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+The Project Gutenberg EBook of Der Trotzkopf by Emmy von Rhoden
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
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+
+Title: Der Trotzkopf
+
+Author: Emmy von Rhoden
+
+Release Date: February 17, 2010 [Ebook #31309]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***
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+ Der Trotzkopf.
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+ Der Trotzkopf.
+
+ Eine Pensionsgeschichte
+
+ fuer
+
+ erwachsene Maedchen
+
+ von
+
+ Emmy von Rhoden.
+
+39. Auflage.
+
+Illustriert von _August Mandlick_.
+
+
+Stuttgart
+_Verlag von Gustav Weise._
+
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+
+
+
+ Druck von Munz & Geiger, Stuttgart.
+
+
+
+
+
+ VORWORT
+
+
+ zur zweiten Auflage.
+
+
+Die zweite Auflage dieses Buches ist der ersten in kuerzerer Frist als der
+eines Jahres gefolgt. Sie ist mit dem Bilde der Verfasserin geschmueckt,
+damit die jugendlichen Leserinnen auch die Zuege derjenigen kennen und
+lieben lernen, die ihnen dies schoene Vermaechtnis hinterlassen hat. Sie hat
+diese Liebe reich verdient; sie hat dieselbe im Leben bei all denen, die
+ihr edles Herz kannten, im vollsten Masse genossen und sich weit ueber das
+Grab hinaus gesichert.
+
+Emmy von Rhoden war das Pseudonym der zu frueh dahingegangenen Gattin eines
+unsrer beliebtesten Schriftsteller, meines Freundes Friedrich Friedrich.
+Mir selbst und den Meinen war die Verfasserin eine teure Freundin, deren
+schriftstellerisches Debuet ich mit waermstem Interesse begleitete. Als sie
+ihre ersten, fuer ein juengeres Alter berechneten Jugendschriften ("_Das
+Musikantenkind_", eine Erzaehlung fuer Kinder von 11-14 Jahren, und
+"_Lenchen Braun_", eine Weihnachtsgeschichte fuer Kinder von 10-12 Jahren)
+veroeffentlichte und damit schnell litterarisches Aufsehen und nachhaltige
+Freude in den empfaenglichen Gemuetern der Kinderwelt erregte, hatte Emmy
+Friedrich Friedrich aus Bescheidenheit das Pseudonym Emmy von Rhoden
+gewaehlt. Jetzt hat der Tod den Schleier der Pseudonymitaet gelueftet.
+
+Es ist mir ein Herzensbeduerfnis, den Wunsch meines tiefgebeugten Freundes
+zu erfuellen, der aus leichtbegreiflichen Gruenden es nicht ueber sich
+vermochte, der zweiten Auflage des "Trotzkopf" ein Vorwort zu geben. Er
+war der Meinung, dass ich, der ich die Unvergessliche in ihrer
+liebenswuerdigen menschlichen und schriftstellerischen Eigenart genau
+kannte, ein charakterisierendes Einfuehrungswort der neuen Auflage finden
+wuerde. Nun aber, da ich das innerliche Wesen dieser seltenen Frau in Worte
+kleiden soll, fuehle ich die ganze Schwere dieser Aufgabe. Soll ich von der
+Gemuetstiefe reden, mit welcher die Verewigte das Wesen der Jugend erfasste;
+von dem innigen Verstaendnis, welches sie den Eigentuemlichkeiten einer
+jungen Maedchenseele entgegenbrachte; von der feinen Beobachtung des
+jugendlichen Gebarens; von der farbenfrischen Erzaehlerkunst, mit welcher
+sie vor dem seelischen Ohr des Lesers auch die zartesten Saiten der
+jugendlichen Empfindung erklingen liess?
+
+Wer einen Ueberblick ueber die neueste Unterhaltungslitteratur fuer die
+Jugend gewann, in welcher sich allerlei Unnatur und Tendenz aufdringlich
+breit macht, wird die grossen Vorzuege erkennen, welche den "Trotzkopf" zu
+einer echten und wahren Jugendschrift machen. Diese Erzaehlung ist
+natuerlich frisch, unterhaltend und spannend, und was schwerer als dies
+alles wiegt: sie ist psychologisch wahr! Mit gluecklichem Takt hat die
+Verfasserin alles rein Belehrende, alles Pedantische und unnatuerlich Pruede
+vermieden. Sie erzaehlt mit ungekuenstelter Natuerlichkeit, wie ein junges,
+ungebaendigtes Menschenkind durch das Leben selbst erzogen wird. Deshalb
+wirkt dies Buch auch im besten Sinne erziehend. Eine Erzaehlung, welche die
+jugendlichen Gemueter nicht fesselt und packt, bleibt wirkungslos und wenn
+tausend weise Lehren in dieselbe hineingestreut sind, denn diese sind nur
+graue Theorien, waehrend das Gruen des goldenen Lebensbaumes nur aus dem
+Leben selbst emporwaechst.
+
+Und so moege dies anziehende, von der Sonne der Phantasie beglaenzte Werk,
+das auf innerlichster Lebenserfahrung aufgebaut ist, seinen Weg weiter
+gehen zur Freude der gern angeregten Jugend! Es ist der Segen aller guten
+und edlen Naturen, dass ihre Schoepfungen auf viele Generationen hinaus
+wirken. Des alten Sebastian Frank Wort mag sich auch an dieser
+Jugendschrift als wahr erweisen: "Das aber ist der Buecher rechter einiger
+Gebrauch, dass wir darinnen ein Zeugnis unsres Herzens sehen."
+
+_Berlin_, Oktober 1885.
+ *Franz Hirsch.*
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+"Papa, Diana hat Junge!"
+
+Mit diesen Worten trat ungestuem ein junges, schlankes Maedchen von fuenfzehn
+Jahren in das Zimmer, in welchem sich ausser dem Angeredeten, dessen Frau
+und dem Prediger des Ortes, noch Besuch aus der Nachbarschaft, ein Herr
+von Schaeffer mit Frau und seinem erwachsenen Sohne, befand.
+
+Alles lachte und wandte sich dem kleinen Backfische zu, der ohne jede
+Verlegenheit auf den Papa zueilte und ausfuehrlich ueber das wichtige
+Ereignis berichtete.
+
+"Es sind vier Stueck, Papa," erzaehlte sie lebhaft, "und braun sehen sie
+aus, wie Diana. Komm sieh dir sie an, es sind zu reizende Tierchen! Vorn
+an den Pfoetchen haben sie weisse Spitzen. Ich habe gleich einen Korb geholt
+und mein Kopfkissen hineingelegt, sie muessen doch warm liegen, die kleinen
+Dinger."
+
+Herr Oberamtmann Macket hatte den Arm um die Schulter seines Lieblings
+gelegt und strich ihm das wirre Lockenhaar aus dem erhitzten Gesicht,
+dabei sah er sein Kind mit wohlgefaelligen Blicken an, was eigentlich zu
+verwundern war, da Ilse in einem Aufzuge hereingekommen, der durchaus
+nicht geeignet war, Wohlgefallen zu erregen, besonders in diesem
+Augenblicke, wo fremde Augen denselben musterten. Das verwaschene,
+dunkelblaue Kattunkleid, blusenartig gemacht und mit einem Lederguertel
+gehalten, mochte wohl recht bequem sein, aber kleidsam war es nicht, und
+einige Flecken und Risse darin dienten ebenfalls nicht dazu, die Eleganz
+desselben zu heben. Die hohen, plumpen Lederstiefel, die unter dem kurzen
+Kleide hervorblickten, waren tuechtig bestaubt und sahen eher grau als
+schwarz aus. Aber wie gesagt, Herrn Macket genierte dieser Aufzug gar
+nicht, er sah in die froehlichen, braunen Augen seines Lieblings, um dessen
+Kleider kuemmerte er sich nicht.
+
+Er war im Begriffe, sich zu erheben, um seines Kindes Wunsch zu erfuellen,
+als seine Gattin, eine vornehme Erscheinung mit sanften und doch
+bestimmten Zuegen, ihm zuvorkam. Sie hatte sich erhoben und trat auf Ilse
+zu.
+
+"Liebe Ilse," sagte sie in freundlichem Tone und nahm dieselbe bei der
+Hand, "ich moechte dir etwas sagen, Kind. Willst du mir auf einen
+Augenblick in mein Zimmer folgen?"
+
+Sehr ruhig, aber sehr bestimmt waren die Worte gesprochen und Ilse fuehlte,
+dass ein Widerstand dagegen vergeblich sein wuerde. Ungern und gezwungen
+folgte sie der Mutter in das anstossende Gemach.
+
+"Was willst du mir sagen, Mama?" fragte sie und sah Frau Macket trotzig
+an.
+
+"Nichts weiter, mein Kind, als dass du sogleich auf dein Zimmer gehst und
+dich umkleidest. Du wusstest wohl nicht, dass Gaeste bei uns waren?"
+
+"Doch, ich wusste es, aber ich mache mir nichts daraus," gab Ilse kurz zur
+Antwort.
+
+"Aber ich, Ilse. Ich kann nicht gleichgueltig dabei sein, wenn du in einem
+so unordentlichen Kostueme dich blicken laesst. Du bist kein Kind mehr mit
+deinen fuenfzehn Jahren; bedenke, dass du seit Ostern konfirmiert bist, eine
+angehende junge Dame aber muss den Anstand wahren. Was soll der junge
+Schaeffer von dir denken, er wird dich auslachen und dich verspotten."
+
+"Der dumme Mensch!" fuhr Ilse auf. "Ob der ueber mich lacht oder spottet,
+ist mir ganz gleichgueltig. Ich lache auch ueber ihn! Thut, als ob er ein
+Herr waere mit seinem Klemmer und geht doch noch in die Schule."
+
+"Er ist in Prima auf dem Gymnasium und zaehlt neunzehn Jahre. Nun sei
+vernuenftig und kleide dich um, Kind, hoerst du?"
+
+"Nein, - ich ziehe kein andres Kleid an, ich will mich nicht putzen!"
+
+"Wie du willst, aber dann bitte ich dich, ja ich wuensche es entschieden,
+dass du in deinem Zimmer bleibst und dein Abendbrot dort verzehrst," gab
+Frau Macket mit grosser Ruhe zur Antwort.
+
+Ilse biss auf die Unterlippe und trat mit dem Fusse heftig auf die Erde,
+aber sie sagte nichts. Mit einer schnellen Wendung ging sie zur Thuer
+hinaus und warf dieselbe unsanft hinter sich zu. Oben in ihrem Zimmer liess
+sie sich auf einen Stuhl fallen, stuetzte die Ellbogen auf das Fensterbrett
+und weinte Thraenen des bittersten Unmutes.
+
+"O wie schrecklich ist es jetzt!" stiess sie schluchzend heraus. "Warum hat
+auch der Papa wieder eine Frau genommen, - es war so viel, viel huebscher,
+als wir beide allein waren! Alle Tage muss ich lange Reden hoeren ueber Sitte
+und Anstand und ich will doch keine Dame sein, ich will es nicht - und
+wenn sie es zehnmal sagt!" - -
+
+Als sie mit ihrem Vater noch allein war, fuehrte sie freilich ein
+ungebundeneres und lustigeres Leben. Niemand hatte ihr Vorschriften zu
+machen oder durfte ihre dummen Streiche hindern; was sie auch ausfuehrte,
+es galt alles als unuebertrefflich. Das Lernen wurde nur als langweilige
+Nebensache betrachtet und die Gouvernanten fuegten sich entweder dem Willen
+ihrer Schuelerin oder sie gingen davon. Beklagte sich ja einmal diese oder
+jene bei dem Vater und hatte derselbe auch wirklich den festen Entschluss
+gefasst, ein Machtwort zu sprechen gegen sein unbaendiges Kind, er kam nicht
+dazu, es auszufuehren. Sobald er mit ernster Miene ihr gegenueber trat, fiel
+Ilse ihm um den Hals, nannte ihn ihren "einzigen, kleinen Papa", trotzdem
+er ein sehr grosser, kraeftiger Mann war, und kuesste ihm Mund und Wangen.
+Versuchte er, ihr ernste Vorstellungen zu machen, hielt sie ihm den Mund
+zu.
+
+"Ich weiss ja alles, was du mir sagen willst, und ich will mich ganz gewiss
+bessern!" mit solchen und aehnlichen Worten und Versprechungen troestete sie
+den Papa - ach und wie gern liess er sich also troesten! Er konnte dem Kinde
+nie ernstlich zuernen, es war sein alles.
+
+Als Ilses Mutter starb, legte sie ihm das kleine hilflose Ding in den Arm.
+Es hatte die schoenen, frohen Augen der frueh Geschiedenen geerbt, und
+blickte sie ihn an, war es ihm, als ob die Gattin, die er so sehr geliebt
+hatte, ihn anlaechle.
+
+Lange Jahre war er einsam geblieben und hatte nur fuer sein Kind gelebt. Da
+lernte er seine zweite Frau kennen. Ihr kluges, sanftes Wesen fesselte ihn
+so, dass er sie heimfuehrte.
+
+Frau Anne betrat das Haus ihres Mannes mit dem festen Vorsatze, seinem
+Kinde die treueste, liebevollste Mutter zu sein und alles aufzubieten, um
+ihr die frueh Verlorene zu ersetzen; indes jede herzliche Annaeherung von
+ihrer Seite scheiterte an Ilses trotzigem Widerstande. Bald ein Jahr
+waltete sie nun schon als Frau und Stiefmutter und noch immer hatte sie es
+nicht vermocht, Ilses Liebe zu gewinnen. - - -
+
+Die Gaeste blieben zum Abendessen auf Moosdorf, so hiess das grosse Gut des
+Oberamtmann Macket. Als der Tisch gedeckt war und alle sich an demselben
+niedergesetzt hatten, fragte Herr Macket, warum Ilse noch nicht anwesend
+sei.
+
+Frau Anne erhob sich und zog an der Klingelschnur. Der eintretenden
+Dienstmagd befahl sie, das Fraeulein zu Tisch zu rufen. - - - -
+
+Ilse sass noch in derselben Stellung am Fenster. Sie hatte sich
+eingeschlossen und die Magd musste erst tuechtig pochen und rufen, bevor sie
+sich bequemte, die Thuer zu oeffnen.
+
+"Sie sollen herunterkommen, Fraeulein, die gnaedige Mama hat es befohlen,"
+sagte Kathrine und betonte das "sollen" und "befohlen" so recht
+auffallend.
+
+"Ich soll!" rief Ilse und wandte den Kopf hastig herum, "aber ich will
+nicht! Sag' das der gnaedigen Frau Mama!"
+
+"Ja," sagte Kathrine, so recht befriedigt von dieser Antwort, denn auch
+sie war durchaus nicht damit einverstanden gewesen, dass wieder eine Frau
+in das Haus gekommen war, welche der schoenen Freiheit ein Ende gemacht
+hatte, "ja, ich werd's bestellen. Gnaediges Fraeulein haben ganz recht, das
+ewige Befehlen, wenn man selbst alt genug ist, ist hoechst unpassend, noch
+dazu, wenn fremde Leute dabei sind."
+
+Und sie ging hinunter in das Speisezimmer und fuehrte woertlich Ilses
+Bestellung aus.
+
+Herr Macket blickte seine Frau verlegen an, er wusste gar nicht, was diese
+Antwort bedeuten sollte. Sie verstand seine stumme Frage und ohne im
+geringsten den Unmut merken zu lassen, den sie in ihrem Innern empfand,
+sagte sie gelassen: "Ilse ist nicht ganz wohl, lieber Mann, sie klagte
+etwas ueber Kopfschmerzen. Kathrine hat ihre Bestellung ungeschickt
+ausgerichtet."
+
+Alle Anwesenden errieten sofort, dass Frau Anne eine Ausrede machte, nur
+Herr Macket glaubte, dass es sich in Wahrheit so verhielt.
+
+"Wollen wir nicht lieber einen Boten zum Arzt schicken?" fragte er
+besorgt.
+
+Die Antwort hierauf gab ihm sein Kind selbst, das heisst, sie bewies ihm,
+dass ihr kein Finger weh that. Laut jubelnd und lachend trieb sie einen
+Reif mit einem Stock ueber den grossen Rasenplatz, und der Jagdhund, Tyras,
+sprang demselben nach, und wenn er mit seinen Pfoten den Reif beinahe
+erhascht hatte und ihn doch nicht halten konnte, stiess er ein aergerliches
+Geheul aus, worueber Ilse sich totlachen wollte.
+
+Herrn Mackets Gesicht verklaerte sich ordentlich bei diesem Anblicke. Er
+stand auf, trat in die offenstehende Fluegelthuer des Zimmers und eben im
+Begriffe, Ilse zu rufen, hielt ihn Frau Anne davon zurueck.
+
+"Lass sie - ich bitte dich, - lieber Mann," bat sie, vor Unwillen leicht
+erroetend, und zu den Gaesten gewendet setzte sie hinzu: "Es thut mir leid,
+nun doch die Wahrheit sagen zu muessen, indes Ilses Benehmen zwingt mich
+dazu."
+
+Und sie erzaehlte so mildernd als moeglich den kleinen Vorfall. Es wurde
+darueber gelacht, ja Herr von Schaeffer behauptete, die kleine habe
+Temperament und es sei schade, dass sie kein Knabe sei. Seine hochgebildete
+Frau konnte ihm nicht beistimmen, sie fand das wilde Maedchen geradezu
+entsetzlich und nannte es auf dem Heimwege ein _enfant terrible_.
+
+Als die Gaeste fortgefahren waren, blieb der Prediger noch zurueck. Derselbe
+war ein wohlwollender, nachsichtiger Mann, der Ilsen vaeterlich zugethan
+war. Er hatte sie getauft und eingesegnet, unter seinen Augen war sie
+herangewachsen. Seit kurzer Zeit, seitdem die letzte Gouvernante ihren
+Abschied genommen hatte, leitete er auch ihren Unterricht.
+
+Es trat ein augenblickliches, beinahe peinliches Stillschweigen ein. Ein
+jeder der drei Anwesenden hatte etwas auf dem Herzen und scheute sich
+doch, das erste Wort zu sprechen. Herr und Frau Macket sassen am Tische, er
+rauchend, sie eifrig mit einer Handarbeit beschaeftigt. Prediger Wollert
+ging im Zimmer auf und ab und sah recht ernst und nachdenklich aus.
+Endlich blieb er vor dem Oberamtmann stehen.
+
+"Es kann nichts helfen, lieber Freund," redete er denselben an, "das Wort
+muss heraus. Es geht nicht mehr so weiter, wir koennen das unbaendige Kind
+nicht zuegeln, es ist uns ueber den Kopf gewachsen."
+
+Der Oberamtmann sah den Prediger verwundert an. "Wie meinen Sie das?"
+fragte er, "ich verstehe Sie nicht."
+
+"Meine Meinung ist, geradeheraus gesagt, die," fuhr der erstere fort, "das
+Kind muss fort von hier, in eine Pension."
+
+"Ilse? In eine Pension? Aber warum, sie hat doch nichts verbrochen!" rief
+Herr Macket ganz erschreckt.
+
+"Verbrochen!" wiederholte laechelnd der Prediger. "Nein, nein, das hat sie
+nicht! Aber muss denn ein Kind erst etwas Boeses gethan haben, um in ein
+Institut zu kommen? Es ist doch keine Strafanstalt. Hoeren Sie mich ruhig
+an, lieber Freund," fuhr er besaenftigend fort und legte die Hand auf
+Mackets Schulter, als er sah, dass dieser heftig auffahren wollte. "Sie
+wissen, wie ich Ilse liebe, und wissen auch, dass ich nur das Beste fuer sie
+im Auge habe; nun wohl, ich habe reiflich ueberlegt und bin zu dem
+Resultate gekommen, dass Sie, Ihre Frau und ich nicht Macht genug besitzen,
+sie zu erziehen. Sie trotzt uns allen dreien, was soll daraus werden? Sie
+hat soeben ein glaenzendes Beispiel ihrer widerspenstigen Natur gegeben."
+
+Der Oberamtmann trommelte auf dem Tische. "Das war eine Ungezogenheit, die
+ich bestrafen werde," sagte er. "Etwas Schlimmes kann ich nicht darin
+finden. Mein Gott, Ilse ist jung, halb noch ein Kind, und Jugend muss
+austoben. Weshalb soll man einem uebermuetigen Maedchen so strenge Fesseln
+anlegen und es Knall und Fall in eine Pension bringen? Was ist dabei, wenn
+es einmal ueber den Strang schlaegt? Verstand kommt nicht vor den Jahren!
+Was sagst du dazu, Anne," wandte er sich an seine Frau, "du denkst wie
+ich, nicht wahr?"
+
+"Ich dachte wie du," entgegnete Frau Anne, "vor einem Jahre, als ich
+dieses Haus betrat. Heute urteile ich anders, heute muss ich dem Herrn
+Prediger recht geben. Ilse ist schwer zu erziehen, trotz aller
+Herzensguete, die sie besitzt. Ich weiss nichts mit ihr anzufangen, soviel
+Muehe ich mir auch gebe. Gewoehnlich thut sie das Gegenteil von dem, was ich
+ihr sage. Bitte ich sie, ihre Aufgaben zu machen, so thut sie entweder,
+als ob sie mich nicht verstanden hat, oder sie nimmt hoechst unwillig ihre
+Buecher, wirft sie auf den Tisch, setzt sich davor und treibt allerhand
+Nebendinge. Nach kurzer Zeit erhebt sie sich wieder und fort ist sie! Da
+hilft kein guetiges Zureden, keine Strenge, sie will nicht! Frage den Herrn
+Prediger, wie ungleichmaessig Ilses wissenschaftliche Bildung ist, wie sie
+zuweilen sogar noch orthographische Fehler macht."
+
+"Was kommt bei einem Maedchen darauf an," entgegnete Herr Macket und erhob
+sich. "Eine Gelehrte soll sie nicht werden; wenn sie einen Brief schreiben
+kann und das Einmaleins gelernt hat, weiss sie genug."
+
+Der Prediger laechelte. "Das ist Ihr Ernst nicht, lieber Freund. Oder wuerde
+es Ihnen Freude machen, wenn man von Ihrer Tochter sagte, dass sie dumm sei
+und nichts gelernt habe! Ilse hat gute Anlagen, es fehlt ihr nur der
+Trieb, die Lust zum Lernen. Beides wird sich einstellen, sobald sie unter
+junge Maedchen ihres Alters kommt. Das Streben derselben wird ihren Ehrgeiz
+wecken und ihr bester Lehrmeister sein."
+
+Die Wahrheit dieser Worte leuchtete Herrn Macket ein, aber die Liebe zu
+seinem Kinde liess es ihn nicht laut eingestehen. Der Gedanke, dasselbe von
+sich zu geben, war ihm furchtbar. Nicht taeglich es sehen und hoeren zu
+koennen, - ihm war als ob die Sonne ploetzlich aufhoeren muesse zu scheinen,
+als solle ihm Licht und Leben genommen werden.
+
+Frau Anne empfand, was in ihres Mannes Herzen vorging, liebevoll trat sie
+zu ihm und ergriff seine Hand.
+
+"Denke nicht, dass ich hart bin, Richard, wenn ich fuer den Vorschlag unsres
+Freundes stimme," sagte sie. "Ilse steht jetzt auf der Grenze zwischen
+Kind und Jungfrau, noch hat sie Zeit, das Versaeumte nachzuholen und ihre
+unbaendige Natur zu zuegeln. Geschieht das nicht, so koennte man eines Tages
+unser Kind als unweiblich bezeichnen, waere das nicht furchtbar?"
+
+Er hoerte kaum, was sie sprach. "Ihr wollt sie einsperren," sagte er
+erregt, "aber das haelt sie nicht aus. Lasst sie erst aelter werden, es ist
+dann immer noch Zeit genug, sie fortzugeben."
+
+Dagegen protestierten Frau Anne und der Prediger auf das entschiedenste;
+sie bewiesen, dass jetzt die hoechste Zeit sei, wenn die Pension noch etwas
+nuetzen solle.
+
+"Ich wuesste ein Institut in W., das ich fuer Ilse ausgezeichnet empfehlen
+koennte," erklaerte der Prediger. "Die Vorsteherin desselben ist mir genau
+bekannt, sie ist eine vorzuegliche Dame. Neben der Pension, die unter ihrer
+Leitung herrlich gediehen ist, hat sie eine Tagesschule in das Leben
+gerufen, die sich von Jahr zu Jahr vergroessert hat. Ilse wuerde den besten
+Unterricht und die liebevollste Pflege vereint finden. Und welch ein
+Vorzug ist nicht die wunderbare Lage dieses Ortes. Die Berge ringsum, die
+kostbare Luft - - -"
+
+"Ja ja," unterbrach ihn Herr Macket unruhig und abwehrend, "ich glaube das
+alles gern! Aber lasst mir Zeit, bestuermt mich nicht weiter. Ein so
+wichtiger Entschluss, selbst wenn er notwendig ist, bedarf der Reife." -
+
+Er kam schneller als er geglaubt hatte. -
+
+Am andern Morgen, es war noch sehr frueh, traf der Oberamtmann sein
+Toechterchen, wie es eben im Begriffe war, hinaus auf die Wiese zu reiten,
+um das Heu mit einzuholen. Ungeniert hatte Fraeulein Ilse sich auf eines
+der Pferde, das vor dem Leiterwagen gespannt war, von dem Kutscher
+hinaufheben lassen, derselbe stand auf dem Wagen und hielt die Zuegel in
+der Hand.
+
+"Guten Morgen, Papachen!" rief sie ihm laut schon von weitem entgegen,
+"wir wollen auf die Wiese fahren, das Heu muss herein; der Hofmeister sagt,
+wir bekommen gegen Mittag ein Gewitter. Ich will gleich mit aufladen
+helfen!"
+
+Der Vater hatte heute nicht die unbefangene Freude an dem Wesen seines
+Kindes, ihm fielen die Worte seiner Frau vom gestrigen Abend ein. Ilse sah
+wenig weiblich in diesem Augenblicke aus, eher glich sie einem wilden
+Buben. Wie ein solcher sass sie auf dem Pferde und hatte die Fuesse an beiden
+Seiten herunterhaengen. Das kurze blaue Kleid deckte dieselben nicht, man
+sah den plumpen, hohen Lederstiefel und noch ein Stueck des bunten
+Strumpfes. Es war wahrlich kein schoener Anblick.
+
+"Steig' herab, Ilse," sagte Herr Macket, dicht zu ihr tretend, um ihr beim
+Heruntersteigen behilflich zu sein, "du wirst jetzt nicht auf die Wiese
+reiten, hoerst du, sondern deine Aufgaben machen."
+
+Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass der Vater in so bestimmter Weise
+zu ihr sprach. Im hoechsten Grade verwundert blickte sie ihn an, aber sie
+machte keine Miene, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Sie schlug die
+Arme ineinander und fing an, herzlich zu lachen.
+
+"Hahahaha! Arbeiten soll ich! Du kleiner reizender Papa, wie kommst du
+denn auf diesen komischen Einfall? Mach' nur nicht ein so boeses Gesicht!
+Weisst du, wie du jetzt aussiehst? Gerade wie Mademoiselle, die letzte,
+Papa, von den vielen, - wenn sie boese war! {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fraeulein Ilse, gehen Sie auf
+Ihr Zimmer _mais tout-de-suite_. Aben Sie mir _compris_!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Dabei zog sie
+die Stirn in Falten und riss die Augen auf - so", und sie versuchte es
+nachzuahmen. "Oh, es war zu himmlisch! Adieu Papachen, zum Fruehstueck komm'
+ich zurueck!"
+
+Sie warf ihm noch eine Kusshand zu, lachte ihn schelmisch an und fort
+ging's im lustigen Trabe hinaus auf die Wiese in den taufrischen
+Sommermorgen hinein.
+
+Herr Macket schuettelte den Kopf, mit einem Male stiegen ernstliche
+Bedenken wegen Ilses Zukunft in ihm auf. Er fand den Gedanken, sie in eine
+Pension zu geben, heute weniger schrecklich, als gestern. Sie hatte ihm
+soeben den Beweis gegeben, dass sie auch ihm Widerstand entgegensetzte.
+Freilich musste er sich gestehen, dass er durch seine Nachgiebigkeit
+denselben in ihr gross gezogen hatte.
+
+Er ging in das Speisezimmer und trat von dort auf die Veranda, die
+weinumrankt sich an der Vorderseite des Hauses entlang zog. Seine Frau
+erwartete ihn dort am gedeckten Fruehstueckstische.
+
+Ganz gegen seine Gewohnheit war er still und einsilbig. "Hattest du
+Unannehmlichkeiten?" fragte Frau Anne und reichte ihm den Kaffee.
+
+"Nein," entgegnete er, "das nicht." Er hielt einen Augenblick inne, als ob
+es ihm schwer wuerde, weiter zu sprechen, dann fuhr er fort: "Ich moechte
+dir eine Mitteilung machen, oder richtiger gesagt, dir meinen Entschluss
+wegen unsres gestrigen Gespraeches verkuenden. Zum 1. Juli soll Ilse in die
+Pension."
+
+"Du scherzest," sagte Anne und sah ihn fragend an.
+
+"Es ist mein Ernst," erwiderte er. "Wirst du im stande sein, bis zu dem
+Termine alles zu Ilses Abreise einrichten zu koennen? Wir haben heute den
+12. Juni."
+
+"Ja, das wuerde ich koennen, lieber Richard; aber verzeihe, mir kommt dein
+Entschluss etwas uebereilt vor. Wird er dich nicht gereuen? Lass Ilse die
+schoenen Sommermonate noch ihre Freiheit geniessen und gieb sie erst zum
+Herbste fort. Der Abschied von der Heimat wird ihr dann weniger schwer
+werden."
+
+"Nein, keine Aenderung," sagte er, bei einem laengeren Hinausschieben
+seinen Wankelmut fuerchtend, "es bleibt dabei - zum 1. Juli wird sie
+angemeldet."
+
+Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut mit erhitzten Wangen und ueber
+und ueber mit Heu bestreut zum zweiten Fruehstuecke zurueck. Wie sie war, ohne
+den Anzug zu wechseln, trat sie hoechst vergnuegt auf die Veranda.
+
+"Da bin ich," rief sie. "Bin ich lange geblieben? Ich sage dir, Papa, das
+Heu ist kostbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen. Du wirst deine
+Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut haetten wir es seit Jahren
+nicht gehabt."
+
+"Lass das Heu jetzt, Ilse," entgegnete Herr Macket, "und hoere zu, was ich
+dir sagen werde."
+
+Er sagte es ziemlich ernst, es wurde ihm nicht leicht, von seinem Plane zu
+sprechen - sie war so ahnungslos, ja sie nahm gar keine Notiz von seiner
+Stimmung. Ihr Augenmerk war auf den wohlbesetzten Fruehstueckstisch
+gerichtet, sie war sehr hungrig von der Fahrt.
+
+"Soll ich dir Fruehstueck schneiden?" fragte Frau Anne freundlich, aber Ilse
+lehnte es ab.
+
+"Ich will es schon selbst thun," sagte sie, nahm das Messer und schnitt
+sich ein tuechtiges Stueck Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast
+fingerdick darauf. Nachdem sie ein dickes Stueck Wurst zugelangt hatte,
+fing sie an, wohlgemut zu essen. Bald von dem Brote, bald von der Wurst,
+die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Hoechst ungeniert lehnte
+sie dabei hintenueber in einem Sessel und schlug die Fuesse uebereinander. Es
+schmeckte ihr koestlich.
+
+"Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen!" rief sie mit vollem
+Munde, "nun schiess los, ich bin ordentlich neugierig darauf."
+
+Er zoegerte etwas mit der Antwort, noch war es Zeit, noch konnte er seinen
+Entschluss zuruecknehmen - einen Augenblick ueberlegte er und es fehlte nicht
+viel, so haette er es wirklich gethan, aber die Schwaeche ging vorueber und
+so ruhig wie es ihm moeglich war, teilte er Ilse seinen Beschluss mit.
+
+Wenn er erwartet hatte, dass sie sich stuermisch widersetzen wuerde, so hatte
+er geirrt. Zwar blieb ihr buchstaeblich der Bissen im Munde stecken vor
+Ueberraschung und Schreck, aber ihr Auge flog zur Mutter hinueber und sie
+unterdrueckte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte diese
+erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu
+verlassen, sie, die doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses
+Planes war, denn der Papa - nein! Nimmermehr wuerde er sie von sich gegeben
+haben!
+
+"Nun, du schweigst?" fragte Herr Macket, "du hast vielleicht selbst schon
+die Notwendigkeit eingesehen, dass du noch tuechtig lernen musst, mein Kind,
+denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch ueberall, nicht wahr?"
+
+"Gar nichts habe ich eingesehen!" platzte Ilse heraus, "du selbst hast mir
+ja oft genug gesagt, ein Maedchen brauche nicht so viel zu lernen, das
+allzu viele Studieren mache es erst recht dumm! Ja, das hast du gesagt,
+Papa, und nun sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf
+den Schulbaenken sitzen zwischen andern Maedchen und lernen, bis mir der
+Kopf weh thut. Aber es ist gut, ich will auch fort, ja ich freue mich auf
+die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da waere!"
+
+Und sie erhob sich hastig, warf den Rest ihres Fruehstuecks auf den Tisch
+und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer, und jetzt brachen die Thraenen
+hervor, die sie bis dahin nur muehsam zurueckgehalten hatte.
+
+Frau Anne waere dem Kinde gar zu gern gefolgt, sie fuehlte, was in dem
+jungen Herzen vorging, aber sie wusste genau, dass Ilse ihre guetigen Worte
+trotzig zurueckweisen wuerde; so blieb sie zurueck und hoffte auf die Zeit,
+wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer muetterlichen Liebe finden werde. - -
+
+ --------------
+
+Die wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termine vergingen schnell. Frau
+Anne hatte alle Haende voll zu thun, um Ilses Garderobe in Ordnung zu
+bringen. Die Vorsteherin der Pension hatte auf Herrn Mackets Anfrage
+sofort geantwortet und sich gern zu seiner Tochter Aufnahme bereit
+erklaert. Zugleich hatte sie ein Verzeichnis der Sachen mitgeschickt, die
+jede Pensionaerin bei ihrem Eintritt in das Institut mitzubringen habe.
+
+Ilse lachte spoettisch ueber die, nach ihrer Meinung vielen unnuetzen Dinge,
+besonders die Hausschuerzen fand sie geradezu laecherlich. Sie hatte bis
+dahin niemals eine solche getragen.
+
+"Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!" sagte sie, als Frau Anne
+dabei war, den Koffer zu packen, "die brauchst du gar nicht einzulegen."
+
+"Du wirst dich doch der allgemeinen Sitte fuegen muessen, mein Kind,"
+entgegnete die Mutter. "Warum wolltest du auch nicht? Sieh' einmal her,
+diese blau und weiss gestreifte Schuerze mit den gestickten Zacken ringsum,
+ist sie nicht ein reizender Schmuck fuer ein kleines Fraeulein, das sich im
+Haushalte nuetzlich machen wird?"
+
+"Ich werde mich aber im Haushalte nicht nuetzlich machen!" rief Ilse in
+ungezogenem Tone, "das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der
+Kueche arbeiten oder die Stuben aufraeumen? Die Schuerzen trage ich nicht,
+ich will es nicht!"
+
+"Uebertreibe nicht, Ilse," entgegnete Frau Anne, "du weisst recht gut, dass
+man dergleichen nie von dir verlangen wird. Wenn du durchaus die Schuerzen
+nicht tragen magst, so kannst du ja deinen Wunsch der Vorsteherin
+mitteilen, vielleicht erfuellt sie dir denselben."
+
+"Ich werde sie nicht erst darum fragen! Solche Dinge gehen sie gar nichts
+an!" war Ilses unartige Antwort.
+
+Sie verliess die Mutter, auf welche sie einen wahren Groll hatte. All die
+schoenen Waesche- und Kleidungsstuecke, die Frau Anne mit Liebe und Sorgfalt
+fuer sie ausgewaehlt hatte, fanden keine Gnade vor ihren Augen, nicht einen
+Funken Interesse zeigte sie dafuer.
+
+Dem Papa erklaerte sie, dass sie ein kleines Koefferchen fuer sich selbst
+packen werde. Niemand solle ihr dabei helfen, niemand wissen, welche
+Schaetze sie mit in das neue Heim hinueberfuehren werde.
+
+"Das ist eine praechtige Idee, Ilschen," stimmte Herr Macket bei, "nimm nur
+mit, was dir Freude macht."
+
+Und er liess sofort einen allerliebsten, kleinen Koffer kommen und
+ueberraschte seinen Liebling damit. Als Ilse ihm erfreut und dankend um den
+Hals fiel, als sie ihn seit laengerer Zeit zum erstenmal wieder "mein
+kleines Pa'chen" nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, dass er sich
+abwenden musste, um seine Ruehrung zu verbergen.
+
+ [Illustration]
+
+Am Tage vor ihrer Abreise schloss sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu
+packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand
+kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Lederguertel, es wurde nur so
+in den Koffer hineingeworfen und mit den Haenden etwas festgedrueckt, dann
+die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, dann eine
+alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Toene hervorbringen konnte,
+ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter
+Kanarienvogel, und zuletzt, nachdem die wunderbarsten Dinge in den Koffer
+gewandert waren, griff sie nach einem Glase, in welchem ein Laubfrosch
+sass. Es ist kaum zu glauben, indessen auch dieses sollte mitverpackt
+werden, - sie hatte sich so an das Tierchen gewoehnt. Sie nahm ein gutes,
+gesticktes Taschentuch aus dem Kommodenkasten, band dasselbe ueber das
+Glas, legte auch noch eine Papierhuelle darueber, schnitt ganz kleine Loecher
+in beides und steckte einige Fliegen hindurch.
+
+"So," sagte sie hoechst befriedigt von ihrer Packerei, "nun bist du gut
+versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungern auf der weiten
+Reise."
+
+Wie sie das Glas hineinbrachte in den Koffer, war wirklich ein Kunststueck,
+das ihr erst nach vieler Muehe gelang. Aber endlich war sie doch so weit,
+dass sie den Deckel schliessen konnte. Er klemmte etwas und Ilse musste sich
+erst darauf knieen, bevor derselbe ins Schloss fiel. Den kleinen Schluessel
+zog sie ab, befestigte ihn an einer schwarzen Schnur und band diese sich
+um den Hals.
+
+Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tische sassen, ging
+Ilse in den Hof und machte eine Runde durch alle Staelle. Von den Huehnern,
+Tauben, Kuehen, Pferden - sie hatte so viele Lieblinge darunter - nahm sie
+Abschied; morgen sollte sie ja alle auf lange Zeit verlassen. Das Lebewohl
+von den Hunden wurde ihr am schwersten, sie waren alle ihre guten Freunde.
+Dianas Sproesslinge, die schon allerliebst herangewachsen waren und sie
+zaertlich begruessten, lockten ihr Thraenen des tiefsten Leides hervor.
+
+Neben ihr stand Johann. Er hatte das kleine Fraeulein vom ersten Tage ihres
+Lebens an gekannt und liebte sie abgoettisch. Als er ihre Thraenen sah,
+liefen auch ihm einige Tropfen ueber die Wangen.
+
+"Wenn das kleine Fraeulein wiederkommt," sagte er mit klaeglicher Stimme und
+fuhr mit der verkehrten Hand ueber die Wange, "dann wird es wohl eine grosse
+Dame sein. Ja ja, Fraeulein Ilschen, unsre schoene Zeit ist dahin! Ach und
+die Hunde, wie werden sie das Fraeulein vermissen! Die sind gescheit!
+Menschlichen Verstand hat das dumme Vieh! Wie sie schmeicheln, die kleinen
+Krobaten, als ob sie wuessten, dass unser kleines Fraeulein morgen abreist -
+-" hier wurde seine Stimme so unsicher, dass er nicht weiter sprechen
+konnte.
+
+"Johann," entgegnete Ilse unter Schluchzen, "sorge fuer die Hunde. Und wenn
+du mir einen grossen - den letzten Gefallen thun willst, so," hier sah sie
+sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Naehe
+war, "so nimm Bob," diesen Namen hatte sie Dianas kleinem Soehnchen
+gegeben, "mit auf den Kutscherbock morgen, wenn du mich zur Bahn faehrst,
+aber heimlich. Niemand darf es wissen, ich will ihn mitnehmen. Ein
+Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt. Aber Johann, heimlich,
+hoerst du?"
+
+Der Kutscher war gluecklich ueber diesen Auftrag und dass er dem lieben,
+kleinen Fraeulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er laechelte
+verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, dass keine
+menschliche Seele von dem Hunde etwas merken solle.
+
+Frueh am andern Morgen stand der Wagen vor der Thuer, der Ilse fortbringen
+sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin,
+Fraeulein Raimar, selbst zu ueberbringen. Er musste sich doch persoenlich
+ueberzeugen, wo und wie sein Liebling aufgehoben sein werde. Frau Anne
+nahete sich Ilse im letzten Augenblick, um zaertlich und geruehrt von ihrem
+Kinde Abschied zu nehmen, aber diese machte ein finsteres, trotziges
+Gesicht und entwand sich der Mutter Armen.
+
+"Lebe wohl," sagte sie kurz und sprang in den Wagen; nicht um die Welt
+haette sie der Mutter verraten moegen, wie weh und schmerzlich ihr das
+Scheiden wurde.
+
+Als der Wagen sich in Bewegung setzte und Diana denselben laut bellend
+noch eine kurze Strecke begleitete, bog sie sich weit zum Wagen hinaus mit
+thraenenden Augen und nickte ihr zu. Gut war es, dass der Vater nichts von
+den Thraenen merkte, er wuerde vielleicht augenblicklich Kehrt gemacht
+haben.
+
+Auf dem Bahnhofe, als alles besorgt und Ilse mit dem Papa in das Koupee
+gestiegen war, trat Johann hinzu mit Bob unter dem Arme und der Muetze in
+der Hand.
+
+"Leben Sie recht wohl, Fraeulein Ilschen, und kommen Sie gut hin," sagte er
+etwas verlegen. "Die Hunde werde ich schon besorgen, dafuer haben Sie nur
+keine Angst nicht. Den hier nehmen Sie wohl mit, es ist doch gut, wenn Sie
+nicht so allein in der Pension sind."
+
+Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund in Empfang, liebkoste und
+streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand.
+
+"Leb wohl," sagte sie, "und habe Dank. Ich freue mich zu sehr, dass ich ein
+Huendchen mit mir nehmen kann."
+
+"Ja, aber Ilse, das geht doch nicht," wandte der erstaunte Oberamtmann
+ein, "du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen. Sei
+vernuenftig und gieb Bob Johann wieder zurueck."
+
+Doch daran war nicht zu denken. Ilse liess sich durch keine Vorstellung
+dazu bewegen.
+
+"Die einzige Freude lass mir, Pa'chen! Willst du mich denn ganz allein
+unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich
+doch einen guten Freund. Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort
+von mir," wandte sie sich an den Hund, der es sich bereits hoechst bequem
+auf ihrem Schosse gemacht hatte, "du bleibst nun immer bei mir!"
+
+Es war dem Oberamtmann unmoeglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen, zumal
+ja Ilse so triftige Gruende fuer ihren Wunsch anfuehrte. Am meisten
+ueberzeugte ihn der Gedanke, dass die Kleine doch einen heimatlichen Trost
+mit in die Fremde braechte.
+
+Es war eine lange und ziemlich langweilige Fahrt, meist durch flaches
+Land, erst zuletzt kamen die Berge. Fuer Ilse that sich eine neue Welt auf,
+sie hatte noch nie eine so grosse Reise gemacht. Auf jeder Station schaute
+sie mit neugierigen Augen hinaus, jedes Bahnwaerterhaeuschen amuesierte sie.
+Ueber all den neuen Eindruecken, die sich ihr aufdraengten, trat der
+Trennungsschmerz in den Hintergrund.
+
+Spaet am Abend, es war zehn Uhr vorbei, langten sie in W. an. Natuerlich
+uebernachtete Ilse mit ihrem Vater im Hotel, erst am andern Morgen sollte
+sie in ihre neue Heimat eingefuehrt werden.
+
+Als es am naechsten Tage neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor
+ihrem Papa. Sie sah in ihrem grauen Reisekleide und den zierlichen
+Lederstiefeln ganz allerliebst aus. Unter dem runden, weissen Strohhute,
+der mit einem Feldstraeusschen und schwarzen Samtband aufgeputzt war, fielen
+die braunen Locken herab. Die schoenen, grossen Augen blickten heute nicht
+so froehlich wie sonst, sie hatten einen aengstlich erwartungsvollen
+Ausdruck, und um den Mund zuckte es in nervoeser Aufregung.
+
+"Dir fehlt doch nichts, Ilschen?" fragte Herr Macket und sah sein Kind
+besorgt an. "Du bist so blass, hast du schlecht geschlafen?"
+
+Die herzliche Frage des Vaters loeste mit einemmal die unnatuerliche
+Spannung in Ilses Wesen. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin
+trotzig zurueckgehaltenen Thraenen brachen mit aller Macht hervor.
+
+"Aber Kind, Kind," sagte Herr Macket sehr geaengstigt durch ihre
+Leidenschaftlichkeit, "du wirst ja nicht lange von uns getrennt bleiben.
+Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm,
+Kleines, trockne die Thraenen. Du musst dir das Herz nicht schwer machen. Du
+wirst uns fleissig Briefe schreiben und die Mama oder ich werden dir
+taeglich Nachricht geben von uns, von allem, was dich in Moosdorf
+interessiert." Und er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer
+von neuem hervorbrechenden Thraenen seines Kindes.
+
+Der Oberamtmann befand sich in einer gleich aufgeregten Stimmung wie sein
+Kind, es wurde ihm nicht leicht zu troesten, wo er selbst des Trostes
+beduerftig war. So schwer hatte er sich die Trennung nicht gedacht, er
+wuerde sonst nicht darein gewilligt haben; aber da er das einmal gethan
+hatte, wollte er sich in die Notwendigkeit fuegen.
+
+Er strich Ilse das Haar aus der Stirn und setzte ihr den herabgesunkenen
+Hut wieder auf. "Komm," sagte er, "jetzt wollen wir gehen. Nun sei ein
+verstaendiges Kind."
+
+"Die Mama soll mir nicht schreiben!" stiess Ilse schluchzend heraus, "nur
+deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht
+lesen!"
+
+"Ilse!" verwies Herr Macket, "so darfst du nicht sprechen. Die Mama hat
+dich lieb und meint es sehr gut mit dir."
+
+"Sehr gut!" wiederholte sie in kindischem Zorne, "wenn sie mich lieb
+haette, wuerde sie mich nicht verstossen haben!"
+
+"Verstossen! Du weisst nicht, was du sprichst, Ilse! Werde erst aelter, dann
+wirst du das grosse Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter anthust,
+und deine boesen Worte bereuen."
+
+"Sie ist nicht meine Mutter, - sie ist meine Stiefmutter!"
+
+"Du bist kindisch!" sagte der Oberamtmann, "aber merke dir, niemals wieder
+will ich dergleichen Aeusserungen von dir hoeren. Du kraenkst mich damit!"
+
+Ilse sah schmollend zur Erde nieder und konnte nicht begreifen, wie es
+kam, dass der Papa sie nicht verstand, er musste doch einsehen, wie unrecht
+ihr geschah.
+
+"Komm jetzt," fuhr er in mildem Tone fort, "wir wollen gehen, mein Kind."
+Sie ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte so ausgeruestet dem
+Vater folgen.
+
+"Lass ihn zurueck," gebot derselbe, "wir wollen die Vorsteherin erst fragen,
+ob du ihn mitbringen darfst."
+
+Aber Ilse setzte ihren Kopf auf, "dann gehe ich auch nicht," erklaerte sie
+mit aller Bestimmtheit. "Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall in der
+Pension!"
+
+Macket that dem Eigensinne den Willen aus Furcht, von neuem Thraenen
+hervorzulocken. Aber Ilses Widerstand war ihm im hoechsten Grade peinlich.
+Was sollte Fraeulein Raimar denken!
+
+Eine Viertelstunde darauf standen Vater und Tochter vor einem stattlichen,
+zweistoeckigen Hause, das vor dem Thore der kleinen Stadt mitten im Gruenen
+lag; es war das Institut des Fraeulein Raimar.
+
+Der Oberamtmann blieb ueberrascht davor stehen. "Sieh Ilse, welch ein
+schoenes Gebaeude!" rief er hoechst befriedigt. "Der Blick von hier aus in
+die nahen Berge ist geradezu bezaubernd."
+
+Was kuemmerten sie die Berge! Sie fuehlte sich so gedrueckt von Kummer, dass
+ihr die ganze Welt ein Jammerthal duenkte.
+
+"Wie kannst du dies Haus schoen finden, Papa," entgegnete sie. "Wie ein
+Gefaengnis sieht es aus."
+
+Herr Macket lachte. "Betrachte doch die hohen, breiten Fenster, Kind,"
+sagte er. "Glaubst du, dass in einem Gefaengnisse aehnliche zu finden sind?
+Die armen Gefangenen sitzen hinter kleinen, blinden Scheiben, die ausserdem
+noch mit einem Eisengitter versehen sind."
+
+"Ich werde jetzt auch eine Gefangene sein, Papa, und du selbst lieferst
+mich in dem Gefaengnisse ab."
+
+"Du bist eine kleine Naerrin!" lachte er und brach das Gespraech, das ihm
+bedenklich zu werden schien, ab.
+
+Er stieg die breiten, steinernen Stufen, die zu dem Eingange fuehrten,
+hinauf und zog an der Klingel. Ilse, die ihm langsam gefolgt war, schrak
+unwillkuerlich zusammen, als sie den hellen Schall im Hause vernahm.
+
+Gleich darauf wurde die Thuer von einer Magd geoeffnet. Nachdem dieselbe die
+Angekommenen gemeldet hatte, wurden sie in das Empfangszimmer der
+Vorsteherin gefuehrt.
+
+Bevor sie dasselbe erreichten, mussten sie den Hausflur und einen langen
+Korridor, von welchem zwei Ausgaenge in einen schoenen, grossen Hof fuehrten,
+durchschreiten. Es war gerade die Fruehstueckspause in der Schule und so war
+es natuerlich, dass ueberall lachend und plaudernd grosse und kleine Maedchen
+umherstanden. Sie verstummten, als sie die neue Pensionaerin, von der sie
+wussten, dass sie heute ankommen werde, erblickten, und aller Augen
+richteten sich auf Ilse, der es ploetzlich hoechst beklommen zu Mute wurde.
+Es schien ihr, als hoere sie verstecktes Kichern hinter sich und sie war
+herzlich froh, als die Thuer in dem Empfangszimmer sich hinter ihr schloss.
+Noch war dasselbe leer.
+
+Ilse blickte sich um, und in diesem grossen, vornehmen Raume, der
+kuenstlerisch und elegant zugleich eingerichtet war, stieg mit einem Male
+ein etwas banges Gefuehl in ihr auf wegen Bob, sie wuenschte fast, des
+Vaters Willen gefolgt zu sein. Haette sie den Hund in ihrem Arme ploetzlich
+unsichtbar machen koennen, sie haette es gethan. Nun wollte der Unartige
+auch noch herunter auf den Boden, und diesen Wunsch konnte sie ihm doch
+unmoeglich erfuellen, wie haette sie wagen duerfen, ihn auf den kostbaren
+Teppich, der durch das Zimmer gebreitet lag, herab zu lassen!
+
+Die Thuer oeffnete sich und Fraeulein Raimar trat ein. Sie begruesste Herrn
+Macket mit steifer Freundlichkeit, dann blickte sie mit ihren stahlgrauen
+Augen, die einen zwar strengen, ernsten, trotzdem aber gewinnenden
+Ausdruck hatten, auf Ilse. Diese war dicht an den Vater getreten und hatte
+seine Hand ergriffen.
+
+"Sei willkommen, mein Kind!" Mit diesen Worten begruesste die Vorsteherin
+Ilse und reichte ihr die Hand. "Ich denke, du wirst dich bald bei uns
+heimisch fuehlen." Als sie den Hund sah, fragte sie: "Hat dich dein Hund
+bis hierher begleitet?"
+
+Ilse blickte etwas hilflos den Papa an, der dann auch fuer sie das Wort
+nahm. "Sie mochte sich nicht von ihm trennen, Fraeulein Raimar," sagte er
+etwas verlegen, "sie glaubte, dass Sie die Guete haben wuerden, ihren kleinen
+Kameraden mit ihr aufzunehmen."
+
+Das Fraeulein laechelte. Es war das erste Mal, dass man ihr eine solche
+Zumutung machte. "Es thut mir leid, Herr Oberamtmann," sagte sie, "dass ich
+den ersten Wunsch Ilses ruecksichtslos abschlagen muss. Sie wird verstaendig
+sein und einsehen, dass ich nicht anders handeln kann. Stelle dir einmal
+vor, liebes Kind, wenn alle meine Pensionaerinnen den gleichen Wunsch
+haetten, dann wuerden zweiundzwanzig Hunde im Institute sein. Welch ein
+Spektakel wuerde das geben! Moechtest du das Tier gern in deiner Naehe
+behalten, so wuesste ich einen Ausweg. Mein Bruder, der Buergermeister hier,
+wird deinen Hund gewiss aufnehmen, wenn ich ihn darum bitte; dann kannst du
+taeglich deinen Liebling sehen."
+
+Ilse war rot geworden und dicke Thraenen perlten in ihren Augen. "Dann
+bleibe ich auch nicht hier!" - sie wollte es eben aussprechen, aber sie
+wagte es nicht. Die Dame vor ihr hatte so etwas Unnahbares, Vornehmes in
+ihrem Wesen. Wie eine Fuerstin erschien sie ihr trotz des schlichten,
+grauen Kleides, dessen kleiner Stehkragen am Halse mit einer einfachen
+goldenen Nadel zusammengehalten wurde. Ilse senkte den Blick und schwieg.
+
+Der Oberamtmann lachte. "Sie haben recht, Fraeulein," sagte er, "und wir
+haetten das selbst vorher bedenken koennen. Ihre grosse Guete, den Hund bei
+Ihrem Herrn Bruder unterzubringen, wird Ilse mit vielem Danke annehmen,
+nicht wahr?"
+
+Sie schuettelte den Kopf. "Fremde Leute sollen Bob nicht haben, Papa, du
+nimmst ihn wieder mit nach Moosdorf."
+
+Herr Macket schaemte sich der Antwort seines Kindes, aber Fraeulein Raimar
+ueberhob ihn geschickt seiner Verlegenheit. Mit ihrem erfahrenen Sinne
+hatte sie sofort das Trotzkoepfchen vor sich erkannt. Sie that, als merkte
+sie Ilses Unart nicht.
+
+"Du hast ganz recht," sagte sie freundlich, "es ist das beste, der Papa
+nimmt das Tier wieder mit in die Heimat. Du wuerdest durch dasselbe
+vielleicht doch mehr zerstreut, als mir lieb waere. Soll die Magd den Hund
+in das Hotel zuruecktragen, wo Sie abgestiegen sind, Herr Oberamtmann?"
+
+"Ich will ihn selbst dorthin tragen, nicht wahr, Papachen?" fragte Ilse
+und hielt Bob aengstlich fest.
+
+"Ich wuensche nicht, dass du es thust, liebe Ilse," wandte Fraeulein Raimar
+ein. "Ich moechte dich gleich zu Mittag hier behalten, um dich den uebrigen
+Pensionaerinnen vorzustellen. Ich halte es so fuer das beste. Es thut nicht
+gut, Herr Oberamtmann, wenn ein Kind, sobald der Vater oder die Mutter es
+mir uebergeben haben, noch einmal mit ihnen zurueckkehrt in das Hotel. Der
+Abschied wird ihm weit schwerer gemacht."
+
+"Nein, nein!" rief Ilse zitternd vor Aufregung, "ich bleibe nicht gleich
+hier! Ich will mit meinem Papa so lange zusammen sein, bis er abreist. Du
+nimmst mich mit dir, nicht, Papa?"
+
+Es wurde Herrn Macket heiss und kalt bei ihrem Ungestuem, indes auch diesmal
+half ihm Fraeulein Raimar ueber die peinliche Lage hinweg.
+
+"Gewiss, mein Kind," entgegnete sie mit Ruhe, "dein Wunsch soll dir erfuellt
+werden. Darf ich Sie bitten, Herr Oberamtmann, heute mittag mein Gast zu
+sein? Sie wuerden mich sehr erfreuen."
+
+Ilse warf ihrem Papa einen flehenden Blick zu, der ungefaehr ausdruecken
+sollte: "Bleib' nicht hier, nimm mich mit fort! Ich mag nicht hier bleiben
+bei dem boesen Fraeulein, das mich schlecht behandeln wird!" Leider verstand
+er den Blick anders, er hielt ihn fuer eine stumme Bitte, die Einladung
+anzunehmen und sagte zu.
+
+Die Vorsteherin erhob sich und zog an einer Klingelschnur. Der
+eintretenden Magd trug sie auf, Fraeulein Guessow zu rufen. Wenige
+Augenblicke darauf trat dieselbe in das Zimmer.
+
+Die Gerufene war die erste Lehrerin im Institute und wohnte daselbst. Weit
+juenger als die Vorsteherin, war sie eine hoechst anmutige, liebenswuerdige
+Erscheinung von sechsundzwanzig Jahren. Saemtliche Tagesschuelerinnen und
+besonders die Pensionaerinnen schwaermten fuer sie, sie verstand es, durch
+gleichmaessige Guete sich die jungen Herzen zu gewinnen.
+
+"Wollen Sie die Guete haben, Ilse auf ihr Zimmer zu geleiten," sagte die
+Vorsteherin, nachdem sie die junge Lehrerin vorgestellt hatte, "damit sie
+dort ihren Hut ablegen kann."
+
+"Gern," erwiderte die Angeredete und trat auf Ilse zu. "Komm, liebes
+Kind," sagte sie freundlich und ergriff sie bei der Hand, "jetzt werde ich
+dir zeigen, wo du schlaefst. O, du hast ein schoenes, grosses Zimmer; aber du
+wohnst nicht allein dort. Ellinor Grey wird deine Stubengenossin sein. Sie
+ist ein liebes Maedchen. Du moechtest gern gleich mit ihr bekannt werden,
+nicht wahr?"
+
+Ilse ueberhoerte die Frage. Mit scheuen, aengstlichen Augen sah sie den Vater
+an und fragte: "Du gehst doch nicht fort, Papa?" Als er sie darueber
+beruhigte, folgte sie Fraeulein Guessow.
+
+"Aber den Hund musst du wohl hier lassen, du kannst ihn doch nicht mit
+hinauf in dein Zimmer nehmen," sagte Fraeulein Raimar. "Du kannst ihn
+draussen der Magd uebergeben, damit sie ihn so lange in Verwahrung nimmt."
+
+Fraeulein Guessow dachte weniger streng als die Vorsteherin. Sie fand es
+nicht so schlimm, wenn Ilse ihren Hund im Arme behielt.
+
+"Hast du ihn so sehr gern?" fragte sie, als sie mit dem jungen Maedchen den
+Korridor entlangging.
+
+"Ja," entgegnete Ilse, "sehr, sehr lieb habe ich Bob. Und ich darf ihn
+nicht hier behalten."
+
+Sie legte ihre Wange auf des Hundes Kopf und kaempfte mit dem Weinen.
+
+"Graeme dich nicht darum, Kind," troestete Fraeulein Guessow, "das ist nicht
+so schlimm. Du findest hier viel etwas Besseres. Du sollst einmal sehen,
+wie bald du den Bob vergessen haben wirst. Wir haben zweiundzwanzig
+Pensionaerinnen jetzt im Institute, du wirst manche liebe Freundin unter
+ihnen finden. Hast du Geschwister?"
+
+"Nein," sagte Ilse, die ganz zutraulich gegen Fraeulein Guessow wurde, "ich
+bin allein."
+
+"Nun, siehst du! Da kann ich mir deine Liebe zu dem unvernuenftigen Tiere
+erklaeren, dir fehlten die Gespielinnen. Gieb deinen Hund getrost dem Papa
+wieder mit zurueck, du wirst ihn nicht vermissen."
+
+Sie stiegen eine Treppe hinauf und kamen auf einen grossen, hellen Vorsaal,
+auf welchem eine Anzahl Thueren muendeten. Eine derselben oeffnete die
+Lehrerin, und sie traten in ein geraeumiges Zimmer ein, das nach dem Garten
+fuehrte. Die Fenster waren geoeffnet und ein maechtiger Apfelbaum streckte
+seine Zweige fast zum Fenster hinein.
+
+Die Einrichtung war nicht elegant, nur das Notwendigste befand sich in dem
+Zimmer. Zwei Betten, zwei Kommoden und zwei Kleiderschraenke, dann noch ein
+grosser Waschtisch und einige Stuehle.
+
+Als Fraeulein Guessow mit Ilse eintrat, erhob sich schnell ein junges
+Maedchen von ungefaehr siebzehn Jahren, das mit einem Buche in der Hand am
+Fenster gesessen hatte. Es war ein schlankes, zartgebautes Wesen, mit
+goldblondem Haar, das sie in einem Knoten aufgesteckt trug, mit blauen
+Augen und mit schelmischen Gruebchen in den Wangen, sobald sie lachte. Es
+war Ellinor Grey, eine Englaenderin.
+
+"Hier bringe ich dir Ilse Macket, Nellie," so wurde der Englaenderin Namen
+allgemein abgekuerzt. "Ich denke, du wirst dich ihrer liebreich annehmen."
+
+"O ja, ich werde ihr sehr lieben," antwortete Nellie und reichte der
+Neuangekommenen die Hand. "Bleibt die Hund auch hier?" fragte sie.
+
+"Nein," sagte Fraeulein Guessow.
+
+"O wie schade! Es ist ein so suesses Tier!" Und sie streichelte Bob.
+
+Es klang so drollig und sie sah so schelmisch aus, dass Ilse sofort sich
+von ihr angezogen fuehlte. Gern haette sie noch ein Weilchen dem komischen
+Geplauder Nellies zugehoert, aber sie musste dem Fraeulein folgen, die sich
+vorgenommen hatte, ihr einige Schulraeume zu zeigen. Zuerst oeffnete sie die
+Thuer zu dem Musikzimmer, dann gingen sie in den Zeichensaal und zuletzt
+wurde Ilse in den sogenannten grossen Saal gefuehrt. Die junge Lehrerin
+erzaehlte ihr, dass in demselben alle Examen und zuweilen auch
+Festlichkeiten stattfaenden. Ilse hoerte mit halbem Ohre, sie hatte naemlich
+durch eine offenstehende Thuer einen Blick in eine leerstehende Klasse
+gethan und Schulbaenke darin entdeckt. Dort eingeklemmt sollte sie von
+jetzt an sitzen, nicht aufstehen duerfen, wenn es ihr beliebte - o, es war
+entsetzlich! Ein Grauen ueberkam sie ploetzlich, ihr war, als wuerde ihr die
+Brust zusammengeschnuert.
+
+"In welche Klasse meinst du, dass du kommen wirst?" fragte das Fraeulein,
+"deinem Alter nach muesstest du wohl in die erste versetzt werden. Hast du
+deine Arbeitsbuecher mitgebracht? Wie steht es mit den Sprachen?
+Franzoesisch und Englisch sind dir wohl gelaeufig, da du stets, wie dein
+Papa schrieb, eine englische oder franzoesische Gouvernante hattest."
+
+Von unten herauf toente eine Glocke. Dies war eine sehr gelegene
+Unterbrechung fuer Ilse, der es unheimlich bei dem Examen wurde. Sie sagte,
+dass sie nicht wisse, wie weit sie sei, franzoesisch glaube sie sprechen zu
+koennen.
+
+"Nun lass nur, mein Kind," meinte das Fraeulein, "heute wollen wir noch
+nicht an das Lernen denken, bei deiner Pruefung morgen werden wir ja sehen,
+welch kleine Gelehrte du bist. - Wir wollen jetzt hinunter in den
+Speisesaal gehen, die Glocke hat uns zu Tisch gerufen."
+
+Als sie in denselben eintraten, fanden sie die Vorsteherin mit dem
+Oberamtmann bereits dort. Erstere machte ihn mit der herkoemmlichen
+Einrichtung waehrend des Essens bekannt. Zum Beispiel, dass die zuletzt
+angekommene Pensionaerin stets ihren Platz neben der Vorsteherin angewiesen
+erhalte. Dann, dass zwei junge Maedchen woechentlich den Tisch zu besorgen
+hatten. Dieselben mussten denselben decken und genau acht geben, dass nichts
+fehlte und saemtliche Gegenstaende sauber und blank waren. Die Juengste der
+Pensionaerinnen sprach stets das Tischgebet.
+
+Dem Oberamtmann gefielen die Anordnungen vortrefflich und als er seinen
+Blick ueber die junge Maedchenschar hingleiten liess, musste er seine Freude
+aussprechen, wie gesund und froehlich fast alle aussahen.
+
+Ilse sah auch umher, aber es waren nicht die froehlichen und gesunden
+Gesichter, die sie interessierten, sondern die Schuerzen. Jede Einzelne
+trug ein solches von ihr verachtetes Ding, und Fraeulein Raimar sah nicht
+aus, als ob sie eine Ausnahme bei ihr gelten lassen wuerde.
+
+Nach dem Gebete wurden die Speisen aufgetragen. Dieselben waren kraeftig
+und gut gekocht, und Herr Macket konnte sich ueberzeugen, dass sein Kind
+auch in dieser Hinsicht gut versorgt sein werde.
+
+Nach dem Essen verabschiedete er sich bald, und Ilse durfte ihn begleiten.
+Nellie hatte kaum davon gehoert, als sie wie der Wind die Treppe
+hinaufflog, um gleich darauf mit Ilses Hut und Handschuhen zurueckzukommen.
+
+Diese dankte ihr dafuer, und Herr Macket reichte ihr die Hand.
+
+"Leben Sie wohl, mein Fraeulein," sagte er herzlich, denn Nellie hatte
+durch diese kleine Aufmerksamkeit ihn sofort fuer sich eingenommen, "und
+haben Sie Geduld mit meinem kleinen Wildfang."
+
+"O ja," entgegnete Nellie, "ich werde mir schon gern von sie annehmen."
+
+"Nun, Ilse, wie gefaellt dir das Institut?" fragte der Oberamtmann, als sie
+auf der Strasse gingen, "ich gestehe, dass ich sehr befriedigt von hier
+abreise, ich weiss, ich lasse dich in guten Haenden."
+
+"Mir gefaellt es gar nicht hier!" erklaerte Ilse hoechst verstimmt. "Es ist
+mir alles so fremd, und vor dem grauen Fraeulein mit dem blonden, glatten
+Scheitel fuerchte ich mich. Sie ist so hart, so ungefaellig! Du sollst
+sehen, Papa, sie ist nicht gut gegen mich. Warum soll ich Bob nicht
+behalten?"
+
+"Du hast gehoert, weshalb nicht, nun musst du auch nicht mehr so hartnaeckig
+auf deinen Wunsch zurueckkommen," verwies er sie leicht.
+
+"Nun faengst auch du an, mit mir zu zanken! Niemals hast du so boese mit mir
+gesprochen," rief Ilse schmerzlich beleidigt. Und sie fuehlte sich in dem
+Gedanken, dass kein Mensch, selbst der Papa nicht, sie leiden moege, so
+ungluecklich, dass das grosse Maedchen auf offner Strasse zu weinen anfing.
+
+Der Oberamtmann nahm ihren Arm und legte ihn in den seinigen. Des Kindes
+Thraenen machten ihn so weich.
+
+"Aber Kleines," sagte er zaertlich und versuchte zu scherzen, "was machst
+du denn? Sollen dich die Leute auslachen, wenn das grosse, kleine Maedchen
+weint?"
+
+Er fuehrte sie zurueck in das Hotel und dort fanden sie bereits Bob. Freudig
+bellend begruesste er Ilse, und diese nahm ihn hoch und liebkoste ihn unter
+lautem Schluchzen.
+
+Um fuenf Uhr reiste der Oberamtmann wieder zurueck in die Heimat. Die
+wenigen Stunden bis dahin vergingen schnell und stuermisch. Je naeher der
+Abschied rueckte, desto aufgeregter wurde Ilse, und es bedurfte seiner
+ganzen Festigkeit, um ihrem Wunsche, sie wieder mit nach Moosdorf zu
+nehmen, entgegenzutreten.
+
+"Sei doch verstaendig!" Wie oft bat er sie in dringendem Tone darum, wenn
+sie in leidenschaftlicher Erregung allerhand Drohungen ausstiess, wie:
+
+"Ich laufe heimlich davon," oder "ich werde so ungezogen sein, dass mich
+das boese Fraeulein wieder fortschickt!" Er wusste, sie werde beides nicht
+thun, aber es machte ihm doch Kummer, seinen Liebling so trostlos zu
+sehen.
+
+Sie wollte ihn wenigstens zur Bahn begleiten, auch das litt Herr Macket
+nicht.
+
+"Ich fahre dich zurueck in das Institut und dann allein zur Bahn. So ist es
+am besten. Nun komm, Ilschen," fuhr er fort, als der Wagen unten vorfuhr,
+und nahm sie zaertlich in den Arm, "und versprich mir ein gutes, folgsames
+Kind zu sein. Du sollst einmal sehen, wie bald du dich eingewoehnt haben
+wirst."
+
+Sie hing sich an seinen Hals und mochte sich nicht von ihm trennen. Es
+fiel ihr mit einemmal schwer auf das Herz, wie sehr sie den Papa gequaelt
+hatte in den letzten Stunden.
+
+"Sei mir gut, mein lieber, lieber Papa!" bat sie, "sei mir gut! Du bist ja
+der einzige Mensch auf der Welt, der mich lieb hat!"
+
+Als der Wagen vor der Anstalt hielt, trennte sich Ilse lautschluchzend von
+ihrem Vater, und als sie denselben davonfahren sah, war es ihr zu Mute,
+als ob sie auf einer wuesten Insel allein zurueckgelassen, elendiglich
+untergehen muesse.
