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diff --git a/31309.txt b/31309.txt new file mode 100644 index 0000000..7878553 --- /dev/null +++ b/31309.txt @@ -0,0 +1,9756 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Trotzkopf by Emmy von Rhoden + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Der Trotzkopf + +Author: Emmy von Rhoden + +Release Date: February 17, 2010 [Ebook #31309] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF*** + + + + + + Der Trotzkopf. + + + + + + Der Trotzkopf. + + Eine Pensionsgeschichte + + fuer + + erwachsene Maedchen + + von + + Emmy von Rhoden. + +39. Auflage. + +Illustriert von _August Mandlick_. + + +Stuttgart +_Verlag von Gustav Weise._ + + + + + + Druck von Munz & Geiger, Stuttgart. + + + + + + VORWORT + + + zur zweiten Auflage. + + +Die zweite Auflage dieses Buches ist der ersten in kuerzerer Frist als der +eines Jahres gefolgt. Sie ist mit dem Bilde der Verfasserin geschmueckt, +damit die jugendlichen Leserinnen auch die Zuege derjenigen kennen und +lieben lernen, die ihnen dies schoene Vermaechtnis hinterlassen hat. Sie hat +diese Liebe reich verdient; sie hat dieselbe im Leben bei all denen, die +ihr edles Herz kannten, im vollsten Masse genossen und sich weit ueber das +Grab hinaus gesichert. + +Emmy von Rhoden war das Pseudonym der zu frueh dahingegangenen Gattin eines +unsrer beliebtesten Schriftsteller, meines Freundes Friedrich Friedrich. +Mir selbst und den Meinen war die Verfasserin eine teure Freundin, deren +schriftstellerisches Debuet ich mit waermstem Interesse begleitete. Als sie +ihre ersten, fuer ein juengeres Alter berechneten Jugendschriften ("_Das +Musikantenkind_", eine Erzaehlung fuer Kinder von 11-14 Jahren, und +"_Lenchen Braun_", eine Weihnachtsgeschichte fuer Kinder von 10-12 Jahren) +veroeffentlichte und damit schnell litterarisches Aufsehen und nachhaltige +Freude in den empfaenglichen Gemuetern der Kinderwelt erregte, hatte Emmy +Friedrich Friedrich aus Bescheidenheit das Pseudonym Emmy von Rhoden +gewaehlt. Jetzt hat der Tod den Schleier der Pseudonymitaet gelueftet. + +Es ist mir ein Herzensbeduerfnis, den Wunsch meines tiefgebeugten Freundes +zu erfuellen, der aus leichtbegreiflichen Gruenden es nicht ueber sich +vermochte, der zweiten Auflage des "Trotzkopf" ein Vorwort zu geben. Er +war der Meinung, dass ich, der ich die Unvergessliche in ihrer +liebenswuerdigen menschlichen und schriftstellerischen Eigenart genau +kannte, ein charakterisierendes Einfuehrungswort der neuen Auflage finden +wuerde. Nun aber, da ich das innerliche Wesen dieser seltenen Frau in Worte +kleiden soll, fuehle ich die ganze Schwere dieser Aufgabe. Soll ich von der +Gemuetstiefe reden, mit welcher die Verewigte das Wesen der Jugend erfasste; +von dem innigen Verstaendnis, welches sie den Eigentuemlichkeiten einer +jungen Maedchenseele entgegenbrachte; von der feinen Beobachtung des +jugendlichen Gebarens; von der farbenfrischen Erzaehlerkunst, mit welcher +sie vor dem seelischen Ohr des Lesers auch die zartesten Saiten der +jugendlichen Empfindung erklingen liess? + +Wer einen Ueberblick ueber die neueste Unterhaltungslitteratur fuer die +Jugend gewann, in welcher sich allerlei Unnatur und Tendenz aufdringlich +breit macht, wird die grossen Vorzuege erkennen, welche den "Trotzkopf" zu +einer echten und wahren Jugendschrift machen. Diese Erzaehlung ist +natuerlich frisch, unterhaltend und spannend, und was schwerer als dies +alles wiegt: sie ist psychologisch wahr! Mit gluecklichem Takt hat die +Verfasserin alles rein Belehrende, alles Pedantische und unnatuerlich Pruede +vermieden. Sie erzaehlt mit ungekuenstelter Natuerlichkeit, wie ein junges, +ungebaendigtes Menschenkind durch das Leben selbst erzogen wird. Deshalb +wirkt dies Buch auch im besten Sinne erziehend. Eine Erzaehlung, welche die +jugendlichen Gemueter nicht fesselt und packt, bleibt wirkungslos und wenn +tausend weise Lehren in dieselbe hineingestreut sind, denn diese sind nur +graue Theorien, waehrend das Gruen des goldenen Lebensbaumes nur aus dem +Leben selbst emporwaechst. + +Und so moege dies anziehende, von der Sonne der Phantasie beglaenzte Werk, +das auf innerlichster Lebenserfahrung aufgebaut ist, seinen Weg weiter +gehen zur Freude der gern angeregten Jugend! Es ist der Segen aller guten +und edlen Naturen, dass ihre Schoepfungen auf viele Generationen hinaus +wirken. Des alten Sebastian Frank Wort mag sich auch an dieser +Jugendschrift als wahr erweisen: "Das aber ist der Buecher rechter einiger +Gebrauch, dass wir darinnen ein Zeugnis unsres Herzens sehen." + +_Berlin_, Oktober 1885. + *Franz Hirsch.* + + + + + + + [Illustration] + +"Papa, Diana hat Junge!" + +Mit diesen Worten trat ungestuem ein junges, schlankes Maedchen von fuenfzehn +Jahren in das Zimmer, in welchem sich ausser dem Angeredeten, dessen Frau +und dem Prediger des Ortes, noch Besuch aus der Nachbarschaft, ein Herr +von Schaeffer mit Frau und seinem erwachsenen Sohne, befand. + +Alles lachte und wandte sich dem kleinen Backfische zu, der ohne jede +Verlegenheit auf den Papa zueilte und ausfuehrlich ueber das wichtige +Ereignis berichtete. + +"Es sind vier Stueck, Papa," erzaehlte sie lebhaft, "und braun sehen sie +aus, wie Diana. Komm sieh dir sie an, es sind zu reizende Tierchen! Vorn +an den Pfoetchen haben sie weisse Spitzen. Ich habe gleich einen Korb geholt +und mein Kopfkissen hineingelegt, sie muessen doch warm liegen, die kleinen +Dinger." + +Herr Oberamtmann Macket hatte den Arm um die Schulter seines Lieblings +gelegt und strich ihm das wirre Lockenhaar aus dem erhitzten Gesicht, +dabei sah er sein Kind mit wohlgefaelligen Blicken an, was eigentlich zu +verwundern war, da Ilse in einem Aufzuge hereingekommen, der durchaus +nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in diesem +Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten. Das verwaschene, +dunkelblaue Kattunkleid, blusenartig gemacht und mit einem Lederguertel +gehalten, mochte wohl recht bequem sein, aber kleidsam war es nicht, und +einige Flecken und Risse darin dienten ebenfalls nicht dazu, die Eleganz +desselben zu heben. Die hohen, plumpen Lederstiefel, die unter dem kurzen +Kleide hervorblickten, waren tuechtig bestaubt und sahen eher grau als +schwarz aus. Aber wie gesagt, Herrn Macket genierte dieser Aufzug gar +nicht, er sah in die froehlichen, braunen Augen seines Lieblings, um dessen +Kleider kuemmerte er sich nicht. + +Er war im Begriffe, sich zu erheben, um seines Kindes Wunsch zu erfuellen, +als seine Gattin, eine vornehme Erscheinung mit sanften und doch +bestimmten Zuegen, ihm zuvorkam. Sie hatte sich erhoben und trat auf Ilse +zu. + +"Liebe Ilse," sagte sie in freundlichem Tone und nahm dieselbe bei der +Hand, "ich moechte dir etwas sagen, Kind. Willst du mir auf einen +Augenblick in mein Zimmer folgen?" + +Sehr ruhig, aber sehr bestimmt waren die Worte gesprochen und Ilse fuehlte, +dass ein Widerstand dagegen vergeblich sein wuerde. Ungern und gezwungen +folgte sie der Mutter in das anstossende Gemach. + +"Was willst du mir sagen, Mama?" fragte sie und sah Frau Macket trotzig +an. + +"Nichts weiter, mein Kind, als dass du sogleich auf dein Zimmer gehst und +dich umkleidest. Du wusstest wohl nicht, dass Gaeste bei uns waren?" + +"Doch, ich wusste es, aber ich mache mir nichts daraus," gab Ilse kurz zur +Antwort. + +"Aber ich, Ilse. Ich kann nicht gleichgueltig dabei sein, wenn du in einem +so unordentlichen Kostueme dich blicken laesst. Du bist kein Kind mehr mit +deinen fuenfzehn Jahren; bedenke, dass du seit Ostern konfirmiert bist, eine +angehende junge Dame aber muss den Anstand wahren. Was soll der junge +Schaeffer von dir denken, er wird dich auslachen und dich verspotten." + +"Der dumme Mensch!" fuhr Ilse auf. "Ob der ueber mich lacht oder spottet, +ist mir ganz gleichgueltig. Ich lache auch ueber ihn! Thut, als ob er ein +Herr waere mit seinem Klemmer und geht doch noch in die Schule." + +"Er ist in Prima auf dem Gymnasium und zaehlt neunzehn Jahre. Nun sei +vernuenftig und kleide dich um, Kind, hoerst du?" + +"Nein, - ich ziehe kein andres Kleid an, ich will mich nicht putzen!" + +"Wie du willst, aber dann bitte ich dich, ja ich wuensche es entschieden, +dass du in deinem Zimmer bleibst und dein Abendbrot dort verzehrst," gab +Frau Macket mit grosser Ruhe zur Antwort. + +Ilse biss auf die Unterlippe und trat mit dem Fusse heftig auf die Erde, +aber sie sagte nichts. Mit einer schnellen Wendung ging sie zur Thuer +hinaus und warf dieselbe unsanft hinter sich zu. Oben in ihrem Zimmer liess +sie sich auf einen Stuhl fallen, stuetzte die Ellbogen auf das Fensterbrett +und weinte Thraenen des bittersten Unmutes. + +"O wie schrecklich ist es jetzt!" stiess sie schluchzend heraus. "Warum hat +auch der Papa wieder eine Frau genommen, - es war so viel, viel huebscher, +als wir beide allein waren! Alle Tage muss ich lange Reden hoeren ueber Sitte +und Anstand und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht - und +wenn sie es zehnmal sagt!" - - + +Als sie mit ihrem Vater noch allein war, fuehrte sie freilich ein +ungebundeneres und lustigeres Leben. Niemand hatte ihr Vorschriften zu +machen oder durfte ihre dummen Streiche hindern; was sie auch ausfuehrte, +es galt alles als unuebertrefflich. Das Lernen wurde nur als langweilige +Nebensache betrachtet und die Gouvernanten fuegten sich entweder dem Willen +ihrer Schuelerin oder sie gingen davon. Beklagte sich ja einmal diese oder +jene bei dem Vater und hatte derselbe auch wirklich den festen Entschluss +gefasst, ein Machtwort zu sprechen gegen sein unbaendiges Kind, er kam nicht +dazu, es auszufuehren. Sobald er mit ernster Miene ihr gegenueber trat, fiel +Ilse ihm um den Hals, nannte ihn ihren "einzigen, kleinen Papa", trotzdem +er ein sehr grosser, kraeftiger Mann war, und kuesste ihm Mund und Wangen. +Versuchte er, ihr ernste Vorstellungen zu machen, hielt sie ihm den Mund +zu. + +"Ich weiss ja alles, was du mir sagen willst, und ich will mich ganz gewiss +bessern!" mit solchen und aehnlichen Worten und Versprechungen troestete sie +den Papa - ach und wie gern liess er sich also troesten! Er konnte dem Kinde +nie ernstlich zuernen, es war sein alles. + +Als Ilses Mutter starb, legte sie ihm das kleine hilflose Ding in den Arm. +Es hatte die schoenen, frohen Augen der frueh Geschiedenen geerbt, und +blickte sie ihn an, war es ihm, als ob die Gattin, die er so sehr geliebt +hatte, ihn anlaechle. + +Lange Jahre war er einsam geblieben und hatte nur fuer sein Kind gelebt. Da +lernte er seine zweite Frau kennen. Ihr kluges, sanftes Wesen fesselte ihn +so, dass er sie heimfuehrte. + +Frau Anne betrat das Haus ihres Mannes mit dem festen Vorsatze, seinem +Kinde die treueste, liebevollste Mutter zu sein und alles aufzubieten, um +ihr die frueh Verlorene zu ersetzen; indes jede herzliche Annaeherung von +ihrer Seite scheiterte an Ilses trotzigem Widerstande. Bald ein Jahr +waltete sie nun schon als Frau und Stiefmutter und noch immer hatte sie es +nicht vermocht, Ilses Liebe zu gewinnen. - - - + +Die Gaeste blieben zum Abendessen auf Moosdorf, so hiess das grosse Gut des +Oberamtmann Macket. Als der Tisch gedeckt war und alle sich an demselben +niedergesetzt hatten, fragte Herr Macket, warum Ilse noch nicht anwesend +sei. + +Frau Anne erhob sich und zog an der Klingelschnur. Der eintretenden +Dienstmagd befahl sie, das Fraeulein zu Tisch zu rufen. - - - - + +Ilse sass noch in derselben Stellung am Fenster. Sie hatte sich +eingeschlossen und die Magd musste erst tuechtig pochen und rufen, bevor sie +sich bequemte, die Thuer zu oeffnen. + +"Sie sollen herunterkommen, Fraeulein, die gnaedige Mama hat es befohlen," +sagte Kathrine und betonte das "sollen" und "befohlen" so recht +auffallend. + +"Ich soll!" rief Ilse und wandte den Kopf hastig herum, "aber ich will +nicht! Sag' das der gnaedigen Frau Mama!" + +"Ja," sagte Kathrine, so recht befriedigt von dieser Antwort, denn auch +sie war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, dass wieder eine Frau +in das Haus gekommen war, welche der schoenen Freiheit ein Ende gemacht +hatte, "ja, ich werd's bestellen. Gnaediges Fraeulein haben ganz recht, das +ewige Befehlen, wenn man selbst alt genug ist, ist hoechst unpassend, noch +dazu, wenn fremde Leute dabei sind." + +Und sie ging hinunter in das Speisezimmer und fuehrte woertlich Ilses +Bestellung aus. + +Herr Macket blickte seine Frau verlegen an, er wusste gar nicht, was diese +Antwort bedeuten sollte. Sie verstand seine stumme Frage und ohne im +geringsten den Unmut merken zu lassen, den sie in ihrem Innern empfand, +sagte sie gelassen: "Ilse ist nicht ganz wohl, lieber Mann, sie klagte +etwas ueber Kopfschmerzen. Kathrine hat ihre Bestellung ungeschickt +ausgerichtet." + +Alle Anwesenden errieten sofort, dass Frau Anne eine Ausrede machte, nur +Herr Macket glaubte, dass es sich in Wahrheit so verhielt. + +"Wollen wir nicht lieber einen Boten zum Arzt schicken?" fragte er +besorgt. + +Die Antwort hierauf gab ihm sein Kind selbst, das heisst, sie bewies ihm, +dass ihr kein Finger weh that. Laut jubelnd und lachend trieb sie einen +Reif mit einem Stock ueber den grossen Rasenplatz, und der Jagdhund, Tyras, +sprang demselben nach, und wenn er mit seinen Pfoten den Reif beinahe +erhascht hatte und ihn doch nicht halten konnte, stiess er ein aergerliches +Geheul aus, worueber Ilse sich totlachen wollte. + +Herrn Mackets Gesicht verklaerte sich ordentlich bei diesem Anblicke. Er +stand auf, trat in die offenstehende Fluegelthuer des Zimmers und eben im +Begriffe, Ilse zu rufen, hielt ihn Frau Anne davon zurueck. + +"Lass sie - ich bitte dich, - lieber Mann," bat sie, vor Unwillen leicht +erroetend, und zu den Gaesten gewendet setzte sie hinzu: "Es thut mir leid, +nun doch die Wahrheit sagen zu muessen, indes Ilses Benehmen zwingt mich +dazu." + +Und sie erzaehlte so mildernd als moeglich den kleinen Vorfall. Es wurde +darueber gelacht, ja Herr von Schaeffer behauptete, die kleine habe +Temperament und es sei schade, dass sie kein Knabe sei. Seine hochgebildete +Frau konnte ihm nicht beistimmen, sie fand das wilde Maedchen geradezu +entsetzlich und nannte es auf dem Heimwege ein _enfant terrible_. + +Als die Gaeste fortgefahren waren, blieb der Prediger noch zurueck. Derselbe +war ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilsen vaeterlich zugethan +war. Er hatte sie getauft und eingesegnet, unter seinen Augen war sie +herangewachsen. Seit kurzer Zeit, seitdem die letzte Gouvernante ihren +Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht. + +Es trat ein augenblickliches, beinahe peinliches Stillschweigen ein. Ein +jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich +doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket sassen am Tische, er +rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschaeftigt. Prediger Wollert +ging im Zimmer auf und ab und sah recht ernst und nachdenklich aus. +Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen. + +"Es kann nichts helfen, lieber Freund," redete er denselben an, "das Wort +muss heraus. Es geht nicht mehr so weiter, wir koennen das unbaendige Kind +nicht zuegeln, es ist uns ueber den Kopf gewachsen." + +Der Oberamtmann sah den Prediger verwundert an. "Wie meinen Sie das?" +fragte er, "ich verstehe Sie nicht." + +"Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die," fuhr der erstere fort, "das +Kind muss fort von hier, in eine Pension." + +"Ilse? In eine Pension? Aber warum, sie hat doch nichts verbrochen!" rief +Herr Macket ganz erschreckt. + +"Verbrochen!" wiederholte laechelnd der Prediger. "Nein, nein, das hat sie +nicht! Aber muss denn ein Kind erst etwas Boeses gethan haben, um in ein +Institut zu kommen? Es ist doch keine Strafanstalt. Hoeren Sie mich ruhig +an, lieber Freund," fuhr er besaenftigend fort und legte die Hand auf +Mackets Schulter, als er sah, dass dieser heftig auffahren wollte. "Sie +wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, dass ich nur das Beste fuer sie +im Auge habe; nun wohl, ich habe reiflich ueberlegt und bin zu dem +Resultate gekommen, dass Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen, +sie zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien, was soll daraus werden? Sie +hat soeben ein glaenzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben." + +Der Oberamtmann trommelte auf dem Tische. "Das war eine Ungezogenheit, die +ich bestrafen werde," sagte er. "Etwas Schlimmes kann ich nicht darin +finden. Mein Gott, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend muss +austoben. Weshalb soll man einem uebermuetigen Maedchen so strenge Fesseln +anlegen und es Knall und Fall in eine Pension bringen? Was ist dabei, wenn +es einmal ueber den Strang schlaegt? Verstand kommt nicht vor den Jahren! +Was sagst du dazu, Anne," wandte er sich an seine Frau, "du denkst wie +ich, nicht wahr?" + +"Ich dachte wie du," entgegnete Frau Anne, "vor einem Jahre, als ich +dieses Haus betrat. Heute urteile ich anders, heute muss ich dem Herrn +Prediger recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller +Herzensguete, die sie besitzt. Ich weiss nichts mit ihr anzufangen, soviel +Muehe ich mir auch gebe. Gewoehnlich thut sie das Gegenteil von dem, was ich +ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so thut sie entweder, +als ob sie mich nicht verstanden hat, oder sie nimmt hoechst unwillig ihre +Buecher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerhand +Nebendinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder und fort ist sie! Da +hilft kein guetiges Zureden, keine Strenge, sie will nicht! Frage den Herrn +Prediger, wie ungleichmaessig Ilses wissenschaftliche Bildung ist, wie sie +zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht." + +"Was kommt bei einem Maedchen darauf an," entgegnete Herr Macket und erhob +sich. "Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben +kann und das Einmaleins gelernt hat, weiss sie genug." + +Der Prediger laechelte. "Das ist Ihr Ernst nicht, lieber Freund. Oder wuerde +es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, dass sie dumm sei +und nichts gelernt habe! Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der +Trieb, die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter +junge Maedchen ihres Alters kommt. Das Streben derselben wird ihren Ehrgeiz +wecken und ihr bester Lehrmeister sein." + +Die Wahrheit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu +seinem Kinde liess es ihn nicht laut eingestehen. Der Gedanke, dasselbe von +sich zu geben, war ihm furchtbar. Nicht taeglich es sehen und hoeren zu +koennen, - ihm war als ob die Sonne ploetzlich aufhoeren muesse zu scheinen, +als solle ihm Licht und Leben genommen werden. + +Frau Anne empfand, was in ihres Mannes Herzen vorging, liebevoll trat sie +zu ihm und ergriff seine Hand. + +"Denke nicht, dass ich hart bin, Richard, wenn ich fuer den Vorschlag unsres +Freundes stimme," sagte sie. "Ilse steht jetzt auf der Grenze zwischen +Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versaeumte nachzuholen und ihre +unbaendige Natur zu zuegeln. Geschieht das nicht, so koennte man eines Tages +unser Kind als unweiblich bezeichnen, waere das nicht furchtbar?" + +Er hoerte kaum, was sie sprach. "Ihr wollt sie einsperren," sagte er +erregt, "aber das haelt sie nicht aus. Lasst sie erst aelter werden, es ist +dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben." + +Dagegen protestierten Frau Anne und der Prediger auf das entschiedenste; +sie bewiesen, dass jetzt die hoechste Zeit sei, wenn die Pension noch etwas +nuetzen solle. + +"Ich wuesste ein Institut in W., das ich fuer Ilse ausgezeichnet empfehlen +koennte," erklaerte der Prediger. "Die Vorsteherin desselben ist mir genau +bekannt, sie ist eine vorzuegliche Dame. Neben der Pension, die unter ihrer +Leitung herrlich gediehen ist, hat sie eine Tagesschule in das Leben +gerufen, die sich von Jahr zu Jahr vergroessert hat. Ilse wuerde den besten +Unterricht und die liebevollste Pflege vereint finden. Und welch ein +Vorzug ist nicht die wunderbare Lage dieses Ortes. Die Berge ringsum, die +kostbare Luft - - -" + +"Ja ja," unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, "ich glaube das +alles gern! Aber lasst mir Zeit, bestuermt mich nicht weiter. Ein so +wichtiger Entschluss, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife." - + +Er kam schneller als er geglaubt hatte. - + +Am andern Morgen, es war noch sehr frueh, traf der Oberamtmann sein +Toechterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten, +um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Fraeulein Ilse sich auf eines +der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher +hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zuegel in +der Hand. + +"Guten Morgen, Papachen!" rief sie ihm laut schon von weitem entgegen, +"wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muss herein; der Hofmeister sagt, +wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen +helfen!" + +Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines +Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah +wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden +Buben. Wie ein solcher sass sie auf dem Pferde und hatte die Fuesse an beiden +Seiten herunterhaengen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man +sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stueck des bunten +Strumpfes. Es war wahrlich kein schoener Anblick. + +"Steig' herab, Ilse," sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim +Heruntersteigen behilflich zu sein, "du wirst jetzt nicht auf die Wiese +reiten, hoerst du, sondern deine Aufgaben machen." + +Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass der Vater in so bestimmter Weise +zu ihr sprach. Im hoechsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie +machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die +Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen. + +"Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du +denn auf diesen komischen Einfall? Mach' nur nicht ein so boeses Gesicht! +Weisst du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte, +Papa, von den vielen, - wenn sie boese war! {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fraeulein Ilse, gehen Sie auf +Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Dabei zog sie +die Stirn in Falten und riss die Augen auf - so", und sie versuchte es +nachzuahmen. "Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Fruehstueck komm' +ich zurueck!" + +Sie warf ihm noch eine Kusshand zu, lachte ihn schelmisch an und fort +ging's im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen +Sommermorgen hinein. + +Herr Macket schuettelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche +Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine +Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm +soeben den Beweis gegeben, dass sie auch ihm Widerstand entgegensetzte. +Freilich musste er sich gestehen, dass er durch seine Nachgiebigkeit +denselben in ihr gross gezogen hatte. + +Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die +weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau +erwartete ihn dort am gedeckten Fruehstueckstische. + +Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. "Hattest du +Unannehmlichkeiten?" fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee. + +"Nein," entgegnete er, "das nicht." Er hielt einen Augenblick inne, als ob +es ihm schwer wuerde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: "Ich moechte +dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschluss +wegen unsres gestrigen Gespraeches verkuenden. Zum 1. Juli soll Ilse in die +Pension." + +"Du scherzest," sagte Anne und sah ihn fragend an. + +"Es ist mein Ernst," erwiderte er. "Wirst du im stande sein, bis zu dem +Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu koennen? Wir haben heute den +12. Juni." + +"Ja, das wuerde ich koennen, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein +Entschluss etwas uebereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Lass Ilse die +schoenen Sommermonate noch ihre Freiheit geniessen und gieb sie erst zum +Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer +werden." + +"Nein, keine Aenderung," sagte er, bei einem laengeren Hinausschieben +seinen Wankelmut fuerchtend, "es bleibt dabei - zum 1. Juli wird sie +angemeldet." + +Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und ueber +und ueber mit Heu bestreut zum zweiten Fruehstuecke zurueck. Wie sie war, ohne +den Anzug zu wechseln, trat sie hoechst vergnuegt auf die Veranda. + +"Da bin ich," rief sie. "Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das +Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine +Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut haetten wir es seit Jahren +nicht gehabt." + +"Lass das Heu jetzt, Ilse," entgegnete Herr Macket, "und hoere zu, was ich +dir sagen werde." + +Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu +sprechen - sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner +Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Fruehstueckstisch +gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt. + +"Soll ich dir Fruehstueck schneiden?" fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse +lehnte es ab. + +"Ich will es schon selbst thun," sagte sie, nahm das Messer und schnitt +sich ein tuechtiges Stueck Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast +fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stueck Wurst zugelangt hatte, +fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst, +die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Hoechst ungeniert lehnte +sie dabei hintenueber in einem Sessel und schlug die Fuesse uebereinander. Es +schmeckte ihr koestlich. + +"Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen!" rief sie mit vollem +Munde, "nun schiess los, ich bin ordentlich neugierig darauf." + +Er zoegerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen +Entschluss zuruecknehmen - einen Augenblick ueberlegte er und es fehlte nicht +viel, so haette er es wirklich gethan, aber die Schwaeche ging vorueber und +so ruhig wie es ihm moeglich war, teilte er Ilse seinen Beschluss mit. + +Wenn er erwartet hatte, dass sie sich stuermisch widersetzen wuerde, so hatte +er geirrt. Zwar blieb ihr buchstaeblich der Bissen im Munde stecken vor +Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinueber und sie +unterdrueckte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese +erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu +verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses +Planes war, denn der Papa - nein! Nimmermehr wuerde er sie von sich gegeben +haben! + +"Nun, du schweigst?" fragte Herr Macket, "du hast vielleicht selbst schon +die Notwendigkeit eingesehen, dass du noch tuechtig lernen musst, mein Kind, +denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch ueberall, nicht wahr?" + +"Gar nichts habe ich eingesehen!" platzte Ilse heraus, "du selbst hast mir +ja oft genug gesagt, ein Maedchen brauche nicht so viel zu lernen, das +allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt, +Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf +den Schulbaenken sitzen zwischen andern Maedchen und lernen, bis mir der +Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf +die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da waere!" + +Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Fruehstuecks auf den Tisch +und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thraenen +hervor, die sie bis dahin nur muehsam zurueckgehalten hatte. + +Frau Anne waere dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fuehlte, was in dem +jungen Herzen vorging, aber sie wusste genau, dass Ilse ihre guetigen Worte +trotzig zurueckweisen wuerde; so blieb sie zurueck und hoffte auf die Zeit, +wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer muetterlichen Liebe finden werde. - - + + -------------- + +Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau +Anne hatte alle Haende voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu +bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage +sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit +erklaert. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die +jede Pensionaerin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe. + +Ilse lachte spoettisch ueber die, nach ihrer Meinung vielen unnuetzen Dinge, +besonders die Hausschuerzen fand sie geradezu laecherlich. Sie hatte bis +dahin niemals eine solche getragen. + +"Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!" sagte sie, als Frau Anne +dabei war, den Koffer zu packen, "die brauchst du gar nicht einzulegen." + +"Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fuegen muessen, mein Kind," +entgegnete die Mutter. "Warum wolltest du auch nicht? Sieh' einmal her, +diese blau und weiss gestreifte Schuerze mit den gestickten Zacken ringsum, +ist sie nicht ein reizender Schmuck fuer ein kleines Fraeulein, das sich im +Haushalte nuetzlich machen wird?" + +"Ich werde mich aber im Haushalte nicht nuetzlich machen!" rief Ilse in +ungezogenem Tone, "das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der +Kueche arbeiten oder die Stuben aufraeumen? Die Schuerzen trage ich nicht, +ich will es nicht!" + +"Uebertreibe nicht, Ilse," entgegnete Frau Anne, "du weisst recht gut, dass +man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schuerzen +nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin +mitteilen, vielleicht erfuellt sie dir denselben." + +"Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts +an!" war Ilses unartige Antwort. + +Sie verliess die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die +schoenen Waesche- und Kleidungsstuecke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt +fuer sie ausgewaehlt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen +Funken Interesse zeigte sie dafuer. + +Dem Papa erklaerte sie, dass sie ein kleines Koefferchen fuer sich selbst +packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche +Schaetze sie mit in das neue Heim hinueberfuehren werde. + +"Das ist eine praechtige Idee, Ilschen," stimmte Herr Macket bei, "nimm nur +mit, was dir Freude macht." + +Und er liess sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und +ueberraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den +Hals fiel, als sie ihn seit laengerer Zeit zum erstenmal wieder "mein +kleines Pa'chen" nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, dass er sich +abwenden musste, um seine Ruehrung zu verbergen. + + [Illustration] + +Am Tage vor ihrer Abreise schloss sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu +packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand +kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Lederguertel, es wurde nur so +in den Koffer hineingeworfen und mit den Haenden etwas festgedrueckt, dann +die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine +alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Toene hervorbringen konnte, +ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter +Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer +gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch +sass. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt +werden, - sie hatte sich so an das Tierchen gewoehnt. Sie nahm ein gutes, +gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe ueber das +Glas, legte auch noch eine Papierhuelle darueber, schnitt ganz kleine Loecher +in beides und steckte einige Fliegen hindurch. + +"So," sagte sie hoechst befriedigt von ihrer Packerei, "nun bist du gut +versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten +Reise." + +Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststueck, +das ihr erst nach vieler Muehe gelang. Aber endlich war sie doch so weit, +dass sie den Deckel schliessen konnte. Er klemmte etwas und Ilse musste sich +erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schloss fiel. Den kleinen Schluessel +zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich +um den Hals. + +Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische sassen, ging +Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Staelle. Von den Huehnern, +Tauben, Kuehen, Pferden - sie hatte so viele Lieblinge darunter - nahm sie +Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl +von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde. +Dianas Sproesslinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie +zaertlich begruessten, lockten ihr Thraenen des tiefsten Leides hervor. + +Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Fraeulein vom ersten Tage ihres +Lebens an gekannt und liebte sie abgoettisch. Als er ihre Thraenen sah, +liefen auch ihm einige Tropfen ueber die Wangen. + +"Wenn das kleine Fraeulein wiederkommt," sagte er mit klaeglicher Stimme und +fuhr mit der verkehrten Hand ueber die Wange, "dann wird es wohl eine grosse +Dame sein. Ja ja, Fraeulein Ilschen, unsre schoene Zeit ist dahin! Ach und +die Hunde, wie werden sie das Fraeulein vermissen! Die sind gescheit! +Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen +Krobaten, als ob sie wuessten, dass unser kleines Fraeulein morgen abreist - +-" hier wurde seine Stimme so unsicher, dass er nicht weiter sprechen +konnte. + +"Johann," entgegnete Ilse unter Schluchzen, "sorge fuer die Hunde. Und wenn +du mir einen grossen - den letzten Gefallen thun willst, so," hier sah sie +sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Naehe +war, "so nimm Bob," diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Soehnchen +gegeben, "mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn faehrst, +aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein +Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich, +hoerst du?" + +Der Kutscher war gluecklich ueber diesen Auftrag und dass er dem lieben, +kleinen Fraeulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er laechelte +verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, dass keine +menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle. + +Frueh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thuer, der Ilse fortbringen +sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin, +Fraeulein Raimar, selbst zu ueberbringen. Er musste sich doch persoenlich +ueberzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne +nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zaertlich und geruehrt von ihrem +Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges +Gesicht und entwand sich der Mutter Armen. + +"Lebe wohl," sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt +haette sie der Mutter verraten moegen, wie weh und schmerzlich ihr das +Scheiden wurde. + +Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend +noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit +thraenenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, dass der Vater nichts von +den Thraenen merkte, er wuerde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht +haben. + +Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee +gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Muetze in +der Hand. + +"Leben Sie recht wohl, Fraeulein Ilschen, und kommen Sie gut hin," sagte er +etwas verlegen. "Die Hunde werde ich schon besorgen, dafuer haben Sie nur +keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie +nicht so allein in der Pension sind." + +Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und +streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand. + +"Leb wohl," sagte sie, "und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, dass ich ein +Huendchen mit mir nehmen kann." + +"Ja, aber Ilse, das geht doch nicht," wandte der erstaunte Oberamtmann +ein, "du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei +vernuenftig und gieb Bob Johann wieder zurueck." + +Doch daran war nicht zu denken. Ilse liess sich durch keine Vorstellung +dazu bewegen. + +"Die einzige Freude lass mir, Pa'chen! Willst du mich denn ganz allein +unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich +doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort +von mir," wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits hoechst bequem +auf ihrem Schosse gemacht hatte, "du bleibst nun immer bei mir!" + +Es war dem Oberamtmann unmoeglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal +ja Ilse so triftige Gruende fuer ihren Wunsch anfuehrte. Am meisten +ueberzeugte ihn der Gedanke, dass die Kleine doch einen heimatlichen Trost +mit in die Fremde braechte. + +Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches +Land, erst zuletzt kamen die Berge. Fuer Ilse that sich eine neue Welt auf, +sie hatte noch nie eine so grosse Reise gemacht. Auf jeder Station schaute +sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwaerterhaeuschen amuesierte sie. +Ueber all den neuen Eindruecken, die sich ihr aufdraengten, trat der +Trennungsschmerz in den Hintergrund. + +Spaet am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natuerlich +uebernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte +sie in ihre neue Heimat eingefuehrt werden. + +Als es am naechsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor +ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen +Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weissen Strohhute, +der mit einem Feldstraeusschen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen +die braunen Locken herab. Die schoenen, grossen Augen blickten heute nicht +so froehlich wie sonst, sie hatten einen aengstlich erwartungsvollen +Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervoeser Aufregung. + +"Dir fehlt doch nichts, Ilschen?" fragte Herr Macket und sah sein Kind +besorgt an. "Du bist so blass, hast du schlecht geschlafen?" + +Die herzliche Frage des Vaters loeste mit einemmal die unnatuerliche +Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin +trotzig zurueckgehaltenen Thraenen brachen mit aller Macht hervor. + +"Aber Kind, Kind," sagte Herr Macket sehr geaengstigt durch ihre +Leidenschaftlichkeit, "du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben. +Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm, +Kleines, trockne die Thraenen. Du musst dir das Herz nicht schwer machen. Du +wirst uns fleissig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir +taeglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf +interessiert." Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer +von neuem hervorbrechenden Thraenen seines Kindes. + +Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein +Kind, es wurde ihm nicht leicht zu troesten, wo er selbst des Trostes +beduerftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er +wuerde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan +hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fuegen. + +Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen +Hut wieder auf. "Komm," sagte er, "jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein +verstaendiges Kind." + +"Die Mama soll mir nicht schreiben!" stiess Ilse schluchzend heraus, "nur +deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht +lesen!" + +"Ilse!" verwies Herr Macket, "so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat +dich lieb und meint es sehr gut mit dir." + +"Sehr gut!" wiederholte sie in kindischem Zorne, "wenn sie mich lieb +haette, wuerde sie mich nicht verstossen haben!" + +"Verstossen! Du weisst nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst aelter, dann +wirst du das grosse Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust, +und deine boesen Worte bereuen." + +"Sie ist nicht meine Mutter, - sie ist meine Stiefmutter!" + +"Du bist kindisch!" sagte der Oberamtmann, "aber merke dir, niemals wieder +will ich dergleichen Aeusserungen von dir hoeren. Du kraenkst mich damit!" + +Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es +kam, dass der Papa sie nicht verstand, er musste doch einsehen, wie unrecht +ihr geschah. + +"Komm jetzt," fuhr er in mildem Tone fort, "wir wollen gehen, mein Kind." +Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgeruestet dem +Vater folgen. + +"Lass ihn zurueck," gebot derselbe, "wir wollen die Vorsteherin erst fragen, +ob du ihn mitbringen darfst." + +Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, "dann gehe ich auch nicht," erklaerte sie +mit aller Bestimmtheit. "Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der +Pension!" + +Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thraenen +hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im hoechsten Grade peinlich. +Was sollte Fraeulein Raimar denken! + +Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen, +zweistoeckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Gruenen +lag; es war das Institut des Fraeulein Raimar. + +Der Oberamtmann blieb ueberrascht davor stehen. "Sieh Ilse, welch ein +schoenes Gebaeude!" rief er hoechst befriedigt. "Der Blick von hier aus in +die nahen Berge ist geradezu bezaubernd." + +Was kuemmerten sie die Berge! Sie fuehlte sich so gedrueckt von Kummer, dass +ihr die ganze Welt ein Jammerthal duenkte. + +"Wie kannst du dies Haus schoen finden, Papa," entgegnete sie. "Wie ein +Gefaengnis sieht es aus." + +Herr Macket lachte. "Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind," +sagte er. "Glaubst du, dass in einem Gefaengnisse aehnliche zu finden sind? +Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die ausserdem +noch mit einem Eisengitter versehen sind." + +"Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst +mich in dem Gefaengnisse ab." + +"Du bist eine kleine Naerrin!" lachte er und brach das Gespraech, das ihm +bedenklich zu werden schien, ab. + +Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange fuehrten, +hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak +unwillkuerlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm. + +Gleich darauf wurde die Thuer von einer Magd geoeffnet. Nachdem dieselbe die +Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der +Vorsteherin gefuehrt. + +Bevor sie dasselbe erreichten, mussten sie den Hausflur und einen langen +Korridor, von welchem zwei Ausgaenge in einen schoenen, grossen Hof fuehrten, +durchschreiten. Es war gerade die Fruehstueckspause in der Schule und so war +es natuerlich, dass ueberall lachend und plaudernd grosse und kleine Maedchen +umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionaerin, von der sie +wussten, dass sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen +richteten sich auf Ilse, der es ploetzlich hoechst beklommen zu Mute wurde. +Es schien ihr, als hoere sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war +herzlich froh, als die Thuer in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schloss. +Noch war dasselbe leer. + +Ilse blickte sich um, und in diesem grossen, vornehmen Raume, der +kuenstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male +ein etwas banges Gefuehl in ihr auf wegen Bob, sie wuenschte fast, des +Vaters Willen gefolgt zu sein. Haette sie den Hund in ihrem Arme ploetzlich +unsichtbar machen koennen, sie haette es gethan. Nun wollte der Unartige +auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch +unmoeglich erfuellen, wie haette sie wagen duerfen, ihn auf den kostbaren +Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen! + +Die Thuer oeffnete sich und Fraeulein Raimar trat ein. Sie begruesste Herrn +Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen +Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden +Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte +seine Hand ergriffen. + +"Sei willkommen, mein Kind!" Mit diesen Worten begruesste die Vorsteherin +Ilse und reichte ihr die Hand. "Ich denke, du wirst dich bald bei uns +heimisch fuehlen." Als sie den Hund sah, fragte sie: "Hat dich dein Hund +bis hierher begleitet?" + +Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch fuer sie das Wort +nahm. "Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Fraeulein Raimar," sagte er +etwas verlegen, "sie glaubte, dass Sie die Guete haben wuerden, ihren kleinen +Kameraden mit ihr aufzunehmen." + +Das Fraeulein laechelte. Es war das erste Mal, dass man ihr eine solche +Zumutung machte. "Es thut mir leid, Herr Oberamtmann," sagte sie, "dass ich +den ersten Wunsch Ilses ruecksichtslos abschlagen muss. Sie wird verstaendig +sein und einsehen, dass ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal +vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionaerinnen den gleichen Wunsch +haetten, dann wuerden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein +Spektakel wuerde das geben! Moechtest du das Tier gern in deiner Naehe +behalten, so wuesste ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Buergermeister hier, +wird deinen Hund gewiss aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du +taeglich deinen Liebling sehen." + +Ilse war rot geworden und dicke Thraenen perlten in ihren Augen. "Dann +bleibe ich auch nicht hier!" - sie wollte es eben aussprechen, aber sie +wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in +ihrem Wesen. Wie eine Fuerstin erschien sie ihr trotz des schlichten, +grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen +goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg. + +Der Oberamtmann lachte. "Sie haben recht, Fraeulein," sagte er, "und wir +haetten das selbst vorher bedenken koennen. Ihre grosse Guete, den Hund bei +Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen, +nicht wahr?" + +Sie schuettelte den Kopf. "Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du +nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf." + +Herr Macket schaemte sich der Antwort seines Kindes, aber Fraeulein Raimar +ueberhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne +hatte sie sofort das Trotzkoepfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte +sie Ilses Unart nicht. + +"Du hast ganz recht," sagte sie freundlich, "es ist das beste, der Papa +nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du wuerdest durch dasselbe +vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb waere. Soll die Magd den Hund +in das Hotel zuruecktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?" + +"Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen?" fragte Ilse +und hielt Bob aengstlich fest. + +"Ich wuensche nicht, dass du es thust, liebe Ilse," wandte Fraeulein Raimar +ein. "Ich moechte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den uebrigen +Pensionaerinnen vorzustellen. Ich halte es so fuer das beste. Es thut nicht +gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es +mir uebergeben haben, noch einmal mit ihnen zurueckkehrt in das Hotel. Der +Abschied wird ihm weit schwerer gemacht." + +"Nein, nein!" rief Ilse zitternd vor Aufregung, "ich bleibe nicht gleich +hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du +nimmst mich mit dir, nicht, Papa?" + +Es wurde Herrn Macket heiss und kalt bei ihrem Ungestuem, indes auch diesmal +half ihm Fraeulein Raimar ueber die peinliche Lage hinweg. + +"Gewiss, mein Kind," entgegnete sie mit Ruhe, "dein Wunsch soll dir erfuellt +werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu +sein? Sie wuerden mich sehr erfreuen." + +Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefaehr ausdruecken +sollte: "Bleib' nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben +bei dem boesen Fraeulein, das mich schlecht behandeln wird!" Leider verstand +er den Blick anders, er hielt ihn fuer eine stumme Bitte, die Einladung +anzunehmen und sagte zu. + +Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der +eintretenden Magd trug sie auf, Fraeulein Guessow zu rufen. Wenige +Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer. + +Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit +juenger als die Vorsteherin, war sie eine hoechst anmutige, liebenswuerdige +Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Saemtliche Tagesschuelerinnen und +besonders die Pensionaerinnen schwaermten fuer sie, sie verstand es, durch +gleichmaessige Guete sich die jungen Herzen zu gewinnen. + +"Wollen Sie die Guete haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten," sagte die +Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, "damit sie +dort ihren Hut ablegen kann." + +"Gern," erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. "Komm, liebes +Kind," sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, "jetzt werde ich +dir zeigen, wo du schlaefst. O, du hast ein schoenes, grosses Zimmer; aber du +wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie +ist ein liebes Maedchen. Du moechtest gern gleich mit ihr bekannt werden, +nicht wahr?" + +Ilse ueberhoerte die Frage. Mit scheuen, aengstlichen Augen sah sie den Vater +an und fragte: "Du gehst doch nicht fort, Papa?" Als er sie darueber +beruhigte, folgte sie Fraeulein Guessow. + +"Aber den Hund musst du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit +hinauf in dein Zimmer nehmen," sagte Fraeulein Raimar. "Du kannst ihn +draussen der Magd uebergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt." + +Fraeulein Guessow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es +nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt. + +"Hast du ihn so sehr gern?" fragte sie, als sie mit dem jungen Maedchen den +Korridor entlangging. + +"Ja," entgegnete Ilse, "sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn +nicht hier behalten." + +Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kaempfte mit dem Weinen. + +"Graeme dich nicht darum, Kind," troestete Fraeulein Guessow, "das ist nicht +so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen, +wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig +Pensionaerinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter +ihnen finden. Hast du Geschwister?" + +"Nein," sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Fraeulein Guessow wurde, "ich +bin allein." + +"Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernuenftigen Tiere +erklaeren, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa +wieder mit zurueck, du wirst ihn nicht vermissen." + +Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen grossen, hellen Vorsaal, +auf welchem eine Anzahl Thueren muendeten. Eine derselben oeffnete die +Lehrerin, und sie traten in ein geraeumiges Zimmer ein, das nach dem Garten +fuehrte. Die Fenster waren geoeffnet und ein maechtiger Apfelbaum streckte +seine Zweige fast zum Fenster hinein. + +Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem +Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschraenke, dann noch ein +grosser Waschtisch und einige Stuehle. + +Als Fraeulein Guessow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges +Maedchen von ungefaehr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am +Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit +goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen +Augen und mit schelmischen Gruebchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es +war Ellinor Grey, eine Englaenderin. + +"Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie," so wurde der Englaenderin Namen +allgemein abgekuerzt. "Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen." + +"O ja, ich werde ihr sehr lieben," antwortete Nellie und reichte der +Neuangekommenen die Hand. "Bleibt die Hund auch hier?" fragte sie. + +"Nein," sagte Fraeulein Guessow. + +"O wie schade! Es ist ein so suesses Tier!" Und sie streichelte Bob. + +Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, dass Ilse sofort sich +von ihr angezogen fuehlte. Gern haette sie noch ein Weilchen dem komischen +Geplauder Nellies zugehoert, aber sie musste dem Fraeulein folgen, die sich +vorgenommen hatte, ihr einige Schulraeume zu zeigen. Zuerst oeffnete sie die +Thuer zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt +wurde Ilse in den sogenannten grossen Saal gefuehrt. Die junge Lehrerin +erzaehlte ihr, dass in demselben alle Examen und zuweilen auch +Festlichkeiten stattfaenden. Ilse hoerte mit halbem Ohre, sie hatte naemlich +durch eine offenstehende Thuer einen Blick in eine leerstehende Klasse +gethan und Schulbaenke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von +jetzt an sitzen, nicht aufstehen duerfen, wenn es ihr beliebte - o, es war +entsetzlich! Ein Grauen ueberkam sie ploetzlich, ihr war, als wuerde ihr die +Brust zusammengeschnuert. + +"In welche Klasse meinst du, dass du kommen wirst?" fragte das Fraeulein, +"deinem Alter nach muesstest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du +deine Arbeitsbuecher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen? +Franzoesisch und Englisch sind dir wohl gelaeufig, da du stets, wie dein +Papa schrieb, eine englische oder franzoesische Gouvernante hattest." + +Von unten herauf toente eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene +Unterbrechung fuer Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte, +dass sie nicht wisse, wie weit sie sei, franzoesisch glaube sie sprechen zu +koennen. + +"Nun lass nur, mein Kind," meinte das Fraeulein, "heute wollen wir noch +nicht an das Lernen denken, bei deiner Pruefung morgen werden wir ja sehen, +welch kleine Gelehrte du bist. - Wir wollen jetzt hinunter in den +Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen." + +Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem +Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkoemmlichen +Einrichtung waehrend des Essens bekannt. Zum Beispiel, dass die zuletzt +angekommene Pensionaerin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen +erhalte. Dann, dass zwei junge Maedchen woechentlich den Tisch zu besorgen +hatten. Dieselben mussten denselben decken und genau acht geben, dass nichts +fehlte und saemtliche Gegenstaende sauber und blank waren. Die Juengste der +Pensionaerinnen sprach stets das Tischgebet. + +Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen +Blick ueber die junge Maedchenschar hingleiten liess, musste er seine Freude +aussprechen, wie gesund und froehlich fast alle aussahen. + +Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die froehlichen und gesunden +Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schuerzen. Jede Einzelne +trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Fraeulein Raimar sah nicht +aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen wuerde. + +Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren kraeftig +und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich ueberzeugen, dass sein Kind +auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde. + +Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten. +Nellie hatte kaum davon gehoert, als sie wie der Wind die Treppe +hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurueckzukommen. + +Diese dankte ihr dafuer, und Herr Macket reichte ihr die Hand. + +"Leben Sie wohl, mein Fraeulein," sagte er herzlich, denn Nellie hatte +durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort fuer sich eingenommen, "und +haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang." + +"O ja," entgegnete Nellie, "ich werde mir schon gern von sie annehmen." + +"Nun, Ilse, wie gefaellt dir das Institut?" fragte der Oberamtmann, als sie +auf der Strasse gingen, "ich gestehe, dass ich sehr befriedigt von hier +abreise, ich weiss, ich lasse dich in guten Haenden." + +"Mir gefaellt es gar nicht hier!" erklaerte Ilse hoechst verstimmt. "Es ist +mir alles so fremd, und vor dem grauen Fraeulein mit dem blonden, glatten +Scheitel fuerchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefaellig! Du sollst +sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht +behalten?" + +"Du hast gehoert, weshalb nicht, nun musst du auch nicht mehr so hartnaeckig +auf deinen Wunsch zurueckkommen," verwies er sie leicht. + +"Nun faengst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so boese mit mir +gesprochen," rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fuehlte sich in dem +Gedanken, dass kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden moege, so +ungluecklich, dass das grosse Maedchen auf offner Strasse zu weinen anfing. + +Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes +Thraenen machten ihn so weich. + +"Aber Kleines," sagte er zaertlich und versuchte zu scherzen, "was machst +du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das grosse, kleine Maedchen +weint?" + +Er fuehrte sie zurueck in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig +bellend begruesste er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter +lautem Schluchzen. + +Um fuenf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurueck in die Heimat. Die +wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und stuermisch. Je naeher der +Abschied rueckte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner +ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu +nehmen, entgegenzutreten. + +"Sei doch verstaendig!" Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn +sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstiess, wie: + +"Ich laufe heimlich davon," oder "ich werde so ungezogen sein, dass mich +das boese Fraeulein wieder fortschickt!" Er wusste, sie werde beides nicht +thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu +sehen. + +Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket +nicht. + +"Ich fahre dich zurueck in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es +am besten. Nun komm, Ilschen," fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr, +und nahm sie zaertlich in den Arm, "und versprich mir ein gutes, folgsames +Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewoehnt haben +wirst." + +Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es +fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa gequaelt +hatte in den letzten Stunden. + +"Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa!" bat sie, "sei mir gut! Du bist ja +der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!" + +Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von +ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute, +als ob sie auf einer wuesten Insel allein zurueckgelassen, elendiglich +untergehen muesse. + + * * * + +Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich +nicht entschliessen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thuer von selbst +geoeffnet und Fraeulein Guessow stand in derselben. Sie hatte von einem +Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt, +um Ilse zu empfangen. + +"Jetzt gehoerst du zu uns, liebes Kind," sagte sie mit warmer Herzlichkeit +und nahm sie in den Arm. "Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb +haben." + +Ilse gab keine Antwort, sie fuehlte sich so ungluecklich, dass selbst der +liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand. + +"Moechtest du auf dein Zimmer gehen?" fragte diese. + + [Illustration] + +Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrueckt. + +"Nellie!" rief Fraeulein Guessow, "gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim +Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du moechtest doch sicher gern deine +Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse." + +Sie wusste sehr wohl, dass Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie +wusste auch, dass die Thaetigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und +Herzeleid ist. + +Die beiden Maedchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen +Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es +fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu empoert, +dass man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukaemen. Nellie hatte +schweigend den Schrank geoeffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen, +dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde. + +"Gieb mich deiner Schluessel, ich werde aufschliessen die Koffers," sagte +sie, "wir muessen auspacken." + +Unlustig verliess Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren +augenblicklichen Unmut auslassen musste, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und +warf ihn mitten in das Zimmer. + +"Warum soll ich alles auspacken? Ich weiss gar nicht, ob ich hier bleiben +werde," sagte sie. "Mir gefaellt es hier nicht!" + +Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. "O," sagte +sie sanft, "du gewoehnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir +kommen. Du musst nur deiner Kopf nicht haengen lassen. Nun gieb die +Schluessels, dass ich oeffnen kann." + +Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch +Nellies Sanftmut. Sie gab den Schluessel und jene schloss auf und begann +auszuraeumen. Ilse stand dabei und sah zu. + +"O, du musst dich dein Sachen selbst aufraeumen in dein Kommode," sagte +Nellie. "Ich werde dich alles zureichen." + +Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie +nahm die sauber, mit roten Baendern gebundene Waesche und warf sie achtlos +in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah +diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen. + +"Was machst du?" fragte sie. "Weisst du nicht, wie Ordnung ist? +Taschentuecher, Kragen, Schuerzen - alles wirfst du durcheinander. Das sieht +sehr bunt aus. Huebsch nebeneinander musst du es machen, so -," und sie zog +einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie +sauber dort alles geordnet lag. + +"Das kann ich nicht!" entgegnete Ilse. "Uebrigens faellt es mir auch gar +nicht ein, so viel Umstaende um die dummen Sachen zu machen!" + +"Dumme Sachen!" wiederholte Nellie. "O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh +diesen feinen Taschentuecher, wie sie schoen gestickt, - o und diese suesse +Schuerzen! Und du hast die schwere Buecher daraufgethan - wie hast du sie +zerdrueckt! - Lass nur sein," fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war, +Schuhe und Stiefel auf die Waesche zu werfen, "ich werde ohne dir machen - +du verstehst nix!" + +Ilse liess sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das +Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie +ueberhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab. + +"O, ein schoenes Buch!" rief diese ploetzlich und nahm ein Buch aus dem +Koffer, das hoechst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen +Beschlaegen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines +Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch. + +Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war +das fuer ein Buch? Sie wusste nichts davon. Ein kleiner Schluessel steckte in +dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein +beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Fuesse. Sie hob es auf und las: + + + + + + + Mein liebes Kind! + +Moege dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz +schwer ist, fluechte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrueckt. Es wird +verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie missbrauchen. + +Gedenke in Liebe + Deiner + Mama. + + + + + + +Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen +Funken Freude ueber die reizende Ueberraschung, auch blieben die +liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie. + +"Freut dir das Buch nicht?" fragte Nellie, die sich ueber diese +Gleichgueltigkeit wunderte. + +Ilse schuettelte den Kopf. "Was soll ich damit?" fragte sie und ihr +huebscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Hoehe, "ich schreibe +niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht +habe. Zu langen, unnuetzen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust." + +"Ich wuerde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter haette, die mir so +beschenkte," sagte Nellie traurig. + +"Ist deine Mutter tot?" fragte Ilse teilnehmend. + +"O sie ist lange, lange tot," entgegnete Nellie. "Sie starb, als ich noch +eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot - ich bin ganz allein. +Niemand hat mir recht von Herzen lieb." + +"Arme Nellie," sagte Ilse und ergriff ihre Hand. "Aber du hast +Geschwister?" + +"O nein! keine Schwester - ganz allein! Ein alte Onkel lasst mir in +Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muss ich +ein Gouvernante sein." + +"Gouvernante!" rief Ilse erstaunt. "Du bist doch viel zu jung dazu! Alte +Maedchen koennen doch erst Gouvernanten werden!" + +Ueber diese naive Anschauung musste Nellie herzlich lachen, und nun war +ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit +brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte +Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht. + +"Lass mich deine Freundin sein," bat sie in ihrer kindlich offnen Weise, +"ich will dich auch sehr lieb haben." + +"Gern sollst du meine Freundin sein," entgegnete Nellie und reichte Ilse +die Hand. "Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen." + +Der grosse Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben +im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft +aus der Hand nahm. + +"Der bleibt geschlossen!" sagte sie, "du darfst nicht sehen, was darin +ist!" + +"O je! Was du machst so boese Augen!" rief Nellie und stellte sich hoechst +erschrocken. "Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen +und Wurst darin?" + +Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebaerden, dass Ilse lachen +musste. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit. + +"Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht boese," bat sie. "Wenn du mich +nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb +mir die Hand darauf, dass du schweigen wirst." + +Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem +Haendedrucke ihre Verschwiegenheit. + +Jetzt nahm Ilse den Schluessel, den sie am schwarzen Bande um den Hals +trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschliessen, wurde zum +Abendessen gelaeutet. + +"O wie schade!" rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die +geheimnisvollen Schaetze zu sehen. "Nun muessen wir hinunter und erst nach +die Schlafgehen koennen wir auspacken!" + +"Nach dem Schlafengehen?" fragte Ilse erstaunt. "Da liegen wir ja doch in +unsren Betten." + +"Schweig!" entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund. +"Das ist meines Geheimnis." - - + +Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite sass +eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante +Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen +Augen und einem Stumpfnaeschen. Sie zaehlte siebzehn Jahre, sah aber aelter +aus. Uebrigens sprach sie fliessend deutsch. + +Ilse haette gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden +so vertraut geworden war, die aber sass weit entfernt von ihr. +Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern +sie stand mit noch einem Maedchen an einem Nebentische und war der +Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren. + +Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Maedchen mit ihren sauberen +Latzschuerzen so haeuslich geschaeftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den +Tafeln entlang und reichten die Tassen herum. + +Verschiedene Schuesseln mit Butterbroetchen, die reichlich mit Wurst und +Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen. + +Fraeulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse. + +"Nimm dir," sagte sie, "und gieb dann weiter an deine Nachbarin." + +Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen geniessen koennen, +jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier +Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den +ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht +voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kuemmerte sie indes +wenig, sie war gewohnt, von einem laendlichen Butterbrote tuechtig +abzubeissen, so zarte Theebroetchen hatte sie daheim stets verschmaeht. Als +sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Haenden und stuetzte die Ellbogen +dabei auf den Tisch. + +Fraeulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst +aufmerksam, als sie in ihrer Naehe unterdruecktes Kichern hoerte. Melanie und +Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade +gegenueber sassen, amuesierten sich koestlich ueber deren Ungeniertheit, +stiessen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die +nichts ahnende. + +Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Maedchen zur Ruhe. Sie +liebte es nicht, dass ueber andrer Schwaechen und Fehler gespottet wurde. +Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorlaeufig nichts, um sie +nicht vor den vielen Maedchen zu beschaemen, erst unter vier Augen pflegte +sie dergleichen Fehler zu ruegen. + +"Bist du noch hungrig, Ilse?" fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese +mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen. + +Abermals wurde ihr die Brotschuessel gereicht und abermals nahm sie die +gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der frueheren Weise. + +"Die ist gefraessig!" fluesterte die fuenfzehnjaehrige Grete ihrer um zwei +Jahre aelteren Schwester zu. "Sieh nur, wie sie wieder stopft." + +Melanie musste die Hand vor den Mund halten, sonst haette sie laut +herausgelacht. + +Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionaerinnen +die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann +war Schlafenszeit. + +"Komm," sagte Nellie und trat auf Ilse zu, "ich werde mit dich in die +Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schoen gelegt +und die Ring drauf gezogen! Das musst du erst machen." + +"Nein," entgegnete Ilse, "das werde ich nicht! Wozu sind denn die +Dienstmaedchen da? Zu Hause hatte ich niemals noetig, solche Dinge zu thun." + +"Ist egal, meine liebe Kind. Hier musst du solche Dinge thun, wir machen es +alle." + +Richtig, da lagen saemtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war +die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige, +schlug sie fluechtig zusammen und zog den Ring darueber. + +"So nicht," meinte Nellie, "das ist ungeschickt." + +Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren +kleinen Haenden. Die junge Englaenderin hatte bei allem, was sie that, +Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen. + +"Nun schnell in der Garten!" sagte sie, nahm Ilses Arm und fuehrte sie +dorthin. + +Es war ein huebscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so gross +und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schoene, hohe Baeume +standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Plaetzen. Von allen +Seiten sah man auf die gruenbewaldeten Berge. + +"Ist es nicht nett hier?" fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schoene +Berge?" + +"Nein, Berge haben wir nicht," entgegnete Ilse, "aber es gefaellt mir doch +besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld uebersehen. +Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine gruene Hecke, das +ist viel huebscher." + +Nellie zeigte ihr saemtliche Lieblingsplaetze. Sie fuehrte sie zur Schaukel, +zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten +Zweigen und Aesten einen grossen, runden Raum beschattete. + +"O, es ist suess hier! Nicht wahr?" fragte sie entzueckt und sah mit +leuchtenden Augen hinauf in das gruene Blaetterdach. "Hier machen wir unsre +Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzaehlen, wenn er sprechen +will! Er weiss so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!" + +Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen +sich so ungluecklich gefuehlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, dass +sie nie die Trennung vom Papa ueberleben koenne, hatte schon verschiedenemal +herzlich ueber Nellie lachen muessen, denn diese hatte eine so drollige Art, +sie auf diese oder jene Pensionaerin aufmerksam zu machen. + +"Wie heisst das junge Maedchen, das bei Tische neben mir sitzt?" fragte +Ilse. + +"Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla +Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht fuer +sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt." + +"Das ist doch huebsch," meinte Ilse. + +"O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das +hoert keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen wuerde: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Orla, du hast +geraucht!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} das wuerde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit. +Ich habe durch ihr Schluesselloch geluxt und habe grosse, rauchige Wolken +gesehen. -" + +Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre gruenen Zweige +bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige +auseinander. + +"Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor," sagte sie lachend. + +Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Maedchen auf einer kleinen +Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und blass, und deren Gesicht mit +zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schosse ein +dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb. + +Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so +neu, dass junge, siebzehnjaehrige Maedchen schon dichten koennen. + +"Sie schreibt Romane," fuhr Nellie fort, "aber wie! Es kommen immer +zerbrochene Herzen drin vor. - Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja +keine Licht genug zu deine Romane!" + +Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stoeren lassen in ihrer Arbeit, +jetzt aber wurde sie aergerlich. + +"Ich bitte dich, lass mich in Ruhe, Nellie!" rief sie und schlug ihr +hellblaues Auge schwaermerisch auf. "Ich hatte eben einen so wundervollen +Gedanken, nun habe ich ihn verloren!" + +"O, ich will ihn suchen!" neckte Nellie und bueckte sich auf die Erde +nieder, als ob sie ihn dort finden koenne. + + [Illustration] + +"Du bist unausstehlich!" entgegnete Flora aufgebracht. "Du freilich hast +keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu +sprechen!" + +"Das ist wahr," meinte Nellie lachend und verliess mit Ilse die +schwerbeleidigte Dichterin. + +Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte fuehrten sie +ein junges Maedchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften +Gesichtszuegen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt, +kein Haerchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich laechelte sie Ilse und +Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Voruebergehen die +Neuangekommene mit spoettischen Blicken. + +"Die Schwestern kennst du," bemerkte Nellie, "sie sitzen dich gradeueber +bei Tisch, aber unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich, +Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer +der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi +Moeller ist eines Musterkind." + +"Was sagst du von unsrem Musterkinde?" rief ploetzlich eine froehliche +Maedchenstimme. "Nellie, Nellie, dein boeses Zuenglein geht sicher mit dir +durch!" + +"Du irrst dir, liebes Lachtaube," entgegnete Nellie, "Ilse ist noch so +fremd, ich mache ihr bekannt." + +"Wer war das?" fragte Ilse, als die kleine, runde Maedchengestalt, die an +Orlas Arme hing, vorueber war. + +"Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel, +eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man muss mitlachen, +sie steckt an. - Nun habe ich dich aber alle Maedchen gezeigt, die in unsre +Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Englaenderinnen. Von die +ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch +viel weniger gut deutsch als ich." - + +Mit dem Schlage neun begaben sich saemtliche Pensionaerinnen zurueck in das +Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, dass sich alle erst in das +Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wuenschen. Dieselbe +reichte jeder einzelnen einen Kuss auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte +oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag ueber etwas gut +oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone, +nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht. + +"Ich moechte noch mit dir sprechen, liebe Ilse," sagte Fraeulein Raimar, als +Ilse ihr gute Nacht bot. "Verweile noch einen Augenblick hier." + +Und als saemtliche Maedchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse, +etwas manierlicher zu essen. + +"Du darfst die Tasse nicht mit beiden Haenden fassen und die Ellbogen dabei +aufstuetzen, Kind, du glaubst nicht, wie unschoen das aussieht. Achte auf +deine Mitschuelerinnen, du wirst sehen, dass keine einzige es wie du macht. +Und dann, weisst du, stecke nicht wieder so grosse Bissen in den Mund. Die +kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie: +Nimmersatt!" + +Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger ueber die erhaltene Ermahnung. +Trotzig biss sie die Lippen aufeinander und unterdrueckte eine ungezogene +Antwort. + +"Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut." + +Sie war im Begriffe, Ilse einen Kuss auf die Stirn zu reichen, als diese +mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurueckbog. Es war ihr unmoeglich, sich +von der Vorsteherin kuessen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke +geradezu hasste. + +Fraeulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch +etwas zu sagen, und Ilse verliess das Zimmer. + +Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die +Thuere warf sie heftig in das Schloss und schob auch noch den Riegel vor, +was in der Pension streng untersagt war. + +"Mach nicht der Riegel zu," sagte Nellie, "wir duerfen das nicht thun. Wenn +wir in die Bett liegen, kommt Fraeulein Guessow bei uns nachsehen." + +Ilse ruehrte sich natuerlich nicht, und Nellie musste das selbst besorgen. +Ungestuem warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thraenen aus. + +"O, was ist dich?" fragte Nellie erschrocken. + +"Hier bleibe ich nicht! - Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wuesste, +wie sie mich behandelt hat!" rief Ilse aufgeregt. + +Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Saetzen von Ilse +heraus, was Fraeulein Raimar gesagt hatte. + +"Ich esse ungeschickt, - ich nehme zu grosse Bissen - und ich bin ein +Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! - Ich will +wieder fort! Morgen reise ich! -" + +"Du musst dir nicht so viel graemen um so kleine Sach'," sagte Nellie sanft +und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. "Fraeulein Raimar ist sehr +gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle +macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und muessen noch lernen. - Nun +komm, wir legen uns jetzt in die Bett und spaeter, wenn Fraeulein Guessow bei +uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Maeuschen wieder auf und +packen deiner kleine Koffer leer." + +Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. "Nein!" rief sie und sprang +auf, "der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!" + +Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstuecke drunter und drueber und +legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die +zerstreuten Sachen, sie hing das schoene Kleid an einen Nagel, Ilse hatte +dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles uebrige glatt und +ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe. + +Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder, +faltete die Haende und betete leise ein kurzes Gebet. + +"Gut' Nacht, Ilse," sagte sie dann und gab ihr einen Kuss. "Du musst nun +nicht mehr weinen, - alle Anfang ist schwer." + +Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurueck und +begleiteten ihn auf seiner Rueckreise. In wenigen Stunden musste er die +Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wuesste, wie sein einziges Kind +behandelt wurde! Sie fuehlte sich zu ungluecklich in der Gefangenschaft! - +Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber boese Traeume schreckten +sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine maechtige Theetasse in der Hand und +liess sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide +ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeissen, +war es verschwunden. + + * * * + +Um sechs Uhr am andern Morgen hiess es: Aufgestanden! Da galt kein langes +Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen +waren, es wurde keine Gnade geuebt. Ilse pflegte daheim bald frueh, bald +spaet aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie +sie die Mama so sehr gewuenscht, hatte sie sich nicht fuegen wollen. Es +wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben +zu muessen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette +herumzudrehen, sie war so spaet erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu +denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie +Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen. + +"Wach auf, Ilse," sagte sie, "um halb sieben trinken wir Kaffee." + +"Schon aufstehen," antwortete die Verschlafene, "aber ich bin noch so +muede." + +"Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein." + +Aber Ilse zoegerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon +alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette noetig hatte, beiseite +geraeumt, als sie sich langsam erhob. + +"O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich +will dich helfen! Wo sind dein Kamm?" + +Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. "Dort liegen sie +eingewickelt," gab sie zur Antwort. + +"Das ist nicht nett, das gefaellt mir nicht," meinte Nellie und ruempfte das +Naeschen. "Du musst dich ein Taschen naehen, von grauer Stoff und rote Band, +sieh, wie dies da," und sie zeigte ihre Kammtasche, "siehst du, so ist's +fein." + +Ilse machte nicht viel Umstaende mit ihrem Haar. Sie kaemmte und buerstete +es, damit war alles abgemacht, die natuerlichen Locken ringelten sich von +selbst ohne weitere Bemuehung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch +dieselben und band es mit einer Schleife seitwaerts zu. + +"Nun noch die Schuerze," sagte sie, als Ilse soweit fertig war, "sie darf +nicht fehlen." Sie lachte, als Ilse sich dagegen straeubte. + +"Du bist ein klein, albern Ding," schalt sie und band ihr die Schuerze vor, +trotz Ilses heftigem Widerstande. "Gleich haeltst du still! Ohn' ein +Schuerzen giebt es kein Kaffee." + +Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, dass Ilse sich ihrem Willen +fuegte. + +"So," sagte sie, "nun bist du schoen! Die blau gestickter Schuerze ist sehr +nett und du bekommst einer suesser Kuss." + +An langen Tafeln sassen die Maedchen bereits, Nellie und Ilse waren die +letzten. Fraeulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Fraeulein +Guessow fuehrte die Aufsicht. Ilse musste sich zu ihr setzen. Als ihr der +Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in +die Hand, ass auch wie es sich gehoert nicht mit grossen Bissen, wie am Abend +zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie +schluerfte den Kaffee so laut, dass sie allgemeine Heiterkeit erregte. + +Ilse hatte keine Ahnung, dass ihr das Gelaechter galt, Orla machte sie damit +bekannt. + +"Du fuehrst ja ein wahres Konzert auf," sagte sie. "Machst du das immer so? +Schoen hoert sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern." + +Ilse fuehlte sich schwer beleidigt ueber diese Zurechtweisung. Hastig setzte +sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus. + +"Du durftest sie nicht vor all' den uebrigen so beschaemen, Orla," tadelte +Fraeulein Guessow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, "das +kraenkt sehr." + +Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin +sie zurueckrief. + +"Wo willst du hin, Ilse?" fragte sie. "Was faellt dir ein, mein Kind, dass +du nach deinem Gefallen davonlaeufst? Es ist nicht Sitte bei uns, dass +jemand eine Mahlzeit verlaesst, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich +zurueck und verzehre dein Fruehstueck." + +"Ich mag nicht mehr fruehstuecken," entgegnete Ilse, "und ich gehe nicht +wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen +mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie +ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!" + +"Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernuenftig +zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, dass du in einem so unartigen +Tone zu mir sprichst." + +Sehr ernst und nachdruecklich hatte Fraeulein Guessow gesprochen, aber es +klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schoenes, weiches Organ +verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem +Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschaemung stieg +in ihr auf. + +Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zuegen und wusste, was in ihr vorging. + +"Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf!" sagte sie freundlich, "und +versprich mir, nicht wieder so stuermisch zu sein und deiner +augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu +sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas +unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, dass sie dich darauf aufmerksam +machte, du darfst ihr darum nicht boese sein. So eine kleine wohlverdiente +Lehre muss sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch +besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler +und Angewohnheiten spaeterhin zum Spott der Gesellschaft wuerden." + +Daheim hatte Ilse niemals hoeren wollen, dass sie eine junge Dame sei, und +jetzt beruehrte es sie gar nicht angenehm, dass man sie gewissermassen noch +zu den Kindern rechnete. + +"Nun siehst du das ein, Ilse?" fragte die Lehrerin. + +Vielleicht that sie es, aber sie wuerde ein Ja nicht ueber die Lippen +gebracht haben. Fraeulein Guessow begnuegte sich mit ihrem Stillschweigen und +nahm dasselbe fuer eine Zustimmung. Sie meinte, dass eine Natur wie Ilses +nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden duerfe. + +"Nun wollen wir zurueck in den Speisesaal gehen," sagte sie, und Ilse wagte +keine Widerrede. Sie folgte dem Fraeulein mit niedergeschlagenen Augen, sie +hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie +richten wuerden. + +Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Fruehstueckszeit vorueber. +Niemand war froher als Ilse, die sich wie erloest vorkam. + +"Ich habe noch einen Auftrag fuer dich, Ilse," sagte die Lehrerin. +"Fraeulein Raimar wuenscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du +zugleich muendlich geprueft werden. In einer Stunde finde dich in dem +Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zukuenftigen Lehrer und +Lehrerinnen zum Teil kennen lernen." + +"Wollen sie mich alle pruefen?" fragte Ilse etwas besorgt. + +"Nein," entgegnete das Fraeulein, "aber sie werden zuhoeren, wenn Fraeulein +Raimar dich examiniert. Spaeter wirst du dann erfahren, in welche Klasse du +gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil." + +Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in +der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen +Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise +Fettflecke machten sich darauf breit. Das franzoesische Heft wurde ganz +beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert +aussahen, herauszureissen und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern +Blaetter gelockert - unmoeglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung +vorzeigen. + +Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu. +"Was thust du?" fragte sie. "Willst du dein Buecher so an Fraeulein Raimar +vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt? +Gieb schnell, ich will dich blaues Umschlaege drum wickeln, das ist nett +und man sieht die alte Flecken nicht." + +"Gieb her!" rief Ilse gereizt. "Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob +Fraeulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!" + +"Nicht so zornig, Fraeulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge +Dame! Wuerde es dir vielleicht spassig sein, wenn Fraeulein Raimar deine Buch +mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das waer +dich nicht egal und nicht spassig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff, +unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, hoehnische Lachen dir so von +die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Fraeulein?" + +Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklaerte, es waere +hoechst unnuetz, dass so viele Umstaende wegen der dummen Buecher gemacht +wuerden, setzte Nellie ihren Willen durch. + +"So, nun kannst du gehen," sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein +blaues Kleid gegeben hatte, "nun bedanke dir fuer mein Muehe." + +"Du bist doch sehr gut, Nellie," meinte Ilse. "Wie ist es dir nur moeglich, +stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!" + +"O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!" +entgegnete Nellie. + +Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat, +fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie sassen um +einen Tisch, Fraeulein Raimar nahm den Platz obenan ein. + +"Tritt naeher, Ilse," sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten +die neue Schuelerin mit ihren zukuenftigen Lehrern bekannt. Darauf liess sie +sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die +Hand. Sie blaetterte und las darin, und einigemal schuettelte sie den Kopf. + +"Oft recht gute und klare Gedanken," bemerkte sie zu dem neben ihr +sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, "und dabei diese +oberflaechliche, fluechtige Schrift. Sehen Sie einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}uns{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}z{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +geschrieben - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}t{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Da werden wir viel Versaeumtes +nachzuholen haben. Wie schreibst du {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Ilse, buchstabiere einmal." + +Ilse konnte unmoeglich diese Frage fuer ernst halten. War sie denn ein +kleines Maedchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zoegerte mit der Antwort. + +Die Vorsteherin indes war nicht gewoehnt zu scherzen, sie sah erstaunt die +schweigende Ilse an. + +"Wie du Land schreibst, moechte ich von dir wissen," wiederholte sie noch +einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder +nicht, benahm. + +Ilse kraeuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Hoehe und +buchstabierte so schnell, dass man ihr kaum folgen konnte: L-a-n-d. Den +Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fraeulein Raimar nicht +anzusehen. + +"Also nur fluechtig, ich dachte es mir," sagte diese. "Wenn du in Zukunft +deine Aufsaetze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie +in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse +vor." + +Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Faechern vorgelegt. +Manchmal fielen die Antworten ueberraschend aus, zuweilen dagegen geradezu +einfaeltig. Doktor Althoff laechelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf +in die braunen Locken trieb. Sie aergerte sich darueber und drehte ihr +Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen. + +Im Franzoesischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der franzoesische +Lehrer, ein aelterer Herr mit weissem Haar, redete sie gleich in dieser +Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fliessend. + +Miss Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte +weniger Glueck bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort +gab. + +"Nun kannst du uns verlassen, Kind," sagte Fraeulein Raimar. "Dein Examen +ist zu Ende. Spaeter werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen +wirst." + +Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten +der Beschluss gefasst, sie in die zweite Klasse zu geben, im Franzoesischen +solle sie indes die erste besuchen. + +"Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen," aeusserte die Vorsteherin +besorgt. "Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den +geringsten Tadel vertragen." + +"Aber sie hat ein gutes Herz," fiel Fraeulein Guessow lebhaft ein. "Ich habe +noch keine Beweise dafuer, aber ich lese es in ihrem schoenen, offnen Auge. +Ich bin ueberzeugt, dass ich mich nicht taeusche. Eins ist mir indes klar, +mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und +Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zaehmen." + +"Das ist ganz meine Ansicht!" stimmte Monsieur Michael bei, "Sie werden +sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der +Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie franzoesisch, wie gewaehlt +setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!" - Der kleine Herr hatte sich +ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften +Gestikulationen begleitet. + +"Ich wuensche von Herzen, dass Sie recht haben moegen," entgegnete Fraeulein +Raimar und erhob sich von ihrem Platze. "An Liebe und Nachsicht wollen wir +es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verstaendig und +gefuegig zu machen." - + +Fuers erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse +wieder den Beweis ab, wie recht Fraeulein Raimar hatte, wenn sie +behauptete, dass Ilse keinen Tadel vertragen koenne. + +Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen beruehrten fast die +Speisen. Das Gemuese verzehrte sie mit dem Messer und so heiss, dass sie +manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde +fallen liess. Auch hielt sie den Kopf sehr tief ueber den Teller gebeugt, +was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab. + +"Sitze gerade, liebe Ilse," ermahnte die Vorsteherin, "es ist dir nicht +gesund, so krumm zu sitzen." + +"Ich esse immer so," erwiderte sie ziemlich kurz. + +"Ich ass immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran +gewoehnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel +so kurz gefasst und mit dem Messer gegessen?" + +"Ja," sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. "Papa hatte nie +etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte." + +"Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheissen?" + +Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie +oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur +Antwort gegeben: "Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer +tadelst." + +Das Fraeulein hatte leise, nur fuer Ilse verstaendlich gesprochen. Niemand +ahnte, was sie sagte, denn ihre Zuege sahen mild und freundlich aus. Eine +Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, dass Ilse +lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach. + +"Nun iss nur, Kind," fuhr sie fort, "mit der Zeit wirst du dich schon +gewoehnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten +abgestreift und wir werden niemals noetig haben, etwas an dir zu ruegen. +Nicht wahr?" + +"Ich weiss es nicht," erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich +verdriesslichen Gesicht auf ihren Teller nieder. + +"Du musst dir Muehe geben, dann wird es schon gehen." + +Dazu schwieg Ilse. Natuerlich war sie fest davon ueberzeugt, dass ihr das +groesste Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natuerlich essen? Der Papa +hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei +allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum +noch etwas zu geniessen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber +verhungern. - + + * * * + +Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fraeulein +Guessow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht geloescht und alles still +im Hause war, rief Nellie, "wachst du, Ilse?" + +"Ja," antwortete diese, "was soll ich?" + +"Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken." + +"Es ist ja aber dunkel," meinte Ilse. + +"O lass nur, ich habe schon eine Licht." + +Leicht und unhoerbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Struempfen an +ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen +kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezuendet hatte, +stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster +drang. + +"Ist doch fein, nicht?" fragte sie. "Nun eile dich aber," trieb sie Ilse, +die sich fluechtig ankleidete. + +"Wo hast du der Schluessel?" + +"Hier habe ich ihn," entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen +hervor, "ich werde selbst aufschliessen." + +Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor. +Vornuebergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schaetze harrend, +die sich vor ihren Augen aufthun wuerden. Recht enttaeuscht wurde sie, als +Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen - Nellie war eine +Freundin davon - kamen nicht zum Vorschein. + +"O, hast du keine Kuchen?" fragte sie, warf den Plunder heraus und +durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund. + +"Au, au!" rief sie ploetzlich und fuhr mit der Hand zurueck. "Was ist dies? +Ich habe mir gestochen!" Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem +kleinen Finger. + +Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer +griff und die Ursache entdeckte, - - o Schrecken! das Glas mit dem +Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter +geritzt. + +"Wo nur der Frosch ist," sagte Ilse aengstlich und raeumte die Scherben +fort. + +"Was? - eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je - hast du ihn verpackt? +Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft muss er tot +gehen!" + +Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, - natuerlich war er tot. +Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte +sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus. + +"Du hast die arm, klein Frosch gemordet," sagte sie und nahm ihn in die +Hand. "O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen frueh +wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben." + +Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thraenen traten ihr in die Augen. +Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefuettert und eine grosse +Freude daran gehabt, nun hatte sie es getoetet durch eigne Schuld. + + [Illustration] + +"Wie schlecht von mir, dass ich so dumm sein konnte!" klagte sie sich an. +"Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, dass er ersticken +muesse. Es ging so schnell -" + +Einigermassen troestete sie die Aussicht auf das Begraebnis unter der Linde. + +"Wir machen eine kleiner Huegel," sagte Nellie, "und pflanzen Blumen +darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben +daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er musste sein junge Leben lassen, weil ihm +der Luft ausging." + +Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thraenen, sie musste darueber lachen. + +Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, dass er sehr +gelitten hatte. Das Koepfchen war ganz breit gedrueckt und der eine Fluegel +hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Facon. Sie drueckte den Kopf +rund und versprach auch, den Fluegel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn +am andern Tage anleimen. + +"Lass mir nur machen," sagte sie, "ich werde ihm schon wieder in die +Ordnung bringen." + +"Was ist denn das?" fragte sie ploetzlich und hielt Ilses Blusenkleid in +die Hoehe, "warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, - und die alte +schmutzige Stiefel, - was soll damit?" + +Warum? Darueber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war +aergerlich, ihr Lieblingskostuem so verachtet zu sehen. + +"Du verstehst nichts davon," sagte sie und nahm es Nellie fort. "Es ist +mein liebster und schoenster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht +leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus." + +"O lass mir ihn probieren," bat Nellie, "ich will ihn anziehen." + +Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in +wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da. + +Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas groesser als Ilse war, unter +demselben sah das lange, weisse Nachtgewand hervor, die Bluse war +stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch +ein grosses Loch dicht daneben herausgefahren, so dass der Aermel auf dem +Ruecken hing. Nachdem sie auch noch den schaebigen Lederguertel um ihre +zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die +Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren. + +"Bequem ist diese Kostuem, das ist wahr," sagte sie und fing an, allerhand +lustige Spruenge auszufuehren und sich im Kreise zu drehen. "Man ist so +luftig - so leicht!" + +Ilse brach ploetzlich in ein so herzhaftes Gelaechter aus, dass Nellie auf +sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloss. + +"Du darfst nicht so toll lachen," sagte sie, "du wirst uns verraten!" + +"Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus." + +Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete +sich. + +"O wie abscheulich!" sagte sie und riss die Sachen herunter, "wie kannst du +so ein haesslicher Anzug schoen finden!" + +Ilse verschloss ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das +Licht geloescht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Maedchen +fest und tief. + + * * * + +Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche +bittre Thraene hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit +erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um +dem Vater zu schreiben, dass er sie zurueckholen moege. Nur weil sie sich vor +der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen +und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz +kurz und mit der Entschuldigung, dass ihr die Zeit zu laengeren Briefen +fehle. + +Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionaerinnen zum +Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Grosse Lust +hatte sie indessen nicht. Sie wusste gar nicht recht, was sie schreiben +sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht +sagen. + +Sie schlug die neue Schreibmappe auf, waehlte nach langem Suchen einen rosa +Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfass und - +malte allerhand Schnoerkeleien auf ein Stueckchen Papier. Nachdem sie diese +Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach +wenigen Zeilen hoerte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der +Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und +noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glueck. Sie beschrieb denselben +von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fuenften Bogen dazu. Sie +war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein, +das sie dem Papa mitteilen musste. + +Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir +blicken ihr ueber die Schulter und lesen mit. + + + + + + + "Mein liebes Engelspapachen! + +Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schoen und im Garten bluehen die +Rosen (da faellt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _marechal Niel_, die +der Gaertner im Fruehjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte, +vergiss nicht, mir Antwort zu geben) - und die Voegel singen so lustig - +ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien +umhertummeln. Mein liebes Pa'chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich +komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe +dafuer eingesperrt wurde. Ich moechte auch manchmal, wie er es that, an der +Thuere kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus! + +Es ist gar nicht huebsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich +doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in +den Staellen, ueberall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei +mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett! +Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich +sie gleich hier haette! + +Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man muss jede Sache nach +Vorschrift thun. Aufstehen, Fruehstuecken, Lernen, Essen, - immer zu +bestimmten Stunden. Und das ist graesslich! Ich bin oft noch so muede des +Morgens, aber ich muss heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie +manchmal moechte ich in den Garten laufen und muss auf den abscheulichen +Schulbaenken sitzen! Die furchtbare Schule! + +Ich lerne doch nichts, Herzenspa'chen, ich bin zu dumm. Nellie und die +andern Maedchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klueger als ich. Nellie +zeichnet zu schoen! Einen grossen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig, +als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, dass sie Konzerte +geben koennte - und ich kann gar nichts! + +Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben waere, dann wuesste ich doch gar +nicht, wie einfaeltig ich bin. Nellie troestet mich oft und sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es ist +keiner Meister von der Himmel gefallen, fang' nur an, du wirst schon +lernen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiss nur, +dass ich sehr, sehr dumm bin. + +Am fuerchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von +drei bis fuenf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit +offen und ich blicke sehnsuechtig hinaus. Es zuckt mir foermlich in Haenden +und Fuessen, dass ich aufspringen moechte, um in den Garten zu eilen - ich +darf es nicht, ganz still muss ich dasitzen und muss meine Sachen +ausbessern, - Struempfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe, +wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme +Ilse muss solche fuerchterliche Arbeiten thun! - Und Fraeulein Guessow sagt, +das waer' notwendig, Maedchen muessen alles lernen. Sie war ganz erstaunt, +dass ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Struempfe, das ist +ja viel netter, warum muss ich mich unnuetz quaelen? Es wird mir so schwer, +die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht. + +Melanie Schwarz, sie ist sehr huebsch, ziert sich aber und stoesst mit der +Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Furchtbar nett, furchtbar +reizend, oder furchtbar scheusslich{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie meinte neulich: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du strickst +aber furchtbar scheusslich, Ilse.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Du siehst, Pa'chen, ich kann nichts! + +In den Arbeitsstunden wird einmal franzoesisch, einmal englisch die +Unterhaltung gefuehrt. Franzoesisch kann ich mich allenfalls verstaendlich +machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, dass ich mich +schaeme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will +oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind. + +Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, - ja - Nellie +und noch sechs andre Maedchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich +am liebsten. Wie sie alle heissen, will ich Dir das naechstemal schreiben, +auch Dir erzaehlen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei +aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist +auch dabei, das muss ich Dir noch mitteilen. + +Wenn wir spazieren gehen, naemlich jeden Mittag von zwoelf bis eins und +jeden Nachmittag von fuenf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in +einer Reihe. Wir muessen naemlich wie die Soldaten zwei und zwei +nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit +einer kleinen Pensionaerin an der Hand. Nicht rechts, nicht links duerfen +wir gehen, immer in Reih' und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft +Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf - immer +weiter! - aber dann wuerde ich nicht wieder in mein Gefaengnis zurueckkehren +- - + +In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefaellt es mir +aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der +Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, dass ich Muehe habe, +ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel huebscher! Da sitzen wir +eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle +Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen +so laut und kraeftig anfangen zu singen - und mein lieber Herr Prediger +besteigt die Kanzel und predigt so schoen zu Herzen, dann ist es mir so +feierlich, so ganz anders als hier! - ach, und manchmal, wenn die +Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schoene Farben +auf den Fussboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie +nirgendwo auf der ganzen Welt!" + + + + + + + [Illustration] + +Hier musste Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der +Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin ueberwaeltigten sie dermassen, +dass sie weinen musste. Erst als ihre Thraenen wieder getrocknet waren, las +sie zu Ende. + + + + + + +"Gruesse nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das +sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine +Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafuer. Nun leb' wohl, +mein lieber, suesser, furchtbar netter Papa. Ich kuesse Dich +hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Kuss und gruesse Johann von + + Deiner + Dich unbeschreiblich liebenden Tochter + _Ilse_. + + + + + +_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor +Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an. + +_N. S._ Beinah haette ich vergessen, Dir zu schreiben, dass Du mir doch eine +Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir +des Abends im Bette liegen und ich auch. + +_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, dass ich so +ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der +Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! - Fraeulein Guessow habe ich +sehr lieb." - + + + + + + +Gerade sassen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am +Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor +und wurde bei einigen Stellen so geruehrt, dass er kaum weiter zu lesen +vermochte. + +"Ich moechte das arme Kind zurueckhaben," sagte er, nachdem er zu Ende +gelesen, "es fuehlt sich ungluecklich, und ich sehe nicht ein, warum wir +unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du, +Annchen, und Sie, lieber Vollert, waer' es nicht besser?" + +Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen +und machte ein hoechst zufriedenes Gesicht. + +"Ich bin nicht Ihrer Meinung," entgegnete er, "ja ich wuerde das fuer eine +Suende halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, dass sie noch +vieles lernen muss, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt +ihre Fehler, die Luecken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in +dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe." + +"Das Heimweh ist ja natuerlich," fiel Frau Anne ein, "bedenke nur, wie +schwer es einem an die Freiheit gewoehnten Wesen werden muss, sich ploetzlich +in den Schulzwang zu fuegen! Die Regelmaessigkeit des Instituts ist ihrer +ungebaendigten Natur zuwider; zu Ilses Glueck, sie wird sich fuegen lernen, +ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Maedchen sein." + +Der Oberamtmann war verstimmt, dass man ihn nicht verstand. Weder der +Prediger noch Frau Anne ueberzeugten ihn mit ihren Vernunftgruenden. Er +urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem +Gedanken an sein heimwehkrankes Kind. + +Ilses Wuensche wurden natuerlich alle erfuellt und zwar umgehend: Es musste +Kuchen gebacken und die schoenste Wurst, nebst einem Stueck Schinken aus der +Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste +und legte noch allerhand Leckereien mit hinein. + +"Not soll sie wenigstens nicht leiden," sagte er zu seiner Frau, die ihm +laechelnd zusah. "Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger. +Wenn der Magen knurrt, muss er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht, +wenn man zu ihm sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warte nur bis es zwoelf schlaegt oder Morgen oder +Abend ist, dann bekommst du etwas.