<pb n='166'/><anchor id='Pg166'/> + +<p> +»So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure +Königin?« rief sie empört. »Und auch du, Hildebrand, alter +Freund Theoderichs, auch du verleugnest seine Tochter?« +</p> + +<p> +»Frau Königin,« sprach der Alte, »wollest du selbst +verhüten, daß ich dich verleugnen muß.« +</p> + +<p> +Thulun fuhr fort: »Wir verleugnen dich nicht – noch +nicht. Jenen Bescheid gab ich nur, weil du auf dein +Recht pochst und weil du wissen mußt, daß du ein Recht +nicht hast. +</p> + +<p> +Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren – wir +ehren damit uns selbst – und weil es in diesem +Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte, +wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die +Bedingungen sagen, unter denen du sie fürder tragen +magst.« +</p> + +<p> +Amalaswintha litt unsäglich: wie gern hätte sie das +stolze Haupt, das solche Worte sprach, dem Henker geweiht. +Und machtlos mußte sie das dulden! Thränen +wollten in ihr Auge dringen: sie preßte sie zurück, aber +erschöpft sank sie auf ihren Thron, von Cassiodor gestützt. +</p> + +<p> +Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: +»Bewillige alles!« raunte er ihr zu, <anchor id="corr166"/><corr sic="’s">»’s</corr> ist alles erzwungen +und nichtig. Und heute Nacht noch kömmt Pomponius.« +</p> + +<p> +»Redet,« sprach Cassiodor, »aber schont des Weibes, +ihr Barbaren.« – »Ei,« lachte Herzog Pitza, »sie will +ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist ja unser König.« +</p> + +<p> +»Ruhig, Vetter,« verwies ihn Herzog Thulun, »sie ist +von edlem Blut wie wir.« +</p> + +<p> +»Fürs erste,« fuhr er fort, »entläßt du aus deiner +Nähe den Präfekten von Rom. Er gilt für einen Feind +der Goten. Er darf nicht die Gotenkönigin beraten. An +seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.« +</p> + +<pb n='167'/><anchor id='Pg167'/> + +<p> +»Bewilligt!« sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas. +</p> + +<p> +»Fürs zweite erklärst du in einem Manifest, daß +fortan kein Befehl von dir vollziehbar, der nicht von +Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, daß kein Gesetz +ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist.« +</p> + +<p> +Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt +ihren Arm nieder. »Heute Nacht kommt Pomponius!« +flüsterte er ihr zu. Dann rief er laut: »Auch das wird +zugestanden.« +</p> + +<p> +»Das dritte,« hob Thulun wieder an, »wirst du so +gern gewähren, als wir es empfangen. Wir drei Balten +haben nicht gelernt, in der Hofburg die Häupter zu bücken: +das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten +leben am besten weit von einander – wie Adler und +Falk. Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen +Marken. Die Nachbarn wähnen, das Land sei verwaiset, +seit dein großer Vater ins Grab stieg. Avaren, Gepiden, +Sclavenen springen ungescheut über unsre Grenzen. Diese +drei Völker zu züchtigen, rüstest du drei Heere, je zu +dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie +als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden.« +</p> + +<p> +Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände: – +nicht übel! dachte Cethegus. »Bewilligt,« rief er lächelnd. +</p> + +<p> +»Und was bleibt mir,« fragte Amalaswintha, »wenn ich +all das euch dahingegeben?« +</p> + +<p> +»Die goldne Krone auf der weißen Stirn,« sagte +Herzog Ibba. +</p> + +<p> +»Du kannst ja schreiben wie ein Grieche,« begann +Thulun aufs neue. »Wohlan, man lernt solche Künste +nicht umsonst. Hier dies Pergament soll enthalten – mein +Sklave hat es aufgezeichnet – was wir fordern.« +</p> + +<p> +Er reichte es Witichis zur Prüfung: »Ist es so? Gut. +<pb n='168'/><anchor id='Pg168'/>Das wirst du unterschreiben, Fürstin. – So, wir sind +fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, mit jenem Römer.« +</p> + +<p> +Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, +zitternd vor Haß: »Präfekt von Rom,« sagte er, »Blut +ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es weiht ihn +ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, +das du büßen« – der Zorn erstickte seine Stimme. +</p> + +<p> +»Pah,« rief, ihn zurückschiebend, Hildebad, – denn er +war der baumlange Gote – »macht nicht soviel Aufhebens +davon! Mein goldner Bruder kann leicht etwas +missen von überflüssigem Blut. Und der andre hat mehr +verloren als er missen kann. Da, du schwarzer Teufel,« +rief er Cethegus zu und hielt ihm ein breites Schwert +dicht vor die Augen, »kennst du das?« +</p> + +<p> +»Des Pomponius Schwert!« rief dieser erbleichend und +einen Schritt zurückweichend. Amalaswintha und Cassiodor +fragten erschrocken: »Pomponius?« +</p> + +<p> +»Aha,« lachte Hildebad, »nicht wahr, das ist schlimm? +Ja, aus der Wasserfahrt kann nichts werden.« +</p> + +<p> +»Wo ist Pomponius, mein Nauarch?« rief Amalaswintha +heftig. +</p> + +<p> +»Bei den Haifischen, Frau Königin, in tiefer See.« +</p> + +<p> +»Ha, Tod und Vernichtung!« rief Cethegus, jetzt fortgerissen +vor Zorn, »wie geht das zu?« +</p> + +<p> +»Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila – du +kennst ihn ja, nicht wahr? – lag im Hafen von Ancona +mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, der +machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht +und ließ so dicke Worte fallen, daß es selbst meinem arglosen +Blonden auffiel. Plötzlich ist er eines Morgens mit +seinen drei <anchor id="corr168"/><corr sic="Trieren,">Trieren</corr> aus dem Hafen entwischt. Totila +schöpft Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm nach, +holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum, stellt ihn, geht +<pb n='169'/><anchor id='Pg169'/>zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und fragt +ihn, wohinaus?« +</p> + +<p> +»Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine +Antwort gegeben haben.« +</p> + +<p> +»Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, +daß wir zu sieben allein auf seinem Schiff, da lachte er +und rief: »Wohin ich segle? Nach Ravenna, du Milchbart, +und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom.« +Und dabei winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch +wir die Schilde vor und hui, flogen die Schwerter aus +den Scheiden. Das war ein harter Stand, sieben gegen +dreißig. Aber es währte zum Glück nicht lang, da hörten +unsre Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und +flugs waren sie mit ihren Boten heran und erkletterten +wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir die mehreren: +aber der Nauarch – gieb dem Teufel sein Recht! +– gab sich nicht, focht wie ein Rasender und stieß meinem +Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm, +daß es hoch aufspritzte. Da aber ward mein Bruder auch +zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, daß er +fiel wie ein Schlachtstier. »Grüßt mir den Präfekten,« +sprach er sterbend, »gebt ihm das Schwert, sein Geschenk, +zurück und sagt ihm, es kann keiner wider den Tod: +sonst hätte ich Wort gehalten.« Ich hab’s ihm gelobt, +es zu bestätigen. Er war ein tapfrer Mann. Hier ist +das Schwert.« +</p> + +<p> +Schweigend nahm es Cethegus. +</p> + +<p> +»Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie +zurück nach Ancona. Ich aber segelte mit dem schnellsten +hierher und traf am Hafen mit den drei <anchor id="corr169"/><corr sic="Balthen">Balten</corr> zusammen, +gerade zur rechten Zeit.« +</p> + +<p> +Eine Pause trat ein, in welcher die Überwundnen +ihre böse Lage schmerzlich überdachten. Cethegus hatte +<pb n='170'/><anchor id='Pg170'/>ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern Hoffnung +auf die Flucht, die nun vereitelt war. +</p> + +<p> +Sein schönster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von +Totila: tief grub der Haß diesen Namen in des Präfekten +Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward erst durch den +Ausruf Thuluns gestört: »Nun, Amalaswintha, willst du +unterzeichnen? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines +Königs berufen?« +</p> + +<p> +Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung +wieder: er nahm die Wachstafel aus der Hand des Grafen +und reichte sie ihr hin: »Du mußt, o Königin,« sagte er +leise, »es bleibt dir keine Wahl.« Cassiodor gab ihr den +Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die +Tafel zurück. +</p> + +<p> +»Wohl,« sagte er, »wir gehn, den Goten zu verkünden, +daß ihr Reich gerettet ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, +zu bezeugen, daß alles ohne Gewalt geschehen ist.« +</p> + +<p> +Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator +und folgte den gotischen Männern hinaus auf das +Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit Cethegus allein +sah, sprang die Fürstin heftig auf: nicht länger gebot sie +ihren Thränen. Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor +die Stirn. Ihr Stolz war aufs tiefste gebeugt. Schwerer +als des Gatten, des Vaters, ja selbst als Athalarichs +Verlust traf diese Stunde ihr Herz. »Das,« rief sie laut +weinend, »das also ist die Überlegenheit der Männer. +Rohe, plumpe Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.« +</p> + +<p> +»Nicht alles, Königin, nur ein Plan. Ich bitte um +ein gnädiges Andenken,« setzte er kalt hinzu, »ich gehe nach +Rom.« +</p> + +<p> +»Wie? du verläßt mich in diesem Augenblick? Du, du +hast mir all diese Versprechungen abgewonnen, die mich +entthronen, und nun scheidest du? O besser, ich hätte +<pb n='171'/><anchor id='Pg171'/>widerstanden, dann wär ich Königin geblieben, hätten sie +auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.« +</p> + +<p> +Jawohl, dachte Cethegus, besser für dich, schlimmer +für mich. Nein, kein Held soll mehr diese Krone tragen. +– Rasch hatte er erkannt, daß Amalaswintha ihm nichts +mehr nützen könne – und rasch gab er sie auf. Schon +sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne +um. Doch beschloß er, ihr einen Teil seiner Gedanken +zu enthüllen, damit sie nicht auf eigne Faust handelnd +jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und dadurch +Thulun die Krone zuwende. »Ich gehe, o Herrin,« +sprach er, »doch ich verlasse dich darum nicht. Hier kann +ich dir nichts mehr nützen. Man hat mich aus deiner +Nähe verbannt und man wird dich hüten, eifersüchtig wie +eine Geliebte.« +</p> + +<p> +»Aber was soll ich thun mit diesen Versprechungen, +mit diesen drei Herzogen?« +</p> + +<p> +»Abwarten, zunächst dich fügen. Und die drei Herzoge,« +setzte er zögernd bei – »die ziehn ja in den Krieg: +– vielleicht kehren sie nicht zurück.« +</p> + +<p> +»Vielleicht!« seufzte die Regentin. »Was nützt ein +vielleicht!« Cethegus trat fest auf sie zu: »Sie kehren +nicht zurück – sobald du’s willst.« Erschrocken bebte die +Frau: »Mord? Entsetzlicher, was sinnst du?« – »Das Notwendige. +Mord ist das falsche Wort dafür. Es ist Notwehr. +Oder Strafe. Hattest du in dieser Stunde die +Macht, du hattest das volle Recht, sie zu töten. Sie sind +Rebellen. Sie zwingen deinen königlichen Willen. Sie +erschlagen deinen Nauarchen, den Tod haben sie verdient.« +</p> + +<p> +»Und sie soll’n ihn finden,« flüsterte Amalaswintha, die +Faust ballend, vor sich hin, »sie soll’n nicht leben, die rohen +Männer, die eine Königin gezwungen. Du hast Recht – +<pb n='172'/><anchor id='Pg172'/>sie sollen sterben.« – »Sie müssen sterben – sie, und,« +fügte er ingrimmig bei, »und – – der junge Seeheld!« +</p> + +<p> +»Warum auch Totila? Er ist der schönste Jüngling +meines Volks.« +</p> + +<p> +»Er stirbt,« knirschte Cethegus, »o, könnt’ er zehnmal +sterben.« +</p> + +<p> +Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses, +die, plötzlich aus der eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha +in Schrecken überraschte. »Ich schicke dir,« fuhr +er rasch und leise fort, »aus Rom drei vertraute Männer, +isaurische Söldner. Die sendest du den drei <anchor id="corr172"/><corr id="Balthen">Balten</corr> nach, +sobald sie in ihren Heerlagern eingetroffen. Hörst du, <hi rend='gesperrt'>du</hi> +sendest sie, die Königin: denn sie sind Henker, keine Mörder. +Die Drei müssen an Einem Tage fallen – Für den +schönen Totila sorge ich selbst! – Der Schlag wird alles +erschrecken. In der ersten Bestürzung der Goten eile ich +von Rom herbei. Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb +wohl.« +</p> + +<p> +Er verließ rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem +Augenblick von dem Forum vor dem Palatium jubelndes +Freudengeschrei der Goten schlug, die den Erfolg ihrer +Führer, die Besiegung Amalaswinthas feierten. +</p> + +<p> +Sie fühlte sich ganz verlassen. +</p> + +<p> +Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr +als ein leeres Trostwort zur Beschönigung seines Abgangs +war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll stützte sie die +Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile +finster in ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhänge +des Gemaches: ein Palastbeamter stand vor ihr: +»Gesandte von Byzanz bitten um Gehör. Justinus ist +gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet dir +seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft.« +</p> + +<p> +»Justinianus!« rief die ganze Seele der bedrängten +<pb n='173'/><anchor id='Pg173'/>Frau. Sie sah sich ihres Sohnes beraubt, von ihrem Volk +bedroht, von Cethegus verlassen: ringsumher hatte sie in +trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht und aufatmend +aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt: »Byzanz – +Justinianus!« +</p> +</div><div n="4" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der +Wandrer, der von Florenz heranzieht, rechts von der +Straße die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen Gebäudes. +</p> + +<p> +Epheu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette +die Trümmer überkleidet: die Bauern des nahen Dorfes +haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen, die Erde +ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen. +Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich, wo die +Säulenhalle vor dem Hause, wo das Mittelgebäude, wo die +Hofmauer stand. Üppig wuchert das Unkraut auf dem +Wiesgrund, wo dereinst der schöne Garten in Zier und +Ordnung prangte: nichts davon hat sich erhalten als das +breite Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens, +in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt. +</p> + +<p> +Aber in den Tagen, von denen wir erzählen, sah es +hier viel anders aus. »Die Villa des Mäcen bei Fäsulä,« +wie man das Gebäude damals, wohl mit wenig +Fug, benannte, war von glücklichen Menschen bewohnt, das +Haus von sorglicher Frauenhand bestellt, der Garten von +hellem Kindeslachen belebt. Zierlich war die rankende +Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der +korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog +<pb n='174'/><anchor id='Pg174'/>freundlich schmückend über das flache Dach. Mit weißem +Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut +und in den Nebengebäuden, die der Wirtschaft dienten, +glänzte eine Reinlichkeit, waltete eine stille Ordnung, die +nicht auf römische Sklavenhände raten ließ. +</p> + +<p> +Es war um Sonnenuntergang. +</p> + +<p> +Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück: +die hoch mit Heu beladenen Wagen mit Rossen nicht +italischer Zucht bespannt, schwankten heran: von den Hügeln +herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, von +großen zottigen Hunden umbellt. +</p> + +<p> +Dicht vor dem Hofthor gab es die lebendigste Scene +des bunten Schauspiels: ein paar römische Sklaven trieben +mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei die keuchenden +Pferde eines grausam überladnen Wagens an: +nicht mit Peitschenhieben, sondern mit Stöcken, deren Eisenspitzen +sie den Tieren immer in dieselbe wunde Stelle +stießen. Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts. Jetzt +lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad, jeden +Fortschritt unmöglich machend. Aber der wütige Italier +sah es nicht. +</p> + +<p> +»Vorwärts, Bestie, und Kind einer <anchor id="corr174"/><corr sic="Bestie,">Bestie,«</corr> schrie er +dem zitternden Rosse zu, <corr sic="vorwärts,">»vorwärts,</corr> du gotisches Faultier!« +Und ein neuer Stich mit dem Stachel und ein neuer verzweifelter +Ruck: aber das Rad ging nicht über den Stein, +das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den +Wagen mit umzureißen. Darüber wurde der Treiber +erst recht grimmig. »Warte, du Racker!« schrie er und +schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses. – Aber nur +einmal schlug er, im nächsten Augenblick stürzte er selbst +wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche nieder. +</p> + +<p> +»Davus, du boshafter Hund!« brüllte eine Bärenstimme +und über dem Gefallenen stand schier noch mal so +<pb n='175'/><anchor id='Pg175'/>lang und gewiß noch mal so breit wie der erschrockene +Tierquäler, ein ungeheurer Gote, einen derben Knüttel +wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend. +</p> + +<p> +»Du elender Neiding,« schloß er mit einem Fußtritt, +»ich will dich lehren, umgehn mit einem Geschöpf, das +sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du Schandbub +quälst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch +einmal laß mich das sehn und ich zerbreche dir alle Knochen +im Leibe. Jetzt auf und abgeladen: – du trägst alle +Schwaden, die zuviel sind, auf deinem eignen Rücken in +die Scheuer. Vorwärts.« +</p> + +<p> +Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und +schickte sich hinkend an, zu gehorchen. +</p> + +<p> +Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet +und wusch ihm jetzt sorglich die geschürften Knie mit seinem +eignen Abendtrunk von Wein und Wasser. +</p> + +<p> +Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen +Stall her dringend eine helle Knabenstimme rief: »Wachis, +hierher, Wachis!« – »Komme schon, Athalwin, mein Bursch, +was giebt’s?« – und schon stand er in der offnen Thüre +des Pferdestalles, neben einem schönen Knaben von sieben +bis acht Jahren, der sich heftig die langen, gelben Haare +aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den +himmelblauen Augen zwei Thränen des Zornes zerdrückte. +Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten +und hob es drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven, +der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten trotzig +ihm gegenüberstand. +</p> + +<p> +»Was giebt’s da?« wiederholte Wachis über die Schwelle +tretend. +</p> + +<p> +»Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen und sieh +nur, zwei Bremsen haben sich eingesogen oben an seinem +Bug, wo er mit der Mähne nicht hinreichen kann und ich +<pb n='176'/><anchor id='Pg176'/>nicht mit der Hand und der böse Cacus da, wie ich’s ihm +sage, will mir nicht folgen: und gewiß hat er mich geschimpft +auf römisch, was ich nicht verstehe.« Wachis trat +drohend näher. +</p> + +<p> +»Ich habe nur gesagt:« sprach Cacus langsam zurückweichend, +»erst eß’ ich meine Hirse; das Tier mag warten; +bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor dem Vieh.« – »So, +du Tropf?« sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, »bei +uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter; mach +vorwärts.« +</p> + +<p> +Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf +auf und sagte: »wir sind hier in unserm Land – da gilt +unser Brauch.« – »Eia, du verfluchter Schwarzkopf, wirst +du gehorchen?« sprach Wachis ausholend. – »Gehorchen? +Nicht dir! Du bist auch nur ein Sklave wie ich: und meine +Eltern haben schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen +noch Küh’ und Schafe stahlen jenseit der Berge.« Wachis +ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme: »Höre, +Cacus, ich habe ohnehin noch einen Span mit dir, du +weißt schon, was für einen. Jetzt geht’s in einem hin.« – +»Ha,« lachte Cacus <anchor id="corr176"/><corr sic="hönisch">höhnisch</corr>, »wegen Liuta, der Flachsdirn? +Pah, ich mag sie nicht mehr, die Barbarin. Sie tanzt +wie eine Jungkuh.« – Jetzt ist’s aus mit dir,« sagte +Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber +dieser wandte sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten, +riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte des Wollrocks +und warf es nach ihm: da sich Wachis bückte, sauste es +haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den +Pfosten der Thür. »Na, warte, du Mordwurm!« rief der +Germane und wollte sich auf Cacus werfen; da fühlte er +sich von hinten umklammert. +</p> + +<p> +Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf +erpaßt hatte. +</p> + +<pb n='177'/><anchor id='Pg177'/> + +<p> +Aber jetzt ward Wachis sehr zornig. +</p> + +<p> +Er schüttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, +erwischte mit der Rechten Cacus an der Brust und +stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern die Köpfe +zusammen, jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend, »so, +meine Jungen – das für das Messer – und das für +den Rückensprung – und den für die Jungkuh« – und +wer weiß, wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert +haben würde, hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört. +</p> + +<p> +»Wachis – Cacus – auseinander sag’ ich!« rief eine +volle starke Frauenstimme, und vor der Thür erschien ein +stattliches Weib in blauem gotischem Gewand. Sie war +nicht groß und doch imposant: ihr schöner Bau eher mächtig +als zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch +einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen, die +Züge regelmäßig, aber eher fest als fein gezeichnet. Geradheit, +Tüchtigkeit, Verlässigkeit sprachen aus den fast allzugroßen +graublauen Augen: die unbedeckten vollen Arme +zeigten, daß sie der Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten +Gürtel, über den das braune Untergewand von selbstgewirktem +Zeuge bauschte, klirrte ein Bund von Schlüsseln: +die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte und befehlend +streckte sie die Rechte vor sich hin. +</p> + +<p> +»Eia, Rauthgundis, strenge Frau,« sagte Wachis loslassend, +»mußt du denn überall die Augen haben?« +</p> + +<p> +»Überall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet +ihr lernen, euch vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr +im Hause. Aber du, Wachis, solltest nicht auch der Hausfrau +Verdruß machen. Komm, Athalwin, mit mir.« Und +sie führte den Knaben an der Hand mit fort. +</p> + +<p> +Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe +Körner in ihr Gewand, die Hühner und Tauben zu füttern, +die sie sogleich dicht umdrängten. +</p> + +<pb n='178'/><anchor id='Pg178'/> + +<p> +Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte +er: »Du, Mutter, ist’s wahr? ist der Vater ein Räuber?« +</p> + +<p> +Rauthgundis hielt inne in ihrem Thun und sah das +Kind an: »Wer hat das gesagt.« +</p> + +<p> +»Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir +spielten auf dem großen Heuhaufen seiner Wiese drüben +überm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das Land uns +gehöre rechts vom Zaun, – weit und breit – so weit +unsre Knechte mähten und fern der Bach schimmerte. Da +ward er zornig und sagte: »Ja, und all’ das Land gehörte +früher uns und dein Vater oder dein Großvater, +die haben’s gestohlen, die Räuber.« +</p> + +<p> +»So? und was sagtest du drauf.« +</p> + +<p> +»Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur über den +Heuhaufen hinunter, daß er die Füße gen Himmel schlug. +Aber jetzt, nach der Hand, möcht’ ich doch wissen, ob’s +wahr ist.« +</p> + +<p> +»Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat’s der +Vater nicht. Aber offen genommen, weil er besser war +und stärker als diese Welschen. Und alle starken Helden +haben’s immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die +Welschen in den Tagen, da sie stark waren und ihre +Nachbarn schwach, am allermeisten. Aber nun komm, wir +müssen nach dem Linnen sehen, das auf dem Anger zur +Bleiche liegt.« +</p> + +<p> +Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und +dem nahen Grashügel links vom Hause zuschritten, hörten +sie den raschen Hufschlag eines Rosses, das auf der alten +römischen Heerstraße nahte. Rasch hatte Athalwin den +Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin. +</p> + +<p> +Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen +die Waldhöhe herab auf die Villa zu: hell funkelte sein +<pb n='179'/><anchor id='Pg179'/>Helm und die Spitze der Lanze, die er schräg über dem +Rücken trug. +</p> + +<p> +»Der Vater, Mutter, der Vater!« rief der Knabe und +rannte pfeilgeschwind den Hügel hinab dem Reiter entgegen. +</p> + +<p> +Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht. Ihr +Herz pochte. Sie legte die Hand vors Auge, in die +schimmernde Abendröte zu schauen: dann sagte sie still +glücklich vor sich hin: »Ja, er ist’s. Mein Mann!« +</p> +</div><div n="5" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht +und kletterte an seinem Fuß hinan. Der Reiter hob ihn +mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor sich in den +Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig wieherte +Wallada, das edle Tier, einst Theoderich’s Streitroß, die +Heimat und die Herrin erkennend und schlug freudig mit +dem langen wallenden Schweif. +</p> + +<p> +Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem +Knaben: »mein liebes Weib!« sprach er, sie herzlich umarmend. +»Mein Witichis!« flüsterte sie, an seiner Brust +erglühend, entgegen, »willkommen bei den Deinen.« – +»Ich hatte versprochen, noch vor dem neuen Mond zu +kommen – schwer ging’s –« +</p> + +<p> +»Aber du hieltst Wort wie immer.« – »Mich zog +das Herz,« sagte er, den Arm um sie schlingend. Sie +schritten langsam dem Hause zu. »Dir, Athalwin, ist, +scheint’s, Wallada wichtiger als der Vater,« lächelte er +dem Kleinen zu, der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte. +</p> + +<pb n='180'/><anchor id='Pg180'/> + +<p> +»Nein, Vater, aber gieb mir noch die Lanze dazu – +so gut wird mir’s selten hier in dem Bauernleben« – +und den langen schweren Speerschaft mit Mühe einherschleppend, +rief er laut: »he, Wachis, Ansbrand, der Vater +ist da! – Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller. +Der Vater hat Durst vom scharfen Ritt.« +</p> + +<p> +Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben, +der jetzt an ihnen vorüber und voran eilte. »Nun, und +wie steht’s hier draußen bei euch?« fragte er, auf Rauthgundis +blickend. »Gut, Witichis, die Ernte ist glücklich +eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet.« +– »Nicht danach frag’ ich,« sagte er, sie zärtlich an sich +drückend, – »wie geht es dir?« – »Wie’s einem armen +Weibe geht,« antwortete sie, zu ihm aufblickend, »das +seinen herzgeliebten Mann vermißt. Da hilft nur Arbeit, +Freund, und tüchtig Schaffen, daß man das weiche Herz +betäubt. Oft denk’ ich, wie hart du dich mühen mußt, +draußen, unter fremden Leuten, im Lager und am Hof, +wo niemand dein in Treuen pflegt. Da soll er wenigstens, +denk’ ich dann, kömmt er heim, sein Haus immer wohl +bestellt und traulich finden. +</p> + +<p> +Und das ist’s, sieh, was mir all’ die dumpfe Arbeit +lieb macht und weihet und veredelt.« +</p> + +<p> +»Du bist mein wackeres Weib. Mühst du dich nicht +zuviel?« +</p> + +<p> +»Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdruß, die Bosheit +der Leute, das thut mir weh.« Witichis blieb stehen. +»Wer wagt’s, dir weh zu thun?« – »Ach, die welschen +Knechte und die welschen Nachbarn. +</p> + +<p> +Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht +mehr fürchten. Calpurnius, der Nachbar, ist so frech, +wenn er dich ferne weiß, und die römischen Sklaven sind +trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte sind brav.« +</p> + +<pb n='181'/><anchor id='Pg181'/> + +<p> +Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt +und ließen in dem Säulengang sich vor einem +Marmortisch nieder. »Du mußt bedenken,« sagte Witichis, +»der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner +Sklaven an uns abtreten <anchor id="corr181"/><corr sic="müssen.">müssen.«</corr> – »Und hat zwei +Drittel behalten und das Leben dazu – er sollte Gott +danken!« meinte Rauthgundis verächtlich. +</p> + +<p> +Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll +Äpfeln, die er vom Baum gepflückt; dann kamen Wachis +und die andern germanischen Knechte mit Wein, Fleisch +und Käse und sie begrüßten den Herrn mit freimütigem +Handschlag. »Gut, meine Kinder, seid gegrüßt. Die +Frau lobt euch. Aber wo stecken Davus, Cacus und die +andern?« – »Verzeih, Herr,« schmunzelte Wachis, »sie +haben ein schlecht Gewissen.« +</p> + +<p> +»Warum? Weshalb?« – »Ei, ich glaube, – weil ich +sie ein bischen geprügelt habe – sie schämen sich.« Die +andern Knechte lachten. »Nun, es kann ihnen nicht +schaden,« meinte Witichis, »geht jetzt zu eurem Essen. +Morgen seh’ ich nach eurer Arbeit.« Die Knechte gingen. +»Was ist’s mit Calpurnius,« fragte Witichis, sich einschenkend. +Rauthgundis errötete und besann sich: »Das +Heu von der Bergwiese,« sagte sie dann, »das unsre +Knechte gemäht, hat er nachts in seine Scheuer geschafft +und giebt es nicht heraus.« – »Er wird es schon herausgeben, +mein’ ich ....« sagte er ruhig, trinkend. – »Jawohl,« +rief Athalwin lebhaft, »das mein’ ich auch. Und +giebt er’s nicht – mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde +an und ich zieh’ hinüber mit Wachis und den reisigen +Knechten, mit Waffen und Wehr. Er sieht mich immer +so giftig an, der schwarze Schleicher.« +</p> + +<p> +Rauthgundis wies ihn zur Ruh’ und schickte ihn schlafen. +»Wohl, ich gehe,« sagte er, »aber, Vater, wenn du +wieder<pb n='182'/><anchor id='Pg182'/>kömmst, bringst du mir statt dieses Steckens da ein richtig +Gewaffen mit, nicht wahr?« Und er hüpfte ins Haus. +</p> + +<p> +»Der Streit mit diesen Welschen endet nie,« sagte Witichis, +»er vererbt sich auf die Kinder. Du hast hier allzuviel +Verdruß damit. Desto lieber wirst du thun, was ich dir +vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.« +</p> + +<p> +Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: »Du scherzest!« +sagte sie ungläubig. »Du hast das nie gewollt. In den +neun Jahren, die ich dein bin, ist dir’s nie eingefallen, +mich an den Hof zu führen: ich glaube, es weiß niemand +in dem Volk, daß eine Rauthgundis lebt. Du hast ja +unsere Ehe geheim gehalten,« lächelte sie, »wie eine Schuld.« +»Wie einen Schatz,« sagte Witichis, die Arme um sie +schlingend. – »Ich habe dich nie gefragt, warum. Ich war +und bin glücklich dabei und dachte und denke: er wird +wohl seinen Grund haben.« +</p> + +<p> +»Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. +Du magst nun alles wissen. Wenige Monate, nachdem +ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und lieb gewonnen, +kam König Theoderich auf den seltsamen Gedanken, +mich seiner Schwester Amalaberga, der Witwe des +Thüringerkönigs, zu vermählen, die gegen ihre schlimmen +Nachbarn, die Franken, Mannesschutz bedurfte.« – »Du +solltest dort die Krone tragen?« sprach Rauthgundis mit +strahlenden Augen. »Mir aber,« fuhr Witichis fort, »war +Rauthgundis lieber als Königin und Krone, und ich +sagte nein. +</p> + +<p> +Es verdroß ihn schwer und er verzieh mir nur, als +ich ihm sagte, ich würde wohl niemals freien. Konnt’ ich +doch damals nicht hoffen, dich je mein zu nennen: du +weißt, wie lange dein Vater mißtrauisch und eisern dich +mir nicht anvertrauen wollte. Als du nun aber doch +mein geworden, da hielt ich’s nicht für wohlgethan, ihm +<pb n='183'/><anchor id='Pg183'/>das Weib zu zeigen, um das ich seine Schwester ausgeschlagen.« +</p> + +<p> +»Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun +Jahre lang?« +</p> + +<p> +»Weil,« sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, +»weil ich meine Rauthgundis kenne. Du hättest immer +geglaubt, Wunder was ich an jener Krone verloren. Jetzt +aber ist der König tot und ich bin dauernd an den Hof +gebunden. Wer weiß, wann ich wieder ruhen werde im +Schatten dieser Säulen, im Frieden dieses Daches.« +</p> + +<p> +Und in kurzen Worten erzählte er ihr den Sturz des +Präfekten und welche Stellung er nunmehr einnahm bei +Amalaswinthen. Aufmerksam hörte ihn Rauthgundis an; +dann drückte sie ihm die Hand: »Das ist wacker, Witichis, +daß die Goten allmählich merken, was sie an dir haben. +Und du bist heiterer, denk’ ich, als sonst.« +</p> + +<p> +»Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der +Last der Zeit. Dabei stehen und sie wuchtig drücken sehen +auf mein Volk war viel schwerer. Mich dauert dabei nur +die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.« +</p> + +<p> +»Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der +Männer. Mir fiele das nie ein.« +</p> + +<p> +»Du bist keine Königin, Rauthgundis, und Amalaswintha +ist stolz.« +</p> + +<p> +»Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin +ich nicht. Sie muß nie einen Mann geliebt haben und +seinen Wert und seine Art begriffen. Sie könnte sonst +nicht die Männer ersetzen wollen.« +</p> + +<p> +»Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit +an den Hof.« +</p> + +<p> +»Nein, Witichis,« sagte sie ruhig, aufstehend, »der Hof +paßt nicht für mich. Und ich nicht für den Hof. Ich bin +des Ödbauern Kind und gar unhöfisch geartet. Sieh diesen +<pb n='184'/><anchor id='Pg184'/>braunen Nacken,« lachte sie, »und diese rauhen <anchor id="corr184"/><corr sic="Hände">Hände.</corr> +Ich kann nicht die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht +taugt’ ich zu den feinen Römerinnen und wenig Ehre +würdest du haben von mir.« +</p> + +<p> +»Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten für den +Hof?« – »Nein, Witichis, zu gut.« – »Nun, man müßte +sich gegenseitig ertragen, würdigen lernen.« – »Das würd’ +ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, ich niemals +sie. Ich würd’ ihnen täglich ins Gesicht sagen, daß +sie hohl, falsch und schlecht sind.« +</p> + +<p> +»So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondenlang?« +– »Ja, lieber ihn entbehren, als in schiefer, +schlimmer Stellung um ihn sein. O mein Witichis,« sagte +sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, »denk nur, +wer ich bin und wie du mich gefunden. +</p> + +<p> +Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolks den +Saum der Alpen umgürten, hoch auf den Felsschroffen +der Scaranzia, wo die junge Isara schäumend aus den +Steinklüften ins offne Land der Bajuwaren bricht, da steht +meines Vaters stiller Ödhof. Nichts kannt’ ich da als die +strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen Almen, des +Winters in der rauchgeschwärzten Halle am Rocken mit +den Mägden. Früh starb die Mutter und den Bruder +haben die Welschen erstochen. So wuchs ich einsam auf, +allein mit dem alten Vater, der so treu, aber auch so hart +und verschlossen wie seine Felsen. Da sah ich nichts von +der Welt, die rechts und links von unsern Bergen lag. +Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie ein +Saumroß mit Salz oder Wein unten in der Thalschlucht +des Weges zog. Da saß ich wohl manchen schimmervollen +Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn. Und +sah der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit +drüben überm Licus: und ich dachte, was sie wohl alles +<pb n='185'/><anchor id='Pg185'/>gesehen den langen Sommertag, seit sie aufstieg drüben +überm breiten Önus. Und daß ich wohl auch wissen +möchte, wie’s aussieht über dem Karwändel. Oder gar +drüben, hinter dem Brennusberg, wo der Bruder hinüberzog +und nie mehr wiederkam. Und doch fühlte ich, wie schön +es sei droben in meiner grünen Einsamkeit, wo ich den +Steinadler pfeifen hörte aus dem nahen Horst und wo ich +prächtige Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in der +Ebene und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor +meiner Stallthür heulen hörte und mit dem Kienbrand +scheuchte. +</p> + +<p> +Und auch in dem frühen Herbst, in den langen Wintern +hatte ich Muße, still in mich hineinzusinnen: wann um die +hohen Tannen die weißen Nebelschleier spannen, wann der +Bergwind die Felsblöcke von unserem Strohdach riß und +die Schneestürze von den Schroffen donnernd niedergingen. +So wuchs ich auf, fremd in der Welt jenseit der nächsten +Wälder, nur zu Hause in der stillen Welt meiner Gedanken, +und in dem engen Bauernleben. +</p> + +<p> +Da kamest du – ich weiß es noch wie heute« – und +sie hielt an, in Erinnerung verloren. +</p> + +<p> +»Ich weiß es auch noch genau,« sagte Witichis. »Ich +führte eine Hundertschaft zur Ablösung von Juvavia nach +der Augustastadt am Licus – ich war vom Weg und +meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwülen +Sommertag pfadlos umhergeirrt – da sah ich Rauch aufsteigen +überm Tannenhang und bald fand ich das versteckte +Gehöft und trat ins Thor: da stand ein prächtig Mädchen +am Ziehbrunnen und hob den Eimer.« – +</p> + +<p> +»Und ich erschrak siedheiß, – zum erstenmal in +meinem Leben! – als der große, bräunliche Mann um +die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden +Helm.« +</p> + +<pb n='186'/><anchor id='Pg186'/> + +<p> +»Ja, du wurdest blutrot bis in die Schläfe und ich +bat dich um einen Trunk Wasser. Und niemals hat mein +Auge ein schöner Bild gesehen als wie du dich nun niederbeugtest +und mit den kräftigen Armen den schweren Eimer +auf den Brunnenrand hobst und mir schöpftest in dem +Kürbiskrug: reich fielen die dichten goldbraunen Zöpfe übers +schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren +pfirsichgleich: – o wie wacker, frisch und blühend sahst du +aus. Und wie wacker, frisch und blühend bist du mir +geblieben seither alle Zeit.« +</p> + +<p> +»Und darum, mein Witichis, auf daß ich dir blühend +bleibe, führe mich nicht an den Hof. Sieh hier schon im +Thal, im Südthal der Alpen, wird mirs oft zu schwül +und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft +meiner Waldberge. Am Hofe aber in den engen +Goldgemächern – da würd’ ich dir verkümmern und verschmachten. +Laß du mich hier – ich will schon fertig +werden mit Nachbar Calpurnius. Und du, das weiß ich +ja, du denkst doch auch im Königssaal nach Haus an Weib +und Kind.« +</p> + +<p> +»Ja, weiß Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe +denn hier und Gott behüte dich, mein gutes Weib.« – +</p> + +<p> +Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurück, +die Waldhöhe hinan. Der Abschied hatte ihn fast weich +gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des Gefühls +gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu +zeigen scheute. Wie hing des Wackern Herz an diesem +kern’gen Weib und seinem Knaben! +</p> + +<p> +Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich’s durchaus +nicht hatte nehmen lassen, dem Herrn noch eine Strecke +das Geleit zu geben. Plötzlich ritt er zu ihm hinan. +»Herr,« sagte er, »ich weiß was.« – »So? warum sagst +du’s nicht?« – »Weil mich noch niemand drum gefragt +<pb n='187'/><anchor id='Pg187'/>hat.« – »Nun, ich frage dich drum.« – »Ja, wenn man +gefragt ist, muß man freilich reden. – Die Frau hat dir +gesagt, daß Calpurnius so ein böser Nachbar ist?« – +»Ja. Und was soll’s damit?« – »Sie hat dir aber +nicht gesagt, seit wann?« +</p> + +<p> +»Nein. Weißt du seit wann?« – »Nun, seit etwa +einem halben Jahr. Da traf Calpurnius einmal die Frau +im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie waren +nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen +Mittagsschlaf.« +</p> + +<p> +»Der Faulpelz warst du.« +</p> + +<p> +»Richtig erraten. Und da sagte <anchor id="corr187"/><corr sic="Culpurnius">Calpurnius</corr> etwas +zur Frau.« +</p> + +<p> +»Was sagte er?« +</p> + +<p> +»Das hab’ ich nicht verstanden. Aber die Frau war +nicht faul, hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht, daß +es patschte. Das hab’ ich verstanden. Und seither ist der +Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt’ ich dir +sagen, weil ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht +ärgern wollen mit dem Wicht. +</p> + +<p> +Aber es ist doch besser du weißt darum. Und sieh, +da steht Calpurnius gerade unter seiner Hofthür – siehst +du, dort – und jetzt fahr’ wohl, lieber Herr.« +</p> + +<p> +Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp +nach Hause. +</p> + +<p> +Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die +Thür seines Nachbars, dieser wollte sich ins Haus drücken, +aber Witichis rief ihn in einem Ton, daß er bleiben mußte. +</p> + +<p> +»Was willst du mir, Nachbar Witichis,« sagte er, +blinzelnd zu ihm aufsehend. +</p> + +<p> +Witichis zog den Zügel an und schob sein Roß dicht +neben jenen. Dann streckte er ihm die geballte, erzgepanzerte +Faust hart vor die Augen: »Nachbar Calpurnius,« sagte +<pb n='188'/><anchor id='Pg188'/>er ruhig, »wenn <hi rend='gesperrt'>ich</hi> dir einmal ins Gesicht schlage, stehst +du nie wieder auf.« +</p> + +<p> +Calpurnius fuhr erschrocken zurück. +</p> + +<p> +Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt +stolz und langsam seines Weges. +</p> +</div><div n="6" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen +Kissen des Lectus behaglich ausgestreckt, Cethegus der +Präfekt. +</p> + +<p> +Er war guter Dinge. +</p> + +<p> +Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung +geendet: nur im Fall augenblicklicher Durchforschung seines +Hauses, wie sie der junge König angeordnet, aber sein +Tod vereitelt hatte, wäre Entdeckung zu befürchten gewesen. +Er hatte durchgesetzt, daß die Befestigung von Rom fortgeführt +wurde, mit Zuschüssen aus seinen eigenen Geldern, +was seinen Einfluß in der Stadt noch hob. In der letzten +Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben: +alle Berichte lauteten günstig. Die Patrioten wuchsen an +Zahl und Reichtum. +</p> + +<p> +Der härtere Druck, der seit den letzten Vorgängen zu +Ravenna auf den Italiern lastete, konnte die Zahl der +Unzufriednen nur vermehren und, was die Hauptsache +war, Cethegus hielt jetzt alle Fäden der Verschwörung +in seiner Hand. Unbedingt erkannten selbst die eifersüchtigsten +Republikaner die Notwendigkeit an, bis zum +Tag der Freiheit dem Begabtesten die Führung zu überlassen. +</p> + +<pb n='189'/><anchor id='Pg189'/> + +<p> +So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren +bei allen Italiern, daß Cethegus den Gedanken +fassen konnte, sobald Rom vollends befestigt, ohne Hilfe +der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich +immer wieder, alle Befreier sind leicht gerufen und schwer +abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den Gedanken, Italien +allein zu befreien. +</p> + +<p> +So lag der Präfekt, legte Cäsars Bürgerkrieg, in dem +er geblättert, zur Seite, stützte das Haupt auf den linken +Arm und sagte zu sich selbst: »die Götter müssen noch +Großes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du stürzest, +fällst du, heil wie eine Katze, auf die sichern Füße. Ah, +wenn es uns wohl geht, möchten wir uns mitteilen. Aber +Vertrauen ist ein zu gefährliches Vergnügen und das +Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man +ein Mensch und möchte ...« – +</p> + +<p> +Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, +überreichte schweigend einen Brief auf flacher goldner Schale +und ging. »Der Bote wartet,« sagte er. +</p> + +<p> +Gleichgültig nahm Cethegus das Schreiben. +</p> + +<p> +Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnüre der +Tafeln zusammenhielt das Siegel – die Dioskuren – +erkannte, rief er lebhaft: »Von Julius! zu guter Stunde!« +löste eilig die Fäden, legte die Tafeln auseinander und +las – das kalte bleiche Antlitz überflogen von einem sonst +völlig fremden Hauch freudiger Wärme. +</p> + +<p> +»Cethegus dem Präfekten sein Julius Montanus. +</p> + +<p> +Wie lange ist’s, mein väterlicher Lehrer,« (– »beim +Jupiter, das klingt frostig« –) »daß ich dir nicht den +schuldigen Gruß gesendet. Das letzte Mal schrieb ich dir +an den grünen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verödeten +Hain des Akademos die Spuren Platons suchte – und +nicht fand. Ich weiß wohl, mein Brief war nicht heiter. +<pb n='190'/><anchor id='Pg190'/>Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen +wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn +der Priester und der Kälte der Menge, sie konnten nichts +in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war dunkel, +ich wußte nicht weshalb. +</p> + +<p> +Ich schalt meinen Undank gegen dich – den großmütigsten +aller Wohlthäter – –« (»so unerträgliche Namen +hat er mir nie gegeben,« schaltete Cethegus ein). +</p> + +<p> +»Seit zwei Jahren reise ich, mit deinen Reichtümern +wie ein König der Syrer ausgestattet, von deinen Freigelassenen +und Sklaven begleitet, durch ganz Asien und +Hellas, genieße alle Schönheit und Weisheit der Alten – +und mein Herz bleibt unbefriedigt, mein Leben unausgefüllt. +Nicht Platons schwärmerische Weisheit, nicht das Goldelfenbein +des Pheidias, Homeros nicht und nicht Thukydides +boten, was mir fehlte. +</p> + +<p> +Endlich, endlich hier in Neapolis, der blühenden göttergesegneten +Stadt hab’ ich gefunden, was ich unbewußt +überall vermißt und immer gesucht. +</p> + +<p> +Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glück,« (– er +hat eine Geliebte! nun endlich, du spröder Hippolyt, Dank +euch, Eros und Anteros! –) »o, mein Lehrer, mein +Vater! weißt du, welch ein Glück es ist, ein Herz, das +dich ganz versteht, zum erstenmal dein eigen nennen?« +(– »ah, Julius,« seufzte der Präfekt mit einem seltnen +Ausdruck weicher Empfindung, »ob ich es wußte!« –) +»Dem du die ganze volle Seele offen zeigen magst? O, +wenn du’s je erfahren, preise mich, opfre Zeus dem Erfüller +endlich: zum erstenmal hab’ ich einen Freund.« +</p> + +<p> +»Was ist das?« rief Cethegus unwillig aufspringend +mit einem Blick eifersüchtigen Schmerzes, »der Undankbare!« +</p> + +<p> +»Denn, das fühlst du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter +fehlte mir bis jetzt. Du, mein väterlicher Lehrer« – +</p> + +<pb n='191'/><anchor id='Pg191'/> + +<p> +Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpatttisch +und machte einen hastgen Gang durchs Zimmer. »Thorheit!« +sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las +weiter – +</p> + +<p> +»Du, soviel älter, weiser, besser, größer als ich – du +hast mir eine solche Wucht von Dank und Verehrung auf +die junge Seele geladen, daß sie sich dir nie ohne Scheu +öffnen konnte. Auch hörte ich oft mit Zagen, wie du +solche Weichheit und Wärme mit ätzendem Witze verhöhntest: +ein scharfer Zug um deinen stolzen festgeschlossenen +Mund hat solche Gefühle in mir in deiner Nähe stets getötet +wie Nachtfrost die ersten Veilchen« (– »nun, aufrichtig +ist er!« –) »Jetzt aber hab’ ich einen Freund +gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich und nie +gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur Eine +Seele in zwei Körpern: die sonnigen Tage, die mondsilbernen +Nächte wandeln wir miteinander durch diese elyseischen +Gefilde und finden kein Ende der geflügelten Worte. +– Aber ich muß ein Ende finden dieses Briefs. Er ist +ein Gote« (– »auch noch,« sagte Cethegus ungehalten,) +»und heißt Totila.« – +</p> + +<p> +Cethegus ließ die Hand mit dem Brief einen Augenblick +sinken, er sagte nichts, nur die Augen schloß er einen +Moment, dann las er ruhig nochmal: +</p> + +<p> +»Und heißt Totila! +</p> + +<p> +Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis +durch das Forum des Neptunus schlenderte und an der +Bogenwölbung eines Hauses die Statuen bewunderte, die +ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, stürzt urplötzlich +aus der Thür auf mich los ein grauköpfiger Mann mit +einer wollnen Schürze, über und über mit Gips bestäubt, +in der Hand ein spitzes Gerät: er packte mich an der Schulter +und schrie: »Pollux, mein Pollux, hab’ ich dich endlich!« +</p> + +<pb n='192'/><anchor id='Pg192'/> + +<p> +Ich dachte der Alte sei verrückt und sagte: »Du irrst, +guter Mann: ich heiße Julius und komme von Athen.« +</p> + +<p> +»Nein,« schrie der Alte, »Pollux heißt du und kömmst +vom Olymp.« Und eh’ ich wußte, wie mir geschah, hatte +er mich zur Thür hineingedreht. Da erkannte ich denn +allmählich, woran ich mit dem Alten war: er war der +Bildhauer, der die Statuen ausgestellt. +</p> + +<p> +In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher +und er erklärte mir, seit Jahren trage er sich mit der +Idee einer Dioskurengruppe. Für den Kastor habe er vor +kurzem ein köstlich Modell in einem jungen Goten gefunden. +»Aber umsonst erflehte ich« – fuhr er fort – »all diese +Tage vom Himmel einen Gedanken für meinen Pollux. +Er soll dem Kastor gleichen, ein Bruder Helenas, ein +Sohn des Zeus wie er, volle Ähnlichkeit in Zügen und +Gestalt muß da sein. Und doch muß die Verschiedenheit +so deutlich sein wie die Gleichheit: sie müssen zusammengehören +und doch jeder ganz eigenartig sein. Umsonst lief +ich alle Bäder und Gymnasien Neapolis ab: ich fand den +Ledazwilling nicht. Da hat dich ein Gott, Zeus selber +hat dich mir ans eigne Fenster geführt: wie ein Blitz +schlug’s in mich ein, da steht mein Pollux, wie er sein +muß: und nicht lebendig laß ich dich aus dieser Halle, +bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.« +</p> + +<p> +Gern sagte ich dem närrischen Alten zu, andern Tages +wieder zu kommen. Und das erfüllt ich um so lieber als +ich erfuhr, daß mein gewaltthätiger Freund Xenarchos sei, +der größte Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit +lange gesehn. Am andern Tag kam ich denn wieder und +fand meinen Kastor – es war Totila: – und ich kann +nicht leugnen, daß mich die große Ähnlichkeit selbst überraschte, +wenn auch Totila älter, höher, kräftiger und unvergleichlich +schöner ist als ich. Xenarchos sagt, wir seien +<pb n='193'/><anchor id='Pg193'/>wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller an +Haar und Haut: und gerade so, schwört der Meister, haben +sich die beiden Dioskuren geglichen und nicht geglichen. +So lernten wir uns denn unter den Götterbildern Xenarchs +kennen und lieben: wir wurden in Wahrheit Kastor und +Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft +uns das heitre Volk von Neapolis bei diesem Namen, +wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die Straßen gehn. +</p> + +<p> +Unsere junge Freundschaft ward aber noch besonders +rasch gereift durch eine drohende Gefahr, die sie leicht in +der Blüte geknickt hätte. +</p> + +<p> +Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur +Porta Nolana hinaus gewandelt, in den Bädern des +Tiberius Kühlung von des Tages Hitze zu suchen. Nach +dem Bade hatte ich in einer Laune spielender Zärtlichkeit +– du wirst sie schelten – des Freundes weißen Gotenmantel +umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflügeln +aufs Haupt gesetzt. Lächelnd ging er, meine +Chlamys umwerfend, auf den Tausch ein und friedlich +plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten +Dunkel der Nacht nach der Stadt zurück. +</p> + +<p> +Da springt aus dem Taxusgebüsch hinter mir ein +Mann auf mich her und ich fühle kaltes Eisen an meinem +Halse. +</p> + +<p> +Aber im nächsten Augenblick lag der Mörder zu meinen +Füßen, Totila’s Schwert in der Brust. Nur leicht verwundet +beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und +fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Haß, zum Morde +gegen mich treiben können. +</p> + +<p> +Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: »Nicht +dich: – Totila, den Goten« – und er zuckte und war +tot. Man sah’s an Tracht und Waffen – es war ein +isaurischer Söldner.« +</p> + +<pb n='194'/><anchor id='Pg194'/> + +<p> +Cethegus senkte den Brief und drückte die linke Hand +vor die Stirn. »Wahnsinn des Zufalls,« sagte er, »wohin +konntest du führen!« +</p> + +<p> +Und er las zu Ende. +</p> + +<p> +»Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu +Ravenna. Wir zeigten den Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen +zu Neapolis, an. Dieser ließ die Leiche durchsuchen +und Nachforschungen anstellen – ohne Erfolg. Uns +beiden aber hat diese ernste Stunde die junge Freundschaft +befestigt und mit Blut geweiht für alle Zeit. Ernster und +heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren, +das du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich +Omen, das sich freundlich erfüllt hat. Und wenn ich +mich frage, wem dank’ ich all dies Glück? Dir, dir allein, +der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all’ +mein Glück gefunden. So mögen dir es alle Götter und +Göttinnen vergelten! Ach ich sehe, dieser ganze Brief redet +nur von mir und dieser Freundschaft – schreibe doch bald +wie es um dich steht. Vale.« +</p> + +<p> +Ein bitteres Lächeln zuckte um des Präfekten ausdrucksvollen +Mund. +</p> + +<p> +Und wieder durchmaß er das Gemach in nur mit +Mühe gehaltenen Schritten. Endlich blieb er stehen, das +Kinn in die linke Hand stützend. – »Wie kann ich nur so +– jugendlich sein, mich zu ärgern. Es ist alles sehr +natürlich, wenn auch sehr einfältig. Du bist krank, Julius. +Warte: ich will dir ein Rezept schreiben.« Und mit einem +Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, setzte er sich +auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der +Bronzevase, ergriff die gnidische Schilffeder und schrieb mit +der roten Tinte, aus einem Löwenkopf von Achat, der an +dem Lectus angeschraubt war: +</p> + +<pb n='195'/><anchor id='Pg195'/> + <p rend="text-align: center">»An Julius Montanus Cethegus, der Präfekt + <lb/>von Rom.</p> + <p> +Deine rührende Epistel aus Neapolis hat mir viel +Spaß gemacht. Sie zeigt, daß du in der letzten Kinderkrankheit +steckst. Hast du sie abgethan, wirst du ein Mann sein. +</p> + +<p> +Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich dir das beste +Mittel. Du suchst sogleich den Purpurhändler Valerius +Procillus, meinen ältesten Gastfreund in Neapolis, auf. +Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger +Feind der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brüder +getötet, ein Republikaner wie Cato und schon deshalb mein +vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla aber ist +die schönste Römerin unserer Zeit und eine echte Tochter der +alten, der heidnischen Welt. Antigone oder Virginia würden +sich der Freundin freuen. Sie ist nur drei Jahre jünger und +folglich zehnmal reifer als du. Gleichwohl wird sie dir +der Vater nicht versagen, erklärst du ihm, daß Cethegus +für dich wirbt. Du aber wirst dich beim ersten Anblick +sterblich in sie verlieben. +</p> + +<p> +Du wirst das: obgleich ich es dir vorher sage und obgleich +du weißt, daß ich es wünsche. In ihren Armen +wirst du alle Freunde der Welt vergessen: geht die Sonne +auf, erbleicht der Mond. Übrigens, weißt du, daß dein +Kastor einer der gefährlichsten Römerfeinde ist? Und ich +habe einmal einen gewissen Julius gekannt, der geschworen: +Rom über alles. Vale.« +</p> + +<p> +Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnürte +ihn mit den Bändern von rotem Bast, befestigte diese an +der Schleife mit Wachs und drückte seinen Amethystring +mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berührte +er einen aus dem Marmorgetäfel hervorschauenden +silbernen Adler: – draußen an der Wand des Vestibulums +<pb n='196'/><anchor id='Pg196'/>schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines +niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton. +</p> + +<p> +Der Sklave trat wieder ein. +</p> + +<p> +»Laß den Boten in meinen Thermen baden, gieb ihm +Speise und Wein, einen Goldsolidus und diesen Brief. +Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurück nach +Neapolis.« – – +</p> +</div><div n="7" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Präfekten +in einem Kreise, der sehr wenig zu seinem hohen +Trachten, ja zu seinem Alter zu passen schien. +</p> + +<p> +In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und +Christentum, das in den ersten Jahrhunderten nach der +Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten der +Römerwelt mit grellen Widersprüchen erfüllte, spielte besonders +die friedliche Mischung von Festen der alten und der +neuen Religion eine auffallende Rolle. Neben den großen +Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch noch +größtenteils die fröhlichen Feste der alten Götter fort, wenn +auch meist ihrer ursprünglichen Bedeutung, ihres religiösen +Kernes beraubt. +</p> + +<p> +Das Volk ließ sich etwa den Glauben an Jupiter und +Juno nehmen und die Kultushandlungen und die Opfer, +aber nicht die Spiele, die Feste, die Tänze und Schmäuse, +die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die +Kirche war von jeher klug genug, zu dulden, was sie nicht +ändern konnte. +</p> + +<p> +So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, +mit welchen sich derber Aberglaube und wüster Unfug aller +<pb n='197'/><anchor id='Pg197'/>Art verband, erst im Jahre vierhundertsechsundneunzig – +und nur mit Mühe – abgeschafft. +</p> + +<p> +Viel länger natürlich behaupteten sich harmlose Feste +wie die Floralien, die Palilien und zum Teil haben sich +ja manche von ihnen in den Städten und Dörfern Italiens +mit veränderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten. +So waren denn die Tage der Floralien gekommen, die, +früher auf der ganzen Halbinsel, als ein Fest besonders +der fröhlichen Jugend, mit lauten Spielen und Tänzen gefeiert, +auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus +und Gelage begangen wurden. +</p> + +<p> +Und so hatten sich denn die beiden Licinier und ihr +Kreis von jungen Rittern und Patriziern an dem Hauptfesttag +der Floralien zu einem Symposion zusammen bestellt, +für welches jeder der Gäste, wie bei unsern »Picknicks,« +seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern +hatte. Die Fröhlichen versammelten sich bei dem jungen +Kallistratos, einem liebenswürdigen und reichen Griechen +aus Korinth, der sich im Genuß künstlerischer Muße zu +Rom niedergelassen und nahe bei den Gärten des Sallust +ein geschmackvolles Haus gebaut hatte, das als der Mittelpunkt +heitern Lebensgenusses und feiner Bildung galt. +Außer dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich +die Künstler und Gelehrten: und dann auch jene Schichten +der römischen Jugend, denen über ihren Rossen und Wagen +und Hunden wenige Zeit und Gedanken für den Staat +übrig blieb und die daher bis jetzt dem Einfluß des Präfekten +unzugänglich gewesen waren. +</p> + +<p> +Deshalb war es diesem sehr erwünscht, als ihm der +junge Lucius Licinius, jetzt sein glühendster Anhänger, die +Einladung des Korinthers überbrachte. »Ich weiß wohl,« +sagte er schüchtern, »wir können deinem Geist nicht ebenbürtige +Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten +<pb n='198'/><anchor id='Pg198'/>Kyprier und Falerner locken, die Kallistratos spenden wird, +lehnst du ab.« +</p> + +<p> +»Nein, mein Sohn, ich komme,« sagte Cethegus »und +mich locken nicht die alten Kyprier, sondern die jungen +Römer.« – +</p> + +<p> +Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau +trug, hatte sein Haus mitten in Rom in griechischem Stil +gebaut. Und zwar nicht in dem des damaligen, sondern +des freien, des perikleischen Griechenlands und dies machte +im Gegensatz zu der geschmacklosen Überladung jener Tage +den Eindruck edler Einfachheit. Durch einen schmalen Gang +gelangte man in das Peristyl, den offenen von Säulengängen +umschlossenen Hof, dessen Mittelpunkt ein plätschernder +Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete. Die +nach Norden offne Säulenhalle enthielt außer andern Gelassen +auch den Speisesaal, der heute die kleine Gesellschaft versammelt +hielt. Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon +zu der »Coena«, dem eigentlichen Schmause, sondern erst +zu der »Commissatio,« dem darauf folgenden nächtlichen +Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die +Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo längst schon die +zierlichen Bronzelampen an den schildpattgetäfelten Wänden +brannten und die Gäste, mit Rosen und Eppich bekränzt, +auf den Polstern des hufeisenförmigen Trikliniums lagerten. +Eine betäubende Mischung von Weinduft und Blumenduft, +von Fackelglanz und Farbenglanz drang ihm an der Schwelle +entgegen. +</p> + +<p> +»Salve, Cethege!« rief der Wirt dem Eintretenden +entgegen. »Du findest nur kleine Gesellschaft.« +</p> + +<p> +Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem +herrlich gewachsenen jungen Mauren, dessen schlanke Glieder +durch den Scharlachflor seiner leichten Tunika mehr gezeigt +als verhüllt wurden, ihm die Sandalen abzubinden. Er +<pb n='199'/><anchor id='Pg199'/>zählte indessen: »Nicht unter den Grazien,« lächelte er, +»nicht über die Musen.« +</p> + +<p> +»Geschwind, wähle den Kranz,« mahnte Kallistratos, +»und nimm deinen Platz da oben auf dem Ehrensitz der +mittleren Kline. Wir haben dich im Voraus zum Symposiarchen, +zum Festkönig gewählt.« +</p> + +<p> +Der Präfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu +bezaubern. Er wußte, wie gut er das konnte: und er +wollte es heute. Er wählte einen Rosenkranz und ergriff +das elfenbeinerne Scepter, das ihm ein syrischer Sklave +knieend reichte. Das Rosendiadem zurecht rückend schwang +er mit Würde den Stab: »So mach’ ich eurer Freiheit +ein Ende!« +</p> + +<p> +»Ein geborner Herrscher,« rief Kallistratos, halb im +Scherz, halb im Ernst. – »Aber ich will ein sanfter +Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein Drittel Wasser – zwei +Drittel Wein.« – »Oho,« rief Lucius Licinius und trank +ihm zu, »<hi rend='antiqua'>bene te</hi>! Du führst üppig Regiment. Gleiche +Mischung ist sonst unser Höchstes.« +</p> + +<p> +»Ja, Freund,« lächelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz +der mittleren Kline, dem »Konsulsplatz«, niederlassend, »ich +habe meine Trinkstudien unter den Ägyptern gemacht, die +trinken nur lautern. He, Mundschenk – wie heißt er?« +</p> + +<p> +»Ganymedes – er ist aus Phrygien. Hübscher Wuchs, +eh?« – »Also, Ganymed, gehorche deinem Jupiter und stelle +neben jeden eine Patera Mamertiner Wein – doch neben +Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist.« Die jungen +Leute lachten. +</p> + +<p> +Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sicilien, noch +sehr jung und schon sehr dick. +</p> + +<p> +»Pah,« lachte der Trinker, »Epheu ums Haupt und +Amethyst am Finger – so trotz ich den Mächten des +Bacchus.« – »Nun, wo steht ihr im Wein?« fragte Cethegus, +<pb n='200'/><anchor id='Pg200'/>dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm +einen zweiten Kranz von Rosen, diesmal um den Nacken, +schlang. +</p> + +<p> +»Settiner Most mit hymettischem Honig, war das letzte. +Da, versuch!