+
+ * * *
+
+Noch eine Weile stand sie vor der verschlossenen Pforte, sie konnte sich
+nicht entschliessen, an der Klingel zu ziehen. Da wurde die Thuer von selbst
+geoeffnet und Fraeulein Guessow stand in derselben. Sie hatte von einem
+Fenster in der oberen Etage den Wagen kommen sehen und war hinuntergeeilt,
+um Ilse zu empfangen.
+
+"Jetzt gehoerst du zu uns, liebes Kind," sagte sie mit warmer Herzlichkeit
+und nahm sie in den Arm. "Weine nicht mehr, wir werden dich alle lieb
+haben."
+
+Ilse gab keine Antwort, sie fuehlte sich so ungluecklich, dass selbst der
+liebevolle Empfang der jungen Lehrerin kein Echo in ihrem Herzen fand.
+
+"Moechtest du auf dein Zimmer gehen?" fragte diese.
+
+ [Illustration]
+
+Ilse nickte stumm, sie hielt noch immer das Tuch gegen die Augen gedrueckt.
+
+"Nellie!" rief Fraeulein Guessow, "gehe mit Ilse hinauf und sei ihr beim
+Auspacken ihrer Sachen behilflich. Du moechtest doch sicher gern deine
+Sachen in Ordnung haben, liebe Ilse."
+
+Sie wusste sehr wohl, dass Ilse durchaus nicht diesen Wunsch hatte, aber sie
+wusste auch, dass die Thaetigkeit das beste Heilmittel gegen Kummer und
+Herzeleid ist.
+
+Die beiden Maedchen begaben sich auf ihr Zimmer. Ilse setzte sich auf einen
+Stuhl, behielt den Hut auf dem Kopfe und starrte zum Fenster hinaus. Es
+fiel ihr nicht ein, ihre Sachen auszupacken, und sie war geradezu empoert,
+dass man Dinge von ihr verlangte, die den Dienstboten zukaemen. Nellie hatte
+schweigend den Schrank geoeffnet und die Schubladen der Kommode aufgezogen,
+dann sah sie Ilse an, ob diese sich nicht erheben werde.
+
+"Gieb mich deiner Schluessel, ich werde aufschliessen die Koffers," sagte
+sie, "wir muessen auspacken."
+
+Unlustig verliess Ilse ihren Platz und da sie an irgend etwas ihren
+augenblicklichen Unmut auslassen musste, nahm sie ihren Hut vom Kopfe und
+warf ihn mitten in das Zimmer.
+
+"Warum soll ich alles auspacken? Ich weiss gar nicht, ob ich hier bleiben
+werde," sagte sie. "Mir gefaellt es hier nicht!"
+
+Nellie hatte den Hut aufgenommen und ihn auf ein Bett gelegt. "O," sagte
+sie sanft, "du gewoehnst dir schon. Es geht uns alle wie dich, wenn wir
+kommen. Du musst nur deiner Kopf nicht haengen lassen. Nun gieb die
+Schluessels, dass ich oeffnen kann."
+
+Ilses Trotz konnte durch keine Waffe besser geschlagen werden, als durch
+Nellies Sanftmut. Sie gab den Schluessel und jene schloss auf und begann
+auszuraeumen. Ilse stand dabei und sah zu.
+
+"O, du musst dich dein Sachen selbst aufraeumen in dein Kommode," sagte
+Nellie. "Ich werde dich alles zureichen."
+
+Ilse hatte wenig Lust dazu, Ordnung kannte sie nur dem Namen nach. Sie
+nahm die sauber, mit roten Baendern gebundene Waesche und warf sie achtlos
+in die Schubkasten, es war ihr gleich, wie alles zu liegen kam. Nellie sah
+diesem Treiben einige Augenblicke zu, dann fing sie an zu lachen.
+
+"Was machst du?" fragte sie. "Weisst du nicht, wie Ordnung ist?
+Taschentuecher, Kragen, Schuerzen - alles wirfst du durcheinander. Das sieht
+sehr bunt aus. Huebsch nebeneinander musst du es machen, so -," und sie zog
+einen Kasten nach dem andern in ihrer Kommode auf und zeigte Ilse, wie
+sauber dort alles geordnet lag.
+
+"Das kann ich nicht!" entgegnete Ilse. "Uebrigens faellt es mir auch gar
+nicht ein, so viel Umstaende um die dummen Sachen zu machen!"
+
+"Dumme Sachen!" wiederholte Nellie. "O Ilse, wie kannst du so sagen! Sieh
+diesen feinen Taschentuecher, wie sie schoen gestickt, - o und diese suesse
+Schuerzen! Und du hast die schwere Buecher daraufgethan - wie hast du sie
+zerdrueckt! - Lass nur sein," fuhr sie fort, als Ilse im Begriffe war,
+Schuhe und Stiefel auf die Waesche zu werfen, "ich werde ohne dir machen -
+du verstehst nix!"
+
+Ilse liess sich das nicht zweimal sagen. Ruhig sah sie zu, wie Nellie das
+Schuhzeug nahm und es unten in den Kleiderschrank stellte, wie sie
+ueberhaupt jedem Dinge den rechten Platz gab.
+
+"O, ein schoenes Buch!" rief diese ploetzlich und nahm ein Buch aus dem
+Koffer, das hoechst elegant in braunen Samt gebunden und mit silbernen
+Beschlaegen verziert war. In der Mitte des Deckels befand sich ein kleines
+Schild, auf welchem eingraviert war: Ilses Tagebuch.
+
+Ilse nahm dasselbe Nellie aus der Hand und sah es verwundert an. Was war
+das fuer ein Buch? Sie wusste nichts davon. Ein kleiner Schluessel steckte in
+dem Schlosse desselben und als sie es aufgeschlossen hatte, fiel ein
+beschriebenes Blatt ihr gerade vor die Fuesse. Sie hob es auf und las:
+
+
+
+
+
+
+ Mein liebes Kind!
+
+Moege dieses Buch Dein treuer Freund in der Fremde sein. Wenn Dein Herz
+schwer ist, fluechte zu ihm und teile ihm mit, was Dich bedrueckt. Es wird
+verschwiegen sein und Dein Vertrauen nie missbrauchen.
+
+Gedenke in Liebe
+ Deiner
+ Mama.
+
+
+
+
+
+
+Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse das Buch beiseite. Sie empfand keinen
+Funken Freude ueber die reizende Ueberraschung, auch blieben die
+liebevollen Worte der Mutter ohne Eindruck auf sie.
+
+"Freut dir das Buch nicht?" fragte Nellie, die sich ueber diese
+Gleichgueltigkeit wunderte.
+
+Ilse schuettelte den Kopf. "Was soll ich damit?" fragte sie und ihr
+huebscher, frischer Mund zog sich trotzig in die Hoehe, "ich schreibe
+niemals etwas hinein. Ich werde froh sein, wenn ich meine Aufgaben gemacht
+habe. Zu langen, unnuetzen Geschichten habe ich keine Zeit und keine Lust."
+
+"Ich wuerde viel Freude haben, wenn ich ein Mutter haette, die mir so
+beschenkte," sagte Nellie traurig.
+
+"Ist deine Mutter tot?" fragte Ilse teilnehmend.
+
+"O sie ist lange, lange tot," entgegnete Nellie. "Sie starb, als ich noch
+eines klein Baby war. Meine Vater ist auch tot - ich bin ganz allein.
+Niemand hat mir recht von Herzen lieb."
+
+"Arme Nellie," sagte Ilse und ergriff ihre Hand. "Aber du hast
+Geschwister?"
+
+"O nein! keine Schwester - ganz allein! Ein alte Onkel lasst mir in
+Deutschland ausbilden, und wenn ich gutes Deutsch gelernt habe, muss ich
+ein Gouvernante sein."
+
+"Gouvernante!" rief Ilse erstaunt. "Du bist doch viel zu jung dazu! Alte
+Maedchen koennen doch erst Gouvernanten werden!"
+
+Ueber diese naive Anschauung musste Nellie herzlich lachen, und nun war
+ihre traurige Stimmung wieder verschwunden und ihre angeborene Heiterkeit
+brach hervor, wie der Sonnenstrahl durch graue Wolken. Auf Ilse aber hatte
+Nellies Verlassensein einen tiefen Eindruck gemacht.
+
+"Lass mich deine Freundin sein," bat sie in ihrer kindlich offnen Weise,
+"ich will dich auch sehr lieb haben."
+
+"Gern sollst du meine Freundin sein," entgegnete Nellie und reichte Ilse
+die Hand. "Du hast mich von der erste Augenblick so nett gefallen."
+
+Der grosse Koffer war nun leer, und Nellie ergriff den kleinen und war eben
+im Begriffe die Riemen desselben loszuschnallen, als Ilse ihr ihn unsanft
+aus der Hand nahm.
+
+"Der bleibt geschlossen!" sagte sie, "du darfst nicht sehen, was darin
+ist!"
+
+"O je! Was du machst so boese Augen!" rief Nellie und stellte sich hoechst
+erschrocken. "Hast du Heimlichkeiten in der kleine Koffer? Ist wohl Kuchen
+und Wurst darin?"
+
+Nellie begleitete ihre Worte mit so komischen Gebaerden, dass Ilse lachen
+musste. Sie bereute auch schon ihre Heftigkeit.
+
+"Ich war recht heftig, Nellie, sei mir nicht boese," bat sie. "Wenn du mich
+nicht verraten willst, dann werde ich dir zeigen, was darin ist; aber gieb
+mir die Hand darauf, dass du schweigen wirst."
+
+Nellie legte den Zeigefinger auf den Mund und besiegelte mit einem
+Haendedrucke ihre Verschwiegenheit.
+
+Jetzt nahm Ilse den Schluessel, den sie am schwarzen Bande um den Hals
+trug, und als sie eben im Begriffe war aufzuschliessen, wurde zum
+Abendessen gelaeutet.
+
+"O wie schade!" rief Nellie, die vor Neugierde brannte, die
+geheimnisvollen Schaetze zu sehen. "Nun muessen wir hinunter und erst nach
+die Schlafgehen koennen wir auspacken!"
+
+"Nach dem Schlafengehen?" fragte Ilse erstaunt. "Da liegen wir ja doch in
+unsren Betten."
+
+"Schweig!" entgegnete Nellie und legte abermals den Finger auf den Mund.
+"Das ist meines Geheimnis." - -
+
+Ilse erhielt ihren Platz neben der Vorsteherin. An ihrer andern Seite sass
+eine junge Russin, Orla Sassuwitsch. Dieselbe war eine pikante, elegante
+Erscheinung mit kurzgeschnittenem, schwarzen Haar, sehr lebhaften, dunklen
+Augen und einem Stumpfnaeschen. Sie zaehlte siebzehn Jahre, sah aber aelter
+aus. Uebrigens sprach sie fliessend deutsch.
+
+Ilse haette gern neben Nellie gesessen, mit der sie in den wenigen Stunden
+so vertraut geworden war, die aber sass weit entfernt von ihr.
+Augenblicklich hatte sie ihren Platz noch gar nicht eingenommen, sondern
+sie stand mit noch einem Maedchen an einem Nebentische und war der
+Wirtschafterin behilflich, den Thee zu servieren.
+
+Es war ein allerliebster Anblick, die jungen Maedchen mit ihren sauberen
+Latzschuerzen so haeuslich geschaeftig zu sehen. Geschickt gingen sie an den
+Tafeln entlang und reichten die Tassen herum.
+
+Verschiedene Schuesseln mit Butterbroetchen, die reichlich mit Wurst und
+Braten belegt waren, standen verteilt auf den Tischen.
+
+Fraeulein Raimar ergriff die vor ihr stehende und reichte sie Ilse.
+
+"Nimm dir," sagte sie, "und gieb dann weiter an deine Nachbarin."
+
+Ilse war hungrig. Am Mittag hatte sie fast keinen Bissen geniessen koennen,
+jetzt aber machte die Natur ihre Rechte geltend. Sie nahm sich vier
+Schnitten auf einmal, legte zwei und zwei aufeinander und verschlang den
+ganzen Vorrat in drei bis vier Bissen. Freilich hatte sie den Mund recht
+voll, die Backen traten wie geschwollen heraus, das kuemmerte sie indes
+wenig, sie war gewohnt, von einem laendlichen Butterbrote tuechtig
+abzubeissen, so zarte Theebroetchen hatte sie daheim stets verschmaeht. Als
+sie trank, hielt sie ihre Tasse mit beiden Haenden und stuetzte die Ellbogen
+dabei auf den Tisch.
+
+Fraeulein Raimar hatte nicht acht auf Ilse gegeben und wurde erst
+aufmerksam, als sie in ihrer Naehe unterdruecktes Kichern hoerte. Melanie und
+Grete Schwarz, zwei Schwestern aus Frankfurt am Main, die Ilse gerade
+gegenueber sassen, amuesierten sich koestlich ueber deren Ungeniertheit,
+stiessen heimlich ihre Nachbarinnen an und zeigten verstohlen auf die
+nichts ahnende.
+
+Ein strenger Blick der Vorsteherin brachte die Maedchen zur Ruhe. Sie
+liebte es nicht, dass ueber andrer Schwaechen und Fehler gespottet wurde.
+Ueber Ilses unmanierliche Art zu essen sagte sie vorlaeufig nichts, um sie
+nicht vor den vielen Maedchen zu beschaemen, erst unter vier Augen pflegte
+sie dergleichen Fehler zu ruegen.
+
+"Bist du noch hungrig, Ilse?" fragte sie. Statt einer Antwort nickte diese
+mit dem Kopfe, sie hatte ja erst angefangen zu essen.
+
+Abermals wurde ihr die Brotschuessel gereicht und abermals nahm sie die
+gleiche Portion und verzehrte dieselbe genau in der frueheren Weise.
+
+"Die ist gefraessig!" fluesterte die fuenfzehnjaehrige Grete ihrer um zwei
+Jahre aelteren Schwester zu. "Sieh nur, wie sie wieder stopft."
+
+Melanie musste die Hand vor den Mund halten, sonst haette sie laut
+herausgelacht.
+
+Um halb acht Uhr war das Abendessen vorbei und zugleich den Pensionaerinnen
+die Erlaubnis gegeben, frei zu thun, was sie wollten, bis neun Uhr. Dann
+war Schlafenszeit.
+
+"Komm," sagte Nellie und trat auf Ilse zu, "ich werde mit dich in die
+Garten spazieren. Aber du hast ja dein Serviette noch nicht schoen gelegt
+und die Ring drauf gezogen! Das musst du erst machen."
+
+"Nein," entgegnete Ilse, "das werde ich nicht! Wozu sind denn die
+Dienstmaedchen da? Zu Hause hatte ich niemals noetig, solche Dinge zu thun."
+
+"Ist egal, meine liebe Kind. Hier musst du solche Dinge thun, wir machen es
+alle."
+
+Richtig, da lagen saemtliche Servietten sauber zusammengewickelt, sie war
+die einzige, die es nicht gethan hatte. Ungeduldig nahm sie die ihrige,
+schlug sie fluechtig zusammen und zog den Ring darueber.
+
+"So nicht," meinte Nellie, "das ist ungeschickt."
+
+Und sie faltete die Serviette noch einmal schnell und geschickt mit ihren
+kleinen Haenden. Die junge Englaenderin hatte bei allem, was sie that,
+Grazie und Anmut, es war eine Lust, ihr zuzusehen.
+
+"Nun schnell in der Garten!" sagte sie, nahm Ilses Arm und fuehrte sie
+dorthin.
+
+Es war ein huebscher Garten, den Ilse jetzt kennen lernte. Nicht so gross
+und parkartig wie der heimatliche, aber wohl gepflegt. Schoene, hohe Baeume
+standen darin, auch fehlte es nicht an lauschigen Plaetzen. Von allen
+Seiten sah man auf die gruenbewaldeten Berge.
+
+"Ist es nicht nett hier?" fragte Nellie, habt ihr bei dich auch so schoene
+Berge?"
+
+"Nein, Berge haben wir nicht," entgegnete Ilse, "aber es gefaellt mir doch
+besser bei uns. Es ist alles so frei, ich kann das ganze Feld uebersehen.
+Eine Mauer haben wir auch nicht um unsren Park, nur eine gruene Hecke, das
+ist viel huebscher."
+
+Nellie zeigte ihr saemtliche Lieblingsplaetze. Sie fuehrte sie zur Schaukel,
+zum Turnplatz und zuletzt zu einer alten Linde, die mit ihren breiten
+Zweigen und Aesten einen grossen, runden Raum beschattete.
+
+"O, es ist suess hier! Nicht wahr?" fragte sie entzueckt und sah mit
+leuchtenden Augen hinauf in das gruene Blaetterdach. "Hier machen wir unsre
+Ruhe zu Mittag. Dieser alter Baum kann viel erzaehlen, wenn er sprechen
+will! Er weiss so viel Geheimnisse, die hier verraten sind!"
+
+Bei dem Geplauder Nellies verging die Zeit schnell. Ilse, die am Morgen
+sich so ungluecklich gefuehlt hatte, die am Nachmittage geglaubt hatte, dass
+sie nie die Trennung vom Papa ueberleben koenne, hatte schon verschiedenemal
+herzlich ueber Nellie lachen muessen, denn diese hatte eine so drollige Art,
+sie auf diese oder jene Pensionaerin aufmerksam zu machen.
+
+"Wie heisst das junge Maedchen, das bei Tische neben mir sitzt?" fragte
+Ilse.
+
+"Die mit die kurze Haar und der Klemmer auf die Nase? Das ist Orla
+Sassuwitsch. Oh sie ist klug! Wir haben alle eine kleine wenig Furcht fuer
+sie, weil sie immer die Wahrheit gerade in die Gesicht sagt."
+
+"Das ist doch huebsch," meinte Ilse.
+
+"O ja, wenn sie angenehm ist, aber zuweilen thut die Wahrheit weh, das
+hoert keiner Mensch gern. Wenn ich zu sie sagen wuerde: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Orla, du hast
+geraucht!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} das wuerde sie gar nicht gefallen, und es ist doch die Wahrheit.
+Ich habe durch ihr Schluesselloch geluxt und habe grosse, rauchige Wolken
+gesehen. -"
+
+Sie waren jetzt bei einer Trauerweide angelangt, die ihre gruenen Zweige
+bis auf den Boden gesenkt hatte. Nellie blieb stehen und bog einige Zweige
+auseinander.
+
+"Hier, Ilse, stell ich dich unsre Dichterin vor," sagte sie lachend.
+
+Die Angeredete blickte hinein und sah ein junges Maedchen auf einer kleinen
+Bank sitzen, die hochaufgeschossen, blond und blass, und deren Gesicht mit
+zahllosen Sommersprossen bedeckt war. Dieselbe hatte auf dem Schosse ein
+dickes, blaues Heft, in welchem sie eifrig schrieb.
+
+Mit einer gewissen neugierigen Scheu blickte Ilse sie an, es war ihr so
+neu, dass junge, siebzehnjaehrige Maedchen schon dichten koennen.
+
+"Sie schreibt Romane," fuhr Nellie fort, "aber wie! Es kommen immer
+zerbrochene Herzen drin vor. - Du wirst dir die Auge schaden, du hast ja
+keine Licht genug zu deine Romane!"
+
+Bis dahin hatte Flora Hopfstange sich nicht stoeren lassen in ihrer Arbeit,
+jetzt aber wurde sie aergerlich.
+
+"Ich bitte dich, lass mich in Ruhe, Nellie!" rief sie und schlug ihr
+hellblaues Auge schwaermerisch auf. "Ich hatte eben einen so wundervollen
+Gedanken, nun habe ich ihn verloren!"
+
+"O, ich will ihn suchen!" neckte Nellie und bueckte sich auf die Erde
+nieder, als ob sie ihn dort finden koenne.
+
+ [Illustration]
+
+"Du bist unausstehlich!" entgegnete Flora aufgebracht. "Du freilich hast
+keine Ahnung von meiner Poesie, verstehst du doch nicht einmal deutsch zu
+sprechen!"
+
+"Das ist wahr," meinte Nellie lachend und verliess mit Ilse die
+schwerbeleidigte Dichterin.
+
+Melanie und Grete kamen ihnen jetzt entgegen. In ihrer Mitte fuehrten sie
+ein junges Maedchen, sie mochte in Melanies Alter sein, mit lieben, sanften
+Gesichtszuegen. Das braune Haar trug sie einfach und glatt gescheitelt,
+kein Haerchen sprang widerspenstig hervor. Freundlich laechelte sie Ilse und
+Nellie an, die beiden Schwestern dagegen musterten im Voruebergehen die
+Neuangekommene mit spoettischen Blicken.
+
+"Die Schwestern kennst du," bemerkte Nellie, "sie sitzen dich gradeueber
+bei Tisch, aber unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} ist dich noch unbekannt. O, ich sage dich,
+Ilse, sie ist so artig wie eines ganz wohlgezogenes Kind. Sie ist immer
+der erste in alle Stunden und macht nie eine dummer Streich, kurz, Rosi
+Moeller ist eines Musterkind."
+
+"Was sagst du von unsrem Musterkinde?" rief ploetzlich eine froehliche
+Maedchenstimme. "Nellie, Nellie, dein boeses Zuenglein geht sicher mit dir
+durch!"
+
+"Du irrst dir, liebes Lachtaube," entgegnete Nellie, "Ilse ist noch so
+fremd, ich mache ihr bekannt."
+
+"Wer war das?" fragte Ilse, als die kleine, runde Maedchengestalt, die an
+Orlas Arme hing, vorueber war.
+
+"Das ist Annemie von Bosse, genannt Lachtaube. Sie lacht sehr viel,
+eigentlich immer, und sie kann keine Ende davon finden. Man muss mitlachen,
+sie steckt an. - Nun habe ich dich aber alle Maedchen gezeigt, die in unsre
+Alter sind, die anderen sind zu jung oder es sind Englaenderinnen. Von die
+ist nicht viel zu sage, sie sind alle langweilig und sie sprechen noch
+viel weniger gut deutsch als ich." -
+
+Mit dem Schlage neun begaben sich saemtliche Pensionaerinnen zurueck in das
+Haus. Bevor sie zur Ruhe gingen, war es Sitte, dass sich alle erst in das
+Zimmer der Vorsteherin begaben, um ihr gute Nacht zu wuenschen. Dieselbe
+reichte jeder einzelnen einen Kuss auf die Stirn. Zuweilen ermahnte, lobte
+oder tadelte sie diese oder jene dabei, wenn sie den Tag ueber etwas gut
+oder schlecht gemacht hatten, alles geschah aber in liebevollem Tone,
+nicht anders als wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht.
+
+"Ich moechte noch mit dir sprechen, liebe Ilse," sagte Fraeulein Raimar, als
+Ilse ihr gute Nacht bot. "Verweile noch einen Augenblick hier."
+
+Und als saemtliche Maedchen das Zimmer verlassen hatten, ermahnte sie Ilse,
+etwas manierlicher zu essen.
+
+"Du darfst die Tasse nicht mit beiden Haenden fassen und die Ellbogen dabei
+aufstuetzen, Kind, du glaubst nicht, wie unschoen das aussieht. Achte auf
+deine Mitschuelerinnen, du wirst sehen, dass keine einzige es wie du macht.
+Und dann, weisst du, stecke nicht wieder so grosse Bissen in den Mund. Die
+kleinen Kinder machen es zuweilen so, aber dann nennt die Mama sie:
+Nimmersatt!"
+
+Ilse war dunkelrot geworden vor Aerger ueber die erhaltene Ermahnung.
+Trotzig biss sie die Lippen aufeinander und unterdrueckte eine ungezogene
+Antwort.
+
+"Geh nun zu Bett, mein Kind, und schlafe gut."
+
+Sie war im Begriffe, Ilse einen Kuss auf die Stirn zu reichen, als diese
+mit einer heftigen Bewegung den Kopf zurueckbog. Es war ihr unmoeglich, sich
+von der Vorsteherin kuessen zu lassen, die sie in diesem Augenblicke
+geradezu hasste.
+
+Fraeulein Raimar wandte sich unwillig von dem Trotzkopfe ab, ohne noch
+etwas zu sagen, und Ilse verliess das Zimmer.
+
+Sie lief die Treppe hinauf und trat atemlos zu Nellie in das Zimmer. Die
+Thuere warf sie heftig in das Schloss und schob auch noch den Riegel vor,
+was in der Pension streng untersagt war.
+
+"Mach nicht der Riegel zu," sagte Nellie, "wir duerfen das nicht thun. Wenn
+wir in die Bett liegen, kommt Fraeulein Guessow bei uns nachsehen."
+
+Ilse ruehrte sich natuerlich nicht, und Nellie musste das selbst besorgen.
+Ungestuem warf sie sich auf ihr Bett und brach in Thraenen aus.
+
+"O, was ist dich?" fragte Nellie erschrocken.
+
+"Hier bleibe ich nicht! - Ich reise morgen fort! Wenn das mein Papa wuesste,
+wie sie mich behandelt hat!" rief Ilse aufgeregt.
+
+Durch viele Fragen bekam Nellie in einzelnen abgerissenen Saetzen von Ilse
+heraus, was Fraeulein Raimar gesagt hatte.
+
+"Ich esse ungeschickt, - ich nehme zu grosse Bissen - und ich bin ein
+Nimmersatt! Zu Hause darf ich essen, wie und was ich will! - Ich will
+wieder fort! Morgen reise ich! -"
+
+"Du musst dir nicht so viel graemen um so kleine Sach'," sagte Nellie sanft
+und strich liebkosend Ilses lockiges Haar. "Fraeulein Raimar ist sehr
+gerecht, sie meint es gut und will dir nicht beleidigen. Mit uns alle
+macht sie es so. Wir sind doch jung und dumm und muessen noch lernen. - Nun
+komm, wir legen uns jetzt in die Bett und spaeter, wenn Fraeulein Guessow bei
+uns eingesehen hat, stehen wir ganz leise wie die Maeuschen wieder auf und
+packen deiner kleine Koffer leer."
+
+Aber so leicht war Ilse nicht zu beruhigen. "Nein!" rief sie und sprang
+auf, "der kleine Koffer bleibt verschlossen! Ich reise wieder fort!"
+
+Hastig zog sie sich aus, warf ihre Kleidungsstuecke drunter und drueber und
+legte sich schluchzend in ihr Bett. Schweigend ordnete Nellie die
+zerstreuten Sachen, sie hing das schoene Kleid an einen Nagel, Ilse hatte
+dasselbe auf einen Stuhl geworfen, und legte alles uebrige glatt und
+ordentlich zusammen. Dann ging auch sie zur Ruhe.
+
+Bevor sie indes ihr Lager bestieg, kniete sie vor demselben nieder,
+faltete die Haende und betete leise ein kurzes Gebet.
+
+"Gut' Nacht, Ilse," sagte sie dann und gab ihr einen Kuss. "Du musst nun
+nicht mehr weinen, - alle Anfang ist schwer."
+
+Aber Ilse weinte noch lange. Ihre Gedanken kehrten zum Vater zurueck und
+begleiteten ihn auf seiner Rueckreise. In wenigen Stunden musste er die
+Heimat erreicht haben. Ach, wenn er wuesste, wie sein einziges Kind
+behandelt wurde! Sie fuehlte sich zu ungluecklich in der Gefangenschaft! -
+Wie ein Kind weinte sie sich in den Schlaf, aber boese Traeume schreckten
+sie mehrmals auf. Bald hielt sie eine maechtige Theetasse in der Hand und
+liess sie zur Erde fallen, bald hielt ihr die Vorsteherin im grauen Kleide
+ein heimatliches Butterbrot dicht vor den Mund, wollte sie aber zubeissen,
+war es verschwunden.
+
+ * * *
+
+Um sechs Uhr am andern Morgen hiess es: Aufgestanden! Da galt kein langes
+Besinnen, und wenn die jungen Glieder noch so sehr vom Schlafe befangen
+waren, es wurde keine Gnade geuebt. Ilse pflegte daheim bald frueh, bald
+spaet aufzustehen, wie sie gerade Lust hatte. Einer bestimmten Ordnung, wie
+sie die Mama so sehr gewuenscht, hatte sie sich nicht fuegen wollen. Es
+wurde ihr denn auch nicht wenig schwer, so auf Kommandowort sich erheben
+zu muessen, gerade heute hatte sie den Wunsch, noch einigemal sich im Bette
+herumzudrehen, sie war so spaet erst eingeschlafen. Aber daran war nicht zu
+denken, Nellie stand schon da und wusch sich. Mit einem Sprunge war sie
+Schlag sechs Uhr aus dem Bette gewesen.
+
+"Wach auf, Ilse," sagte sie, "um halb sieben trinken wir Kaffee."
+
+"Schon aufstehen," antwortete die Verschlafene, "aber ich bin noch so
+muede."
+
+"Thut nix, du darfst nicht mehr schlafrig sein."
+
+Aber Ilse zoegerte noch. Nellie stand schon fertig da, ja hatte schon
+alles, was sie zur Nacht- und Morgentoilette noetig hatte, beiseite
+geraeumt, als sie sich langsam erhob.
+
+"O Ilse, eile dir, du hast nur zehn Minuten Zeit! Schnell, schnell, ich
+will dich helfen! Wo sind dein Kamm?"
+
+Ilse zeigte auf ein Papier, das im Fenster lag. "Dort liegen sie
+eingewickelt," gab sie zur Antwort.
+
+"Das ist nicht nett, das gefaellt mir nicht," meinte Nellie und ruempfte das
+Naeschen. "Du musst dich ein Taschen naehen, von grauer Stoff und rote Band,
+sieh, wie dies da," und sie zeigte ihre Kammtasche, "siehst du, so ist's
+fein."
+
+Ilse machte nicht viel Umstaende mit ihrem Haar. Sie kaemmte und buerstete
+es, damit war alles abgemacht, die natuerlichen Locken ringelten sich von
+selbst ohne weitere Bemuehung. Ein hellblaues Band schlang ihr Nellie durch
+dieselben und band es mit einer Schleife seitwaerts zu.
+
+"Nun noch die Schuerze," sagte sie, als Ilse soweit fertig war, "sie darf
+nicht fehlen." Sie lachte, als Ilse sich dagegen straeubte.
+
+"Du bist ein klein, albern Ding," schalt sie und band ihr die Schuerze vor,
+trotz Ilses heftigem Widerstande. "Gleich haeltst du still! Ohn' ein
+Schuerzen giebt es kein Kaffee."
+
+Die lustige Nellie setzte es wirklich durch, dass Ilse sich ihrem Willen
+fuegte.
+
+"So," sagte sie, "nun bist du schoen! Die blau gestickter Schuerze ist sehr
+nett und du bekommst einer suesser Kuss."
+
+An langen Tafeln sassen die Maedchen bereits, Nellie und Ilse waren die
+letzten. Fraeulein Raimar war des Morgens niemals zugegen, nur Fraeulein
+Guessow fuehrte die Aufsicht. Ilse musste sich zu ihr setzen. Als ihr der
+Kaffee gereicht wurde, nahm sie die Tasse ganz manierlich beim Henkel in
+die Hand, ass auch wie es sich gehoert nicht mit grossen Bissen, wie am Abend
+zuvor; aber sie hatte eine andre Unart, die ebenfalls zu tadeln war, sie
+schluerfte den Kaffee so laut, dass sie allgemeine Heiterkeit erregte.
+
+Ilse hatte keine Ahnung, dass ihr das Gelaechter galt, Orla machte sie damit
+bekannt.
+
+"Du fuehrst ja ein wahres Konzert auf," sagte sie. "Machst du das immer so?
+Schoen hoert sich diese Tafelmusik nicht an, das kann ich dich versichern."
+
+Ilse fuehlte sich schwer beleidigt ueber diese Zurechtweisung. Hastig setzte
+sie die Tasse nieder, erhob sich und eilte hinaus.
+
+"Du durftest sie nicht vor all' den uebrigen so beschaemen, Orla," tadelte
+Fraeulein Guessow, indem sie ebenfalls aufstand, um Ilse zu folgen, "das
+kraenkt sehr."
+
+Ilse war gerade im Begriff in den Garten zu gehen, als die junge Lehrerin
+sie zurueckrief.
+
+"Wo willst du hin, Ilse?" fragte sie. "Was faellt dir ein, mein Kind, dass
+du nach deinem Gefallen davonlaeufst? Es ist nicht Sitte bei uns, dass
+jemand eine Mahlzeit verlaesst, bevor dieselbe beendet ist. Komm gleich
+zurueck und verzehre dein Fruehstueck."
+
+"Ich mag nicht mehr fruehstuecken," entgegnete Ilse, "und ich gehe nicht
+wieder hinein! Sie haben mich alle ausgelacht und Orla war ungezogen gegen
+mich. Es geht niemand etwas an, wie ich esse und trinke, ich mache es, wie
+ich will! Vorschriften lasse ich mir nicht machen, nein!"
+
+"Ehe ich weiter mit dir spreche, bitte ich dich erst ruhig und vernuenftig
+zu sein, liebe Ilse. Ich kann nicht dulden, dass du in einem so unartigen
+Tone zu mir sprichst."
+
+Sehr ernst und nachdruecklich hatte Fraeulein Guessow gesprochen, aber es
+klang doch ein Ton der Liebe hindurch. Ihr schoenes, weiches Organ
+verfehlte selten den Weg zum Herzen, das lernte auch Ilse in diesem
+Augenblicke kennen. Sie blickte zu Boden, und etwas wie Beschaemung stieg
+in ihr auf.
+
+Die Lehrerin las in Ilses beweglichen Zuegen und wusste, was in ihr vorging.
+
+"Gieb mir deine Hand, du kleiner Brausekopf!" sagte sie freundlich, "und
+versprich mir, nicht wieder so stuermisch zu sein und deiner
+augenblicklichen Laune zu folgen, selbst wenn du glaubst, im Rechte zu
+sein. Heute warst du es nicht einmal, du trankest wirklich etwas
+unappetitlich. Orla hat es gut gemeint, dass sie dich darauf aufmerksam
+machte, du darfst ihr darum nicht boese sein. So eine kleine wohlverdiente
+Lehre muss sich jede von euch gelegentlich gefallen lassen. Es ist doch
+besser, jetzt als Kind zurechtgewiesen zu werden, als wenn deine Fehler
+und Angewohnheiten spaeterhin zum Spott der Gesellschaft wuerden."
+
+Daheim hatte Ilse niemals hoeren wollen, dass sie eine junge Dame sei, und
+jetzt beruehrte es sie gar nicht angenehm, dass man sie gewissermassen noch
+zu den Kindern rechnete.
+
+"Nun siehst du das ein, Ilse?" fragte die Lehrerin.
+
+Vielleicht that sie es, aber sie wuerde ein Ja nicht ueber die Lippen
+gebracht haben. Fraeulein Guessow begnuegte sich mit ihrem Stillschweigen und
+nahm dasselbe fuer eine Zustimmung. Sie meinte, dass eine Natur wie Ilses
+nicht mit Gewalt zum Nachgeben gezwungen werden duerfe.
+
+"Nun wollen wir zurueck in den Speisesaal gehen," sagte sie, und Ilse wagte
+keine Widerrede. Sie folgte dem Fraeulein mit niedergeschlagenen Augen, sie
+hatte Furcht vor den vielen peinlichen Blicken, die sich alle auf sie
+richten wuerden.
+
+Als sie eintraten, war das Zimmer leer und die Fruehstueckszeit vorueber.
+Niemand war froher als Ilse, die sich wie erloest vorkam.
+
+"Ich habe noch einen Auftrag fuer dich, Ilse," sagte die Lehrerin.
+"Fraeulein Raimar wuenscht deine Arbeitshefte zu sehen, auch sollst du
+zugleich muendlich geprueft werden. In einer Stunde finde dich in dem
+Konferenzzimmer ein, du wirst dort zugleich deine zukuenftigen Lehrer und
+Lehrerinnen zum Teil kennen lernen."
+
+"Wollen sie mich alle pruefen?" fragte Ilse etwas besorgt.
+
+"Nein," entgegnete das Fraeulein, "aber sie werden zuhoeren, wenn Fraeulein
+Raimar dich examiniert. Spaeter wirst du dann erfahren, in welche Klasse du
+gesetzt bist, und morgen nimmst du zum erstenmal an dem Unterricht teil."
+
+Ilse ging in ihr Zimmer und suchte ihre Hefte zusammen. Sie waren nicht in
+der besten Verfassung. Das deutsche Aufsatzheft machte besonders keinen
+Staat. Verschiedene Tintenflecke zierten es, und sogar einige naseweise
+Fettflecke machten sich darauf breit. Das franzoesische Heft wurde ganz
+beiseite gelegt. Sie hatte versucht, einige Seiten, die gar zu verschmiert
+aussahen, herauszureissen und durch diesen Gewaltstreich waren alle andern
+Blaetter gelockert - unmoeglich konnte sie das Buch in dieser Verfassung
+vorzeigen.
+
+Nellie, die gerade eine freie Stunde hatte, sah erstaunt Ilses Treiben zu.
+"Was thust du?" fragte sie. "Willst du dein Buecher so an Fraeulein Raimar
+vorzeigen? das darfst du nicht. Hat deiner Herr Pastor dir dies erlaubt?
+Gieb schnell, ich will dich blaues Umschlaege drum wickeln, das ist nett
+und man sieht die alte Flecken nicht."
+
+"Gieb her!" rief Ilse gereizt. "Sie sind gut so! Es ist mir ganz egal, ob
+Fraeulein Raimar die Flecken sieht oder nicht!"
+
+"Nicht so zornig, Fraeulein Ilse! Sie sind eine kleine, unordentliche junge
+Dame! Wuerde es dir vielleicht spassig sein, wenn Fraeulein Raimar deine Buch
+mit spitze Finger hoch hielt und sie alle Lehrer zeigte? O nein, das waer
+dich nicht egal und nicht spassig. Besonders wenn Herr Doktor Althoff,
+unser deutscher Lehrer, mit seine bekannte, hoehnische Lachen dir so von
+die Seiten ansieht und fragt: Wie alt sind Sie, mein Fraeulein?"
+
+Trotzdem Ilse ungeduldig wurde, trotzdem sie entschieden erklaerte, es waere
+hoechst unnuetz, dass so viele Umstaende wegen der dummen Buecher gemacht
+wuerden, setzte Nellie ihren Willen durch.
+
+"So, nun kannst du gehen," sagte sie, als sie auch dem letzten Hefte ein
+blaues Kleid gegeben hatte, "nun bedanke dir fuer mein Muehe."
+
+"Du bist doch sehr gut, Nellie," meinte Ilse. "Wie ist es dir nur moeglich,
+stets so sanft und geduldig zu sein? Ich kann das nicht!"
+
+"O, du lernst schon, Kind. Wirst noch eine ganz zahme, kleine Vogel sein!"
+entgegnete Nellie.
+
+Um elf Uhr ging Ilse hinunter in das Konferenzzimmer. Als sie eintrat,
+fand sie mehrere Lehrer und einige Lehrerinnen anwesend. Sie sassen um
+einen Tisch, Fraeulein Raimar nahm den Platz obenan ein.
+
+"Tritt naeher, Ilse," sagte sie und machte mit einigen freundlichen Worten
+die neue Schuelerin mit ihren zukuenftigen Lehrern bekannt. Darauf liess sie
+sich die Schreibhefte reichen. Das Aufsatzbuch fiel ihr zuerst in die
+Hand. Sie blaetterte und las darin, und einigemal schuettelte sie den Kopf.
+
+"Oft recht gute und klare Gedanken," bemerkte sie zu dem neben ihr
+sitzenden Lehrer der deutschen Sprache, Doktor Althoff, "und dabei diese
+oberflaechliche, fluechtige Schrift. Sehen Sie einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}uns{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}z{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+geschrieben - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} mit einem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}t{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Da werden wir viel Versaeumtes
+nachzuholen haben. Wie schreibst du {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Land{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Ilse, buchstabiere einmal."
+
+Ilse konnte unmoeglich diese Frage fuer ernst halten. War sie denn ein
+kleines Maedchen aus der A-B-C-Klasse? Sie zoegerte mit der Antwort.
+
+Die Vorsteherin indes war nicht gewoehnt zu scherzen, sie sah erstaunt die
+schweigende Ilse an.
+
+"Wie du Land schreibst, moechte ich von dir wissen," wiederholte sie noch
+einmal in bestimmtem Tone, der jeden Zweifel, ob er ernst gemeint sei oder
+nicht, benahm.
+
+Ilse kraeuselte etwas unwillig die Stirn, zog die Lippe in die Hoehe und
+buchstabierte so schnell, dass man ihr kaum folgen konnte: L-a-n-d. Den
+Blick hatte sie zum Fenster hinausgewandt, um Fraeulein Raimar nicht
+anzusehen.
+
+"Also nur fluechtig, ich dachte es mir," sagte diese. "Wenn du in Zukunft
+deine Aufsaetze machst, wirst du sehr aufmerksam sein. Fehler, wie ich sie
+in deinen Aufgaben finde, kommen bei uns nicht mehr in der dritten Klasse
+vor."
+
+Es wurden nun Ilse Fragen in den verschiedensten Faechern vorgelegt.
+Manchmal fielen die Antworten ueberraschend aus, zuweilen dagegen geradezu
+einfaeltig. Doktor Althoff laechelte einigemal, was Ilse das Blut bis hinauf
+in die braunen Locken trieb. Sie aergerte sich darueber und drehte ihr
+Taschentuch wie eine Wurst fest zusammen.
+
+Im Franzoesischen bestand sie gut. Monsieur Michael, der franzoesische
+Lehrer, ein aelterer Herr mit weissem Haar, redete sie gleich in dieser
+Sprache an, sie antwortete ihm korrekt und fliessend.
+
+Miss Lead, die englische Lehrerin, die ebenfalls im Institute wohnte, hatte
+weniger Glueck bei ihrer Anrede. Ilse holperte sehr, als sie die Antwort
+gab.
+
+"Nun kannst du uns verlassen, Kind," sagte Fraeulein Raimar. "Dein Examen
+ist zu Ende. Spaeter werde ich dir mitteilen, welche Klasse du besuchen
+wirst."
+
+Nachdem Ilse das Zimmer verlassen, wurde nach einigem Hin- und Herberaten
+der Beschluss gefasst, sie in die zweite Klasse zu geben, im Franzoesischen
+solle sie indes die erste besuchen.
+
+"Ich glaube, Ilse wird uns viel Not machen," aeusserte die Vorsteherin
+besorgt. "Sie ist widerspenstig und trotzig, auch kann sie nicht den
+geringsten Tadel vertragen."
+
+"Aber sie hat ein gutes Herz," fiel Fraeulein Guessow lebhaft ein. "Ich habe
+noch keine Beweise dafuer, aber ich lese es in ihrem schoenen, offnen Auge.
+Ich bin ueberzeugt, dass ich mich nicht taeusche. Eins ist mir indes klar,
+mit Strenge werden wir wenig ausrichten, dagegen hoffe ich, mit Liebe und
+Energie wird es uns gelingen, ihren Trotz zu zaehmen."
+
+"Das ist ganz meine Ansicht!" stimmte Monsieur Michael bei, "Sie werden
+sehen, meine Damen und Herren, Mademoiselle Ilse wird eine Zierde der
+Pension sein! Mit welcher Eleganz spricht sie franzoesisch, wie gewaehlt
+setzt sie die Worte! Ah, sie ist ein Genie!" - Der kleine Herr hatte sich
+ordentlich in Begeisterung gesprochen und seine Worte mit lebhaften
+Gestikulationen begleitet.
+
+"Ich wuensche von Herzen, dass Sie recht haben moegen," entgegnete Fraeulein
+Raimar und erhob sich von ihrem Platze. "An Liebe und Nachsicht wollen wir
+es nicht fehlen lassen, vielleicht gelingt es uns, Ilse verstaendig und
+gefuegig zu machen." -
+
+Fuers erste schien noch wenig Aussicht dazu. Beim Mittagessen legte Ilse
+wieder den Beweis ab, wie recht Fraeulein Raimar hatte, wenn sie
+behauptete, dass Ilse keinen Tadel vertragen koenne.
+
+Sie hielt die Gabel schlecht. Die Fingerspitzen beruehrten fast die
+Speisen. Das Gemuese verzehrte sie mit dem Messer und so heiss, dass sie
+manchmal, um sich nicht zu verbrennen, den Bissen wieder aus dem Munde
+fallen liess. Auch hielt sie den Kopf sehr tief ueber den Teller gebeugt,
+was ihr das Aussehen eines hungrigen Kindes gab.
+
+"Sitze gerade, liebe Ilse," ermahnte die Vorsteherin, "es ist dir nicht
+gesund, so krumm zu sitzen."
+
+"Ich esse immer so," erwiderte sie ziemlich kurz.
+
+"Ich ass immer so, meinst du wohl, mein Kind, denn hier wirst du dich daran
+gewoehnen, zu thun, was Sitte ist ... Hast du zu Hause auch stets die Gabel
+so kurz gefasst und mit dem Messer gegessen?"
+
+"Ja," sagte Ilse und warf den Kopf leicht in den Nacken. "Papa hatte nie
+etwas an mir auszusetzen, er war zufrieden, wenn es mir nur schmeckte."
+
+"Aber die Mama, hat auch sie deine Art zu essen gutgeheissen?"
+
+Ilse schwieg. Eine Unwahrheit konnte und mochte sie nicht sagen, denn wie
+oft hatte die Mutter sie ermahnt, und wie oft hatte sie derselben zur
+Antwort gegeben: "Dann will ich gar nichts essen, wenn du mich immer
+tadelst."
+
+Das Fraeulein hatte leise, nur fuer Ilse verstaendlich gesprochen. Niemand
+ahnte, was sie sagte, denn ihre Zuege sahen mild und freundlich aus. Eine
+Antwort auf ihre Frage wartete sie nicht ab, aber es gefiel ihr, dass Ilse
+lieber schwieg, als gegen ihre Ueberzeugung sprach.
+
+"Nun iss nur, Kind," fuhr sie fort, "mit der Zeit wirst du dich schon
+gewoehnen. In wenigen Wochen hast du alle deine kleinen Unebenheiten
+abgestreift und wir werden niemals noetig haben, etwas an dir zu ruegen.
+Nicht wahr?"
+
+"Ich weiss es nicht," erwiderte Ilse und sah mit einem ziemlich
+verdriesslichen Gesicht auf ihren Teller nieder.
+
+"Du musst dir Muehe geben, dann wird es schon gehen."
+
+Dazu schwieg Ilse. Natuerlich war sie fest davon ueberzeugt, dass ihr das
+groesste Unrecht geschah. Warum sollte sie nicht natuerlich essen? Der Papa
+hatte stets gesagt, sie solle keine Zierpuppe werden, nun hatte man bei
+allem, was sie that und wie sie es that, etwas auszusetzen. Sie wagte kaum
+noch etwas zu geniessen und wenn das so weiter ging, wollte sie lieber
+verhungern. -
+
+ * * *
+
+Am Abend, als Nellie und Ilse sich schlafen gelegt hatten, als Fraeulein
+Guessow bereits ihre Runde gemacht, als das Licht geloescht und alles still
+im Hause war, rief Nellie, "wachst du, Ilse?"
+
+"Ja," antwortete diese, "was soll ich?"
+
+"Zieh dir leise an, wir wollen dein kleiner Koffer auspacken."
+
+"Es ist ja aber dunkel," meinte Ilse.
+
+"O lass nur, ich habe schon eine Licht."
+
+Leicht und unhoerbar stieg Nellie aus ihrem Bette und ging auf Struempfen an
+ihre Kommode. Sie zog den oberen Kasten vorsichtig heraus und nahm einen
+kleinen Wachsstock aus demselben. Nachdem sie ihn angezuendet hatte,
+stellte sie ein Buch davor, damit kein Lichtschimmer durch das Fenster
+drang.
+
+"Ist doch fein, nicht?" fragte sie. "Nun eile dich aber," trieb sie Ilse,
+die sich fluechtig ankleidete.
+
+"Wo hast du der Schluessel?"
+
+"Hier habe ich ihn," entgegnete Ilse und zog ihn unter dem Kopfkissen
+hervor, "ich werde selbst aufschliessen."
+
+Nellie leuchtete mit dem Wachsstocke und hielt die Hand davor.
+Vornuebergebeugt stand sie in neugieriger Erwartung, der Schaetze harrend,
+die sich vor ihren Augen aufthun wuerden. Recht enttaeuscht wurde sie, als
+Ilse anfing auszupacken. Die erwarteten Delikatessen - Nellie war eine
+Freundin davon - kamen nicht zum Vorschein.
+
+"O, hast du keine Kuchen?" fragte sie, warf den Plunder heraus und
+durchsuchte mit der Hand bis auf den Grund.
+
+"Au, au!" rief sie ploetzlich und fuhr mit der Hand zurueck. "Was ist dies?
+Ich habe mir gestochen!" Und richtig, ein roter Blutstropfen hing an dem
+kleinen Finger.
+
+Ilse begriff nicht, woher die Verwundung kam, bis sie selbst in den Koffer
+griff und die Ursache entdeckte, - - o Schrecken! das Glas mit dem
+Laubfrosche war zerbrochen, und Nellie hatte sich an einem Glassplitter
+geritzt.
+
+"Wo nur der Frosch ist," sagte Ilse aengstlich und raeumte die Scherben
+fort.
+
+"Was? - eine Frosch? Eine lebendige Frosch? O je - hast du ihn verpackt?
+Wie kannst du so eine arme Tier in die Koffer thun? Ohne Luft muss er tot
+gehen!"
+
+Ilse hatte soeben den kleinen Laubfrosch gefunden, - natuerlich war er tot.
+Sie legte ihn auf die flache Hand und hauchte ihn an, vielleicht brachte
+sie ihn wieder zum Leben. Nellie lachte sie aus.
+
+"Du hast die arm, klein Frosch gemordet," sagte sie und nahm ihn in die
+Hand. "O, er ist kaput! Er kriegt keine Leben wieder, niemals! Morgen frueh
+wollen wir ihn in ein Schachtel legen und unter die Linde vergraben."
+
+Ilse sah traurig auf den Frosch und die Thraenen traten ihr in die Augen.
+Sie hatte das Tierchen selbst gefangen, es stets gefuettert und eine grosse
+Freude daran gehabt, nun hatte sie es getoetet durch eigne Schuld.
+
+ [Illustration]
+
+"Wie schlecht von mir, dass ich so dumm sein konnte!" klagte sie sich an.
+"Ich dachte gar nicht daran, als ich meine Sachen packte, dass er ersticken
+muesse. Es ging so schnell -"
+
+Einigermassen troestete sie die Aussicht auf das Begraebnis unter der Linde.
+
+"Wir machen eine kleiner Huegel," sagte Nellie, "und pflanzen Blumen
+darauf. Und ein klein Holzkreuz stecken wir in die Erden und schreiben
+daran: Hier ruht Ilses Frosch. Er musste sein junge Leben lassen, weil ihm
+der Luft ausging."
+
+Dieser komische Einfall trocknete Ilses Thraenen, sie musste darueber lachen.
+
+Als sie den ausgestopften Kanarienvogel ansah, fand sie, dass er sehr
+gelitten hatte. Das Koepfchen war ganz breit gedrueckt und der eine Fluegel
+hing herunter. Nellie gab ihm wieder einige Facon. Sie drueckte den Kopf
+rund und versprach auch, den Fluegel wieder gut zu machen. Sie wollte ihn
+am andern Tage anleimen.
+
+"Lass mir nur machen," sagte sie, "ich werde ihm schon wieder in die
+Ordnung bringen."
+
+"Was ist denn das?" fragte sie ploetzlich und hielt Ilses Blusenkleid in
+die Hoehe, "warum hast du diese schmacklose Robe eingepackt, - und die alte
+schmutzige Stiefel, - was soll damit?"
+
+Warum? Darueber hatte Ilse selbst noch nicht nachgedacht, aber sie war
+aergerlich, ihr Lieblingskostuem so verachtet zu sehen.
+
+"Du verstehst nichts davon," sagte sie und nahm es Nellie fort. "Es ist
+mein liebster und schoenster Anzug! Ich mag die andern Kleider gar nicht
+leiden, sie sitzen so fest und sehen so geziert aus."
+
+"O lass mir ihn probieren," bat Nellie, "ich will ihn anziehen."
+
+Dagegen hatte Ilse nichts einzuwenden. Sie half Nellie ankleiden und in
+wenigen Augenblicken stand diese in einem ganz wunderbaren Aufzuge da.
+
+Der Rock war ihr zu kurz, da sie etwas groesser als Ilse war, unter
+demselben sah das lange, weisse Nachtgewand hervor, die Bluse war
+stellenweise zerrissen und Nellie hatte den Aermel verfehlt und war durch
+ein grosses Loch dicht daneben herausgefahren, so dass der Aermel auf dem
+Ruecken hing. Nachdem sie auch noch den schaebigen Lederguertel um ihre
+zierliche Taille geschnallt hatte, stand sie fertig da, bis auf die
+Stiefel, die sie nicht anziehen mochte, weil sie zu schmutzig waren.
+
+"Bequem ist diese Kostuem, das ist wahr," sagte sie und fing an, allerhand
+lustige Spruenge auszufuehren und sich im Kreise zu drehen. "Man ist so
+luftig - so leicht!"
+
+Ilse brach ploetzlich in ein so herzhaftes Gelaechter aus, dass Nellie auf
+sie zueilte und ihr den Mund mit der Hand verschloss.
+
+"Du darfst nicht so toll lachen," sagte sie, "du wirst uns verraten!"
+
+"Ich kann nicht anders, du siehst ja zum totlachen aus."
+
+Nellie trat mit dem Wachsstocke vor den kleinen Spiegel und betrachtete
+sich.
+
+"O wie abscheulich!" sagte sie und riss die Sachen herunter, "wie kannst du
+so ein haesslicher Anzug schoen finden!"
+
+Ilse verschloss ihre Herrlichkeiten wieder in den Koffer, dann wurde das
+Licht geloescht und in wenigen Augenblicken schliefen die beiden Maedchen
+fest und tief.
+
+ * * *
+
+Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme in der Pension vergangen. Manche
+bittre Thraene hatte sie in der kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit
+erschien, geweint, und oft, recht oft hatte sie die Feder angesetzt, um
+dem Vater zu schreiben, dass er sie zurueckholen moege. Nur weil sie sich vor
+der Mutter scheute, that sie es nicht. Erst zweimal hatte sie die vielen
+und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhalten, beantwortet, nur ganz
+kurz und mit der Entschuldigung, dass ihr die Zeit zu laengeren Briefen
+fehle.
+
+Endlich, eines Sonntag Nachmittags, den fast alle Pensionaerinnen zum
+Briefschreiben benutzten, setzte auch sie sich dazu nieder. Grosse Lust
+hatte sie indessen nicht. Sie wusste gar nicht recht, was sie schreiben
+sollte; wie es ihr eigentlich um das Herz war, mochte sie ja doch nicht
+sagen.
+
+Sie schlug die neue Schreibmappe auf, waehlte nach langem Suchen einen rosa
+Bogen mit einer Schwalbe darauf, tauchte eine Feder in das Tintenfass und -
+malte allerhand Schnoerkeleien auf ein Stueckchen Papier. Nachdem sie diese
+Unterhaltung ein Weilchen getrieben, begann sie endlich den Brief. Nach
+wenigen Zeilen hoerte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der
+Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Schwalbenbogen geopfert und
+noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glueck. Sie beschrieb denselben
+von Anfang bis zu Ende, ja, sie nahm noch einen fuenften Bogen dazu. Sie
+war nun einmal in das Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein,
+das sie dem Papa mitteilen musste.
+
+Als sie zu Ende war, durchlas sie noch einmal ihre lange Epistel und wir
+blicken ihr ueber die Schulter und lesen mit.
+
+
+
+
+
+
+ "Mein liebes Engelspapachen!
+
+Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schoen und im Garten bluehen die
+Rosen (da faellt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, _marechal Niel_, die
+der Gaertner im Fruehjahre verpflanzte, schon Knospen angesetzt? bitte,
+vergiss nicht, mir Antwort zu geben) - und die Voegel singen so lustig -
+ach! und deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien
+umhertummeln. Mein liebes Pa'chen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich
+komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe
+dafuer eingesperrt wurde. Ich moechte auch manchmal, wie er es that, an der
+Thuere kratzen und rufen: macht auf! Ich will hinaus!
+
+Es ist gar nicht huebsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich
+doch immer thun und treiben, was ich wollte, im Garten, auf dem Felde, in
+den Staellen, ueberall durfte ich sein und meine reizenden Hunde waren bei
+mir und liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett!
+Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? O, wenn ich
+sie gleich hier haette!
+
+Es ist in der Pension alles so furchtbar streng, man muss jede Sache nach
+Vorschrift thun. Aufstehen, Fruehstuecken, Lernen, Essen, - immer zu
+bestimmten Stunden. Und das ist graesslich! Ich bin oft noch so muede des
+Morgens, aber ich muss heraus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, und wie
+manchmal moechte ich in den Garten laufen und muss auf den abscheulichen
+Schulbaenken sitzen! Die furchtbare Schule!
+
+Ich lerne doch nichts, Herzenspa'chen, ich bin zu dumm. Nellie und die
+andern Maedchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klueger als ich. Nellie
+zeichnet zu schoen! Einen grossen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig,
+als wenn er lebte, sieht er aus. Und Klavier spielt sie, dass sie Konzerte
+geben koennte - und ich kann gar nichts!
+
+Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben waere, dann wuesste ich doch gar
+nicht, wie einfaeltig ich bin. Nellie troestet mich oft und sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es ist
+keiner Meister von der Himmel gefallen, fang' nur an, du wirst schon
+lernen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiss nur,
+dass ich sehr, sehr dumm bin.
+
+Am fuerchterlichsten sind die Mittwoch Nachmittage. Da sitzen wir alle von
+drei bis fuenf in dem Speisesaale. Die Fenster nach dem Garten sind weit
+offen und ich blicke sehnsuechtig hinaus. Es zuckt mir foermlich in Haenden
+und Fuessen, dass ich aufspringen moechte, um in den Garten zu eilen - ich
+darf es nicht, ganz still muss ich dasitzen und muss meine Sachen
+ausbessern, - Struempfe stopfen und was ich sonst noch zerrissen habe,
+wieder flicken. Denke Dir das einmal, mein kleines Papachen! Deine arme
+Ilse muss solche fuerchterliche Arbeiten thun! - Und Fraeulein Guessow sagt,
+das waer' notwendig, Maedchen muessen alles lernen. Sie war ganz erstaunt,
+dass ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Struempfe, das ist
+ja viel netter, warum muss ich mich unnuetz quaelen? Es wird mir so schwer,
+die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht.
+
+Melanie Schwarz, sie ist sehr huebsch, ziert sich aber und stoesst mit der
+Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Furchtbar nett, furchtbar
+reizend, oder furchtbar scheusslich{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie meinte neulich: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du strickst
+aber furchtbar scheusslich, Ilse.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Du siehst, Pa'chen, ich kann nichts!
+
+In den Arbeitsstunden wird einmal franzoesisch, einmal englisch die
+Unterhaltung gefuehrt. Franzoesisch kann ich mich allenfalls verstaendlich
+machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, dass ich mich
+schaeme, den Mund aufzuthun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will
+oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind.
+
+Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe, - ja - Nellie
+und noch sechs andre Maedchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich
+am liebsten. Wie sie alle heissen, will ich Dir das naechstemal schreiben,
+auch Dir erzaehlen, wie sie aussehen, heute kann ich mich nicht dabei
+aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist
+auch dabei, das muss ich Dir noch mitteilen.
+
+Wenn wir spazieren gehen, naemlich jeden Mittag von zwoelf bis eins und
+jeden Nachmittag von fuenf bis sieben, gehe ich fast immer mit Nellie in
+einer Reihe. Wir muessen naemlich wie die Soldaten zwei und zwei
+nebeneinander marschieren. Eine Lehrerin geht voran, eine hinterher mit
+einer kleinen Pensionaerin an der Hand. Nicht rechts, nicht links duerfen
+wir gehen, immer in Reih' und Glied bleiben. Ach! und ich habe so oft
+Lust, einmal recht toll davonzulaufen, auf die Berge hinauf - immer
+weiter! - aber dann wuerde ich nicht wieder in mein Gefaengnis zurueckkehren
+- -
+
+In die Kirche gehen wir einen Sonntag um den andern, dort gefaellt es mir
+aber gar nicht. Ich sitze zwischen so viel fremden Leuten, und der
+Prediger, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, dass ich Muehe habe,
+ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel huebscher! Da sitzen wir
+eben in unsrem Kirchstuhle und wenn ich hinunter sehe, kenne ich alle
+Menschen. Und wenn unser Herr Kantor die Orgel spielt und die Bauernjungen
+so laut und kraeftig anfangen zu singen - und mein lieber Herr Prediger
+besteigt die Kanzel und predigt so schoen zu Herzen, dann ist es mir so
+feierlich, so ganz anders als hier! - ach, und manchmal, wenn die
+Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und so schoene Farben
+auf den Fussboden malen, dann ist es so herrlich, so herrlich, wie
+nirgendwo auf der ganzen Welt!"
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+Hier musste Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der
+Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht dahin ueberwaeltigten sie dermassen,
+dass sie weinen musste. Erst als ihre Thraenen wieder getrocknet waren, las
+sie zu Ende.
+
+
+
+
+
+
+"Gruesse nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama; das Tagebuch, das
+sie mir mit eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen, ich habe keine
+Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafuer. Nun leb' wohl,
+mein lieber, suesser, furchtbar netter Papa. Ich kuesse Dich
+hunderttausendmal. Bitte, gieb auch Bob einen Kuss und gruesse Johann von
+
+ Deiner
+ Dich unbeschreiblich liebenden Tochter
+ _Ilse_.
+
+
+
+
+
+_N. S._ Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor
+Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an.
+
+_N. S._ Beinah haette ich vergessen, Dir zu schreiben, dass Du mir doch eine
+Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir
+des Abends im Bette liegen und ich auch.
+
+_N. S._ Lieber Papa, ich kriege immer so viel Schelte, dass ich so
+ungeschickt esse, schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist. Der
+Mama sage nichts hiervon. Deine Hand drauf! - Fraeulein Guessow habe ich
+sehr lieb." -
+
+
+
+
+
+
+Gerade sassen Ilses Eltern mit dem Prediger zusammen auf der Veranda am
+Kaffeetische, als ihr langer Brief eintraf. Der Oberamtmann las ihn vor
+und wurde bei einigen Stellen so geruehrt, dass er kaum weiter zu lesen
+vermochte.
+
+"Ich moechte das arme Kind zurueckhaben," sagte er, nachdem er zu Ende
+gelesen, "es fuehlt sich ungluecklich, und ich sehe nicht ein, warum wir
+unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. Was meinst du,
+Annchen, und Sie, lieber Vollert, waer' es nicht besser?"
+
+Der Prediger durchlas noch einmal den Brief, faltete ihn wieder zusammen
+und machte ein hoechst zufriedenes Gesicht.
+
+"Ich bin nicht Ihrer Meinung," entgegnete er, "ja ich wuerde das fuer eine
+Suende halten. Ilse ist bereits auf dem Wege einzusehen, dass sie noch
+vieles lernen muss, sie vergleicht sich mit den Genossinnen und erkennt
+ihre Fehler, die Luecken in ihrem Wissen. Wir haben schon mehr erreicht in
+dieser kurzen Zeit, als ich mir gedacht habe."
+
+"Das Heimweh ist ja natuerlich," fiel Frau Anne ein, "bedenke nur, wie
+schwer es einem an die Freiheit gewoehnten Wesen werden muss, sich ploetzlich
+in den Schulzwang zu fuegen! Die Regelmaessigkeit des Instituts ist ihrer
+ungebaendigten Natur zuwider; zu Ilses Glueck, sie wird sich fuegen lernen,
+ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Maedchen sein."
+
+Der Oberamtmann war verstimmt, dass man ihn nicht verstand. Weder der
+Prediger noch Frau Anne ueberzeugten ihn mit ihren Vernunftgruenden. Er
+urteilte eben nur mit seinem weichen Herzen, und das litt sehr bei dem
+Gedanken an sein heimwehkrankes Kind.
+
+Ilses Wuensche wurden natuerlich alle erfuellt und zwar umgehend: Es musste
+Kuchen gebacken und die schoenste Wurst, nebst einem Stueck Schinken aus der
+Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste
+und legte noch allerhand Leckereien mit hinein.
+
+"Not soll sie wenigstens nicht leiden," sagte er zu seiner Frau, die ihm
+laechelnd zusah. "Junge Menschen, die noch wachsen, haben immer Hunger.
+Wenn der Magen knurrt, muss er sein Teil haben; der beruhigt sich nicht,
+wenn man zu ihm sagt: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warte nur bis es zwoelf schlaegt oder Morgen oder
+Abend ist, dann bekommst du etwas.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}"
+
+Frau Anne haette gern erwidert, dass es viel besser sei, den Magen an
+regelmaessige Mahlzeiten zu gewoehnen, als zu jeder Tageszeit zu essen, aber
+sie schwieg. Sie dachte mit Recht, dass mit der Zeit Ilse von selbst von
+dieser Untugend zurueckkommen werde.
+
+ * * *
+
+Es war an einem Mittwoch Nachmittag im Monat August. Die erwachsenen
+Maedchen der Pension sassen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend
+oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschaeftigt. Es war sehr heiss und
+gewitterschwuel, und durch die geoeffneten Fenster drang kein erfrischender
+Luftzug.
+
+Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quaelte sich, Masche auf
+Masche abzuheben. Es machte ihr Muehe mit den heissen, feuchten Fingern. Die
+Nadeln sassen so fest in den Maschen, dass sie kaum zu schieben waren. Sie
+gluehte wie eine Rose bei ihrer sauren Arbeit, und der graue Strumpf, der
+eigentlich weiss sein sollte, wurde oefters aus der Hand gelegt. Nun fielen
+auch noch einige Maschen herunter, und Fraeulein Guessow, die anwesend war,
+forderte Ilse auf, einmal zu versuchen, ob sie dieselben nicht allein
+wieder aufnehmen koenne.
+
+"Ich kann das nicht," sagte Ilse, "die Nadeln kleben so, ich mag sie nicht
+mehr anfassen."
+
+"Wasche dir die Haende," riet Fraeulein Guessow, "dann wird es besser gehen."
+
+"Das hilft nicht," erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor
+sich hin.
+
+Die Maedchen lachten, und Grete, die ihr gegenuebersass, nahm es vorwitzig in
+die Hand, um den Fehler zu verbessern.
+
+Ilse nahm es ihr fort. "Lass liegen," sagte sie, "es ist mein Strumpf!"
+
+Ehe noch Fraeulein Guessow sie wegen ihres unpassenden Wesens zurechtweisen
+konnte, trat Fraeulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schuelerin
+zur andern und pruefte deren Arbeiten, sie that dies zuweilen, um sich an
+den Fortschritten zu erfreuen, oder auch zu tadeln, wenn es noetig war.
+
+"Nun, wie steht es mit dir, Ilse?" fragte sie. "Hast du deinen Strumpf
+bald fertig? Zeige ihn einmal her."
+
+Ilse that, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schaemte
+sich ihrer schmutzigen Arbeit.
+
+"Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse, hast du mich nicht verstanden?"
+
+Etwas streng und hart klangen die Worte der Vorsteherin, und nun war es
+Trotz, weshalb sie den Gehorsam versagte.
+
+Aufgebracht ueber diesen Widerstand nahm Fraeulein Raimar ihr den Strumpf
+unsanft aus der Hand.
+
+"Ich bin gewoehnt, dass meine Schuelerinnen mir gehorchen und du wagst es,
+dich zu widersetzen? - Seht einmal Kinder," fuhr sie fort und hielt mit
+spitzen Fingern das Strickzeug in die Hoehe, "was sagt ihr zu dieser
+Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Maedchen angehoere?
+Schaeme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen."
+
+Aller Augen waren auf dasselbe gerichtet, und einige Pensionaerinnen
+glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort
+mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, dass ihre kleine fuenfjaehrige
+Schwester daheim weit besser und sauberer stricke, ihr Strumpf saehe wie
+Schnee gegen Ilses aus, sie duerfe aber auch niemals mit schmutzigen Haenden
+stricken.
+
+Die aesthetische Flora verglich das faconlose Ding mit einem Kaffeebeutel,
+ein Vergleich, der Annemie so in das Lachen brachte, dass sie sich gar
+nicht wieder beruhigen konnte.
+
+Was in diesem Augenblicke in Ilses Innerem vorging, ist schwer zu
+beschreiben. Sie sah sich verlacht und verspottet von allen Seiten und
+durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihr heisses Blut, ihre unbaendige
+Natur baeumten sich mit aller Macht auf gegen die, wie sie glaubte, ihr
+oeffentlich angethane Schmach. Sie geriet in eine so blinde Wut, wie sie
+bis jetzt noch niemals empfunden hatte, sie ballte die Haende und biss
+hinein, ihre Augen fuellten sich mit heissen, trotzigen Thraenen.
+
+Fraeulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Thuer
+desselben hinter sich offen gelassen, sie hielt sich noch auf dem Korridor
+auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen, ahnte sie nicht, sie
+wuerde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch
+eine oeffentliche Beschaemung Ilses Widerstand ein fuer allemal geheilt zu
+haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemuet! Gerade das
+Gegenteil hatte sie hervorgerufen. Ilses wilder Trotz stand in
+lichterlohen Flammen.
+
+"Neckt sie nicht!" gebot Fraeulein Guessow, die Ilse besser verstand. "Ich
+will nicht, dass ihr sie auslacht!"
+
+Und Nellie, die einzige, welche mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen,
+nahm gutmuetig den verachteten Strumpf in die Hand, um ihn wieder in
+Ordnung zu bringen.
+
+"Lass!" rief Ilse und ihr ganzer Grimm entlud sich auf Nellies unschuldiges
+Haupt, "lass! Was kuemmern dich meine Sachen?"