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" + +Frau Anne haette gern erwidert, dass es viel besser sei, den Magen an +regelmaessige Mahlzeiten zu gewoehnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber +sie schwieg. Sie dachte mit Recht, dass mit der Zeit Ilse von selbst von +dieser Untugend zurueckkommen werde. + + * * * + +Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen +Maedchen der Pension sassen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend +oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschaeftigt. Es war sehr heiss und +gewitterschwuel, und durch die geoeffneten Fenster drang kein erfrischender +Luftzug. + +Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quaelte sich, Masche auf +Masche abzuheben. Es machte ihr Muehe mit den heissen, feuchten Fingern. Die +Nadeln sassen so fest in den Maschen, dass sie kaum zu schieben waren. Sie +gluehte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der +eigentlich weiss sein sollte, wurde oefters aus der Hand gelegt. Nun fielen +auch noch einige Maschen herunter, und Fraeulein Guessow, die anwesend war, +forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein +wieder aufnehmen koenne. + +"Ich kann das nicht," sagte Ilse, "die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht +mehr anfassen." + +"Wasche dir die Haende," riet Fraeulein Guessow, "dann wird es besser gehen." + +"Das hilft nicht," erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor +sich hin. + +Die Maedchen lachten, und Grete, die ihr gegenuebersass, nahm es vorwitzig in +die Hand, um den Fehler zu verbessern. + +Ilse nahm es ihr fort. "Lass liegen," sagte sie, "es ist mein Strumpf!" + +Ehe noch Fraeulein Guessow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen +konnte, trat Fraeulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schuelerin +zur andern und pruefte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an +den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es noetig war. + +"Nun, wie steht es mit dir, Ilse?" fragte sie. "Hast du deinen Strumpf +bald fertig? Zeige ihn einmal her." + +Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schaemte +sich ihrer schmutzigen Arbeit. + +"Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?" + +Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es +Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte. + +Aufgebracht ueber diesen Widerstand nahm Fraeulein Raimar ihr den Strumpf +unsanft aus der Hand. + +"Ich bin gewoehnt, dass meine Schuelerinnen mir gehorchen und du wagst es, +dich zu widersetzen? - Seht einmal Kinder," fuhr sie fort und hielt mit +spitzen Fingern das Strickzeug in die Hoehe, "was sagt ihr zu dieser +Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Maedchen angehoere? +Schaeme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen." + +Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionaerinnen +glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort +mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, dass ihre kleine fuenfjaehrige +Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf saehe wie +Schnee gegen Ilses aus, sie duerfe aber auch niemals mit schmutzigen Haenden +stricken. + +Die aesthetische Flora verglich das faconlose Ding mit einem Kaffeebeutel, +ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, dass sie sich gar +nicht wieder beruhigen konnte. + +Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu +beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und +durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heisses Blut, ihre unbaendige +Natur baeumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr +oeffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie +bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Haende und biss +hinein, ihre Augen fuellten sich mit heissen, trotzigen Thraenen. + +Fraeulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thuer +desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor +auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie +wuerde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch +eine oeffentliche Beschaemung Ilses Widerstand ein fuer allemal geheilt zu +haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemuet! Gerade das +Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in +lichterlohen Flammen. + +"Neckt sie nicht!" gebot Fraeulein Guessow, die Ilse besser verstand. "Ich +will nicht, dass ihr sie auslacht!" + +Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen, +nahm gutmuetig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in +Ordnung zu bringen. + +"Lass!" rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges +Haupt, "lass! Was kuemmern dich meine Sachen?" + +"Gieb doch her," bat diese sanft, "ich mach' dich alles wieder gut." + +Aber Ilse hoerte nicht darauf und riss es Nellie aus der Hand, und ehe noch +diese sie zurueckhalten konnte, warf sie im hoechsten Zorne das +unglueckselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend +aneinander und das Knaeuel kollerte weit fort, zur offnen Thuer hinaus, bis +zu den Fuessen der Vorsteherin. + +Vielleicht haette dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn +nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie "Ah!" und "o!" ihr Ohr getroffen +und ihr verkuendet haetten, dass etwas Unerhoertes passiert sein muesse. + +"Was giebt es?" fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort; +aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fussboden und sie erriet das +Ganze. + +"Warfst du es absichtlich hierher?" richtete sie an Ilse die Frage, und +ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen +blitzte es unheimlich auf. - "Antworte - ich will es wissen!" + +"Ja," sagte Ilse. + +"Komm hierher und nimm es wieder auf!" + +Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie ruehrte +sich nicht. + +"Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu koennen? +Ich verlange, dass du mir gehorchst!" + +"Nein," entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionaerinnen, "ich +thue es nicht!" + +Fraeulein Guessow sah die Widerspenstige traurig und bekuemmert an. Nicht +Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. "Wenn ich dich aendern koennte! +Wenn es mir gelaenge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes, +verblendetes Kind!" dachte sie und beschloss, nichts unversucht zu lassen, +um Ilse von ihrem boesen Fehler zu heilen. + +Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Fraeulein Raimar niemals +Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so massvollen Ruhe war sie fuer den +Augenblick fassungslos und ungewiss, was mit Ilse geschehen solle. + +"Geh auf dein Zimmer," befahl sie kurz, "und bleibe dort! Das andre wird +sich finden." + +Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt, +brach der furchtbare Sturm, den sie muehsam zurueckgehalten hatte, los. Sie +warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Stuermisch rief sie nach ihrem +Papa, dass er komme und sie holen moege - klagte die Mama an, die sie in +diese fuerchterliche Anstalt gebracht - kurz fuehlte sich verzweifelt und +verlassen, wie nie im Leben. + +Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte, +kindisch und unausfuehrbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, - wohin war ihr +gleich, nur fort, damit sie die boese Vorsteherin, die stets einen Aerger +auf sie gehabt, und die abscheulichen Maedchen, die sie verhoehnt hatten, +von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe - niemals! Kein Mensch +mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm waere! + +Der Gedanke, dass sie zurueck muesse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie +fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu raeumen und war eben im Begriff, +das Maedchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als +Nellie und gleich darauf Fraeulein Guessow in das Zimmer traten. + +Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen. + +"Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?" fragte sie. + +Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Haenden und +schluchzte laut. + +Fraeulein Guessow liess sie einige Augenblicke gewaehren, dann zog sie ihr +leise die Haende vom Gesicht. + +"Beruhige dich, Kind," sprach sie in sanftem Tone, "dann will ich mit dir +reden." + +"Ich kann nicht! Ich will fort!" stiess Ilse leidenschaftlich heraus. + +"Du musst dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, dass es dir schwer wird, +dein trotziges Ich zu zaehmen, aber du musst es thun, es ist notwendig. +Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?" + +Diese schuettelte den Kopf. "Sie haben mich alle gereizt," entgegnete sie +abgebrochen schluchzend - "Fraeulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert +- alle haben mich ausgelacht!" + +Fraeulein Guessow hatte das Gefuehl, als sei es besser gewesen, wenn die +Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen +haette, - doch das war nun einmal geschehen und nicht zu aendern. + +"Du irrst," entgegnete sie, "nicht Fraeulein Raimar, sondern du selbst hast +dich laecherlich gemacht. Denke einmal zurueck, wie du dich benommen hast. - +Uebrigens," fuhr sie fort, "du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht +allzuschwere Gedanken darueber machen. Wenn du morgen verstaendig bist, ist +alles vergessen. Die Maedchen haben dich alle lieb." + +"Nein, nein," rief Ilse, "mich hat niemand lieb! Ich weiss es wohl! - Ich +bin dumm und ungeschickt und ich will fort - zu meinem Papa!" + +"Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weisst, wie +sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht +von dir anhoeren. Soll ich gehen? - willst du vernuenftig sein?" - + +Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thuer zu. Als sie im +Begriffe war dieselbe zu oeffnen, eilte Ilse auf sie zu. + +"Bitte, bleiben Sie," bat sie und hielt sie an der Hand fest. + +"Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhoeren willst." + +Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm. + +"Wie heiss du bist, du boeser Trotzkopf," sagte sie und streichelte ihr +liebevoll die erhitzten Wangen. "Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser." + +Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der +Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thraenen begleitet, jetzt sprang +sie hinzu und reichte das Gewuenschte. + +"Trink einer kuehle Schluck, er wird dir ruhig machen," redete sie herzlich +zu. "Du musst nie wieder sagen, dass wir dir nicht liebten, du boese, boese +Ilse! - Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt." + +Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und kuehlte damit Ilses +brennende Augen und Wangen. + +"Nun, mein Kind," fragte Fraeulein Guessow, als Ilse sich etwas beruhigt +hatte, "was gedenkst du zu thun?" + +"Ich muss heute noch abreisen," entgegnete sie, "hier bleiben kann ich +nicht." + +"Also noch immer moechtest du mit deinem Kopfe die Wand einstossen. Der +Gedanke, dass du nachgeben musst, dass es an dir ist, um Verzeihung zu +bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Fraeulein Raimar bitter +gekraenkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu versoehnen? Sprich!" + +"Nein," rief Ilse und warf den Kopf zurueck, "Fraeulein Raimar hat mich +beleidigt und furchtbar gekraenkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch +niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten - und ich thue es auch jetzt +nicht! Nein!" + +Das war wieder ein trotziger, boeser Ausfall von ihr, dennoch verlor +Fraeulein Guessow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft. + +"Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast +deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir +zuernte." + +"Meinem Papa!" wiederholte Ilse und sah hoechst erstaunt die junge Lehrerin +an. "Niemals hat er mir gezuernt, er war immer, immer gut, ich konnte +machen, was ich wollte." + +"So," sprach Fraeulein Guessow und meinte jetzt den Schluessel zu Ilses +Eigensinn in des Vaters zu grosser Nachgiebigkeit gefunden zu haben. "Und +die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, - kraenktest +du sie niemals? Sage einmal aufrichtig." + +Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie +hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekraenkt. + +"Ich glaube, dass ich es that," sagte sie zoegernd. + +"Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?" + +Ilse schuettelte den Kopf. "Nein," sagte sie, "niemals habe ich das gethan. +Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie weiss, dass ich einmal +nicht bitten kann." + +"Ein Kind muss bitten koennen! Und ein Maedchen vor allem. O Ilse! Auch du +musst es lernen, noch ist es nicht zu spaet!" sprach Fraeulein Guessow sehr +erregt. "O Ilse, wenn doch meine Worte es vermoechten, dich so recht aus +deiner Verblendung aufzuruetteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor +allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in +seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir, +Trotz und Widerstand sind boeses Unkraut in einem Maedchenherzen, und +oftmals ueberwuchern sie die besten, heiligsten Gefuehle! Geh' hinunter, +Kind, bitte Fraeulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen +harten Sinn, so hast du gewonnen fuer alle Zeit!" + +Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen +standen Thraenen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber +Abbitte thun, - das konnte sie trotzdem nicht. + +"Ich kann es nicht," sagte sie zoegernd, aber bestimmt. + +"Du willst nicht, aber du musst," entgegnete Fraeulein Guessow im hoechsten +Grade erregt. "Gott! giebt es denn kein Mittel, dass ich dich von deinem +Starrsinn heilen kann!" - + +"Komm, setze dich zu mir," fuhr sie ruhiger fort, "ich will dir eine wahre +Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Maedchenherzen erzaehlen, +das sein Lebensglueck einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch +sagen wirst: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dann gehe hin und folge deinem harten +Kopfe, - ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ..." + +Noch niemals hatte jemand in einem so ueberzeugenden Tone zu Ilse +gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam +setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenueber und sah erwartungsvoll und +gespannt auf sie. Der haessliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem +Gesichte und wer sie jetzt sah, wuerde nicht geglaubt haben, dass diese Ilse +und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbaendig +betragen, ein und dieselbe sei. + +Fraeulein Guessow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gestuetzt und blickte +gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht +geroetet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob +ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem +ersten Worte zu beginnen. Ploetzlich erhob sie sich. + +"Es ist hier so drueckend und schwuel," sagte sie und oeffnete die +Fensterfluegel. + +Ein erquickender Luftzug stroemte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge. +Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Baeume, in der Ferne grollte der +Donner. + +"Wie das wohl thut," fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, "die Hitze +lag mir schwer wie Blei auf der Brust. - Wie alt bist du, Ilse?" +unterbrach sie sich ploetzlich wie in halber Zerstreuung. + +"Im naechsten Monat werde ich sechzehn Jahre." + +"Sechzehn Jahre!" wiederholte die Lehrerin, "dann bist du alt und auch +verstaendig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin +zu begreifen. Hoer' zu. + +"Es war einmal ein junges, froehliches Menschenkind, das mit seinen +sechzehn Jahren die Welt zu erstuermen meinte. Vater und Mutter waren ihm +frueh gestorben und so kam es, dass die kleine Waise zu der Grossmutter +gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen +wir das Maedchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fuegen, +sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr +schlimm fuer sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besass +Lucie einen haesslichen Fehler, den Trotz. + +"Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu +zuegeln, pflegte ihn die Grossmama durch allzugrosse Nachsicht. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, wenn man +sie zuweilen auf ihre Schwaeche aufmerksam machte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ist es nicht schlimm +genug, dass es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig +sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" + +"War Lucie huebsch?" fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt +und den Arm um deren Schulter gelegt hatte. + +"Ich glaube wohl," entgegnete die Angeredete und erroetete leicht, +"wenigstens hat man es dem erwachsenen Maedchen oftmals gesagt. Doch das +ist Nebensache - hoert mich weiter an. + +"Die Grossmutter besass ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen +bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die +sich am Ausgange des Grundstueckes befand, durchschreiten und befand sich +im schoensten Walde, den ihr euch denken koennt. + +"Selten kamen Spaziergaenger aus dem nahen Staedtchen dorthin, desto oefter +benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an +die Spitze des Berges, oder was sie noch haeufiger that, sie lagerte sich +an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu +liegen, ein gutes Buch zu lesen und darueber die Welt zu vergessen, - das +war die hoechste Wonne ihres Lebens. + +"Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fusse einer Eiche +aufgesucht. Die Luft war heiss und schwuel und doppelt wohlthuend empfand +sie die Waldeskuehle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und +blickte hinauf in das gruene Blaetterdach. Nicht lange, dann oeffnete sie das +mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt +desselben, dass sie der Gegenwart ganz entrueckt war. - + +"Eine maennliche Stimme schreckte sie ploetzlich auf. Aergerlich ueber die +Stoerung blickte sie auf und sah in das laechelnde Antlitz eines jungen +Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ein wunderbares Bild!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wahrlich, ich haette Lust, dasselbe +zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, als Lucie sich schnell +erheben wollte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nur wenige Augenblicke! Aber so boese duerfen Sie nicht +aussehen, - nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund, +- dasselbe erwartungsvolle Laecheln - bitte!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was faellt Ihnen ein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem +Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand. + +"Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach buecken wollte; doch ehe er +es ihr ueberreichte, las er das Titelblatt. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Werthers Leiden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, bemerkte er und lachte lustig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dacht' ich es doch! +Natuerlich verbotene Lektuere, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird! +Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefaehrliche Geschichte +erlaubt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Lucie entriss ihm das Buch, aber sie wurde ueber und ueber rot. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie zornig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wer hat +Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich nahm mir selbst die Freiheit,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er sich verbeugend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und bitte +dafuer um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Naehe, dort jene +Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, - da erblickte ich Sie, und +koennen Sie mir verdenken, dass ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie +zu betrachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Sie gab keine Antwort, ja sie gruesste nicht einmal, als sie eilig davon +ging. Sie empfand Unwillen und Aerger ueber den Aufdringlichen und doch - +gefiel er ihr." - + +"War er ein schoen Mann?" fragte Nellie. + +"Ja, er war schoen und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte +Lucie sich bald ueberzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem +Vorwande einen Besuch in der Grossmutter Hause. + +"Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach taeglicher Gast +bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann +ich euch nicht erzaehlen, nur so viel, dass sie eines Tages seine Braut war. + +"Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er +heute glaubte, dass sie ihn gern moege, war er morgen vom Gegenteil +ueberzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb? +reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm +auf den Lippen. + +"Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es, +als sie mit ihm vor die Grossmama trat und jubelnd ausrief: + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin Braut!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glueck und die Liebe +haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das koenne nicht +anders sein? - Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr +Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals +heftiger hervor, als je vorher. + +"Welche Muehe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie +eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie +hoerte ihn an und versprach sich zu bessern, - aber ihr Wort hielt sie +nicht, - - leider! - Haette sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid +haette sie sich erspart!" + +Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter +haette ihr ansehen koennen, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter +zu erzaehlen, - die jungen Maedchen indessen merkten nichts davon. Sie +glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen. + +"O bitte, fahren Sie fort," bat Nellie, deren Augen vor Entzuecken +glaenzten; niemals bis jetzt hatte das Fraeulein aehnliches erzaehlt, "bitte, +weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!" + +Ilse sass still und sinnend da. Was sie da hoerte, beruehrte eine verwandte +Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefuehl, als ob das junge Maedchen nicht +Lucie, sondern Ilse geheissen habe. - + +"Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende," fuhr Fraeulein Guessow fort, "in +vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen +Maitages sass das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und traeumte sich +in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien +geplant, - den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen +am schoensten gefiel, dort wollten sie fuer den Winter ihr Nest bauen. + +"Der Himmel woelbte sich hoch und blau ueber ihnen, die Fruehlingssonne +lachte sie freundlich an, - ringsum bluehte, duftete und zwitscherte es, +kein Misston stoerte das wunderbare Lenzesleben. + +"Lucie machte Plaene und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich +einrichten wollten. Sie hing am Aeusseren und hatte eine lebhafte +Phantasie, da war es denn am Ende ganz natuerlich, dass ihre Wuensche und +Hoffnungen bis an den Himmel reichten. + +"Er hatte ihrem Geplauder laechelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da +gab ihm ein ungluecklicher Zufall die Frage ein: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie wuerdest du es +ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten muessten, wenn wir +nicht reisen koennten - wenn wir wenig Mittel haetten, - mit einem Worte, +wenn die Not an uns herantreten wuerde?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Die Not?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das waere +furchtbar!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob +deine Liebe zu mir so stark sein wuerde, dass du ohne Klage auch ein +armseliges Los mit mir teilen wuerdest?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - + +"Es verdross sie, dass Curt, so hiess der Maler, durch unnuetze Fragen einen +Missklang in ihre frohe Stimmung brachte. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lass doch den Unsinn!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wehrte sie ab, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wir werden nie in solche Lage +kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Man kann nicht wissen, was in den Sternen fuer uns geschrieben steht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +entgegnete er ernst. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du koenntest zum Beispiel dein Vermoegen verlieren, - +und ich - nun wenn ich krank wuerde und nicht malen koennte?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum quaelst du mich mit allerhand dummen Moeglichkeiten, Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte +sie ungeduldig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Und sie wandte +sich halb von ihm ab. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine +Widerspenstige,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er halb ernst, halb scherzhaft. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich weiss, du wirst +mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich weiss auch, meine +Lucie wuerde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie +sie meine Gefaehrtin in Glueck und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du +siehst ein, Liebling, dass ich von meiner zukuenftigen Frau das verlangen +kann?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das sehe ich nicht ein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie sehr entruestet und entzog ihm ihre +Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Armselige Verhaeltnisse wuerden +mich ungluecklich machen - ja, ungluecklich machen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wiederholte sie, als er +sie zweifelnd ansah, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}lieber wuerde ich gar nicht heiraten!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Er wurde blass bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst +derselben glauben. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast du mich lieb, Lucie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er sie. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja, aber in einer Huette bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Aber{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurueck, was du +gesagt hast.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nichts +nehme ich zurueck! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er erregt, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst +nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm +sie zurueck, Herz!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} und flehend blickte er ihr in das Auge. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du irrst,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie mit scheinbarer Kaelte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nicht aus Widerspruch, +sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein, nein! Ich kann's, ich will's nicht glauben! - Komm her, sieh' mich +an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich weiss, dass sie nicht +luegen koennen. - Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +wiederholte er noch einmal dringend - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und du nimmst zurueck, was du +gesagt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ungluecklicherweise hatte die Grossmama auf der entgegengesetzten Seite der +Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden. +Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare naeher. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie duerfen Lucie nicht so uebel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +sprach sie beruhigend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Haette +sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre +guetigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es kommt mir wohl aus dem Herzen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief dieselbe aufgebracht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und ich +wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als dass ich Not und +Mangel leide!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" - + +"O, wie hart ist sie!" warf Nellie ein, als Fraeulein Guessow wie erschoepft +einen Augenblick innehielt. + +"Sie war nicht hart, nur verblendet," fuhr diese fort. "Niemals hatte sie +gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande +gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in +aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zaehmen, da +baeumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ist das dein letztes Wort, - Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Wie ein Schrecken kam es ueber +seine Lippen. Sie blieb ungeruehrt, wandte sich von ihm und eilte aus dem +Zimmer. + +"Besorgt folgte ihr die Grossmama, aber sie klopfte vergeblich an der +verschlossenen Thuere, dieselbe wurde nicht geoeffnet. - + +"Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte +in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie +sie gehandelt hatte? {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} antwortete sie sich darauf, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich bin im Rechte. +Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er +mich damit? Ich will in eine glueckliche Zukunft sehen und er will mir das +Herz schwer machen mit Unmoeglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er +daraus macht? - Ich soll zuruecknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein +Verlangen! Abbitte soll ich thun - Abbitte! Und er hat mich doch erst +herausgefordert. Er ist an allem schuld.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr +zurief: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gieb nach! Reich' ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Sie +wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so +voellig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, dass sie +erwartete, Curt muesse kommen und sie um Verzeihung bitten. + +"Er kam auch und begehrte Einlass. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Oeffne mir, Lucie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er stuermisch, +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es haengt unser Glueck davon ab! Ich muss dich sprechen! - Ich will dich +sprechen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte +ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Erhoere ihn und es +wird alles gut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie war taub gegen seine Stimme. Ein boeser Geist hielt +sie fuer den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von +dannen. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will nicht mit dir reden!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie zurueck, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich wuesste auch nicht, +was du mir noch sagen koenntest!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}So treibst du mich fort von dir, Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - rief er ausser sich. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bedenke +was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurueck, bis du mich +zurueckrufst: Lebe wohl!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - - + +"Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehoert hat. + +"Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der naechste Tag an. Der +trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer +unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fuehlte sie sich auch +heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhoeren, wenn er kam, - und +dass er kommen werde, darauf hoffte sie fest. + +"Aber sie hoffte vergebens. Die Grossmama ueberhaeufte ihre Enkelin mit +bitteren Vorwuerfen und forderte sie unter Thraenen auf, sie moege nachgeben. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wird es dir denn so schwer,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte sie, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Manne, dem du in vier +Wochen die Hand fuer das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen? +Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine boesen Worte zurueck, oder es giebt ein +Unglueck.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht, Grossmama. Ich muesste ja abbitten, so verlangt er, und du +weisst, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurueck, du wirst es +sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Aber auch der naechste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in +einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thuer +oeffnete. - Am dritten Tage, - es war gegen Abend, sie hatte wieder +vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie +eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestoert zu lesen - es war doch +endlich - endlich ein Zeichen von ihm! + +"Hastig oeffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts +Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. - Ich will +versuchen euch dieselben zu wiederholen," unterbrach sich Fraeulein Guessow, +"Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben. + + + + + + +"Du hast mich nicht zurueckgerufen, - - so sehnsuechtig ich auch darauf +gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, waere es Dir nicht schwer +geworden, ein versoehnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich muss von Dir +scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand +und Glueck zu bieten. - - Mit welchem Rechte koennte ich vom Schicksal +verlangen, dass mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb' wohl, - +ich habe Dich sehr geliebt." - + + + + + + +"Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und haette vor Schmerz vergehen +moegen. Das hatte sie nicht gedacht, - so weit hatte sie es nicht treiben +wollen. - Nun war es zu spaet, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr +den Geliebten nicht zurueck. + +"Die Grossmama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und +heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er +kehrte zurueck mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. - +Sie hatte ihn auf ewig verloren!" - + +"O, die arm' Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt' er ihr verlassen!" +rief Nellie unter Weinen. "Er hat ihr gar nix lieb gehabt." + +"Er hat sie sehr geliebt," entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den +stroemenden Regen; "aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen +Widerstand nicht laenger ertragen konnte." + +"Und wo ist Lucie geblieben?" + +"Lucie?" wiederholte Fraeulein Guessow zoegernd, - "ein trauriges Geschick +hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Grossmutter +fast ihr ganzes Vermoegen. Die Villa musste verkauft werden und Lucie, das +verwoehnte und verzogene Maedchen, war gezwungen, fuer die Zukunft ihr eignes +Brot zu verdienen." + +Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. "Ja, ihr Brot zu verdienen," betonte +dieselbe. "Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so +schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste +erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst +ging sie einher und ihr uebermuetiges Lachen war verschwunden. - Sie +bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen +bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Grossmama durch den Tod +verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute." + +"Und der Maler? Hat die arm' Lucie nie gehoert davon?" + +"Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert - er selbst blieb +verschollen." + +"Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht' ist das!" rief Nellie. "Es thut +mich sehr weh." + +Und Ilse? Sie sass da, die Haende gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis +in das Innerste getroffen. Wie Lucie haette auch sie gehandelt, auch sie +wuerde es bis zum Aeussersten getrieben, auch sie wuerde ihr Lebensglueck im +trotzigen Uebermute geopfert haben. - Noch schwankte sie einen Augenblick, +wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff +Fraeulein Guessows Hand. + +"Ich will um Verzeihung bitten," sagte sie in leisem Tone, es war, als ob +sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hoeren. + +Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige +in den Arm und kuesste sie zaertlich. + +"Geh' - geh'," sagte sie geruehrt, "und wenn je ein boeser Geist wieder ueber +dich kommen will, denk' an Lucies traurige Geschichte." + +Zoegernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin +Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschliessen, die Thuer zu +oeffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Druecker ausgestreckt und +wieder zurueckgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu +thun. Ob sie umkehre? + +Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte +Wendung zurueck, da hoerte sie Fraeulein Guessow die Treppe herabkommen. + +Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie haette sich vor +ihr schaemen muessen. Mit einem tiefen Atemzuge oeffnete sie die Thuer. + + [Illustration] + +Die Vorsteherin sass an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah, +erhob sie sich. + +Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zuernende Auge +Fraeulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie +versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmoeglich, ein Wort +hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnuert. Es war eine +Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Fuessen +sich ploetzlich geoeffnet und sie haette verschwinden lassen, sie wuerde es +fuer eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb +aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin. + +Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf +ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen - da war es, als ob Lucie sie +traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: "Nicht zurueck! Geh' mutig +vorwaerts!" + +"Nun Ilse?" unterbrach Fraeulein Raimar das minutenlange Schweigen. "Was +ist dein Begehr?" + +Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein +krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverstaendlich kam es von +ihren Lippen: "Ver-zeih-ung!" + +Fraeulein Raimar war sehr aufgebracht ueber Ilses Betragen gewesen und sie +hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafuer zu geben, als sie +indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie +milder gestimmt. + +"Fuer diesmal," sagte sie, "will ich dir vergeben, ich sehe, dass du dich +selbst mit Vorwuerfen strafst, und dass du zur vollen Erkenntnis deines +Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Betraegst du dich ein zweites Mal +in aehnlicher Weise, wuerde ich die strengsten Massregeln ergreifen, das +heisst: ich wuerde dich zu deinen Eltern zurueckschicken! - Ich hoffe, du +vergisst dich niemals wieder, versprich mir das!" + +Beinah haette sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und +geantwortet: "Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich +zu meinen Eltern," - da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese +boese Antwort von ihren Lippen scheuchte. + +Zoegernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fraeuleins Hand. "Nie - +wieder!" stammelte sie. + +Und Fraeulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens ueberzeugt und +hatte beinah Mitleid mit der Reumuetigen. "Nun geh' und beruhige dich," +sagte sie in mildem Tone, "und sehe ich, dass du dich besserst, wird der +heutige Tag von mir vergessen sein. -" + +Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fuehlte sie sich +leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals +hatte sie eine aehnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewusstsein, sich +selbst ueberwunden zu haben. - + +Der Juli und August waren vorueber und man befand sich in den ersten Tagen +des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben +eingelebt und fuehlte sich laengst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr +anfangs unmoeglich erschien, hatte sie sich gewoehnt, ja gewoehnen muessen. +Wie haette sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen! +Das fruehe Aufstehen, das regelmaessige Arbeiten, die Ordnung und +Puenktlichkeit, die streng innegehalten wurden, - schwer genug hatte sie +sich in all diese Dinge gefunden, und wer weiss, ob sie es ueberhaupt je +gethan haette, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite +gestanden haette. Mit ihrer froehlichen Laune half sie der Freundin ueber +manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja +durch einen Blick dieselbe zu zuegeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden +wollte. + +Eine heftige Szene hatte sie uebrigens nicht wieder herbeigefuehrt. Fraeulein +Guessows Erzaehlung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren +trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht. + +Ueber ihre Fortschritte und Faehigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und +Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten +Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der +Naturgeschichte behaupteten, dass Ilse ohne jede Begabung sei, dass sie +weder Gedaechtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile +ueberzeugt. Fraeulein Guessow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der +Deutsch, Geschichte und in der franzoesischen Litteratur unterrichtete, +waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten +zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Fleiss und ihre +Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklaerte mit aller +Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, wuerde sie es mit ihrem Talente +weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schuelerin +sei, so grosse Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor. + +Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzuecken. Ja er vergass sich +in seiner lebhaften Freude so weit, dass er ausrief; "Bravo, Monsieur +Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine +entzueckende, junge Mademoiselle." + +Fraeulein Raimar laechelte ueber diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses +Betragen. + +Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschuetteln an den Tag. Besonders +wurde von einigen sehr geruegt, dass sie bei dem geringsten Tadel eine +trotzige Miene mache, dass sie sogar mehrmals gewagt habe, zu +widersprechen. + +"Leider, leider ist dem so," bestaetigte die Vorsteherin, "und ich habe +nicht den Mut, zu glauben, dass wir sie aendern koennen. Ich fuerchte sogar, +dass ihr zuegelloser Sinn uns eines Tages eine aehnliche Szene, wie die +bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?" + +"Dann geben wir sie den Eltern zurueck," fiel Miss Lead lebhaft ein. "Ich +glaube, dass es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist - +wie soll ich sagen - sehr baeurisch, sehr brutal, sie passt nicht in unsre +Pension." + +Doktor Althoff warf der Englaenderin einen etwas ironisch laechelnden Blick +zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen uebertriebenen, strengen +Formen hast kein Verstaendnis fuer das junge, frische Wesen mit seinem +natuerlichen Sinn - "Ich glaube, Sie irren, meine Damen," wandte er ein, +"in unsrer kleinen Ilse steckt ein tuechtiger Kern. Lassen Sie nur erst die +etwas rauhe Schale sich von demselben abgestossen haben und Sie werden +sehen, in welch ein liebenswuerdiges, natuerliches, echt weibliches Wesen +sich die baeurische, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}brutale Ilse{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," er betonte die letzten Worte etwas +stark, "verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie +mir. Man muss nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar +zu viel verlangen." + +Miss Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Fraeulein +Guessow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an. + +"Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor!" stimmte sie bei. "Wir muessen Geduld +haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte. +Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde +gross gezogen wurden, koennen unmoeglich in wenigen Wochen vollstaendig +abgestreift sein. Mir scheint, dass wir schon viel erreicht haben, wenn wir +daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und +wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Faechern ihre Aufgaben sehr +trefflich anfertigt." + +Fraeulein Guessows Behauptung war vollstaendig berechtigt. Ilse war weit +strebsamer geworden, das gute Beispiel der uebrigen Maedchen spornte sie +maechtig an. + +Anfangs war es ihr gleichgueltig gewesen, ob man sie in die erste oder +zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, dass alle ihre +Mitschuelerinnen juenger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und +zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versaeumte nachzuholen, zu +lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme. + +Ihre Aufsaetze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr +zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen +Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen +Fehler zu ruegen wusste. + +Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. "Ein Spaziergang +durch den Wald" hiess das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in +anmutiger und lebendiger Weise geloest. Sie wurde dafuer gelobt, und Doktor +Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere +Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend. + +"Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse," sagte er, +"denn ich kann mir kaum denken, dass Sie wirklich dachten, was Sie hier +niederschreiben." + +Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhaengnisvolle Stelle, die also +lautete: + +"Ich war eine gans, tuechtige Strecke allein gegangen." - Sie erroetete, +nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z. + +"Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen koennen +hoechst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich +Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es +wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende +geschrieben hatte, ganz willkuerlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn +Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fuenf Fragezeichen und neun Punkte, wie +sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann +zuweilen einen tollen Sinn, Sie koennen es sich denken." + +Die Maedchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine +Ruege von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und +Weise zu treffen. Mit liebenswuerdigem Humor, in welchen er einen ernsten +Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der +in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreissen liess. + +Aber wie schwaermten auch seine Schuelerinnen fuer ihn! In jeder +Maedchenschule giebt es gewiss einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling +erkoren wird, in dem Institute des Fraeulein Raimar hatte Doktor Althoff +das Los getroffen. + +"Er ist furchtbar reizend!" beteuerte Melanie und schlug den Blick +schwaermerisch gen Himmel. "Das bezaubernde Laecheln um seinen Mund, das +blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle, +lockige Haar! Wirklich furchtbar nett!" Die neugierige Grete hatte sogar +entdeckt, dass Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr +befestigt trug, ein Stueckchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es +war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem frueheren +Aufsatze fortgeschnitten hatte. + +Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den +ueberschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer saemtlichen +Novellen und Romane. Wie zufaellig verlor sie zuweilen eines ihrer +schwaermerischen Gedichte, natuerlich nur in der Litteraturstunde, indessen +vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren +Dichterblueten gefunden. + + [Illustration] + +Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwaeche, trotzdem sie dieselbe stets +verspottete. Laengst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu. +Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und +liess dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, +als fast saemtliche Schuelerinnen, wie die Stossvoegel auf die rote Blume +zustuerzten, um sie fuer sich zu gewinnen. Orla eroberte sie gluecklich. Hoch +hielt sie ihre Siegestrophaee in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer. +Vom Juwelier liess sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit +einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug +herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unloesbaren Raetsel, denn +Orla wuerde ihr nimmermehr vertraut haben, dass die beiden Worte ins +Deutsche uebertragen hiessen: "Vom Angebeteten." - In diese kostbare, +goldene Huelle legte sie die Nelke und trug sie immer. + +Nellie machte es am aergsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf +ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den +Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem +Mute ertrug sie laechelnd diese schmerzhafte Operation. + +"Aber Nellie, wie albern bist du!" rief Ilse. "Warum machst du denn den +Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all' eure Dummheiten erfaehrt, muesst ihr +euch doch schaemen." + +"Schweig!" gebot Nellie scherzhaft, "du bist noch ein klein' gruener +Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre +und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe." + +Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwuechsiger Sinn verstand und +begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. "Ach Nellie!" rief sie +froehlich, "du sprichst so weise, wie eine alte Grossmama, und bist doch nur +zwei Jahr aelter als ich." + +Nellie war aber keineswegs wie eine Grossmama, oft sogar konnte sie recht +kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas fuer ihren +Schnabel zu gewinnen. + +Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem +Zimmer und blickte sehnsuechtig auf den Apfelbaum, dessen Fruechte goldgelb +und rotwangig, hoechst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch +lachten. + +"Die schoene Aepfel!" rief sie aus, "o, hatte ich doch gleich einer davon! +Er ist reif, Ilse, ich weiss, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt +so gross' Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen - +und nicht essen - es ist hart!" + +Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Waeschbeutel mit +roten Arabesken benaehte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der +Freundin. + +"Ja, die sind reif," sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel, +"wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustaepfel. Wenn ich doch +gleich in Moosdorf waere, dann stieg' ich in den Baum und holte welche +herunter, aber hier - - ach!" + +Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmuetigem Verlangen +hinauf in den Baum sah. Ploetzlich kam ihr ein guter Gedanke. + +"Du bist in der Baum gestiegen?" fragte sie. "O, Ilse, ich habe ein' +furchtbar nette Idee! - Du steigst in der Baum und holst uns von der +Apfel!" + +Die letzten Worte sprach sie fluesternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr +etwas erlauschte. + +Ilses braune Augen leuchteten auf. "Wie gern wuerde ich das thun! Aber ich +darf ja nicht! Denk' nur, Nellie, wenn Fraeulein Raimar oder irgend jemand +anderes mich sehen wuerde!" + +"Lass mir nur machen," meinte Nellie und machte ein hoechst listiges +Gesicht. "Heut' abend, wenn Fraeulein Raimar und alles andre auf seines Ohr +liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse +wird wie eine Katz' leise aus die Fenster steigen und in der Baum +klettern. Der lieber Mond steckt sein' Latern' dazu an und leuchtet sie, +dass sie die besten und grossesten Apfel finden kann. Und ich geb' acht, dass +nix kommt, - ich werde eine gute Spion sein." + +Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als dass sie +noch laenger Bedenken tragen sollte. + +"Das ist zu himmlisch!" rief sie so laut, dass Nellie ihr die Finger auf +den Mund legte. "Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und +steige hinauf in das gruene Blaetterdach. Es ist himmlisch, Nellie!" + +Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer. + +"O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht haetten!" + +Ilse stand schon wieder am Fenster und warf pruefende Blicke in den Baum. +"Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst," sagte sie ganz erregt, +"und dann auf den dort, - es haengen drei herrliche Aepfel daran, - die +pfluecke ich zuerst und werfe sie dir zu, - dann geht es hoeher hinauf bis +an Melanies und Orlas Stubenfenster, - sie lassen es immer offen stehen +des Nachts - dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!" + +"Ilse!" rief Nellie entsetzt, "du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein' +Hand darauf!" + +"Es war nur Scherz," entgegnete Ilse. "Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde +ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzueckenden Abenteuer +erfahren!" - + +Die Zeit verging den beiden Maedchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich +wenig verstellen konnte, war waehrend des Abendessens ganz besonders lustig +und aufgeregt. + +"Du siehst so unternehmend und froehlich aus," bemerkte Fraeulein Guessow, +"hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?" + +Ilse wurde rot und fuehlte sich wie ertappt. Ein Glueck fuer sie, dass die +Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie +achtete, vielleicht waere ihr doch die verraeterische Roete aufgefallen. + +Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch saemtliche +Schlafgemaecher war gemacht, und Fraeulein Guessow war bereits in ihr Zimmer +zurueckgekehrt. + +Nellie sass in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thuer sich +schliessen hoeren, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und +glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster +hinaus. + +"Was machst du?" fragte Ilse. + +"Ich will sehen, ob Fraeulein Guessow noch Licht in sein' Schlafstube hat -" +fluesterte sie. "Noch ist hell unten, - immer noch - -" + +"Soll ich aufstehen?" fragte Ilse. + +"Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat +noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht +in ihr Bett und macht die Auge zu." + +Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die +seitwaerts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Fluestertone rief +sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Ploetzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe +zurueck und legte den Finger auf den Mund. + +"Sei ganz still, Ilse, ruehr' dir nicht," sagte sie dann, sich auf den +Zehen zu derselben heranschleichend, "sie hat eben der Kopf zum Fenster +ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah' hat sie mir erblickt." + +Nach einem kleinen Weilchen hoerte sie das Fenster schliessen und als Nellie +vorsichtig hinunter blickte, war das Licht geloescht. + +"Jetzt ist die grosse Augenblick gekommen," wandte sie sich in pathetischem +Tone an Ilse und streckte die Hand aus, "erheben Sie sich, mein Fraeulein, +und gehen Sie an das grosses Werk!" + +Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das naechtliche Abenteuer, dass +sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem +langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand. + +Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen, +da das Blousenkleid, und was sie sonst noch noetig hatte, schon bereit lag. + +Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. "Sie sind zu unschicklich, zu +plump, du machst eine so laute Schritt, dass alles aufwacht." + +Ilse hoerte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich +auf den Zehen zum Fenster hin. + +"Gieb mir das Koerbchen," bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals, +damit sie den Arm frei behalte. + +"So, nun bist du reisefertig, mach' deine Sach' brav, mein Kind," sagte +sie und kuesste Ilse auf die Wange. + +Die hoerte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das +Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum. + +Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt +zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichkaetzchen trotz +ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewussten Aepfel erreichen konnte, +brach sie dieselben und warf sie Nellie zu. + +"Da hast du eine Probe!" rief sie uebermuetig in halblautem Tone, "damit dir +die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!" + +Die Fruechte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen. + +"O, was thust du!" fluesterte sie und erhob drohend die Finger. "Die Koechin +schlaeft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?" + +"Baerbchen schlaeft fest, ich hoere sie draussen schnarchen," gab Ilse zurueck. +- "Wir koennen ganz ohne Sorge sein - alles schlaeft - alles ist still und +dunkel. - Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es +ist koestlich hier!" + +Ploetzlich bekam es Nellie mit der Angst. "Ich zittre fuer dir," sprach sie +mit bebenden Lippen, - "komm wieder her, - es koennte ein Unglueck sein." + +Ilse lachte in sich hinein und stieg keck hoeher und hoeher. Sie war so +recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre +Schwingen. + +Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und +zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher +Hoehe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der +Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun. +Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und +dessen gruene Spitzen beinahe das eine Fenster beruehrten, und sah hinein. + +Ruhig, nichts ahnend lagen die Schlaeferinnen da, hell vom Mondlicht +beschienen. + +Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Maedchen einen +Schabernak spielte? "Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen," dachte +sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, - da bewegte sich Orla im +Schlafe. Unwillkuerlich fuhr Ilse zurueck und ihre tolle Idee blieb +unausgefuehrt. + +Es hingen so viel schoene Aepfel rechts und links und ueberall, mit kleiner +Muehe haette sie in wenigen Augenblicken ihr Koerbchen damit fuellen koennen, +aber dazu hatte sie keine Lust, immer hoeher hinauf strebte ihr Verlangen, +sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe +nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine +beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurueck. + +Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, - ein +einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, - dieser +Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkuehne +Kletterpartien ausgefuehrt und jede Furcht vor Gefahr verlernt. + +Mutig ging es vorwaerts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein +Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie +heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe +gestoert haben. - Es wurde ihr recht aengstlich auf ihrem Lauscherposten, +eine Ewigkeit duenkte es ihr, dass Ilse sie verlassen hatte. + +"Ilse!" rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch moeglich, +dass ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand +und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zuegen einsog. + +Wie fuehlte sie sich glueckselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu +Mute! Keine Fesseln drueckten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin - +alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne - der Garten da unten gehoerte +dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der +alte Nussbaum, in dessen gruenem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck +gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie ueberall suchte, von dessen +oberster Spitze sie dann ploetzlich mit einem schlichen "Juchhe!" ihm +antwortete. + +"Juchhe!" Ganz in Erinnerung versunken, brach es ploetzlich laut und +kraeftig aus ihrer Kehle hervor, dass es weithin durch den Garten schallte. + +Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken +fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue +kam jetzt zu spaet, vor allem musste sie an den schnellsten Rueckzug denken, +denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause +vernommen worden. + +Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf. + +"Grete!" rief sie mit bebenden Lippen, "hast du gehoert?" + +"Ja," toente es gedaempft zurueck. "Melanie, ich fuerchte mich tot!" Sie hatte +sich die Decke ueber den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst +ihr