« so sprach Piso, der schelmische Poet, dessen +Epigramme und Anakreontika die Buchhändler nicht rasch +genug konnten abschreiben lassen und dessen Finanzen sich +doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte +dem Präfekten was wir einen »Vexierbecher« nennen würden, +einen bronzenen Schlangenkopf, der, unvorsichtig an +den Mund gebracht, einen Strahl Weines heftig in die +Kehle schoß. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam +trank er und gab den Becher zurück. »Deine <hi rend='gesperrt'>trocknen</hi> +Witze sind mir lieber, Piso,« lachte er und haschte ihm +aus der Brustfalte ein beschriebenes Täfelchen. +</p> + +<p> +»O gieb,« sagte Piso, »es sind keine Verse – sondern +– ganz im Gegenteil! – eine Zusammenstellung meiner +Schulden für Wein und Pferde.« – »Je nun,« meinte +Cethegus, »ich hab’ sie an mich genommen – sie sind also +mein. Du magst morgen die Quittung bei mir einlösen: +aber nicht umsonst – mit einem deiner boshaftesten Epigramme +auf meinen frommen Freund Silverius!« – »O +Cethegus,« rief der Poet erfreut und geschmeichelt, »wie +boshaft kann man sein für vierzigtausend Solidi! Wehe +dem heiligen Mann Gottes.« +</p> +</div><div n="8" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtes Kapitel.</head> + +<p> +»Und im Schmause – wie weit seid ihr damit?« +fragte Cethegus, »schon bei den Äpfeln? sind es diese?« +</p> + +<p> +Und er sah blinzend nach zwei Fruchtkörben von +<pb n='201'/><anchor id='Pg201'/>Palmenbast, die hoch aufgehäuft auf einem Bronzetisch mit +elfenbeinernen Füßen prangten. »Ha Triumph!« lachte +Marcus Licinius, des Lucius jüngerer Bruder, der sich +mit der liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. »Da +siehst du meine Kunst, Kallistratos! Der Präfekt nimmt +meine Wachsäpfel, die ich dir gestern geschenkt, für echt.« +»Ah wirklich?« rief Cethegus wie erstaunt, obwohl er den +Wachsgeruch längst ungern vermerkt. »Ja, Kunst täuscht +die Besten. Bei wem hast du gelernt? Ich möchte dergleichen +in meinem kyzikenischen Saal aufstellen.« +</p> + +<p> +»Ich bin Autodidakt,« sagte Marcus stolz, »und morgen +schicke ich dir meine neuen persischen Äpfel: – denn du +würdigst die Kunst.« +</p> + +<p> +»Aber das Gelag ist doch zu Ende?« fragte der Präfekt, +den linken Arm auf das Polster der Kline stützend. +</p> + +<p> +»Nein,« rief der Wirt, »ich will es nur gestehn: da +ich auf unsern Festkönig erst zur Trinkstunde rechnen durfte, +hab’ ich noch einen kleinen Nachschmaus zu den Bechern +gerüstet.« – »O du Frevler,« rief Balbus, sich mit der +zottigen Purpurgausape die fettglänzenden Lippen wischend, +»und ich habe so schrecklich viel von deinen Feigenschnepfen +gegessen!« – »Das ist wider die Verabredung!« rief +Marcus Licinius. – »Das verdirbt meine Sitten!« sagte +der fröhliche Piso ernsthaft. – »Sprich, ist das hellenische +Einfachheit?« fragte Lucius Licinius. – »Ruhig, Freunde,« +tröstete Cethegus mit einem Citat: »Auch unverhofftes Unheil +trägt ein Römer stark.« +</p> + +<p> +»Der hellenische Wirt muß sich nach seinen Gästen +richten,« entschuldigte Kallistratos, »ich fürchte, ihr kämt +mir nicht wieder, böte ich euch marathonische Kost.« – +»Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht,« rief +Cethegus, »du, Nomenklator, lies die Schüsseln ab: ich +werde dann die Weine bestimmen, die dazu gehören.« +</p> + +<pb n='202'/><anchor id='Pg202'/> + +<p> +Der Sklave, ein schöner lydischer Knabe, in einem bis +an die Knie aufgeschlitzten Röckchen von blauer pelusischer +Leinwand, trat dicht neben Cethegus an den Tisch von +Cypressenholz und las von einem Täfelchen ab, das er an +goldnem Kettchen um den Hals trug: »Frische Austern aus +Britannien in Thunfischbrühe mit Lattich.« – »Dazu +Falerner von Fundi,« sprach Cethegus ohne Besinnen. +»Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen? Rechter +Trunk mundet nur aus rechter Schale.« +</p> + +<p> +»Dort ist der Schenktisch!« und auf einen Wink des +Hausherrn fiel der Vorhang zurück, der die eine Ecke des +Zimmers, den Gästen gegenüber, verhüllt hatte. +</p> + +<p> +Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen. +</p> + +<p> +Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre +und der Geschmack ihrer Anordnung war selbst +diesen verwöhnten Augen überraschend. Auf der Marmorplatte +des Tisches stand ein geräumiger silberner Wagen +mit goldnen Rädern und ehernem Gespann: es war ein +Beutewagen, wie sie in römischen Triumphen aufgeführt +zu werden pflegten: und als köstliche Beute lagen darin +Pokale, Gläser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in +scheinbarer Unordnung, doch mit kunstverständiger Hand, +gehäuft. +</p> + +<p> +»Bei Mars dem Sieger,« lachte der Präfekt, »der +erste römische Triumph seit zweihundert Jahren. Ein +seltner Anblick! Darf ich ihn zerstören?« – »Du bist +der Mann, ihn wieder aufzurichten,« sagte Lucius Licinius +feurig. – »Meinst du? Versuchen wir’s! – Also zum +Falerner die Kelche dort von Terebinthenholz.« +</p> + +<p> +»Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent!« +fuhr der Lydier fort. »Dazu den roten Massiker von +Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.« +</p> + +<pb n='203'/><anchor id='Pg203'/> + +<p> +»Junge Schildkröten von Trapezunt mit Flamingozungen –« +</p> + +<p> +»Halt an, beim heiligen Bacchus,« rief Balbus. »Das +sind ja die Qualen des Tantalus. Mir ist ganz gleich, +aus was ich trinke, aus Terebinthen oder Amethyst – +aber dies Aufzählen von Götterbissen mit trocknem Gaumen +halt’ ich nicht mehr aus. Nieder mit Cethegus dem +Tyrannen, er sterbe, wenn er uns hungern läßt.« – »Mir +ist, ich wäre Imperator und hörte das getreue Volk von +Rom. Ich rette mein Leben und gebe nach. Tragt auf, +ihr Sklaven.« Da tönten Flöten aus dem Vorgemach +und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven, <anchor id="corr203"/><corr sic="Eupheu">Epheu</corr> +um die glänzend gesalbten Locken, in roten Mänteln und +weißen Tuniken heran. Sie reichten den Gästen frische +Handtücher von feinstem sidonischem Linnen mit weichen +Purpurfransen. +</p> + +<p> +»Oh,« rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich +mit schönen Sklaven und Sklavinnen handelte +und in dem zweideutigen Ruhme stand, der feinste Kenner +solcher Ware zu sein, »das weichste Handtuch ist ein schönes +Haar« – und er fuhr dem eben neben ihm knieenden +Ganymed durch die Locken. »Aber, Kallistratos, jene Flöten +sind hoffentlich weiblichen Geschlechts – auf mit dem +Vorhang – laß die Mädchen ein.« +</p> + +<p> +»Noch nicht,« befahl Cethegus. »Erst trinken, dann +küssen. Ohne Bacchus und Ceres, du weißt –« +</p> + +<p> +»Friert Venus, nicht Massurius.« +</p> + +<p> +Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von +Lyra und Kithara und ein trat ein Zug von acht Jünglingen +in goldgrün schillernden Seidengewändern, vorauf +der »Anrichter« und der »Zerleger«: die sechs andern +trugen Schüsseln auf dem Haupt: sie zogen im Taktschritt +an den Gästen vorüber und machten vor dem Anrichttisch +<pb n='204'/><anchor id='Pg204'/>von Citrus Halt. Während sie hier beschäftigt waren, +erklangen vom Mittelgrunde her Kastagnetten und Cymbeln, +die großen Doppelthüren drehten sich um ihre erzschimmernden +Säulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in +der schönen Tracht korinthischer Epheben strömte herein. +Die einen reichten Brot in zierlich durchbrochenen Bronzekörben: +andre verscheuchten die Mücken mit breiten Fächern +von Straußenfedern und Palmblättern: einige gossen Öl +in die Wandlampen aus doppelhenkeligen Krügen mit anmutvoller +Bewegung, indes etliche mit zierlichen Besen von +ägyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen +fegten und die übrigen Ganymed die Becher füllen halfen, +die jetzt schon eifrig kreisten. +</p> + +<p> +Damit stieg denn die Raschheit, die Wärme des Gesprächs +und Cethegus, der, wie überlegen nüchtern er blieb, +völlig im Moment versunken schien, bezauberte durch seine +Jugendlichkeit die Jünglinge. +</p> + +<p> +»Wie ist’s,« fragte der Hausherr, »wollen wir würfeln +zwischen den Schüsseln? Dort neben Piso steht der Würfelbecher.« +– »Nun, Massurius,« meinte Cethegus mit +einem spöttischen Blick auf den Sklavenhändler, »willst du +wieder einmal dein Glück wider mich versuchen? Willst du +wetten gegen mich? Gieb ihm den Becher, Syphax!« winkte +er dem Mauren. +</p> + +<p> +»Merkur soll mich bewahren!« antwortete Massurius +in komischem Schreck. »Laßt euch nicht ein mit dem Präfekten +– er hat das Glück seines Ahnherrn Julius Cäsar +geerbt.« +</p> + +<p> +»<hi rend='antiqua'>Omen accipio!</hi>« lachte Cethegus, »das nehm’ ich an, +mitsamt dem Dolch des Brutus.« +</p> + +<p> +»Ich sag’ euch, er ist ein Zauberer! Erst jüngst hat er +eine ungewinnbare Wette gegen mich gewonnen an diesem +braunen Dämon –« Und er wollte dem Sklaven eine +<pb n='205'/><anchor id='Pg205'/>Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit +den glänzend weißen Zähnen und verzehrte sie mit ruhigem +Behagen. +</p> + +<p> +»Gut, Syphax,« lobte Cethegus, »Rosen aus den +Dornen der Feinde! Du kannst ein Gaukler werden, sobald +ich dich freilasse.« +</p> + +<p> +»Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein +und dein Leben retten wie du seins.« +</p> + +<p> +»Was ist das – dein Leben?« fragte Lucius Licinius +mit erschrockenem Blick. – »Hast du ihn begnadigt?« sagte +Marcus. +</p> + +<p> +»Mehr, ich hab’ ihn losgekauft.« +</p> + +<p> +»Ja, mit meinem Gelde!« brummte Massurius. +</p> + +<p> +»Du weißt, ich hab’ ihm dein verwettet Geld sofort +als Peculium geschenkt.« +</p> + +<p> +»Was ist das mit der Wette? erzähle, vielleicht ein +Stoff für meine Epigramme,« fragte Piso. +</p> + +<p> +»Laßt den Mauren selbst erzählen – sprich, Syphax, +du darfst.« +</p> +</div><div n="9" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neuntes Kapitel.</head> + +<p> +Ohne Zögern trat der junge Sklave in das von den +Tischen gebildete Hufeisen, den Rücken zur Thüre gewandt: +sein funkelndes Auge überflog rasch die Versammlung und +haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle bewunderten +die jugendliche Kraft und Schönheit der schlanken Glieder, +deren tiefes Braun nur um die Hüften ein kostbarer Schurz +von Scharlach verhüllte. +</p> + +<p> +»Leicht ist erzählt, was schwere Schmerzen barg. Ich +bin daheim im Lieblingsland der Sonne; wo hundert +<pb n='206'/><anchor id='Pg206'/>Palmen die immer grüne Oase beschatten, außer uns nur +dem Löwen bekannt und dem fleckigen Panther. Aber in +einer götterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser +altes Versteck. Vandalische Reiter waren’s und keine +Rettung. Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte +durch die Cedernwipfel hinan, kreischend flohen Weiber und +Kinder. Da traf mich ein sausender Speer. +</p> + +<p> +Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, +das uns gekauft, mich und viele Männer und +Weiber meines Stammes: ich hatte nichts gerettet als +meinen Gott, den weißen Schlangenkönig, ich trug ihn im +Gürtel geborgen. Sie brachten uns nach Rom, da kaufte +mich einer, dessen Namen verflucht sei.« +</p> + +<p> +»’s ist unser Freund Calpurnius,« unterbrach Cethegus. +</p> + +<p> +»Und kein Stern soll ihm leuchten auf nächtlicher Fahrt, +er soll verdursten im heißen Sand,« knirschte der Maure +mit aufloderndem Haß. »Er schlug mich oft um nichts +und ließ mich hungern. Ich schwieg und betete zu meinem +Gott um Rache. Er zürnte, daß ich so ruhig seine Wut +ertrug. +</p> + +<p> +Er wußte nicht, daß Syphax seinen Gott bei sich trug +in Gestalt einer Schlange. Da trat er eines Morgens an +mein Lager und fand sie um meinen Hals geringelt. Er +erschrak: ich sagte ihm seine Zähne seien nicht tödlich, aber +seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte: +»Töte den Wurm!« Umsonst flehte ich und wand mich +auf den Knieen vor ihm. Er schlug mich und schlug nach +dem Gott: und als ich den deckte mit meinem Leibe, schrie +er noch wilder: »Töte das Tier.« Wie konnt’ ich gehorchen! +Da rief er seine Sklaven und befahl: »Nehmt +ihm die Bestie und kocht sie lebendig. Er soll seinen +Gott fressen!« Ich erschrak zum Tode über diesen Frevel. +Und sie griffen mich und haschten nach der Schlange. +<pb n='207'/><anchor id='Pg207'/>Aber der Gott gab mir die Kraft der Wut, die da gleich +ist der Kraft des pfeilwunden Tigers, und ich sprang unter +sie mit gellendem Schrei. +</p> + +<p> +Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und +gewann die Thüre des Hauses und sprang hinaus ins +Freie und dreißig Sklaven hinter mir drein. Da galt es +das Leben.« +</p> + +<p> +Die Gäste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den +Becher ab, den er eben zu Munde führte. +</p> + +<p> +»Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern +und ich, die windschnelle Antilope müde gejagt. Und die +Sklaven waren langsam und schwer. +</p> + +<p> +Aber sie kannten die Stadt und ihre Straßen und ich +nicht. So war es ein ungleich Spiel. Die Verfolger +teilten sich in Scharen von drei, vier Mann und gewannen +mir durch Seitengassen und Durchgänge den Weg ab. +</p> + +<p> +Zum Glück hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede +einen schweren Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht’ +ich ihn, die Verfolger zu scheuchen, zu treffen, die mir +plötzlich von vorn entgegenkamen. Ich fühlte aber, lange +konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie +langsam sie, zuletzt mußte ich doch erliegen. +</p> + +<p> +Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken +an die Brust drückte, Ihn,« – und sein schönes Auge +funkelte, – »meinen Herrn, den gewaltigen, der mächtig +ist wie der Löwe von Abaritana und klug wie der Elefant, +der da gut ist wie milder Regen nach langer Dürre +und herrlich wie –« +</p> + +<p> +»Jetzt erzählst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. +Ich kam gerade von den Schanzwerken am aurelischen +Thor, dem Grabmal Hadrians.« +</p> + +<p> +»Deinem schönen, göttergeschmückten Lieblingsort,« unterbrach +Kallistratos. +</p> + +<pb n='208'/><anchor id='Pg208'/> + +<p> +»Und bog am Fuße des Kapitols in das Forum Trajans: +da stand eine gaffende, schreiende Menge und sah +der Menschenjagd neugierig zu: wie ein Pfeil schoß der +Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger +weit hinter ihm. Aber siehe, dicht neben mir bogen von +links fünf, von rechts sieben der Sklaven des Calpurnius +auf das Forum ein, bereit, ihn aufzufangen, sowie er auf +dem Platz ankam. »Der ist verloren!« sagte neben mir +eine bekannte Stimme, es war Massurius, der aus dem +Bade des Augustus trat. +</p> + +<p> +»Wem gehört er?« fragte ich. »Calpurnius ist unser +Herr,« antwortete der Sklave neben mir. »Dann wehe +ihm,« sprach Massurius zu mir: »er hängt seine Strafsklaven +bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher +und läßt sie lebendig auffressen von seinen Muränen und +Hechten.« – »Ja,« sagte der Sklave, »Syphax hat ihn +niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: »zu den +Muränen den Hund! wer ihn einbringt, ist frei.« +</p> + +<p> +Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt +gleich heran war. »Der ist zu gut für die Fische,« sagte +ich, »welch’ herrlicher Wuchs! Und sieh, er kömmt durch, +ich <anchor id="corr208"/><corr sic="wette.">wette.«</corr> +</p> + +<p> +Denn eben hatte der Flüchtling die erste Kette der +Sklaven, die sich ihm an der Mündung der Via julia entgegenwarf, +durchbrochen und flog jetzt auf uns zu.« +</p> + +<p> +»Und ich wette tausend Solidi, er kömmt nicht durch: +sieh’, dort die Lanzen,« sprach Massurius. – »Gerade vor +uns standen fünf Sklaven mit Lanzen und Wurfspeeren. +»Es gilt!« rief ich, tausend Solidi. +</p> + +<p> +Da war er heran. +</p> + +<p> +Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther +duckte der Flinke unter ihnen weg und, plötzlich aufschnellend, +sprang er in hohem Satz über die Lanzen der beiden +<pb n='209'/><anchor id='Pg209'/>übrigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er +blutete von Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom +Forum julium heran das ganze Rudel. Verzweifelnd sah +er um sich und wollte nach rechts in die Friedens-Tempel-Straße, +die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurückgeführt +hätte. Da sah ich vor uns das Portal der kleinen Basilika von +Sankt Laurentius offen stehen. »Dort hin!« rief ich ihm zu.« +</p> + +<p> +»In meiner Sprache! er kennt meine Sprache,« rief +Syphax. +</p> + +<p> +»Er kennt, glaub’ ich, alle Sprachen,« meinte Marcus +Licinius. +</p> + +<p> +»Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der +Blitz war er die Stufen hinan, schon auf der letzten, da +traf ihn ein Stein, daß er stürzte und sein nächster Verfolger +war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal +rang er sich aus seinem Griff, stieß ihn die Stufen hinab +und sprang in die Thüre der Kirche.« +</p> + +<p> +»Da hattest du gewonnen,« sagte Kallistratos. +</p> + +<p> +»Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von +St. Laurentius, so eifersüchtig sie ihre Asylrechte wahren, +so wenig haben sie Mitleid mit einem Heiden. Einen Tag +lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, daß er um der +Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten +sie ihm die Wahl, Christ zu werden und den Götzen aufzugeben, +oder Calpurnius und die Muränen. +</p> + +<p> +Syphax wählte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte +dem Zornigen seine Rache ab und das Leben dieses +schlanken Burschen, des schönsten Sklaven in Rom.« +</p> + +<p> +»Kein schlechtes Geschäft,« meinte Marcus, »der Maure +ist dir treu.« +</p> + +<p> +»Ich glaube,« sagte Cethegus, »tritt zurück, Syphax. +</p> + +<p> +Da bringt der Koch sein Meisterstück, so scheint’s.« +</p> + +</div><div n="10" type="kapitel"> +<pb n='210'/><anchor id='Pg210'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehntes Kapitel.</head> + +<p> +Es war eine sechspfündige Steinbutte, seit Jahren im +Meerwasserweiher des Kallistratos mit Gänselebern gemästet. +Der vielgepriesene »Rhombus« kam auf silberner Schüssel, +ein goldenes Krönchen auf dem Kopf. +</p> + +<p> +»Alle guten Götter und du, Prophete Jonas!« lallte +Balbus zurücksinkend in die Polster, »der Fisch ist mehr +wert als ich selber.« – »Still, Freund,« warnte Piso, +»daß uns nicht Cato höre, der gesagt: wehe der Stadt, +wo ein Fisch mehr wert als ein Rind.« Schallendes +Gelächter und der laute Ruf <hi rend='antiqua'>Euge belle!</hi> übertönte den +Zornruf des Halbberauschten. +</p> + +<p> +Der Fisch ward zerschnitten und köstlich erfunden. +</p> + +<p> +»Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. +Der edle Fisch will schwimmen in edlem Naß. Auf, +Syphax, jetzt paßt, was ich zu dem Gelage beigesteuert. +Geh’ und laß die Amphora hereinbringen, welche die +Sklaven draußen in Schnee gestellt. Dazu die Phialen +von gelbem Bernstein.« +</p> + +<p> +»Was bringst du seltenes, aus welchem Land?« fragte +Kallistratos. – »Frag, aus welchem Weltteil? bei diesem +vielgereisten Odysseus,« sagte Piso. +</p> + +<p> +»Ihr müßt raten. Und wer es errät, wer diesen Wein +schon gekostet hat, dem schenk’ ich eine Amphora, so hoch +wie diese.« +</p> + +<p> +<anchor id="corr210"/><corr sic="»Zwei">Zwei</corr> Sklaven, eppichbekränzt, schleppten den mächtigen, +dunkeln Krug herein: von schwarzbraunem Porphyr und +fremdartiger Gestalt, mit hieroglyphischen Zeichen geschmückt +und wohl vergipst oben an der Mündung. +</p> + +<p> +»Beim Styx! kömmt er aus dem Tartarus? das ist +ein schwarzer Gesell,« lachte Marcus. +</p> + +<pb n='211'/><anchor id='Pg211'/> + +<p> +»Aber er hat eine weiße Seele – zeige sie, Syphax.« +Der Nubier schlug mit dem Hammer von Ebenholz, den +ihm Ganymedes reichte, sorgfältig den Gips herunter, hob +mit silberner Zange den Verschluß von Palmenrinde heraus, +schüttete die Schicht Öl hinweg, die oben schwamm, und +füllte die Pokale. Ein starker berauschender Geruch entstieg +der weißen, klebrigen Flüssigkeit. Alle tranken mit forschender +Miene. +</p> + +<p> +»Ein Göttertrank!« rief Balbus absetzend. – »Aber +stark wie flüssiges Feuer,« sagte Kallistratos. +</p> + +<p> +»Nein, den kenn’ ich nicht!« sprach Lucius Licinius. +</p> + +<p> +»Ich auch nicht,« beteuerte Marcus Licinius. – »Aber +ich freue mich, ihn kennen zu lernen,« rief Piso und hielt +Syphax die leere Schale hin. +</p> + +<p> +»Nun,« fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast +ganz stummen Gast zu seiner Rechten gewendet, »nun, +Furius, großer Seefahrer, Abenteurer, Indiensucher, Weltumsegler, +wird deine Weisheit auch zu Schanden?« +</p> + +<p> +Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein +schöner athletischer Mann von einigen dreißig Jahren, von +bronzener wettergebräunter Gesichtsfarbe, kohlschwarzen tiefliegenden +Augen, blendend weißen Zähnen und vollem +Rundbart nach orientalischem Schnitt. +</p> + +<p> +Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch +ein: »Doch, beim Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch +gar nicht?« Cethegus maß die fesselnde Erscheinung mit +scharfem Blick. »Ich kenne den Präfekten von Rom,« +sagte der Schweigsame. – »Nun, Cethegus, und dies ist +mein vulkanischer Freund, Furius Ahalla, aus Korsika, der +reichste Schiffsherr des Abendlands, tief wie die Nacht +und heiß wie das Feuer: er hat fünfzig Häuser, Villen und +Paläste an allen Küsten von Europa, Asien und Afrika, zwanzig +Galeeren, ein paar tausend Sklaven und Matrosen und –« +</p> + +<pb n='212'/><anchor id='Pg212'/> + +<p> +»Und einen sehr geschwätzigen Freund,« schloß der +Korse. »Präfekt, mir ist es leid um dich, aber die Amphora +ist mein. Ich kenne den Wein.« – Und er nahm +ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Löffel. +</p> + +<p> +»Schwerlich,« lächelte Cethegus spöttisch. +</p> + +<p> +»Doch. Es ist Isiswein. Aus Ägypten. Aus Memphis.« +Und ruhig schlürfte er das goldrötliche Ei. +</p> + +<p> +Erstaunt sah ihn Cethegus an. »Erraten,« sagte er +dann. »Wo hast du ihn gekostet?« – »Notwendig da, +wo du. Er fließt ja nur aus Einer Quelle,« lächelte der +Korse. – »Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rätsel +unter den Rosen!« rief Piso. – »Wo habt ihr beiden +Marder dasselbe Nest gefunden?« fragte Kallistratos. +</p> + +<p> +»Nun,« rief Cethegus, »wisset es immerhin. Im alten +Ägypten, im heilgen Memphis voraus, haben sich immer +noch, dicht neben den christlichen Einsiedlern und Mönchen +in der Wüste, glaubenszähe Männer und namentlich +Frauen erhalten, die nicht lassen wollen von Apis und +Osiris und besonders treu den süßen Dienst der Isis +pflegen. Sie flüchten von der Oberfläche, wo die Kirche +das Kreuz der Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, +in den geheimen Schoß der großen Mutter Erde mit ihrem +heilgen teuren Wahn. In einem Labyrinth unter den +Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert +Krüge geborgen des mächt’gen Weines, welcher dereinst die +Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe berauschte. +Die Kunde geht geheim gehalten von Geschlecht +zu Geschlecht, immer nur Eine Priesterin kennt den Keller +und bewahrt den Schlüssel. +</p> + +<p> +Ich küßte die Priesterin und sie führte mich ein: – +sie war eine wilde Katze, aber ihr Wein war gut: – und +sie gab mir zum Abschied fünf Krüge mit aufs Schiff.« +</p> + +<p> +»Soweit hab’ ich es mit Smerda nicht gebracht,« sagte +<pb n='213'/><anchor id='Pg213'/>der Korse; »sie ließ mich trinken im Keller, aber als +Andenken gab sie mir nur das mit« – und er entblößte +den braunen Hals. – »Einen Dolchstich der Eifersucht,« +lachte Cethegus. »Nun, mich freut, daß die Tochter nicht +aus der Art schlägt. Zu meiner Zeit, das heißt, als mich +die Mutter trinken ließ, lief die kleine Smerda noch im +Kinderröckchen. Wohlan, es lebe der heilge Nil und die +süße Isis.« Und die beiden tranken sich zu. +</p> + +<p> +Aber es verdroß sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, +das jeder allein zu besitzen geglaubt. +</p> + +<p> +Doch die andern waren bezaubert von der Laune des +eisigen Präfekten, der jugendlich wie ein Jüngling mit +ihnen plauderte und jetzt, da das beliebteste Thema für +junge Herren unter den Bechern angeregt war – Liebesabenteuer +und Mädchengeschichten – unerschöpflich übersprudelte +von Streichen und Schwänken, die er meistens +selbst erlebt. Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen. +Nur der Korse blieb stumm und kalt. +</p> + +<p> +»Sage,« rief der Wirt und winkte dem Schänken, als +gerade das Gelächter über eine solche Geschichte verhallt +war, »sag an, du Mann buntscheckiger Erfahrung: – +ägyptische Isismädchen, gallische Druidinnen, nachtlockige +Töchter Syriens und meine plastischen Schwestern von +Hellas: – alle kennst du und weißt du zu schätzen, aber +sprich, hast du je ein germanisch Weib geliebt?« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Cethegus, seinen Isiswein schlürfend, »sie +waren mir immer zu langweilig.« +</p> + +<p> +»Oho,« meinte Kallistratos, »das ist zuviel gesagt. Ich +sage euch, ich habe an den letzten Calenden einen Wahnsinn +gehabt für ein germanisch Weib, die war nicht langweilig.« +</p> + +<p> +»Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der +Helena Landsmann, erglühst für ein Barbarenweib? O +<pb n='214'/><anchor id='Pg214'/>arger Eros, Sinnenverwirrer, Männerbeschämer,« schalt +der Präfekt. +</p> + +<p> +»Ja, wenn du willst, war’s eine Sinnesverwirrung: +– ich habe nie dergleichen erfahren.« +</p> + +<p> +»Erzähle, erzähle,« drängten die andern. +</p> +</div><div n="11" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elftes Kapitel.</head> + +<p> +»Immerhin,« sagte der Hausherr, die Polster glättend, +»obwohl ich keine glänzende Rolle dabei spiele. +</p> + +<p> +Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten +Stunde aus den Bädern des Abaskantos nach Hause. +</p> + +<p> +Da steht auf der Straße niedergelassen eine Frauensänfte, +vier Sklaven dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. +Unmittelbar aber vor der Thüre meines Hauses stehen +zwei verhüllte Frauen, die Calantica über den Kopf gezogen. +Die eine trug sklavisch Gewand, aber die andre +war sehr reich und geschmackvoll gekleidet und das Wenige, +was von Wuchs und Gestalt zu sehen, war göttlich. +Welch schwebender Schritt, welch feiner Knöchel, welch hochgewölbter +Fuß! Als ich näher herankam, ließen sich beide +rasch in die Sänfte heben und fort waren sie. Ich aber +– ihr wißt, es steckt des Bildhauers Blut in allen +Hellenen – ich träumte des Nachts von dem feinen Knöchel +und dem wogenden Schritt. +</p> + +<p> +Mittags drauf, da ich die Thüre öffne, aufs Forum +zu gehn zu den Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe +Sänfte rasch von dannen eilen. +</p> + +<p> +Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal +hoffte ich eine Eroberung gemacht zu haben, – ich wünschte +<pb n='215'/><anchor id='Pg215'/>es so sehr. Und ich zweifelte gar nicht mehr, als ich, +um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder meine +Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorüberschlüpfen sah +und nach ihrer Sänfte eilen. Folgen konnt’ ich den +raschen Sklaven nicht, so trat ich in mein Haus, froher +Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: »Herr, eine verhüllte +Sklavin wartet dein in der Bibliothek.« +</p> + +<p> +Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! +es war die Sklavin, die ich gestern gesehen. Sie schlug +den faltigen Mantel zurück: eine hübsche, verschlagne Maurin +oder Karthagerin – ich kenne den Schlag – sah mich +mit schlauen Augen an. +</p> + +<p> +»Ich bitte um Botenlohn,« sagte sie, »Kallistratos, ich +bringe dir gute Kunde.« +</p> + +<p> +Ich faßte ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange +streicheln – denn wer die Herrin begehrt, der küsse die +Sklavin – aber sie lachte und sprach: »Nein, nicht Eros, +Hermes sendet mich. +</p> + +<p> +Meine Herrin« – hoch horchte ich auf – »meine +Herrin ist – eine leidenschaftliche Freundin der Kunst. +Sie bietet dir dreitausend Solidi für die Aresbüste, die +in der Nische neben der Thüre deines Hauses <anchor id="corr215"/><corr sic="steht.«">steht.««</corr> +</p> + +<p> +Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen. +</p> + +<p> +»Ja, lacht nur,« fuhr der Hausherr selbst einstimmend +fort, »ich aber lachte damals nicht. Aus all meinen +Träumen heruntergefallen, sprach ich verdrießlich: mir ist +das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fünftausend, bot +zehntausend Solidi: ich wandte ihr den Rücken und griff +nach der Thür. +</p> + +<p> +Da sagte die Schlange: »Ich weiß, Kallistratos von +Korinth ist unwillig, weil er ein Abenteuer gehofft und +fand ein Geldgeschäft. +</p> + +<p> +Er ist Hellene, er liebt die Schönheit, er brennt vor +<pb n='216'/><anchor id='Pg216'/>Neugier, meine Herrin zu sehn.« Das war so richtig, daß +ich nur lächeln konnte. +</p> + +<p> +»Wohlan,« sprach sie, »du sollst sie sehn. Und dann +erneuere ich mein letzt Gebot. Schlägst du’s dann dennoch +aus, hast du immerhin den Vorteil, deine Neugier gestillt +zu haben. Morgen um die achte Stunde kömmt die +Sänfte wieder. Dann halte dich bereit mit deinem Ares.« +</p> + +<p> +Und sie schlüpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurück. +</p> + +<p> +Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. +Fest entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen +und die Kunstnärrin doch zu sehen, erwartete ich gierig die +bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die Sänfte kam. +Ich stand lauschend an meiner offnen Thür. Die Sklavin +stieg heraus. +</p> + +<p> +»Komm,« rief sie mir zu, »du sollst sie sehn.« +</p> + +<p> +Bebend vor Aufregung trat ich heran, der <anchor id="corr216"/><corr sic="Pupurvorhang">Purpurvorhang</corr> +der Sänfte fiel halb zurück und ich sah –« +</p> + +<p> +»Nun,« rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in +der Hand. +</p> + +<p> +»Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, +Freunde, von ungeahnter Schönheit. Kypris und Artemis +in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich kann sie +nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang +zurück, hob den Ares aus der Nische, reichte ihn der +Punierin, wies ihr Gold zurück und taumelte in meine +Thür, betäubt, als hätt’ ich eine Waldnymphe gesehn.« +</p> + +<p> +»Nun, das ist stark,« lachte Massurius. »Bist doch +sonst kein Neuling in den Werken des Eros.« +</p> + +<p> +»Aber,« fragte Cethegus, »woher weißt du, daß diese +Zauberin eine Gotin war?« +</p> + +<p> +»Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweiße Haut und +schwarze Augenbrauen.« +</p> + +<pb n='217'/><anchor id='Pg217'/> + +<p> +»Alle guten Götter!« dachte Cethegus. Aber er schwieg +und wartete. +</p> + +<p> +Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus. +</p> + +<p> +»Sie kennen sie nicht,« sagte Cethegus zu sich. – »Und +wann war das?« fragte er den Wirt. +</p> + +<p> +»An den vorigen Calenden.« +</p> + +<p> +»Ganz richtig,« rechnete Cethegus; »da kam sie von +Tarentum durch Rom nach Ravenna. Sie ruhte hier +drei Tage.« +</p> + +<p> +»Und so hast du,« lachte Piso, »deinen Ares eingebüßt +für einen Blick. Schlechter Handel! diesmal waren Merkur +und Venus im Bunde. Armer Kallistratos.« +</p> + +<p> +»Ach,« sagte dieser, »die Büste war gar nicht soviel +wert. Es war moderne Arbeit. Jon in Neapolis hat +sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag euch, einen +Pheidias hätt ich hingegeben um jenen Anblick.« +</p> + +<p> +»Ein Idealkopf?« fragte Cethegus, wie gleichgültig +und hob den ehernen Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar +bewundernd, auf. +</p> + +<p> +»Nein, das Modell war ein Barbar – irgend ein +Gotengraf – Watichis oder Witichas – wer kann sich +die hyperboräischen Namen merken!« sagte Kallistratos +seinen Bericht schließend und einem Pfirsich die Haut abziehend. +</p> + +<p> +Nachdenklich schlürfte Cethegus aus seiner Schale von +Bernstein. +</p> + +</div><div n="12" type="kapitel"> +<pb n='218'/><anchor id='Pg218'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/> +<head>Zwölftes Kapitel.</head> + +<p> +»Ja, die Barbarinnen könnte man sich gefallen lassen,« +rief Markus Licinius, »aber der Orcus verschlinge ihre +Brüder!« Und er riß den welken Rosenkranz vom Haupt: +– die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht +– und ersetzte ihn durch einen frischen. »Nicht nur die +Freiheit haben sie uns genommen: – sie schlagen uns +bei den Töchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem +Felde. Erst neulich hat die schöne Lavinia meinem Bruder +die Thüre verschlossen und den fuchsroten Aligern eingelassen.« +</p> + +<p> +»Barbarischer Geschmack!« meinte der Verschmähte +achselzuckend und wie zum Trost nach seinem Isiswein +langend. »Du kennst sie ja auch, Furius – ist es nicht +Geschmacksverirrung?« – »Ich kenne deinen Nebenbuhler +nicht,« sagte der Korse. »Aber es giebt schon Burschen +unter diesen Goten, die einem Weib gefährlich werden +mögen. +</p> + +<p> +»Und da fällt mir ein Abenteuer ein, das ich jüngst +entdeckt, das aber freilich noch ohne Spitze ist.« – »Erzähle +nur,« mahnte Kallistratos, die Hände in das laue +Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen Erzschüsseln +herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.« +</p> + +<p> +»Der Held meiner Geschichte,« hob Furius an, »ist +der schönste der Goten.« – »Ah, Totila der junge,« +unterbrach Piso und ließ sich den kameengeschmückten Becher +mit Eiswein füllen. »Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren +und bin ihm sehr gut, wie alle müssen, die je sein sonnig +Angesicht geschaut, abgesehen davon,« – und hier überflog +des Korsen Züge ein Schatte ernsten Erinnerns und er +stockte – »daß ich ihm sonst verbunden bin.« +</p> + +<pb n='219'/><anchor id='Pg219'/> + +<p> +»Du bist, scheint’s, verliebt in den Blondkopf,« spottete +Massurius, dem Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch +voll picentinischen Zwiebacks zuwerfend, um es mit nach +Hause zu nehmen. »Nein, aber er hat mir, wie allen, +mit denen er zu thun hat, viel Freundliches erwiesen und +gar oft hatte er die Hafenwache in den italischen Seestädten, +wo ich landete.« +</p> + +<p> +»Ja, er hat große Verdienste um das Seewesen der +Barbaren,« sagte Lucius Licinius. – »Wie um ihre Reiterei,« +stimmte Markus bei, »der schlanke Bursche ist der +beste Reiter seines Volks.« +</p> + +<p> +»Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten +uns der Begegnung, aber vergebens drang ich in ihn, die +fröhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu teilen.« +</p> + +<p> +»O, diese deine Schiffsabende sind berühmt und berüchtigt,« +meinte Balbus, »du hast stets die feurigsten +Weine.« – »Und die feurigsten Mädchen,« fügte Massurius +bei. +</p> + +<p> +»Wie dem sei, Totila schützte jedesmal Geschäfte vor +und war nicht zu gewinnen. Ich bitte euch! Geschäfte +nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die Fleißigsten +faul sind! Es waren natürlich Ausflüchte. Ich beschloß +ihm auf die Sprünge zu kommen und umschlich Abends +sein Haus in der Via lata. Richtig: gleich den ersten +Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend, und, zu +meinem Staunen, verkleidet; wie ein Gärtner war er angethan, +einen Reisehut tief ins Gesicht gezogen, eine Abolla +umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer durch +die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem +Thore steht ein dicker Turm, darinnen wohnt der Pförtner, +ein alter patriarchenhafter Jude, dem König Theoderich ob +seiner großen Treue die Hut des Thores anvertraut. +</p> + +<p> +Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug +<pb n='220'/><anchor id='Pg220'/>leise in die Hand: da flog eine schmale Seitenthür von +Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geräuschlos auf und hinein +schlüpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.« +</p> + +<p> +»Ei, ei,« fiel Piso der Dichter eifrig ein, »ich kenne +den Juden und Miriam, sein herrlich prachtäugiges Kind! +Die schönste Tochter Israels, die Perle des Morgenlands, +ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug’ ist dunkelmeeresblau +und ihre Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs.« – +»Gut, Piso,« lächelte Cethegus – »dein Gedicht ist schön.« – +»Nein,« rief dieser. »Miriam selbst ist die lebendige Poesie.« +– »Stolz ist die Judendirne,« brummte Massurius dazwischen, +»sie hat mich und mein Gold verschmäht mit +einem Blick, als habe man nie ein Weib um Geld gekauft.« +– »Siehe,« sprach Lucius Licinius, »so hat sich der +hochmüt’ge Gote, der einherschreitet, als trüg’ er alle Sterne +des Himmels auf seinem Lockenhaupt, zu einer Jüdin herabgelassen.« +</p> + +<p> +»So dacht’ auch ich und ich beschloß, den Jungen bei +nächster Gelegenheit schwer zu verhöhnen mit seinem Moschusgeschmack. +Aber nichts da. Ein paar Tage darauf +mußte ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang +auf, die Hitze zu meiden. Ich fahre durch die Porta +Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frührot: und als +ich in meinem Reisewagen über die harten Steine an dem +Judenturm vorüberrassele, denk’ ich neidvoll an Totila und +sage mir, der liegt jetzt in weichen Armen. Aber am +zweiten Meilensteine vor dem Thor begegnet mir, nach der +Stadt zuschreitend, leere Blumenkörbe über Brust und +Rücken, in Gärtnertracht, wie damals – Totila. Er lag +also nicht in Miriams Armen. Die Jüdin war nicht +seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer weiß, +wo die Blume blüht, die dieser Gärtner pflegt. Der Glücksvogel! +Bedenkt nur, auf der Via capuana stehen all’ die +<pb n='221'/><anchor id='Pg221'/>Villen und Lustschlösser der ersten Familien von Neapolis +und in jenen Gärten prangen und blühen die herrlichsten +Weiber.« +</p> + +<p> +»Bei meinem Genius,« rief Lucius Licinius, die bekränzte +Schale hebend, »dort leben ja die schönsten Weiber +Italiens – Fluch über den Goten!« – »Nein,« schrie Massurius, +von Wein erglühend, »Fluch über Kallistratos und +den Korsen, die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, +wie der Storch aus Kelchgläsern den Fuchs. Laß endlich, +Hausherr, deine Mädchen kommen, wenn du deren bestellt +hast: nicht höher brauchst du unsre Erwartung zu spannen.« +– »Jawohl, die Mädchen, die Tänzerinnen, die Psalterien!« +riefen die jungen Leute durcheinander. +</p> + +<p> +»Halt,« sprach der Wirt, »wo Aphrodite naht, muß +sie auf Blumen wandeln. Dies Glas bring’ ich dir, +Flora!« Er sprang auf und schleuderte an die getäfelte +Decke eine köstliche Krystallschale, daß sie klirrend zersprang. +</p> + +<p> +Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob +sich das ganze Getäfel wie eine Fallthür empor und ein +reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf die Häupter +der erstaunten Gäste nieder, Rosen von Pästum, Veilchen +von Thurii, Myrten von Tarentum, Mandelblüten bedeckten +wie ein dichtes Schneegestöber in duftigen Flocken +den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Häupter +der Gäste. +</p> + +<p> +»Schöner,« rief Cethegus, »zog Venus nie auf Paphos +ein.« +</p> + +<p> +Kallistratos schlug in die Hände. Da teilte sich beim +Klang von Lyra und Flöte dem Triklinium gerade gegenüber +die Mittelwand des Gemachs: vier hochgeschürzte +Tänzerinnen, ausgesucht schöne Mädchen, in persische Tracht, +d. h. in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen cymbelnschlagend +aus einem Gebüsch von blühendem Oleander. +</p> + +<pb n='222'/><anchor id='Pg222'/> + +<p> +Hinter ihnen kam ein großer Wagen in Gestalt einer +Fächermuschel, dessen goldne Räder von acht jungen Sklavinnen +geschoben wurden, vier Flötenbläserinnen in Indischem +Gewand – Purpur und Weiß mit goldgestickten Mänteln +– schritten vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, +von Rosen übergossen, in halb liegender Stellung Aphrodite +selbst, in Gestalt eines blühenden Mädchens von lockender, +üppiger Schönheit, dessen fast einzige Verhüllung der Aphroditen +nachgebildete Gürtel der Grazien war. +</p> + +<p> +»Ha, beim heiligen Eros und Anteros!« schrie Massurius +und sprang unsichern Schrittes von der Kline herab +unter die Gruppe. +</p> + +<p> +»Verlosen wir die Mädchen!« rief Piso, »ich habe ganz +neue Würfel aus Gazellenknöcheln, weihen wir sie ein.« +»Laßt sie den Festkönig verteilen,« schlug Marcus Licinius +vor. »Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe,« +rief Massurius und faßte die Göttin heftig am Arme, »und +Musik, heda, Musik – –« +</p> + +<p> +»Musik,« befahl Kallistratos. +</p> + +<p> +Aber ehe noch die Cymbelschlägerinnen wieder anheben +konnten, wurde die Eingangsthüre hastig aufgerissen und +die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur Seite drängend, +stürmte Scävola herein, er war leichenblaß. +</p> + +<p> +»Hier also, hier wirklich find’ ich dich, Cethegus? in +diesem Augenblick!« +</p> + +<p> +»Was giebt’s?« sagte der Präfekt und nahm ruhig +den Rosenkranz vom Haupt. +</p> + +<p> +»Was es giebt? das Vaterland schwankt zwischen +Scylla und Charybdis. Die gotischen Herzoge Thulun, +Ibba und Pitza –« +</p> + +<p> +»Nun?« fragte Lucius Licinius. +</p> + +<p> +»Sie sind ermordet!« +</p> + +<pb n='223'/><anchor id='Pg223'/> + +<p> +»Triumph!« rief der junge Römer und ließ die Tänzerin +fahren, die er umfaßt hielt. +</p> + +<p> +»Schöner Triumph!« zürnte der Jurist. »Als die +Nachricht nach Ravenna kam, beschuldigte alles Volk die +Königin, sie stürmten den Palast: – doch Amalaswintha +war entfloh’n.« +</p> + +<p> +»Wohin?« fragte Cethegus, rasch aufspringend. +</p> + +<p> +»Wohin? auf einem Griechenschiff – nach Byzanz!« +</p> + +<p> +Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch +und furchte die Stirn. +</p> + +<p> +»Aber das Ärgste ist – die Goten wollen sie absetzen +und einen König wählen.« – »Einen König?« sagte Cethegus. +»Wohlan, ich rufe den Senat zusammen. Auch die +Römer sollen wählen.« +</p> + +<p> +»Wen, was sollen wir wählen?« fragte Scävola. +</p> + +<p> +Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius +Licinius rief statt seiner: »Einen Diktator! fort, fort in +den Senat.« +</p> + +<p> +»In den Senat!« wiederholte Cethegus majestätisch. +»Syphax, meinen Mantel.« +</p> + +<p> +»Hier, Herr, und dabei dein Schwert,« flüsterte der +Maure. »Ich führ’ es immer mit, auf alle Fälle.« +</p> + +<p> +Und Wirt und Gäste folgten halb taumelnd dem Präfekten, +der, allein völlig nüchtern, ihnen voran aus dem +Hause auf die Straße schritt. +</p> +</div><div n="13" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreizehntes Kapitel.</head> + +<p> +In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu +Byzanz stand kurze Zeit nach dem Fest der Floralien ein +kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in sorgenschweres +Sinnen versunken. +</p> + +<pb n='224'/><anchor id='Pg224'/> + +<p> +Es war still und einsam rings um ihn. +</p> + +<p> +Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das +Rundbogenfenster, das nach dem Hofraum des weitläufigen +Gebäudes führte, mit schweren golddurchwirkten Teppichen +dicht verhangen: gleich köstliche Stoffe deckten den Mosaikboden +des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte +des langsam auf und ab Wandelnden begleitete. +</p> + +<p> +Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum. +</p> + +<p> +Auf dem Goldgrund der Wände prangte die lange +Reihe der christlichen Imperatoren seit Constantius in +kleinen weißen Büsten: gerade über dem Schreibdivan hing +ein großes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde. +</p> + +<p> +So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran +vorbeikam, neigte er das Haupt vor demselben: denn in +der Mitte des Goldes war, von Glas umschlossen, ein +Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht. +</p> + +<p> +Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis +romanus darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament +eine der Wände bedeckte: nach langem, prüfendem Blick +seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und +Augen. +</p> + +<p> +Es waren keine schönen Augen und kein edles Gesicht: +aber vieles, Gutes und Böses, lag darin. +</p> + +<p> +Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem +unruhigen Blick der tiefliegenden Augen: schwere Falten, +der Sorge mehr als des Alters, furchten die vorspringende +Stirn und die magern Wangen. +</p> + +<p> +»Wer den Ausgang wüßte!« seufzte er noch einmal, die +knochigen Hände reibend. »Es treibt mich unablässig. Ein +Geist ist in meine Brust gefahren und mahnt und mahnt. +</p> + +<p> +Aber ist’s ein Engel des Herrn oder ein Dämon? +Wer mir meinen Traum deutete! Vergieb, dreieiniger +<pb n='225'/><anchor id='Pg225'/>Gott, vergieb deinem eifrigsten Knecht. Du hast die Traumdeuter +verflucht. +</p> + +<p> +Aber doch träumte König Pharao und Joseph durfte +ihm deuten: und Jakob sah im Traum den Himmel offen +und ihre Träume kamen von dir. Soll ich? darf ich es +wagen?« +</p> + +<p> +Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer +weiß, wie lange noch, wäre nicht der Purpurvorhang des +Eingangs leise gehoben worden. +</p> + +<p> +Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem +kleinen Mann zur Erde mit auf der Brust gekreuzten +Armen. »Imperator, die Patricier, die du beschieden.« +</p> + +<p> +»Geduld,« sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell +von Gold und Elfenbein niederlassend, »rasch die +Silberschuhe und die Chlamys.« +</p> + +<p> +Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken +Sohlen und den hohen Absätzen an, welche die Gestalt um +ein paar Zoll erhöhten, und warf ihm den faltenreichen, +mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes +Stück der Gewandung küssend, wie er es berührte: nach +einer Wiederholung der fußfälligen Niederwerfung, die in +dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neuerlich verschärft +worden war, ging der Velarius. +</p> + +<p> +Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm +auf eine gebrochne Porphyrsäule aus dem Tempel von +Jerusalem gestützt, die zu diesem Behuf nach seiner Größe +zurechtgesägt war, in seiner »Audienzattitüde« dem Eingang +gegenüber. +</p> + +<p> +Der Vorhang ging zurück und drei Männer betraten +das Gemach mit der gleichen Begrüßungsform wie jener +Sklave: und doch waren sie die ersten Männer dieses +Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmückten +<pb n='226'/><anchor id='Pg226'/>Gewänder, ihre hochbedeutenden Köpfe, ihre geistvollen Züge +bewiesen. +</p> + +<p> +»Wir haben euch beschieden,« hob der Kaiser an, ohne +ihre demütige Begrüßung zu erwidern, »euren Rat zu hören +– über Italien. Ich habe euch alle nötigen Kenntnisse +über die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der Regentin, +die Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage +hattet ihr Zeit. Erst rede du, Magister Militum.« +</p> + +<p> +Und er winkte dem Größten unter den dreien, einer +stattlichen, ganz in eine reichvergoldete Rüstung gekleideten +Heldengestalt. Die großen, offenen, hellbraunen Augen +sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke gerade Nase, +volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder +Kraft, die breite Brust, die gewaltigen Schenkel und Arme +hatten etwas herkulisches, der Mund aber zeigte trotz des +grimmen Rundbartes Milde und Gutherzigkeit. +</p> + +<p> +»Herr,« sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender +Stimme, »Belisars Rat ist immer: greifen wir die +Barbaren <anchor id="corr226"/><corr sic="an.« »Soeben">an. Soeben</corr> hab’ ich auf dein Geheiß das +Reich der Vandalen in Afrika zertrümmert mit fünfzehntausend +Mann. Gieb mir dreißigtausend und ich werde +dir die Gotenkrone zu Füßen legen.« +</p> + +<p> +»Gut,« sprach der Kaiser erfreut, »dies Wort hat mir +wohlgethan. – Was sprichst du, Perle meiner Rechtsgelehrten, +Tribonianus?« +</p> + +<p> +Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber +nicht so breitschultrig und die Glieder nicht so sehr durch +stete Übung entwickelt. Die hohe, ernste Stirn, das ruhige +Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem mächtigen +Geist. »Imperator,« sagte er gemessen, »ich warne +dich vor diesem Krieg. Er ist ungerecht.« +</p> + +<p> +Unwillig fuhr Justinianus auf: »Ungerecht! wiederzunehmen, +was zum römischen Reich gehört.« +</p> + +<pb n='227'/><anchor id='Pg227'/> + +<p> +»Gehört hat. Dein Vorfahr Zeno überließ durch Vertrag +das Abendland an Theoderich und seine Goten, wenn +sie den Anmaßer Odovakar gestürzt.« +</p> + +<p> +»Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht +König von Italien.« +</p> + +<p> +»Zugegeben. Aber nachdem er es geworden – wie +er es werden mußte, ein Theoderich konnte nicht der Diener +eines Kleinern sein – hat ihn Kaiser Anastasius, dein +Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein +Königreich.« +</p> + +<p> +»Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich +der Stärkere, nehm’ ich die Anerkennung zurück.« +</p> + +<p> +»Das eben nenn’ ich ungerecht.« +</p> + +<p> +»Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und +ein zäher Rechthaber. Du taugst trefflich, meine Pandekten +zusammenzubauen. In Politik werd’ ich dich nie +wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der +Politik zu thun!« +</p> + +<p> +»Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.« +</p> + +<p> +»Bah, Alexander und Cäsar dachten anders.« +</p> + +<p> +»Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann +zweitens« – er hielt inne. +</p> + +<p> +»Nun, zweitens?« +</p> + +<p> +»Zweitens bist du nicht Cäsar und nicht Alexander.« – +</p> + +<p> +Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser +ruhig: »du bist sehr offen, Tribonianus.« +</p> + +<p> +»Immer, Justinianus.« +</p> + +<p> +Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. »Nun, +was ist deine Meinung, Patricius?« +</p> + +</div><div n="14" type="kapitel"> +<pb n='228'/><anchor id='Pg228'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein +kaltes Lächeln, das ihm die Moralpolitik des Juristen erweckt +und richtete sich auf. +</p> + +<p> +Er war ein verkrüppeltes Männchen, noch bedeutend +kleiner als Justinian, weshalb dieser im Gespräch mit ihm +den Kopf noch viel mehr als nötig gewesen wäre, herabsenkte. +Er war kahlköpfig, die Wangen von krankhaftem +Wachsgelb, die rechte Schulter höher als die linke und er +hinkte etwas auf dem linken Fuß, weshalb er sich auf +einen schwarzen Krückstock mit goldnem Gabelgriff stützte. +Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, daß +es von dieser unansehnlichen Gestalt den Eindruck des +Widrigen fern hielt, dem fast häßlichen Gesicht die Weihe +geistiger Größe verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung +und kühler Überlegenheit um den feinen Mund hatte sogar +einen fesselnden Reiz. »Imperator,« sagte er mit scharfer +bestimmter Stimme, »ich widerrate diesen Krieg – für jetzt.« +</p> + +<p> +Unwillig zuckte des Kaisers Auge: »Auch aus Gründen +der Gerechtigkeit?« fragte er, fast höhnisch. – »Ich sagte: +für jetzt.« – »Und warum?« – »Weil das Notwendige +dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen +hat, soll nicht in fremde Häuser einbrechen.« – »Was soll +das heißen?« – »Das soll heißen: vom Westen, von den +Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der +dieses Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, +kömmt vom Osten.« +</p> + +<p> +»Die Perser!« rief Justinian verächtlich. +</p> + +<p> +»Seit wann,« sprach Belisar dazwischen, »seit wann +fürchtet Narses, mein großer Nebenbuhler, die Perser?« +</p> + +<p> +»Narses fürchtet niemand,« sagte dieser, ohne seinen +<pb n='229'/><anchor id='Pg229'/>Gegner anzusehn, »weder die Perser, die er geschlagen hat, +noch dich, den die Perser geschlagen haben. Aber er +kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es +andre, die nach ihnen kommen. Das Gewitter, das +Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom Tiber.« +</p> + +<p> +»Nun, und was soll das bedeuten?« +</p> + +<p> +»Das soll bedeuten, daß es schimpflich ist für dich, +o Kaiser, für den Römernamen, den wir noch immer +führen, Jahr für Jahr von Chosroes dem Perserchan den +Frieden um viele Centner Goldes zu erkaufen.« +</p> + +<p> +Flammende Röte überflog des Kaisers Antlitz: »Wie +kannst du Geschenke, Hilfsgelder also deuten!« +</p> + +<p> +»Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur +über den Zahltag, verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, +deine Dörfer. Hilfsgelder! und er besoldet damit Hunnen +und Saracenen, deiner Grenzen gefährlichste Feinde.« +</p> + +<p> +Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. +»Was also rätst du?« fragte er, hart vor Narses stehen +bleibend. »Nicht die Goten anzugreifen ohne Not, ohne +Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle +Kräfte deines Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen +Tribute abzustellen, die schmählichen Verheerungen deiner +Grenzen zu verhindern, die verbrannten Städte Antiochia, +Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu +gewinnen, die du im nahen Osten, – trotz Belisars tapfrem +Schwert, – verloren, deine Grenzen durch einen siebenfachen +Gürtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu +schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht – +und ich fürchte sehr, du kannst es nicht vollbringen! – +dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich lockt.« +</p> + +<p> +Justinianus schüttelte leicht das Haupt. »Du bist mir +nicht erfreulich, Narses,« sagte er bitter. +</p> + +<p> +»Das weiß ich längst,« sprach dieser ruhig. +</p> + +<pb n='230'/><anchor id='Pg230'/> + +<p> +»Und nicht unentbehrlich!« rief Belisar stolz. »Kehre +dich nicht, mein großer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! +Gieb mir die dreißigtausend und ich wette meine rechte +Hand, ich erobre dir Italien.« +</p> + +<p> +»Und ich wette meinen Kopf,« sagte Narses, »was +mehr ist, daß Belisar Italien nicht erobern wird, nicht mit +dreißig-, nicht mit sechzig-, nicht mit hunderttausend Mann.« +</p> + +<p> +»Nun,« fragte Justinian, »und wer soll’s dann können +und mit welcher Macht?« +</p> + +<p> +»Ich,« sagte Narses, »mit achtzigtausend.« +</p> + +<p> +Belisar erglühte vor Zorn: er schwieg, weil er keine +Worte fand. +</p> + +<p> +»Du hast dich doch bei allem Selbstgefühl sonst nie so +hoch über deinen Gegner gestellt,« sprach der Jurist. +</p> + +<p> +»Und thu’s auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der +Unterschied ist der: Belisarius ist ein großer Held, der +bin ich nicht. Aber ich bin ein großer Feldherr – und +siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur +ein großer Feldherr überwinden.« +</p> + +<p> +Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Höhe +auf und preßte die Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. +Es war als wollte er dem Krüppel neben ihm +den Kopf zerdrücken. Der Kaiser sprach für ihn: »Belisar +kein großer Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.« +</p> + +<p> +»Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal,« seufzte +er leise, »um seine Gesundheit. Er wäre ein großer +Feldherr, wenn er nicht ein so großer Held wäre. Er +hat noch jede Schlacht die er verlor, aus zu viel Heldentum +verloren.« +</p> + +<p> +»Das kann man von dir nicht sagen, Narses,« warf +Belisar bitter ein. +</p> + +<p> +»Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht +verloren.« +</p> + +<pb n='231'/><anchor id='Pg231'/> + +<p> +Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten +durch den Velarius, der, den Vorhang aufhebend, meldete: +</p> + +<p> +»Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, +ist seit einer Stunde gelandet und frägt –« +</p> + +<p> +»Herein mit ihm, herein!« rief der Kaiser, hastig von +seiner Kline aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, +von seiner Proskynesis sich zu erheben: »Nun +Alexandros, du kömmst allein zurück?« +</p> + +<p> +Der Gesandte, ein schöner, noch junger Mann, wiederholte: +»Allein.« +</p> + +<p> +»Es verlautete doch – dein letzter Bericht – wie verließest +du das Gotenreich?« +</p> + +<p> +»In großer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem +letzten Bericht, die Königin habe beschlossen, sich ihrer drei +hochmütigsten Feinde zu entledigen. Sollte der Anschlag +mißlingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und +bat sich in diesem Fall aus, daß ich sie auf meinem Schiff +nach Epidamnus, dann hierher nach Byzanz flüchten dürfe.« +</p> + +<p> +»Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?« +</p> + +<p> +»Ist geglückt. Die drei Herzoge sind nicht mehr. +</p> + +<p> +Aber nach Ravenna kam das Gerücht, der gefährlichste +unter ihnen, Herzog Thulun, sei nur verwundet. Dies +bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der Stadt +sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff +zu flüchten. Wir lichteten die Anker, aber bald nachdem +wir den Hafen verlassen, schon auf der Höhe von Ariminum, +holte uns Graf Witichis mit Übermacht ein, kam an +Bord und forderte Amalaswinthen auf, zurückzukehren, indem +er sich für ihre Sicherheit bis zu feierlicher Untersuchung +vor der Volksversammlung verbürgte. Da sie von +ihm erfuhr, daß jetzt auch Herzog Thulun seinen Wunden +erlegen, und aus seinem Anerbieten sah, daß er und seine +<pb n='232'/><anchor id='Pg232'/>mächtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld glaubten, da +überdies Gewalt zu fürchten war, willigte sie darein, mit +ihm umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie +noch an Bord der Sophia diesen Brief an dich und sendet +dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.« +</p> + +<p> +»Davon später, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt +in Italien?« +</p> + +<p> +»Gut für dich, o großer Kaiser. Das vergrößerte +Gerücht von dem Aufstand der Goten in Ravenna, von +der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze +Land. Vielfach kam es schon zum Zusammenstoß zwischen +Römern und Barbaren. In Rom selbst wollten die +Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator wählen, +deine Hilfe anrufen. Aber alles wäre verfrüht gewesen, +nachdem die Regentin in den Händen des Witichis: nur +das geniale Haupt der Katakombenmänner hat es verhindert.« +</p> + +<p> +»Der Präfekt von Rom?« fragte Justinian. +</p> + +<p> +»Cethegus. Er mißtraute dem Gerücht. Die Verschworenen +wollten die Goten überfallen, dich zum Kaiser +Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator wählen. +Aber er ließ sich in der Kurie buchstäblich die Dolche auf +die Brust setzen und sagte: nein.« +</p> + +<p> +»Ein mutiger Mann!« rief Belisar. +</p> + +<p> +»Ein gefährlicher Mann!« sagte Narses. +</p> + +<p> +»Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rückkehr +Amalaswinthens und alles blieb beim alten. Der +schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer Viehweide +zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. +All’ das hab ich auf meiner absichtlich zögernden +Küstenfahrt bis nach Brundusium erfahren. Aber noch +Besseres hab’ ich zu melden. Nicht nur unter den Römern, +unter den Goten selbst hab’ ich eifrige Freunde von Byzanz +gefunden, ja unter den Gliedern des Königshauses.« +</p> + +<pb n='233'/><anchor id='Pg233'/> + +<p> +»Das wäre!« rief Justinian. »Wen meinst du?« +</p> + +<p> +»In Tuscien lebt, reichbegütert, Fürst Theodahad, +Amalaswinthens Vetter.« +</p> + +<p> +»Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, +nicht wahr?« +</p> + +<p> +»Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein +kluges, aber böses Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen +aufs gründlichste die Regentin: er, weil sie seiner maßlosen +Habsucht, mit der er all’ seiner Nachbarn Grundbesitz +an sich zu reißen sucht, entgegentritt: sie, aus Gründen, +die ich nicht entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die +Mädchenzeit der beiden Fürstinnen zurück – genug, ihr +Haß ist tödlich. Diese beiden nun haben mir zugesagt, dir +in jeder Weise Italien zurückgewinnen helfen zu wollen: +ihr genügt es, scheint’s, die Todfeindin vom Thron zu +stürzen: er freilich fordert reichen Lohn.« +</p> + +<p> +»Der soll ihm werden.« +</p> + +<p> +»Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb +Tuscien besitzt – das Adelsgeschlecht der Wölsungen hat +den andern Teil – und spielend in unsre Hände bringen +kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fällt, ihr +auf den Thron zu folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe +von ihm und von Gothelindis. Aber lies vor allem das +Schreiben der Regentin – ich glaube, es ist sehr wichtig.« +</p> +</div><div n="15" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfzehntes Kapitel."/> +<head>Fünfzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnüre der Wachstafel +und las: »An Justinian, den Imperator der Römer, +Amalaswintha, der Goten und Italier Königin!« +</p> + +<pb n='234'/><anchor id='Pg234'/> + +<p> +»Der Italier Königin,« lachte Justinian, »welch’ verrückter +Titel!« +</p> + +<p> +»Durch Alexandros, deinen Gesandten, wirst du erfahren, +wie Eris und Ate in diesem Lande hausen. Ich +gleiche der einsamen Palme, die von widerstreitenden +Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir täglich +feindseliger, ich ihnen täglich fremder, die Römer aber, +soviel ich mich ihnen nähere, werden mir nie vergessen, +daß ich germanischen Stammes. Bis jetzt habe ich entschlossenen +Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich kann +es nicht länger, wenn nicht wenigstens mein Palast, meine +fürstliche Person vor der Überraschung drängender Gewalt +sicher ist. Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier +im Lande unbedingt verlassen. +</p> + +<p> +So ruf ich dich, als meinen Bruder in der königlichen +Würde, zu Hilfe. Es ist die Majestät aller Könige, die +Ruhe Italiens, die es zu beschirmen gilt. +</p> + +<p> +Schicke mir, ich bitte dich, eine verlässige Schar, eine +Leibwache« – der Kaiser warf einen bedeutsamen Blick +auf Belisar – »eine Schar von einigen tausend Mann +mit einem mir unbedingt ergebenen Anführer: sie sollen +den Palast von Ravenna besetzen: er ist eine Festung für +sich. Was Rom betrifft, so müssen jene Scharen mir vor +allem den Präfekten Cethegus, der ebenso mächtig als +zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich +geführt, plötzlich verlassen hat, fern halten, nötigenfalls +vernichten. Habe ich meine Feinde niedergeworfen und +mein Reich befestigt, wie ich zum Himmel und der eignen +Kraft vertraue, so werd’ ich dir Truppen und Führer mit +reichen Geschenken und reicherem Dank zurücksenden. Vale.« +</p> + +<p> +Justinian drückte krampfhaft die Wachstafel in seiner +Faust: leuchtenden Auges sah er vor sich hin, seine nicht +schönen Züge veredelten sich im Ausdruck hoher geistiger +<pb n='235'/><anchor id='Pg235'/>Macht, und dieser Augenblick zeigte, daß in dem Manne +neben vielen Schwächen und Kleinheiten Eine Stärke, Eine +Größe lebte: die Größe eines diplomatischen Genies. +</p> + +<p> +»In diesem Brief,« rief er endlich strahlenden Blickes, +»halt’ ich Italien und das Gotenreich.