+
+"Gieb doch her," bat diese sanft, "ich mach' dich alles wieder gut."
+
+Aber Ilse hoerte nicht darauf und riss es Nellie aus der Hand, und ehe noch
+diese sie zurueckhalten konnte, warf sie im hoechsten Zorne das
+unglueckselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend
+aneinander und das Knaeuel kollerte weit fort, zur offnen Thuer hinaus, bis
+zu den Fuessen der Vorsteherin.
+
+Vielleicht haette dieselbe kein Arg an diesem kleinen Zufall gefunden, wenn
+nicht zu gleicher Zeit laute Ausrufe wie "Ah!" und "o!" ihr Ohr getroffen
+und ihr verkuendet haetten, dass etwas Unerhoertes passiert sein muesse.
+
+"Was giebt es?" fragte sie hastig eintretend. Sie erhielt keine Antwort;
+aber ihr Blick fiel auf das Strickzeug am Fussboden und sie erriet das
+Ganze.
+
+"Warfst du es absichtlich hierher?" richtete sie an Ilse die Frage, und
+ihre Stimme bebte vor Aufregung, in ihren stets so ruhig blickenden Augen
+blitzte es unheimlich auf. - "Antworte - ich will es wissen!"
+
+"Ja," sagte Ilse.
+
+"Komm hierher und nimm es wieder auf!"
+
+Die Heftigkeit der Vorsteherin machte Ilse nur verstockter, sie ruehrte
+sich nicht.
+
+"Hast du verstanden, was ich dir befahl? Glaubst du mir trotzen zu koennen?
+Ich verlange, dass du mir gehorchst!"
+
+"Nein," entgegnete Ilse zum Entsetzen der anwesenden Pensionaerinnen, "ich
+thue es nicht!"
+
+Fraeulein Guessow sah die Widerspenstige traurig und bekuemmert an. Nicht
+Zorn, nur Mitleid empfand sie mit derselben. "Wenn ich dich aendern koennte!
+Wenn es mir gelaenge, dich auf einen andern Weg zu bringen, armes,
+verblendetes Kind!" dachte sie und beschloss, nichts unversucht zu lassen,
+um Ilse von ihrem boesen Fehler zu heilen.
+
+Solange sie Vorsteherin des Pensionats war, hatte Fraeulein Raimar niemals
+Aehnliches erlebt. Trotz ihrer stets so massvollen Ruhe war sie fuer den
+Augenblick fassungslos und ungewiss, was mit Ilse geschehen solle.
+
+"Geh auf dein Zimmer," befahl sie kurz, "und bleibe dort! Das andre wird
+sich finden."
+
+Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt,
+brach der furchtbare Sturm, den sie muehsam zurueckgehalten hatte, los. Sie
+warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Stuermisch rief sie nach ihrem
+Papa, dass er komme und sie holen moege - klagte die Mama an, die sie in
+diese fuerchterliche Anstalt gebracht - kurz fuehlte sich verzweifelt und
+verlassen, wie nie im Leben.
+
+Allerhand Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte,
+kindisch und unausfuehrbar. Zuerst wollte sie davonlaufen, - wohin war ihr
+gleich, nur fort, damit sie die boese Vorsteherin, die stets einen Aerger
+auf sie gehabt, und die abscheulichen Maedchen, die sie verhoehnt hatten,
+von denen keine sie lieb hatte, nicht wieder sehe - niemals! Kein Mensch
+mochte sie leiden, nur der Papa. O, wenn sie gleich bei ihm waere!
+
+Der Gedanke, dass sie zurueck muesse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie
+fing an, ihre Sachen aus der Kommode zu raeumen und war eben im Begriff,
+das Maedchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als
+Nellie und gleich darauf Fraeulein Guessow in das Zimmer traten.
+
+Erstaunt blickte letztere auf die umherliegenden Sachen.
+
+"Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?" fragte sie.
+
+Anstatt zu antworten vergrub Ilse das Gesicht in beiden Haenden und
+schluchzte laut.
+
+Fraeulein Guessow liess sie einige Augenblicke gewaehren, dann zog sie ihr
+leise die Haende vom Gesicht.
+
+"Beruhige dich, Kind," sprach sie in sanftem Tone, "dann will ich mit dir
+reden."
+
+"Ich kann nicht! Ich will fort!" stiess Ilse leidenschaftlich heraus.
+
+"Du musst dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, dass es dir schwer wird,
+dein trotziges Ich zu zaehmen, aber du musst es thun, es ist notwendig.
+Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?"
+
+Diese schuettelte den Kopf. "Sie haben mich alle gereizt," entgegnete sie
+abgebrochen schluchzend - "Fraeulein Raimar hat mich so furchtbar blamiert
+- alle haben mich ausgelacht!"
+
+Fraeulein Guessow hatte das Gefuehl, als sei es besser gewesen, wenn die
+Vorsteherin ihren berechtigten Tadel in einer andern Weise ausgesprochen
+haette, - doch das war nun einmal geschehen und nicht zu aendern.
+
+"Du irrst," entgegnete sie, "nicht Fraeulein Raimar, sondern du selbst hast
+dich laecherlich gemacht. Denke einmal zurueck, wie du dich benommen hast. -
+Uebrigens," fuhr sie fort, "du darfst nicht so trostlos sein und dir nicht
+allzuschwere Gedanken darueber machen. Wenn du morgen verstaendig bist, ist
+alles vergessen. Die Maedchen haben dich alle lieb."
+
+"Nein, nein," rief Ilse, "mich hat niemand lieb! Ich weiss es wohl! - Ich
+bin dumm und ungeschickt und ich will fort - zu meinem Papa!"
+
+"Wenn du so sprechen willst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weisst, wie
+sehr ich dich lieb habe, dergleichen kindische Reden aber will ich nicht
+von dir anhoeren. Soll ich gehen? - willst du vernuenftig sein?" -
+
+Ilse schwieg und die junge Lehrerin wandte sich der Thuer zu. Als sie im
+Begriffe war dieselbe zu oeffnen, eilte Ilse auf sie zu.
+
+"Bitte, bleiben Sie," bat sie und hielt sie an der Hand fest.
+
+"Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhoeren willst."
+
+Sie setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm.
+
+"Wie heiss du bist, du boeser Trotzkopf," sagte sie und streichelte ihr
+liebevoll die erhitzten Wangen. "Nellie, gieb Ilse ein Glas Wasser."
+
+Die Angeredete hatte stumm und still am andern Fenster gelehnt und der
+Freundin lautes Schluchzen mit heimlichen Thraenen begleitet, jetzt sprang
+sie hinzu und reichte das Gewuenschte.
+
+"Trink einer kuehle Schluck, er wird dir ruhig machen," redete sie herzlich
+zu. "Du musst nie wieder sagen, dass wir dir nicht liebten, du boese, boese
+Ilse! - Nicht mehr weinen darfst du, komm, ich mache deine Gesicht kalt."
+
+Und sie tauchte einen Schwamm in das Wasser und kuehlte damit Ilses
+brennende Augen und Wangen.
+
+"Nun, mein Kind," fragte Fraeulein Guessow, als Ilse sich etwas beruhigt
+hatte, "was gedenkst du zu thun?"
+
+"Ich muss heute noch abreisen," entgegnete sie, "hier bleiben kann ich
+nicht."
+
+"Also noch immer moechtest du mit deinem Kopfe die Wand einstossen. Der
+Gedanke, dass du nachgeben musst, dass es an dir ist, um Verzeihung zu
+bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn! Du hast Fraeulein Raimar bitter
+gekraenkt, denkst du nicht daran, sie wieder zu versoehnen? Sprich!"
+
+"Nein," rief Ilse und warf den Kopf zurueck, "Fraeulein Raimar hat mich
+beleidigt und furchtbar gekraenkt! Ich bitte sie nicht um Verzeihung! Noch
+niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten - und ich thue es auch jetzt
+nicht! Nein!"
+
+Das war wieder ein trotziger, boeser Ausfall von ihr, dennoch verlor
+Fraeulein Guessow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und sanft.
+
+"Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast
+deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir
+zuernte."
+
+"Meinem Papa!" wiederholte Ilse und sah hoechst erstaunt die junge Lehrerin
+an. "Niemals hat er mir gezuernt, er war immer, immer gut, ich konnte
+machen, was ich wollte."
+
+"So," sprach Fraeulein Guessow und meinte jetzt den Schluessel zu Ilses
+Eigensinn in des Vaters zu grosser Nachgiebigkeit gefunden zu haben. "Und
+die Mama, war auch sie stets damit zufrieden, was du thatest, - kraenktest
+du sie niemals? Sage einmal aufrichtig."
+
+Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, sie
+hatte dieselbe oftmals durch ihren Widerstand gekraenkt.
+
+"Ich glaube, dass ich es that," sagte sie zoegernd.
+
+"Und dann sagtest du: vergieb mir, liebe Mama, nicht wahr?"
+
+Ilse schuettelte den Kopf. "Nein," sagte sie, "niemals habe ich das gethan.
+Mama hat es auch gar nicht von mir verlangt, sie weiss, dass ich einmal
+nicht bitten kann."
+
+"Ein Kind muss bitten koennen! Und ein Maedchen vor allem. O Ilse! Auch du
+musst es lernen, noch ist es nicht zu spaet!" sprach Fraeulein Guessow sehr
+erregt. "O Ilse, wenn doch meine Worte es vermoechten, dich so recht aus
+deiner Verblendung aufzuruetteln! Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor
+allem dich beherrschen! Thust du es nicht, so nimmt das Leben dich in
+seine harte Schule und bereitet dir viel Herzeleid und Kummer. Glaube mir,
+Trotz und Widerstand sind boeses Unkraut in einem Maedchenherzen, und
+oftmals ueberwuchern sie die besten, heiligsten Gefuehle! Geh' hinunter,
+Kind, bitte Fraeulein Raimar um Vergebung. Ueberwindest du heute deinen
+harten Sinn, so hast du gewonnen fuer alle Zeit!"
+
+Sie hatte warm und eindringlich gesprochen, und in ihren braunen Augen
+standen Thraenen. Ilse war auch seltsam ergriffen von ihren Worten, aber
+Abbitte thun, - das konnte sie trotzdem nicht.
+
+"Ich kann es nicht," sagte sie zoegernd, aber bestimmt.
+
+"Du willst nicht, aber du musst," entgegnete Fraeulein Guessow im hoechsten
+Grade erregt. "Gott! giebt es denn kein Mittel, dass ich dich von deinem
+Starrsinn heilen kann!" -
+
+"Komm, setze dich zu mir," fuhr sie ruhiger fort, "ich will dir eine wahre
+Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Maedchenherzen erzaehlen,
+das sein Lebensglueck einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch
+sagen wirst: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dann gehe hin und folge deinem harten
+Kopfe, - ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen ..."
+
+Noch niemals hatte jemand in einem so ueberzeugenden Tone zu Ilse
+gesprochen, derselbe verfehlte seine Wirkung nicht. Willig und gehorsam
+setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenueber und sah erwartungsvoll und
+gespannt auf sie. Der haessliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem
+Gesichte und wer sie jetzt sah, wuerde nicht geglaubt haben, dass diese Ilse
+und die andre, die sich vor kaum einer Stunde so wild und unbaendig
+betragen, ein und dieselbe sei.
+
+Fraeulein Guessow hatte den Kopf auf das Fensterbrett gestuetzt und blickte
+gedankenvoll hinaus in den Garten. Ihr blasses Gesicht hatte sich leicht
+geroetet und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als ob
+ein heftiger Kampf in ihr arbeite, als ob es ihr schwer werde, mit dem
+ersten Worte zu beginnen. Ploetzlich erhob sie sich.
+
+"Es ist hier so drueckend und schwuel," sagte sie und oeffnete die
+Fensterfluegel.
+
+Ein erquickender Luftzug stroemte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzuge.
+Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Baeume, in der Ferne grollte der
+Donner.
+
+"Wie das wohl thut," fuhr sie mit einem tiefen Atemzuge fort, "die Hitze
+lag mir schwer wie Blei auf der Brust. - Wie alt bist du, Ilse?"
+unterbrach sie sich ploetzlich wie in halber Zerstreuung.
+
+"Im naechsten Monat werde ich sechzehn Jahre."
+
+"Sechzehn Jahre!" wiederholte die Lehrerin, "dann bist du alt und auch
+verstaendig genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin
+zu begreifen. Hoer' zu.
+
+"Es war einmal ein junges, froehliches Menschenkind, das mit seinen
+sechzehn Jahren die Welt zu erstuermen meinte. Vater und Mutter waren ihm
+frueh gestorben und so kam es, dass die kleine Waise zu der Grossmutter
+gegeben wurde, die sie erzog und von Grund auf verzog. Lucie, so wollen
+wir das Maedchen nennen, hatte nie gelernt zu gehorchen oder sich zu fuegen,
+sie erkannte nur einen Willen an, und das war der eigene. Das war sehr
+schlimm fuer sie, denn bei manchen guten Eigenschaften des Herzens besass
+Lucie einen haesslichen Fehler, den Trotz.
+
+"Anstatt denselben durch unerbittliche Strenge schon in der Kindheit zu
+zuegeln, pflegte ihn die Grossmama durch allzugrosse Nachsicht.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum soll ich dem Kinde nicht seinen Willen thun?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, wenn man
+sie zuweilen auf ihre Schwaeche aufmerksam machte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ist es nicht schlimm
+genug, dass es keine Eltern hat? Ich kann es nun einmal nicht traurig
+sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}"
+
+"War Lucie huebsch?" fragte Nellie, die sich hinter Ilses Stuhl gestellt
+und den Arm um deren Schulter gelegt hatte.
+
+"Ich glaube wohl," entgegnete die Angeredete und erroetete leicht,
+"wenigstens hat man es dem erwachsenen Maedchen oftmals gesagt. Doch das
+ist Nebensache - hoert mich weiter an.
+
+"Die Grossmutter besass ein herrliches Landhaus, dessen Park sich an einen
+bewaldeten Bergesabhang lehnte. Man durfte nur eine kleine Pforte, die
+sich am Ausgange des Grundstueckes befand, durchschreiten und befand sich
+im schoensten Walde, den ihr euch denken koennt.
+
+"Selten kamen Spaziergaenger aus dem nahen Staedtchen dorthin, desto oefter
+benutzte Lucie die kleine Ausgangspforte, durchstreifte den Wald bis an
+die Spitze des Berges, oder was sie noch haeufiger that, sie lagerte sich
+an irgend einem versteckten Platze. So im weichen, schwellenden Moose zu
+liegen, ein gutes Buch zu lesen und darueber die Welt zu vergessen, - das
+war die hoechste Wonne ihres Lebens.
+
+"Eines Tages hatte sie wieder ihren Lieblingsplatz am Fusse einer Eiche
+aufgesucht. Die Luft war heiss und schwuel und doppelt wohlthuend empfand
+sie die Waldeskuehle. Sie streckte die schlaffen Glieder im Moose aus und
+blickte hinauf in das gruene Blaetterdach. Nicht lange, dann oeffnete sie das
+mitgebrachte Buch und las. So vertieft war sie bald in den Inhalt
+desselben, dass sie der Gegenwart ganz entrueckt war. -
+
+"Eine maennliche Stimme schreckte sie ploetzlich auf. Aergerlich ueber die
+Stoerung blickte sie auf und sah in das laechelnde Antlitz eines jungen
+Mannes, der mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihr stand.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ein wunderbares Bild!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wahrlich, ich haette Lust, dasselbe
+zu malen! Bleiben Sie in der Stellung,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, als Lucie sich schnell
+erheben wollte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nur wenige Augenblicke! Aber so boese duerfen Sie nicht
+aussehen, - nein, ich bitte, wieder derselbe Zug von Spannung um den Mund,
+- dasselbe erwartungsvolle Laecheln - bitte!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was faellt Ihnen ein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie aufgebracht und erhob sich mit einem
+Sprunge. Dabei fiel ihr das Buch aus der Hand.
+
+"Er kam ihr zuvor, als sie sich schnell darnach buecken wollte; doch ehe er
+es ihr ueberreichte, las er das Titelblatt.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Werthers Leiden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, bemerkte er und lachte lustig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dacht' ich es doch!
+Natuerlich verbotene Lektuere, die in der Waldeinsamkeit verschlungen wird!
+Oder hat der Herr Papa vielleicht Ihnen diese gefaehrliche Geschichte
+erlaubt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Lucie entriss ihm das Buch, aber sie wurde ueber und ueber rot.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich verbitte mir Ihre Bemerkungen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie zornig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wer hat
+Ihnen erlaubt, mich zu beobachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich nahm mir selbst die Freiheit,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er sich verbeugend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und bitte
+dafuer um Verzeihung. Ein Zufall brachte mich in Ihre Naehe, dort jene
+Buchengruppe war ich im Begriffe zu malen, - da erblickte ich Sie, und
+koennen Sie mir verdenken, dass ich dem Zauber nicht widerstehen konnte, Sie
+zu betrachten?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Sie gab keine Antwort, ja sie gruesste nicht einmal, als sie eilig davon
+ging. Sie empfand Unwillen und Aerger ueber den Aufdringlichen und doch -
+gefiel er ihr." -
+
+"War er ein schoen Mann?" fragte Nellie.
+
+"Ja, er war schoen und klug und gut. Von den letzteren Eigenschaften konnte
+Lucie sich bald ueberzeugen, denn der Maler machte unter irgend einem
+Vorwande einen Besuch in der Grossmutter Hause.
+
+"Wie bald er der Liebling derselben, wie er nach und nach taeglicher Gast
+bei ihr wurde und wie er endlich der trotzigen Lucie Herz gewann, das kann
+ich euch nicht erzaehlen, nur so viel, dass sie eines Tages seine Braut war.
+
+"Es war ihm nicht leicht geworden, ihr Jawort zu erringen, denn wenn er
+heute glaubte, dass sie ihn gern moege, war er morgen vom Gegenteil
+ueberzeugt. Wenn er im Begriffe war, sie zu fragen: hast du mich lieb?
+reizte sie ihn gerade durch Trotz und Widerstand, und das Wort erstarb ihm
+auf den Lippen.
+
+"Endlich trug er den Sieg davon. An ihrem achtzehnten Geburtstage war es,
+als sie mit ihm vor die Grossmama trat und jubelnd ausrief:
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin Braut!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Nun, glaubt ihr, Lucie ist eine andre geworden? Das Glueck und die Liebe
+haben sie nachsichtiger gestimmt, nicht wahr, ihr glaubt, das koenne nicht
+anders sein? - Wie seid ihr im Irrtum! Das Gegenteil war der Fall. Ihr
+Widerstand trat gegen den Mann, den sie von ganzem Herzen liebte, oftmals
+heftiger hervor, als je vorher.
+
+"Welche Muehe gab er sich, sie von diesem Fehler zu heilen, wie
+eindringlich und liebevoll stellte er ihr die Folgen desselben vor; sie
+hoerte ihn an und versprach sich zu bessern, - aber ihr Wort hielt sie
+nicht, - - leider! - Haette sie es gethan, wie viel Kummer und Herzeleid
+haette sie sich erspart!"
+
+Einen Augenblick hielt die junge Lehrerin inne, ein scharfer Beobachter
+haette ihr ansehen koennen, wie schwer es ihr wurde, die Geschichte weiter
+zu erzaehlen, - die jungen Maedchen indessen merkten nichts davon. Sie
+glaubten, die Heftigkeit des Gewitters habe die Pause hervorgerufen.
+
+"O bitte, fahren Sie fort," bat Nellie, deren Augen vor Entzuecken
+glaenzten; niemals bis jetzt hatte das Fraeulein aehnliches erzaehlt, "bitte,
+weiter! O, ich bin zu gierig, weiter zu wissen!"
+
+Ilse sass still und sinnend da. Was sie da hoerte, beruehrte eine verwandte
+Saite in ihr, oftmals hatte sie das Gefuehl, als ob das junge Maedchen nicht
+Lucie, sondern Ilse geheissen habe. -
+
+"Lucies Brautzeit neigte sich zu Ende," fuhr Fraeulein Guessow fort, "in
+vier Wochen sollte die Hochzeit sein. An dem Morgen eines herrlichen
+Maitages sass das Brautpaar auf der Veranda vor dem Hause und traeumte sich
+in die Zukunft hinein. Es wurde eine Reise nach der Schweiz und Italien
+geplant, - den ganzen Sommer wollten sie umherschweifen, und wo es ihnen
+am schoensten gefiel, dort wollten sie fuer den Winter ihr Nest bauen.
+
+"Der Himmel woelbte sich hoch und blau ueber ihnen, die Fruehlingssonne
+lachte sie freundlich an, - ringsum bluehte, duftete und zwitscherte es,
+kein Misston stoerte das wunderbare Lenzesleben.
+
+"Lucie machte Plaene und malte sich aus, wie sie leben und wie sie sich
+einrichten wollten. Sie hing am Aeusseren und hatte eine lebhafte
+Phantasie, da war es denn am Ende ganz natuerlich, dass ihre Wuensche und
+Hoffnungen bis an den Himmel reichten.
+
+"Er hatte ihrem Geplauder laechelnd gelauscht, ohne sie zu unterbrechen. Da
+gab ihm ein ungluecklicher Zufall die Frage ein: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie wuerdest du es
+ertragen, Lucie, wenn wir uns ganz einfach einrichten muessten, wenn wir
+nicht reisen koennten - wenn wir wenig Mittel haetten, - mit einem Worte,
+wenn die Not an uns herantreten wuerde?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Die Not?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie erstaunt und sah ihn beinahe entsetzt an. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das waere
+furchtbar!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du giebst mir keine Antwort auf meine Frage, liebes Herz. Ich meine, ob
+deine Liebe zu mir so stark sein wuerde, dass du ohne Klage auch ein
+armseliges Los mit mir teilen wuerdest?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} -
+
+"Es verdross sie, dass Curt, so hiess der Maler, durch unnuetze Fragen einen
+Missklang in ihre frohe Stimmung brachte.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lass doch den Unsinn!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wehrte sie ab, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wir werden nie in solche Lage
+kommen. Ich bin reich und deine Bilder werden hoch bezahlt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Man kann nicht wissen, was in den Sternen fuer uns geschrieben steht,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+entgegnete er ernst. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du koenntest zum Beispiel dein Vermoegen verlieren, -
+und ich - nun wenn ich krank wuerde und nicht malen koennte?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum quaelst du mich mit allerhand dummen Moeglichkeiten, Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte
+sie ungeduldig. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich antworte dir nicht auf solche Fragen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Und sie wandte
+sich halb von ihm ab.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du sprichst jetzt gegen deine bessere Ueberzeugung, du kleine
+Widerspenstige,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte er halb ernst, halb scherzhaft. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich weiss, du wirst
+mir ganz bestimmt meine Gewissensfrage beantworten, ich weiss auch, meine
+Lucie wuerde den Mut haben, ein sorgenvolles Leben mit mir zu teilen, wie
+sie meine Gefaehrtin in Glueck und Wohlstand werden wollte. Nicht wahr? Du
+siehst ein, Liebling, dass ich von meiner zukuenftigen Frau das verlangen
+kann?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Das sehe ich nicht ein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief Lucie sehr entruestet und entzog ihm ihre
+Hand, die er liebevoll ergriffen hatte. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Armselige Verhaeltnisse wuerden
+mich ungluecklich machen - ja, ungluecklich machen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} wiederholte sie, als er
+sie zweifelnd ansah, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}lieber wuerde ich gar nicht heiraten!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Er wurde blass bei ihren Worten, aber noch wollte er nicht an den Ernst
+derselben glauben. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast du mich lieb, Lucie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er sie.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja, aber in einer Huette bei Salz und Brot mag ich nicht mit dir wohnen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Aber{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, Lucie. Hast du mich lieb? Sage ja und nimm zurueck, was du
+gesagt hast.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie entschieden und sprang von ihrem Platze auf. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nichts
+nehme ich zurueck! Was ich gesagt habe, ist meine wahre Meinung!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er erregt, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}besinne dich! Es ist nicht wahr, du denkst
+nicht wie du sprichst! Dein Widerspruch gab dir die Worte ein ....! Nimm
+sie zurueck, Herz!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} und flehend blickte er ihr in das Auge.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du irrst,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} entgegnete sie mit scheinbarer Kaelte, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}nicht aus Widerspruch,
+sondern mit voller Ueberzeugung sagte ich dir meine Ansicht.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nein, nein! Ich kann's, ich will's nicht glauben! - Komm her, sieh' mich
+an. Deine Augen sollen mir die Antwort geben, ich weiss, dass sie nicht
+luegen koennen. - Du liebst mich? Ja? Nicht wahr, du hast mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+wiederholte er noch einmal dringend - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und du nimmst zurueck, was du
+gesagt?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ungluecklicherweise hatte die Grossmama auf der entgegengesetzten Seite der
+Veranda gesessen und war so eine stumme Zeugin dieser Scene geworden.
+Aengstlich erhob sie sich und trat dem jungen Paare naeher.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie duerfen Lucie nicht so uebel nehmen, was sie sagt, lieber Curt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+sprach sie beruhigend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es kommt ihr nicht vom Herzen, glauben Sie mir.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Die alte Frau hatte es gut gemeint, aber sie stiftete Unheil an. Haette
+sie sich nicht in den Streit gemischt, vielleicht war es besser. Ihre
+guetigen Worte stachelten Lucies Trotz noch mehr an.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Es kommt mir wohl aus dem Herzen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief dieselbe aufgebracht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}und ich
+wiederhole noch einmal: Lieber heirate ich gar nicht, als dass ich Not und
+Mangel leide!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}" -
+
+"O, wie hart ist sie!" warf Nellie ein, als Fraeulein Guessow wie erschoepft
+einen Augenblick innehielt.
+
+"Sie war nicht hart, nur verblendet," fuhr diese fort. "Niemals hatte sie
+gelernt, sich einem andern Willen zu beugen, niemals war sie im stande
+gewesen nachzugeben. Jetzt, wo das ernste Verlangen ihres Verlobten in
+aller Entschiedenheit an sie herantrat, ihren Widerstand zu zaehmen, da
+baeumte derselbe sich dagegen auf und sie unterlag seiner Macht.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ist das dein letztes Wort, - Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Wie ein Schrecken kam es ueber
+seine Lippen. Sie blieb ungeruehrt, wandte sich von ihm und eilte aus dem
+Zimmer.
+
+"Besorgt folgte ihr die Grossmama, aber sie klopfte vergeblich an der
+verschlossenen Thuere, dieselbe wurde nicht geoeffnet. -
+
+"Lucie befand sich in keiner beneidenswerten Stimmung. Es kochte und tobte
+in ihr und verworrene Gedanken durchzuckten ihr Hirn. War es recht, wie
+sie gehandelt hatte? {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ja,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} antwortete sie sich darauf, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich bin im Rechte.
+Warum schreckt er mich mit den Gespenstern Sorge und Not, warum peinigt er
+mich damit? Ich will in eine glueckliche Zukunft sehen und er will mir das
+Herz schwer machen mit Unmoeglichkeiten. Und welch eine wichtige Sache er
+daraus macht? - Ich soll zuruecknehmen, was ich gesagt habe! Solch ein
+Verlangen! Abbitte soll ich thun - Abbitte! Und er hat mich doch erst
+herausgefordert. Er ist an allem schuld.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Aus einem Winkel ihres Herzens meldete sich auch eine Stimme, die ihr
+zurief: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gieb nach! Reich' ihm die Hand, oder du hast ihn verloren!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Sie
+wurde nicht beachtet, und als eine Stunde vergangen war, hatte sie sich so
+voellig in den Gedanken an ihre Schuldlosigkeit eingelebt, dass sie
+erwartete, Curt muesse kommen und sie um Verzeihung bitten.
+
+"Er kam auch und begehrte Einlass. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Oeffne mir, Lucie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief er stuermisch,
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}es haengt unser Glueck davon ab! Ich muss dich sprechen! - Ich will dich
+sprechen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Das klang wie ein Befehl, sie schwieg und gab keine Antwort. Wohl klopfte
+ein guter Engel an ihr Herz und rief ihr warnend zu: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Erhoere ihn und es
+wird alles gut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - sie war taub gegen seine Stimme. Ein boeser Geist hielt
+sie fuer den Augenblick gefangen und trauernd floh ihr guter Engel von
+dannen.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will nicht mit dir reden!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} rief sie zurueck, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich wuesste auch nicht,
+was du mir noch sagen koenntest!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}So treibst du mich fort von dir, Lucie!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - rief er ausser sich. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bedenke
+was du thust! Ich gehe und nicht eher kehre ich zu dir zurueck, bis du mich
+zurueckrufst: Lebe wohl!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -
+
+"Es waren die letzten Worte, die sie von ihm gehoert hat.
+
+"Nach einer in Aufregung durchwachten Nacht brach der naechste Tag an. Der
+trotzige Aufruhr in Lucies Innern hatte sich gelegt und einer
+unzufriedenen Stimmung Raum gemacht. Nachzugeben fuehlte sie sich auch
+heute nicht geneigt, aber sie wollte ihn heute anhoeren, wenn er kam, - und
+dass er kommen werde, darauf hoffte sie fest.
+
+"Aber sie hoffte vergebens. Die Grossmama ueberhaeufte ihre Enkelin mit
+bitteren Vorwuerfen und forderte sie unter Thraenen auf, sie moege nachgeben.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wird es dir denn so schwer,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte sie, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Manne, dem du in vier
+Wochen die Hand fuer das Leben geben willst, ein bittendes Wort zu sagen?
+Ueberwinde dich, Lucie, nimm deine boesen Worte zurueck, oder es giebt ein
+Unglueck.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich kann nicht, Grossmama. Ich muesste ja abbitten, so verlangt er, und du
+weisst, ich that es nie! Er kehrt auch ohne meinen Ruf zurueck, du wirst es
+sehen.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Aber auch der naechste Tag verging und er blieb aus. Lucie befand sich in
+einer fieberhaften Aufregung und schrak zusammen, sobald sich die Thuer
+oeffnete. - Am dritten Tage, - es war gegen Abend, sie hatte wieder
+vergeblich ihn erwartet, da brachte Curts Diener ihr einen Brief. Sie
+eilte auf ihr Zimmer, um ihn allein und ungestoert zu lesen - es war doch
+endlich - endlich ein Zeichen von ihm!
+
+"Hastig oeffnet sie und in zwei Teile gebrochen fiel ihr Curts
+Verlobungsring entgegen. Wenige Zeilen nur schrieb er dazu. - Ich will
+versuchen euch dieselben zu wiederholen," unterbrach sich Fraeulein Guessow,
+"Lucie hat sie mir oftmals zu lesen gegeben.
+
+
+
+
+
+
+"Du hast mich nicht zurueckgerufen, - - so sehnsuechtig ich auch darauf
+gehofft habe. Liebtest Du mich, wie ich Dich, waere es Dir nicht schwer
+geworden, ein versoehnendes Wort zu sagen. Lebe wohl denn, ich muss von Dir
+scheiden, Lucie, weil ich Dir nicht versprechen kann, Dir stets Wohlstand
+und Glueck zu bieten. - - Mit welchem Rechte koennte ich vom Schicksal
+verlangen, dass mein Leben nur von der Sonne beschienen werde? Leb' wohl, -
+ich habe Dich sehr geliebt." -
+
+
+
+
+
+
+"Wie gebrochen sank sie zur Erde nieder und haette vor Schmerz vergehen
+moegen. Das hatte sie nicht gedacht, - so weit hatte sie es nicht treiben
+wollen. - Nun war es zu spaet, alle Reue, alle Selbstanklage, brachten ihr
+den Geliebten nicht zurueck.
+
+"Die Grossmama fand Lucie in einem verzweiflungsvollen Zustande, und
+heimlich, ohne ihr Wissen, schickte sie einen Boten in Curts Wohnung. Er
+kehrte zurueck mit der Meldung: der Herr sei seit zwei Stunden abgereist. -
+Sie hatte ihn auf ewig verloren!" -
+
+"O, die arm' Lucie! Der schlechter Mensch, warum konnt' er ihr verlassen!"
+rief Nellie unter Weinen. "Er hat ihr gar nix lieb gehabt."
+
+"Er hat sie sehr geliebt," entgegnete die Lehrerin und sah hinaus auf den
+stroemenden Regen; "aber er war ein ganzer Mann, der Lucies trotzigen
+Widerstand nicht laenger ertragen konnte."
+
+"Und wo ist Lucie geblieben?"
+
+"Lucie?" wiederholte Fraeulein Guessow zoegernd, - "ein trauriges Geschick
+hat sie getroffen. Ein Jahr nach dem Geschehenen verlor die Grossmutter
+fast ihr ganzes Vermoegen. Die Villa musste verkauft werden und Lucie, das
+verwoehnte und verzogene Maedchen, war gezwungen, fuer die Zukunft ihr eignes
+Brot zu verdienen."
+
+Ilse sah entsetzt die Lehrerin an. "Ja, ihr Brot zu verdienen," betonte
+dieselbe. "Das erschreckt dich, nicht wahr? Aber es wurde ihr nicht so
+schwer, als sie einstmals geglaubt. Seit jenem Tage, da sie das Schwerste
+erfahren, war eine Aenderung in ihrem Wesen vorgegangen. Still und ernst
+ging sie einher und ihr uebermuetiges Lachen war verschwunden. - Sie
+bereitete sich vor, Gouvernante zu werden, und als sie ihr Examen
+bestanden hatte, ging sie, nachdem sie die Grossmama durch den Tod
+verloren, nach London. Sie wirkt dort als Lehrerin in einem Institute."
+
+"Und der Maler? Hat die arm' Lucie nie gehoert davon?"
+
+"Seine Werke hat sie oft in den Galerien bewundert - er selbst blieb
+verschollen."
+
+"Oh wie ein furchtbar trauriges Geschicht' ist das!" rief Nellie. "Es thut
+mich sehr weh."
+
+Und Ilse? Sie sass da, die Haende gefaltet, mit gesenktem Blick. Sie war bis
+in das Innerste getroffen. Wie Lucie haette auch sie gehandelt, auch sie
+wuerde es bis zum Aeussersten getrieben, auch sie wuerde ihr Lebensglueck im
+trotzigen Uebermute geopfert haben. - Noch schwankte sie einen Augenblick,
+wie im Kampf mit sich selber, dann aber erhob sie sich schnell und ergriff
+Fraeulein Guessows Hand.
+
+"Ich will um Verzeihung bitten," sagte sie in leisem Tone, es war, als ob
+sie sich scheue, ihre eigenen Worte zu hoeren.
+
+Ueber der Lehrerin Gesicht glitt ein Freudenschimmer. Sie nahm die Reuige
+in den Arm und kuesste sie zaertlich.
+
+"Geh' - geh'," sagte sie geruehrt, "und wenn je ein boeser Geist wieder ueber
+dich kommen will, denk' an Lucies traurige Geschichte."
+
+Zoegernd und beklommen stieg Ilse die Treppe hinunter. Vor der Vorsteherin
+Zimmer blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht entschliessen, die Thuer zu
+oeffnen. Zweimal hatte sie schon die Hand nach dem Druecker ausgestreckt und
+wieder zurueckgezogen. Es war so furchtbar schwer, die erste Abbitte zu
+thun. Ob sie umkehre?
+
+Einen Augenblick war sie es willens, ja, schon machte sie eine leichte
+Wendung zurueck, da hoerte sie Fraeulein Guessow die Treppe herabkommen.
+
+Sollte dieselbe sie unverrichteter Sache hier finden? Sie haette sich vor
+ihr schaemen muessen. Mit einem tiefen Atemzuge oeffnete sie die Thuer.
+
+ [Illustration]
+
+Die Vorsteherin sass an ihrem Schreibtische; als sie Ilse eintreten sah,
+erhob sie sich.
+
+Ilses Herz klopfte zum Zerspringen. Als sie das strenge, zuernende Auge
+Fraeulein Raimars auf sich gerichtet sah, entsank ihr der Mut. Sie
+versuchte zu sprechen, aber es war ihr unmoeglich, ein Wort
+hervorzubringen, die Kehle erschien ihr wie zugeschnuert. Es war eine
+Folterqual, die sie ausstand, und wenn jetzt der Boden unter ihren Fuessen
+sich ploetzlich geoeffnet und sie haette verschwinden lassen, sie wuerde es
+fuer eine Wohlthat des Himmels angesehen haben. Aber diese Wohlthat blieb
+aus, und Ilse stand noch immer wortlos vor der Vorsteherin.
+
+Schon regte sich wieder der alte Trotz, der ihr eingab, es ruhig darauf
+ankommen zu lassen und sich nicht zu beugen - da war es, als ob Lucie sie
+traurig anblicke, als ob sie ihr mahnend zurief: "Nicht zurueck! Geh' mutig
+vorwaerts!"
+
+"Nun Ilse?" unterbrach Fraeulein Raimar das minutenlange Schweigen. "Was
+ist dein Begehr?"
+
+Ilse machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen und brach in ein
+krampfhaftes Schluchzen aus. Abgebrochen und unverstaendlich kam es von
+ihren Lippen: "Ver-zeih-ung!"
+
+Fraeulein Raimar war sehr aufgebracht ueber Ilses Betragen gewesen und sie
+hatte die Absicht gehabt, ihr eine derbe Lektion dafuer zu geben, als sie
+indes dieselbe so zerknirscht und reuevoll vor sich stehen sah, wurde sie
+milder gestimmt.
+
+"Fuer diesmal," sagte sie, "will ich dir vergeben, ich sehe, dass du dich
+selbst mit Vorwuerfen strafst, und dass du zur vollen Erkenntnis deines
+Ungehorsams gekommen bist. Bessre dich! Betraegst du dich ein zweites Mal
+in aehnlicher Weise, wuerde ich die strengsten Massregeln ergreifen, das
+heisst: ich wuerde dich zu deinen Eltern zurueckschicken! - Ich hoffe, du
+vergisst dich niemals wieder, versprich mir das!"
+
+Beinah haette sie sich sofort gegen dieses Versprechen aufgelehnt und
+geantwortet: "Schicken lasse ich mich nicht! Dann gehe ich lieber gleich
+zu meinen Eltern," - da war es wieder Lucies warnendes Beispiel, das diese
+boese Antwort von ihren Lippen scheuchte.
+
+Zoegernd und noch immer schluchzend ergriff sie des Fraeuleins Hand. "Nie -
+wieder!" stammelte sie.
+
+Und Fraeulein Raimar war von der Wahrheit ihres Versprechens ueberzeugt und
+hatte beinah Mitleid mit der Reumuetigen. "Nun geh' und beruhige dich,"
+sagte sie in mildem Tone, "und sehe ich, dass du dich besserst, wird der
+heutige Tag von mir vergessen sein. -"
+
+Als Ilse die Treppe zu ihrem Zimmer wieder hinaufstieg, fuehlte sie sich
+leicht wie nie im Leben, es war ihr so frei und froh in der Brust, niemals
+hatte sie eine aehnliche Empfindung gekannt. Es war das Bewusstsein, sich
+selbst ueberwunden zu haben. -
+
+Der Juli und August waren vorueber und man befand sich in den ersten Tagen
+des September. Ilse hatte sich mehr und mehr in das Pensionsleben
+eingelebt und fuehlte sich laengst keine Fremde mehr. An vieles, das ihr
+anfangs unmoeglich erschien, hatte sie sich gewoehnt, ja gewoehnen muessen.
+Wie haette sie auch vermocht, sich gegen das einmal Bestehende aufzulehnen!
+Das fruehe Aufstehen, das regelmaessige Arbeiten, die Ordnung und
+Puenktlichkeit, die streng innegehalten wurden, - schwer genug hatte sie
+sich in all diese Dinge gefunden, und wer weiss, ob sie es ueberhaupt je
+gethan haette, wenn Nellie nicht wie ein guter Geist ihr stets zur Seite
+gestanden haette. Mit ihrer froehlichen Laune half sie der Freundin ueber
+manche Schwierigkeit hinweg und oft verstand sie es, durch ein Wort, ja
+durch einen Blick dieselbe zu zuegeln, wenn sich die alte Heftigkeit melden
+wollte.
+
+Eine heftige Szene hatte sie uebrigens nicht wieder herbeigefuehrt. Fraeulein
+Guessows Erzaehlung war auf fruchtbaren Boden gefallen und hatte ihren
+trotzigen Sinn etwas nachgiebiger gemacht.
+
+Ueber ihre Fortschritte und Faehigkeiten herrschte unter ihren Lehrern und
+Lehrerinnen eine sehr verschiedene Ansicht, wie dieses in der letzten
+Konferenz recht deutlich zu Tage trat. Der Rechenlehrer und der Lehrer der
+Naturgeschichte behaupteten, dass Ilse ohne jede Begabung sei, dass sie
+weder Gedaechtnis, noch Lust am Lernen besitze. Andre waren vom Gegenteile
+ueberzeugt. Fraeulein Guessow, die in der Litteratur und Doktor Althoff, der
+Deutsch, Geschichte und in der franzoesischen Litteratur unterrichtete,
+waren in jeder Beziehung mit Ilses Kenntnissen und ihren Fortschritten
+zufrieden. Professor Schneider lobte ganz besonders ihren Fleiss und ihre
+Ausdauer, die sie bei ihm entwickle, und erklaerte mit aller
+Entschiedenheit, wenn Ilse so fortfahre, wuerde sie es mit ihrem Talente
+weit bringen, sie habe in den acht Wochen, in denen sie seine Schuelerin
+sei, so grosse Fortschritte im Zeichnen gemacht, wie nie eine andre zuvor.
+
+Ueber dieses Lob geriet Monsieur Michael in Entzuecken. Ja er vergass sich
+in seiner lebhaften Freude so weit, dass er ausrief; "Bravo, Monsieur
+Schneider! So spreche auch ich, sie ist eine hochbegabte, eine
+entzueckende, junge Mademoiselle."
+
+Fraeulein Raimar laechelte ueber diese Ekstase und erkundigte sich nach Ilses
+Betragen.
+
+Da kam denn leider manches bedenkliche Kopfschuetteln an den Tag. Besonders
+wurde von einigen sehr geruegt, dass sie bei dem geringsten Tadel eine
+trotzige Miene mache, dass sie sogar mehrmals gewagt habe, zu
+widersprechen.
+
+"Leider, leider ist dem so," bestaetigte die Vorsteherin, "und ich habe
+nicht den Mut, zu glauben, dass wir sie aendern koennen. Ich fuerchte sogar,
+dass ihr zuegelloser Sinn uns eines Tages eine aehnliche Szene, wie die
+bereits erlebte, machen wird, und was geschieht dann?"
+
+"Dann geben wir sie den Eltern zurueck," fiel Miss Lead lebhaft ein. "Ich
+glaube, dass es dahin kommen wird. Ilse ist nicht nur verzogen, sie ist -
+wie soll ich sagen - sehr baeurisch, sehr brutal, sie passt nicht in unsre
+Pension."
+
+Doktor Althoff warf der Englaenderin einen etwas ironisch laechelnden Blick
+zu, als wollte er sagen: Du freilich mit deinen uebertriebenen, strengen
+Formen hast kein Verstaendnis fuer das junge, frische Wesen mit seinem
+natuerlichen Sinn - "Ich glaube, Sie irren, meine Damen," wandte er ein,
+"in unsrer kleinen Ilse steckt ein tuechtiger Kern. Lassen Sie nur erst die
+etwas rauhe Schale sich von demselben abgestossen haben und Sie werden
+sehen, in welch ein liebenswuerdiges, natuerliches, echt weibliches Wesen
+sich die baeurische, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}brutale Ilse{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," er betonte die letzten Worte etwas
+stark, "verwandeln wird. Von der Natur ist sie dazu beanlagt, glauben Sie
+mir. Man muss nur nicht von der kurzen Zeit, die sie bei uns verweilt, gar
+zu viel verlangen."
+
+Miss Lead zuckte die Achseln und machte eine abweisende Miene. Fraeulein
+Guessow dagegen sah Doktor Althoff dankbar an.
+
+"Das sage ich mit Ihnen, Herr Doktor!" stimmte sie bei. "Wir muessen Geduld
+haben mit unsrem wilden Vogel, der bis jetzt nur die Freiheit kannte.
+Fehler, die durch jahrelange, allzunachsichtige Erziehung in dem Kinde
+gross gezogen wurden, koennen unmoeglich in wenigen Wochen vollstaendig
+abgestreift sein. Mir scheint, dass wir schon viel erreicht haben, wenn wir
+daran denken, wie wenig Arbeitstrieb Ilse mit in die Pension brachte und
+wie sie jetzt gewissenhaft und sogar in manchen Faechern ihre Aufgaben sehr
+trefflich anfertigt."
+
+Fraeulein Guessows Behauptung war vollstaendig berechtigt. Ilse war weit
+strebsamer geworden, das gute Beispiel der uebrigen Maedchen spornte sie
+maechtig an.
+
+Anfangs war es ihr gleichgueltig gewesen, ob man sie in die erste oder
+zweite Klasse brachte, als sie indes die Bemerkung machte, dass alle ihre
+Mitschuelerinnen juenger waren, als sie, da erwachte der Ehrgeiz und
+zugleich ein Eifer in ihr, der sie antrieb, das Versaeumte nachzuholen, zu
+lernen und zu arbeiten, damit sie bald in die erste Klasse komme.
+
+Ihre Aufsaetze besserten sich mit jedem Mal, auch nahm sie sich sehr
+zusammen, keine orthographischen Schnitzer mehr zu machen. Sie hatte allen
+Respekt vor Doktor Althoff, der stets mit einem leichten Spott dergleichen
+Fehler zu ruegen wusste.
+
+Ihr letzter Aufsatz war der beste in der Klasse gewesen. "Ein Spaziergang
+durch den Wald" hiess das gegebene Thema und sie hatte ihre Aufgabe in
+anmutiger und lebendiger Weise geloest. Sie wurde dafuer gelobt, und Doktor
+Althoff las ihren Aufsatz der Klasse vor, was stets als eine besondere
+Auszeichnung galt. Mitten im Lesen unterbrach er sich lachend.
+
+"Da ist Ihnen ein ganz abscheulicher Irrtum passiert, Ilse," sagte er,
+"denn ich kann mir kaum denken, dass Sie wirklich dachten, was Sie hier
+niederschreiben."
+
+Und er trat zu ihr und zeigte ihr die verhaengnisvolle Stelle, die also
+lautete:
+
+"Ich war eine gans, tuechtige Strecke allein gegangen." - Sie erroetete,
+nahm schnell eine Feder und machte aus dem s ein z.
+
+"Ein andres Mal sehen Sie sich besser vor, solche Verwechselungen koennen
+hoechst komisch wirken. Auch mit den Kommas, Punkten u. s. w., rate ich
+Ihnen weniger verschwenderisch umzugehen, oder haben Sie die Absicht, es
+wie jene junge Dame zu machen, die, sobald sie eine Seite zu Ende
+geschrieben hatte, ganz willkuerlich die Zeichen hineinsetzte. Etwa zehn
+Kommas, sieben Ausrufungszeichen, fuenf Fragezeichen und neun Punkte, wie
+sie gerade Lust hatte, manchmal mehr, manchmal weniger. Das gab dann
+zuweilen einen tollen Sinn, Sie koennen es sich denken."
+
+Die Maedchen lachten und Ilse mit. Ohne jede Empfindlichkeit nahm sie eine
+Ruege von diesem Lehrer auf, der es verstand, stets die richtige Art und
+Weise zu treffen. Mit liebenswuerdigem Humor, in welchen er einen ernsten
+Tadel oftmals kleidete, richtete er weit mehr aus, wie mancher andre, der
+in der Aufregung sich zu zornigen Worten hinreissen liess.
+
+Aber wie schwaermten auch seine Schuelerinnen fuer ihn! In jeder
+Maedchenschule giebt es gewiss einen Lehrer, der zum allgemeinen Liebling
+erkoren wird, in dem Institute des Fraeulein Raimar hatte Doktor Althoff
+das Los getroffen.
+
+"Er ist furchtbar reizend!" beteuerte Melanie und schlug den Blick
+schwaermerisch gen Himmel. "Das bezaubernde Laecheln um seinen Mund, das
+blitzende, geistvolle Auge, das schmale, vornehme Gesicht, das dunkle,
+lockige Haar! Wirklich furchtbar nett!" Die neugierige Grete hatte sogar
+entdeckt, dass Schwester Melanie in einem Medaillon, welches sie an der Uhr
+befestigt trug, ein Stueckchen Papier mit seinem Namen geborgen hatte. Es
+war eine Unterschrift von seiner Hand, die sie unter einem frueheren
+Aufsatze fortgeschnitten hatte.
+
+Flora Hopfstange besang den Gegenstand ihrer Verehrung in den
+ueberschwenglichsten Gedichten, auch war er der Held ihrer saemtlichen
+Novellen und Romane. Wie zufaellig verlor sie zuweilen eines ihrer
+schwaermerischen Gedichte, natuerlich nur in der Litteraturstunde, indessen
+vergeblich. Doktor Althoff hatte noch niemals eine ihrer kostbaren
+Dichterblueten gefunden.
+
+ [Illustration]
+
+Selbst Orla teilte diese allgemeine Schwaeche, trotzdem sie dieselbe stets
+verspottete. Laengst aber hatte sie sich verraten und das ging so zu.
+Doktor Althoff trug eine Nelke in der Hand, als er die Klasse betrat und
+liess dieselbe auf dem Katheder liegen. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
+als fast saemtliche Schuelerinnen, wie die Stossvoegel auf die rote Blume
+zustuerzten, um sie fuer sich zu gewinnen. Orla eroberte sie gluecklich. Hoch
+hielt sie ihre Siegestrophaee in die Luft und eilte damit auf ihr Zimmer.
+Vom Juwelier liess sie sich dann ein goldenes Medaillon anfertigen mit
+einer russischen Inschrift darauf. Grete hatte das bald genug
+herausgewittert, aber leider stand sie vor einem unloesbaren Raetsel, denn
+Orla wuerde ihr nimmermehr vertraut haben, dass die beiden Worte ins
+Deutsche uebertragen hiessen: "Vom Angebeteten." - In diese kostbare,
+goldene Huelle legte sie die Nelke und trug sie immer.
+
+Nellie machte es am aergsten. Eines Abends, als sie mit Ilse allein auf
+ihrem Zimmer war, nahm sie ein Federmesser und ritzte damit den
+Anfangsbuchstaben seines Vornamens in ihren Oberarm. Mit spartanischem
+Mute ertrug sie laechelnd diese schmerzhafte Operation.
+
+"Aber Nellie, wie albern bist du!" rief Ilse. "Warum machst du denn den
+Unsinn? Wenn Herr Doktor Althoff all' eure Dummheiten erfaehrt, muesst ihr
+euch doch schaemen."
+
+"Schweig!" gebot Nellie scherzhaft, "du bist noch ein klein' gruener
+Schnabel. Du verstehst nix von heimliche Anbetung. Komm erst in der Jahre
+und lerne ihr begreifen. Dein Herz lauft noch in der Kinderschuhe."
+
+Ilse wollte sich totlachen. Ihr gesunder, urwuechsiger Sinn verstand und
+begriff dergleichen krankhafte Dinge nicht. "Ach Nellie!" rief sie
+froehlich, "du sprichst so weise, wie eine alte Grossmama, und bist doch nur
+zwei Jahr aelter als ich."
+
+Nellie war aber keineswegs wie eine Grossmama, oft sogar konnte sie recht
+kindlich denken und handeln, wenn es darauf ankam, irgend etwas fuer ihren
+Schnabel zu gewinnen.
+
+Eines Sonntags, es war gegen Abend, stand sie am offnen Fenster in ihrem
+Zimmer und blickte sehnsuechtig auf den Apfelbaum, dessen Fruechte goldgelb
+und rotwangig, hoechst verlockend zwischen dem dunklen Laube hindurch
+lachten.
+
+"Die schoene Aepfel!" rief sie aus, "o, hatte ich doch gleich einer davon!
+Er ist reif, Ilse, ich weiss, ich kenne dieser Baum genau. Ich habe jetzt
+so gross' Lust, Apfel zu speisen, und darf ihn doch nur ansehen! Sehen -
+und nicht essen - es ist hart!"
+
+Ilse, die nach Nellies Muster und Angabe einen grauen Waeschbeutel mit
+roten Arabesken benaehte, legte die Arbeit beiseite und trat zu der
+Freundin.
+
+"Ja, die sind reif," sagte sie und betrachtete mit Kennermiene die Aepfel,
+"wir haben dieselbe Sorte daheim, das sind Augustaepfel. Wenn ich doch
+gleich in Moosdorf waere, dann stieg' ich in den Baum und holte welche
+herunter, aber hier - - ach!"
+
+Nellie horchte auf und blickte Ilse an, die mit wehmuetigem Verlangen
+hinauf in den Baum sah. Ploetzlich kam ihr ein guter Gedanke.
+
+"Du bist in der Baum gestiegen?" fragte sie. "O, Ilse, ich habe ein'
+furchtbar nette Idee! - Du steigst in der Baum und holst uns von der
+Apfel!"
+
+Die letzten Worte sprach sie fluesternd, damit ja kein unberechtigtes Ohr
+etwas erlauschte.
+
+Ilses braune Augen leuchteten auf. "Wie gern wuerde ich das thun! Aber ich
+darf ja nicht! Denk' nur, Nellie, wenn Fraeulein Raimar oder irgend jemand
+anderes mich sehen wuerde!"
+
+"Lass mir nur machen," meinte Nellie und machte ein hoechst listiges
+Gesicht. "Heut' abend, wenn Fraeulein Raimar und alles andre auf seines Ohr
+liegt, dann erheben wir uns wieder von unsrem Lager und die mutige Ilse
+wird wie eine Katz' leise aus die Fenster steigen und in der Baum
+klettern. Der lieber Mond steckt sein' Latern' dazu an und leuchtet sie,
+dass sie die besten und grossesten Apfel finden kann. Und ich geb' acht, dass
+nix kommt, - ich werde eine gute Spion sein."
+
+Ilse strahlte vor Wonne. Der Gedanke war auch zu verlockend, als dass sie
+noch laenger Bedenken tragen sollte.
+
+"Das ist zu himmlisch!" rief sie so laut, dass Nellie ihr die Finger auf
+den Mund legte. "Ich ziehe meine Blouse und den blauen Rock dazu an und
+steige hinauf in das gruene Blaetterdach. Es ist himmlisch, Nellie!"
+
+Und sie ergriff die Freundin am Arme und tanzte mit ihr durch das Zimmer.
+
+"O, du bist einer Engel! du kluge Ilse! Wenn wir nur erst Nacht haetten!"
+
+Ilse stand schon wieder am Fenster und warf pruefende Blicke in den Baum.
+"Siehst du, auf diesen Zweig steige ich zuerst," sagte sie ganz erregt,
+"und dann auf den dort, - es haengen drei herrliche Aepfel daran, - die
+pfluecke ich zuerst und werfe sie dir zu, - dann geht es hoeher hinauf bis
+an Melanies und Orlas Stubenfenster, - sie lassen es immer offen stehen
+des Nachts - dann stecke ich den Kopf hinein und rufe: Gute Nacht!"
+
+"Ilse!" rief Nellie entsetzt, "du darfst der Unsinn nicht thun! Gieb dein'
+Hand darauf!"
+
+"Es war nur Scherz," entgegnete Ilse. "Sei ohne Sorge, Nellie, ich werde
+ganz artig und still sein, niemand soll von unsrem entzueckenden Abenteuer
+erfahren!" -
+
+Die Zeit verging den beiden Maedchen wie mit Schneckenpost. Ilse, die sich
+wenig verstellen konnte, war waehrend des Abendessens ganz besonders lustig
+und aufgeregt.
+
+"Du siehst so unternehmend und froehlich aus," bemerkte Fraeulein Guessow,
+"hast du eine gute Nachricht aus der Heimat erhalten?"
+
+Ilse wurde rot und fuehlte sich wie ertappt. Ein Glueck fuer sie, dass die
+Lehrerin ganz arglos die Bemerkung machte und gar nicht weiter auf sie
+achtete, vielleicht waere ihr doch die verraeterische Roete aufgefallen.
+
+Endlich, endlich, war alles still im Hause. Die Runde durch saemtliche
+Schlafgemaecher war gemacht, und Fraeulein Guessow war bereits in ihr Zimmer
+zurueckgekehrt.
+
+Nellie sass in ihrem Bett und lauschte. Sie hatte unten die Thuer sich
+schliessen hoeren, wartete noch eine kleine Weile, dann erhob sie sich und
+glitt wie ein Geist durch das Zimmer und lehnte sich weit zum Fenster
+hinaus.
+
+"Was machst du?" fragte Ilse.
+
+"Ich will sehen, ob Fraeulein Guessow noch Licht in sein' Schlafstube hat -"
+fluesterte sie. "Noch ist hell unten, - immer noch - -"
+
+"Soll ich aufstehen?" fragte Ilse.
+
+"Nein, du sollst dir ganz ruhig halten und nicht so laut sprechen. Sie hat
+noch immer hell. Wie langweilig! Was sie nur anfangt! Warum geht sie nicht
+in ihr Bett und macht die Auge zu."
+
+Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus und sah unverwandt auf die
+seitwaerts liegenden, noch immer erleuchteten Fenster. Im Fluestertone rief
+sie Ilse ihre Bemerkungen zu. Ploetzlich fuhr sie schnell mit dem Kopfe
+zurueck und legte den Finger auf den Mund.
+
+"Sei ganz still, Ilse, ruehr' dir nicht," sagte sie dann, sich auf den
+Zehen zu derselben heranschleichend, "sie hat eben der Kopf zum Fenster
+ausgesteckt und sieht in der Mond. Beinah' hat sie mir erblickt."
+
+Nach einem kleinen Weilchen hoerte sie das Fenster schliessen und als Nellie
+vorsichtig hinunter blickte, war das Licht geloescht.
+
+"Jetzt ist die grosse Augenblick gekommen," wandte sie sich in pathetischem
+Tone an Ilse und streckte die Hand aus, "erheben Sie sich, mein Fraeulein,
+und gehen Sie an das grosses Werk!"
+
+Ilse war so aufgeregt durch den Gedanken an das naechtliche Abenteuer, dass
+sie gar nicht bemerkte, wie urkomisch Nellie aussah, als sie in ihrem
+langen Nachtgewande, den Arm weit ausgestreckt, so vor ihr stand.
+
+Eilig erhob sie sich und begann sich anzukleiden. Das war bald geschehen,
+da das Blousenkleid, und was sie sonst noch noetig hatte, schon bereit lag.
+
+Gegen die Stiefel erhob Nellie Einsprache. "Sie sind zu unschicklich, zu
+plump, du machst eine so laute Schritt, dass alles aufwacht."
+
+Ilse hoerte nicht darauf. Sie hatte dieselben bereits angezogen und schlich
+auf den Zehen zum Fenster hin.
+
+"Gieb mir das Koerbchen," bat sie. Nellie hing ihr ein solches um den Hals,
+damit sie den Arm frei behalte.
+
+"So, nun bist du reisefertig, mach' deine Sach' brav, mein Kind," sagte
+sie und kuesste Ilse auf die Wange.
+
+Die hoerte nichts. Mit leichtem Sprunge schwang sie sich auf das
+Fensterbrett und von dort stieg sie in den Baum.
+
+Aengstlich blickte ihr Nellie nach. Aber sie hatte nicht Ursache, besorgt
+zu sein. Ilse kletterte leicht und gewandt wie ein Eichkaetzchen trotz
+ihrer schweren Stiefel. Als sie die drei bewussten Aepfel erreichen konnte,
+brach sie dieselben und warf sie Nellie zu.
+
+"Da hast du eine Probe!" rief sie uebermuetig in halblautem Tone, "damit dir
+die Zeit nicht lang werde, bis ich wiederkomme!"
+
+Die Fruechte kollerten bis an das Ende des Zimmers zu Nellies Entsetzen.
+
+"O, was thust du!" fluesterte sie und erhob drohend die Finger. "Die Koechin
+schlaeft unter dieser Zimmer, soll sie von der Spektakel aufwachen?"
+
+"Baerbchen schlaeft fest, ich hoere sie draussen schnarchen," gab Ilse zurueck.
+- "Wir koennen ganz ohne Sorge sein - alles schlaeft - alles ist still und
+dunkel. - Nun lebe wohl, Nellie, jetzt trete ich meine Reise an. Ach, es
+ist koestlich hier!"
+
+Ploetzlich bekam es Nellie mit der Angst. "Ich zittre fuer dir," sprach sie
+mit bebenden Lippen, - "komm wieder her, - es koennte ein Unglueck sein."
+
+Ilse lachte in sich hinein und stieg keck hoeher und hoeher. Sie war so
+recht in ihrem Elemente und frei wie der Vogel in der Luft regte sie ihre
+Schwingen.
+
+Bald hatte sie die Spitze erreicht. Der Mond schien voll und klar und
+zeigte ihr jeden Schritt, den sie zu machen hatte. Als sie in gleicher
+Hoehe mit dem Schlafgemache Orlas und der Schwestern war, konnte sie der
+Versuchung nicht widerstehen, einen Blick in das Fenster zu thun.
+Vorsichtig und behende balancierte sie auf dem Ast, der sie trug und
+dessen gruene Spitzen beinahe das eine Fenster beruehrten, und sah hinein.
+
+Ruhig, nichts ahnend lagen die Schlaeferinnen da, hell vom Mondlicht
+beschienen.
+
+Einen Augenblick regte sich der Uebermut in ihr. Ob sie den Maedchen einen
+Schabernak spielte? "Nur einmal gegen die Fensterscheibe klopfen," dachte
+sie, und schon streckte sie den Finger aus dazu, - da bewegte sich Orla im
+Schlafe. Unwillkuerlich fuhr Ilse zurueck und ihre tolle Idee blieb
+unausgefuehrt.
+
+Es hingen so viel schoene Aepfel rechts und links und ueberall, mit kleiner
+Muehe haette sie in wenigen Augenblicken ihr Koerbchen damit fuellen koennen,
+aber dazu hatte sie keine Lust, immer hoeher hinauf strebte ihr Verlangen,
+sie hatte nun einmal die Freiheit gekostet, so schnell wollte sie dieselbe
+nicht wieder aufgeben. Die Krone des Baumes war ihr Ziel, wohl eine
+beschwerliche Fahrt, aber sie schreckte nicht davor zurueck.
+
+Wie ein Bube erklomm sie die manchmal schwer zu erreichenden Zweige, - ein
+einziger Fehltritt und sie lag unten mit zerbrochenen Gliedern, - dieser
+Gedanke kam ihr nicht in den Sinn, sie hatte daheim ganz andre tollkuehne
+Kletterpartien ausgefuehrt und jede Furcht vor Gefahr verlernt.
+
+Mutig ging es vorwaerts. Die lauschende Nellie vernahm dann und wann ein
+Knacken der Aeste, oder das Herabfallen eines Apfels. Einmal schrak sie
+heftig zusammen, ein Vogel flog auf. Ilse mochte ihn in seiner Nachtruhe
+gestoert haben. - Es wurde ihr recht aengstlich auf ihrem Lauscherposten,
+eine Ewigkeit duenkte es ihr, dass Ilse sie verlassen hatte.
+
+"Ilse!" rief sie leise. Keine Antwort erfolgte. Wie war es auch moeglich,
+dass ihr Ruf zu derselben emporgetragen wurde, die oben in der Krone stand
+und die erfrischende Nachtluft mit vollen Zuegen einsog.
+
+Wie fuehlte sie sich glueckselig, wie frei, wie heimatlich wurde es ihr zu
+Mute! Keine Fesseln drueckten sie mehr, Schulzwang, Pension, Vorsteherin -
+alles entschwand ihr wie in nebelweite Ferne - der Garten da unten gehoerte
+dem Papa, der Baum, auf dem sie war, stand vor seinem Fenster, es war der
+alte Nussbaum, in dessen gruenem Laubwerk sie so manchmal neckend Versteck
+gespielt hatte mit dem Papa, wenn er sie ueberall suchte, von dessen
+oberster Spitze sie dann ploetzlich mit einem schlichen "Juchhe!" ihm
+antwortete.
+
+"Juchhe!" Ganz in Erinnerung versunken, brach es ploetzlich laut und
+kraeftig aus ihrer Kehle hervor, dass es weithin durch den Garten schallte.
+
+Im selben Augenblicke erwachte sie aus ihrem Traume und ganz erschrocken
+fuhr sie mit der Hand nach dem Mund. Was hatte sie gethan! Aber die Reue
+kam jetzt zu spaet, vor allem musste sie an den schnellsten Rueckzug denken,
+denn wie sie vermutete, so war es, ihr unvorsichtiger Ruf war im Hause
+vernommen worden.
+
+Melanie war davon erwacht und richtete sich entsetzt in ihrem Bette auf.
+
+"Grete!" rief sie mit bebenden Lippen, "hast du gehoert?"
+
+"Ja," toente es gedaempft zurueck. "Melanie, ich fuerchte mich tot!" Sie hatte
+sich die Decke ueber den Kopf gezogen und erwartete mit zitternder Angst
+ihr Schicksal.
+
+Auch Orla war erwacht. "Was war das?" fragte sie, "wo kam der laute Schrei
+her? Mir war es, als ob er dicht vor meinem Bette ausgestossen wurde."
+
+"Allmaechtiger Gott!" schrie Melanie auf, "siehst du nichts? O, ich habe
+etwas furchtbar Schreckliches gesehen! Eben dort! - dicht am Fenster flog
+es vorueber! Ein Gespenst war es, mit fliegenden Haaren und grossen,
+gluehenden Augen! Hu, wie es mich ansah, als ob es mich verschlingen
+wollte! O, Orla - ein Gespenst - ein Gespenst!"
+
+Sie klapperte mit den Zaehnen vor Furcht und Schrecken, und Orla, die
+nichts gesehen hatte, sondern nur ein lautes Brechen und Knacken im Baume
+vernommen, sprang mutig aus ihrem Bette, schlug ihre Steppdecke ueber die
+Schultern und sah zum Fenster hinaus.
+
+Grade hatte Ilse ihre tolle Fahrt beendet. In rasender Hast und Angst
+hatte sie dieselbe von der Hoehe des Baumes bis zu ihrem Zimmerfenster
+gemacht, und Nellie, sie erwartend, streckte ihr beide Arme, soweit sie
+konnte, hilfreich entgegen. Sie war leichenblass und ausser sich ueber Ilses
+Tollkuehnheit.
+
+"Was hast du gemacht?" fluesterte sie, "du hast uns verraten! - hast du
+gehoert? Ueber uns sind sie aufgeweckt! - Orla spricht ... Wir sind
+verloren!"
+
+Eilig nahm sie der am ganzen Koerper zitternden Ilse, deren Haende blutig
+geritzt waren, das Koerbchen ab, warf die wenigen Aepfel, die nicht
+herausgefallen waren, in ihr Bett, das Koerbchen hinter den Schrank, und
+legte sich nieder, alles in der groessten Hast.
+
+Ilse hatte ein gleiches gethan. Ohne sich zu entkleiden, mit Stiefel und
+Blousenkleid, sprang sie in ihr Bett und deckte sich bis an das Kinn zu.
+Sie schloss die Augen und erwartete in Todesangst das furchtbare
+Strafgericht, das ihrer wartete. -
+
+Bei dem truegerischen Lichte des Mondes konnte Orla nicht erkennen, was
+eigentlich vorging. Sie sah wohl eine Gestalt - sah ein Paar weisse Arme,
+die ihr fabelhaft lang erschienen, aber nur einen fluechtigen Moment, dann
+war die ganze Erscheinung lautlos und still wie im Nebel verschwunden.
+
+Sie lauschte noch einige Augenblicke atemlos, aber der Spuk war vorbei -
+nichts ruehrte sich. Trotz ihres Mutes wurde es ihr unheimlich zu Mute. Sie
+zog den Kopf zurueck.
+
+"Nun?" fragte Melanie, "sahst du etwas?"
+
+"Ja," entgegnete Orla, "deutlich habe ich eine Gestalt gesehen, und ich
+koennte darauf schwoeren, dass sie von zwei langen, weissen Armen in Nellies
+Zimmer gezogen wurde."
+
+"Liebe, liebe Orla!" bat Melanie klaeglich und mit gerungenen Haenden,
+"wecke die Leute! Wenn das Gespenst noch einmal erscheint, sterbe ich vor
+Angst!"
+
+ [Illustration]
+
+Orla ergriff die Klingelschnur, die sich dicht neben ihrem Bette befand,
+und laeutete. In jedem Zimmer war eine solche angebracht, fuer den Fall, dass
+ein ploetzliches Unwohlsein eine Pensionaerin des Nachts befiel. Saemtliche
+Schnuere fuehrten zu einer Hauptglocke, die unten, dicht neben Fraeulein
+Raimars Schlafzimmer angebracht war.
+
+Laut und schrill, wie eine Sturmglocke, toente ihr Klang, der noch niemals
+die Ruhe gestoert, durch die Stille der Nacht. Nellie und Ilse erzitterten,
+als ob sie ihr Sterbegloecklein hoerten.
+
+Wie mit einem Zauberschlage wurde es lebendig im Hause. Die Fenster, die
+eben noch dunkel und wie traeumend in den Garten geblickt hatten, erhellten
+sich. Thueren wurden geoeffnet, Stimmen laut.
+
+Die Vorsteherin, im tiefen Negligee, ein Licht in der Hand, trat zuerst
+aus ihrem Zimmer. Fast gleichzeitig erschien Fraeulein Guessow. Als beide
+den Korridor passierten, schoss Miss Lead aus ihrer Zimmerthuer, aengstlich
+fragend blickte sie die Damen an.
+
+Sie war nicht gerade eine Heldin, die gute Miss, der Glockenschall war ihr
+in alle Glieder gefahren. Zitternd war sie aus dem Bette gesprungen und
+hatte nach ihren Kleidungsstuecken gesucht. Im Dunkeln tappte sie
+vergeblich darnach. Sie hatte Licht anzuenden wollen, aber die Schachtel
+mit Streichhoelzern war ihr in der Aufregung entfallen. In nervoeser Hast
+ergriff sie einen schottischen Plaid und drapierte sich denselben wie
+einen Mantel um ihre Gestalt. Ihr spaerliches Haar, das sie jeden Abend
+eine gute Viertelstunde kaemmte und buerstete, hing geloest auf ihre Schulter
+herab.