Schicksal. + +Auch Orla war erwacht. "Was war das?" fragte sie, "wo kam der laute Schrei +her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestossen wurde." + +"Allmaechtiger Gott!" schrie Melanie auf, "siehst du nichts? O, ich habe +etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! - dicht am Fenster flog +es vorueber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und grossen, +gluehenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen +wollte! O, Orla - ein Gespenst - ein Gespenst!" + +Sie klapperte mit den Zaehnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die +nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume +vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke ueber die +Schultern und sah zum Fenster hinaus. + +Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst +hatte sie dieselbe von der Hoehe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster +gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie +konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenblass und ausser sich ueber Ilses +Tollkuehnheit. + +"Was hast du gemacht?" fluesterte sie, "du hast uns verraten! - hast du +gehoert? Ueber uns sind sie aufgeweckt! - Orla spricht ... Wir sind +verloren!" + +Eilig nahm sie der am ganzen Koerper zitternden Ilse, deren Haende blutig +geritzt waren, das Koerbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht +herausgefallen waren, in ihr Bett, das Koerbchen hinter den Schrank, und +legte sich nieder, alles in der groessten Hast. + +Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und +Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu. +Sie schloss die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare +Strafgericht, das ihrer wartete. - + +Bei dem truegerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was +eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt - sah ein Paar weisse Arme, +die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen fluechtigen Moment, dann +war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden. + +Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei - +nichts ruehrte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie +zog den Kopf zurueck. + +"Nun?" fragte Melanie, "sahst du etwas?" + +"Ja," entgegnete Orla, "deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich +koennte darauf schwoeren, dass sie von zwei langen, weissen Armen in Nellies +Zimmer gezogen wurde." + +"Liebe, liebe Orla!" bat Melanie klaeglich und mit gerungenen Haenden, +"wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor +Angst!" + + [Illustration] + +Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand, +und laeutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, fuer den Fall, dass +ein ploetzliches Unwohlsein eine Pensionaerin des Nachts befiel. Saemtliche +Schnuere fuehrten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fraeulein +Raimars Schlafzimmer angebracht war. + +Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, toente ihr Klang, der noch niemals +die Ruhe gestoert, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten, +als ob sie ihr Sterbegloecklein hoerten. + +Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die +eben noch dunkel und wie traeumend in den Garten geblickt hatten, erhellten +sich. Thueren wurden geoeffnet, Stimmen laut. + +Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst +aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fraeulein Guessow. Als beide +den Korridor passierten, schoss Miss Lead aus ihrer Zimmerthuer, aengstlich +fragend blickte sie die Damen an. + +Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miss, der Glockenschall war ihr +in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und +hatte nach ihren Kleidungsstuecken gesucht. Im Dunkeln tappte sie +vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzuenden wollen, aber die Schachtel +mit Streichhoelzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervoeser Hast +ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie +einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spaerliches Haar, das sie jeden Abend +eine gute Viertelstunde kaemmte und buerstete, hing geloest auf ihre Schulter +herab. + +Sie machte einen hoechst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen +Kostueme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie moege sich +wieder niederlegen, aber Miss Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab. + +"Nein, nein!" Und sie hing sich an Fraeulein Guessows Arm so fest, als ob +sie bei ihr Schutz und Beistand suche. + +Auch mehrere Pensionaerinnen waren von dem ungewohnten Laerm erwacht und +aufgestanden. Angstvoll stuerzten sie aus ihren Zimmern und folgten den +Lehrerinnen dicht auf dem Fusse, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der +Vorsteherin erfasst. + +Orla hoerte Stimmen auf der Treppe und oeffnete die Thuer. + +"Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?" fragte Fraeulein Raimar +schnell in das Zimmer tretend. + +Statt Orla antwortete Melanie: "Etwas furchtbar Schreckliches haben wir +erlebt!" rief sie. "Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir +gesehen!" + +"Du hast getraeumt," sagte die Vorsteherin, "es giebt keine Gespenster!" + +"Ich sah es mit offenen Augen, Fraeulein!" entgegnete Melanie mit voller +Ueberzeugung. "Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten +Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz +dicht am Fenster vorbei." + +"Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte," beruhigte +die Vorsteherin. "Hast du auch etwas gesehen, Orla?" + +"Ja," sagte sie. "Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob +etwas in Nellies Zimmer verschwand -" + +Die Pensionaerinnen, sogar Miss Lead, draengten sich im dichten Knaeuel +aengstlich um Fraeulein Raimar. Gespenster - Spitzbuben! das war ja um sich +tot zu fuerchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der +Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand +sie dieses Erlebnis hoechst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem +naechsten Romane dasselbe zu verwerten. + +Fraeulein Guessow hatte kaum vernommen, dass der Spuk in Nellies Zimmer +verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich +zu den beiden Maedchen begab. Sie oeffnete die Thuer und leuchtete in das +Zimmer. Ihr Blick glitt pruefend durch dasselbe, es war nichts Verdaechtiges +zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen. + +Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der +Lehrerin. + +"O, was giebt es?" fragte sie. "Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir +so erschreckt." + +"Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein," antwortete +Fraeulein Raimar, die mit den uebrigen Fraeulein Guessow gefolgt war. + +Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit +gestehen? Unmoeglich! Es waere zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der +Pension gewesen. Und luegen? Sie waere nicht dazu im stande gewesen. +Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort. + +Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es fuer eine +Folge des ploetzlichen Schreckens an. + +"Nun, nun," beruhigte sie, "du darfst dicht nicht weiter aengstigen. Orla +und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehoert haben und +Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen +und hier in eurem Zimmer verschwunden." + +"O, eine Gespenst! Wie furchtbar!" wiederholten Nellies zitternde Lippen +und ihr blasses Gesicht - die Angst, die sich in ihren Zuegen malte, +erweckten Mitleid in Fraeulein Raimars Herzen. + +"Beruhige dich nur," sagte sie, "die Maedchen werden getraeumt haben. Das +ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. - Ich denke, wir legen uns +wieder nieder," wandte sie sich zu Fraeulein Guessow, "es ist das beste +Mittel, die aufgeregten Gemueter zur Ruhe zu bringen." + +Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat +an das Bett derselben und beugte sich leicht darueber. "Ist denn Ilse gar +nicht erwacht von dem Spektakel?" fragte sie erstaunt. + +Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie +sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fussende des Bettes +streifte - dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette - o Entsetzen! sah +eine Spitze von Ilses fuerchterlichem Stiefel vor. + +"Sie hat immer ein so fester Schlaf," brachte Nellie muehsam hervor und +ploetzlich - im Augenblicke der hoechsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart +zurueck. + +"Bitte, bitte, Fraeulein Guessow," sagte sie und erhob flehend die Haende, +"sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt." + +Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die +Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fraeulein +Raimar schuettelte unwillig den Kopf. + +"Sei nicht kindisch, Nellie," verwies sie dieselbe, "du wirst in deinem +Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!" + +Und Miss Lead, die bis dahin mit den Pensionaerinnen vor der aeusseren Thuer +gestanden, trat zu ihrer Landsmaennin und schalt sie wegen ihrer +Furchtsamkeit. + +Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes +Gelaechter ausbrach. "O, Miss Lead!" rief sie aus. "Sie haben die Aussicht +wie eine Raeuberhauptmann! Seien Sie nicht boese, aber ich muss lachen!" Und +die uebrigen Maedchen stimmten froehlich ein in das Gelaechter, sie hatten bis +jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet. + +Miss Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen +ernsten Verweis ueber ihr unartiges Benehmen. Es wurde darueber die +Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch? + +Fraeulein Guessow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell +aus der Thuer - hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt? + +"Wir wollen Ilses Ruhe nicht stoeren," sagte sie, "warum soll die Aermste +auch noch ermuntert werden?" + +"Sie haben recht, wir wollen sie nicht stoeren. Aber sie hat einen +wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war +sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel +gefangen hat. Ihr koennt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht +wiederkehren." + +Damit hatte der naechtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag +alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um +keinen Preis wuerde sie im Dunklen geblieben sein. + +Als Nellie sich vollkommen ueberzeugt hatte, dass alles wieder still im +Hause war, da kehrte mit dem Gefuehle der Sicherheit auch ihre frohe Laune +wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an, +gemuetlich zu essen, als ob nichts vorgefallen waere. + +"Was machst du denn?" fragte Ilse, als sie das knirschende Geraeusch hoerte. +Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu ruehren, und lag wie im +Schweisse gebadet da. + +"Ich speise Aepfel," entgegnete Nellie sorglos. + +"Aber, Nellie, wie kannst du das nur!" rief Ilse ganz entruestet. "Ich +zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlaegt wie ein Hammer - und du +kannst essen! Wirf die Aepfel fort - sie gehoeren ja gar nicht uns. Ach, +Nellie, ich aergere mich ueber meinen dummen Streich!" + +"O was!" sagte Nellie ruhig weiter essend, "man muss thun, als ob man zu +Haus ist! Graem' dir nicht mit unnuetze Gedanke, zieh' dir lieber aus und +pack' deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein +Darling, morgen weiss kein' Seel' von unser lustiges Abenteuer und du wirst +sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen." + +Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die +Vorsteherin hintergangen zu haben, drueckte sie schwer. Schweigend +entkleidete sie sich und verschloss ihre Sachen sorgfaeltig in den Koffer. +Dann legte sie sich nieder. + +Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmaessige Atemzuege +verrieten laengst, dass dieselbe sanft und suess eingeschlummert war, als sie +noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen +war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im +Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Hoehe. Endlich +schlief sie ein, aber selbst im Traum quaelten sie die schrecklichsten +Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte +sie sich in einen Vogel verwandelt und eine grosse Eule wollte sie +fressen. - + +Frueh am andern Morgen, als Fraeulein Raimar ihren Spaziergang durch den +Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schuettelte den +Kopf und rief den Gaertner. + +"Es muessen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange," sagte sie, "sehen +Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da +liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben moegen. Machen Sie doch, +solange das Obst noch nicht abgenommen ist, oefters des Nachts eine Runde +durch den Garten." + +"Es ist mir ein Raetsel, wie sie hereingekommen sind," bemerkte der Gaertner +kopfschuettelnd, "die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie muessen +geradezu ueber die Mauer geklettert sein." + +"Wohl moeglich," stimmte Fraeulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte +sie, dass Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte +sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben. + +Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Maedchen und hatten jedes Wort +vernommen. Ilse war es heiss und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie +eine arme Suenderin ertappt und beschaemt gefuehlt. Nellie dagegen lachte so +recht vergnuegt in sich hinein und nahm alles wie einen koestlichen Scherz +hin. + +"Das ist eine spassige Sach'," sagte sie uebermuetig, "ich kann mir +totlachen! Wenn sie wuesste, dass die boese Spitzbuben mit sie unter eine Dach +wohnen. - Wie wuerde sie sich staunen!" + +Ilse hielt ihr den Mund zu. "Du darfst nicht darueber lachen, Nellie," +gebot sie entschieden, "ich schaeme mich so sehr! Spitzbuben hat uns +Fraeulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran +gedacht, und das war recht dumm von mir." + +"Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit," troestete Nellie. "Was man +in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fraeulein +Raimar bekommt auch so grosse Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige +Apfel alle mit. - Komm, gieb mir ein Kuss und sieh nicht so truebe aus, du +klein Spitzbube!" + +Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so +schelmisch dabei aus, dass Ilse, wenn sie auch nicht ueberzeugt wurde, sich +wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie +musste ihr die Hand darauf geben, dass niemals wieder ein aehnlicher Streich +von ihnen ausgefuehrt werden solle. - - + + * * * + +Die Tage wurden kuerzer und kuerzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die +Baeume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blaettern. +Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schoene +Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Maedchen waren mehr +und mehr auf die Zimmer angewiesen. + +In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den +Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da +fuehlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so +langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe +schreiben, oder naehen. Sich die Zeit verkuerzen mit Romanschreiben, das +konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die +Sonntagnachmittage moechten ewig dauern. + + [Illustration] + +"Ich komme heute auf euer Zimmer," sagte sie eines Sonntagmorgens zu den +Freundinnen. "Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natuerlich nur +den Anfang und den Schluss, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich +mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzueckt sein, Kinder! Ich +selbst fuehle, wie entzueckend mein neuestes Werk mir gelungen ist!" + +Nellie laechelte. "Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!" sprach sie +neckend. "Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige +Mitte lasst sie aus! O, sie ist ein grosser Dichter!" + +Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als hoere sie Nellies +Neckereien nicht. + +"Also auf heute nachmittag!" sagte sie und drueckte Ilse die Hand. + +Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Maedchen auf ihr +Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie +mit wichtiger Miene mehrere lose Blaetter aus ihrer Kleidertasche hervor. + +"Fang doch an dein' Novelle, warum besinnst du dir?" fragte Nellie, als +Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte. + +"Entschuldigt einen Augenblick," entgegnete Flora, "das ist mir alles so +durcheinandergekommen. - Seite 5-10-11-3-" zaehlte sie. "Halt! hier ist +Blatt I. So, nun will ich beginnen! - Und Nellie, thue mir den einzigen +Gefallen, unterbrich mich nicht fortwaehrend mit deinen witzigen Einfaellen, +du schwaechst wirklich den ganzen Eindruck damit. - Nun hoert zu. Meine +Novelle heisst: + + _Ein Schmerzensopfer._ + +Das Meer brauste und der Sturm tobte. - Weisse Moewen flogen kraechzend +darueber hinweg. - Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken +hervor - traurig - einsam. - - + +Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und naehert sich dem +Strande. Ein junges Maedchen sitzt allein darin. Leichtfuessig schwingt sie +sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstueck, das von den Wellen +des Meeres umspuelt wird und hart am Strande liegt. + +Tief seufzt sie auf und ihre grossen Vergissmeinnichtaugen fuellen sich mit +Thraenen. + + [Illustration] + +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was soll ich beginnen?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} floeten ihre Lippen und in ihrem suessen +Blumenangesichte drueckt sich ein schmerzliches Entsagen aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Er liebt +mich - und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte +Schwester! Kann ich sie leiden sehen? - Nein - nimmermehr! Und sollte ich +darueber an gebrochenem Herzen sterben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +Sie seufzte tief. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O sterben! Aber ich fuehl's, ich werde nicht sterben - +mein Herz wird nicht brechen, - es wird weiter schlagen, - - wenn es auch +besser waere, das zaehe Ding staende zur rechten Zeit fuer ewig still!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -" + +Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht +unterlassen, sie zu unterbrechen. + +"O wie furchtbar traurig!" rief sie aus, "das arme Blumenangesicht mit die +Vergissmeinnichtsauge und das zaehe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf +ihres kleines Schiff, - so allein auf die brausende Meer?" + +Und sie lachte mit ihren Schelmengruebchen so herzlich ueber Floras Unsinn, +dass ihr die Thraenen in die Augen traten. + +"Wie abscheulich von dir, Nellie," fuhr Flora sehr erzuernt auf, "dass du +mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen +schlummerte, wuerdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nuechtern vom +Scheitel bis zur Sohle!" + +"O, o!" lachte Nellie ausgelassen, "o, wie komisch bist du, Flora! Lies +nur weiter dein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Schmerzensopfer{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, ich will nun artig hoeren und kein Laut +mehr lachen." + +Aber Flora nahm schmollend ihre Blaetter zusammen. Das heisst, es war ihr +nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie +moege doch nun auch den Schluss ihrer Novelle vorlesen, da liess sie sich +erweichen. Schon hatte sie die Lippen geoeffnet, um fortzufahren, da wurde +sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt. + +"Kinder!" rief diese aufgeregt, "es ist etwas furchtbar Interessantes +passiert! Denkt euch, eben ist eine hoechst elegante Dame vorgefahren mit +einem reizend netten, kleinen Maedchen. Fraeulein Raimar empfing sie schon +an der Thuer und Orla hat deutlich gehoert wie sie sagte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie bringen das +Kind selbst, gnaedige Frau!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Es bleibt also hier in der Pension, und wir +haben nichts davon gewusst! Warum wird nun die ganze Geschichte so +furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewusst, wenn eine +neue Pensionaerin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!" - + +Die Maedchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergass das Weiterlesen. +Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Maedchen, das so ploetzlich +hereingeschneit kam? + +"O, welch eine klassische Geschichte!" rief Nellie. "Kommt, wir wollen +gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!" + +Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob +ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie musste +die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm. + +Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorlaeufig verweilten die Fremden in +Fraeulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Strasse und +Nellie schloss daraus, dass die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde. + +"Sehen muessen wir ihr," sagte Nellie, "kommt, wir stellen uns an der +grossen Glasthuer im Speisesalon und warten, bis sie kommt." + +Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thuer belagert. Es gab noch +andre Neugierige in der Pension. + +"Ihr kommt zu spaet!" rief Grete, die natuerlich den besten Platz hatte. +"Dahinten koennt ihr nichts sehen!" + +Nellie aber wusste sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte +sich darauf. Ilse natuerlich kletterte ihr nach. + +Die Geduld der Maedchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute +halbe Stunde mussten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. - +Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den +Lauschenden vorueber. Zum Glueck war es bereits daemmerig und die Damen waren +so in der Unterhaltung begriffen, dass sie nicht auf die vielen +Maedchenkoepfe hinter der Glasthuer achteten, Fraeulein Raimar wuerde die +kindische Neugierde ernstlich geruegt haben. + +"O, wie sie huebsch ist!" bemerkte Nellie halblaut. + +"Sei doch still, Nellie," gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thuer hielt, +um einige Worte zu erlauschen. + +"Was sagt sie?" fragte Flora, "ich glaube, sie spricht franzoesisch." + +"Nein, italienisch," behauptete Melanie, die naemlich seit einigen Tagen +angefangen hatte, diese Sprache zu treiben. + +"Sie spricht deutsch," erklaerte Grete. "Eben hat sie gesagt: Meine kleine +Lilli." + +"Gott bewahre, was du gehoert hast!" widerstritt Orla, "sie spricht +englisch." + +"O, eine Landsmann von mir!" rief Nellie laut und erfreut. + +Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz +boese darueber und hielt ihr den Mund zu. + +"Fraeulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame," fluesterte sie, +"wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert." + +In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Mueller. +Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthuer. Die Maedchen mussten +zuruecktreten, um sie einzulassen. + +"Wie koennt ihr euch nur so kindisch benehmen," sagte sie sanft und +vorwurfsvoll. "Ich begreife eure Neugierde nicht." + +"Du bist auch unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," meinte Grete. + +Rosi ueberhoerte diese vorlaute Bemerkung. "Kommt, setzen wir uns an die +Tafel mit unsren Handarbeiten," fuhr sie fort, als das Gas angezuendet war, +"wir haben die Erzaehlung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehoert. +Willst du heute vorlesen, Orla?" + +Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fraeulein +Guessow mit der kleinen Lilli an der Hand ein. + +Sofort sprangen die Maedchen von ihren Plaetzen auf und umringten dieselbe. + +"Sieh', Lilli," sagte die junge Lehrerin, "nun kannst du gleich deine +zukuenftigen Freundinnen kennen lernen." + +Die Kleine schuettelte den Kopf. "Die Madel sind schon so gross," antwortete +sie im sueddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, "die koennen doch nit +meine Freundinnen sein!" + +Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und +sagte: "Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich +spielen." + +Lilli lachte. "Nein, du bist gross," sagte sie, "aber du gefallst mir. Und +du auch," wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. "Du hast halt +so schoene Lockerl wie ich. Weisst, du sollst meine Freundin sein, mit dir +will ich spielen." + +Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren grossen Augen treuherzig +an. Das junge Maedchen war ganz entzueckt von der Zutraulichkeit der Kleinen +und kuesste und liebkoste sie. + +Natuerlich waren saemtliche Pensionaerinnen ganz hingerissen von dem Kinde, +das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen +ihm ueber die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den +feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darueber bildeten einen wunderbaren +Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weisse Kleidchen liess Hals +und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schaerpe vervollstaendigte den hoechst +eleganten Anzug. + +"O du suesses, entzueckendes Geschoepfchen!" "Du Engelsbild! Kleine Fee!" und +mit aehnlichen ueberschwenglichen Ausdruecken ueberschuetteten die +Pensionaerinnen das Kind. Fraeulein Raimar war unbemerkt eingetreten und +hoerte diese Ausrufe kopfschuettelnd an. + +Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. "Komm," sagte sie zu +ihr, "du sollst erst umgekleidet werden. Du moechtest dich erkaelten in dem +leichten Anzuge." + +"Bitt' schoen, lass mich hier, Fraeulein," bat das Kind. "Ich hab' gar nit +kalt. Schau, ich geh' halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir +hier!" + +Fraeulein Raimar liess sich nicht erbitten. "Komm nur, Kind," sagte sie +guetig, "du wirst die Maedchen alle wiedersehen zum Abendessen." + +Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. "Lass Ilse mit mir gehen, +Fraeulein," bat sie. + +Dieser Wunsch wurde ihr erfuellt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer +verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden +Worten an ihre Zoeglinge. + +"Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so grosse Schmeicheleien in +das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflaechlich machen? Sie +ist ein sehr schoenes Kind und wird bereits manche Aeusserung hierueber +gehoert haben, es giebt ja unvernuenftige Leute genug. Wir wollen nicht in +diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in +Zukunft vorsichtiger sein. - Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts +davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest +beschlossen war." + +"Wo wohnen Lillis Eltern?" fragte Flora. + +"In Wien," entgegnete das Fraeulein. "Der Vater ist tot und die Mutter ist +eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die +Erziehung ihres Kindes kuemmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben." + +"Lillis Mutter ist ein schoenes Frau," bemerkte Nellie. + +"Wo hast du sie gesehen?" fragte die Vorsteherin etwas erstaunt. + +"O, ich habe ihr vorbeigehen sehen," entgegnete Nellie leicht erroetend. + +"Sie konnte leider nicht laenger verweilen," wandte sich Fraeulein Raimar an +die junge Lehrerin, "mit dem Schnellzuge faehrt sie heute abend wieder +fort." + +Die jungen Maedchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes +Wort. Sie haetten so "furchtbar" gern recht Ausfuehrliches ueber Lillis +Mutter erfahren, die als "bedeutende Schauspielerin" ihre Gemueter lebhaft +erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gespraech wurde +abgebrochen und Fraeulein Raimar fuehrte die Wissbegierigen recht unsanft in +die Wirklichkeit zurueck. + +"Wer hat den Tisch zu besorgen?" fragte sie. "Es ist Zeit, dass wir den +Thee einnehmen." + +Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verliess sofort das +Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurueckzukehren. Jede trug einen Stoss +Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die +Tischtuecher auf und fingen an, die Tafel zu decken. + +Vor wenigen Monaten hatte Ilse es fuer eine Unmoeglichkeit gehalten, dass sie +je eine solche Beschaeftigung thun wuerde, - heute stand sie da in ihrer +rosa Latzschuerze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend +eine andre Pensionaerin. + +Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte +manche Muehe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie ueberhaupt sich +ueberwunden hatte, "Dienstbotenarbeiten" zu verrichten. Die gutmuetige +Wirtschafterin konnte manches Lied ueber Ilses Widerspenstigkeit singen, +manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen. + +Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen liess und auch noch +den Milchtopf umgestossen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin, +vorsichtiger zu sein. + +"Nein," hatte sie trotzig geantwortet, "ich will nicht vorsichtiger sein, +solche Arbeit brauche ich nicht zu thun." + +Aber sie nahm sich das naechste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein +sehr angenehmes Gefuehl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie, +dass keine der Pensionaerinnen, selbst die ungrazioese Grete nicht, sich so +einfaeltig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen haeuslichen +Geschaefte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, - +sollte sie die einzig Dumme unter allen sein? + +Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Waehrend +der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz +unbefangen, gar nicht schuechtern und bloede. "Das macht," bemerkte Flora, +"weil sie unter Kuenstlern gross geworden ist." + +"Du, Fraeulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt' schoen. Ich hab' halt so +grossen Hunger," rief sie ungeniert. Und als Fraeulein Guessow fragte, +welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: "Wianer Wuerstl und +Sauerkraut." + +"Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen," meinte Fraeulein Raimar. + +"O nein! Mehlspeis' ess i gar nit gern - aber a gross Stueckerl Rindfleisch +mit Gemues - das mag i!" + +Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer haette auch nicht mit +Vergnuegen dem Geplauder der Kleinen zuhoeren sollen! + +Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich +um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Maedchen auch +vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle +bemueht, ihr den Hof zu machen. Am gluecklichsten waren sie, wenn Lilli sich +herabliess, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herabliess, denn wenn +sie nicht aufgelegt war, liess sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. - +Flora geriet jedesmal in Verzueckung, prophezeite Lilli eine grosse Zukunft +und schwur darauf, dass sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein +Stern erster Groesse am Theaterhimmel sein werde. + +Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch +ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit +so ernsthafter Miene dastand und sang. + +"Sie ist furchtbar suess!" lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt +a Vogerl geflogen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vortrug. "Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die +Augen in die Ferne richtet." + +"Ja, melancholisch," wiederholte Flora langsam und pathetisch, "du hast +recht. Weisst du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles - +Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen +moechte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du fade Welt, ich passe nicht fuer dich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" + +"Denn es kuemmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi," schloss Lilli ihr +Liedchen. + +"O wie reizend!" rief Nellie und klatschte in die Haende. + +"Wie kann man diese Worte reizend finden!" rief Flora entruestet. "Traurig +- duester - das ist der rechte Ausdruck dafuer. Ein einsames, verlassenes +Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten +haben." + +"O, das Herz ist eine sehr zaehe Ding, und doch waer' es manchmal besser," +deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora +hielt ihr den Mund zu. + +"Du bist schaendlich - ganz abscheulich!" rief sie, "nie, nie wieder weihe +ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so +missbrauchen?" + + * * * + +Weihnachten rueckte heran und fleissig ruehrten sich aller Haende. Da wurde +genaeht, gestickt, gezeichnet, Klavierstuecke wurden eingeuebt, um die Eltern +oder die Angehoerigen liebevoll zu ueberraschen. + +Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit +erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes +Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie +habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran, +dass es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele. + +"Was willst du deine Eltern geben?" fragte Nellie, die eifrig dabei war, +einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk fuer +den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden liess. + +"Ich habe noch nicht daran gedacht," entgegnete Ilse. "Meinst du, Nellie," +fuegte sie nach einigem Besinnen hinzu, "dass die Rose, die ich jetzt +zeichne, dem Papa Freude machen wuerde?" + +"O sicher! Aber du musst sehr fleissig sein, mein klein' Ilschen, sonst wird +die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was +willst du deine Mutter geben?" fragte Nellie. + +"Meiner Mama?" Sie dehnte ihre Frage etwas in die Laenge. "Ich werde ihr +etwas kaufen," sagte sie dann so obenhin. + +Nellie war nicht damit zufrieden. "Kaufen, das macht keine Freude!" +tadelte sie. "Warum wollen deine Finger faul sein?" + +"Nellie hat recht," mischte sich Rosi in das Gespraech, die neben Ilse sass +und an einer altdeutschen Decke arbeitete. "Deine Mama wird wenig Freude +an einem gekauften Gegenstand haben." + +"Ich bin zu ungeschickt," gestand Ilse offen. + +"Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen," versprach Rosi. Und +Fraeulein Guessow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel. + +"Du kannst ein gleiches Naehkoerbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich +weiss bestimmt, es wird dir gelingen." + +Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut. +Sie hatte eine kindliche Freude, als das Koerbchen so wohlgelungen in acht +Tagen fix und fertig vor ihr stand. + +"Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten," sagte sie zu Rosi, "und ich +moechte noch etwas arbeiten, fuer Fraeulein Guessow und Fraeulein Raimar." + +"Und fuer meine Lori, bitt' schoen, meine gute Ilse!" bettelte Lilli, die +gewoehnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und +dann ihren Platz dicht bei Ilse waehlte, die sie, wie sie sich ausdrueckte, +zum aufessen liebte. "Mein' Lori muss halt a neues Kleiderl haben," fuhr +sie fort und hielt ihre Puppe in die Hoehe, "bescher' ihr eins zum heil'gen +Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!" + +Natuerlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfuellen, und zur +Besiegelung drueckte sie dem kleinen Liebling einen Kuss auf die roten +Lippen. + +"Ich habe eine famose Idee!" (famos war seit kurzer Zeit Modewort im +Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie +allein war. "Ich kaufe fuer Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an. +Was meinst du dazu?" + +"O, das ist wirklich ein famos Gedanke," entgegnete Nellie, "aber lieb +Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein' Puppe mit ihrer +Siebensachen kostet? Wie steht's mit dein' Kasse?" + +"O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!" versicherte Ilse sehr +bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zaehlte ihre +Schaetze. + +"Zwoelf Mark," sagte sie, "das ist mehr, als ich brauche, nicht?" + +"Sie sind ein sehr schlecht' Rechenmeister, mein Fraeulein," riss Nellie sie +unbarmherzig aus ihrer Illusion, "ich mein', Sie reichen lang' nicht aus." + +Ilse sah die Freundin zweifelnd an. "Du scherzest," meinte sie, "zwoelf +Mark ist doch furchtbar viel Geld?" + +"Reicht lang nicht!" wiederholte Nellie unerbittlich, "hoer zu, ich will +dir vorrechnen: + + 1) Ein Naehtischdecken fuer Fraeulein Raimar macht vier Mark, + 2) ein Arbeitstaschen fuer Fraeulein Guessow macht drei Mark, + 3) eine schoene Geschenk fuer die liebe Nellie und all die andren + junge Fraeulein - macht - sehr viele Mark. + +Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?" + +"Ach," fiel Ilse ihr ins Wort, "und unser Kutscher daheim und seine drei +Kinder! - daran habe ich noch gar nicht gedacht!" + +Sie machte ein recht betruebtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu +reizend ausgedacht, wie sie Lilli ueberraschen wollte. Nun konnte es nichts +werden. + +Nachdenklich sass sie einige Augenblicke, dann leuchteten ploetzlich ihre +Augen freudig auf. + +"Halt!" rief sie aus, "ich weiss etwas! Heute abend schreibe ich an Papa +und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich weiss es ganz +bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!" + +"Und dein' Mutter?" fragte Nellie, "ist sie nicht auch ein' sehr guetiger +Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel' schoene Sachen, die sie +an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schoen, +die lieben Eltern wieder sehen." + +Ilse zoegerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem +Vater entschieden erklaert hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu +reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht geaendert. Noch hatte sie den Groll gegen +die Mutter nicht ueberwunden. Trotzdem sie sich sagen musste und zuweilen +auch ganz heimlich eingestand, wie noetig fuer ihr Wissen und ihre +Ausbildung der Aufenthalt in einer tuechtigen Pension war, so hielt sie +immer noch an dem Gedanken fest: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie hat mich fortgeschickt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ich werde hier bleiben," sagte sie, "ich will das Weihnachtsfest mit euch +verleben." + +"Das ist famos!" rief Nellie entzueckt, "ich freue mir furchtbar, dass du +nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist +so schoen hier, die heilige Christ. - Alles bekommt eine grosse Kiste von +Haus, mit allen Bescherung und Schokolad' und Marzipan! - und die +Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der +eine, bald der andre." + +"Erhaeltst du keine Kiste?" fragte Ilse. + +"Du weisst ja - ich hab' kein' Eltern - wer sollte mir beschenken?" + +"Gar, gar nichts bekommst du?" + +Ilse konnte es nicht fassen. + +"Zu Neujahr schenkt mein Onkel fuer mir Geld, da kaufe ich mir, was ich +notwendig habe." + +Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen +langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschluss mitteilte, +dass sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern moechte. Dann ging +sie zu dem Geldmangel ueber und schilderte dem Papa mit vielen zaertlichen +Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten +Nellies. - "Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse," fuhr sie in +ihrem Briefe fort, "an Dich, Mama," wollte sie schreiben, aber sie besann +sich und schrieb: "an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist +naemlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten +wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in +London laesst sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar +traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so froehlich, +ich kann mir gar nicht denken, dass sie eine Gouvernante wird! Es ist doch +schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! - Nun wollt' ich Euch +recht von Herzen bitten, Ihr moechtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht +habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen. +Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, dass ich doch immer noch genug +habe, wenn es auch nur die Haelfte ist. Ich wuerde gewiss keine rechte Freude +am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken haette. + +Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten +teilnehmen zu duerfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid +dazu, kaufe mir keins, mein blaues ist noch sehr gut und ich komme damit +aus. Schenkt Nellie dafuer etwas - bitte, bitte! + + [Illustration] + +Mit diesem _heissen_ Wunsche umarmt Euch + + Eure + dankbare Ilse. + +_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es +furchtbar noetig." + +Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewuenschte. Der zaertliche Papa hatte +in seiner Freude ueber die Herzensguete seines Kindes eine grosse Summe +schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurueck. Sie stellte ihm vor, +dass es fuer Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich +einrichten lerne und stets genuegsam bleibe. + +Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfuellt, +der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verstaendigen Entschluss. Die weite +Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang +schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein, +aber er wolle sich mit dem Gedanken troesten, dass das naechste Christfest +desto schoener ausfallen werde. - + +Beinah kraenkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem +Nachdenken darueber, der Brieftraeger kam und brachte ihr dreissig Mark. + +"Dreissig Mark!" jubelte Ilse. "Nellie, nun sind wir reich! - Komm, lass uns +gleich gehen und unsre Einkaeufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten." + +"O nein, Kind," entgegnete Nellie bedaechtig, "erst muessen wir ein langer +Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir muessen +doch rechnen, was sie kosten." + +Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu ueberlegen, wuerde +sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben. + +Die beiden Maedchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die +noetigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der +ungefaehre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse fuer die Kinder des Kutscher +Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie: + +"Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermaedchen schenken, dann +sparen wir Geld." + +"Ich habe nichts," meinte Ilse, "kaufen geht schneller." + +Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im +Schranke nachzusehen, um sich zu ueberzeugen, ob sie nichts faende. + +"Man muss sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeissen." + +Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schuerzen, +die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden +war, und zuletzt noch das vorjaehrige Pelzzeug, welches die guetigen Eltern +durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten. + +"Siehst du, Verschwender!" triumphierte Nellie. "Du weisst nicht deine +grosse Schatze. Nun kaufen wir fuer dein' Kutscher ein Paar warme Handschuh +und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft." + +Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle. +Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die +neue Puppe anzukleiden. Das war fuer Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne +ihre geschickte Freundin waere sie niemals damit zu stande gekommen. + +"Wie geschickt du bist, Nellie," sagte Ilse, als diese der Puppe das +schottische Kleid anprobierte, "das hast du doch geradezu klassisch +gemacht. Ich haette es wirklich nicht fertig gebracht." + +"Aber hast du niemals ein Kleid fuer dein' Puppen genaeht - oder eine Hut - +oder ein Mantel?" + +"Nein," antwortete Ilse aufrichtig, "niemals! Ich habe an den toten +Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den +Hunden gespielt." + +"Da ist kein Wunder, wenn du ein klein', dumm' Ding geblieben bist! Deine +Hunde brauchen kein Kleid," lachte Nellie. "Nun musst du auf dein' alt' +Tage naehen lernen, siehst du." + +Ilse lachte froehlich mit und bemuehte sich, das weisse Batistschuerzchen fuer +die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und +nett fertig zu bringen. - Einen Tag vor der Bescherung erhielten die +erwachsenen Maedchen, denen es Vergnuegen machte, die Erlaubnis, die schoene, +grosse Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und fuer Ilse ganz und gar neu. +Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befasst, und sie kannte es +nicht anders, als dass am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren +Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, - hier lernte +sie kennen, dass auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmuecken war. + +Nach dem Abendbrot, als die juengeren Maedchen und auch die Englaenderinnen, +die kein Verstaendnis fuer das harmlose Vergnuegen hatten, zu Bett gegangen +waren, begann das Werk. + +Orla brachte einen grossen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den +Spaziergaengen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie +stellte zwei Schaelchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schuettete +sie Silber-, in das andre Goldpuder und ruehrte es mit einem Staebchen um. + +"Wer will mir helfen," rief Orla. + +"Ich! ich!" antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte +keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen grossen und kleinen +Tannenzaepfchen geschehen solle. - Daheim verkamen dieselben unbeachtet im +Walde. - Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein. + +Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den +unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu +geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darueber +gepinselt, so waren sie fertig. + +"Sieh nur, Rosi," rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen +unter die Gaslampe, "ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht? +Gleichmaessig, wirklich kuenstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles +Puenktchen ist an ihm zu sehen!" Und sie betrachtete das Prachtexemplar +hoechst wohlgefaellig nach allen Seiten. + +Orla und Rosi hatten fleissig weitergepinselt und stillschweigend einen +Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt. + +"Du bist im hoechsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe," +tadelte Orla, "ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so +vergoettert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnuetzen +Lobhudeleien auf." + +Melanie fuehlte sich sehr getroffen und erroetete. "Wie grob du bist, Orla!" +sagte sie gereizt, "du hast freilich keinen Sinn fuer harmlose Vergnuegen." + +"Kinder!" unterbrach Fraeulein Guessow, die am andern Ende der Tafel sass und +Aepfel und Nuesse vergoldete, "keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du +kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle +ersetzen kannst." + +Ilse liess sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und +flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit. + +"Nur nicht ganz so dick aufstreichen," mahnte sie, "sonst reichen wir +nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat." + +Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. "Eine geisttoetende +Arbeit," fluesterte Flora Annemie zu, "und ausserdem ohne jede Poesie. Warum +die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in +ihrem duftigen, gruenen Waldkleide? - Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr +dunkles Nadelhaar gesteckt, - ein goldener Stern hoch oben auf ihrer +schlanken Spitze, - schwebend - strahlend! - das nenn' ich Poesie!" - + +Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, dass +sie aufsprang und hinauslief, um sich draussen erst auszulachen. + +Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer +Trittleiter, eine grosse Duete Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem +Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heisst, sie reichte Nellie +den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie +Salz darauf warf. + +"Jetzt bin ich eine grosse Sturmwind und mache der Baum voller Schnee," +scherzte Nellie. + +"Wirklich! - die Zweige werden weiss!" rief Ilse und verliess einen +Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. "Das +ist aber klassisch! Das gefaellt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!" + +Freilich fiel ein grosser Teil Salz unter den Baum, indes Nellie liess sich +die Muehe nicht verdriessen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und +strich es mit der Hand dick auf den Leim. + +"Du alt' Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde," meinte sie. "Aber +das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben." + +Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glaenzenden +Tannenzapfen zu schmuecken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre +sonst so gleichmaessigen Zuege trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre +milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht. + +"O du selige, o du froehliche Weihnachtszeit," summte sie mit ihrer +frischen Stimme leise vor sich hin, und Fraeulein Guessow rief ihr zu: + +"Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in +die echte Weihnachtsstimmung." + +"Wir wollen alle singen!" riefen Grete und Annemie, "bitte, Fraeulein +Guessow!" + +"Meinetwegen, aber huebsch gedaempft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon +erwachen." + +Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schoene Lied vierstimmig. - +- Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, - der Gesang stimmte sie +traurig. Ihre Kindheit - ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig +vor ihrer Seele. - - Was hatte sie gehofft - - und wie hatten sich ihre +Traeume erfuellt! - - Durch ihre eigne Schuld! - + +Mitten im Gesange wurde ploetzlich die Thuer geoeffnet und Fraeulein Raimar, +begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine +notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet. + +Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang +verstummte und die Maedchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der +Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora +erroetete bis an die Haarwurzeln. + +"Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?" fragte die Vorsteherin. "Lasst +euch nicht stoeren durch unsre Gegenwart." + +Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein, +aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. - Annemie musste ueber den +Misston lachen, und da Lachen ansteckt, - stimmten die uebrigen ein. + + [Illustration] + +"Was machen Sie denn, Miss Nellie?" fragte Doktor Althoff und trat auf sie +zu. "Warum verstecken Sie Ihre Haende so aengstlich?" + +Er laechelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor +sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch: + +"Er hat sie angelaechelt! Beneidenswerte Nellie! - Bezaubernd - hinreissend +- sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen +spruehten Feuer - um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch - wunderbare +Perlenzaehne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. - Aber Nellie ist +kokett! Leider! - Dieser Augenaufschlag!" - + +"O," entgegnete Nellie hoechst verlegen, "ich habe die Finger verklebt mit +der haessliche Leim!" und schnell lief sie hinaus, um sich gruendlich zu +reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefaellig nach. + +"Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch," bemerkte Flora etwas +spoettisch, "ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in +der Pension und wie falsch drueckt sie sich noch immer aus." + +Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, dass der junge Lehrer sie hoeren +musste. + +"Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora," entgegnete er, "und +ich muss gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute +Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie +zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, - wir wollen sie nicht deshalb +verdammen." + +Fraeulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so +warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart +der uebrigen Maedchen nicht ganz passend. + +"Es ist sehr spaet, Kinder," unterbrach sie das Thema, "wollt ihr nicht fuer +heute aufhoeren und morgen in eurer Arbeit fortfahren?" + +Aber die Maedchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu duerfen, +dass sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht +abwarten konnte, bis sie die vielen grossartigen Gedanken, die in ihrem +Kopfe spukten, erst schwarz auf weiss vor sich hatte. + +Fraeulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich +darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen +Seitenhieb zu versetzen. + +"Warum verstecktest du deine Haende auf dem Ruecken?" fragte sie. "Ich fand +das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir +die Hand geben?" + +Die arme Nellie war ueber diesen Angriff so erschrocken, dass sie nicht +darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der +Verlegenheit. + +"Ich finde nichts Komisches darin, Flora," sagte sie lustig, "wenn Nellie +nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber dass du ihr deine +eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! - Ja, ja, Florchen, du +bist erkannt!" + +Flora erroetete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem +wegwerfenden Achselzucken. - + +Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Maedchen trugen Ketten, Netze, kurz +allen Schmuck herbei, um den Baum zu behaengen. + +Wie er sich fuellte! Wie festlich geschmueckt er bald dastand! Ilse +bewunderte hauptsaechlich die glaenzenden Tannenzapfen, die sich zwischen +den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen. + +"Wie ein Maerchenbaum!" rief sie froehlich, und "Baeumchen ruettle dich und +schuettle dich!" setzte sie uebermuetig hinzu. + +"O, nein!" rief Nellie in komischem Ernste, "nicht schuettle und ruettle +dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muss +mir noch einmal die Finger zerkleben." + +"Nie in meinem Leben sah ich einen so schoenen Christbaum!" erklaerte Ilse. + +"Wir sind noch nicht fertig, Ilse," entgegnete Fraeulein Guessow, "bald +haette ich das Gold- und Silberhaar vergessen." - Und nun begann sie feine +Faeden rings um den Baum zu spinnen. + +"Wie schoen! wie schoen!" jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in +die Haende. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum. + +"Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken," ermahnte +Fraeulein Guessow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. - Es gab eine +Zeit, wo auch sie so froehlich hinausgejubelt hatte in die Welt, - bis der +Sturm kam und ihr die Bluete des Frohsinns abstreifte und verwehte. - + +"Geht nun zu Bett, Kinder," bat sie, "aber leise, hoert ihr? Gute Nacht!" + +"Gute Nacht, gute Nacht!" rief es zurueck und Ilse setzte hinzu: "Ach, +Fraeulein! Wenn es doch erst morgen waere!" - + +Das war ein Leben am andern Tage! Die Maedchen waren ganz ausser Rand und +Band. Ilse war ausgelassen froehlich und Nellie stand ihr darin bei. +Annemie lachte ueber jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets +Vernuenftige, machte heute eine Ausnahme und schloss sich der allgemeinen +Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten +gab, und die ganze uebermuetige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit, +- nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft: + +"Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug +gekraenkt, als wir sie auslachten." + +Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht +unterdruecken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu +koennen, und waren enttaeuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis +gaben, weil sie es nicht passend fanden, dass junge Maedchen allein eine so +weite Reise machten. + +Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kraenkend. "Als ob ich noch +ein Kind waere!" sprach sie aergerlich zu Orla. "Ich bin siebzehn Jahre alt! +Und doch wahrhaftig alt und verstaendig genug, uns beide zu schuetzen!" + +"Aber du bist huebsch," entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, "und +das ist gefaehrlich. Denk' einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer +begegnete! Das waere doch furchtbar schrecklich!" + +"Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spoettereien!" +wehrte Melanie entruestet ab. Aber sie fuehlte sich doch in ihrem Inneren +geschmeichelt, die kleine Eitelkeit. + +"Du hoerst es ja doch gern, Herzchen," lachte Orla. "Warum auch nicht? +Huebsch zu sein ist ja keine Schande, - besonders wenn man so wenig eitel +ist wie du! Uebrigens troeste dich mit uns, wir sind ja fast alle +zurueckgeblieben, bis auf die wenigen Pensionaerinnen, die in der +Nachbarschaft wohnen, und die vier Englaenderinnen, die Miss Lead wieder +zurueck in ihre Heimat bringt. - Stoere nicht unsre froehliche Laune durch +ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, - kannst du bei dem +Anblicke so seliger Freude noch missmutig sein?" + +Das Kind lief naemlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte +jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel wuerde, und ob das liebe +Christkindl noch nit bald kaem. - + +Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fraeulein +Guessow verweilten schon seit zwei Uhr in dem grossen Saale, und in einer +Klasse, die dicht daneben lag, sassen erwartungsvoll die Pensionaerinnen. +Natuerlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht +angesteckt werden. + +Lilli fuehlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf +Ilses Schoss und schlang den Arm um ihren Hals. + +"Kommt denn das Christkindl noch nit bald?" fragte sie wieder. "Schau, es +ist halt schon stockfinster." + +"Nun bald," troestete Ilse und drueckte Lilli zaertlich an sich. Das +Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so +gluecklich. "Bald kommt das Christkind, ach, und wie schoen wird das sein! - +Soll ich dir ein Maerchen erzaehlen, damit dir die Zeit schneller vergeht?" + +"Bitt schoen! Vom Hansel und Gretel!" + +Ilse hatte indes kaum begonnen "es war einmal", als Lilli ihr den Mund +zuhielt. + +"Nit weiter!" unterbrach sie, "ich mag das heut nit hoeren! Ich muss immer +an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast +du's schon g'schaut?" + +"Nein," sagte Ilse, "gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es +sehen, es wohnt nicht auf der Erde." + +"Wohnt es im Himmel?" fragte Lilli. "Schau, da moecht' ich halt auch +wohnen, da ist's schoen, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben +Englein, die wohnten frueher auf der Erde, das waren die artigen Kinder, +nit? - Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?" + +Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war +auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort +abschnitt. + +"Was schwatzt der kleine Kind fuer Zeug?" sagte sie und streichelte +liebkosend Lillis Hand. "Wo hast du dies gehoert? Keiner Mensch hat noch in +der Himmel geschaut." + +"Aber die Mama hat's gesagt, - sie weiss es, nit wahr, Ilse?" rief Lilli +heftig. + +Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre +Gedanken zu bringen. + +"Moechtest du wieder zu deiner Mama?" fragte sie. + +"Nein," entgegnete Lilli, "ich bleib' lieber bei euch. Die Mama kuemmert +sich halt so wenig um mich, sie hat kein' Zeit. Sie muss immer studieren," +setzte sie altklug hinzu. "Alle Abend geht sie ins Theater." + +"Denn es kuemmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi!" recitierte Flora +schwaermerisch. + +"Komm zu mir, Lilli," bat Melanie, "ich will dir eine herrliche +Weihnachtsgeschichte erzaehlen." + +"Bitt', bitt', lass mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiss +recht genau zuhoeren auf dein G'schicht." + +Und waehrend Melanie ihre Erzaehlung zum besten giebt, wollen wir einen +Blick in den Weihnachtssaal werfen. + +Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer grossen Arbeit. +Fraeulein Guessow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene +Plaetze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche +die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfaengerin war +darauf geschrieben, die Geberin musste erraten werden. + +Fraeulein Raimar stand neben dem Gaertner, der eifrig beschaeftigt war, die +angekommenen Kisten zu oeffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf +gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfaengerinnen selbst. + +Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fraeulein Raimar packte deren +Kiste aus und schuettelte den Kopf, als sie damit beschaeftigt war. + +"Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin," sagte sie. "Nicht ein +vernuenftiges Stueck finde ich dabei. Zwei weisse Kleider, so kurz, dass sie +dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schoen gestickt, hier eine +breite rosa Atlasschaerpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine +Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk - das +ist alles! Warme Struempfe und eine warme Decke, um die ich so sehr +gebeten, und die dem Kinde so noetig sind, - sie fehlen ganz." + +"Hier scheint ein Brief fuer Sie zu sein," sagte Fraeulein Guessow und nahm +ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus +dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach +das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt: + + + + + + +"Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum +zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt +nit noetig, mich zu sorgen, weiss ich doch das goldene Fischel in so gute +Haend! - Wollne Struempf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wuensch +das Kind nit zu verwoehnen. Es soll immer a weiss Kleiderl anziehn, - Hals +frei und Arme frei, - so ist sie's gewohnt, und dabei moecht ich's halt +lassen. + +Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und dass es die Mama nit +vergisst! + +Mit dankbaren Gruessen verbleib ich + + Ihre + ergebene _Toni Lubauer_." + + + + + + +"Weisse Kleider und duenne Struempfe!" wiederholte Fraeulein Raimar +kopfschuettelnd. "Es ist gut, dass wir fuer einiges gesorgt haben, ich koennte +es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und +wenig bekleidet zu sehen." + +Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf +all die schoenen und nuetzlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut +lagen. + +Der Gaertner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen - +die Damen zuendeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen +war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und laeutete. + +Wie mit einem Zauberschlage flogen die Fluegelthueren auf und die junge +Schar stuermte herein. + +Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So ploetzlich aus der +Dunkelheit in das helle Licht, - der Kontrast war fast zu grell. + +Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest. + +"Komm," redete Fraeulein Raimar sie an, "ich will dich an deinen Tisch +fuehren, du bist ja ganz stumm geworden." + +Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit +zurueck. + +"Die schoene Puppe!" rief es entzueckt und schlug die Haendchen zusammen. + +"Die ist aber halt zu schoen! Meine alte Lori ist lang nit so suess! - Und +ein Strohhueterl hat sie auf - ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein +Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schoen, Fraeulein, darf ich sie in die +Hand nehmen? Ich moecht sie ganz nah anschaun! Bitt schoen, erlaube mir's!" + +Fraeulein Raimar erfuellte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein +Pueppchen in den Arm nahm. + +"Sie kann die Augerl schliessen!" fuhr dasselbe fort. "Schau, Fraeulein, sie +will schlafen!" Das Kind war ganz ausser sich vor Entzuecken bei dieser +Entdeckung und hielt sein Plappermaeulchen nicht einen Augenblick still. +"Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr, +Fraeulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. - Hast du mir die +Puppe geschenkt, Fraeulein?" + +"Nein," entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte. +"Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du +noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt." + +Kaum einen Blick hatte sie fuer die kostbare Balldame. "Die ist mir zu +geputzt," sagte sie, "die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann +mein Kind nit sein!" - Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich +zu bedanken. + +Diese aber war sehr beschaeftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht +Zeit, an etwas anderes zu denken. "Spaeter, Liebling," sagte sie, und +fertigte die Kleine mit einem fluechtigen Kuss ab. - Soeben hielt sie einen +praechtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und +bewunderte denselben lebhaft. + +"O wie suess!" rief sie. "Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet," +fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, "das wird ein schoen' +Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!" + +Ilse aber war gar nicht recht vergnuegt ueber das kostbare Geschenk, es +malte sich sogar etwas wie Enttaeuschung in ihren Zuegen. Warum mochten die +Eltern ihre Bitte nicht beruecksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort +darauf gegeben haben? + +Und Nellie war so gut - so neidlos teilte sie ihre Freude. + +So mochte auch Fraeulein Guessow denken, die naeher getreten war. Sie legte +den Arm um Nellies Schulter und fragte: "Warum packst du nicht deine +eigene Kiste aus?" + +"Meine Kiste?" wiederholte Nellie. "O Fraeulein, Sie spassen! Fuer mir giebt +es das nicht!" + +Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen +Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Laecheln. + +"Wer weiss!" fuhr sie fort, "sieh einmal nach, vielleicht hat eine guetige +Fee dir etwas beschert." + +Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin +unter den Arm. "Komm," sagte sie, "wir wollen suchen." + +Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz +genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine +herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie. + +Und richtig, da stand mit grossen Buchstaben auf dem Deckel: "An Miss Nellie +Grey." - Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie. + +"O, was ist dies!" rief Nellie ueberrascht und ihre Wangen roeteten sich, +"wer hat an mir gedacht? Ist es gewiss fuer mir?" + +"Ja, sie ist wirklich fuer dich," versicherte Ilse strahlend, denn nun +hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, "nimm nur den Deckel hoch." + +Immer noch etwas zoegernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche +Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blassblau, wie sie +soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert. + +Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da +hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald +war es eine gestickte Schuerze, dann kamen farbige Struempfe an die Reihe, +Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch +Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien +waren gleichmaessig verteilt. + +Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zaertlichen Brief +der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen oeffnete, lag auch fuer sie +ein kleines Briefchen darin. + + + + + + +"Meine liebe Nellie," schrieb Ilses Mama, "ich darf Sie doch so nennen als +meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich moechten Ihnen so gern +einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind fuer die Liebe und +Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden liessen. Zwei +Freundinnen aber muessen auch gleiche Freuden haben - und mit diesem +Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich +anzunehmen. + +Mit dem aufrichtigen Wunsche, dass Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine +treue Freundin bleiben moegen, gruesst Sie herzlich + + _Anne Macket_." + + + + + + +Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die +Ruehrung schnuerte ihr die Kehle zu - Thraenen waren seltene Gaeste bei unsrer +Nellie. Das fruehverwaiste Maedchen, das sich von klein auf stets bei +Verwandten herumdruecken musste, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe +fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer haette auch auf seine Thraenen +achten sollen? + +"Dein Mutter ist ein Engel!" brachte sie endlich, so halb unterdrueckt, +heraus. "Wie soll ich sie fuer alles danken?" + +"Ja, meine Mama ist sehr gut!" bestaetigte Ilse, und zum erstenmal stieg +ein warmes, zaertliches Gefuehl fuer dieselbe in ihrem Herzen auf. + +Fuer sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan, +und als erstere ein Stueck Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war +die Ruehrung zu Ende. Thraenenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser +Anblick kam Ilse so possierlich vor, dass sie lachen musste, - natuerlich +stimmte Nellie ein. + +"Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!" rief +Fraeulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und +lebhaft durcheinander klang. + +"Ja, ja!" rief es zurueck und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche +Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig +erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttaeuscht aus. Sie +hatte anstatt "Jean Pauls Werke", die sie sich so gluehend gewuenscht, +"Schlossers Weltgeschichte" erhalten mit dem Versprechen vom Papa, dass, +wenn sie erst reifer fuer solche Lektuere sei, sie dieses Werk erhalten +werde. + +Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fuehlte sich mit ihren sechzehn +Jahren schon so ueberreif, dass sie selbst poetische Werke in das Leben rief +- und sie - sie sollte nicht "Jean Paul" lesen! + +Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut +waren, und nachdem die Maedchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang +genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten +Ueberraschungen an die Reihe. + +Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das +Lachen wollten kein Ende nehmen. + +Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren +herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte +sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel +ihr nicht sogleich ein. + +"Ein Strumpf?" fragte sie, "was soll ich damit?" + +"Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf," belehrte sie Orla. "Die Idee ist +wirklich famos!" + +"Er ist von dir!" beschuldigte sie Flora. + +"Leider nein," entgegnete Orla. + +Annemie lachte so laut und herzhaft, dass sie sich als die Geberin verriet. + +"Bist du mir boese, Flora?" fragte sie gutmuetig. + + [Illustration] + +Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fuehlte sich hoechst +geschmeichelt, dass man sie zu den Blaustruempfen zaehlte. Der gestickte +Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht +halb so wie die dichterische Anerkennung. - In bester Stimmung loeste sie +jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit +umschnuert. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit grossen +Buchstaben stand "Vorsicht" daneben geschrieben. + +Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel +heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz +von Bisquit! + +"Wie abscheulich von dir, Nellie!" rief sie gekraenkt und wandte sich +sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite. + +"Nicht so hitzig, Flora," riet Grete, "sieh doch das zerbrochene Herz erst +naeher an." + +Zoegernd entschloss sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines +Toilettekissen hoechst kuenstlich verborgen entdeckte, soehnte sie sich +einigermassen mit der boesen Nellie aus. + +Aber nicht Flora allein, auch all die uebrigen mussten manche kleine +Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das +Tageslicht gefoerdert und schonungslos gegeisselt. Die Vorsteherin wachte +darueber, dass diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben; +im allgemeinen hielt sie dieselben fuer ein gutes Mittel, sich gegenseitig +auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten +Ermahnungen. + +Nellie stand vor einem grossen Berg Esswaren, die sie aus ihren Paketen, in +welchen sie ausser einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand +Suessigkeiten fand, herausgewickelt hatte. + +Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in +einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine +besondere Lieblingsspeise von ihr. + +Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Maedchen sei. "O, da ist ja +noch ein Paket," fuhr sie fort, "was fuer ein leckerer Bissen wird wohl +darin sein?" + +Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es +aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: "Deutsche Grammatik." Ein Blatt +Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor. + + "Lerne fleissig die deutsche Sprache - + Willst du begreifen holde Poesie. + Dies Buch ist einer Verkannten Rache, + Die du verstanden hast noch nie!" + +"Flora!" rief Nellie. "Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschaemt! Ich +werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! - Komm, gieb dein' Hand, +ich verspreche dich, dass ich nie wieder dein' holde Poesie auslachen will, +und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist." - + +Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und - o Schrecken! auch ein +Etui mit Cigaretten. Fraeulein Raimar stand neben ihr und sah das +verraeterische Ding. + +"Was ist denn das?" fragte sie. "Ich will nicht hoffen, Orla, dass du wie +eine Emanzipierte rauchst! Du wuerdest mich sehr erzuernen, wenn das der +Fall waere. Doch," unterbrach sie sich, "wie komme ich dazu, einen Scherz +fuer Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt." +Leiser und nur fuer die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: "Ich habe das +feste Vertrauen zu dir, dass du niemals rauchen wirst!" + +Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit, +sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es +doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines +Rauchvergnuegen machte. + +Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so +harmlose Freude zum Opfer bringen musste, denn niemals wuerde es ihre +Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu +suendigen, - mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten. + +"Bitte, bewahren Sie mir dieselben," bat sie und laechelnd fuegte sie hinzu: +"Damit ich nicht in Versuchung komme ..." + +Melanie liebaeugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr +ueber denselben, noch mehr aber ueber ihr eignes Bild, das ihr +entgegenlachte. + +Grete blickte ihr ueber die Schulter. "Das ist eine Anspielung auf deine +Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich aergern oder wodurch +ich mich getroffen fuehlen koennte!" + +"Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!" spottete Melanie. +"Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch laengst kein +vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!" + +Und als ob ihre Worte sofort in Erfuellung gehen sollten, rief Fraeulein +Guessow: "Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze! +Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb uebersehen haben!" + +Vergnuegt und erwartungsvoll oeffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie +den Deckel abhob, lachte ein glaenzendes, zierlich gearbeitetes +Vorlegeschloss sie boshaft an. + +"Das ist eine Anspielung fuer dich, teures Plappermaeulchen!" rief Melanie +mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloss an Gretes Lippen. + +"So, damit du in Zukunft huebsch schweigst und nicht so vorlaut bist." + +Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der +Ueberraschung. Sie warf das Schloss wieder in die Schachtel, schloss den +Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen +fuehlte .... + +Ilse hatte aus einer maechtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefuellt war, +einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus +Pappe. Braun sah er aus und hatte weisse Pfoetchen. Um den Hals trug er +einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit grossen Buchstaben "Bob" +geschrieben stand. + +"Orla!" erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde +aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht laecherlich vor, wenn sie sich +ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfaeltig +war sie gewesen - wie unnuetz hatte sie den armen Papa gequaelt! - Ilse +hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem +reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan. + +Nellie stand neben Ilse und fluesterte ihr zu: "Diese sind Aepfel von der +Baum - weisst du noch?" + +Als die Angeredete aengstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort: +"Du darfst nicht Angst haben, niemand hoert uns." + +Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer +gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube sass. Annemie hielt +denselben hoechst angenehm ueberrascht in der Hand. + +"Nun koennt ihr um die Wette lachen," scherzte die Vorsteherin, "denn das +Taeubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhaengen. Aber vergiss +niemals, Annemie, dass du das Tierchen regelmaessig fuettern musst, hoerst du?" + +So erhielt eine jede ihre scherzhafte Ruege, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen +sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern +fanden sie keinen. "Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein," erklaerte +Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in +goldenen Buchstaben drei Worte glaenzten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fuer artige Kinder{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. - "Dies passt +sehr fuer ihr," sagte sie, und die uebrigen Maedchen stimmten ein. + +Rosi nahm das Buch, laechelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so +recht begreifen, was es bedeuten sollte .... + +Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch fuer die beiden Damen ein +Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der +Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es +schwer, sich von ihren schoenen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett +gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen. +Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fraeulein Guessows +Zimmer stand, getragen. + +Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schoene Christabend war zu +Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze .... + +Ob wohl der Baum im naechsten Jahre fuer alle wieder angezuendet wird, die +heute unter ihm versammelt waren? - + + * * * + +Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und +Miss Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer ueberseeischen Reise +zurueckgekehrt. Sie hatte sechs junge Englaenderinnen mitgebracht, die kein +Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten. + +Nellie versuchte es, sie zu troesten, aber sie verschlossen sich starr +gegen jedes Trosteswort, sie fuehlten sich ungluecklich im fremden Lande. +Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie hassten diese Sprache und die +Menschen, erklaerten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in +denen sie die Angehoerigen himmelhoch baten, sie wieder zurueckkehren zu +lassen. + +Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fraeulein +Raimar legte keinen Wert darauf, aehnliche Erfahrungen machte sie stets mit +den Englaenderinnen. Es war schon vorgekommen, dass diese oder jene sich +vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnaeckig verweigerte. Vor +Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein +Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode. + +"Ich mag meine Landsmaenner gar nicht sehr!" bemerkte Nellie eines Tages zu +Ilse. "Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurueck in meine +Heimat." + +"Landsmaenner!" wiederholte Ilse. "Gleich sage einmal, wie es richtig +heisst. Neulich habe ich es dir erst gesagt." + +"O ja, ich weiss, Landsfrauen heisst es," verbesserte sich Nellie. + +"Du bist klassisch!" lachte Ilse laut. "Lands-maenn-innen heisst es. Sag +einmal nach - so - und nun vergiss dieses Wort nicht wieder, du liebe, +englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmaenninnen, +lange nicht so steif, so zurueckhaltend und so hochmuetig wie die! Sie sehen +immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gott sei Dank, dass ich +keine Deutsche bin!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" + +"O nein!" wehrte sich Nellie, in der ploetzlich der Nationalstolz wach +wurde, "so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, dass sie +hochmuetig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes +Gesicht, weiter nix!" + +"Sie sind hochmuetig, Nellie!" neckte Ilse. "Entschuldige deine +langweiligen Englaenderinnen nicht. Eben sagtest du selbst, dass du sie +nicht leiden moechtest." + +Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst koenne so sprechen, ein +gleiches Urteil aus einem andern Munde koenne und duerfe sie nicht anhoeren. +Sie wolle es auch nicht. + +"Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie," lachte Ilse, "Doktor Althoff +wuerde sagen: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie haben verdrehte Ansichten, Miss Nellie.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" + +"O nein," entgegnete Nellie eifrig und leicht erroetend, "Doktor Althoff +wuerde mir verstehn. Er weiss, wie es in mein Herz aussieht!" + +Das kam Ilse aeusserst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr. +"Er haette viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!" rief +sie lachend, "und wenn er sich wirklich einmal die Muehe gaebe, so wuerde er +euch schoen verhoehnen, dich und alle die andern, die ihr fuer ihn +schwaermt." - + +Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon laengst war ihr das Arbeiten +keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der +Papa so glueckselig ueber die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie +darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu +ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits fuer eine Kuenstlerin und mit +Stolz hatte er ihr geschrieben, dass er die Rose habe einrahmen lassen und +dass sie nun ueber seinem Schreibtisch haenge. Ilse war gar nicht damit +einverstanden, sie wusste ja genau, wie der zaertliche Papa jeden Besuch, +der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk fuehren werde. + +Auch die Mama war hocherfreut ueber Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie +gaben ihr ein glaenzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer, +die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die groesste Freude indes +hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, dass sie in so +herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen +fuellten sich mit Thraenen freudiger Ruehrung. Sie fuehlte jetzt bestimmt, dass +die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. - + +Die laengst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen +begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmaessige +Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der +Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im grossen Saale. + +Nicht alle Zoeglinge nahmen teil daran. Die kleineren Maedchen nicht und +auch die Englaenderinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig +Deutsch, auch konnten sie vorlaeufig keinen Geschmack an den einfoermigen +Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die +Tanzstunde {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar oede{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. + +"Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnuegen, diese Huepferei," aeusserte sie +auf einem Spaziergange zu Flora, "wozu diese Pas - diese Verbeugungen? Wir +koennen doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben - und +gruessen muessen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene +Maedchen!" + +"Ach!" seufzte Flora und ein schwaermerischer Blick glitt seitwaerts ueber +den spiegelglatten Teich - zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten +hinueber - "ach! das moechte noch alles gehen. Das Fuerchterlichste ist doch, +dass wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen muessen!" + +"Wie furchtbar oede!" Melanie rief es ordentlich entruestet. "Man behandelt +uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne - Herren! Es ist kaum zu +glauben!" + +"Ja, mit puritanischer Strenge!" wiederholte Flora, der dies Wort +ausserordentlich gefiel. "Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den +Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!" + +Die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar oeden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Monate gingen indessen auch zu Ende und Fraeulein +Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das +Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem +Tanzunterrichte teilzunehmen. + +Mit welcher Freude diese Einladungen begruesst wurden, brauche ich nicht zu +sagen. Die jungen Leute schaetzten es sich zur besonderen Ehre, zu den +Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie +besonders darauf, weil sie behaupteten, dass noch niemals so huebsche +Maedchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen +sehr genau, denn, wenn irgend moeglich, suchten sie ihnen auf den +Spaziergaengen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit +ihnen unterhalten duerfen, es war zu famos! + +"Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder," +kuendigte Fraeulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als +sie bemerkte, wie vergnuegt die meisten diese frohe Botschaft +entgegennahmen, fuegte sie hinzu: "Ich hoffe, dass ihr euch nicht zu lebhaft +mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergesst nicht, dass dieselben nur +des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!" + +Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, dass sie zu kichern anfing. +Ein strafender Blick traf sie dafuer. + +"Fuer dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie," nahm die +Vorsteherin wieder das Wort, "ich fuerchte, du wirst dich durch dein +albernes Lachen auffallend machen, huete dich davor. Und dich, Grete, +ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du +sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt." + +So und in aehnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zoeglinge, +die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hoerten, +was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen +die Frage: "Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch +schmuecken?" + +Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen +hinaufstuermten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine grosse Beratung +zu halten. + +Melanie holte einen grossen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und +Baender herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt +eine Rose in ihr schoenes aschblondes Haar. + +"Wie findet ihr diese Rose?" fragte sie. "Bitte, seht doch einmal! Kuemmert +sich denn kein Mensch um mich?" rief sie laut und ungeduldig den +Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fusse auf. + +"Sie steht dir gut, Melanie," antwortete Rosi, die eben erst eingetreten +war und die letzten Worte hoerte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht. +"Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht praechtig aus!" + +"Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht uebel, dass ich +es dir frei heraussage," fertigte Melanie die Aermste ab. "Orla, bitte, +gieb du dein Urteil ab." + +Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am +geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie. + +"Die dunkle Rose ist zu grell," entschied sie, "fuer dein Haar passt eine +blassrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am +Ende die Hauptsache und darnach musst du die Blumen waehlen." + +"Mein blaues Batistkleid, denke ich." + +"Dein bestes Kleid!" rief die vorlaute Grete erstaunt. "Gut, dann ziehe +ich mein gebluemtes an!" + +Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, oeffnete sich die Thuer und +Fraeulein Guessow trat ein. + +"Fraeulein Raimar laesst euch sagen, ihr moechtet heute abend eure +Sonntagskleider tragen," verkuendete sie. + +"O! ..." Langgedehnt und unzufrieden kam es ueber Melanies Lippen. "O, +Fraeulein Guessow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel +besser!" + +Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin +galt kein Widerstreben. + +Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Maedchen noch +einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung ueber die +Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit +dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben. + +Melanie hatte sich nach besten Kraeften elegant herausgeputzt. Ein weisses +Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine +blassrote Rose, seitwaerts an demselben befestigt, kleidete sie ganz +allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides +sehr geputzt aus. + +An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu aendern. Lange Arme, grosse +Fuesse, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider +nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungrazioesen Bewegungen durchaus +nicht zur Verschoenerung bei. + +"Fuer dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft," meinte Orla, indem sie +eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darueber +hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. "So, die will ich dir leihen, +damit du nicht zu einfach aussiehst." + +Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnuetz, da ihr +Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Muehe +eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im +Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit +einem schwarzen Sammetbande, das mit weissen Perlen benaeht war, dreimal +abgebunden. In die Stirn fielen gekraeuselte Fransen. + +Sie fand sich entzueckend, diese Haartour soehnte sie sogar mit dem gruenen +Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche +Hopfenstange aussah. + +Rosi hatte sich nicht besonders geschmueckt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid +war unveraendert geblieben. Eine weisse Spitze am Halsausschnitt, +zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil +trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fraeulein Raimars Vorschrift +lautete, dass sie sich heute sonntaeglich kleiden sollten. + +"O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen +wolltest, so ernst und feierlich!" rief Orla. "Hast du denn nicht ein +farbiges Band anstatt der weissen Schleife?" + +Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi +eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar +nett sie derselben stand. + +"Betrachte dich nur einmal," sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor +die Augen. "Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht +mehr aus wie {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gottesfurcht vom Lande{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}!" + +"Die Schleife gefaellt mir wohl gut," meinte Rosi, "aber es ist mir ein +peinliches Gefuehl, geliehene Sachen zu tragen." + +"_O sancta simplicitas!_" rief die geniale Flora. "Kind, du gehst in +deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit, +da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!" + +Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies +offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und +befestigte dieselbe an ihrem Guertel. + +"Du erlaubst doch, Melanie?" fragte sie so nebenhin, "die rote Farbe steht +mir wirklich brillant!" und mit einem wohlgefaelligen Blick betrachtete sie +sich in dem Spiegel. + +"Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?" fragte Orla. + +Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im +schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert, +sah grazioes und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die ueber ihr blaues Kleid +einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darueber trug sie die +Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmueckt hatte. + +"Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!" rief Melanie und machte +Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab. + +"Geh mit deinen Blumen!" entgegnete sie abwehrend, "ich mag die toten, +nachgemachten Dinger nicht leiden!" + +"Wie du willst," sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmaehten +Gaensebluemchen wieder in den Kasten. + +Die Maedchen verliessen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter. + +"Orla ist doch die eleganteste von uns," bemerkte Melanie nicht ohne einen +Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die +allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke +hoechst vornehm erschien. "Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine +Eltern nicht, so reich sind wir nicht." + +"Thut nix!" erwiderte Nellie, "man muss mit weniges auch zufrieden sein!" + +"Bitte, bitte - wartet einen Augenblick!" rief es ploetzlich hinter ihnen. + +Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. "Ich bin noch +nicht ganz fertig," fuhr sie atemlos fort, "ich kann aber nichts dafuer! +Als ich mein Kleid ueberzog, riss ein Band irgendwo, - nun haengt der eine +Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!" + +Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch +wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden sass. + +"Komm her," sagte sie, "ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden +muss ich haben, dann naehe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung." + +"Sei nicht umstaendlich," meinte Flora. "Hier hast du eine Stecknadel, +damit wirst du es ebenso gut machen koennen. Wie manchmal habe ich mir +schon ein Band oder einen kleinen Riss schnell mit der Nadel gesteckt." + +Aber davon wollte die Englaenderin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in +ihr Zimmer und naehte die wenigen Stiche. + +"Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze +abgerissen, willst du mir nicht die gleich annaehen? Du bist auch ein +Engel!" + +Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war, +zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts sass an der kleinen, +runden Lachtaube, wie es sitzen musste. Die Handschuhe waren nicht +zugeknoepft, die Halskrause sass schief und an dem halbhohen Lackschuh +fehlte ein Knoepfchen. + +"Du bist aber ein sehr unordentlich' Maedchen, liebes Lachtaube," schalt +Nellie, "aber ich kann dich nicht helfen, du musst mit deiner abgerissener +Knopf gehen. Es schlaegt sechs, wir muessen puenktlich erscheinen." + +Die uebrigen Maedchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle +zusammen hinunter und an der Thuer des Saales blieben sie stehen, sie +hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen. + +"Ich hoere sprechen," sagte Orla gedaempft, "ich glaube, die Herren sind +schon da." + +Sie legte das Ohr an die Thuer und horchte. + +"Wirklich, sie sind da!" bestaetigte sie. + +"Lass' mich durchs Schluesselloch sehen, Orla," bat die neugierige Flora +und schob die erstere leicht beiseite. + +Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thuer legen wollte, packte +Grete der Uebermut, so dass sie Flora einen Stoss gab und diese mit dem +Haupte gegen die Thuer flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle +bis an das andre Ende des Vorsaals, - wenn Fraeulein Raimar das Geraeusch +gehoert haette! "Dann sind wir einfach furchtbar blamiert," erklaerte Melanie +und schalt Grete albern und ungezogen. + +"Du bist ein Tollpatsch, Grete, im hoechsten Grade ungebildet!" sagte Flora +entruestet, und Annemie lachte, dass ihr die hellen Thraenen ueber die Wangen +liefen. + +"Sei mir nicht boese, dass ich dich auslache, Flora," sagte diese, "aber ich +kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes +Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thuer +flogst." + +Fraeulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thuer vernommen, sie +oeffnete dieselbe, und als sie die Maedchen stehen sah, rief sie ihnen zu, +sich zu beeilen. + +Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stiessen sie sich untereinander an +und stritten sich leise, wer die erste sein solle. + +"Du musst vorangehen, Orla, du bist die aelteste," fluesterte Ilse. + +"Ich bin die juengste, ich komme zuletzt!" rief Grete, die sonst immer mit +ihrem Munde die erste war. + +"Lass mich die letzte sein, Grete," bat Annemie, "ich habe mich noch nicht +ausgelacht." + +Rosi war die verstaendige, wie immer. "Komm, Orla," sagte sie, "wir duerfen +Fraeulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns ueberhaupt hoechst +kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld." + +Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die uebrigen. +Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal. + +"Meine Damen, erlauben Sie, dass ich Ihnen die Herren vorstelle," mit +diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von +beiden Seiten. + +Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner +erkannt, fuer den sie bereits laengst im Geheimen schwaermte. Erst kuerzlich +hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen. + +Fraeulein Guessow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den +jungen Maedchenblueten. An Ilse hing ihr Auge am zaertlichsten. Wie reizend +hatte sich ihr Liebling entfaltet! Koerperlich und seelisch. Wie viel +gleichmaessiger war das stuermische Kind geworden. Wo war der boese Trotz +geblieben? + +Sie verglich Ilse mit den uebrigen und fand, dass sie nicht allein die +huebscheste, sondern auch weit natuerlicher und unbefangener war, als die +meisten andern. Keine Spur von Koketterie aeusserte sich in ihrem Wesen, +frei und froehlich blickte sie mit den grossen Kinderaugen in die Welt und +schien die glueckliche Frage auszusprechen: "Liebe Welt, bist du immer so +schoen?" + +Melanies Zuege waren regelmaessiger, aber laengst nicht so unbewusst lieblich, +man merkte dem huebschen Maedchen an, dass sie schon gar zu oft den Spiegel +um seine Meinung befragte. + +Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen ueber die +Herren, zu denen sie verstohlen hinueber schielten. Natuerlich gaben sie +sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kuemmerten. + +Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und +betrachtete die Juenglinge ganz ungeniert. Spaeter erhielt sie einen Tadel +deswegen von der Vorsteherin. + +Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten +und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von +einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewusst, dass ihr +kleiner, schmaler Fuss im Goldkaeferstiefel wie absichtslos unter ihrem +Kleide hervorsah. Rosi war natuerlich weder kokett, noch empfand sie die +geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, sass sie da, und so +tadellos gerade hielt sie sich, dass sie auch in der Tanzstunde das +Musterkind fuer die andern war. + +"Anfangen!" rief der Tanzlehrer und klatschte in die Haende. + +Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann. + +Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwoehnten Ohren, wie +"furchtbar entzueckend" fanden sie die Walzerklaenge. - + +"Bitte die Herren, sich zu engagieren!" kommandierte der Tanzlehrer, und +wie von einem Zauberstabe beruehrt stuerzten die tanzlustigen Juenglinge auf +die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel +seiner Wuensche ausgesucht hatte. + +Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein +Triumph fuer ihr eitles Herz! - Leider konnte sie nicht mit allen dreien +auf einmal tanzen und musste sich mit der Genugthuung begnuegen, dass alle +Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. - Alle wohl +nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mussten die schmerzliche +Erfahrung machen, dass die Verschmaehten zu ihnen kamen, um sie zu erloesen. +Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora +fuehlte sich besonders tief gekraenkt und mit neidischen Blicken folgte sie +Ilse, die eben mit "Apoll" an ihr vorueberwalzte. + +Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die +Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang +auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu +machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet +wurde und sich recht gewaehlt ausdruecken wollte, brachte sie die +drolligsten Dinge zum Vorschein. + +Ein junger Mann erzaehlte ihr, dass er in einigen Jahren, wenn er +ausstudiert habe, nach England gehen werde. "Werden Sie dort verstaendig +(bestaendig, meinte sie) sein?" fragte sie. - Ein andrer fragte, ob sie +gern in Deutschland weile. "O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!" +gab sie freudig zur Antwort. + +Aber Nellie konnte nie missverstanden werden. Ihre kindliche Naivetaet nahm +sofort alle Herzen fuer sie ein. Die jungen Herren waren denn auch saemtlich +entzueckt von der jungen Englaenderin, und da sie obenein sehr gut tanzte, +wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren. + +Grete wurde ihre schweigsame Zurueckhaltung aeusserst sauer, verschiedene +Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter +ihr stand, auf einer argen Indiskretion. + +"Wie heisst die junge Dame mit den Locken?" wurde sie von ihrem Tanzherrn +gefragt. + +"Das ist Ilse Macket," gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an, +ausfuehrlich ueber dieselbe zu berichten. "Sie ist erst seit Juli hier," +fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermuehle, "ihr Vater +brachte sie hierher. Sie ist naemlich weit her, aus Pommern, und, denken +Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in +die Pension nehmen! Natuerlich Fraeulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach, +und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen. +Einmal hat sie einen ganzen Stoss Teller -" + +"Grete," unterbrach Orla ihren Redefluss, "du verlierst eine Nadel. Tritt +einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige." + +"Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!" schalt Orla, indem sie sich +scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. "Warum blamierst du Ilse +so? - Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum +Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Moechtest du denn, dass die arme Ilse +verspottet wuerde?" + +Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit +war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen boesen Streich +gespielt. + +Hoechst betruebt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der +Tanzenden. Sie fasste auch den festen Entschluss, in Zukunft vorsichtiger zu +sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zuegeln! + +Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und +ausfuehrlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich +meine Erzaehlung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener +Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose +Koketterien, kleine Eifersuechteleien, ein wenig Neid, schwaermerische +Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei - u. s. w. +Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen, +z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine +gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise. + +Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natuerlich vollstaendig +ausgeschlossen in der Pension. Fraeulein Raimar wuerde dieselben nicht +geduldet haben. Streng hielt sie darauf, dass ausser den Tanzstunden nicht +die geringste Annaeherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte +sie keine Nachsicht. + +Schon in hoechstem Grade unangenehm war es ihr, dass die jungen Leute sich +herausnahmen, ihre taeglichen Spaziergaenge mit den Zoeglingen zu +durchkreuzen und gruessend an ihnen vorueberzuschreiten. Es war ihr geradezu +unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie waehlte. Denn +wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park - morgen in dieses Thal - +uebermorgen ueber jenen Berg fuehrte, immer konnte sie ueberzeugt sein, die +roten Primanermuetzen auftauchen zu sehen - sie konnte ihnen nicht +entgehen. Die Loesung dieses Raetsels war einfach genug, der Verrat wurde +durch die Tagesschuelerinnen ausgefuehrt. Sie waren die Vermittlerinnen +zwischen ihren Bruedern, Vettern oder Bekannten und den Pensionaerinnen. Sie +schmuggelten Gruesse, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte +diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein +selbstverfasstes Gedicht hineinzuschreiben. + +Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluss der Tanzstunden, erhielt +Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging +auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und oeffnete dasselbe. + +"Wie albern!" rief sie hocherroetend aus, als sie die wenigen Zeilen +gelesen hatte. "Wie kann der einfaeltige Mensch sich so dreist gegen mir +benehmen! Ich habe ihm nie Ursach' zu so grosse Dreistigkeit gegeben!" Und +sie zerriss die Zeilen. + +Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestuerzt, +strahlend vor Eitelkeit und Freude. + +"Kinder!" rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, "ich muss euch etwas +mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwoert, dass ihr niemand etwas sagen +werdet! Du auch, Grete," wandte sie sich an die eintretende Schwester. + +Natuerlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern +geheimnisvoll die Thuer verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer +Kleidertasche und begann vorzulesen. + + + + + + +"Mein gnaediges Fraeulein! + +Sie wuerden mich zu dem gluecklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie +mir Ihre Photographie verehrten! - Meine Bitte ist kuehn, ich weiss es, aber +Sie werden mir diese Kuehnheit grossmuetig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe, +dass es mein gluehendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Zuege +taeglich, stuendlich sehen und anbeten zu koennen. + +Darf ich auf Ihre Gnade hoffen? + + _Georg Breitner_." + + + + + + +Nellie hatte die Papierstueckchen von der Erde aufgenommen und dieselben so +ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen +vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte, +nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Zuege +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} anstatt {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}klassisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. + +Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die +siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an. + +"Was thun wir, Nellie?" fragte sie dann, "wir koennen doch Herrn Breitner +die Bitte nicht abschlagen!" + +"Du darfst dein Bild nicht geben!" platzte Grete, die nebenbei etwas Neid +gegen die weit huebschere Schwester empfand, heraus. "Auf keinen Fall, oder +ich schreibe es dem Papa!" + +"Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!" gab Melanie kurz zur +Antwort. "Nellie, was sagst du?" + +"Aber, Melanie!" rief Ilse ganz erregt, "wie kannst du nur einen +Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an +einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein +ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!" + +"Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!" entgegnete +Melanie gereizt. "Was verstehst du denn unter {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ordentliche Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}?" + +"Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbaenken sitzen!" +erklaerte Ilse. "Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse +nehmen und die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Schueler werden es bewundern. Dann bist du +furchtbar blamiert!" + +"Nellie, du bist ja so still!" wandte sich Melanie etwas kleinlauter als +vorhin an diese, "sage doch, was wir thun sollen!" + +"O gar nix!" entgegnete dieselbe trocken, "wir werden thun, als ob wir der +dumm' Brief nicht bekommen haben." + +"Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?" + +"O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in +Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!" + +Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie +haette so gern ihr "klassisches Konterfei" vergeben, trotzdem musste sie +sich der Notwendigkeit fuegen. Warum musste er auch noch um Nellies +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizendes Bild{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bitten? + +"Ihr habt furchtbar oede Ansichten!" sagte sie spottend und verliess das +Zimmer. + + * * * + +Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. "Leider!" seufzten die jungen Leute. +Fraeulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern +froehliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und +Gleichmaessigkeit zurueck, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, dass durch +die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam. + +Den Schluss und Glanzpunkt bildete alljaehrlich ein kleiner Ball, und +morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden. + +Die Benennung "Ball" klingt eigentlich zu hoch fuer das kleine Fest. Es +wurden noch einige Gaeste geladen, das Orchester schwang sich zu einer +zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine +leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Maedchen zogen ihre besten +Kleider an. Das war alles! + +Aber der grosse Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafuer trug stets +Fraeulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schoenheitssinn ihrer jungen +Zoeglinge zu wecken, damit dieselben spaeterhin imstande seien, mit wenigen +Mitteln auch dem einfachsten Feste ein kuenstlerisches Ansehen zu geben. + +Soeben stand sie neben dem Gaertner und ordnete an, wie er die Tannen, die +er am Morgen aus dem Walde geholt, mit bluehenden Topfgewaechsen zu +lauschigen Ecken und Plaetzen gruppieren solle. Als das geschehen war, +musste er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern +befestigen, - ueppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen +anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine +bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen gruenen Schmuck. Es wurde +eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so dass die gruenen Ranken +zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte +dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck. + +Als alles fertig war, uebersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und +recht befriedigt verliess sie denselben. + +Die jungen Maedchen waren natuerlich in grosser Aufregung. Es war der erste +Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre +Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen +Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine +Passion dafuer hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der +Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die +Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide +angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt. + +"Ich geh mit auf euren Ball!" rief sie, "das Fraeulein hat es mir erlaubt. +Und mein neues, weisses Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschaerpe +bind' ich um, - und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr +auf morgen!" + +Und sie fasste mit beiden Haendchen an ihre Schuerze und tanzte zierlich und +grazioes durch das Zimmer. + +Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie +geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzuendete, blieb sie +ploetzlich ueberrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern. + +"Wie schoen schaut ihr aus!" rief sie bewundernd und mit gefaltenen Haenden, +und fast andaechtig sah sie die beiden Maedchen an. + +"Weisst, Ilse," fuhr sie lebhaft fort, "du schaust aus gerad wie des +Kaisers Tochter! Ich fuehr' dich morgen in den Saal - bitt' schoen!" + +Ilse nahm ihren Liebling zaertlich in den Arm und kuesste ihn herzhaft auf +den Mund. "Du bist ja so heiss, Lilli," sagte sie und befuehlte Stirn und +Wange des Kindes. "Fehlt dir etwas?" + +"Der Kopf thut mir halt a bissel weh," entgegnete Lilli, "aber gar nit +viel, - gewiss nit," beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. "Morgen +thut er nit mehr weh, - morgen geh ich ganz gewiss auf den Ball! Du gehst +auch mit," sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft +war. "Aber artig musst halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!" - + + "Doch mit des Geschickes Maechten + Ist kein ew'ger Bund zu flechten + Und das Unglueck schreitet schnell." + +Acht Tage spaeter schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr +Tagebuch. - + +Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der +herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. "Sie hat starkes Fieber," +sagte er und verordnete Eisumschlaege auf den Kopf, die jede halbe Stunde +gewechselt werden mussten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da. + +Fraeulein Guessow sass recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas +eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, dass Lillis +ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei +Kindern oftmals aehnliche Faelle erlebt. + +Die junge Lehrerin schuettelte unglaeubig den Kopf. "Wenn nur der Ball heute +abend nicht waere!" sprach sie seufzend. "Der Laerm im Hause und das kranke +Kind - es will mir nicht in den Kopf! - Wenn wir ihn hinausschoeben, +Fraeulein?" + +"Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin," entgegnete die Vorsteherin. "Der +Laerm wird Lilli nicht stoeren, wie sollte er aus dem Vorderhause bis +hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die +Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam waere es, wollten +wir ihre Freude zerstoeren! Noch sehe ich keine Gefahr und wir koennen +unbesorgt den Ball stattfinden lassen." + +"Ball!" wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehoert hatte; "ich +will tanzen! Zieh mich an, Fraeulein! Bitt schoen, lass mich tanzen!" + +Fraeulein Guessow warf der Vorsteherin einen verstaendnisvollen Blick zu, +jetzt musste dieselbe sich doch ueberzeugen, wie krank die Kleine war, - sie +phantasierte. + +Aber Fraeulein Raimar war nicht ueberzeugt und auch nicht erschrocken. Sie +trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand. + +"Es ist ja noch heller Tag, Lilli," sagte sie freundlich; "siehst du +nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es +noch viel zu frueh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du +aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an." + +"Die liebe Sonn scheint," wiederholte das Kind, wie aus einem Traume +erwachend, und sah mit mueden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die +Hand gegen die Stirn und sagte leise: "Ach Gotterl, Fraeulein, mir thut der +Kopf halt so weh!" + +"Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein." + +Sie kuesste Lilli und versicherte der sehr geaengstigten Lehrerin, das +Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften +Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und +mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verliess sie das Zimmer. + +Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein. +Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fraeulein Guessow atmete erleichtert +auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden +fragte, winkte sie derselben freudig zu und fluesterte: "Sie schlaeft, - es +scheint eine Besserung eingetreten zu sein." + +Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in +aengstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle +wieder in froehliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren duesteren +Prophezeiungen. + +"Meine ahnungsvolle Stimme taeuscht mich nicht, ich fuehle es, der Tod wird +diese zarte Knospe brechen," sagte sie in tragischem Tone und probierte +dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuss weit von sich und +bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des +Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren duestern Ahnungen! + +Lillis Besserung war leider nur truegerisch gewesen. Waehrend die jungen +Maedchen heiter und gluecklich Toilette zum froehlichen Feste machten, lag +sie im heftigsten Fieber. + +Fraeulein Guessow wich nicht von ihrem Bette und erklaerte mit aller +Bestimmtheit, dass sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fraeulein +Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorlaeufig geheim +gehalten; sie mochte keinen Missklang in die unbefangene Freude ihrer +Zoeglinge bringen, musste sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, dass +nichts damit gebessert werde. - So blieb denn die junge Lehrerin allein im +Krankenzimmer. Sie hoerte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und +wann schlug wohl ein froehliches Lachen an ihr Ohr - und endlich vernahm +sie die gedaempften Toene der Polonaise. + +"Ilse, komm!" rief Lilli ploetzlich und Fraeulein Guessow fuhr erschreckt +zusammen. "Ilse, bitt, bitt schoen, komm! Ich fuehr dich in den Saal, komm!" +- Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen, +aus demselben zu springen. + +Fraeulein Guessow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es +niederzulegen, aber Lilli stiess sie von sich. + +"Geh fort!" rief sie; "du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein +schoenes Kleiderl an! - Ilse! Ilse komm!" + +Angstvoll und gellend stiess sie ihre Worte heraus und mit starren Augen +blickte sie ihre Pflegerin an. + +"Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen," sagte dieselbe mit zitternder +Stimme, die Angst schnuerte ihr fast die Kehle zu. "Sei ruhig, mein +Liebling, willst du? Lege dich nieder - ganz still - so." Und sie bettete +mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen. + +"Ganz still," wiederholte das Kind mechanisch; "Ilse komm, - ganz still!" + +Fraeulein Guessow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit +aengstlichen Harrens erschien die Koechin. Sie war die einzige, welche die +Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause +beschaeftigt. + +"Rufe sofort Fraeulein Ilse," gebot sie mit halblauter Stimme, "und dann +hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen, +Baerbchen, niemand darf es wissen." + +"Aber wenn mich Fraeulein Raimar fragen sollte," wandte die etwas +schwerfaellige Koechin ein, "dann muss ich es ihr sagen, nicht?" + +"Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich +nur, ich bitte dich!" + +Der Zufall kam Baerbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale naeherte, +traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen, +Arm in Arm, aus der Thuer desselben. + +Geheimnisvoll winkte ihnen die Koechin zu. "Fraeulein Ilschen," sagte sie, +"Sie moechten gleich zu Fraeulein Guessow kommen!" + +"Es ist doch nichts passiert, Baerbchen?" fragten beide Maedchen fast +zugleich. + +"O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kraenker geworden, ich +soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie +brauchen keine Angst zu haben, Fraeuleinchens," beruhigte sie, als sie die +erschrockenen Gesichter vor sich sah, "so schnell geht das nicht mit so +kleinen Kindern. Krank - tot - gesund - man weiss nicht, woher es kommt! +Aber nun will ich laufen!" Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter +und zum Hause hinaus. + +"Ich gehe mit dich," sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab. + +"Du musst in den Saal zurueckkehren, Nellie," erklaerte Ilse entschieden, "es +wuerde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe +dir bald Bescheid." + +Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurueck in den +hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum +nur glueckliche, froehliche Menschen sah - unwillkuerlich fuellte sich ihr +Auge mit Thraenen. + +Aber ihr betruebtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb +unbeachtet hinter eine Tannengruppe. + +Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie +mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah, +naeherte er sich ihr langsam. + +"Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miss Nellie?" fragte er herzlich. +"Haben Sie Kummer?" + +"O Herr Doktor, ich aengstige mir so um das Kind! Baerbchen hat Ilse gerufen +und holt jetzt der Arzt!" Und Nellies sonst so froehliche Augen blickten in +Angst und Trauer den jungen Mann an. + +Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem +Augenblicke. + +Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den +Kranz von Tausendschoen im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen +Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefuehl verriet, +entzueckte ihn geradezu. + +"Beruhigen Sie sich," troestete er, "ich werde sofort in das Krankenzimmer +gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht." + +Als er die Thuer desselben nach leisem Anklopfen oeffnete, bot sich ihm ein +ruehrender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht +neben Lillis Koepfchen gelegt, so dass ihre braunen Locken sich mit den +lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige +Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar geloest +und lag halb entblaettert auf dem Boden. Fraeulein Guessow legte soeben einen +neuen Eisumschlag auf der Kranken gluehende Stirn. + +Doktor Althoff fragte nicht, - ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm +alles. Gross und fremd sah sie ihn an, ihre Haendchen zuckten und griffen +unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie +sich fest an sie. + +"Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!" stiess sie in +abgerissenen Saetzen heraus, "du bist die Schoenste! - Tanz mit mir - komm!" + +Ploetzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse fuer das +Christkind an. + +"Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, - und ein Kronerl +tragst auf dem Kopf - ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen," +fuhr sie geheimnisvoll laechelnd fort, "wart nur, ich komm zu dir, zu den +lieben Engelein! - Ich komm - nimm mich mit!" + +Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurueck. + +Ilse war wie gelaehmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager +eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natuerlich, dass sie ganz +fassungslos war. Sie umklammerte Fraeulein Guessow und wurde totenblass, ohne +ein Wort ueber die bebenden Lippen zu bringen. + +"Kehren Sie in den Saal zurueck, Ilse," riet Doktor Althoff und ergriff +ihre Hand. "Kommen Sie, ich werde Sie fuehren." + +Aber sie schuettelte den Kopf. "Ich bleibe hier," sagte sie leise aber +fest, "ich verlasse Lilli nicht." + +Und wie auch die Strauss'schen Klaenge der blauen Donau schmeichelnd und +verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse +dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurueckzukehren. Ihre ganze Seele +war von den Leiden ihres Lieblings erfuellt. + +Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da, +dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie +nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl +spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: "Kommt +a Vogerl geflogen -" + +Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse musste sich +abwenden, heisse Thraenen rannen ueber ihre Wangen, es war, als muesse ihr das +Herz zerspringen. + +"Ich befuerchte das Schlimmste!" sprach Fraeulein Guessow tief ergriffen. +"Wenn nur der Arzt kaeme!" + +Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit duenkte, trat derselbe +ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich +veraendert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem +bluehenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren +eingefallen und die grossen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die +leere Luft. Er nahm ihre Hand und fuehlte nach ihrem Puls, - sie merkte +nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: "Und es kuemmert sich ka +Hunderl -" + +"Au, au!" schrie sie ploetzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. "Das +Katzerl beisst mich! Nimm es weg, Fraeulein! Au weh!" + +Der Arzt ruehrte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur +muehsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden +oeffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und +verfiel in einen Halbschlummer. + +"Wo wohnen die Eltern der Kleinen?" wandte der Arzt sich an Fraeulein +Guessow. "Ich rate, dieselben unverzueglich von der Krankheit zu +benachrichtigen. Ich kann fuer den Ausgang nicht stehen. - Wir haben es mit +einer boesartigen Gehirnentzuendung zu thun." + +"Nur die Mutter lebt," nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort +ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte +sie schon am Abend des naechsten Tages eintreffen. + +Bevor er das Haus verliess, kehrte er noch einmal in den Saal zurueck, um +die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie, +die gerade mit Georg Brenner Francaise tanzte und nicht aus der Reihe +treten konnte, warf einen aengstlich fragenden Blick auf ihn, fluechtig nur +streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, dass er nichts Gutes zu melden +habe. O, waere nur der Tanz erst zu Ende, dass sie ihn fragen koennte! Aber +er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verliess er schon wieder den +Saal und liess Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurueck. War es schlimmer +geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre +Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Laecheln auf demselben wie zuvor. Sie +unterhielt sich mit einigen Gaesten ohne jede sichtbare Erregung. + +Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene +Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie ploetzlich Schreck +und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz +vorueber, dann sollten die jungen Maedchen sich niederlegen, ohne zu +erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes, +sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht. +Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige +Botschaft am Morgen noch frueh genug. + +Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art +entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: "O ja, sie wird +gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen." Der +Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball +ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. - + +Miss Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafuer Sorge zu +tragen, dass die Maedchen still und geraeuschlos ihre Gemaecher aufsuchten, +das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische +Lehrerin sich in ihr Zimmer zurueckgezogen hatte, da huschten sie alle noch +auf eine kurze Zeit zu Rosi hinueber, deren Stuebchen ganz am Ende des +Korridors lag. Sie mussten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen +Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste. + +Melanie brachte ihre duftigen Straeusse, die sie im Cotillon erhalten hatte, +mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmuetiger Freude betrachtete +sie den reichen Segen. "Ach!" rief sie aus, "wie schade, dass alles vorbei +ist!" + +"Alles Schoene ist vergaenglich, nur die Erinnerung bleibt!" entgegnete +Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines +jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche +verborgen hielt. - Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafuer das ihrige +eingetauscht. + +"Ach, Kinder, es war doch zu schoen!" brach Annemie in ploetzlicher +Begeisterung aus. "O, was ich euch alles erzaehlen koennte!" + +"Und ich! Und ich!" klang es durcheinander. + +"Ihr wuerdet staunen, wenn ich sprechen wollte!" rief Melanie stolz und +schlug ihr Auge kokett gen Himmel, "ich habe viel erlebt!" - In ihrem +Eifer vergass sie ganz, ihre Stimme zu daempfen. + +"Nicht so laut, Melanie," ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. "Wir +wollen zu Bett gehen," riet sie ernstlich, "denn wenn ihr erst anfangt, +eure Erlebnisse zu erzaehlen, dann koennen wir bis zum hellen Morgen hier +sitzen." + +"Morgen ist Sonntag, da koennen wir ausschlafen!" meinte Grete, die darauf +brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hoeren. "Wo sind +denn aber Ilse und Nellie?" unterbrach sie sich ploetzlich und sah sich um; +"ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich +Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!" + +Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausfuehrung. +Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miss Lead wie ein +Nachtgespenst vor ihnen. + +"Wo wollt ihr hin?" fragte sie erzuernt. "Habe ich euch nicht Ruhe geboten? +Sofort legt euch nieder, - und morgen werde ich euren Ungehorsam der +Vorsteherin melden!" + +So wurde es denn still in den oberen Raeumen. Die plaudernden Lippen +verstummten nach und nach - die Augen schlossen sich zu suessem Schlummer +und ein guetiger Traumgott fuehrte die Schlafenden zurueck in den festlichen +Saal. Noch einmal liess er die Musik erklingen und die junge Schar im +lustigen Tanze dahinfliegen. - + +"O wie oede ist die Wirklichkeit!" war Melanies erstes Wort, als sie +erwachte. + + * * * + +In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an +glueckliche Traeume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr, +aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen +begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr +seine Befuerchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr +so schwer, sich zu beherrschen. + +"Geh zu Bett, Ilse," sprach Fraeulein Raimar sanft zu ihr, "du darfst nicht +laenger hier verweilen." + +Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge +Maedchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen. + +"Du bist ein gutes Kind," sagte sie weich und ihre Stimme klang wie +verhaltene Thraenen, "aber ich darf deinen Wunsch nicht erfuellen. Ein +laengerer Aufenthalt hier koennte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem +Kinde auch nicht helfen, - sieh hin - es kennt dich - uns alle nicht +mehr!" + + [Illustration] + +Bevor sie das Zimmer verliess, trat Ilse noch einmal zoegernd und leise an +Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheisse Hand, beugte +sich nieder und drueckte einen Kuss darauf. "Gute Nacht, Liebling," hauchte +sie leise, "gute Nacht!" + +Und mit einem langen, thraenenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen +nahm sie Abschied, ach, sie fuehlte es, es war ein Lebewohl fuer immer. Dann +eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepresst, damit sie vor +Herzeleid nicht laut aufschreie. + +Draussen, dicht vor der Thuer, stand Nellie. Unbemerkt war sie der +Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den +Hals und Nellie fuehrte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt +warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut +weinend in die Kissen. + +"Ist sie so sehr krank?" fragte Nellie. + +"Sie stirbt, Nellie!" schluchzte Ilse ausser sich, "unser suesser, kleiner +Liebling stirbt!" + +Nellie wurde blass und ein heftiges Zittern ueberfiel ihren Koerper, aber +sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut +herauszujammern, die ungestueme Art Ilses war ihr fremd. War das zu +verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen, +ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu +vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, - +wie anders Nellie! So mancher truebe Schatten hatte bereits ihr junges +Dasein verdunkelt! Sie musste an den Tod des geliebten Vaters denken, der +sie so jung als Waise zurueckliess! + +Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff +deren Hand. + +"Komm," sagte sie mit unsichrer Stimme, "setze dir hoch. Du machst dir +auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir +machen doch der arm' klein' Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will der klein' Engel zu mich nehmen,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} was koennen wir da machen? - O +Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer +weiss, welch' traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht +besser, da tot zu sein? - Ich waer' sehr gluecklich, wenn mich der liebe +Gott als klein' Kind zu sich genommen haette!" + +Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer +einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und +umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Maedchengestalten +in ihren duftigen Ballgewaendern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft +hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen +Freundschaftsbund fuer das ganze Leben. Der Mond trat ploetzlich hinter dem +dunklen Gewoelk hervor und verklaerte mit seinem blassen Schimmer die +lieblichen, thraenenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute +Rosen, die an einem Stengel erblueht sind. - + + * * * + +Es war ein truebseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge +Schar, noch ganz erfuellt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee +sass, trat Fraeulein Guessow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das froehliche +Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkuendete nichts Gutes. +Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin +seitwaerts gestanden; es war ihnen unmoeglich, an der Froehlichkeit der +andern teilzunehmen. + +"Ist es besser?" fragte Ilse hoffend und bangend zugleich. + +Traurig schuettelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen fuellten sich mit +Thraenen. "Nein," sagte sie, "es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich +gesteigert und ihr muesst euch auf das Schlimmste gefasst machen. Ich teile +euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn -" Sie +konnte den Satz nicht vollenden, Thraenen erstickten ihre Stimme. + +Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eroeffnung ein. Als aber +Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und +Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling +fuer immer hergeben zu muessen. + +Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach. + +"Lassen Sie mich zu ihr," bat sie dringend und erhob die Haende. "Bitte!" + +Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfuellen. "Du darfst sie nicht +wiedersehn, Ilse," sagte sie fest und entschieden. "Sie hat sich so +veraendert, dass deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild fuer lange Zeit +nicht vergessen wuerde. Sie ist nur noch ein Schatten des schoenen, +froehlichen Kindes." + +Und sie kuesste die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurueck, +das Fraeulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte. + +Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miss Lead fertig zum +Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur +Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen. + +"Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miss Lead," entgegnete Orla, die ganz +gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefuehle uebermannen liess und heftig weinte; +"ich kann es nicht!" + +"Ich auch nicht! - Ich auch nicht!" erklaerten die uebrigen. Selbst Rosi, +die stets Sanfte und Gefuegige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls +zurueckbleibe. "Ich bin so aufgeregt und koennte nicht andaechtig auf die +Predigt hoeren," fuegte sie hinzu. + +"Ich begreife euch nicht," sprach die Englaenderin hoechst erstaunt von +einer zur andern sehend. "Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort fuer ein +gequaeltes Herz? Sagt nicht der Herr: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt her zu mir alle, die ihr +muehselig und beladen seid, ich will euch erquicken!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Ich gehe und will fuer +die Kranke beten, vielleicht erhoert mich der Herr." + +Und sie ging, und die englischen Pensionaerinnen schlossen sich ihr an. Sie +teilten in ihrem strengglaeubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur +Nellie blieb zurueck. Nicht weil sie weniger glaeubig war - o nein! Sie +hatte ein kindlich frommes Gemuet, aber sie hatte auch ein +tiefempfindendes, warmes Herz; es waere ihr unmoeglich gewesen, das Haus, +das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen, +wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte. + +"Ich will auch beten," sagte sie leise wie fuer sich. Und sie trat in den +Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Haende auf +einen Stuhl und beugte den Kopf darueber. In dieser andaechtigen Stellung +verbrachte sie lange Zeit und betete heiss und innig zu Gott, dass er Lilli +am Leben erhalten moege. - + +Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend oeffnete die +Vorsteherin ploetzlich weit die Fensterfluegel im Krankenzimmer - Lilli war +tot. + +Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn gekuesst und sie hinweggetragen +in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie +da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches +Laecheln lag ueber den leise geoeffneten Lippen. + +Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Haenden am Bette +der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die +Abendsonne verklaerte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem +knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches +Abendlied - draussen erwachendes Fruehlingsleben - hier die junge +Menschenknospe - gebrochen, ehe sie sich zur Bluete entfalten konnte. + +"So frueh und in der Fremde musstest du sterben, armes Kind!" unterbrach +Fraeulein Guessow die feierliche Stille. + +"Sie fuehlte sich gluecklich und heimisch bei uns," entgegnete Fraeulein +Raimar tief ergriffen. "Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. - +Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt." + +"Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen muesste. O, sie ist +gluecklich!" Und in einem ploetzlich ueberwallenden Gefuehle beugte sich die +junge Lehrerin laut weinend ueber Lilli und kuesste ihr die kalte Stirn. +"Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm +er dich zu sich!" + +"Fassen Sie sich, liebe Freundin," ermahnte Fraeulein Raimar, indem sie die +Hand auf der Erregten Schulter legte, "uns bleibt jetzt die schwere +Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig +als moeglich muessen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin +erregten Gemueter nicht ganz ausser Fassung kommen." + +Aber sie kamen doch ausser Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur +sich dem Schmerze zuegellos hingab. Sie glaubte vergehen zu muessen. Noch +nie hatte sie sich so ungluecklich gefuehlt, als in der ersten Nacht nach +Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der +den geliebten Vater entfuehrte, und sie fremd und verlassen an der Pforte +dieses Hauses stand. + + * * * + +Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneegloeckchen und Veilchen +schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Fruehlingskindern ueber +und ueber bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen, +die mit ihm in naehere Beruehrung gekommen, und es hatte allgemein +schmerzliche Verwunderung erregt, dass die Mutter fern geblieben war. + +Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, dass +sie erst am Dienstag abend eintreffen koenne. Es sei ihr unmoeglich, frueher +zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stuecke die Hauptrolle zu +spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde, +kam umgehend ein Brief voll ueberschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern. +Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag +gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, fuer des +Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem +Sockel eingegraben werden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Teures Kind, bete fuer mich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +Aeusserlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen +pomphaften Kundgebungen. + +"Meine Mama waere gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewusst haette," +bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so +herzlich und troestend geschrieben hatte. + +"O sicher, sie waer von der Welten Ende zu dich gereist," beteuerte Nellie +lebhaft. + +"Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter," fuhr Ilse nachdenklich +fort. "Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekraenkt! Glaubst du wohl, +dass sie mir vergeben wird?" + +Ilses Herz war so weich und empfaenglich durch den Schmerz geworden und +eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren +ihr bis dahin aehnliche Gedanken gekommen, und waere es der Fall gewesen, +haetten sie frueher einmal bei ihr angeklopft, sie wuerden keinen Einlass +gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Beduerfnis, sich gegen +ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen. + +"O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche +Herz, kein Titelchen Bosheit fuer dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du +warst ja auch noch ein ungezogen, dumm' Baby, als du bei sie warst, jetzt +aber bist du eine sehr anstaendige (sie meinte verstaendige) junge Dame." + +"Ist das dein Ernst, Nellie?" fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen +Nellie zweifelnd an. + +"Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner +Mutter ein lang' Brief und bitte ihr um Verzeihung." + +Ilse ueberlegte einen Augenblick. "Du hast recht, Nellie," sagte sie dann +entschlossen, "ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute +noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde +nicht eher ruhig sein!" + +Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszufuehren, trat +Flora mit strahlenden Augen ein. + +"Ich muss euch meine neuesten Gedichte vorlesen," sagte sie erregt, "sie +sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr muesst mich +anhoeren!" + +Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den +verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte. + + _Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_ + +begann sie zu lesen. + +Nellie hielt sich die Ohren zu. "Schweig still! Ich mag dir nicht anhoeren +mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!" + +Ilse stimmte ihr bei. "Lass uns zufrieden, Flora," sagte sie, "wir sind +noch zu traurig, als dass wir lachen moechten! Und du weisst doch, dass alle +deine Gedichte uns lustig machen." + +Tief verletzt schloss Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit grossen +Buchstaben zu lesen stand: "Floras Klagelieder!" - "Ihr habt keinen Sinn +fuer erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und +ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!" + +Sie verliess die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre +Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige +Zuhoererin. "Das rechte Verstaendnis freilich fehle ihr," meinte Flora mit +einem ergebungsvollen Seufzer. + +Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen +und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt +darueber. Nellie, ihre einzige Vertraute, troestete sie. + +"Es ist ja noch kein' Ewigkeit vorbei, seit du schriebst," sagte sie. "Es +scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du +ein schoen, lang Brief haben. Mich ahnt das!" + +Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint +war, ging in Erfuellung. Es kam ein Brief an Ilse. + +"Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!" Mit +diesen Worten empfing Fraeulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der +Kirche kam. + +Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Maedchen, sich den Kopf +zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. - + +"Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin +er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkuenden. Ahnst du nicht, +was es sein koennte?" + +"Nein," entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend +an. + +"Dir ist ein Bruederchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa +hat fuer dich einen Brief eingelegt." + +Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht +hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoss ihr +heiss in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort ueber die Lippen bringen +konnte, flog sie dem Fraeulein an den Hals und kuesste dieselbe. Sie musste an +jemand ihre jubelnde Freude auslassen. + +Als sie zur Besinnung kam, schaemte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte +sie allen Respekt ausser acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin +umarmen! + +"Verzeihen Sie," sagte sie befangen und trat bescheiden zurueck. Aber +Fraeulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich +in den Arm. + +"Komm her, mein Kind," sagte sie warm, "und lass mich die erste sein, die +dir von ganzem Herzen Glueck wuenscht." - Spaeter aeusserte sie gegen Fraeulein +Guessow, dass Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis fuer deren +kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt, +dass Ilses trotzige Natur sich jemals zuegeln lassen werde. + +Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen +an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzoegerung schuld, er hatte noch +einige Zeilen hinzufuegen wollen und war nicht gleich dazu gekommen. + +"Lies erst, was sie schreibt!" bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das +Zimmer gestuerzt war, "lies erst, nachher sprechen wir von die Baby." + +Und Ilse las: + + + + + + +"Mein teures Kind! + +Dein letzter Brief hat mich sehr gluecklich gemacht! Ich kann den +Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit +einem herzlichen Kuss zu sagen, dass ich Dir niemals boese war. Ich wusste +immer, dass mein Trotzkoepfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir +nur keine Sorgen um vergangene kleine Suenden, sie sind laengst in alle +Winde verweht, denke lieber an die zukuenftige Zeit, in der wir wieder +beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie +es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zaertlichen +Kuessen + + _Deine Mama_." + + + + + + +Und der Papa hatte gestern fluechtig dazu geschrieben: + + + + + + +"Hurra! Wir haben einen praechtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch, +ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu koennen. Er sieht Dir aehnlich, hat +gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr." + + + + + + + [Illustration] + +"O!" jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, "wenn ich doch gleich dort +sein koennte! Ich habe so grosse Sehnsucht, die Mama, den Papa und das +kleine Bruederchen zu sehen!" Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als +Fraeulein Guessow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie haette in +ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! - + +Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten +Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurueck. Sie machte sich Vorwuerfe, +dass sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte! + +"Komm, Nellie," sagte sie, "lass uns im Garten Veilchen pfluecken zu einem +Kranz auf Lillis Grab." + +Fraeulein Guessow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend +die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder +und legte den Kranz auf den frischen Grabhuegel. Noch lagen die vielen +andern Kraenze von dem Begraebnisse darauf, aber sie waren verwelkt und +trocken, und in den langen, weissen Atlasbaendern spielte der Abendwind. - + +Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thuer. Die +Pruefungen waren bereits vorueber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten +Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie fuer die Betreffenden +ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner +Faecher, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute +Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders +seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und +Lehrerinnen ruehmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloss sich +dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, dass Ilse +nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre +englische Aussprache. + +"Lass dir nix vormachen, Ilse," sagte Nellie, als sie allein waren. "Du +sprichst schon ganz nett englisch und drueckst dir stets sehr fein aus. +Uebrigens troeste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben," - und +sie reichte betruebt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere +Bemerkung: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen +Sprache.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - "Ist das nicht unrecht?" fragte sie. "Ich gebe mich so +furchtbar grosse Muehe mit eure schwere Sprache." + +Nun war die Reihe zu troesten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an, +keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte taeglich +eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern. + +Flora war in hoechster Aufregung. Sie fand es geradezu grossartig, dass +Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. "Mir das!" rief +sie aus, sobald er sich entfernt hatte, "mir das! die ich selbst schon so +lange litterarisch thaetig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor, +Sie werden sich wundern!" + +Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr juengstes Werk. Sie +hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich +mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit +bescheidenem Selbstbewusstsein hatte sie hinzugefuegt, sie rechne darauf, +dass ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgefuehrt werde. +Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen fuer notwendig finden, so +wuerde sie sich gern seinem Rate fuegen. - + +Es waren einige Tage darueber vergangen und noch hatte sie keine Antwort +erhalten. Warum mochte er zoegern? Gefallen musste ihm "Thea, die +Blumenfee", darueber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so +hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie fluesterte ihr einen +grossartigen Erfolg in das Ohr. Sie hoerte den stuermischen Beifall der +Anwesenden, - die Dichterin wurde gerufen! - Sie traeumte wachend, langsam +- gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. - "Flora!" ruft es +von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. - +Ja, staunt nur, ihr Unglaeubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt +habt! Jetzt hat sie euch ueberzeugt, dass ihre Dichtkunst kein leerer Wahn +ist! - Bescheiden und demuetig verneigt sie sich nach rechts und links - +ohne den Blick zu erheben - sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und +Verbeugung einzustudieren. - "Die Blumenfee werde ich vorstellen," traeumte +sie weiter, "natuerlich! Wer anders koennte sich so in den Geist der Rolle +versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostuem stehen! Ein Kleid von +Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein +langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!" + +Ganz in Gedanken versunken loeste sie die aufgesteckten Flechten und +drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkuerlich kamen ihr +dabei die ersten Verse ihres grossen Werkes auf die Lippen und laut, mit +pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren: + + "Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen, + Ich will mit euch spielen! + Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken, + Lasst mich nicht warten, ihr vielen, vielen, + Heraus, heraus!" + +Ein lautes Pochen an der Thuer und ungestuemes Auf- und Niederdruecken des +Griffes unterbrach sie hoechst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme +laut. + +"Warum schliesst du dich denn ein? Mach' schnell auf, ich bringe dir +etwas!" + +In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurueck und +fragte aergerlich: "Was willst du denn?" + +Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. "Du sprachst +doch eben laut," sagte sie, "mit wem hast du dich denn unterhalten?" + +Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes +Hand, ungestuem nahm sie es an sich. + +"Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?" + +"Nur nicht so heftig," entgegnete Grete, "was faellt dir denn ein? Es ist +die reine Gefaelligkeit, dass ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir +fuer dich uebergeben." + +"Warum liess er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder +vorwitzig aufgedraengt haben, es ist so deine gewoehnliche Art. Uebrigens +jetzt kannst du wieder gehen, ich moechte allein sein!" + +Aber Grete verspuerte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein +Geheimnis, das musste sie erst heraus haben! + +"Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen," sagte sie und setzte sich +mit aller Gemuetlichkeit nieder. + +"Du bist wirklich unausstehlich!" stiess Flora aergerlich heraus und drehte +Grete den Ruecken. Ploetzlich kam ihr ein Gedanke. "Wenn du durchaus hier +bleiben willst, so thue es meinetwegen," fuhr sie fort und naeherte sich +der Thuer, "mich geniert es nicht." + +Und sie hatte die Thuer geoeffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich +erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schluessel im Schloss um und - das +neugierige Gretchen war eine Gefangene. + +Gefluegelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie +huschte zwischen den bis auf den Boden herabhaengenden Zweigen hindurch und +sank auf einem Baenkchen von Birkenstaemmen nieder. Hier war sie vor jedem +Lauscherblicke sicher. + +Sie presste die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern ueberlief +sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht +lange hielt die zagende Schwaeche an und ihre Zuversicht kehrte zurueck. +Mutig und siegesbewusst schlug sie das Heft auf. Natuerlich suchte sie +zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blaetterte und fand +nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schuettelte es +tuechtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war hoechst betroffen, +da sie bei einer fluechtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die +kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite +legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner +zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den +Schnoerkel hineingeschrieben, den sie dem Schlussworte "Ende" malerisch +angehaengt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenueber. + +"Abscheulich!" riefen ihre bebenden Lippen, "empoerend!" + +Floras Entruestung war wohl natuerlich, zertruemmerten doch die beiden +kleinen Woertchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. "Konfuses +Zeug!" stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das +Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt. + +Sie ballte die Haende in ohnmaechtiger Wut und hasste den Mann, den sie bis +dahin so schwaermerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder +vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm +eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft ueber sein vernichtendes +Urteil geben! + +Aber sie verwarf diesen Entschluss, weil sie befuerchtete, vor Aufregung +ohnmaechtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ... +nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort! + +Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stuermischen Brief +aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Saetze niedergeschrieben, als sie +durch den gruenen Blaettervorhang Grete gerade auf die Esche losstuermen sah, +es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als +dieselbe bereits vor ihr stand. + +Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschaeftigt gewesen, sie hatte +darueber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte, +vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spueraugen sofort entdeckt. Wie +ein Vogel schoss sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute +davon. + +"Etsch, Fraeulein Flora!" rief sie noch triumphierend, "nun werde ich doch +hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!" + +"Grete, gieb her!" rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, "bitte, +bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!" + +Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter. + +"Du musst mir mein Eigentum zurueckgeben, ich will es!" drohte Flora, als +sie einsah, dass Guete nicht half, "ich befehle es dir!" + +Darueber brach Grete in ein lautes Gelaechter aus. "Du befiehlst es mir? Das +ist reizend!" rief sie, "du bist wirklich furchtbar naiv!" Und sie hatte +das Haus erreicht, waehrend Flora weit hinter ihr zurueckblieb. Trotz ihrer +schwerfaelligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere, +die etwas steif und ungelenk war. + +Als Flora einsah, dass ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend +stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Raeuberin +ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heisst preisgegeben dem +Hohn und Spott der Mitschuelerinnen, an die sie Grete verraten wuerde. + +Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus +sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht +gesehen, weil sie den Kopf nach rueckwaerts gewandt hielt. Das Heft hoch in +der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: "Jetzt lese ich +deine Geheimnisse!" + +Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er waere +darueber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger +erschrocken angesehen haette. + +"Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben," sagte er vorwurfsvoll, "wie +kommt es, dass Sie es noch mit sich herumtragen?" + +Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschaemt aus, auch war +sie rot bis ueber die Ohren geworden. + +"Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben," fuhr er fort, "da ich +sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft, +ich werde es selbst an Flora abliefern." + +Grete reichte ihm das Verlangte. "Sie ist selbst schuld daran," stiess sie +zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin grossen Mund noch mehr +auf; "sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das +Buch fortgenommen!" + +"Zur Strafe!" wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Laecheln, +"und was wollten Sie jetzt damit machen?" + +"Ach," verriet sie sich, "hineingesehen haette ich ganz gewiss nicht! Floras +Dichtungen sind viel zu ueberspannt und langweilig! Ich wollte sie nur +necken." + +"Grete, Grete!" drohte der junge Lehrer laechelnd mit dem Finger, "wenn +dies Wort eine Bruecke waere, ich ginge nicht hinueber. Seien Sie in Zukunft +nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schoener +Schmuck fuer ein junges Maedchen." + +Er wandte sich von der Beschaemten ab und ging auf Flora zu, die langsam +heran kam. Noch zitterten Thraenen in ihren Augen, die sie wie in +Verklaerung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Hass geblieben, der +soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die +alte Liebe und Begeisterung fuer Doktor Althoff hatten ihn zurueckgedraengt +und waren wieder eingezogen in ihr grossmuetiges Herz. So maechtig wallte die +Begeisterung in ihr ueber, dass sie ploetzlich, hingerissen von Dankbarkeit, +sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heissen Kuss darauf drueckte. + +"Ich danke Ihnen," hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurueck zu ihrer +Friedensstaette, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu +vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: "An ihn." + +Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschuettelnd nach. "Ein +ueberspanntes, verdrehtes Wesen!" musste er unwillkuerlich sagen, "und das +schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein." - + +Der Geburtstag des Fraeulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein +grossartiges Fest. Tagesschuelerinnen und Pensionaerinnen wetteiferten mit +einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Auffuehrungen, +durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als +moeglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli +kaum vier Wochen in der Erde ruhte. + +"Ich wuerde gern auf eine groessere Feier verzichten," sprach eines Tages die +Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fraeulein Guessow, "aber ich darf +es unsrer Zoeglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod +sehr ergriffen und sie haengen die Koepfe; da ist das beste Mittel, sie +wieder aufzumuntern, dass wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller +Trauer koennen wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen." + +Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den +Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miss Lead uebernahm es, ein +englisches Stueck, Fraeulein Guessow, ein franzoesisches Lustspiel +einzustudieren. Erstere waehlte nur Tagesschuelerinnen zu ihren +Mitwirkenden, waehrend letztere ihre Rollen nur mit Pensionaerinnen +besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Maedchen, bevor +dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame +vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete, +Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen +Funken schauspielerischen Talentes und wuerde sich niemals dazu verstanden +haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fliessend franzoesisch +als Flora. + +Fraeulein Guessow machte nicht viel Umstaende. "Wie du willst, Flora," sagte +sie, "macht es dir kein Vergnuegen, diese allerliebste Rolle zu uebernehmen, +so waehle ich eine Tagesschuelerin dafuer und du kannst diesmal nur +Zuschauerin sein." + +Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zoegern entschloss sie sich, +freilich wie sie sagte, mit grosser Selbstueberwindung, die Alte zu spielen. +Ilse und Melanie stellten deren Toechter dar und passten in ihren +Charaktereigentuemlichkeiten praechtig dazu. Melanie putzsuechtig, elegant +und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbaendig, trotzig und +widerspenstig, natuerlich nichts weniger als elegant fuehrt sie die +uebermuetigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande, +sie zu zuegeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter, +interessiert sich fuer den Wildfang und versteht es, durch Guete und +Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu +zaehmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut. + +"Orla, du kannst die Rolle des Vetters uebernehmen," bestimmte die +Lehrerin. + +"Orla?" fragte Ilse verwundert, "sie kann doch keinen Mann darstellen?" + +Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Maedchen bei Ilses +unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war +bemueht, Ilse ueber ihre Unwissenheit aufzuklaeren. + +"Weisst du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?" fragte Orla. + +"Mit Herren duerfen wir nicht Theater spielen," bemerkte Flora spottend, +"sie sind verpoent in der Pension!" + +"Du bist naiv, Ilse!" rief Melanie. "Das ist ja eben so ledern und +furchtbar oede, dass wir Maedchen auch Maennerrollen geben muessen!" + +"Herren, Herren!" wiederholte Annemie unter lautem Lachen, "es ist zum +totlachen!" + +"Ja, wenn Herren mitspielten, dann moechte ich Ilses Rolle spielen," +ueberschrie Grete mit ihrer kraeftigen Stimme alle uebrigen, "so aber -" + +"So aber wirst du den Bauernjungen uebernehmen, Grete," fuhr Fraeulein +Guessow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen. +"Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbaendigen Kinder! Fraeulein Raimar +hat ihre triftigen Gruende zu ihren Bestimmungen, wie koennt ihr euch +dagegen auflehnen? Dass ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen, +habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schaemt euch! ... +Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine +Leseprobe halten." Mit diesen Worten verliess sie die aufruehrerische +Gesellschaft. + +Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu +sagen: "Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen +spiel' ich nicht!" + +Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, dass sie ganz +vortrefflich dazu passte. + +Die taeglichen Proben brachten die gewuenschte Zerstreuung. Ilse besonders +fand viel Freude an einem Vergnuegen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen +war. Die anfaengliche Befangenheit ueberwand sie bald und sie spielte ihre +Rolle zur vollen Zufriedenheit Fraeulein Guessows, die zuweilen ein Laecheln +ueber die hoechst natuerliche Darstellung nicht unterdruecken konnte. + +Zur Hauptprobe mussten alle in ihren Kostuemen erscheinen, damit sie sich +gegenseitig an den veraenderten Anblick gewoehnten. Diese Bestimmung war +sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzuegen betrachteten, +konnten sie das Lachen nicht zurueckhalten. + +Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon, +das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze +Schleppkleid liess sie weit groesser erscheinen, als sie war. Sie war +uebrigens ganz ausgesoehnt mit ihrer {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}alten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Partie und das Lob, welches +Fraeulein Guessow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht, +dass ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie traeumte +Tag und Nacht {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}von der Welt, welche die Bretter bedeuten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dichterin - +Schauspielerin{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Eine grosse Zukunft stand ihr bevor! + +Orla sah in ihrem Jaegeranzuge, den gruenen Hut keck auf das eine Ohr +gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die +Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr +allerliebst. + +"Famos siehst du aus, Orla!" meinte Melanie und betrachtete mit besonderem +Entzuecken deren Stulpenstiefel. + +"Du solltest immer so gehen," setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natuerlich +wurde sie ausgelacht. + + [Illustration] + +Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muss. Plump und ungeschickt, dreist +und laut. Melanie fuehlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten +Kostuem, das sie sich gewaehlt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte +noch hie und da an sich herum. Und Ilse? + +Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so +stuermisches Gelaechter, dass Fraeulein Guessow Muehe hatte, es zu daemmen. + +"Wie siehst du aus, Maedchen?" sprach sie lachend, "komm naeher, ich muss +dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein, +Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir muessen an deinem Kleide durchaus +Verschoenerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst wuerdest +du wohl selbst darauf gekommen sein." + +"Lassen Sie mich so!" bat Ilse instaendigst, sie war ja so gluecklich, ihr +geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu duerfen. Sie war aus +demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natuerlich +erhoehte dieser Mangel noch den komischen Eindruck. + +"Nein, Kind, unmoeglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf +nicht ausgerissen sein, der schlechte Guertel muss durch einen neuen ersetzt +werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die +fuerchterlichen Stiefel lass vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es +gehen. Man darf nicht uebertreiben," fuegte sie hinzu, als Ilse ein etwas +betruebtes Gesicht machte, "stets muss das richtige Mass inne gehalten +werden. Auch die Locken duerfen dir nicht so wirr ueber die Augen fallen, du +kannst ja kaum sehen. Vergiss nicht, dass du die Tochter einer Baronin bist, +dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein." + +"Wollen wir nicht anfangen?" trieb Miss Lead, die sich mit ihren +Kuenstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon +etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostueme geworden und fand +es hoechst ueberfluessig, dass Fraeulein Guessow ueberhaupt Wert darauf legte. +Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollstaendige Beherrschung der +fremden Sprache, und dass die Maedchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles +andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine +Mitspielende es wagen, sich frei und natuerlich zu bewegen, geriet sie +foermlich ausser sich und rief: "Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?" + +Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel +herzlich schlecht aus. Die Maedchen waren schon aufgeregt in Erwartung des +naechsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miss Lead, +die heftig erklaerte, dass sie es fuer das beste halte, wenn die ganze +Theateridee aufgegeben werde. Das franzoesische Stueck fand sie entsetzlich +und sie gab Fraeulein Guessow den guten Rat, es nicht auffuehren zu lassen. +"Ich bitte Sie," rief sie aus, "es handelt sich um eine Liebesgeschichte! +Das wird den groessten Anstoss erregen!" + +Fraeulein Guessow setzte der Englaenderin laechelnd auseinander, dass nicht +Kinder, sondern erwachsene Maedchen das Stueck auffuehrten. "Die +Liebesgeschichte," wandte sie ein, "ist nur eine harmlose Nebensache, es +handelt sich hauptsaechlich um die Heilung eines widerspenstigen Maedchens." + +Miss Lead schuettelte missbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon +ueberzeugen. "Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz +bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump, +ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Buehne erdroehnt foermlich bei +ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck." + +Fraeulein Guessow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es +laengst aufgegeben, die Englaenderin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr +hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge. + +Miss Lead hatte sich geirrt. Am naechsten Abend ging alles ueber Erwarten +gut. Der glaenzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft +brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze +Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schuelerin der ersten Klasse +gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht huebsch vor und erntete +wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte +die Achseln. "Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!" lautete ihr +kritischer Ausspruch. + +Die Auffuehrung des englischen Stueckes ging vorueber, glatt, reizlos und +langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch +einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stueckes mit +Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und +als der rote Vorhang in die Hoehe ging und die Maedchen sich dankend +verneigten, strahlte Miss Lead vor Stolz und Seligkeit. "_Very well_," rief +sie laut, "ihr habt eure Sache gut gemacht!" + +Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Auffuehrungen vorueber +waren, bildete das franzoesische Lustspiel den Schluss. + +"Wollen Sie es wirklich wagen?" wandte sich die englische Lehrerin in +wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fraeulein Guessow. "Schreckt Sie +der grosse Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate, +treten Sie zurueck! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der franzoesische +Flattersinn muss abfallen gegen die englische Gediegenheit." + +Trotz Miss Lead's Bedenken begann das franzoesische Stueck, und sie musste die +niederschlagende Erfahrung machen, dass es weit beifaelliger aufgenommen +wurde, als das englische. Die Gesellschaft amuesierte sich koestlich und kam +aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen, +so drollig und natuerlich spielte sie. + +"Sie ist _charmante, charmante_!" rief Monsieur Michael feurig, "ich habe +Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin +spricht und spielt sie!" + +"Sie spielt sich selbst!" entgegnete Doktor Althoff lachend, "aber ich +haette dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut." + +Einen kleinen Triumph sollte Miss Lead doch noch feiern, - Ilse verdarb die +Liebesszene am Schluss. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam +ihr das so komisch vor, dass sie in ein lautes Gelaechter ausbrach. + +"Wie schade!" rief Nellie halblaut. "Warum muss sie lachen? Sie war zu +nett, nun verderbt sie die Schluss." + +Doktor Althoff, der zufaellig in Nellies Naehe stand, hoerte ihren Ausruf. +"Trotzdem, Miss Nellie," entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr +Platz nehmend, "ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum +wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie wuerden gewiss +eine gute Schauspielerin sein." + +Nellie senkte die Augenlider. "O, Sie sind sehr guetig," sagte sie +befangen, "aber ich weiss nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab' nicht +Talent." + +"Das kaeme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer haette geglaubt, dass +sie eine so allerliebste Schauspielerin sein koenne!" + +"Nicht wahr?" stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, "sie +ist reizend und ich bin entzueckend ueber ihr!" + +Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen +ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als +sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch +von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glueckes - und diese? Ein +armes Wesen, das den muehevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte! + +"Nicht wahr, ist sie nicht reizend?" wiederholte Nellie und blickte +fragend auf. + +"Gewiss, gewiss!" gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem +Gegenstand ploetzlich abspringend, fragte er: "Woher haben Sie die +herrlichen Veilchen?" und deutete dabei auf einen Strauss, den sie in der +Hand hielt. "Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr." + +Sie hoerte nur, dass er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer grossen +Ueberlegung? "O nehmen Sie," sagte sie naiv und erroetete dabei, "bitte, es +macht mich grosser Freude!" + +"Nicht alle," entgegnete er laechelnd und zog einige Blumen aus dem Strauss, +den sie ihm gereicht, "so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafuer." + +Er erhob sich und verliess sie. Mit glaenzenden Augen sah sie ihm nach, sie +hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte. + +"Wie taktlos von dir!" redete Miss Lead, die ihren Platz dicht hinter +Nellie hatte, dieselbe an und riss sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen +Himmeln. "Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehoert. Schaemst du +dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?" + +Als ob ein eisiger Wind ploetzlich in eine kaum erschlossene Bluetenknospe +gefahren waere, so wurde Nellies kurze Freude zerstoert. + +"Habe ich ein Unrecht gemacht?" fragte sie geaengstigt. "O bitte, Miss, +sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich fuer unbescheiden +halten?" + +Dieser Gedanke peinigte sie sehr und uebergoss sie mit heisser Glut. Mit +wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin +Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei. + +"Jedenfalls wird er dich fuer sehr einfaeltig halten," erwiderte sie +unbarmherzig, "wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich +nennt." + +"O nein, nein!" rief Nellie beinahe entsetzt, "er wird nicht so hart von +sein Schueler denken!" + +"So, weisst du das so bestimmt?" quaelte Miss Lead sie weiter, "du bist kein +Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein +erwachsenes Maedchen darf niemals blindlings seinem Gefuehle folgen!" + +"Ich will bitten, dass er mir die Blumen wiedergiebt," sagte Nellie tief +beschaemt. + +"Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr blossstellen willst. Du +wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukuenftige +Gouvernante muss jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung +reiflich ueberlegen. Das merke dir!" + +Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre +froehliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heisse Thraene +tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres +Kummers. Sie brannten ihr foermlich in der Hand und am liebsten haette sie +dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den +ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Naehe kam, wich sie ihm +aengstlich aus. Es war ihr unmoeglich, ihm in das Auge zu blicken. Miss Lead +hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstoert. + +Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, sass Nellie ganz +gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. "Du bist so still," +fragte Ilse, "was hast du?" + +"O nichts, nichts!" erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer +traeumenden Stellung, "es ist gar nix!" + +Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie +vermochte es nicht, ueber ihren Kummer zu reden, und doch - was war es, das +trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen liess und wie ein +Fruehlingswehen durch ihre Seele zog? + + * * * + +Holunder und Maiblumen hatten ausgeblueht und die Rosen oeffneten ihre +duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den +Garten, und als sie im Gebuesch die Nachtigall schlagen hoerten, blieben sie +stehen und lauschten. + +"Wie suess!" rief Nellie, "komm, lass uns auf der Bank setzen und lauschen." + +Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche, +duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der +schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte +Stimmung in ihren jungen Herzen. + +"O Ilse," unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, "wie +bald gehst du fort und laesst mir allein zurueck! Ich bin sehr traurig, wenn +ich daran denke!" + +Auch Ilse war wehmuetig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu muessen, +machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrueckte mutig die weiche +Stimmung und versuchte, die Freundin zu troesten. "Es ist noch lange hin, +bis ich die Pension verlasse," sagte sie, "du weisst ja, dass meine Eltern +meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlaengerten. Noch acht Wochen +sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk' +einmal, acht volle Wochen!" + +Nellie schuettelte traurig den Kopf. "O nein, es ist nur sehr kurze Zeit," +erwiderte sie, "es sind auch nicht acht Wochen voll, du musst ordentlich +rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, - macht bis zu der erste +September vierundfuenfzig Tage - fehlt also zwei volle Tag an der achte +Woch -" + +Trotz ihres Kummers musste Ilse lachen. "Du liebe, suesse Nellie," rief sie +und kuesste diese herzlich auf den Mund, "du bist doch immer komisch, selbst +wenn du traurig bist! Weisst du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon +schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht fuer +immer auseinander! Du besuchst mich bald, - ja?" + +Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost +fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thraenen zu +unterdruecken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an +ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kaempften der Schmerz und die +Freude. Sie haette so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders +des kleinen Bruederchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetruebt, weil +der Abschied von Nellie dazwischen stand. - + +"Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!" + +Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Traeumenden +aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und +stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen. + +Ilse sprang auf und trat den andern Maedchen, die herbeigeeilt kamen, +entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thraenen und machte wieder ein +heitres Gesicht. + +"Wir haben euch ueberall gesucht," sagte Orla, "was macht ihr denn hier?" + +"Ich glaube wahrhaftig, ihr schwaermt im Mondenschein, Kinder," lispelte +Melanie, "ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr +geweint?" + +Grete musste sich hiervon genau ueberzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie +neugierig pruefend an. "Du hast geweint, Nellie - und du auch Ilse -" +behauptete sie entschieden. "Was habt ihr denn? Warum weint ihr?" + +"Um nix!" entgegnete Nellie aergerlich ueber die unzarte Grete. + +"Um nichts weint man doch nicht," fuhr dieselbe unbeirrt fort, "bitte, +sagt es doch, warum ihr geweint habt." + +"Lass deine zudringlichen Fragen," verwies sie Flora, "und wenn sie dir +sagen wuerden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzueckende +Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern +Herzen Wehmut und Thraenen entlockt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - wuerdest du das verstehen? Niemals! +Denn du hast keinen Sinn fuer die hoehere Sphaere - du bist zu prosaisch!" +Sie begleitete ihre Worte mit einem schwaermerischen Aufschlag ihrer +wasserblauen Augen. + +Floras hochtrabende Aeusserung stellte sofort die froehlichste Stimmung her. +Nellie vergass ihr Herzeleid darueber und sagte lachend: "O Flora, was fuer +ein zarter Seel' du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns +verstanden!" + +"Kinder!" unterbrach Orla die Sprechenden, "nun hoert auf mit euren +Albernheiten, ich habe euch eine hoechst wichtige Mitteilung zu machen!" + +Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf +Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedraengt hatte. + +"Nicht hier!" fuhr diese fort, "folgt mir unter die Linde!" + +"Unter die Linde?" fragte Annemie aengstlich. "Lass uns doch hier, es ist ja +schon dunkel unter dem alten, grossen Baum!" + +"Ja, und es ist schon spaet, wir muessen uns eilen," fiel die ebenfalls +furchtsame Flora ein. + +"Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora," gab Orla zurueck, "denn hoere +und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fraeulein Raimar auf +dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute +abend bis um zehn Uhr zu verlaengern!" + +"Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!" u. s. w. rief es durcheinander +und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft. + +"Also auf zur Linde!" kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein. + +Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort. +Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme +untereinander und sah schweigend auf die Maedchen herab, die einen dichten +Halbkreis um sie bildeten und mit hoechster Spannung auf sie blickten. + +"Meine lieben Freundinnen," hub sie an, da raschelte es ueber ihnen in den +Zweigen. Die Maedchen schraken zusammen. + +"Was war das?" fragte Annemie, "Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt +haette!" + +"Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!" sprach Melanie mit +bebenden Lippen. + +"Wie unheimlich ist es hier!" fiel Grete ein, "ich fuerchte mich!" + +"So ein Gespenst mit grosser Feuerauge und fliegender Haar," meinte Nellie +und stiess Ilse an, "o, es waere furchtbar!" + +Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. "Schaemt +euch!" rief sie den Zagenden zu, "seid ihr erwachsene Maedchen? Kann euch +eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurueck, wenn ihr euch +fuerchtet, fuer Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernuenftig sein?" + +"Ja, ja!" toente es zurueck, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug +doch den Sieg ueber die Furcht davon. + +"So hoert mich an! Hier an dieser Staette, unter dem Schutze unsrer +geliebten Linde lasst uns einen Bund schliessen, der uns in Freundschaft fuer +das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen +die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!" + +"In alle Winde!" wiederholte Flora halblaut. + +"Nun frage ich euch, soll uns dasselbe fuer immer trennen? Ich sage: nein! +wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre +Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen -" + +"Wie ein leerer Wahn verrauschen -" gab Flora als Echo zurueck. + +"Ruhig!" geboten die andern, "lass Orla sprechen!" + +"So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen +Augenblicke geloben, dass ihr heute in drei Jahren zurueckkehren wollt? Hier +unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes +Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?" + +"Ja!" rief es einstimmig und begeistert, "wir kommen!" + +"Schwoert einen Eid darauf!" + +Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle uebrigen folgten ihrem +Beispiele. Nur Rosi zoegerte. + +"Es koennten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmoeglich +machten," warf sie mit ihrer sanften Stimme ein. + +"Hindernisse, das heisst, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!" +erklaerte Orla. "In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch +einen ausfuehrlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwoert +auch das!" + +Wieder erhoben sich die Haende und diesmal zoegerte Rosi nicht, sich dem +Schwure anzuschliessen. + +"Nun haben wir uns fuer ewig verbunden!" nahm Orla wieder das Wort, "und +jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben +gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an +diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir +an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhaelt einen +solchen und traegt ihn bis zu ihrer Sterbestunde." + +"Bis zu ihrer Sterbestunde!" sprach Flora langsam und elegisch nach. + +Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzueckend gefunden und +mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze +heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung +ueberhaeuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine grosse Zukunft als +Rednerin, sie habe {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar reizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gesprochen. + +Alle befanden sich uebrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich +in die Arme, kuessten sich und versicherten sich gegenseitig der +zaertlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden koenne. + +Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete +ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen +hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das ruehrende +Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete +das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben, +spotte nicht ueber die glaeubigen Kinder. Weisst du nicht, dass es immer so +war und immer so sein wird? Die Traeume der Jugend gehoeren zur jungen +Brust, wie der Tau zur Rose. Enttaeuschung und Nuechternheit toeten frueh +genug diese Blueten der kurzen Maienzeit. + +"Orla," sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurueckkehrten, "auch ich +moechte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns +bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so +soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste +einzuladen." + +"Ja," stimmte Orla bei, "das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben +mit einem Handschlag besiegeln." + +Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Haende, verzogen auch keine +Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die +Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor. + +"Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch +mein Handschlag zu die Einladung," neckte Nellie. + +"Spotte nicht ueber so ernste Dinge," sprach Flora zuernend. "Wir sind nicht +aufgelegt zu deinen Scherzen." + +"O, ich scherz' gar nix, aber wie soll ein arm' haesslich Englaenderin mit +sehr viel Sommerspross' auf der Nas' ein Mann bekommen?" + +Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen +Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurueck. + +Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch: + +"Welch ein grosser, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran +denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreissend +gesprochen (Meine naechste Heldin Orla heissen!) Freundschaftsbuendnis! +Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzueckende Idee!) Handschlag darauf! +Wie heisst die Hochbeglueckte, die zuerst denselben loest? Schicksal, du +dunkles, lass mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt' ich? -" + +Sie legte die Feder nieder, schloss das Buch und verbarg es tief in ihrem +Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie +legte sich nieder und schlief ein. Traeumend sah sie sich im Brautkranz und +weissen Atlaskleide. + + * * * + +Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: "vierundfuenfzig Tage", waren +voruebergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze +Nacht nicht schlafen koennen vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten +Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war +ruehrend, wie beide Maedchen bemueht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre +Thraenen sich gegenseitig zu verbergen. + +Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf, +warf ihr Morgenkleid ueber und schlich an Ilses Bett. + +"Wachst du?" fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, "das +ist schoen, nun koennen wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben +Fuenf geschlagen." + +Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Haende, und als +sie aufblickte und Thraenen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit +ihrer kuenstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und +indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heissen +Thraenen. + +"O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein +anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!" + +Ilse hatte sich aufgerichtet und drueckte die Weinende innig an sich. Zu +sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh. + +"Wir sehen uns bald wieder," sprach sie endlich mit zitternder Stimme und +versuchte Nellie zu troesten. "Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen +Winter ueber wirst du bei uns bleiben." + +Nellie schuettelte unglaeubig den Kopf. "Das wird nix, ich werde nicht +Erlaubnis bekommen zu ein so lang' Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei, +dann heisst es: fort aus der Pension! Ich muss ein' Stell' annehmen und +Kinder Unterricht geben. Aber ich weiss noch nicht viel und muss sehr +fleissig lernen, Fraeulein Raimar sagt es alle Tage." + +"Aber die Michaelisferien darfst du gewiss bei uns zubringen. Meine Eltern +werden selbst an Fraeulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten, +sie wird es ihnen nicht abschlagen," entgegnete Ilse. + +"Es geht nicht, ich muss lernen!" + +Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. "Wenn du wirklich eine +Gouvernante werden musst, Nellie, so versprich mir fest, dass du all' deine +Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die +deinige sein." + +Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. "Du bist sehr gut, +Ilse, ich werde nie wieder ein Maedchen lieben wie dir. Vergiss mir nie! +Sieh dieser klein' silbern' Ring recht oft an und denk' dabei immer an +dein' Nellie, die in Einsamkeit zurueckgeblieben ist." + +"Nicht einsam," troestete Ilse, "sie haben dich alle so lieb im Institute." + +"Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd fuer +sie." + +"Nein, Nellie, du wirst Fraeulein Raimar und Fraeulein Guessow nie eine +Fremde sein!" entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. "Sie haben dich +furchtbar lieb!" + +"O ja, ich weiss; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie +verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm' Streich macht! +Denkst du noch an der Apfelbaum?" + +Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thraenen und rief ein +froehliches Laecheln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten +sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miss Lead in ihrem +wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und +die Angst, die sie ausgestanden! - "Und es war doch schoen!" rief Nellie +aus, "ich wuensche, dass wir noch einmal alles machen koennten!" + +"Wenn du nach Moosdorf kommst," sagte Ilse, "dann wollen wir in die Baeume +klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns +gefallen! Wir haben ein grosses, schoenes Wohnhaus mit Tuermchen und Soellern, +fast wie ein Schloss. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist +doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies +spazieren, und Hunde haben wir zum Entzuecken!" + +So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und +feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie fuer den +Augenblick ueber das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht +allzufernes Wiedersehen versuesste ihren herben Trennungsschmerz. - + +Wenige Stunden spaeter stand Ilse reisefertig vor Fraeulein Raimar und sagte +ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf +sie ein. + +"Es thut mir leid, dass dein Vater verhindert ist, dich abzuholen," sagte +sie, "nun musst du die weite Reise allein machen! Gern haette ich ihn auch +noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich +thun musste. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird +die fruehere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weisst du wohl noch, wie ungern +du damals zu uns kamst?" + +"Verzeihen Sie mir," bat Ilse unter Thraenen, "und vergessen Sie, wenn ich +Sie kraenkte!" + +"O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schuelerin geworden und +ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen, +liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik +und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem +Briefe," sie uebergab Ilse denselben, "dass er dir noch in einigen Faechern +Nachhilfe geben lassen moege, besonders moege er fuer einen tuechtigen Lehrer +im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest." + +Fraeulein Guessow trat ein und meldete, dass der Wagen vor der Thuere stehe, +sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn. + +"Leb wohl denn, mein Kind," sagte die Vorsteherin, "und wenn du einmal +Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurueck, +jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein." + +Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die +Scheidende und reichten ihr Blumenstraeusse. Natuerlich kuessten und herzten +sie sich unter Thraenen. + +"Vergiss uns nicht!" "Schreib bald!" "Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!" +so und aehnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg, +fluesterte Flora ihr zu: "Gedenke deines Schwurs!" + +"Die Blumen werden dir laestig sein unterwegs, Ilse," meinte Fraeulein +Guessow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, "lass sie +zurueck und nimm aus jedem Strausse nur einige Bluemchen mit." + +Aber welches junge Maedchen wuerde auf diesen vernuenftigen Vorschlag +eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauss ist gar keine richtige Abreise +nach heutigem Begriffe. Natuerlich schuettelte Ilse den Kopf und sah das +Fraeulein bittend an. "Ich moechte sie so gern alle mitnehmen," sagte sie. + +"Aber wie?" Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Koerbchen +herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein. + +Und nun zogen die Pferde an; noch ein "Lebewohl", ein letzter +Abschiedsblick, ein Gruessen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Staette, an +der sie eine glueckliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im +Wagen zurueck und weinte laut. + +Als die Damen am Bahnhofgebaeude anlangten, war der Zug soeben eingefahren. +Er hatte fuenfzehn Minuten Aufenthalt und Fraeulein Guessow hatte Zeit, ein +passendes Koupee fuer Ilse auszusuchen. + +"Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, "diese junge Dame faehrt +nach W." + +"Hier! hier!" rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, "hier +koennen junge, huebsche Damen Platz nehmen!" + +Das Fraeulein wandte den Kopf und blickte in ein froehliches +Studentenangesicht. Das Cereviskaeppchen sass ihm keck auf einem Ohre und +kaum geheilte "Schmisse" schmueckten Kinn und Wange. Hinter ihm standen +noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes. +Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Maedchen. + +"Entzueckend! Wunderbar! Fortuna mit dem Fuellhorne!" riefen sie den Damen +nach, die sich eilig entfernten. - Fraeulein Guessow ergriff unwillkuerlich +Ilses Hand, die hocherroetet war. + + [Illustration] + +"Wie unverschaemt!" sagte sie entruestet, "wie konnten sie das wagen! Ach +Ilse, ich bin in Sorge um dich!" - Und sie liess einen recht besorgten +Blick ueber das junge Maedchen hingleiten, das in seinem schottischen +Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Fluegel an der +Seite, ueberaus lieblich aussah. - "Du reistest noch niemals allein, und +jetzt musst du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich +abgeholt haette!" + +"Das war nicht moeglich!" entgegnete Ilse. "Er musste daheim bleiben, um +Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute +zu begruessen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, dass er +trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht aengstlich, es ist ja heller +Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, dass +ich mich nicht irren kann." + +"Lies mir das noch einmal vor," sagte Fraeulein Guessow. "Ich moechte dich +gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, koenntest indessen Ilses +Handgepaeck in das Koupee legen." + +Ilse nahm aus einem roten Ledertaeschchen, das sie an ihrem Guertel +befestigt an der Seite trug, einen Brief und las: + +"Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr +Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um +fuenf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten +Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit +hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, uebernachtest. + +"Am andern Mittag faehrst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich +sicher zur Bahn zu befoerdern und alles Noetige fuer deine Weiterreise zu +besorgen. + +"Vergiss nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus, +denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen." + +"Hast du das Bild?" fragte das Fraeulein, und als Ilse bejahte, gab sie +derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. "Ich weiss, du bist +verstaendig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren +und kennst die Welt und die Menschen nicht; - es giebt Leute, die gar zu +gern unsre ganzen Lebensverhaeltnisse herauslocken moechten und hoechst +geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie moeglich aus und sei +hoechst vorsichtig in deinen Aeusserungen. Fuer alle Faelle warne ich dich +aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefaelligkeit, wenn sie +dir ueberfluessig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt, +anzunehmen. Folge nur stets deiner zurueckhaltenden Natur, liebes Herz, +dann wirst du auch das Rechte thun." + +"Einsteigen!" rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen +Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles, +was sie an Liebe und Dankbarkeit fuer dieselbe empfand, stammelte sie in +zwei Worten muehsam hervor: "Dank - Dank -" + +"Leb' wohl denn, mein geliebtes Kind!" entgegnete diese und schloss ihr den +Mund mit einem innigen Kusse. + +Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick fuer Ilse. +"Behalt' mir lieb," bat sie kaum hoerbar und sah dabei so ungluecklich aus, +als ob das Glueck fuer immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest +umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, - dann riss sie sich +los und stieg ein. + +Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weissen Locken ein. +Sie war ganz ausser Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas aengstlich +und unbeholfen zu sein. Fraeulein Guessow war ihr beim Einsteigen behilflich +und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer grossen +Freude, dass die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete +die herzliche Bitte an dieselbe, dass sie das junge Maedchen unter ihren +Schutz nehmen moege. Mit groesster Liebenswuerdigkeit versprach dies die Dame. + +Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus +und gruesste mit dem Tuch die Zurueckbleibenden. - Schmerzlich bewegt blickte +Fraeulein Guessow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stueck von ihrem +Herzen mit sich naehme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und +Hingebung sich der Erziehung einer Schuelerin gewidmet, noch nie hatte sie +sich durch den gluecklichen Erfolg so belohnt gefuehlt. - Nun ging sie fort +und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde? + +"Komm," wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, "wir wollen +gehen!" Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach troestende +Worte zu ihr - und hatte doch selbst ein so tiefbetruebtes Herz. + + * * * + +Im Flug entfuehrte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so +verschiedenartigen Gefuehlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich +flossen ihre Thraenen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrueckt und die +liebliche Gegend, an der sie vorueberfuhr, die Berge, die ihr vertraute +Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruss von ihr. Ein +Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und +faerbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu +bringen. + +Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie stoerte sie nicht in +ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, dass Ilse ruhiger wurde, knuepfte sie +ein Gespraech mit ihr an. + +"Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind," sagte sie herzlich, "und +kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von +der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen +scheiden zu muessen, die man lieb gewonnen hat, - aber Kind, so gar +trostlos muessen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht fuer +das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es +ist wohl schoen in Ihrer Heimat?" + +Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter +Thraenen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzaehlen, ihre Gedanken +kehrten in das Elternhaus zurueck, und zum erstenmale dachte sie seit +laengerer Zeit mit ungetruebter Sehnsucht an dasselbe. + +"Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!" fuhr die Dame +fort, die grosses Wohlgefallen an dem jungen Maedchen fand. + +"O sehr, sehr!" entgegnete Ilse, "und besonders freue ich mich auf den +kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir, +darf ich es Ihnen zeigen?" + + [Illustration] + +Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, oeffnete dieselbe und nahm ein +Album daraus hervor. + +"Das ist er!" sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken +Buben, der im Hemdchen photographiert war. + +"Ein schoenes Kind!" bewunderte die Dame, "und ist das Ihre Mama, die den +Kleinen auf dem Schosse haelt?" + +Ilse bejahte. "Hier ist mein Papa," fuhr sie fort und holte sein Bild aus +dem Saffiantaeschchen. Was war natuerlicher, als dass sie bei dieser +Gelegenheit erzaehlte, dass ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle, +wenn Gontraus sie empfangen wuerden. + +"Gontrau?" fragte die alte Dame, "Landrat Gontrau? Das sind ja liebe +Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitaetsrat Lange, ist seit langen Jahren +Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die naechste Station von +Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres +Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr noetig; jetzt werde ich Sie +meinen Freunden zufuehren! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen +Aufenthalte!" + +Ilse war sehr erfreut ueber diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit +der liebenswuerdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit +Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee +oeffnete und hineinrief: "Station M.! Sie muessen aussteigen, meine Damen!" + +"Schon!" rief Ilse und griff nach ihren Sachen. + +Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepaeck zusammen. Es +geschah alles mit aengstlicher Hast, ihre Haende zitterten etwas in nervoeser +Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer +Hand. Das Schloss an derselben sprang auf und verschiedene kleine +Gegenstaende kollerten auf den Boden. + +"O Gott!" rief sie erschrocken, "was habe ich da gemacht!" - Sie wollte +sich buecken und liess eine Schachtel dabei fallen. + +"Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!" beruhigte sie Ilse. Schnell hatte +sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der +Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand, +steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloss dieselbe vorsichtig und +gab sie der geaengsteten Dame in die Hand. + +"So," sagte sie, "nehmen Sie das an sich, fuer Ihre uebrigen Sachen werde +ich Sorge tragen." + +Sie legte saemtliches Handgepaeck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus, +liess sich dasselbe von der Dame zureichen, uebergab es einem +bereitstehenden Packtraeger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die +hohen Stufen hinabsteigen. + +"Danke, danke, liebes Kind," sagte diese. "Wie umsichtig und verstaendig +Sie alles besorgen! Ich haette das bei Ihrer Jugend kaum erwartet." + +Ilse wunderte sich selbst darueber, wer weiss aber, ob ihre Selbstaendigkeit +sich so ploetzlich entwickelt haette, wenn die hilflose Art und Weise ihrer +Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert haette. - Ganz stolz hob sie den +Kopf bei diesem Lobe und wuenschte: wenn Fraeulein Guessow doch gleich +dasselbe hoeren koennte! Sie hatte so grosse Besorgnisse gehabt, und jetzt +war sie Beschuetzerin, anstatt dass sie beschuetzt wurde! - Es war wirklich +ein recht erhebendes Gefuehl fuer sie, leider nicht von langer Dauer! + +Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebaeude zuschritt, hoerte sie +laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein fluechtiger +Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz aengstlich ergriff +sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe +Sicherheit geschwunden und sie fuehlte sich recht eines Schutzes beduerftig. + +"Leb wohl - leb wohl - du suesse Maid! - Nur einen Abschiedsblick, reizendes +Lockenkoepfchen!" riefen die Uebermuetigen, und als der Zug schon im +Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie +fiel gerade zu ihren Fuessen. + +Ilse wandte sich ab, sie wusste vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie +den Blick wenden sollte. + +"Kannten Sie die jungen Herren?" fragte Frau Rat. - + +Ilse verneinte und erzaehlte, dass sie dieselben zum ersten Male bei ihrer +Abreise gesehen. + +"Ja, das ist lustiges Blut!" meinte Frau Rat. "Die ganze Welt gehoert ihnen +und man darf es ihnen nicht uebel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen +als andre. - Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?" + +Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schuettelte doch den Kopf. "Ich darf +nicht," sagte sie, und Fraeulein Guessows Worte: "keine Aufmerksamkeit von +einem Herrn anzunehmen," standen mahnend vor ihrer Seele. - Der Werfer +fuhr freilich auf und davon und niemals haette er erfahren, ob sie die Rose +nahm oder nicht, - trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit +und das eigne Bewusstsein waren die Waechter, die sie zurueckhielten. + +Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich ueber ihr +Taktgefuehl. "Sie haben recht, Kind," sagte sie, "und eigentlich beschaemen +Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen +hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir +leid um die unschuldige Rose." + +Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit +benuetzt, eine Korrespondenzkarte an Fraeulein Guessow zu schreiben. Als sie +schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar +einige Thraenen die frische Schrift; aber sie meldete, dass ihr die Reise +bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat waere eine zu +entzueckende Frau. + +Die Erwaehnte dachte ungefaehr ebenso von ihrer jungen Reisegefaehrtin. Sie +hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefasst. Ilse +war so ganz anders als all die jungen Maedchen ihrer Bekanntschaft. Sie +verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf +den klaren Grund sehen laesst. Wahr und offen und doch nicht geschwaetzig, +natuerlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie huebsch war die Kleine! - +Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre +braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie +traurig und thraenengefuellt, froehlich und schelmisch aufleuchten sah, und +deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als uebermuetige Studenten ihr +huldigen wollten. + +"Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und muessen uns trennen," +sagte Frau Rat. "Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb +gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie +in die Naehe von L. fuehren sollte." + +Ilse versprach das gern und gestand, dass auch ihr das Scheiden schwer +werde. Frau Rat haette so {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}himmlisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} verstanden, sie zu troesten. + +"Da sind wir schon!" rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster +hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken. +Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkoerben da, sie wollten +mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. - Ilse hatte auch hinausgeschaut +und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht +bange. + +"Ach!" seufzte sie, "was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier! +Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie +mich fuer die eine Nacht auf. Bitte, bitte!" + +"Wie gern thaete ich das, mein Kind; aber das waere gegen die Bestimmung +Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich +etwas verspaetet, Sie koennen es glauben. Was wuerden sie sagen, wenn +Fraeulein Ilse davongeflogen waere?" + +Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepaeck, auch die Blumen, die trotz +des haeufigen Besprengens mit frischem Wasser die Koepfchen traurig haengen +liessen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, - nun stand sie da und sah sich +hilflos nach beiden Seiten um. + +"Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind," beruhigte die +alte Dame, "es waere ja noch immer kein Unglueck, wenn Gontraus durch irgend +ein Missverstaendnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen +Sie einen Wagen im Stationsgebaeude und fahren nach Lindenhof hinaus. In +einer guten Stunde sind Sie dort, und dass Sie bei den lieben Menschen mit +offnen Armen empfangen werden, dafuer stehe ich ein." + +"Nein, nein! das thue ich nicht! Das wuerde ich nicht wagen!" rief Ilse +ganz erschrocken. "Ich weiss ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann +doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!" + +Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die +Oberlippe kraeuselte sich in verdaechtiger Weise. Frau Rat laechelte ueber den +jugendlichen Ungestuem. + +"Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie +kommen, kleine Ungeduldige," sprach sie scherzhaft. "Der Landrat ist ein +sehr guter Freund Ihres Vaters." + +Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch +niedergeschlagener. + +Als Frau Rat bemerkte, dass sie nur noch fuenf Minuten beisammen sein +wuerden, fuellten sich ihre Augen mit Thraenen. + +"Gehen Sie einmal schnell um das Gebaeude, dort koennen Sie die ganze +Chaussee ueberblicken, die nach dem Rittergute fuehrt. Vielleicht sehen Sie +den Wagen kommen." + +Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen oeffnete sie das +Saffiantaeschchen und nahm Papas Bild heraus. "Es ist zwar doch +vergeblich," dachte sie, "aber ich will es fuer alle Faelle in die Hand +nehmen." + + [Illustration] + +Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als +von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem, +elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend ueber den +Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spaehte forschend in +jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Zuege verklaerten +sich, - der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. "Leo! +Leo!" rief sie ihn an, "komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst +sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren - sie ist ein reizendes, junges +Maedchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus +gegangen!" + +"Was fuer eine Waldblume meinst du, Tante Rat?" fragte der junge Mann etwas +erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr +schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. "Von wem sprichst +du?" + +"Von ihr - von ihr!" rief sie zurueck. "Von Ilse, die ihr erwartet," wollte +sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das +betaeubende Laeuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie +nervoes und verwirrte sie, es kam noch hinzu, dass der junge Mann ihren +Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie +zu verlassen. + +"Ich muss dich verlassen, Tante!" sagte er denn auch, "ich muss mich nach +einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte -" + +"Sie ist es! Sie ist es!" rief sie lebhaft, aber er hoerte ihre Worte nicht +mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang. + +"Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt - und ist dasselbe vielleicht +hier ausgestiegen?" fragte er einen Schaffner. + +"Nein!" antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf, +denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung. + +Als Frau Rat an ihm vorueberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider +vergeblich, er verstand sie nicht. + +Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der +Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, dass er sofort bei Ilses +Ankunft telegraphieren moege, ob sie gluecklich angekommen sei. Was sollte +er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres uebrig, als eine Depesche +abzusenden mit den Worten: "Nicht angekommen!" + +Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel +sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn +auf und las die Aufschrift auf dem geoeffneten Kouvert. Nicht wenig +erstaunte er, als er die Adresse las: "Fraeulein Ilse Macket," - sonderbar! +Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch +muss es angekommen sein! + +"Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?" wandte er sich an eine +Frau, die einen kleinen Obststand in der Naehe hatte. + +"Gesehen habe ich es gerade nicht," meinte die, "aber ein junges Fraeulein +mit Locken hat ihn gewiss mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, dass sie +etwas herausnahm. Die dort war es," unterbrach sie sich ploetzlich und +zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der +entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr. + +Ihre alte Freundin gruesste noch einmal zaertlich zum Fenster hinaus, machte +auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu +Leo hinueber, - Ilse verstand nichts von allem. + +Hoechst ungluecklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre +einzige Bekannte hier in die Ferne fuehrte. "Nun bin ich verlassen!" sprach +sie fuer sich, "was soll ich nun anfangen!" Es war merkwuerdig, wie ihre +mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. - Wie recht hatte +Fraeulein Guessow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht +vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten haette sie wie ein +kleines Kind angefangen zu weinen, sie schaemte sich nur vor dem jungen, +blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie +neugierig beobachtete. + +Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie ploetzlich eilige Schritte +auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: "Gnaediges Fraeulein, ich bitte +um einen Augenblick!" + +Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge fluechtig die Gestalt eines jungen +Mannes streifte, erfasste sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr +- warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine +Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhoeren! - Als ob sie nichts +gehoert habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, dass sie verfolgt +wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst +und Aufregung! + +"Sie haben etwas verloren, gnaediges Fraeulein, wollen Sie nicht die Guete +haben, mir einen Augenblick Gehoer zu schenken!" rief er dringend. + +Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er +benuetzte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten, +spoettischen Laecheln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so aengstlich +und bloede vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische +Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrueckte, als er in das +liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in +aengstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie eine Waldblume{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} hatte +Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wusste er, wen sie damit gemeint. + +"Ich fand diesen Brief dort," sprach er, "gehoert er vielleicht Ihnen?" + +Ein fluechtiger Blick belehrte Ilse, dass er den Brief ihres Papas in der +Hand hielt. "Ja," sagte sie, ziemlich beschaemt ueber ihr albernes +Davonlaufen, "er gehoert mir." - Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen +Mann anzusehen. + +"Ich danke Ihnen," fuegte sie noch hinzu und wollte mit einer schuechternen +Verbeugung weitergehen. + +"Und war die Adresse an Sie gerichtet?" fragte er weiter, so dass sie +zoegernd still stand. + +Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er ploetzlich erfreut und +lachend zugleich: "Sie - Sie sind Fraeulein Ilse Macket! ich sehe die +Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spass!" + +Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das +huebsche, von der Sonne etwas gebraeunte Gesicht des jungen Gontrau. + +"Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen," entschuldigte er sich, "aber +Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklaerung gegeben habe. - +Zuvor erlauben Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau." +- Er hob den weichen Filzhut ab und begruesste sie in liebenswuerdiger, +ehrerbietiger Weise. + +"Gontrau!" rief Ilse strahlend vor Freude, "ist's wahr, Gontrau? Aber Sie +sind doch nicht - doch nicht -" + +"Der Landrat?" ergaenzte er ihre Frage. "Nein, der bin ich nicht, nur sein +Sohn." + +"Ich war recht einfaeltig, dass ich Ihnen davonlief," sprach sie erroetend, +"aber ich wusste nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie fuer einen fremden +Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich +geaengstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind +kam ich mir vor, das nicht weiss woher und wohin. Nun bin ich froh, +furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?" ploetzlich fiel es ihr ein, dass +dieselben nicht anwesend waren. "Bitte, fuehren Sie mich zu ihnen." + +"Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begruessen," +entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzueckte. "Meinem +Vater ist ein kleiner Unfall zugestossen. In dem Augenblick, als er den +Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuss und +zwar so boese, dass er zurueckbleiben musste. Die Mutter konnte zu ihrem +Kummer nun auch nicht fort, sie musste dem Vater behilflich sein. Dieser +Unfall ist denn auch an meiner Verspaetung schuld, die ich von ganzem +Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet +hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} in Empfang nehmen zu +koennen! Ja, ja, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," wiederholte er und amuesierte sich ueber ihr +verwundertes Gesicht. "Ihr Herr Papa traegt die Schuld an dem Irrtum, in +dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kleinen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, oder von {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}seinem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das er allein und schutzlos die weite +Reise machen lassen muesse, er fuerchtete, dass dem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Maedchen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das +die Pension verliess, etwas zustossen koenne. Natuerlich erwarteten wir nun +auch ein Kind, so ein halberwachsenes Maedchen von zwoelf, hoechstens +dreizehn Jahren." + +"Nein, aber der Papa!" rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei +wie gewoehnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm, +dass der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. "Papa ist zu +komisch! Er haelt mich noch immer fuer die halberwachsene Ilse! Wie wird er +sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein +Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!" + +"Bewahre!" stimmte der Assessor ihr bei, "mit siebzehn Jahren ist ein +junges Maedchen eine vollendete Dame." + +Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes +Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die +"vollendete" Dame. + +Nur ihr Handgepaeck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon +in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher +eben hinein. + +"Die vielen Straeusse!" bemerkte Leo Gontrau und diesmal laechelte er +wirklich etwas. "Der Korb muss Ihnen doch eine Last gewesen sein?" + +"O nein, nein!" sprach sie eifrig dagegen, "es sind ja lauter +Abschiedsgruesse von meinen Freundinnen!" + +"So viele Freundinnen!" meinte er und sah in den Korb. + +"Es sind sieben Straeusse," belehrte ihn Ilse, die naemlich glaubte, er wolle +dieselben zaehlen. + +"Sie waren schoen," meinte er, "jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser +Rosenstrauss mit der Vergissmeinnichteinfassung ist noch frisch." + +Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche +Ruehrung ueberkam sie, als sie der Geberin gedachte. + +"Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin," sagte sie innig - "von Nellie +Grey." + +"Nellie Grey?" fragte er. "Wohl eine Englaenderin? Ist sie huebsch und +liebenswuerdig?" setzte er scherzend hinzu. + +"Sie ist reizend!" rief Ilse und geriet foermlich in Feuer, als sie von der +Freundin erzaehlte. + +Er hoerte ihr stillschweigend zu und amuesierte sich ueber die Begeisterung, +mit der sie lobte, und besonders ueber die ueberschwenglichen Ausdruecke, die +dabei ihren Lippen entschluepften. Sie wusste es gar nicht, wie sehr sie +sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als: +furchtbar reizend! himmlisch! entzueckend! suess! u. s. w. u. s. w. ihr +ebenso gelaeufig waren als Melanie und den uebrigen Backfischen. + +"Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebaeude eine kleine Erfrischung +einnehmen?" fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu fuehren. + +Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern +angenommen haette. Sie war naemlich hungrig und ihr Magen trug rechtes +Verlangen nach einem kraeftigen Imbiss. Eine vollendete Dame aber durfte den +Hunger nicht merken lassen, es waere doch geradezu kindisch gewesen. + +"Es ist kuehl," bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, "und mein +Auftrag lautet: Huelle {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}das Kind{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gut ein, damit es sich nicht erkaeltet in +der halboffenen Chaise." Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit +lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre +Fuesse. + +Sie liess es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt ueber die leeren +Felder; sie lachte sogar ueber seine Fuersorge; aber hinterher kamen die +Bedenken. War es recht, dass sie sich von ihm einhuellen liess? War es nicht +eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Wuerde Fraeulein Guessow ihr +Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben wuerde, wie +sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen haette! Sie +konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr. + +Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches +Lachen ihres Nachbars. Natuerlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken +in Verbindung. + +"Lachen Sie ueber mich?" fragte sie beinahe aengstlich. + +"Nein, nein!" entgegnete er, "wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie wuerde +ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an +meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die +Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als +ich fortfuhr." + +"Was sagte sie?" fragte Ilse und sah ihn neugierig an. + +"Vergiss ja nicht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die +Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube," unterbrach er sich und griff +in die Seitentasche, "sie sprach auch von einem Stueck Kuchen. Richtig!" +rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, "da ist er! Darf ich +es wagen, gnaediges Fraeulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?" + +Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. "Warum nicht?" entgegnete +sie unbefangen und griff zu. "Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen +esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu +sehen bekommen, Fraeulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom +vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar oede Ansicht?" + +"Ja, eine furchtbar oede Ansicht!" wiederholte er mit ganz ernsthaftem +Gesicht, "ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu +leben!" + +"Manchmal," erzaehlte sie, "liessen wir uns heimlich ein Stueckchen holen, +ueber Mittag, wenn das Fraeulein schlief." + +"So, so!" lachte er, "das sind ja schoene Geschichten, das muss ich sagen!" + +"Wir thaten es nicht oft," entschuldigte sich Ilse, "nur dann und wann, +wenn wir gar zu grossen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?" + +"Dass Sie den Kuchen assen, finde ich durchaus nicht unrecht," neckte er +sie, "aber dass Sie ihn heimlich holen liessen, gefaellt mir nicht. Warum +fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?" + +"Sie sind aber klassisch!" rief Ilse, "dann haetten wir es doch nicht +gedurft! Es war doch nichts Boeses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses +Vergnuegen, Fraeulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob +wir Kuchen assen oder nicht." + +"Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!" tadelte er sie lachend, "ob +Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre +Gruende, weshalb sie Ihnen den Genuss des Kuchens verbot. Nummer I: Sie +handelten gegen ihren Willen - folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie +thaten es heimlich - das erschwert das Vergehen!" + +Sie lachte hoechst vergnuegt. "Herrgott, sind Sie aber pedantisch!" + +"Ich bin Jurist, gnaediges Fraeulein, und gehe jeder Sache auf den Grund." + +"Jurist!" wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas misstrauisch an. +"Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus." + +"Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?" + +Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie haette ihm keine andre +Antwort daraus geben koennen, als dass die Juristen, die oefters auf Moosdorf +zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die +gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schoen waren sie nicht. Sie sah +ihn an und schuettelte unglaeubig den Kopf. "Sie sind nicht Jurist," +widerstritt sie. + +"Nun, ich bin doch neugierig, wofuer Sie mich halten," fragte er hoechst +amuesiert, "jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!" + +"Sie sind Kuenstler - vielleicht Musiker - oder Maler?" + +Er lachte laut. "Musiker!" rief er, "ich ein Musiker! Wenn Sie wuessten, +gnaediges Fraeulein, welch ein grosses Wort Sie gelassen aussprachen! Ich +verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir +leid, dass ich Ihre fuer mich so schmeichelhafte Illusion zerstoeren muss, +indes was kann es helfen! Ich muss mich Ihnen leider als ein ganz +gewoehnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist. +Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind +Sie nun ueberzeugt?" + +"Also kein Kuenstler, ach, wie schade!" sprach Ilse bedauernd. "Es muessen +doch reizende Menschen sein!" + +"Nicht immer," wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven +Anschauungen zerstoeren? Sie war noch so jung und sah so glaeubig aus. + +"Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?" brach er das Gespraech ab, "die +Wetterfahne darauf glaenzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von +Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort." + +Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell +auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das +erwachsene Maedchen dafuer ausstieg und Leo den Irrtum erklaerte, nahm sie +dasselbe lachend in den Arm. + +"Ob gross, ob klein," sagte sie mit Waerme, "Sie sind mir von Herzen +willkommen!" + +Und sie fuehrte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat +befand. Er sass in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem +jungen Maedchen beide Haende entgegen. + +"Das ist eine kostbare Ueberraschung!" rief er aus, "eine kostbare +Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund +Macket mit Absicht getaeuscht?" + +Ilse lachte und zeigte die weissen Zaehne. + +"Wie Sie dem Papa aehnlich sehen!" fuhr er lebhaft fort, "derselbe Mund, +die Zaehne, das Kinn, es ist auffallend!" Er schob die Lampe naeher zu ihr, +damit er sie noch besser betrachten koenne. "Das Haar haben Sie von der +Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heisst nur in Farbe und Schnitt. +Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verraet nicht das sanfte +Taubengemuet der seligen Mama. Koennen Sie zornig blicken?" fragte er +scherzend. + +"Aber lieber Mann," unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, "erst stellst du +ein peinliches Examen mit dem Aeusseren unsres lieben Gastes an, nun gehst +du auch noch auf die Charaktereigenschaften ueber! - Kommen Sie, liebes +Kind, ich will Sie erloesen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer fuehren, damit Sie +sich von der langen Reise etwas erfrischen koennen. Ich habe Sie dicht +neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe +hoeher, und ich dachte, die Kleine fuerchte sich, allein dort zu schlafen." + +"O wie reizend!" rief Ilse kindlich erfreut und verriet, dass sie im Punkte +der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand. + +"Leo," redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen +hatten, "ist sie nicht ein reizendes Kind?" + +Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektuere, wenigstens +musste der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort +erhielt. + +"Ja, ja," gab er gleichgueltig zur Antwort, "sie ist ein ganz netter, +kleiner Backfisch!" + +"Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck fuer ein so liebliches Wesen! Hast +du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Backfisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, mehr als du dir traeumen laesst! Ein Blick und ich weiss +Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir ueber!" + +Leo gab keine Antwort darauf und las andaechtig weiter. + +Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte +und erzaehlte ganz ohne Scheu. Sie fuehlte sich heimisch bei den lieben +Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen +Scherz. + +"Bleiben Sie einige Tage hier," redete er ihr zu, "die Zeit ist so kurz +bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, dass wir Sie hier +behielten, sie werden nicht boese darueber sein." + +Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinueber, der fast wie eine Bitte +aussah, auch erbot er sich, ganz frueh am andern Morgen nach dem +Stationsgebaeude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau +unterstuetzte die Bitte ihres Mannes mit grosser Waerme. + +"Es waere eine grosse Freude fuer uns, wenn Sie blieben," sagte sie, "es +fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glueckliche +Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!" + +"Bitte, bitte, quaelen Sie mich nicht," bat Ilse, "ich kann nicht bleiben! +Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefaellt! Meine Eltern +erwarten mich morgen und ich habe auch grosse Sehnsucht nach ihnen und auf +den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiss noch gar nicht, dass +er eine grosse Schwester hat!" + +Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und +natuerlich. + +Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurueck und klopfte ihr leicht +die Wange. + +"Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluss nicht zu aendern. Wir +wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen +Sie uns bald auf laengere Zeit, Leo verlaesst uns in einigen Wochen und dann +ist es einsam in unsrem grossen Hause." + +"Daraus wird doch nichts!" erklaerte der Landrat. "Ich kenne meinen Freund +Macket und weiss, dass er so bald sein Toechterchen nicht wieder fortgiebt. +Halt, da faellt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet +der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll. +Ich nehme die Einladung an fuer uns, Punktum! Aber ich knuepfe die Bedingung +daran, dass er Sie mit uns zurueckreisen laesst." + +Ilse jubelte vor Vergnuegen, "das waer' zu - zu himmlisch!" rief sie aus. +"Aber Sie muessen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf." + +Mit einem kraeftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen. + +"Ein Handschlag galt bei uns in der Pension fuer den hoechsten Eid," sagte +sie mit einem ernsten Kindergesicht, "dagegen handeln heisst meineidig +sein. - Sie werden doch mitkommen?" wandte sie sich an Leo. + +"Natuerlich," entgegnete er freudig, "der feierliche Eid gilt auch fuer +mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?" + +"O nein," entgegnete sie leicht erroetend, "ich glaube Ihnen schon auf Ihr +Wort." + +Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. "Sie werden muede und +abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindruecken, liebe +Ilse." + +"Ich empfinde gar keine Muedigkeit," entgegnete diese, "und koennte noch +lange aufbleiben!" + +Sie haette es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer +gefunden haette! Wie gerne haette sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre +Reiseerlebnisse erzaehlt! + +Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Fruehstueck ruestete sich Ilse zur +Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thuere, sie +hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt. + +"Wollen Sie denn die welken Straeusse wirklich wieder mit sich nehmen?" +fragte Assessor Gontrau. + +Ilse blickte auf den Korb und stand unschluessig da. "Freilich," sagte sie +betruebt, "sie sehen traurig aus, meine lieben, schoenen Blumen, nun sind +sie alle welk!" + +"Wissen Sie was, Fraeulein Ilse," riet der Assessor heiter, "wir wollen ein +Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie +bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift traegt: +Diese Urne birgt die Asche der Blumenstraeusse meiner geliebten sieben +Freundinnen in der Pension. - Wie gefaellt Ihnen diese Idee?" + +"O, Sie sind abscheulich!" rief sie. "Sie wollen sich ueber mich lustig +machen? Trotzdem," fuegte sie echt logisch hinzu, "gefaellt mir das +Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel +Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen +aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!" + +Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause +zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf. + +Ein Strauss nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an +die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. "Halten Sie ein!" rief sie, +"der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre +ich bis zu meinem Tode auf!" + +"Mit in das Grab," fuegte er neckend hinzu. + +Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte, +erschien jetzt fertig angekleidet in der Thuere und mahnte zum Aufbruch. + +Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne waere er +mitgefahren und musste nun des boesen Fusses wegen zurueckbleiben. Es war eine +rechte Geduldsprobe fuer ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an +seinen Schwur. "Sie muessen kommen!" war ihr letztes Wort. + +"Es bleibt dabei!" rief er ihr nach, "der Schwur gilt!" + +Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, ueberreichte ihr Leo ein +kostbares Rosenboukett. + +"Die Blumen sind aus der Asche erstiegen," sprach er, "Sie werden +dieselben nicht verschmaehen," fuegte er hinzu, als sie vor Ueberraschung +vergass, dieselben in Empfang zu nehmen. + +"O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswuerdig! Sie glauben nicht, wie ich +mich freue!" Mit holdem Erroeten reichte sie ihm die Hand. "Ich danke Ihnen +tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schoen wie diese sah ich +noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!" Und sie +konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte +noch einige Male: "ich freue mich zu sehr!" + +Leo laechelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie +entzueckt ueber die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken +verstand. + +Die Stunden vergehen schnell, besonders die gluecklichen. Die Fahrt bis zum +Bahnhof war geschwunden, Ilse wusste nicht wie. Jetzt sass sie im Dampfwagen +und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie +flogen voraus und traeumten vom Wiedersehen - und sie kehrten zurueck und +fuehrten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen! +Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand +gekuesst und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am +Ende haette sie ihm die Hand entziehen muessen? - "Ach," seufzte sie laut, +zum Glueck war sie allein im Koupee, "ach! Es ist doch zu oede, wenn man gar +nicht weiss, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt ueber +mich!" Sie erroetete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf +den Rosenstrauss, und wie sie den suessen Duft desselben einatmete, stand +ploetzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefuehl ueberkam sie, +aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurueck. Sie legte den Strauss +aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie +wollte es nicht! + +Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen, +dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere +Stoppelfelder, das war langweilig. + +Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein +Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Haende, das Nellie ihr +hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht +daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im +Begriffe, das Buch zu oeffnen, fiel ihr etwas ein. "Halt," sagte sie fuer +sich, "jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat." +Sie schlug drei Kreuze ueber das Buch und sah gen Himmel dabei, dann +oeffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hiess: + + "Helft mir, ihr Schwestern, Kraenze zu winden -" + +"Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!" rief sie, "also noch einmal!" +Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrueckt, +dann wieder die drei ueblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich +geoeffnet - und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage. + +"Sonderbar! furchtbar sonderbar!" dachte sie sinnend und einen Augenblick +war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber +siegte ihre gesunde Vernunft. + +"Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!" Mit +diesem vernuenftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und +vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich +ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus +den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie +schwanden von selbst, je naeher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch +beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene +Ortschaften, die in der Naehe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den +Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen +flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron +standen, um sie in Empfang zu nehmen. + +Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den +geliebten Eltern zurueckkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht +geschildert, sondern muss empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres +Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glueck, wieder daheim zu +sein. + + [Illustration] + +"Bist du gross geworden!" rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit +stolzer Freude; "ich haette dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst +du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!" + +Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen +an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht +begruesst, die mit Thraenen im Auge daneben stand und ihr die Arme +entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig. + +"Meine liebe Mama!" das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket +verstand sie, innig drueckte sie ihr Kind an sich, sie wusste, dass sie jetzt +sein Herz fuer immer gewonnen hatte. + +"Hier ist noch jemand, der dich begruessen will, Kleines," unterbrach der +Oberamtmann die kleine ruehrende Szene, die ihn selbst schon ganz +weichmuetig machte, "sieh, Onkel Curt, beruehmter Maler und Afrikareisender, +moechte gern deine Bekanntschaft machen!" + +Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Kuenstler +gegenueber. Ob sie ihn "reizend" fand? - Als sie ihn ansah, den +mittelgrossen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr +bequem als elegant sass, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun +gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da draengte sich +unwillkuerlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. "Die Juristen +gefallen mir doch besser als die Kuenstler," - so meinte sie still in ihrem +Herzen. + +Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begruesst. Zur +besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller, +ausgelassener Freude seine Herrin begruesste. Johann vergass dabei seine +Empfangsrede, die er sich muehsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er +seine Muetze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern. + +"Da ist der Hund, Fraeulein Ilschen," sagte er. "Das unvernuenftige Vieh hat +das Fraeulein gewissermassen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das +Fraeulein gewissermassen schoen und stattlich geworden sind, wie ein +Kuerassier." - Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz +aussergewoehnlichen Gelegenheiten, er galt fuer ihn als hoechster Ausdruck des +Vollkommnen. + +Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand. + +"Es ist gut, Johann," sagte der Oberamtmann, "du hast eine schoene Rede +gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tuechtig zugreifen, in +einer halben Stunde muessen wir in Moosdorf sein." + +Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kraenze, Blumen, sogar +eine Ehrenpforte mit einem maechtigen "Willkommen!" begruessten die +heimkehrende Tochter. - Aber sie hatte nur einen fluechtigen Blick fuer alle +Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie musste +zuerst das Bruederchen sehen. + +Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben +entgegen. + +"Du suesser, suesser Junge!" rief Ilse im hoechsten Entzuecken und der praechtige +Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen. + +"Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?" Gluecklich laechelnd reichte +die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und +kuesste und herzte ihn, bis er zu weinen anfing. + +Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. "War ich zu wild, Mama?" +fragte Ilse bedauernd, "sei mir nicht boese darum! Ich freue mich ja zu +furchtbar ueber ihn! - Was er fuer dicke Aermchen hat," fuhr sie zaertlich +fort und kuesste dieselben. "Ach, und die lieben, schoenen Guckaeuglein +schwimmen in Thraenen! Daran ist nur die boese, boese Schwester schuld, mein +kleines Herz!" + +So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so gluecklich wie ein Kind am +Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begruesst. Sie mochte sich gar +nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Waerterin +uebergab. + +"Nun ist es genug, Kind," scherzte Frau Anne, "du verwoehnst mir sonst den +Jungen, auch vergisst du uns andre darueber. Sieh! Papa und der Onkel stehen +schon wartend da, sie wuenschen, dass du sie in das Speisezimmer hinueber +begleitest. Oder moechtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?" + +Sie ergriff Ilses Arm und fuehrte sie in die obere Etage, die beiden Herren +folgten ihnen, und Ilse musste darueber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb +sie es thaten. + +Es war eine grossartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr +Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thuere stehen. Sie erkannte die +frueheren Raeume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im +altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis +auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schraenkchen +stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt. + +Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kuehnsten +Wuensche erfuellt. - Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch. +"O, Papa," sagte sie schuechtern, "das ist zu schoen fuer mich, ich kann ja +noch gar nicht malen." + +"Bedanke dich bei dem Onkel dafuer, er ist der Anstifter davon!" entgegnete +der Oberamtmann. "Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heisst: +solange der Wandervogel bei uns aushalten wird." + +Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie musste es fast +heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen. +Johann hatte auf diesen Augenblick laengst gewartet und stand schon bereit, +das Fraeulein zu fuehren. + +Zuerst musste sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde +durch saemtliche andre Staelle gemacht, alle Kuehe, Hunde u. s. w. begruesst +hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen +Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf. + +"Schade, schade," meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht, +"ich haette dem Fraeulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist +gewissermassen schoen drin, man koennte selbst drin wohnen." + +"Morgen, Johann," entgegnete Ilse, "heute habe ich keine Zeit mehr dazu, +ich muss zu den Eltern." + +Kopfschuettelnd blickte der Kutscher ihr nach. "Frueher haette sie das nicht +gesagt," sprach er fuer sich und bedenklich setzte er hinzu: "Sollte sie +vornehm geworden sein?" + +Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer sass, um zur Ruhe +zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag +war so reich an wechselvollen und freudigen Eindruecken gewesen, was lag +nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie +wirklich erst heute frueh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst +gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon +so weit hinter ihr zu liegen. - + +Es war so suess, mit wachen Augen noch etwas zu traeumen, und sie mochte noch +nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geoeffneten Reisekoffer +und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen +herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu raeumen, dabei +musste sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig +sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute, +geduldige Nellie! Waere sie doch gleich bei ihr! + +Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der +Hand. Was es enthielt, waren nur weisse Blaetter, denn nie hatte sie das +Beduerfnis gefuehlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung +schloss sie es auf und legte es geoeffnet auf den Schreibtisch. Sie griff +nach der Feder, tauchte sie ein und ploetzlich - wie von einer inneren +Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: "Seit ich ihn gesehen -" + +Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide +Haende vor ihr heissergluehtes Gesicht. Eine tiefe Beschaemung presste ihr die +Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte +diktiert? + +Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloss sie +das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches. +Fort mit den thoerichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur +Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen - +niemals! - + +Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fuehlte sich +so gluecklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen +hatte sie ihre Zeit nuetzlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der +Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen +Faechern. Er war ueberrascht ueber die Fortschritte seiner frueheren +Schuelerin, besonders aber freute er sich ueber ihren Ernst, ihre +Bestaendigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension +einen Segen fuer Ilse genannt. + +Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine +liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung +hatte sie vor Jahr und Tag kaum fuer moeglich gehalten. An Ilses gutem +Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war ueberrascht von der +geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der +Amtsrat konnte sich noch nicht in sein veraendertes Kind finden. Manchmal +sah er es pruefend von der Seite an, als ob er fragen wollte: "Ist sie es, +oder ist sie es nicht?" + +"Ich weiss nicht," sagte er eines Tages zu seiner Gattin, "Ilse ist mir zu +zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbaendiges Kind mit +dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen +Anzuge." + +"Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard," lachte +Frau Anne, "sie ist kein Kind mehr und du musst dich daran gewoehnen, sie +nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und +ausgelassen wie frueher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zuegeln. Ich +bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Toechterchen." + +"Du magst ja recht haben," entgegnete Herr Macket, ohne indes von der +Wahrheit ihrer Worte ueberzeugt zu sein, "und mit der Zeit werde ich mich +auch an das erwachsene Maedchen gewoehnen, aber ich glaube, es wird noch +mancher Tag darueber hingehn." + +"Wer weiss! Wer weiss! Ilse reisst dich vielleicht, ehe du es denkst, aus +deiner Taeuschung und giebt dir den Beweis, dass sie kein Kind mehr ist." + +"Ich verstehe dich nicht, liebe Anne," sagte der Oberamtmann und sah seine +Frau fragend an, "du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig." + +"Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, dass ich mich taeusche. +Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgueltig geblieben." + +Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Moeglichkeit zu +fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn +gekommen. + +"Du irrst, Anne," sprach er endlich, "das ist geradezu unmoeglich. Oder," +fuegte er besorgt hinzu, "hat sie dir etwa ein Gestaendnis abgelegt?" + +"Behuete Gott," wehrte Frau Anne ab, "wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie +eine Sinnpflanze, die ihre Blaetter schliesst bei der leisesten Beruehrung. +Noch weiss und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefuehlen, in ihrer +kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht +gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei +dem Sohne, von dem sie ausfuehrlich jede Kleinigkeit erzaehlt. Du muesstest +sie hoeren, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzaehlt, +und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen." + +"Nun ja," fiel er ihr ins Wort, "das war romantisch! Du bist eine so kluge +Frau, mein Annchen, weisst du denn nicht, dass alle Backfischchen gern +schwaermen?" + +"Hoere nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem +Stegreife, ob ich den Namen {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Leo{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} schoen faende, und ob Juristen kluge +Menschen waeren? Den Rosenstrauss, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat +sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward +sie fast aergerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die +vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische +steht." + +"Ist das alles, was du weisst?" lachte der Oberamtmann vergnuegt und auch +sehr erleichtert, "dann muss ich dir sagen, liebes Kind, dass deine +Beobachtungen auf sehr wacklichen Fuessen stehen. Ich kenne meinen Wildfang +besser und weiss, dass er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen +verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, dass ich dich auslache, aber ich +kann nicht anders!" + +Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stoeren und brach das +Gespraech ab. "Was kommen soll, kommt doch," dachte sie, "und wer kann +sagen, wie bald!" - Wenige Tage nach diesem Gespraeche fand das Erntefest +statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem +grossen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten +Tafel, die festlich geschmueckt und zum Empfange vieler Gaeste bereit stand. +Ilse beschaeftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu fuellen. Es war ihr +so vergnuegt und froh um das Herz und singend und traellernd verrichtete sie +ihre Arbeit. + +"Mama," unterbrach sie sich ploetzlich, "weisst du, dass ich eigentlich recht +betruebt heute bin?" + +"Nein," entgegnete die Angeredete laechelnd, "davon habe ich noch nichts +gemerkt. Weshalb wolltest du auch betruebt sein?" + +"Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem +Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute +sind es sechs Tage, dass ich ihr schrieb." + +"Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst +daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der +Vorsteherin abschlaegige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute +unangemeldet ueberraschen?" + +"Das waere famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier - dann waeren alle +meine Wuensche erfuellt! Aber daran ist nicht zu denken, Fraeulein Raimar +erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muss immer lernen und immer lernen. Ach +Mama! Es muss furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden! +Findest du nicht auch?" + +Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich. +Sie blieb dabei, Gouvernanten koennten nur alte Maedchen werden und ihre +Nellie passe gar nicht dazu. + +Plaudernd und singend hatte Ilse endlich saemtliche Vasen gefuellt und auf +der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die +Mutter sie antrieb, sich anzukleiden. + +"Es ist hohe Zeit, Ilse, wir muessen uns eilen, in einer Stunde wird Papa +mit Gontraus zurueck sein." + +Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie +indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief +ueberbrachte, den der Brieftraeger soeben fuer sie abgegeben hatte. Er war +von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las. + +Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum +vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem ueberflog sie die +Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der +Mutter Gemach. Sie haette es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die +sie eben erhalten, laenger fuer sich zu behalten. + +"Mama!" rief sie ganz atemlos, "ein Brief von Nellie! Ich muss ihn dir +vorlesen!" - Und sie begann: + + + + + + +"Mein suess Ilschen! + +"Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glueckliches Braut! Erraetst Du, mit +wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich moechte +gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese gross Ereignis liest, +ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schuettelst und hoere Dir rufen: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie will mir pfoppen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie +heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin, +ich will erzaehlen, wie es kam. O, es ist ein schwer' Aufgabe fuer mich, - +ich bin so zerwirrt vom Glueck und ich finde mir so schlecht zurecht mit +der deutsch Sprache. Du musst Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich +sehr dumm ist! Ich schaem' mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren +Dummheit. Es ist mir ein Raetsel, wie Alfred mir lieb haben kann. - Doch +still darueber. - Hoere weiter. + +"Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest +einladest, kam ein andern Brief an Fraeulein Raimar. Als ich nun begriffen +war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht fuer die Erlaubnis zu bitten, +tritt sie ganz ploetzlich - ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder, +denn sie macht uns niemals ein Visite, immer laesst sie uns rufen, wenn sie +einiges von uns will. Ich erroetete vor Schreck, Du kannst denken. +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} spricht sie und haelt ein offner Brief in ihr Hand, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dieses +Schreiben hier enthaelt die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge +Englaenderin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch +braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch +beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden? +Die Dame bietet hohe Gehalt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ich glaube, dass ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und +ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber +ich habe nicht gewagt, Fraeulein Raimar zu sprechen, sie haette doch mein +Bitten abgeschlagen. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du hast wohl keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, weil ich schweigend war. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O, gar keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dacht' ich, aber ich durft' nicht sagen, wie +furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu +unterrichten. Immer so weise und artig sein, - immer so mit der guten +Beispiel vorangehn - nein, das macht mir gar nicht Spass. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bestimmen Sie fuer mir, Fraeulein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich werde thun, wie Sie +denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein' so grosser Aufgabe?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lass das meine Sorgen sein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte Fraeulein Raimar sehr bestimmend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich +wuerde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wuesste, dass Du diese Stellung +vollkommen erfuellen kannst.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Damit verliess sie mir und ich blieb tief betruebt zurueck. + +"Die Zubereitung fuer mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu +thun, o - und viel zu hoeren! + +"Miss Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine +wuerdige Gouvernante. Fraeulein Raimar mahnte mir taeglich zu Ernst und +Gediegenheit, nur Fraeulein Guessow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick +an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, dass Du unter fremde +Leute dienen musst. + +"Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September, +morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich sass in mein Zimmer auf +mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefuellt von Kummer, das Herz +drueckte mir so schwer wie ein Muehlstein in der Brust. Kannst Du Dich das +vorstellen? Nein, suess Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst, +weintest Du auch und warst sehr betruebt, aber Du kehrtest in ein liebe +Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thraene, - wer trocknet +meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ka Katzerl, ka Hunderl{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +kuemmert sich um mir. Ich wuenschte mir tot zu liegen, wie unsre suesse Lilli. + +"Wie ich mir so ganz verlassen fuehle und laut schluchze, steht ploetzlich +Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehoert, +als er anklopfte und die Thuer oeffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich +spring' von mein Reisekoffer und halt' das Tuch vor mein weinend Gesicht, +ich schaemte mir so. + +"Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schoener, tiefer Organ: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum weinen Sie, Miss Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu +scheiden, moechten Sie hier bleiben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sehen Sie mich an, Miss Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich moechte gern in Ihr Auge +sehen bei das, was ich Sie fragen will.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich musst' mein Auge niederschlagen, +er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O, +ich ward so angst und es lief mich ganz heiss ueber mein Gesicht. Er griff +mein' Hand und hielt sie fest und dann - ich weiss nicht, wie es kam - mit +einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Haben Sie mich +lieb, Nellie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als +ob der Himmel ploetzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt +schuettelte. Im Wachen und im Traeumen immer hoer' ich dieser Wort in mein +Ohr und zuweilen denk' ich, es ist alles nicht wahr! Doch hoere weiter. Du +bist mein best' Freundin und nichts soll dir verborgen sein. + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast Du mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er noch einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}willst Du mein kleines Frau +sein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O ja - herzlich gern,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich und ich weiss nicht, ob es sehr +geschickt (schicklich) vor mich war, dass ich so schnell und ohne Besinnen +mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred +schon lange still in mein tiefster Herz geliebt. + +"Und nun kuesste er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein +Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein +Mal ein wonnige Heimat gefunden. + +"Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fraeulein Raimar und +Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du haettest die erstaunte +Gesichter sehen muessen! Es war zu spassig! Fraeulein Raimar weniger, sie +weiss immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiss +nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie +Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und kuesste mir. Zu Alfred sagte sie: +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr +Neigung gemerkt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} + +"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +sagte Alfred und bat Fraeulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und +mir unter ihr muetterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat +es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen +wieder aus. + +"Miss Lead glueckwuenschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist, +war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich +mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Fraeulein Guessow freut sich +furchtbar ueber mein Glueck, ich habe sie so lieb als eine Schwester und +bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, dass er sie von ihr schwer' Beruf +abloese, sie ist zu gut fuer ein streng' Lehrerin. + +"Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heisst nicht alle, denn Melanie +und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen +noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum +Andenken und zur Freude ueber unsre Verlobung. Das klein' Lachtaube konnte +vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Worte wie immer, und +Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwaermerischer +Blick an, dann drueckte sie uns stumm die Haende. Gestern hat sie mir mit +ein lang {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Elegie an ein Braut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} beglueckt, sie ist sehr schoen wie alle +Gedichte von Flora. + +"Heute frueh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr +schwer' Abschied! Wir fuehlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch +liesse wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thraenen tapfer hinter, +Fraeulein Raimar sollte mir nicht schwaechlich sehen. Alfred kommt ja auch +bald zurueck, nur acht Tage ist er fort. + +"Nun leb' wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief +geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu' mir +furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden +wir getraut. Tausend Kuesse, mein Herzkind, und gruesse Deine lieber Eltern +und das klein Babi von + + Dein + seligste Nellie." + + + + + + +"Nellie Doktor Althoffs Braut!" rief Ilse jubelnd. "Nun wird sie keine +Gouvernante, Mama!" + +"Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!" entgegnete Frau Macket, die +zuweilen ueber Nellies komische Ausdruecke gelacht, zuweilen aber auch eine +Thraene der Ruehrung nicht zu unterdruecken vermocht hatte, "sie ist dem +alleinstehenden Kinde von Herzen zu goennen. Es muss ein liebes, drolliges +Geschoepfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon." + +Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschoepflich. Frau Anne musste +sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden. + + [Illustration] + +"Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!" Aber zwischen Thuer +und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff +sich wohl gerade in Nellie verliebt haben moege. Die Antwort auf diese +sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe +hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. + +"Nellie Braut!" Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie +durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und +war so der Gegenwart entrueckt, dass sie lauter Verkehrtheiten machte. + +Anstatt des weissen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid uebergezogen, +sie merkte es erst, als sie die blassroten Schleifen daran befestigen +wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch +nicht vollstaendig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen +konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. "Haben Sie mich +lieb?" "Willst Du mein kleine Frau sein?" Diese Stelle war zu schoen, sie +musste sie nochmals lesen, dann liess sie den Brief in den Schoss sinken und +sann und traeumte, ohne dass sie es wusste, wiederholten ihre Lippen die +Worte: "Hast Du mich lieb?" + +Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thuer klopfte, schreckte sie +auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurueck. Da lagen die Schleifen, +dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht. + +"Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!" rief sie und sprang in die +Hoehe. + +Aber Frau Anne liess sich nicht abweisen, "sie muesse erst Ilses Anzug +pruefen," rief sie zurueck. + +"Noch nicht fertig!" schalt sie eintretend. "O, du boese Ilse, was hast du +gemacht? Warum liessest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht +fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist +kostbar!" + +Unter ihren geschickten Haenden stand Ilse bald fertig geschmueckt da. Frau +Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind +noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die +Augen einen besonderen Glanz? + + * * * + +Kaum zehn Minuten spaeter kam der Wagen vom Bahnhof zurueck und brachte die +Gaeste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die +mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und kuesste sie auf +die Wange. Leo begruesste die Damen mit einem Handkuss. Ilse wusste jetzt, wie +sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand +nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan. + +Die Eltern fuehrten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo +blieb noch zoegernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas +entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr +eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Maedchen, das +ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, groesser und +schoener geworden schien. + +"Sie sind so still und so ernst," redete er sie an, "gar nicht wie im +Lindenhof. Wo ist Ihr froehlicher Uebermut geblieben? Drueckt Sie ein +Kummer?" + +"Kummer? o nein!" Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Froehlichkeit +an. "Im Gegenteil, eine grosse, grosse Freude habe ich gehabt!" Und sie +verkuendete ihm Nellies Verlobung. + +Eigentlich wunderte es sie, dass er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast +keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein +Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als waeren seine +Gedanken in weiter Ferne. + +"Ist sie sehr gluecklich?" fragte er in halber Zerstreuung. + +"Gluecklich?" wiederholte Ilse verwundert ueber seine Frage. "Selig ist sie! +Sie muessen nur ihren Brief lesen!" + +"Lesen Sie ihn mir vor," bat er. "Lassen Sie uns die schoene Einsamkeit +benutzen, jetzt sind wir ungestoert." + +"Das geht nicht! Nein, gewiss nicht!" rief sie beinahe aengstlich. Es +schreckte sie ploetzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste +Empfindungen offenbaren? - Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so +seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein, +aus derselben Quelle? + +"Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?" + +Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr +beruehrte. + +"Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Spaeter!" rief sie ihm verwirrt +zu, flog ueber die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die +offenstehende Thuer des kleinen Boudoirs der Mama. + +Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weissen Kleides entschwunden war. Auf +seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefuehle, sie drueckten +Zweifel, Hoffnung und Entzuecken aus. + +Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heissen +Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf. + +"Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?" fragte er und legte das +Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand. + +"O nichts, nichts, gar nichts!" rief sie schnell. "Ich bin nur so heiss und +mein Herz klopft so furchtbar." + +Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm +das Wort ab. "Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie +ist Braut!" + +Wer Nellie war, wusste er laengst, oft genug hatte Ilse ihm in den +Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzaehlt, aber wie sie +aussah, wusste er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben +zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fraeulein Raimar +ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der +Lehrerinnen und Freundinnen. + +"Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?" meinte er etwas +zweifelhaft laechelnd. "So, so! Sag' mal, Fischchen, sind Gontraus schon +da?" + +Diese Frage hatte Ilse ueberhoert. "Hier ist Nellie!" fiel sie dem Onkel in +die Rede und reichte ihm das Album. "Sag', ist sie nicht reizend?" + +"Reizend? Das kann ich nicht finden," entgegnete er etwas gedehnt und nach +einigen pruefenden Kennerblicken. "Anmutig, grazioes, ja, der Mund ist +lieblich, Augen und Nase aber -" + +"Ach, Onkel," unterbrach ihn Ilse, "du darfst sie nicht mit so kritischen +Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist +auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel huebscher!" + +Er hatte in dem Album weiter geblaettert und nach dieser oder jener sich +erkundigt. Ploetzlich fragte er erregt: "Wie heisst diese Dame hier?" + +"Das ist meine liebste Lehrerin, Fraeulein Guessow. Wir hatten sie alle +furchtbar lieb und schwaermten fuer sie. Du kennst sie wohl?" wandte sie +sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, dass er das Bild so starr +betrachtete. + +"Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muss mir im Leben ein Maedchen begegnet +sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine +Lehrerin?" + +"Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt," entgegnete +Ilse nach echter Backfischart. + +"Ja, da ist sie schon ein altes Maedchen," bestaetigte der Onkel. Aber nur +seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem +getreuen Bilde der Lehrerin. + +Waere Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person +beschaeftigt gewesen, es haette ihr auffallen muessen, wie andaechtig und wie +lange er das Bild betrachtete. "Du findest sie wohl huebsch?" fragte sie +unbefangen. + +"Wie heisst sie? Guessow?" fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage +ueberhoert. "Wie ist ihr Vorname?" + +"Charlotte." + +"Lotte," nickte er zustimmend, "ein schoener Name!" + +Er schloss das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit +schien er vergessen zu haben. + +Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht +auf. + +"Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel," bat sie, "Gontraus sind +gekommen." Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu. + +"Ja, ja, bald!" entgegnete er zerstreut und liess sich nicht stoeren. "Ich +folge dir gleich." + +Zoegernd und auf den Fussspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals +blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geoeffnete +Thuere erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spaehte nach beiden +Seiten; als sie die Veranda voellig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus. +Der Fruehstueckstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen, +horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kaemen. Sie blieben recht +lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewusst haette, dass sie mit dem +Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem +kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie wuerde sie zu ihnen +geeilt sein. + +Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein +Schritt, auch wuerde er nicht durch die Hausflur und von aussen herum auf +die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blaetterwerk und +erkannte zu ihrem Schrecken - Leo. + +Das Blut schoss ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust. +Unmoeglich konnte sie ihm jetzt gegenueberstehen! Sie wuerde nicht im stande +gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor +ihm stand, was sollte er von ihr denken? + +Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien +konnte, aber es war zu spaet, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie +ihren eiligen Rueckzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten +hatte, holte er sie ein. + +"Jetzt muessen Sie bleiben, gnaediges Fraeulein," sprach er scherzend, "ich +lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spaeter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vertroestet und jetzt ist +es {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spaeter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, und Sie werden sich allergnaedigst herablassen, mir Miss +Nellies Brief vorzulesen! eine Frau - ein Wort!" + +Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es waere zu +einfaeltig gewesen. Sie drueckte die Hand fest auf das stuermisch klopfende +Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze +gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an. + +Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefuehle brachte er +sie mit leichtem Scherze darueber hinweg. Er bot ihr den Arm und fuehrte sie +zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei +Stuehle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub +und neckte das junge Maedchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre +Strahlen hinein, so dass sie dieselben schliessen musste. + +"Die Sonne blendet," bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgueltiges Wort +gefunden zu haben. "Es ist auch so warm hier," fuhr sie fort und erhob +sich. + +"Die boese Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!" Und er fuehrte sie auf +die entgegengesetzte Seite. + +Hier war es schattig und kuehl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu +erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit +geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar +den frueheren scherzhaften Ton. + +"Sie sind ein Quaelgeist," sagte sie. "Was kann es Sie interessieren, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wie{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} +- und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}was{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darueber spotten und das +duerfen Sie nicht!" + +"Wie koennen Sie mich in so boesem Verdacht haben!" wehrte er ab. "Sie haben +mir Ihre Freundin so liebenswuerdig geschildert, dass mein Wunsch, von ihr +zu hoeren, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Gluecke schreibt, ganz +natuerlich ist." + +Ilse sah ihn noch etwas unglaeubig an, doch, da sie den spottenden Zug um +seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der +Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn fuer sich. + +"Nun?" fragte er. + +"Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muss ich die Stellen aussuchen, die Sie +hoeren duerfen! Der ganze Inhalt ist nicht fuer Ihre Ohren bestimmt!" + +"Das waere grausam!" protestierte er dagegen, "das ist gerade so, als ob +Sie einem Kinde ein Stueckchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke +mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund." + +Sie lachte lustig ueber seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte, +froehliche Laune zurueck. "Nun hoeren Sie zu, aber nicht spotten!" drohte sie +ihm mit dem Finger. + +Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schoenen Menschenkinder boten. +Dicht nebeneinander sassen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren +Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestuetzt und sah auf Ilse +herab, die den Kopf etwas vornuebergebeugt hielt. Ploetzlich hielt sie inne. + +"Lesen Sie weiter, bitte! Warum hoeren Sie auf? Denken Sie an das Stueck +Zucker?" Sie schwieg, wie mit sich selbst ueberlegend. + +Warum eigentlich wollte sie ihm das Schoenste im ganzen Briefe +verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemuetvoll +geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus. + +Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst +etwas zoegernd, dann aber las sie fliessend, ohne nur einmal zu stocken, zu +Ende. + +Warum sass er so stumm? Sein Schweigen musste sie verletzen. Sie hatte so +fest erwartet, dass er sein Entzuecken laut aeussern wuerde! Nun sagte er gar +nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr +Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie musste an Doktor Althoffs +{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}sonderlicher{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Blick denken. + +"Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden," bemerkte er endlich, +aber es kam gezwungen heraus. Er fuehlte das selbst und brach ab. + +"Fraeulein Ilse," fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang +fort, "was wuerden Sie antworten, wenn - wenn jemand Sie fragen wuerde: +Haben Sie mich lieb?" + +Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein +Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heisses Blut wallte auf bei dem Gedanken, +dass er sie verspotten koenne. + +Fast hastig erhob sie sich. "Nein, wuerde ich sagen!" fuhr sie heraus, "ich +habe niemand lieb! Niemand!" wiederholte sie, als ob sie erst noch einen +Trumpf darauf setzen wollte. + +Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen haette, wie bald wuerde +sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzuecken an ihr, der +Widerstand verlieh ihren Zuegen einen neuen Reiz fuer ihn. + +"Ilse," sagte er zaertlich und ergriff ihre Hand. "Wenn ich es waere, der +Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Wuerden +Sie auch dann so sprechen?" + +Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhuellte das Gesicht. + +"Hast du mich lieb, Ilse?" - Seine Stimme klang weich und innig und traf +ihr Herz - ein "Ja" aber brachte sie nicht ueber die Lippen. Ihr sproeder +Sinn liess es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in +ihr? + +"Nein! Niemals!" sagte sie schnell und wandte sich heftig ab. + +"Nein! - niemals?" wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung +an, "o Ilse! nehmen Sie das Wort zurueck, es haengt das Glueck meines Lebens +davon ab! - Ich war zu schnell mit meiner Frage - nicht wahr? Ich habe Sie +erschreckt! - Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger +sein werden, dann -" + +Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand. + +Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kaempften die +widerstreitendsten Gefuehle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte +die Bruecke nicht finden, die ueber den breiten Strom fuehrte, der sie noch +von ihm trennte. Da war es ploetzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf, +als vernaehme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: "Willst du ihn +verlieren? - Denke an mein Geschick!" + +"Leo," sagte sie schuechtern und trat ihm einen Schritt naeher, aber +erschreckt ueber ihre Kuehnheit blieb sie hocherroetend und mit +niedergeschlagenen Augen stehen. + + [Illustration] + +Wie ein Hauch fast war sein Name ueber ihre Lippen gekommen, aber er hatte +ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so +verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze. + +"Nun bist du meine Ilse!" rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als +er den ersten Kuss auf ihre Lippen druecken wollte, da wendete sie den Kopf +zur Seite und die sproede, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal. + +"Kuessen ist nicht erlaubt," erklaerte sie mit aller Entschiedenheit, "wie +koennte ich mich von einem fremden Manne kuessen lassen?" + +"Aber die Hand," bat er lachend, "die Hand darf ich kuessen!" + +Das wurde ihm gnaedig bewilligt. + +Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda +erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der +Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren +die ersten, die das Brautpaar begruessten, beglueckt nahmen sie Ilse als ihr +Toechterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke +geruehrt. + +Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. "Siehst du, +Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?" +fragte sie zaertlich. + +"Ilse! Meine kleine Ilse!" brachte er endlich muehsam hervor und seine +Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. "Ist es wahr? Willst du mich +verlassen?" + +Da flog sie an seinen Hals und kuesste ihn stuermisch, dabei rief sie unter +Weinen und Lachen: "Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so +lieb!" + + * * * + +Nun ist eigentlich meine Erzaehlung zu Ende, denn die ueberraschten +Gesichter der Gaeste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die +Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste. +Eins aber muss ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie naemlich +Onkel Curt an demselben Tage ploetzlich verschwunden war. Waehrend alle +froehlich bei der Tafel sassen, hatte er sich von Johann still und ohne +Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen. + +Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder +als einen unstaeten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. - +Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte +ein Brief aus Muenchen von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf +in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darueber ganz ausser Rand und Band. +Sie klatschte in die Haende, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: "Ich +bin die Ursache ihres Glueckes, durch mich haben sie sich gefunden! Was +wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!" - Doch ich will nicht +vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen. + +"Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in +Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei +zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur +niemals davon gesprochen. - Im Fruehjahr kehren wir zurueck, ich werde Euch +dann meine junge Frau vorstellen. - Dem Fischchen besonderen Gruss - sie +weiss schon warum. Soll uebrigens fleissig weitermalen, wenn der Brautstand +ihr die Zeit dazu laesst." - + +"Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer haette das gedacht!" schrieb +seine Frau, ehemals Fraeulein Guessow, unter den Brief. "Wie gern haette ich +Dir laengst die ganze wunderbare Geschichte, - und wie alles gekommen ist, +mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer +Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige +Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, dass ich +aufhoere. + +"Denkst Du noch an Lucies Geschichte? - Jene Lucie hiess Lotte und war ich +selbst - und der Maler? - Nun, Du erraetst schon, wer es war, ohne dass ich +ihn nenne. + +"Wenn wir zurueckkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich +mich gefreut ueber dein sonniges Glueck, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!" + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 38: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht," + Seite 61: erste Zeile ausgefallen, ergaenzt nach 28. Auflage ("Gruesse + nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die") + Seite 70: doppeltes in einfaches Anfuehrungszeichen geaendert vor und + nach "Ich kann nicht," + Seite 133: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Lubauer." + Seite 137: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Macket." + Seite 153: Punkt ergaenzt hinter "solle" + Seite 159: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Mein" und hinter + "Breitner." + Seite 191: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "aber" + Seite 237: Punkt ergaenzt hinter "langweilig" + Seite 250: doppeltes in einfaches Anfuehrungszeichen geaendert hinter + "will." und "Nellie?" + Seite 252: oeffnendes in schliessendes Anfuehrungszeichen geaendert + hinter "gefunden!" + Seite 262: "Auge" geaendert in "Augen" + Seite 265: "Kurt" geaendert in "Curt" (zweimal) + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF*** + + + + CREDITS + + +February 17, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Anca Sabine Dumitrescu, Jana Srna, Norbert H. + Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed Proofreading + Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 31309.txt or 31309.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/3/0/31309/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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