« Und in mächtiger +Bewegung durchschritt er das Gemach mit großen Schritten, +jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend. +</p> + +<p> +»Eine Leibwache – sie soll sie haben! – Aber nicht +ein paar Tausend Mann, viele Tausende, mehr als ihr lieb +sein wird, und du, Belisarius, sollst sie führen.« +</p> + +<p> +»Sieh auch die Geschenke,« mahnte Alexandros und +wies auf einen köstlichen Schrein von Thuienholz mit Gold +eingelegt, den der Velarius hinter ihm niedergestellt hatte. +»Hier ist der Schlüssel.« Er überreichte ein kleines +Büchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel +geschlossen war. +</p> + +<p> +»Es ist ihr Bild dabei,« sagte er, wie zufällig mit +lauterer Stimme. +</p> + +<p> +In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme +kräftiger erhoben, steckte sich, leise und unbemerkt von allen +außer ihm, der Kopf eines Weibes durch den Vorhang +und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den +Kaiser. Dieser öffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten +bei Seite und griff hastig nach einem unscheinbaren +Täfelchen von geglättetem Buchs mit einem schmalen Goldrahmen. +Ein Ruf des Staunens entflog unwillkürlich +seinen Lippen, sein Auge blitzte, er zeigte das Bild Belisar: +»Ein herrliches Weib, welche Majestät der Stirn! ja man +sieht die geborene Herrscherin, die Königstochter!« und +bewundernd sah er auf die edeln Züge. +</p> + +<p> +Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein. +</p> + +<p> +Es war Theodora, die Kaiserin: ein verführerisches +Weib. Alle Künste weiblichen Erfindungsgeistes in einer +<pb n='236'/><anchor id='Pg236'/>Zeit des äußersten Luxus und alle Mittel eines Kaiserreichs +wurden täglich stundenlang aufgeboten, diese an sich ausgezeichnete, +aber durch ein zügelloses Sinnenleben früh +angegriffene Schönheit frisch und blendend zu erhalten. +</p> + +<p> +Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen +Glanz: es war am Nacken mit aller Sorgfalt gegen +den Wirbel hinaufgekämmt, den schönen Bau des Hinterkopfs, +den feinen Ansatz des Halses zu zeigen. +</p> + +<p> +Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem +Stimmi glänzend schwarz gefärbt: und so künstlich war +das Rot der Lippen aufgetragen, daß selbst Justinian, der +diese Lippen küßte, nie an eine Unterstützung der Natur +durch phönikischen Purpur dachte. Jedes Härchen an den +alabasterweißen Armen war sorgfältig ausgetilgt und das +zarte Rosa der Fingernägel beschäftigte täglich eine besondere +Sklavin lange Zeit. +</p> + +<p> +Und doch hätte Theodora, damals noch nicht vierzig +Jahre alt, auch ohne all’ diese Künste für ein ganz auffallend +schönes Weib gelten müssen. +</p> + +<p> +Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein großer, ja +kein stolzer Gedanke sprach aus diesen angestrengten, unheimlich +glänzenden Augen: um die Lippen schwebte ein +zur Gewohnheit gewordenes Lächeln, das die Stelle der +ersten künftigen Falte ahnen ließ: und die Wangen zeigten +in der Nähe der Augen Spuren müder Erschöpfung. +</p> + +<p> +Aber wie sie jetzt, mit ihrem süßesten Lächeln, auf +Justinian zuschwebte, das schwere Faltenkleid von dunkelgelber +Seide zierlich mit der Linken aufhebend, übte die +ganze Erscheinung einen betäubenden Zauber, ähnlich dem +süßen einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von +ihr duftete. +</p> + +<p> +»Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf +ich seine Freude teilen?« fragte sie mit süßer, +ein<pb n='237'/><anchor id='Pg237'/>schmeichelnder Stimme. Die Anwesenden warfen sich vor +der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor +Justinian. +</p> + +<p> +Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer +Schuld ertappt, zusammen und wollte das Bild in der +Busenfalte seiner Chlamys verbergen. Aber zu spät. Schon +haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf. +</p> + +<p> +»Wir bewunderten,« sagte er verlegen, »die – die +schöne Goldarbeit des Rahmens.« Und er reichte ihr +errötend das Bild. +</p> + +<p> +»Nun, an dem Rahmen,« lächelte Theodora, »ist beim +besten Willen nicht viel zu bewundern. Aber das Bild +ist nicht übel. Gewiß die Gotenfürstin?« Der Gesandte +nickte. »Nicht übel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, +unweiblich. Wie alt mag sie sein, Alexandros?« +</p> + +<p> +»Etwa fünfundvierzig.« +</p> + +<p> +Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den +Gesandten. »Das Bild ist vor fünfzehn Jahren gemacht,« +sagte Alexandros wie erklärend. +</p> + +<p> +»Nein,« sprach der Kaiser, »du irrst; hier steht die +Jahrzahl nach Indiktion und Konsul und ihrem Regierungsantritt: +es ist von diesem Jahr.« +</p> + +<p> +Eine peinliche Pause entstand. +</p> + +<p> +»Nun,« stammelte der Gesandte, »dann schmeicheln die +Maler wie–« – »Wie die Höflinge,« schloß der Kaiser. +Aber Theodora kam ihm zu Hilfe. +</p> + +<p> +»Was plaudern wir von Bildern und dem Alter +fremder Weiber, wo es sich um das Reich handelt. Welche +Nachrichten bringt Alexandros? Bist du entschlossen, +Justinianus?« – »Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme +wollte ich noch hören und du, das weiß ich, bist für den +Krieg.« +</p> + +<p> +Da sagte Narses ruhig: »Warum, Herr, hast du uns +<pb n='238'/><anchor id='Pg238'/>nicht gleich gesagt, daß die Kaiserin den Krieg will? Wir +hätten unsre Worte sparen können.« – »Wie? willst du +damit sagen, daß ich der Sklave meines Weibes bin?« +– »Hüte besser deine Zunge,« sagte Theodora zornig, +»schon manchen, der sonst unverwundbar schien, hat die +eigne spitze Zunge erstochen.« +</p> + +<p> +»Du bist sehr unvorsichtig, Narses,« warnte Justinian. +</p> + +<p> +»Imperator,« sagte dieser ruhig, »die Vorsicht hab’ +ich längst aufgegeben. Wir leben in einer Zeit, in einem +Reich, an einem Hof, wo man um jedes mögliche Wort, +das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade +fallen, zu Grunde gehen kann. Da mir nun jedes Wort +den Tod bringen kann, will ich wenigstens an solchen +Worten sterben, die mir selbst gefallen.« +</p> + +<p> +Der Kaiser lächelte: »Du mußt gestehn, Patricius, daß +ich viel Freimut ertrage.« +</p> + +<p> +Narses trat auf ihn zu: »Du bist groß von Natur, +o Justinianus, und ein geborner Herrscher: sonst würde +Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat selbst Herkules +klein gemacht.« +</p> + +<p> +Die Augen der Kaiserin sprühten tödlichen Haß. Justinian +ward ängstlich. +</p> + +<p> +»Geht,« sagte er, »ich will mit der Kaiserin allein +beraten. Morgen vernehmt ihr meinen Entschluß.« +</p> +</div><div n="16" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechzehntes Kapitel.</head> + +<p> +So wie sie draußen waren, schritt Justinian auf seine +Gattin zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße niedre +Stirn. »Vergieb ihm,« sagte er, »er meint es gut.« +</p> + +<pb n='239'/><anchor id='Pg239'/> + +<p> +»Ich weiß es,« sagte sie, seinen Kuß erwidernd. »Darum, +und weil er unentbehrlich ist gegen Belisar, darum +lebt er noch.« – »Du hast Recht, wie immer.« Und er +schlang den Arm um sie. »Was hat er besondres vor?« +dachte Theodora. »Diese Zärtlichkeit deutet auf ein schlechtes +Gewissen.« +</p> + +<p> +»Du hast Recht,« wiederholte er, mit ihr im Gemach +auf und nieder schreitend. »Gott hat mir den Geist versagt, +der die Schlachten entscheidet, aber mir dafür diese +beiden Männer des Sieges gegeben – und zum Glück +ihrer zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine +Herrschaft besser als ihre Treue: jeder dieser Feldherren +allein wäre eine stete Reichsgefahr und an dem Tage, da +sie Freunde würden, wankte mein Thron. Du schürst doch +ihren Haß?« +</p> + +<p> +»Er ist leicht schüren: es ist zwischen ihnen eine natürliche +Feindschaft wie zwischen Feuer und Wasser. Und +jede Bosheit des Verschnittenen erzähl’ ich mit großer +Entrüstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar +Weib und Gebieterin.« – »Und jede Grobheit des Helden +Belisar bericht’ ich treulich dem reizbaren Krüppel. – Aber +zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des +Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach +Italien.« +</p> + +<p> +»Wen willst du senden?« – »Natürlich Belisar. Er +verheißt, mit dreißigtausend zu vollbringen, was Narses +kaum mit achtzigtausend übernehmen will.« +</p> + +<p> +»Glaubst du, daß jene kleine Macht genügen wird?« +</p> + +<p> +»Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfändet: er wird +all seine Kraft aufbieten und es wird ihm doch nicht ganz +gelingen.« – »Und das wird ihm sehr heilsam sein. +Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu +ertragen.« – »Aber er wird drei Viertel der Arbeit thun. +<pb n='240'/><anchor id='Pg240'/>Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit sechstausend auf, +nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel +und bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.« +</p> + +<p> +»Fein gedacht,« sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung +seiner Schlauheit: »dein Plan ist reif.« +</p> + +<p> +»Freilich,« sagte Justinian seufzend stehen bleibend, +»Narses hat Recht, im geheimen Grund des Herzens +muß ich’s zugestehen. Es wäre dem Reiche heilsamer, die +Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wäre mehr +sichere, weisere Politik. Denn vom Osten kömmt einst das +Verderben.« +</p> + +<p> +»Laß es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, +wann von Justinian nur noch der Ruhm auf Erden +lebt, wie Afrika, so Italien zurückgewonnen zu haben. +Hast du für die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, +mögen für ihre Gegenwart sorgen: sorge du für die deine.« +– »Wenn man aber dann sprechen wird: hätte Justinian +verteidigt, statt zu erobern, so stünd’ es besser? Wenn +man sagen wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstört?« +– »So wird niemand sprechen. Die Menschen +blendet der Glanz des Ruhms. Und noch Eins« – und +hier verdrängte der Ernst der tiefsten Überzeugung den +Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren schmeichelnden +Zügen. +</p> + +<p> +»Ich ahn’ es, doch vollende.« +</p> + +<p> +»Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch. +</p> + +<p> +Höher als das Reich muß dir deiner Seele Seligkeit +stehen. Auf deinem, auf unsrem Pfad zur Herrschaft, +zu dem Glanz dieser Herrschaft mußte mancher blut’ge +Schritt geschehn: manches Harte mußte gethan werden: +Leben und Schätze, so manchen gefährlichen Feindes mußten +– genug. +</p> + +<p> +Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schätze der +<pb n='241'/><anchor id='Pg241'/>heilgen, der christlichen Weisheit jenen Siegestempel, der +allein schon unsern Namen unsterblich machen wird auf +Erden. Aber für den Himmel – wer weiß, ob es genügt! +</p> + +<p> +<anchor id="corr241"/><corr sic="»Laß">Laß</corr> uns« – und ihr Auge erglühte von unheimlichem +Feuer – »laß uns die Ungläubigen vertilgen und +über die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur +Gnade suchen.« Justinian drückte ihre Hand. »Auch die +Perser sind Feinde Christi, sind sogar Heiden.« – »Hast +du vergessen, was der Patriarch gelehrt? Ketzer sind +siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte +Glaube gebracht und sie haben ihn verschmäht. Das ist +die Sünde wider den heilgen Geist, die nie vergeben wird +– auf Erden und im Himmel. Du aber bist das Schwert, +daß diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi +verhaßteste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, +daß er Gott. Schon hast du in Afrika die ketzerischen +Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in Blut +und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Stätte, +wo der Apostelfürsten Blut geflossen, die heilge Stadt: +nicht länger darf sie diesen Ketzern dienen. Justinian, gieb +sie dem wahren Glauben wieder.« +</p> + +<p> +Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend +zu dem Goldkreuz empor. »Du deckst die letzten Tiefen +meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch mächtiger +als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt. +Aber bin ich fähig, bin ich würdig so Großes, so Heiliges +zu Gottes Ehre zu vollenden? Will er durch meine sündge +Hand so Großes vollführen? Ich zweifle, ich schwanke. +Und der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war +er von Gott gesendet? und was soll er bedeuten? treibt +er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine +Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, große +Weisheit, Ahnungen und Träume zu deuten.« – +</p> + +<pb n='242'/><anchor id='Pg242'/> + +<p> +»Und du weißt, die Gabe ist erblich. Habe ich dir +nicht auch den Ausgang des Vandalenkriegs aus deinem +Traume gedeutet?« +</p> + +<p> +»Du sollst mir auch diesen Traum erklären. Du weißt, +ich werde irre an dem besten Plan, wenn ein Omen +dawider spricht. Höre denn. Aber« – und er warf +einen ängstlichen Blick auf sein Weib, – »aber bedenke, daß +es ein Traum war und kein Mensch für seine Träume kann.« +</p> + +<p> +»Natürlich, sie sendet Gott.« – »Was werd ich vernehmen?« +sagte sie zu sich selbst. +</p> + +<p> +»Ich war gestern Nacht eingeschlafen, erwägend den +letzten Bericht über Amala – über Italien. Da träumte +mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben Hügeln. +Dort ruhte unter einem Lorbeer das schönste Weib, das +ich je gesehn. Ich stand vor ihr und betrachtete sie mit +Wohlgefallen. Plötzlich brach aus dem Busch zur Rechten +ein brüllender Bär, aus dem Gestein zur Linken eine +zischende Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend +rief sie meinen Namen. Rasch ergriff ich sie, +drückte sie an meine Brust und floh mit ihr: rückblickend +sah ich, wie der Bär die Schlange zerriß und die Schlange +den Bären zu Tode biß.« +</p> + +<p> +»Nun, und das Weib?« +</p> + +<p> +»Das Weib drückte einen flüchtigen Kuß auf meine +Stirn und war plötzlich wieder verschwunden, und ich erwachte, +vergebens die Arme nach ihr ausstreckend. Das +Weib,« fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen sollte, +»ist natürlich Italien.« +</p> + +<p> +»Jawohl,« sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen +wogte. »Der Traum ist der glücklichste. Bär und Schlange +sind Barbaren und Italier, die um die Siebenhügelstadt +ringen. Du entreißest sie beiden und läßt sie sich gegenseitig +vernichten.« +</p> + +<pb n='243'/><anchor id='Pg243'/> + +<p> +»Aber sie entschwindet mir wieder: – sie bleibt mir +nicht.« +</p> + +<p> +»Doch. Sie küßt dich und verschwindet in deinen +Armen. So wird Italien aufgehn in deinem Reich.« +</p> + +<p> +»Du hast recht,« rief Justinian aufspringend. »Sei +bedankt, mein kluges Weib. Du bist die Leuchte meiner +Seele. Es sei gewagt: – Belisar soll ziehn.« +</p> + +<p> +Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er +plötzlich an. »Aber noch eins.« Und die Augen niederschlagend, +faßte er ihre Hand. +</p> + +<p> +»Ah,« dachte Theodora, »jetzt kommt’s.« +</p> + +<p> +»Wenn wir nun das Gotenreich zerstört und in die +Hofburg von Ravenna mit Hilfe der Königin selbst eingezogen +sind – was – was soll dann mit ihr, der Fürstin, +werden?« +</p> + +<p> +»Nun,« sagte Theodora völlig unbefangen, »was mit +ihr werden soll? Was mit dem entthronten Vandalenkönig +geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.« +</p> + +<p> +Justinian atmete hoch auf. »Mich freut es, daß du +das Richtige fandest.« +</p> + +<p> +Und in wirklicher Freude drückte er ihr die schmale, +weiße, wunderzierliche Hand. +</p> + +<p> +»Mehr als das,« fuhr Theodora fort. »Sie wird +um so leichter auf unsre Pläne eingehen, je sicherer sie +einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will +ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen. +Sie soll im Fall der Not stets ein Asyl an +meinem Herzen finden.« +</p> + +<p> +»Du weißt gar nicht,« fiel Justinian eifrig ein, »wie +sehr du dadurch unsern Sieg erleichterst. Die Tochter +Theoderichs muß völlig von ihrem Volk hinweg zu uns +gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna führen.« +</p> + +<p> +»Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem +<pb n='244'/><anchor id='Pg244'/>Heere senden. Das würde sie nur argwöhnisch machen und +widerspenstig. Sie muß völlig in unsern Händen, das +Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das +Schwert Belisars aus der Scheide fährt.« +</p> + +<p> +»Aber in der Nähe muß er von jetzt an stehen.« +</p> + +<p> +»Wohl, etwa auf Sicilien. Die Unruhen in Afrika +geben den besten Vorwand, eine Flotte in jene Gewässer +zu senden. Und sowie das Netz gelegt, muß Belisars +Arm es zuziehn.« +</p> + +<p> +»Aber wer soll es legen?« +</p> + +<p> +Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie: +</p> + +<p> +»Der geistgewaltigste Mann des Abendlands: Cethegus +Cäsarius, der Präfekt von Rom, mein Jugendfreund.« +</p> + +<p> +»Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Römer, +nicht mein Unterthan, mir nicht völlig sicher. Wen soll +ich senden. Noch einmal Alexandros?« +</p> + +<p> +»Nein,« rief Theodora rasch, »er ist zu jung für ein +solches Geschäft. Nein.« Und sie schwieg nachdenklich. +»Justinian,« sprach sie endlich, »auf daß du siehst, wie ich +persönlichen Haß vergessen kann, wo es das Reich gilt +und der rechte Mann gewählt werden muß, schlage ich dir +selber meinen Feind vor: Petros, des Narses Vetter, des +Präfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor: – ihn +sende.« +</p> + +<p> +»Theodora,« – rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, +»du bist mir wirklich von Gott geschenkt. Cethegus – +Petros – Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!« +</p> + +</div><div n="17" type="kapitel"> +<pb n='245'/><anchor id='Pg245'/> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Am Morgen darauf erhob sich die schöne Kaiserin vergnügt +von dem schwellenden Pfühl, dessen weiche Kissen, +mit blaßgelber Seide überzogen, mit den zarten Halsfedern +des pontischen Kranichs gefüllt waren. +</p> + +<p> +Vor dem Bette stand ein Dreifuß mit einem silbernen +Becken, den Okeanos darstellend, darin lag eine massiv +goldne Kugel. Die weiche Hand der Kaiserin hob lässig +die Kugel und ließ sie klingend in das Becken fallen: der +helle Ton rief die syrische Sklavin in das Gemach, die +im Vorzimmer schlief. Mit auf der Brust gekreuzten +Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhänge +von violetter chinesischer Seide zurück. Dann ergriff +sie den sanften iberischen Schwamm, der, in Eselmilch getränkt, +in krystallner Schale ruhte und bestrich damit sorgfältig +die Masse von öligem Teig, die Gesicht und Hals +der Kaiserin während der Nacht bedeckte. +</p> + +<p> +Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast +zur Erde gebeugt und reichte die rechte Hand hinauf. +</p> + +<p> +Theodora faßte diese Hand, setzte langsam den kleinen +Fuß auf den Nacken der Knieenden und schwang sich dann +elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob sich und warf der +Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunica von feinstem +Bast bekleidet, auf dem Palmenholzrand des Bettes saß, +den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe über die +Schultern. +</p> + +<p> +Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Thüre, rief +»Agave!« und verschwand. Agave, eine junge, schöne +Thessalierin, trat ein; sie rollte dicht vor die Herrin den +mit unzähligen Büchschen und Fläschchen besetzten Waschtisch +von Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und +<pb n='246'/><anchor id='Pg246'/>Hände mit weichen, in verschiedene Weine und Salben getauchten +Tüchern zu reiben. +</p> + +<p> +Daraus erhob sich diese vom Lager und glitt auf den +bunten, mit Pardelfell überzogenen Stuhl, die Kathedra. +</p> + +<p> +»Das große Bad erst gegen Mittag!« sagte sie. +</p> + +<p> +Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz +heran, außen mit Schildpatt bekleidet, gefüllt mit +köstlich duftendem Wasser und hob die zierlichen, glänzend +weißen Füße der Herrin hinein. Hierauf löste sie das +Netz von Goldfäden, das die Nacht über die blau glänzenden +Haare der Kaiserin zusammenhielt, so daß jetzt die +weichen schwarzen Wellen über Schultern und Brust wallen +konnten. Sie schlang ihr noch das breite Busenband von +Purpur um, verneigte sich und ging mit dem Rufe: +»Galatea!« +</p> + +<p> +Eine betagte Sklavin löste sie ab, die Amme und +Wärterin und, leider müssen wir hinzufügen, die Kupplerin +Theodoras in der Zeit, da sie nur erst des Akacius, +des Löwenwärters im Cirkus, flitterbehängtes Töchterlein +und, fast noch ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling +des großen Cirkus war. Alle Demütigungen und Triumphe, +alle Laster und Listen auf der Abenteurerin wechselndem +Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich geteilt. +</p> + +<p> +»Wie hast du geschlafen, mein Täubchen?« fragte sie, +ihr in einer Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, +welche die Stadt Adana in Cilicien für die Toilette der +Kaiserin in großen Massen als jährlichen Tribut einzusenden +hatte. +</p> + +<p> +»Gut, ich träumte von ihm.« – »Von Alexandros?« +– »Nein, du Närrin, von dem schönen Anicius.« – +»Aber der Bestellte wartet schon lange draußen in der +geheimen Nische.« – »Er ist ungeduldig,« lächelte der +kleine Mund, »nun, so laß ihn ein.« Und sie legte sich +<pb n='247'/><anchor id='Pg247'/>auf dem langen Divan zurück, eine Decke von Purpurseide +über sich ziehend; aber die feinen Knöchel der schönen Füße +blieben sichtbar. +</p> + +<p> +Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch +welchen sie eingetreten und ging dann quer durch das Gemach +zu der Ecke gegenüber, die durch eine eherne Kolossalstatue +Justinians ausgefüllt war. +</p> + +<p> +Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, +sowie die Vertraute eine Feder berührte, und zeigte eine +schmale Öffnung in der Wand, welche durch die Statue +in ihrer gewöhnlichen Stellung vollständig verdeckt wurde: +ein dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea +hob den Vorhang auf und herein eilte Alexandros, der +schöne junge Gesandte. +</p> + +<p> +Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre +schmale Hand und bedeckte sie mit glühenden Küssen. +</p> + +<p> +Theodora entzog sie ihm leise. – »Es ist sehr unvorsichtig, +Alexandros,« sagte sie, den schönen Kopf zurücklehnend, +»den Geliebten zur Ankleidung <anchor id="corr247"/><corr sic="zuzulassen.">zuzulassen.«</corr> Wie +sagt der Dichter? »Alles dienet der Schönheit. Doch ist +kein erfreulicher Anblick, das entstehen zu sehn was nur +entstanden gefällt.« +</p> + +<p> +»Allein ich hab’ es dir bei der Abreise nach Ravenna +verheißen, dich einmal in meiner Morgenstunde vorzulassen. +Und du hast deinen Lohn reichlich verdient. Du hast +viel für mich gewagt. – – Fasse die Flechten fester!« rief +sie Galatea zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit +gegangen war, das prachtvolle Haar der Gebieterin zu +ordnen. +</p> + +<p> +– »Du hast das Leben für mich gewagt.« – Und +sie reichte ihm wieder zwei Finger der rechten Hand. +</p> + +<p> +»O Theodora,« rief der Jüngling, »für diesen Augenblick +würd’ ich zehnmal sterben.« +</p> + +<pb n='248'/><anchor id='Pg248'/> + +<p> +»Aber,« fuhr sie <anchor id="corr248"/><corr sic="fort">fort,</corr> »warum hast du mir nicht auch +von dem letzten Brief der Barbarin an Justinian Abschrift +zukommen lassen?« – »Es war nicht mehr möglich, es +ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten +mehr senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, +dir sagen zu lassen, daß ihr Bild bei den Geschenken +sei. Du kamst im rechten Augenblick.« +</p> + +<p> +»Ja, was würde aus mir, wenn ich die Thürsteher +Justinians nicht doppelt so hoch besoldete als er? Aber +Unvorsichtigster aller Gesandten, wie täppisch war das mit +der Jahrzahl!« +</p> + +<p> +»O schönste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang +nicht mehr gesehen. Ich konnte nichts denken als +dich und deine berauschende Schönheit.« +</p> + +<p> +»Nun, da muß ich wohl verzeihen. Das schwarze +Stirnband Galatea! Du bist ein besserer Liebhaber als +Staatsmann. Deshalb hab’ ich dich auch hier behalten. +Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, +ich schicke einen ältern Gesandten und behalte den jungen +für mich. Ist’s recht so?« lächelte sie, die Augen halb +schließend. +</p> + +<p> +Alexandros, kühner und glühender werdend, sprang +auf und drückte einen Kuß auf ihre roten Lippen. +</p> + +<p> +»Halt ein, Majestätsverbrecher,« schalt sie, und schlug +mit dem Flamingofächer leicht seine Wange. »Jetzt ist’s +genug für heute. Morgen magst du wieder kommen und +von jener Barbarenschönheit erzählen. Nein, du mußt +jetzt gehn. Ich brauche diese Morgenstunde noch für einen +andern.« +</p> + +<p> +»Für einen andern!« rief Alexandros zurücktretend. +»So ist es wahr, was man leise zischelt in den Gynäceen, +in den Bädern von Byzanz? Du ewig Ungetreue hast –« +</p> + +<p> +»Eifersüchtig darf ein Freund Theodoras nicht sein!« +<pb n='249'/><anchor id='Pg249'/>lachte die Kaiserin. Es war kein schönes Lachen. »Aber +für diesmal sei unbesorgt – du sollst ihm selbst begegnen. +Geh.« +</p> + +<p> +Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den +Widerstrebenden ohne weiteres hinter die Statue und zur +Thüre hinaus. +</p> + +<p> +Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand +mit dem Gürtel schließend. +</p> +</div><div n="18" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem +kleinen gebückten Mann, der viel älter aussah als seine +vierzig Jahre. Kluge, aber allzuscharfe Züge, das stechende +Auge, der bartlose eingekniffne Mund: – alles machte +den Eindruck unangenehmer Pfiffigkeit. +</p> + +<p> +Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; +Galatea begann ihr die Augenbrauen zu malen. +</p> + +<p> +»Kaiserin,« hob der Alte ängstlich an, »ich staune +über deine Kühnheit. Wenn man mich hier sähe! Die +Klugheit von neun Jahren wäre durch einen Augenblick +vereitelt.« +</p> + +<p> +»Man wird dich aber nicht sehen, <anchor id="corr249"/><corr sic="Petros,">Petros,«</corr> sagte Theodora +ruhig. <corr sic="Diese">»Diese</corr> Stunde ist die einzige, da ich vor der +zudringlichen Zärtlichkeit Justinians sicher bin. Es ist +seine Betstunde. Ich muß sie ausbeuten so gut ich kann. +Gott erhalte ihm seine Frömmigkeit! Galatea, den Frühwein. +Wie? Du fürchtest doch nicht, mich mit diesem +gefährlichen Verführer allein zu lassen?« Die Alte ging +mit häßlichem Grinsen und kam gleich zurück, einen +Henkel<pb n='250'/><anchor id='Pg250'/>krug süßen gewärmten Chierweins in der einen Hand, +Becher mit Wasser und Honig in der andern. +</p> + +<p> +»Ich konnte heute unsere Unterredung nicht, wie gewöhnlich, +in der Kirche veranstalten, wo du in dem dunkeln +Beichtstuhl einem Priester täuschend ähnlich siehst. +Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden +und du mußt zuvor genau unterrichtet sein.« +</p> + +<p> +»Was ist zu thun?« +</p> + +<p> +»Petros,« sagte Theodora, sich behaglich zurücklehnend +und langsam das süße Getränk schlürfend, das Galatea +mischte, »heute kam der Tag, der unsere langjährige Mühe +und Klugheit lohnen und dich zum großen Mann machen +wird.« +</p> + +<p> +»Zeit wär’ es,« meinte der Rhetor. +</p> + +<p> +»Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas +mehr Honig.) Um dich für das heutige Geschäft in die +rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut sein, dich an +das Vergangne, an die Entstehungsart unserer – Freundschaft +zu erinnern.« +</p> + +<p> +»Was soll das? Wozu ist das nötig?« sagte der Alte +unbehaglich. +</p> + +<p> +»Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhänger +meines Todfeindes Narses. Folglich auch mein +Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters +mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst +aber noch weniger genutzt. Denn Narses, dein tugendhafter +Freund, setzt seine Ehre und seine Schlauheit darein, +nie etwas für seine Verwandten zu thun, daß man +ihn nie, wie die andern Höflinge dieses Reiches, des Nepotismus +zeihen könne. +</p> + +<p> +Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend ließ er dich +unbefördert. Du darbtest und bliebst einfacher Schreiber. +Aber ein feiner Kopf wie du weiß sich zu helfen. Du +<pb n='251'/><anchor id='Pg251'/>fälschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers. +Die Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten +noch eine zweite Steuer, die Petros und die Steuererheber +untereinander teilten. Eine Weile ging das vortrefflich. +Aber einmal –« +</p> + +<p> +»Kaiserin, ich bitte dich –« +</p> + +<p> +»Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest +du das Unglück, daß einer von den neuen Steuerboten +die Gunst der Kaiserin höher anschlug als den von dir +verheißnen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag +ein, ließ sich die Urkunde von dir fälschen und – brachte +sie mir.« +</p> + +<p> +»Der Elende,« murrte Petros. +</p> + +<p> +»Ja, es war schlimm,« lächelte Theodora, den Becher +wegstellend. »Ich konnte jetzt meinem boshaften Feind, +dem Vertrauten des verhaßten Eunuchen, den schlauen +Kopf vor die Füße legen und ich muß gestehen: es lüstete +mich sehr danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache +einem großen, dauernden Vorteil. Ich rief dich zu mir +und ließ dir die Wahl, zu sterben oder fortan mir +zu dienen. Du warst gütig genug, das letztre zu wählen +und so haben wir, vor der Welt nach wie vor die heftigsten +Feinde, insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt: +du hast mir alle Pläne des großen Narses im Entstehen +verraten und ich hab es dir wohl vergolten: du bist jetzt +ein reicher Mann.« +</p> + +<p> +»O nicht der Rede wert.« +</p> + +<p> +»Bitte, Undankbarer, das weiß mein Schatzmeister +besser. Du bist sehr reich.« +</p> + +<p> +»Wohl, aber ohne Rang und Würde. Meine Studiengenossen +sind Patricier, Präfekten, große Herren in Morgen- +und Abendland: so Cethegus in Rom, Prokopius in +Byzanz.« +</p> + +<pb n='252'/><anchor id='Pg252'/> + +<p> +»Geduld. Vom heut’gen Tage an wirst du die Leiter +der Ehren rasch erklimmen. Ich mußte doch immer etwas +zu geben behalten. Höre: du gehst morgen als Gesandter +nach Ravenna.« +</p> + +<p> +»Als kaiserlicher Gesandter?« rief Petros freudig. +</p> + +<p> +»Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles. +</p> + +<p> +Du erhältst von Justinian ausführliche Anweisungen, +das Gotenreich zu verderben, Belisar den Weg nach Italien +zu bahnen.« +</p> + +<p> +»Diese Anweisungen – befolg’ ich oder vereitl’ ich?« +</p> + +<p> +»Befolgst du. Aber du erhältst noch einen Auftrag, +den dir Justinian ganz besonders ans Herz legen wird: +die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus der Hand +ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier +hast du einen Brief von mir, der sie dringend einladet, +an meiner Brust ein Asyl zu suchen.« +</p> + +<p> +»Gut,« sagte Petros, den Brief einsteckend, »ich bringe +sie also sofort hierher.« +</p> + +<p> +Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange +vom Lager auf, daß Galatea erschrocken zurückfuhr. +</p> + +<p> +»Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send’ ich deshalb. +Sie darf nicht nach Byzanz, sie darf nicht leben.« +</p> + +<p> +Bestürzt ließ Petros den Brief fallen. »O Kaiserin,« +flüsterte er – »ein Mord!« +</p> + +<p> +»Still, Rhetor,« sprach Theodora mit heiserer Stimme +und unheimlich funkelten ihre Augen. »Sie muß sterben.« +</p> + +<p> +»Sterben? o Kaiserin, warum?« +</p> + +<p> +»Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: +– du sollst es wissen, es giebt deiner Feigheit einen +Sporn – wisse –« und sie faßte ihn wild am Arme +und raunte ihm ins Ohr: »Justinian, der Verräter, fängt +an sie zu lieben.« +</p> + +<pb n='253'/><anchor id='Pg253'/> + +<p> +»Theodora!« rief der Rhetor erschrocken und trat einen +Schritt zur Seite. +</p> + +<p> +Die Kaiserin sank auf die Kline zurück. +</p> + +<p> +»Aber er hat sie ja nie gesehen!« stammelte sich fassend +Petros. +</p> + +<p> +»Er hat ihr Bild gesehen: er träumt bereits von ihr, +er glüht für dieses Bild.« +</p> + +<p> +»Du hast nie eine Rivalin gehabt.« +</p> + +<p> +»Ich werde dafür wachen, daß ich keine erhalte.« +</p> + +<p> +»Du bist so schön.« +</p> + +<p> +»Amalaswintha ist jünger.« +</p> + +<p> +»Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute +seiner geheimsten Gedanken.« +</p> + +<p> +»Das eben wird ihm lästig. Und« – sie ergriff +wieder seinen Arm – »merke wohl: sie ist eine Königstochter! +eine geborne Herrscherin, ich des Löwenwärters +plebejisch Kind. Und – so wahnwitzig lächerlich es ist! +– Justinian vergißt im Purpurmantel, daß er des dardanischen +Ziegenhirten Sohn. Er hat den Wahnsinn der +Könige geerbt, er, selbst ein Abenteurer: er faselt von angeborner +Majestät, von dem Mysterium königlichen Bluts. +Gegen solche Grillen hab’ ich keinen Schutz: von allen +Weibern der Erde fürchte ich nichts: aber diese Königstochter – –« +</p> + +<p> +Sie sprang zürnend auf und ballte die kleine Hand. +</p> + +<p> +»Hüte dich, Justinian!« sagte sie durchs Gemach +schreitend. »Theodora hat mit diesem Auge, mit dieser +Hand Löwen und Tiger bezaubert und beherrscht: laß +sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten +kann.« Sie setzte sich wieder. +</p> + +<p> +»Kurz, Amalaswintha stirbt,« sagte sie, plötzlich wieder +kalt geworden. +</p> + +<p> +»Wohl,« erwiderte der Rhetor, »aber nicht durch mich. +<pb n='254'/><anchor id='Pg254'/>Du hast der blutgewohnten Diener genug. Sie sende; +ich bin ein Mann der Rede. –« +</p> + +<p> +»Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. +Gerade du, mein Feind, mußt es thun: keiner +meiner Freunde kann es ohne Verdacht.« +</p> + +<p> +»Theodora,« mahnte der Rhetor sich vergessend, »die +Tochter des großen Theoderich ermorden, eine geborne +Königin – –« +</p> + +<p> +»Ha,« lachte Theodora grimmig, »auch dich Armseligen +blendet die geborne Königin. Narren sind die Männer +alle, noch mehr als Schurken! Höre, Petros, an dem +Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist +du Senator und Patricius.« +</p> + +<p> +Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst +war doch mächtiger als der Ehrgeiz. »Nein,« +sagte er entschlossen, »lieber lasse ich den Hof und alle Pläne.« +</p> + +<p> +»Das Leben läss’st du, Elender!« rief Theodora zornig. +»O, du wähntest, du seiest frei und ungefährdet, weil ich +damals vor deinen Augen die gefälschte Urkunde verbrannt? +Du Thor! es war die rechte nicht! Sieh her – hier +halte ich dein Leben.« +</p> + +<p> +Und sie riß aus einer Capsula voller Dokumente ein +vergilbtes Pergament. Sie zeigte es dem Erschrocknen, der +jetzt willenlos in die Kniee brach. +</p> + +<p> +»Befiehl,« stammelte er, »ich gehorche.« +</p> + +<p> +Da pochte man an die Hauptthüre. +</p> + +<p> +»Hinweg,« rief die Kaiserin. »Hebe meinen Brief an +die Gotenfürstin vom Boden auf und bedenk es wohl: +Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, wenn sie lebt. +Fort.« +</p> + +<p> +Und Galatea schob den Betäubten durch den geheimen +Eingang hinaus, drehte den bronzenen Justinian wieder +an seine Stelle und ging, die Hauptthür aufzuthun. +</p> + +</div><div n="19" type="kapitel"> +<pb n='255'/><anchor id='Pg255'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neunzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Herein trat eine stattliche Frau, größer und von gröberen +Formen als die kleine, zierliche Kaiserin, nicht so +verführerisch schön, aber jünger und blühender, mit frischen +Farben und ungekünstelter Art. +</p> + +<p> +»Gegrüßt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an +meine Brust!« rief die Kaiserin der tief sich Verbeugenden +entgegen. +</p> + +<p> +Die Gattin Belisars gehorchte schweigend. +</p> + +<p> +»Wie diese Augengruben hohl werden!« dachte sie, sich +wieder aufrichtend. +</p> + +<p> +»Was das Soldatenweib für grobe Knöchel hat!« sagte +die Kaiserin zu sich selbst, da sie die Freundin musterte. – +</p> + +<p> +»Blühend bist du wie Hebe,« rief sie ihr laut zu, +»und wie die weiße Seide deine frischen Wangen hebt! +Hast du etwas neues mitzuteilen von – von ihm?« fragte +sie und nahm gleichgültig spielend vom Waschtisch ein gefürchtetes +Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stäbchen +von Elfenbein, mit welchem ungeschickte oder auch nur unglückliche +Sklavinnen von der zürnenden Herrin oft zolltief +in Schultern und Arme gestochen wurden. +</p> + +<p> +»Heute nicht,« flüsterte Antonina errötend, »ich hab’ +ihn gestern nicht gesehn.« +</p> + +<p> +»Das glaub’ ich,« lächelte Theodora in sich hinein. +»O wie schmerzlich werd’ ich dich bald vermissen,« sagte +sie, Antoninens vollen Arm streichelnd. »Schon in der +nächsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen +und du, treuste aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von +euren Freunden wird euch folgen?« +</p> + +<p> +»Prokopius,« sagte <anchor id="corr255"/><corr sic="Antonina und">Antonina, »und«</corr> – setzte sie, die Augen +niederschlagend, hinzu – »die beiden Söhne des Boëthius.« +</p> + +<pb n='256'/><anchor id='Pg256'/> + +<p> +»Ah so,« lächelte die Kaiserin, »ich verstehe. In der +Freiheit des Lagerlebens hoffst du dich des schönen Jünglings +ungestörter zu erfreuen und indessen Held Belisarius +Schlachten schlägt und Städte gewinnt –« +</p> + +<p> +»Du errätst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an +dich. Dir freilich ward es gut. Alexandros, dein schöner +Freund ist zurück: er bleibt in deiner Nähe und er ist sein +eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weißt +es, der Jüngling, steht unter seines altern Bruders Severinus +strenger Hut. Nie würde dieser, der nur Rache an +den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten, diese zarte – +Freundschaft dulden. Er würde unsern Verkehr tausendfach +stören. Deshalb thu’ mir eine Liebe: Severinus darf uns +nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius, halte +den ältern Bruder in Byzanz zurück mit List oder Gewalt +– du kannst es ja leicht – du bist die Kaiserin.« +</p> + +<p> +»Nicht übel,« lächelte Theodora. »Welche Kriegslisten! +Man sieht, du lernst von Belisarius.« +</p> + +<p> +Da erglühte Antonina über und über. +</p> + +<p> +»O nenne seinen Namen nicht. Und höhne nicht! Du +weißt am besten, von wem ich gelernt, zu thun, worüber +man erröten muß.« +</p> + +<p> +Theodora schoß einen funkelnden Blick auf die Freundin. +</p> + +<p> +»Der Himmel weiß,« fuhr diese fort, ohne es zu beachten, +»Belisar selbst war nicht treuer als ich, bis ich an +diesen Hof kam. Du warst es, Kaiserin, die mich gelehrt, +daß diese selbstischen Männer, von Krieg und Staat und +Ehrgeiz erfüllt, uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, vernachlässigen, +uns nicht mehr würdigen, wann sie uns besitzen. +Du hast mich gelehrt, wie es keine Sünde, kein +Unrecht sei, die unschuldige Huldigung, die schmeichelnde +Verehrung, die der tyrannische Gemahl versagt, von einem +noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde +hin<pb n='257'/><anchor id='Pg257'/>zunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen +süßen Weihrauch der Huldigung, den Belisar versagt und +den mein eitles, schwaches Herz nicht missen kann, will ich +von Anicius.« +</p> + +<p> +»Zum Glück für mich wird das sehr bald langweilig +für ihn,« sagte Theodora zu sich selbst. +</p> + +<p> +»Und doch – schon dies ist ein Verbrechen, fürcht’ ich, +an Belisar. O wie ist er groß und edel und herrlich. +Wenn er nur nicht allzugroß wäre für dies kleine Herz.« +– Und sie bedeckte das Antlitz mit den Händen. +</p> + +<p> +»Die Erbärmliche,« dachte die Kaiserin, »sie ist zu schwach +zum Genuß wie zur Tugend.« +</p> + +<p> +Da trat Agave, die hübsche junge Thessalierin, ins +Gemach mit einem großen Strauß herrlicher Rosen. +</p> + +<p> +»Von ihm,« flüsterte sie der Herrin zu. – »Von wem?« +fragte diese. Aber jetzt sah Antonina auf und Agave +winkte warnend mit den Augen. +</p> + +<p> +Die Kaiserin reichte Antoninen den Strauß, sie zu +beschäftigen, »bitte, stell’ ihn dort in die Marmorvase.« +</p> + +<p> +Während die Gattin Belisars den Rücken wendend +gehorchte, flüsterte Agave: »Nun, von ihm, den du gestern +den ganzen Tag hier versteckt gehalten: – von dem schönen +Anicius –« setzte das holde Kind errötend bei. +</p> + +<p> +Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als +sie laut schreiend nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin +schlug sie mit der noch blutigen Lanzette ins Gesicht. +»Ich will dich lehren, Augen haben, ob Männer schön +sind oder häßlich,« flüsterte sie grimmig. »Du läßt dich +in die Spinnstube sperren auf vier Wochen – sogleich – +und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern. Fort!« +</p> + +<p> +Weinend ging das Mädchen, ihr Haupt verhüllend. +</p> + +<p> +»Was hat sie gethan?« fragte Antonina sich wendend. +</p> + +<p> +»Das Riechfläschchen fallen lassen,« sagte Galatea rasch, +<pb n='258'/><anchor id='Pg258'/>ein solches von dem Teppich aufhebend. – »Herrin, dein +Haar ist fertig.« +</p> + +<p> +»So laß die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. +– Willst du einstweilen in diesen Versen blättern, Antonina? +Es sind die neuesten Gedichte des Arator, »über +die Thaten der Apostel«, gar erbaulich zu lesen! Zumal +hier, die Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies +und sprich sein Urteil.« +</p> + +<p> +Galatea öffnete weit die Thüre des Haupteingangs: +ein ganzer Schwarm von Sklavinnen und Freigelassenen +wogte herein. Die einen besorgten das Hinausräumen der +gebrauchten Toilettegeräte, andre räucherten mit Kohlenpfännchen +und sprengten aus schmalhalsigen Fläschchen Balsam +durch das Gemach. Die meisten aber waren um die +Person der Kaiserin beschäftigt, die jetzt ihren Anzug vollendete. +Galatea nahm ihr den Rosaüberwurf ab. »Berenike,« +rief sie, »die milesische Tunika mit dem Purpurstreif und +der goldnen Falbel: es ist Sonntag heute.« +</p> + +<p> +Während die erfahrene Alte, die allein das Haar der +Kaiserin berühren durfte, die kostbare Goldnadel, mit der +Venusgemme im Knopf, künstlich in die Knoten des Hinterhauptes +schob, fragte die Kaiserin: »Was giebt es neues +in der Stadt, Delphine?« +</p> + +<p> +»Du hast gesiegt, o Herrin!« antwortete die Gefragte, +mit den Goldsandalen niederknieend. »Deine Farbe, die +Blauen, haben gestern im Cirkus gesiegt über die Grünen +zu Roß und Wagen.« +</p> + +<p> +»Triumph!« frohlockte Theodora, »eine Wette von zwei +Centenaren Gold, – es ist mein. – Nachrichten? woher? +aus Italien?« rief sie einer eben mit Briefen eintretenden +Dienerin entgegen. +</p> + +<p> +»Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfürstin +<pb n='259'/><anchor id='Pg259'/>Gothelindis: ich kenne das Gorgonensiegel: und von Silverius, +dem Diakon.« +</p> + +<p> +»Gieb,« sagte Theodora, »ich nehme sie mit in die +Kirche. Den Spiegel, Elpis.« – Eine junge Sklavin trat +vor mit einer ovalen drei Fuß langen Platte von glänzend +polirtem Silber in einem reich mit Perlen besetzten +Goldrahmen und getragen von einem starken Fuß von +Elfenbein. Die arme Elpis hatte harten Dienst. Sie +mußte während der Vollendung des Ankleidens die schwere +Platte bei jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort +dermaßen drehen, daß diese sich ununterbrochen darin beschauen +konnte und weh’ ihr, wenn sie einer Wendung zu +spät nachfolgte. +</p> + +<p> +»Was giebt es zu kaufen, Zephyris?« fragte die Kaiserin +eine dunkelfarbige libysche Freigelassene, die ihr eben +die zahme Hausschlange, die in einem Körbchen auf weichem +Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte. +</p> + +<p> +»Ach, nicht viel Besondres,« sagte die Libyerin, – +»komm, Glauke,« fuhr sie fort, indem sie die blendend +weiße golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse nahm +und sorgfältig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis die +Gerufene ihr sie abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin +in den schönsten Falten über die Schulter schlug, mit dem +weißen Gürtel zusammenfaßte und das eine Ende mit +einer Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt +aber im Gegenteil den heiligen Geist darstellte, über der +weißen Achsel befestigte. Glauke, die Tochter eines athenischen +Bildhauers, hatte jahrelang den Faltenwurf studirt, +war deshalb von der Kaiserin um viele tausend Solidi +angekauft worden und hatte den ganzen Tag über nur dies +einzige Geschäft. +</p> + +<p> +»Duftige Seifenkugeln aus Spanien,« berichtete Zephyris, +»sind wieder frisch angekommen. Ein neues +mile<pb n='260'/><anchor id='Pg260'/>sisches Märchen ist erschienen und der alte Ägypter ist +wieder da,« setzte sie leiser hinzu, »mit seinem Nilwasser. +Er sagt, es helfe unfehlbar. Die Perserkönigin, die acht +Jahre kinderlos – –« +</p> + +<p> +Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog +über das glatte Gesicht. »Schick’ ihn fort,« sagte sie, »diese +Hoffnung ist vorüber.« – +</p> + +<p> +Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trübes +Sinnen versinken. +</p> + +<p> +Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu +ihrem Lager zurück, nahm den zerdrückten Eppichkranz, der +auf ihrem Kopfkissen lag und gab ihn der Alten mit den +geflüsterten Worten: »für Anicius, schick’ es ihm zu. – +Den Schmuck, Erigone!« Diese, von zwei andern Sklavinnen +unterstützt, trug mühsam die schwere Kiste von Erz +herbei, deren Deckel, in getriebnen Figuren die Werkstätte +des Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der Kaiserin +an die Lade befestigt war. Erigone zeigte, daß das Siegel +unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig stellte sich +da manches Mädchen auf die Fußspitzen, einen Blick von +den schimmernden Schätzen zu erhaschen. »Willst du noch +die Sommerringe, Herrin?« fragte Erigone. – »Nein,« +sprach Theodora wählend, »die Zeit dafür ist um. Gieb +mir die schwereren, die Smaragden.« Erigone reichte ihr +Ohrringe, Fingerring und Armband. +</p> + +<p> +»Wie schön,« sagte Antonina, von ihren frommen Versen +aufsehend, »steht das Weiß der Perle zu dem Grün +des Steins!« +</p> + +<p> +»Es ist ein Schatzstück der Kleopatra,« sagte die Kaiserin +gleichgültig, »der Jude hat den Stammbaum der Perle +eidlich erhärtet.« +</p> + +<p> +»Aber du zögerst lange,« erinnerte Antonina, »Justinians +Goldsänfte harrte schon als ich herauf kam.« +</p> + +<pb n='261'/><anchor id='Pg261'/> + +<p> +»Ja, Herrin,« rief eine junge Sklavin ängstlich, »der +Sklave vor der Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde +an. Eile, Herrin.« +</p> + +<p> +Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. »Willst +du die Kaiserin mahnen?« Aber Antoninen flüsterte sie +zu: »Man muß die Männer nicht verwöhnen: sie müssen +immer auf uns warten, wir nie auf sie. +</p> + +<p> +Meinen Straußenfächer, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen +Sklaven sollen an meine Sänfte treten.« +</p> + +<p> +Und sie wandte sich zum Gehen. »O Theodora,« rief +Antonina rasch, »vergiß meine Bitte nicht.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte diese, plötzlich stehen bleibend, »gewiß +nicht! Und damit du ganz sicher gehst,« lächelte sie, »leg’ +ich’s in deine eigne Hand. Meine Wachstafel und den Stift.« +Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und flüsterte +der Freundin zu: »Der Präfekt des Hafens ist einer meiner +alten Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich +schreibe: »An Aristarchos den Präfekten Theodora die +Kaiserin. +</p> + +<p> +Wenn Severinus, des Boëthius Sohn, das Schiff des +Belisarius besteigen will, halt’ ihn, nötigenfalls mit Gewalt, +zurück und sende ihn hierher in meine Gemächer: er ist zu +meinem Kämmerer ernannt. Ist’s recht so, liebe Schwester?« +flüsterte sie. +</p> + +<p> +»Tausend Dank,« sagte diese mit leuchtenden Augen. +</p> + +<p> +»Aber wie,« rief die Kaiserin laut, plötzlich an ihren +Hals fassend, »und die Hauptsache hätten wir vergessen? +Mein Amulet, den Mercurius! Bitte, Antonina, dort liegt +es.« Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen Merkur, +den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem +Bette der Kaiserin hing, zu holen. Inzwischen aber strich +Theodora schnell das Wort »Severinus« mit dem Goldgriffel +aus, und schrieb dafür »Anicius«. Sie klappte das +<pb n='262'/><anchor id='Pg262'/>Täfelchen zusammen, umschnürte und siegelte es mit ihrem +Venusring. +</p> + +<p> +»Hier das Amulet,« sagte Antonina zurückkommend. +</p> + +<p> +»Und hier der Befehl!« lächelte die Kaiserin. »Du +magst ihn selbst im Augenblick der Abfahrt an Aristarchos +übergeben. Und jetzt,« rief sie, »jetzt auf: in die Kirche.« +</p> +</div><div n="20" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, über welcher +die zu Byzanz aufsteigenden Wetterwolken sich zuerst entladen +sollten, ahnte man nichts von einer drohenden Gefahr. +Da wandelten damals Tag für Tag an den reizenden +Hängen, welche nach dem Posilipp führen, oder an +den Uferhöhen im Südosten der Stadt, in vertrautem +Gespräch, alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft +genießend, zwei herrliche Jünglinge, der eine in braunen, +der andre in goldnen Locken: die Dioskuren, Julius und +Totila. +</p> + +<p> +O schöne Zeit, da es die reine Seele, umweht von +der frischen Morgenluft des Lebens, noch unenttäuscht +und unermüdet, trunken von der Fülle stolzer Träume, +drängt, hinüberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, +gleich überschwängliches Gemüt. Da stärkt sich der Vorsatz +zu allem Edelsten, der Aufschwung zu dem Höchsten, +der Flug bis in die lichte Nähe des Göttlichen wird +in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewißheit, verstanden +zu sein. +</p> + +<p> +Wenn der Blütenkranz in unsren Locken gewelkt ist +und die Ernte unsres Lebens beginnt, mögen wir lächeln +<pb n='263'/><anchor id='Pg263'/>über jene Träume der Jünglingszeit und Jünglingsfreundschaft; +aber es ist kein Lächeln des Spottes; es ist ein +Ausdruck von jener Wehmut, mit der wir in nüchterner +Herbstluft der süßen, berauschenden Lüfte des ersten Frühlings +gedenken. – +</p> + +<p> +Der junge Gote und der junge Römer hatten sich gefunden +in der glücklichsten Zeit für einen solchen Bund +und sie ergänzten sich wunderbar. Totilas sonnige Seele +hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt: lachend +sah er in die lachende Welt: er liebte den Menschen und +der Glanz seines wohlwollenden Wesens gewann ihm leicht +und rasch alle Herzen. Er glaubte nur an das Gute und +des Guten Sieg: traf er das Böse, das Gemeine auf +seinem Pfad, so trat er es mit dem heilig lodernden Zorn +eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur +brach dann, den Helden verratend, die gewaltige Kraft, die +in ihr ruhte und nicht eher ließ er ab, bis das verhaßte +Element aus seinem Lebenskreise getilgt war. Aber im +nächsten Augenblick war dann die Störung wie überwunden +so vergessen und harmonisch wie seine Seele fühlte er +ringsum Welt und Leben. Stolz und froh empfand er +die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend drückte er das +goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die +wimmelnden Straßen von Neapolis, der Abgott der Mädchen, +der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde, wie ein +Gott der Freude, beglückend und beglückt. +</p> + +<p> +Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der +stilleren Seele seines Freundes mit. Julius Montanus, +zart und sinnig angelegt, eine fast weibliche Natur, früh +verwaist und von Cethegus’ hochüberlegnem Geist eingeschüchtert, +in Einsamkeit und unter Büchern aufgewachsen, +von der trostlosen Wissenschaft jener Zeit mehr belastet als +gehoben, sah das Leben ernst, fast wehmütig an. Ein +<pb n='264'/><anchor id='Pg264'/>Zug zur Entsagung und die Neigung, alles Bestehende an +dem strengen Maß übermenschlicher Vollendung zu messen, +lag in ihm und mochte sich leicht bis zur Schwermut verdüstern. +Zur glücklichen Stunde fiel Totilas sonnige +Freundschaft in seine Seele und erhellte sie bis in ihre +tiefsten Falten so mächtig, daß seine edle Natur auch von +einem schweren Schlage sich wieder elastisch aufrichten +konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen +sollte. +</p> + +<p> +Hören wir ihn selbst darüber an den Präfekten berichten: +</p> + +<p> +»Cethegus dem Präfekten Julius Montanus. +</p> + +<p> +Die kaltherzige Antwort, die du auf den warmgefühlten +Bericht von meinem neuen Freundschafts-Glück erteiltest, +hat mir zuerst – gewiß gegen deine Absicht – sehr wehe +gethan, später aber das Glück eben dieser Freundschaft erhöht, +freilich in einer Weise, welche du weder ahnen noch +wünschen konntest. +</p> + +<p> +Der Schmerz durch dich hat sich bald in Schmerz +um dich verwandelt. Wollte es mich anfangs kränken, +daß du meine tiefste Empfindung als die Schwärmerei +eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtümer +meiner Seele mit bittrem Spott antasten wolltest – nur +wolltest, denn sie sind unantastbar, – so ergriff mich doch +statt dessen bald das Gefühl des Mitleids mit dir. Wehe, +daß ein Mann wie du, so überreich an Kräften des +Geistes, darbest an den Gütern des Herzens. Wehe, daß +du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige +Liebe, die ein von dir mehr verspotteter als verstandner +Glaube, den mir jeder Tag des Schmerzes näher +bringt, die <hi rend='antiqua'>caritas</hi>, die Nächstenliebe, nennt: Wehe dir, +daß du das Herrlichste nicht kennst! Vergieb die Freiheit +dieser meiner Rede: ich weiß, ich habe noch nie in solchen +<pb n='265'/><anchor id='Pg265'/>Worten zu dir gesprochen: aber erst seit kurzem bin ich, +der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch +dein letzter Brief Spuren von Knabenhaftigkeit an mir +gegeißelt. Ich glaube, sie sind seitdem verschwunden und +ein Verwandelter sprech’ ich zu dir. Dein Brief, dein +Rat, deine »Arzenei« hat mich allerdings zum Manne +gereift, aber nicht in deinem Sinn und nicht nach deinem +Wunsch. Schmerz, heiligen, läuternden Schmerz hat er mir +gebracht, er hat diese Freundschaft, die er verdrängen sollte, +auf eine harte Probe gestellt, aber, der Güte Gottes sei’s +gedankt, er hat sie im Feuer nicht zerstört, sondern gehärtet +für immer. +</p> + +<p> +Höre und staune, was der Himmel aus deinen Plänen +geschaffen hat. +</p> + +<p> +Wie wehe mir dein Brief gethan, – in alter Gewohnheit +des Gehorsams befolgte ich alsbald seinen Auftrag +und suchte deinen Gastfreund auf, den Purpurhändler +Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen +und seine reizende Villa bezogen. Ich fand an ihm einen +vielerfahrnen Mann und einen eifrigen Freund der Freiheit +und des Vaterlandes: in seiner Tochter Valeria aber +ein Kleinod. +</p> + +<p> +Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen +sie zu verschließen, zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel +vor der Sonne: mir war Elektra oder Kassandra, Clölia +oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr noch als ihre +hohe Schönheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen +Seele, die sich alsbald vor mir aufthat. Ihr Vater +behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause und ich +verlebte unter seinem Dach mit ihr die schönsten Tage +meines Lebens. Die Poesie der Alten ist der Äther +ihrer Seele. +</p> + +<p> +Wie rauschten die Chöre des Äschylos, wie rührend +<pb n='266'/><anchor id='Pg266'/>tönte Antigones Klage in ihrer melodischen Stimme; +stundenlang lasen wir in Wechselrede und herrlich war sie +zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der Begeisterung, +wann ihr dunkles Haar, in freie Wellen gelöst, +niederfloß und aus ihrem großen runden Auge ein Feuer +blitzte nicht von dieser Welt. +</p> + +<p> +Und, – was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten +wird, – eine Spaltung, die durch all’ ihr Leben +geht, giebt ihr den höchsten Reiz. Du ahnst wohl, was +ich meine, da du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses +kennst. Du weißt wohl genauer als ich, wie es kam, daß +Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer frommen Mutter +einem ehelosen, einsamen Leben in Werken der Andacht +geweiht, dann aber von ihrem reichen und mehr römisch +als christlich gesinnten Vater um den Preis einer Kirche +und eines Klosters, die er baute, losgekauft worden ist. +Aber Valeria glaubt, daß der Himmel nicht totes Gold +nehme für eine lebendige Seele: sie fühlt sich der Bande +jenes Gelübdes nicht ledig, deren sie ewig, aber nur in +Furcht, nicht in Liebe, gedenkt. +</p> + +<p> +Denn du hattest recht als du schriebst: sie sei durch +und durch ein Kind der alten, der heidnischen Welt. Das +ist sie, die echte Tochter ihres Vaters: aber doch kann sie +der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abthun: +es lebt nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr +als ein Fluch, als der unentrinnbare Zwang jenes Gelübdes. +Diesen wundersamen Zwiespalt, diesen verhängnisvollen +Widerstreit trägt die edle Jungfrau im Gemüt: +er quält sie, aber er veredelt sie zugleich. +</p> + +<p> +Wer weiß, wie er sich lösen wird? der Himmel allein, +der ihr Schicksal lenkt. Mich aber zieht dieser innere +Kampf mit ernsten Schauern an: du weißt ja, daß in mir +selbst der Christenglaube und die Philosophie in +unge<pb n='267'/><anchor id='Pg267'/>klärter Mischung durcheinander wogen. Zu meinem Staunen +hat in diesen Tagen des Schmerzes der Glaube zugenommen +und fast will mich bedünken, die Freude führe zu +der heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz +und das Unglück. +</p> + +<p> +Aber höre wie der Schmerz über mich gekommen. +</p> + +<p> +Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war +ich froher Hoffnung voll. Valerius, vielleicht schon früher +von dir für mich gewonnen, sah meine wachsende Neigung +offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das an mir +auszusetzen, daß ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung +der römischen Republik nicht eifrig genug teilte +und nicht seinen Haß gegen die Byzantiner, in denen er +die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht. Auch +Valeria war mir bald freundschaftlich geneigt und wer +weiß ob nicht damals die Verehrung gegen den Willen +ihres Vaters und diese Freundschaft genügt hätten, sie in +meine Arme zu führen. Aber ich danke, – soll ich sagen +Gott oder dem Schicksal? – daß es nicht so kam: Valeria +einer halb gleichgültigen Ehe opfern wäre ein Frevel gewesen. +Ich weiß nicht, welches seltsame Gefühl mich abhielt +das Wort zu sprechen, das sie in jenen Tagen gewiß +zu der Meinen gemacht hätte. Ich liebte sie doch so tief: +– aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem +Vater um sie werben wollte, immer beschlich mich ein Gefühl, +als thu’ ich Unrecht an dem Gut eines andern, als sei +ich ihrer nicht würdig oder doch nicht die ihr vom Schicksal +zugedachte Hälfte ihrer Seele und ich schwieg und bezähmte +das pochende Herz. +</p> + +<p> +Einstmals um die sechste Stunde, – schwül brannte die +Sonne rings auf Land und Meer – suchte ich Schatten +in der kühlen Marmorgrotte des Gartens. Ich trat ein +durch das Oleandergebüsch: da lag sie schlafend auf der +<pb n='268'/><anchor id='Pg268'/>weichen Rasenbank, die eine Hand auf dem leise wogenden +Busen, der linke Arm unter dem edeln Haupt, das noch +vom Frühmahl her der schöne Asphodeloskranz schmückte. +Ich stand bebend vor ihr: so schön war sie noch nie gewesen, +ich beugte mich über sie und staunte die edeln, wie +in Marmor gebildeten Züge an: heiß schlug mein Herz, +ich beugte mich über sie, diese roten feingeschnittenen Lippen +zu küssen. +</p> + +<p> +Da fiel mir’s plötzlich centnerschwer aufs Herz: es ist +ein Raub, was du begehen willst. Totila! rief unwillkürlich +meine ganze Seele und still, wie ich gekommen, +schlich ich fort. +</p> + +<p> +Totila! Was war er mir nicht früher eingefallen? +</p> + +<p> +Ich machte mir Vorwürfe, den Bruder meines Herzens +über dem neuen Glück fast vergessen zu haben. +</p> + +<p> +Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht +erfüllen: diese Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. +Er soll Valeria sehen, gleich mir bewundern, +meine Wahl lobpreisen und dann, dann will ich werben +und Totila soll glücklich sein mit uns. +</p> + +<p> +Andern Tages ging ich nach Neapolis zurück, ihn zu +holen. Ich pries ihm den Schimmer des Mädchens, aber +ich vermochte es nicht über mich, ihm von meiner Liebe +zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir +fanden sie bei unserer Ankunft nicht in den Zimmern der +Villa. So führte ich Totila in den Garten – Valeria +ist die eifrigste Pflegerin der Blumen – wir bogen, +Totila voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte +uns ihre Erscheinung plötzlich entgegen: sie stand vor +einer Statue ihres Vaters und kränzte sie mit frischgepflückten +Rosen, die sie, hoch aufgehäuft in der Busenfalte +der Tunika, mit der Linken auf der Brust zusammenhielt. +</p> + +<p> +Es war ein überraschend schönes Bild: die herrliche +<pb n='269'/><anchor id='Pg269'/>Jungfrau, in dem Grün des Taxus gleichsam eingerahmt, +vor dem weißen Marmor, die Rechte anmutvoll erhebend: +und mächtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit einem +lauten Ruf des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade +gegenüber, stehen. +</p> + +<p> +Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, +zusammen: die Rosen fielen in dichten Flocken aus ihrem +Gewand: sie sah es nicht: ihre Augen hatten sich getroffen, +ihre Wangen erglühten: – ich sah mit Blitzesschnelle ihr +Geschick und mein Geschick entschieden. +</p> + +<p> +Sie liebten sich beim ersten Anblick. +</p> + +<p> +Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die +Gewißheit meine Seele. Aber doch nur einen Augenblick +herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust. Sofort, +wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen Gestalten, +empfand ich neidlose Freude, daß sie sich gefunden: denn +es war, wie wenn die Macht, die der Sterblichen Leiber +bildet und Seelen, sie aus Einem Stoff für einander +geschaffen: wie Morgensonne und Morgenröte schimmerten +sie ineinander und jetzt erkannte ich auch das dunkle Gefühl, +das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern gehalten, +das mir <hi rend='gesperrt'>seinen</hi> Namen auf die Lippen geführt +hatte: sein sollte Valeria werden nach Gottes Ratschluß +oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht zwischen +sie treten. +</p> + +<p> +Erlaß mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch +ist mein Sinn geartet, sowenig Macht hat noch die heilige +Lehre des Entsagens über mich gewonnen, daß – ich +schäme mich, das zu gestehen – daß mein Herz auch jetzt +noch manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen +für das Glück der Freunde. +</p> + +<p> +Rasch und unscheinbar, wie zwei Flammen ineinander +lodern, schlugen ihre Seelen zusammen. Sie lieben sich +<pb n='270'/><anchor id='Pg270'/>und sind glücklich wie die seligen Götter: mir ist die +Freude geblieben, ihr Glück zu schauen und ihnen beizustehen, +es noch vor dem Vater zu verbergen, der sein +Kind wohl schwerlich dem »Barbaren« schenken wird, solang +er in Totila nur den »Barbaren« sieht. +</p> + +<p> +Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt’ ich vor +dem Freunde tief verborgen: er ahnt nicht und soll nie +erfahren, was sein glänzend Glück nur trüben könnte. Du +siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von deinem Ziel ein +Gott deinen Plan gewendet. Mir hast du jenes Kleinod +Italiens bringen wollen und hast es Totila zugeführt. +Meine Freundschaft hast du zerstören wollen und hast sie +in den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen +befreit und unsterblich gemacht. Du hast mich zum Manne +machen wollen durch der Liebe Glück: – ich bin’s geworden +durch der Liebe Schmerz. +</p> + +<p> +Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.