+
+Sie machte einen hoechst komischen Eindruck in diesem abenteuerlichen
+Kostueme und die Vorsteherin gab ihr den ernstlichen Rat, sie moege sich
+wieder niederlegen, aber Miss Lead wehrte dieses Ansinnen lebhaft ab.
+
+"Nein, nein!" Und sie hing sich an Fraeulein Guessows Arm so fest, als ob
+sie bei ihr Schutz und Beistand suche.
+
+Auch mehrere Pensionaerinnen waren von dem ungewohnten Laerm erwacht und
+aufgestanden. Angstvoll stuerzten sie aus ihren Zimmern und folgten den
+Lehrerinnen dicht auf dem Fusse, Flora hatte sogar einen Rockzipfel der
+Vorsteherin erfasst.
+
+Orla hoerte Stimmen auf der Treppe und oeffnete die Thuer.
+
+"Ist dir oder den Schwestern etwas passiert?" fragte Fraeulein Raimar
+schnell in das Zimmer tretend.
+
+Statt Orla antwortete Melanie: "Etwas furchtbar Schreckliches haben wir
+erlebt!" rief sie. "Ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst haben wir
+gesehen!"
+
+"Du hast getraeumt," sagte die Vorsteherin, "es giebt keine Gespenster!"
+
+"Ich sah es mit offenen Augen, Fraeulein!" entgegnete Melanie mit voller
+Ueberzeugung. "Erst erwachten wir alle drei von einem furchtbar lauten
+Schrei, nicht wahr, Orla! gleich darauf sauste das Gespenst hier ganz
+dicht am Fenster vorbei."
+
+"Es war vielleicht ein Spitzbube, der sich Aepfel holen wollte," beruhigte
+die Vorsteherin. "Hast du auch etwas gesehen, Orla?"
+
+"Ja," sagte sie. "Ich sah zum Fenster hinaus und da schien es mir, als ob
+etwas in Nellies Zimmer verschwand -"
+
+Die Pensionaerinnen, sogar Miss Lead, draengten sich im dichten Knaeuel
+aengstlich um Fraeulein Raimar. Gespenster - Spitzbuben! das war ja um sich
+tot zu fuerchten. So schauerliche Dinge hatte man noch niemals in der
+Pension erlebt. Flora zitterte zwar vor Furcht und Erregung, trotzdem fand
+sie dieses Erlebnis hoechst romantisch. Sie nahm sich vor, in ihrem
+naechsten Romane dasselbe zu verwerten.
+
+Fraeulein Guessow hatte kaum vernommen, dass der Spuk in Nellies Zimmer
+verschwunden sein solle, als sie still die Treppe hinunterstieg und sich
+zu den beiden Maedchen begab. Sie oeffnete die Thuer und leuchtete in das
+Zimmer. Ihr Blick glitt pruefend durch dasselbe, es war nichts Verdaechtiges
+zu sehen. Die Fenster waren geschlossen und Ilse schien fest zu schlafen.
+
+Nellie hatte sich im Bett erhoben und that ganz erstaunt beim Anblick der
+Lehrerin.
+
+"O, was giebt es?" fragte sie. "Warum ist der Glocke gezogen? Ich habe mir
+so erschreckt."
+
+"Es soll hier jemand in das Fenster bei euch gestiegen sein," antwortete
+Fraeulein Raimar, die mit den uebrigen Fraeulein Guessow gefolgt war.
+
+Nellie stockte der Atem vor Angst. Was sollte sie beginnen? Die Wahrheit
+gestehen? Unmoeglich! Es waere zugleich Ilses und ihre Entlassung aus der
+Pension gewesen. Und luegen? Sie waere nicht dazu im stande gewesen.
+Entsetzt blickte sie die Vorsteherin an und gab keine Antwort.
+
+Dieselbe deutete Nellies stummes Entsetzen anders und sah es fuer eine
+Folge des ploetzlichen Schreckens an.
+
+"Nun, nun," beruhigte sie, "du darfst dicht nicht weiter aengstigen. Orla
+und die Schwestern wollen durchaus einen lauten Schrei gehoert haben und
+Orla behauptet fest, es sei ein Gespenst vor ihrem Fenster vorbeigeflogen
+und hier in eurem Zimmer verschwunden."
+
+"O, eine Gespenst! Wie furchtbar!" wiederholten Nellies zitternde Lippen
+und ihr blasses Gesicht - die Angst, die sich in ihren Zuegen malte,
+erweckten Mitleid in Fraeulein Raimars Herzen.
+
+"Beruhige dich nur," sagte sie, "die Maedchen werden getraeumt haben. Das
+ganze Haus haben sie in Aufruhr gebracht. - Ich denke, wir legen uns
+wieder nieder," wandte sie sich zu Fraeulein Guessow, "es ist das beste
+Mittel, die aufgeregten Gemueter zur Ruhe zu bringen."
+
+Schon im Herausgehen begriffen, fiel ihr die schlafende Ilse ein. Sie trat
+an das Bett derselben und beugte sich leicht darueber. "Ist denn Ilse gar
+nicht erwacht von dem Spektakel?" fragte sie erstaunt.
+
+Mit Todesangst verfolgte Nellie jede Bewegung der Vorsteherin. Wenn sie
+sich ein wenig zur Seite wandte, wenn ihr Blick das Fussende des Bettes
+streifte - dann waren sie verloren. Unter dem Deckbette - o Entsetzen! sah
+eine Spitze von Ilses fuerchterlichem Stiefel vor.
+
+"Sie hat immer ein so fester Schlaf," brachte Nellie muehsam hervor und
+ploetzlich - im Augenblicke der hoechsten Not kehrte ihre Geistesgegenwart
+zurueck.
+
+"Bitte, bitte, Fraeulein Guessow," sagte sie und erhob flehend die Haende,
+"sehen Sie unter meines Bett, ob keine Gespenst daliegt."
+
+Sofort lenkte sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf Nellie und die
+Angeredete nahm wirklich das Licht und leuchtete unter das Bett. Fraeulein
+Raimar schuettelte unwillig den Kopf.
+
+"Sei nicht kindisch, Nellie," verwies sie dieselbe, "du wirst in deinem
+Alter doch wahrlich nicht mehr an Spukgeschichten glauben!"
+
+Und Miss Lead, die bis dahin mit den Pensionaerinnen vor der aeusseren Thuer
+gestanden, trat zu ihrer Landsmaennin und schalt sie wegen ihrer
+Furchtsamkeit.
+
+Kaum hatte Nellie die sonderbar Gekleidete erblickt, als sie in ein lautes
+Gelaechter ausbrach. "O, Miss Lead!" rief sie aus. "Sie haben die Aussicht
+wie eine Raeuberhauptmann! Seien Sie nicht boese, aber ich muss lachen!" Und
+die uebrigen Maedchen stimmten froehlich ein in das Gelaechter, sie hatten bis
+jetzt nicht auf die englische Lehrerin geachtet.
+
+Miss Lead wurde hochrot vor Aerger, und die Vorsteherin gab Nellie einen
+ernsten Verweis ueber ihr unartiges Benehmen. Es wurde darueber die
+Gespenstergeschichte vergessen und Ilse nicht weiter beachtet. Oder doch?
+
+Fraeulein Guessow entfernte sich, mit dem Lichte in der Hand, sehr schnell
+aus der Thuer - hatte sie vielleicht die unselige Stiefelspitze entdeckt?
+
+"Wir wollen Ilses Ruhe nicht stoeren," sagte sie, "warum soll die Aermste
+auch noch ermuntert werden?"
+
+"Sie haben recht, wir wollen sie nicht stoeren. Aber sie hat einen
+wunderbar festen Schlaf. Nun geht zur Ruhe, Kinder. Melanies Gespenst war
+sicherlich nichts weiter, als eine Katze, die sich im Baume einen Vogel
+gefangen hat. Ihr koennt ganz ohne Sorge sein, zum zweitenmal wird es nicht
+wiederkehren."
+
+Damit hatte der naechtliche Spuk sein Ende erreicht. In kurzer Zeit lag
+alles wieder im tiefen Schlafe. Melanie hatte die Lampe brennen lassen, um
+keinen Preis wuerde sie im Dunklen geblieben sein.
+
+Als Nellie sich vollkommen ueberzeugt hatte, dass alles wieder still im
+Hause war, da kehrte mit dem Gefuehle der Sicherheit auch ihre frohe Laune
+wieder. Sie suchte die Aepfel unter der Bettdecke hervor und fing an,
+gemuetlich zu essen, als ob nichts vorgefallen waere.
+
+"Was machst du denn?" fragte Ilse, als sie das knirschende Geraeusch hoerte.
+Sie hatte bis jetzt noch nicht gewagt, sich zu ruehren, und lag wie im
+Schweisse gebadet da.
+
+"Ich speise Aepfel," entgegnete Nellie sorglos.
+
+"Aber, Nellie, wie kannst du das nur!" rief Ilse ganz entruestet. "Ich
+zittre noch an allen Gliedern, mein Herz schlaegt wie ein Hammer - und du
+kannst essen! Wirf die Aepfel fort - sie gehoeren ja gar nicht uns. Ach,
+Nellie, ich aergere mich ueber meinen dummen Streich!"
+
+"O was!" sagte Nellie ruhig weiter essend, "man muss thun, als ob man zu
+Haus ist! Graem' dir nicht mit unnuetze Gedanke, zieh' dir lieber aus und
+pack' deine Sache fort in deine Koffer. Du kannst ruhig schlafen, mein
+Darling, morgen weiss kein' Seel' von unser lustiges Abenteuer und du wirst
+sehr klug sein, liebe Ilschen, und schweigen."
+
+Ilse ging heute nicht auf Nellies scherzenden Ton ein; der Gedanke, die
+Vorsteherin hintergangen zu haben, drueckte sie schwer. Schweigend
+entkleidete sie sich und verschloss ihre Sachen sorgfaeltig in den Koffer.
+Dann legte sie sich nieder.
+
+Der Schlaf aber wollte nicht kommen. Nellies regelmaessige Atemzuege
+verrieten laengst, dass dieselbe sanft und suess eingeschlummert war, als sie
+noch immer wachend im Bette lag. Der Gedanke, wie nahe sie daran gewesen
+war, entdeckt zu werden, schreckte sie immer von neuem auf. Sobald sie im
+Begriffe war, einzuschlafen, fuhr sie angstvoll in die Hoehe. Endlich
+schlief sie ein, aber selbst im Traum quaelten sie die schrecklichsten
+Bilder. Bald wurde sie verfolgt, bald fiel sie vom Baume und zuletzt hatte
+sie sich in einen Vogel verwandelt und eine grosse Eule wollte sie
+fressen. -
+
+Frueh am andern Morgen, als Fraeulein Raimar ihren Spaziergang durch den
+Garten machte, blieb sie vor dem Apfelbaume stehen. Sie schuettelte den
+Kopf und rief den Gaertner.
+
+"Es muessen Diebe in diesem Baume gewesen sein, Lange," sagte sie, "sehen
+Sie nur das viele Laub und sogar einige abgebrochene Zweige darunter. Da
+liegen auch mehrere Aepfel, die sie verloren haben moegen. Machen Sie doch,
+solange das Obst noch nicht abgenommen ist, oefters des Nachts eine Runde
+durch den Garten."
+
+"Es ist mir ein Raetsel, wie sie hereingekommen sind," bemerkte der Gaertner
+kopfschuettelnd, "die Gartenpforte war fest verschlossen. Sie muessen
+geradezu ueber die Mauer geklettert sein."
+
+"Wohl moeglich," stimmte Fraeulein Raimar ihm bei, und im Weitergehen dachte
+sie, dass Melanie doch im Rechte gewesen sei. Freilich ein Gespenst hatte
+sie nicht gesehen, wohl aber einen Spitzbuben.
+
+Oben, am offnen Fenster, standen die beiden Maedchen und hatten jedes Wort
+vernommen. Ilse war es heiss und kalt dabei geworden und sie hatte sich wie
+eine arme Suenderin ertappt und beschaemt gefuehlt. Nellie dagegen lachte so
+recht vergnuegt in sich hinein und nahm alles wie einen koestlichen Scherz
+hin.
+
+"Das ist eine spassige Sach'," sagte sie uebermuetig, "ich kann mir
+totlachen! Wenn sie wuesste, dass die boese Spitzbuben mit sie unter eine Dach
+wohnen. - Wie wuerde sie sich staunen!"
+
+Ilse hielt ihr den Mund zu. "Du darfst nicht darueber lachen, Nellie,"
+gebot sie entschieden, "ich schaeme mich so sehr! Spitzbuben hat uns
+Fraeulein Raimar genannt, und das sind wir auch. Ich hatte gar nicht daran
+gedacht, und das war recht dumm von mir."
+
+"Wer wird so strenge richten, kleine Weisheit," troestete Nellie. "Was man
+in der Mund steckt, ist kein Diebstahl, merken Sie sich das! Fraeulein
+Raimar bekommt auch so grosse Kostgeld, da bezahlen wir die paar lumpige
+Apfel alle mit. - Komm, gieb mir ein Kuss und sieh nicht so truebe aus, du
+klein Spitzbube!"
+
+Mit Nellie war schwer streiten. Sie widerlegte so harmlos und sah so
+schelmisch dabei aus, dass Ilse, wenn sie auch nicht ueberzeugt wurde, sich
+wenigstens nicht mehr so hart anklagte. Aber auf einem bestand sie. Nellie
+musste ihr die Hand darauf geben, dass niemals wieder ein aehnlicher Streich
+von ihnen ausgefuehrt werden solle. - -
+
+ * * *
+
+Die Tage wurden kuerzer und kuerzer. Der Oktoberwind fuhr sausend durch die
+Baeume und trieb sein lustiges Spiel mit den trocknen, gelben Blaettern.
+Oede und verlassen lag der Garten des Instituts, denn der schoene
+Aufenthalt im Freien hatte so ziemlich ein Ende, die Maedchen waren mehr
+und mehr auf die Zimmer angewiesen.
+
+In den Wochentagen empfanden sie das kaum, aber an den
+Sonntagnachmittagen, die sie gewohnt waren, im Garten zu verleben, da
+fuehlten sie sich doppelt eingeengt. In den Zimmern war es so dumpf, so
+langweilig; so war Ilses Ansicht. Man konnte doch nicht immer Briefe
+schreiben, oder naehen. Sich die Zeit verkuerzen mit Romanschreiben, das
+konnte nur Flora, die denn auch den innigen Wunsch hatte, die
+Sonntagnachmittage moechten ewig dauern.
+
+ [Illustration]
+
+"Ich komme heute auf euer Zimmer," sagte sie eines Sonntagmorgens zu den
+Freundinnen. "Ich werde euch meine neueste Novelle vorlesen, natuerlich nur
+den Anfang und den Schluss, das andre habe ich noch nicht geschrieben, ich
+mache es immer so. Ich sage euch, ihr werdet entzueckt sein, Kinder! Ich
+selbst fuehle, wie entzueckend mein neuestes Werk mir gelungen ist!"
+
+Nellie laechelte. "Wie ich mir auf dieser neue Werk freue!" sprach sie
+neckend. "Immer nur die Anfangs und die Endes macht Flora. Die langweilige
+Mitte lasst sie aus! O, sie ist ein grosser Dichter!"
+
+Flora war heute gar nicht empfindlich, sie that, als hoere sie Nellies
+Neckereien nicht.
+
+"Also auf heute nachmittag!" sagte sie und drueckte Ilse die Hand.
+
+Nach der Kaffeestunde begleitete sie denn auch die beiden Maedchen auf ihr
+Zimmer, und nachdem alle drei am Fenster Platz genommen hatten, zog sie
+mit wichtiger Miene mehrere lose Blaetter aus ihrer Kleidertasche hervor.
+
+"Fang doch an dein' Novelle, warum besinnst du dir?" fragte Nellie, als
+Flora ein Blatt nach dem andern ansah und wieder beiseite legte.
+
+"Entschuldigt einen Augenblick," entgegnete Flora, "das ist mir alles so
+durcheinandergekommen. - Seite 5-10-11-3-" zaehlte sie. "Halt! hier ist
+Blatt I. So, nun will ich beginnen! - Und Nellie, thue mir den einzigen
+Gefallen, unterbrich mich nicht fortwaehrend mit deinen witzigen Einfaellen,
+du schwaechst wirklich den ganzen Eindruck damit. - Nun hoert zu. Meine
+Novelle heisst:
+
+ _Ein Schmerzensopfer._
+
+Das Meer brauste und der Sturm tobte. - Weisse Moewen flogen kraechzend
+darueber hinweg. - Der Mond lugte dann und wann zwischen zerrissenen Wolken
+hervor - traurig - einsam. - -
+
+Da schaukelt ein kleines Schiff auf den hohen Wogen und naehert sich dem
+Strande. Ein junges Maedchen sitzt allein darin. Leichtfuessig schwingt sie
+sich aus dem Schiff und setzt sich auf ein Felsstueck, das von den Wellen
+des Meeres umspuelt wird und hart am Strande liegt.
+
+Tief seufzt sie auf und ihre grossen Vergissmeinnichtaugen fuellen sich mit
+Thraenen.
+
+ [Illustration]
+
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Was soll ich beginnen?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} floeten ihre Lippen und in ihrem suessen
+Blumenangesichte drueckt sich ein schmerzliches Entsagen aus. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Er liebt
+mich - und ich ihn! Aber Aurora liebt ihn auch und sie ist meine geliebte
+Schwester! Kann ich sie leiden sehen? - Nein - nimmermehr! Und sollte ich
+darueber an gebrochenem Herzen sterben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+Sie seufzte tief. {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O sterben! Aber ich fuehl's, ich werde nicht sterben -
+mein Herz wird nicht brechen, - es wird weiter schlagen, - - wenn es auch
+besser waere, das zaehe Ding staende zur rechten Zeit fuer ewig still!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - -"
+
+Hier machte Flora eine kleine Pause und Nellie konnte es nicht
+unterlassen, sie zu unterbrechen.
+
+"O wie furchtbar traurig!" rief sie aus, "das arme Blumenangesicht mit die
+Vergissmeinnichtsauge und das zaehe Herz! Wo ist sie denn hergekommen auf
+ihres kleines Schiff, - so allein auf die brausende Meer?"
+
+Und sie lachte mit ihren Schelmengruebchen so herzlich ueber Floras Unsinn,
+dass ihr die Thraenen in die Augen traten.
+
+"Wie abscheulich von dir, Nellie," fuhr Flora sehr erzuernt auf, "dass du
+mich so unterbrichst! Wenn nur ein Funken Poesie in deinem Busen
+schlummerte, wuerdest du meine Werke verstehen. Aber du bist nuechtern vom
+Scheitel bis zur Sohle!"
+
+"O, o!" lachte Nellie ausgelassen, "o, wie komisch bist du, Flora! Lies
+nur weiter dein {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Schmerzensopfer{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, ich will nun artig hoeren und kein Laut
+mehr lachen."
+
+Aber Flora nahm schmollend ihre Blaetter zusammen. Das heisst, es war ihr
+nicht so recht Ernst damit, denn als auch Ilse sich aufs Bitten legte, sie
+moege doch nun auch den Schluss ihrer Novelle vorlesen, da liess sie sich
+erweichen. Schon hatte sie die Lippen geoeffnet, um fortzufahren, da wurde
+sie unterbrochen durch Melanies hastigen Eintritt.
+
+"Kinder!" rief diese aufgeregt, "es ist etwas furchtbar Interessantes
+passiert! Denkt euch, eben ist eine hoechst elegante Dame vorgefahren mit
+einem reizend netten, kleinen Maedchen. Fraeulein Raimar empfing sie schon
+an der Thuer und Orla hat deutlich gehoert wie sie sagte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie bringen das
+Kind selbst, gnaedige Frau!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - Es bleibt also hier in der Pension, und wir
+haben nichts davon gewusst! Warum wird nun die ganze Geschichte so
+furchtbar geheimnisvoll gemacht? Wir haben doch stets gewusst, wenn eine
+neue Pensionaerin ankam! Ich finde das, aufrichtig gesagt, klassisch!" -
+
+Die Maedchen horchten erstaunt auf und selbst Flora vergass das Weiterlesen.
+Welch eine Bewandtnis hatte es mit dem kleinen Maedchen, das so ploetzlich
+hereingeschneit kam?
+
+"O, welch eine klassische Geschichte!" rief Nellie. "Kommt, wir wollen
+gleich die fremde Dame mit ihres Kind uns ansehen!"
+
+Und sie eilten die Treppe hinunter mit einer Hast und Neugierde, als ob
+ein neues Wunder aufgegangen sei, Nellie den andern immer voran, sie musste
+die erste sein, die dasselbe in Augenschein nahm.
+
+Es war aber gar nichts zu sehen, denn vorlaeufig verweilten die Fremden in
+Fraeulein Raimars Zimmer. Indessen der Wagen hielt noch auf der Strasse und
+Nellie schloss daraus, dass die Dame sich nicht allzulange aufhalten werde.
+
+"Sehen muessen wir ihr," sagte Nellie, "kommt, wir stellen uns an der
+grossen Glasthuer im Speisesalon und warten, bis sie kommt."
+
+Als sie dort eintraten, fanden sie bereits die Thuer belagert. Es gab noch
+andre Neugierige in der Pension.
+
+"Ihr kommt zu spaet!" rief Grete, die natuerlich den besten Platz hatte.
+"Dahinten koennt ihr nichts sehen!"
+
+Nellie aber wusste sich zu helfen. Sie zog einen Stuhl heran und stellte
+sich darauf. Ilse natuerlich kletterte ihr nach.
+
+Die Geduld der Maedchen wurde auf eine harte Probe gestellt, wohl eine gute
+halbe Stunde mussten sie noch warten, bevor die Erwartete erschien. -
+Langsam und lebhaft sprechend ging sie mit der Vorsteherin an den
+Lauschenden vorueber. Zum Glueck war es bereits daemmerig und die Damen waren
+so in der Unterhaltung begriffen, dass sie nicht auf die vielen
+Maedchenkoepfe hinter der Glasthuer achteten, Fraeulein Raimar wuerde die
+kindische Neugierde ernstlich geruegt haben.
+
+"O, wie sie huebsch ist!" bemerkte Nellie halblaut.
+
+"Sei doch still, Nellie," gebot Orla, die das Ohr dicht an der Thuer hielt,
+um einige Worte zu erlauschen.
+
+"Was sagt sie?" fragte Flora, "ich glaube, sie spricht franzoesisch."
+
+"Nein, italienisch," behauptete Melanie, die naemlich seit einigen Tagen
+angefangen hatte, diese Sprache zu treiben.
+
+"Sie spricht deutsch," erklaerte Grete. "Eben hat sie gesagt: Meine kleine
+Lilli."
+
+"Gott bewahre, was du gehoert hast!" widerstritt Orla, "sie spricht
+englisch."
+
+"O, eine Landsmann von mir!" rief Nellie laut und erfreut.
+
+Ueber diese drollige Bemerkung kam Annemie in das Lachen. Orla wurde ganz
+boese darueber und hielt ihr den Mund zu.
+
+"Fraeulein Raimar ist ja noch im Korridor mit der Dame," fluesterte sie,
+"wenn sie sich umsieht, sind wir blamiert."
+
+In diesem Augenblicke kam von der andern Seite des Korridors Rosi Mueller.
+Erstaunt sah sie auf die Belagerung der Glasthuer. Die Maedchen mussten
+zuruecktreten, um sie einzulassen.
+
+"Wie koennt ihr euch nur so kindisch benehmen," sagte sie sanft und
+vorwurfsvoll. "Ich begreife eure Neugierde nicht."
+
+"Du bist auch unsre {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," meinte Grete.
+
+Rosi ueberhoerte diese vorlaute Bemerkung. "Kommt, setzen wir uns an die
+Tafel mit unsren Handarbeiten," fuhr sie fort, als das Gas angezuendet war,
+"wir haben die Erzaehlung von Ottilie Wildermuth noch nicht zu Ende gehoert.
+Willst du heute vorlesen, Orla?"
+
+Aber es kam nicht dazu. Gerade als Orla beginnen wollte, trat Fraeulein
+Guessow mit der kleinen Lilli an der Hand ein.
+
+Sofort sprangen die Maedchen von ihren Plaetzen auf und umringten dieselbe.
+
+"Sieh', Lilli," sagte die junge Lehrerin, "nun kannst du gleich deine
+zukuenftigen Freundinnen kennen lernen."
+
+Die Kleine schuettelte den Kopf. "Die Madel sind schon so gross," antwortete
+sie im sueddeutschen Dialekt und ohne Befangenheit, "die koennen doch nit
+meine Freundinnen sein!"
+
+Nellie fand gleich einen Ausweg, sie kniete sich zu dem Kinde nieder und
+sagte: "Jetzt bin ich ein klein Madel wie du und du kannst mit mich
+spielen."
+
+Lilli lachte. "Nein, du bist gross," sagte sie, "aber du gefallst mir. Und
+du auch," wandte sie sich zu Ilse, die neben Nellie stand. "Du hast halt
+so schoene Lockerl wie ich. Weisst, du sollst meine Freundin sein, mit dir
+will ich spielen."
+
+Sie ergriff Ilses Hand und sah dieselbe mit ihren grossen Augen treuherzig
+an. Das junge Maedchen war ganz entzueckt von der Zutraulichkeit der Kleinen
+und kuesste und liebkoste sie.
+
+Natuerlich waren saemtliche Pensionaerinnen ganz hingerissen von dem Kinde,
+das wie eine zarte Elfe in ihrer Mitte stand. Lange blonde Locken fielen
+ihm ueber die Schulter herab und die schwarzen Augen mit den
+feingeschnittenen, dunklen Augenbrauen darueber bildeten einen wunderbaren
+Kontrast zu denselben. Das gestickte, sehr kurze weisse Kleidchen liess Hals
+und Arme frei. Eine hochrote, seidene Schaerpe vervollstaendigte den hoechst
+eleganten Anzug.
+
+"O du suesses, entzueckendes Geschoepfchen!" "Du Engelsbild! Kleine Fee!" und
+mit aehnlichen ueberschwenglichen Ausdruecken ueberschuetteten die
+Pensionaerinnen das Kind. Fraeulein Raimar war unbemerkt eingetreten und
+hoerte diese Ausrufe kopfschuettelnd an.
+
+Sie trat in den Kreis und nahm Lilli bei der Hand. "Komm," sagte sie zu
+ihr, "du sollst erst umgekleidet werden. Du moechtest dich erkaelten in dem
+leichten Anzuge."
+
+"Bitt' schoen, lass mich hier, Fraeulein," bat das Kind. "Ich hab' gar nit
+kalt. Schau, ich geh' halt immer so. Die Madel sind so gut, es gefallt mir
+hier!"
+
+Fraeulein Raimar liess sich nicht erbitten. "Komm nur, Kind," sagte sie
+guetig, "du wirst die Maedchen alle wiedersehen zum Abendessen."
+
+Die abgeschlagene Bitte verstimmte Lilli nicht. "Lass Ilse mit mir gehen,
+Fraeulein," bat sie.
+
+Dieser Wunsch wurde ihr erfuellt. Als Ilse mit dem Kinde das Zimmer
+verlassen hatte, wandte sich die Vorsteherin mit ernsten, ermahnenden
+Worten an ihre Zoeglinge.
+
+"Ich bitte euch, in Zukunft Lilli nicht wieder so grosse Schmeicheleien in
+das Gesicht zu sagen. Wollt ihr sie eitel und oberflaechlich machen? Sie
+ist ein sehr schoenes Kind und wird bereits manche Aeusserung hierueber
+gehoert haben, es giebt ja unvernuenftige Leute genug. Wir wollen nicht in
+diesen Fehler verfallen, und ich denke, ihr werdet mir beistehen und in
+Zukunft vorsichtiger sein. - Lilli bleibt bei uns. Ich hatte noch nichts
+davon zu euch gesprochen, weil ihr Eintritt in die Pension noch nicht fest
+beschlossen war."
+
+"Wo wohnen Lillis Eltern?" fragte Flora.
+
+"In Wien," entgegnete das Fraeulein. "Der Vater ist tot und die Mutter ist
+eine bedeutende Schauspielerin. Weil sie sich in ihrem Berufe wenig um die
+Erziehung ihres Kindes kuemmern kann, hat sie es in eine Pension gegeben."
+
+"Lillis Mutter ist ein schoenes Frau," bemerkte Nellie.
+
+"Wo hast du sie gesehen?" fragte die Vorsteherin etwas erstaunt.
+
+"O, ich habe ihr vorbeigehen sehen," entgegnete Nellie leicht erroetend.
+
+"Sie konnte leider nicht laenger verweilen," wandte sich Fraeulein Raimar an
+die junge Lehrerin, "mit dem Schnellzuge faehrt sie heute abend wieder
+fort."
+
+Die jungen Maedchen hatten die Damen dicht umringt und horchten auf jedes
+Wort. Sie haetten so "furchtbar" gern recht Ausfuehrliches ueber Lillis
+Mutter erfahren, die als "bedeutende Schauspielerin" ihre Gemueter lebhaft
+erregte und interessierte. Aber sie erfuhren nichts. Das Gespraech wurde
+abgebrochen und Fraeulein Raimar fuehrte die Wissbegierigen recht unsanft in
+die Wirklichkeit zurueck.
+
+"Wer hat den Tisch zu besorgen?" fragte sie. "Es ist Zeit, dass wir den
+Thee einnehmen."
+
+Ilse und Flora hatten heute dieses Amt. Letztere verliess sofort das
+Zimmer, um kurze Zeit darauf mit Ilse zurueckzukehren. Jede trug einen Stoss
+Teller, welchen sie auf einen Seitentisch stellten. Sie legten die
+Tischtuecher auf und fingen an, die Tafel zu decken.
+
+Vor wenigen Monaten hatte Ilse es fuer eine Unmoeglichkeit gehalten, dass sie
+je eine solche Beschaeftigung thun wuerde, - heute stand sie da in ihrer
+rosa Latzschuerze und besorgte alles so geschickt und manierlich wie irgend
+eine andre Pensionaerin.
+
+Manierlich und geschickt war sie freilich nicht immer gewesen und es hatte
+manche Muehe gekostet, ehe sie es so weit gebracht, bis sie ueberhaupt sich
+ueberwunden hatte, "Dienstbotenarbeiten" zu verrichten. Die gutmuetige
+Wirtschafterin konnte manches Lied ueber Ilses Widerspenstigkeit singen,
+manche unartige Antwort hatte sie derselben zu verzeihen.
+
+Einmal, als sie einen Teller mit Butterschnitten fallen liess und auch noch
+den Milchtopf umgestossen hatte, ermahnte sie die Wirtschafterin,
+vorsichtiger zu sein.
+
+"Nein," hatte sie trotzig geantwortet, "ich will nicht vorsichtiger sein,
+solche Arbeit brauche ich nicht zu thun."
+
+Aber sie nahm sich das naechste Mal doch mehr in acht, es war am Ende kein
+sehr angenehmes Gefuehl, von allen ausgelacht zu werden. Auch bemerkte sie,
+dass keine der Pensionaerinnen, selbst die ungrazioese Grete nicht, sich so
+einfaeltig benahm wie sie, die meisten verrichteten die kleinen haeuslichen
+Geschaefte mit Anmut und besonders mit einem freundlichen Gesichte, -
+sollte sie die einzig Dumme unter allen sein?
+
+Lilli erhielt ihren Tischplatz zwischen der Vorsteherin und Ilse. Waehrend
+der Mahlzeit belustigte sie die ganze Gesellschaft. Sie plauderte ganz
+unbefangen, gar nicht schuechtern und bloede. "Das macht," bemerkte Flora,
+"weil sie unter Kuenstlern gross geworden ist."
+
+"Du, Fraeulein, gieb mir noch a Gipferl, bitt' schoen. Ich hab' halt so
+grossen Hunger," rief sie ungeniert. Und als Fraeulein Guessow fragte,
+welches ihre Lieblingsgerichte seien, meinte sie: "Wianer Wuerstl und
+Sauerkraut."
+
+"Aber eine Mehlspeise wirst du doch lieber essen," meinte Fraeulein Raimar.
+
+"O nein! Mehlspeis' ess i gar nit gern - aber a gross Stueckerl Rindfleisch
+mit Gemues - das mag i!"
+
+Alles lachte. Selbst die Vorsteherin stimmte ein. Wer haette auch nicht mit
+Vergnuegen dem Geplauder der Kleinen zuhoeren sollen!
+
+Mit Lilli war ein andres Leben in die Pension gekommen. Alles drehte sich
+um sie, jeder wollte ihr Freude machen. Und wenn die Maedchen auch
+vermieden, ihr Schmeicheleien in das Gesicht zu sagen, so waren doch alle
+bemueht, ihr den Hof zu machen. Am gluecklichsten waren sie, wenn Lilli sich
+herabliess, ein kleines Volkslied zu singen. Ich sage herabliess, denn wenn
+sie nicht aufgelegt war, liess sie sich durch keine Bitten dazu bewegen. -
+Flora geriet jedesmal in Verzueckung, prophezeite Lilli eine grosse Zukunft
+und schwur darauf, dass sie einst mit ihrer vollen, weichen Stimme ein
+Stern erster Groesse am Theaterhimmel sein werde.
+
+Voll und weich war die Stimme nicht, Flora blickte einmal wieder durch
+ihre romantische Brille, aber es klang weh und traurig, wenn das Kind mit
+so ernsthafter Miene dastand und sang.
+
+"Sie ist furchtbar suess!" lispelte Melanie, als Lilli zum erstenmal {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt
+a Vogerl geflogen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vortrug. "Sieh nur, Flora, wie melancholisch sie die
+Augen in die Ferne richtet."
+
+"Ja, melancholisch," wiederholte Flora langsam und pathetisch, "du hast
+recht. Weisst du, Melanie, es liegt so etwas Geheimnisvolles -
+Traumverlorenes in ihren samtnen, dunklen Mignonaugen, so etwas, das sagen
+moechte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du fade Welt, ich passe nicht fuer dich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}"
+
+"Denn es kuemmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi," schloss Lilli ihr
+Liedchen.
+
+"O wie reizend!" rief Nellie und klatschte in die Haende.
+
+"Wie kann man diese Worte reizend finden!" rief Flora entruestet. "Traurig
+- duester - das ist der rechte Ausdruck dafuer. Ein einsames, verlassenes
+Herz hat sie empfunden und welche Folterqualen mag es dabei erlitten
+haben."
+
+"O, das Herz ist eine sehr zaehe Ding, und doch waer' es manchmal besser,"
+deklamierte Nellie mit komischem Pathos, aber sie kam nicht weiter. Flora
+hielt ihr den Mund zu.
+
+"Du bist schaendlich - ganz abscheulich!" rief sie, "nie, nie wieder weihe
+ich dich in meine geheimsten Gedanken ein! Wie kannst du mein Vertrauen so
+missbrauchen?"
+
+ * * *
+
+Weihnachten rueckte heran und fleissig ruehrten sich aller Haende. Da wurde
+genaeht, gestickt, gezeichnet, Klavierstuecke wurden eingeuebt, um die Eltern
+oder die Angehoerigen liebevoll zu ueberraschen.
+
+Ilse hatte noch niemals den Vater oder die Mutter mit einer Arbeit
+erfreut. Zuweilen hatte sie eine kleine Arbeit angefangen, auf dringendes
+Zureden ihrer Gouvernanten, aber sie war nicht weit damit gekommen. Sie
+habe einmal kein Geschick dazu, behauptete sie, und dachte nicht daran,
+dass es ihr nur einfach an Geduld und Ausdauer mangele.
+
+"Was willst du deine Eltern geben?" fragte Nellie, die eifrig dabei war,
+einen sterbenden Hirsch in Kreide zu zeichnen, er sollte ein Geschenk fuer
+den Onkel in London werden, der sie im Institute ausbilden liess.
+
+"Ich habe noch nicht daran gedacht," entgegnete Ilse. "Meinst du, Nellie,"
+fuegte sie nach einigem Besinnen hinzu, "dass die Rose, die ich jetzt
+zeichne, dem Papa Freude machen wuerde?"
+
+"O sicher! Aber du musst sehr fleissig sein, mein klein' Ilschen, sonst wird
+die liebe Christfest kommen und du bist noch lang nicht fertig. Und was
+willst du deine Mutter geben?" fragte Nellie.
+
+"Meiner Mama?" Sie dehnte ihre Frage etwas in die Laenge. "Ich werde ihr
+etwas kaufen," sagte sie dann so obenhin.
+
+Nellie war nicht damit zufrieden. "Kaufen, das macht keine Freude!"
+tadelte sie. "Warum wollen deine Finger faul sein?"
+
+"Nellie hat recht," mischte sich Rosi in das Gespraech, die neben Ilse sass
+und an einer altdeutschen Decke arbeitete. "Deine Mama wird wenig Freude
+an einem gekauften Gegenstand haben."
+
+"Ich bin zu ungeschickt," gestand Ilse offen.
+
+"Wir werden dir helfen und dir alles gern zeigen," versprach Rosi. Und
+Fraeulein Guessow, die grade hinzutrat, benahm Ilse den letzten Zweifel.
+
+"Du kannst ein gleiches Naehkoerbchen, wie Annemie anfertigt, arbeiten, ich
+weiss bestimmt, es wird dir gelingen."
+
+Und es gelang wirklich, ja weit besser, als Ilse sich selbst zugetraut.
+Sie hatte eine kindliche Freude, als das Koerbchen so wohlgelungen in acht
+Tagen fix und fertig vor ihr stand.
+
+"Es sind noch vierzehn Tage bis Weihnachten," sagte sie zu Rosi, "und ich
+moechte noch etwas arbeiten, fuer Fraeulein Guessow und Fraeulein Raimar."
+
+"Und fuer meine Lori, bitt' schoen, meine gute Ilse!" bettelte Lilli, die
+gewoehnlich an den Mittwochnachmittagen im Arbeitssaale zugegen war und
+dann ihren Platz dicht bei Ilse waehlte, die sie, wie sie sich ausdrueckte,
+zum aufessen liebte. "Mein' Lori muss halt a neues Kleiderl haben," fuhr
+sie fort und hielt ihre Puppe in die Hoehe, "bescher' ihr eins zum heil'gen
+Christ. Schau, das alte da ist ja schlecht!"
+
+Natuerlich versprach Ilse, ihr diesen Herzenswunsch zu erfuellen, und zur
+Besiegelung drueckte sie dem kleinen Liebling einen Kuss auf die roten
+Lippen.
+
+"Ich habe eine famose Idee!" (famos war seit kurzer Zeit Modewort im
+Institute) rief Ilse am Abend desselben Tages aus, als sie mit Nellie
+allein war. "Ich kaufe fuer Lilli eine neue Puppe und kleide sie selbst an.
+Was meinst du dazu?"
+
+"O, das ist wirklich ein famos Gedanke," entgegnete Nellie, "aber lieb
+Kind, hast du auch an der viele Geld gedacht, die so ein' Puppe mit ihrer
+Siebensachen kostet? Wie steht's mit dein' Kasse?"
+
+"O, das hat keine Not, ich habe sehr viel Geld!" versicherte Ilse sehr
+bestimmt. Und sie nahm ihr Portemonnaie aus der Kommode und zaehlte ihre
+Schaetze.
+
+"Zwoelf Mark," sagte sie, "das ist mehr, als ich brauche, nicht?"
+
+"Sie sind ein sehr schlecht' Rechenmeister, mein Fraeulein," riss Nellie sie
+unbarmherzig aus ihrer Illusion, "ich mein', Sie reichen lang' nicht aus."
+
+Ilse sah die Freundin zweifelnd an. "Du scherzest," meinte sie, "zwoelf
+Mark ist doch furchtbar viel Geld?"
+
+"Reicht lang nicht!" wiederholte Nellie unerbittlich, "hoer zu, ich will
+dir vorrechnen:
+
+ 1) Ein Naehtischdecken fuer Fraeulein Raimar macht vier Mark,
+ 2) ein Arbeitstaschen fuer Fraeulein Guessow macht drei Mark,
+ 3) eine schoene Geschenk fuer die liebe Nellie und all die andren
+ junge Fraeulein - macht - sehr viele Mark.
+
+Wo willst du Geld zu der Puppen nehmen?"
+
+"Ach," fiel Ilse ihr ins Wort, "und unser Kutscher daheim und seine drei
+Kinder! - daran habe ich noch gar nicht gedacht!"
+
+Sie machte ein recht betruebtes Gesicht, denn sie hatte es sich gar zu
+reizend ausgedacht, wie sie Lilli ueberraschen wollte. Nun konnte es nichts
+werden.
+
+Nachdenklich sass sie einige Augenblicke, dann leuchteten ploetzlich ihre
+Augen freudig auf.
+
+"Halt!" rief sie aus, "ich weiss etwas! Heute abend schreibe ich an Papa
+und bitte ihn, mir Geld zu schicken. Er thut es, ich weiss es ganz
+bestimmt. Mein Papa ist ja ein zu reizender Papa!"
+
+"Und dein' Mutter?" fragte Nellie, "ist sie nicht auch ein' sehr guetiger
+Frau? Wie macht sie dich immer Freude mit die viel' schoene Sachen, die sie
+an dir schickt. Freust du dir sehr auf Weihnachten? Ja? Es ist doch schoen,
+die lieben Eltern wieder sehen."
+
+Ilse zoegerte mit der Antwort. Es fiel ihr ein, wie sie im Sommer ihrem
+Vater entschieden erklaert hatte, zum Christfest nicht in die Heimat zu
+reisen. Ihr Sinn hatte sich nicht geaendert. Noch hatte sie den Groll gegen
+die Mutter nicht ueberwunden. Trotzdem sie sich sagen musste und zuweilen
+auch ganz heimlich eingestand, wie noetig fuer ihr Wissen und ihre
+Ausbildung der Aufenthalt in einer tuechtigen Pension war, so hielt sie
+immer noch an dem Gedanken fest: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie hat mich fortgeschickt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ich werde hier bleiben," sagte sie, "ich will das Weihnachtsfest mit euch
+verleben."
+
+"Das ist famos!" rief Nellie entzueckt, "ich freue mir furchtbar, dass du
+nicht fortreisen willst! All unsre Freunde reisen auch nicht, und es ist
+so schoen hier, die heilige Christ. - Alles bekommt eine grosse Kiste von
+Haus, mit allen Bescherung und Schokolad' und Marzipan! - und die
+Christabend wird jede Kiste aufgenagelt, und ich helfe auspacken bald der
+eine, bald der andre."
+
+"Erhaeltst du keine Kiste?" fragte Ilse.
+
+"Du weisst ja - ich hab' kein' Eltern - wer sollte mir beschenken?"
+
+"Gar, gar nichts bekommst du?"
+
+Ilse konnte es nicht fassen.
+
+"Zu Neujahr schenkt mein Onkel fuer mir Geld, da kaufe ich mir, was ich
+notwendig habe."
+
+Ilse sah die Freundin schweigend an. Am Abend aber schrieb sie einen
+langen Brief in die Heimat, worin sie zuerst ihren Entschluss mitteilte,
+dass sie die Weihnachtstage mit den Freundinnen feiern moechte. Dann ging
+sie zu dem Geldmangel ueber und schilderte dem Papa mit vielen zaertlichen
+Schmeichelnamen ihre Not, und zuletzt gedachte sie mit warmen Worten
+Nellies. - "Noch eine dringende Bitte habe ich zum Schlusse," fuhr sie in
+ihrem Briefe fort, "an Dich, Mama," wollte sie schreiben, aber sie besann
+sich und schrieb: "an Euch, liebe Eltern. Meine Freundin Nellie ist
+naemlich die einzige in der Pension, die keine Weihnachtskiste erhalten
+wird. Sie ist eine Waise und steht ganz allein in der Welt. Ihr Onkel in
+London laesst sie zu einer Gouvernante ausbilden. Ist das nicht furchtbar
+traurig? Ach! und die arme Nellie ist noch so jung und immer so froehlich,
+ich kann mir gar nicht denken, dass sie eine Gouvernante wird! Es ist doch
+schrecklich, wenn man kein liebes Vaterhaus hat! - Nun wollt' ich Euch
+recht von Herzen bitten, Ihr moechtet die Geschenke, die Ihr mir zugedacht
+habt, zwischen mir und meiner Nellie teilen und zwei Kisten daraus machen.
+Bitte, bitte! Ihr schenkt mir stets so viel, dass ich doch immer noch genug
+habe, wenn es auch nur die Haelfte ist. Ich wuerde gewiss keine rechte Freude
+am heiligen Abend haben, wenn Nellie gar nichts auszupacken haette.
+
+Ihr hattet mir Erlaubnis gegeben, an den Tanzstunden nach Weihnachten
+teilnehmen zu duerfen, und du, liebe Mama, versprachst mir ein neues Kleid
+dazu, kaufe mir keins, mein blaues ist noch sehr gut und ich komme damit
+aus. Schenkt Nellie dafuer etwas - bitte, bitte!
+
+ [Illustration]
+
+Mit diesem _heissen_ Wunsche umarmt Euch
+
+ Eure
+ dankbare Ilse.
+
+_N. S._ Das Geld schicke nur recht bald, einziges Papachen, ich habe es
+furchtbar noetig."
+
+Umgehend erhielt denn auch Ilse das Gewuenschte. Der zaertliche Papa hatte
+in seiner Freude ueber die Herzensguete seines Kindes eine grosse Summe
+schicken wollen, Frau Anne hielt ihn davon zurueck. Sie stellte ihm vor,
+dass es fuer Ilse weit besser sei, wenn sie mit geringen Mitteln sich
+einrichten lerne und stets genuegsam bleibe.
+
+Ihr Wunsch, Weihnachten nicht in die Heimat zu kommen, wurde gern erfuellt,
+der Papa schrieb sogar, er lobe ihren verstaendigen Entschluss. Die weite
+Reise war im Winter nicht ratsam. Freilich werde er seinen Wildfang
+schmerzlich vermissen und es werde der Mama und ihm recht einsam sein,
+aber er wolle sich mit dem Gedanken troesten, dass das naechste Christfest
+desto schoener ausfallen werde. -
+
+Beinah kraenkte sie diese bereitwillige Zustimmung, indes sie kam zu keinem
+Nachdenken darueber, der Brieftraeger kam und brachte ihr dreissig Mark.
+
+"Dreissig Mark!" jubelte Ilse. "Nellie, nun sind wir reich! - Komm, lass uns
+gleich gehen und unsre Einkaeufe machen, ich kann die Zeit nicht erwarten."
+
+"O nein, Kind," entgegnete Nellie bedaechtig, "erst muessen wir ein langer
+Zettel aufschreiben mit alle Sachen, die wir kaufen werden. Wir muessen
+doch rechnen, was sie kosten."
+
+Daran hatte die lebhafte Ilse gar nicht gedacht. Ohne zu ueberlegen, wuerde
+sie blind drauf los gekauft und am Ende wieder nicht gereicht haben.
+
+Die beiden Maedchen machten sich nun daran, eine Liste aufzusetzen. Die
+noetigen Geschenke wurden aufgeschrieben und von der praktischen Nellie der
+ungefaehre Preis dahinter gesetzt. Als Ilse fuer die Kinder des Kutscher
+Johann ebenfalls Sachen zu kaufen aufschrieb, rief Nellie:
+
+"Halt! Du kannst von deine alte Sachen die Kutschermaedchen schenken, dann
+sparen wir Geld."
+
+"Ich habe nichts," meinte Ilse, "kaufen geht schneller."
+
+Nellie hatte sich bereits daran gemacht, in Ilses Kommode und auch im
+Schranke nachzusehen, um sich zu ueberzeugen, ob sie nichts faende.
+
+"Man muss sparen und nicht seine Geld aus die Fenster schmeissen."
+
+Und siehe da, es fand sich allerhand unter Ilses alten Sachen. Schuerzen,
+die sie nicht mehr trug, ein Kleid, das ihr zu eng und zu kurz geworden
+war, und zuletzt noch das vorjaehrige Pelzzeug, welches die guetigen Eltern
+durch neues, weit kostbareres ersetzt hatten.
+
+"Siehst du, Verschwender!" triumphierte Nellie. "Du weisst nicht deine
+grosse Schatze. Nun kaufen wir fuer dein' Kutscher ein Paar warme Handschuh
+und fertig ist die ganze Kutschergesellschaft."
+
+Die wenigen Wochen bis zum heiligen Abend vergingen in rasender Schnelle.
+Nellie und Ilse hatten neben so mancherlei andern Arbeiten auch noch die
+neue Puppe anzukleiden. Das war fuer Ilse eine schwere Aufgabe, und ohne
+ihre geschickte Freundin waere sie niemals damit zu stande gekommen.
+
+"Wie geschickt du bist, Nellie," sagte Ilse, als diese der Puppe das
+schottische Kleid anprobierte, "das hast du doch geradezu klassisch
+gemacht. Ich haette es wirklich nicht fertig gebracht."
+
+"Aber hast du niemals ein Kleid fuer dein' Puppen genaeht - oder eine Hut -
+oder ein Mantel?"
+
+"Nein," antwortete Ilse aufrichtig, "niemals! Ich habe an den toten
+Dingern mein Lebtag keine Freude gehabt. Viel lieber habe ich mit den
+Hunden gespielt."
+
+"Da ist kein Wunder, wenn du ein klein', dumm' Ding geblieben bist! Deine
+Hunde brauchen kein Kleid," lachte Nellie. "Nun musst du auf dein' alt'
+Tage naehen lernen, siehst du."
+
+Ilse lachte froehlich mit und bemuehte sich, das weisse Batistschuerzchen fuer
+die Puppe, an welchem sie rings herum Spitzen setzte, recht sauber und
+nett fertig zu bringen. - Einen Tag vor der Bescherung erhielten die
+erwachsenen Maedchen, denen es Vergnuegen machte, die Erlaubnis, die schoene,
+grosse Tanne auszuputzen. Das war ein Fest und fuer Ilse ganz und gar neu.
+Niemals hatte sie sich bis dahin selbst damit befasst, und sie kannte es
+nicht anders, als dass am Weihnachtsabend ein mit vielem kostbaren
+Zuckerwerk behangener Baum ihr hell entgegengestrahlt hatte, - hier lernte
+sie kennen, dass auch ohne Zuckerwerk derselbe herrlich zu schmuecken war.
+
+Nach dem Abendbrot, als die juengeren Maedchen und auch die Englaenderinnen,
+die kein Verstaendnis fuer das harmlose Vergnuegen hatten, zu Bett gegangen
+waren, begann das Werk.
+
+Orla brachte einen grossen Korb mit Tannenzapfen, selbst gesucht auf den
+Spaziergaengen im Walde, und setzte denselben auf die Tafel. Annemie
+stellte zwei Schaelchen mit Gummiarabikum daneben, in das eine schuettete
+sie Silber-, in das andre Goldpuder und ruehrte es mit einem Staebchen um.
+
+"Wer will mir helfen," rief Orla.
+
+"Ich! ich!" antwortete es von allen Seiten; nur Ilse schwieg, sie hatte
+keine Ahnung, was eigentlich mit den vielen grossen und kleinen
+Tannenzaepfchen geschehen solle. - Daheim verkamen dieselben unbeachtet im
+Walde. - Es sollte ihr bald kein Geheimnis mehr sein.
+
+Melanie und Rosi hatten die Pinsel ergriffen und fingen an, den
+unansehnlichen braunen Dingern ein goldenes oder silbernes Gewand zu
+geben. Und wie schnell das ging. Kaum hatten sie ein paarmal darueber
+gepinselt, so waren sie fertig.
+
+"Sieh nur, Rosi," rief Melanie aus und hielt einen vergoldeten Zapfen
+unter die Gaslampe, "ist der nicht furchtbar reizend? Wundervoll, nicht?
+Gleichmaessig, wirklich kuenstlerisch ist er vergoldet, kein dunkles
+Puenktchen ist an ihm zu sehen!" Und sie betrachtete das Prachtexemplar
+hoechst wohlgefaellig nach allen Seiten.
+
+Orla und Rosi hatten fleissig weitergepinselt und stillschweigend einen
+Tannenzapfen nach dem andern beiseite gelegt.
+
+"Du bist im hoechsten Grade langweilig mit deinem ewigen Selbstlobe,"
+tadelte Orla, "ich habe noch nie jemand kennen gelernt, der sich so
+vergoettert wie du. Pinsle lieber weiter und halte dich nicht bei unnuetzen
+Lobhudeleien auf."
+
+Melanie fuehlte sich sehr getroffen und erroetete. "Wie grob du bist, Orla!"
+sagte sie gereizt, "du hast freilich keinen Sinn fuer harmlose Vergnuegen."
+
+"Kinder!" unterbrach Fraeulein Guessow, die am andern Ende der Tafel sass und
+Aepfel und Nuesse vergoldete, "keinen Streit! Melanie, komm zu mir, du
+kannst mir helfen, und du Ilse, versuche einmal, ob du Melanies Stelle
+ersetzen kannst."
+
+Ilse liess sich das nicht zweimal sagen. Eilig griff sie zum Pinsel und
+flink und gesandt that sie ihre Arbeit. Orla war sehr zufrieden damit.
+
+"Nur nicht ganz so dick aufstreichen," mahnte sie, "sonst reichen wir
+nicht mit unsrem Gold- und Silbervorrat."
+
+Flora und Annemie fertigten Netze aus Goldpapier an. "Eine geisttoetende
+Arbeit," fluesterte Flora Annemie zu, "und ausserdem ohne jede Poesie. Warum
+die Tanne mit allerhand Tand aufputzen? Ist sie nicht am herrlichsten in
+ihrem duftigen, gruenen Waldkleide? - Lichter vom gelben Wachsstocke in ihr
+dunkles Nadelhaar gesteckt, - ein goldener Stern hoch oben auf ihrer
+schlanken Spitze, - schwebend - strahlend! - das nenn' ich Poesie!" -
+
+Hier hielt sich Annemie nicht mehr, sie bekam einen solchen Lachreiz, dass
+sie aufsprang und hinauslief, um sich draussen erst auszulachen.
+
+Dicht unter dem Baume standen Grete und Nellie. Letztere hoch auf einer
+Trittleiter, eine grosse Duete Salz in der Hand haltend. Die andre mit einem
+Leimtiegel in der Hand war ihr Handlanger. Das heisst, sie reichte Nellie
+den Pinsel zu, damit diese die Zweige mit dem Leim bestrich, bevor sie
+Salz darauf warf.
+
+"Jetzt bin ich eine grosse Sturmwind und mache der Baum voller Schnee,"
+scherzte Nellie.
+
+"Wirklich! - die Zweige werden weiss!" rief Ilse und verliess einen
+Augenblick ihre Arbeit, um sich das Schneetreiben genau anzusehen. "Das
+ist aber klassisch! Das gefaellt mir! Nein, das sieht zu reizend aus!"
+
+Freilich fiel ein grosser Teil Salz unter den Baum, indes Nellie liess sich
+die Muehe nicht verdriessen, immer wieder kehrte sie dasselbe zusammen und
+strich es mit der Hand dick auf den Leim.
+
+"Du alt' Baum wirfst sonst alles Schnee auf die Erde," meinte sie. "Aber
+das ist schlechte Arbeit, alle meiner Finger kleben."
+
+Rosi trat jetzt auch an den Baum heran, um ihn mit den glaenzenden
+Tannenzapfen zu schmuecken. Sie sah heute ganz anders aus als sonst. Ihre
+sonst so gleichmaessigen Zuege trugen den Ausdruck froher Erwartung, ihre
+milden Augen strahlten und rosig waren ihre Wangen angehaucht.
+
+"O du selige, o du froehliche Weihnachtszeit," summte sie mit ihrer
+frischen Stimme leise vor sich hin, und Fraeulein Guessow rief ihr zu:
+
+"Singe nur laut heraus, Rosi, das bringt uns bei unsrer Arbeit so recht in
+die echte Weihnachtsstimmung."
+
+"Wir wollen alle singen!" riefen Grete und Annemie, "bitte, Fraeulein
+Guessow!"
+
+"Meinetwegen, aber huebsch gedaempft, Kinder, damit die Kleinen nicht davon
+erwachen."
+
+Und nun erklang aus den jugendlichen Kehlen das schoene Lied vierstimmig. -
+- Die junge Lehrerin senkte den Kopf herab, - der Gesang stimmte sie
+traurig. Ihre Kindheit - ihre erste Jugendzeit stand mit einemmal lebendig
+vor ihrer Seele. - - Was hatte sie gehofft - - und wie hatten sich ihre
+Traeume erfuellt! - - Durch ihre eigne Schuld! -
+
+Mitten im Gesange wurde ploetzlich die Thuer geoeffnet und Fraeulein Raimar,
+begleitet von Herrn Doktor Althoff, trat herein. Sie hatten soeben eine
+notwendige Besprechung in der Vorsteherin Zimmer beendet.
+
+Das war eine Ueberraschung, die niemand vermutet hatte. Der Gesang
+verstummte und die Maedchen wurden mehr oder weniger verlegen, als der
+Gegenstand ihrer stillen Verehrung so unerwartet vor ihnen stand. Flora
+erroetete bis an die Haarwurzeln.
+
+"Nun, warum singt ihr nicht weiter, Kinder?" fragte die Vorsteherin. "Lasst
+euch nicht stoeren durch unsre Gegenwart."
+
+Aber es wollte nicht wieder so recht in Zug kommen. Orla setzte zwar ein,
+aber falsch, sie war sehr wenig musikalisch. - Annemie musste ueber den
+Misston lachen, und da Lachen ansteckt, - stimmten die uebrigen ein.
+
+ [Illustration]
+
+"Was machen Sie denn, Miss Nellie?" fragte Doktor Althoff und trat auf sie
+zu. "Warum verstecken Sie Ihre Haende so aengstlich?"
+
+Er laechelte sie an. Flora warf einen verstohlenen Blick auf ihn, und bevor
+sie sich zur Ruhe legte, schrieb sie in ihr Tagebuch:
+
+"Er hat sie angelaechelt! Beneidenswerte Nellie! - Bezaubernd - hinreissend
+- sah er in diesem Augenblicke aus! Die geistvollen, dunklen Augen
+spruehten Feuer - um die schmalen Lippen zuckte es sarkastisch - wunderbare
+Perlenzaehne schimmerten durch den dunkelblonden Bart. - Aber Nellie ist
+kokett! Leider! - Dieser Augenaufschlag!" -
+
+"O," entgegnete Nellie hoechst verlegen, "ich habe die Finger verklebt mit
+der haessliche Leim!" und schnell lief sie hinaus, um sich gruendlich zu
+reinigen. Doktor Althoff sah ihr wohlgefaellig nach.
+
+"Nellie spricht doch sehr schlecht deutsch," bemerkte Flora etwas
+spoettisch, "ich begreife das eigentlich nicht. Ein Jahr ist sie bereits in
+der Pension und wie falsch drueckt sie sich noch immer aus."
+
+Sie hatte ihre Bemerkung so laut gemacht, dass der junge Lehrer sie hoeren
+musste.
+
+"Die deutsche Sprache ist schwer zu erlernen, Flora," entgegnete er, "und
+ich muss gestehen, Nellie hat in dem einen Jahre schon sehr gute
+Fortschritte gemacht. Uebrigens klingen die kleinen Schnitzer, die sie
+zuweilen macht, ganz allerliebst und naiv, - wir wollen sie nicht deshalb
+verdammen."
+
+Fraeulein Raimar blickte etwas erstaunt auf den Sprechenden, der sich so
+warm Nellies annahm. Vielleicht fand sie seine Entschuldigung in Gegenwart
+der uebrigen Maedchen nicht ganz passend.
+
+"Es ist sehr spaet, Kinder," unterbrach sie das Thema, "wollt ihr nicht fuer
+heute aufhoeren und morgen in eurer Arbeit fortfahren?"
+
+Aber die Maedchen baten so sehr, heute schon ihr Werk vollenden zu duerfen,
+dass sie die Erlaubnis erhielten. Zu Floras Aerger, welche die Zeit nicht
+abwarten konnte, bis sie die vielen grossartigen Gedanken, die in ihrem
+Kopfe spukten, erst schwarz auf weiss vor sich hatte.
+
+Fraeulein Raimar und Doktor Althoff entfernten sich und Nellie trat gleich
+darauf wieder in das Zimmer. Flora konnte nicht umhin, ihr einen kleinen
+Seitenhieb zu versetzen.
+
+"Warum verstecktest du deine Haende auf dem Ruecken?" fragte sie. "Ich fand
+das furchtbar komisch von dir. Du dachtest wohl, Doktor Althoff wolle dir
+die Hand geben?"
+
+Die arme Nellie war ueber diesen Angriff so erschrocken, dass sie nicht
+darauf antworten konnte. Aber Ilse half ihrer Freundin aus der
+Verlegenheit.
+
+"Ich finde nichts Komisches darin, Flora," sagte sie lustig, "wenn Nellie
+nicht gern beschmutzte Finger sehen lassen will; aber dass du ihr deine
+eignen Gedanken zutraust, das finde ich komisch! - Ja, ja, Florchen, du
+bist erkannt!"
+
+Flora erroetete, aber sie war klug und antwortete nur mit einem
+wegwerfenden Achselzucken. -
+
+Alle Vorbereitungen waren zu Ende. Die Maedchen trugen Ketten, Netze, kurz
+allen Schmuck herbei, um den Baum zu behaengen.
+
+Wie er sich fuellte! Wie festlich geschmueckt er bald dastand! Ilse
+bewunderte hauptsaechlich die glaenzenden Tannenzapfen, die sich zwischen
+den dunklen Nadeln ganz herrlich ausnahmen.
+
+"Wie ein Maerchenbaum!" rief sie froehlich, und "Baeumchen ruettle dich und
+schuettle dich!" setzte sie uebermuetig hinzu.
+
+"O, nein!" rief Nellie in komischem Ernste, "nicht schuettle und ruettle
+dir, Baumchen, es fallt sonst all der Salz von deiner Nadel und ich muss
+mir noch einmal die Finger zerkleben."
+
+"Nie in meinem Leben sah ich einen so schoenen Christbaum!" erklaerte Ilse.
+
+"Wir sind noch nicht fertig, Ilse," entgegnete Fraeulein Guessow, "bald
+haette ich das Gold- und Silberhaar vergessen." - Und nun begann sie feine
+Faeden rings um den Baum zu spinnen.
+
+"Wie schoen! wie schoen!" jubelte Ilse und schlug wie ein Kind vor Freude in
+die Haende. Dann nahm sie Nellie in den Arm und tanzte mit ihr um den Baum.
+
+"Du wirst mit deiner lauten Freude die Schlafenden aufwecken," ermahnte
+Fraeulein Guessow; aber sie sah Ilse mit inniger Teilnahme an. - Es gab eine
+Zeit, wo auch sie so froehlich hinausgejubelt hatte in die Welt, - bis der
+Sturm kam und ihr die Bluete des Frohsinns abstreifte und verwehte. -
+
+"Geht nun zu Bett, Kinder," bat sie, "aber leise, hoert ihr? Gute Nacht!"
+
+"Gute Nacht, gute Nacht!" rief es zurueck und Ilse setzte hinzu: "Ach,
+Fraeulein! Wenn es doch erst morgen waere!" -
+
+Das war ein Leben am andern Tage! Die Maedchen waren ganz ausser Rand und
+Band. Ilse war ausgelassen froehlich und Nellie stand ihr darin bei.
+Annemie lachte ueber jede Kleinigkeit, ja selbst Rosi, die stets
+Vernuenftige, machte heute eine Ausnahme und schloss sich der allgemeinen
+Stimmung an. Als Flora ein selbstgedichtetes Weihnachtslied zum besten
+gab, und die ganze uebermuetige Schar sie dabei auslachte, lachte Rosi mit,
+- nur als Nellie an zu necken fing, bat sie sanft:
+
+"Bitte, Nellie, nicht spotten! Wir haben die arme Flora schon genug
+gekraenkt, als wir sie auslachten."
+
+Melanie und Grete waren die einzigen, die eine leise Verstimmung nicht
+unterdruecken konnten. Sie hatten gehofft, Weihnachten zu Hause verleben zu
+koennen, und waren enttaeuscht, als die Eltern ihnen nicht die Erlaubnis
+gaben, weil sie es nicht passend fanden, dass junge Maedchen allein eine so
+weite Reise machten.
+
+Melanie fand diesen Grund geradezu furchtbar kraenkend. "Als ob ich noch
+ein Kind waere!" sprach sie aergerlich zu Orla. "Ich bin siebzehn Jahre alt!
+Und doch wahrhaftig alt und verstaendig genug, uns beide zu schuetzen!"
+
+"Aber du bist huebsch," entgegnete die Angeredete mit leichter Ironie, "und
+das ist gefaehrlich. Denk' einmal, wenn dir unterwegs ein Abenteuer
+begegnete! Das waere doch furchtbar schrecklich!"
+
+"Ich bitte dich, Orla, verschone mich mit deinen albernen Spoettereien!"
+wehrte Melanie entruestet ab. Aber sie fuehlte sich doch in ihrem Inneren
+geschmeichelt, die kleine Eitelkeit.
+
+"Du hoerst es ja doch gern, Herzchen," lachte Orla. "Warum auch nicht?
+Huebsch zu sein ist ja keine Schande, - besonders wenn man so wenig eitel
+ist wie du! Uebrigens troeste dich mit uns, wir sind ja fast alle
+zurueckgeblieben, bis auf die wenigen Pensionaerinnen, die in der
+Nachbarschaft wohnen, und die vier Englaenderinnen, die Miss Lead wieder
+zurueck in ihre Heimat bringt. - Stoere nicht unsre froehliche Laune durch
+ein verstimmtes Gesicht. Sieh doch nur Lilli an, - kannst du bei dem
+Anblicke so seliger Freude noch missmutig sein?"
+
+Das Kind lief naemlich von einer zur andern, treppauf, treppab und fragte
+jede Viertelstunde, ob es noch nicht dunkel wuerde, und ob das liebe
+Christkindl noch nit bald kaem. -
+
+Endlich, endlich brach der Abend herein. Die Vorsteherin und Fraeulein
+Guessow verweilten schon seit zwei Uhr in dem grossen Saale, und in einer
+Klasse, die dicht daneben lag, sassen erwartungsvoll die Pensionaerinnen.
+Natuerlich im Dunkeln, denn Licht durfte vor der Bescherung nicht
+angesteckt werden.
+
+Lilli fuehlte sich etwas unheimlich in der Finsternis. Sie kletterte auf
+Ilses Schoss und schlang den Arm um ihren Hals.
+
+"Kommt denn das Christkindl noch nit bald?" fragte sie wieder. "Schau, es
+ist halt schon stockfinster."
+
+"Nun bald," troestete Ilse und drueckte Lilli zaertlich an sich. Das
+Anschmiegen des Kindes that ihr so wohl und seine Liebe machte sie so
+gluecklich. "Bald kommt das Christkind, ach, und wie schoen wird das sein! -
+Soll ich dir ein Maerchen erzaehlen, damit dir die Zeit schneller vergeht?"
+
+"Bitt schoen! Vom Hansel und Gretel!"
+
+Ilse hatte indes kaum begonnen "es war einmal", als Lilli ihr den Mund
+zuhielt.
+
+"Nit weiter!" unterbrach sie, "ich mag das heut nit hoeren! Ich muss immer
+an das Christkindl denken. Kennst du das liebe Christkindl, Ilse? Hast
+du's schon g'schaut?"
+
+"Nein," sagte Ilse, "gesehen habe ich es noch niemals. Niemand kann es
+sehen, es wohnt nicht auf der Erde."
+
+"Wohnt es im Himmel?" fragte Lilli. "Schau, da moecht' ich halt auch
+wohnen, da ist's schoen, nit? Da singen die lieben Englein, und die lieben
+Englein, die wohnten frueher auf der Erde, das waren die artigen Kinder,
+nit? - Der liebe Gott hat sie in sein Himmelreich geholt, nit wahr, Ilse?"
+
+Die Worte des Kindes riefen sentimentale Ahnungen in Flora hervor, sie war
+auch im Begriff, dieselben auszusprechen, als Nellie ihr das Wort
+abschnitt.
+
+"Was schwatzt der kleine Kind fuer Zeug?" sagte sie und streichelte
+liebkosend Lillis Hand. "Wo hast du dies gehoert? Keiner Mensch hat noch in
+der Himmel geschaut."
+
+"Aber die Mama hat's gesagt, - sie weiss es, nit wahr, Ilse?" rief Lilli
+heftig.
+
+Die gab ihr keine Antwort darauf, sie versuchte, das Kind auf andre
+Gedanken zu bringen.
+
+"Moechtest du wieder zu deiner Mama?" fragte sie.
+
+"Nein," entgegnete Lilli, "ich bleib' lieber bei euch. Die Mama kuemmert
+sich halt so wenig um mich, sie hat kein' Zeit. Sie muss immer studieren,"
+setzte sie altklug hinzu. "Alle Abend geht sie ins Theater."
+
+"Denn es kuemmert sich ka Katzerl - ka Hunderl um mi!" recitierte Flora
+schwaermerisch.
+
+"Komm zu mir, Lilli," bat Melanie, "ich will dir eine herrliche
+Weihnachtsgeschichte erzaehlen."
+
+"Bitt', bitt', lass mich bei Ilse bleiben, Melanie, ich will ganz gewiss
+recht genau zuhoeren auf dein G'schicht."
+
+Und waehrend Melanie ihre Erzaehlung zum besten giebt, wollen wir einen
+Blick in den Weihnachtssaal werfen.
+
+Die beiden Damen waren so ziemlich fertig mit ihrer grossen Arbeit.
