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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/33603-8.txt b/33603-8.txt new file mode 100644 index 0000000..af3846f --- /dev/null +++ b/33603-8.txt @@ -0,0 +1,6434 @@ +The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Eros und die Evangelien + Aus den Notizen eines Vagabunden + + +Author: Waldemar Bonsels + + + +Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN*** + + +E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon, and the Project +Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden + übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden + korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet + sich am Ende des Textes. + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + + + + + +WALDEMAR BONSELS + +EROS UND DIE EVANGELIEN + +Aus den Notizen eines Vagabunden + + +67. bis 90. Tausend + + +1922 + +* * * * * + +Verlag der Literarischen Anstalt +Rütten & Loening +Frankfurt a. M. + +Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. +Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M. +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann. +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. + +Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort. + + + +Kapitelfolge + +Seite +Der Tod 7 +Das Meer 109 + + + + +Erstes Kapitel + +Der Tod + + +Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am Deckleder eines +meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann, so daß eine Spalte klaffte, +wenn ich den Fuß streckte. Es setzte mich in Erstaunen, da meine +Stiefel, mit Ausnahme der Sohlen, eigentlich noch in einem recht +brauchbaren Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den Blick +auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade aussahen. Da ich +damals eine für meine Verhältnisse und Ansprüche angesehene Stellung in +einer Buchdruckerei bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere +Erscheinung legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, der +Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung auf einem Hofe wohnte. + +Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit und Bildung, +besonders für die erste seiner Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm +Gelegenheit. Er hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die +etwas Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst an, der +meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur Bedeutung des vorliegenden +Falls stand. + +»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich springe nur eben so auf +meinem Weg zu Ihnen herein« sagte ich. + +»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner Worte, »lange werden +Sie auf diesen Stiefeln nicht mehr springen.« + +Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, ohne in Betracht zu +ziehen, daß zu dieser Sache auch eine Person gehörte. Zudem kostete er +die zufällige Überlegenheit, die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig +aus. Ich hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu +sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen sei. Wenn ich die +Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten, ins Zimmer gespuckt und +geflucht hätte, so wäre ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild +entstanden, das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand +hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung, daß ich +beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich war, daß ich gewissermaßen +den schlimmen Zustand meiner Bekleidung als zufällig hinzustellen +beabsichtigte, und mich für etwas besseres hielt, als andere Leute mit +zerschlissenen Stiefeln. + +Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem Mann über diese +Dinge, und ich hätte es sicher getan, wenn draußen nicht der Regen vom +grauen Himmel geströmt wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir +schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die ratlose Trauer über +mein Geschick und meine Zukunft quälte mich. Welch eine Kluft gähnte +zwischen meinen Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich +lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war mein Brot. Solche +Leute sind vom Sonnenschein abhängig, wer dagegen weiß, was er zu tun +hat, tut es auch im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm +verfolgen, aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der Wärme ab, wie +ein Keim in der Erde. + +Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen, die Unruhe mit +ihrem tödlichen Nachbarn, dem Hang zu zerstören, in mir wachsen. So +erhob ich mich von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf +Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur hinaus, nur um mich +zu bewegen, in meinem hilflosen Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers +lag zu ebener Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und +dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren Türen und am +Ende eine Treppe, auf der es zum ersten Stockwerk emporging. Da vernahm +ich in der Dämmerung ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein +Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller Gesang. Unter +diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich stand, brach in meiner Brust +eine Quelle auf und mir war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch +gelitten hatte, ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde +mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich mir darüber klar zu +werden vermochte, wie dies geschah, aber wie im Gehorsam gegen einen +inneren Befehl, öffnete ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen +schien, und trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an einem +Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am Fenster ein Bett +stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber es war alles still im Raum. + +Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der glanzlose Tagesschein, +eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht der Ruhenden, das weiß und +unwirklich schimmernd in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie +Kohle war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an den Körper +angelegt, der sich unter der leichten Decke abhob, grade gebettet wie +bei einer Toten. Aber die Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust +sich unter ihren Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, +daß sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich sagte zu der +Frau, die sich langsam aufrichtete und mich wortlos ansah: + +»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.