« +</p> +</div><div n="21" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Einundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf +den Präfekten auszumalen, und begleiten lieber die beiden +Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergänge an den +reizenden Ufergeländen von Neapolis. +</p> + +<p> +Sie wandelten nach der früh beendigten Coena durch die +Stadt und zur Porta nolana hinaus, die in schon halb +verwitterten Reliefs die Siege eines römischen Imperators +über germanische Stämme verherrlichte. +</p> + +<p> +Totila blieb stehen und bewunderte die schöne Arbeit. +</p> + +<p> +»Wer ist wohl der Kaiser,« fragte er den Freund, +<pb n='271'/><anchor id='Pg271'/>»dort auf dem Siegeswagen, mit dem geflügelten Blitz in +der Hand, wie ein Jupiter Tonans?« – »Es ist Marc +Aurel,« sagte Julius und wollte weitergehen. – »O bleib +doch! Und wer sind die vier Gefesselten mit den langwallenden +Haaren, die den Wagen ziehn?« +</p> + +<p> +»Es sind Germanenkönige.« – »Doch welches Stammes?« +fragte Totila weiter – »sieh da, eine Inschrift: »<hi rend='antiqua'>Gothi +extincti!</hi>« »Die Goten <anchor id="corr271"/><corr sic="vernichtet!«">vernichtet!««</corr> +</p> + +<p> +Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand +auf die <anchor id="corr271a"/><corr sic="Mormorsäule">Marmorsäule</corr> und schritt rasch durch das Thor. +»Eine Lüge in Marmor!« rief er rückwärts blickend. +»Das hat der Imperator nicht gedacht, daß einst ein +gotischer Seegraf in Neapolis seine Prahlereien Lügen +straft.« – »Ja, die Völker sind wie die wechselnden +Blätter am Baume,« sagte Julius nachdenklich; »wer wird +nach euch in diesen Landen herrschen?« Totila blieb +stehen. »<hi rend='gesperrt'>Nach uns?</hi>« fragte er erstaunt. – »Nun, du +wirst doch nicht glauben, daß deine Goten ewig dauern +werden unter den Völkern?« +</p> + +<p> +»Das weiß ich doch nicht,« sagte Totila, langsam fortschreitend. +– »Mein Freund, Babylonier und Perser, Griechen +und Makedonen und, wie es scheinen will, auch wir Römer +hatten ihre zugemessene Zeit: sie blühten, reisten und vergingen. +Soll’s anders sein mit den Goten?« +</p> + +<p> +»Ich weiß das nicht,« sagte Totila unruhig, »ich habe +den Gedanken nie gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, +daß eine Zeit kommen könnte, da mein Volk« – +– er hielt inne, als sei es Sünde, den Gedanken auszudenken. +»Wie kann man sich dergleichen vorstellen! ich +denke daran so wenig wie – wie an den Tod!« +</p> + +<p> +»Das sieht dir gleich, mein Totila!« +</p> + +<p> +»Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen +Träumereien zu quälen.« +</p> + +<pb n='272'/><anchor id='Pg272'/> + +<p> +»Träumereien! Du vergißt, daß es für mich, für +mein Volk schon Wirklichkeit geworden. Du vergißt, daß +ich ein Römer bin. Und ich kann mich nicht darüber +täuschen wie die meisten thun: es ist vorbei mit uns. Das +Scepter ist von uns auf euch übergegangen; glaubst du, +es lief so ohne Schmerz, ohne Nachsinnen für mich ab, in +dir, meinem Herzensfreund, den Barbaren, den Feind +meines Volkes zu vergessen?« +</p> + +<p> +»Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne!« fiel Totila +eifrig ein. »Find’ ich auch in deiner milden Seele den +herben Wahn? Blick’ doch nur um dich! Wann, sage +mir, wann hat Italien herrlicher geblüht als unter unsrem +Schilde? Kaum in den Tagen des Augustus. Ihr lehrt +uns Weisheit und Kunst, wir leihen euch Friede und +Schutz. Kein schöneres Wechselverhältnis läßt sich denken! +Die Harmonie zwischen Römern und Germanen kann eine +ganz neue Zeit erschaffen, schöner als je eine bestanden.« +</p> + +<p> +»Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns +ein fremdes Volk, geschieden durch Sprache und Glaube, +durch Stammes- und Sinnesart und durch halbtausendjährigen +Haß. +</p> + +<p> +Wir brachen früher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; +zwischen uns gähnt eine ewige Kluft.« – »Du verwirfst +den Lieblingsgedanken meiner Seele.« +</p> + +<p> +»Er ist ein Traum!« – »Nein, er ist Wahrheit, ich +fühl’ es und vielleicht kömmt noch die Zeit, dir’s zu beweisen. +Das Werk meines ganzen Lebens bau’ ich drauf.« +– »So wär’s auf einen edeln Wahn gebaut. Keine +Brücke zwischen Römern und Barbaren!« – »Dann,« +sagte Totila heftig, »begreif’ ich nicht, wie du leben kannst, +wie du mich –« +</p> + +<p> +»Vollende nicht,« sagte Julius ernst. »Es war nicht +leicht: es war die schwerste der Entsagungen! Erst nach +<pb n='273'/><anchor id='Pg273'/>hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie mir gelungen: +aber endlich hab’ ich aufgehört, in meinem Volk allein zu +leben. Der heilge Glaube, der jetzt schon – und er +allein vermag’s – Römer und Germanen verbindet, der +meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen +– Schmerzen, die Freuden sind – allmählich immer +mächtiger umschlingt, er hat mir auch in diesem Zwiespalt +Friede gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt +schon rühmen, ein Christ zu sein: ich lebe der Menschheit, +nicht meinem Volk allein, ein Mensch, kein bloßer Römer +mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren, lieben wie +einen Bruder: sind wir doch Bürger Eines Reichs: der +Menschheit. +</p> + +<p> +Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich +mein Volk gestorben sehe. Ich lebe der Menschheit: sie ist +mein Volk!« +</p> + +<p> +»Nein!« rief Totila lebhaft, »das könnt’ ich nimmermehr. +In meinem Volk allein kann ich und will ich +leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der allein meine +Seele atmen kann. Warum soll’n wir nicht dauern können, +ewig: oder doch solang diese Erde dauert? Was Perser +und Griechen! Wir sind von besserem Stoff. Weil sie +dahin siechten und versanken, müssen darum auch wir +siechen und versinken? Noch blühn wir in voller Jugendkraft! +Nein, wenn ein Tag kömmt, da die Goten sinken, +– mög’ ihn mein Auge nicht mehr sehn. O all’ ihr +Götter, laßt uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang +wie diese Griechen, die nicht leben können und nicht sterben! +Nein, muß es sein, so sendet ein furchtbar Kampfgewitter +und laßt uns rasch und herrlich fallen, alle, alle +und mich voran!« +</p> + +<p> +Der Jüngling hatte sich in die wärmste Begeisterung +gesprochen. Er sprang empor von der Marmorbank auf +<pb n='274'/><anchor id='Pg274'/>der Straße, darauf sie sich niedergelassen, den Lanzenschaft +hoch gen Himmel erhebend. +</p> + +<p> +»Mein Freund,« sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, +»wie schön steht dir dieser Eifer! Aber bedenke, ein +solcher Kampf würde mit uns, mit meinem Volk entbrennen +und sollte ich –?« +</p> + +<p> +»Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, +das ist klar, wenn es jemals zu solchem Kampfe kömmt. +Du glaubst, das würde unsrer Freundschaft Eintrag thun? +mit nichten! Zwei Helden können sich knochentiefe Wunden +hau’n und dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich +würd’ es freuen, dich in einer Schlachtreihe mir entgegenschreiten +sehn mit Schild und Speer!« +</p> + +<p> +Julius lächelte. »Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger +Art, du wilder Gote. – Diese Fragen und Zweifel +haben mich lange und bitter gequält und all’ meine Philosophen +zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. +Erst seit ich’s in Schmerzen erfahren, daß ich dem Gott +im Himmel allein zu dienen habe und auf Erden der +Menschheit und nicht Einem Volk –« +</p> + +<p> +»Gemach, Freund,« rief Totila, »wo ist denn die +Menschheit, von der du schwärmst? Ich sehe sie nicht. Ich +sehe nur Goten, Römer, Byzantiner! Eine Menschheit über +den wirklichen Völkern, irgendwo in den Lüften, kenn’ ich +nicht. Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke +lebe. Ich kann gar nicht anders! ich kann nicht die Haut +abstreifen, darin ich geboren bin. Gotisch denk’ ich, in +gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache der +Menschheit; die giebt es nicht. Und wie ich nur gotisch +denke, kann ich auch nur gotisch fühlen. Ich kann das +Fremde anerkennen, o ja. Ich bewundre eure Kunst, euer +Wissen, zum Teil euren Staat, in welchem alles so streng +geordnet ist. +</p> + +<pb n='275'/><anchor id='Pg275'/> + +<p> +Wir können vieles von euch lernen – aber tauschen +könnt’ ich und möcht’ ich mit keinem Volk von Engeln. +Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind mir ihre +Fehler lieber als eure Tugenden.« +</p> + +<p> +»Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein +Römer!« +</p> + +<p> +»Du bist kein Römer! vergieb, mein Freund, es giebt +schon lange keine Römer mehr. Sonst wär ich’ nicht der +Seegraf von Neapolis! So wie du kann nur empfinden, +wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich muß jeder +fühlen, der eines lebendigen Volkes ist.« +</p> + +<p> +Julius schwieg eine Weile. »Und wenn dem so ist, +– wohl mir! Heil, wenn ich die Erde verloren, den +Himmel zu gewinnen. Was sind die Völker, was ist der +Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat +meiner unsterblichen Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, +wo alles anders ist als hier.« +</p> + +<p> +»Halt ein, mein Julius,« sprach Totila, stehen bleibend, +die Lanze auf den Boden stoßend. »Hier, auf Erden, hab’ +ich festen Grund, hier laß mich stehn und leben, hier nach +Kräften das Schöne genießen, das Gute schaffen nach +Kräften. In deinen Himmel kann und will ich dir nicht +folgen. Ich ehre deine Träume, ich ehre deine heilge +Sehnsucht – aber ich teile sie nicht. Du weißt,« fügte +er lächelnd hinzu, »ich bin ein Heide, unverbesserlich, wie +meine Valeria – unsere Valeria. Zur rechten Stunde +denk’ ich ihrer. Deine erdenflücht’gen Träume ließen uns +am Ende des Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir +sind zur Stadt zurückgekommen, die Sonne sinkt so rasch +hier im Süden und ich soll noch vor Nacht die bestellten +Sämereien in den Garten des Valerius bringen. Ein +schlechter Gärtner,« lächelte er, »der seiner Blume vergäße. +Leb wohl – ich biege rechts hinab.« +</p> + +<pb n='276'/><anchor id='Pg276'/> + +<p> +»Grüße mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.« +</p> + +<p> +»Was liesest du jetzt? Noch Platon?« +</p> + +<p> +»Nein, Augustinus. Lebe wohl!« +</p> +</div><div n="22" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweiundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Rasch eilte Totila durch die Straßen der Vorstadt, die +belebteren Teile der Innenstadt meidend, nach der Porta +capuana zu und dem Turm Isaks, des jüdischen Pförtners. +Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Thores, mit +starken Mauern und massiv gewölbtem Dach erbaut, erhob +sich in mehreren sich verjüngenden Absätzen. In dem +höchsten Stockwerk, dicht an den zackigen Zinnen, waren +zwei niedre aber breite Gelasse, zur Wohnung des Türmers +bestimmt. +</p> + +<p> +Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschönes +Kind. +</p> + +<p> +In dem größern Gemach, wo an den Wänden in +strenger Ordnung die großen schweren Schlüssel zu den +Hauptthüren und den Nebenpforten des wichtigen Thorgebäudes, +dann das krumme Wächterhorn und der breite, +hellebardengleiche Speer des Pförtners hingen, saß mit +gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte Isak, der +greise Turmwart: eine hohe, starkknochige Gestalt mit der +Adlernase und den buschigen, hochgeschweiften Brauen +seiner Rasse. +</p> + +<p> +Er hielt einen langen Stab zwischen den Knien und +aufmerksam hörte er den Worten eines jungen unansehnlichen +Mannes, offenbar auch eines Israeliten, zu, in dessen +harten, nüchternen Zügen der ganze Rechnerverstand des +jüdischen Stammes lag. +</p> + +<pb n='277'/><anchor id='Pg277'/> + +<p> +»Sieh, Vater Isak,« schloß er mit unschöner, klangloser +Stimme, »meine Rede ist keine eitle Rede und meine Worte +kommen nicht aus dem Herzen allein, das blind ist, sondern +aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier hab’ ich +mit mir gebracht Brief und Urkund für jedes Wort meines +Mundes: hier meine Bestallung als Baumeister für alle +Wasserleitungen von Italien, jährlich fünfzig Goldsoldi und +für jedes neue Werk zehn Soldi besonders. Eben erst hab’ +ich wieder hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser +Stadt Neapolis; hier in diesem Beutel sind die zehn Goldstücke, +richtig bezahlt. Du siehst, ich kann ernähren ein +Weib; zudem bin ich Rachels, deiner Muhme, leiblicher +Sohn. So laß mich nicht reden umsonst und gieb mir +Miriam, dein Kind, daß sie bestelle mein Haus.« +</p> + +<p> +Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart +und schüttelte langsam das Haupt. »Jochem, Sohn +Rachels, mein Sohn – ich sage dir, laß ab, laß ab.« +</p> + +<p> +»Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag +reden wider Jochem in Israel?« +</p> + +<p> +»Niemand. Du bist gerecht und still und fleißig und +mehrest deine Habe und dein Werk gedeiht vor dem Herrn. +Aber hast du gesehn, daß sich die Nachtigall paart mit +dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier? +Sie passen nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und +sage mir selbst, ob du passest für Miriam, mein Kind.« +</p> + +<p> +Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grünwollenen +Vorhang zur Seite, der das vordere Gemach +abschloß. +</p> + +<p> +Leise silberne Töne waren schon herübergeklungen in +das Gespräch der Männer: jetzt sah man in den einfachen +aber gefälligen Raum. An dem weiten Rundbogenfenster, +das über die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die +fernen Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges +<pb n='278'/><anchor id='Pg278'/>Mädchen, ein fremdartig geformtes Saiteninstrument im +Arm. Es war eine Erscheinung von überraschender Schönheit. +Glühend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne +noch in das hochgelegene Gemach und übergoß wie das +weiße Faltengewand so das edel geschnittene Profil des +Mädchens mit purpurnem Schimmer: es spielte auf dem +glänzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr +zurückgestrichen, die edeln Schläfe zeigte. Und wie dieser +Sonnenglanz, so schien der Glanz der Poesie die ganze +Erscheinung zu umstrahlen, jede ihrer Bewegungen zu begleiten +und jeden träumerischen Blick aus diesen dunkelblauen +Augen, die, in weiches Sinnen versunken, über die +Stadt und das Meer hinschweiften. »Dunkelmeeresblau« +hatte diese Augen Piso, der Dichter, genannt. – +</p> + +<p> +Wie im halben Traum berührten die Finger nur leise, +leise die Saiten, während von den halbgeöffneten Lippen, +geflüstert mehr als gesungen, eine alte, melancholische +Weise klang: +</p> + +<lg> +<l>»An Wasserflüssen Babylons</l> +<l rend='margin-left: 2'>Saß weinend Judas Stamm: –</l> +<l>Wann kömmt der Tag, da Judas Stamm</l> +<l rend='margin-left: 2'>Nicht mehr zu weinen hat?« –</l> +</lg> + +<p> +»Nicht mehr zu weinen hat!« <anchor id="corr278"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> sie träumend +und neigte das Haupt auf den Arm, der die Harfe auf +der Fensterbrüstung hielt. +</p> + +<p> +»Sieh hin,« sprach der Alte leise, »ist sie nicht lieblich +wie die Rose in den Gärten von Saron und die Hindin +auf den Bergen von Hiram und ist kein Fehl an ihrem +Leibe?« +</p> + +<p> +Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises +Klopfen an der schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr +auf aus ihrem Sinnen, strich rasch mit der Hand über die +Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter. +</p> + +<pb n='279'/><anchor id='Pg279'/> + +<p> +Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich +in grimmige Falten. »Ha, der Christ, der gottverfluchte,« +knirschte er und ballte die Faust. »Schon wieder der +blonde Gote mit dem unbändigen Stolz! Vater Isak, ist +das der Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin paßt?« +– »Sohn, rede nicht Hohnwort wider Isak! Du weißt +ja, der Jüngling hat sein Herz gesetzt auf ein Römermädchen, +seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.« +</p> + +<p> +»Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!« +</p> + +<p> +»Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des +starken Hirten, der es entrissen dem Rachen des Wolfs. +Hast du vergessen, wie bei der letzten Jagd, welche die +verdammten Römer machten auf die Schätze und Goldhaufen +von Israel, und als sie niederbrannten die heil’ge +Synagoge mit unheiligem Feuer, wie da eine Rotte dieser +bösen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Straße, +wie ein Rudel Wölfe das weiße Lamm, und zerrten ihr +den Schleier vom Haupt und das Busentuch von den +Schultern: – wo war da Jochem, meiner Muhme Sohn, +der sie begleitete? Entflohen war er vor der Gefahr mit +hurtigen Füßen und ließ die Taube in den Krallen der +Geier!« +</p> + +<p> +»Ich bin ein Mann des Friedens,« sagte Jochem +unbehaglich, »meine Hand führt nicht das Schwert der +Gewalt.« +</p> + +<p> +»Aber Totila führt es, wie einst der Löwe Juda und +der Herr ist mit ihm. Allein, wie er des Weges kam, +sprang er unter die Schar der frechen Räuber und schlug +den frechsten mit der Schärfe des Schwertes und verscheuchte +die andern, wie der Turmfalk die Krähen, und +hüllte sorglich den Schleier über mein bebendes Kind und +stützte ihren wankenden Schritt und führte sie heim, ungeschädigt, +in die Arme ihres alten Vaters. Das lohne +<pb n='280'/><anchor id='Pg280'/>ihm Jehovah der Herr mit langem Leben und segne alle +Schritte seines Pfades.« +</p> + +<p> +»Nun wohl,« sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, +»ich gehe, diesmal für lange Zeit. Ich reise über das +große Wasser zu machen ein groß Geschäft.« +</p> + +<p> +»Ein groß Geschäft? Mit wem?« +</p> + +<p> +»Mit Justinianus, dem Kaiser über Morgenland. Es +ist eingestürzt ein Stück der großen Kirche, die er baut +der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des Konstantin. +Ich hab’ entworfen Plan und saubern Grundriß, +wieder aufzubauen das Gebäude.« +</p> + +<p> +Heftig sprang der Alte auf und stieß seinen Stab auf +den Boden: »Wie, Jochem, Sohn Rachels, dem Römer +willst du dienen? Dem Kaiser, dessen Vorfahren die heilige +Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des Herrn? +Und bauen willst du an einem Haus des Unglaubens, du, +der Sohn des frommen Manasse? Wehe, wehe über dich!« +– »Was rufest du Wehe und weißt nicht warum? Riechst +du’s dem Goldstück an, ob es kommt aus der Hand des +Juden oder des Christen? Wiegt es nicht gleich schwer +und glänzt es nicht gleich lieblich?« +</p> + +<p> +»Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und +dem Mammon.« +</p> + +<p> +»Aber du selbst, dienst du nicht den Ungläubigen? +Seh ich nicht das Wächterhorn an der Wand deines Hauses? +führst du nicht die Schlüssel für diese Goten und thust +ihnen auf und zu die Pforten für ihren Ausgang und +Eingang und hütest die Burg ihrer Stärke?« +</p> + +<p> +»Ja, das thu’ ich,« sagte der Alte stolz, »und wachen +will ich für sie treulich, Tag und Nacht, wie der Hund +für den Herrn, und solang Isak Odem hat, der Sohn +Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies +Thor. Denn Dank schulden die Kinder Israel ihnen und +<pb n='281'/><anchor id='Pg281'/>ihrem großen König, der weise war wie Salomo und wie +Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre Väter dem +großen König Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. +Die Römer haben gebrochen den Tempel des Herrn und +zerstreut sein Volk über das Angesicht der Erde. Sie +haben uns verspottet und geschlagen und verbrannt unsre +heiligen Stätten und geplündert unsre Truhen und verunreinigt +unsre Häuser und gezwungen unsre Weiber überall +in ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch +grausam Gesetz. Da kam dieser große König von Mitternacht, +dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut +unsre Synagogen: und wenn sie die Römer niederrissen, +mußten sie alles wieder aufrichten mit eigner Hand +und eignem Gelde, und er hat beschützt den Frieden unsrer +Dächer und wer Einen schädigte aus Israel, der mußte es +büßen, wie wer einen Christen gekränkt. Er hat uns +gelassen unsern Gott und unsern Glauben und hat beschirmt +unsre Schritte auf den Straßen unsres Handels und wir +feierten das Passah in Frieden und Freude, wie nicht +mehr seit den Tagen, da der Tempel noch stand auf den +Höhen von Zion. Und als ein Großer unter den Römern +mir mit Gewalt meine Sarah geraubt, mein Weib, ließ +ihm König Theoderich das stolze Haupt abschlagen noch +am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehret. +Und das will ich gedenken, solange meine Tage +dauern und will dienen seinem Volke treu bis zum Tode +und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu +und dankbar wie ein Jude.« +</p> + +<p> +»Mögest du nicht Undank ernten von den Goten für +deinen Dank,« sagte Jochem, sich zum Gehen rüstend: +»mir ist, einmal kömmt die Stunde für mich, wieder um +Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater +Isak, bist du dann minder stolz.« Und er schritt durch +<pb n='282'/><anchor id='Pg282'/>Miriams Gemach zur Treppe hinaus, wo er Totila begegnete. +Mit einer häßlichen Verbeugung und einem +stechenden Blick drückte sich der Kleine an dem schlanken +Goten vorbei, der beim Eintritt in die Türmerwohnung +sich tief bücken mußte. Miriam folgte ihm auf dem Fuß. +</p> + +<p> +»Dort hängen deine Gärtnerkleider,« sagte sie, ohne +die langen Wimpern aufzuschlagen, »und hier am Fenster +hab’ ich die Blumen bereit gestellt. Sie liebt die weißen +Narcissen, sagtest du neulich. Ich habe weiße Narcissen +besorgt. Sie duften lieblich.« Und die melodische Stimme +schwieg. +</p> + +<p> +»Du bist ein gutes Mädchen, Miriam,« sagte Totila, +den Helm mit den silberweißen Schwanenflügeln abhebend +und auf den Tisch setzend, »wo ist dein Vater?« – »Der +Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken,« sprach +der Alte, in das Gemach tretend. – »Gegrüßt, treuer +Isak!« rief Totila, warf den langen, glänzend weißen +Mantel ab, der ihm von den Schultern floß, und hüllte +sich in einen braunen Überwurf, den ihm Miriam von der +Wand reichte. »Ihr guten Leute! Ohne euch und eure +verschwiegene Treue wüßte ganz Neapolis um mein Geheimnis. +Wie kann ich euch danken!« – »Dank?« sagte +Miriam, schlug die dunkelblauen Augen auf und ließ sie +leuchtend auf ihm ruhen. »Du hast voraus gedankt für +alle Zeit.« +</p> + +<p> +»Nein, Miriam,« sagte der Gote, den braunen breitkrempigen +Filzhut tief in die Stirne ziehend, »ich mein’ +es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, wer ist der +Kleine, den ich schon öfter hier geseh’n und eben wieder +begegnet? Mir ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. +Sprich offen, wenn es bei ihr nur am Gelde fehlt – ich +helfe gern.« – »Es fehlt an der Liebe, Herr, bei ihr,« +sagte Isak ruhig. – »Da kann ich freilich nicht helfen! +<pb n='283'/><anchor id='Pg283'/>Aber wenn sonst ihr Herz gewählt – ich möchte gern +etwas thun für meine Miriam.« Und er legte freundlich +die Hand auf das glänzende schwarze Haar des Mädchens. +Nur leise war die Berührung. Aber wie vom heißen Blitz +getroffen fiel Miriam plötzlich auf die Knie: die Arme über +dem Busen kreuzend, und das schöne Haupt tief nach vorn +beugend: wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Füßen +Totilas nieder. +</p> + +<p> +Dieser trat bestürzt einen Schritt zurück. +</p> + +<p> +Aber im Augenblick war das Mädchen wieder auf: +»Verzeih, es war nur eine Rose – sie fiel vor deinen Fuß.« +</p> + +<p> +Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefaßt war +sie, daß weder ihr Vater noch der Jüngling des Vorfalls +weiter achteten. +</p> + +<p> +»Es dunkelt schon, eile, Herr,« sprach sie ruhig und +reichte ihm den Korb mit den Blumen. – »Ich gehe. +Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich habe ihr viel +von dir erzählt und sie frägt mich stets nach dir. Sie +möchte dich lang schon sehen. Nun, vielleicht geht das +bald – heut’ ist’s wohl das letztemal, daß ich diese Vermummung +brauche.« +</p> + +<p> +»Willst du sie entführen, die Tochter von Edom?« rief +der Alte. »Bring sie nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.« +</p> + +<p> +»Nein,« fiel Miriam ein, »nicht hierher, nein, nein!« +</p> + +<p> +»Weshalb nicht, du seltsames Kind?« zürnte der Alte. +</p> + +<p> +»Das ist kein Raum für seine Braut – dies Gemach +– es brächte ihr kein Heil.« – »Beruhigt euch,« sagte +Totila, schon an der Thüre, »offne Werbung soll der +Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl.« Und er schritt +hinaus. Isak nahm den Speer, das Horn und einige +Schlüssel von der Wand; er folgte, ihm zu öffnen und die +Abendrunde längs allen Pforten des großen Thorbaues +zu machen. +</p> + +<pb n='284'/><anchor id='Pg284'/> + +<p> +Miriam blieb oben allein. +</p> + +<p> +Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen +an derselben Stelle. Endlich strich sie mit beiden Händen +über Schläfe und Wangen und schlug die Augen auf. +Still war’s im Gemach; durch das offene Fenster glitt +der erste Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf +Totilas hellen Mantel, der in langen Falten über dem +Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf den weißen Schimmer +zu und bedeckte den Saum des Mantels mit heißen Küssen. +Dann ergriff sie den blinkenden Schwanenhelm, der neben +ihr auf dem Tische stand, sie umfaßte ihn mit beiden +Armen und drückte ihn zärtlich an die Brust. Dann hielt +sie ihn eine Weile träumend vor sich hin: endlich – sie +konnte nicht widerstehen – hob sie ihn rasch auf und +setzte ihn auf das schöne Haupt: sie zuckte als die Wölbung +ihre Stirn berührte, dann strich sie die schwarzen Flechten +aus den Schläfen und drückte einen Augenblick den harten, +kalten Stahl fest mit beiden Händen an die glühende +Stirn. Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu +umblickend, auf seinen frühern Ort zu dem Mantel. +Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in die duftige +Nacht und das zauberische Mondlicht. Ihre Lippen regten +sich wie im Gebet: aber die Worte des Gebets klangen +aus in der alten Weise: +</p> + +<lg> +<l>»An Wasserflüssen Babylons</l> +<l rend='margin-left: 2'>Saß weinend Judas Stamm:</l> +<l>Wann kömmt der Tag, der all dein Leid,</l> +<l rend='margin-left: 2'>Du Tochter Zion, stillt?«</l> +</lg> + +</div><div n="23" type="kapitel"> +<pb n='285'/><anchor id='Pg285'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreiundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten +Sternen, hatte Totilas rascher sehnsuchtbeflügelter Schritt +alsbald die Villa des reichen Purpurhändlers, die etwa +eine Stunde vor dem capuanischen Thor gelegen war, +erreicht. +</p> + +<p> +Der Thürstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, +den Freigelassenen Valerias, dem die Sorge für +die Gärten überlassen war. Dieser, der Vertraute der +Liebenden, nahm dem Gärtnerburschen die Blumen und +Sämereien ab, die er angeblich von dem ersten Blumenhändler +von Neapolis brachte, und geleitete ihn in sein +gewöhnliches Schlafgemach im Erdgeschoß, dessen niedrige +Fenster in den Garten führten: am andern Morgen noch +vor Aufgang der Sonne – so wollte es die Geheimlehre +der antiken Gärtnerei – müßten die Blumen eingesetzt +werden, auf daß das erste Sonnenlicht, das sie in dem +neuen Boden träfe, das segenbringende der Morgensonne +sei. – +</p> + +<p> +Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen +Gemach bei einem Kruge Weines die Stunde, da sich +Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen Nachtmahl +verabschieden konnte. +</p> + +<p> +Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen +der Sterne und dem Gang des Mondes den Fortschritt +der Nacht zu ermessen. Er schlug den Vorhang +zurück, der die Fensteröffnung schloß; stille war’s in dem +weiten Garten. In der Ferne plätscherte nur leise der +Springbrunnen und Zikaden zirpten in den Myrtengebüschen: +der warme üppige Südwind strich in schwülem +Hauch durch die Nacht, stoßweise ganze Wolken von +Wohl<pb n='286'/><anchor id='Pg286'/>gerüchen aus Rosenbäumen auf seinen Fittichen mit sich +führend: und weithin aus dem Pinienwäldchen am Ende +des Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene +heiße Schlag der Nachtigall. +</p> + +<p> +Endlich hielt sich Totila nicht länger. Geräuschlos +schwang er sich über die Marmorbrüstung des Fensters: +kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der weiße +Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des Mondlichts +meidend, unter dem Schatten der Gebüsche dahin +eilte. Vorüber an den dunkeln Taxusgängen und den +Lauben von dichten Oliven, vorüber an der hohen Statue +der Flora, deren weißer Marmor geisterhaft im Mondlicht +schimmerte, vorüber an dem weiten Becken, wo sechs +Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nüstern bliesen, +rasch eingebogen in den dicht verwachsenen Laubweg von +Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein Oleandergebüsch +durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, +in der die Quellnymphe über einer dunkeln großen +Urne lehnte. +</p> + +<p> +Wie er eintrat, glitt eine weiße Gestalt hinter der +Statue hervor. +</p> + +<p> +»Valeria, meine schöne Rose!« rief Totila und umschlang +glühend die Geliebte, die leise seinem Ungestüm +wehrte. »Laß, laß ab, mein Geliebter,« flüsterte sie, sich +seinem Arm entziehend. »Nein, du Süße, ich will nicht +von dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab’ ich dein +entbehrt! Hörst du, wie lockend und wirbelnd die Nachtigall +ruft, fühlst du wie der warme Hauch der Sommernacht, +der berauschende Duft des Geißblattes Liebe atmet? +Sie alle mahnen und bedeuten, wir sollen glücklich sein! +O laß sie uns festhalten, diese goldnen Stunden. Meine +Seele ist nicht weit genug all’ ihr Glück zu fassen: all’ +deine Schönheit, all’ unsre Jugend und diese glühende, +<pb n='287'/><anchor id='Pg287'/>blühende Sommernacht; in mächtigen Wogen rauscht das +volle Leben durch das Herz und will’s vor Wonne sprengen.« +</p> + +<p> +»O mein Freund! gern möcht’ ich, wie du, aufgehn +im Glücke dieser Stunden. Ich kann es nicht. Ich traue +nicht diesem berauschenden Duft, der üppigen Schwüle +dieser Sommernächte: sie dauert nicht: sie brütet Unheil: +ich kann nicht glauben an das Glück unsrer Liebe.« +</p> + +<p> +»Du liebe Thörin, warum nicht?« +</p> + +<p> +»Ich weiß es nicht: der unselige Zwiespalt, der all’ +mein Leben scheidet, übt seinen Fluch auch hier. Gern +möchte mein Herz sich trunken, wie du, diesem Glücke hingeben. +Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es +dauert nicht, – du sollst nicht glücklich sein.« +</p> + +<p> +»So bist du nicht glücklich in meinen Armen?« +</p> + +<p> +»Ja und nein! das Gefühl des Unrechts, der Schuld +gegen meinen edlen Vater lastet auf mir. Sieh, Totila, +was mich zumeist an dir beglückt ist nicht diese deine jugendschöne +Kraft, selbst deine große Liebe nicht. Es ist der +Stolz meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, +lichte, edle Seele. Ich habe mich gewöhnt, dich klar und +hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle Welt +schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, der +Schwung, die freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist +mein Stolz: daß alles Kleine, Dumpfe, Gemeine versinken +muß, wo du nahest, das ist mein Glück. Ich liebe dich +wie eine Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Fülle +seines Lichts genaht. Und deshalb kann ich an dir nichts +Heimliches, Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser +Stunden nicht – sie sind erlistet und es kann nicht länger +also sein.« +</p> + +<p> +»Nein, Valeria und es soll auch nicht. Ich fühle ganz +wie du. Auch mir ist die Lüge dieser Mummerei verhaßt, +ich trage sie nicht länger. Ich bin gekommen, ihr ein +<pb n='288'/><anchor id='Pg288'/>Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Täuschung +ab und spreche zu deinem Vater offen und frei.« +– »Dieser Entschluß ist der beste, denn« – +</p> + +<p> +»Denn er rettet dein Leben, Jüngling!« unterbrach +plötzlich eine tiefe Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund +der Grotte trat ein Mann und stieß das blanke +Schwert in die Scheide. +</p> + +<p> +»Mein Vater!« rief Valeria überrascht, doch in mutiger +Fassung. Totila schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod +zu verteidigen. +</p> + +<p> +»Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren!« sprach +Valerius, befehlend den Arm ausstreckend. +</p> + +<p> +»Nein, Valerius,« sagte Totila, die Geliebte fester an +sich drückend, »ihr Platz ist forthin an dieser Brust.« +</p> + +<p> +»Verwegner Gote!« +</p> + +<p> +»Höre mich, Valerius, und zürne uns nicht um dieser +Täuschung willen. Du hast es selbst gehört, schon morgen +sollte sie enden.« +</p> + +<p> +»Zu deinem Glück hab’ ich’s gehört. Gewarnt von +dem ältesten meiner Freunde, wollt’ ich doch kaum glauben, +daß meine Tochter – mich hintergeht. Als ich’s glauben +mußte, beschloß ich, daß dein Blut deine List bezahlen +sollte. Dein Entschluß hat dein Leben gerettet. Jetzt +aber flieh: du siehst ihr Antlitz niemals wieder.« – +</p> + +<p> +Totila wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm +zuvor: »Vater,« sprach sie ruhig, zwischen die Männer +tretend, »höre dein Kind. Ich will meine Liebe nicht entschuldigen, +sie bedarf es nicht, sie ist göttlich und notwendig +wie die Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das +Leben meines Lebens. +</p> + +<p> +Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr Äther und +ich sage dir, bei meiner Seele: nie werd’ ich lassen von +<pb n='289'/><anchor id='Pg289'/>diesem Mann!« – »Und niemals ich von ihr,« rief Totila +und ergriff ihre Rechte. +</p> + +<p> +Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht +des Mondes voll beleuchtet, vor dem Alten: ihre edlen +Züge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe +heiliger Begeisterung: und so schön war die Gruppe, daß +ein rührendes, erweichendes Gefühl davon sich unwillkürlich +dem zürnenden Vater aufdrängte. »Valeria, mein +Kind!« +</p> + +<p> +»O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue +all’ meine Schritte geleitet, daß ich bisher die Mutter, die +verlorne, zwar beklagte, aber kaum vermißte. Jetzt, in +dieser Stunde vermiß’ ich sie zum erstenmal: jetzt, ich fühl’ +es, bedürfte ich ihrer Fürsprache. O so laß ihr Andenken +wenigstens für mich sprechen. Laß mich dir ihr Bild vor +die Seele führen und dich an den Augenblick erinnern, da +dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und +dir, wie du mir oft gesagt, mein Glück auf die Seele band +als heiligstes Vermächtnis. –« +</p> + +<p> +Valerius drückte die linke Hand vor die Stirn; seine +Tochter wagte, die andre zu fassen, er entzog sie ihr nicht: +offenbar rang es gewaltig in des Alten Brust. Endlich +sprach er: »Valeria, du hast ein mächtig Wort gesprochen, +ohne es zu wissen. Es wäre Unrecht, dir zu verschweigen, +was du ahnungsvoll berührt. Erfahre, was deine Mutter +in jener Sterbestunde mir auferlegt. Noch immer drückte +ihre Seele jenes Gelübde, das wir doch lange abgelöst. +»Soll unser Kind nicht die Braut des Himmels werden,« +sprach sie, »so gelobe mir wenigstens, die Freiheit ihrer +Wahl zu ehren. Ich weiß wie römische Mädchen, zumal +die Töchter unsres Standes, in die Ehe gegeben werden, +ungefragt, ohne Liebe: ein solcher Bund ist ein Elend auf +Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria +<pb n='290'/><anchor id='Pg290'/>wird edel wählen – gelobe mir, sie dem Mann ihrer +Wahl anzuvertrauen und keinem sonst.« +</p> + +<p> +Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. – Aber +mein Kind einem Barbaren geben, einem Feind Italiens, +nein, nein!« Und mit heftiger Armbewegung riß er sich +von ihr los. +</p> + +<p> +»Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius,« +hob Totila an. »Wenigstens bin ich in meinem ganzen +Volk der wärmste Freund der Römer. Glaube mir, nicht +euch hasse ich: die ich verabscheue, sind eure wie unsre verderblichsten +Feinde – die Byzantiner!« +</p> + +<p> +Das war ein glückliches Wort. Denn in dem Herzen +des alten Republikaners war der Haß gegen Byzanz die +Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien. Er +schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jüngling. +</p> + +<p> +»Mein Vater,« sprach Valeria, »dein Kind würde keinen +Barbaren lieben. Lern’ ihn kennen: und schiltst du ihn +dann noch barbarisch – so will ich nie die Seine werden. +Ich fordre nichts von dir als: lern’ ihn kennen: entscheide +du selbst, ob meine Wahl edel sei oder nicht. +</p> + +<p> +Ihn lieben alle Götter und alle Menschen müssen ihm +gut sein – du allein wirst ihn nicht verwerfen.« +</p> + +<p> +Und sie faßte seine Hand. +</p> + +<p> +»O lerne mich kennen, Valerius,« bat Totila, innig +seine andre Hand ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich +sprach er: »Kommt mit mir zum Grabe der Mutter. Dort +ragt es unter den Cypressen. Da ruht die Urne mit +ihrem Herzen. Dort laßt uns ihrer gedenken, der edelsten +Frau, und ihren Schatten anrufen. Und ist es echte Liebe +und eine edle Wahl – so werd’ ich erfüllen, was ich +gelobt.« +</p> + +</div><div n="24" type="kapitel"> +<pb n='291'/><anchor id='Pg291'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Einige Wochen später finden wir zu Rom in dem uns +wohl erinnerlichen Schreibgemach mit der Cäsarstatue Cethegus, +den Präfekten und unsern neuen Bekannten, Petros, +des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten. +</p> + +<p> +Die beiden Männer hatten unter lebhaftem Gespräch +und wechselseitigem Erinnern an frühere Zeiten, – sie +waren Studiengenossen, wie wir erfuhren, – zu einfachem +Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben +aus dem Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, +um jetzt ungestört von den bedienenden Sklaven +Geheimeres zu bereden. +</p> + +<p> +»Sobald ich mich überzeugt hatte,« schloß Cethegus +seinen Bericht über die letzten Ereignisse »daß die Schreckensnachrichten +aus Ravenna nur erst Gerüchte waren, vielleicht +erdichtet, jedenfalls übertrieben, setzte ich der Aufregung und +dem Eifer meiner Freunde die größte Ruhe entgegen. Der +Feuerkopf Lucius Licinius mit seiner thörichten Begeisterung +für mich hätte bald alles verdorben. Unablässig +forderte er meine Dictatur, buchstäblich setzte er mir das +Schwert auf die Brust und schrie, man müsse mich zwingen, +das Vaterland zu retten. Er schwatzte so viel aus der +Schule, daß es nur ein Glück war, der schwarze Korse – +der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand weiß +recht warum – nahm ihn für mehr berauscht als er war. +Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei zurückgekehrt, +und so beruhigte sich allmählich Volk und Senat.« +</p> + +<p> +»Du aber,« sagte Petros, »hattest zum zweitenmal +Rom vor der Rache der Barbaren gerettet – ein unvergeßliches +Verdienst, das dir die ganze Welt, zunächst aber +die Regentin, danken muß.« – »Die Regentin – arme +<pb n='292'/><anchor id='Pg292'/>Frau!« meinte Cethegus achselzuckend, »wer weiß wie lange +die Goten oder deine Gebieter zu Byzanz, sie noch werden +auf dem Throne lassen.« – »Wie? da irrst du sehr!« +fiel Petros eifrig ein. »Meine Sendung hat vor allem +den Zweck, ihren Thron zu stützen; und bei dir wollte ich +eben anfragen, wie man das am besten könne,« setzte er +pfiffig hinzu. +</p> + +<p> +Aber der Präfekt lehnte sein Haupt zurück an die Marmorwand +und sah den Gesandten lächelnd an: »O Petros, +o Petre,« sagte er, »warum so verdeckt? Ich dächte doch, +wir kennten uns besser.« +</p> + +<p> +»Was meinst du?« fragte der Byzantiner befangen. +</p> + +<p> +»Ich meine, daß wir nicht umsonst Recht und Geschichte +miteinander studiert haben zu Berytus und Athen. Ich +meine, daß wir damals schon unzählige Male als Jünglinge, +lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem +Ergebnis gelangten: der Kaiser müsse diese Barbaren austreiben +aus Italien und wieder zu Rom herrschen wie zu +Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst +wohl auch du nicht ein andrer geworden sein.« – »Ich +habe meine Ansicht der meines Herrn zu unterwerfen und +Justinian« – »Erglüht natürlich für die Herrschaft der +Barbaren in Italien.« – »Freilich,« sagte der Rhetor +verlegen, »es könnten Fälle eintreten –« +</p> + +<p> +»Petre,« rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, +»keine Phrasen und keine Lügen. Sie sind nicht angewandt +bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein alter +Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein: du +meinst, es muß immer gelogen sein und hast nie den Mut +zur Wahrheit. Man muß aber nur dann lügen, wenn +man in seiner Lüge ganz sicher ist. Wie kannst du mich +darüber täuschen wollen, daß der Kaiser Italien wieder +haben will? Ob er die Regentin stürzen oder halten will, +<pb n='293'/><anchor id='Pg293'/>hängt davon ab, ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter +ans Ziel zu kommen. Wie er hierüber denkt, das soll ich +nicht erfahren. Aber sieh’, trotz all’ deiner Verschmitztheit, +sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag’ ich dir +ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.« +</p> + +<p> +Ein boshaftes und bittres Lächeln spielte um des Gesandten +Mund: »Noch immer so stolz, wie in der Dialektik +zu Athen,« sagte er giftig. – »Jawohl und du weißt, +zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite +und erst der Dritte warst du.« +</p> + +<p> +Da trat Syphax ein: +</p> + +<p> +»Eine verhüllte Frau, o Herr,« meldete er, »sie wartet +dein im Zeussaal.« +</p> + +<p> +Sehr froh, diese Unterredung abgebrochen zu sehen, +denn er fühlte sich dem Präfekten nicht gewachsen, grinste +Petros: »Nun, ich wünsche Glück zu solcher Störung.« +</p> + +<p> +»Ja, dir!« lächelte Cethegus und ging hinaus. +</p> + +<p> +»Hochmütiger, du sollst noch deinen Spott bereuen,« +dachte der Byzantiner. +</p> + +<p> +Cethegus fand in dem Saale, der von einer schönen +Zeusstatue des Glykon von Athen den Namen trug, eine +in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug bei +seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurück. +</p> + +<p> +»Fürstin Gothelindis,« fragte der Präfekt überrascht, +»was führt dich zu mir?« +</p> + +<p> +»Die Rache!« erwiderte eine heisere, unschöne Stimme +und die Gotin trat dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, +aber nicht häßliche Züge, und man hätte sie sogar schön +nennen müssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen +und die ganze linke Wange durch eine große Narbe entstellt +gewesen wäre: diese Wunde schien jetzt frisch zu +bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Röte in die +Wangen schoß, wie sie bei jenem Wort die Faust ballte. +<pb n='294'/><anchor id='Pg294'/>So tödlicher Haß loderte aus dem einen grauen Auge, +daß Cethegus unwillkürlich von ihr zurücktrat. +</p> + +<p> +»Rache?« fragte er, »an wem?« +</p> + +<p> +»An – davon später. Vergieb,« sagte sie, sich fassend, +»daß ich euch störe. +</p> + +<p> +Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei +dir, nicht wahr?« +</p> + +<p> +»Ja. Woher weißt du –« +</p> + +<p> +»O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus +eintreten,« sagte sie gleichgültig. +</p> + +<p> +»Das ist nicht wahr,« sprach Cethegus im Geiste: +»ich hab’ ihn ja zur Gartenthür hereinführen lassen. +Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt. Ich +soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?« +</p> + +<p> +»Ich will dich nicht lange hier festhalten,« fuhr Gothelindis +fort. »Ich habe nur Eine Frage an dich. Antworte +kurz ja oder nein. Ich kann das Weib – die +Tochter Theoderichs – stürzen und ich will’s: bist du +darin für mich oder gegen mich?« +</p> + +<p> +»O, Freund Petros,« dachte der Präfekt, »jetzt weiß +ich bereits, was du mit Amalaswinthen vorhast. Aber +wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.« +</p> + +<p> +»Gothelindis,« hob er ausholend an, »du willst die Regentin +stürzen – das glaub’ ich dir gern – aber daß +du’s kannst, bezweifle ich.« +</p> + +<p> +»Höre, dann entscheide ob ich’s kann. Das Weib hat +die drei Herzoge ermorden lassen.« +</p> + +<p> +Cethegus zuckte die Achseln: »Das glauben manche +Leute.« +</p> + +<p> +»Aber ich kann es beweisen.« +</p> + +<p> +»Das wäre,« meinte Cethegus ungläubig. »Herzog +Thulun, wie du weißt, starb nicht sofort. Er ward auf +der ämilischen Straße überfallen, nahe bei meiner Villa +<pb n='295'/><anchor id='Pg295'/>zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten +ihn in mein Haus. Du weißt, er war mein Vetter – +ich bin aus dem Hause der Balten – er verschied in +meinen Armen.« +</p> + +<p> +»Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?« +</p> + +<p> +»Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im +Stürzen den Mörder mit dem Schwert: er entkam nicht +weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend +im nächsten Walde: er hat mir alles gestanden.« +</p> + +<p> +Cethegus drückte nur unmerklich die Lippen zusammen. +»Nun, was war er? was hat er ausgesagt.« +</p> + +<p> +»Er war,« sprach Gothelindis scharf, »ein isaurischer +Söldner, ein Aufseher der Schanzarbeiten zu Rom und +sagte aus: Cethegus, der Präfekt, hat mich zur Regentin, +die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.« +</p> + +<p> +»Wer hörte dies Geständnis außer dir?« fragte Cethegus +lauernd. +</p> + +<p> +»Niemand. Und niemand soll davon hören, wenn du +zu mir stehest. Wenn aber nicht, dann –« +</p> + +<p> +»Gothelindis,« unterbrach der Präfekt, »keine Drohung: +sie nützt dir nichts. Du solltest einsehn, daß du mich dadurch +nur erbittern, nicht zwingen kannst. Ich lasse es +im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige +Feindin Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis +allein – du warst unvorsichtig genug, zu gestehen, daß +niemand sonst das Geständnis gehört – wird weder sie +noch mich verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe +gegen die Regentin nicht: höchstens überreden, wenn du +mir’s als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und +dazu will ich selbst dir einen Verbündeten schaffen. Du +kennst doch Petros, meinen Freund?« +</p> + +<p> +»Genau, seit lange.« +</p> + +<p> +»Erlaube, daß ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.« +</p> + +<pb n='296'/><anchor id='Pg296'/> + +<p> +Er ging in das Studierzimmer zurück. »Petros, +mein Besuch ist die Fürstin Gothelindis, Theodahads Gemahlin. +Sie wünscht uns beide zu sprechen. Kennst du sie?« +</p> + +<p> +»Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen!« sagte der +Rhetor rasch. +</p> + +<p> +»Gut; folge mir.« Sowie sie in den Saal des Zeus +traten, rief Gothelindis ihm entgegen: +</p> + +<p> +»Gegrüßt, alter Freund, welch überraschend Wiedersehn.« +</p> + +<p> +Petros verstummte. +</p> + +<p> +Cethegus, die Hände auf den Rücken gelegt, weidete +sich an der Bestürzung des Diplomaten von Byzanz. Nach +einer peinlichen Pause hob er an: »Du siehst, Petros, +immer zu pfiffig, immer unnötige Feinheiten. Aber komm, +laß dich eine entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. +Ihr beide habt euch also verbunden, die Regentin zu +stürzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. +Dazu muß ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen +wollt ihr auf Amalaswinthens Thron setzen? Denn noch +ist der Weg für Justinian nicht frei.« +</p> + +<p> +Beide schwiegen eine Weile. Es überraschte sie sein +klares Durchschauen der Lage. Endlich sprach Gothelindis: +»Theodahad, meinen Gemahl, den letzten der Amelungen.« +</p> + +<p> +»Theodahad, den letzten der Amelungen,« wiederholte +Cethegus langsam. Indessen überlegte er alle Gründe für +und wider. Er bedachte, daß Theodahad, unbeliebt bei +den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand +der Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung +des Kaisers anders, früher als Er wollte, herbeiführen +würde. +</p> + +<p> +Er bedachte, daß er jedenfalls die Heere der Oströmer +möglichst lange fernhalten müsse und er beschloß bei <anchor id="corr296"/><corr sic="sich.">sich,</corr> +<pb n='297'/><anchor id='Pg297'/>die gegenwärtige Lage und Amalaswintha aufrecht zu halten, +da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen ließen. +All’ das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. +»Und wie wollt ihr nun eure Sache angehn?« +fragte er ruhig. +</p> + +<p> +»Wir werden das Weib auffordern, zu Gunsten meines +Gatten abzudanken, unter Androhung, sie des Mordes anzuklagen.« +</p> + +<p> +»Und wenn sie’s darauf wagt?« +</p> + +<p> +»So vollführen wir die Drohung,« sagte Petros, »und +erregen unter den Goten einen Sturm, der ihr –« +</p> + +<p> +»Das Leben kostet,« rief Gothelindis. +</p> + +<p> +»Vielleicht die Krone kostet,« sagte Cethegus. »Aber +gewiß sie nicht Theodahad zuwendet. +</p> + +<p> +Nein, wenn die Goten einen König wählen, heißt er +nicht Theodahad.« +</p> + +<p> +»Nur zu wahr!« knirschte Gothelindis. +</p> + +<p> +»Dann könnte leicht ein König kommen, der uns allen +viel unerfreulicher wäre als Amalaswintha. Und deshalb +sag’ ich euch offen: <anchor id="corr297"/><corr sic="»ich">ich</corr> bin nicht für euch, ich halte die +Regentin.« +</p> + +<p> +»Wohlan,« rief Gothelindis grimmig, sich zur Thüre +wendend, »also Kampf zwischen uns, komm, Petros.« +</p> + +<p> +»Gemach, ihr Freunde,« sprach der Byzantiner. +</p> + +<p> +»Vielleicht ändert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies +Blatt gelesen.« +</p> + +<p> +Und er reichte dem Präfekten jenen Brief, den Alexandros +von Amalaswintha an Justinian überbracht. +</p> + +<p> +Cethegus las: seine Züge verfinsterten sich. +</p> + +<p> +»Nun,« meinte Petros höhnisch, »willst du noch die +Königin stützen, die dich dem Untergang geweiht? Wo +warst du, wenn sie ihren Plan durchführte und deine +Freunde nicht für dich wachten.« +</p> + +<pb n='298'/><anchor id='Pg298'/> + +<p> +Cethegus hörte ihn kaum. »Armseliger,« dachte er, +»als ob es das wäre! Als ob die Regentin daran nicht +ganz recht hätte. Als ob ich ihr das verargen könnte! +Aber die Unvorsichtige hat bereits gethan, was ich von +Theodahad erst fürchtete: sie hat sich selbst vernichtet und +all’ meine Pläne bedroht: sie hat die Byzantiner schon +ins Land gerufen und sie werden jetzt kommen, ob sie noch +will oder nicht. Solange Amalaswintha Königin, wird +Justinian ihren Beschützer spielen.« Und nun wandte er +sich scheinbar in großer Bestürzung an den Gesandten, den +Brief zurückgebend: »Und wenn sie ihren Entschluß durchführte, +wenn sie auf dem Thron bliebe – bis wann +können eure Heere landen?« +</p> + +<p> +»Belisar ist schon auf dem Wege nach Sicilien,« sagte +Petros, stolz darauf, den Hochmütigen eingeschüchtert zu +haben, »in einer Woche kann er vor Rom liegen.« +</p> + +<p> +»Unerhört,« rief Cethegus in unverstellter Bewegung. +</p> + +<p> +»Du siehst,« sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen +den Brief gereicht, »die du halten wolltest, will +dich verderben. Komm ihr zuvor.« +</p> + +<p> +»Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, ford’re +ich dich auf, mir beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten +und Italien seiner Freiheit wiederzugeben. Man weiß am +Kaiserhof dich und deinen Geist zu schätzen und nach dem +Siege verheißt dir Justinian: – die Würde eines Senators +zu Byzanz.« +</p> + +<p> +»Ist’s möglich!« rief Cethegus. »Aber nicht einmal +diese höchste Ehre treibt mich dringender in euren Bund +als die Entrüstung über die Undankbare, die zum Lohn +für meine Dienste mein Leben bedroht. – Du bist doch gewiß,« +fragte er ängstlich, »daß Belisar noch nicht sobald +landen wird?« +</p> + +<p> +»Beruhige dich,« lächelte Petros, »diese meine Hand +<pb n='299'/><anchor id='Pg299'/><anchor id="corr299"/><corr sic="ist s">ist’s</corr>, die ihn herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst muß Amalaswintha +durch Theodahad ersetzt sein.« +</p> + +<p> +»Gut,« dachte Cethegus, »Zeit gewonnen, alles gewonnen. +Und nicht eher soll der Byzantiner landen, bis +ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens empfangen +kann.« »Ich bin der eure,« sprach er, »und ich denke, ich +werde die Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit +eigner Hand die Krone aufs Haupt zu setzen. Amalaswintha +soll dem Scepter entsagen.« +</p> + +<p> +»Nie thut sie das!« rief Gothelindis. +</p> + +<p> +»Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch größer als ihr +Herrscherstolz. Man kann seine Feinde auch durch ihre +Tugenden verderben,« sagte Cethegus nachsinnend. »Ich +bin meiner Sache gewiß und ich grüße dich, Königin der +Goten!« schloß er mit leichter Verbeugung. +</p> +</div><div n="25" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenfundzwanzigstes Kapitel."/> +<head>Fünfundzwanzigstes Kapitel.</head> + +<p> +Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach +der Beseitigung der drei Herzoge in einer abwartenden +Haltung. +</p> + +<p> +Hatte sie durch den Fall der Häupter des ihr feindlichen +Adels etwas mehr freie Hand gewonnen, so stand +doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in naher +Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes +völlig reinigen oder die Krone, vielleicht das Leben, lassen +mußte. Nur bis dahin hatten ihr Witichis und die Seinen +ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Kräfte +an, ihre Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen +Seiten zu befestigen. +</p> + +<pb n='300'/><anchor id='Pg300'/> + +<p> +Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine +kalte Selbstsucht durchschaut; doch vertraute sie, daß die +Italier und die Verschwornen in den Katakomben, an +deren Spitze ja ihr Name stand, ihre römerfreundliche +Herrschaft einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen +König vorziehen würden. Sehnlich wünschte sie +das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei +um für den ersten Augenblick der Gefahr eine Stütze zu +haben: und eifrig war sie bemüht, unter den Goten selbst +die Zahl ihrer Freunde zu vermehren. +</p> + +<p> +Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, +eifrige Anhänger des Hauses der Amaler, greise Helden +von großem Namen im Volk, Waffenbrüder und beinahe +Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna, +besonders den weißbärtigen Grippa, den Mundschenk +Theoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm und +Ansehn kaum nachstand: sie überhäufte ihn und die andern +Gefolgen mit Ehren, übertrug Grippa und seinen Freunden +das Kastell von Ravenna und ließ sie schwören, diese Feste +dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten. +</p> + +<p> +Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen +eine Art von Gegengewicht wider Hildebrand, Witichis +und ihre Freunde schaffen sollte, – und Witichis konnte +die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als staatsgefährlich +verhindern – so sah sich die Königin auch gegen +die Adelspartei der Balten und ihrer Bluträcher nach +einer Stütze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick +in dem edeln Hause der Wölsungen, nach den Amalern +und Balten der dritthöchsten Adelssippe unter den Goten, +reich begütert und einflußreich in dem mittleren Italien, +deren Häupter dermalen zwei Brüder, Herzog Guntharis +und Graf Arahad, waren. Diese zu gewinnen, hatte sie +ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie bot für die +<pb n='301'/><anchor id='Pg301'/>Freundschaft der Wölsungen keinen geringern Preis als +die Hand ihrer schönen Tochter. – +</p> + +<p> +Zu Ravenna in einem reich geschmückten Gemach standen +Mutter und Tochter in ernstem, aber nicht vertraulichem +Gespräch hierüber. +</p> + +<p> +Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, +durchmaß die junonische Gestalt der Regentin den schmalen +Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das herrliche +Geschöpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor +ihr stand, die linke Hand in die Hüfte, die Rechte auf die +Platte des Marmortisches gestützt. +</p> + +<p> +»Besinne dich wohl,« rief Amalaswintha heftig, plötzlich +stehen bleibend, »besinne dich anders. Ich gebe dir noch +drei Tage Bedenkzeit.« +</p> + +<p> +»Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute,« +sagte Mataswintha, die Augen nicht erhebend. +</p> + +<p> +»So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.« +</p> + +<p> +»Nichts, als daß ich ihn nicht liebe.« +</p> + +<p> +Die Königin schien dies gar nicht zu hören. »Es ist +doch in diesem Fall ganz anders als damals, da du mit +Cyprianus vermählt werden solltest. Er war alt und – +was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil« – fügte sie +bitter hinzu – »ein Römer!« +</p> + +<p> +»Und doch ward ich um meiner Weigerung willen +nach Tarentum verbannt.« +</p> + +<p> +»Ich hoffte, <anchor id="corr301"/><corr sic="Stenge">Strenge</corr> würde dich heilen. Mondelang +halt’ ich dich ferne von meinem Hof, von meinem Mutterherzen« – +</p> + +<p> +Mataswintha verzog die schöne Lippe zu einem herben +Lächeln. +</p> + +<p> +»Umsonst! ich rufe dich zurück« – +</p> + +<p> +»Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurückgerufen.« +</p> + +<pb n='302'/><anchor id='Pg302'/> + +<p> +»Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, +blühend schön, ein Gote von edelstem Adel, sein Haus jetzt +das zweite im Reich. Du weißt, du ahnst wenigstens, wie +sehr mein rings bedrängter Thron der Stütze bedarf: er +und sein kriegsgewalt’ger Bruder verheißen uns die Hilfe +ihrer ganzen Macht: Graf Arahad liebt dich und du – +du schlägst ihn aus! Warum? Sage warum?« +</p> + +<p> +»Weil ich ihn nicht liebe.« +</p> + +<p> +»Albernes Mädchengerede. Du bist eine Königstochter +– du hast dich deinem Hause, deinem Reiche zu opfern.« +</p> + +<p> +»Ich bin ein Weib,« sagte Mataswintha, die blitzenden +Augen aufschlagend, »und opfre mein Herz keiner Macht im +Himmel und auf Erden.« – +</p> + +<p> +»Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, thörichtes +Kind. Großes hab’ ich erstrebt und erreicht. Solange +Menschen das Hohe bewundern, werden sie meinen Namen +nennen. Ich habe alles gewonnen was das Leben Herrlichstes +bietet und doch hab’ ich <anchor id="corr302"/><corr sic="--">–«</corr> +</p> + +<p> +»Nie geliebt. Ich weiß es,« seufzte ihre Tochter. +</p> + +<p> +»Du weißt es?« +</p> + +<p> +»Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war +ich noch ein Kind, als mein geliebter Vater starb: ich +wußte es nicht zu sagen, aber ich konnte es empfinden, +damals schon, daß seinem Herzen etwas fehle, wenn er +seufzend, mit schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing +und küßte und wieder seufzte. +</p> + +<p> +Und ich liebte ihn darum desto inniger, daß ich fühlte, +er suchte Liebe, die ihm fehlte. Jetzt freilich weiß ich +längst, was mich damals unerklärlich peinigte: du wardst +unseres Vaters Weib, weil er nach Theoderich der nächste +am Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du +sein und nur kalten Stolz hattest du für sein warmes Herz.« +</p> + +<p> +Überrascht blieb Amalaswintha stehen: »Du bist sehr kühn.« +</p> + +<pb n='303'/><anchor id='Pg303'/> + +<p> +»Ich bin deine Tochter.« +</p> + +<p> +»Du redest von der Liebe so vertraut – du kennst sie +besser scheint’s mit zwanzig als ich mit vierzig Jahren – +du liebst!« rief sie schnell, »und daher dieser Starrsinn.« +</p> + +<p> +Mataswintha errötete und schwieg. +</p> + +<p> +<anchor id="corr303"/><corr sic="»Rede,">»Rede,«</corr> rief die erzürnte Mutter, <corr sic="gesteh'">»gesteh’</corr> es oder leugne!« +</p> + +<p> +Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war +sie so schön gewesen. +</p> + +<p> +»Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, +Amelungentochter?« +</p> + +<p> +Stolz schlug das Mädchen die Augen auf: +</p> + +<p> +»Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit +nicht. Ja, ich liebe.« +</p> + +<p> +»Und wen, Unselige?« +</p> + +<p> +»Das wird mir kein Gott entreißen.« +</p> + +<p> +Und so entschieden sah sie dabei aus, daß Amalaswintha +keinen Versuch machte, es zu erfahren. +</p> + +<p> +»Wohlan,« sagte sie, »meine Tochter ist kein gewöhnlich +Wesen. So fordere ich das Ungewöhnliche von dir: dein +alles dem Höchsten zu opfern.« +</p> + +<p> +»Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. +Er ist mein Höchstes. Ihm will ich alles opfern.« +</p> + +<p> +»Mataswintha,« sprach die Regentin, »wie unköniglich! +Sieh, dich hat Gott vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit +des Leibes und der Seele: du bist zur Königin geboren.« +</p> + +<p> +»Eine Königin der Liebe will ich werden. Sie preisen +mich alle um meine Weibesschönheit: wohlan: ich hab’ +mir’s vorgesteckt, liebend und geliebt, beglückend und beglückt, +ein Weib zu sein.« +</p> + +<p> +»Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!« +</p> + +<p> +»Mein ganzer. O wär’ es auch der deine gewesen!« +</p> + +<pb n='304'/><anchor id='Pg304'/> + +<p> +»Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die +Krone nichts? Und nichts dein Volk, die Goten?« +</p> + +<p> +»Nein, Mutter,« sagte Mataswintha ernst: »es schmerzt +mich beinahe, es beschämt mich: aber ich kann mich nicht +zwingen zu dem, was ich nicht fühle: ich empfinde nichts +bei dem Worte »Goten«: vielleicht ist es nicht meine +Schuld: du hast von jeher diese Goten verachtet, diese +Barbaren gering geschätzt: das waren die ersten Eindrücke: +sie sind geblieben. Und ich hasse diese Krone, dieses +Gotenreich: es hat in deiner Brust dem Vater, dem Bruder, +mir den Platz fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts +ist sie mir von je gewesen und geblieben als eine verhaßte, +feindliche Macht.« +</p> + +<p> +»O mein Kind, weh’ mir, wenn ich das verschuldet +hätte! Und thust du’s nicht um des Reiches, o thu’s um +meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die +Wölsungen. Thu’s um meiner Liebe willen.