+Fraeulein Guessow war dabei, noch einige versiegelte Pakete auf verschiedene
+Plaetze zu verteilen. Es waren in denselben die Geschenke enthalten, welche
+die junge Welt sich untereinander bescherte. Der Name der Empfaengerin war
+darauf geschrieben, die Geberin musste erraten werden.
+
+Fraeulein Raimar stand neben dem Gaertner, der eifrig beschaeftigt war, die
+angekommenen Kisten zu oeffnen, die Deckel wurden lose wieder darauf
+gelegt, denn das Auspacken besorgten die Empfaengerinnen selbst.
+
+Nur mit Lilli wurde eine Ausnahme gemacht, Fraeulein Raimar packte deren
+Kiste aus und schuettelte den Kopf, als sie damit beschaeftigt war.
+
+"Sehen Sie nur den Tand, liebe Freundin," sagte sie. "Nicht ein
+vernuenftiges Stueck finde ich dabei. Zwei weisse Kleider, so kurz, dass sie
+dem Kinde kaum bis an die Knie reichen, aber schoen gestickt, hier eine
+breite rosa Atlasschaerpe, ein kleiner Hermelinmuff, ein Paar feine
+Saffianstiefel und eine Puppe im Ballstaat. Und vieles Zuckerwerk - das
+ist alles! Warme Struempfe und eine warme Decke, um die ich so sehr
+gebeten, und die dem Kinde so noetig sind, - sie fehlen ganz."
+
+"Hier scheint ein Brief fuer Sie zu sein," sagte Fraeulein Guessow und nahm
+ein duftiges rosa Billet von der Erde auf. Wahrscheinlich war dasselbe aus
+dem Muff gefallen, den die Vorsteherin noch in der Hand hielt. Sie erbrach
+das an sie gerichtete Schreiben und las wie folgt:
+
+
+
+
+
+
+"Ich ersuche Sie freundlich, meiner Lilli die Kleinigkeiten unter den Baum
+zu legen. Hoffentlich ist das liebe Herzl recht gesund. Nun ich hab halt
+nit noetig, mich zu sorgen, weiss ich doch das goldene Fischel in so gute
+Haend! - Wollne Struempf und a Jackerl hab i halt nit mitgeschickt, i wuensch
+das Kind nit zu verwoehnen. Es soll immer a weiss Kleiderl anziehn, - Hals
+frei und Arme frei, - so ist sie's gewohnt, und dabei moecht ich's halt
+lassen.
+
+Geben Sie mein Herzblatterl tausend Schmazerl, und dass es die Mama nit
+vergisst!
+
+Mit dankbaren Gruessen verbleib ich
+
+ Ihre
+ ergebene _Toni Lubauer_."
+
+
+
+
+
+
+"Weisse Kleider und duenne Struempfe!" wiederholte Fraeulein Raimar
+kopfschuettelnd. "Es ist gut, dass wir fuer einiges gesorgt haben, ich koennte
+es nicht vor mir selbst verantworten, das kleine Ding so durchsichtig und
+wenig bekleidet zu sehen."
+
+Die junge Lehrerin stimmte bei und warf einen recht befriedigten Blick auf
+all die schoenen und nuetzlichen Sachen, die auf Lillis Tischchen aufgebaut
+lagen.
+
+Der Gaertner war mit seiner Arbeit fertig und hatte das Zimmer verlassen -
+die Damen zuendeten die Lichter des Baumes an, und als auch das geschehen
+war, ergriff die Vorsteherin eine silberne Klingel und laeutete.
+
+Wie mit einem Zauberschlage flogen die Fluegelthueren auf und die junge
+Schar stuermte herein.
+
+Einen Augenblick standen sie wie geblendet da. So ploetzlich aus der
+Dunkelheit in das helle Licht, - der Kontrast war fast zu grell.
+
+Lilli besonders stand wie gebannt da und hielt Ilses Hand krampfhaft fest.
+
+"Komm," redete Fraeulein Raimar sie an, "ich will dich an deinen Tisch
+fuehren, du bist ja ganz stumm geworden."
+
+Als das Kind vor seiner Bescherung stand, kehrte seine Lebhaftigkeit
+zurueck.
+
+"Die schoene Puppe!" rief es entzueckt und schlug die Haendchen zusammen.
+
+"Die ist aber halt zu schoen! Meine alte Lori ist lang nit so suess! - Und
+ein Strohhueterl hat sie auf - ach Gotterl! und die langen Zopferl! Und ein
+Schultascherl tragt sie am Arm! Bitt schoen, Fraeulein, darf ich sie in die
+Hand nehmen? Ich moecht sie ganz nah anschaun! Bitt schoen, erlaube mir's!"
+
+Fraeulein Raimar erfuellte gern die Bitte des Kindes, das behutsam sein
+Pueppchen in den Arm nahm.
+
+"Sie kann die Augerl schliessen!" fuhr dasselbe fort. "Schau, Fraeulein, sie
+will schlafen!" Das Kind war ganz ausser sich vor Entzuecken bei dieser
+Entdeckung und hielt sein Plappermaeulchen nicht einen Augenblick still.
+"Meine Lori hat die Aeugerl immer auf, sie kann nit schlafen, nit wahr,
+Fraeulein? Die ist dumm, lang nit so gescheit wie diese. - Hast du mir die
+Puppe geschenkt, Fraeulein?"
+
+"Nein," entgegnete diese, die sich an Lillis jubelnder Freude erquickte.
+"Ilse und Nellie haben sie dir angezogen. Aber sieh einmal, hier hast du
+noch eine Puppe, die hat dir deine Mama geschenkt."
+
+Kaum einen Blick hatte sie fuer die kostbare Balldame. "Die ist mir zu
+geputzt," sagte sie, "die kann ich doch nit in das Bett legen! Die kann
+mein Kind nit sein!" - Und mit der Puppe im Arme lief sie zu Ilse, um sich
+zu bedanken.
+
+Diese aber war sehr beschaeftigt. Sie packte ihre Kiste aus und hatte nicht
+Zeit, an etwas anderes zu denken. "Spaeter, Liebling," sagte sie, und
+fertigte die Kleine mit einem fluechtigen Kuss ab. - Soeben hielt sie einen
+praechtigen rosa Wollstoff in der Hand und Nellie stand neben ihr und
+bewunderte denselben lebhaft.
+
+"O wie suess!" rief sie. "Wie von Spinnweb so fein! Und wie er dir kleidet,"
+fuhr sie fort und hielt den Stoff der Freundin an, "das wird ein schoen'
+Tanzstundenkleid! Du wirst dir wie eine Fee darin machen!"
+
+Ilse aber war gar nicht recht vergnuegt ueber das kostbare Geschenk, es
+malte sich sogar etwas wie Enttaeuschung in ihren Zuegen. Warum mochten die
+Eltern ihre Bitte nicht beruecksichtigt, ja nicht einmal eine Antwort
+darauf gegeben haben?
+
+Und Nellie war so gut - so neidlos teilte sie ihre Freude.
+
+So mochte auch Fraeulein Guessow denken, die naeher getreten war. Sie legte
+den Arm um Nellies Schulter und fragte: "Warum packst du nicht deine
+eigene Kiste aus?"
+
+"Meine Kiste?" wiederholte Nellie. "O Fraeulein, Sie spassen! Fuer mir giebt
+es das nicht!"
+
+Ilse horchte auf. Einen schnellen, fragenden Blick warf sie der jungen
+Lehrerin zu und diese antwortete mit einem geheimnisvollen Laecheln.
+
+"Wer weiss!" fuhr sie fort, "sieh einmal nach, vielleicht hat eine guetige
+Fee dir etwas beschert."
+
+Ilse erhob sich schnell aus ihrer knieenden Stellung und nahm die Freundin
+unter den Arm. "Komm," sagte sie, "wir wollen suchen."
+
+Kiste an Kiste stand da in der Reihe, jede indes war bereits in Besitz
+genommen, Ilses Auge aber flog voraus. Sie hatte am Ende des Saales eine
+herrenlose Kiste entdeckt, dorthin zog sie Nellie.
+
+Und richtig, da stand mit grossen Buchstaben auf dem Deckel: "An Miss Nellie
+Grey." - Es war kein Zweifel, die Adresse lautete an sie.
+
+"O, was ist dies!" rief Nellie ueberrascht und ihre Wangen roeteten sich,
+"wer hat an mir gedacht? Ist es gewiss fuer mir?"
+
+"Ja, sie ist wirklich fuer dich," versicherte Ilse strahlend, denn nun
+hatte sie erst die echte Weihnachtsfreude, "nimm nur den Deckel hoch."
+
+Immer noch etwas zoegernd folgte Nellie dieser Aufforderung. Welche
+Ueberraschung! Da lag obenauf ein gleicher Stoff in blassblau, wie sie
+soeben denselben in rosa bei Ilse bewundert.
+
+Und wie sie nun weiter auspackten, jetzt eine jede ihre eigene Kiste, da
+hielten sie sich jubelnd stets die gleichen Herrlichkeiten entgegen. Bald
+war es eine gestickte Schuerze, dann kamen farbige Struempfe an die Reihe,
+Handschuhe, sogar die Korallenkette, die schon lange ein sehnlicher Wunsch
+Ilses war, fehlte bei Nellies Bescherung nicht. Auch die vielen Leckereien
+waren gleichmaessig verteilt.
+
+Ilse hatte in einem Karton mit Briefpapier einen langen zaertlichen Brief
+der Eltern gefunden und als Nellie den ihrigen oeffnete, lag auch fuer sie
+ein kleines Briefchen darin.
+
+
+
+
+
+
+"Meine liebe Nellie," schrieb Ilses Mama, "ich darf Sie doch so nennen als
+meiner Ilse liebste Freundin? Mein Mann und ich moechten Ihnen so gern
+einen kleinen Beweis geben, wie dankbar wir Ihnen sind fuer die Liebe und
+Freundschaft, die Sie stets unsrem Kinde zu teil werden liessen. Zwei
+Freundinnen aber muessen auch gleiche Freuden haben - und mit diesem
+Gedanken bitten wir Sie herzlich, den Inhalt der Kiste freundlich
+anzunehmen.
+
+Mit dem aufrichtigen Wunsche, dass Sie auch fernerhin unsrer Ilse eine
+treue Freundin bleiben moegen, gruesst Sie herzlich
+
+ _Anne Macket_."
+
+
+
+
+
+
+Nellie fiel Ilse um den Hals und vermochte kein Wort hervorzubringen. Die
+Ruehrung schnuerte ihr die Kehle zu - Thraenen waren seltene Gaeste bei unsrer
+Nellie. Das fruehverwaiste Maedchen, das sich von klein auf stets bei
+Verwandten herumdruecken musste, dem das Sonnenlicht der elterlichen Liebe
+fehlte, hatte das Weinen beinah verlernt. Wer haette auch auf seine Thraenen
+achten sollen?
+
+"Dein Mutter ist ein Engel!" brachte sie endlich, so halb unterdrueckt,
+heraus. "Wie soll ich sie fuer alles danken?"
+
+"Ja, meine Mama ist sehr gut!" bestaetigte Ilse, und zum erstenmal stieg
+ein warmes, zaertliches Gefuehl fuer dieselbe in ihrem Herzen auf.
+
+Fuer sentimentale Stimmungen waren Ilse und Nellie indes nicht angethan,
+und als erstere ein Stueck Marzipan der Freundin in den Mund steckte, war
+die Ruehrung zu Ende. Thraenenden Auges verzehrte es Nellie, und dieser
+Anblick kam Ilse so possierlich vor, dass sie lachen musste, - natuerlich
+stimmte Nellie ein.
+
+"Seid ihr fertig, Kinder? Habt ihr alle eure Kisten ausgepackt!" rief
+Fraeulein Raimar und unterbrach das Gewirr von Stimmen, das laut und
+lebhaft durcheinander klang.
+
+"Ja, ja!" rief es zurueck und nun beeiferte sich eine jede, die heimatliche
+Bescherung vorzuzeigen, und die Vorsteherin blickte in lauter freudig
+erregte und zufriedene Gesichter. Nur Flora sah etwas enttaeuscht aus. Sie
+hatte anstatt "Jean Pauls Werke", die sie sich so gluehend gewuenscht,
+"Schlossers Weltgeschichte" erhalten mit dem Versprechen vom Papa, dass,
+wenn sie erst reifer fuer solche Lektuere sei, sie dieses Werk erhalten
+werde.
+
+Reifer! Es klang ihr wie bittrer Hohn. Sie fuehlte sich mit ihren sechzehn
+Jahren schon so ueberreif, dass sie selbst poetische Werke in das Leben rief
+- und sie - sie sollte nicht "Jean Paul" lesen!
+
+Nachdem die Geschenke der Eltern auf eine leer gelassene Tafel aufgebaut
+waren, und nachdem die Maedchen auch diejenigen der Lehrerinnen in Empfang
+genommen hatten, kamen endlich die versiegelten und verpackten
+Ueberraschungen an die Reihe.
+
+Da kamen denn allerhand drollige Dinge zum Vorschein und der Jubel und das
+Lachen wollten kein Ende nehmen.
+
+Flora hatte soeben einen langen, blauen Strumpf aus zahllosen Papieren
+herausgewickelt und hielt ihn hoch in der Hand. Etwas verwundert drehte
+sie diese wunderbare Gabe nach allen Seiten, die ironische Anspielung fiel
+ihr nicht sogleich ein.
+
+"Ein Strumpf?" fragte sie, "was soll ich damit?"
+
+"Er ist dein Wappen, lieber Blaustrumpf," belehrte sie Orla. "Die Idee ist
+wirklich famos!"
+
+"Er ist von dir!" beschuldigte sie Flora.
+
+"Leider nein," entgegnete Orla.
+
+Annemie lachte so laut und herzhaft, dass sie sich als die Geberin verriet.
+
+"Bist du mir boese, Flora?" fragte sie gutmuetig.
+
+ [Illustration]
+
+Sonderbare Frage! Ganz im Gegenteil, Flora fuehlte sich hoechst
+geschmeichelt, dass man sie zu den Blaustruempfen zaehlte. Der gestickte
+Schlips, den Annemie in den Strumpf versteckt hatte, erfreute sie nicht
+halb so wie die dichterische Anerkennung. - In bester Stimmung loeste sie
+jetzt den Bindfaden von einem Pappkasten. Derselbe war eng damit
+umschnuert. Auf dem Deckel war ein Weinglas gemalt und mit grossen
+Buchstaben stand "Vorsicht" daneben geschrieben.
+
+Ganz behutsam nahm sie denn auch den Deckel ab, warf die Papierschnitzel
+heraus und fand in feines Seidenpapier eingeschlagen ein zerbrochenes Herz
+von Bisquit!
+
+"Wie abscheulich von dir, Nellie!" rief sie gekraenkt und wandte sich
+sofort an die richtige Adresse. Das Herz warf sie achtlos beiseite.
+
+"Nicht so hitzig, Flora," riet Grete, "sieh doch das zerbrochene Herz erst
+naeher an."
+
+Zoegernd entschloss sie sich dazu, und als sie ein reizendes, kleines
+Toilettekissen hoechst kuenstlich verborgen entdeckte, soehnte sie sich
+einigermassen mit der boesen Nellie aus.
+
+Aber nicht Flora allein, auch all die uebrigen mussten manche kleine
+Neckerei in den Kauf nehmen, so manche schwache Seite wurde an das
+Tageslicht gefoerdert und schonungslos gegeisselt. Die Vorsteherin wachte
+darueber, dass diese Reibereien stets in den Grenzen des Scherzes blieben;
+im allgemeinen hielt sie dieselben fuer ein gutes Mittel, sich gegenseitig
+auf die Fehler aufmerksam zu machen, es half oft mehr als alle ernsten
+Ermahnungen.
+
+Nellie stand vor einem grossen Berg Esswaren, die sie aus ihren Paketen, in
+welchen sie ausser einem kleinen Geschenke immer noch nebenbei allerhand
+Suessigkeiten fand, herausgewickelt hatte.
+
+Schokolade, Marzipan, Apfelsinen, Rosinen und Mandeln, Lebkuchen, und in
+einem reizenden Kasten von Porzellan zwei saure Gurken. Diese waren eine
+besondere Lieblingsspeise von ihr.
+
+Sie lachte und fragte, ob sie ein so hungrig Maedchen sei. "O, da ist ja
+noch ein Paket," fuhr sie fort, "was fuer ein leckerer Bissen wird wohl
+darin sein?"
+
+Aber sie irrte sich, diesmal kam ein Buch zum Vorschein und wie sie es
+aufschlug, las sie auf dem Titelblatte: "Deutsche Grammatik." Ein Blatt
+Papier mit einem kleinen Gedichte lag dabei. Nellie las es vor.
+
+ "Lerne fleissig die deutsche Sprache -
+ Willst du begreifen holde Poesie.
+ Dies Buch ist einer Verkannten Rache,
+ Die du verstanden hast noch nie!"
+
+"Flora!" rief Nellie. "Du hast mir mit deine edle Rache sehr beschaemt! Ich
+werde lernen aus dieser Buch und dir verstehen! - Komm, gieb dein' Hand,
+ich verspreche dich, dass ich nie wieder dein' holde Poesie auslachen will,
+und wenn sie voll lauter zerbrochene Herzen ist." -
+
+Orla hatte unter anderm einen Klemmer erhalten und - o Schrecken! auch ein
+Etui mit Cigaretten. Fraeulein Raimar stand neben ihr und sah das
+verraeterische Ding.
+
+"Was ist denn das?" fragte sie. "Ich will nicht hoffen, Orla, dass du wie
+eine Emanzipierte rauchst! Du wuerdest mich sehr erzuernen, wenn das der
+Fall waere. Doch," unterbrach sie sich, "wie komme ich dazu, einen Scherz
+fuer Ernst zu nehmen, am Weihnachtsabend sind dergleichen Witze erlaubt."
+Leiser und nur fuer die Russin vernehmbar setzte sie hinzu: "Ich habe das
+feste Vertrauen zu dir, dass du niemals rauchen wirst!"
+
+Die Angeredete schwieg und senkte die Augen. Der Tadel traf die Wahrheit,
+sie hatte wirklich manchmal im Verborgenen eine Cigarette geraucht. War es
+doch in ihrer Heimat nichts Auffallendes, wenn eine Dame sich ein kleines
+Rauchvergnuegen machte.
+
+Innerlich schalt sie die Pedanterie der Deutschen, der sie eine so
+harmlose Freude zum Opfer bringen musste, denn niemals wuerde es ihre
+Wahrheitsliebe gestattet haben, gegen das Verbot der Vorsteherin zu
+suendigen, - mit einiger Ueberwindung reichte sie derselben die Cigaretten.
+
+"Bitte, bewahren Sie mir dieselben," bat sie und laechelnd fuegte sie hinzu:
+"Damit ich nicht in Versuchung komme ..."
+
+Melanie liebaeugelte mit einem zierlichen Handspiegel. Sie freute sich sehr
+ueber denselben, noch mehr aber ueber ihr eignes Bild, das ihr
+entgegenlachte.
+
+Grete blickte ihr ueber die Schulter. "Das ist eine Anspielung auf deine
+Eitelkeit, Melanie! Ich habe nichts bekommen, was mich aergern oder wodurch
+ich mich getroffen fuehlen koennte!"
+
+"Nun glaubst du dich wohl fehlerfrei, liebe Grete!" spottete Melanie.
+"Bilde dir das ja nicht ein, liebes Kind, du bist noch laengst kein
+vollkommnes Wesen. Es giebt sehr vieles an dir auszusetzen!"
+
+Und als ob ihre Worte sofort in Erfuellung gehen sollten, rief Fraeulein
+Guessow: "Grete, da steht noch eine vergessene Schachtel auf deinem Platze!
+Du hattest Papier darauf geworfen und wirst sie deshalb uebersehen haben!"
+
+Vergnuegt und erwartungsvoll oeffnete Gretchen die Schachtel. O weh! als sie
+den Deckel abhob, lachte ein glaenzendes, zierlich gearbeitetes
+Vorlegeschloss sie boshaft an.
+
+"Das ist eine Anspielung fuer dich, teures Plappermaeulchen!" rief Melanie
+mit schwesterlicher Schadenfreude, und hielt das Schloss an Gretes Lippen.
+
+"So, damit du in Zukunft huebsch schweigst und nicht so vorlaut bist."
+
+Unwillig wandte Grete sich ab, sie war gar wenig erbaut von der
+Ueberraschung. Sie warf das Schloss wieder in die Schachtel, schloss den
+Deckel und verriet durch ihre Empfindlichkeit, wie sehr sie sich getroffen
+fuehlte ....
+
+Ilse hatte aus einer maechtigen Kiste, die bis obenhin mit Heu gefuellt war,
+einen Hund herausgeholt. Keinen lebendigen, o nein! es war nur einer aus
+Pappe. Braun sah er aus und hatte weisse Pfoetchen. Um den Hals trug er
+einen Zettel am roten Bande, auf welchem mit grossen Buchstaben "Bob"
+geschrieben stand.
+
+"Orla!" erriet Ilse sofort. Dieselbe hatte sie oft genug mit ihrem Hunde
+aufgezogen. Es kam ihr jetzt selbst recht laecherlich vor, wenn sie sich
+ihren Einzug in der Pension mit Bob auf dem Arme ausmalte. Wie einfaeltig
+war sie gewesen - wie unnuetz hatte sie den armen Papa gequaelt! - Ilse
+hatte noch eine Ueberraschung, bei der sie fast erschrak. In einem
+reizenden Arbeitskorbe fand sie mehrere Aepfel von Marzipan.
+
+Nellie stand neben Ilse und fluesterte ihr zu: "Diese sind Aepfel von der
+Baum - weisst du noch?"
+
+Als die Angeredete aengstlich zur Seite blickte, fuhr sie beruhigend fort:
+"Du darfst nicht Angst haben, niemand hoert uns."
+
+Sie hatte recht. Die Aufmerksamkeit aller war auf einen Vogelbauer
+gerichtet, in welchem eine lebendige Lachtaube sass. Annemie hielt
+denselben hoechst angenehm ueberrascht in der Hand.
+
+"Nun koennt ihr um die Wette lachen," scherzte die Vorsteherin, "denn das
+Taeubchen darfst du behalten und in deinem Zimmer aufhaengen. Aber vergiss
+niemals, Annemie, dass du das Tierchen regelmaessig fuettern musst, hoerst du?"
+
+So erhielt eine jede ihre scherzhafte Ruege, nur Rosi nicht. Sie zerbrachen
+sich den Kopf, um einen Tadel an ihr zu entdecken, aber zu ihrem Bedauern
+fanden sie keinen. "Ganz ohne Scherz darf sie nicht sein," erklaerte
+Nellie, ging hin und kaufte ein Bilderbuch, auf dessen Titelblatt in
+goldenen Buchstaben drei Worte glaenzten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Fuer artige Kinder{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. - "Dies passt
+sehr fuer ihr," sagte sie, und die uebrigen Maedchen stimmten ein.
+
+Rosi nahm das Buch, laechelte und legte es beiseite. Sie konnte nicht so
+recht begreifen, was es bedeuten sollte ....
+
+Nachdem die Bescherung zu Ende und nachdem auch fuer die beiden Damen ein
+Tisch mit allerhand selbstgearbeiteten Sachen ausgebaut war, wurde der
+Thee eingenommen und kurze Zeit darauf zur Ruhe gegangen. Lilli wurde es
+schwer, sich von ihren schoenen Sachen zu trennen, sie wollte nicht zu Bett
+gehen, aber der Sandmann kam und streute ihr den Schlaf in die Augen.
+Schlafend wurde sie entkleidet und in ihr Bett, das in Fraeulein Guessows
+Zimmer stand, getragen.
+
+Und nun wurde es still und dunkel im Hause. Der schoene Christabend war zu
+Ende mit seiner frohen Erwartung, seinem Lichterglanze ....
+
+Ob wohl der Baum im naechsten Jahre fuer alle wieder angezuendet wird, die
+heute unter ihm versammelt waren? -
+
+ * * *
+
+Nun war alles wieder im alten Geleise! Der Unterricht hatte begonnen und
+Miss Lead war wenige Tage nach Neujahr von ihrer ueberseeischen Reise
+zurueckgekehrt. Sie hatte sechs junge Englaenderinnen mitgebracht, die kein
+Wort Deutsch verstanden und sehr viel Heimweh hatten.
+
+Nellie versuchte es, sie zu troesten, aber sie verschlossen sich starr
+gegen jedes Trosteswort, sie fuehlten sich ungluecklich im fremden Lande.
+Sie wollten nicht Deutsch lernen, sie hassten diese Sprache und die
+Menschen, erklaerten sie. Lange Jammerbriefe sandten sie in die Heimat, in
+denen sie die Angehoerigen himmelhoch baten, sie wieder zurueckkehren zu
+lassen.
+
+Es war diese Art und Weise nichts Auffallendes und nichts Neues. Fraeulein
+Raimar legte keinen Wert darauf, aehnliche Erfahrungen machte sie stets mit
+den Englaenderinnen. Es war schon vorgekommen, dass diese oder jene sich
+vornahm, zu verhungern, und Speise und Trank hartnaeckig verweigerte. Vor
+Hunger gestorben war indes noch keine, wenn der Magen zu energisch sein
+Recht verlangte, entsagten sie dem Hungertode.
+
+"Ich mag meine Landsmaenner gar nicht sehr!" bemerkte Nellie eines Tages zu
+Ilse. "Die Deutsche liebe ich mehr. Ich will nicht zurueck in meine
+Heimat."
+
+"Landsmaenner!" wiederholte Ilse. "Gleich sage einmal, wie es richtig
+heisst. Neulich habe ich es dir erst gesagt."
+
+"O ja, ich weiss, Landsfrauen heisst es," verbesserte sich Nellie.
+
+"Du bist klassisch!" lachte Ilse laut. "Lands-maenn-innen heisst es. Sag
+einmal nach - so - und nun vergiss dieses Wort nicht wieder, du liebe,
+englische Deutsche! Du bist auch ganz anders wie deine Landsmaenninnen,
+lange nicht so steif, so zurueckhaltend und so hochmuetig wie die! Sie sehen
+immer auf uns herab, als ob sie sagen wollten: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gott sei Dank, dass ich
+keine Deutsche bin!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}"
+
+"O nein!" wehrte sich Nellie, in der ploetzlich der Nationalstolz wach
+wurde, "so schlimm darfst du nicht sagen! Es hat den Schein, dass sie
+hochmuetig sind, weil sie dir nicht verstehen, sie macht ein fremdes
+Gesicht, weiter nix!"
+
+"Sie sind hochmuetig, Nellie!" neckte Ilse. "Entschuldige deine
+langweiligen Englaenderinnen nicht. Eben sagtest du selbst, dass du sie
+nicht leiden moechtest."
+
+Das gestand Nellie zu. Sie meinte aber, sie selbst koenne so sprechen, ein
+gleiches Urteil aus einem andern Munde koenne und duerfe sie nicht anhoeren.
+Sie wolle es auch nicht.
+
+"Du bist doch aber ganz wunderlich, Nellie," lachte Ilse, "Doktor Althoff
+wuerde sagen: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sie haben verdrehte Ansichten, Miss Nellie.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}"
+
+"O nein," entgegnete Nellie eifrig und leicht erroetend, "Doktor Althoff
+wuerde mir verstehn. Er weiss, wie es in mein Herz aussieht!"
+
+Das kam Ilse aeusserst komisch vor und sie neckte die Freundin damit sehr.
+"Er haette viel zu thun, wenn er in alle eure Herzen blicken wollte!" rief
+sie lachend, "und wenn er sich wirklich einmal die Muehe gaebe, so wuerde er
+euch schoen verhoehnen, dich und alle die andern, die ihr fuer ihn
+schwaermt." -
+
+Ilse lernte jetzt mit rechtem Eifer und schon laengst war ihr das Arbeiten
+keine Last mehr. Das Zeichnen machte ihr besondre Freude, und seitdem der
+Papa so glueckselig ueber die ihm geschenkte Rose geschrieben, strebte sie
+darnach, auch das zu erreichen, was derselbe in seiner blinden Liebe zu
+ihr schon erreicht sah. Er hielt sie bereits fuer eine Kuenstlerin und mit
+Stolz hatte er ihr geschrieben, dass er die Rose habe einrahmen lassen und
+dass sie nun ueber seinem Schreibtisch haenge. Ilse war gar nicht damit
+einverstanden, sie wusste ja genau, wie der zaertliche Papa jeden Besuch,
+der zu ihm kam, zu ihrem schwachen Erstlingswerk fuehren werde.
+
+Auch die Mama war hocherfreut ueber Ilses Weihnachtsgeschenke gewesen. Sie
+gaben ihr ein glaenzendes Zeugnis von deren Fortschritten und der Ausdauer,
+die der Wildfang bis dahin nicht gekannt hatte. Die groesste Freude indes
+hatte sie an Ilses Dankesbrief gehabt. Es war das erste Mal, dass sie in so
+herzlich warmer Weise das Wort an sie richtete und Frau Annes Augen
+fuellten sich mit Thraenen freudiger Ruehrung. Sie fuehlte jetzt bestimmt, dass
+die Zukunft ihr Ilses volle Liebe bringen werde. -
+
+Die laengst ersehnten Tanzstunden hatten bereits seit vierzehn Tagen
+begonnen und brachten etwas Abwechselung in das gleichmaessige
+Pensionsleben. Zweimal in der Woche kam von sechs bis acht Uhr abends der
+Tanzlehrer mit einer Geige und unterrichtete im grossen Saale.
+
+Nicht alle Zoeglinge nahmen teil daran. Die kleineren Maedchen nicht und
+auch die Englaenderinnen schlossen sich aus, sie verstanden noch zu wenig
+Deutsch, auch konnten sie vorlaeufig keinen Geschmack an den einfoermigen
+Pas finden. Melanie konnte das freilich auch nicht und fand bis jetzt die
+Tanzstunde {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar oede{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.
+
+"Es ist ein furchtbar langweiliges Vergnuegen, diese Huepferei," aeusserte sie
+auf einem Spaziergange zu Flora, "wozu diese Pas - diese Verbeugungen? Wir
+koennen doch alle schon tanzen, und wie wir uns zu verbeugen haben - und
+gruessen muessen, das wissen wir doch erst recht. Wir sind doch erwachsene
+Maedchen!"
+
+"Ach!" seufzte Flora und ein schwaermerischer Blick glitt seitwaerts ueber
+den spiegelglatten Teich - zu den schlittschuhlaufenden Gymnasiasten
+hinueber - "ach! das moechte noch alles gehen. Das Fuerchterlichste ist doch,
+dass wir zwei volle Monate ohne Herren tanzen muessen!"
+
+"Wie furchtbar oede!" Melanie rief es ordentlich entruestet. "Man behandelt
+uns wahrhaftig mit puritanischer Strenge! Ohne - Herren! Es ist kaum zu
+glauben!"
+
+"Ja, mit puritanischer Strenge!" wiederholte Flora, der dies Wort
+ausserordentlich gefiel. "Ich begreife nicht, warum uns der Verkehr mit den
+Herren so lange entzogen wird. Man behandelt uns eben wie Kinder!"
+
+Die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar oeden{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Monate gingen indessen auch zu Ende und Fraeulein
+Raimar schickte Einladungen aus an junge, wohlerzogene Herren, die das
+Gymnasium besuchten, und ersuchte sie, die letzten vier Wochen an dem
+Tanzunterrichte teilzunehmen.
+
+Mit welcher Freude diese Einladungen begruesst wurden, brauche ich nicht zu
+sagen. Die jungen Leute schaetzten es sich zur besonderen Ehre, zu den
+Tanzabenden in der Pension zugezogen zu werden. Diesmal brannten sie
+besonders darauf, weil sie behaupteten, dass noch niemals so huebsche
+Maedchen in dem Institute gewesen seien. Sie kannten dieselben von Ansehen
+sehr genau, denn, wenn irgend moeglich, suchten sie ihnen auf den
+Spaziergaengen zu begegnen. Nun sollten sie mit ihnen tanzen, sich mit
+ihnen unterhalten duerfen, es war zu famos!
+
+"Ihr werdet heute abend zum ersten Male mit Herren tanzen, Kinder,"
+kuendigte Fraeulein Raimar eines Mittwochs bei der Mittagstafel an. Und als
+sie bemerkte, wie vergnuegt die meisten diese frohe Botschaft
+entgegennahmen, fuegte sie hinzu: "Ich hoffe, dass ihr euch nicht zu lebhaft
+mit den jungen Leuten unterhalten werdet! Vergesst nicht, dass dieselben nur
+des Tanzes, nicht der Unterhaltung wegen da sind!"
+
+Annemie kamen diese Ermahnungen so komisch vor, dass sie zu kichern anfing.
+Ein strafender Blick traf sie dafuer.
+
+"Fuer dich sind meine Worte besonders gesprochen, Annemie," nahm die
+Vorsteherin wieder das Wort, "ich fuerchte, du wirst dich durch dein
+albernes Lachen auffallend machen, huete dich davor. Und dich, Grete,
+ermahne ich ernstlich, nicht so viel zu schwatzen. Ueberlege erst, was du
+sagen willst, damit kein Unsinn herauskommt."
+
+So und in aehnlicher Weise warnte und ermahnte sie ihre jungen Zoeglinge,
+die in ihrer erwartungsvollen Aufregung heute nur mit halbem Ohre hoerten,
+was ihnen so eindringlich vorgestellt wurde. Viel wichtiger erschien ihnen
+die Frage: "Was werdet ihr heute abend anziehen? Womit werdet ihr euch
+schmuecken?"
+
+Sie hatten auch kaum das Speisezimmer verlassen, als sie die Treppen
+hinaufstuermten, um in Orlas und der Schwestern Zimmer eine grosse Beratung
+zu halten.
+
+Melanie holte einen grossen Pappkasten hervor und fing an, Blumen und
+Baender herauszukramen. Sie hatte sich vor den Spiegel gestellt und hielt
+eine Rose in ihr schoenes aschblondes Haar.
+
+"Wie findet ihr diese Rose?" fragte sie. "Bitte, seht doch einmal! Kuemmert
+sich denn kein Mensch um mich?" rief sie laut und ungeduldig den
+Durcheinanderschwatzenden zu und stampfte sogar etwas mit dem Fusse auf.
+
+"Sie steht dir gut, Melanie," antwortete Rosi, die eben erst eingetreten
+war und die letzten Worte hoerte, an ihre eigene Toilette dachte sie nicht.
+"Das dunkle Rot in deinem blonden Haar sieht praechtig aus!"
+
+"Du hast nicht viel Geschmack, liebste Rosi. Nimm mir nicht uebel, dass ich
+es dir frei heraussage," fertigte Melanie die Aermste ab. "Orla, bitte,
+gieb du dein Urteil ab."
+
+Die Russin galt als die eleganteste, deren Toilette stets am
+geschmackvollsten war. Mit Kennermiene musterte sie denn auch Melanie.
+
+"Die dunkle Rose ist zu grell," entschied sie, "fuer dein Haar passt eine
+blassrote besser. Uebrigens, was willst du denn anziehen? Das ist doch am
+Ende die Hauptsache und darnach musst du die Blumen waehlen."
+
+"Mein blaues Batistkleid, denke ich."
+
+"Dein bestes Kleid!" rief die vorlaute Grete erstaunt. "Gut, dann ziehe
+ich mein gebluemtes an!"
+
+Gerade wie die Verhandlungen am lautesten waren, oeffnete sich die Thuer und
+Fraeulein Guessow trat ein.
+
+"Fraeulein Raimar laesst euch sagen, ihr moechtet heute abend eure
+Sonntagskleider tragen," verkuendete sie.
+
+"O! ..." Langgedehnt und unzufrieden kam es ueber Melanies Lippen. "O,
+Fraeulein Guessow, die alten, dunklen Kleider! Die hellen sind so viel
+besser!"
+
+Aber es blieb bei den Wollkleidern. Gegen das Machtgebot der Vorsteherin
+galt kein Widerstreben.
+
+Bevor sie in den Tanzsaal hinuntergingen, fanden sich die Maedchen noch
+einmal bei Orla ein. Diese hielt erst eine allgemeine Musterung ueber die
+Toiletten, besserte hier und dort und verstand es, durch eine Kleinigkeit
+dem einfachsten Anzuge einen netten Anstrich zu geben.
+
+Melanie hatte sich nach besten Kraeften elegant herausgeputzt. Ein weisses
+Spitzenfichu schmiegte sich in weichen Falten um ihren Hals, und eine
+blassrote Rose, seitwaerts an demselben befestigt, kleidete sie ganz
+allerliebst. Sie war tadellos und sah trotz des einfachen braunen Kleides
+sehr geputzt aus.
+
+An Gretes ungeschickter Figur war nicht viel zu aendern. Lange Arme, grosse
+Fuesse, schlechte Haltung und dicke Taille, das waren Dinge, die leider
+nicht zu verbergen waren, auch trugen die ungrazioesen Bewegungen durchaus
+nicht zur Verschoenerung bei.
+
+"Fuer dich ist die dunkle Tracht ganz vorteilhaft," meinte Orla, indem sie
+eine dicke Korallenkette aus ihrem Schmuckkasten nahm und sie dem darueber
+hocherfreuten Gretchen um den Hals schlang. "So, die will ich dir leihen,
+damit du nicht zu einfach aussiehst."
+
+Flora unterwarf sich keiner Musterung, sie fand es unnuetz, da ihr
+Geschmack weit eigenartiger sei als Orlas. Sie hatte mit endloser Muehe
+eine griechische Haartour zurechtgebracht. Im Nacken trug sie ihr Haar im
+Knoten, mit einigen herausfallenden Locken, vorn hatte sie dasselbe mit
+einem schwarzen Sammetbande, das mit weissen Perlen benaeht war, dreimal
+abgebunden. In die Stirn fielen gekraeuselte Fransen.
+
+Sie fand sich entzueckend, diese Haartour soehnte sie sogar mit dem gruenen
+Wollkleide aus, in dem sie lang und schlank wie eine wirkliche
+Hopfenstange aussah.
+
+Rosi hatte sich nicht besonders geschmueckt. Ihr schwarzes Kaschmirkleid
+war unveraendert geblieben. Eine weisse Spitze am Halsausschnitt,
+zusammengehalten von einer Spitzenschleife, die einen silbernen Pfeil
+trug. So ging sie Sonntags gekleidet und Fraeulein Raimars Vorschrift
+lautete, dass sie sich heute sonntaeglich kleiden sollten.
+
+"O Gott, wie hausbacken siehst du aus, Rosi! Als ob du in die Kirche gehen
+wolltest, so ernst und feierlich!" rief Orla. "Hast du denn nicht ein
+farbiges Band anstatt der weissen Schleife?"
+
+Sie hatte keins und jetzt half Melanie aus. Bereitwillig lieh sie Rosi
+eine ganz neue rosa Atlasschleife und freute sich herzlich, wie furchtbar
+nett sie derselben stand.
+
+"Betrachte dich nur einmal," sagte sie und hielt ihr den Handspiegel vor
+die Augen. "Nun, was meinst du dazu? Nicht wahr, jetzt siehst du nicht
+mehr aus wie {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Gottesfurcht vom Lande{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}!"
+
+"Die Schleife gefaellt mir wohl gut," meinte Rosi, "aber es ist mir ein
+peinliches Gefuehl, geliehene Sachen zu tragen."
+
+"_O sancta simplicitas!_" rief die geniale Flora. "Kind, du gehst in
+deiner Pedanterie wirklich zu weit! Unter Freundinnen herrscht Gleichheit,
+da kann von geliehenen Sachen keine Rede sein!"
+
+Und um dies Wort gleichsam zur That zu machen, griff sie in Melanies
+offenstehenden Blumenkasten, nahm eine feuerfarbene Nelke heraus und
+befestigte dieselbe an ihrem Guertel.
+
+"Du erlaubst doch, Melanie?" fragte sie so nebenhin, "die rote Farbe steht
+mir wirklich brillant!" und mit einem wohlgefaelligen Blick betrachtete sie
+sich in dem Spiegel.
+
+"Nellie und Ilse, wo bleiben sie nur?" fragte Orla.
+
+Eben traten sie ein. Beide waren geschmackvoll gekleidet. Nellie im
+schottischen Kleide, am Hals und den Aermeln mit echten Spitzen garniert,
+sah grazioes und vorteilhaft aus, ebenfalls Ilse, die ueber ihr blaues Kleid
+einen breiten Spitzenkragen gelegt hatte. Darueber trug sie die
+Korallenkette, mit welcher auch Nellie sich geschmueckt hatte.
+
+"Schnell noch diese Margueriten in dein Haar!" rief Melanie und machte
+Miene, dieselbe Ilse in ihren Locken zu befestigen. Aber die wehrte es ab.
+
+"Geh mit deinen Blumen!" entgegnete sie abwehrend, "ich mag die toten,
+nachgemachten Dinger nicht leiden!"
+
+"Wie du willst," sagte Melanie etwas schnippisch und warf die verschmaehten
+Gaensebluemchen wieder in den Kasten.
+
+Die Maedchen verliessen das Zimmer und stiegen die Treppe hinunter.
+
+"Orla ist doch die eleganteste von uns," bemerkte Melanie nicht ohne einen
+Anflug von Neid zu Nellie, und musterte die vor ihr Gehende, die
+allerdings in der blauen Samttaille und einem gleichfarbig seidenen Rocke
+hoechst vornehm erschien. "Freilich in Samt und Seide kleiden mich meine
+Eltern nicht, so reich sind wir nicht."
+
+"Thut nix!" erwiderte Nellie, "man muss mit weniges auch zufrieden sein!"
+
+"Bitte, bitte - wartet einen Augenblick!" rief es ploetzlich hinter ihnen.
+
+Annemie war es, die in voller Eile allen nachgelaufen kam. "Ich bin noch
+nicht ganz fertig," fuhr sie atemlos fort, "ich kann aber nichts dafuer!
+Als ich mein Kleid ueberzog, riss ein Band irgendwo, - nun haengt der eine
+Zipfel vom Ueberwurfe bis auf die Erde. Bitte, seht einmal nach!"
+
+Alle waren stehen geblieben und betrachteten Annemie. Nellie, praktisch
+wie immer, untersuchte gleich, wo der Schaden sass.
+
+"Komm her," sagte sie, "ich werde dir ausbessern. Aber ein Nadel und Faden
+muss ich haben, dann naehe ich dir gleich mit weniger Stich in Ordnung."
+
+"Sei nicht umstaendlich," meinte Flora. "Hier hast du eine Stecknadel,
+damit wirst du es ebenso gut machen koennen. Wie manchmal habe ich mir
+schon ein Band oder einen kleinen Riss schnell mit der Nadel gesteckt."
+
+Aber davon wollte die Englaenderin nichts wissen. Sie nahm Annemie mit in
+ihr Zimmer und naehte die wenigen Stiche.
+
+"Bitte, liebe, gute Nellie, mir ist hier am Aermel ein Endchen Spitze
+abgerissen, willst du mir nicht die gleich annaehen? Du bist auch ein
+Engel!"
+
+Nellie brachte auch diesen Schaden in Ordnung, und als sie fertig war,
+zupfte sie an Annemie hier und dort zurecht, nichts sass an der kleinen,
+runden Lachtaube, wie es sitzen musste. Die Handschuhe waren nicht
+zugeknoepft, die Halskrause sass schief und an dem halbhohen Lackschuh
+fehlte ein Knoepfchen.
+
+"Du bist aber ein sehr unordentlich' Maedchen, liebes Lachtaube," schalt
+Nellie, "aber ich kann dich nicht helfen, du musst mit deiner abgerissener
+Knopf gehen. Es schlaegt sechs, wir muessen puenktlich erscheinen."
+
+Die uebrigen Maedchen hatten an der Treppe gewartet, jetzt gingen alle
+zusammen hinunter und an der Thuer des Saales blieben sie stehen, sie
+hatten mit einem Male keinen Mut, hineinzugehen.
+
+"Ich hoere sprechen," sagte Orla gedaempft, "ich glaube, die Herren sind
+schon da."
+
+Sie legte das Ohr an die Thuer und horchte.
+
+"Wirklich, sie sind da!" bestaetigte sie.
+
+"Lass' mich durchs Schluesselloch sehen, Orla," bat die neugierige Flora
+und schob die erstere leicht beiseite.
+
+Sie beugte den Kopf, als sie das Auge an die Thuer legen wollte, packte
+Grete der Uebermut, so dass sie Flora einen Stoss gab und diese mit dem
+Haupte gegen die Thuer flog. Das war ein Schreck! Wie der Wind flogen alle
+bis an das andre Ende des Vorsaals, - wenn Fraeulein Raimar das Geraeusch
+gehoert haette! "Dann sind wir einfach furchtbar blamiert," erklaerte Melanie
+und schalt Grete albern und ungezogen.
+
+"Du bist ein Tollpatsch, Grete, im hoechsten Grade ungebildet!" sagte Flora
+entruestet, und Annemie lachte, dass ihr die hellen Thraenen ueber die Wangen
+liefen.
+
+"Sei mir nicht boese, dass ich dich auslache, Flora," sagte diese, "aber ich
+kann nicht anders. Du sahest zu komisch aus und machtest ein so entsetztes
+Gesicht, als du mit deinem griechisch frisierten Kopf gegen die Thuer
+flogst."
+
+Fraeulein Raimar hatte wirklich ein Klopfen an der Thuer vernommen, sie
+oeffnete dieselbe, und als sie die Maedchen stehen sah, rief sie ihnen zu,
+sich zu beeilen.
+
+Das war ein kritischer Moment. Unbemerkt stiessen sie sich untereinander an
+und stritten sich leise, wer die erste sein solle.
+
+"Du musst vorangehen, Orla, du bist die aelteste," fluesterte Ilse.
+
+"Ich bin die juengste, ich komme zuletzt!" rief Grete, die sonst immer mit
+ihrem Munde die erste war.
+
+"Lass mich die letzte sein, Grete," bat Annemie, "ich habe mich noch nicht
+ausgelacht."
+
+Rosi war die verstaendige, wie immer. "Komm, Orla," sagte sie, "wir duerfen
+Fraeulein Raimar nicht warten lassen. Wir benehmen uns ueberhaupt hoechst
+kindisch, finde ich. An allem ist Gretes Albernheit schuld."
+
+Das gute Beispiel der beiden Aeltesten wirkte wohlthuend auf die uebrigen.
+Sie nahmen sich zusammen und gingen ruhig und ernst in den Saal.
+
+"Meine Damen, erlauben Sie, dass ich Ihnen die Herren vorstelle," mit
+diesen Worten empfing sie der Tanzlehrer. Es folgten Verbeugungen von
+beiden Seiten.
+
+Flora schwamm in Seligkeit, sie hatte unter den Herren einen Primaner
+erkannt, fuer den sie bereits laengst im Geheimen schwaermte. Erst kuerzlich
+hatte sie ihn als Apoll in Jamben besungen.
+
+Fraeulein Guessow stand neben der Vorsteherin und hatte ihre Freude an den
+jungen Maedchenblueten. An Ilse hing ihr Auge am zaertlichsten. Wie reizend
+hatte sich ihr Liebling entfaltet! Koerperlich und seelisch. Wie viel
+gleichmaessiger war das stuermische Kind geworden. Wo war der boese Trotz
+geblieben?
+
+Sie verglich Ilse mit den uebrigen und fand, dass sie nicht allein die
+huebscheste, sondern auch weit natuerlicher und unbefangener war, als die
+meisten andern. Keine Spur von Koketterie aeusserte sich in ihrem Wesen,
+frei und froehlich blickte sie mit den grossen Kinderaugen in die Welt und
+schien die glueckliche Frage auszusprechen: "Liebe Welt, bist du immer so
+schoen?"
+
+Melanies Zuege waren regelmaessiger, aber laengst nicht so unbewusst lieblich,
+man merkte dem huebschen Maedchen an, dass sie schon gar zu oft den Spiegel
+um seine Meinung befragte.
+
+Flora und Melanie standen beisammen und machten ihre Bemerkungen ueber die
+Herren, zu denen sie verstohlen hinueber schielten. Natuerlich gaben sie
+sich den Schein, als ob sie sich gar nicht um dieselben kuemmerten.
+
+Orla war aufrichtiger. Sie hatte den Klemmer auf die Nase gesetzt und
+betrachtete die Juenglinge ganz ungeniert. Spaeter erhielt sie einen Tadel
+deswegen von der Vorsteherin.
+
+Grete und Annemie hatten sich in eine Fensternische gesetzt und kicherten
+und schwatzten das dummste Zeug. Sogar Nellie war nicht ganz frei von
+einer harmlosen Gefallsucht. Sie hatte sich so zu setzen gewusst, dass ihr
+kleiner, schmaler Fuss im Goldkaeferstiefel wie absichtslos unter ihrem
+Kleide hervorsah. Rosi war natuerlich weder kokett, noch empfand sie die
+geringste Erregung. Ruhig und freundlich, wie immer, sass sie da, und so
+tadellos gerade hielt sie sich, dass sie auch in der Tanzstunde das
+Musterkind fuer die andern war.
+
+"Anfangen!" rief der Tanzlehrer und klatschte in die Haende.
+
+Und das Orchester, das aus einem Klavier und einer Geige bestand, begann.
+
+Wie herrlich klang die Musik den jungen, unverwoehnten Ohren, wie
+"furchtbar entzueckend" fanden sie die Walzerklaenge. -
+
+"Bitte die Herren, sich zu engagieren!" kommandierte der Tanzlehrer, und
+wie von einem Zauberstabe beruehrt stuerzten die tanzlustigen Juenglinge auf
+die Dame zu, die sich ein jeder bereits still und verschwiegen als Ziel
+seiner Wuensche ausgesucht hatte.
+
+Vor der blendenden Melanie verbeugten sich zugleich drei Herren. Welch ein
+Triumph fuer ihr eitles Herz! - Leider konnte sie nicht mit allen dreien
+auf einmal tanzen und musste sich mit der Genugthuung begnuegen, dass alle
+Anwesende doch sicher diese Auszeichnung bemerkt hatten. - Alle wohl
+nicht, aber Flora und Grete hatten sie bemerkt und mussten die schmerzliche
+Erfahrung machen, dass die Verschmaehten zu ihnen kamen, um sie zu erloesen.
+Sie waren von all den jungen Damen die allein Uebriggebliebenen. Flora
+fuehlte sich besonders tief gekraenkt und mit neidischen Blicken folgte sie
+Ilse, die eben mit "Apoll" an ihr vorueberwalzte.
+
+Recht lebhaft war die Unterhaltung am ersten Herrenabend nicht. Die
+Gegenwart der Vorsteherin, ihre beobachtenden Blicke legten einigen Zwang
+auf. Nellie, die sich sehr zusammennahm, um ja keinen Sprachfehler zu
+machen, war ganz besonders schweigsam, und einige Male, als sie angeredet
+wurde und sich recht gewaehlt ausdruecken wollte, brachte sie die
+drolligsten Dinge zum Vorschein.
+
+Ein junger Mann erzaehlte ihr, dass er in einigen Jahren, wenn er
+ausstudiert habe, nach England gehen werde. "Werden Sie dort verstaendig
+(bestaendig, meinte sie) sein?" fragte sie. - Ein andrer fragte, ob sie
+gern in Deutschland weile. "O ja, ich bin ganz verliebt in der Deutsche!"
+gab sie freudig zur Antwort.
+
+Aber Nellie konnte nie missverstanden werden. Ihre kindliche Naivetaet nahm
+sofort alle Herzen fuer sie ein. Die jungen Herren waren denn auch saemtlich
+entzueckt von der jungen Englaenderin, und da sie obenein sehr gut tanzte,
+wurde sie bald zum allgemeinen Liebling erkoren.
+
+Grete wurde ihre schweigsame Zurueckhaltung aeusserst sauer, verschiedene
+Male fiel sie aus der Rolle. Einmal ertappte sie Orla, die gerade hinter
+ihr stand, auf einer argen Indiskretion.
+
+"Wie heisst die junge Dame mit den Locken?" wurde sie von ihrem Tanzherrn
+gefragt.
+
+"Das ist Ilse Macket," gab Grete schnell zur Antwort. Und nun fing sie an,
+ausfuehrlich ueber dieselbe zu berichten. "Sie ist erst seit Juli hier,"
+fuhr sie fort und der Mund ging ihr wie eine Plappermuehle, "ihr Vater
+brachte sie hierher. Sie ist naemlich weit her, aus Pommern, und, denken
+Sie sich, sie hatte ihren Hund mitgebracht und wollte ihn durchaus mit in
+die Pension nehmen! Natuerlich Fraeulein Raimar erlaubte es ihr nicht. Ach,
+und ungeschickt war sie! Kein Mensch kann sich davon einen Begriff machen.
+Einmal hat sie einen ganzen Stoss Teller -"
+
+"Grete," unterbrach Orla ihren Redefluss, "du verlierst eine Nadel. Tritt
+einen Augenblick mit mir zur Seite, damit ich sie wieder befestige."
+
+"Wie ungezogen, wie abscheulich von dir!" schalt Orla, indem sie sich
+scheinbar an Gretes Kragen zu schassen machte. "Warum blamierst du Ilse
+so? - Du siehst den Herrn heute zum ersten Male und machst ihn sofort zum
+Mitwisser unsrer Pensionsgeheimnisse! Moechtest du denn, dass die arme Ilse
+verspottet wuerde?"
+
+Grete erschrak. Daran hatte sie gar nicht gedacht! Die Schwatzhaftigkeit
+war wieder einmal mit ihr durchgegangen und hatte ihr einen boesen Streich
+gespielt.
+
+Hoechst betruebt und niedergeschlagen trat sie wieder in die Reihe der
+Tanzenden. Sie fasste auch den festen Entschluss, in Zukunft vorsichtiger zu
+sein, aber wie lange! Es ist so schwer, eine lebhafte Zunge zu zuegeln!
+
+Doch es liegt nicht in meiner Absicht, die Tanzstundenereignisse genau und
+ausfuehrlich zu schildern. Ich nehme an, meine Backfischchen, denen ich
+meine Erzaehlung widme, haben die Leiden und Freuden derselben aus eigener
+Erfahrung bereits kennen gelernt. Es ist immer dasselbe. Harmlose
+Koketterien, kleine Eifersuechteleien, ein wenig Neid, schwaermerische
+Verehrung, etwas Courschneiderei, zuweilen auch Klatscherei - u. s. w.
+Dazu noch die kleinen Aufmerksamkeiten, die hinter den Kulissen spielen,
+z. B. Fensterparaden, duftige Blumenspenden, manchmal sogar eine
+gemeinsame Schlittschuhpartie auf dem Eise.
+
+Die letztgenannten Aufmerksamkeiten waren natuerlich vollstaendig
+ausgeschlossen in der Pension. Fraeulein Raimar wuerde dieselben nicht
+geduldet haben. Streng hielt sie darauf, dass ausser den Tanzstunden nicht
+die geringste Annaeherung mit den Herren stattfand. In diesem Punkte kannte
+sie keine Nachsicht.
+
+Schon in hoechstem Grade unangenehm war es ihr, dass die jungen Leute sich
+herausnahmen, ihre taeglichen Spaziergaenge mit den Zoeglingen zu
+durchkreuzen und gruessend an ihnen vorueberzuschreiten. Es war ihr geradezu
+unbegreiflich, wie sie es herausbrachten, welchen Weg sie waehlte. Denn
+wenn sie ihre junge Schar heute durch den Park - morgen in dieses Thal -
+uebermorgen ueber jenen Berg fuehrte, immer konnte sie ueberzeugt sein, die
+roten Primanermuetzen auftauchen zu sehen - sie konnte ihnen nicht
+entgehen. Die Loesung dieses Raetsels war einfach genug, der Verrat wurde
+durch die Tagesschuelerinnen ausgefuehrt. Sie waren die Vermittlerinnen
+zwischen ihren Bruedern, Vettern oder Bekannten und den Pensionaerinnen. Sie
+schmuggelten Gruesse, Gedichte, sogar Photographien ein und Flora benutzte
+diesen Weg, ihr Album den Herren zuzusenden mit der Bitte, ein
+selbstverfasstes Gedicht hineinzuschreiben.
+
+Eines Tages, es war so ziemlich gegen den Schluss der Tanzstunden, erhielt
+Nellie nach dem Schulunterricht ein kleines Billet zugesteckt. Sie ging
+auf ihr Zimmer, wo Ilse anwesend war, und oeffnete dasselbe.
+
+"Wie albern!" rief sie hocherroetend aus, als sie die wenigen Zeilen
+gelesen hatte. "Wie kann der einfaeltige Mensch sich so dreist gegen mir
+benehmen! Ich habe ihm nie Ursach' zu so grosse Dreistigkeit gegeben!" Und
+sie zerriss die Zeilen.
+
+Ehe noch Ilse ihre Meinung aussprechen konnte, kam Melanie hereingestuerzt,
+strahlend vor Eitelkeit und Freude.
+
+"Kinder!" rief sie mit ihrer lispelnden Stimme, "ich muss euch etwas
+mitteilen! Aber verratet mich nicht! Schwoert, dass ihr niemand etwas sagen
+werdet! Du auch, Grete," wandte sie sich an die eintretende Schwester.
+
+Natuerlich wartete sie in ihrer Erregung den Schwur gar nicht ab, sondern
+geheimnisvoll die Thuer verriegelnd zog sie ein kleines Briefchen aus ihrer
+Kleidertasche und begann vorzulesen.
+
+
+
+
+
+
+"Mein gnaediges Fraeulein!
+
+Sie wuerden mich zu dem gluecklichsten aller Sterblichen machen, wenn Sie
+mir Ihre Photographie verehrten! - Meine Bitte ist kuehn, ich weiss es, aber
+Sie werden mir diese Kuehnheit grossmuetig verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe,
+dass es mein gluehendster Wunsch ist, Ihre wunderbar klassischen Zuege
+taeglich, stuendlich sehen und anbeten zu koennen.
+
+Darf ich auf Ihre Gnade hoffen?
+
+ _Georg Breitner_."
+
+
+
+
+
+
+Nellie hatte die Papierstueckchen von der Erde aufgenommen und dieselben so
+ziemlich wieder zusammengesetzt auf ihrer Kommode. Nun las sie die Zeilen
+vor. Sie waren von demselben Verfasser und enthielten die gleiche Bitte,
+nur waren die Worte ein wenig anders gesetzt, auch nannte er Nellies Zuege
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} anstatt {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}klassisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}.
+
+Sie wurde doch etwas herabgestimmt bei dieser Entdeckung, die
+siegesstrahlende Melanie! Einen Augenblick schwieg sie und sah Nellie an.
+
+"Was thun wir, Nellie?" fragte sie dann, "wir koennen doch Herrn Breitner
+die Bitte nicht abschlagen!"
+
+"Du darfst dein Bild nicht geben!" platzte Grete, die nebenbei etwas Neid
+gegen die weit huebschere Schwester empfand, heraus. "Auf keinen Fall, oder
+ich schreibe es dem Papa!"
+
+"Dich habe ich nicht um deine Meinung gefragt!" gab Melanie kurz zur
+Antwort. "Nellie, was sagst du?"
+
+"Aber, Melanie!" rief Ilse ganz erregt, "wie kannst du nur einen
+Augenblick im Zweifel sein! Du wirst doch wahrhaftig dein Bild nicht an
+einen Herrn verschenken, der dir eigentlich ganz fremd und noch kein
+ordentlicher Herr ist! Er will dich zum Narren halten, weiter nichts!"
+
+"Du schwatzest geradezu Unsinn, liebe Einfalt vom Lande!" entgegnete
+Melanie gereizt. "Was verstehst du denn unter {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ordentliche Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}?"
+
+"Solche, die nicht mehr in die Schule gehen und auf Schulbaenken sitzen!"
+erklaerte Ilse. "Herr Georg Breitner wird dein Bild mit in die Klasse
+nehmen und die {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Herren{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Schueler werden es bewundern. Dann bist du
+furchtbar blamiert!"
+
+"Nellie, du bist ja so still!" wandte sich Melanie etwas kleinlauter als
+vorhin an diese, "sage doch, was wir thun sollen!"
+
+"O gar nix!" entgegnete dieselbe trocken, "wir werden thun, als ob wir der
+dumm' Brief nicht bekommen haben."
+
+"Und wenn er fragt? Was sagen wir dann, Nellie?"
+
+"O, auch nix. Wir zucken mit die Schulter und schweigen. Das nennt man in
+Deutsch: Mit Nichtachtung verstrafen!"
+
+Einverstanden war Melanie durchaus nicht mit dieser Entscheidung, sie
+haette so gern ihr "klassisches Konterfei" vergeben, trotzdem musste sie
+sich der Notwendigkeit fuegen. Warum musste er auch noch um Nellies
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}liebreizendes Bild{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bitten?
+
+"Ihr habt furchtbar oede Ansichten!" sagte sie spottend und verliess das
+Zimmer.
+
+ * * *
+
+Die Tanzstunde nahte ihrem Ende. "Leider!" seufzten die jungen Leute.
+Fraeulein Raimar indes atmete auf, denn wenn sie auch der Jugend gern
+froehliche Stunden bereitete, so sehnte sie doch wieder Ruhe und
+Gleichmaessigkeit zurueck, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, dass durch
+die Zerstreuung stets der rechte Ernst zum Lernen etwas abhanden kam.
+
+Den Schluss und Glanzpunkt bildete alljaehrlich ein kleiner Ball, und
+morgen, am Sonnabend, sollte derselbe stattfinden.
+
+Die Benennung "Ball" klingt eigentlich zu hoch fuer das kleine Fest. Es
+wurden noch einige Gaeste geladen, das Orchester schwang sich zu einer
+zweiten Geige auf, dem Thee nebst belegten Butterbroten folgte eine
+leichte Bowle mit Pfannkuchen, und die jungen Maedchen zogen ihre besten
+Kleider an. Das war alles!
+
+Aber der grosse Saal erhielt ein festliches Ansehen, dafuer trug stets
+Fraeulein Raimar Sorge. Sie liebte es, den Schoenheitssinn ihrer jungen
+Zoeglinge zu wecken, damit dieselben spaeterhin imstande seien, mit wenigen
+Mitteln auch dem einfachsten Feste ein kuenstlerisches Ansehen zu geben.
+
+Soeben stand sie neben dem Gaertner und ordnete an, wie er die Tannen, die
+er am Morgen aus dem Walde geholt, mit bluehenden Topfgewaechsen zu
+lauschigen Ecken und Plaetzen gruppieren solle. Als das geschehen war,
+musste er Konsolen von rotem Thone zwischen verschiedenen Wandleuchtern
+befestigen, - ueppige Schlingpflanzen wurden darauf gestellt und fielen
+anmutig herab. Auch der altmodische Kronleuchter, geformt wie eine
+bronzene Schale mit Lichterarmen, erhielt seinen gruenen Schmuck. Es wurde
+eine Schlingpflanze in die Schale gestellt, so dass die gruenen Ranken
+zwischen den Armen herabfielen. Am Abend, wenn die Kerzen brannten, machte
+dieser einfache Schmuck einen reizend malerischen Eindruck.
+
+Als alles fertig war, uebersah die Vorsteherin noch einmal den Saal, und
+recht befriedigt verliess sie denselben.
+
+Die jungen Maedchen waren natuerlich in grosser Aufregung. Es war der erste
+Ball, der ihnen bevorstand, und dieses wichtige Ereignis nahm all ihre
+Gedanken in Anspruch. Einige betrachteten wieder und wieder die duftigen
+Kleider, andre versuchten besondere Haartrachten, so Flora, die eine
+Passion dafuer hatte, wieder andre probierten die Kleider an, der
+Sicherheit wegen, wie Nellie meinte, die soeben mit Ilse die
+Weihnachtskleider von der Schneiderin erhalten hatte. Gerade als beide
+angekleidet dastanden, kam Lilli hereingejubelt.
+
+"Ich geh mit auf euren Ball!" rief sie, "das Fraeulein hat es mir erlaubt.
+Und mein neues, weisses Kleiderl zieh ich an und die rote Atlasschaerpe
+bind' ich um, - und ich darf halt mittanzen! Ich freu mich halt zu sehr
+auf morgen!"
+
+Und sie fasste mit beiden Haendchen an ihre Schuerze und tanzte zierlich und
+grazioes durch das Zimmer.
+
+Es war schon ziemlich dunkel, und die Kleine hatte nicht bemerkt, wie
+geputzt Nellie und Ilse waren. Als die erstere Licht anzuendete, blieb sie
+ploetzlich ueberrascht stehen und sah erstaunt von einer zur andern.
+
+"Wie schoen schaut ihr aus!" rief sie bewundernd und mit gefaltenen Haenden,
+und fast andaechtig sah sie die beiden Maedchen an.
+
+"Weisst, Ilse," fuhr sie lebhaft fort, "du schaust aus gerad wie des
+Kaisers Tochter! Ich fuehr' dich morgen in den Saal - bitt' schoen!"
+
+Ilse nahm ihren Liebling zaertlich in den Arm und kuesste ihn herzhaft auf
+den Mund. "Du bist ja so heiss, Lilli," sagte sie und befuehlte Stirn und
+Wange des Kindes. "Fehlt dir etwas?"
+
+"Der Kopf thut mir halt a bissel weh," entgegnete Lilli, "aber gar nit
+viel, - gewiss nit," beteuerte sie, als Ilse sie besorgt ansah. "Morgen
+thut er nit mehr weh, - morgen geh ich ganz gewiss auf den Ball! Du gehst
+auch mit," sagte sie zu ihrer Puppe, die nach ihrer Geberin, Ilse, getauft
+war. "Aber artig musst halt sein, sonst wirst in dein Bett gesteckt!" -
+
+ "Doch mit des Geschickes Maechten
+ Ist kein ew'ger Bund zu flechten
+ Und das Unglueck schreitet schnell."
+
+Acht Tage spaeter schrieb Flora diese inhaltschweren Worte in ihr
+Tagebuch. -
+
+Am andern Morgen lag Lilli heftig fiebernd in ihrem Bette. Der
+herbeigerufene Arzt machte ein ernstes Gesicht. "Sie hat starkes Fieber,"
+sagte er und verordnete Eisumschlaege auf den Kopf, die jede halbe Stunde
+gewechselt werden mussten. Das lebhafte Kind lag still und teilnahmlos da.
+
+Fraeulein Guessow sass recht sorgenvoll an Lillis Bett, die eben etwas
+eingeschlummert war. Die Vorsteherin beruhigte sie und meinte, dass Lillis
+ganze Krankheit ein heftiges Schnupfenfieber sein werde, sie habe bei
+Kindern oftmals aehnliche Faelle erlebt.
+
+Die junge Lehrerin schuettelte unglaeubig den Kopf. "Wenn nur der Ball heute
+abend nicht waere!" sprach sie seufzend. "Der Laerm im Hause und das kranke
+Kind - es will mir nicht in den Kopf! - Wenn wir ihn hinausschoeben,
+Fraeulein?"
+
+"Sie sehen zu schwarz, liebe Freundin," entgegnete die Vorsteherin. "Der
+Laerm wird Lilli nicht stoeren, wie sollte er aus dem Vorderhause bis
+hierher in Ihr stilles Zimmer dringen? Bedenken Sie, wie sehr sich die
+Kinder auf den heutigen Abend gefreut haben; wie grausam waere es, wollten
+wir ihre Freude zerstoeren! Noch sehe ich keine Gefahr und wir koennen
+unbesorgt den Ball stattfinden lassen."
+
+"Ball!" wiederholte Lilli, die erwacht war und das Wort gehoert hatte; "ich
+will tanzen! Zieh mich an, Fraeulein! Bitt schoen, lass mich tanzen!"
+
+Fraeulein Guessow warf der Vorsteherin einen verstaendnisvollen Blick zu,
+jetzt musste dieselbe sich doch ueberzeugen, wie krank die Kleine war, - sie
+phantasierte.
+
+Aber Fraeulein Raimar war nicht ueberzeugt und auch nicht erschrocken. Sie
+trat zu Lilli an das Bett und ergriff deren Hand.
+
+"Es ist ja noch heller Tag, Lilli," sagte sie freundlich; "siehst du
+nicht, wie die Sonne scheint? Heute abend sollst du tanzen, jetzt ist es
+noch viel zu frueh. Lege dich nieder und schlafe noch etwas; wenn du
+aufwachst, bist du gesund und ziehst dein gesticktes Kleid an."
+
+"Die liebe Sonn scheint," wiederholte das Kind, wie aus einem Traume
+erwachend, und sah mit mueden Augen zum Fenster hinaus. Dann legte sie die
+Hand gegen die Stirn und sagte leise: "Ach Gotterl, Fraeulein, mir thut der
+Kopf halt so weh!"
+
+"Das wird sich geben, mein Herz. Nimm nur recht artig deine Medizin ein."
+
+Sie kuesste Lilli und versicherte der sehr geaengstigten Lehrerin, das
+Phantasieren der kleinen Kranken habe nichts zu bedeuten, bei lebhaften
+Kindern stelle sich dasselbe bei einem harmlosen Schnupfenfieber ein. Und
+mit diesem aufrichtig gemeinten Troste verliess sie das Zimmer.
+
+Es schien, als habe sie wahr gesprochen. Gegen Mittag schlief Lilli ein.
+Das Fieber hatte etwas nachgelassen und Fraeulein Guessow atmete erleichtert
+auf. Als Ilse kam und teilnehmend mit trauriger Miene nach Lillis Befinden
+fragte, winkte sie derselben freudig zu und fluesterte: "Sie schlaeft, - es
+scheint eine Besserung eingetreten zu sein."
+
+Ilse teilte sofort diese gute Nachricht den Freundinnen, die schon in
+aengstlicher Sorge um den kleinen Liebling waren, mit, und brachte sie alle
+wieder in froehliche Stimmung. Nur Flora blieb bei ihren duesteren
+Prophezeiungen.
+
+"Meine ahnungsvolle Stimme taeuscht mich nicht, ich fuehle es, der Tod wird
+diese zarte Knospe brechen," sagte sie in tragischem Tone und probierte
+dabei ihre neuen Ballschuhe an, streckte den Fuss weit von sich und
+bewunderte mit sehr befriedigter Miene die zierliche, elegante Form des
+Schuhes. Es war ihr wenig ernst mit ihren duestern Ahnungen!