« +</p> + +<p> +Und sie faßte ihre Hand. – +</p> + +<p> +Mataswintha entzog sie mit bittrem Lächeln: »Mutter, +entweihe den höchsten Namen nicht. Deine Liebe! Du +hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den Bruder, nicht +den Vater.« +</p> + +<p> +»Mein Kind! Was hätt’ ich geliebt, wenn nicht euch!« +</p> + +<p> +»Die Krone, Mutter, und diese verhaßte Herrschaft. +Wie oft hast du mich von dir gestoßen vor Athalarichs +Geburt, weil ich ein Mädchen war und du einen Thronerben +wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an –« +</p> + +<p> +»Laß ab,« winkte Amalaswintha. +</p> + +<p> +»Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr +sein Recht auf den Thron? O wie oft haben wir armen +Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und die +Königin fanden.« +</p> + +<pb n='305'/><anchor id='Pg305'/> + +<p> +»Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer +bringen sollst.« +</p> + +<p> +»Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner +Krone, deiner Herrschaft. Leg’ diese Krone ab und du +bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir und uns allen +kein Glück, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht: +dir wollt’ ich alles opfern – nur dein Thron, nur der +goldne Reif des Gotenreichs, der Götze deines Herzens, +der Fluch meines Lebens: nie werd’ ich dieser Krone meine +Liebe opfern, nie, nie, nie!« +</p> + +<p> +Und sie kreuzte die weißen Arme über ihrer Brust, als +wollte sie die Liebe darin beschirmen. +</p> + +<p> +»Ah,« sagte die Königin zürnend, »selbstisches, herzloses +Kind! Du gestehst, daß du kein Herz hast für dein Volk, +für die Krone deiner großen Ahnen – du gehorchst nicht +freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses +– wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die +Liebe ab, so erfahre meine Strenge. Zur Stunde verläßt +du mit deinem Gefolge Ravenna. +</p> + +<p> +Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des +Herzogs Guntharis: seine Gattin hat dich geladen. Graf +Arahad wird deine Reise begleiten. Verlaß mich. Die +Zeit wird dich beugen.« +</p> + +<p> +»Mich?« sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: +»keine Ewigkeit!« +</p> + +<p> +Schweigend blickte ihr die Königin nach: die Anklagen +der Tochter hatten einen mächtigeren Eindruck auf sie gemacht +als sie zeigen wollte. »Herrschsucht?« sagte sie zu +sich selbst. »Nein, das ist es nicht, was mich erfüllt. +Ich fühlte, daß ich dies Reich schirmen und beglücken konnte, +darum liebte ich die Krone. Und gewiß, ich könnte, wie +mein Leben, so meine Krone opfern, verlangte es das Heil +<pb n='306'/><anchor id='Pg306'/>meines Volks. Könntest du das, Amalaswintha?« fragte +sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend. +</p> + +<p> +Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, +der langsam und gesenkten Hauptes eintrat. +</p> + +<p> +»Nun,« rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck +seiner Züge, »bringst du ein Unglück?« +</p> + +<p> +»Nein, nur eine Frage.« +</p> + +<p> +»Welche Frage?« +</p> + +<p> +»Königin,« hob der Alte feierlich an, »ich habe deinem +Vater und dir dreißig Jahre lang gedient, treu und eifrig, +ein Römer den Barbaren, weil ich eure Tugenden ehrte +und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fähig, +sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure +Herrschaft war gerecht und mild. Ich habe fort gedient, +obwohl ich meiner Freunde, Boëthius und Symmachus, +Blut fließen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber +sie starben durch offnes Gericht, nicht durch Mord. Ich +mußte deinen Vater ehren, auch wo ich ihn nicht loben +konnte. Jetzt aber –« +</p> + +<p> +»Nun, jetzt aber?« fragte die Königin stolz. +</p> + +<p> +»Jetzt komme ich, von meiner vieljährigen Freundin, +ich darf sagen, meiner Schülerin –« +</p> + +<p> +»Du darfst es sagen,« sprach Amalaswintha weicher. +</p> + +<p> +»Von des großen Theoderich edler Tochter ein einfach +schlichtes Wort, ein Ja zu erbitten. Kannst du dies Ja +sprechen – ich flehe zu Gott, daß du es könnest – so +will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise +Haupt vermag.« +</p> + +<p> +»Und kann ich’s nicht?« +</p> + +<p> +»Und könntest du es nicht, o Königin,« rief der Alte +schmerzlich, »o dann Lebewohl dir und meiner letzten Freude +an dieser Welt.« +</p> + +<p> +»Und was hast du zu fragen?« +</p> + +<pb n='307'/><anchor id='Pg307'/> + +<p> +»Amalaswintha, du weißt ich war fern an der Nordgrenze +des Reichs, als hier der Aufstand losbrach, als jene +furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich erhob. Ich +glaubte nichts – ich flog hierher von Tridentum. – Seit +zwei Tagen bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen +Goten spreche ich, ohne daß die schwere Klage mir schwerer +aufs Herz fällt. Und auch du bist verwandelt, ungleich, +unstet, unruhig – und doch will ich’s nicht glauben. – +Ein treues Wort von dir soll all’ diese Nebel zerstreuen.« +</p> + +<p> +»Wozu die vielen Reden,« rief sie, auf die Armlehne +des Thrones sich stützend, »sage kurz, was hast du zu +fragen?« +</p> + +<p> +»Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an +dem Tode der drei Herzoge?« +</p> + +<p> +»Und wenn ich es nicht wäre, – haben sie nicht reichlich +den Tod verdient?« +</p> + +<p> +»Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.« +</p> + +<p> +»Du nimmst ja auf einmal großen Anteil an den +gotischen Rebellen!« +</p> + +<p> +»Ich beschwöre dich,« rief der Greis auf die Kniee +fallend, »Tochter Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.« +</p> + +<p> +»Steh auf,« sprach sie finster sich abwendend, »du hast +kein Recht, so zu fragen.« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte der Alte ruhig aufstehend, »nein, jetzt +nicht mehr. Denn von diesem Augenblick an gehör’ ich +der Welt nicht mehr an.« +</p> + +<p> +»Cassiodor!« rief die Königin erschrocken. +</p> + +<p> +»Hier ist der Schlüssel zu meinen Gemächern in dieser +Königsburg: du findest darin alle Geschenke, die ich von +dir und Theoderich erhalten, die Urkunden meiner Würden, +die Abzeichen meiner Ämter. Ich gehe.« +</p> + +<p> +»Wohin, mein alter Freund, wohin?« +</p> + +<p> +»In das Kloster, das ich gegründet zu Squillacium in +<pb n='308'/><anchor id='Pg308'/>Apulien. Fortan werd’ ich, fern den Werken der Könige, +nur die Werke Gottes auf Erden verwalten: längst verlangt +meine Seele nach Frieden, und jetzt hab’ ich auf Erden +nichts mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir +scheidend geben: lege das Scepter aus der blutbefleckten +Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur Fluch +kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele, +Tochter Theoderichs: Gott sei dir gnädig.« +</p> + +<p> +Und ehe sie sich von ihrer Bestürzung erholt, war er +verschwunden. +</p> + +<p> +Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurückrufen, aber an dem +Vorhang trat ihr Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen. +</p> + +<p> +»Königin,« sagte er rasch und leise, »bleib’ und höre +mich. Es gilt ein dringendes Wort. Man folgt mir auf +dem Fuß.« +</p> + +<p> +»Wer folgt dir?« +</p> + +<p> +»Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. +Täusche dich nicht länger: die Geschicke dieses Reiches erfüllen +sich: du hältst sie nicht mehr auf, so rette für dich +was zu retten ist: ich wiederhole meinen Vorschlag.« +</p> + +<p> +»Welchen Vorschlag?« +</p> + +<p> +»Den von gestern.« +</p> + +<p> +»Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde +diese Beleidigung deinem Herrn, dem Kaiser, melden und +ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich nicht +mehr.« +</p> + +<p> +»Königin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der +nächste Gesandte Justinians heißt Belisar und kömmt mit +einem Heere.« +</p> + +<p> +»Unmöglich!« rief die verlassene Fürstin. »Ich nehme +meine Bitte zurück.« +</p> + +<p> +»Zu spät. Belisars Flotte liegt schon bei Sicilien. +<pb n='309'/><anchor id='Pg309'/>Den Vorschlag, den ich dir gestern als meinen Gedanken +mitteilte, hast du als solchen verworfen. Vernimm: nicht ich, +der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als +letztes Zeichen seiner Huld.« +</p> + +<p> +»Justinian, mein Freund, mein Schützer, will mich +und mein Reich verderben!« rief Amalaswintha, der es +schrecklich tagte. +</p> + +<p> +»Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen +will er dies Italien, die Wiege des römischen Reichs: +dieser unnatürliche, unmögliche Staat der Goten, er ist +gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden +Fahrzeug. Justinian reicht dir die Freundeshand, die +Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen, wenn du +Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars +Hände lieferst und geschehen läßt, daß die Goten entwaffnet +über die Alpen geführt werden.« +</p> + +<p> +»Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? +Zu spät erkenne ich eure Tücke! Eure Hilfe rief ich an +und ihr wollt mich verderben.« +</p> + +<p> +»Nicht dich, nur die Barbaren.« +</p> + +<p> +»Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen +Freunde: ich erkenne es jetzt und ich stehe zu ihnen in Tod +und Leben.« +</p> + +<p> +»Aber sie steh’n nicht mehr zu dir.« +</p> + +<p> +»Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem +Hof.« +</p> + +<p> +»Du willst nicht hören? Merke wohl, o Königin, nur +unter jener Bedingung bürg’ ich für dein Leben.« +</p> + +<p> +»Für mein Leben bürgt mein Volk in Waffen.« +</p> + +<p> +»Schwerlich. Zum letztenmal frag’ ich dich –« +</p> + +<p> +»Schweig. Ich lief’re die Krone nicht ohne Kampf an +Justinian.« +</p> + +<pb n='310'/><anchor id='Pg310'/> + +<p> +»Wohlan,« sagte Petros zu sich selbst, »so muß es ein +andrer thun. – Tretet ein, ihr Freunde,« rief er hinaus. – +Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten +Armen Cethegus. +</p> + +<p> +»Wo ist Gothelindis? wo Theodahad?« flüsterte +Petros. – +</p> + +<p> +Seine Bestürzung entging der Fürstin nicht. +</p> + +<p> +»Ich ließ sie vor dem Palast. Die beiden Weiber +hassen sich zu grimmig. Ihre Leidenschaft würde alles +verderben.« +</p> + +<p> +»Du bist mein guter Engel nicht, Präfekt von Rom,« +sprach Amalaswintha finster und von ihm zurückweichend. +</p> + +<p> +»Diesmal vielleicht doch,« flüsterte Cethegus auf sie +zuschreitend. »Du hast die Vorschläge von Byzanz verworfen? +Das erwartete ich von dir. Entlaß den falschen +Griechen.« +</p> + +<p> +Auf einen Wink der Königin trat Petros in ein Seitengemach. +</p> + +<p> +»Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht +mehr!« +</p> + +<p> +»Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut +und du siehst den Erfolg.« +</p> + +<p> +»Ich sehe ihn,« sagte sie schmerzlich. +</p> + +<p> +»Königin, ich habe dich nie belogen und getäuscht +darin: ich liebe Italien und Rom mehr als deine Goten: +du wirst dich erinnern, ich habe dir dies niemals verhehlt.« +</p> + +<p> +»Ich weiß es und kann es nicht tadeln.« +</p> + +<p> +»Am liebsten säh’ ich Italien frei. Muß es dienen, +so dien’ es nicht dem tyrannischen Byzanz, sondern euch, +der milden Hand der Goten. Das war von je mein Gedanke, +das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, +will ich dein Reich erhalten: aber offen sag’ ich dir, du, +<pb n='311'/><anchor id='Pg311'/>deine Herrschaft läßt sich nicht mehr stützen. Rufst du +zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir die Goten nicht +mehr folgen, die Italier nicht vertrauen.« +</p> + +<p> +»Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern +und von meinem Volk?« +</p> + +<p> +»Deine eignen Thaten. Zwei unselige Dokumente, in +der Hand des Kaisers Justinian. Du selbst hast zuerst +seine Waffen ins Land gerufen, eine Leibwache von +Byzanz!« +</p> + +<p> +Amalaswintha erbleichte: »Du weißt –« +</p> + +<p> +»Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen +in den Katakomben: Petros hat ihnen den +Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.« +</p> + +<p> +»So bleiben mir meine Goten.« +</p> + +<p> +»Nicht mehr. Nicht bloß der ganze Anhang der Balten +steht dir nach dem Leben: – die Verschworenen von +Rom haben im Zorn über dich beschlossen, sowie der +Kampf entbrennt, aller Welt kund zu thun, daß dein Name +an ihrer Spitze stand gegen die Goten, gegen dein Volk. +Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in meiner +Hand, es liegt im Archiv der Verschwörung.« +</p> + +<p> +»Ungetreuer!« +</p> + +<p> +»Wie konnte ich wissen, daß du hinter meinem Rücken +mit Byzanz verkehrst und dadurch meine Freunde dir verfeindest? +Du siehst: Byzanz, Goten, Italier, alles steht +gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter +deiner Führung, so wird Uneinigkeit Italier und Barbaren +spalten, niemand dir gehorchen, und dies Reich hilflos vor +Belisar erliegen. Amalaswintha, es gilt ein Opfer: ich +fordre es von dir im Namen Italiens, deines und meines +Volks.« +</p> + +<p> +»Welches Opfer? ich bringe jedes.« +</p> + +<p> +»Das höchste: deine Krone. Übergieb sie einem Mann +<pb n='312'/><anchor id='Pg312'/>der Goten und Italier gegen Byzanz zu vereinen vermag +und rette dein Volk und meines.« +</p> + +<p> +Amalaswintha sah ihn forschend an: es kämpfte und +rang in ihrer Brust. »Meine Krone! sie war mir sehr +teuer.« +</p> + +<p> +»Ich habe Amalaswinthen stets jedes höchsten Opfers +fähig gehalten.« +</p> + +<p> +»Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!« +</p> + +<p> +»Wenn der dir süß wäre, dürftest du zweifeln. Wenn +ich deinem Stolze schmeichelte, dürftest du mißtrauen: aber +ich rate dir die bittre Arznei der Entsagung. Ich wende +mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: laß mich +nicht zu Schanden werden.« +</p> + +<p> +»Dein letzter Rat war ein Verbrechen,« sagte Amalaswintha +schaudernd. +</p> + +<p> +»Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang +er zu halten war, solang er Italien nützte: jetzt schadet +er Italien und ich verlange, daß du dein Volk mehr liebst +als dein Scepter.« +</p> + +<p> +»Bei Gott! du irrst darin nicht: für mein Volk hab’ +ich mich nicht gescheut, fremdes Leben zu opfern,« – sie +verweilte gern bei diesem Gedanken, der ihr Gewissen beschwichtigte, +– »ich werde mich nicht weigern, jetzt – aber +wer soll mein Nachfolger werden?« +</p> + +<p> +»Dein Erbe, dem die Krone gebührt, der letzte der +Amaler.« +</p> + +<p> +»Wie? Theodahad, der Schwächling?« +</p> + +<p> +»Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden +werden ihm gehorchen, dem Neffen Theoderichs, wenn du +ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine römische +Bildung hat ihm die Römer gewonnen: ihm werden sie +beistehen: einen König nach des alten Hildebrand, nach +Tejas Herzen würden sie hassen und fürchten.« +</p> + +<pb n='313'/><anchor id='Pg313'/> + +<p> +»Und mit Recht;« sagte die Regentin sinnend: »aber +Gothelindis Königin!« +</p> + +<p> +Da trat Cethegus ihr näher und sah ihr scharf ins +Auge: »So klein ist Amalaswintha nicht, daß sie kläglicher +Weiberfeindschaft gedenkt, wo es edler Entschlüsse bedarf. +Du erschienst mir von jeher größer als dein Geschlecht. +Beweis’ es jetzt. Entscheide dich!« +</p> + +<p> +»Nicht jetzt,« sprach Amalaswintha, »meine Stirne +glüht, und verwirrend pocht mein Herz. Laß mir diese +Nacht, mich zu fassen. Du hast mir Entsagung zugetraut: +ich danke dir. Morgen die Entscheidung.« +</p> + +<pb n='314'/><anchor id='Pg314'/> + +</div></div><div n="4" type="buch" rend="page-break-before: right"> +<pb n='315'/><anchor id='Pg315'/> + <index index="toc" level1="Viertes Buch. Theodahad."/><index index="pdf" level1="Viertes Buch. Theodahad."/> +<head type="sub">Viertes Buch.</head> + +<head>Theodahad.</head> +<epigraph><p> + »Nachbarn zu haben schien Theodahad + <lb/>eine Art von Unglück.« +</p> +<p rend="text-align: right"> + Prokop, Gotenkrieg I. 3. +</p></epigraph> + +<pb n='316'/><anchor id='Pg316'/> + +<div n="1" type="kapitel" rend="page-break-before: right"> +<pb n='317'/><anchor id='Pg317'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Erstes Kapitel.</head> + +<p> +Am andern Morgen verkündete ein Manifest dem +staunenden Ravenna, daß die Tochter Theoderichs zu +Gunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone verzichtet +und daß dieser, der letzte Mannessproß der Amelungen, +den Thron bestiegen habe. Italier und Goten wurden +aufgefordert, dem neuen Herrscher den Eid der Treue zu +schwören. +</p> + +<p> +So hatte Cethegus richtig gerechnet. +</p> + +<p> +Das Gewissen der unseligen Frau fühlte sich durch +manche Thorheit, ja durch blut’ge Schuld schwer belastet: +edle Naturen suchen Erleichterung und Buße in Opfer und +Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors Anklagen +war ihr Herz mächtig bewegt worden und der Präfekt +hatte sie in günstiger Stimmung für seinen Rat gefunden. +Weil er so bitter war, befolgte sie ihn: ja sie hatte, um +ihr Volk zu retten und ihre Schuld zu sühnen, sich noch +weitere Demütigungen vorgesteckt. +</p> + +<p> +Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel. +</p> + +<p> +Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung +keineswegs vorbereitet und wurden von Cethegus auf gelegnere +Zeit vertröstet. Auch war der neue König als +Freund römischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt. +</p> + +<p> +Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weitres den +Tausch gefallen lassen zu wollen. Fürst Theodahad war +allerdings ein Mann – das empfahl ihn gegenüber +<pb n='318'/><anchor id='Pg318'/>Amalaswinthen – und ein Amaler: das wog schwer zu +seinen Gunsten gegenüber jedem andern Bewerber um die +Krone. +</p> + +<p> +Aber im übrigen war er im Volke der Goten keineswegs +hoch angesehen. Unkriegerisch und feige, verweichlicht +an Leib und Seele hatte er keine der Eigenschaften, welche +die Germanen von ihren Königen forderten. Nur Eine +Leidenschaft erfüllte seine Seele: Habsucht, unersättliche +Goldgier. Reich begütert in Tuscien lebte er mit allen +seinen Nachbarn in ewigen Prozessen: mit List und Gewalt +und dem Schwergewicht seiner königlichen Geburt +wußte er seinen Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen +und die Ländereien weit in der Runde an sich zu reißen: +»denn – sagt ein Zeitgenosse – Nachbarn zu haben +schien dem Theodahad eine Art von Unglück«. +</p> + +<p> +Dabei war seine schwache Seele vollständig abhängig +von der bösartigen, aber kräftigen Natur seines Weibes. +</p> + +<p> +Einen solchen König sahen denn die Tüchtigsten unter +den Goten nicht gern auf dem Throne Theoderichs. Und +kaum war das Manifest Amalaswinthens bekannt geworden, +als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna +angekommen war, diesen sowie den alten Waffenmeister +und den Grafen Witichis zu sich beschied und sie aufforderte, +die Unzufriedenheit des Volkes zu steigern, zu +leiten und einen Würdigern an Theodahads Stelle zu setzen. +</p> + +<p> +»Ihr wißt,« schloß er seine Worte, »wie günstig die +Stimmung im Volke. Seit jener Bundesnacht im Mercuriustempel +haben wir unablässig geschürt unter den Goten +und Großes ist schon gelungen: des edeln Athalarich Aufschwung, +der Sieg am Epiphaniasfeste, das Zurückholen +Amalaswinthens, wir haben es bewirkt. Jetzt winkt die +günstige Gelegenheit. Soll an des Weibes Stelle treten +ein Mann, der schwächer als ein Weib? Haben wir +<pb n='319'/><anchor id='Pg319'/>keinen Würdigern mehr als Theodahad im Volk der +Goten?« +</p> + +<p> +»Recht hat er, beim Donner und Strahl,« rief Hildebad. +»Fort mit diesen verwelkten Amalern! Einen +Heldenkönig hebt auf den Schild und schlagt los nach allen +Seiten. Fort mit dem Amaler!« +</p> + +<p> +»Nein,« sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, +»noch nicht! Vielleicht, daß es noch einmal so kommen +muß: aber nicht früher darf es geschehen als es muß. +Der Anhang der Amaler ist groß im Volk: nur mit Gewalt +würde Theodahad den Reichtum, Gothelindis die +Macht der Krone sich entwinden lassen: sie würden stark +genug sein, wenn nicht zum Siege, doch zum Kampf. +</p> + +<p> +Kampf aber unter den Söhnen eines Volks ist schrecklich, +nur die Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die +ist noch nicht da. Theodahad mag sich bewähren: er ist +schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich unfähig +erwiesen, so ist’s noch immer Zeit.« +</p> + +<p> +»Wer weiß, ob dann noch Zeit ist,« warnte Teja. +</p> + +<p> +»Was rätst du, Alter?« fragte Hildebad, auf welchen +die Gründe des Grafen Witichis nicht ohne Wirkung +blieben. +</p> + +<p> +»Brüder,« sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart +streichend, »ihr habt die Wahl, darum die Qual. Mir +sind beide erspart: ich bin gebunden. Die alten Gefolgen +des großen Königs haben einen Eid gethan, solang +sein Haus lebt, keinem Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.« +</p> + +<p> +»Welch thörichter Eid!« rief Hildebad. +</p> + +<p> +»Ich bin alt und nenn’ ihn nicht thöricht. Ich weiß, +welcher Segen auf der festen, heiligen Ordnung des Erbgangs +ruht. Und die Amaler sind Söhne der Götter,« +schloß er geheimnisvoll. +</p> + +<pb n='320'/><anchor id='Pg320'/> + +<p> +»Ein schöner Göttersohn, Theodahad!« lachte Hildebad. +</p> + +<p> +»Schweig,« rief zornig der Alte, »das begreift ihr +nicht mehr, ihr neuen Menschen. Ihr wollt alles fassen +und verstehen mit eurem kläglichen Verstand. Das Rätsel, +das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute +liegt – dafür habt ihr den Sinn verloren. Darum +schweig’ ich von solchen Dingen zu euch. +</p> + +<p> +Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen +bald hundert Jahren. Thut ihr, was ihr wollt, ich thue, +was ich muß.« +</p> + +<p> +»Nun,« sprach Graf Teja nachgebend, »auf euer Haupt +die Schuld. Aber wenn dieser letzte Amaler dahin ...« – +</p> + +<p> +»Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.« +</p> + +<p> +»Vielleicht,« schloß Witichis, »ist es ein Glück, daß +auch uns dein Eid die Wahl erspart: denn gewiß wollen +wir keinen Herrscher, den du nicht anerkennen könntest. +Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen +wir diesen König – solang er zu tragen ist.« +</p> + +<p> +»Aber keine Stunde länger,« sagte Teja und ging +zürnend hinaus. +</p> +</div><div n="2" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zweites Kapitel.</head> + +<p> +Am nämlichen Tage noch wurden Theodahad und +Gothelindis mit der alten Krone der Gotenkönige gekrönt. +</p> + +<p> +Ein reiches Festmahl, besucht von allen römischen und +gotischen Großen des Hofes und der Stadt, belebte den +weiten Palast Theoderichs und den sonst so stillen Garten, +den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas +Liebe kennen gelernt. Bis tief in die Nacht währte das +lärmende Gelage. Der neue König, kein Freund der +<pb n='321'/><anchor id='Pg321'/>Becher und barbarischer Festfreuden, hatte sich frühe zurückgezogen. +</p> + +<p> +Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz +ihrer jungen Herrlichkeit: stolz prangte sie auf ihrem +Purpursitz, die goldne Zackenkrone im dunkeln Haar. Sie +schien ganz Ohr für die lauten Jubelrufe, die ihren und +ihres Gatten Namen feierten. Und doch hatte ihr Herz +dabei nur Eine Freude: den Gedanken, daß dieser Jubel +hinunterdringen müsse bis in die Königsgruft, wo Amalaswintha, +die verhaßte, besiegte Feindin, am Sarkophage +ihres Sohnes trauerte. +</p> + +<p> +Unter der Menge von jenen Gästen, die immer fröhlich +sind, wenn sie bei vollen Bechern sitzen, war doch auch so +manches ernstere Gesicht zu bemerken: mancher Römer, +der auf dem leeren Thron da oben lieber den Kaiser +gesehen hätte: so mancher Gote, der in der gefährlichen +Lage des Reiches einem König wie Theodahad nicht ohne +Sorge huldigen konnte. +</p> + +<p> +Zu letzteren zählte Witichis, dessen Gedanken nicht +unter dem kranzgeschmückten Säulendach der Trinkhalle zu +weilen schienen. Unberührt stand die goldne Schale vor +ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der ihm gegenüber +saß, achtete er kaum. Endlich – schon leuchteten +längst im Saale die Lampen und am Himmel die Sterne +– stand er auf und ging hinaus in das grüne Dunkel +des Gartens. +</p> + +<p> +Langsam wandelte er durch die Taxusgänge dahin: +sein Auge hing an den funkelnden Sternen. Sein Herz +war daheim bei seinem Weibe, bei seinem Knaben, die er +monatelang nicht mehr gesehen. So führte ihn sein sinnendes +Wandeln an den Venustempel bei der Meeresbucht, +die wir kennen. Er sah hinaus nach der flimmernden +See – da blitzte etwas dicht vor seinen Füßen im schwachen +<pb n='322'/><anchor id='Pg322'/>Mondlicht: es war eine Rüstung, daneben die kleine, +gotische Harfe: ein Mann lag vor ihm im weichen Grase +und ein bleiches Antlitz hob sich ihm entgegen. +</p> + +<p> +»Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.« +</p> + +<p> +»Nein, ich war bei den Toten.« +</p> + +<p> +»Auch mein Herz weiß nichts von diesen Festen: es +war daheim bei Weib und Kind,« sagte Witichis, sich zu +ihm niedersetzend. +</p> + +<p> +»Bei Weib und Kind,« wiederholte Teja seufzend. +</p> + +<p> +»Viele fragten nach dir, Teja.« +</p> + +<p> +»Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir +die Ehre nahm, und neben Theodahad, der mir mein +Erbe nahm?« +</p> + +<p> +»Dein Erbe nahm?« +</p> + +<p> +»Wenigstens besitzt er’s. Und über den Ort, wo meine +Wiege stand, ging seine Pflugschar.« +</p> + +<p> +Und schweigend sah er lange vor sich hin. +</p> + +<p> +»Dein Harfenspiel – es schweigt? Man rühmt dich +unsres Volkes besten Harfenschläger und Sänger!« +</p> + +<p> +»Wie Gelimer, der letzte König der Vandalen, seines +Volkes bester Harfenschläger war. – – Aber mich würden +sie nicht im Triumph einführen nach Byzanz!« +</p> + +<p> +»Du singst nicht oft mehr?« +</p> + +<p> +»Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, +da ich wieder singen werde.« +</p> + +<p> +»Tage der Freude?« +</p> + +<p> +»Tage der höchsten, der letzten Trauer.« +</p> + +<p> +Lange schwiegen beide. – +</p> + +<p> +»Mein Teja,« hob endlich Witichis an, »in allen +Nöten von Krieg und Frieden hab’ ich dich erfunden treu, +wie mein Schwert. Und obwohl du soviel jünger als ich +und nicht leicht der Ältere sich dem Jüngling verbindet, +kann ich dich meinen besten Herzensfreund nennen. Und +<pb n='323'/><anchor id='Pg323'/>ich weiß, daß auch dein Herz mehr an mir hängt als an +deinen Jugendgenossen.« +</p> + +<p> +Teja drückte ihm die Hand: »Du verstehst mich und +ehrest meine Art, auch wo du sie nicht verstehst. Die +andern –! und doch: den einen hab’ ich sehr lieb.« +</p> + +<p> +»Wen?« +</p> + +<p> +»Den alle lieb haben.« +</p> + +<p> +»Totila!« +</p> + +<p> +»Ich hab’ ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. +Aber er ist so hell: er kann’s nicht fassen, daß andere +dunkel sind und bleiben müssen.« +</p> + +<p> +»Bleiben müssen! Warum? Du weißt, Neugier ist +meine Sache nicht. Und wenn ich dich in dieser ernsten +Stunde bitte: lüfte den Schleier, der über dir und deiner +finstern Trauer liegt, so bitt’ ich’s nur, weil ich dir helfen +möchte. Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als +das eigene.« +</p> + +<p> +»Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder +auferwecken? Mein Schmerz ist unwiderruflich wie die +Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den unbarmherzigen +Rädergang des Schicksals verspürt hat, wie es, +blind und taub für das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser +Gewalt alles vor sich nieder tritt, ja, wie es das +Edle, weil es zart ist, leichter und lieber zermalmt, als das +Gemeine, wer erkannt hat, daß eine dumpfe Notwendigkeit, +welche Thoren die weise Vorsehung Gottes nennen, die +Welt und das Leben der Menschen beherrscht, der ist hinaus +über Hilfe und Trost: er hört ewig, wenn er es einmal +erlauscht, mit dem leisen Gehör der Verzweiflung den +immer gleichen Taktschlag des fühllosen Rades im Mittelpunkt +der Welt, das gleichgültig mit jeder Bewegung Leben +zeugt und Leben tötet. Wer das einmal empfunden und +<pb n='324'/><anchor id='Pg324'/>erlebt, der entsagt einmal und für immer und allem: +nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich – die +Kunst des Lächelns hat er auch vergessen auf immerdar.« +</p> + +<p> +»Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! +Wie kamst du so jung zu so fürchterlicher Weisheit?« +</p> + +<p> +»Freund, mit deinen Gedanken allein ergrübelst du die +Wahrheit nicht, erleben mußt du sie. Und nur, wenn du +des Mannes Leben kennst, begreifst du, was er denkt und +wie er denkt. Und auf daß ich dir nicht länger erscheine +wie ein irrer Träumer, wie ein Weichling, der sich gern +in seinen Schmerzen wiegt, – und damit ich dein Vertrauen +und deine schöne Freundschaft ehre, vernimm, – +höre ein kleines Stück meines Grams. Das größere, das +unendlich größere behalt’ ich noch für mich,« sagte er +schmerzlich, die Hand auf die Brust drückend, – »es +kömmt wohl noch die Stunde auch für dies. Vernimm +heute nur, wie über meinem Haupte der Stern des Unheils +schon leuchtete, da ich gezeugt ward. – Und von all den +tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. +Du warst dabei – du erinnerst dich – wie der falsche +Präfekt mich laut vor allen einen Bastard schalt und mir +den Zweikampf weigerte: – ich mußte es dulden: ich +bin noch schlimmeres als ein Bastard. – – +</p> + +<p> +Mein Vater, Tagila, war ein tüchtiger Kriegsheld, +aber kein Adaling, gemeinfrei und arm. Er liebte, schon +seit der Bart ihm sproßte, Gisa, seines Vaterbruders +Tochter. Sie lebten draußen, weit an der äußersten Ostgrenze +des Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets +im Kampfe liegt mit den Gepiden und den wilden räuberischen +Sarmaten und wenig Zeit hat, an die Kirche zu +denken und die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien +erlassen. Lange konnte mein Vater seine Gisa nicht heimführen: +er hatte nichts als Helm und Speer und konnte +<pb n='325'/><anchor id='Pg325'/>ihrem Mundwalt den Malschatz nicht zahlen und einem +Weibe keinen Herd bereiten. +</p> + +<p> +Endlich lachte ihm das Glück. Im Krieg gegen einen +Sarmatenkönig eroberte er dessen festen Schatzturm an der +Alutha: und die reichen Schätze, welche die Sarmaten seit +Jahrhunderten zusammengeplündert und hier aufgehäuft, +wurden seine Beute. Zum Lohn seiner That ernannte ihn +Theoderich zum Grafen und rief ihn nach Italien. Mein +Vater nahm seine Schätze und Gisa, jetzt sein Weib, mit +sich über die Alpen und kaufte sich weite schöne Güter in +Tuscien zwischen Florentia und Luca. Aber nicht lange +währte sein Glück. +</p> + +<p> +Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein +feiger Schurke, meine Eltern wegen Blutschande beim Bischof +von Florentia. Sie waren katholisch – nicht Arianer – +und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem +Recht der Kirche – und die Kirche gebot ihnen, sich zu +trennen. +</p> + +<p> +Mein Vater drückte sein Weib an die Brust und lachte +des Gebots. Aber der geheime Ankläger ruhte nicht –« +</p> + +<p> +– »Wer war der Neiding?« +</p> + +<p> +»O wenn ich es wüßte, ich wollte ihn erreichen und +thronte er in allen Schrecken des Vesuvius! Er ruhte +nicht. Unablässig bedrängten die Priester meine arme +Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken. +</p> + +<p> +Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten +und trotzte dem Bischof und seinen Sendboten. Und mein +Vater, wenn er einen der Pfaffen in seinem Gehöfte traf, +begrüßte ihn, daß er nicht wieder kam. +</p> + +<p> +Aber wer kann mit denen kämpfen, die im Namen +Gottes sprechen! Eine letzte Frist ward den Ungehorsamen +gesteckt: hätten sie sich bis dahin nicht getrennt, so sollten +sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche. +</p> + +<pb n='326'/><anchor id='Pg326'/> + +<p> +Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Königs, +Aufhebung des grausamen Spruches zu erflehen. Aber die +Satzung des Konzils sprach zu klar und Theoderich konnte +es nicht wagen, das Recht der katholischen Kirche zu +kränken. Als mein Vater zurückkehrte von Ravenna, mit +Gisa zu flüchten, starrte er entsetzt auf die Stätte, wo sein +Haus gestanden: der Termin war abgelaufen, und die +Drohung erfüllt: sein Haus zerstört, sein Weib, sein Kind +verschwunden. +</p> + +<p> +Rasend stürmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. +Endlich entdeckte er, als Priester verkleidet, seine Gisa in +einem Kloster zu Ticinum: ihren Knaben hatte man ihr +entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater bereitet +mit ihr alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht +über die Mauer des Klostergartens. Aber am Morgen +fehlt die Büßerin bei der Hora: man vermißt sie, ihre +Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren des +Rosses, – sie werden eingeholt: grimmig fechtend fällt +mein Vater: meine Mutter wird in ihre Zelle zurückgebracht. +Und so furchtbar drücken die Macht des Schmerzes +und die Zucht des Klosters auf die zermürbte Seele, +daß sie in Wahnsinn fällt und stirbt. Das sind meine +Eltern!« +</p> + +<p> +»Und du?« +</p> + +<p> +»Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein +Waffenfreund meines Großvaters und Vaters: – er entriß +mich, mit des Königs Beistand, den Priestern und ließ +mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.« +</p> + +<p> +»Und dein Gut, dein Erbe?« +</p> + +<p> +»Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad +überließ: er war meines Vaters Nachbar, er ist jetzt +mein König!« +</p> + +<p> +»Mein armer Freund! Aber wie erging es dir später? +<pb n='327'/><anchor id='Pg327'/>Man weiß nur dunkles Gerede – du warst einmal in +Griechenland gefangen ... –« +</p> + +<p> +Teja stand auf. »Davon laß mich schweigen; vielleicht +ein andermal. +</p> + +<p> +Ich war Thor genug, auch einmal an Glück zu glauben +und an eines liebenden Gottes Güte. Ich hab’ es +schwer gebüßt. Ich will’s nie wieder thun. Leb wohl, +Witichis, und schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie +andre.« +</p> + +<p> +Er drückte ihm die Hand und war rasch im dunkeln +Laubgang verschwunden. +</p> + +<p> +Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann +blickte er gen Himmel, in den hellen Sternen eine Widerlegung +der finstern Gedanken zu finden, die des Freundes +Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll +Frieden und Klarheit. Aber während des Gesprächs war +Nebelgewölk rasch aus den Lagunen aufgestiegen und hatte +den Himmel überzogen: es war finster ringsum. +</p> + +<p> +Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in +ernstem Sinnen sein einsames Lager. +</p> +</div><div n="3" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Drittes Kapitel.</head> + +<p> +Während unten in den Hallen des Palatiums Italier +und Goten tafelten und zechten, ahnten sie nicht, daß über +ihren Häuptern in dem Gemach des Königs eine Verhandlung +gepflogen ward, die über ihr und ihres Reiches +Schicksale entscheiden sollte. +</p> + +<p> +Unbeobachtet war dem König alsbald der Gesandte von +Byzanz nachgefolgt und lange und geheim sprachen und +<pb n='328'/><anchor id='Pg328'/>schrieben die beiden miteinander. Endlich schienen sie handelseinig +geworden und Petros wollte anheben, nochmal +vorzulesen, was sie gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. +Aber der König unterbrach ihn. »Halt,« flüsterte der kleine +Mann, der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu +gehen drohte, »halt – noch eins!« +</p> + +<p> +Und er hob sich aus dem schön geschweiften Sitz, schlich +durch das Gemach und hob den Vorhang, ob niemand +lausche. +</p> + +<p> +Dann kehrte er beruhigt zurück und faßte den Byzantiner +leise am Gewand. +</p> + +<p> +Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd +auf den gelben vertrockneten Wangen des häßlichen Mannes, +der die kleinen Augen zusammenkniff: »Noch dies. +Wenn jene heilsamen Veränderungen eintreten sollen, – +auf daß sie eintreten können, wird es gut sein, ja notwendig, +einige der trotzigsten meiner Barbaren unschädlich +zu machen.« – »Daran hab’ ich bereits gedacht,« nickte Petros. +»Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister, der +grobe Hildebad, der nüchterne Witichis« – +</p> + +<p> +»Du kennst deine Leute gut,« grinste Theodahad, »du +hast dich tüchtig umgesehen. Aber,« raunte er ihm ins +Ohr, »einer, den du nicht genannt hast, einer vor allen +muß fort.« +</p> + +<p> +»Der ist?« +</p> + +<p> +»Graf Teja, des Tagila Sohn.« +</p> + +<p> +»Ist der melancholische Träumer so gefährlich?« +</p> + +<p> +»Der gefährlichste von allen! Und mein persönlicher +Feind! schon von seinem Vater her.« +</p> + +<p> +»Wie kam das?« +</p> + +<p> +»Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mußte +seine Äcker haben – umsonst drang ich in ihn. Ha,« +lächelte er pfiffig, »zuletzt wurden sie doch mein. Die +<pb n='329'/><anchor id='Pg329'/>heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm +sein Gut dabei und ließ mir’s – billig – ab. Ich hatte +einiges Verdienst um die Kirche in dem Prozeß – dein +Freund, der Bischof von Florentia kann dir’s genau erzählen.« +</p> + +<p> +»Ich verstehe,« sagte Petros, »was gab der Barbar +seine Äcker nicht in Güte! Weiß Teja –?« +</p> + +<p> +»Nichts weiß er. Aber er haßt mich schon deshalb, +weil ich sein Erbgut – kaufte. Er wirft mir finstere +Blicke zu. Und dieser schwarze Träumer ist der Mann, +seinen Feind zu den Füßen Gottes zu erwürgen.« +</p> + +<p> +»So?« sagte Petros, plötzlich sehr nachdenklich. »Nun, +genug von ihm: er soll nicht schaden. Laß dir jetzt nochmal +den ganzen Vertrag Punkt für Punkt vorlesen; dann +unterzeichne. +</p> + +<p> +Erstens. König Theodahad verzichtet auf die Herrschaft +über Italien und die zugehörigen Inseln und Provinzen +des Gotenreichs: nämlich Dalmatien, Liburnien, Istrien, +das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rätien und den +gotischen Besitz in Gallien, zu Gunsten des Kaisers Justinian +und seiner Nachfolger auf dem Throne von Byzanz. +Er verspricht, Ravenna, Rom, Neapolis und alle festen +Plätze des Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu öffnen.« +</p> + +<p> +Theodahad nickte. +</p> + +<p> +»Zweitens. König Theodahad wird mit allen Mitteln +dahin wirken, daß das ganze Heer der Goten entwaffnet +und in kleinen Gruppen über die Alpen geführt werde. +Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen +Feldherrn dem Heere zu folgen oder als Sklaven nach +Byzanz zu gehen. Der König wird dafür sorgen, daß +jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben muß. +</p> + +<p> +Drittens. Dafür beläßt Kaiser Justinian dem König +Theodahad und seiner Gemahlin den Königstitel und die +königlichen Ehren auf Lebenszeit, und viertens« – +</p> + +<pb n='330'/><anchor id='Pg330'/> + +<p> +Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen +lesen,« unterbrach Theodahad, nach der Urkunde langend. +»Viertens beläßt der Kaiser dem König der Goten nicht +nur alle Ländereien und Schätze, die dieser als sein Privateigentum +bezeichnen wird, sondern auch den ganzen +Königsschatz der Goten, der allein an geprägtem Gold auf +vierzigtausend Pfunde geschätzt ist. Er übergiebt ihm +ferner zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis +Cäre, von Populonia bis Clusium und endlich überweist +er an Theodahad auf Lebenszeit die Hälfte aller öffentlichen +Einkünfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmäßigen +Herrn zurückerworbenen Reiches. – Sage, Petros, meinst +du nicht, ich könnte drei Viertel fordern?« – – +</p> + +<p> +»Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, daß sie +dir Justinian gewährt. Ich habe schon die Grenzen, die +äußersten, meiner Vollmacht überschritten.« +</p> + +<p> +»Fordern wollen wir’s doch immerhin,« meinte der +König, die Zahl ändernd. »Dann muß Justinian herunter +markten oder dafür andre Vorteile gewähren.« +</p> + +<p> +Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches +Lächeln: +</p> + +<p> +»Du bist ein kluger Handelsmann, o König. – Aber +hier verrechnest du dich doch,« sagte er zu sich selbst. +</p> + +<p> +Da rauschten schleppende Gewänder den Marmorgang +heran und eintrat ins Gemach in langem schwarzem +Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen besätem +Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler +Haltung, eine Königin trotz der verlornen Krone: überwältigende +Hoheit der Trauer sprach aus den bleichen +Zügen. +</p> + +<p> +»König der Goten,« hob sie an, »vergieb, wenn an +deinem Freudenfeste ein dunkler Schatte noch einmal auftaucht +von der Welt der Toten. Es ist zum letztenmal.« +</p> + +<pb n='331'/><anchor id='Pg331'/> + +<p> +Beide Männer waren von ihrem Anblick betroffen. +</p> + +<p> +»Königin,« – stammelte Theodahad. +</p> + +<p> +<anchor id="corr331"/><corr sic="»Königin!«">»Königin!</corr> o wär’ ich’s nie gewesen. Ich komme, +Vetter, von dem Sarge meines edeln Sohnes, wo ich +Buße gethan für all’ meine Verblendung, und all’ meine +Schuld bereut. Ich steige herauf zu dir, König der Goten, dich +zu warnen vor gleicher Verblendung und gleicher Schuld.« +</p> + +<p> +Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prüfenden +Blick. +</p> + +<p> +»Es ist ein übler Gast,« fuhr sie fort, »den ich in +mitternächtiger Stunde als deinen Vertrauten bei dir finde. +Es ist kein Heil für einen Fürsten als in seinem Volk: +zu spät hab’ ich’s erkannt, zu spät für mich, nicht zu spät, +hoff’ ich, für mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist +ein Schild, der den erdrückt, den er beschirmen soll.« +</p> + +<p> +»Du bist ungerecht,« sagte Petros, »und undankbar.« +</p> + +<p> +»Thu nicht, mein königlicher Vetter,« fuhr sie fort, +»was dieser von dir fordert. Bewillige nicht du, was ich +ihm weigerte. Sicilien sollen wir abtreten und dreitausend +Krieger dem Kaiser stellen für alle seine Kriege – ich +wies die Schmach von mir. Ich sehe,« sprach sie, auf das +Pergament deutend, »du hast schon mit ihm abgeschlossen. +Tritt zurück, sie werden dich immer täuschen.« +</p> + +<p> +Ängstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf +einen mißtrauischen Blick auf Petros. +</p> + +<p> +Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: »Was willst du +hier, du Königin von gestern? Willst du dem Beherrscher +dieses Reiches wehren? Deine Zeit und deine Macht ist +um.« – »Verlaß uns,« sagte Theodahad, ermutigt. »Ich +werde thun was mir gutdünkt. Es soll dir nicht gelingen +mich von meinen Freunden in Byzanz zu trennen. Sieh +her, vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein.« +Und er zeichnete seinen Namen auf die Urkunde. +</p> + +<pb n='332'/><anchor id='Pg332'/> + +<p> +»Nun,« lächelte Petros, »kamst du noch eben recht, +als Zeugin mit zu unterzeichnen.« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach Amalaswintha mit einem drohenden +Blick auf die beiden Männer, »ich kam noch eben recht, +euren Plan zu vereiteln. Ich gehe geradeswegs von +hier zum Heere, zur Volksversammlung, die nächstens +bei Regeta tagt. Aufdecken will ich daselbst vor allem +Volk deine Anträge, die Pläne von Byzanz und dieses +schwachen Fürsten Verrat.« +</p> + +<p> +»Das wird nicht angehn,« sagte Petros ruhig, »ohne +dich selbst zu verklagen.« +</p> + +<p> +»Ich will mich selbst verklagen. Enthüllen will ich all’ +meine Thorheit, all’ meine blutige Schuld und gern den +Tod erleiden, den ich verdient. Aber warnen, aufschrecken +soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom Ätna +bis zu den Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn +und retten werd’ ich meine Goten durch meinen +Tod von der Gefahr, in die mein Leben sie gestürzt.« +Und in edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach. +</p> + +<p> +Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang +fand er keine Worte. »Rate, hilf –« stammelte er endlich. +</p> + +<p> +»Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird +sich und uns verderben, läßt man sie gewähren. Sie darf +ihre Drohung nicht erfüllen. Dafür mußt du sorgen.« +</p> + +<p> +»Ich?« rief Theodahad erschreckt; »ich kann dergleichen +nicht! Wo ist Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.« +</p> + +<p> +»Und der Präfekt,« sagte Petros – »sende nach ihnen.« +</p> + +<p> +Alsbald waren die beiden Genannten von dem <anchor id="corr332"/><corr sic="Festmale">Festmahle</corr> +herauf beschieden. Petros verständigte sie von den +Worten der Fürstin, ohne jedoch dem Präfekten den Vertrag +als Veranlassung des Auftritts zu nennen. +</p> + +<p> +Kaum hatte er gesprochen, so rief die Königin: +</p> + +<pb n='333'/><anchor id='Pg333'/> + +<p> +»Genug, sie darf es nicht vollenden. Man muß ihre +Schritte bewachen, sie darf mit keinem Goten in Ravenna +sprechen – sie darf den Palast nicht verlassen. Das vor +allem!« Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor Amalaswinthens +Gemächer zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. +»Sie betet laut in ihrer Kammer,« sprach sie verächtlich. +»Auf, Cethegus, laß uns ihre Gebete vereiteln.« +</p> + +<p> +Cethegus hatte, mit dem Rücken an die Marmorsäulen +des Eingangs gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, +diese Vorgänge schweigend und sinnend mit angehört. Er +erkannte die Notwendigkeit, die Fäden der Ereignisse wieder +mehr in seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. +Er sah Byzanz immer mehr in den Vordergrund +dringen: – das durfte nicht weiter angehn. +</p> + +<p> +»Sprich, Cethegus,« mahnte Gothelindis nochmals, »was +thut jetzt vor allem Not?« +</p> + +<p> +»Klarheit,« sagte dieser sich aufrichtend. »In jedem +Bunde muß der Zweck, der besondere Zweck jedes der +Verbündeten klar sein: sonst werden sie stets sich durch +Mißtrau’n hemmen. Ihr habt eure Zwecke, – ich habe +den meinen. Eure Zwecke liegen am Tage: ich habe sie +euch neulich schon gesagt: du Petros, willst, daß Kaiser +Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche: ihr, +Gothelindis und Theodahad, wollt dies auch, gegen reiche +Entschädigung an Rache, Geld und Ehren. Ich aber – +ich habe auch meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? +Mein schlauer Petros, du würdest doch nicht lange +mehr glauben, daß ich nur den Ehrgeiz habe, dein Werkzeug +zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden. +Also auch ich habe meinen Zweck: all’ eure dreieinige Schlauheit +würde ihn nie entdecken, weil er zu nahe vor Augen +liegt. Ich muß ihn euch selbst verraten. +</p> + +<p> +Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein +<pb n='334'/><anchor id='Pg334'/>Italien. Drum will er, wie ihr, die Goten fort haben +aus diesem Land. +</p> + +<p> +Aber er will nicht, wie ihr, daß Kaiser Justinianus +unbedingt an ihre Stelle trete: er will nicht die Traufe +statt des Regens. +</p> + +<p> +Am liebsten möchte ich, der unverbesserliche Republikaner +– du weißt, mein Petros, wir waren es damals +beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen und +ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem +Herrn, nicht zu melden, ich hab’ es ihm lange selbst geschrieben +– die Barbaren hinauswerfen, ohne euch herein +zu lassen. +</p> + +<p> +Das geht nun leider nicht an: wir können eurer Hilfe +nicht entbehren. Doch will ich diese auf das Unvermeidliche +beschränken. Kein byzantinisch Heer darf diesen Boden +betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus +der Hand der Italier zu empfangen. Italien sei mehr +ein von den Italiern dargebrachtes Geschenk als eine Eroberung +für Justinian: die Segnungen der Feldherrn und +Steuerrechner, die Byzanz über die Länder bringt, die es +befreit, sollen uns erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, +nicht eure Tyrannei.« +</p> + +<p> +Über Petros’ Züge zog ein feines Lächeln, das Cethegus +nicht zu bemerken schien; er fuhr fort: »So vernehmt +meine Bedingung. Ich weiß, Belisarius liegt mit Flotte +und Heer nah bei Sicilien. Er darf nicht landen. Er +muß heimkehren. Ich kann keinen Belisar in Italien +brauchen. Wenigstens nicht eher als ich ihn rufe. Und +sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen Befehl zu, so +scheiden sich unsere Wege. Ich kenne Belisar und Narses +und ihre Soldatenherrschaft und ich weiß, welch’ milde +Herren diese Goten sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens: +sie war eine Mutter meines Volks. Deshalb wählet, +<pb n='335'/><anchor id='Pg335'/>wählet zwischen Belisar und Cethegus. Landet Belisar, +so steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und +den Goten: und dann laß sehn, ob ihr uns eine Scholle +dieses Landes entreißt. Wählt ihr Cethegus, so bricht er +die Macht der Barbaren und Italien unterwirft sich dem +Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. +Wähle, Petros.« +</p> + +<p> +»Stolzer Mann,« sprach Gothelindis, »du wagst uns +Bedingungen zu setzen, uns, deiner Königin?« Und drohend +erhob sie die Hand. +</p> + +<p> +Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand +und zog sie ruhig herab. »Laß die Possen, Eintagskönigin. +Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz. Vergißt du +deine Ohnmacht, so muß man dich dran mahnen. Du +thronst, solange wir dich halten.« Und mit so ruhiger +Majestät stand er vor dem zornmütigen Weib, daß sie +verstummte. Aber ihr Blick sprühte unauslöschlichen Haß. +</p> + +<p> +»Cethegus,« sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, +»du hast Recht. Byzanz kann für den Augenblick +nicht mehr erreichen als deine Hilfe, weil nichts ohne +sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit uns +und <anchor id="corr335"/><corr sic="unbedingt?">unbedingt?«</corr> +</p> + +<p> +»Unbedingt.« +</p> + +<p> +»Und Amalaswinthen?« +</p> + +<p> +»Geb’ ich Preis.« +</p> + +<p> +»Wohlan,« sagte der Byzantiner, »es gilt.« +</p> + +<p> +Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den +Befehl zur Heimkehr an Belisar und reichte sie dem Präfekten: +»Du magst die Botschaft selbst bestellen.« +</p> + +<p> +Cethegus las sorgfältig: »Es ist gut,« sagte er, die +Tafel in die Brust steckend, »es gilt.« +</p> + +<p> +»Wann bricht Italien los auf die Barbaren?« fragte +Petros. +</p> + +<pb n='336'/><anchor id='Pg336'/> + +<p> +»In den ersten Tagen des nächsten Monats. Ich gehe +nach Rom. Leb wohl.« +</p> + +<p> +»Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib – die +Tochter Theoderichs verderben?« fragte die Königin mit +bittrem Vorwurf. »Erbarmt dich ihrer abermals?« +</p> + +<p> +»Sie ist gerichtet,« sagte Cethegus, an der Thür sich +kurz umwendend. »Der Richter geht – der Henker Amt +hebt an.« Und stolz schritt er hinaus. +</p> + +<p> +Da faßte Theodahad, der sprachlos vor Staunen den +Byzantiner hatte handeln sehn, mit Entsetzen dessen Hand: +»Petros,« rief er, »um Gott und aller Heiligen willen, +was hast du gethan? Unser Vertrag und alles ruht auf +Belisar und du schickst ihn nach Hause?« +</p> + +<p> +»Und läßt diesen Übermütigen triumphieren?« knirschte +Gothelindis. +</p> + +<p> +Aber Petros lächelte: der Sieg der Schlauheit strahlte +auf seinem Antlitz. »Seid ruhig,« sagte er, »diesmal ist +er überwunden, der Allüberwinder Cethegus, besiegt von +dem verhöhnten Petros.« Er ergriff Theodahad und Gothelindis +an den Händen, zog sie nahe an sich, sah sich um, +und flüsterte dann: »Vor jenem Brief an Belisar steht ein +kleiner Punkt: der bedeutet ihm: all das Geschriebene ist +nicht ernst gemeint, ist nichtig. Ja, ja, man lernt, man +lernt die Schreibekunst am Hofe von Byzanz.« +</p> + +</div><div n="4" type="kapitel"> +<pb n='337'/><anchor id='Pg337'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Viertes Kapitel.</head> + +<p> +Zwei Tage nach der nächtlichen Begegnung mit <anchor id="corr337"/><corr sic="Teodahad">Theodahad</corr> +und Petros verbrachte Amalaswintha in einer Art +von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft. +</p> + +<p> +So oft sie ihre Gemächer verließ, so oft sie einbog in +einen Gang des Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder +neben sich Gestalten auftauchen, hingleiten, verschwinden zu +sehen, die ebenso eifrig bedacht schienen, all’ ihre Schritte +zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen: +kaum zu dem Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht +niedersteigen. +</p> + +<p> +Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten +gleich am Morgen nach dem Krönungsfest in Aufträgen +des Königs die Stadt verlassen. Das Gefühl, vereinsamt +und von bösen Feinden umlauert zu sein, ruhte drückend +auf ihrer Seele. +</p> + +<p> +Schwer und düster hingen am Morgen des dritten +Tages die herbstlichen Regenwolken auf Ravenna herab, +als sich Amalaswintha von dem schlummerlosen Lager erhob. +Unheimlich berührte es sie, daß, als sie an das +Fenster von Frauenglas trat, ein Rabe krächzend von dem +Marmorsims aufstieg und mit heiserem Schrei und schwerem +Flügelschlag langsam über die Gärten dahinflog. +</p> + +<p> +Die Fürstin fühlte schon daran, wie geknickt ihre Seele +war durch diese Tage von Schmerz, Furcht und Reue, daß +sie sich des finstern Eindrucks nicht erwehren konnte, den +ihr die frühen Herbstnebel, aus den Lagunen der Seestadt +aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue +Sumpflandschaft hinaus. +</p> + +<p> +Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge. +</p> + +<p> +Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie +Selbst<pb n='338'/><anchor id='Pg338'/>anklage und volle Demütigung vor allem Volk das Reich +noch zu retten um den Preis ihres Lebens. Denn sie +zweifelte nicht, daß die Gesippen und Bluträcher der drei +Herzoge ihre Pflicht vollauf erfüllen würden. In solchen +Gedanken schritt sie durch die öden Hallen und Gänge des +Palastes, diesmal, wie sie glaubte, unbelauscht, hinunter +zu der Ruhestätte ihres Sohnes, sich in den Vorsätzen der +Buße und Sühne an ihrem Volk zu befestigen. +</p> + +<p> +Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder +emporstieg und in einen dunkeln Gewölbgang einlenkte, +huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische hervor +– sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben +– drückte ihr eine kleine Wachstafel in die Hand und +war seitab verschwunden. +</p> + +<p> +Sie erkannte sofort – die Handschrift Cassiodors –. +</p> + +<p> +Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen Überbringer: +es war Dolios, der Briefsklave ihres treuen Ministers. +Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend eilte sie in ihr +Gemach. Dort las sie: »In Schmerz, nicht in Zorn, +schied ich von dir. Ich will nicht, daß du unbußfertig +abgerufen werdest und deine unsterbliche Seele verloren +gehe. Flieh aus diesem Palast, aus dieser Stadt: dein +Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst Gothelindis +und ihren Haß. Traue niemand als meinem Schreiber +und finde dich um Sonnenuntergang bei dem Venustempel +im Garten ein. Dort wird dich meine Sänfte erwarten +und in Sicherheit bringen, nach meiner Villa im Bolsener +See. Folge und vertraue.« +</p> + +<p> +Gerührt ließ Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue +Cassiodor! Er hatte sie doch nicht ganz verlassen. +Er bangte und sorgte noch immer für das Leben der +Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel +im blauen Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen +<pb n='339'/><anchor id='Pg339'/>Jahren, als Gast Cassiodors, in voller Blüte der Jugendschönheit, +Hochzeit gehalten mit Eutharich, dem edeln Amalungen, +und, von allem Schimmer der Macht und Ehren +umflossen, ihrer Jugend stolzeste Tage gefeiert. +</p> + +<p> +Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglück erweichtes +Gemüt beschlich mächtige Sehnsucht, die Stätte ihrer +schönsten Freuden wiederzusehen. Schon dies Eine Gefühl +trieb sie mächtig an, der Mahnung Cassiodors zu +folgen: noch mehr die Furcht, – nicht für ihr Leben, +denn sie wollte sterben – die Raschheit ihrer Feinde +möchte ihr unmöglich machen, das Volk zu warnen und +das Reich zu retten. Endlich überlegte sie, daß der Weg +nach Regeta bei Rom, wo in Bälde die große Volksversammlung, +wie alljährlich im Herbst, statthaben sollte, sie +am Bolsener See vorüberführte. Also war es nur eine Beschleunigung +ihres Planes, wenn sie schon jetzt in dieser +Richtung aufbrach. Um aber auf alle Fälle sicher zu gehn, +um, auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen +sollte, ihre warnende Stimme an das Ohr des Volks gelangen +zu lassen, beschloß sie einem Brief an Cassiodor, +den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen +konnte, ihre ganze Beichte und die Enthüllung aller +Pläne der Byzantiner und Theodahads anzuvertrauen. +</p> + +<p> +Bei geschlossenen Thüren schrieb sie die schmerzreichen +Worte nieder: heiße Thränen des Dankes und der Reue +fielen auf das Pergament, das sie sorgfältig siegelte und +dem treuesten ihrer Sklaven übergab, es sicher nach dem +Kloster Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem +gewöhnlichen Aufenthalt Cassiodors, zu befördern. +</p> + +<pb n='340'/><anchor id='Pg340'/> + +<p> +Langsam verstrichen der Fürstin die zögernden Stunden +des Tages. Mit ganzer Seele hatte sie des Freundes dargebotne +Hand ergriffen. Erinnerung und Hoffnung malten +ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures +Asyl: dort hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie +hielt sich sorgsam innerhalb ihrer Gemächer, um keinem +ihrer Wächter Veranlassung zum Verdacht, Gelegenheit, sie +aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne gesunken. +</p> + +<p> +Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen +zurückweisend und nur einige Kleinodien und Dokumente +unter dem weiten Mantel bergend, aus ihrem Schlafgemach +in den breiten Säulengang, der zur Gartentreppe +führte. Sie zitterte, hier wie gewöhnlich auf einen der +lauschenden Späher zu stoßen, gesehen, angehalten zu werden. +Häufig sah sie sich um, vorsichtig blickte sie sogar +in die Statuennischen: – alles war leer, kein Lauscher +folgte diesmal ihren Tritten. So erreichte sie unbeobachtet +die Plattform der Freitreppe, die Palast und Garten verband +und weiten Ausblick über diesen hin gewährte. Scharf +überschaute sie den nächsten Weg, der zum Venustempel +führte. Der Weg war frei. +</p> + +<p> +Nur die welken Blätter raschelten wie unwillig von +den rauschenden Platanen auf die Sandpfade nieder, gewirbelt +von dem Winde, der fern, jenseit der Gartenmauer, +Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her +trieb: es war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten +und seiner grauen Dämmerung. +</p> + +<p> +Die Fürstin fröstelte, der kalte Abendwind zerrte an +ihrem Schleier und Mantel: einen scheuen Blick warf sie +noch auf die düstern, lastenden Steinmassen des Palastes +hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und +aus dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine Verbrecherin +flüchtete. Sie dachte des Sohnes, der in den +<pb n='341'/><anchor id='Pg341'/>Tiefen des Palastes ruhte. – Sie dachte der Tochter, +die sie selbst aus diesen Mauern, aus ihrer Nähe verbannt +hatte. – +</p> + +<p> +Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene +zu überwältigen: sie wankte, mühsam hielt sie sich aufrecht +an dem breiten Marmorgeländer der Terrasse: ein Fieberschauer +rüttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der Verlassenheit +an ihrer Seele. +</p> + +<p> +»Aber mein Volk!« sprach sie zu sich selbst »und meine +Buße – ich will’s vollenden.« Gekräftigt von diesem Gedanken +eilte sie die Stufen der Treppe hinab und bog in +den von Epheu überwölbten Laubgang ein, der quer durch +den Garten führte und an dem Venustempel mündete. +Rasch schritt sie voran, erbebend, wann zu einem der +Seitengänge das Herbstlaub, wie seufzend, hereinwirbelte. +</p> + +<p> +Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und +ließ ringsum die suchenden Blicke schweifen. Aber keine +Sänfte, keine Sklaven waren zu sehen, rings war alles +still: nur die Äste der Platanen seufzten im Winde. +</p> + +<p> +Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr. +</p> + +<p> +Sie wandte sich: – um den Vorsprung der Mauer +bog mit hastigen Schritten ein Mann. Es war Dolios. +Er winkte, scheu umherspähend. Rasch eilte die Fürstin +auf ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand +Cassiodors wohlbekannter gallischer Reisewagen, die bequeme +und vornehme Carruca, von allen vier Seiten mit +verschiebbaren Gitterläden von feinem Holzwerk umschlossen, +und mit dem raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt. +</p> + +<p> +»Eile thut not, o Fürstin,« flüsterte Dolios, sie in die +weichen Polster hebend. »Die Sänfte ist zu langsam für +den Haß deiner Feinde. Stille und Eile, daß uns niemand +bemerkt.« +</p> + +<pb n='342'/><anchor id='Pg342'/> + +<p> +Amalaswintha blickte noch einmal um sich. +</p> + +<p> +Dolios öffnete das Thor des Gartens und führte den +Wagen vor dasselbe hinaus. Da traten zwei Männer +aus dem Gebüsch: der eine bestieg den Sitz des Wagenlenkers +vor ihr: der andere schwang sich auf eines der +beiden gesattelt vor dem Thore stehenden Rosse: sie erkannte +die Männer als vertraute Sklaven Cassiodors: sie waren +wie Dolios mit Waffen versehen. Dieser sperrte wieder +sorgfältig das Gartenthor und ließ die Gitterladen des +Wagens herab. Dann warf er sich auf das zweite der +Pferde und zog das Schwert: »Vorwärts!« rief er. +</p> + +<p> +Und von dannen jagte der kleine Zug, als wär’ ihm +der Tod auf der Ferse. +</p> +</div><div n="5" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf" level1="Fuenftes Kapitel."/> +<head>Fünftes Kapitel.