+
+Lillis Besserung war leider nur truegerisch gewesen. Waehrend die jungen
+Maedchen heiter und gluecklich Toilette zum froehlichen Feste machten, lag
+sie im heftigsten Fieber.
+
+Fraeulein Guessow wich nicht von ihrem Bette und erklaerte mit aller
+Bestimmtheit, dass sie diesen Platz nicht verlassen werde. Auf Fraeulein
+Raimars Wunsch wurde die Verschlimmerung der Krankheit vorlaeufig geheim
+gehalten; sie mochte keinen Missklang in die unbefangene Freude ihrer
+Zoeglinge bringen, musste sie sich doch bei ruhiger Ueberzeugung sagen, dass
+nichts damit gebessert werde. - So blieb denn die junge Lehrerin allein im
+Krankenzimmer. Sie hoerte das unruhige Getappel im Vorderhause; dann und
+wann schlug wohl ein froehliches Lachen an ihr Ohr - und endlich vernahm
+sie die gedaempften Toene der Polonaise.
+
+"Ilse, komm!" rief Lilli ploetzlich und Fraeulein Guessow fuhr erschreckt
+zusammen. "Ilse, bitt, bitt schoen, komm! Ich fuehr dich in den Saal, komm!"
+- Hoch hatte sie sich im Bett aufgestellt und machte alle Anstrengungen,
+aus demselben zu springen.
+
+Fraeulein Guessow legte den Arm um das fiebernde Kind und versuchte es
+niederzulegen, aber Lilli stiess sie von sich.
+
+"Geh fort!" rief sie; "du bist nit des Kaisers Tochter, du hast kein
+schoenes Kleiderl an! - Ilse! Ilse komm!"
+
+Angstvoll und gellend stiess sie ihre Worte heraus und mit starren Augen
+blickte sie ihre Pflegerin an.
+
+"Wenn du ruhig bist, wird Ilse kommen," sagte dieselbe mit zitternder
+Stimme, die Angst schnuerte ihr fast die Kehle zu. "Sei ruhig, mein
+Liebling, willst du? Lege dich nieder - ganz still - so." Und sie bettete
+mit sanfter Gewalt die immer noch aufrechtstehende Lilli in die Kissen.
+
+"Ganz still," wiederholte das Kind mechanisch; "Ilse komm, - ganz still!"
+
+Fraeulein Guessow zog an der Klingelschnur, und nach einiger Zeit
+aengstlichen Harrens erschien die Koechin. Sie war die einzige, welche die
+Glocke vernommen hatte, die beiden andern Dienstboten waren im Vorderhause
+beschaeftigt.
+
+"Rufe sofort Fraeulein Ilse," gebot sie mit halblauter Stimme, "und dann
+hole den Arzt. Das Kind ist sehr krank. Aber still und ohne Aufsehen,
+Baerbchen, niemand darf es wissen."
+
+"Aber wenn mich Fraeulein Raimar fragen sollte," wandte die etwas
+schwerfaellige Koechin ein, "dann muss ich es ihr sagen, nicht?"
+
+"Sie wird dich nicht fragen, wenn du deine Sache klug machst. Eile dich
+nur, ich bitte dich!"
+
+Der Zufall kam Baerbchen zu Hilfe. Gerade als sie sich dem Saale naeherte,
+traten Ilse und Nellie lachend und plaudernd, mit ganz erhitzten Wangen,
+Arm in Arm, aus der Thuer desselben.
+
+Geheimnisvoll winkte ihnen die Koechin zu. "Fraeulein Ilschen," sagte sie,
+"Sie moechten gleich zu Fraeulein Guessow kommen!"
+
+"Es ist doch nichts passiert, Baerbchen?" fragten beide Maedchen fast
+zugleich.
+
+"O nein, passiert gerade nichts, aber das Kind ist kraenker geworden, ich
+soll gleich den Doktor holen. Es soll aber niemand etwas wissen. Sie
+brauchen keine Angst zu haben, Fraeuleinchens," beruhigte sie, als sie die
+erschrockenen Gesichter vor sich sah, "so schnell geht das nicht mit so
+kleinen Kindern. Krank - tot - gesund - man weiss nicht, woher es kommt!
+Aber nun will ich laufen!" Und wie der Wind war sie die Treppe hinunter
+und zum Hause hinaus.
+
+"Ich gehe mit dich," sagte Nellie, aber Ilse wehrte ihr ab.
+
+"Du musst in den Saal zurueckkehren, Nellie," erklaerte Ilse entschieden, "es
+wuerde Aufsehen erregen, wenn wir beide fehlten. Ich gehe allein und bringe
+dir bald Bescheid."
+
+Traurig sah Nellie der Freundin nach, dann kehrte sie zurueck in den
+hellerleuchteten Saal. Schwer legte es sich auf ihr Herz, als sie ringsum
+nur glueckliche, froehliche Menschen sah - unwillkuerlich fuellte sich ihr
+Auge mit Thraenen.
+
+Aber ihr betruebtes Gesicht durfte niemand sehen, sie trat deshalb
+unbeachtet hinter eine Tannengruppe.
+
+Einer indes hatte sie doch beachtet und das war Doktor Althoff. Als er sie
+mit so ernstem Gesicht eintreten und gleich darauf verschwinden sah,
+naeherte er sich ihr langsam.
+
+"Weshalb suchen Sie die Einsamkeit, Miss Nellie?" fragte er herzlich.
+"Haben Sie Kummer?"
+
+"O Herr Doktor, ich aengstige mir so um das Kind! Baerbchen hat Ilse gerufen
+und holt jetzt der Arzt!" Und Nellies sonst so froehliche Augen blickten in
+Angst und Trauer den jungen Mann an.
+
+Doktor Althoff hatte sie nie so lieblich gesehen als in diesem
+Augenblicke.
+
+Die schelmische, lustige Nellie in dem duftigen, hellblauen Kleide, den
+Kranz von Tausendschoen im goldblonden Haar, hatte ihn schon den ganzen
+Abend erfreut, die trauernde Nellie, die ein so warmes Mitgefuehl verriet,
+entzueckte ihn geradezu.
+
+"Beruhigen Sie sich," troestete er, "ich werde sofort in das Krankenzimmer
+gehen und verspreche Ihnen, Sie zu benachrichtigen, wie es dort steht."
+
+Als er die Thuer desselben nach leisem Anklopfen oeffnete, bot sich ihm ein
+ruehrender Anblick dar. Ilse kniete an dem Bett und hatte ihr Haupt dicht
+neben Lillis Koepfchen gelegt, so dass ihre braunen Locken sich mit den
+lichtblonden des Kindes mischten. Eine frische, rote Rose, der einzige
+Schmuck, den sie heute abend getragen, hatte sich aus ihrem Haar geloest
+und lag halb entblaettert auf dem Boden. Fraeulein Guessow legte soeben einen
+neuen Eisumschlag auf der Kranken gluehende Stirn.
+
+Doktor Althoff fragte nicht, - ein Blick auf die kleine Kranke sagte ihm
+alles. Gross und fremd sah sie ihn an, ihre Haendchen zuckten und griffen
+unruhig in die leere Luft. Als Ilse sich erheben wollte, klammerte sie
+sich fest an sie.
+
+"Du sollst nit fortgehn, du bist des Kaisers Tochter!" stiess sie in
+abgerissenen Saetzen heraus, "du bist die Schoenste! - Tanz mit mir - komm!"
+
+Ploetzlich sprangen ihre Phantasien davon ab, und sie sah Ilse fuer das
+Christkind an.
+
+"Du liebes Christkindl hast ein goldenes Kleiderl an, - und ein Kronerl
+tragst auf dem Kopf - ah, wie das strahlt! Du willst mit mir spielen,"
+fuhr sie geheimnisvoll laechelnd fort, "wart nur, ich komm zu dir, zu den
+lieben Engelein! - Ich komm - nimm mich mit!"
+
+Ermattet sank sie nach diesem Anfall in die Kissen zurueck.
+
+Ilse war wie gelaehmt vor Schreck. Niemals zuvor hatte sie an dem Lager
+eines Schwererkrankten gestanden, es war daher natuerlich, dass sie ganz
+fassungslos war. Sie umklammerte Fraeulein Guessow und wurde totenblass, ohne
+ein Wort ueber die bebenden Lippen zu bringen.
+
+"Kehren Sie in den Saal zurueck, Ilse," riet Doktor Althoff und ergriff
+ihre Hand. "Kommen Sie, ich werde Sie fuehren."
+
+Aber sie schuettelte den Kopf. "Ich bleibe hier," sagte sie leise aber
+fest, "ich verlasse Lilli nicht."
+
+Und wie auch die Strauss'schen Klaenge der blauen Donau schmeichelnd und
+verlockend durch die Nacht in das stille Krankenzimmer drangen, Ilse
+dachte nicht daran, zur Lust und Freude zurueckzukehren. Ihre ganze Seele
+war von den Leiden ihres Lieblings erfuellt.
+
+Nur wenige Augenblicke lag Lilli still und mit geschlossenen Augen da,
+dann fing sie von neuem weit heftiger an zu phantasieren. Bald rief sie
+nach Ilse, um mit ihr zu tanzen, bald wollte sie mit dem Christkindl
+spielen, zuletzt fing sie an, mit leiser, matter Stimme zu singen: "Kommt
+a Vogerl geflogen -"
+
+Wie klang heute des Kindes Lied so weh und traurig! Ilse musste sich
+abwenden, heisse Thraenen rannen ueber ihre Wangen, es war, als muesse ihr das
+Herz zerspringen.
+
+"Ich befuerchte das Schlimmste!" sprach Fraeulein Guessow tief ergriffen.
+"Wenn nur der Arzt kaeme!"
+
+Nach kurzer Zeit, die den Wartenden eine Ewigkeit duenkte, trat derselbe
+ein. Sein Blick fiel auf das Kind, und er erschrak. Wie hatte es sich
+veraendert, seitdem er es verlassen, was war seit gestern aus dem
+bluehenden, lebensfrohen Wesen geworden! Die runden Wangen waren
+eingefallen und die grossen, schwarzen Augen starrten wie abwesend in die
+leere Luft. Er nahm ihre Hand und fuehlte nach ihrem Puls, - sie merkte
+nichts davon, leise fing sie wieder an zu singen: "Und es kuemmert sich ka
+Hunderl -"
+
+"Au, au!" schrie sie ploetzlich auf und griff nach ihrem Kopfe. "Das
+Katzerl beisst mich! Nimm es weg, Fraeulein! Au weh!"
+
+Der Arzt ruehrte ein Pulver in ein Glas Wasser und reichte es ihr. Nur
+muehsam war ihr dasselbe beizubringen und erst auf Ilses sanftes Zureden
+oeffnete sie die Lippen. Nachdem sie getrunken, wurde sie ruhiger und
+verfiel in einen Halbschlummer.
+
+"Wo wohnen die Eltern der Kleinen?" wandte der Arzt sich an Fraeulein
+Guessow. "Ich rate, dieselben unverzueglich von der Krankheit zu
+benachrichtigen. Ich kann fuer den Ausgang nicht stehen. - Wir haben es mit
+einer boesartigen Gehirnentzuendung zu thun."
+
+"Nur die Mutter lebt," nahm Doktor Althoff das Wort und erbot sich, sofort
+ein Telegramm an dieselbe abgehen zu lassen. Nach seiner Berechnung konnte
+sie schon am Abend des naechsten Tages eintreffen.
+
+Bevor er das Haus verliess, kehrte er noch einmal in den Saal zurueck, um
+die Vorsteherin mit dem Ausspruch des Arztes bekannt zu machen. Nellie,
+die gerade mit Georg Brenner Francaise tanzte und nicht aus der Reihe
+treten konnte, warf einen aengstlich fragenden Blick auf ihn, fluechtig nur
+streifte sie sein Auge, und doch erriet sie, dass er nichts Gutes zu melden
+habe. O, waere nur der Tanz erst zu Ende, dass sie ihn fragen koennte! Aber
+er wartete nicht darauf, nach wenigen Minuten verliess er schon wieder den
+Saal und liess Nellie in den peinlichsten Zweifeln zurueck. War es schlimmer
+geworden? Der Vorsteherin ruhiges Gesicht gab ihr keine Antwort auf ihre
+Frage. Es lag dasselbe wohlwollende Laecheln auf demselben wie zuvor. Sie
+unterhielt sich mit einigen Gaesten ohne jede sichtbare Erregung.
+
+Und doch war sie bis in das Innerste erregt. Aber sie verstand die seltene
+Kunst, sich meisterhaft zu beherrschen. Warum sollte sie ploetzlich Schreck
+und Aufregung in die Freude bringen? In einer Viertelstunde war der Tanz
+vorueber, dann sollten die jungen Maedchen sich niederlegen, ohne zu
+erfahren, wie es mit der Kranken stand. Die Jugend bedarf des Schlafes,
+sagte sie sich, besonders nach einer halb durchtanzten Nacht.
+Verschlimmerte sich Lillis Zustand, so erfuhren sie diese traurige
+Botschaft am Morgen noch frueh genug.
+
+Ilses Verschwinden, das allgemein bemerkt wurde, hatte Nellie auf ihre Art
+entschuldigt, sie hatte jedem Fragenden geantwortet: "O ja, sie wird
+gleich wieder da sein, sie hat nur auf ein Augenblick Kopfschmerzen." Der
+Vorsteherin hatte sie so halb und halb die Wahrheit gesagt. Aber der Ball
+ging zu Ende und Ilse war nicht wiedergekehrt. -
+
+Miss Lead hatte von der Vorsteherin den Auftrag erhalten, dafuer Sorge zu
+tragen, dass die Maedchen still und geraeuschlos ihre Gemaecher aufsuchten,
+das wurde befolgt, aber als sie sich sicher glaubten, als die englische
+Lehrerin sich in ihr Zimmer zurueckgezogen hatte, da huschten sie alle noch
+auf eine kurze Zeit zu Rosi hinueber, deren Stuebchen ganz am Ende des
+Korridors lag. Sie mussten noch einen kurzen Austausch haben, ihre jungen
+Herzen waren zu voll von dem herrlichen Feste.
+
+Melanie brachte ihre duftigen Straeusse, die sie im Cotillon erhalten hatte,
+mit und breitete sie auf dem Tische aus. Mit wehmuetiger Freude betrachtete
+sie den reichen Segen. "Ach!" rief sie aus, "wie schade, dass alles vorbei
+ist!"
+
+"Alles Schoene ist vergaenglich, nur die Erinnerung bleibt!" entgegnete
+Flora weise. Und sie betrachtete bei ihren Worten die Photographie eines
+jungen Mannes, die sie vorsichtig und geschickt in ihrem Taschentuche
+verborgen hielt. - Es war Georg Breitners Bild. Er hatte dafuer das ihrige
+eingetauscht.
+
+"Ach, Kinder, es war doch zu schoen!" brach Annemie in ploetzlicher
+Begeisterung aus. "O, was ich euch alles erzaehlen koennte!"
+
+"Und ich! Und ich!" klang es durcheinander.
+
+"Ihr wuerdet staunen, wenn ich sprechen wollte!" rief Melanie stolz und
+schlug ihr Auge kokett gen Himmel, "ich habe viel erlebt!" - In ihrem
+Eifer vergass sie ganz, ihre Stimme zu daempfen.
+
+"Nicht so laut, Melanie," ermahnte Rosi und Orla stimmte ihr bei. "Wir
+wollen zu Bett gehen," riet sie ernstlich, "denn wenn ihr erst anfangt,
+eure Erlebnisse zu erzaehlen, dann koennen wir bis zum hellen Morgen hier
+sitzen."
+
+"Morgen ist Sonntag, da koennen wir ausschlafen!" meinte Grete, die darauf
+brannte, die geheimnisvoll angedeuteten Geschichten zu hoeren. "Wo sind
+denn aber Ilse und Nellie?" unterbrach sie sich ploetzlich und sah sich um;
+"ich habe Ilse den ganzen Abend nicht gesehen. Hatte sie wirklich
+Kopfschmerzen? Kommt, wir wollen uns zu ihnen schleichen und nachsehen!"
+
+Doch dieser allgemein Beifall findende Vorschlag kam nicht zur Ausfuehrung.
+Eben als sie auf den Zehen einige Schritte gethan, stand Miss Lead wie ein
+Nachtgespenst vor ihnen.
+
+"Wo wollt ihr hin?" fragte sie erzuernt. "Habe ich euch nicht Ruhe geboten?
+Sofort legt euch nieder, - und morgen werde ich euren Ungehorsam der
+Vorsteherin melden!"
+
+So wurde es denn still in den oberen Raeumen. Die plaudernden Lippen
+verstummten nach und nach - die Augen schlossen sich zu suessem Schlummer
+und ein guetiger Traumgott fuehrte die Schlafenden zurueck in den festlichen
+Saal. Noch einmal liess er die Musik erklingen und die junge Schar im
+lustigen Tanze dahinfliegen. -
+
+"O wie oede ist die Wirklichkeit!" war Melanies erstes Wort, als sie
+erwachte.
+
+ * * *
+
+In dem Krankenzimmer dachte man nicht an Schlaf, noch weniger an
+glueckliche Traeume. Traurig sah es dort aus. Lilli tobte zwar nicht mehr,
+aber sie lag ohne Teilnahme da. Das Fieber war noch immer im Zunehmen
+begriffen. Als die Vorsteherin eintrat, erhob sich der Arzt und teilte ihr
+seine Befuerchtung mit. Ilse schluchzte leise in sich hinein; es wurde ihr
+so schwer, sich zu beherrschen.
+
+"Geh zu Bett, Ilse," sprach Fraeulein Raimar sanft zu ihr, "du darfst nicht
+laenger hier verweilen."
+
+Der Arzt stimmte energisch bei, und so schmerzlich bittend das junge
+Maedchen auch die Vorsteherin ansah, dieselbe beharrte bei ihrem Willen.
+
+"Du bist ein gutes Kind," sagte sie weich und ihre Stimme klang wie
+verhaltene Thraenen, "aber ich darf deinen Wunsch nicht erfuellen. Ein
+laengerer Aufenthalt hier koennte deiner Gesundheit schaden. Du kannst dem
+Kinde auch nicht helfen, - sieh hin - es kennt dich - uns alle nicht
+mehr!"
+
+ [Illustration]
+
+Bevor sie das Zimmer verliess, trat Ilse noch einmal zoegernd und leise an
+Lillis Bett. Zitternd ergriff sie die kleine, fieberheisse Hand, beugte
+sich nieder und drueckte einen Kuss darauf. "Gute Nacht, Liebling," hauchte
+sie leise, "gute Nacht!"
+
+Und mit einem langen, thraenenschweren Blick auf das blasse Gesichtchen
+nahm sie Abschied, ach, sie fuehlte es, es war ein Lebewohl fuer immer. Dann
+eilte sie hinaus, das Taschentuch fest vor den Mund gepresst, damit sie vor
+Herzeleid nicht laut aufschreie.
+
+Draussen, dicht vor der Thuer, stand Nellie. Unbemerkt war sie der
+Vorsteherin gefolgt und hatte die Freundin erwartet. Ilse fiel ihr um den
+Hals und Nellie fuehrte die Trostlose hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt
+warf Ilse sich verzweifelnd auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht laut
+weinend in die Kissen.
+
+"Ist sie so sehr krank?" fragte Nellie.
+
+"Sie stirbt, Nellie!" schluchzte Ilse ausser sich, "unser suesser, kleiner
+Liebling stirbt!"
+
+Nellie wurde blass und ein heftiges Zittern ueberfiel ihren Koerper, aber
+sagen konnte sie nichts. Sie vermochte niemals ihren Schmerz laut
+herauszujammern, die ungestueme Art Ilses war ihr fremd. War das zu
+verwundern? Ilse hatte Kummer und Leid noch niemals Aug in Auge gesehen,
+ihre frohe Jugendzeit war bis dahin einem sonnigen Maientag zu
+vergleichen, der wolkenlos mit blauem Himmel auf die Erde niederlacht, -
+wie anders Nellie! So mancher truebe Schatten hatte bereits ihr junges
+Dasein verdunkelt! Sie musste an den Tod des geliebten Vaters denken, der
+sie so jung als Waise zurueckliess!
+
+Still setzte sie sich neben die Freundin auf den Bettrand und ergriff
+deren Hand.
+
+"Komm," sagte sie mit unsichrer Stimme, "setze dir hoch. Du machst dir
+auch krank, wenn du so hitzig bist! Und wenn wir uns tot weinen, wir
+machen doch der arm' klein' Herz nicht gesund. Wenn der liebe Gott sagt:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich will der klein' Engel zu mich nehmen,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} was koennen wir da machen? - O
+Ilse! es ist gar nicht so schrecklich, als ein jung Kind zu sterben! Wer
+weiss, welch' traurig Schicksal unsre Lilli aufwartete: Ist es nicht
+besser, da tot zu sein? - Ich waer' sehr gluecklich, wenn mich der liebe
+Gott als klein' Kind zu sich genommen haette!"
+
+Wie traurig das klang! Sofort wendete sich Ilses ganzes Mitleid ihrer
+einzigen Nellie zu. Sie antwortete nichts, aber sie erhob sich und
+umschlang dieselbe fest und innig. Und die beiden jungen Maedchengestalten
+in ihren duftigen Ballgewaendern, die sie nur zur Freude zu tragen gehofft
+hatten, schlossen in diesem ernsten Augenblick einen innigen
+Freundschaftsbund fuer das ganze Leben. Der Mond trat ploetzlich hinter dem
+dunklen Gewoelk hervor und verklaerte mit seinem blassen Schimmer die
+lieblichen, thraenenvollen Gesichter der Freundinnen wie zwei betaute
+Rosen, die an einem Stengel erblueht sind. -
+
+ * * *
+
+Es war ein truebseliger Sonntag, der dem Ballfeste folgte. Als die junge
+Schar, noch ganz erfuellt von der Erinnerung an dasselbe, beim Morgenkaffee
+sass, trat Fraeulein Guessow ein. Bei ihrem Anblick verstummte das froehliche
+Geplauder, ihr blasses und verweintes Gesicht verkuendete nichts Gutes.
+Ilse und Nellie waren sofort an ihrer Seite, sie hatten bis dahin
+seitwaerts gestanden; es war ihnen unmoeglich, an der Froehlichkeit der
+andern teilzunehmen.
+
+"Ist es besser?" fragte Ilse hoffend und bangend zugleich.
+
+Traurig schuettelte die Angeredete den Kopf und ihre Augen fuellten sich mit
+Thraenen. "Nein," sagte sie, "es ist nicht besser. Die Krankheit hat sich
+gesteigert und ihr muesst euch auf das Schlimmste gefasst machen. Ich teile
+euch dies mit, Kinder, damit ihr nicht allzusehr erschreckt, wenn -" Sie
+konnte den Satz nicht vollenden, Thraenen erstickten ihre Stimme.
+
+Eine augenblickliche Todesstille trat bei dieser Eroeffnung ein. Als aber
+Ilse laut zu schluchzen anfing, da erhob sich ein allgemeines Jammern und
+Wehklagen. Kein Auge blieb trocken bei dem Gedanken, den herzigen Liebling
+fuer immer hergeben zu muessen.
+
+Die junge Lehrerin entfernte sich und Ilse eilte ihr nach.
+
+"Lassen Sie mich zu ihr," bat sie dringend und erhob die Haende. "Bitte!"
+
+Sie konnte ihr diesen Wunsch nicht erfuellen. "Du darfst sie nicht
+wiedersehn, Ilse," sagte sie fest und entschieden. "Sie hat sich so
+veraendert, dass deine lebhafte Phantasie ihr trauriges Bild fuer lange Zeit
+nicht vergessen wuerde. Sie ist nur noch ein Schatten des schoenen,
+froehlichen Kindes."
+
+Und sie kuesste die trostlose Ilse und kehrte in das Krankenzimmer zurueck,
+das Fraeulein Raimar seit Mitternacht nicht wieder verlassen hatte.
+
+Als Ilse wieder in den Speisesaal eintrat, stand Miss Lead fertig zum
+Kirchgang angekleidet mit dem Gesangbuch in der Hand da. Sie trieb zur
+Eile an, da es hohe Zeit sei, zur Kirche zu gehen.
+
+"Ich kann Sie heute nicht begleiten, Miss Lead," entgegnete Orla, die ganz
+gegen ihre Gewohnheit sich vom Gefuehle uebermannen liess und heftig weinte;
+"ich kann es nicht!"
+
+"Ich auch nicht! - Ich auch nicht!" erklaerten die uebrigen. Selbst Rosi,
+die stets Sanfte und Gefuegige, bat um Verzeihung, wenn sie ebenfalls
+zurueckbleibe. "Ich bin so aufgeregt und koennte nicht andaechtig auf die
+Predigt hoeren," fuegte sie hinzu.
+
+"Ich begreife euch nicht," sprach die Englaenderin hoechst erstaunt von
+einer zur andern sehend. "Ist das Gotteshaus nicht der beste Ort fuer ein
+gequaeltes Herz? Sagt nicht der Herr: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kommt her zu mir alle, die ihr
+muehselig und beladen seid, ich will euch erquicken!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Ich gehe und will fuer
+die Kranke beten, vielleicht erhoert mich der Herr."
+
+Und sie ging, und die englischen Pensionaerinnen schlossen sich ihr an. Sie
+teilten in ihrem strengglaeubigen Herzen die Ansicht der Lehrerin. Nur
+Nellie blieb zurueck. Nicht weil sie weniger glaeubig war - o nein! Sie
+hatte ein kindlich frommes Gemuet, aber sie hatte auch ein
+tiefempfindendes, warmes Herz; es waere ihr unmoeglich gewesen, das Haus,
+das ihr eine liebe Heimat geworden war, in einem Augenblicke zu verlassen,
+wo der Todesengel seinen Einzug halten konnte.
+
+"Ich will auch beten," sagte sie leise wie fuer sich. Und sie trat in den
+Hintergrund des Zimmers, kniete nieder, legte die gefalteten Haende auf
+einen Stuhl und beugte den Kopf darueber. In dieser andaechtigen Stellung
+verbrachte sie lange Zeit und betete heiss und innig zu Gott, dass er Lilli
+am Leben erhalten moege. -
+
+Aber es stand anders in den Sternen geschrieben. Gegen Abend oeffnete die
+Vorsteherin ploetzlich weit die Fensterfluegel im Krankenzimmer - Lilli war
+tot.
+
+Sanft hatte der Todesengel sie auf die Stirn gekuesst und sie hinweggetragen
+in sein dunkles Schattenreich. Wie ein sorglos schlummerndes Kind lag sie
+da, der krampfhaft entstellende Zug war geschwunden und ein friedliches
+Laecheln lag ueber den leise geoeffneten Lippen.
+
+Die beiden Lehrerinnen standen stumm und mit gefalteten Haenden am Bette
+der kleinen Verstorbenen und konnten den Blick nicht von ihr trennen. Die
+Abendsonne verklaerte mit rosigem Schimmer das zarte Gesicht und in dem
+knospenden Apfelbaume vor dem Fenster sang ein Star sein melodisches
+Abendlied - draussen erwachendes Fruehlingsleben - hier die junge
+Menschenknospe - gebrochen, ehe sie sich zur Bluete entfalten konnte.
+
+"So frueh und in der Fremde musstest du sterben, armes Kind!" unterbrach
+Fraeulein Guessow die feierliche Stille.
+
+"Sie fuehlte sich gluecklich und heimisch bei uns," entgegnete Fraeulein
+Raimar tief ergriffen. "Die eigentliche Heimat war ihr fremd geworden. -
+Sie hat nicht einmal nach der Mutter verlangt."
+
+"Wie sanft sie schlummert, als ob sie leben und atmen muesste. O, sie ist
+gluecklich!" Und in einem ploetzlich ueberwallenden Gefuehle beugte sich die
+junge Lehrerin laut weinend ueber Lilli und kuesste ihr die kalte Stirn.
+"Schlaf wohl, schlaf wohl, teures Kind! Gott hatte dich lieb, darum nahm
+er dich zu sich!"
+
+"Fassen Sie sich, liebe Freundin," ermahnte Fraeulein Raimar, indem sie die
+Hand auf der Erregten Schulter legte, "uns bleibt jetzt die schwere
+Aufgabe, die Kinder mit dem traurigen Ausgang bekannt zu machen. So ruhig
+als moeglich muessen wir ihnen diese Mitteilung machen, damit die ohnehin
+erregten Gemueter nicht ganz ausser Fassung kommen."
+
+Aber sie kamen doch ausser Fassung, besonders Ilse, deren lebhafte Natur
+sich dem Schmerze zuegellos hingab. Sie glaubte vergehen zu muessen. Noch
+nie hatte sie sich so ungluecklich gefuehlt, als in der ersten Nacht nach
+Lillis Tode, selbst damals nicht, als sie den Wagen fortfahren sah, der
+den geliebten Vater entfuehrte, und sie fremd und verlassen an der Pforte
+dieses Hauses stand.
+
+ * * *
+
+Lilli war in die Erde gebettet. Unter Schneegloeckchen und Veilchen
+schlummerte sie. Der kleine Sarg war mit den holden Fruehlingskindern ueber
+und ueber bedeckt gewesen. Tief betrauert wurde das kleine Wesen von allen,
+die mit ihm in naehere Beruehrung gekommen, und es hatte allgemein
+schmerzliche Verwunderung erregt, dass die Mutter fern geblieben war.
+
+Am Todestage Lillis war ein Telegramm angekommen, worin sie meldete, dass
+sie erst am Dienstag abend eintreffen koenne. Es sei ihr unmoeglich, frueher
+zu kommen, da sie am Montag in einem neuen Stuecke die Hauptrolle zu
+spielen habe. Als ihr an diesem Tage der Tod ihres Kindes gemeldet wurde,
+kam umgehend ein Brief voll ueberschwenglicher Klagen, aber sie blieb fern.
+Kostbare Blumen hatte sie gesandt, auch der Vorsteherin den Auftrag
+gegeben, ein Marmormonument, einen knieenden Engel darstellend, fuer des
+Kindes Grab anfertigen zu lassen, mit goldenen Buchstaben solle auf dem
+Sockel eingegraben werden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Teures Kind, bete fuer mich.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+Aeusserlich war somit alles geschehen, aber das Herz blieb kalt bei diesen
+pomphaften Kundgebungen.
+
+"Meine Mama waere gekommen, wenn sie mich sterbenskrank gewusst haette,"
+bemerkte Ilse, als sie Nellie den Brief vorlas, den ihr die Mutter so
+herzlich und troestend geschrieben hatte.
+
+"O sicher, sie waer von der Welten Ende zu dich gereist," beteuerte Nellie
+lebhaft.
+
+"Und sie ist nicht einmal meine rechte Mutter," fuhr Ilse nachdenklich
+fort. "Ach Nellie, ich habe sie oft recht sehr gekraenkt! Glaubst du wohl,
+dass sie mir vergeben wird?"
+
+Ilses Herz war so weich und empfaenglich durch den Schmerz geworden und
+eine ernste, weihevolle Stimmung durchdrang ihr ganzes Wesen. Nie waren
+ihr bis dahin aehnliche Gedanken gekommen, und waere es der Fall gewesen,
+haetten sie frueher einmal bei ihr angeklopft, sie wuerden keinen Einlass
+gefunden haben. Heute war es anders, sie hatte das Beduerfnis, sich gegen
+ihre Herzensfreundin auszusprechen und sich anzuklagen.
+
+"O mach dich kein Kummer darum, Kind. Deine Mutter hat ein so liebesreiche
+Herz, kein Titelchen Bosheit fuer dir ist darin. Sie vergebt dir alles. Du
+warst ja auch noch ein ungezogen, dumm' Baby, als du bei sie warst, jetzt
+aber bist du eine sehr anstaendige (sie meinte verstaendige) junge Dame."
+
+"Ist das dein Ernst, Nellie?" fragte Ilse und sah mit ihren Kinderaugen
+Nellie zweifelnd an.
+
+"Es ist mein Ernst, und ich gebe dir den guter Rat, schreibe an deiner
+Mutter ein lang' Brief und bitte ihr um Verzeihung."
+
+Ilse ueberlegte einen Augenblick. "Du hast recht, Nellie," sagte sie dann
+entschlossen, "ich werde ihr schreiben, ich bin es ihr schuldig. Heute
+noch will ich es thun! Wenn sie mir nur bald darauf antwortet, ich werde
+nicht eher ruhig sein!"
+
+Als sie sich eben niedergesetzt hatte, ihr Vorhaben auszufuehren, trat
+Flora mit strahlenden Augen ein.
+
+"Ich muss euch meine neuesten Gedichte vorlesen," sagte sie erregt, "sie
+sind das beste, was ich bis jetzt geschrieben habe! Ihr muesst mich
+anhoeren!"
+
+Und sie entfaltete ein starkes Heft, in welchem sie Lillis Tod in den
+verschiedensten Dichtungsarten besungen hatte.
+
+ _Elegie auf den Tod einer vom Sturm geknickten Rosenknospe!_
+
+begann sie zu lesen.
+
+Nellie hielt sich die Ohren zu. "Schweig still! Ich mag dir nicht anhoeren
+mit dein dumm Zeug! Aergere mir nicht damit!"
+
+Ilse stimmte ihr bei. "Lass uns zufrieden, Flora," sagte sie, "wir sind
+noch zu traurig, als dass wir lachen moechten! Und du weisst doch, dass alle
+deine Gedichte uns lustig machen."
+
+Tief verletzt schloss Flora ihr Heft, auf dessen Umschlag mit grossen
+Buchstaben zu lesen stand: "Floras Klagelieder!" - "Ihr habt keinen Sinn
+fuer erhabene Dichtkunst, und ich will Gott danken, wenn es Ostern ist und
+ich diesen prosaischen Aufenthalt verlassen kann!"
+
+Sie verliess die Undankbaren und suchte Rosi auf. Wenn niemand ihre
+Dichtkunst bewundern wollte, fand sie an ihr stets eine geduldige
+Zuhoererin. "Das rechte Verstaendnis freilich fehle ihr," meinte Flora mit
+einem ergebungsvollen Seufzer.
+
+Der Brief an die Mutter war abgeschickt. Acht Tage waren seitdem vergangen
+und noch war keine Antwort eingetroffen. Ilse war unruhig und aufgeregt
+darueber. Nellie, ihre einzige Vertraute, troestete sie.
+
+"Es ist ja noch kein' Ewigkeit vorbei, seit du schriebst," sagte sie. "Es
+scheint dich nur so, weil du immer daran denkst. Ich wette, heute wirst du
+ein schoen, lang Brief haben. Mich ahnt das!"
+
+Und richtig, Nellies Ahnung, die eigentlich gar nicht so ernst gemeint
+war, ging in Erfuellung. Es kam ein Brief an Ilse.
+
+"Komm sogleich in mein Zimmer, Ilse, ich habe dir etwas mitzuteilen!" Mit
+diesen Worten empfing Fraeulein Raimar dieselbe, als sie eben aus der
+Kirche kam.
+
+Klopfenden Herzens folgte ihr das junge Maedchen, sich den Kopf
+zerbrechend, welch eine geheimnisvolle Mitteilung ihrer wartete. -
+
+"Ich habe soeben einen Brief von deinem Papa erhalten, liebes Kind, worin
+er mich bittet, dir etwas recht Erfreuliches zu verkuenden. Ahnst du nicht,
+was es sein koennte?"
+
+"Nein," entgegnete Ilse und blickte die Vorsteherin erwartungsvoll fragend
+an.
+
+"Dir ist ein Bruederchen beschert worden! Da, hier lies selbst, der Papa
+hat fuer dich einen Brief eingelegt."
+
+Aber Ilse vermochte nicht zu lesen in diesem Augenblick. Die Nachricht
+hatte sie bis in das Innerste erfreut und durchzittert. Das Blut schoss ihr
+heiss in die Wangen, und ehe sie noch ein Wort ueber die Lippen bringen
+konnte, flog sie dem Fraeulein an den Hals und kuesste dieselbe. Sie musste an
+jemand ihre jubelnde Freude auslassen.
+
+Als sie zur Besinnung kam, schaemte sie sich ihrer Uebereilung. Wie konnte
+sie allen Respekt ausser acht lassen und so ungeniert die Vorsteherin
+umarmen!
+
+"Verzeihen Sie," sagte sie befangen und trat bescheiden zurueck. Aber
+Fraeulein Raimar schnitt ihr das Wort ab und nahm sie noch einmal herzlich
+in den Arm.
+
+"Komm her, mein Kind," sagte sie warm, "und lass mich die erste sein, die
+dir von ganzem Herzen Glueck wuenscht." - Spaeter aeusserte sie gegen Fraeulein
+Guessow, dass Ilses strahlende Freude ihr so recht den Beweis fuer deren
+kindlich unbefangenes Herz gegeben habe. Anfangs habe sie nicht geglaubt,
+dass Ilses trotzige Natur sich jemals zuegeln lassen werde.
+
+Der Brief an Ilse war nur kurz und von der Mutter schon vor mehreren Tagen
+an sie geschrieben. Der Papa trug an der Verzoegerung schuld, er hatte noch
+einige Zeilen hinzufuegen wollen und war nicht gleich dazu gekommen.
+
+"Lies erst, was sie schreibt!" bat Nellie, zu der Ilse jubelnd in das
+Zimmer gestuerzt war, "lies erst, nachher sprechen wir von die Baby."
+
+Und Ilse las:
+
+
+
+
+
+
+"Mein teures Kind!
+
+Dein letzter Brief hat mich sehr gluecklich gemacht! Ich kann den
+Augenblick kaum erwarten, wo ich Dich an mein Herz nehmen darf, um Dir mit
+einem herzlichen Kuss zu sagen, dass ich Dir niemals boese war. Ich wusste
+immer, dass mein Trotzkoepfchen schon den Weg zu mir finden werde. Mache Dir
+nur keine Sorgen um vergangene kleine Suenden, sie sind laengst in alle
+Winde verweht, denke lieber an die zukuenftige Zeit, in der wir wieder
+beisammen sind, und male sie Dir so rosig aus, wie Deine junge Phantasie
+es nur zu thun vermag. Ich habe Dich sehr, sehr lieb! Mit zaertlichen
+Kuessen
+
+ _Deine Mama_."
+
+
+
+
+
+
+Und der Papa hatte gestern fluechtig dazu geschrieben:
+
+
+
+
+
+
+"Hurra! Wir haben einen praechtigen Jungen! Ich habe nur den einen Wunsch,
+ihn Dir, mein Kleines, gleich zeigen zu koennen. Er sieht Dir aehnlich, hat
+gerade so lustige, braune Augen wie Du! Morgen schreibe ich Dir mehr."
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+"O!" jammerte Ilse unter Lachen und Weinen, "wenn ich doch gleich dort
+sein koennte! Ich habe so grosse Sehnsucht, die Mama, den Papa und das
+kleine Bruederchen zu sehen!" Dabei umarmte und herzte sie Nellie, und als
+Fraeulein Guessow hinzutrat, fiel sie auch dieser um den Hals. Sie haette in
+ihrer Seligkeit am liebsten die ganze Welt umarmt! -
+
+Am Nachmittag, als der erste Freudenrausch sich gelegt hatte, kehrten
+Ilses Gedanken zu der verstorbenen Lilli zurueck. Sie machte sich Vorwuerfe,
+dass sie deren Andenken heute so ganz vergessen konnte!
+
+"Komm, Nellie," sagte sie, "lass uns im Garten Veilchen pfluecken zu einem
+Kranz auf Lillis Grab."
+
+Fraeulein Guessow stimmte diesem Vorschlage bei und begleitete gegen Abend
+die Freundinnen hinaus auf den stillen Friedhof. Ilse beugte sich nieder
+und legte den Kranz auf den frischen Grabhuegel. Noch lagen die vielen
+andern Kraenze von dem Begraebnisse darauf, aber sie waren verwelkt und
+trocken, und in den langen, weissen Atlasbaendern spielte der Abendwind. -
+
+Die Tage kamen und gingen, und das Osterfest war vor der Thuer. Die
+Pruefungen waren bereits vorueber, und die ausgeteilten Zeugnisse hatten
+Freude oder Kummer hervorgerufen, je nachdem sie fuer die Betreffenden
+ausgefallen waren. Ilse konnte zufrieden sein. Mit Ausnahme einzelner
+Faecher, bei denen obenan das Rechnen stand, hatte sie sehr gute
+Fortschritte gemacht. Ihr ernstes Streben, ihr Betragen, das besonders
+seit dem Tode Lillis tadellos geworden war, wurde von ihren Lehrern und
+Lehrerinnen ruehmend hervorgehoben, nur die englische Lehrerin schloss sich
+dieser Ansicht nicht an. Sie blieb bei ihrem Vorurteile und fand, dass Ilse
+nach wie vor ohne jede Manier und Grazie sei, auch tadelte sie sehr ihre
+englische Aussprache.
+
+"Lass dir nix vormachen, Ilse," sagte Nellie, als sie allein waren. "Du
+sprichst schon ganz nett englisch und drueckst dir stets sehr fein aus.
+Uebrigens troeste dir mit mir, sieh, was sie hier geschrieben haben," - und
+sie reichte betruebt der Freundin ihr Zeugnis, und Ilse las: Besondere
+Bemerkung: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie macht sehr langsame Fortschritte in der deutschen
+Sprache.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - "Ist das nicht unrecht?" fragte sie. "Ich gebe mich so
+furchtbar grosse Muehe mit eure schwere Sprache."
+
+Nun war die Reihe zu troesten an Ilse. Dieselbe versprach ihr von jetzt an,
+keinen Schnitzer mehr durchgehen zu lassen, Nellie dagegen wollte taeglich
+eine volle Stunde nur englisch mit der Freundin plaudern.
+
+Flora war in hoechster Aufregung. Sie fand es geradezu grossartig, dass
+Doktor Althoff ihr eine II in der Litteratur geben konnte. "Mir das!" rief
+sie aus, sobald er sich entfernt hatte, "mir das! die ich selbst schon so
+lange litterarisch thaetig bin! Aber Sie werden sich wundern, Herr Doktor,
+Sie werden sich wundern!"
+
+Diese geheimnisvolle Anspielung bezog sich auf ihr juengstes Werk. Sie
+hatte gestern den letzten Federstrich daran gethan und es dann sogleich
+mit einem Briefe auf rosa Papier dem Lehrer zur Durchsicht gegeben. Mit
+bescheidenem Selbstbewusstsein hatte sie hinzugefuegt, sie rechne darauf,
+dass ihr Zauberspiel am Geburtstage der Vorsteherin aufgefuehrt werde.
+Sollte Herr Doktor einige kleine Aenderungen fuer notwendig finden, so
+wuerde sie sich gern seinem Rate fuegen. -
+
+Es waren einige Tage darueber vergangen und noch hatte sie keine Antwort
+erhalten. Warum mochte er zoegern? Gefallen musste ihm "Thea, die
+Blumenfee", darueber war sie nicht im Zweifel. Sie hatte sich so
+hineingelebt in ihre Zauberposse, und ihre Phantasie fluesterte ihr einen
+grossartigen Erfolg in das Ohr. Sie hoerte den stuermischen Beifall der
+Anwesenden, - die Dichterin wurde gerufen! - Sie traeumte wachend, langsam
+- gesenkten Auges trete sie aus den Kulissen hervor. - "Flora!" ruft es
+von allen Seiten, und voller Staunen richten sich aller Augen auf sie. -
+Ja, staunt nur, ihr Unglaeubigen, die ihr die arme Flora so oft verkannt
+habt! Jetzt hat sie euch ueberzeugt, dass ihre Dichtkunst kein leerer Wahn
+ist! - Bescheiden und demuetig verneigt sie sich nach rechts und links -
+ohne den Blick zu erheben - sie war vor den Spiegel getreten, um Blick und
+Verbeugung einzustudieren. - "Die Blumenfee werde ich vorstellen," traeumte
+sie weiter, "natuerlich! Wer anders koennte sich so in den Geist der Rolle
+versetzen, als ich! Wie herrlich wird mir das Kostuem stehen! Ein Kleid von
+Silbergaze mit Rosen durchwebt, eine goldene Krone auf dem Haupte, ein
+langer, duftiger Schleier und offnes, wallendes Haar!"
+
+Ganz in Gedanken versunken loeste sie die aufgesteckten Flechten und
+drapierte das Haar malerisch um ihre Schultern. Unwillkuerlich kamen ihr
+dabei die ersten Verse ihres grossen Werkes auf die Lippen und laut, mit
+pathetischer Stimme, fing sie an zu deklamieren:
+
+ "Heraus, ihr Blumen, aus euren Kelchen,
+ Ich will mit euch spielen!
+ Eilt euch, ihr lieben Tulpen und Nelken,
+ Lasst mich nicht warten, ihr vielen, vielen,
+ Heraus, heraus!"
+
+Ein lautes Pochen an der Thuer und ungestuemes Auf- und Niederdruecken des
+Griffes unterbrach sie hoechst unangenehm. Zugleich wurde Gretes Stimme
+laut.
+
+"Warum schliesst du dich denn ein? Mach' schnell auf, ich bringe dir
+etwas!"
+
+In aller Eile befestigte Flora ihr Haar, schob dann den Riegel zurueck und
+fragte aergerlich: "Was willst du denn?"
+
+Grete war in das Zimmer getreten und sah sich verwundert um. "Du sprachst
+doch eben laut," sagte sie, "mit wem hast du dich denn unterhalten?"
+
+Flora blieb ihr die Antwort schuldig; sie sah ihr Manuskript in Gretes
+Hand, ungestuem nahm sie es an sich.
+
+"Gieb her! Wie kommst du zu meinem Hefte?"
+
+"Nur nicht so heftig," entgegnete Grete, "was faellt dir denn ein? Es ist
+die reine Gefaelligkeit, dass ich es dir bringe. Doktor Althoff hat es mir
+fuer dich uebergeben."
+
+"Warum liess er mich nicht selbst rufen? Du wirst dich wohl wieder
+vorwitzig aufgedraengt haben, es ist so deine gewoehnliche Art. Uebrigens
+jetzt kannst du wieder gehen, ich moechte allein sein!"
+
+Aber Grete verspuerte keine Lust, sie zu verlassen, sie witterte ein
+Geheimnis, das musste sie erst heraus haben!
+
+"Ich habe aber keine Lust, dich zu verlassen," sagte sie und setzte sich
+mit aller Gemuetlichkeit nieder.
+
+"Du bist wirklich unausstehlich!" stiess Flora aergerlich heraus und drehte
+Grete den Ruecken. Ploetzlich kam ihr ein Gedanke. "Wenn du durchaus hier
+bleiben willst, so thue es meinetwegen," fuhr sie fort und naeherte sich
+der Thuer, "mich geniert es nicht."
+
+Und sie hatte die Thuer geoeffnet und war hinaus, noch ehe Grete sich
+erhoben hatte. Schnell drehte sie den Schluessel im Schloss um und - das
+neugierige Gretchen war eine Gefangene.
+
+Gefluegelten Schrittes eilte sie in den Garten, der Traueresche zu. Sie
+huschte zwischen den bis auf den Boden herabhaengenden Zweigen hindurch und
+sank auf einem Baenkchen von Birkenstaemmen nieder. Hier war sie vor jedem
+Lauscherblicke sicher.
+
+Sie presste die Hand auf das hochklopfende Herz und ein Zittern ueberlief
+sie vor der Entscheidung! Wie wird sein Urteil ausgefallen sein? Nicht
+lange hielt die zagende Schwaeche an und ihre Zuversicht kehrte zurueck.
+Mutig und siegesbewusst schlug sie das Heft auf. Natuerlich suchte sie
+zuerst nach einigen Zeilen von seiner Hand. Aber sie blaetterte und fand
+nichts. Sie breitete das Heft auseinander, hielt es hoch, schuettelte es
+tuechtig, der erwartete Brief fiel nicht heraus. Sie war hoechst betroffen,
+da sie bei einer fluechtigen Durchsicht des Manuskripts auch nicht die
+kleinste Notiz entdecken konnte. Schon wollte sie es unwillig beiseite
+legen, als ihre Augen zwei Worte entdeckten, die Doktor Althoff mit seiner
+zierlichen und doch festen Handschrift mit roter Tinte gerade in den
+Schnoerkel hineingeschrieben, den sie dem Schlussworte "Ende" malerisch
+angehaengt hatte. Sie las und fiel wie gebrochen hintenueber.
+
+"Abscheulich!" riefen ihre bebenden Lippen, "empoerend!"
+
+Floras Entruestung war wohl natuerlich, zertruemmerten doch die beiden
+kleinen Woertchen den ganzen Prachtbau ihres Luftschlosses. "Konfuses
+Zeug!" stand da deutlich geschrieben und erbarmungslos war hiemit das
+Todesurteil ihrer Dichtung besiegelt.
+
+Sie ballte die Haende in ohnmaechtiger Wut und hasste den Mann, den sie bis
+dahin so schwaermerisch angebetet hatte. Warum verkannte er ihr Genie, oder
+vielmehr, warum wollte er dasselbe nicht anerkennen? Sie wollte zu ihm
+eilen ... sogleich ... er sollte ihr Rechenschaft ueber sein vernichtendes
+Urteil geben!
+
+Aber sie verwarf diesen Entschluss, weil sie befuerchtete, vor Aufregung
+ohnmaechtig zu werden. Und schwach sollte er sie nicht sehen ...
+nimmermehr! Sie wollte ihm schreiben und zwar sofort!
+
+Sie zog ein Notizbuch aus ihrer Tasche und begann einen stuermischen Brief
+aufzusetzen. Kaum hatte sie indes einige Saetze niedergeschrieben, als sie
+durch den gruenen Blaettervorhang Grete gerade auf die Esche losstuermen sah,
+es blieb ihr eben noch Zeit genug, das Notizbuch zu verbergen, als
+dieselbe bereits vor ihr stand.
+
+Floras Gedanken waren nur mit dem Briefe beschaeftigt gewesen, sie hatte
+darueber ihr Manuskript, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte,
+vergessen. Grete hatte es indes mit ihren Spueraugen sofort entdeckt. Wie
+ein Vogel schoss sie darauf los, ergriff es und eilte mit ihrer Beute
+davon.
+
+"Etsch, Fraeulein Flora!" rief sie noch triumphierend, "nun werde ich doch
+hinter deine Geheimnisse kommen! Jetzt bist du meine Gefangene!"
+
+"Grete, gieb her!" rief Flora angstvoll und eilte derselben nach, "bitte,
+bitte! Ich will dir auch schenken, was du haben willst!"
+
+Grete aber blieb taub bei ihren Bitten. Lachend eilte sie weiter.
+
+"Du musst mir mein Eigentum zurueckgeben, ich will es!" drohte Flora, als
+sie einsah, dass Guete nicht half, "ich befehle es dir!"
+
+Darueber brach Grete in ein lautes Gelaechter aus. "Du befiehlst es mir? Das
+ist reizend!" rief sie, "du bist wirklich furchtbar naiv!" Und sie hatte
+das Haus erreicht, waehrend Flora weit hinter ihr zurueckblieb. Trotz ihrer
+schwerfaelligen, plumpen Figur war sie doch weit schneller als letztere,
+die etwas steif und ungelenk war.
+
+Als Flora einsah, dass ihre Verfolgung nutzlos war, blieb sie weinend
+stehen. Einen wahrhaft verzweiflungsvollen Blick warf sie der Raeuberin
+ihres Schatzes nach, denn nun war sie verloren, das heisst preisgegeben dem
+Hohn und Spott der Mitschuelerinnen, an die sie Grete verraten wuerde.
+
+Aber es kam anders. Gerade als Grete die paar Stufen zum Korridor hinaus
+sprang, lief sie beinahe Doktor Althoff in die Arme. Sie hatte ihn nicht
+gesehen, weil sie den Kopf nach rueckwaerts gewandt hielt. Das Heft hoch in
+der Luft schwenkend, hatte sie der armen Flora zugerufen: "Jetzt lese ich
+deine Geheimnisse!"
+
+Mit einem Blick hatte der Lehrer erkannt, um was es sich handelte; er waere
+darueber nicht im Zweifel gewesen, selbst wenn ihn Grete weniger
+erschrocken angesehen haette.
+
+"Sie sollten ja dies Heft an Flora abgeben," sagte er vorwurfsvoll, "wie
+kommt es, dass Sie es noch mit sich herumtragen?"
+
+Sie antwortete nicht und sah ziemlich betreten und beschaemt aus, auch war
+sie rot bis ueber die Ohren geworden.
+
+"Ich werde Ihnen nie wieder einen Auftrag geben," fuhr er fort, "da ich
+sehe, wie wenig ich mich auf Sie verlassen kann. Geben Sie mir das Heft,
+ich werde es selbst an Flora abliefern."
+
+Grete reichte ihm das Verlangte. "Sie ist selbst schuld daran," stiess sie
+zu ihrer Entschuldigung hervor und warf den ohnehin grossen Mund noch mehr
+auf; "sie hat ... sie hat mich eingeschlossen! Zur Strafe habe ich ihr das
+Buch fortgenommen!"
+
+"Zur Strafe!" wiederholte Doktor Althoff mit einem zweifelnden Laecheln,
+"und was wollten Sie jetzt damit machen?"
+
+"Ach," verriet sie sich, "hineingesehen haette ich ganz gewiss nicht! Floras
+Dichtungen sind viel zu ueberspannt und langweilig! Ich wollte sie nur
+necken."
+
+"Grete, Grete!" drohte der junge Lehrer laechelnd mit dem Finger, "wenn
+dies Wort eine Bruecke waere, ich ginge nicht hinueber. Seien Sie in Zukunft
+nicht wieder so indiskret und neugierig, Neugierde ist kein schoener
+Schmuck fuer ein junges Maedchen."
+
+Er wandte sich von der Beschaemten ab und ging auf Flora zu, die langsam
+heran kam. Noch zitterten Thraenen in ihren Augen, die sie wie in
+Verklaerung auf ihren Erretter richtete. Wo war der Hass geblieben, der
+soeben noch in ihrem Innern getobt hatte? Verschwunden und verweht! Die
+alte Liebe und Begeisterung fuer Doktor Althoff hatten ihn zurueckgedraengt
+und waren wieder eingezogen in ihr grossmuetiges Herz. So maechtig wallte die
+Begeisterung in ihr ueber, dass sie ploetzlich, hingerissen von Dankbarkeit,
+sich niederbeugte, seine Hand ergriff und einen heissen Kuss darauf drueckte.
+
+"Ich danke Ihnen," hauchte sie leise, dann eilte sie fort, zurueck zu ihrer
+Friedensstaette, ihrem Musentempel, und anstatt den angefangenen Brief zu
+vollenden, dichtete sie ein Sonett, das die Aufschrift trug: "An ihn."
+
+Doktor Althoff blickte der Davoneilenden kopfschuettelnd nach. "Ein
+ueberspanntes, verdrehtes Wesen!" musste er unwillkuerlich sagen, "und das
+schlimmste ist, sie wird niemals zu heilen sein." -
+
+Der Geburtstag des Fraeulein Raimar, der in den Mai fiel, war stets ein
+grossartiges Fest. Tagesschuelerinnen und Pensionaerinnen wetteiferten mit
+einander, dasselbe durch musikalische und theatralische Auffuehrungen,
+durch lebende Bilder u. s. w. so bunt und unterhaltend zu gestalten als
+moeglich. Auch in diesem Jahre wurde keine Ausnahme gemacht, trotzdem Lilli
+kaum vier Wochen in der Erde ruhte.
+
+"Ich wuerde gern auf eine groessere Feier verzichten," sprach eines Tages die
+Vorsteherin zu der englischen Lehrerin und Fraeulein Guessow, "aber ich darf
+es unsrer Zoeglinge wegen nicht thun. Mehr oder weniger hat sie Lillis Tod
+sehr ergriffen und sie haengen die Koepfe; da ist das beste Mittel, sie
+wieder aufzumuntern, dass wir ihnen eine Zerstreuung schaffen. Mit aller
+Trauer koennen wir ja den Tod des lieben Kindes nicht ungeschehen machen."
+
+Die beiden Damen stimmten ein und beschlossen untereinander, mit den
+Vorbereitungen zu dem Feste zu beginnen. Miss Lead uebernahm es, ein
+englisches Stueck, Fraeulein Guessow, ein franzoesisches Lustspiel
+einzustudieren. Erstere waehlte nur Tagesschuelerinnen zu ihren
+Mitwirkenden, waehrend letztere ihre Rollen nur mit Pensionaerinnen
+besetzte. Sie hatte aber erst einen kleinen Kampf mit den Maedchen, bevor
+dieselben die ihnen zugedachten Rollen annahmen. Flora, die eine alte Dame
+vorstellen sollte, war durchaus nicht damit einverstanden, sie behauptete,
+Rosi passe weit besser zu dieser Rolle, diese aber hatte nicht einen
+Funken schauspielerischen Talentes und wuerde sich niemals dazu verstanden
+haben, Theater zu spielen. Sie sprach auch weniger fliessend franzoesisch
+als Flora.
+
+Fraeulein Guessow machte nicht viel Umstaende. "Wie du willst, Flora," sagte
+sie, "macht es dir kein Vergnuegen, diese allerliebste Rolle zu uebernehmen,
+so waehle ich eine Tagesschuelerin dafuer und du kannst diesmal nur
+Zuschauerin sein."
+
+Das behagte Flora noch weniger. Nach einigem Zoegern entschloss sie sich,
+freilich wie sie sagte, mit grosser Selbstueberwindung, die Alte zu spielen.
+Ilse und Melanie stellten deren Toechter dar und passten in ihren
+Charaktereigentuemlichkeiten praechtig dazu. Melanie putzsuechtig, elegant
+und eitel, Ilse das Gegenteil. Wild und unbaendig, trotzig und
+widerspenstig, natuerlich nichts weniger als elegant fuehrt sie die
+uebermuetigsten Streiche aus und die schwache Mutter ist nicht im stande,
+sie zu zuegeln. Da erscheint ein junger, entfernter Verwandter,
+interessiert sich fuer den Wildfang und versteht es, durch Guete und
+Festigkeit die Tugenden in demselben zu wecken und die Widerspenstige zu
+zaehmen. Zum Schlusse wird sie seine Braut.
+
+"Orla, du kannst die Rolle des Vetters uebernehmen," bestimmte die
+Lehrerin.
+
+"Orla?" fragte Ilse verwundert, "sie kann doch keinen Mann darstellen?"
+
+Es erhob sich ein wahrer Sturm unter den jungen Maedchen bei Ilses
+unschuldiger Frage. Die Stimmen schwirrten durcheinander, denn jede war
+bemueht, Ilse ueber ihre Unwissenheit aufzuklaeren.
+
+"Weisst du denn nicht, wie es bei uns Sitte ist?" fragte Orla.
+
+"Mit Herren duerfen wir nicht Theater spielen," bemerkte Flora spottend,
+"sie sind verpoent in der Pension!"
+
+"Du bist naiv, Ilse!" rief Melanie. "Das ist ja eben so ledern und
+furchtbar oede, dass wir Maedchen auch Maennerrollen geben muessen!"
+
+"Herren, Herren!" wiederholte Annemie unter lautem Lachen, "es ist zum
+totlachen!"
+
+"Ja, wenn Herren mitspielten, dann moechte ich Ilses Rolle spielen,"
+ueberschrie Grete mit ihrer kraeftigen Stimme alle uebrigen, "so aber -"
+
+"So aber wirst du den Bauernjungen uebernehmen, Grete," fuhr Fraeulein
+Guessow dazwischen. Die Aufgeregten hatten ganz deren Gegenwart vergessen.
+"Und jetzt bitte ich mir Ruhe aus, ihr unbaendigen Kinder! Fraeulein Raimar
+hat ihre triftigen Gruende zu ihren Bestimmungen, wie koennt ihr euch
+dagegen auflehnen? Dass ihr noch zu kindisch seid, dieselben zu verstehen,
+habe ich in diesem Augenblicke klar und deutlich gesehen! Schaemt euch! ...
+Jetzt macht euch daran, eure Rollen auszuschreiben, morgen werden wir eine
+Leseprobe halten." Mit diesen Worten verliess sie die aufruehrerische
+Gesellschaft.
+
+Alle schwiegen bis auf Grete, sie konnte nicht unterlassen, noch einmal zu
+sagen: "Langweilig ist es doch ohne Herren! Und den dummen Bauernjungen
+spiel' ich nicht!"
+
+Aber sie spielte ihn doch und es zeigte sich bald, dass sie ganz
+vortrefflich dazu passte.
+
+Die taeglichen Proben brachten die gewuenschte Zerstreuung. Ilse besonders
+fand viel Freude an einem Vergnuegen, das ihr bis dahin unbekannt gewesen
+war. Die anfaengliche Befangenheit ueberwand sie bald und sie spielte ihre
+Rolle zur vollen Zufriedenheit Fraeulein Guessows, die zuweilen ein Laecheln
+ueber die hoechst natuerliche Darstellung nicht unterdruecken konnte.
+
+Zur Hauptprobe mussten alle in ihren Kostuemen erscheinen, damit sie sich
+gegenseitig an den veraenderten Anblick gewoehnten. Diese Bestimmung war
+sehr gut, denn als sie sich in ihren komischen Anzuegen betrachteten,
+konnten sie das Lachen nicht zurueckhalten.
+
+Flora mit langen Scheitellocken und einer Spitzenhaube, mit einem Lorgnon,
+das sie vor die Augen hielt, war kaum zu erkennen. Das elegante, schwarze
+Schleppkleid liess sie weit groesser erscheinen, als sie war. Sie war
+uebrigens ganz ausgesoehnt mit ihrer {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}alten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Partie und das Lob, welches
+Fraeulein Guessow ihr einige Male erteilte, hatte sie zu der Idee gebracht,
+dass ihr eigentlicher Beruf der einer Schauspielerin sei, und sie traeumte
+Tag und Nacht {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}von der Welt, welche die Bretter bedeuten{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Dichterin -
+Schauspielerin{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}. Eine grosse Zukunft stand ihr bevor!
+
+Orla sah in ihrem Jaegeranzuge, den gruenen Hut keck auf das eine Ohr
+gesetzt, wirklich gut aus, und der kleine Stutzbart, mit dem sie die
+Oberlippe geziert hatte, gab ihr ein keckes Ansehen und stand ihr
+allerliebst.
+
+"Famos siehst du aus, Orla!" meinte Melanie und betrachtete mit besonderem
+Entzuecken deren Stulpenstiefel.
+
+"Du solltest immer so gehen," setzte Flora ganz ernsthaft hinzu. Natuerlich
+wurde sie ausgelacht.
+
+ [Illustration]
+
+Grete war ein Bauernjunge, wie er sein muss. Plump und ungeschickt, dreist
+und laut. Melanie fuehlte sich himmlisch wohl in dem koketten und eleganten
+Kostuem, das sie sich gewaehlt hatte. Sie stand vor dem Spiegel und putzte
+noch hie und da an sich herum. Und Ilse?
+
+Sie trat als letzte herein und bei ihrem Anblick erhob sich ein so
+stuermisches Gelaechter, dass Fraeulein Guessow Muehe hatte, es zu daemmen.
+
+"Wie siehst du aus, Maedchen?" sprach sie lachend, "komm naeher, ich muss
+dich genau betrachten. Willst du wirklich in diesem Aufzuge spielen? Nein,
+Ilse, so geht es wirklich nicht. Wir muessen an deinem Kleide durchaus
+Verschoenerungen anbringen! Du bist auch gar zu wenig eitel, sonst wuerdest
+du wohl selbst darauf gekommen sein."
+
+"Lassen Sie mich so!" bat Ilse instaendigst, sie war ja so gluecklich, ihr
+geliebtes Blusenkleid bei dieser Gelegenheit tragen zu duerfen. Sie war aus
+demselben herausgewachsen, zu eng und zu kurz war es geworden, natuerlich
+erhoehte dieser Mangel noch den komischen Eindruck.
+
+"Nein, Kind, unmoeglich! Du siehst wie eine Bettlerin aus. Der Aermel darf
+nicht ausgerissen sein, der schlechte Guertel muss durch einen neuen ersetzt
+werden, um den Hals wirst du einen Matrosenkragen legen und die
+fuerchterlichen Stiefel lass vor allen Dingen blank putzen. Dann wird es
+gehen. Man darf nicht uebertreiben," fuegte sie hinzu, als Ilse ein etwas
+betruebtes Gesicht machte, "stets muss das richtige Mass inne gehalten
+werden. Auch die Locken duerfen dir nicht so wirr ueber die Augen fallen, du
+kannst ja kaum sehen. Vergiss nicht, dass du die Tochter einer Baronin bist,
+dein Anzug darf verwildert, aber nicht zerrissen sein."
+
+"Wollen wir nicht anfangen?" trieb Miss Lead, die sich mit ihren
+Kuenstlerinnen ebenfalls zur Hauptprobe eingestellt hatte. Sie war schon
+etwas ungeduldig bei der genauen Musterung der Kostueme geworden und fand
+es hoechst ueberfluessig, dass Fraeulein Guessow ueberhaupt Wert darauf legte.
+Die Hauptsache war nach ihrer Meinung die vollstaendige Beherrschung der
+fremden Sprache, und dass die Maedchen ihre Rollen gut gelernt hatten, alles
+andre war Nebensache. Viel Gesten litt sie um keinen Preis, wollte ja eine
+Mitspielende es wagen, sich frei und natuerlich zu bewegen, geriet sie
+foermlich ausser sich und rief: "Ruhe! Ruhe! Wo bleibt die Plastik?"
+
+Wie es fast immer der Fall ist, so war es auch hier; die Hauptprobe fiel
+herzlich schlecht aus. Die Maedchen waren schon aufgeregt in Erwartung des
+naechsten Tages und wurden es noch mehr durch die Ungeduld von Miss Lead,
+die heftig erklaerte, dass sie es fuer das beste halte, wenn die ganze
+Theateridee aufgegeben werde. Das franzoesische Stueck fand sie entsetzlich
+und sie gab Fraeulein Guessow den guten Rat, es nicht auffuehren zu lassen.
+"Ich bitte Sie," rief sie aus, "es handelt sich um eine Liebesgeschichte!
+Das wird den groessten Anstoss erregen!"
+
+Fraeulein Guessow setzte der Englaenderin laechelnd auseinander, dass nicht
+Kinder, sondern erwachsene Maedchen das Stueck auffuehrten. "Die
+Liebesgeschichte," wandte sie ein, "ist nur eine harmlose Nebensache, es
+handelt sich hauptsaechlich um die Heilung eines widerspenstigen Maedchens."
+
+Miss Lead schuettelte missbilligend den Kopf, sie wollte sich nicht davon
+ueberzeugen. "Ilse wird Ihnen, wenn Sie wirklich auf Ihrem Vorsatz
+bestehen, alles verderben. Wie sieht sie aus, und wie spielt sie? Plump,
+ohne jeden Anstand! Das Podium der kleinen Buehne erdroehnt foermlich bei
+ihren furchtbaren Schritten, ihre Bewegungen sind frei und keck."
+
+Fraeulein Guessow schwieg zu diesem harten, ungerechten Urteil. Sie hatte es
+laengst aufgegeben, die Englaenderin von ihrem Vorurteile zu heilen. Starr
+hielt dieselbe daran fest. Ilse war und blieb ihr ein Dorn im Auge.
+
+Miss Lead hatte sich geirrt. Am naechsten Abend ging alles ueber Erwarten
+gut. Der glaenzend erhellte Saal, die festlich versammelte Gesellschaft
+brachten eine belebende Stimmung unter das junge Volk. Die ganze
+Festlichkeit leitete ein Prolog ein, den eine Schuelerin der ersten Klasse
+gedichtet hatte. Sie trug ihn selbst recht huebsch vor und erntete
+wohlverdienten Beifall. Nur Flora, die hinter den Kulissen stand, zuckte
+die Achseln. "Kein Schwung, keine Poesie und kein Talent!" lautete ihr
+kritischer Ausspruch.
+
+Die Auffuehrung des englischen Stueckes ging vorueber, glatt, reizlos und
+langweilig. Und wenn die Anwesenden sich dies in ihrem Innern auch
+einstimmig eingestanden, so waren sie doch am Ende des Stueckes mit
+Beifallsspenden nicht sparsam. Die Mitspielenden wurden herausgerufen, und
+als der rote Vorhang in die Hoehe ging und die Maedchen sich dankend
+verneigten, strahlte Miss Lead vor Stolz und Seligkeit. "_Very well_," rief
+sie laut, "ihr habt eure Sache gut gemacht!"
+
+Nachdem verschiedene lebende Bilder und musikalische Auffuehrungen vorueber
+waren, bildete das franzoesische Lustspiel den Schluss.
+
+"Wollen Sie es wirklich wagen?" wandte sich die englische Lehrerin in
+wohlwollendem, etwas herablassendem Tone zu Fraeulein Guessow. "Schreckt Sie
+der grosse Erfolg, den wir erzielten, nicht ab? Folgen Sie meinem Rate,
+treten Sie zurueck! Wir werden eine Entschuldigung finden. Der franzoesische
+Flattersinn muss abfallen gegen die englische Gediegenheit."
+
+Trotz Miss Lead's Bedenken begann das franzoesische Stueck, und sie musste die
+niederschlagende Erfahrung machen, dass es weit beifaelliger aufgenommen
+wurde, als das englische. Die Gesellschaft amuesierte sich koestlich und kam
+aus dem Lachen nicht heraus. Zweimal wurde Ilse bei offener Szene gerufen,
+so drollig und natuerlich spielte sie.
+
+"Sie ist _charmante, charmante_!" rief Monsieur Michael feurig, "ich habe
+Ursache, stolz auf sie zu sein. Leicht und elegant wie eine Pariserin
+spricht und spielt sie!"
+
+"Sie spielt sich selbst!" entgegnete Doktor Althoff lachend, "aber ich
+haette dem Wildfang kaum so viel Anmut zugetraut."