</head> + +<p> +Die Fürstin wiegte sich in Gefühlen des Dankes, der +Freiheit, der Sicherheit. Sie baute schöne Entwürfe der +Sühne. +</p> + +<p> +Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme +gerettet vor Byzanz, vor dem Verrat des eigenen Königs: +schon hörte sie den begeisterten Ruf des tapferen Heeres, +der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung verkündete. +In solchen Träumen verflogen ihr die Stunden, die +Tage und Nächte. Unausgesetzt eilte der Zug vorwärts: +drei-, viermal des Tages wurden die Pferde des Wagens +und der Reiter gewechselt, so daß sie Meile um Meile wie +im Fluge zurücklegten. +</p> + +<p> +Wachsam hütete Dolios die ihm anvertraute Fürstin: +mit gezogenem Schwert schützte er den Zugang zum Wagen, +<pb n='343'/><anchor id='Pg343'/>während seine Begleiter Speisen und Wein aus den Stationen +holten. Jene geflügelte Eile und diese treue Wachsamkeit +benahm Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie +sich eine Weile nicht hatte erwehren können: ihr war, sie +würden verfolgt. +</p> + +<p> +Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie +der Wagen hielt, dicht hinter sich Rädergerassel zu hören +und den Hufschlag eilender Rosse: ja in Clusium meinte +sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen zurückspähend, +eine zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in das +Thor der Stadt einbiegen zu sehen. +</p> + +<p> +Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs +nach dem Thore zurück und kam sogleich mit der +Meldung wieder, daß nichts wahrzunehmen sei; auch hatte +sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile, +mit der sie sich dem ersehnten Eiland näherte, ließ sie +hoffen, daß ihre Feinde, selbst wenn sie ihre Flucht entdeckt +und eine Strecke weit verfolgt haben sollten, alsbald +ermüdet zurückgeblieben seien. +</p> + +<p> +Da verdüsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber +unheilkündend durch seine begleitenden Umstände, plötzlich +die hellere Stimmung der flüchtenden Fürstin. +</p> + +<p> +Es war hinter der kleinen Stadt Martula. +</p> + +<p> +Öde baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder +Richtung: nur Schilf und hohe Sumpfgewächse ragten aus +den feuchten Niederungen zu beiden Seiten der römischen +Hochstraße und nickten und flüsterten gespenstisch im Nachtwind. +Die Straße war hin und wieder mit niedern, von +Reben überflochtenen Mauern eingefaßt und, nach altrömischer +Sitte, mit Grabmonumenten, die aber oft traurig +zerfallen waren und mit ihren auf dem Wege zerstreuten +Steintrümmern den Pferden das Fortkommen erschwerten. +</p> + +<p> +Plötzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und +<pb n='344'/><anchor id='Pg344'/>Dolios riß die rechte Thüre auf. »Was ist geschehen,« +rief die Fürstin erschreckt, »sind wir in Feindes Hand?« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen +und finster bekannt, auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam +schien, »ein Rad ist gebrochen. Du mußt aussteigen +und warten, bis es gebessert.« +</p> + +<p> +Ein heftiger Windstoß löschte in diesem Augenblick seine +Fackel und naßkalter Regen schlug in der Bestürzten Antlitz. +»Aussteigen? hier? und wohin dann? hier ist nirgend +ein Haus, ein Baum, der Schutz böte vor Regen und +Sturm. Ich bleibe in dem Wagen.« – »Das Rad muß +abgehoben werden. Dort, das Grabmal, mag dir Schutz +gewähren.« +</p> + +<p> +Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha +und schritt über die Steintrümmer, die ringsum zerstreut +lagen, nach der rechten Seite des Weges, wo sie +jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit +ragen sah. Dolios half ihr über den Graben. +</p> + +<p> +Da schlug von der Straße hinter ihrem Wagen her +das Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr. Erschrocken blieb +sie stehen. +</p> + +<p> +»Es ist unser Nachreiter,« sagte Dolios rasch, »der +uns den Rücken deckt, komm.« +</p> + +<p> +Und er führte sie durch feuchtes Gras den Hügel heran, +auf dem sich das Monument erhob. Oben angelangt setzte +sie sich auf die breite Steinplatte eines Sarkophags. +</p> + +<p> +Da war Dolios plötzlich im Dunkel verschwunden, vergebens +rief sie ihn zurück: bald sah sie unten auf der +Straße seine Fackel wieder brennen: rot leuchtete sie durch +die Nebel der Sümpfe: und der Sturm entführte rasch +den Schall der Hammerschläge der Sklaven, die an dem +Rade arbeiteten. +</p> + +<p> +So saß die Tochter des großen Theoderich, einsam und +<pb n='345'/><anchor id='Pg345'/>todesflüchtig, auf der Heerstraße in unheimlicher Nacht; der +Sturm riß an ihrem Mantel und Schleier, der feine kalte +Regen durchnäßte sie, in den Cypressen hinter dem Grabmal +seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel +jagte zerfetztes Gewölk und ließ nur manchmal einen flüchtigen +Mondstrahl durch, der die gleich wieder folgende +Dunkelheit noch düsterer machte. +</p> + +<p> +Banges Grauen durchschlich fröstelnd ihr Herz. +</p> + +<p> +Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit +und umher sehend konnte sie die Umrisse der nächsten +Dinge deutlicher unterscheiden: da – ihr Haar sträubte +sich vor Entsetzen – da war ihr, es säße dicht hinter ihr +auf dem erhöhten Hintereck des Sarkophags eine zweite +Gestalt: – ihr eigener Schatten war es nicht –: eine +kleinere Gestalt in weitem, faltigem Gewand, die Arme +auf die Kniee, das Haupt in die Hände gestützt und zu +ihr herunter starrend. +</p> + +<p> +Ihr Atem stockte, sie glaubte flüstern zu hören, fieberhaft +strengte sie die Sinne an zu sehen, zu hören: da +flüsterte es wieder: »Nein, nein: noch nicht!« So glaubte +sie zu hören. Sie richtete sich leise auf, auch die Gestalt +schien sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein. +</p> + +<p> +Da schrie die Geängstigte: »Dolios! Licht! Hilfe! Licht!« +Und sie wollte den Hügel hinab, aber zitternd versagten +die Kniee, sie fiel und verletzte die Wange an dem scharfen +Gestein. +</p> + +<p> +Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob +er die Blutende: er fragte nicht. »Dolios,« rief sie +sich fassend, »gieb die Leuchte: ich muß sehen, was dort +war, was dort ist.« +</p> + +<p> +Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die +Ecke des Sarkophags: es war nichts zu sehen: aber jetzt, +im Glanze der Fackel, erkannte sie, daß das Monument +<pb n='346'/><anchor id='Pg346'/>nicht, wie die übrigen, ein altes, daß es sichtlich erst neu +errichtet war, so unverwittert war der weiße Marmor, so +frisch die schwarzen Buchstaben der Inschrift. – +</p> + +<p> +Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen +verbindet, unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel +dicht an den Sockel des Monuments und las bei flackerndem +Licht die Worte: »Ewige Ehre den drei Balten Thulun, +Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mördern.« +</p> + +<p> +Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurück. +</p> + +<p> +Dolios führte die Halbohnmächtige zu dem Wagen. +Fast bewußtlos legte sie die noch übrigen Stunden des +Weges zurück. Sie fühlte sich krank an Leib und Seele. Je +näher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die fieberhafte +Freude, mit der sie es ersehnt, verdrängt von einer +ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie die Sträucher +und Bäume des Weges immer rascher an sich vorüberfliegen. +</p> + +<p> +Endlich machten die dampfenden Rosse Halt. +</p> + +<p> +Sie senkte die Läden und blickte hinaus: es war die +kalte, unheimliche Stunde, da das erste Tagesgrauen ankämpft +gegen die noch herrschende Nacht: sie waren, so +schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von seinen +blauen Fluten war nichts zu sehen; ein düstrer grauer +Nebel lag undurchdringlich wie die Zukunft vor ihren +Augen: von der Villa, ja von der Insel selbst war nichts +zu entdecken. Rechts vom Wagen stand eine niedrige +Fischerhütte tief in dem dichten, ragenden Schilf, durch +welches wie seufzend der Morgenwind fuhr, daß die schwankenden +Häupter sich bogen. +</p> + +<p> +Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg +von dem dahinter verborgenen See. +</p> + +<p> +Dolios war in die Hütte gegangen; er kam jetzt zurück +und hob die Fürstin aus dem Wagen, schweigend führte +er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem Schilf zu. +</p> + +<pb n='347'/><anchor id='Pg347'/> + +<p> +Da lag am Ufer eine schmale Fähre: sie schien mehr +im Nebel als im Wasser zu schwimmen. +</p> + +<p> +Am Steuer aber saß in einen grauen zerfetzten Mantel +gehüllt ein alter Mann, dem die langen weißen Haare +wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor sich hin zu träumen +mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als +die Fürstin in den schwankenden Nachen stieg und sich in +der Mitte desselben auf einem Feldstuhl niederließ. +</p> + +<p> +Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff +zwei Ruder: die Sklaven blieben bei dem Wagen zurück. +</p> + +<p> +»Dolios,« rief Amalaswintha besorgt, »es ist sehr dunkel, +wird der Alte steuern können in diesem Nebel, und +an keinem Ufer ein Licht?« – »Das Licht würde ihm nichts +nützen, Königin, er ist blind.« – »Blind?« rief die Erschrockene, +»laß landen! kehr um!« – »Ich fahre hier seit +bald zwanzig Jahren,« sprach der greise Ferge, »kein Sehender +kennt den Weg gleich mir.« – »So bist du blind geboren?« +</p> + +<p> +»Nein, Theoderich der Amaler ließ mich blenden, weil +mich Alarich, der Balten-Herzog, des Thulun Bruder, gedungen +hätte, ihn zu morden. Ich bin ein Knecht der +Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so +unschuldig wie mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch +über die Amalungen!« rief er mit zornigem Ruck am +Steuer. +</p> + +<p> +»Schweig! Alter,« sprach Dolios. +</p> + +<p> +»Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem +Ruderschlag seit zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. +– Fluch den Amalungen!« +</p> + +<p> +Mit Grauen sah die Flüchtige auf den Alten, der in +der That mit völliger Sicherheit und pfeilgerade fuhr. +Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im Winde: +ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hörte man +<pb n='348'/><anchor id='Pg348'/>gleichförmig einschlagen, leere Luft und graues Licht auf +allen Seiten. Ihr war, als führe sie Charon über den +Styx in das graue Reich der Schatten. – Fiebernd hüllte +sie sich in ihren faltigen Mantel. +</p> + +<p> +Noch einige Ruderschläge und sie landeten. +</p> + +<p> +Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber +wandte sein Boot schweigend und ruderte so rasch und +sicher zurück wie er gekommen: Mit einer Art von Grauen +sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel +verschwand. +</p> + +<p> +Da war es ihr, als höre sie den Schall von Ruderschlägen +eines zweiten Schiffes, die rasch näher und näher +drangen. Sie fragte Dolios nach dem Grund dieses Geräusches. +</p> + +<p> +»Ich höre nichts,« sagte dieser, »du bist allzu erregt, +komm in das Haus.« Sie wankte auf seinen Arm gestützt +die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan, die zu der +burgähnlichen, hochgetürmten Villa führten: von dem Garten, +der, wie sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten +dieses schmalen Weges sich dehnte, waren in dem Nebel +kaum die Linien der Baumreihen zu sehen. +</p> + +<p> +Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne +Thür im Rahmen von schwarzem Marmor. Der Freigelassene +pochte mit dem Knauf seines Schwertes: – dumpf +dröhnte der Schlag in den gewölbten Hallen nach – die +Thüre sprang auf. +</p> + +<p> +Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Thor, +das die Blumengewinde fast versperrt hatten, an ihres +Gatten Seite eingezogen war: sie gedachte, wie sie die +Pförtner, gleichfalls ein jung vermähltes Paar, so freundlich +begrüßt. – +</p> + +<p> +Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der +jetzt mit Ampel und Schlüsselbund vor ihr stand, war ihr fremd. +</p> + +<pb n='349'/><anchor id='Pg349'/> + +<p> +»Wo ist Fuscina, des früheren Ostiarius Weib? ist sie +nicht mehr im Hause?« fragte sie. +</p> + +<p> +»Die ist lang ertrunken im See,« sagte der Pförtner +gleichgültig und schritt mit der Leuchte voran. Schaudernd +folgte die Fürstin: sie mußte sich die kalten dunkeln Wogen +vorstellen, die so unheimlich an den Planken ihrer Fähre +geleckt. Sie gingen durch Bogenhöfe und Säulenhallen: +– alles leer, wie ausgestorben, die Schritte hallten laut +durch die Öde: – die ganze Villa schien ein weites +Totengewölbe. +</p> + +<p> +»Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.« +</p> + +<p> +»Mein Weib wird dir dienen.« +</p> + +<p> +»Ist sonst niemand in der Villa?« +</p> + +<p> +»Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.« +</p> + +<p> +»Ein Arzt – ich will ihn –« +</p> + +<p> +Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal +her einige heftige Schläge: schwer dröhnten sie durch die +leeren Räume. Entsetzt fuhr Amalaswintha zusammen. +»Was war das?« fragte sie, Dolios’ Arm fassend. Sie +hörte die schwere Thüre zufallen. +</p> + +<p> +»Es hat nur jemand Einlaß begehrt,« sagte der +Ostiarius und schloß die Thüre des für die Flüchtige bestimmten +Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines lang +nicht mehr geöffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: +aber mit Rührung erkannte sie die Schildpattbekleidung +der Wände: es war dasselbe Gemach, das sie +vor zwanzig Jahren bewohnt: überwältigt von der Erinnerung +glitt sie auf den kleinen Lectus, der mit dunkeln +Polstern belegt war. +</p> + +<p> +Sie verabschiedete die beiden Männer, zog die Vorhänge +des Lagers um sich her zu und verfiel bald in einen +unruhigen Schlaf. +</p> + +</div><div n="6" type="kapitel"> +<pb n='350'/><anchor id='Pg350'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Sechstes Kapitel.</head> + +<p> +So lag sie, sie wußte nicht wie lange, bald wachend, +bald träumend: wild jagte Bild auf Bild an ihrem Auge +vorüber. +</p> + +<p> +Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die +Lippen: – Athalarich, wie er auf seinem Sarkophag hingestreckt +lag, er schien ihr zu sich herab zu winken: – +das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens – dann Nebel +und Wolken und blattlose Bäume: – drei zürnende +Kriegergestalten mit bleichen Gesichtern und blutigen Gewändern: +und der blinde Fährmann in das Reich der +Schatten. Und wieder war ihr, sie liege auf der öden +Heide auf den Stufen des Baltendenkmals und als rausche +es hinter ihr und als beuge sich abermals hinter dem +Steine hervor jene verhüllte Gestalt über sie näher und +näher, – beengend, – erstickend. Die Angst schnürte ihr +das Herz zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum +und sah hochaufgerichtet um sich: da – nein, es war +kein Traumgesicht – da rauschte es, hinter dem Vorhang +des Bettes, und in die getäfelte Wand glitt ein verhüllter +Schatte. +</p> + +<p> +Mit einem Schrei riß Amalaswintha die Falten des +Vorhangs auseinander – da war nichts mehr zu sehen. +</p> + +<p> +Hatte sie doch nur geträumt? Aber sie konnte nicht +mehr allein sein mit ihren bangen Gedanken. So drückte +sie auf den Achatknauf in der Wand, der draußen einen +Hammer in Bewegung setzte. +</p> + +<p> +Alsbald erschien ein Sklave, dessen Züge und Tracht +höhere Bildung verrieten. Er gab sich als den griechischen +Arzt zu erkennen: sie teilte ihm die Schreckgesichte, die +Fieberschauer der letzten Stunden mit: er erklärte es für +<pb n='351'/><anchor id='Pg351'/>Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkältung auf der +Flucht, empfahl ihr ein warmes Bad und ging, dessen +Mischung anzuordnen. +</p> + +<p> +Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bäder, die, +in zwei Stockwerken übereinander, den ganzen rechten Flügel +der Villa einnahmen. Das untere Stockwerk der großen +achteckigen Rotunde, für die kalten Bäder bestimmt, stand +mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein +Wasser wurde durch Siebthüren, die jede Unreinheit abhielten, +hereingeleitet. Das obere Stockwerk erhob sich, +als Verjüngung des Achtecks, über der Badstube des unteren, +deren Decke – eine große, kreisförmige Metallplatte, +– den Boden des oberen warmen Bades bildete und nach +Belieben in zwei Halbkreisen rechts und links in das Gemäuer +geschoben werden konnte, so daß die beiden Stockwerke +dann einen ungeteilten turmhohen Raum bildeten, +der zum Zweck der Reinigung oder zum Behuf von +Schwimm- und Taucherspielen ganz von dem Wasser des +Sees erfüllt werden konnte. +</p> + +<p> +Regelmäßig aber bildete das obere Achteck für sich den +Raum des warmen Bades, in das vielfach verschlungene +Wasserkünste in hundert Röhren mit zahllosen Delphinen, +Tritonen und Medusenhäuptern von Bronze und Marmor +duftige, mit Ölen und Essenzen gemischte Fluten leiteten, +während zierliche Stufen von der Galerie, auf der man +sich entkleidete, in das muschelförmige Porphyrbecken des +eigentlichen Baderaumes hinabführten. +</p> + +<p> +Während sich die Fürstin noch diese Räume ins Gedächtnis +zurückrief, erschien das Weib des Thürsklaven, sie +in das Bad abzuholen. Sie gingen durch weite Säulenhallen +und Büchersäle, in welchen aber die Fürstin die +Kapseln und Rollen Cassiodors vermißte, in der Richtung +nach dem Garten; die Sklavin trug die feinen <anchor id="corr351"/><corr sic="Badetücher">Badetücher,</corr> +<pb n='352'/><anchor id='Pg352'/>Ölfläschchen und den Salbenkrug. Endlich gelangte sie in +das turmähnliche Achteck des Badepalastes, dessen sämtliche +Gelasse an Boden, Wand und Decke durchaus mit hellgrauen +Marmorplatten belegt waren. Vorüber an den +Hallen und Gängen, die der Gymnastik und dem Ballspiel +vor und nach dem Bade dienten, vorüber an den Heizstübchen, +den Auskleide- und Salbgemächern eilten sie sofort +nach dem Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin +öffnete schweigend die in die Marmorwand eingesenkte +Thür. +</p> + +<p> +Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen +Galerie, die rings um das Bassin lief: gerade vor ihr +führten die bequemen Stufen in das Bad, aus dem bereits +warme und köstliche Dufte aufstiegen. Das Licht fiel von +oben herein durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll +geschliffenem Glas: gerade am Eingang erhob sich eine +Treppe von Cedernholz, die auf zwölf Staffeln zu einer +Sprungbrücke führte: rings an den Marmorwänden der +Galerie wie des Beckens verkleideten zahllose Reliefs die +Mündungen der Röhren, die den Wasserkünsten und der +Luftheizung dienten. +</p> + +<p> +Ohne ein Wort legte das Weib das Badegerät auf die +weichen Kissen und Teppiche, die den Boden der Galerie +bedeckten und wandte sich zur Thüre. »Woher bist du +mir bekannt?« fragte die Fürstin sie nachdenklich betrachtend, +»wie lange bist du hier?« +</p> + +<p> +»Seit acht Tagen.« Und sie ergriff die Thüre. +</p> + +<p> +»Wie lange dienst du Cassiodor?« +</p> + +<p> +»Ich diene von jeher der Fürstin Gothelindis.« +</p> + +<p> +Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem +Namen auf, wandte sich und griff nach dem Gewand des +Weibes – zu spät: sie war hinaus, die Thüre war zugefallen +und Amalaswintha hörte, wie der Schlüssel von +<pb n='353'/><anchor id='Pg353'/>außen umgedreht und abgezogen ward. Umsonst suchte +ihr Auge nach einem anderen Ausgang. +</p> + +<p> +Da überkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die +Königin: sie fühlte, daß sie furchtbar getäuscht, daß hier +ein verderbliches Geheimnis verborgen sei: Angst, unsägliche +Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem +Raum war ihr einziger Gedanke. +</p> + +<p> +Aber keine Flucht schien möglich: die Thüre war von +innen jetzt nur eine dicke Marmortafel, wie die zur Rechten +und Linken: nicht mit einer Nadel war in ihre Fugen zu +dringen: verzweifelnd ließ sie die Blicke rings an der Wand +der Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten +ihr entgegen: endlich ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden +Medusenhaupt ihr gerade gegenüber – und sie +stieß einen Schrei des Entsetzens aus. +</p> + +<p> +Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben und +die ovale Öffnung unter dem Schlangenhaar war von +einem lebenden Antlitz ausgefüllt. +</p> + +<p> +War es ein menschlich Antlitz? +</p> + +<p> +Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrüstung +der Galerie und spähte vorgebeugt hinüber: ja, es waren +Gothelindens verzerrte Züge: und eine Hölle von Haß und +Hohn sprühte aus ihrem Blick. +</p> + +<p> +Amalaswintha brach in die Kniee und verhüllte ihr +Gesicht. »Du – du hier!« +</p> + +<p> +Ein heiseres Lachen war die Antwort. »Ja, Amalungenweib, +ich bin hier und dein Verderben! Mein ist +dies Eiland, mein das Haus! – es wird dein Grab! – +mein Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft +seit acht Tagen. +</p> + +<p> +Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen +wie dein Schatte: lange Tage, lange Nächte +hab’ ich den brennenden Haß getragen, endlich hier die +<pb n='354'/><anchor id='Pg354'/>volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich mich weiden +an deiner Todesangst, will es schauen, wie die erbärmliche, +winselnde Furcht diese stolze Gestalt wie Fieber schüttelt +und durch diese hochmütigen Züge zuckt: – o ein Meer +von Rache will ich trinken.« +</p> + +<p> +Händeringend erhob sich Amalaswintha: »Rache! Wofür? +Woher dieser tödliche Haß?« +</p> + +<p> +»Ha, du frägst noch? Freilich sind Jahrzehnte darüber +hingegangen und das Herz des Glücklichen vergißt so leicht. +Aber der Haß hat ein treues Gedächtnis. Hast du vergessen, +wie dereinst zwei junge Mädchen spielten unter dem +Schatten der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie +waren die ersten unter ihren Gespielinnen: beide jung, +schön und lieblich: Königskind die eine, die andere die +Tochter der Balten. Und die Mädchen sollten eine Königin +des Spieles wählen: und sie wählten Gothelindis, +denn sie war noch schöner als du und nicht so herrisch: +und sie wählten sie einmal, zweimal nacheinander. Die +Königstochter aber stand dabei von wildem, unbändigem +Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum dritten +wieder gewählt, faßte sie die scharfe, spitzige Gartenschere« – +</p> + +<p> +»Halt ein, o schweig, Gothelindis.« +</p> + +<p> +– »Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; +aufschreiend, blutend stürzte ich zu Boden, meine ganze +Wange eine klaffende Wunde und mein Auge, mein Auge +durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.« +</p> + +<p> +»Verzeih, vergieb, Gothelindis!« jammerte die Gefangene. +»Du hattest mir ja längst verziehn.« +</p> + +<p> +»Verzeihen? ich dir verzeihen? Daß du mir das Auge +aus dem Antlitz und die Schönheit aus dem Leben geraubt, +das soll ich verzeihen? Du hattest gesiegt fürs +Leben: Gothelindis war nicht mehr gefährlich: sie trauerte +im stillen, die Entstellte floh das Auge der <anchor id="corr354"/><corr sic="Menschen">Menschen.</corr> +</p> + +<pb n='355'/><anchor id='Pg355'/> + +<p> +Und Jahre vergingen. +</p> + +<p> +Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der +edle Eutharich, der Amaler mit dem dunkeln Auge und +der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte sich der +kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid +und Güte, mit der Häßlichen, die sonst alle mieden. O wie +erquickte das meine dürstende Seele! Und es ward beraten, +zur Tilgung uralten Hasses der beiden Geschlechter, +zur Sühne alter und neuer Schuld, – denn auch den +Baltenherzog Alarich hatte man auf geheime, unbewiesene +Anklage gerichtet – daß die arme mißhandelte Baltentochter +des edelsten Amalers Weib werden sollte. +</p> + +<p> +Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstümmelt, +da beschlossest du, mir den Geliebten zu nehmen: nicht aus +Eifersucht, nicht, weil du ihn liebtest, nein, aus Stolz: +weil du den ersten Mann im Gotenreich, den nächsten +Manneserben der Krone, für dich haben wolltest. +</p> + +<p> +Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein +Vater konnte dir keinen Wunsch versagen: und Eutharich +vergaß alsbald seines Mitleids mit der Einäugigen, als +ihm die Hand der schönen Königstochter winkte. Zur +Entschädigung – oder war es zum Hohne? – gab man +auch mir einen Amaler: – Theodahad, den elenden +Feigling!« +</p> + +<p> +»Gothelindis, ich schwöre dir, ich hatte nie geahnt, daß +du Eutharich liebtest. Wie konnte ich –« +</p> + +<p> +»Freilich, wie konntest du glauben, daß die Häßliche +die Gedanken so hoch erhebe? O, du Verfluchte! Und +hättest du ihn noch geliebt und beglückt – alles hätt’ ich +dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst +ja nur das Scepter lieben! Elend hast du ihn <anchor id="corr355"/><corr sic="gemacht">gemacht.</corr> +Jahrelang sah ich ihn an deiner Seite schleichen, gedrückt, +ungeliebt, erkältet bis ins Herz hinein von deiner <anchor id="corr355a"/><corr sic="Kälte">Kälte.</corr> +<pb n='356'/><anchor id='Pg356'/>Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn früh gemordet: +du, du hast mir den Geliebten geraubt und ins Grab gebracht +– Rache, Rache für ihn.« +</p> + +<p> +Und die weite Wölbung wiederhallte von dem Ruf: +»Rache! Rache!« +</p> + +<p> +»Zu Hilfe!« rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, +mit den Händen an die Marmorplatten schlagend, den +Kreis der Galerie entlang. +</p> + +<p> +»Ja, rufe nur, hier hört dich niemand als der Gott +der Rache. Glaubst du, umsonst hab’ ich solang meinen +Haß gezügelt? Wie oft, wie leicht hätte ich schon in Ravenna +mit Dolch und Gift dich erreichen können: aber +nein, hierher hab’ ich dich gelockt. An dem Denkstein +meiner Vettern, vor Einer Stunde an deinem Bette, hab’ +ich mit höchster Mühe meinen erhobenen Arm vom Streiche +abgehalten: – denn langsam, Zoll für Zoll, sollst du +sterben, stundenlang will ich sie wachsen sehen, die Qualen +deines Todes.« +</p> + +<p> +»Entsetzliche!« +</p> + +<p> +»O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du +mich gemartert mit meiner Entstellung, mit deiner Schönheit, +mit dem Besitz des Geliebten. Was sind Stunden +gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es büßen.« +</p> + +<p> +»Was willst du thun?« rief die Gequälte, wieder und +wieder an den Wänden nach einem Ausgang suchend. +</p> + +<p> +»Ertränken will ich dich, langsam, langsam in den +Wasserkünsten dieses Bades, die dein Freund Cassiodor +gebaut. Du weißt es nicht, welche Qualen der Eifersucht, +der ohnmächtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da +du Beilager hieltest mit Eutharich und ich war in deinem +Gefolge und mußte dir dienen! In diesem Bade, du Übermütige, +habe ich dir die Sandalen gelöst und die stolzen +Glieder getrocknet: – in diesem Bade sollst du sterben!« +</p> + +<pb n='357'/><anchor id='Pg357'/> + +<p> +Und sie drückte an einer Feder. +</p> + +<p> +Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die +runde Metallplatte, teilte sich in zwei Halbkreise, die links +und rechts in die Mauer zurückwichen: mit Entsetzen sah +die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe +Tiefe zu ihren Füßen. +</p> + +<p> +»Denk an mein Auge!« rief Gothelindis und im Erdgeschoß +öffneten sich plötzlich die Schleusenthüren und die +Wogen des Sees schossen ungestüm herein, brausend und +zischend, und sie stiegen höher und höher mit furchtbarer +Raschheit. +</p> + +<p> +Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie +erkannte die Unmöglichkeit, zu entrinnen oder ihre teuflische +Feindin mit Bitten zu erweichen: da kehrte ihr der alte, +stolze Mut der Amalungen wieder: sie faßte sich und ergab +sich in ihr Los. Sie entdeckte neben den vielen Reliefs +aus der hellenischen Mythe in ihrer Nähe rechts vom +Eingang eine Darstellung vom Tode Christi: das erquickte +ihre Seele: sie warf sich vor dem in Marmor gehauenen +Kreuze nieder, faßte es mit beiden Händen und betete +ruhig mit geschlossenen Augen, während die Wasser stiegen +und stiegen: schon rauschten sie an den Stufen der Galerie. +</p> + +<p> +»Beten willst du, Mörderin? Hinweg von dem Kreuz!« +rief Gothelindis grimmig, »denk’ an die drei Herzoge!« +Und plötzlich begannen alle die Delphine und Tritonen auf +der rechten Seite des Achtecks Ströme heißen Wassers auszuspeien: +weißer Dampf quoll aus den Röhren. +</p> + +<p> +Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite +der Galerie: »Gothelindis, ich vergebe dir! töte mich, aber +verzeih’ auch du meiner Seele.« Und das Wasser stieg +und stieg: schon schwoll es über die oberste Stufe und +drang langsam auf den Boden der Galerie. »Ich dir vergeben? +Niemals! Denk’ an Eutharich!« – +</p> + +<pb n='358'/><anchor id='Pg358'/> + +<p> +Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden +Wasserstrahlen auf Amalaswintha. Sie flüchtete nun in +die Mitte, gerade dem Medusenhaupt gegenüber, die einzige +Stelle, wohin kein Strahl der Wasserröhren reichte. +</p> + +<p> +Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrücke erstieg, +konnte sie noch einige Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis +schien dies zu erwarten und sich an der verlängerten Qual +weiden zu wollen: schon brauste das Wasser auf dem +Marmorboden der Galerie und bespülte die Füße der +Gefangenen; rasch flog sie die braunglänzenden Staffeln +hinan und lehnte sich an die Brüstung der Brücke: »Höre +mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! nicht für mich, – +für mein Volk, für unser Volk: – Petros will es verderben +und Theodahad ...« – +</p> + +<p> +»Ja, ich wußte, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner +Seele! Verzweifle! Es ist verloren! Diese thörichten Goten, +die jahrhundertelang den Balten die Amaler vorgezogen, +sie sind verkauft und verraten von dem Haus der Amaler: +Belisarius naht und niemand ist, der sie warnt.« +</p> + +<p> +»Du irrst, Teufelin, sie <hi rend='gesperrt'>sind</hi> gewarnt. Ich, ihre +Königin, habe sie gewarnt. Heil meinem Volk! Verderben +seinen Feinden und Gnade meiner Seele!« +</p> + +<p> +Und mit raschem Sprung stürzte sie sich hoch von der +Brüstung in die Fluten, die sich brausend über ihr schlossen. +</p> + +<p> +Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer +gestanden. »Sie ist verschwunden,« sagte sie. Dann schaute +sie in die Flut: obenauf schwamm das Brusttuch Amalaswinthens. +»Noch im Tode überwindet mich dieses Weib,« +sagte sie langsam: »wie lang war der Haß und wie kurz +die Rache!« +</p> + +</div><div n="7" type="kapitel"> +<pb n='359'/><anchor id='Pg359'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Siebentes Kapitel.</head> + +<p> +Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu +Ravenna in dem Gemach des Gesandten von Byzanz eine +Anzahl von vornehmen Römern, geistlichen und weltlichen +Standes versammelt – auch die Bischöfe Hypatius und +Demetrius aus dem Ostreich weilten bei ihm. +</p> + +<p> +Große Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach +aus allen Gesichtern, als der gewandte Rhetor seine Ansprache +mit folgenden Worten schloß: »Deshalb, ihr ehrwürdigen +Bischöfe des Westreichs und des Ostreichs und +ihr edeln Römer, hab’ ich euch hierher beschieden. Laut +und feierlich lege ich vor euch im Namen meines Kaisers +Verwahrung ein gegen alle Thaten der Arglist und Gewalt, +die im geheimen gegen die hohe Frau verübt werden mögen. +</p> + +<p> +Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: +wohl mit Gewalt hinweggeführt aus eurer Mitte: sie, die +von jeher die Freundin, die Beschützerin der Italier gewesen. +Verschwunden ist am gleichen Tage die Königin, ihre grimme +Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt nach allen Richtungen, +noch bin ich ohne Nachricht! aber wehe, wenn ... –« +</p> + +<p> +Er konnte nicht vollenden. +</p> + +<p> +Dumpfes Geräusch scholl von dem Forum des Herkules +herauf, bald hörte man hastige Schritte im Vestibulum, +der Vorhang ward zurückgeschlagen und ins Gemach eilte +staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten: +»Herr,« rief er, »sie ist tot! sie ist ermordet!« +</p> + +<p> +»Ermordet!« scholl es in der Runde. +</p> + +<p> +»Durch wen?« fragte Petros. +</p> + +<p> +»Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.« +</p> + +<p> +»Wo ist die Leiche? Wo die Mörderin?« +</p> + +<p> +»Gothelindis giebt vor, die Fürstin sei im Bad ertrunken, +<pb n='360'/><anchor id='Pg360'/>unkundig mit den Wasserkünsten spielend. Aber man weiß, +daß sie ihrem Opfer von hier auf dem Fuße nachgefolgt. +Römer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, die +Leiche in feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Königin +floh vor der Rache des Volks in das feste Schloß von +Feretri.« +</p> + +<p> +»Genug,« rief Petros entrüstet, »ich eile zum König +und fordre euch auf, ihr edeln Männer, mir zu folgen. +Auf euer Zeugnis will ich mich berufen vor Kaiser Justinian.« +Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten nach +dem Palast. +</p> + +<p> +Sie fanden auf den Straßen eine Menge Volks in +Bestürzung und Entrüstung hin- und herwogend: die +Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von Haus +zu Haus. +</p> + +<p> +Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen +der Stadt erkannte, öffnete sich die Menge vor ihnen, +schloß sich aber dicht hinter ihnen wieder und flutete nach +auf dem Wege in den Palast, von dessen Thoren sie kaum +abgehalten wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl +und der Lärm des Volkes: auf dem Forum des Honorius +drängten sich die Ravennaten zusammen, die mit der Trauer +um ihre Beschützerin schon die Hoffnung vereinten, bei +diesem Anlaß die Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das +Erscheinen des kaiserlichen Gesandten steigerte diese Hoffnung +und der Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr +eine Richtung, die keineswegs bloß Theodahad und Gothelindis +bedrohte. +</p> + +<p> +Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das +Gemach des hilflosen Königs, den mit seiner Gattin alle +Kraft des Widerstandes verlassen hatte: er zagte vor der +Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach +Petros gesendet, von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da +<pb n='361'/><anchor id='Pg361'/>ja dieser es gewesen, der mit Gothelindis den Untergang +der Fürstin beschlossen und die Art der Ausführung beraten +hatte: er sollte ihm jetzt auch die Folgen der That tragen +helfen. Als daher der Byzantiner auf der Schwelle erschien, +eilte er, beide Arme ausbreitend, auf ihn zu: aber erstaunt +blieb er plötzlich stehen: erstaunt über die Begleitung, noch +mehr erstaunt über die finster drohende Miene des Gesandten. +</p> + +<p> +»Ich fordre Rechenschaft von dir, König der Goten,« +rief dieser schon an der Thüre, »Rechenschaft im Namen +von Byzanz für die Tochter Theoderichs. Du weißt, Kaiser +Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: jedes +Haar ihres Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe +ihres Blutes. Wo ist Amalaswintha?« +</p> + +<p> +Der König sah ihn staunend an. Er bewunderte diese +Verstellungskunst. Aber er begriff ihren Zweck nicht. Er +schwieg. +</p> + +<p> +»Wo ist Amalaswintha?« wiederholte Petros, drohend +vortretend und sein Anhang folgte ihm einen Schritt. +</p> + +<p> +»Sie ist tot,« sagte Theodahad, ängstlich werdend. +</p> + +<p> +»Ermordet ist sie,« rief Petros, »so ruft ganz Italien, +ermordet von dir und deinem Weibe. Justinian, mein +hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser Frau, er wird +ihr Rächer sein: Krieg künd’ ich dir in seinem Namen an, +Krieg gegen euch, ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch +und euer ganz Geschlecht.« +</p> + +<p> +»Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht!« wiederholten +die Italier, fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks +und den alten, langgenährten Haß entzügelnd; und +wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden König. +</p> + +<p> +»Petros,« stammelte dieser entsetzt, »du wirst gedenken +des Vertrages, du wirst doch ... –« +</p> + +<p> +Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem +<pb n='362'/><anchor id='Pg362'/>Mantel und riß sie mitten durch. »Zerrissen ist jedes +Band zwischen meinem Kaiser und deinem blutbefleckten +Haus. Ihr selber habt durch eure Greuelthat alle Schonung +verwirkt, die man euch früher gewährt. Nichts von Verträgen. +Krieg!« +</p> + +<p> +»Um Gott,« jammerte Theodahad, »nur nicht Krieg +und Kampf! Was forderst du, Petros?« +</p> + +<p> +»Unterwerfung! Räumung Italiens! Dich selber und +Gothelindis lad’ ich zum Gericht nach Byzanz vor den Thron +Justinians, dort ... –« +</p> + +<p> +Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des +gotischen Kriegshorns und in das Gemach eilte mit gezogenen +Schwertern eine starke Schar gotischer Krieger, +von Graf Witichis geführt. +</p> + +<p> +Die gotischen Führer hatten sofort auf die Nachricht +von Amalaswinthens Untergang die tüchtigsten Männer +ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung vor die Porta +romana beschieden und dort Maßregeln der Sicherung und +der Gerechtigkeit beraten. Zur rechten Zeit erschienen sie +jetzt auf dem Forum des Honorius, wo der Auflauf immer +drohender wurde: schon blinkte hier und dort ein Dolch, +schon ertönte manchmal der Ruf: »Wehe den Barbaren!« +</p> + +<p> +Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten +sofort, als nun die verhaßten Goten in geschlossenem +Zug von dem Forum des Herkules her durch +die Via palatina anrückten: ohne Widerstand zogen sie quer +durch die grollenden Haufen und indessen Graf Teja und +Hildebad die Thore und die Terrasse des Palastes besetzten, +waren Graf Witichis und Hildebrand gerade rechtzeitig im +Gemache des Königs angelangt, die letzten Worte des +Gesandten noch zu hören. Ihr Zug stellte sich in einer +Schwenkung rechts vom Thronsitz des Königs, zu dem dieser +zurückgewichen war: und Witichis, auf sein langes Schwert +<pb n='363'/><anchor id='Pg363'/>gestützt, trat hart vor den Griechen hin und sah ihm scharf +ins Auge. +</p> + +<p> +Eine erwartungsvolle Pause trat ein. +</p> + +<p> +»Wer wagt es,« fragte Witichis ruhig, »hier den Herrn +und Meister zu spielen im Königshaus der Goten?« +</p> + +<p> +Von seiner Überraschung sich erholend entgegnete Petros: +»Es steht dir übel an, Graf Witichis, Mörder zu +beschützen. Ich hab’ ihn nach Byzanz geladen vor Gericht.« +</p> + +<p> +»Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge?« rief +der alte Hildebrand zornig. +</p> + +<p> +Aber das böse Gewissen band dem Könige die Stimme. +</p> + +<p> +»So müssen wir statt seiner sprechen,« sagte Witichis. +»Wisse, Grieche, vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren +Ravennaten: das Volk der Goten ist frei und +erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter über sich.« +</p> + +<p> +»Auch nicht für Mord und Blutschuld?« +</p> + +<p> +»Wenn schwere Thaten unter uns geschehn, richten und +strafen wir sie selbst. Den Fremdling geht das nichts an, +am wenigsten unsern Feind, den Kaiser in Byzanz.« +</p> + +<p> +»Mein Kaiser wird diese Frau rächen, die er nicht +retten konnte. Liefert die Mörder aus nach Byzanz.« +</p> + +<p> +»Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige +unsern König,« sprach Witichis. +</p> + +<p> +»So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg +erklär’ ich euch, im Namen meines Herrn. Erbebt vor +Justinian und Belisar.« +</p> + +<p> +Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die +Antwort. Der alte Hildebrand trat ans Fenster und rief +zu den unten stehenden Goten hinab: »Hört, ihr Goten, +frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.« +</p> + +<p> +Da brach unten ein Getöse los, wie wenn das Meer +entfesselt über seine Dämme bricht, die Waffen klirrten und +tausend Stimmen jubelten: »Krieg, Krieg mit Byzanz!« +</p> + +<pb n='364'/><anchor id='Pg364'/> + +<p> +Dieser Wiederhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros +und die Italier: das Ungestüm solcher Begeisterung erschreckte +sie: schweigend sahen sie vor sich nieder. Während +die Goten sich glückwünschend die Hände schüttelten, trat +Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart neben +Petros und sprach feierlich: »Also Krieg! Wir scheuen ihn +nicht: – du hast es gehört. Besser offner Kampf als die +langjährige, lauernde, wühlende Feindschaft. Der Krieg +ist gut: aber wehe dem Frevler, der ohne Recht und ohne +Grund den Krieg beginnt. Ich sehe Jahre voraus, viele +Jahre von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte +Saaten, rauchende Städte, zahllose Leichen die Ströme +hinabschwimmen. Hört unser Wort: auf euer Haupt dies +Blut, dies Elend. Ihr habt geschürt und gereizt jahrelang: +– wir haben’s ruhig getragen. Und jetzt habt <hi rend='gesperrt'>ihr</hi> +den Krieg hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten +habt, ohne Grund euch mischend in das Leben eines Volkes, +das so frei wie ihr: auf euer Haupt die Schuld. Dies +unsre Antwort nach Byzanz.« +</p> + +<p> +Schweigend hörte Petros diese Worte an, schweigend +wandte er sich und schritt mit seinen italischen Freunden +hinaus. Einige von diesen gaben ihm das Geleit bis in +seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia. +</p> + +<p> +»Ehrwürdiger Freund,« sagte er zu diesem beim Abschied, +»die Briefe Theodahads in der bewußten Sache, +die ihr mir zur Einsicht anvertraut, mußt du mir ganz +belassen. Ich bedarf ihrer und für deine Kirche sind sie +nicht mehr nötig.« – »Der Prozeß ist längst entschieden,« +erwiderte der Bischof, »und die Güter unwiderruflich erworben. +Die Dokumente sind dein.« – +</p> + +<p> +Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die +ihn bald mit dem kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen +hofften, und eilte in sein Gemach, wo er zuerst einen +<pb n='365'/><anchor id='Pg365'/>Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen Angriff +aufzufordern. +</p> + +<p> +Darauf schrieb er einen ausführlichen Bericht an den +Kaiser, der mit folgenden Worten schloß: »Und so scheinst +du, o Herr, wohl Grund zu haben, mit den Diensten +deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der +Lage der Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien +zerspalten: auf dem Thron ein verhaßter Fürst, unfähig +und treulos: die Feinde sonder Rüstung überrascht: die italische +Bevölkerung überall für dich gewonnen: – es kann +nicht fehlen: wenn keine Wunder geschehen, müssen die Barbaren +fast ohne Widerstand erliegen. +</p> + +<p> +Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, +dessen Stolz das Recht, als Schirmherr und Rächer der +Gerechtigkeit auf: – es ist ein geistvoller Zufall, daß die +Triere, die mich trägt, den Namen »Nemesis« führt. +</p> + +<p> +Nur das Eine betrübt mich unendlich, daß es meinem +treuen Eifer nicht gelungen, die unselige Tochter Theoderichs +zu retten. Ich flehe dich an, meiner hohen Herrin, der +Kaiserin, die mir niemals gnädig gesinnt war, wenigstens +zu versichern, daß ich allen ihren Aufträgen bezüglich der +Fürstin, deren Schicksal sie mir noch in der letzten Unterredung +als Hauptsorge ans Herz legte, aufs treueste nachzukommen +suchte. +</p> + +<p> +Auf die Anfrage bezüglich Theodahads und Gothelindens, +deren Hilfe uns das Gotenreich in die Hände liefert, wage +ich es, der hohen Kaiserin mit der ersten Regel der Klugheit +zu antworten: es ist zu gefährlich, die Mitwisser unsrer +tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.« +</p> + +<p> +Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischöfe +Hypatius und Demetrius voraus. Sie sollten nach +Brundusium und von da über Epidamnus auf dem Landweg +nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen +<pb n='366'/><anchor id='Pg366'/>Tagen folgen, langsam die gotische Küste des jonischen +Meerbusens entlang fahrend, überall die Stimmung der +Bevölkerung in den Hafenstädten zu prüfen und zu schüren. +</p> + +<p> +Dann sollte er um den Peloponnes und Euböa her +nach Byzanz segeln: denn die Kaiserin hatte ihm den Seeweg +vorgeschrieben und ihm Aufträge für Athen und Lampsakos +erteilt. +</p> + +<p> +Er überrechnete schon vor der Abreise von Ravenna +mit vergnügten Sinnen immer wieder seine Wirksamkeit in +Italien und den Lohn, den er dafür in Byzanz erwartete. +</p> + +<p> +Er kehrte zurück, noch einmal so reich als er gekommen. +</p> + +<p> +Denn er hatte der Königin Gothelindis nie eingestanden, +daß er mit dem Auftrag, Amalaswintha zu verderben, +ins Land gekommen. Er hatte ihr vielmehr lange die +Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin entgegengehalten +und sich nur mit Widerstreben durch sehr hohe +Summen von ihr für den Plan gewinnen lassen, in welchem +er sie doch nur als Werkzeug brauchte. Er erwartete +in Byzanz mit Sicherheit die versprochene Würde des Patriciats +und freute sich schon, seinem hochmütigen Vetter +Narses, der ihn nie befördert hatte, nun bald in gleichem +Range gegenüberzutreten. +</p> + +<p> +»So ist denn alles nach Wunsch gelungen,« sagte er +selbstzufrieden, während er seine Briefschaften ordnete: »und +diesmal, du stolzer Freund Cethegus, hat sich die Verschmitztheit +doch trefflich bewährt. Und der kleine Rhetor +aus Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen +kleinen, leisen Schritten, denn du mit deinem stolzen, herausfordernden +Gang. Nur muß noch dafür gesorgt werden, +daß Theodahad und Gothelindis nicht nach Byzanz an den +Hof entrinnen: wie gesagt, das wäre zu gefährlich: vielleicht +hat die Frage der klugen Kaiserin eine Warnung +<pb n='367'/><anchor id='Pg367'/>sein sollen. Nein, dieses Königspaar muß verschwinden +aus unsern Wegen.« +</p> + +<p> +Und er ließ den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, +und nahm Abschied von ihm. Dabei übergab er ihm eine +dunkle, schmale Vase von der Form derer, die zur Aufbewahrung +von Urkunden dienten: er versiegelte den Deckel +mit seinem Ring, der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, +und schrieb einen Namen auf die daran hängende Wachstafel. +»Diesen Mann,« sagte er dem Gastfreund, »suche +auf bei der nächsten Versammlung der Goten zu Regeta +und übergieb ihm die Vase: was sie enthält ist sein. Leb +wohl, auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.« Und er +verließ mit seinen Sklaven das Haus und bestieg alsbald +das Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen hoch gehoben +trug ihn die »Nemesis« dahin. – +</p> + +<p> +Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz +näherte, von Lampsakos aus hatte er – auch dies hatte +die Kaiserin gewünscht – seine baldige Ankunft durch einen +kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden lassen, +überflog des Gesandten Auge erwartungsvoll die schönen +Landhäuser, die marmorweiß aus den Schatten immergrüner +Gärten blinkten. +</p> + +<p> +»Hier wirst du künftig wohnen, unter den Senatoren +des Reichs,« sprach wohlgefällig Petros. +</p> + +<p> +Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die »Thetis«, +das prachtvolle Lustboot der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie +es des Gesandten Galeere erkannte die Purpurwimpel +entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg +an Bord der Galeere ein Bote der Kaiserin: es war +Alexandros, der frühere Gesandte am Hof von Ravenna. +</p> + +<p> +Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, +in das dieser einen erschrockenen Blick warf: dann wandte +er sich zu Petros: »Im Namen des Kaisers Justinian! +<pb n='368'/><anchor id='Pg368'/>Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenfälschung +und Steuerunterschlagung lebenslänglich zu den Metallarbeiten +in den Bergwerken von Cherson bei den ultziagirischen +Hunnen verurteilt. Du hast die Tochter Theoderichs +ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser hätte dich durch +deinen Brief für entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin, +untröstlich über den Untergang ihrer königlichen Schwester, +hat deine alte Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein Brief +des Präfekten von Rom an diesen hat dargethan, daß du +mit Gothelindis geheim der Königin Verderben geplant. +Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin überzeugt. Dein +Vermögen ist eingezogen: die Kaiserin aber läßt dir sagen,« +– hier flüsterte er in des Zerschmetterten Ohr, – »du +habest in deinem klugen Brief ihr selbst den Rat erteilt, +Mitwisser von Geheimnissen zu verderben. Trierarch, du +führst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.« +</p> + +<p> +Und Alexandros ging auf die »Thetis« zurück. +</p> + +<p> +Die »Nemesis« aber drehte rauschend ihr Steuer, +wandte dem Hafen von Byzanz den Rücken und trug den +Sträfling für immer aus dem Leben der Menschen. +</p> +</div><div n="8" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Achtes Kapitel.</head> + +<p> +Wir haben Cethegus den Präfekten seit seiner Abreise +nach Rom aus den Augen verloren. +</p> + +<p> +Er hatte daselbst in den Wochen der erzählten Ereignisse +die eifrigste Thätigkeit entfaltet: denn er erkannte, +daß die Dinge jetzt zur Entscheidung drängten; er konnte +ihr getrost entgegensehen. +</p> + +<p> +Ganz Italien war einig in dem Haß gegen die +<pb n='369'/><anchor id='Pg369'/>Barbaren: und wer anders vermochte es, der Kraft dieses +Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das Haupt der +Katakombenverschwörung und der Herr von Rom. +</p> + +<p> +Das war er durch die jetzt völlig ausgebildeten und +ausgerüsteten Legionare und durch die nahezu vollendete +Befestigung der Stadt, an der er in den letzten Monaten +Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war +es ihm zuletzt noch gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges +Auftreten der byzantinischen Macht in seinem Italien, die +Hauptgefahr, die seinen ehrgeizigen Plänen gedroht, abzuwenden: +durch zuverlässige Kundschafter hatte er erfahren, +daß die byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei Sicilien +geankert, sich wirklich von Italien hinweggewandt und +der afrikanischen Küste genähert habe, wo sie die Seeräuberei +zu unterdrücken beschäftigt schien. +</p> + +<p> +Freilich sah Cethegus voraus, daß es zu einer Landung +der Griechen in Italien kommen werde: er konnte derselben +als einer Nachhilfe nicht entbehren. +</p> + +<p> +Aber alles war ihm daran gelegen, daß dies Auftreten +des Kaisers eben nur eine Nachhilfe bleibe: und deshalb +mußte er, ehe ein Byzantiner den italischen Boden betreten, +eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft veranlaßt und +zu solchen Erfolgen geführt haben, daß die spätere Mitwirkung +der Griechen nur als eine Nebensache erschien und +mit der Anerkennung einer losen Oberhoheit des Kaisers +abgelohnt werden konnte. +</p> + +<p> +Und er hatte zu diesem Zweck seine Pläne trefflich vorbereitet. +</p> + +<p> +Sowie der letzte römische Turm unter Dach, sollten +die Goten in ganz Italien an einem Tag überfallen, mit +einem Schlag alle festen Plätze, Burgen und Städte, Rom, +Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und +waren die Barbaren ins flache Land hinausgeworfen, so +<pb n='370'/><anchor id='Pg370'/>stand nicht mehr zu fürchten, daß sie bei ihrer großen +Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Stärke +der italischen Festen diese und damit die Herrschaft über +die Halbinsel wieder gewinnen würden. +</p> + +<p> +Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die +Goten vollends über die Alpen zu drängen: und Cethegus +wollte schon dafür sorgen, daß diese Befreier ebenfalls +keinen Fuß in die wichtigsten Festungen setzen sollten, um +sich ihrer später unschwer wieder entledigen zu können. +</p> + +<p> +Dieser Plan setzte nun aber voraus, daß die Goten +durch die Erhebung Italiens überrascht würden. Wenn +der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon ausgesprochen +war, dann natürlich ließen sich die Barbaren die +in Kriegsstand gesetzten Städte nicht durch einen Handstreich +entreißen. Da nun aber Cethegus, seit er die Sendung +des Petros durchschaut hatte, bei jeder Gelegenheit Justinians +Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten +mußte, da es kaum noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden +von Italien, beschloß er, keinen Augenblick mehr +zu verlieren. +</p> + +<p> +Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen +Roms eine allgemeine Versammlung der Verschworenen +in den Katakomben anberaumt, in der das mühsam und +erfindungsreich vorbereitete Werk gekrönt, der Augenblick +des Losschlagens bestimmt und Cethegus als Führer dieser +rein italischen Bewegung bezeichnet werden sollte. Er +hoffte sicher, den Widerstand der Bestochenen oder Furchtsamen, +die nur für und mit Byzanz zu handeln geneigt +waren, durch die Begeisterung der Jugend zu überwältigen, +wenn er diese sofort in den Kampf zu führen versprach. +</p> + +<p> +Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens +Ermordung, von der Verwirrung und Spaltung +der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der Präfekt +<pb n='371'/><anchor id='Pg371'/>die Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch +der einzige noch unfertige Turm des aurelischen Thores +unter Dach: Cethegus führte die letzten Hammerschläge: +ihm war dabei, er höre die Streiche des Schicksals von +Rom und von Italien dröhnen. +</p> + +<p> +Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von +Arbeitern in dem Theater des Pompejus gab, hatten sich +auch die meisten der Verschworenen eingefunden und der +Präfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine unbegrenzte +Beliebtheit im Volk zu zeigen. Auf die jüngeren unter +den Genossen machte dies freilich den Eindruck, welchen er +gewünscht hatte; aber ein Häuflein, dessen Mittelpunkt +Silverius war, zog sich mit finstern Mienen von den +Tischen zurück. +</p> + +<p> +Der Priester hatte seit lange eingesehen, daß Cethegus +nicht bloß Werkzeug sein wollte, daß er eigene Pläne verfolgte, +die der Kirche und seinem persönlichen Einfluß sehr +gefährlich werden konnten. Und er war entschlossen, den +kühnen Verbündeten zu stürzen, sobald er entbehrt werden +konnte; es war ihm nicht schwer geworden, die Eifersucht +so manches Römers gegen den Überlegenen im geheimen +zu schüren. +</p> + +<p> +Die Anwesenheit aber zweier Bischöfe aus dem Ostreich, +Hypatius von Ephesus und Demetrius von Philippi, +die in Glaubensfragen öffentlich mit dem Papst, aber geheim +mit König Theodahad, in Unterstützung des Petros, +in Politik verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, +um mit Theodahad und mit Byzanz in enge Verbindung +zu treten. +</p> + +<p> +»Du hast recht, Silverius,« murrte Scävola im Hinausgehen +aus dem Thor des Theaters, »der Präfekt ist +Marius und Cäsar in Einer Person.« – »Er verschwendet +diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm +<pb n='372'/><anchor id='Pg372'/>nicht zu sehr trauen,« warnte der geizige Albinus. – »Lieben +Brüder,« mahnte der Priester, »sehet zu, daß ihr nicht +einen unter euch lieblos verdammet. Wer solches thäte, +wäre des höllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht +unser Freund die Fäuste der Handwerker wie die Herzen +seiner jungen »Ritter«: es ist das gut, er kann dadurch +die Tyrannei zerbrechen ... –« +</p> + +<p> +»Aber dadurch auch eine neue aufrichten,« meinte Calpurnius. +</p> + +<p> +»Das soll er nicht, wenn Dolche noch töten, wie in +Brutus’ Tagen,« sprach Scävola. +</p> + +<p> +»Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer:« +sagte Silverius, »je näher der Tyrann, desto drückender +die Tyrannei: je ferner der Herrscher, desto erträglicher +die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Präfekten ist +aufzuwiegen durch das schwerere des Kaisers.« +</p> + +<p> +»Jawohl,« stimmte Albinus bei, der große Summen +von Byzanz erhalten hatte, »der Kaiser muß der Herr +Italiens werden.« – »Das heißt,« beschwichtigte Silverius +den unwillig auffahrenden Scävola, »wir müssen den Präfekten +durch den Kaiser, den Kaiser durch den Präfekten +niederhalten. Siehe, wir stehen an der Schwelle meines +Hauses. Laßt uns eintreten. Ich habe geheim euch mitzuteilen, +was heute Abend in der Versammlung kund werden +soll. Es wird euch überraschen. Aber andre Leute +noch mehr.« +</p> + +<p> +Inzwischen war auch der Präfekt von dem Gelage nach +Hause geeilt, sich in einsamem Sinnen zu seinem wichtigen +Werke zu bereiten. Nicht seine Rede überdachte er: wußte +er doch längst was er zu sagen hatte und, ein glänzender +Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, +überließ er den Ausdruck gern dem Antrieb des +Augen<pb n='373'/><anchor id='Pg373'/>blicks, wohl wissend, daß das eben frisch aus der Seele geschöpfte +Wort am lebendigsten wirkt. +</p> + +<p> +Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft +schlug hohe Wellen. +</p> + +<p> +Er überschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele +hin gethan, seit zuerst dieses Ziel mit dämonischer Gewalt +ihn angezogen: er erwog die kurze Strecke, die noch zurückzulegen +war: er überzählte die Schwierigkeiten, die Hindernisse, +die noch auf diesem Wege lagen und ermaß dagegen +die Kraft seines Geistes, sie zu überwinden: und das +Ergebnis dieses prüfenden Wägens erzeugte in ihm eine +Siegesfreude, die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff. +</p> + +<p> +Mit gewaltigen Schritten durchmaß er das Gemach. +</p> + +<p> +Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der +Stunde beginnender Schlacht: er umgürtete sich mit dem +breiten, siegreichen Schwert seiner Kriegsfahrten und drückte +krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, jetzt gegen zwei +Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu erkämpfen. +Dann trat er der Cäsarstatue gegenüber und sah +ihr lange in das schweigende Marmorantlitz. Endlich ergriff +er mit beiden Händen die Hüften des Imperators +und rüttelte an ihnen: »lebwohl,« sagte er, »und gieb +mir dein Glück mit auf den Weg. – Mehr brauch’ ich +nicht.« +</p> + +<p> +Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache +und durch das Atrium hinaus auf die Straße, wo ihn +schon die ersten Sterne begrüßten. +</p> + +<p> +Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an +diesem Abend in den Katakomben eingefunden: waren doch +durch ganz Italien die Ladungen zu dieser Versammlung +als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf +den Wunsch des Präfekten besonders alle strategisch wichtigen +Punkte vertreten: von den starken Grenzhüterinnen +<pb n='374'/><anchor id='Pg374'/>Tridentum, Tarvisium und Verona, die das Eis der Alpen +schauen, bis zu Otorantum und Consentia, welche die laue +Welle des ausonischen Meeres bespült, hatten sie alle ihre +Boten zugesendet, jene berühmten Städte Siciliens und +Italiens mit den stolzen, den schönen, den weltgeschichtlichen +Namen: Syrakusä und Catana, Panormus und Messana, +Regium, Neapolis und Cumä, Capua und Beneventum, +Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus +und Spoletum, Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, +Florentia und Fäsulä, Pisa, Luca, Luna und Genua, +Ariminum, Cäsena, Faventia und Ravenna, Parma, Dertona +und Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum +(Pavia), Mediolanum, Comum und Bergamum, Asta und +Pollentia: dann von der Nord- und Ostküste des jonischen +Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und +Salona. +</p> + +<p> +Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut +in dem Rat ihrer Städte, deren Häupter ihre Ahnen seit +Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute, breitschultrige +Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spöttische Rhetoren: +und namentlich eine große Anzahl von Geistlichen jedes +Ranges und jedes Alters: die einzige fest organisierte Macht +und Silverius unbedingt gehorsam. +</p> + +<p> +Wie Cethegus, noch hinter der Mündung des schmalen +Ganges verborgen, die Massen in dem Halbrund der +Grotte übersah, konnte er sich eines verächtlichen Lächelns +nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. Außer +der allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch +bei weitem nicht stark genug war, schwere politische Pläne +mit Opfern und Entsagungen zu tragen, – welch’ verschiedene +und oft welch’ kleine Motive hatten diese Verschwornen +hier zusammengeführt! +</p> + +<p> +Cethegus kannte die Beweggründe der einzelnen genau: +<pb n='375'/><anchor id='Pg375'/>hatte er sie doch durch Bearbeitung ihrer schwächsten Seiten +beherrschen gelernt. Und er mußte zuletzt noch froh darum +sein: echte Römer hätte er nie, wie diese Verschworenen, so +völlig unter seinen Einfluß gebracht. +</p> + +<p> +Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese +Patrioten, und bedachte, wie den einen die Hoffnung auf +einen Titel von Byzanz, den andern plumpe Bestechung, +einen dritten Rachsucht wegen irgend einer Beleidigung +oder auch nur die Langeweile oder Schulden oder ein +schlechter Streich unter die Unzufriedenen geführt: und +wenn er sich nun vorstellte, daß er mit solchen Bundesgenossen +den gotischen Heermännern entgegentreten sollte, +– da erschrak er fast über die Vermessenheit seines Planes. +</p> + +<p> +Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme +des Lucius Licinius seinen Blick auf die Schar der jungen +»Ritter« lenkte, denen wirklich kriegerischer Muth und nationale +Begeisterung aus den Augen sprühte: so hatte er +doch einige verlässige Waffen. – +</p> + +<p> +»Gegrüßt, Lucius Licinius,« sprach er aus dem Dunkel +des Ganges hervortretend. »Ei, du bist ja gerüstet und +gewaffnet, als ging es von hier gegen die Barbaren.« +</p> + +<p> +»Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Haß +und vor Freude,« sagte der schöne Jüngling. »Sieh, +alle diese hier hab’ ich für dich, für das Vaterland geworben.« +</p> + +<p> +Cethegus blickte grüßend umher: +</p> + +<p> +»Auch du hier, Kallistratos, – du heitrer Sohn des +Friedens?« +</p> + +<p> +»Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in +der Stunde der Gefahr,« sagte der Hellene und legte die +weiße Hand auf das zierliche Schwert mit dem Griff von +Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte sich +zu den andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, +<pb n='376'/><anchor id='Pg376'/>die, seit den Floralien ganz von dem Präfekten gewonnen, +ihre Brüder, Vettern, Freunde mitgebracht hatten. Prüfend +flog sein Blick über die Gruppe, er schien einen aus +diesem Kreise zu vermissen. Lucius Licinius erriet seine +Gedanken: »Du suchst den schwarzen Korsen, Furius Ahalla? +</p> + +<p> +Auf den kannst du nicht zählen. Ich holte ihn von +weitem aus, aber er sprach: »ich bin ein Korse, kein +Italier: mein Handel blüht unter gotischem Schutz: laßt +mich aus eurem Spiel.« Und als ich weiter in ihn drang +– denn ich gewönne gern sein kühnes Herz und die vielen +Tausende von Armen, über die er gebeut – sprach er +kurz abweisend: »ich fechte nicht gegen <anchor id="corr376"/><corr sic="Totila.«">Totila.««</corr> +</p> + +<p> +»Die Götter mögen wissen, was den tigerwilden Korsen +an jenen Milchbart bindet,« meinte Piso. +</p> + +<p> +Cethegus lächelte, aber er furchte die Stirn. »Ich +denke, wir Römer genügen,« sprach er laut: und das Herz +der Jünglinge schlug. +</p> + +<p> +»Eröffne die Versammlung,« mahnte Scävola unwillig +den Archidiakon, »du siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; +er wird sie alle gewinnen. Unterbrich ihn: rede.« +</p> + +<p> +»Sogleich. Bist du gewiß, daß Albinus kommt?« +</p> + +<p> +»Er kommt; er erwartet den Boten am appischen +Thor.« +</p> + +<p> +»Wohlan,« sagte der Priester, »Gott mit uns!« Und +er trat in die Mitte der Rotunde, erhob ein schwarzes +Kreuz und begann: »Im Namen des dreieinigen Gottes! +Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der +Nacht zu den Werken des Lichts. Vielleicht zum letztenmal: +denn wunderbar hat der Sohn Gottes, dem die +Ketzer die Ehre weigern, unsere Mühen zu seiner Verherrlichung, +zur Vernichtung seiner Feinde gesegnet. Nächst +Gott dem Herrn aber gebührt der höchste Dank dem edeln +Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin, die mit +<pb n='377'/><anchor id='Pg377'/>thätigem Mitleid die Seufzer der leidenden Kirche vernehmen: +und endlich hier unsrem Freund und Führer, dem +Präfekten, der unablässig für unsres Herrn, des Kaisers +Sache, wirkt ...