+
+Einen kleinen Triumph sollte Miss Lead doch noch feiern, - Ilse verdarb die
+Liebesszene am Schluss. In dem Augenblick, als Orla sie umarmen wollte, kam
+ihr das so komisch vor, dass sie in ein lautes Gelaechter ausbrach.
+
+"Wie schade!" rief Nellie halblaut. "Warum muss sie lachen? Sie war zu
+nett, nun verderbt sie die Schluss."
+
+Doktor Althoff, der zufaellig in Nellies Naehe stand, hoerte ihren Ausruf.
+"Trotzdem, Miss Nellie," entgegnete er, auf einem leeren Stuhl neben ihr
+Platz nehmend, "ist ihre Freundin die Siegerin des Abends; aber warum
+wirkten Sie nicht mit, warum sind Sie nur Zuschauerin? Sie wuerden gewiss
+eine gute Schauspielerin sein."
+
+Nellie senkte die Augenlider. "O, Sie sind sehr guetig," sagte sie
+befangen, "aber ich weiss nicht zu spielen, Herr Doktor, ich hab' nicht
+Talent."
+
+"Das kaeme auf einen Versuch an! Sehen Sie Ilse an, wer haette geglaubt, dass
+sie eine so allerliebste Schauspielerin sein koenne!"
+
+"Nicht wahr?" stimmte Nellie lebhaft und mit aufrichtiger Freude bei, "sie
+ist reizend und ich bin entzueckend ueber ihr!"
+
+Der junge Lehrer schwieg und sah sie teilnahmvoll an. Wie neidlos kamen
+ihr die Worte aus dem Herzen, wie leuchteten ihre Augen freudig auf, als
+sie die Freundin lobte! Und im Vergleich zu Ilse, wie wenig hatte sie doch
+von der Zukunft zu hoffen! Jene ein Kind des Glueckes - und diese? Ein
+armes Wesen, das den muehevollen Pfad einer Lehrerin pilgern sollte!
+
+"Nicht wahr, ist sie nicht reizend?" wiederholte Nellie und blickte
+fragend auf.
+
+"Gewiss, gewiss!" gab der Lehrer zerstreut zur Antwort, und von dem
+Gegenstand ploetzlich abspringend, fragte er: "Woher haben Sie die
+herrlichen Veilchen?" und deutete dabei auf einen Strauss, den sie in der
+Hand hielt. "Sie duften wundervoll! Ich liebe die Veilchen sehr."
+
+Sie hoerte nur, dass er die Veilchen liebe, bedurfte es da einer grossen
+Ueberlegung? "O nehmen Sie," sagte sie naiv und erroetete dabei, "bitte, es
+macht mich grosser Freude!"
+
+"Nicht alle," entgegnete er laechelnd und zog einige Blumen aus dem Strauss,
+den sie ihm gereicht, "so, nun habe ich genug. Haben Sie Dank dafuer."
+
+Er erhob sich und verliess sie. Mit glaenzenden Augen sah sie ihm nach, sie
+hatte bemerkt, wie er ihre Veilchen im Knopfloch befestigte.
+
+"Wie taktlos von dir!" redete Miss Lead, die ihren Platz dicht hinter
+Nellie hatte, dieselbe an und riss sie mit ihrer scharfen Stimme aus allen
+Himmeln. "Welch ein Betragen! Ich habe jedes Wort mit angehoert. Schaemst du
+dich nicht, einem Herrn Blumen anzubieten?"
+
+Als ob ein eisiger Wind ploetzlich in eine kaum erschlossene Bluetenknospe
+gefahren waere, so wurde Nellies kurze Freude zerstoert.
+
+"Habe ich ein Unrecht gemacht?" fragte sie geaengstigt. "O bitte, Miss,
+sagen Sie, war ich ungeschickt? Wird Herr Doktor mich fuer unbescheiden
+halten?"
+
+Dieser Gedanke peinigte sie sehr und uebergoss sie mit heisser Glut. Mit
+wahrer Angst wartete sie auf ein beruhigendes Wort und sah in der Lehrerin
+Gesicht, das indes nicht aussah, als ob sie zur Milde geneigt sei.
+
+"Jedenfalls wird er dich fuer sehr einfaeltig halten," erwiderte sie
+unbarmherzig, "wenn er nicht vielleicht deine Handlungsweise zudringlich
+nennt."
+
+"O nein, nein!" rief Nellie beinahe entsetzt, "er wird nicht so hart von
+sein Schueler denken!"
+
+"So, weisst du das so bestimmt?" quaelte Miss Lead sie weiter, "du bist kein
+Kind mehr, dem man allenfalls dergleichen Taktlosigkeiten vergiebt, ein
+erwachsenes Maedchen darf niemals blindlings seinem Gefuehle folgen!"
+
+"Ich will bitten, dass er mir die Blumen wiedergiebt," sagte Nellie tief
+beschaemt.
+
+"Das darfst du nicht, wenn du dich nicht noch mehr blossstellen willst. Du
+wirst schweigen und dich niemals wieder vergessen! Eine zukuenftige
+Gouvernante muss jedes Wort, jeden Blick, und vor allem jede Handlung
+reiflich ueberlegen. Das merke dir!"
+
+Traurig sah Nellie nach diesem harten Verweise zu Boden. Dahin war ihre
+froehliche Laune, sie hatte keine Lust mehr an dem Feste. Eine heisse Thraene
+tropfte ihr aus dem Auge und fiel auf die Veilchen, die Urheber ihres
+Kummers. Sie brannten ihr foermlich in der Hand und am liebsten haette sie
+dieselben weit von sich geschleudert. Still und einsilbig blieb sie den
+ganzen Abend, und sobald Doktor Althoff in ihre Naehe kam, wich sie ihm
+aengstlich aus. Es war ihr unmoeglich, ihm in das Auge zu blicken. Miss Lead
+hatte ihre frohe Unbefangenheit zerstoert.
+
+Als die Freundinnen sich nach dem Feste zur Ruhe begaben, sass Nellie ganz
+gegen ihre Gewohnheit noch einige Zeit sinnend da. "Du bist so still,"
+fragte Ilse, "was hast du?"
+
+"O nichts, nichts!" erwiderte Nellie schnell und erhob sich aus ihrer
+traeumenden Stellung, "es ist gar nix!"
+
+Zum ersten Male verschwieg sie der geliebten Freundin die Wahrheit, sie
+vermochte es nicht, ueber ihren Kummer zu reden, und doch - was war es, das
+trotz allen Kummers ihr Herz schneller klopfen liess und wie ein
+Fruehlingswehen durch ihre Seele zog?
+
+ * * *
+
+Holunder und Maiblumen hatten ausgeblueht und die Rosen oeffneten ihre
+duftigen Kelche. Nellie und Ilse wandelten nach dem Abendessen durch den
+Garten, und als sie im Gebuesch die Nachtigall schlagen hoerten, blieben sie
+stehen und lauschten.
+
+"Wie suess!" rief Nellie, "komm, lass uns auf der Bank setzen und lauschen."
+
+Sie hielten sich beide umschlungen und sprachen kein Wort. Der herrliche,
+duftende Abend, der Mond, der silbern am Abendhimmel aufstieg, der
+schmelzende Gesang der Nachtigall weckten eine ahnungsvolle, nie gekannte
+Stimmung in ihren jungen Herzen.
+
+"O Ilse," unterbrach Nellie mit einem Seufzer die feierliche Stille, "wie
+bald gehst du fort und laesst mir allein zurueck! Ich bin sehr traurig, wenn
+ich daran denke!"
+
+Auch Ilse war wehmuetig und der Gedanke, von Nellie scheiden zu muessen,
+machte ihr das Auge feucht. Aber sie unterdrueckte mutig die weiche
+Stimmung und versuchte, die Freundin zu troesten. "Es ist noch lange hin,
+bis ich die Pension verlasse," sagte sie, "du weisst ja, dass meine Eltern
+meinen Aufenthalt bis zum ersten September verlaengerten. Noch acht Wochen
+sind wir beisammen, Nellie, das ist noch eine sehr lange Zeit, denk'
+einmal, acht volle Wochen!"
+
+Nellie schuettelte traurig den Kopf. "O nein, es ist nur sehr kurze Zeit,"
+erwiderte sie, "es sind auch nicht acht Wochen voll, du musst ordentlich
+rechnen. Heute haben wir schon der siebente Juli, - macht bis zu der erste
+September vierundfuenfzig Tage - fehlt also zwei volle Tag an der achte
+Woch -"
+
+Trotz ihres Kummers musste Ilse lachen. "Du liebe, suesse Nellie," rief sie
+und kuesste diese herzlich auf den Mund, "du bist doch immer komisch, selbst
+wenn du traurig bist! Weisst du, wir wollen uns das Herz nicht heute schon
+schwer machen mit dem Gedanken an unsre Trennung, wir gehen ja nicht fuer
+immer auseinander! Du besuchst mich bald, - ja?"
+
+Aber Nellie war einmal weich gestimmt heute abend und der Freundin Trost
+fand keinen Eingang in ihrem Herzen. Sie versuchte zwar die Thraenen zu
+unterdruecken, aber sie brachen immer neu hervor. Ilse lehnte den Kopf an
+ihre Schulter und schwieg. In ihrem Innern kaempften der Schmerz und die
+Freude. Sie haette so gern sich auf das Wiedersehen ihrer Lieben, besonders
+des kleinen Bruederchens, gefreut, sie vermochte es nicht ungetruebt, weil
+der Abschied von Nellie dazwischen stand. -
+
+"Hier sind sie! Kommt, hierher! Sie sitzen beide unter dem Holunderbusch!"
+
+Keine andre als Grete war es, die durch ihren lauten Ruf die Traeumenden
+aufschreckte. Unbemerkt war sie aus einem Seitenweg hervorgetreten und
+stand nun wie aus der Erde gewachsen vor ihnen.
+
+Ilse sprang auf und trat den andern Maedchen, die herbeigeeilt kamen,
+entgegen. Nellie trocknete verstohlen ihre Thraenen und machte wieder ein
+heitres Gesicht.
+
+"Wir haben euch ueberall gesucht," sagte Orla, "was macht ihr denn hier?"
+
+"Ich glaube wahrhaftig, ihr schwaermt im Mondenschein, Kinder," lispelte
+Melanie, "ihr macht so furchtbar schmachtende Augen alle beide, habt ihr
+geweint?"
+
+Grete musste sich hiervon genau ueberzeugen, sie trat zu Nellie und sah sie
+neugierig pruefend an. "Du hast geweint, Nellie - und du auch Ilse -"
+behauptete sie entschieden. "Was habt ihr denn? Warum weint ihr?"
+
+"Um nix!" entgegnete Nellie aergerlich ueber die unzarte Grete.
+
+"Um nichts weint man doch nicht," fuhr dieselbe unbeirrt fort, "bitte,
+sagt es doch, warum ihr geweint habt."
+
+"Lass deine zudringlichen Fragen," verwies sie Flora, "und wenn sie dir
+sagen wuerden: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Der silberne Mond, die duftenden Rosen, der entzueckende
+Sommerabend, so recht zur Liebe und Traurigkeit geschaffen, haben unsern
+Herzen Wehmut und Thraenen entlockt,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} - wuerdest du das verstehen? Niemals!
+Denn du hast keinen Sinn fuer die hoehere Sphaere - du bist zu prosaisch!"
+Sie begleitete ihre Worte mit einem schwaermerischen Aufschlag ihrer
+wasserblauen Augen.
+
+Floras hochtrabende Aeusserung stellte sofort die froehlichste Stimmung her.
+Nellie vergass ihr Herzeleid darueber und sagte lachend: "O Flora, was fuer
+ein zarter Seel' du hast! Sei bedankt du hoher Dichterin, du hast uns
+verstanden!"
+
+"Kinder!" unterbrach Orla die Sprechenden, "nun hoert auf mit euren
+Albernheiten, ich habe euch eine hoechst wichtige Mitteilung zu machen!"
+
+Wichtige Mitteilung! Grete sperrte Mund und Nase auf und sah gespannt auf
+Orla, zu der sie sich ganz dicht herangedraengt hatte.
+
+"Nicht hier!" fuhr diese fort, "folgt mir unter die Linde!"
+
+"Unter die Linde?" fragte Annemie aengstlich. "Lass uns doch hier, es ist ja
+schon dunkel unter dem alten, grossen Baum!"
+
+"Ja, und es ist schon spaet, wir muessen uns eilen," fiel die ebenfalls
+furchtsame Flora ein.
+
+"Mache dir keine Sorge darum, liebste Flora," gab Orla zurueck, "denn hoere
+und staune: Weil heute mein Geburtstag ist, hat Fraeulein Raimar auf
+dringendes Bitten die hohe Gnade gehabt, unsern Aufenthalt im Garten heute
+abend bis um zehn Uhr zu verlaengern!"
+
+"Himmlisch! Furchtbar reizend! Zu nett!" u. s. w. rief es durcheinander
+und Grete machte sogar einen kleinen, ungeschickten Sprung in die Luft.
+
+"Also auf zur Linde!" kommandierte Orla und schlug den Weg dorthin ein.
+
+Ohne Gegenrede folgten ihr alle, in wenigen Augenblicken waren sie dort.
+Orla stieg auf eine Bank, die dicht am Stamme lehnte, schlug die Arme
+untereinander und sah schweigend auf die Maedchen herab, die einen dichten
+Halbkreis um sie bildeten und mit hoechster Spannung auf sie blickten.
+
+"Meine lieben Freundinnen," hub sie an, da raschelte es ueber ihnen in den
+Zweigen. Die Maedchen schraken zusammen.
+
+"Was war das?" fragte Annemie, "Gott, wenn sich im Baume jemand versteckt
+haette!"
+
+"Oder wenn ein Gespenst wieder seinen Spuk triebe!" sprach Melanie mit
+bebenden Lippen.
+
+"Wie unheimlich ist es hier!" fiel Grete ein, "ich fuerchte mich!"
+
+"So ein Gespenst mit grosser Feuerauge und fliegender Haar," meinte Nellie
+und stiess Ilse an, "o, es waere furchtbar!"
+
+Orla stand ruhig und unerschrocken da, sie kannte keine Furcht. "Schaemt
+euch!" rief sie den Zagenden zu, "seid ihr erwachsene Maedchen? Kann euch
+eine harmlose Fledermaus in die Flucht treiben? Geht zurueck, wenn ihr euch
+fuerchtet, fuer Kinder passen meine Worte nicht! Wollt ihr vernuenftig sein?"
+
+"Ja, ja!" toente es zurueck, zwar etwas zaghaft, aber die Neugierde trug
+doch den Sieg ueber die Furcht davon.
+
+"So hoert mich an! Hier an dieser Staette, unter dem Schutze unsrer
+geliebten Linde lasst uns einen Bund schliessen, der uns in Freundschaft fuer
+das ganze Leben vereinen soll. Wie lange wird es dauern und wir verlassen
+die Pension, und das Schicksal zerstreut uns in alle Winde!"
+
+"In alle Winde!" wiederholte Flora halblaut.
+
+"Nun frage ich euch, soll uns dasselbe fuer immer trennen? Ich sage: nein!
+wir werden uns wiedersehen! Wir haben stets treu zusammengehalten, unsre
+Freundschaft darf nicht wie ein leerer Wahn verrauschen -"
+
+"Wie ein leerer Wahn verrauschen -" gab Flora als Echo zurueck.
+
+"Ruhig!" geboten die andern, "lass Orla sprechen!"
+
+"So frage ich euch denn: wollt ihr mit mir in diesem feierlichen
+Augenblicke geloben, dass ihr heute in drei Jahren zurueckkehren wollt? Hier
+unter der Linde, am siebenten Juli, morgens elf Uhr, soll uns ein frohes
+Wiedersehen vereinen. Seid ihr mit meinem Vorschlage einverstanden?"
+
+"Ja!" rief es einstimmig und begeistert, "wir kommen!"
+
+"Schwoert einen Eid darauf!"
+
+Sie erhob drei Finger der rechten Hand und alle uebrigen folgten ihrem
+Beispiele. Nur Rosi zoegerte.
+
+"Es koennten doch Hindernisse eintreten, die eine Reise hierher unmoeglich
+machten," warf sie mit ihrer sanften Stimme ein.
+
+"Hindernisse, das heisst, nur wichtige Hindernisse heben den Eid auf!"
+erklaerte Orla. "In diesem Falle ist die Ausbleibende verpflichtet, durch
+einen ausfuehrlichen Brief den Grund ihres Eidbruches anzugeben. Beschwoert
+auch das!"
+
+Wieder erhoben sich die Haende und diesmal zoegerte Rosi nicht, sich dem
+Schwure anzuschliessen.
+
+"Nun haben wir uns fuer ewig verbunden!" nahm Orla wieder das Wort, "und
+jede von uns wird ihren Eid halten, damit wir indes stets desselben
+gedenken, mache ich euch einen Vorschlag. Wir wollen zur Erinnerung an
+diese heilige Stunde einfache, silberne Ringe anfertigen lassen, die wir
+an dem kleinen Finger der linken Hand tragen. Jede von uns erhaelt einen
+solchen und traegt ihn bis zu ihrer Sterbestunde."
+
+"Bis zu ihrer Sterbestunde!" sprach Flora langsam und elegisch nach.
+
+Die Ringidee wurde von allen reizend, famos und entzueckend gefunden und
+mit Begeisterung angenommen. Orla, die von ihrem erhabenen Platze
+heruntergesprungen war, wurde umringt und mit schmeichelhafter Anerkennung
+ueberhaeuft. Melanie prophezeite ihr geradezu eine grosse Zukunft als
+Rednerin, sie habe {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}furchtbar reizend{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gesprochen.
+
+Alle befanden sich uebrigens in einer gehobenen Stimmung, sie fielen sich
+in die Arme, kuessten sich und versicherten sich gegenseitig der
+zaertlichsten Freundschaft, die nur mit dem Tode enden koenne.
+
+Sie glaubten ganz ernst an ihre Versprechungen, kein Zweifel vergiftete
+ihre unschuldsvolle Zuversicht. Der Mond lugte wischen den Zweigen
+hindurch und blickte wie spottend mit einem Auge auf das ruehrende
+Schauspiel. Vielleicht verstand ihn der alte Baum, vielleicht bedeutete
+das leise Rauschen in seinem Wipfel die Antwort: Du Zweifler da oben,
+spotte nicht ueber die glaeubigen Kinder. Weisst du nicht, dass es immer so
+war und immer so sein wird? Die Traeume der Jugend gehoeren zur jungen
+Brust, wie der Tau zur Rose. Enttaeuschung und Nuechternheit toeten frueh
+genug diese Blueten der kurzen Maienzeit.
+
+"Orla," sagte Flora, als sie langsam in das Haus zurueckkehrten, "auch ich
+moechte einen Vorschlag machen. Wenn eine von uns Freundinnen, die wir uns
+bis in den Tod verbunden haben, in den Bund der heiligen Ehe tritt, so
+soll es ihre Pflicht sein, ihre Genossinnen zu diesem hohen Feste
+einzuladen."
+
+"Ja," stimmte Orla bei, "das ist ein guter Gedanke, wir wollen denselben
+mit einem Handschlag besiegeln."
+
+Sie schlossen einen Kreis und reichten sich die Haende, verzogen auch keine
+Miene dabei. Nur Ilse konnte das Lachen nicht lassen, die
+Hochzeitsgedanken kamen ihr gar zu komisch vor.
+
+"Ich trete zwar niemals in den Bund der heiligen Ehe, aber ich gebe doch
+mein Handschlag zu die Einladung," neckte Nellie.
+
+"Spotte nicht ueber so ernste Dinge," sprach Flora zuernend. "Wir sind nicht
+aufgelegt zu deinen Scherzen."
+
+"O, ich scherz' gar nix, aber wie soll ein arm' haesslich Englaenderin mit
+sehr viel Sommerspross' auf der Nas' ein Mann bekommen?"
+
+Diese komische Bemerkung verscheuchte den Ernst von den jugendlichen
+Stirnen und Scherz und Frohsinn kehrten zurueck.
+
+Ehe sich Flora zur Ruhe begab, schrieb sie in ihr Tagebuch:
+
+"Welch ein grosser, ereignisvoller Tag! O, ich zittere noch, wenn ich daran
+denke! Mondschein! Rosenduft! Linde! Sang der Philomele! Orla hinreissend
+gesprochen (Meine naechste Heldin Orla heissen!) Freundschaftsbuendnis!
+Schwur! Hochzeitsversprechen! (Meine entzueckende Idee!) Handschlag darauf!
+Wie heisst die Hochbeglueckte, die zuerst denselben loest? Schicksal, du
+dunkles, lass mich den Schleier heben! Giebt es Ahnungen, sollt' ich? -"
+
+Sie legte die Feder nieder, schloss das Buch und verbarg es tief in ihrem
+Kommodenkasten. Ihre Hand zitterte und ihre Gedanken verwirrten sich. Sie
+legte sich nieder und schlief ein. Traeumend sah sie sich im Brautkranz und
+weissen Atlaskleide.
+
+ * * *
+
+Die acht Wochen, oder wie Nellie sagte: "vierundfuenfzig Tage", waren
+voruebergegangen. Der erste September brach an. Nellie hatte die ganze
+Nacht nicht schlafen koennen vor Herzeleid, der Abschied von der geliebten
+Freundin raubte ihr die Ruhe. Auch Ilse war es gleich ergangen und es war
+ruehrend, wie beide Maedchen bemueht waren, ihre Schlaflosigkeit und ihre
+Thraenen sich gegenseitig zu verbergen.
+
+Als der Morgen anbrach, hielt Nellie es nicht mehr aus. Sie stand auf,
+warf ihr Morgenkleid ueber und schlich an Ilses Bett.
+
+"Wachst du?" fragte sie, als dieselbe sie mit offenen Augen ansah, "das
+ist schoen, nun koennen wir noch eine ganze Stunde plaudern, es hat eben
+Fuenf geschlagen."
+
+Sie setzte sich auf Ilses Bettrand und ergriff deren beide Haende, und als
+sie aufblickte und Thraenen in Ilses Augen schimmern sah, da war es aus mit
+ihrer kuenstlichen Fassung. Sie beugte sich zu der Freundin nieder und
+indem sich beide fest umschlungen hielten, vermischten sich ihre heissen
+Thraenen.
+
+"O, Ilse! Wie einsam wird es sein, wenn dein Bett leer ist! Oder wenn ein
+anderer Gesicht mir daraus ansieht, o, ich bin sehr, sehr traurig!"
+
+Ilse hatte sich aufgerichtet und drueckte die Weinende innig an sich. Zu
+sprechen vermochte sie nicht, es war ihr zu weh.
+
+"Wir sehen uns bald wieder," sprach sie endlich mit zitternder Stimme und
+versuchte Nellie zu troesten. "Du besuchst uns in Moosdorf; den ganzen
+Winter ueber wirst du bei uns bleiben."
+
+Nellie schuettelte unglaeubig den Kopf. "Das wird nix, ich werde nicht
+Erlaubnis bekommen zu ein so lang' Besuch. Meine Zeit ist Ostern vorbei,
+dann heisst es: fort aus der Pension! Ich muss ein' Stell' annehmen und
+Kinder Unterricht geben. Aber ich weiss noch nicht viel und muss sehr
+fleissig lernen, Fraeulein Raimar sagt es alle Tage."
+
+"Aber die Michaelisferien darfst du gewiss bei uns zubringen. Meine Eltern
+werden selbst an Fraeulein Raimar schreiben und sie dringend darum bitten,
+sie wird es ihnen nicht abschlagen," entgegnete Ilse.
+
+"Es geht nicht, ich muss lernen!"
+
+Ilse sah die Freundin traurig und bedauernd an. "Wenn du wirklich eine
+Gouvernante werden musst, Nellie, so versprich mir fest, dass du all' deine
+Ferien bei uns in Moosdorf zubringen willst. Meine Heimat soll auch die
+deinige sein."
+
+Mit einem Handschlage wurde dies Versprechen besiegelt. "Du bist sehr gut,
+Ilse, ich werde nie wieder ein Maedchen lieben wie dir. Vergiss mir nie!
+Sieh dieser klein' silbern' Ring recht oft an und denk' dabei immer an
+dein' Nellie, die in Einsamkeit zurueckgeblieben ist."
+
+"Nicht einsam," troestete Ilse, "sie haben dich alle so lieb im Institute."
+
+"Und wenn ich fort bin, aus der Auge, aus der Sinn, dann bin ich fremd fuer
+sie."
+
+"Nein, Nellie, du wirst Fraeulein Raimar und Fraeulein Guessow nie eine
+Fremde sein!" entgegnete Ilse mit vollster Ueberzeugung. "Sie haben dich
+furchtbar lieb!"
+
+"O ja, ich weiss; aber sie sind nicht mehr in Jugend und werden mir nie
+verstehn, wie du. Sie haben vergessen, wie man ein dumm' Streich macht!
+Denkst du noch an der Apfelbaum?"
+
+Die Erinnerung an diese lustige Fahrt trocknete ihre Thraenen und rief ein
+froehliches Laecheln auf ihre Lippen. Jede geringe Kleinigkeit durchlebten
+sie in Gedanken noch einmal. Die Spukgeschichte. Miss Lead in ihrem
+wunderbaren Aufzuge. Die Stiefelspitze, die sie beinahe verriet, ach, und
+die Angst, die sie ausgestanden! - "Und es war doch schoen!" rief Nellie
+aus, "ich wuensche, dass wir noch einmal alles machen koennten!"
+
+"Wenn du nach Moosdorf kommst," sagte Ilse, "dann wollen wir in die Baeume
+klettern nach Herzenslust! Du wirst es bald lernen! O, es wird dir bei uns
+gefallen! Wir haben ein grosses, schoenes Wohnhaus mit Tuermchen und Soellern,
+fast wie ein Schloss. Du wirst dein Zimmer dicht neben mir haben, das ist
+doch reizend, nicht wahr? Ich fahre dich alle Tage mit meinen Ponies
+spazieren, und Hunde haben wir zum Entzuecken!"
+
+So plauderte Ilse von der Heimat und schilderte der Freundin lebhaft und
+feurig die dortigen Herrlichkeiten. Auf diese Weise kamen sie fuer den
+Augenblick ueber das Weh des Abschieds hinweg, die Aussicht auf ein nicht
+allzufernes Wiedersehen versuesste ihren herben Trennungsschmerz. -
+
+Wenige Stunden spaeter stand Ilse reisefertig vor Fraeulein Raimar und sagte
+ihr Lebewohl. Die Vorsteherin hielt sie im Arme und redete liebevoll auf
+sie ein.
+
+"Es thut mir leid, dass dein Vater verhindert ist, dich abzuholen," sagte
+sie, "nun musst du die weite Reise allein machen! Gern haette ich ihn auch
+noch einmal gesprochen und mancherlei mitgeteilt, was ich nun schriftlich
+thun musste. Wie erstaunt wird er sein, wenn er dich wiedersieht, er wird
+die fruehere Ilse gar nicht wieder erkennen! Weisst du wohl noch, wie ungern
+du damals zu uns kamst?"
+
+"Verzeihen Sie mir," bat Ilse unter Thraenen, "und vergessen Sie, wenn ich
+Sie kraenkte!"
+
+"O, rede nicht davon! Du bist uns allen eine liebe Schuelerin geworden und
+ungern sehen wir dich scheiden. Ich hoffe, du schreibst mir zuweilen,
+liebe Ilse, und giebst mir Nachricht, ob du gute Fortschritte in der Musik
+und besonders im Zeichnen machst. Ich habe den Papa gebeten in diesem
+Briefe," sie uebergab Ilse denselben, "dass er dir noch in einigen Faechern
+Nachhilfe geben lassen moege, besonders moege er fuer einen tuechtigen Lehrer
+im Zeichnen sorgen, da du viel Talent dazu habest."
+
+Fraeulein Guessow trat ein und meldete, dass der Wagen vor der Thuere stehe,
+sie und Nellie begleiteten Ilse zur Bahn.
+
+"Leb wohl denn, mein Kind," sagte die Vorsteherin, "und wenn du einmal
+Sehnsucht nach der Pension bekommen solltest, so kehre zu uns zurueck,
+jederzeit wirst du uns von Herzen willkommen sein."
+
+Im Hausflur standen die Freundinnen versammelt. Sie umringten die
+Scheidende und reichten ihr Blumenstraeusse. Natuerlich kuessten und herzten
+sie sich unter Thraenen.
+
+"Vergiss uns nicht!" "Schreib bald!" "Ich habe dich furchtbar lieb gehabt!"
+so und aehnlich klang es durcheinander, und ehe Ilse in den Wagen stieg,
+fluesterte Flora ihr zu: "Gedenke deines Schwurs!"
+
+"Die Blumen werden dir laestig sein unterwegs, Ilse," meinte Fraeulein
+Guessow, die bereits mit Nellie im Wagen Platz genommen hatte, "lass sie
+zurueck und nimm aus jedem Strausse nur einige Bluemchen mit."
+
+Aber welches junge Maedchen wuerde auf diesen vernuenftigen Vorschlag
+eingegangen sein! Eine Abreise ohne Strauss ist gar keine richtige Abreise
+nach heutigem Begriffe. Natuerlich schuettelte Ilse den Kopf und sah das
+Fraeulein bittend an. "Ich moechte sie so gern alle mitnehmen," sagte sie.
+
+"Aber wie?" Darauf gab Rosi die Antwort. Sie hatte ein offenes Koerbchen
+herbeigeholt und legte den ganzen Blumenvorrat vorsichtig hinein.
+
+Und nun zogen die Pferde an; noch ein "Lebewohl", ein letzter
+Abschiedsblick, ein Gruessen mit dem Tuche und hinter ihr lag die Staette, an
+der sie eine glueckliche und lehrreiche Zeit verlebt. Ilse lehnte sich im
+Wagen zurueck und weinte laut.
+
+Als die Damen am Bahnhofgebaeude anlangten, war der Zug soeben eingefahren.
+Er hatte fuenfzehn Minuten Aufenthalt und Fraeulein Guessow hatte Zeit, ein
+passendes Koupee fuer Ilse auszusuchen.
+
+"Wo ist ein Damenkoupee? fragte sie den Schaffner, "diese junge Dame faehrt
+nach W."
+
+"Hier! hier!" rief es aus dem Fenster eines Koupees hinter ihr, "hier
+koennen junge, huebsche Damen Platz nehmen!"
+
+Das Fraeulein wandte den Kopf und blickte in ein froehliches
+Studentenangesicht. Das Cereviskaeppchen sass ihm keck auf einem Ohre und
+kaum geheilte "Schmisse" schmueckten Kinn und Wange. Hinter ihm standen
+noch einige andre Studenten und lachten zu dem Scherze ihres Freundes.
+Laut und ungeniert bewunderten sie die jungen Maedchen.
+
+"Entzueckend! Wunderbar! Fortuna mit dem Fuellhorne!" riefen sie den Damen
+nach, die sich eilig entfernten. - Fraeulein Guessow ergriff unwillkuerlich
+Ilses Hand, die hocherroetet war.
+
+ [Illustration]
+
+"Wie unverschaemt!" sagte sie entruestet, "wie konnten sie das wagen! Ach
+Ilse, ich bin in Sorge um dich!" - Und sie liess einen recht besorgten
+Blick ueber das junge Maedchen hingleiten, das in seinem schottischen
+Reisekleide, dem passenden Barett mit blau schillerndem Fluegel an der
+Seite, ueberaus lieblich aussah. - "Du reistest noch niemals allein, und
+jetzt musst du ohne Schutz die lange Fahrt machen. Wenn doch dein Papa dich
+abgeholt haette!"
+
+"Das war nicht moeglich!" entgegnete Ilse. "Er musste daheim bleiben, um
+Mamas einzigen Bruder, der zehn Jahr in der Welt umhergereist ist, heute
+zu begruessen. Ich habe ihn selbst darum gebeten, als er mir schrieb, dass er
+trotzdem kommen wolle. Ich bin auch gar nicht aengstlich, es ist ja heller
+Tag. Papa hat mir auch die ganze Reiseroute so genau aufgeschrieben, dass
+ich mich nicht irren kann."
+
+"Lies mir das noch einmal vor," sagte Fraeulein Guessow. "Ich moechte dich
+gern mit meinen Gedanken begleiten. Du, Nellie, koenntest indessen Ilses
+Handgepaeck in das Koupee legen."
+
+Ilse nahm aus einem roten Ledertaeschchen, das sie an ihrem Guertel
+befestigt an der Seite trug, einen Brief und las:
+
+"Um elf Uhr Abfahrt von dort, um zwei Uhr Ankunft in M. Bis drei Uhr
+Aufenthalt daselbst. Dann Weiterfahrt _ohne umzusteigen_ bis Lindenhof. Um
+fuenf Uhr langst du dort an, steigst aus und wirst von meinem alten
+Freunde, Landrat Gontrau mit seiner Frau, empfangen. Sie nehmen dich mit
+hinaus nach Lindenhof, wo du, auf ihre dringenden Bitten, uebernachtest.
+
+"Am andern Mittag faehrst du weiter und Gontrau hat mir versprochen, dich
+sicher zur Bahn zu befoerdern und alles Noetige fuer deine Weiterreise zu
+besorgen.
+
+"Vergiss nicht, eine Photographie von mir in die Hand zu nehmen; Gontraus,
+denen du ja unbekannt bist, werden dich daran erkennen."
+
+"Hast du das Bild?" fragte das Fraeulein, und als Ilse bejahte, gab sie
+derselben noch mancherlei gute Lehren mit auf den Weg. "Ich weiss, du bist
+verstaendig und wirst auch vorsichtig sein, aber du bist noch unerfahren
+und kennst die Welt und die Menschen nicht; - es giebt Leute, die gar zu
+gern unsre ganzen Lebensverhaeltnisse herauslocken moechten und hoechst
+geschickt zu fragen verstehen; weiche ihnen soviel wie moeglich aus und sei
+hoechst vorsichtig in deinen Aeusserungen. Fuer alle Faelle warne ich dich
+aber, in keiner Weise eine Aufmerksamkeit oder eine Gefaelligkeit, wenn sie
+dir ueberfluessig erscheint, von einem Herrn, sei er jung oder alt,
+anzunehmen. Folge nur stets deiner zurueckhaltenden Natur, liebes Herz,
+dann wirst du auch das Rechte thun."
+
+"Einsteigen!" rief der Schaffner und unterbrach die liebevollen
+Ermahnungen der jungen Lehrerin. Weinend umarmte Ilse dieselbe, und alles,
+was sie an Liebe und Dankbarkeit fuer dieselbe empfand, stammelte sie in
+zwei Worten muehsam hervor: "Dank - Dank -"
+
+"Leb' wohl denn, mein geliebtes Kind!" entgegnete diese und schloss ihr den
+Mund mit einem innigen Kusse.
+
+Und Nellie? Der Abschied von ihr war der schwerste Augenblick fuer Ilse.
+"Behalt' mir lieb," bat sie kaum hoerbar und sah dabei so ungluecklich aus,
+als ob das Glueck fuer immer von ihr scheide. Und Ilse hielt sie fest
+umschlungen und vermochte kein Wort hervorzubringen, - dann riss sie sich
+los und stieg ein.
+
+Im letzten Augenblicke stieg noch eine alte Dame mit weissen Locken ein.
+Sie war ganz ausser Atem von dem eiligen Gehen und schien etwas aengstlich
+und unbeholfen zu sein. Fraeulein Guessow war ihr beim Einsteigen behilflich
+und als der Schaffner ihr Billett koupierte, erfuhr sie zu ihrer grossen
+Freude, dass die Dame und Ilse die gleiche Reisetour hatten. Sie richtete
+die herzliche Bitte an dieselbe, dass sie das junge Maedchen unter ihren
+Schutz nehmen moege. Mit groesster Liebenswuerdigkeit versprach dies die Dame.
+
+Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ilse lehnte zum Fenster hinaus
+und gruesste mit dem Tuch die Zurueckbleibenden. - Schmerzlich bewegt blickte
+Fraeulein Guessow dem Zuge nach, es war ihr, als ob er ein Stueck von ihrem
+Herzen mit sich naehme! Noch nie hatte sie mit so vieler Liebe und
+Hingebung sich der Erziehung einer Schuelerin gewidmet, noch nie hatte sie
+sich durch den gluecklichen Erfolg so belohnt gefuehlt. - Nun ging sie fort
+und wer konnte sagen, ob sie das Kind je wiedersehen werde?
+
+"Komm," wandte sie sich der laut schluchzenden Nellie zu, "wir wollen
+gehen!" Und sie zog Nellies Arm durch den ihrigen und sprach troestende
+Worte zu ihr - und hatte doch selbst ein so tiefbetruebtes Herz.
+
+ * * *
+
+Im Flug entfuehrte der Dampfwagen Ilse dem Orte, den sie unter so
+verschiedenartigen Gefuehlen betreten und wieder verlassen hatte. Reichlich
+flossen ihre Thraenen. Sie hielt das Tuch gegen die Augen gedrueckt und die
+liebliche Gegend, an der sie vorueberfuhr, die Berge, die ihr vertraute
+Bekannte geworden, erhielten keinen Abschiedsgruss von ihr. Ein
+Sonnenstrahl stahl sich zum Fenster hinein, fiel auf ihr lockiges Haar und
+faerbte es golden, aber Trost in ihrem Kummer vermochte er ihr nicht zu
+bringen.
+
+Die Dame sah teilnehmend auf die Weinende, aber sie stoerte sie nicht in
+ihrem Schmerze. Erst als sie bemerkte, dass Ilse ruhiger wurde, knuepfte sie
+ein Gespraech mit ihr an.
+
+"Ich verstehe Ihren Kummer wohl, liebes Kind," sagte sie herzlich, "und
+kann Ihnen nachempfinden, wie Ihnen um das Herz ist. So ein Abschied von
+der Pension ist ein wichtiger Abschnitt, es thut weh, von den Freundinnen
+scheiden zu muessen, die man lieb gewonnen hat, - aber Kind, so gar
+trostlos muessen Sie das alles nicht ansehen. Die Trennung ist ja nicht fuer
+das ganze Leben, die Freundinnen werden Sie in Ihrer Heimat besuchen. Es
+ist wohl schoen in Ihrer Heimat?"
+
+Das war eine Frage zur rechten Zeit. Ilses Kinderaugen lachten noch unter
+Thraenen die Fragerin an. Sie fing an, lebhaft zu erzaehlen, ihre Gedanken
+kehrten in das Elternhaus zurueck, und zum erstenmale dachte sie seit
+laengerer Zeit mit ungetruebter Sehnsucht an dasselbe.
+
+"Wie werden Sie sich freuen, die Eltern wiederzusehen!" fuhr die Dame
+fort, die grosses Wohlgefallen an dem jungen Maedchen fand.
+
+"O sehr, sehr!" entgegnete Ilse, "und besonders freue ich mich auf den
+kleinen Bruder, den ich noch gar nicht kenne! Ich habe sein Bild bei mir,
+darf ich es Ihnen zeigen?"
+
+ [Illustration]
+
+Sie nahm eine Ledertasche von oben herab, oeffnete dieselbe und nahm ein
+Album daraus hervor.
+
+"Das ist er!" sagte sie und zeigte mit Stolz auf einen kleinen, dicken
+Buben, der im Hemdchen photographiert war.
+
+"Ein schoenes Kind!" bewunderte die Dame, "und ist das Ihre Mama, die den
+Kleinen auf dem Schosse haelt?"
+
+Ilse bejahte. "Hier ist mein Papa," fuhr sie fort und holte sein Bild aus
+dem Saffiantaeschchen. Was war natuerlicher, als dass sie bei dieser
+Gelegenheit erzaehlte, dass ihr das Bild zum Erkennungszeichen dienen solle,
+wenn Gontraus sie empfangen wuerden.
+
+"Gontrau?" fragte die alte Dame, "Landrat Gontrau? Das sind ja liebe
+Bekannte von mir. Mein Mann, Sanitaetsrat Lange, ist seit langen Jahren
+Arzt in ihrem Hause! Wir wohnen in L., das ist die naechste Station von
+Lindenhof. Wie sich das wunderbar trifft! Nun stecken Sie das Bild Ihres
+Papas nur getrost ein, wir haben es nicht mehr noetig; jetzt werde ich Sie
+meinen Freunden zufuehren! So viel Zeit habe ich bei meinem kurzen
+Aufenthalte!"
+
+Ilse war sehr erfreut ueber diesen wunderbaren Zufall, und im Geplauder mit
+der liebenswuerdigen, feingebildeten Frau Rat verging ihr die Zeit mit
+Windesschnelle. Sie war ganz erstaunt, als der Schaffner das Koupee
+oeffnete und hineinrief: "Station M.! Sie muessen aussteigen, meine Damen!"
+
+"Schon!" rief Ilse und griff nach ihren Sachen.
+
+Frau Rat hatte sich auch erhoben und suchte ihr Handgepaeck zusammen. Es
+geschah alles mit aengstlicher Hast, ihre Haende zitterten etwas in nervoeser
+Aufregung. Eine Ledertasche, die sie von oben herabnahm, entfiel ihrer
+Hand. Das Schloss an derselben sprang auf und verschiedene kleine
+Gegenstaende kollerten auf den Boden.
+
+"O Gott!" rief sie erschrocken, "was habe ich da gemacht!" - Sie wollte
+sich buecken und liess eine Schachtel dabei fallen.
+
+"Bitte, lassen Sie mich alles besorgen!" beruhigte sie Ilse. Schnell hatte
+sie alles aufgesucht und wieder in die Tasche gethan. Das Portemonnaie der
+Frau Rat, das sich ebenfalls unter den herausgefallenen Dingen befand,
+steckte sie tief hinein in die Tasche, verschloss dieselbe vorsichtig und
+gab sie der geaengsteten Dame in die Hand.
+
+"So," sagte sie, "nehmen Sie das an sich, fuer Ihre uebrigen Sachen werde
+ich Sorge tragen."
+
+Sie legte saemtliches Handgepaeck zusammen auf den Sitz, stieg dann hinaus,
+liess sich dasselbe von der Dame zureichen, uebergab es einem
+bereitstehenden Packtraeger und half endlich der Frau Rat vorsichtig die
+hohen Stufen hinabsteigen.
+
+"Danke, danke, liebes Kind," sagte diese. "Wie umsichtig und verstaendig
+Sie alles besorgen! Ich haette das bei Ihrer Jugend kaum erwartet."
+
+Ilse wunderte sich selbst darueber, wer weiss aber, ob ihre Selbstaendigkeit
+sich so ploetzlich entwickelt haette, wenn die hilflose Art und Weise ihrer
+Begleiterin dieselbe nicht herausgefordert haette. - Ganz stolz hob sie den
+Kopf bei diesem Lobe und wuenschte: wenn Fraeulein Guessow doch gleich
+dasselbe hoeren koennte! Sie hatte so grosse Besorgnisse gehabt, und jetzt
+war sie Beschuetzerin, anstatt dass sie beschuetzt wurde! - Es war wirklich
+ein recht erhebendes Gefuehl fuer sie, leider nicht von langer Dauer!
+
+Als sie mit Frau Rat langsam dem Stationsgebaeude zuschritt, hoerte sie
+laute Zurufe aus einem Koupee des noch haltenden Zuges. Ein fluechtiger
+Blick und sie hatte sofort die Studenten erkannt. Ganz aengstlich ergriff
+sie den Arm der Dame, denn in diesem Augenblick war all ihre frohe
+Sicherheit geschwunden und sie fuehlte sich recht eines Schutzes beduerftig.
+
+"Leb wohl - leb wohl - du suesse Maid! - Nur einen Abschiedsblick, reizendes
+Lockenkoepfchen!" riefen die Uebermuetigen, und als der Zug schon im
+Weiterfahren war, warf einer von ihnen ihr eine herrliche Rose zu, sie
+fiel gerade zu ihren Fuessen.
+
+Ilse wandte sich ab, sie wusste vor Scham und Verlegenheit nicht, wohin sie
+den Blick wenden sollte.
+
+"Kannten Sie die jungen Herren?" fragte Frau Rat. -
+
+Ilse verneinte und erzaehlte, dass sie dieselben zum ersten Male bei ihrer
+Abreise gesehen.
+
+"Ja, das ist lustiges Blut!" meinte Frau Rat. "Die ganze Welt gehoert ihnen
+und man darf es ihnen nicht uebel nehmen, wenn sie sich mehr herausnehmen
+als andre. - Wollen Sie die Rose nicht aufnehmen, Kind?"
+
+Ilse hatte wohl den Wunsch, aber sie schuettelte doch den Kopf. "Ich darf
+nicht," sagte sie, und Fraeulein Guessows Worte: "keine Aufmerksamkeit von
+einem Herrn anzunehmen," standen mahnend vor ihrer Seele. - Der Werfer
+fuhr freilich auf und davon und niemals haette er erfahren, ob sie die Rose
+nahm oder nicht, - trotzdem schwankte sie nicht, ihre Gewissenhaftigkeit
+und das eigne Bewusstsein waren die Waechter, die sie zurueckhielten.
+
+Frau Rat verstand sofort Ilses Benehmen und freute sich ueber ihr
+Taktgefuehl. "Sie haben recht, Kind," sagte sie, "und eigentlich beschaemen
+Sie mich etwas. Aber ich dachte nicht gleich daran, wer die Blume geworfen
+hat. Ich sah das herrliche Prachtexemplar im Staube liegen und es that mir
+leid um die unschuldige Rose."
+
+Nach einer Stunde Aufenthalt fuhren die Damen weiter. Ilse hatte die Zeit
+benuetzt, eine Korrespondenzkarte an Fraeulein Guessow zu schreiben. Als sie
+schrieb, meldete sich der Abschiedsschmerz aufs neue. Es verwischten sogar
+einige Thraenen die frische Schrift; aber sie meldete, dass ihr die Reise
+bis jetzt furchtbar schnell vergangen sei, und Frau Rat waere eine zu
+entzueckende Frau.
+
+Die Erwaehnte dachte ungefaehr ebenso von ihrer jungen Reisegefaehrtin. Sie
+hatte in der kurzen Zeit eine warme Zuneigung zu derselben gefasst. Ilse
+war so ganz anders als all die jungen Maedchen ihrer Bekanntschaft. Sie
+verglich sie mit einem sprudelnden Waldquell, dessen Wasserspiegel bis auf
+den klaren Grund sehen laesst. Wahr und offen und doch nicht geschwaetzig,
+natuerlich und ohne jede Ziererei. Und doch, wie huebsch war die Kleine! -
+Frau Rat blickte mit innerer Freude in Ilses rosiges Gesicht, in ihre
+braunen Augen, die ein so getreuer Spiegel ihrer Seele waren; die sie
+traurig und thraenengefuellt, froehlich und schelmisch aufleuchten sah, und
+deren dunkle Wimpern sich sittsam senkten, als uebermuetige Studenten ihr
+huldigen wollten.
+
+"Nun sind wir in wenigen Minuten in Lindenhof und muessen uns trennen,"
+sagte Frau Rat. "Es thut mir von Herzen leid, ich habe Sie sehr lieb
+gewonnen. Versprechen Sie mir fest, mich zu besuchen, wenn der Zufall Sie
+in die Naehe von L. fuehren sollte."
+
+Ilse versprach das gern und gestand, dass auch ihr das Scheiden schwer
+werde. Frau Rat haette so {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}himmlisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} verstanden, sie zu troesten.
+
+"Da sind wir schon!" rief Frau Rat und steckte den Kopf zum Fenster
+hinaus, um sich nach Gontraus umzusehn. Sie waren nicht zu erblicken.
+Einige Bauernfrauen standen wartend mit ihren Tragkoerben da, sie wollten
+mit dem Zuge weiterfahren, das war alles. - Ilse hatte auch hinausgeschaut
+und als sie niemand anwesend sah, der sie erwartete, wurde es ihr recht
+bange.
+
+"Ach!" seufzte sie, "was fange ich nun an! Ich bin ganz verlassen hier!
+Lassen Sie mich mit Ihnen weiterfahren, liebe Frau Rat, und nehmen Sie
+mich fuer die eine Nacht auf. Bitte, bitte!"
+
+"Wie gern thaete ich das, mein Kind; aber das waere gegen die Bestimmung
+Ihrer Eltern. Gontraus werden noch kommen, auf jeden Fall! Sie haben sich
+etwas verspaetet, Sie koennen es glauben. Was wuerden sie sagen, wenn
+Fraeulein Ilse davongeflogen waere?"
+
+Ilse seufzte schwer und stieg aus. Ihr Gepaeck, auch die Blumen, die trotz
+des haeufigen Besprengens mit frischem Wasser die Koepfchen traurig haengen
+liessen, hatte sie aus dem Koupee gehoben, - nun stand sie da und sah sich
+hilflos nach beiden Seiten um.
+
+"Machen Sie nicht ein so trostloses Gesicht, liebes Kind," beruhigte die
+alte Dame, "es waere ja noch immer kein Unglueck, wenn Gontraus durch irgend
+ein Missverstaendnis Sie heute nicht erwarteten! In diesem Falle bestellen
+Sie einen Wagen im Stationsgebaeude und fahren nach Lindenhof hinaus. In
+einer guten Stunde sind Sie dort, und dass Sie bei den lieben Menschen mit
+offnen Armen empfangen werden, dafuer stehe ich ein."
+
+"Nein, nein! das thue ich nicht! Das wuerde ich nicht wagen!" rief Ilse
+ganz erschrocken. "Ich weiss ja gar nicht, ob man mich haben will! Ich kann
+doch nicht unbekannten Leuten in das Haus fallen!"
+
+Es leuchtete so etwas vom alten Trotze dabei aus ihren Augen und die
+Oberlippe kraeuselte sich in verdaechtiger Weise. Frau Rat laechelte ueber den
+jugendlichen Ungestuem.
+
+"Man will Sie haben, und fremde Leute sind es auch nicht, zu denen Sie
+kommen, kleine Ungeduldige," sprach sie scherzhaft. "Der Landrat ist ein
+sehr guter Freund Ihres Vaters."
+
+Ilse konnte sich nicht dabei beruhigen, sie wurde sogar noch
+niedergeschlagener.
+
+Als Frau Rat bemerkte, dass sie nur noch fuenf Minuten beisammen sein
+wuerden, fuellten sich ihre Augen mit Thraenen.
+
+"Gehen Sie einmal schnell um das Gebaeude, dort koennen Sie die ganze
+Chaussee ueberblicken, die nach dem Rittergute fuehrt. Vielleicht sehen Sie
+den Wagen kommen."
+
+Sie that, wie ihr geraten wurde. Im vollen Laufen oeffnete sie das
+Saffiantaeschchen und nahm Papas Bild heraus. "Es ist zwar doch
+vergeblich," dachte sie, "aber ich will es fuer alle Faelle in die Hand
+nehmen."
+
+ [Illustration]
+
+Kaum hatte sie sich entfernt, kaum war sie links um das Haus gegangen, als
+von der andern Seite desselben ein junger, schlanker Mann mit leichtem,
+elastischen Schritt eilig hervortrat. Sein Auge glitt suchend ueber den
+Perron, dann ging er dicht an dem Zuge entlang und spaehte forschend in
+jedes Koupee. Frau Rat hatte ihn sofort entdeckt und ihre Zuege verklaerten
+sich, - der Suchende war niemand anders als der Sohn des Landrats. "Leo!
+Leo!" rief sie ihn an, "komm, schnell! Wo sind deine Eltern? Du suchst
+sie, nicht wahr? Ich bin mit ihr gefahren - sie ist ein reizendes, junges
+Maedchen! Frisch wie eine Waldblume, sage ich dir. Dort ist sie um das Haus
+gegangen!"
+
+"Was fuer eine Waldblume meinst du, Tante Rat?" fragte der junge Mann etwas
+erstaunt und sah mit seinen offenen, klugen Augen die Angeredete, die sehr
+schnell und mit lebhaften Gesten gesprochen hatte, an. "Von wem sprichst
+du?"
+
+"Von ihr - von ihr!" rief sie zurueck. "Von Ilse, die ihr erwartet," wollte
+sie eigentlich sagen, aber der Name fiel ihr im Augenblick nicht ein; das
+betaeubende Laeuten der Glocke, die das Zeichen zur Abfahrt gab, machte sie
+nervoes und verwirrte sie, es kam noch hinzu, dass der junge Mann ihren
+Worten wenig Aufmerksamkeit schenkte und immer auf dem Sprunge stand, sie
+zu verlassen.
+
+"Ich muss dich verlassen, Tante!" sagte er denn auch, "ich muss mich nach
+einem Kinde umsehen, das ich mit diesem Zuge erwarte -"
+
+"Sie ist es! Sie ist es!" rief sie lebhaft, aber er hoerte ihre Worte nicht
+mehr, sondern von neuem ging er suchend den Zug entlang.
+
+"Haben Sie ein allein reisendes Kind bemerkt - und ist dasselbe vielleicht
+hier ausgestiegen?" fragte er einen Schaffner.
+
+"Nein!" antwortete dieser und schwang sich auf seinen hohen Sitz hinauf,
+denn der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
+
+Als Frau Rat an ihm vorueberfuhr, rief sie ihm einige Worte zu, leider
+vergeblich, er verstand sie nicht.
+
+Assessor Gontrau blieb stehen, etwas ratlos und nachdenklich. Der
+Oberamtmann Macket hatte seinen Vater gebeten, dass er sofort bei Ilses
+Ankunft telegraphieren moege, ob sie gluecklich angekommen sei. Was sollte
+er jetzt thun? Es blieb ihm nichts andres uebrig, als eine Depesche
+abzusenden mit den Worten: "Nicht angekommen!"
+
+Eben im Begriffe, sich zu diesem Zwecke in das Bureau zu begeben, fiel
+sein Blick auf einen Brief, der auf der Erde dicht vor ihm lag. Er hob ihn
+auf und las die Aufschrift auf dem geoeffneten Kouvert. Nicht wenig
+erstaunte er, als er die Adresse las: "Fraeulein Ilse Macket," - sonderbar!
+Der Schaffner und die Leute hier haben kein Kind aussteigen sehen und doch
+muss es angekommen sein!
+
+"Wissen Sie nicht, wer den Brief verloren hat?" wandte er sich an eine
+Frau, die einen kleinen Obststand in der Naehe hatte.
+
+"Gesehen habe ich es gerade nicht," meinte die, "aber ein junges Fraeulein
+mit Locken hat ihn gewiss mit aus der Tasche gezogen. Ich sah, dass sie
+etwas herausnahm. Die dort war es," unterbrach sie sich ploetzlich und
+zeigte auf Ilse, die um das ganze Haus gegangen war und von der
+entgegengesetzten Seite gerade hervortrat, als der Zug abfuhr.
+
+Ihre alte Freundin gruesste noch einmal zaertlich zum Fenster hinaus, machte
+auch allerhand bedeutungsvolle Zeichen, winkte nach der andern Seite zu
+Leo hinueber, - Ilse verstand nichts von allem.
+
+Hoechst ungluecklich stand sie da und blickte dem Zuge nach, der ihre
+einzige Bekannte hier in die Ferne fuehrte. "Nun bin ich verlassen!" sprach
+sie fuer sich, "was soll ich nun anfangen!" Es war merkwuerdig, wie ihre
+mutige Sicherheit ein so schnelles Ende genommen hatte. - Wie recht hatte
+Fraeulein Guessow mit ihrer Besorgnis! Auf diesen Fall war sie gar nicht
+vorbereitet! Was sollte sie nun beginnen? Am liebsten haette sie wie ein
+kleines Kind angefangen zu weinen, sie schaemte sich nur vor dem jungen,
+blonden Postbeamten, der zu einem Parterrefenster hinauslehnte und sie
+neugierig beobachtete.
+
+Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie ploetzlich eilige Schritte
+auf und gleich darauf erfolgte die Anrede: "Gnaediges Fraeulein, ich bitte
+um einen Augenblick!"
+
+Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge fluechtig die Gestalt eines jungen
+Mannes streifte, erfasste sie eine unnennbare Angst. Was wollte er von ihr
+- warum redete er sie an? Sie verlor alle ruhige Fassung und nur der eine
+Gedanke beherrschte sie: Du darfst ihn nicht anhoeren! - Als ob sie nichts
+gehoert habe, ging sie weiter, und als sie bemerkte, dass sie verfolgt
+wurde, beschleunigte sie ihre Schritte. Wie ihr das Herz klopfte vor Angst
+und Aufregung!
+
+"Sie haben etwas verloren, gnaediges Fraeulein, wollen Sie nicht die Guete
+haben, mir einen Augenblick Gehoer zu schenken!" rief er dringend.
+
+Nun stand sie still, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er
+benuetzte schnell diesen Moment und trat vor sie hin. Mit einem leichten,
+spoettischen Laecheln betrachtete er den kleinen Backfisch, der so aengstlich
+und bloede vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine etwas ironische
+Bemerkung auf den Lippen, die er indes unterdrueckte, als er in das
+liebliche, rosige Antlitz sah. Mit niedergeschlagenen Augen und in
+aengstlicher Verlegenheit stand sie vor ihm. - {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie eine Waldblume{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} hatte
+Tante Rat zu ihm gesagt, jetzt wusste er, wen sie damit gemeint.
+
+"Ich fand diesen Brief dort," sprach er, "gehoert er vielleicht Ihnen?"
+
+Ein fluechtiger Blick belehrte Ilse, dass er den Brief ihres Papas in der
+Hand hielt. "Ja," sagte sie, ziemlich beschaemt ueber ihr albernes
+Davonlaufen, "er gehoert mir." - Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen
+Mann anzusehen.
+
+"Ich danke Ihnen," fuegte sie noch hinzu und wollte mit einer schuechternen
+Verbeugung weitergehen.
+
+"Und war die Adresse an Sie gerichtet?" fragte er weiter, so dass sie
+zoegernd still stand.
+
+Doch bevor er noch ihre Antwort abwartete, rief er ploetzlich erfreut und
+lachend zugleich: "Sie - Sie sind Fraeulein Ilse Macket! ich sehe die
+Photographie in Ihrer Hand! Das ist ein wundervoller Spass!"
+
+Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum ersten Male in das
+huebsche, von der Sonne etwas gebraeunte Gesicht des jungen Gontrau.
+
+"Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen," entschuldigte er sich, "aber
+Sie werden dasselbe verstehen, wenn ich Ihnen Aufklaerung gegeben habe. -
+Zuvor erlauben Sie, dass ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist Gontrau."
+- Er hob den weichen Filzhut ab und begruesste sie in liebenswuerdiger,
+ehrerbietiger Weise.
+
+"Gontrau!" rief Ilse strahlend vor Freude, "ist's wahr, Gontrau? Aber Sie
+sind doch nicht - doch nicht -"
+
+"Der Landrat?" ergaenzte er ihre Frage. "Nein, der bin ich nicht, nur sein
+Sohn."
+
+"Ich war recht einfaeltig, dass ich Ihnen davonlief," sprach sie erroetend,
+"aber ich wusste nicht, wer Sie waren; ich hielt Sie fuer einen fremden
+Herrn, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich
+geaengstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Wie ein verirrtes Kind
+kam ich mir vor, das nicht weiss woher und wohin. Nun bin ich froh,
+furchtbar froh! Aber wo sind Ihre Eltern?" ploetzlich fiel es ihr ein, dass
+dieselben nicht anwesend waren. "Bitte, fuehren Sie mich zu ihnen."
+
+"Leider konnten sie nicht die Freude haben, Sie hier zu begruessen,"
+entgegnete Leo, den ihr kindliches Geplauder geradezu entzueckte. "Meinem
+Vater ist ein kleiner Unfall zugestossen. In dem Augenblick, als er den
+Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuss und
+zwar so boese, dass er zurueckbleiben musste. Die Mutter konnte zu ihrem
+Kummer nun auch nicht fort, sie musste dem Vater behilflich sein. Dieser
+Unfall ist denn auch an meiner Verspaetung schuld, die ich von ganzem
+Herzen bedaure, doppelt bedaure, da sie Ihnen Sorge und Kummer bereitet
+hat. Mama hatte sich so darauf gefreut, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} in Empfang nehmen zu
+koennen! Ja, ja, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}die Kleine{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}," wiederholte er und amuesierte sich ueber ihr
+verwundertes Gesicht. "Ihr Herr Papa traegt die Schuld an dem Irrtum, in
+dem wir befangen waren. Er sprach in seinen Briefen nur von seiner
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Kleinen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, oder von {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}seinem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das er allein und schutzlos die weite
+Reise machen lassen muesse, er fuerchtete, dass dem {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Maedchen{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, das
+die Pension verliess, etwas zustossen koenne. Natuerlich erwarteten wir nun
+auch ein Kind, so ein halberwachsenes Maedchen von zwoelf, hoechstens
+dreizehn Jahren."
+
+"Nein, aber der Papa!" rief Ilse und lachte, aber nicht so frisch und frei
+wie gewoehnlich, es klang etwas gezwungen. Es war ihr nicht ganz angenehm,
+dass der Papa noch eine so kindliche Meinung von ihr hatte. "Papa ist zu
+komisch! Er haelt mich noch immer fuer die halberwachsene Ilse! Wie wird er
+sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man kein
+Kind mehr, nicht einmal ein Backfisch!"
+
+"Bewahre!" stimmte der Assessor ihr bei, "mit siebzehn Jahren ist ein
+junges Maedchen eine vollendete Dame."
+
+Es kam halb wie leichter Spott heraus, aber er machte ein ganz ernstes
+Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte sie denn mit Stolz an die
+"vollendete" Dame.
+
+Nur ihr Handgepaeck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof, dasselbe war schon
+in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher
+eben hinein.
+
+"Die vielen Straeusse!" bemerkte Leo Gontrau und diesmal laechelte er
+wirklich etwas. "Der Korb muss Ihnen doch eine Last gewesen sein?"
+
+"O nein, nein!" sprach sie eifrig dagegen, "es sind ja lauter
+Abschiedsgruesse von meinen Freundinnen!"
+
+"So viele Freundinnen!" meinte er und sah in den Korb.
+
+"Es sind sieben Straeusse," belehrte ihn Ilse, die naemlich glaubte, er wolle
+dieselben zaehlen.
+
+"Sie waren schoen," meinte er, "jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser
+Rosenstrauss mit der Vergissmeinnichteinfassung ist noch frisch."
+
+Ilse ergriff denselben und beugte ihr Antlitz darauf. Eine augenblickliche
+Ruehrung ueberkam sie, als sie der Geberin gedachte.
+
+"Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin," sagte sie innig - "von Nellie
+Grey."
+
+"Nellie Grey?" fragte er. "Wohl eine Englaenderin? Ist sie huebsch und
+liebenswuerdig?" setzte er scherzend hinzu.
+
+"Sie ist reizend!" rief Ilse und geriet foermlich in Feuer, als sie von der
+Freundin erzaehlte.
+
+Er hoerte ihr stillschweigend zu und amuesierte sich ueber die Begeisterung,
+mit der sie lobte, und besonders ueber die ueberschwenglichen Ausdruecke, die
+dabei ihren Lippen entschluepften. Sie wusste es gar nicht, wie sehr sie
+sich Melanies Angewohnheit zu eigen gemacht hatte und wie Ausrufe, als:
+furchtbar reizend! himmlisch! entzueckend! suess! u. s. w. u. s. w. ihr
+ebenso gelaeufig waren als Melanie und den uebrigen Backfischen.
+
+"Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebaeude eine kleine Erfrischung
+einnehmen?" fragte Leo und bot ihr den Arm, um sie dorthin zu fuehren.
+
+Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern
+angenommen haette. Sie war naemlich hungrig und ihr Magen trug rechtes
+Verlangen nach einem kraeftigen Imbiss. Eine vollendete Dame aber durfte den
+Hunger nicht merken lassen, es waere doch geradezu kindisch gewesen.
+
+"Es ist kuehl," bemerkte er, als er ihr in den Wagen geholfen, "und mein
+Auftrag lautet: Huelle {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}das Kind{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} gut ein, damit es sich nicht erkaeltet in
+der halboffenen Chaise." Und er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit
+lag, und wickelte sie fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre
+Fuesse.
+
+Sie liess es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt ueber die leeren
+Felder; sie lachte sogar ueber seine Fuersorge; aber hinterher kamen die
+Bedenken. War es recht, dass sie sich von ihm einhuellen liess? War es nicht
+eine Vertraulichkeit, die sie gestattet hatte? Wuerde Fraeulein Guessow ihr
+Benehmen schicklich finden? Ob Nellie wohl so gehandelt haben wuerde, wie
+sie, oder ob sie nicht lieber ihren Regenmantel angezogen haette! Sie
+konnte es auch thun, er lag im Riemen geschnallt dicht bei ihr.
+
+Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm sie ein herzliches
+Lachen ihres Nachbars. Natuerlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken
+in Verbindung.
+
+"Lachen Sie ueber mich?" fragte sie beinahe aengstlich.
+
+"Nein, nein!" entgegnete er, "wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie wuerde
+ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an
+meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die
+Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, das sie mir nachrief, als
+ich fortfuhr."
+
+"Was sagte sie?" fragte Ilse und sah ihn neugierig an.
+
+"Vergiss ja nicht, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dem Kinde{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} die Birnen zu geben, Leo, sprach sie. Die
+Kleine wird wohl hungrig sein. Ich glaube," unterbrach er sich und griff
+in die Seitentasche, "sie sprach auch von einem Stueck Kuchen. Richtig!"
+rief er lachend und zog ein kleines Paketchen hervor, "da ist er! Darf ich
+es wagen, gnaediges Fraeulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?"
+
+Dieser Verlockung konnte sie nicht widerstehen. "Warum nicht?" entgegnete
+sie unbefangen und griff zu. "Obst ist meine ganze Leidenschaft und Kuchen
+esse ich furchtbar gern! In der Pension haben wir nicht viel davon zu
+sehen bekommen, Fraeulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom
+vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar oede Ansicht?"
+
+"Ja, eine furchtbar oede Ansicht!" wiederholte er mit ganz ernsthaftem
+Gesicht, "ich begreife nicht, wie Sie es aushalten konnten, ohne Kuchen zu
+leben!"
+
+"Manchmal," erzaehlte sie, "liessen wir uns heimlich ein Stueckchen holen,
+ueber Mittag, wenn das Fraeulein schlief."
+
+"So, so!" lachte er, "das sind ja schoene Geschichten, das muss ich sagen!"
+
+"Wir thaten es nicht oft," entschuldigte sich Ilse, "nur dann und wann,
+wenn wir gar zu grossen Appetit darauf hatten. Finden Sie das unrecht?"
+
+"Dass Sie den Kuchen assen, finde ich durchaus nicht unrecht," neckte er
+sie, "aber dass Sie ihn heimlich holen liessen, gefaellt mir nicht. Warum
+fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?"
+
+"Sie sind aber klassisch!" rief Ilse, "dann haetten wir es doch nicht
+gedurft! Es war doch nichts Boeses, was wir thaten, nur ein ganz harmloses
+Vergnuegen, Fraeulein Raimar hatte nicht den geringsten Schaden davon, ob
+wir Kuchen assen oder nicht."
+
+"Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin!" tadelte er sie lachend, "ob
+Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame hatte ihre
+Gruende, weshalb sie Ihnen den Genuss des Kuchens verbot. Nummer I: Sie
+handelten gegen ihren Willen - folglich sind Sie strafbar! Nummer II: Sie
+thaten es heimlich - das erschwert das Vergehen!"
+
+Sie lachte hoechst vergnuegt. "Herrgott, sind Sie aber pedantisch!"
+
+"Ich bin Jurist, gnaediges Fraeulein, und gehe jeder Sache auf den Grund."
+
+"Jurist!" wiederholte Ilse und sah ihren Nachbar etwas misstrauisch an.
+"Das glaube ich nicht! Sie sehen nicht so aus."
+
+"Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?"
+
+Diese Frage brachte sie etwas in Verlegenheit. Sie haette ihm keine andre
+Antwort daraus geben koennen, als dass die Juristen, die oefters auf Moosdorf
+zu Gaste kamen, ganz anders ausschauten. Es waren lustige Herren, die
+gerne ein Glas Wein liebten, aber jung und schoen waren sie nicht. Sie sah
+ihn an und schuettelte unglaeubig den Kopf. "Sie sind nicht Jurist,"
+widerstritt sie.
+
+"Nun, ich bin doch neugierig, wofuer Sie mich halten," fragte er hoechst
+amuesiert, "jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!"
+
+"Sie sind Kuenstler - vielleicht Musiker - oder Maler?"
+
+Er lachte laut. "Musiker!" rief er, "ich ein Musiker! Wenn Sie wuessten,
+gnaediges Fraeulein, welch ein grosses Wort Sie gelassen aussprachen! Ich
+verstehe keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock! Es thut mir
+leid, dass ich Ihre fuer mich so schmeichelhafte Illusion zerstoeren muss,
+indes was kann es helfen! Ich muss mich Ihnen leider als ein ganz
+gewoehnliches Menschenkind vorstellen, das weder Maler noch Musiker ist.
+Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind
+Sie nun ueberzeugt?"
+
+"Also kein Kuenstler, ach, wie schade!" sprach Ilse bedauernd. "Es muessen
+doch reizende Menschen sein!"
+
+"Nicht immer," wollte er sagen, doch that er es nicht. Warum ihre naiven
+Anschauungen zerstoeren? Sie war noch so jung und sah so glaeubig aus.
+
+"Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?" brach er das Gespraech ab, "die
+Wetterfahne darauf glaenzt hell im Mondenscheine, das ist die Kirche von
+Lindenhof! In zehn Minuten sind wir dort."
+
+Als der Wagen vor dem Portale des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell
+auf denselben zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das
+erwachsene Maedchen dafuer ausstieg und Leo den Irrtum erklaerte, nahm sie
+dasselbe lachend in den Arm.
+
+"Ob gross, ob klein," sagte sie mit Waerme, "Sie sind mir von Herzen
+willkommen!"
+
+Und sie fuehrte Ilse in das Speisezimmer, in welchem sich der Landrat
+befand. Er sass in halbliegender Stellung auf dem Sofa und streckte dem
+jungen Maedchen beide Haende entgegen.