« – +</p> + +<p> +»Halt, Priester!« rief Lucius Licinius dazwischen, »wer +nennt den Kaiser von Byzanz hier unsern Herrn? wir +wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten! Frei +wollen wir sein!« – »Frei wollen wir sein,« wiederholte +der Chor seiner Freunde. +</p> + +<p> +»Frei wollen wir <hi rend='gesperrt'>werden</hi>!« fuhr Silverius fort. +»Gewiß. Aber das können wir nicht aus eigner Macht, +nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, geliebte +Jünglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkämpfer verehrt, +Cethegus, denke hierin anders. Justinian hat ihm +einen köstlichen Ring – sein Bild in Carneol – gesendet, +zum Zeichen, daß er billige, was der Präfekt für ihn, den +Kaiser, thue und der Präfekt hat den Ring angenommen: +sehet hier, er trägt ihn am Finger.« +</p> + +<p> +Betroffen und unwillig sahen die Jünglinge auf Cethegus. +Dieser trat schweigend in die Mitte. Eine peinliche +Pause entstand. +</p> + +<p> +»Sprich, Feldherr!« rief Lucius, »widerlege sie! Es +ist nicht wie sie sagen mit dem Ring.« +</p> + +<p> +Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: »Es ist +wie sie sagen: der Ring ist vom Kaiser und ich hab’ ihn +angenommen.« +</p> + +<p> +Lucius Licinius trat einen Schritt zurück. +</p> + +<p> +»Zum Zeichen?« fragte Silverius. +</p> + +<p> +»Zum Zeichen,« sprach Cethegus mit drohender Stimme, +»daß ich der herrschsüchtige Selbstling nicht bin, für den +mich einige halten, zum Zeichen, daß ich Italien mehr +liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf Byzanz und +wollte dem mächtigen Kaiser die Führerstelle abtreten: – +<pb n='378'/><anchor id='Pg378'/>darum nahm ich diesen Ring. Ich baue nicht mehr auf +Byzanz, das ewig zögert: deshalb hab’ ich diesen Ring +heute mitgebracht, ihn dem Kaiser zurückzustellen. Du, +Silverius, hast dich als den Vertreter von Byzanz erwiesen: +hier, gieb deinem Herrn sein Pfand zurück: er +säumt zu lang: sag’ ihm, Italien hilft sich selbst.« +</p> + +<p> +»Italien hilft sich selbst!« jubelten die jungen Ritter. +</p> + +<p> +»Bedenket, was ihr thut!« warnte mit verhaltnem +Zorn der Priester. »Den heißen Mut der Jünglinge begreif’ +ich, – aber daß meines Freundes, des gereiften +Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, – befremdet +mich. Bedenket die Zahl und wilde Kraft der +Barbaren! Bedenket, wie die Männer Italiens seit lange +des Schwertes entwöhnt, wie alle Zwingburgen des Landes +in der Hand ...« – +</p> + +<p> +»Schweig, Priester,« donnerte Cethegus, »das verstehst +du nicht! Wo es die Psalmen zu erklären gilt und die +Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da rede du: denn +solches ist dein Amt; wo’s aber Krieg und Kampf der +Männer gilt, laß jene reden, die den Krieg verstehen. +Wir lassen dir den ganzen Himmel – laß uns nur die +Erde. Ihr römischen Jünglinge, ihr habt die Wahl. +Wollt ihr abwarten, bis dieses wohlbedächtige Byzanz sich +doch vielleicht Italiens noch erbarmt – ihr könnt müde +Greise werden bis dahin – oder wollt ihr, nach alter +Römer Art, die Freiheit mit dem eignen Schwert erkämpfen? +Ihr wollt’s, ich seh’s am Feuer eurer Augen. +Wie? man sagt uns, wir sind zu schwach, Italien zu befreien? +Ha, seid ihr nicht die Enkel jener Römer, die den +Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe, Mann für +Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: +Decius, Corvinus, Cornelius, Valerius, Licinius: – wollt +ihr mit mir das Vaterland befreien?« +</p> + +<pb n='379'/><anchor id='Pg379'/> + +<p> +»Wir wollen es! Führe uns, Cethegus!« riefen die +Jünglinge begeistert. +</p> + +<p> +Nach einer Pause begann der Jurist: »Ich heiße +Scävola. Wo römische Heldennamen aufgerufen werden, +hätte man auch des Geschlechts gedenken mögen, in dem +das Heldentum der Kälte erblich ist. Ich frage dich, du +jugendheißer Held Cethegus, hast du mehr als Träume +und Wünsche, wie diese jungen Thoren, hast du einen +Plan?« – +</p> + +<p> +»Mehr als das, Scävola, ich habe und halte den Sieg. +Hier ist die Liste fast aller Festungen Italiens: an den +nächsten Iden, in dreißig Tagen also, fallen sie, alle, auf +Einen Schlag, in meine Hand.« +</p> + +<p> +»Wie? dreißig Tage sollen wir noch warten?« fragte +Lucius. +</p> + +<p> +»Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Städte +wieder erreicht, bis meine Eilboten Italien durchflogen +haben. Ihr habt über vierzig Jahre warten müssen!« +</p> + +<p> +Aber der ungeduldige Eifer der Jünglinge, den er +selbst geschürt, wollte nicht mehr ruhen: sie machten verdroßne +Mienen zu dem Aufschub – sie murrten. +</p> + +<p> +Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der +Stimmung. »Nein, Cethegus,« rief er, »solang kann nicht +mehr gezögert werden! Unerträglich ist dem Edeln die +Tyrannei: Schmach dem, der sie länger duldet als er muß. +Ich weiß euch bessern Trost, ihr Jünglinge! Schon in den +nächsten Tagen können die Waffen Belisars in Italien +blitzen.« +</p> + +<p> +»Oder sollen wir vielleicht,« fragte Scävola, »Belisar +nicht folgen, weil er nicht Cethegus ist?« +</p> + +<p> +»Ihr sprecht von Wünschen,« lächelte dieser, »nicht von +Wirklichem. Landete Belisar, ich wäre der erste mich +ihm anzuschließen. Aber er wird nicht landen. Das ist’s +<pb n='380'/><anchor id='Pg380'/>ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser hält +nicht Wort.« +</p> + +<p> +Cethegus spielte ein sehr kühnes Spiel. Aber er konnte +nicht anders. +</p> + +<p> +»Du könntest irren und der Kaiser früher sein Wort +erfüllen, als du meinst. Belisar liegt bei Sicilien.« +</p> + +<p> +»Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause +gewendet. Hofft nicht mehr auf Belisar.« +</p> + +<p> +Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange und +eilfertig stürzte Albinus herein: +</p> + +<p> +»Triumph,« rief er, »Freiheit, Freiheit!« +</p> + +<p> +»Was bringst du?« fragte freudig der Priester. +</p> + +<p> +»Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den +Krieg erklärt.« +</p> + +<p> +»Freiheit, Krieg!« jauchzten die Jünglinge. +</p> + +<p> +»Es ist unmöglich!« sprach Cethegus, tonlos. +</p> + +<p> +»Es ist gewiß!« rief eine andre Stimme vom Gange +her – es war Calpurnius, der jenem auf dem Fuß gefolgt +– »und mehr als das: der Krieg ist begonnen. +Belisar ist gelandet auf Sicilien, bei Catana: Syrakusä, +Messana sind ihm zugefallen, Panormus hat er mit der +Flotte genommen, er ist übergesetzt nach Italien, von +Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.« +</p> + +<p> +»Freiheit!« rief Marcus Licinius. +</p> + +<p> +»Überall fällt ihm die Bevölkerung zu. Aus Apulien, +aus Calabrien flüchten die überraschten Goten, unaufhaltsam +dringt er durch Bruttien und Lucanien gen Neapolis.« +</p> + +<p> +»Es ist erlogen, alles erlogen!« sagte Cethegus mehr +zu sich selbst als zu den andern. +</p> + +<p> +»Du scheinst nicht sehr erfreut über den Sieg der guten +Sache. Aber der Bote ritt drei Pferde zu Tod. Belisar +ist gelandet mit dreißigtausend Mann.« – »Ein +Ver<pb n='381'/><anchor id='Pg381'/>räter, wer noch zweifelt,« sprach Scävola. – »Nun laß +sehen,« höhnte Silverius, »ob du dein Wort halten wirst. +Wirst du der erste von uns sein, dich Belisar anzuschließen?« +</p> + +<p> +Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine +ganze Welt, <hi rend='gesperrt'>seine</hi> Welt. So hatte er denn umsonst, nein, +schlimmer als das, für einen verhaßten Feind alles gethan, +was er gethan. +</p> + +<p> +Belisar in Italien mit einem starken Heere und er +getäuscht, machtlos, überwunden! Wohl jeder andre hätte +jetzt alles weitre Streben ermüdet aufgegeben. In des +Präfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung. +Sein ganzer Riesenbau war eingestürzt: noch betäubte der +Schlag sein Ohr und schon hatte er beschlossen, im selben +Augenblick ihn von neuem zu beginnen: seine Welt war +versunken, und er hatte nicht Muße ihr einen Seufzer +nachzusenden: denn aller Augen hingen an ihm. Er beschloß, +eine zweite zu schaffen. +</p> + +<p> +»Nun! was wirst du thun?« wiederholte Silverius. +</p> + +<p> +Cethegus würdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung +gewendet sprach er mit ruhiger Stimme: »Belisar +ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich gehe in +sein Lager.« Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen +Ganges, gefaßten Angesichts, an Silverius und dessen +Freunden vorüber. +</p> + +<p> +Silverius wollte ein Wort des Hohnes flüstern: aber +er verstummte, da ihn der Blick des Präfekten traf: »Frohlocke +nicht, Priester,« schien er zu sagen, »diese Stunde wird +dir vergolten.« +</p> + +<p> +Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn. – – +</p> + +</div><div n="9" type="kapitel"> +<pb n='382'/><anchor id='Pg382'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Neuntes Kapitel.</head> + +<p> +Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie +Italiern, gleich unerwartet gekommen. +</p> + +<p> +Denn die letzte Bewegung Belisars nach Südosten +hatte alle Erwartungen von der kaiserlichen Flotte in die +Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden war nur +Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf +von Neapolis die Regierung zu Ravenna gewarnt und um +Vollmachten, um Mittel zur Verteidigung Siciliens gebeten. +Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel genommen wurden, +das Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das +gerade in die lichten Kreise seines eignen Lebens zuerst +verhängnisvolle Schatten werfen und die Bande des Glückes +zerreißen sollte, mit welchen ein freundliches Schicksal +diesen Liebling der Götter bisher umwoben hatte. +</p> + +<p> +Denn in Bälde war es der unwiderstehlichen Anmut +seiner Natur gelungen, das edle, wenn auch strenge, Herz +des Valerius zu gewinnen. Wir haben gesehen, wie +mächtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die +Scheideworte der Gattin, die Offenheit Totilas schon in +jener Stunde der nächtlichen Überraschung auf den würdigen +Alten gewirkt. +</p> + +<p> +Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner +gewinnenden Güte, wurde von den Liebenden zu Hilfe +gerufen und ihren vereinten Einflüssen gab der Sinn des +Vaters allmählich nach. Dies war jedoch bei dem strengen +Römertum des Alten nur dadurch möglich, daß von allen +Goten Totila an Sinnesart, Bildung und Wohlwollen +den Römern am nächsten stand, so daß Valerius bald einsah, +er könne einen Jüngling nicht »barbarisch« schelten, +der besser als mancher Italier die Sprache, die Weisheit +<pb n='383'/><anchor id='Pg383'/>und die Schönheit der hellenischen und römischen Litteratur +kannte und würdigte, und, wie er seine Goten liebte, so +die Kultur der alten Welt bewunderte. +</p> + +<p> +Dazu kam endlich, daß im politischen Gebiet den alten +Römer und den jungen Germanen der gemeinsame Haß +gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen Heldenseele +Totilas in den tückischen Erbfeinden seiner Nation +die Mischung von Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkürlich +wie dem Lichte die Nacht verhaßt war, so war für +Valerius die ganze Tradition seiner Familie eine Anklage +gegen das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier +hatten von jeher zu der aristokratisch-republikanischen Opposition +wider das Cäsarentum gezählt. Und so mancher +der Ahnen hatte schon seit den Tagen des Tiberius die +alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebüßt und +besiegelt. Niemals hatten diese Geschlechter im Herzen die +Übertragung der Weltherrschaft von der Tiberstadt nach +Byzanz anerkannt: in dem byzantinischen Kaisertum erblickte +Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und um jeden +Preis wollte er die Habsucht, den Glaubenszwang, den +orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem Latium +fern halten. Es kam dazu, daß sein Vater und sein +Bruder bei einer Handelsreise durch Byzanz von einem +Vorgänger Justinians aus Habsucht waren festgehalten +und, wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwörung, +unter Konfiskation ihrer im Ostreich belegenen Güter, hingerichtet +worden, so daß den politischen Haß des Patrioten +mit aller Macht persönliche Schmerzen verstärkten. Er +hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwörung +einweihte, eifrig den Gedanken einer Selbstbefreiung +Italiens ergriffen, aber alle Annäherungen der kaiserlichen +Partei mit den Worten abgewiesen: »lieber den Tod als +Byzanz!« +</p> + +<pb n='384'/><anchor id='Pg384'/> + +<p> +So vereinten sich die beiden Männer in dem Entschluß, +keine Byzantiner in dem schönen Lande zu dulden, das +dem Goten kaum minder teuer war, als dem Römer. +</p> + +<p> +Die Liebenden hüteten sich, den Willen des Alten schon +jetzt zu einem bindenden Wort zu drängen; sie begnügten +sich für die Gegenwart mit der Freiheit des Umgangs, +die Valerius ihnen beließ und warteten ruhig ab, bis der +Einfluß allmählicher Gewöhnung ihn auch mit dem Gedanken +an ihre völlige Vereinigung befreunden würde. So +verlebten unsere jungen Freunde goldene Tage. +</p> + +<p> +Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glücke +die Freude an der wachsenden Neigung des Vaters zu +Totila: und Julius genoß jene weihevolle Erhebung, die +für edle Naturen in dem Überwinden eigner Schmerzen +um des Glückes geliebter Herzen willen liegt. +</p> + +<p> +Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie +nicht befriedigte Seele wandte sich mehr und mehr jener +Lehre zu, die den höchsten Frieden im Entsagen findet. +</p> + +<p> +Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria. +</p> + +<p> +Sie war der Ausdruck der echt römischen Ideale ihres +Vaters, der an der frühe verstorbnen Mutter Stelle ihre +ganze Erziehung geleitet und im geistigen und sittlichen +Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen Geistes ihr +angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei +dem Eintritt in das Leben durch eine äußere Nötigung +war zugewendet und später ebenso durch ein äußerliches +Mittel wieder war entrissen worden, erschien ihr als eine +gefürchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht, +die sie gleichwohl nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und +Gefühle zu scheiden vermochte. Als echte Römerin sah sie +auch nicht mit bangem Zagen, sondern mit freudigem +Stolz die kriegerische Begeisterung, die im Gespräch mit +<pb n='385'/><anchor id='Pg385'/>ihrem Vater über Byzanz und seine Feldherrn aus der +Seele Totilas leuchtete, den künftigen Helden verkündend. +</p> + +<p> +Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten +seine Kriegerpflicht plötzlich abrief aus den Armen +der Liebe und Freundschaft. Denn sowie die Flotte der +Byzantiner auf der Höhe von Syrakusä erschienen war, +loderte in dem jungen Goten der Gedanke, der Wunsch +des Krieges unauslöschlich empor. Als Befehlshaber des +unteritalischen Geschwaders lag ihm die Pflicht ob, die +Feinde zu beobachten, die Küste zu decken. Er setzte rasch +seine Schiffe in stand und segelte der griechischen Seemacht +entgegen, Erklärung heischend über den Grund ihres Erscheinens +in diesen Gewässern. +</p> + +<p> +Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf +von Petros feindlich aufzutreten, gab eine friedliche und +unanfechtbare Auskunft, die Unruhen in Afrika und Seeräubereien +mauretanischer Schiffe vorschützend. Mit dieser +Antwort mußte sich Totila begnügen: aber in seiner Seele +stand der Ausbruch des Krieges fest, vielleicht nur deshalb, +weil er ihn wünschte. Er traf daher alle Anstalten, schickte +warnende Boten nach Ravenna und suchte vor allem, das +wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu +decken, da die Landbefestigung der Stadt während des +langen Friedens vernachlässigt und der alte Uliaris, der +Stadtgraf von Neapolis, nicht aus seiner stolzen Sicherheit +und Griechenverachtung aufzurütteln war. +</p> + +<p> +Die Goten wiegten sich überhaupt in dem gefährlichen +Wahn, die Byzantiner würden gar nie wagen, sie anzugreifen: +und ihr verräterischer König bestärkte sie gern in +diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben deshalb +unbeachtet und es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein +ganzes Geschwader abgenommen und in den Hafen von +Ravenna zu angeblicher Ablösung beordert: aber die +<pb n='386'/><anchor id='Pg386'/>Schiffe, welche die abgesegelten ersetzen sollten, blieben +aus. +</p> + +<p> +Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, +mit welchen er, wie er den Freunden erklärte, die +Bewegungen der zahlreichen Griechenflotte nicht beobachten, +geschweige denn aufhalten konnte. Diese Mitteilungen bewogen +den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen +und seine reichen Besitzungen und Handelsniederlassungen +bei Regium, an der Südspitze der Halbinsel, aufzusuchen, +um die wertvollste Habe aus dieser Gegend, für die Totila +den ersten Angriff der Feinde besorgte, nach Neapolis zu +flüchten und überhaupt seine Anordnungen für den Fall +eines längeren Krieges zu treffen. Auf dieser Reise sollte +Julius ihn begleiten: und auch Valeria war nicht zu bewegen, +in der leeren Villa zurückzubleiben: von Gefahr +war, wie Totila versichert hatte, für die nächsten Tage +nichts zu fürchten. +</p> + +<p> +So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, +nach der Hauptvilla bei dem Passe Jugum nördlich von +Regium ab, die, unmittelbar am Meere gelegen, ja zum +Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus in +das Meer selbst »wagend hinausgebaut« war. +</p> + +<p> +Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine +Institoren hatten, sicher gemacht durch lange Abwesenheit +des Herrn, übel gewirtschaftet: und mit Unwillen erkannte +dieser, daß seine prüfende, ordnende, strafende Thätigkeit, +nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig +sein werde. +</p> + +<p> +Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila +schickte warnende Winke: aber Valeria erklärte, ihren Vater +in der Gefahr nicht verlassen zu können: und dieser verschmähte +es, vor den »Griechlein« zu flüchten, die er noch +mehr verachtete, als haßte. +</p> + +<pb n='387'/><anchor id='Pg387'/> + +<p> +Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote überrascht, +die fast gleichzeitig in den kleinen Hafen der Villa einliefen: +das eine trug Totila, das andre den Korsen Furius +Ahalla. Die Männer begrüßten sich überrascht, doch erfreut +als alte Bekannte und wandelten mit einander durch +die Taxus- und Lorbeergänge des Gartens zu der Villa +hinan. Hier trennten sie sich: Totila gab vor, seinen +Freund Julius besuchen zu wollen, indes den Korsen ein +Geschäft zu dem Kaufherrn führte, mit dem er seit Jahren +in einer für beide Teile gleich vorteilhaften Handelsverbindung +stand. +</p> + +<p> +Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, kühnen +und stattlich-schönen Seefahrer bei sich eintreten und nach +herzlicher Begrüßung wandten sich die beiden Handelsfreunde +ihren Büchern und Rechnungen zu. +</p> + +<p> +Nach kurzen Erörterungen erhob sich der Korse von +den Rechentafeln und sprach: »So siehst du, Valerius, aufs +neue hat Mercurius unser Bündnis gesegnet. Meine +Schiffe haben dir Purpur und köstlichen Wollstoff aus +Phönikien und aus Spanien zugeführt: und deine köstlichen +Fabrikate des verflossenen Jahres verführt nach Byzanz +und Alexandria, nach Massilia und Antiochia. Ein Centenar +Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird er +steigen und steigen von Jahr zu Jahr, solang die wackern +Goten den Frieden schirmen und die Rechtspflege im Abendland.« +Er schwieg wie abwartend. +</p> + +<p> +»Solang sie schirmen können!« seufzte Valerius, »solang +diese Griechen Frieden halten. Wer steht dafür, daß +uns nicht diese Nacht der Seewind die Flotte Belisars an +die Küste treibt!« +</p> + +<p> +»Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: +er ist mehr als wahrscheinlich, er ist gewiß.« +</p> + +<p> +»Furius,« rief der Römer, »woher weißt du das?« +</p> + +<pb n='388'/><anchor id='Pg388'/> + +<p> +»Ich komme von Afrika, von Sicilien. Ich habe die +Flotte des Kaisers gesehen: so rüstet man nicht gegen Seeräuber. +Ich habe die Heerführer Belisars gesprochen: sie +träumen Nacht und Tag von den Schätzen Italiens. +Sizilien ist zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.« +</p> + +<p> +Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte +es und fuhr fort: »Und deshalb vor allem bin ich hierher +geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird in dieser Gegend +landen und ich wußte, – daß deine Tochter dich begleitet.« +</p> + +<p> +»Valeria ist eine Römerin.« +</p> + +<p> +»Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. +Denn Hunnen, Massageten, Skythen, Avaren, Sclavenen +und Sarazenen sind es, die dieser Kaiser der Römer losläßt +auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches Kind +in ihre Hände fiele.« +</p> + +<p> +»Das wird sie nicht!« sagte Valerius, die Hand am +Dolch. »Aber du sprichst wahr – sie muß fort – in +Sicherheit.« – – »Wo ist in Italien Sicherheit? Bald +werden die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen +über Neapolis, – über Rom und kaum sich an Ravennas +Mauern brechen.« – Denkst du so groß von diesen +Griechen? Hat doch Griechenland nie etwas anderes nach +Italien geschickt als Mimen, Seeräuber und Kleiderdiebe!« +– »Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges. Jedenfalls +entbrennt ein Kampf, dessen Ende so mancher von euch +nicht erleben wird!« – »Von <hi rend='gesperrt'>euch</hi>, sagst du? wirst du +nicht mit kämpfen?« +</p> + +<p> +»Nein, Valerius! Du weißt, in meinen Adern fließt +nur korsisch Blut, trotz meines römischen Adoptivnamens: +ich bin nicht Römer, nicht Grieche, nicht Gote. Ich +wünsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung +halten zu Wasser und zu Land und weil mein Handel +blüht unter ihrem Scepter: aber wollt’ ich offen für sie +<pb n='389'/><anchor id='Pg389'/>fechten, – der Fiskus von Byzanz verschlänge, was irgend +von meinen Schiffen und Waren in den Häfen des Ostreichs +liegt, drei Viertel all’ meines Guts. Nein, ich gedenke mein +Eiland so zu befestigen, – du weißt ja, halb Korsika ist +mein – daß keine der kämpfenden Parteien mich viel +belästigen wird: meine Insel wird eine Friedensinsel sein, +während rings die Länder und Meere vom Krieg erdröhnen. +Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein König seine Krone, +wie ein Bräutigam die Braut – und deshalb« – seine +Augen funkelten und seine Stimme bebte vor Erregung – +»deshalb wollte ich jetzt, – heute – ein Wort aussprechen, +das ich seit Jahren auf dem Herzen trage« – – Er stockte. +</p> + +<p> +Valerius sah voraus, was kommen werde und sah es +mit tiefem Schmerz: seit Jahren hatte er sich in dem +Gedanken gefallen, sein Kind dem mächtigen Kaufherrn zu +vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen +Neigung er lange durchschaut. So lieb er in letzter Zeit +den jungen Goten gewonnen, er würde doch den langjährigen +Handelsgenossen als Eidam vorgezogen haben. +Und er kannte den unbändigen Stolz und die zornige +Rachsucht des Korsen: er fürchtete im Fall der Weigerung +die alte Liebe und Freundschaft alsbald in lodernden Haß +umschlagen zu sehen: man erzählte dunkle Geschichten von +der jähzornigen Wildheit des Mannes und gern hätte +Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurückweisung +erspart. +</p> + +<p> +Aber jener fuhr fort: »Ich denke, wir beide sind +Männer, die Geschäfte geschäftlich abthun. Und ich spreche, +nach altem Brauch, gleich mit dem Vater, nicht erst mit +der Tochter. Gieb mir dein Kind zur Ehe, Valerius: du +kennst zum Teil mein Vermögen – nur zum Teil: – +denn es ist viel größer als du ahnst. Zur Widerlage der +Mitgift geb’ ich, wie groß sie sei, das doppelte ...« – +</p> + +<pb n='390'/><anchor id='Pg390'/> + +<p> +»Furius!« unterbrach der Vater. +</p> + +<p> +»Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib +beglücken mag. Jedenfalls kann ich sie beschützen, wie kein +andrer in diesen drohenden Zeiten: ich führe sie, wird +Korsika bedrängt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach +Afrika; an jeder Küste erwartet sie nicht ein Haus, ein +Palast. Keine Königin soll sie beneiden. Ich will sie hoch +halten: – höher als meine Seele.« Er hielt inne, sehr +erregt, wie auf rasche Antwort wartend. +</p> + +<p> +Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: – es +war nur eine Sekunde: aber der Anschein nur, daß sich +der Vater besinne, empörte den Korsen. Sein Blut kochte +auf, sein schönes bronzefarbenes Antlitz, eben noch beinahe +weich und mild, nahm plötzlich einen furchtbaren Ausdruck +an: dunkelrote Glut schoß in die braunen Wangen. +»Furius Ahalla,« sprach er rasch und hastig, »ist nicht +gewöhnt, zweimal zu bieten. Man pflegt meine Ware aufs +erste Angebot mit beiden Händen zu ergreifen –: nun +biete ich mich selbst: – ich bin, bei Gott, nicht schlechter +als mein Purpur« – +</p> + +<p> +»Mein Freund,« hob der Alte an, »wir leben nicht +mehr in der Zeit alten, strengen Römerbrauchs: der neue +Glaube hat den Vätern fast das Recht genommen, die +Töchter zu vergeben. Mein Wille würde sie dir und +keinem andern geben, aber ihr Herz« ... – +</p> + +<p> +»Sie liebt einen andern!« knirschte der Korse, »wen?« +Und seine Faust fuhr an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler +keinen Augenblick mehr atmen. Es lag etwas vom +Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden +Auges. Valerius empfand, wie tödlich dieser Haß und +wollte den Namen nicht nennen. – »Wer kann es sein?« +fragte halblaut der Wütende. »Ein Römer? Montanus? +<pb n='391'/><anchor id='Pg391'/>Nein! O nur – nur nicht er – sag’ nein, Alter, nicht +Er« .. – Und er faßte ihn am Gewande. +</p> + +<p> +»Wer? wen meinst du?« +</p> + +<p> +»Der mit mir landete – der Gote: doch ja: er muß +es sein, es liebt ihn ja alles: – Totila!« +</p> + +<p> +»Er ist’s!« sagte Valerius und suchte begütigend seine +Hand zu fassen. +</p> + +<p> +Doch mit Schrecken ließ er sie los: ein zuckender Krampf +rüttelte den ehernen Leib des starken Korsen: er streckte +beide Hände starr vor sich hin als wollte er den Schmerz, +der ihn quälte, erwürgen. Dann warf er das Haupt in +den Nacken und schlug sich die beiden geballten Fäuste +grausam gegen die Stirn, den Kopf schüttelnd und laut +auflachend. +</p> + +<p> +Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten +die gepreßten Hände langsam herab und zeigten ein aschenfahles +Antlitz. »Es ist aus,« sagte er dann mit bebender +Stimme. »Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll +nicht glücklich werden im Weibe. Schon einmal, – hart +vor der Erfüllung –! Und jetzt, – ich weiß es, – +Valerias Seelenzucht und klare Ruhe hätte auch in mein +wild schäumendes Leben rettenden Frieden gebracht: – ich +wäre anders geworden, – – besser. Und sollte es nicht +sein« – hier funkelte sein Auge wieder – »nun, so wär’ +es fast das gleiche Glück gewesen, den Räuber dieses Glücks +zu morden. Ja, in seinem Blute hätte ich gewühlt und +von der Leiche die Braut hinweggerissen – und nun ist +Er es! +</p> + +<p> +Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet – und +welchen Dank« – – – Und er schwieg, mit dem Haupte +nickend und wie verloren in Erinnerung. »Valerius,« rief +er dann plötzlich sich aufraffend, »ich weiche keinem Mann +auf Erden: – ich hätt’ es nicht getragen, hinter einem +<pb n='392'/><anchor id='Pg392'/>andern zurückzustehen – doch Totila! – Es sei ihr vergeben, +daß sie mich ausschlägt, weil sie Totila gewählt. +Leb wohl, Valerius, ich geh’ in See, nach Persien, Indien +– ich weiß nicht, wohin – ach überallhin nehm’ ich diese +Stunde mit.« Und rasch war er hinaus und gleich darauf +entführte ihn sein pfeilgeschwindes Bot dem kleinen Hafen +der Villa. – +</p> + +<p> +Seufzend verließ Valerius das Gemach, seine Tochter +zu suchen. Er traf im Atrium auf Totila, der sich schon +wieder verabschiedete. Er war nur gekommen, zu rascher +Rückreise nach Neapolis zu treiben. +</p> + +<p> +Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet +und kreuze bei Panormus: jeden Tag könne die Landung +auf Sicilien, in Italien selbst erfolgen und trotz all’ seines +Dringens sende der König keine Schiffe. In den nächsten +Tagen wolle er selbst nach Sicilien, sich Gewißheit zu +schaffen. Die Freunde seien daher hier völlig unbeschützt: +und er beschwor den Vater Valerias, sofort auf dem Landwege +nach Neapolis heimzukehren. Aber den alten Soldaten +empörte es, vor den Griechen flüchten zu sollen: vor drei +Tagen könne und wolle er nicht weichen von seinen Geschäften, +und kaum war er von Totila zu bestimmen, eine +Schar von zwanzig Goten zur notdürftigsten Deckung +anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg Totila in seinen +Kahn und ließ sich an Bord des Wachschiffes zurückbringen. +</p> + +<p> +Es war dunkler Abend geworden als er dort ankam, +ein Nebelschleier verhüllte die Dinge in nächster Nähe. +</p> + +<p> +Da scholl Ruderschlag von Westen her und ein Schiff, +kenntlich an der roten Leuchte an dem hohen Mast, bog +um die Spitze eines kleinen Vorgebirges. +</p> + +<p> +Totila lauschte und fragte seine Wachen: »Segel zur +Linken! was für Schiff? was für Herr?« +</p> + +<pb n='393'/><anchor id='Pg393'/> + +<p> +»Schon angezeigt vom Mastkorb:« – hallte es wieder +– »Kauffahrer – Furius Ahalla – lag hier vor Anker.« +</p> + +<p> +»Fährt wohin?« +</p> + +<p> +»Nach Osten – nach Indien!« – +</p> +</div><div n="10" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Zehntes Kapitel.</head> + +<p> +Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische +Bedeckung geschickt, hatte Valerius endlich seine Geschäfte +beendet und auf den andern Morgen die Abreise festgesetzt. +Er saß mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und +sprach von den Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die +des jungen Helden Kriegesdurst doch wohl unterschätzt +habe: es war dem Römer ein unerträglicher Gedanke, daß +»Griechen« das teure Italien in Waffen betreten sollten. +»Auch ich wünsche den Frieden,« sprach Valeria, nachsinnend +– »und doch –« »Nun?« fragte Valerius. +»Ich bin gewiß, du würdest,« vollendete das Mädchen, »im +Krieg erst Totila so lieben lernen, wie er es verdient: er +würde für mich streiten und für Italien.« – »Ja,« sagte +Julius, »es steckt in ihm ein Held und Größeres als das.« +– »Ich kenne nichts Größeres,« antwortete Valerius. +</p> + +<p> +Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende +Schritte und der junge Thorismuth, der Anführer der +zwanzig Goten und Totilas Schildträger, trat hastig ein. +</p> + +<p> +»Valerius,« sprach er schnell, »laß die Wagen anschirren, +– die Sänften in den Hof – ihr müßt fort.« +</p> + +<p> +Die Drei sprangen auf: »Was ist geschehn – sind sie +gelandet?« – »Rede,« sprach Julius, »was macht dich +besorgt?« – »Für mich nichts,« lachte der Gote, »und +<pb n='394'/><anchor id='Pg394'/>euch wollt ich nicht früher schrecken als unvermeidlich. Aber +ich darf nicht mehr schweigen – gestern früh spülte die +Flut eine Leiche ans Land ... –« +</p> + +<p> +»Eine Leiche?« – »Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft +– es war Alb, der Steuermann auf Totilas +Schiff.« Valeria erbleichte, aber erbebte nicht. »Das kann +ein Zufall sein – er ist ertrunken.« – »Nein,« sagte der +Gote fest, »er ist nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner +Brust.« – »Das deutet auf einen Kampf zur See! Nicht +auf mehr!« meinte Valerius. »Aber heute –« +</p> + +<p> +»Heute?« fragte Julius. – »Heute sind alle Landleute +ausgeblieben, die sonst täglich von Regium hier durch nach +Colum gehen. Auch ein Reiter, den ich auf Kundschaft +nach Regium schickte, ist nicht zurückgekommen.« – »Beweist +noch immer nichts,« sprach Valerius eigensinnig. – +Sein Herz sträubte sich gegen den Gedanken einer Landung +der Verhaßten solang als möglich – »oft schon hat die +Brandung die Straße gesperrt.« +</p> + +<p> +»Aber als ich selbst soeben auf der Straße nach Regium +vorging und das Ohr auf die Erde legte, hörte ich +die Erde zittern unter dem Hufschlag von vielen Rossen, +die in rasender Eile nahen. Ihr müßt fliehn.« +</p> + +<p> +Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die +an den Pfeilern des Gemaches hingen, Valeria legte schwer +atmend die Hand aufs Herz: »Was ist zu thun?« fragte sie. +</p> + +<p> +»Besetzt den Engpaß von Jugum,« befahl Valerius, +»in den die Straße längs der Küste verläuft: er ist schmal; +er ist lange zu halten.« – »Er ist schon besetzt von acht +meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde sitzt, die +Hälfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.« +</p> + +<p> +Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, stürzte ein +gotischer Krieger, mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: +»flieht,« rief er, »sie sind da!« – »Wer ist da, Gelaris?« +<pb n='395'/><anchor id='Pg395'/>fragte Thorismuth. – »Die Griechen! Belisar! der Teufel!« – +»Rede,« befahl Thorismuth. – »Ich kam bis in den Pinienwald +von Regium, ohne etwas Verdächtiges zu spüren, +freilich auch ohne einer Seele auf der Straße zu begegnen. +Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, eifrig +vorwärts spähend, fühle ich einen Ruck am Halse, als risse +mir ein Blitz den Kopf von den Schultern und im Nu +lag ich unter meinem Tier am Boden .... –« +</p> + +<p> +»Schlecht gesessen, o Gelaris!« schalt Thorismuth. – +»Jawohl, eine Roßhaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel +an den Kopf geschnellt, da fällt auch ein besserer Reitersmann +als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde – +Waldschraten oder Alraunen acht’ ich sie ähnlich – setzten +aus dem Busch über den Graben, banden mich auf mein +Pferd, nahmen mich zwischen ihre kleinen, zottigen Gäule +– und hui ...« – +</p> + +<p> +»Das sind die Hunnen Belisars!« rief Valerius. +</p> + +<p> +»Jagten sie mit mir davon. – Als ich wieder ganz +zu mir gekommen, war ich in Regium, mitten unter den +Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die Regentin ist ermordet, +der Krieg ist erklärt, die Feinde haben Sicilien +überrascht, die ganze Insel ist zum Kaiser abgefallen – –« +– »Und das feste Panormus?« +</p> + +<p> +»Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die +Mastkörbe waren höher als die Mauern der Stadt: von +den Masten schossen und sprangen sie herab.« – »Und +Syrakusä?« fragte Valerius. »Fiel durch Verrat der +Sicilianer – die Goten der Besatzung sind ermordet: in +Syrakusä ist Belisarius eingeritten unter einem Blumenregen, +als scheidender Konsul des Jahres – denn es war +am letzten Tage seines Konsulats – Goldmünzen streuend, +unter Händeklatschen alles Volks.« – »Und wo ist der +Seegraf? wo ist Totila?« – »Zwei seiner drei Schiffe +<pb n='396'/><anchor id='Pg396'/>sind in den Grund gebohrt, vom Schnabelstoße der Trieren. +Sein Schiff und noch eins: er sprang ins Meer mit voller +Rüstung – und ist – noch nicht – aufgefischt.« +</p> + +<p> +Da sank Valeria schweigend auf das Lager. +</p> + +<p> +»Der Griechenfeldherr,« fuhr der Bote fort, »landete +gestern in dunkler stürmischer Nacht bei Regium: die Stadt +hat ihn mit Jubel aufgenommen; er ordnet nur sein Heer, +dann solls im Fluge nach Neapolis gehen: seine Vorhut, +die gelbhäutigen Reiter, die mich eingebracht, mußten sogleich +wieder umkehren und den Paß gewinnen. Ich sollte +ihnen Führer dahin sein. Ich führte sie weit ab – nach +Westen – in den Meeressumpf und – entsprang ihnen +im Dunkel – des Abends – aber – sie schickten mir – +Pfeile nach – und einer traf – ich kann nicht mehr.« – +Und klirrend stürzte der Mann zu Boden. +</p> + +<p> +»Er ist verloren!« sprach Valerius, »sie führen vergiftetes +Geschoß! Auf, Julius und Thorismuth, ihr geleitet +mein Kind auf der Straße gen Neapolis: ich gehe in den +Paß und decke euch den Rücken.« Vergebens waren die +Bitten Valerias: Gesicht und Haltung des Alten nahmen +einen Ausdruck eisernen Entschlusses an. »Gehorcht!« befahl +er den Widerstrebenden, »ich bin der Herr dieses +Hauses, der Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen +Belisars fragen, was sie zu thun haben in meinem Vaterland. +Nein, Julius! Dich muß ich bei Valeria wissen – +lebet wohl.« +</p> + +<p> +Während Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und +mit den meisten der Sklaven spornstreichs auf der Straße +nach Neapolis hinwegeilte, stürmte Valerius mit Schild +und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum +Garten der Villa hinaus, nach dem Engpaß zu, der nicht +weit vor dem Anfang seiner Besitzungen die Straße nach +Regium überwölbte. +</p> + +<pb n='397'/><anchor id='Pg397'/> + +<p> +Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unübersteiglich +und zur Rechten, nach Süden, fielen jene Wände +senkrecht in das tiefe Meer, dessen Brandung oft die Straße +überflutete. Die Mündung des Passes aber war so schmal, +daß zwei nebeneinanderstehende Männer sie mit ihren +Schilden wie eine Pforte schließen konnten: so durfte Valerius +hoffen, den Paß auch gegen große Übermacht lang +genug zu decken, um den raschen Pferden der Fliehenden +hinlänglichen Vorsprung zu gewähren. Während der Alte +den schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und seinen +Weinbergen nach dem Engpaß hinzog, durch die mondlose +Nacht vorwärts eilte, bemerkte er zur Rechten, draußen, +in ziemlicher Entfernung vom Lande, im Meer den hellen +Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast +eines Schiffes niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die +Byzantiner zur See gegen Neapolis vorrücken? Sollten +sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses Rücken ans +Land werfen wollen? Aber würden sich dann nicht mehrere +Lichter zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf +seinen Befehl, aber schon mit sichtlichem Widerwillen, ihm +aus der Villa gefolgt waren. +</p> + +<p> +Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der +Nacht. Sie waren dem Herrn entwischt, sobald dieser ihrer +nicht mehr achtete. So kam Valerius allein an dem Engpaß +an, dessen hintere Mündung zwei der gotischen Wachen +besetzt hielten, während zwei andere den östlichen, dem +Feinde zugekehrten Eingang ausfüllten und die übrigen +vier in dem innern Raum hielten. Kaum war Valerius +dicht hinter die beiden vordersten Wächter getreten, als +man plötzlich ganz nahes Pferdegetrappel vernahm: und +alsbald bogen um die letzte Krümmung, welche die Straße +vor dem Paß um eine Felsennase machte, zwei Reiter im +vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in der Rechten: es +<pb n='398'/><anchor id='Pg398'/>warfen nur diese Fackeln Licht auf die nächtliche Scene: +denn die Goten vermieden alles, was ihre kleine Zahl +verraten konnte. »Beim Barte Belisars!« schalt der vorderste +der Reiter, in Schritt übergehend, »hier wird der +Katzensteig so schmal, daß kaum ein ehrlich Roß drauf +Platz hat, – und da kömmt noch ein Hohlweg oder – +halt, was rührt sich da?« Und er hielt sein Pferd an +und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, vorsichtig +nach vorn: so bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht +seiner Kienfackel ein bequemes Ziel. +</p> + +<p> +»Wer ist da?« rief er seinem Begleiter nochmals zu. +</p> + +<p> +Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten +Panzerringe in seine Brust. »Feinde, weh!« schrie der +Sterbende und stürzte rücklings aus dem Sattel. »Feinde, +Feinde!« rief der Mann hinter ihm, schleuderte die verderbliche +Fackel weit von sich ins Meer, warf sein Pferd +herum und jagte zurück, während das Tier des Gefallenen +ruhig stehen blieb bei der Leiche seines Herrn. +</p> + +<p> +Nichts hörte man jetzt in der Stille der Nacht als +den Hufschlag des enteilenden Rosses, und, zur Rechten +des Passes, den leisen Schlag der Wellen am Fuße der +Felswand. Den Männern im Engpaß schlug das Herz in +Erwartung. »Jetzt bleibt kalt, ihr Männer,« mahnte +Valerius, »lasse sich keiner aus dem Passe locken. Ihr in +der ersten Reihe schließt die Schilde fest aneinander und +streckt die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr +drei im Rücken reicht uns die Speere und habt acht auf +alles –.« +</p> + +<p> +»Herr,« rief der Gote, der hinter dem Passe auf der +Straße stand, »das Licht! das Schiff nähert sich immer +mehr.« +</p> + +<p> +»Hab’ acht und ruf’ es an, wenn –« +</p> + +<p> +Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die +<pb n='399'/><anchor id='Pg399'/>beiden Späher gebildet hatten: es war ein Trupp von +fünfzig hunnischen Reitern, mit einigen Fackeln. Wie sie +um die Krümmung des Weges bogen, erhellte sich die +Scene mit wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel. +</p> + +<p> +»Hier war es, Herr!« sprach der entkommene Reiter, +»seht euch vor.« – »Schafft den Toten zurück und das +Roß!« sprach eine rauhe Stimme und der Anführer, eine +Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor. +</p> + +<p> +»Halt!« rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, »wer +seid ihr und was wollt ihr?« – »Das habe ich zu fragen!« +entgegnete der Führer der Reiter in derselben Sprache. +– »Ich bin ein römischer Bürger und verteidige mein +Vaterland gegen Räuber.« +</p> + +<p> +Der Anführer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel +die ganze Örtlichkeit besehen: sein geübtes Auge erkannte +die Unmöglichkeit, links oder rechts den Engpaß zu umgehen +und zugleich die Enge seiner Mündung. »Freund,« +sagte er etwas zurückweichend, »so sind wir Bundesgenossen. +Auch wir sind Römer und wollen Italien von seinen +Räubern befreien. Also gieb Raum und laß uns durch.« +Valerius, der in jeder Weise Zeit gewinnen wollte, sprach: +»Wer bist du und wer sendet dich?« – »Ich heiße Johannes: +die Feinde Justinians nennen mich »den blutigen«: +und ich führe die leichten Reiter Belisars. Alles Land +von Regium bis hierher hat uns mit Jubel aufgenommen: +hier ist das erste Hemmnis; längst wären wir weiter, +hätt’ uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten +Sumpf geführt, drin je ein guter Gaul versank. Köstliche +Zeit ging uns verloren. Halt’ uns nicht auf! Leben und +Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du uns +führen willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betäubt: +sie dürfen sich nicht besinnen, bis wir vor Neapolis +stehen, ja vor Rom. »Johannes,« sprach Belisar zu mir, +<pb n='400'/><anchor id='Pg400'/>»da ich’s dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor mir +her durch dieses Land zu fegen, befehl ich’s dir.« Also +fort und laßt uns durch –.« Und er spornte sein +Pferd. +</p> + +<p> +»Sag Belisar, solange Cnejus Valerius lebt, soll er +keinen Fuß breit vorwärts in Italien. Zurück, ihr Räuber!« +– »Verrückter Mensch! du hältst es mit den Goten gegen +uns?« – »Mit der Hölle –, wenn gegen euch.« +</p> + +<p> +Der Führer warf nochmals prüfende Blicke nach rechts +und links: »Höre,« sprach er, »du kannst uns hier wirklich +eine Weile aufhalten. Nicht lang. Weichst du, so +sollst du leben. Weichst du nicht, so laß ich dich erst +schinden und dann pfählen!« Und er hob die Fackel, nach +einer Blöße spähend. +</p> + +<p> +»Zurück,« rief Valerius. »Schieß’, Freund!« Und +eine Sehne klirrte und ein Pfeil schlug an den Helm des +Reiters. »Warte!« rief dieser und spornte sein Tier zurück. +»Absitzen,« befahl er, »alle Mann!« Aber die Hunnen +trennten sich nicht gern von ihren Rossen. »Wie, Herr? +absitzen?« fragte einer der nächsten. Da schlug ihm Johannes +mit der Faust ins Gesicht. Der Mann rührte sich +nicht. »Absitzen!« donnerte er noch mal; »wollt ihr zu +Pferde in das Mauseloch schlüpfen?« Und er selbst schwang +sich aus dem Sattel: »Sechs steigen auf die Bäume und +schießen von oben. Sechs legen sich auf die Erde, kriechen +an den Seiten der Straße vor und schießen im Liegen. +Zehn schießen stehend, auf Brusthöhe. Zehn hüten die +Pferde; die andern zwanzig folgen mir mit dem Speer, +sowie die Sehnen geschwirrt. Vorwärts.« Und er gab +die Fackel ab und ergriff eine Lanze. +</p> + +<p> +Während die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte +Johannes noch einmal den Paß. »Ergebt euch!« rief er +– »Kommt an,« riefen die Goten. +</p> + +<pb n='401'/><anchor id='Pg401'/> + +<p> +Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten +zugleich. +</p> + +<p> +Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten +fiel: einer der Schützen auf den Bäumen hatte ihn in die +Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit dem vorgehaltenen +Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, +den wütenden Anprall des anstürmenden Johannes aufzuhalten, +der mit der Lanze in die Lücke rannte. Er fing +den Lanzenstoß mit dem Schilde und schlug nach dem +Byzantiner, der nahe vor dem Eingang zurückprallte, +strauchelte und niederfiel; die Hunnen hinter ihm wichen zurück. +</p> + +<p> +Da konnte sich’s der Gote neben Valerius nicht versagen, +den feindlichen Führer unschädlich zu machen: er +sprang mit gezücktem Speer aus dem Engpaß einen Schritt +vorwärts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell +hatte er sich aufgerafft, den überraschten Goten von der +Straßenwand zur Rechten des Felsenpasses hinabgestoßen, +und im selben Augenblick stand er an der rechten, schildlosen +Seite des Valerius, der die wieder vordringenden +Hunnen abwehrte, und stieß diesem mit aller Kraft das +lange Persermesser in die Weichen. +</p> + +<p> +Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei +hinter ihm stehenden Goten, Johannes, der schon in das +Innere des Passes gedrungen war, mit ihren Schildschnäbeln +wieder zurück- und hinauszustoßen. Er ging +zurück, einen neuen Pfeilregen zu befehlen. +</p> + +<p> +Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mündung, +der dritte hielt den blutenden Valerius in seinen +Armen. +</p> + +<p> +Da stürzte die Wache von der Rückseite in den Engpaß: +»Das Schiff! Herr – das Schiff! sie sind gelandet: +sie fassen uns im Rücken! Flieht, wir wollen euch tragen +– ein Versteck in den Felsen.« – +</p> + +<pb n='402'/><anchor id='Pg402'/> + +<p> +»Nein,« sprach Valerius, sich aufrichtend, »hier will ich +sterben; stemme mein Schwert gegen die Wand und« – +</p> + +<p> +Aber da schmetterte von der Rückseite her laut der +Ruf des gotischen Heerhorns: Fackeln blitzten und eine +Schar von dreißig Goten stürmte in den Paß: Totila an +ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: »Zu spät, +zu spät!« rief er schmerzlich. »Aber folgt mir! Rache! +hinaus!« +</p> + +<p> +Und wütend brach er mit seinem speeretragenden Fußvolk +aus dem Paß. Und schrecklich war der Zusammenstoß +auf der schmalen Straße zwischen Felsen und Meer. +Die Fackeln erloschen in dem Getümmel und der anbrechende +Morgen gab nur ein graues Licht. Die Hunnen, +obwohl an Zahl den kühnen Angreifern überlegen, waren +durch den plötzlichen Ausfall völlig überrascht: sie glaubten, +ein ganzes Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, +ihre Rosse zu gewinnen und zu entfliehen; aber die Goten +erreichten mit ihnen zugleich die Stelle, wo die ledigen +Tiere hielten: und in wirrem Knäuel stürzte Mann und +Roß die Felsen hinab. +</p> + +<p> +Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden +Leute ein: ihr Schwall warf ihn zu Boden, er raffte sich +wieder auf und sprang den nächsten Goten an. Aber er +kam übel an: es war Totila, er erkannte ihn. »Verfluchter +Flachskopf,« schrie er, »so bist du nicht ersoffen?« +</p> + +<p> +»Nein, wie du siehst!« rief dieser und schlug ihm das +Schwert durch den Helmkamm und noch ein Stück in den +Schädel, daß er taumelte. Da war aller Widerstand zu +Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nächsten seiner +Reiter auf ein Pferd und jagten mit ihm davon. Der +Kampfplatz war geräumt. +</p> + +<p> +Totila eilte nach dem Hohlweg zurück. Er fand +Valerius, bleich, mit geschlossenen Augen, das Haupt auf +<pb n='403'/><anchor id='Pg403'/>seinen Schild gelegt. Er warf sich zu ihm nieder und +drückte die erstarrende Hand an seine Brust. »Valerius,« +rief er, »Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. +Noch ein Wort des Abschieds.« Der Sterbende schlug +matt die Augen auf. +</p> + +<p> +»Wo sind sie?« fragte er. »Geschlagen und geflohn.« +– »Ah, Sieg!« atmete Valerius auf; »ich darf im Siege +sterben. Und Valeria – mein Kind – sie ist gerettet?« +</p> + +<p> +»Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer +entkommen, eilte ich hierher, Neapolis zu warnen, euch zu +retten. Nahe der Straße, zwischen deinem Hause und +Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr +deine Gefahr; eins meiner Schiffsboote nahm sie auf und +führt sie nach Neapolis: mit dem andern eilte ich hierher +dich zu retten – ach nur zu rächen!« Und er senkte das +Haupt auf des Sterbenden Brust. +</p> + +<p> +»Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, +mein Sohn, dir, dank’ ich es.« Und wohlgefällig streichelte +er die langen Locken des Jünglings. »Und auch Valerias +Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens Rettung. +Du bist der Held, auch dieses Land zu retten, – trotz +Belisar und Narses. Du kannst es, – du wirst es – +und dein Lohn sei mein geliebtes Kind.« – »Valerius! +Mein Vater!« – »Sie sei dein! Aber schwöre mir’s,« +– und er richtete sich empor mit letzter Kraft und sah +ihm scharf ins Auge – »schwöre mir’s beim Genius +Valeria’s: nicht eher wird sie dein, als bis Italien frei +ist und keine Scholle seines heiligen Bodens mehr einen +Byzantiner trägt.« +</p> + +<p> +»Ich schwör’ es dir,« rief Totila, begeistert seine Rechte +fassend, »ich schwör’s beim Genius Valerias!« +</p> + +<p> +»Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben: +– grüße sie und sage ihr: dir hab’ ich sie empfohlen und +<pb n='404'/><anchor id='Pg404'/>anvertraut: sie – und Italien.« Und er legte das Haupt +zurück auf seinen Schild und kreuzte die Arme über der +Brust – und war tot. +</p> + +<p> +Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner +Brust. +</p> + +<p> +Ein blendendes Licht weckte ihn plötzlich aus seinem +Träumen: es war die Morgensonne, deren goldne Scheibe +prächtig über den Kamm des Felsgebirges emportauchte: +er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die +Fluten glitzerten in hellem Widerschein und ein Schimmer +flog über alles Land. +</p> + +<p> +»Beim Genius Valerias!« <anchor id="corr404"/><corr sic="widerholte">wiederholte</corr> er leise mit +innigster Empfindung und hob die Hand zum Schwur dem +Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er Kraft und +Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelübde: die +hohe Pflicht erhob ihn. Gekräftigt wandte er sich zurück +und befahl, die Leiche auf sein Schiff zu tragen, um sie +nach dem Grabmal der Valerier in Neapolis zu führen. +</p> +</div><div n="11" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Elftes Kapitel.</head> + +<p> +Während dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich +auch die Goten nicht völlig müßig geblieben. Doch +waren alle Maßregeln kraftvoller Abwehr gelähmt, ja absichtlich +vereitelt durch den feigen Verrat ihres Königs. +</p> + +<p> +Theodahad hatte sich von seiner Bestürzung über die +Kriegserklärung des byzantinischen Gesandten alsbald wieder +erholt, da er sich nicht von der Überzeugung trennen +konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt, +um den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes +<pb n='405'/><anchor id='Pg405'/>zu decken. Er hatte ja Petros nicht mehr allein gesprochen: +und dieser mußte doch vor Goten und Römern einen Vorwand +haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. Das +Auftreten dieses Mannes war ja das längst verabredete +Mittel zur Durchführung der geheimen Pläne. Den Gedanken, +Krieg führen zu sollen, – von allen ihm der unerträglichste! +– wußte er sich dadurch fern zu halten, daß +er weislich überlegte, zum Kriegführen gehören zwei. +»Wenn ich mich nicht verteidige,« dachte er, »ist der Angriff +bald vorüber. Belisar mag kommen: – ich will +nach Kräften dafür sorgen, daß er auf keinen Widerstand +stößt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern +könnte. Berichtet der Feldherr im Gegenteil +nach Byzanz, daß ich seine Erfolge in jeder Weise befördert, +so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag ganz +oder doch zum größten Teil zu erfüllen.« +</p> + +<p> +In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkräfte +der Goten zu Land und zur See aus Unteritalien, wo er +die Landung Belisars erwartete, hinweg, und schickte sie +massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach Liburnien, +Dalmatien, Istrien und gen Westen nach Südgallien, indem +er, gestützt auf die Thatsache, daß Byzanz eine kleine +Truppenabteilung nach Dalmatien gegen Salona gesendet +und mit den Frankenkönigen Gesandte gewechselt hatte, vorgab, +der Hauptangriff sei von den Byzantinern zu Lande, +in Istrien, und von den mit ihnen verbündeten Franken +am Rhodanus und Padus zu befahren. +</p> + +<p> +Die Scheinbewegungen Belisars unterstützten diesen +Glauben: und so geschah das Unerhörte, daß die Heerscharen +der Goten, die Schiffe, die Waffen, die Kriegsvorräte +in großen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff +hinweggeführt, daß Unteritalien bis Rom, ja alles +Land bis Ravenna entblößt und alle +Verteidigungsmaß<pb n='406'/><anchor id='Pg406'/>regeln in den Gegenden vernachlässigt wurden, auf die alsbald +die ersten Schläge der Feinde fallen sollten. +</p> + +<p> +An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es +von gotischen Waffen und Segeln, während bei Sicilien, +wie wir sahen, sogar die nötigsten Boote zum Wachtdienst +fehlten. +</p> + +<p> +Auch das ungestüme Drängen der gotischen Patrioten +besserte daran nicht viel. Witichis und Hildebad hatte sich +der König aus der Nähe geschafft, indem er sie mit Truppen +und Aufträgen nach Istrien und nach Gallien entsandte: +und dem argwöhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, +der nicht ganz den Glauben an den letzten der Amaler +aufgeben wollte, zähen Widerstand. +</p> + +<p> +Am meisten aber ward Theodahad gekräftigt, als ihm +seine entschlossene Königin zurückgegeben wurde. Witichis +war alsbald nach der Kriegserklärung der Byzantiner mit +einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen, +wo Gothelindis mit ihren pannonischen Söldnern Zuflucht +gesucht, und hatte sie bewogen, sich freiwillig wieder in +Ravenna einzufinden, unter Verbürgung für ihre Sicherheit, +bis in der bevorstehenden großen Volks- und Heeresversammlung +bei Rom ihre Sache nach allen Formen des +Rechts untersucht und entschieden werde. Diese Bedingungen +waren beiden Parteien genehm: denn den gotischen +Patrioten mußte alles daran gelegen sein, jetzt, bei dem +Ausbruch des schweren Krieges, nicht durch Parteiung in +der Oberleitung gespalten zu sein. +</p> + +<p> +Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen +Witichis wider jede Anklage das Recht voller Verteidigung +gewahrt wissen wollte, so sah auch Teja ein, daß, nachdem +der Feind die schwere Beschuldigung des Königsmordes +auf das ganze Volk der Goten geschleudert, nur +ein strenges und feierliches Verfahren in allen Formen, +<pb n='407'/><anchor id='Pg407'/>nicht eine stürmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, +die Volksehre wahren könne. +</p> + +<p> +Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit kühner +Stirn entgegen: mochten die Stimmen innerer Überzeugung +auch gegen sie sprechen, sie glaubte ganz sicher zu sein, +daß sich ein genügender Beweis ihrer That nicht erbringen +lasse. – Hatte doch nur ihr Auge das Ende der +Feindin gesehen. – Und sie wußte wohl, daß man sie +ohne volle Überführung nicht strafen werde. +</p> + +<p> +So folgte sie willig nach Ravenna, flößte dem zagen +Herzen ihres Gatten neuen Mut ein und hoffte, war nur +der Gerichtstag überstanden, alsbald im Lager Belisars und +am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen +zu finden. Die Zuversicht des Königspaares über den +Ausgang jenes Tages wurde nun noch dadurch erhöht, daß +die Rüstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben +hatten, außer Witichis und Hildebad auch noch den gefährlichen +Grafen Teja mit einer dritten Heerschar in den +Nordwesten der Halbinsel zu entsenden: – mit ihm zogen +viele Tausende gerade der eifrigsten Anhänger der Gotenpartei, +– so daß an dem Tag bei Rom eine von ihren +Gegnern nicht allzuzahlreich besuchte Versammlung sich einfinden +würde. – Und unablässig waren sie thätig, sowohl +ihre persönlichen Anhänger als alte Gegner Amalaswinthens, +die mächtige Sippe der Balten in ihren weitverbreiteten +Zweigen, in möglichst großer Anzahl zur Entscheidung +jenes Tages heranzuziehen. So hatte das +Königspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen. Und Theodahad +war von Gothelindis bewogen worden, selbst als Vertreter +seiner Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu +erscheinen, um durch solchen Mut und den Glanz des königlichen +Ansehens vielleicht von vornherein alle Widersacher +einzuschüchtern. +</p> + +<pb n='408'/><anchor id='Pg408'/> + +<p> +Umgeben von ihren Anhängern und einer kleinen Leibwache +verließen Theodahad und Gothelindis Ravenna und +eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage vor dem für die +Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem +alten Kaiserpalast abstiegen. +</p> + +<p> +Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der +Nähe Roms, auf einem freien offnen Felde, Regeta genannt, +zwischen Anagni und Terracina, sollte die Versammlung +gehalten werden. Früh am Morgen des Tages, +da sich Theodahad allein auf die Reise dorthin aufmachen +wollte und von Gothelindis Abschied nahm, ließ sich ein +unerwarteter und unwillkommener Name melden: Cethegus, +der während ihres mehrtägigen Aufenthalts in der Stadt +nicht erschienen: er war vollauf mit der Vollendung der +Befestigungen beschäftigt. +</p> + +<p> +Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt über seinen Ausdruck: +»Um Gott, Cethegus! welch ein Unheil bringst +du?« +</p> + +<p> +Aber der Präfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn +bei ihrem Anblick, dann sprach er ruhig: »Unheil? für +den, den’s trifft. Ich komme aus einer Versammlung +meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom +wissen wird: Belisar ist gelandet.« +</p> + +<p> +»Endlich,« rief Theodahad. – Und auch die Königin +konnte eine Miene des Triumphs nicht verbergen. +</p> + +<p> +»Frohlockt nicht zu früh! Es kann euch reuen. Ich +komme nicht, Rechenschaft von euch und eurem Freunde +Petros zu verlangen: wer mit Verrätern handelt, muß +sich aufs Lügen gefaßt machen. Ich komme nur, um euch +zu sagen, daß ihr jetzt ganz gewiß verloren seid.« +</p> + +<p> +»Verloren?« – »Gerettet sind wir jetzt!« +</p> + +<p> +»Nein, Königin. Belisar hat bei der Landung ein +Manifest erlassen: er sagt, er komme, die Mörder +Amala<pb n='409'/><anchor id='Pg409'/>swinthens zu strafen; ein hoher Preis und seine Gnade +ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.« +</p> + +<p> +Theodahad erbleichte. »Unmöglich!« rief Gothelindis. +</p> + +<p> +»Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat +den Feind ohne Widerstand ins Land gelassen. +</p> + +<p> +Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, +in dieser stürmischen Zeit als Präfekt ihr Wohl zu +wahren. Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und +Belisar übergeben lassen.« +</p> + +<p> +»Das wagst du nicht!« rief Gothelindis nach dem +Dolche greifend. +</p> + +<p> +»Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen +im Bad ermorden. Ich lasse euch aber entkommen – +was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! – gegen +einen billigen Preis.« +</p> + +<p> +»Ich gewähre jeden!« stammelte Theodahad. +</p> + +<p> +»Du lieferst mir die Urkunden aus deiner Verträge +mit Silverius: – schweig! lüge nicht! ich weiß, ihr habt +lang und geheim verhandelt. Du hast wieder einmal einen +hübschen Handel mit Land und Leuten getrieben! Mich +lüstet nach dem Kaufbrief.« +</p> + +<p> +»Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! +Nimm sie! sie liegen verwahrt in der Basilika des heiligen +Martinus, in dem Sarkophag, links in der Krypta!« +Seine Furcht zeigte, daß er wahr sprach. +</p> + +<p> +»Es ist gut,« sagte Cethegus. »Alle Ausgänge des +Palastes sind von meinen Legionären besetzt. Erst erhebe +ich die Urkunden. Fand ich sie am bezeichneten Ort, so +werd’ ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr dann +entfliehn, so geht an die Pforte Marc Aurels und nennt +meinen Namen dem Kriegstribun der Wache, Piso. Er +wird euch ziehen lassen.« Und er ging, das Paar ratlosen +Ängsten überlassend. +</p> + +<pb n='410'/><anchor id='Pg410'/> + +<p> +»Was thun?« fragte Gothelindis mehr sich selbst als +ihren Gemahl. »Weichen oder trotzen?« – »Was thun?!« +wiederholte Theodahad unwillig. »Trotzen? das heißt +bleiben? Unsinn! fort von hier sobald als möglich; kein +Heil als die Flucht!« – »Wohin willst du fliehn?« – »Nach +Ravenna zunächst – das ist fest! Dort erheb’ ich +den Königsschatz. Von da, wenn es sein muß, zu den +Franken. Schade, schade, daß ich die hier verborgnen +Gelder preisgeben muß. Die vielen Millionen Solidi!« +– »Hier? auch hier,« fragte Gothelindis aufmerksam »in +Rom hast du Schätze geborgen. Wo? und sicher?« – +»Ach, allzusicher! In den Katakomben! Ich selber würde +Stunden brauchen, sie alle aufzufinden in jenen finstern +Labyrinthen. Und die Minuten sind jetzt Leben oder +Tod. Und das Leben geht doch noch über die Solidi! +Folge mir, Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick +verlieren; ich eile an die Pforte Marc Aurels.« +</p> + +<p> +Und er verließ das Gemach. Aber Gothelindis blieb +überlegend stehn. Ein Gedanke, ein Plan hatte sie bei +seinen Worten erfaßt: sie erwog die Möglichkeit des Widerstands. +</p> + +<p> +Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. +»Gold ist Macht,« sprach sie zu sich selber, »und nur +Macht ist Leben.« Ihr Entschluß stand fest. Sie <anchor id="corr410"/><corr sic="gegedachte">gedachte</corr> +der kappadokischen Söldner, die des Königs Geiz +aus seinem Dienst verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos +in Rom, der Einschiffung gewärtig. Sie hörte Theodahad +hastig die Treppe hinunter steigen und nach seiner +Sänfte rufen. »Ja, flüchte nur, du Erbärmlicher!« sprach +sie, »ich bleibe.« +</p> + +</div><div n="12" type="kapitel"> +<pb n='411'/><anchor id='Pg411'/> +<index index="toc"/><index index="pdf" level1="Zwoelftes Kapitel."/> +<head>Zwölftes Kapitel.