+
+"Das ist eine kostbare Ueberraschung!" rief er aus, "eine kostbare
+Ueberraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an! Hat uns Freund
+Macket mit Absicht getaeuscht?"
+
+Ilse lachte und zeigte die weissen Zaehne.
+
+"Wie Sie dem Papa aehnlich sehen!" fuhr er lebhaft fort, "derselbe Mund,
+die Zaehne, das Kinn, es ist auffallend!" Er schob die Lampe naeher zu ihr,
+damit er sie noch besser betrachten koenne. "Das Haar haben Sie von der
+Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heisst nur in Farbe und Schnitt.
+Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verraet nicht das sanfte
+Taubengemuet der seligen Mama. Koennen Sie zornig blicken?" fragte er
+scherzend.
+
+"Aber lieber Mann," unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, "erst stellst du
+ein peinliches Examen mit dem Aeusseren unsres lieben Gastes an, nun gehst
+du auch noch auf die Charaktereigenschaften ueber! - Kommen Sie, liebes
+Kind, ich will Sie erloesen. Ich werde Sie auf Ihr Zimmer fuehren, damit Sie
+sich von der langen Reise etwas erfrischen koennen. Ich habe Sie dicht
+neben mein Schlafzimmer einquartiert, die Fremdenzimmer liegen eine Treppe
+hoeher, und ich dachte, die Kleine fuerchte sich, allein dort zu schlafen."
+
+"O wie reizend!" rief Ilse kindlich erfreut und verriet, dass sie im Punkte
+der Furcht noch ganz wie ein richtiges Kind empfand.
+
+"Leo," redete der Amtsrat den Sohn an, als die Damen das Zimmer verlassen
+hatten, "ist sie nicht ein reizendes Kind?"
+
+Der Angeredete schien sehr vertieft in seiner Zeitungslektuere, wenigstens
+musste der Vater noch einmal die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort
+erhielt.
+
+"Ja, ja," gab er gleichgueltig zur Antwort, "sie ist ein ganz netter,
+kleiner Backfisch!"
+
+"Netter Backfisch! Ist das ein Ausdruck fuer ein so liebliches Wesen! Hast
+du denn gar keine Augen im Kopfe? Ich sage dir, Temperament steckt in dem
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}kleinen Backfisch{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, mehr als du dir traeumen laesst! Ein Blick und ich weiss
+Bescheid! Du hast kein Urteil, mein Junge, darin ist dein Vater dir ueber!"
+
+Leo gab keine Antwort darauf und las andaechtig weiter.
+
+Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte
+und erzaehlte ganz ohne Scheu. Sie fuehlte sich heimisch bei den lieben
+Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand seinen
+Scherz.
+
+"Bleiben Sie einige Tage hier," redete er ihr zu, "die Zeit ist so kurz
+bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, dass wir Sie hier
+behielten, sie werden nicht boese darueber sein."
+
+Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinueber, der fast wie eine Bitte
+aussah, auch erbot er sich, ganz frueh am andern Morgen nach dem
+Stationsgebaeude zu reiten, um ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau
+unterstuetzte die Bitte ihres Mannes mit grosser Waerme.
+
+"Es waere eine grosse Freude fuer uns, wenn Sie blieben," sagte sie, "es
+fehlt uns ein frisches Element in unsrem Hause. Sie haben die glueckliche
+Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten!"
+
+"Bitte, bitte, quaelen Sie mich nicht," bat Ilse, "ich kann nicht bleiben!
+Ich kann es nicht, so reizend es mir auch hier gefaellt! Meine Eltern
+erwarten mich morgen und ich habe auch grosse Sehnsucht nach ihnen und auf
+den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar! Er weiss noch gar nicht, dass
+er eine grosse Schwester hat!"
+
+Dagegen war nichts einzuwenden. Ilses Antwort war so echt kindlich und
+natuerlich.
+
+Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurueck und klopfte ihr leicht
+die Wange.
+
+"Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluss nicht zu aendern. Wir
+wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unsren Bitten. Besuchen
+Sie uns bald auf laengere Zeit, Leo verlaesst uns in einigen Wochen und dann
+ist es einsam in unsrem grossen Hause."
+
+"Daraus wird doch nichts!" erklaerte der Landrat. "Ich kenne meinen Freund
+Macket und weiss, dass er so bald sein Toechterchen nicht wieder fortgiebt.
+Halt, da faellt mir ein guter Gedanke ein! In seinem letzten Briefe ladet
+der Papa uns zum Erntefeste ein, das in vier Wochen etwa stattfinden soll.
+Ich nehme die Einladung an fuer uns, Punktum! Aber ich knuepfe die Bedingung
+daran, dass er Sie mit uns zurueckreisen laesst."
+
+Ilse jubelte vor Vergnuegen, "das waer' zu - zu himmlisch!" rief sie aus.
+"Aber Sie muessen auch Wort halten, geben Sie mir die Hand darauf."
+
+Mit einem kraeftigen Handschlag besiegelte er sein Versprechen.
+
+"Ein Handschlag galt bei uns in der Pension fuer den hoechsten Eid," sagte
+sie mit einem ernsten Kindergesicht, "dagegen handeln heisst meineidig
+sein. - Sie werden doch mitkommen?" wandte sie sich an Leo.
+
+"Natuerlich," entgegnete er freudig, "der feierliche Eid gilt auch fuer
+mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?"
+
+"O nein," entgegnete sie leicht erroetend, "ich glaube Ihnen schon auf Ihr
+Wort."
+
+Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. "Sie werden muede und
+abgespannt sein von der Reise und den vielen fremden Eindruecken, liebe
+Ilse."
+
+"Ich empfinde gar keine Muedigkeit," entgegnete diese, "und koennte noch
+lange aufbleiben!"
+
+Sie haette es auch gethan, wenn sie nur Papier und Feder in ihrem Zimmer
+gefunden haette! Wie gerne haette sie ihrer Nellie so ganz frisch ihre
+Reiseerlebnisse erzaehlt!
+
+Am andern Morgen gleich nach dem zweiten Fruehstueck ruestete sich Ilse zur
+Weiterreise. Eben trat sie mit dem Korbe mit den Blumen vor die Thuere, sie
+hatte sie noch einmal mit Wasser besprengt.
+
+"Wollen Sie denn die welken Straeusse wirklich wieder mit sich nehmen?"
+fragte Assessor Gontrau.
+
+Ilse blickte auf den Korb und stand unschluessig da. "Freilich," sagte sie
+betruebt, "sie sehen traurig aus, meine lieben, schoenen Blumen, nun sind
+sie alle welk!"
+
+"Wissen Sie was, Fraeulein Ilse," riet der Assessor heiter, "wir wollen ein
+Autodafee anstellen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche und Sie
+bewahren dieselbe in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift traegt:
+Diese Urne birgt die Asche der Blumenstraeusse meiner geliebten sieben
+Freundinnen in der Pension. - Wie gefaellt Ihnen diese Idee?"
+
+"O, Sie sind abscheulich!" rief sie. "Sie wollen sich ueber mich lustig
+machen? Trotzdem," fuegte sie echt logisch hinzu, "gefaellt mir das
+Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen, so viel
+Zeit bis zu meiner Abfahrt bleibt mir noch, ich will die Blumen in Flammen
+aufgehen sehen! Die Asche aber sammeln wir nicht!"
+
+Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatze vor dem Hause
+zusammen und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf.
+
+Ein Strauss nach dem andern verfiel dem Feuertode, nur als Nellies Rosen an
+die Reihe kamen, hielt Ilse ihm den Arm fest. "Halten Sie ein!" rief sie,
+"der darf nicht geopfert werden, die Blumen meiner lieben Nellie bewahre
+ich bis zu meinem Tode auf!"
+
+"Mit in das Grab," fuegte er neckend hinzu.
+
+Frau Gontrau, die mit ihrem Sohne Ilse bis zur Bahn begleiten wollte,
+erschien jetzt fertig angekleidet in der Thuere und mahnte zum Aufbruch.
+
+Ilse ging in das Haus und nahm Abschied von dem Landrate. So gerne waere er
+mitgefahren und musste nun des boesen Fusses wegen zurueckbleiben. Es war eine
+rechte Geduldsprobe fuer ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an
+seinen Schwur. "Sie muessen kommen!" war ihr letztes Wort.
+
+"Es bleibt dabei!" rief er ihr nach, "der Schwur gilt!"
+
+Als sie im Begriffe war, in den Wagen zu steigen, ueberreichte ihr Leo ein
+kostbares Rosenboukett.
+
+"Die Blumen sind aus der Asche erstiegen," sprach er, "Sie werden
+dieselben nicht verschmaehen," fuegte er hinzu, als sie vor Ueberraschung
+vergass, dieselben in Empfang zu nehmen.
+
+"O, wie reizend! Wie furchtbar liebenswuerdig! Sie glauben nicht, wie ich
+mich freue!" Mit holdem Erroeten reichte sie ihm die Hand. "Ich danke Ihnen
+tausendmal! Ich liebe die Rosen so sehr und so schoen wie diese sah ich
+noch keine. Wie sehr, wie furchtbar haben Sie mich erfreut!" Und sie
+konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte
+noch einige Male: "ich freue mich zu sehr!"
+
+Leo laechelte seine Mutter an und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie
+entzueckt ueber die kindliche Freude und die Anmut, mit der Ilse zu danken
+verstand.
+
+Die Stunden vergehen schnell, besonders die gluecklichen. Die Fahrt bis zum
+Bahnhof war geschwunden, Ilse wusste nicht wie. Jetzt sass sie im Dampfwagen
+und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander, sie
+flogen voraus und traeumten vom Wiedersehen - und sie kehrten zurueck und
+fuehrten sie wieder nach Lindenhof. Es hatte ihr himmlisch dort gefallen!
+Der Abschied war ihr beinahe schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand
+gekuesst und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am
+Ende haette sie ihm die Hand entziehen muessen? - "Ach," seufzte sie laut,
+zum Glueck war sie allein im Koupee, "ach! Es ist doch zu oede, wenn man gar
+nicht weiss, wie man sich zu benehmen hat! Am Ende spottet er jetzt ueber
+mich!" Sie erroetete bei diesem furchtbaren Gedanken. Da fiel ihr Blick auf
+den Rosenstrauss, und wie sie den suessen Duft desselben einatmete, stand
+ploetzlich sein Bild lebhaft vor ihr. Ein wunderbares Gefuehl ueberkam sie,
+aber es war ihr fremd und sie schreckte davor zurueck. Sie legte den Strauss
+aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie
+wollte es nicht!
+
+Um sich zu zerstreuen, blickte sie zum Fenster hinaus. Erst auf der einen,
+dann auf der andern Seite. Aber sie sah nicht viel, nichts als leere
+Stoppelfelder, das war langweilig.
+
+Sie setzte sich wieder und nahm ihre Handtasche vor. Nachdem sie ein
+Weilchen darin gekramt, fiel ihr ein Buch in die Haende, das Nellie ihr
+hineingesteckt hatte, damit sie Unterhaltung habe. Sie hatte gar nicht
+daran gedacht, jetzt griff sie freudig nach Chamissos Gedichten. Im
+Begriffe, das Buch zu oeffnen, fiel ihr etwas ein. "Halt," sagte sie fuer
+sich, "jetzt werde ich das Orakel befragen, wie Flora uns gelehrt hat."
+Sie schlug drei Kreuze ueber das Buch und sah gen Himmel dabei, dann
+oeffnete sie es schnell und die erste Zeile, auf die ihr Blick fiel, hiess:
+
+ "Helft mir, ihr Schwestern, Kraenze zu winden -"
+
+"Unsinn! Ich will es nicht gelten lassen!" rief sie, "also noch einmal!"
+Das Buch wurde wieder geschlossen und recht, recht fest zusammengedrueckt,
+dann wieder die drei ueblichen Kreuze, wieder langsam und feierlich
+geoeffnet - und siehe da, dieselben Worte gaben ihr Antwort auf ihre Frage.
+
+"Sonderbar! furchtbar sonderbar!" dachte sie sinnend und einen Augenblick
+war sie in Versuchung, der prophetischen Stimme zu glauben, dann aber
+siegte ihre gesunde Vernunft.
+
+"Es ist doch nur ein Zufall und die ganze Geschichte dummes Zeug!" Mit
+diesem vernuenftigen Gedanken gab sie alle Schicksalsfragen auf und
+vertiefte sich in Chamissos herrliche Gedichte. Einige Male freilich
+ertappte sie sich auf dem Wege nach Lindenhof und Leos Bild neckte sie aus
+den Zeilen, aber sie wehrte sich tapfer gegen diese Traumbilder. Sie
+schwanden von selbst, je naeher sie der Heimat kam. Sie legte das Buch
+beiseite und blickte zum Fenster hinaus. Schon erkannte sie verschiedene
+Ortschaften, die in der Naehe von Moosdorf lagen, schon konnte sie den
+Bahnhof erkennen! Ihr Herz schlug vor Erwartung und Freude, ihre Augen
+flogen voraus und jetzt erkannte sie die Eltern, die auf dem Perron
+standen, um sie in Empfang zu nehmen.
+
+Welche Seligkeit ein Kind empfindet, wenn es nach langer Trennung zu den
+geliebten Eltern zurueckkehrt, das, meine jungen Leserinnen, kann nicht
+geschildert, sondern muss empfunden werden. Ilse lag in den Armen ihres
+Vaters und dachte an nichts weiter, als an das Glueck, wieder daheim zu
+sein.
+
+ [Illustration]
+
+"Bist du gross geworden!" rief der Oberamtmann und betrachtete sie mit
+stolzer Freude; "ich haette dich kaum wiedererkannt! Als halbes Kind gingst
+du von uns und jetzt kehrst du heim als junge Dame!"
+
+Er hielt sie noch immer in seinen Armen und konnte sich nicht satt sehen
+an ihr. Sanft entwand sie sich ihm, noch hatte sie die Mutter nicht
+begruesst, die mit Thraenen im Auge daneben stand und ihr die Arme
+entgegenstreckte. Ilse flog an ihr Herz und umschlang sie innig.
+
+"Meine liebe Mama!" das war alles, was sie sagen konnte. Und Frau Macket
+verstand sie, innig drueckte sie ihr Kind an sich, sie wusste, dass sie jetzt
+sein Herz fuer immer gewonnen hatte.
+
+"Hier ist noch jemand, der dich begruessen will, Kleines," unterbrach der
+Oberamtmann die kleine ruehrende Szene, die ihn selbst schon ganz
+weichmuetig machte, "sieh, Onkel Curt, beruehmter Maler und Afrikareisender,
+moechte gern deine Bekanntschaft machen!"
+
+Ilse reichte ihm die Hand und stand nun einem wirklichen Kuenstler
+gegenueber. Ob sie ihn "reizend" fand? - Als sie ihn ansah, den
+mittelgrossen, etwas breitschultrigen Mann, in der Samtjoppe, die mehr
+bequem als elegant sass, mit dem breitkrempigen Hute, der ein braun
+gebranntes, etwas verwittertes Gesicht tief beschattete, da draengte sich
+unwillkuerlich ein andrer in ihre Gedanken und sie verglich. "Die Juristen
+gefallen mir doch besser als die Kuenstler," - so meinte sie still in ihrem
+Herzen.
+
+Ehe Ilse in den Wagen stieg, wurde sie von Johann feierlich begruesst. Zur
+besonderen Ueberraschung hatte er Bob mitgebracht, der nun in toller,
+ausgelassener Freude seine Herrin begruesste. Johann vergass dabei seine
+Empfangsrede, die er sich muehsam zurechtgedacht hatte. Verlegen drehte er
+seine Muetze und sein breiter Mund zog sich von einem Ohre zum andern.
+
+"Da ist der Hund, Fraeulein Ilschen," sagte er. "Das unvernuenftige Vieh hat
+das Fraeulein gewissermassen gleich erkannt. Ich auch, wenn auch das
+Fraeulein gewissermassen schoen und stattlich geworden sind, wie ein
+Kuerassier." - Diesen wunderlichen Vergleich gebrauchte Johann nur bei ganz
+aussergewoehnlichen Gelegenheiten, er galt fuer ihn als hoechster Ausdruck des
+Vollkommnen.
+
+Alle lachten und Ilse reichte dem Freunde ihrer Kindheit die Hand.
+
+"Es ist gut, Johann," sagte der Oberamtmann, "du hast eine schoene Rede
+gehalten. Nun aber steige auf und lasse die Pferde tuechtig zugreifen, in
+einer halben Stunde muessen wir in Moosdorf sein."
+
+Im Vaterhause war alles festlich bereitet. Fahnen, Kraenze, Blumen, sogar
+eine Ehrenpforte mit einem maechtigen "Willkommen!" begruessten die
+heimkehrende Tochter. - Aber sie hatte nur einen fluechtigen Blick fuer alle
+Herrlichkeiten, ihre Ungeduld trieb sie hinein in das Haus, sie musste
+zuerst das Bruederchen sehen.
+
+Frau Anne, die vor ihr hineingegangen war, trat ihr schon mit demselben
+entgegen.
+
+"Du suesser, suesser Junge!" rief Ilse im hoechsten Entzuecken und der praechtige
+Knabe streckte ihr jauchzend seine Aermchen entgegen.
+
+"Er will zu mir, Mama, darf ich ihn nehmen?" Gluecklich laechelnd reichte
+die Frau ihr den Kleinen. Und Ilse tanzte mit ihm im Zimmer herum und
+kuesste und herzte ihn, bis er zu weinen anfing.
+
+Die Mutter nahm ihr den kleinen Schreihals ab. "War ich zu wild, Mama?"
+fragte Ilse bedauernd, "sei mir nicht boese darum! Ich freue mich ja zu
+furchtbar ueber ihn! - Was er fuer dicke Aermchen hat," fuhr sie zaertlich
+fort und kuesste dieselben. "Ach, und die lieben, schoenen Guckaeuglein
+schwimmen in Thraenen! Daran ist nur die boese, boese Schwester schuld, mein
+kleines Herz!"
+
+So plauderte Ilse bunt durcheinander und war so gluecklich wie ein Kind am
+Weihnachtsabend, wenn es seine neue Puppe begruesst. Sie mochte sich gar
+nicht von dem Kinde entfernen, bis endlich die Mama dasselbe der Waerterin
+uebergab.
+
+"Nun ist es genug, Kind," scherzte Frau Anne, "du verwoehnst mir sonst den
+Jungen, auch vergisst du uns andre darueber. Sieh! Papa und der Onkel stehen
+schon wartend da, sie wuenschen, dass du sie in das Speisezimmer hinueber
+begleitest. Oder moechtest du erst einmal hinauf in dein Zimmer gehn?"
+
+Sie ergriff Ilses Arm und fuehrte sie in die obere Etage, die beiden Herren
+folgten ihnen, und Ilse musste darueber lachen, sie ahnte ja nicht, weshalb
+sie es thaten.
+
+Es war eine grossartige Ueberraschung, die ihrer wartete. Als sie ihr
+Zimmer betrat, blieb sie sprachlos an der Thuere stehen. Sie erkannte die
+frueheren Raeume nicht wieder. Wohn- und Schlafgemach hatten die Eltern im
+altdeutschen Stil eingerichtet. Nichts war vergessen. Vom Schreibtisch bis
+auf die kleine Schmucktruhe, die vor dem Spiegel auf einem Schraenkchen
+stand. Sogar eine Staffelei war am Fenster aufgestellt.
+
+Ilses Freude war unbeschreiblich, die Eltern hatten ja ihre kuehnsten
+Wuensche erfuellt. - Etwas befangen betrachtete sie Staffelei und Maltisch.
+"O, Papa," sagte sie schuechtern, "das ist zu schoen fuer mich, ich kann ja
+noch gar nicht malen."
+
+"Bedanke dich bei dem Onkel dafuer, er ist der Anstifter davon!" entgegnete
+der Oberamtmann. "Er hat versprochen, dein Lehrmeister zu sein, das heisst:
+solange der Wandervogel bei uns aushalten wird."
+
+Nach dem Essen schlich sich Ilse hinaus in den Hof, sie musste es fast
+heimlich thun, denn der Papa konnte sich heute nicht von ihr trennen.
+Johann hatte auf diesen Augenblick laengst gewartet und stand schon bereit,
+das Fraeulein zu fuehren.
+
+Zuerst musste sie ihm in den Pferdestall folgen, und als sie die Runde
+durch saemtliche andre Staelle gemacht, alle Kuehe, Hunde u. s. w. begruesst
+hatte, da wollte er ihr auch noch den neuen Schweinestall zeigen, diesen
+Besuch aber schob Ilse bis auf eine andre Zeit auf.
+
+"Schade, schade," meinte Johann und machte ein niedergeschlagenes Gesicht,
+"ich haette dem Fraeulein so gern das neue Schweinehaus gezeigt. Es ist
+gewissermassen schoen drin, man koennte selbst drin wohnen."
+
+"Morgen, Johann," entgegnete Ilse, "heute habe ich keine Zeit mehr dazu,
+ich muss zu den Eltern."
+
+Kopfschuettelnd blickte der Kutscher ihr nach. "Frueher haette sie das nicht
+gesagt," sprach er fuer sich und bedenklich setzte er hinzu: "Sollte sie
+vornehm geworden sein?"
+
+Als der Tag zu Ende war, als Ilse allein in ihrem Zimmer sass, um zur Ruhe
+zu gehen, hielt sie zuvor noch eine Einkehr in ihr Herz. Der heutige Tag
+war so reich an wechselvollen und freudigen Eindruecken gewesen, was lag
+nicht alles zwischen Abend und Morgen! Trennung und Wiedersehn! War sie
+wirklich erst heute frueh von Lindenhof abgefahren, und hatte sie erst
+gestern morgen die Pension verlassen? Der Abschied von dort schien schon
+so weit hinter ihr zu liegen. -
+
+Es war so suess, mit wachen Augen noch etwas zu traeumen, und sie mochte noch
+nicht an den Schlaf denken. Ihr Blick fiel auf den geoeffneten Reisekoffer
+und sie bekam Lust, denselben auszupacken. Sie fing auch an, einige Sachen
+herauszunehmen und in die herrlich geschnitzte Kommode zu raeumen, dabei
+musste sie sich an Nellie erinnern; es fiel ihr ein, wie treu und lustig
+sie ihr geholfen hatte, damals, am ersten Tage in der Pension. Die gute,
+geduldige Nellie! Waere sie doch gleich bei ihr!
+
+Als sie ihr Tagebuch aus dem Koffer nahm, behielt sie es sinnend in der
+Hand. Was es enthielt, waren nur weisse Blaetter, denn nie hatte sie das
+Beduerfnis gefuehlt, ihm etwas anzuvertrauen. Wie in halber Zerstreuung
+schloss sie es auf und legte es geoeffnet auf den Schreibtisch. Sie griff
+nach der Feder, tauchte sie ein und ploetzlich - wie von einer inneren
+Macht getrieben, schrieb sie die Worte nieder: "Seit ich ihn gesehen -"
+
+Weiter kam sie nicht. Sie warf die Feder weit von sich und hielt beide
+Haende vor ihr heissergluehtes Gesicht. Eine tiefe Beschaemung presste ihr die
+Brust zusammen. Was hatte sie geschrieben, wessen Bild hatte ihr die Worte
+diktiert?
+
+Als ob sie sich auf einem schweren Unrecht ertappt, so schnell schloss sie
+das Buch und barg es in einem versteckten Fach ihres neuen Schreibtisches.
+Fort mit den thoerichten Gedanken, die ihr Unruhe machten und an denen nur
+Chamissos Lieder die Schuld trugen! Sie wollte sie niemals wieder lesen -
+niemals! -
+
+Drei Wochen waren Ilse im elterlichen Hause vergangen und sie fuehlte sich
+so gluecklich und wohl darin, wie nie zuvor. Gleich in den ersten Tagen
+hatte sie ihre Zeit nuetzlich eingeteilt. Auf ihren Wunsch gab ihr der
+Prediger noch einige Nachhilfestunden in verschiedenen wissenschaftlichen
+Faechern. Er war ueberrascht ueber die Fortschritte seiner frueheren
+Schuelerin, besonders aber freute er sich ueber ihren Ernst, ihre
+Bestaendigkeit beim Lernen. Er hatte sich nicht geirrt, als er die Pension
+einen Segen fuer Ilse genannt.
+
+Auch Frau Anne segnete das Institut, das aus dem wilden Kinde eine
+liebliche, sinnende Jungfrau geschaffen hatte. Eine solche Umwandlung
+hatte sie vor Jahr und Tag kaum fuer moeglich gehalten. An Ilses gutem
+Herzen hatte sie niemals gezweifelt, aber sie war ueberrascht von der
+geduldigen Liebe, die sie dem kleinen Bruder entgegenbrachte. Nur der
+Amtsrat konnte sich noch nicht in sein veraendertes Kind finden. Manchmal
+sah er es pruefend von der Seite an, als ob er fragen wollte: "Ist sie es,
+oder ist sie es nicht?"
+
+"Ich weiss nicht," sagte er eines Tages zu seiner Gattin, "Ilse ist mir zu
+zahm geworden. Ich kann mir nicht helfen, aber mein unbaendiges Kind mit
+dem Loch im Kleide gefiel mir besser, als die junge Dame im modischen
+Anzuge."
+
+"Aber Ilse ist jetzt wirklich eine junge Dame, lieber Richard," lachte
+Frau Anne, "sie ist kein Kind mehr und du musst dich daran gewoehnen, sie
+nicht mehr als solches anzusehn. Uebrigens ist sie so heiter und
+ausgelassen wie frueher, nur hat sie gelernt, ihren Uebermut zu zuegeln. Ich
+bin sehr zufrieden, wie sie ist, und bin ganz stolz auf mein Toechterchen."
+
+"Du magst ja recht haben," entgegnete Herr Macket, ohne indes von der
+Wahrheit ihrer Worte ueberzeugt zu sein, "und mit der Zeit werde ich mich
+auch an das erwachsene Maedchen gewoehnen, aber ich glaube, es wird noch
+mancher Tag darueber hingehn."
+
+"Wer weiss! Wer weiss! Ilse reisst dich vielleicht, ehe du es denkst, aus
+deiner Taeuschung und giebt dir den Beweis, dass sie kein Kind mehr ist."
+
+"Ich verstehe dich nicht, liebe Anne," sagte der Oberamtmann und sah seine
+Frau fragend an, "du sprichst so geheimnisvoll und machst mich neugierig."
+
+"Ich habe eine Beobachtung gemacht und glaube nicht, dass ich mich taeusche.
+Der junge Gontrau ist Ilse nicht gleichgueltig geblieben."
+
+Sprachlos blickte Herr Macket seine Frau an. Eine solche Moeglichkeit zu
+fassen, war er nicht im stande, sie war ihm noch niemals in den Sinn
+gekommen.
+
+"Du irrst, Anne," sprach er endlich, "das ist geradezu unmoeglich. Oder,"
+fuegte er besorgt hinzu, "hat sie dir etwa ein Gestaendnis abgelegt?"
+
+"Behuete Gott," wehrte Frau Anne ab, "wo denkst du hin? Ilses Herz ist wie
+eine Sinnpflanze, die ihre Blaetter schliesst bei der leisesten Beruehrung.
+Noch weiss und ahnt sie selbst nichts von ihren Gefuehlen, in ihrer
+kindlichen Unbefangenheit hat sie mir ihr Geheimnis verraten. Sie spricht
+gern und oft von Gontraus und weilt am liebsten in ihrer Erinnerung bei
+dem Sohne, von dem sie ausfuehrlich jede Kleinigkeit erzaehlt. Du muesstest
+sie hoeren, wenn sie die Erkennungsszene am Bahnhof in Lindenhof erzaehlt,
+und sehen, wie ihre Augen dabei strahlen."
+
+"Nun ja," fiel er ihr ins Wort, "das war romantisch! Du bist eine so kluge
+Frau, mein Annchen, weisst du denn nicht, dass alle Backfischchen gern
+schwaermen?"
+
+"Hoere nur weiter zu, Richard. Neulich fragte sie mich ganz aus dem
+Stegreife, ob ich den Namen {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Leo{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} schoen faende, und ob Juristen kluge
+Menschen waeren? Den Rosenstrauss, den sie bei ihrem Abschied erhielt, hat
+sie aufbewahrt. Als neulich die Hausmagd denselben wegwerfen wollte, ward
+sie fast aergerlich. Sie nahm ihr denselben aus der Hand und steckte die
+vertrockneten Blumen in eine Vase, die heute noch auf ihrem Schreibtische
+steht."
+
+"Ist das alles, was du weisst?" lachte der Oberamtmann vergnuegt und auch
+sehr erleichtert, "dann muss ich dir sagen, liebes Kind, dass deine
+Beobachtungen auf sehr wacklichen Fuessen stehen. Ich kenne meinen Wildfang
+besser und weiss, dass er noch fern von solchen Allotrias ist. Ilschen
+verliebt! Ha, ha, ha! Vergieb, Frauchen, dass ich dich auslache, aber ich
+kann nicht anders!"
+
+Sie mochte nicht weiter seine sichere Unbefangenheit stoeren und brach das
+Gespraech ab. "Was kommen soll, kommt doch," dachte sie, "und wer kann
+sagen, wie bald!" - Wenige Tage nach diesem Gespraeche fand das Erntefest
+statt. Frau Macket und Ilse befanden sich am Morgen dieses Tages in dem
+grossen Gartensaale. Sie ordneten noch hier und da einiges an der gedeckten
+Tafel, die festlich geschmueckt und zum Empfange vieler Gaeste bereit stand.
+Ilse beschaeftigte sich damit, die Vasen mit Blumen zu fuellen. Es war ihr
+so vergnuegt und froh um das Herz und singend und traellernd verrichtete sie
+ihre Arbeit.
+
+"Mama," unterbrach sie sich ploetzlich, "weisst du, dass ich eigentlich recht
+betruebt heute bin?"
+
+"Nein," entgegnete die Angeredete laechelnd, "davon habe ich noch nichts
+gemerkt. Weshalb wolltest du auch betruebt sein?"
+
+"Weil Nellie mir nicht geschrieben hat. Ich habe sie so herzlich zu unsrem
+Erntefeste eingeladen und sie hat mir keine Antwort darauf gegeben. Heute
+sind es sechs Tage, dass ich ihr schrieb."
+
+"Sie wird keine Erlaubnis erhalten haben, Kind. Du zweifeltest selbst
+daran, hast du das vergessen? Es wird ihr sehr schwer werden, dir der
+Vorsteherin abschlaegige Antwort mitzuteilen. Oder sollte sie dich heute
+unangemeldet ueberraschen?"
+
+"Das waere famos, himmlisch! Gontraus und Nellie hier - dann waeren alle
+meine Wuensche erfuellt! Aber daran ist nicht zu denken, Fraeulein Raimar
+erlaubt das auf keinen Fall. Nellie muss immer lernen und immer lernen. Ach
+Mama! Es muss furchtbar schrecklich sein, eine Gouvernante zu werden!
+Findest du nicht auch?"
+
+Frau Anne versuchte, Ilse von ihrem Vorurteile zu heilen, aber vergeblich.
+Sie blieb dabei, Gouvernanten koennten nur alte Maedchen werden und ihre
+Nellie passe gar nicht dazu.
+
+Plaudernd und singend hatte Ilse endlich saemtliche Vasen gefuellt und auf
+der Tafel verteilt. Sie stand noch bewundernd vor ihrem Werke, als die
+Mutter sie antrieb, sich anzukleiden.
+
+"Es ist hohe Zeit, Ilse, wir muessen uns eilen, in einer Stunde wird Papa
+mit Gontraus zurueck sein."
+
+Wie ein Vogel flog Ilse die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Kaum hatte sie
+indessen mit ihrer Toilette begonnen, als ihr die Magd einen Brief
+ueberbrachte, den der Brieftraeger soeben fuer sie abgegeben hatte. Er war
+von Nellie. Sie erbrach ihn sofort und las.
+
+Die ersten Worte schon brachten sie in eine lebhafte Aufregung, kaum
+vermochte sie weiter zu lesen. Mit stockendem Atem ueberflog sie die
+Zeilen, und als sie zu Ende war, eilte sie mit dem Briefe hinunter in der
+Mutter Gemach. Sie haette es nicht ausgehalten, die wichtige Neuigkeit, die
+sie eben erhalten, laenger fuer sich zu behalten.
+
+"Mama!" rief sie ganz atemlos, "ein Brief von Nellie! Ich muss ihn dir
+vorlesen!" - Und sie begann:
+
+
+
+
+
+
+"Mein suess Ilschen!
+
+"Ich bin eine Braut! O! und ein sehr glueckliches Braut! Erraetst Du, mit
+wem? Ja? O Ilse, Doktor Althoff ist meiner liebe, liebe Schatz! Ich moechte
+gleich Deine liebes Gesicht schauen, wenn Du diese gross Ereignis liest,
+ich sehe, wie Du Dein braun Lockenkopf schuettelst und hoere Dir rufen:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie will mir pfoppen!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Aber nein, sie pfoppt Dir nicht, alles, was sie
+heute schreibt, ist wahr. Du sollst alles wissen, meine liebe Freundin,
+ich will erzaehlen, wie es kam. O, es ist ein schwer' Aufgabe fuer mich, -
+ich bin so zerwirrt vom Glueck und ich finde mir so schlecht zurecht mit
+der deutsch Sprache. Du musst Geduld mit Dein Nellie haben, die eigentlich
+sehr dumm ist! Ich schaem' mir, Ilse, wenn ich denke an mein furchtbaren
+Dummheit. Es ist mir ein Raetsel, wie Alfred mir lieb haben kann. - Doch
+still darueber. - Hoere weiter.
+
+"Mit Dein lieber Brief, den Du mir schriebst, wo Du mir zu Dein Erntefest
+einladest, kam ein andern Brief an Fraeulein Raimar. Als ich nun begriffen
+war, in ihr Zimmer zu steigen, um sie recht fuer die Erlaubnis zu bitten,
+tritt sie ganz ploetzlich - ohne Anmeldung bei mir ein. Das war ein Wunder,
+denn sie macht uns niemals ein Visite, immer laesst sie uns rufen, wenn sie
+einiges von uns will. Ich erroetete vor Schreck, Du kannst denken.
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} spricht sie und haelt ein offner Brief in ihr Hand, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}dieses
+Schreiben hier enthaelt die Anfrage an mir, ob ich nicht ein junge
+Englaenderin zu sofortiger Antritt empfehlen kann. Vollkommen deutsch
+braucht diese nicht zu sprechen, sie soll nur die drei Kinder englisch
+beibringen. Ich denke Dir vorzuschlagen, Nellie, bist Du einverstanden?
+Die Dame bietet hohe Gehalt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ich glaube, dass ich ein sehr traurig Gesicht machte zu ihr Vorschlag und
+ich konnte auch gar nix sagen. Dein Brief hielt ich noch in die Hand, aber
+ich habe nicht gewagt, Fraeulein Raimar zu sprechen, sie haette doch mein
+Bitten abgeschlagen.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Du hast wohl keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte sie, weil ich schweigend war.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O, gar keine Lust,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} dacht' ich, aber ich durft' nicht sagen, wie
+furchtbar schrecklich mich der Gedanke war, ein Vierteldutzend Kinder zu
+unterrichten. Immer so weise und artig sein, - immer so mit der guten
+Beispiel vorangehn - nein, das macht mir gar nicht Spass.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Bestimmen Sie fuer mir, Fraeulein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich werde thun, wie Sie
+denken. Werde ich aber klug genug sein, zu ein' so grosser Aufgabe?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Lass das meine Sorgen sein,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte Fraeulein Raimar sehr bestimmend, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich
+wuerde Dich nicht empfehlen, wenn ich nicht wuesste, dass Du diese Stellung
+vollkommen erfuellen kannst.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Damit verliess sie mir und ich blieb tief betruebt zurueck.
+
+"Die Zubereitung fuer mein Abreise wurde gemacht und ich hatte viel zu
+thun, o - und viel zu hoeren!
+
+"Miss Lead hielt langen, strengen Predigten und vorbereitete mich zu eine
+wuerdige Gouvernante. Fraeulein Raimar mahnte mir taeglich zu Ernst und
+Gediegenheit, nur Fraeulein Guessow sah mir oft mit ein lang traurigen Blick
+an, der zu mich sprach: Thust mich leid, Darling, dass Du unter fremde
+Leute dienen musst.
+
+"Der ernste Abschiedstag war da. Es war der achtundzwanzigste September,
+morgens 11 Uhr, ein Stunde vor meine Abreise. Ich sass in mein Zimmer auf
+mein Reisekoffer und weinte. Ich war so gefuellt von Kummer, das Herz
+drueckte mir so schwer wie ein Muehlstein in der Brust. Kannst Du Dich das
+vorstellen? Nein, suess Ilschen, Du kannst nicht. Als Du von uns gingst,
+weintest Du auch und warst sehr betruebt, aber Du kehrtest in ein liebe
+Vaterhaus heim und Deine Eltern trocknete Deine Thraene, - wer trocknet
+meine? Niemand. Ich ging fort in die Fremde und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ka Katzerl, ka Hunderl{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+kuemmert sich um mir. Ich wuenschte mir tot zu liegen, wie unsre suesse Lilli.
+
+"Wie ich mir so ganz verlassen fuehle und laut schluchze, steht ploetzlich
+Doktor Althoff, mein Doktor Althoff vor mir. Ich hatte ihn nicht gehoert,
+als er anklopfte und die Thuer oeffnete. Du kannst mein Schreck denken! Ich
+spring' von mein Reisekoffer und halt' das Tuch vor mein weinend Gesicht,
+ich schaemte mir so.
+
+"Leise zog er es fort und fragte mich mit seiner schoener, tiefer Organ:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Warum weinen Sie, Miss Nellie? Thut Sie es weh, aus dem Institut zu
+scheiden, moechten Sie hier bleiben!{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ich sagte gar nix, weil ich nicht konnte vor lautes Schluchzen.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Sehen Sie mich an, Miss Nellie,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} bat er, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}ich moechte gern in Ihr Auge
+sehen bei das, was ich Sie fragen will.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ich versuchte ihn anzublicken, aber ich musst' mein Auge niederschlagen,
+er hatte ein so sonderlicher Blick, niemals hat er mir so angesehen. O,
+ich ward so angst und es lief mich ganz heiss ueber mein Gesicht. Er griff
+mein' Hand und hielt sie fest und dann - ich weiss nicht, wie es kam - mit
+einem Male hatte er mir in seinen Arm genommen und fragte: {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Haben Sie mich
+lieb, Nellie?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"Ilse, kannst Du Dich denken, was ich empfand bei diese Frage? Es war, als
+ob der Himmel ploetzlich offen war und alle Seligkeit auf mein Haupt
+schuettelte. Im Wachen und im Traeumen immer hoer' ich dieser Wort in mein
+Ohr und zuweilen denk' ich, es ist alles nicht wahr! Doch hoere weiter. Du
+bist mein best' Freundin und nichts soll dir verborgen sein.
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Hast Du mich lieb?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} fragte er noch einmal, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}willst Du mein kleines Frau
+sein?{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}O ja - herzlich gern,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} sagte ich und ich weiss nicht, ob es sehr
+geschickt (schicklich) vor mich war, dass ich so schnell und ohne Besinnen
+mein Jawort gab, aber ich konnte nicht anders, ich hatte ja mein Alfred
+schon lange still in mein tiefster Herz geliebt.
+
+"Und nun kuesste er mir auf die Stirn und nannte mir seine Braut. Mein
+Seligkeit war ohne Grenzen, ich war nicht mehr verlassen, hatte mit ein
+Mal ein wonnige Heimat gefunden.
+
+"Als wir uns verlobt hatten, gingen wir sogleich zu Fraeulein Raimar und
+Alfred stellte mir als seine Braut vor. O, Ilse! Du haettest die erstaunte
+Gesichter sehen muessen! Es war zu spassig! Fraeulein Raimar weniger, sie
+weiss immer so gut ihr Gesicht in die gleiche Falte zu legen, man weiss
+nicht, ob sie Freude oder Trauer hat. Aber ich glaube, diesmal hatte sie
+Freude, denn sie nahm mich in ihr Arm und kuesste mir. Zu Alfred sagte sie:
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Wie ist das so schnell gekommen, Herr Doktor? Ich habe niemals von Ihr
+Neigung gemerkt.{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+
+"{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Ich bin selbst erst klar geworden, als ich Nellie verlieren sollte,{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+sagte Alfred und bat Fraeulein Raimar, die Gouvernante abzubestellen und
+mir unter ihr muetterlicher Schutz zu behalten, bis wir heiraten. Sie hat
+es versprochen. So blieb ich hier und packte meine ganze Siebensachen
+wieder aus.
+
+"Miss Lead glueckwuenschte mir auch, aber wenn sie auch meiner Landsmann ist,
+war sie doch kalt wie ein Frosch. Ich glaube, sie hat viel Neid. Aber ich
+mache mir nix davon und strahle voll Wonne. Fraeulein Guessow freut sich
+furchtbar ueber mein Glueck, ich habe sie so lieb als eine Schwester und
+bitte jetzt alle Tag der liebe Gott, dass er sie von ihr schwer' Beruf
+abloese, sie ist zu gut fuer ein streng' Lehrerin.
+
+"Unsre Freundinnen waren reizend nett! das heisst nicht alle, denn Melanie
+und Grete sind schnell abgereist, weil ihr Mutter krank war, sie wissen
+noch nichts. Orla beschenkte mir gleich mit ein kostbar Armband zum
+Andenken und zur Freude ueber unsre Verlobung. Das klein' Lachtaube konnte
+vor Lachen kein Wort sagen. Rosi sprach {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}artige{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Worte wie immer, und
+Flora? Sie machte ein lang Gesicht und sah Alfred mit ein schwaermerischer
+Blick an, dann drueckte sie uns stumm die Haende. Gestern hat sie mir mit
+ein lang {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}Elegie an ein Braut{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} beglueckt, sie ist sehr schoen wie alle
+Gedichte von Flora.
+
+"Heute frueh ist mein Alfred abgereist zu sein Mutter, das war ein sehr
+schwer' Abschied! Wir fuehlten uns gegenseitig ein wenig schwanken, doch
+liesse wir die Kopfe nicht fallen. Ich schluckte die Thraenen tapfer hinter,
+Fraeulein Raimar sollte mir nicht schwaechlich sehen. Alfred kommt ja auch
+bald zurueck, nur acht Tage ist er fort.
+
+"Nun leb' wohl, _dear_ Ilschen. Ich habe Dir ein langer, langer Brief
+geschrieben, nun antworte mich gleich, bitte, bitte! Ich freu' mir
+furchtbar auf Dein Brief, Du kommst doch zu mein Hochzeit? Neujahr werden
+wir getraut. Tausend Kuesse, mein Herzkind, und gruesse Deine lieber Eltern
+und das klein Babi von
+
+ Dein
+ seligste Nellie."
+
+
+
+
+
+
+"Nellie Doktor Althoffs Braut!" rief Ilse jubelnd. "Nun wird sie keine
+Gouvernante, Mama!"
+
+"Nein, nun hat sie die beste Heimat gefunden!" entgegnete Frau Macket, die
+zuweilen ueber Nellies komische Ausdruecke gelacht, zuweilen aber auch eine
+Thraene der Ruehrung nicht zu unterdruecken vermocht hatte, "sie ist dem
+alleinstehenden Kinde von Herzen zu goennen. Es muss ein liebes, drolliges
+Geschoepfchen sein, ihr Brief giebt ein sprechendes Zeugnis davon."
+
+Wenn Ilse auf dieses Kapitel kam, war sie unerschoepflich. Frau Anne musste
+sie ernstlich mahnen, sich anzukleiden.
+
+ [Illustration]
+
+"Gleich, Mama, gleich! Ich werde mich furchtbar eilen!" Aber zwischen Thuer
+und Angel wandte sie sich noch einmal, um zu fragen, warum Doktor Althoff
+sich wohl gerade in Nellie verliebt haben moege. Die Antwort auf diese
+sonderbare Frage wartete sie indes nicht ab, sondern sprang die Treppe
+hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
+
+"Nellie Braut!" Ihre Gedanken konnten sich nicht davon trennen. Sie
+durchlebte mit der Freundin das wichtige Ereignis von Anfang bis Ende und
+war so der Gegenwart entrueckt, dass sie lauter Verkehrtheiten machte.
+
+Anstatt des weissen Battistkleides hatte sie ihr Morgenkleid uebergezogen,
+sie merkte es erst, als sie die blassroten Schleifen daran befestigen
+wollte. Eilig machte sie ihren Fehler gut. Aber ihre Toilette war noch
+nicht vollstaendig vollendet, als sie dem Verlangen nicht widerstehen
+konnte, erst noch einmal Nellies Brief zu durchfliegen. "Haben Sie mich
+lieb?" "Willst Du mein kleine Frau sein?" Diese Stelle war zu schoen, sie
+musste sie nochmals lesen, dann liess sie den Brief in den Schoss sinken und
+sann und traeumte, ohne dass sie es wusste, wiederholten ihre Lippen die
+Worte: "Hast Du mich lieb?"
+
+Der Ruf der Mutter, die an die verschlossene Thuer klopfte, schreckte sie
+auf und brachte sie in die Wirklichkeit zurueck. Da lagen die Schleifen,
+dort die Blumen, an nichts hatte sie gedacht.
+
+"Geh nur hinunter, Mama, ich folge dir gleich!" rief sie und sprang in die
+Hoehe.
+
+Aber Frau Anne liess sich nicht abweisen, "sie muesse erst Ilses Anzug
+pruefen," rief sie zurueck.
+
+"Noch nicht fertig!" schalt sie eintretend. "O, du boese Ilse, was hast du
+gemacht? Warum liessest du dir nicht von Sofie helfen, wenn du allein nicht
+fertig werden konntest! Nur schnell, schnell! Jeder Augenblick ist
+kostbar!"
+
+Unter ihren geschickten Haenden stand Ilse bald fertig geschmueckt da. Frau
+Anne betrachtete sie mit freudigen Blicken, so reizend hatte sie ihr Kind
+noch niemals gesehen. War der duftige Anzug daran schuld? Oder hatten die
+Augen einen besonderen Glanz?
+
+ * * *
+
+Kaum zehn Minuten spaeter kam der Wagen vom Bahnhof zurueck und brachte die
+Gaeste. Der Landrat stieg zuerst aus demselben. Ungeniert nahm er Ilse, die
+mit ihrer Mama zum Empfange bereit stand, in die Arme und kuesste sie auf
+die Wange. Leo begruesste die Damen mit einem Handkuss. Ilse wusste jetzt, wie
+sie sich bei einem so kritischen Falle zu benehmen hatte, sie zog die Hand
+nicht fort, die Mama hatte es auch nicht gethan.
+
+Die Eltern fuehrten Gontraus hinauf in die bereitstehenden Gastzimmer, Leo
+blieb noch zoegernd auf der Veranda stehen. Er trat zu Ilse, die etwas
+entfernt von ihm stand. Sie lehnte gegen einen Pfeiler und zupfte sehr
+eifrig an einer Weinranke. Sein Blick ruhte auf dem reizenden Maedchen, das
+ihm in den wenigen Wochen, seit er sie nicht gesehen hatte, groesser und
+schoener geworden schien.
+
+"Sie sind so still und so ernst," redete er sie an, "gar nicht wie im
+Lindenhof. Wo ist Ihr froehlicher Uebermut geblieben? Drueckt Sie ein
+Kummer?"
+
+"Kummer? o nein!" Und ihre Augen lachten ihn mit der alten Froehlichkeit
+an. "Im Gegenteil, eine grosse, grosse Freude habe ich gehabt!" Und sie
+verkuendete ihm Nellies Verlobung.
+
+Eigentlich wunderte es sie, dass er so wenig darauf zu erwidern hatte. Fast
+keine Miene hatte er bei dieser hochwichtigen Nachricht verzogen. Sein
+Blick hing unverwandt an ihren Lippen, und doch schien es, als waeren seine
+Gedanken in weiter Ferne.
+
+"Ist sie sehr gluecklich?" fragte er in halber Zerstreuung.
+
+"Gluecklich?" wiederholte Ilse verwundert ueber seine Frage. "Selig ist sie!
+Sie muessen nur ihren Brief lesen!"
+
+"Lesen Sie ihn mir vor," bat er. "Lassen Sie uns die schoene Einsamkeit
+benutzen, jetzt sind wir ungestoert."
+
+"Das geht nicht! Nein, gewiss nicht!" rief sie beinahe aengstlich. Es
+schreckte sie ploetzlich der Gedanke: Wie kannst du ihm Nellies geheimste
+Empfindungen offenbaren? - Doch war es dieser Gedanke allein, der sie so
+seltsam beklommen machte? Entsprang die Furcht, mit ihm allein zu sein,
+aus derselben Quelle?
+
+"Wenn ich Sie sehr darum bitte, auch dann nicht?"
+
+Sie war schon halb auf der Flucht, als seine dringende Bitte ihr Ohr
+beruehrte.
+
+"Ich kann nicht! Ich habe im Hause zu thun! Spaeter!" rief sie ihm verwirrt
+zu, flog ueber die Veranda hinweg durch den Speisesaal bis in die
+offenstehende Thuer des kleinen Boudoirs der Mama.
+
+Er sah ihr nach, bis der Zipfel ihres weissen Kleides entschwunden war. Auf
+seinem Antlitz spiegelten sich die verschiedensten Gefuehle, sie drueckten
+Zweifel, Hoffnung und Entzuecken aus.
+
+Als Ilse so hastig in das kleine Zimmer trat, atemlos und mit heissen
+Wangen, erschrak sie fast, als sie den Onkel antraf.
+
+"Nun, Backfischchen, was ist dir denn begegnet?" fragte er und legte das
+Buch, in welchem er gelesen, aus der Hand.
+
+"O nichts, nichts, gar nichts!" rief sie schnell. "Ich bin nur so heiss und
+mein Herz klopft so furchtbar."
+
+Ehe er noch nach der Ursache ihrer Erregung fragen konnte, schnitt sie ihm
+das Wort ab. "Eine furchtbar interessante Neuigkeit, Onkel Curt! Nellie
+ist Braut!"
+
+Wer Nellie war, wusste er laengst, oft genug hatte Ilse ihm in den
+Malstunden, die sie mit vielem Eifer nahm, von ihr erzaehlt, aber wie sie
+aussah, wusste er noch nicht, heute konnte sie ihm das Bild derselben
+zeigen. Es war ihr jetzt das Album nachgesandt, welches Fraeulein Raimar
+ihr bereits bei der Abreise versprochen hatte. Es enthielt die Bilder der
+Lehrerinnen und Freundinnen.
+
+"Also Nellies Verlobung macht dir Herzklopfen?" meinte er etwas
+zweifelhaft laechelnd. "So, so! Sag' mal, Fischchen, sind Gontraus schon
+da?"
+
+Diese Frage hatte Ilse ueberhoert. "Hier ist Nellie!" fiel sie dem Onkel in
+die Rede und reichte ihm das Album. "Sag', ist sie nicht reizend?"
+
+"Reizend? Das kann ich nicht finden," entgegnete er etwas gedehnt und nach
+einigen pruefenden Kennerblicken. "Anmutig, grazioes, ja, der Mund ist
+lieblich, Augen und Nase aber -"
+
+"Ach, Onkel," unterbrach ihn Ilse, "du darfst sie nicht mit so kritischen
+Blicken ansehen, du kannst mir glauben, Nellie ist reizend! Das Bild ist
+auch schlecht, in Wirklichkeit ist sie viel huebscher!"
+
+Er hatte in dem Album weiter geblaettert und nach dieser oder jener sich
+erkundigt. Ploetzlich fragte er erregt: "Wie heisst diese Dame hier?"
+
+"Das ist meine liebste Lehrerin, Fraeulein Guessow. Wir hatten sie alle
+furchtbar lieb und schwaermten fuer sie. Du kennst sie wohl?" wandte sie
+sich fragend an ihn. Es fiel ihr auf, dass er das Bild so starr
+betrachtete.
+
+"Ich kenne sie nicht, nein. Aber es muss mir im Leben ein Maedchen begegnet
+sein, das diesem Bilde glich. Doch, das ist lange her. Wie alt ist deine
+Lehrerin?"
+
+"Sie ist nicht mehr jung, schon siebenundzwanzig Jahre alt," entgegnete
+Ilse nach echter Backfischart.
+
+"Ja, da ist sie schon ein altes Maedchen," bestaetigte der Onkel. Aber nur
+seine Lippen scherzten, sein Auge hing mit Ernst und Wehmut an dem
+getreuen Bilde der Lehrerin.
+
+Waere Ilse nicht so jung und allzu sehr mit ihrer eigenen kleinen Person
+beschaeftigt gewesen, es haette ihr auffallen muessen, wie andaechtig und wie
+lange er das Bild betrachtete. "Du findest sie wohl huebsch?" fragte sie
+unbefangen.
+
+"Wie heisst sie? Guessow?" fragte er, und jetzt hatte er ihre Frage
+ueberhoert. "Wie ist ihr Vorname?"
+
+"Charlotte."
+
+"Lotte," nickte er zustimmend, "ein schoener Name!"
+
+Er schloss das Album und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ilses Anwesenheit
+schien er vergessen zu haben.
+
+Sie kannte ihn schon als einen Sonderling, darum fiel ihr sein Wesen nicht
+auf.
+
+"Komm mit hinaus auf die Veranda, Onkel," bat sie, "Gontraus sind
+gekommen." Diese letzten Worte setzte sie mit abgewandtem Gesicht hinzu.
+
+"Ja, ja, bald!" entgegnete er zerstreut und liess sich nicht stoeren. "Ich
+folge dir gleich."
+
+Zoegernd und auf den Fussspitzen durchschritt sie den Speisesaal. Mehrmals
+blieb sie stehen und lauschte. Alles war still. Als sie die geoeffnete
+Thuere erreicht hatte, bog sie den Kopf etwas vor und spaehte nach beiden
+Seiten; als sie die Veranda voellig vereinsamt sah, wagte sie sich hinaus.
+Der Fruehstueckstisch stand bereit, sie machte sich daran zu schaffen,
+horchte dann wieder, ob die Eltern noch nicht kaemen. Sie blieben recht
+lange. Wo sie nur verweilten? Wenn sie gewusst haette, dass sie mit dem
+Landrat und seiner Frau oben im Wohnzimmer waren, wo sie durchaus erst dem
+kleinen Bruder eine Visite abstatten wollten, wie wuerde sie zu ihnen
+geeilt sein.
+
+Endlich vernahm sie Schritte. War das der Onkel? Es war nicht sein
+Schritt, auch wuerde er nicht durch die Hausflur und von aussen herum auf
+die Veranda gekommen sein. Vorsichtig lugte sie durch das Blaetterwerk und
+erkannte zu ihrem Schrecken - Leo.
+
+Das Blut schoss ihr in die Wangen und der Atem stockte ihr in der Brust.
+Unmoeglich konnte sie ihm jetzt gegenueberstehen! Sie wuerde nicht im stande
+gewesen sein, ein Wort hervorzubringen, und wenn sie so stumm und dumm vor
+ihm stand, was sollte er von ihr denken?
+
+Flucht! das war das einzige, was sie aus dieser peinlichen Lage befreien
+konnte, aber es war zu spaet, er hatte sie gesehen, und gerade, als sie
+ihren eiligen Rueckzug nahm, als sie den Salon bereits halb durchschritten
+hatte, holte er sie ein.
+
+"Jetzt muessen Sie bleiben, gnaediges Fraeulein," sprach er scherzend, "ich
+lasse Sie nicht fort! Sie haben mich auf {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spaeter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} vertroestet und jetzt ist
+es {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}spaeter{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}, und Sie werden sich allergnaedigst herablassen, mir Miss
+Nellies Brief vorzulesen! eine Frau - ein Wort!"
+
+Nun war sie gefangen! Entfliehen konnte sie ihm nicht mehr, es waere zu
+einfaeltig gewesen. Sie drueckte die Hand fest auf das stuermisch klopfende
+Herz und wandte sich um. Scheu, wie eine wilde Taube, die sich im Netze
+gefangen hat, erhob sie das braune Auge und sah ihn an.
+
+Ihre Befangenheit entging ihm nicht, aber mit feinem Gefuehle brachte er
+sie mit leichtem Scherze darueber hinweg. Er bot ihr den Arm und fuehrte sie
+zu einer Ecke der Veranda, in welcher ein kleiner eiserner Tisch und zwei
+Stuehle standen. Die Oktobersonne stahl sich durch das blutrote Weinlaub
+und neckte das junge Maedchen. Gerade in die Augen blitzte sie ihm ihre
+Strahlen hinein, so dass sie dieselben schliessen musste.
+
+"Die Sonne blendet," bemerkte Ilse und war froh, ein gleichgueltiges Wort
+gefunden zu haben. "Es ist auch so warm hier," fuhr sie fort und erhob
+sich.
+
+"Die boese Sonne! Wir wollen ihr aus dem Weg gehen!" Und er fuehrte sie auf
+die entgegengesetzte Seite.
+
+Hier war es schattig und kuehl und Ilse hatte keinen Grund mehr, sich zu
+erheben. Sie war auch nach und nach mehr Herrin ihrer Beklommenheit
+geworden, und als er noch einmal an den Brief erinnerte, fand sie sogar
+den frueheren scherzhaften Ton.
+
+"Sie sind ein Quaelgeist," sagte sie. "Was kann es Sie interessieren, {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}wie{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}
+- und {~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}was{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Nellie mir schreibt! Sie wollen nur darueber spotten und das
+duerfen Sie nicht!"
+
+"Wie koennen Sie mich in so boesem Verdacht haben!" wehrte er ab. "Sie haben
+mir Ihre Freundin so liebenswuerdig geschildert, dass mein Wunsch, von ihr
+zu hoeren, wie sie mit eigenen Worte von ihrem Gluecke schreibt, ganz
+natuerlich ist."
+
+Ilse sah ihn noch etwas unglaeubig an, doch, da sie den spottenden Zug um
+seinen Mund nicht entdeckte, glaubte sie ihm und zog den Brief aus der
+Tasche. Sie schlug ihn auf und las ihn fuer sich.
+
+"Nun?" fragte er.
+
+"Immer Geduld, Herr Assessor! Erst muss ich die Stellen aussuchen, die Sie
+hoeren duerfen! Der ganze Inhalt ist nicht fuer Ihre Ohren bestimmt!"
+
+"Das waere grausam!" protestierte er dagegen, "das ist gerade so, als ob
+Sie einem Kinde ein Stueckchen Zucker hinhalten und sagen zu ihm: du, lecke
+mal dran! Den Zucker aber steckten Sie selbst in den Mund."
+
+Sie lachte lustig ueber seinen Vergleich, er brachte sie ganz in die alte,
+froehliche Laune zurueck. "Nun hoeren Sie zu, aber nicht spotten!" drohte sie
+ihm mit dem Finger.
+
+Es war ein anmutiges Bild, das die jungen, schoenen Menschenkinder boten.
+Dicht nebeneinander sassen sie beide, sie lesend und er aufmerksam ihren
+Worten lauschend. Er hatte den Arm auf den Tisch gestuetzt und sah auf Ilse
+herab, die den Kopf etwas vornuebergebeugt hielt. Ploetzlich hielt sie inne.
+
+"Lesen Sie weiter, bitte! Warum hoeren Sie auf? Denken Sie an das Stueck
+Zucker?" Sie schwieg, wie mit sich selbst ueberlegend.
+
+Warum eigentlich wollte sie ihm das Schoenste im ganzen Briefe
+verschweigen? Nellie hatte ihre Verlobung so drollig, so gemuetvoll
+geschildert, ihre ganze Eigenart sprach sich darin aus.
+
+Als er sie noch einmal so dringend bat, fortzufahren, that sie es. Erst
+etwas zoegernd, dann aber las sie fliessend, ohne nur einmal zu stocken, zu
+Ende.
+
+Warum sass er so stumm? Sein Schweigen musste sie verletzen. Sie hatte so
+fest erwartet, dass er sein Entzuecken laut aeussern wuerde! Nun sagte er gar
+nichts. Fast vorwurfsvoll sah sie ihn an, aber wie schnell senkte sie ihr
+Auge. Es traf sie sein Blick so sonderbar. Sie musste an Doktor Althoffs
+{~SINGLE RIGHT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~}sonderlicher{~SINGLE LEFT-POINTING ANGLE QUOTATION MARK~} Blick denken.
+
+"Ihre Freundin hat ein warmes, tiefes Empfinden," bemerkte er endlich,
+aber es kam gezwungen heraus. Er fuehlte das selbst und brach ab.
+
+"Fraeulein Ilse," fuhr er nach einer kleinen Pause ganz ohne Zusammenhang
+fort, "was wuerden Sie antworten, wenn - wenn jemand Sie fragen wuerde:
+Haben Sie mich lieb?"
+
+Sie war so verwirrt, so erschrocken bei seiner Frage, die sie wie ein
+Blitz aus blauem Himmel traf. Ihr heisses Blut wallte auf bei dem Gedanken,
+dass er sie verspotten koenne.
+
+Fast hastig erhob sie sich. "Nein, wuerde ich sagen!" fuhr sie heraus, "ich
+habe niemand lieb! Niemand!" wiederholte sie, als ob sie erst noch einen
+Trumpf darauf setzen wollte.
+
+Wenn der Brausekopf nur einen Blick auf ihn geworfen haette, wie bald wuerde
+sie ihn verstanden haben! Sein Auge hing mit Entzuecken an ihr, der
+Widerstand verlieh ihren Zuegen einen neuen Reiz fuer ihn.
+
+"Ilse," sagte er zaertlich und ergriff ihre Hand. "Wenn ich es waere, der
+Sie fragte: Haben Sie mich lieb, wollen Sie meine kleine Frau sein? Wuerden
+Sie auch dann so sprechen?"
+
+Hastig entzog sie ihm ihre Hand und verhuellte das Gesicht.
+
+"Hast du mich lieb, Ilse?" - Seine Stimme klang weich und innig und traf
+ihr Herz - ein "Ja" aber brachte sie nicht ueber die Lippen. Ihr sproeder
+Sinn liess es nicht zu, oder regte sich noch einmal der alte Widerspruch in
+ihr?
+
+"Nein! Niemals!" sagte sie schnell und wandte sich heftig ab.
+
+"Nein! - niemals?" wiederholte er und sah sie in schmerzlicher Erregung
+an, "o Ilse! nehmen Sie das Wort zurueck, es haengt das Glueck meines Lebens
+davon ab! - Ich war zu schnell mit meiner Frage - nicht wahr? Ich habe Sie
+erschreckt! - Nicht jetzt geben Sie mir die Antwort, erst wenn Sie ruhiger
+sein werden, dann -"
+
+Er sank auf einen Stuhl und bedeckte die Augen mit der Hand.
+
+Ilse stand noch immer von ihm abgewandt, in ihr kaempften die
+widerstreitendsten Gefuehle. Ihr Herz zog sie zu ihm hin, aber sie konnte
+die Bruecke nicht finden, die ueber den breiten Strom fuehrte, der sie noch
+von ihm trennte. Da war es ploetzlich, als stiege Lucies Bild vor ihr auf,
+als vernaehme sie eine Stimme, die ihr warnend zurief: "Willst du ihn
+verlieren? - Denke an mein Geschick!"
+
+"Leo," sagte sie schuechtern und trat ihm einen Schritt naeher, aber
+erschreckt ueber ihre Kuehnheit blieb sie hocherroetend und mit
+niedergeschlagenen Augen stehen.
+
+ [Illustration]
+
+Wie ein Hauch fast war sein Name ueber ihre Lippen gekommen, aber er hatte
+ihn doch vernommen. Jubelnd sprang er auf und sein Auge, das eben noch so
+verzagt und traurig geblickt hatte, leuchtete in freudigem Glanze.
+
+"Nun bist du meine Ilse!" rief er aus und zog sie an sein Herz, doch als
+er den ersten Kuss auf ihre Lippen druecken wollte, da wendete sie den Kopf
+zur Seite und die sproede, widerspenstige Ilse meldete sich noch einmal.
+
+"Kuessen ist nicht erlaubt," erklaerte sie mit aller Entschiedenheit, "wie
+koennte ich mich von einem fremden Manne kuessen lassen?"
+
+"Aber die Hand," bat er lachend, "die Hand darf ich kuessen!"
+
+Das wurde ihm gnaedig bewilligt.
+
+Er hielt sie noch in dem Arm, als die beiden Elternpaare auf der Veranda
+erschienen. Alle hatten sofort begriffen, was hier geschehen war, nur der
+Oberamtmann stand wie versteinert da. Der Landrat und seine Gattin waren
+die ersten, die das Brautpaar begruessten, beglueckt nahmen sie Ilse als ihr
+Toechterchen an ihr Herz. Herr Macket hatte sich noch nicht vom Flecke
+geruehrt.
+
+Frau Anne trat zu ihm und legte die Hand auf seinen Arm. "Siehst du,
+Richard, aus dem Kinde ist eine Jungfrau geworden, glaubst du es nun?"
+fragte sie zaertlich.
+
+"Ilse! Meine kleine Ilse!" brachte er endlich muehsam hervor und seine
+Brust hob und senkte sich im heftigen Kampfe. "Ist es wahr? Willst du mich
+verlassen?"
+
+Da flog sie an seinen Hals und kuesste ihn stuermisch, dabei rief sie unter
+Weinen und Lachen: "Mein kleiner, einziger Herzenspapa, ich habe ihn ja so
+lieb!"
+
+ * * *
+
+Nun ist eigentlich meine Erzaehlung zu Ende, denn die ueberraschten
+Gesichter der Gaeste zu schildern ist langweilig, selbst wenn die
+Ueberraschung ihnen so unerwartet kam, wie Ilses Verlobung am Erntefeste.
+Eins aber muss ich meinen lieben Leserinnen noch mitteilen, wie naemlich
+Onkel Curt an demselben Tage ploetzlich verschwunden war. Waehrend alle
+froehlich bei der Tafel sassen, hatte er sich von Johann still und ohne
+Aufsehen nach dem Bahnhof fahren lassen.
+
+Frau Macket fiel seine Flucht nicht weiter auf, sie kannte ihren Bruder
+als einen unstaeten Geist, der, wie es ihm einfiel, kam und verschwand. -
+Drei Wochen vergingen ohne das geringste Lebenszeichen, da endlich langte
+ein Brief aus Muenchen von ihm an. Sein Inhalt versetzte alle auf Moosdorf
+in sprachloses Erstaunen. Ilse aber kam darueber ganz ausser Rand und Band.
+Sie klatschte in die Haende, tanzte im Zimmer umher und rief jubelnd: "Ich
+bin die Ursache ihres Glueckes, durch mich haben sie sich gefunden! Was
+wird Leo dazu sagen? Wie freue ich mich!" - Doch ich will nicht
+vorgreifen, sondern lieber den kurzen Inhalt des Briefes mitteilen.
+
+"Wir sind auf der Hochzeitsreise. Lotte und ich wollen den Winter in
+Italien zubringen. Ihr wundert Euch, nicht wahr? Ist aber gar nichts dabei
+zu verwundern. Lotte und ich waren schon uralte Brautleute, haben nur
+niemals davon gesprochen. - Im Fruehjahr kehren wir zurueck, ich werde Euch
+dann meine junge Frau vorstellen. - Dem Fischchen besonderen Gruss - sie
+weiss schon warum. Soll uebrigens fleissig weitermalen, wenn der Brautstand
+ihr die Zeit dazu laesst." -
+
+"Nun bin ich Deine Tante, mein Liebling! Wer haette das gedacht!" schrieb
+seine Frau, ehemals Fraeulein Guessow, unter den Brief. "Wie gern haette ich
+Dir laengst die ganze wunderbare Geschichte, - und wie alles gekommen ist,
+mitgeteilt, aber ich durfte es nicht. Onkel Curt wollte erst nach unsrer
+Verheiratung die Erlaubnis dazu geben. Auch heute kann ich nur wenige
+Zeilen Dir schreiben, mein Mann steht hinter mir und treibt, dass ich
+aufhoere.
+
+"Denkst Du noch an Lucies Geschichte? - Jene Lucie hiess Lotte und war ich
+selbst - und der Maler? - Nun, Du erraetst schon, wer es war, ohne dass ich
+ihn nenne.
+
+"Wenn wir zurueckkehren, bist Du am Ende auch eine junge Frau? Wie habe ich
+mich gefreut ueber dein sonniges Glueck, Herz! Der Himmel erhalte es Dir!"
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben) und einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch
+Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite 38: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht,"
+ Seite 61: erste Zeile ausgefallen, ergaenzt nach 28. Auflage ("Gruesse
+ nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die")
+ Seite 70: doppeltes in einfaches Anfuehrungszeichen geaendert vor und
+ nach "Ich kann nicht,"
+ Seite 133: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Lubauer."
+ Seite 137: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Macket."
+ Seite 153: Punkt ergaenzt hinter "solle"
+ Seite 159: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Mein" und hinter
+ "Breitner."
+ Seite 191: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "aber"
+ Seite 237: Punkt ergaenzt hinter "langweilig"
+ Seite 250: doppeltes in einfaches Anfuehrungszeichen geaendert hinter
+ "will." und "Nellie?"
+ Seite 252: oeffnendes in schliessendes Anfuehrungszeichen geaendert
+ hinter "gefunden!"
+ Seite 262: "Auge" geaendert in "Augen"
+ Seite 265: "Kurt" geaendert in "Curt" (zweimal)
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TROTZKOPF***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+February 17, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Anca Sabine Dumitrescu, Jana Srna, Norbert H.
+ Langkau, Stefan Cramme and the Online Distributed Proofreading
+ Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 31309.txt or 31309.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/1/3/0/31309/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
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+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
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+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
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+copyright holder found at the beginning of this work.
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
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+ 1.E.6.
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work in a format other than
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+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License as
+specified in paragraph 1.E.1.
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+Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, performing,
+copying or distributing any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works unless you comply
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+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
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+
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+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
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+
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+
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+
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+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
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+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
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+ gbnewby@pglaf.org
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+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
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+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
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