</head> + +<p> +Herrlich tauchte am nächsten Morgen die Sonne aus +dem Meer: und ihre Strahlen glitzerten auf den blanken +Waffen von vielen tausend Gotenkriegern, die das weite +Blachfeld von Regeta belebten. +</p> + +<p> +Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die +Scharen herbeigeeilt, gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib +und Kind, sich bei der großen Musterung, die alljährlich +im Herbste gehalten wurde, einzufinden. +</p> + +<p> +Eine solche Volksversammlung war das schönste Fest +und der edelste Ernst der Nation zugleich: ursprünglich, in +der heidnischen Zeit, war ihr Mittelpunkt das große Opferfest +gewesen, das alljährlich zweimal, an der Winter- und +Sommer-Sonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur +Verehrung der gemeinsamen Götter vereinte: daran schlossen +sich dann Markt- und Tausch-Verkehr, Waffenspiele und +Heeresmusterung: die Versammlung hatte zugleich die höchste +Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung über Krieg und +Frieden und die Verhältnisse zu andern Staaten. +</p> + +<p> +Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, +in welchem der König so manches Recht, das sonst dem +Volke zukam, erworben, hatte die Volksversammlung eine +höchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte heidnische +Bedeutung vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit, +die selbst der gewaltige Theoderich nicht angetastet, +lebten unter seinen schwächern Nachfolgern kräftiger wieder +auf. +</p> + +<p> +Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten +das Urteil zu finden, die Strafe zu verhängen, wenn auch +der Graf des Königs in dessen Namen das Gericht leitete +und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische +<pb n='412'/><anchor id='Pg412'/>Völker selbst ihre Könige wegen Verrates, Mordes und +andrer schwerer Frevel vor offner Volksversammlung angeklagt, +gerichtet und getötet. In dem stolzen Bewußtsein, +sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem +König nicht, über das Maß der Freiheit hinaus zu dienen, +zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem »Ding« +wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und +stark fühlte und seine und seines Volkes Freiheit, Kraft +und Ehre in lebendigen Bildern und Thaten vor Augen sah. +</p> + +<p> +Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit +besonders starken Gründen. Der Krieg mit Byzanz war +zu erwarten oder schon ausgebrochen, als die Ladung nach +Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit +dem verhaßten Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht +zu mustern: diesmal ganz besonders sollte die Volksversammlung +zugleich Heerschau sein. Dazu kam, daß +wenigstens in den nächsten Landschaften den meisten Goten +bekannt wurde, dort zu Regeta sollte Gericht gehalten +werden über die Mörder der Tochter Theoderichs: die +große Aufregung, die diese That erweckt hatte, mußte ebenfalls +mächtig nach Regeta ziehn. +</p> + +<p> +Während ein Teil der Herbeigewanderten in den nächsten +Dörfern bei Freunden und Verwandten eingesprochen, hatten +sich große Scharen schon einige Tage vor der feierlichen +Eröffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, zweihundertachtzig +Stadien (gegen sechsunddreißig römische Meilen zu +tausend Schritt) von Rom, unter leichten Zelten und Hütten +oder auch unter dem milden freien Himmel gelagert. Diese +waren mit den frühsten Stunden des Versammlungstages +schon in brausender Bewegung und nützten die geraume +Zeit, da sie die alleinigen Herrn des Platzes waren, zu +allerlei Spiel und Kurzweil. +</p> + +<p> +Die einen schwammen und badeten in den klaren +<pb n='413'/><anchor id='Pg413'/>Fluten des raschen Flusses Ufens (oder »Decemnovius«, +weil er nach neunzehn römischen Meilen bei Terracina in +das Meer mündet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere +zeigten ihre Kunst, über ganze Reihen von vorgehaltenen +Speeren hinwegzusetzen oder, fast unbekleidet, unter +den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen, +indes die Raschfüßigsten, angeklammert an die Mähnen +ihrer Rosse, mit deren schnellstem Lauf gleichen Schritt +hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem Sprung sich +auf den sattellosen Rücken schwangen. +</p> + +<p> +»Schade,« rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf +zuerst an das Ziel gelangt war und sich jetzt die +gelben Locken aus der Stirne strich, »schade, daß Totila +nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat +mich noch immer besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, +nehm’ ich’s mit ihm auf.« – »Ich bin froh, daß er nicht +da ist,« lachte Gunthamund, der als der zweite herangesprengt +war, »sonst hätte ich gestern schwerlich den ersten +Preis im Lanzenwurf davongetragen.« – »Ja,« sprach +Hilderich, ein stattlicher junger Krieger in klirrendem Ringpanzer, +»Totila ist gut mit der Lanze. Aber sichrer noch +wirft der schwarze Teja: der nennt dir die Rippe vorher, +die er treffen wird.« – »Bah,« brummte Hunibad, ein +älterer Mann, der dem Treiben der Jünglinge prüfend +zugesehn, »das ist doch all’ nur Spielerei. Im blutigen +Ernste frommt dem Mann zuletzt doch nur das Schwert: +wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den +Leib rückt, daß du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. +Und da lob’ ich mir den Grafen Witichis von Fäsulä! +</p> + +<p> +Das ist mein Mann! War das ein Schädelspalten, im +Gepidenkrieg! Durch Stahl und Leder schlug der Mann +als wär’ es trocken Stroh. Der kann’s noch besser als +mein eigner Herzog, Guntharis, der Wölsung, in Florentia. +<pb n='414'/><anchor id='Pg414'/>Doch was wißt ihr davon, ihr Knaben. – Seht, da +steigen die frühesten Ankömmlinge von den Hügeln nieder: +auf! ihnen entgegen!« +</p> + +<p> +Und aus allen Wegen strömte jetzt das Volk heran: +zu Fuß, zu Roß und zu Wagen. Ein brausendes, wogendes +Leben erfüllte mehr und mehr das Blachfeld. An den +Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden +die Rosse abgezäumt, die Gespanne zu einer Wagenburg +zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin flutete +nun die stündlich wachsende Menge. +</p> + +<p> +Da suchten und fanden und begrüßten sich Freunde +und Waffenbrüder, die sich seit Jahren nicht gesehn. Es +war ein buntgemischtes Bild: die alte germanische Gleichartigkeit +war in diesem Reiche lang geschwunden. Da stand +neben dem vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen +Städte Italiens niedergelassen, in den Palästen senatorischer +Geschlechter wohnte und die feinere und üppigere Sitte der +Welschen angenommen hatte, neben dem Herzog oder Grafen +aus Mediolanum oder Ticinum, der über dem reichvergoldeten +Panzer das Wehrgehänge von Purpurseide trug, +neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher, +riesiger Gotenbauer, der in den tiefen Eichwäldern am +Margus in Mösien hauste oder der in dem Tann am +rauschenden Önus dem Wolf die zottige Schur abgerungen +hatte, die er um die mächtigen Schultern schlug, und dessen +rauher erhaltne Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten +Genossen schlug. Und wieder friedliche Schafhirten +aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit +ihren Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in +derselben Weise noch, welche die Ahnen vor tausend Jahren +aus Asien herübergeführt hatte. Da war ein reicher Gote, +der in Ravenna oder Rom eines römischen Geldwechslers +Kind geheiratet und bald Handel und Verkehr gleich seinem +<pb n='415'/><anchor id='Pg415'/>römischen Schwager zu treiben und seinen Gewinn nach +Tausenden zu berechnen gelernt hatte. Und daneben stand +ein armer Senne, der an dem brausenden Isarkus die +magern Ziegen auf die magre Weide trieb, und dicht neben +der Höhle des Bären seine Bretterhütte errichtet hatte. +</p> + +<p> +So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, +das Los gefallen, seit ihre Väter dem Ruf +des großen Theoderich nach Westen gefolgt waren, hinweg +aus den Thälern des Hämus. +</p> + +<p> +Aber doch fühlten sie sich als Brüder, als Söhne +Eines Volkes: dieselbe stolzklingende Sprache redeten sie, +dieselben Goldlocken, dieselbe schneeweiße Haut, dieselben +hellen blitzenden Augen und – vor allem – das gleiche +Gefühl in jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem +Boden, den unsre Väter dem römischen Weltreich abgetrotzt, +und den wir decken wollen, lebendig oder tot. +</p> + +<p> +Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und +rauschten die Tausende durcheinander, die sich hier begrüßten, +alte Bekanntschaften aufsuchten und neue schlossen +und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen +und zu können. +</p> + +<p> +Aber plötzlich tönten von dem Kamm der Hügel her +eigentümliche, feierlich gezogene Töne des gotischen Heerhorns: +und augenblicklich legte sich das Gesumme der +brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen +nach der Richtung der Hügel, von denen ein geschlossener +Zug ehrwürdiger Greise nahte. Es war ein halbes Hundert +von Männern in weißen, wallenden Mänteln, die Häupter +eichenbekränzt, weiße Stäbe und altertümlich geformte Steinbeile +führend: die Sajonen und Fronwärter des Gerichts, +welche die feierlichen Formen der Eröffnung, Hegung und +Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten. +</p> + +<p> +Angelangt in der Ebene begrüßten sie mit dreifachem, +<pb n='416'/><anchor id='Pg416'/>langgezogenem Hornruf die Versammlung der freien Heermänner, +die, nach feierlicher Stille, mit klirrenden Waffen +lärmend antworteten. +</p> + +<p> +Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie +teilten sich nach rechts und links und umzogen mit Schnüren +von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt um einen Haselstab, +den sie in die Erde stießen, geschlungen wurden, die +ganze weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit +uralten Liedern und Sprüchen. +</p> + +<p> +Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnüre +auf mannshohe Lanzenschäfte gespannt, so daß sie +die zwei Thore der nun völlig umfriedeten Dingstätte +bildeten, an denen die Fronboten mit gezückten Beilen +Wache hielten, alle Unfreien, alle Volksfremden und alle +Weiber fern zu halten. +</p> + +<p> +Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden +Ältesten unter die Speerthore und riefen mit lauter Stimme: +</p> + +<lg> +<l>»Gehegt ist der Hag</l> +<l>Altgotischer Art:</l> +<l>Nun beginnen mit Gott</l> +<l>Mag gerechtes Gericht.«</l> +</lg> + +<p> +Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten +Menge ein anfangs leises, dann lauter tönendes +und endlich fast betäubendes Getöse von fragenden, streitenden, +zweifelnden Stimmen. +</p> + +<p> +Es war nämlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, +daß er nicht, wie gewöhnlich, von dem Grafen +geführt war, der im Namen und Bann des Königs das +Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man +erwartet, daß dieser Vertreter des Königs wohl während +der Umschnürung des Platzes erscheinen werde. Als nun +aber diese Arbeit geschehen, und der Spruch der Alten, +<pb n='417'/><anchor id='Pg417'/>der zum Beginn des Gerichts aufforderte, ergangen und +doch immer noch kein Graf, kein Beamter erschienen war, +der allein die Eröffnungsworte sprechen konnte, ward die +Merksamkeit aller auf jene schwer auszufüllende Lücke gelenkt. +Während man nun überall nach dem Grafen, dem +Vertreter des Königs, fragte und suchte, erinnerte man sich, +daß dieser ja verheißen hatte, in Person vor seinem Volk +zu erscheinen, sich und seine Königin gegen die erhobnen +schweren Anklagen zu verteidigen. +</p> + +<p> +Aber da man jetzt bei des Königs Freunden und +Anhängern sich nach ihm erkundigen wollte, ergab sich die +verdächtige Thatsache, die man bisher, im Gedräng der +allgemeinen Begrüßungen, gar nicht wahrgenommen, daß +nämlich auch nicht Einer der zahlreichen Verwandten, +Freunde, Diener des Königshauses, die zur Unterstützung +der Beschuldigten zu erscheinen Recht, Pflicht und Interesse +hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man +sie vor wenigen Tagen zahlreich in den Straßen und in +der Umgegend Roms gesehen hatte. +</p> + +<p> +Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien +es, als ob an dem Lärm über diese Seltsamkeit und an +dem Fehlen des Königsgrafen der rechtmäßige Anfang der +ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner +hatten bereits vergeblich versucht, sich Gehör zu verschaffen. – +</p> + +<p> +Da erscholl plötzlich aus der Mitte der Versammlung +ein alles übertönender Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren +Ungetümes vergleichbar. Aller Augen folgten dem +Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den +Rücken einer hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende +Gestalt, die in den hohlen, vor den Mund gehaltnen Erzschild +mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertönen ließ. +Als sie den Schild senkte, erkannte man das mächtige Antlitz +des alten Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprühen schienen. +</p> + +<pb n='418'/><anchor id='Pg418'/> + +<p> +Begeisterter Jubel begrüßte den greisen Waffenmeister +des großen Königs, den, wie seinen Herrn, Lied und Sage +schon bei lebendem Leib zu einer mythischen Gestalt unter +den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf gelegt, +hob der Alte an: »Gute Goten, meine wackern Männer. +Es ficht euch an und will euch befremden, daß ihr keinen +Grafen seht und Vertreter des Mannes, der eure Krone +trägt. +</p> + +<p> +Laßt’s euch nicht Bedenken machen! Wenn der König +meint, damit das Gericht zu stören, so soll er irren. Ich +denke noch die alten Zeiten und sage euch: das Volk kann +Recht finden ohne König, und Gericht halten ohne Königsgrafen. +Ihr seid alle herangewachsen in neuer Übung und +Sitte, aber da steht Haduswinth, der Alte, kaum ein paar +Winter jünger denn ich: der wird’s mir bezeugen: beim +Volk allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist frei!« +</p> + +<p> +»Ja, wir sind frei!« rief ein tausendstimmiger Chor. +</p> + +<p> +»Wir wählen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der +König den seinen nicht,« rief der graue Haduswinth, +»Recht und Gericht war, eh’ König war und Graf. Und +wer kennt besser allen Brauch des Rechts als Hildebrand, +Hildungs Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.« +</p> + +<p> +»Ja!« hallte es ringsum wieder, »Hildebrand soll +unser Dinggraf sein.« +</p> + +<p> +»Ich bin’s durch eure Wahl: und achte mich so gut +bestellt, als hätte mir König Theodahad Brief und Pergament +darüber ausgestellt. Auch haben meine Ahnen Gericht +gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, +helft mir öffnen das Gericht.« +</p> + +<p> +Da eilten zwölf von den Frondienern herzu. Vor der +Eiche lagen noch die Trümmer eines uralten Fanums des +Waldgottes Picus: die Sajonen säuberten die Stelle, hoben +die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und +<pb n='419'/><anchor id='Pg419'/>rechts zwei der viereckigen Platten an den Stamm der +Eiche, so daß ein stattlicher Richterstuhl dadurch gebildet +ward. Und so hielt, von dem Altar des altitalischen +Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf Gericht. +</p> + +<p> +Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel +mit breitem, weißem Kragen über Hildebrands +Schultern, gaben ihm den oben gekrümmten Eschenstab in +die Hand und hingen links zu seinen Häupten einen blanken +Stahlschild an die Zweige der Eiche. +</p> + +<p> +Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten +und Linken auf: der Alte schlug mit dem Stab auf den +Schild, daß er hell erklang, dann setzte er sich, das Antlitz +gegen Osten und sprach: »Ich gebiete Stille, Bann und +Frieden! Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut +und Scheltwort und Waffenzücken, und alles, was den +Dingfrieden kränken mag. Und ich frage hier: ist es an +Jahr und Tag, an Weil’ und Stunde, an Ort und Stätte, +zu halten ein frei Gericht gotischer Männer?« +</p> + +<p> +Da traten die nächststehenden Goten heran und sprachen +im Chor: »Hier ist rechter Ort, unter hohem Himmel, +unter rauschender Eiche, hier ist rechte Tageszeit, bei +klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund, +zu halten ein frei Gericht gotischer Männer.« +</p> + +<p> +»Wohlan,« fuhr der alte Hildebrand fort, »wir sind +versammelt, zu richten zweierlei Klage: Mordklage wider +Gothelindis, die Königin, und schwere Rüge wegen Feigheit +und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Theodahad, +unsern König. Ich frage ... –« +</p> + +<p> +Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden +Hornruf, der von Westen her näher und näher drang. +</p> + +</div><div n="13" type="kapitel"> +<pb n='420'/><anchor id='Pg420'/> +<index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Dreizehntes Kapitel.</head> + +<p> +Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug +von Reitern, welche die Hügel herab gegen die Gerichtsstätte +eilten. Die Sonne fiel grell blendend auf die waffenblitzenden +Gestalten, daß sie nicht erkenntlich waren, obwohl +sie in Eile nahten. +</p> + +<p> +Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem +erhöhten Sitz, hielt die Hand vor die falkenscharfen Augen +und rief sogleich: »Das sind gotische Waffen! – Die +wallende Fahne trägt als Bild die Wage: – das ist das +Hauszeichen des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! +An der Spitze des Zugs. Und an seiner Linken die hohe +Gestalt, das ist der starke Hildebad! Was führt die Feldherrn +zurück? ihre Scharen sollten schon weit auf dem +Weg nach Gallien und Dalmatien sein.« +</p> + +<p> +Ein Brausen von fragenden, staunenden, grüßenden +Stimmen erfolgte. +</p> + +<p> +Indeß waren die Reiter heran und sprangen von den +dampfenden Rossen. Mit Jubel empfangen, schritten die +Führer, Witichis und Hildebad, durch die Menge den Hügel +heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl. +</p> + +<p> +»Wie?« rief Hildebad noch atemlos, »ihr sitzt hier und +haltet Gericht, wie im tiefsten Frieden: und der Feind, +Belisar, ist gelandet!« +</p> + +<p> +»Wir wissen es,« sprach Hildebrand ruhig, »und wollten +mit dem König beraten, wie ihm zu wehren sei.« +</p> + +<p> +»Mit dem König!« lachte Hildebad bitter. +</p> + +<p> +»Er ist nicht hier,« sagte Witichis umblickend, »das +verstärkt unsern Verdacht. Wir kehrten um, weil wir +Grund zu schwerem Argwohn erhielten. Aber davon später! +fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und Ordnung! +<pb n='421'/><anchor id='Pg421'/>still, Freund!« Und den ungeduldigen Hildebad zurückdrängend, +stellte er sich bescheiden zur Linken des Richterstuhles +in die Reihe der andern. +</p> + +<p> +Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: +»Gothelindis, unsre Königin, ist verklagt wegen Mordes +an Amalaswintha, der Tochter Theoderichs. Ich frage: +sind wir Gericht zu richten solche Klage?« +</p> + +<p> +Der alte Haduswinth, gestützt auf seine lange Keule, +trat vor und sprach: »Rot sind die Schnüre dieser Malstätte. +Beim Volksgericht ist das Recht über roten Blutfrevel, +über warmes Leben und kalten Tod. Wenn’s +anders geübt ward in letzten Zeiten, so war das Gewalt, +nicht Recht. Wir sind Gericht, zu richten solche Klage.« +</p> + +<p> +»In allem Volk,« fuhr Hildebrand fort, »geht wider +Gothelindis schwerer Vorwurf: im stillen Herzen verklagen +wir alle sie darob. Wer aber will hier, im offnen Volksgericht, +mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?« +</p> + +<p> +»Ich!« sprach eine helle Stimme: und ein schöner, +junger Gote, in glänzenden Waffen, trat von rechts vor +den Richter, die rechte Hand auf die Brust legend. +</p> + +<p> +Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die +Reihen: »Er liebt die schöne Mataswintha!« – »Er ist der +Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der Florentia +besetzt hält.« – »Er freit um sie!« – »Als Rächer ihrer +Mutter tritt er auf!« +</p> + +<p> +»Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, +aus der Wölsungen Edelgeschlecht,« fuhr der junge Gote +mit einem anmutigen Erröten fort. »Zwar bin ich nicht +versippt mit der Getöteten: allein die Männer ihrer Sippe, +Theodahad voran, ihr Vetter und ihr König, erfüllen nicht +die Pflicht der Blutrache; ist er doch selbst des Mordes +Helfer und Hehler. +</p> + +<p> +So klag’ ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln +<pb n='422'/><anchor id='Pg422'/>Stammes, ein Freund der unseligen Fürstin, an Mataswinthens, +ihrer Tochter, Statt. Ich klag’ um Mord! Ich +klag’ auf Blut!« +</p> + +<p> +Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche +schöne Jüngling das Schwert und streckte es gerad vor sich +auf den Richterstuhl. +</p> + +<p> +»Und dein Beweis? sag an ... –« +</p> + +<p> +»Halt, Dinggraf,« scholl da eine ernste Stimme. Witichis +trat vor, dem Kläger entgegen. »Bist du so alt und kennst +das Recht so wohl, Meister Hildebrand, und läßt dich fortreißen +von der Menge wildem Drang? Muß ich dich +mahnen, ich, der jüngere Mann, an alles Rechtes erstes +Gebot? Den Kläger hör’ ich, die Beklagte nicht.« +</p> + +<p> +»Kein Weib kann stehen in der Goten Ding,« sprach +Hildebrand ruhig. +</p> + +<p> +»Ich weiß: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und +Mundwalt, sie zu vertreten?« +</p> + +<p> +»Er ist nicht erschienen.« +</p> + +<p> +»Ist er geladen?« +</p> + +<p> +»Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten,« +sprach Arahad: »tretet vor, Sajonen.« Zwei der +Fronwärter traten vor und rührten mit ihren Stäben an +den Richterstuhl. +</p> + +<p> +»Nun,« sprach Witichis weiter, »man soll nicht sagen, +daß im Volk der Goten ein Weib ungehört, unverteidigt +verurteilt werde; wie schwer sie auch verhaßt sei, – sie +hat ein Recht auf Rechtsgehör und Rechtsschutz. Ich will +ihr Mundwalt und ihr Fürsprecher sein.« +</p> + +<p> +Und er trat ruhig dem jugendlichen Ankläger entgegen, +gleich ihm das Schwert ziehend. +</p> + +<p> +Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. »So +leugnest du die That?« fragte der Richter. »Ich sage: +<pb n='423'/><anchor id='Pg423'/>sie ist nicht erwiesen!« – »Erweise sie!« sprach der Richter +zu Arahad gewendet. +</p> + +<p> +Dieser, nicht vorbereitet auf ein förmliches Verfahren +und nicht gefaßt auf einen Widersacher von Witichis’ großem +Gewicht und kräftiger Ruhe, ward etwas verwirrt. »Erweisen?« +rief er ungeduldig. »Was braucht’s noch Erweis? +Du, ich, alle Goten wissen, daß Gothelindis die Fürstin +lang und tödlich haßte. Die Fürstin verschwindet aus +Ravenna: gleichzeitig die Mörderin: ihr Opfer kömmt in +einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein – tot: +die Mörderin aber flieht auf ein festes Schloß. Was +braucht’s da noch Erweis?« +</p> + +<p> +Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher. +</p> + +<p> +»Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding?« +sprach Witichis ruhig. »Wahrlich der Tag sei fern vom +Gotenvolk, da man nach solchem Anschein Urteil spricht. +Gerechtigkeit, ihr Männer, ist Licht und Luft! Weh, weh +dem Volk, das seinen Haß zu seinem Recht erhebt. Ich +selber hasse dieses Weib und ihren Gatten: aber wo ich +hasse, bin ich doppelt streng mit mir.« +</p> + +<p> +Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, daß +aller Goten Herzen dem treuen Manne zuschlugen. +</p> + +<p> +»Wo sind die Beweise?« fragte nun Hildebrand. »Hast +du handhafte That? hast du blickenden Schein? hast du +gichtigen Mund? hast du echten Eid? heischest du der +Verklagten Unschuldseid?« +</p> + +<p> +»Beweis!« wiederholte Arahad zornig. »Ich habe keinen +als meines Herzens festen Glauben.« +</p> + +<p> +»Dann,« sprach Hildebrand – +</p> + +<p> +Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom +Thore her den Weg zu ihm und sprach: »Römische Männer +stehen am Eingang. Sie bitten um Gehör: sie wissen, +sagen sie, alles um der Fürstin Tod.« +</p> + +<pb n='424'/><anchor id='Pg424'/> + +<p> +»Ich fordre, daß man sie höre,« rief Arahad eifrig, +»nicht als Kläger, als Zeugen des Klägers.« +</p> + +<p> +Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten +durch die neugierige Menge heraufzuführen. Voran schritt +ein von Jahren gebeugter Mann in härener Kutte, den +Strick um die Lenden: die Kapuze seines Überwurfs machte +seine Züge unkenntlich: zwei Männer in Sklaventracht folgten. +Fragende Blicke ruhten auf der Gestalt des Greises, dessen +Erscheinung bei aller Einfachheit, ja Armut, von seltner +Würde geadelt war. +</p> + +<p> +Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, +sah ihm Arahad dicht ins Antlitz und trat mit Staunen +rasch zurück. +</p> + +<p> +»Wer ist es,« fragte der Richter, »den du zum Zeugen +stellest deines Wortes? Ein unbekannter Fremdling?« – +»Nein,« rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel zurück, +»ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus Aurelius +Cassiodorus.« +</p> + +<p> +Ein Ruf allgemeinen Staunens flog über die Dingstätte. +</p> + +<p> +»So hieß ich,« sprach der Zeuge, »in den Tagen meines +weltlichen Lebens: jetzt nur Bruder Marcus.« Und eine +hohe Weihe lag in seinen Zügen: – die Weihe der Entsagung. +</p> + +<p> +»Nun, Bruder Marcus,« forschte Hildebrand, »was hast +du uns zu melden vom Tode Amalaswinthens? Sag’ uns +die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.« +</p> + +<p> +»Die werd’ ich sagen. Vor allem wißt: nicht Streben +nach menschlicher Vergeltung führt mich her: nicht den +Mord zu rächen bin ich gekommen: – die Rache ist mein, +ich will vergelten, spricht der Herr! – Nein, den letzten +Auftrag der Unseligen, der Tochter meines großen Königs, +zu erfüllen, bin ich da.« Und er zog eine Papyrusrolle +<pb n='425'/><anchor id='Pg425'/>aus dem Gewande. »Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna +richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, als ihr Vermächtnis +an das Volk der Goten, mitzuteilen habe: »Den Dank +einer zerknirschten Seele für deine Freundschaft. Mehr noch +als die Hoffnung der Rettung labt das Gefühl unverlorner +Treue. Ja, ich eile auf deine Villa im Bolsener See: führt +doch der Weg von da nach Rom, nach Regeta, wo ich vor +meinen Goten all’ meine Schuld aufdecken und auch büßen +will. Ich will sterben, wenn es sein muß: aber nicht +durch die tückische Hand meiner Feinde: nein, durch den +Richterspruch meines Volkes, das ich Verblendete ins Verderben +geführt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur +um des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen +es erfahren, durch mich starben: mehr noch um des Wahnes +willen, mit dem ich mein Volk zurückgesetzt um Byzanz. +Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich warnen und +mahnen mit der letzten Kraft meines Lebens: fürchtet Byzanz! +Byzanz ist falsch wie die Hölle und ist kein Friede +denkbar zwischen ihm und uns. +</p> + +<p> +Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern. +</p> + +<p> +König Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, +den Gesandten von Byzanz, Italien und die Gotenkrone +verkauft: er hat gethan, was ich dem Griechen weigerte. +Seht euch vor, seid stark und einig. Könnt’ ich sterbend +sühnen, was ich lebend <anchor id="corr425"/><corr sic="gefehlt.«">gefehlt.««</corr> +</p> + +<p> +In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, +die Cassiodor mit zitternder Stimme gesprochen und die +jetzt wie aus dem Jenseits herüberzutönen schienen. +</p> + +<p> +Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids +und der Trauer fort in feierlichem Schweigen. +</p> + +<p> +Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: +»Sie hat gefehlt: sie hat gebüßt. Tochter Theoderichs, +<pb n='426'/><anchor id='Pg426'/>das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und dankt +dir deine Treue.« +</p> + +<p> +»So mög’ ihr Gott vergeben, Amen!« sprach Cassiodor. +»Ich habe niemals die Fürstin an den Bolsener See +geladen: ich konnt’ es nicht: vierzehn Tage zuvor hatt’ ich +all’ meine Güter verkauft an die Königin Gothelindis.« +</p> + +<p> +»Sie also hat ihre Feindin,« fiel Arahad ein, »seinen +Namen mißbrauchend, in jenes Haus gelockt. Kannst du +das leugnen, Graf Witichis?« +</p> + +<p> +»Nein,« sprach dieser ruhig, »aber,« fuhr er zu Cassiodor +gewendet fort, »hast du auch Beweis, daß die Fürstin +daselbst nicht zufälligen Todes gestorben, daß Gothelindis +ihren Tod herbeigeführt?« +</p> + +<p> +»Tritt vor, Syrus, und sprich!« sagte Cassiodor, »ich +bürge für die Treue dieses Mundes.« Der Sklave trat +vor, neigte sich und sprach: »Ich habe seit zwanzig Jahren +die Aufsicht über die Schleusen des Sees und die Wasserkünste +des Bades der Villa im Bolsener See: niemand außer +mir kannte dessen Geheimnisse. Als die Königin Gothelindis +das Gut erkauft, wurden alle Sklaven Cassiodors +entfernt und einige Diener der Königin eingesetzt: ich allein +ward belassen. +</p> + +<p> +Da landete eines frühen Morgens die Fürstin Amalaswintha +auf der Insel, bald darauf die Königin. Diese +ließ mich sofort kommen, erklärte, sie wolle ein Bad nehmen, +und befahl mir, ihr die Schlüssel zu allen Schleusen des +Sees und zu allen Röhren des Bades zu übergeben und +ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu erklären. Ich +gehorchte, gab ihr die Schlüssel und den auf Pergament +gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrücklich, nicht alle +Schleusen des Sees zu öffnen und nicht alle Röhren spielen +zu lassen: das könne das Leben kosten. Sie aber wies mich +zürnend ab und ich hörte, wie sie ihrer Badsklavin befahl +<pb n='427'/><anchor id='Pg427'/>die Kessel nicht mit warmem, sondern mit heißem Wasser +zu füllen. +</p> + +<p> +Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich +in der Nähe des Bades. +</p> + +<p> +Nach einiger Zeit hörte ich an dem mächtigen Brausen +und Rauschen, daß die Königin dennoch, gegen meinen Rat, +die ganze Flut des Sees hereingelassen: zugleich hörte ich in +allen Wänden das dampfende Wasser zischend aufsteigen +und da mir obenein dünkte, als vernehme ich, gedämpft +durch die Marmormauern, ängstlichen Hilfschrei, eilte ich +auf den Außengang des Bades, die Königin zu retten. +Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir wohlbekannten +Mittelpunkt der Künste, an dem Medusenhaupt, die Königin, +die ich im Bad, in Todesgefahr wähnte, völlig angekleidet +stehen sah. +</p> + +<p> +Sie drückte an den Federn und wechselte mit jemand, +der im Bade um Hilfe rief, zornige Worte. Entsetzt und +dunkel ahnend, was da vorging, schlich ich, zum Glück noch +unbemerkt, hinweg.« +</p> + +<p> +»Wie, Feigling?« sprach Witichis, »du ahntest, was +vorging und schlichst hinweg?« +</p> + +<p> +»Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und hätte +mich die grimme Königin bemerkt, ich stünde wohl nicht +hier, sie <anchor id="corr427"/><corr sic="anzuklagen.«">anzuklagen.</corr> Gleich darauf erscholl der Ruf, die +Fürstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.« +</p> + +<p> +Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte +Volk. +</p> + +<p> +Frohlockend rief Arahad: »Nun, Graf Witichis, willst +du sie noch beschützen?« – »Nein,« sprach dieser ruhig, +das Schwert einsteckend, »ich schütze keine Mörderin. Mein +Amt ist aus.« Und mit diesem Wort trat er von der +linken auf die rechte Seite, zu den Anklägern, hinüber. +</p> + +<p> +»Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das +<pb n='428'/><anchor id='Pg428'/>Recht zu schöpfen,« sprach Hildebrand, »ich habe nur zu +vollziehen, was ihr gefunden. So frag’ ich euch, ihr +Männer des Gerichts, was dünkt euch von dieser Klage, +die Graf Arahad, des Aramuth Sohn, der Wölsung, erhoben +gegen Gothelindis, die Königin? Sagt an: ist sie +des Mordes schuldig?« +</p> + +<p> +»Schuldig! schuldig!« scholl es mit vielen tausend +Stimmen und keine sagte nein. +</p> + +<p> +»Sie ist schuldig,« sagte der Alte aufstehend. »Sprich, +Kläger, welche Strafe forderst du um diese Schuld?« +</p> + +<p> +Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: »Ich +klagte um Mord. Ich klagte auf Blut. Sie soll des +Todes sterben.« +</p> + +<p> +Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen +konnte, war die Menge von zorniger Bewegung ergriffen, +alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten gen +Himmel auf und alle Stimmen riefen: »Sie soll des Todes +sterben!« – +</p> + +<p> +Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die +Majestät des Volksgerichts vor sich her tragend, über das +weite Gefild, daß bis in weite Ferne die Lüfte wiederhallten. – +</p> + +<p> +»Sie stirbt des Todes,« sprach Hildebrand aufstehend, +»durch das Beil. Sajonen auf, und sucht, wo ihr sie +findet.« +</p> + +<p> +»Halt an,« sprach der starke Hildebad vortretend, +»schwer wird unser Spruch erfüllt werden, solang dies +Weib unsres Königs Gemahlin. Ich fordre deshalb, daß +die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prüfe, die wir +gegen Theodahad auf der Seele haben, der ein Volk von +Helden so unheldenhaft beherrscht. Ich will sie aussprechen, +diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe ihn des Verrates, +nicht nur der Unfähigkeit, uns zu retten, uns zu führen. +</p> + +<pb n='429'/><anchor id='Pg429'/> + +<p> +Schweigen will ich davon, daß wohl schwerlich ohne +sein Wissen seine Königin ihren Haß an Amalaswintha +kühlen konnte, schweigen davon, daß diese in ihren letzten +Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist +es nicht wahr, daß er den ganzen Süden des Reiches von +Männern, Waffen, Rossen, Schiffen entblößt, daß er alle +Kraft nach den Alpen geworfen hat, bis daß die elenden +Griechlein ohne Schwertstreich Sicilien gewinnen, Italien +betreten konnten? Mein armer Bruder Totila mit seiner +handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm +den Rücken zu decken, sendet der König auch noch Witichis, +Teja, mich nach dem Norden. Mit schwerem Herzen gehorchten +wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen werde. +Nur langsam rückten wir vor, jede Stunde den Rückruf +erwartend. Umsonst. Schon lief durch die Landschaften, +die wir durchzogen, das dunkle Gerücht, Sicilien sei verloren +und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen, +machten spöttische Gesichter. So waren wir ein paar +Tagemärsche an der Küste hingezogen. Da traf mich dieser +Brief meines Bruders Totila: +</p> + +<p> +»Hat denn, wie der König, so das ganze Volk der +Goten, so mein Bruder mich aufgegeben und vergessen? +Belisar hat Sicilien überrascht. Er ist gelandet. Alles +Volk fällt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis. +Vier Briefe hab’ ich an König Theodahad um +Hilfe geschrieben. Alles umsonst. Kein Segel <anchor id="corr429"/><corr sic="erhalten">erhalten.</corr> +Neapolis ist in höchster Gefahr. Rettet, rettet Neapolis +und das <anchor id="corr429a"/><corr sic="Reich.«">Reich.««</corr> +</p> + +<p> +Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende +gotischer Männer. +</p> + +<p> +»Ich wollte,« fuhr Hildebad fort, »augenblicklich mit +all’ unsren Tausendschaften umkehren, aber Graf <anchor id="corr429b"/><corr sic="Witichis">Witichis,</corr> +mein Oberfeldherr, litt es nicht. Nur das setzte ich <anchor id="corr429c"/><corr sic="durch">durch,</corr> +<pb n='430'/><anchor id='Pg430'/>daß wir die Truppen Halt machen ließen und mit wenigen +Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rächen. +Denn Rache, Rache heisch ich an König Theodahad: nicht +nur Thorheit und Schwäche, Arglist war es, daß er den +Süden den Feinden preisgegeben. Hier dieser Brief beweist +es. Viermal hat ihn mein Bruder gemahnt, gebeten. +All’ umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in +Feindeshand. Weh’ uns, wenn Neapolis fällt, schon gefallen +ist. Ha, er soll nicht länger herrschen, nicht leben +soll er länger, der das verschuldet hat. Reißt ihm die +Krone der Goten vom Haupt, die er geschändet, nieder +mit ihm! Er sterbe!« +</p> + +<p> +»Nieder mit ihm! Er sterbe!« donnerte das Volk in +mächtigem Echo nach. +</p> + +<p> +Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu +wogen und jeden zu zerreißen, der ihm widerstehen wollte. +Nur Einer blieb ruhig und gelassen inmitten der stürmenden +Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf +einen der alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, +bis sich der Lärm etwas gelegt. Dann erhob er die +Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, die ihm +so wohl anstand: »Landsleute, Volksgenossen! Hört mich +an! Ihr habt Unrecht mit eurem Spruch. Wehe, wenn +im Gotenstamm, des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit gewesen +seit der Väter Zeit, Haß und Gewalt des Rechtes +Thron besteigen. Theodahad ist ein schwacher, schlechter +König! Nicht länger soll er allein des Reiches Zügel +lenken! Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmündigen! +Setzt ihn ab meinetwegen. Aber seinen Tod, sein +Blut dürft ihr nicht fordern! Wo ist der Beweis, daß er +verraten hat? Daß Totilas Botschaft an ihn gelangt? +Seht ihr, ihr schweigt: hütet euch vor Ungerechtigkeit, sie +stürzt die Reiche der Völker.« +</p> + +<pb n='431'/><anchor id='Pg431'/> + +<p> +Und groß und edel stand er auf seinem erhöhten Boden, +im vollen Glanz der Sonne, voll Kraft und edler +Würde. +</p> + +<p> +Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, +der ihnen an Hoheit und Maß und klarer Ruhe so überlegen +schien. Eine feierliche Pause erfolgte. Und ehe noch +Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den +Mann, der die lebendige Gerechtigkeit schien, ward die +allgemeine Aufmerksamkeit nach dem dichten Walde gezogen, +der im Süden die Aussicht begrenzte und der auf einmal +lebendig zu werden schien. +</p> +</div><div n="14" type="kapitel"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> +<head>Vierzehntes Kapitel.</head> + +<p> +Denn man hörte von dort her den raschen Hufschlag +nahender Pferde und das Klirren von Waffen: alsbald +bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald: aber +weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Roß +ein Mann, der wie mit dem Sturmwind um die +Wette ritt. +</p> + +<p> +Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mächtiger +schwarzer Roßschweif, und seine eignen langen, schwarzen +Locken: vorwärts gebeugt trieb er das schaumbespritzte +Roß zu rasender Eile und sprang am Südeingang des +Dings sausend vom Sattel. +</p> + +<p> +Alle wichen links und rechts zurück, die der grimme, +tödlichen Haß sprühende Blick seines Auges aus dem leichenblassen, +schönen Antlitz traf. Wie von Flügeln getragen +stürmte er den Hügel hinan, sprang auf einen Stein neben +Witichis, hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter +<pb n='432'/><anchor id='Pg432'/>Kraft: »Verrat, Verrat!« und stürzte dann wie blitzgetroffen +nieder. Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad +hinzu: sie hatten kaum den Freund erkannt: »Teja, Teja!« +riefen sie, »was ist geschehen? rede!« – »Rede!« wiederholte +Witichis, »es gilt das Reich der Goten!« +</p> + +<p> +Wie mit übermenschlicher Kraft richtete sich in diesem +Wort der stählerne Mann wieder empor, sah einen Augenblick +um sich und sprach dann mit hohler Stimme: +</p> + +<p> +»Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm +König. Ich erhielt Auftrag vor sechs Tagen, nach Istrien +zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich gebeten. Ich schöpfe +Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit +meinen Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, +verschlägt zahllose kleine Schiffe von Westen her bis zu +uns. Darunter den »Mercurius«, den raschen Keles, – +das leichte Postschiff Theodahads. Ich kannte das Fahrzeug +wohl: es gehörte einst meinem Vater. Wie das unserer +Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen. Ich, argwöhnisch, +jage ihm nach und hole es ein. Es trug diesen +Brief an Belisar von des Königs Hand: »Du wirst zufrieden +sein mit mir, großer Feldherr. Alle Gotenheere +stehen in dieser Stunde nordöstlich von Rom, ohne Gefahr +könntest du landen. Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis +habe ich zerstört, seine Boten in den Turm geworfen. +</p> + +<p> +Zum Dank erwart’ ich, daß du den Vertrag genau +erfüllst, und den Kaufpreis in Bälde <anchor id="corr432"/><corr sic="bezahlst.«">bezahlst.««</corr> Teja ließ +den Brief sinken, die Stimme versagte ihm. +</p> + +<p> +Ein Ächzen und Stöhnen der Wut zog durch die Versammlung. +</p> + +<p> +»Ich ließ umkehren, sogleich landen, ausschiffen und +jage hierher seit drei Tagen und drei Nächten unausgesetzt. +Ich kann nicht mehr.« Und taumelnd sank er in Witichis’ +Arme. +</p> + +<pb n='433'/><anchor id='Pg433'/> + +<p> +Da sprang der alte Hildebrand empor auf den höchsten +Stein seines Stuhles: weit überragte er die ganze Menge: +er riß dem Träger, der die Lanze mit des Königs kleiner +Marmorbüste auf der Querstange trug, den Schaft aus +der Hand und hielt ihn vor sich in der Linken: in der +Rechten hob er sein Steinbeil: »Verkauft, verraten sein +Volk für gelbes Gold? Nieder mit ihm, nieder, nieder!« +Und ein Beilschlag zertrümmerte die Büste. Dieser Akt +war wie der erste Donnerschlag, der ein lange brütendes +Gewitter entfesselt. Nur dem Wüten empörter Elemente +war das Stürmen vergleichbar, welches nun das in seinen +Grundtiefen aufgewühlte Volk durchbrauste. »Nieder, nieder, +nieder mit ihm!« hallte es tausendfach wieder unter betäubendem +Klirren der Waffen. +</p> + +<p> +Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister +seine eherne Stimme und sprach feierlich: »Wisset es, Gott +im Himmel und Menschen auf Erden, sehende Sonne, und +wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und +alten Ruhmes voll und zu den Waffen geboren, hat abgethan +seinen ehemaligen König Theodahad, des Theodis +Sohn, weil er Volk und Reich an den Feind verraten. +</p> + +<p> +Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und +das Gotenreich, das Gotenrecht und das Leben. Und +solches thun wir nicht nach Unrecht, sondern nach Recht. +Denn frei sind wir gewesen alle Wege unter unsern Königen +und wollten eh’ der Könige missen als der Freiheit. +Und so hoch steht kein König, daß er nicht um Mord, +Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk. +</p> + +<p> +So sprech’ ich dir ab Krone und Reich, Recht und +Leben. Landflüchtig sollst du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. +Soweit Christenleute zur Kirche gehen und Heidenleute +zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde +grünt. Soweit Schiff schreitet und Schild scheinet. Soweit +<pb n='434'/><anchor id='Pg434'/>Himmel sich höht und Welt sich weitet. Soweit der Falke +fliegt den langen Frühlingstag, wann ihm der Wind steht +unter seinen beiden Flügeln. Versagt soll dir sein Halle +und Haus und guter Leute Gemeinschaft und alle Wohnung, +ausgenommen die Hölle. Dein Erb’ und Eigen teil ich +zu dem Gotenvolk. Dein Blut und Fleisch den Raben in +den Lüften. +</p> + +<p> +Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder +Heerstraße, soll dich erschlagen, ungestraft und soll bedankt +sein dazu von Gott und den guten Goten. Ich frage euch, +soll’s so geschehn?« +</p> + +<p> +»So soll’s geschehn!« antworteten die Tausende und +schlugen Schwert an Schild. +</p> + +<p> +Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte +Haduswinth seine Stelle einnahm, das zottige Bärenfell +zurückwarf und sprach: »Des Neidkönigs wären wir ledig! +Er wird seinen Rächer finden. Aber jetzt, treue Männer, +gilt es, einen neuen König wählen. Denn ohne König +sind wir nie gewesen. Soweit unsere Sagen und Sprüche +zurückdenken, haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben, +das lebende Bild der Macht, des Glanzes, des +Glückes der guten Goten. Solang es Goten giebt, werden +sie Könige haben: und solang sich ein König findet, +wird ihr Volk bestehn. Und jetzt vor allem gilt’s, ein +Haupt, einen Führer zu haben. Das Geschlecht der Amelungen +ist glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang +hat sein hellster Strahl, Theoderich, geleuchtet: aber schmählich +ist’s erloschen in Theodahad. Auf, Volk der Goten, +du bist frei! frei wähle dir den rechten König, der dich +zu Sieg und Ehre führt. Dein Thron ist leer: mein +Volk, ich lade dich zur Königswahl!« +</p> + +<p> +»Zur Königswahl!« sprach diesmal feierlich und machtvoll +der Chor der Tausende. +</p> + +<pb n='435'/><anchor id='Pg435'/> + +<p> +Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm +vom Haupt und die Rechte gen Himmel: »Du weißt es, +Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht frevler +Kitzel des Ungehorsams und des Übermuts: uns treibt +das heilige Recht der Not. Wir ehren das Recht des +Königtums, den Glanz, der von der Krone strahlt: geschändet +aber ist dieser Glanz und in der höchsten Not des +Reiches üben wir des Volkes höchstes Recht. Herolde +sollen ziehen zu allen Völkern der Erde und laut verkünden: +nicht aus Verachtung, aus Verehrung der Krone +haben wir es gethan. +</p> + +<p> +Wen aber wählen wir? Viel sind der wackern Männer +im Volk, von altem Geschlecht, von tapfrem Arm und +klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone würdig. Wie +leicht kann es kommen, daß einer diesen, der andere jenen +vorzieht? Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen +Streit! Jetzt, da der Feind im Lande liegt! Drum laßt +uns schwören vorher feierlich: wer das Stimmenmehr erhält, +sei’s nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als +unsern König achten, unweigerlich, und keinen andern. Ich +schwöre es: – schwört mit mir.« +</p> + +<p> +»Wir schwören!« riefen die Goten. +</p> + +<p> +Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und +Liebe loderten in seinem Herzen: er bedachte, daß sein Haus +jetzt, nach dem Fall der Balten und der Amaler, das +edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu +gewinnen, wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und +kaum war der Schwur verhallt, als er vortrat und rief: +»Wen sollen wir wählen, gotische Männer? bedenkt euch +wohl! Vor allem, das ist klar, einen Mann jungkräftigen +Armes wider den Feind. Aber das allein genügt nicht. +Weshalb haben unsere Ahnen die Amaler erhöht? Weil +sie das <anchor id="corr435"/><corr sic="edelste">edelste,</corr> das älteste, Götter entstammte Geschlecht +<pb n='436'/><anchor id='Pg436'/>waren. Wohlan, das erste Gestirn ist erloschen, gedenkt +des zweiten, gedenkt der Balten!« +</p> + +<p> +Von den Balten lebte nur Ein männlicher Sproß, ein +noch nicht wehrhafter Enkel des Herzog Pitza – denn +Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und Ibba, war +seit langen Jahren geächtet und verschollen. – Arahad +rechnete sicher, man werde jenen Baltenknaben nicht wählen +und vielmehr des dritten Gestirns gedenken. Aber er irrte. +Der alte Haduswinth trat zornig vor und schrie: +</p> + +<p> +»Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte +oder freie Männer? Beim Donner! werden wir Ahnen +zählen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir sagen, +Knabe, was ein König braucht. +</p> + +<p> +Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das +allein. Der König soll ein Hort des Rechts, ein Schirm +des Friedens sein, nicht nur der Vorkämpfer im Schwertkampf. +Der König soll haben einen immer ruhigen, immer +klaren Sinn, wie der blaue Himmel ist, und wie die +lichten Sterne sollen darin auf- und niedergehen gerechte +Gedanken. Der König soll haben eine stete Kraft, aber +noch mehr ein stetes Maß: er soll nie sich selbst verlieren +und vergessen in Haß und Liebe, wie wir wohl dürfen, +wir unten im Volk. Er soll nicht nur mild sein den +Freunden, er soll gerecht sein dem Verhaßtesten, selbst dem +Feind. In dessen Brust ein klarer Friede wohnt bei +kühnem Mut und edles Maß bei treuer Kraft, – der +Mann, Arahad, ist königlich geartet und hätt’ ihn der letzte +Bauer gezeugt.« +</p> + +<p> +Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschämt +trat Arahad zurück. Aber jener fuhr fort: »Gute +Goten! ich meine, wir haben einen solchen Mann! Ich +will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir. +</p> + +<pb n='437'/><anchor id='Pg437'/> + +<p> +Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer +Mark gegen die Karanthanen, wo der wilde Turbidus +schäumend die Felsen zerstäubt. Da leb’ ich mehr, als +sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig +erfahr’ ich von der Menschen Händeln, selbst von des +eignen Volkes Thaten, wenn nicht ein Salzroß halbverirrt +des Weges kommt. Und doch drang mir bis in jene öde +Höhe der Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der +nie das Schwert zu ungerechtem Streit erhob und es noch +niemals sieglos eingesteckt. Seinen Namen hört’ ich immer +wieder, wenn ich fragte: Wer wird uns schirmen, wenn +Theoderich schied? Seinen Namen hört’ ich bei jedem +Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke des +Friedens, das geschehn. Ich hatt’ ihn nie gesehen. Ich +sehnte mich danach, ihn zu sehen. Heute hab’ ich ihn gesehen +und gehört. Ich habe sein Aug’ gesehen, das klar +und milde wie die Sonne. Ich hab’ sein Wort gehört; +ich hab’ gehört, wie er dem Feind selbst, dem verhaßten, +zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf. Ich hab’ gehört, +wie er allein, da uns alle der blinde Haß fortriß mit +dunkler Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da +dacht’ ich mir in meinem alten Herzen: »der Mann ist +königlich geartet, stark im Kampf und gerecht im Frieden, +hart wie Stahl und klar wie Gold.« Goten: der Mann +soll unser König sein. Nennt mir den Mann!« +</p> + +<p> +»Graf Witichis, ja Witichis, heil König Witichis!« +</p> + +<p> +Während dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde +hallte, hatte ein erschütternder Schreck den bescheidnen +Mann ergriffen, der gespannt der Rede des Alten gefolgt +war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen +ward, daß er der so Gepriesne sei. +</p> + +<p> +Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen +Jauchzen erschallen hörte, überkam ihn vor +<pb n='438'/><anchor id='Pg438'/>allen andern Gedanken das Gefühl: »Nein, das kann, das +soll nicht sein.« +</p> + +<p> +Er riß sich von Teja und Hildebad, die freudig seine +Hände drückten, los, und sprang hervor, das Haupt +schüttelnd und, wie abwehrend, den Arm <anchor id="corr438"/><corr sic="ausstreckend">ausstreckend.</corr> +»Nein!« rief er, »nein, Freunde! nicht das <anchor id="corr438a"/><corr sic="mir!«">mir!</corr> Ich bin +ein schlichter Kriegsmann, nicht ein König. Ich bin vielleicht +ein gutes Werkzeug, kein Werkmeister! Wählt einen +andern, einen Würdigern!« +</p> + +<p> +Und wie bittend streckt er beide Hände gegen das Volk. +</p> + +<p> +Aber der donnernde Ruf: »Heil König Witichis!« ward +ihm statt aller Antwort. Und nun trat der alte Hildebrand +vor, faßte seine Hand und sprach laut: »Laß ab, +Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich +den König anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr +hätte? Siehe, du hast alle Stimmen und willst dich +wehren?« +</p> + +<p> +Aber Witichis schüttelte das Haupt und preßte die +Hand vor die Stirn. Da trat der Alte ganz nah zu ihm +und flüsterte in sein Ohr: »Wie? muß ich dich stärker +mahnen? Muß ich dich mahnen jenes nächtigen Eides und +Bundes, da du gelobtest: »Alles zu meines Volkes Heil.« +Ich weiß, – ich kenne deine klare Seele, –: dir ist die +Krone mehr eine Last als eine Zierde: ich ahne, daß dir +diese Krone große, bittre Schmerzen bringen wird. Vielleicht +mehr als Freuden: deshalb fordre ich, daß du sie +auf dich nimmst.« +</p> + +<p> +Witichis schwieg und drückte noch die andre Hand vor +die Augen. Schon viel zu lang währte dem begeisterten +Volk das Zwischenspiel. Schon rüsteten sie den breiten +Schild, ihn darauf zu erheben, schon drängten sie den +Hügel hinan, seine Hand zu fassen: und fast ungeduldig +scholl aufs neue der Ruf: »Heil König Witichis.« +</p> + +<pb n='439'/><anchor id='Pg439'/> + +<p> +»Ich fordre es bei deinem Bluteid! – willst du ihn +halten oder brechen?« flüsterte Hildebrand. »Halten!« +sprach Witichis und richtete sich entschlossen auf. +</p> + +<p> +Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, +einen Schritt vor und sprach: »Du hast gewählt, +mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich will dein +König sein!« +</p> + +<p> +Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter +scholl’s: »Heil König Witichis.« +</p> + +<p> +Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem +Dingstuhl und sprach: »Ich weiche nun von diesem hohen +Stuhl. Denn unserm König ziemt jetzt diese Stätte. Nur +einmal noch laß mich des Grafenamtes warten. +</p> + +<p> +Und kann ich dir nicht den Purpur umhängen, den +die Amaler getragen und ihr goldenes Scepter reichen, – +nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als Scepter, +zum Zeichen, daß du unser König wardst um deiner Gerechtigkeit +willen. Ich kann sie nicht auf deine Stirne +drücken, die alte Gotenkrone, Theoderichs goldnen Reif. +So laß dich krönen mit dem frischen Laub der Eiche, der +du an Kraft und Treue gleichst.« +</p> + +<p> +Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von +der Eiche und schlang es um Witichis’ Haupt: »Auf, +gotische Heerschar, nun warte deines Schildamts.« +</p> + +<p> +Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen +der altertümlichen breiten Dingschilde der Sajonen, hoben +den König, der nun mit Kranz, Stab und Mantel geschmückt +war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen +Schultern allem Volk: »Sehet, Goten, den König, den ihr +selbst gewählt: so schwört ihm Treue.« +</p> + +<p> +Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, +die Hände hoch gen Himmel hebend, nun die Waffentreue +bis in den Tod. +</p> + +<pb n='440'/><anchor id='Pg440'/> + +<p> +Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl +und rief: »Wie ihr mir Treue, so schwör’ ich euch +<anchor id="corr440"/><corr sic="Huld">Huld.</corr> Ich will ein milder und gerechter König sein: des +Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will +ich, daß ihr frei seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und +mein Leben, mein Glück, mein alles, euch will ich’s weihen, +dem Volk der guten Goten. Das schwöre ich euch bei dem +Himmelsgott und bei meiner Treue.« +</p> + +<p> +Und den Dingschild vom Baume hebend rief er: »Das +Ding ist aus. Ich löse die Versammlung.« +</p> + +<p> +Die Sajonen schlugen sofort die Haselstäbe mit den +Schnüren nieder und bunt und ordnungslos wogte nun +die Menge durcheinander. Auch die Römer, die sich neugierig, +aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer +Volksfreiheit mit angesehen, wie sie Italien seit mehr als +fünfhundert Jahren nicht gekannt, durften sich nun unter +die gotischen Männer mischen, denen sie Wein und Speisen +verkauften. +</p> + +<p> +Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den +Führern des Heeres nach einem der Zelte sich zu begeben, +die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren. +</p> + +<p> +Da drängte sich ein römisch gekleideter Mann, wie es +schien, ein wohlhabender Bürger, an sein Geleit und forschte +eifrig nach Graf Teja, des Tagila Sohn. +</p> + +<p> +»Der bin ich: was willst du mir, Römer?« sprach +dieser sich wendend. – »Nichts, Herr, als diese Vase überreichen: +seht nach: das Siegel, der Skorpion, ist unversehrt.« +– »Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts dergleichen.« +– »Die Vase ist euer, Herr. Sie ist voller Urkunden +und Rollen, die euch zugehören. Und mir ist es vom +Gastfreund aufgetragen, sie euch zu geben. Ich bitt’ euch, +nehmt.« +</p> + +<p> +Und damit drängte er ihm die Vase in die Hand und +<pb n='441'/><anchor id='Pg441'/>war im Gedränge verschwunden. Gleichgültig löste Teja +das Siegel und nahm die Urkunden heraus, gleichgültig +sah er hinein. Aber plötzlich schoß ein brennend Rot über +seine bleichen Wangen, sein Auge sprühte Blitze und er +biß krampfhaft in die Lippe. Die Vase entfiel ihm, er +aber drängte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach +mit fast tonloser Stimme: »Mein König! – König Witichis +– eine Gnade!« +</p> + +<p> +»Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?« +</p> + +<p> +»Urlaub! Urlaub auf sechs – auf drei Tage! Ich +muß fort.« – »Fort, wohin?« – »Zur Rache! Hier +lies: – der Teufel, der meine Eltern verklagte, in Verzweiflung, +Tod und Wahnsinn trieb, – er ist es – den +ich längst geahnt: hier ist sein Anzeigebrief an den Bischof +von Florentia, mit seiner eignen Hand – es ist Theodahad! –« +</p> + +<p> +»Er ist’s, es ist Theodahad,« sagte Witichis, vom +Briefe aufsehend. »Geh denn! Aber, zweifle nicht: du +triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewiß längst entflohn. +Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.« +</p> + +<p> +»Ich hole ihn ein, ob er auf den Flügeln des Sturmadlers +säße.« +</p> + +<p> +»Du wirst ihn nicht finden.« +</p> + +<p> +»Ich finde ihn und müßte ich ihn aus dem tiefsten +Pfuhl der Hölle oder im Schoße des Himmelsgottes suchen.« +</p> + +<p> +»Er wird mit starker Bedeckung geflüchtet sein,« warnte +der König. +</p> + +<p> +»Aus tausend Teufeln hol’ ich ihn heraus. Hildebad, +dein Pferd! Leb’ wohl, König der Goten. Ich vollstrecke +die Acht.« +</p> + </div></div></body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + <p>Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.</p> + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen + (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus + fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie + gesperrt gesetzte Passagen.</p> + </then> + <else> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen + (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne Wörter aus + fremden Sprachen (hier kursiv). + Gesperrt gesetzte Passagen sind in dieser Form übernommen.</p> + </else> + </pgIf> + <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p> + <list> + <item><ref target="corr013">Seite 13</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Kämpfen«, + Punkt hinter <ref target="corr013a">»Sieg«</ref></item> + <item><ref target="corr017">Seite 17</ref>: Komma ergänzt hinter »machen«</item> + <item><ref target="corr028">Seite 28</ref>: »Märiä« geändert in »Maria«</item> + <item><ref target="corr046">Seite 46</ref>: »Cethejus« geändert in »Cethegus«</item> + <item><ref target="corr067">Seite 67</ref>: »Gothen« geändert in »Goten«</item> + <item><ref target="corr088">Seite 88</ref>: Komma ergänzt hinter »Sippen«</item> + <item><ref target="corr107">Seite 107</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item> + <item><ref target="corr114">Seite 114</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Volkes!«</item> + <item><ref target="corr132">Seite 132</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Leben.«</item> + <item><ref target="corr140">Seite 140</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Himmel!«, + »Camilla« geändert in »Kamilla«</item> + <item><ref target="corr156">Seite 156</ref>: »Chetegus« geändert in »Cethegus«</item> + <item><ref target="corr157">Seite 157</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »Wer«</item> + <item><ref target="corr158">Seite 158</ref>: Komma ergänzt hinter »getrunken«, + »vergießt« geändert in <ref target="corr158a">»vergißt«</ref></item> + <item><ref target="corr166">Seite 166</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor »’s ist«</item> + <item><ref target="corr168">Seite 168</ref>: Komma entfernt hinter »Trieren«</item> + <item><ref target="corr169">Seite 169</ref>: »Balthen« geändert in »Balten« + (ebenso <ref target="corr172">Seite 172</ref>)</item> + <item><ref target="corr174">Seite 174</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Bestie,«, vor »vorwärts,«</item> + <item><ref target="corr176">Seite 176</ref>: »hönisch« geändert in »höhnisch«</item> + <item><ref target="corr181">Seite 181</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »müssen.«</item> + <item><ref target="corr184">Seite 184</ref>: Punkt ergänzt hinter »Hände«</item> + <item><ref target="corr187">Seite 187</ref>: »Culpurnius« geändert in »Calpurnius«</item> + <item><ref target="corr203">Seite 203</ref>: »Eupheu« geändert in »Epheu«</item> + <item><ref target="corr208">Seite 208</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »wette.«</item> + <item><ref target="corr210">Seite 210</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »Zwei«</item> + <item><ref target="corr215">Seite 215</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »steht.«</item> + <item><ref target="corr216">Seite 216</ref>: »Pupurvorhang« geändert in »Purpurvorhang«</item> + <item><ref target="corr226">Seite 226</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter «an.« und vor »Soeben«</item> + <item><ref target="corr241">Seite 241</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »Laß«</item> + <item><ref target="corr247">Seite 247</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »zuzulassen.«</item> + <item><ref target="corr248">Seite 248</ref>: Komma ergänzt hinter »fort«</item> + <item><ref target="corr249">Seite 249</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter »Petros,« und vor »Diese«</item> + <item><ref target="corr255">Seite 255</ref>: Komma ergänzt hinter »Antonina«, Anführungszeichen um »und«</item> + <item><ref target="corr271">Seite 271</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »vernichtet!«, + »Mormorsäule« geändert in <ref target="corr271a">»Marmorsäule«</ref></item> + <item><ref target="corr278">Seite 278</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item> + <item><ref target="corr296">Seite 296</ref>: Punkt geändert in Komma hinter »sich«</item> + <item><ref target="corr297">Seite 297</ref>: Anführungszeichen entfernt vor »ich«</item> + <item><ref 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target="corr355a">»Kälte«</ref></item> + <item><ref target="corr376">Seite 376</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »Totila.«</item> + <item><ref target="corr404">Seite 404</ref>: »widerholte« geändert in »wiederholte«</item> + <item><ref target="corr410">Seite 410</ref>: »gegedachte« geändert in »gedachte«</item> + <item><ref target="corr425">Seite 425</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »gefehlt.«</item> + <item><ref target="corr427">Seite 427</ref>: Anführungszeichen entfernt hinter »anzuklagen.«</item> + <item><ref target="corr429">Seite 429</ref>: Punkt ergänzt hinter »erhalten«, + zweites Anführungszeichen ergänzt hinter <ref target="corr429a">»Reich.«</ref>, + Komma ergänzt hinter <ref target="corr429b">»Witichis«</ref> und hinter <ref target="corr429c">»durch«</ref></item> + <item><ref target="corr432">Seite 432</ref>: zweites Anführungszeichen ergänzt hinter »bezahlst.«</item> + <item><ref target="corr435">Seite 435</ref>: Komma ergänzt hinter »edelste«</item> + <item><ref target="corr438">Seite 438</ref>: Punkt ergänzt hinter »ausstreckend«, + Anführungszeichen entfernt hinter <ref target="corr438a">»mir!«</ref></item> + <item><ref target="corr440">Seite 440</ref>: Punkt ergänzt hinter »Huld«</item> + </list> + + <p>Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, Pronomina und + Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. </p> + </div> + <div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> |