« + +Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam und schob mir einen +Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze abwischte. + +»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie. + +Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen elenden Gesichts +wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die ohne Neugier in meinen Zügen zu +lesen trachtete. Ich antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine +Antwort nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen wollte, +die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. Die Traurigkeit gibt den +Menschen eine eigenartige Freiheit, weil sie die Augen aus dem Wirrsal +der kleinen Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch sein +mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit gemeinsam und richtet +unsere innere Haltung aus den Regionen der täglichen Beengung in eine +Welt höherer Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb +das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht als etwas Ungewöhnliches +oder Hinderndes zu betrachten, sie nahm sie gleichmütiger hin als es +andere, in ihren Gewohnheiten gesicherte Menschen, getan hätten. + +»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich. + +Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine Mutter setzt immer +voraus, daß die Welt von ihrem Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so +antwortete sie einfach: + +»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen wollte, wäre mir +wohler. Ich habe immer gedacht, diese Krankheit bliebe den Leidenden +verborgen, aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem Tod.« + +»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich. + +»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an. + +Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah zu Asja hinüber. Die +Ruhe ihres Gesichts erfüllte das Zimmer. Die Lider über den Augen waren +das hellste der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut, +Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf einem kleinen Tischchen eine +Tasse, eine Kerze und ein Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein +paar lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer Blumenvase +und einem Stück Brot. + +»Liest Asja viel?« fragte ich. + +Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die Leute leihen sie +ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...« + +»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.« + +Die Mutter lächelte. + +»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen darüber sprechen, was in +den Büchern zu lesen steht. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht +auf einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit weniger +zufrieden, als die Menschen wissen, die alles haben, und gehen und +leben, wie sie wollen. Wenn die Toten noch Empfindungen hätten, so wären +sie sicher dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand +sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, was dem Kind Hilfe +brächte, aber es gibt keine mehr für uns, und das Warten, ohne etwas +bewirken zu können, macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... +Oft überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht mehr +ertragen zu können.« + +»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich dasselbe.« + +»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...« sagte die Frau mit +zögernder Erwartung. Sie hatte ein Tuch um die Schultern gelegt, eine +Tasche über den Arm gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu +verlassen. + +»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch eine Weile dauern, so +bleibe ich also noch ...« + +»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.« + +Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, seufzte auf, mit +einem langen Blick auf die Kranke, und gab mir die Hand. »Wenn Sie an +die Bücher denken wollen?« + +Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie kam noch einmal +zurück: Es stünde Kaffee im Rohr, wenn ich etwas wollte, oder vielleicht +auch, daß Asja darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die +Papierfabrik. + +Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden hinüber +und begegnete ihrem Blick, der groß und dunkel auf mir ruhte. Ein kaum +bemerkbares Lächeln, ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde +zu einem leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen suchte. + +»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre Stiefel. Aber warum +tun Sie es bei uns?« + +»Sie haben gewacht?« + +»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, und da es doch +sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit sie leichter fortfindet. Wie +kommen Sie zu uns?« + +»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden weinen und trat ein, +man kann nie wissen ...« + +»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.« + +»Mir schien es so.« + +»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch gespannt, was es sein +wird. Haben Sie viele Bücher?« + +»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt keine, sie sind mir +abhanden gekommen, oder liegen auf dem Dachboden meines Elternhauses, +das nicht in dieser Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das +wird mir nicht schwer.« + +»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam, lächelte und sah vor +sich nieder. In ihrer Ablehnung, die keinesfalls Bescheidenheit war, lag +trotzdem nichts von einer Kränkung. + +Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich eben noch befunden +hatte, sich jählings gegen eine andere vertauscht, als sei ich aus einer +lauen, bedrückenden Luft, die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu +bereitwilligem Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben Windzug +geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu helfen galt, sondern zu +bestehen. Ein leiser Unwille, dessen ich mich schämte, machte mich +unsicher. Ich dachte: da sieht man es nun, jetzt sitzt du hier. + +Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die Augen dieses +Mädchens senkte, begriff ich, auf welche Art ich ihr mit dem Gefühl des +Mitleids Unrecht getan hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, +dachte ich, und begann zögernd: + +»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten hatte, als ich +Ihre Mutter und Sie gewahr geworden war, hatte ich das quälende +Schuldbewußtsein, in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich +nun in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts mehr +schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.« + +Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah +mich in so großem Erstaunen an, daß ich, wie vor mir selbst, erschrak. +Was habe ich denn gesagt? dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, +ich besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares vergessen, +das ich heimlich dennoch gesucht hatte. + +»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen schüchtern und +langsam, aber mit großer Deutlichkeit, und als ich den Blick wieder hob, +sah ich, daß sie so bleich war, wie das Leinen ihres Betts. + +Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich zögernd: + +»Wen hast du erwartet?« + +»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen.« + +Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter diesen Worten, nie +war es so von unfaßbaren Gewalten hin und her geworfen. Hoffnung und +Mut, Zweifel, Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme +und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen haben mich +verdorben, dachte ich, denn wie kann mein Glaube am Tor dieser Wohltat +zaudern, was hindert mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich +bin, und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst und allen? +Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte ich, daran sind wir alle +krank. Aber darüber ward die Helligkeit der Genesung, die mir +entgegenströmte und die zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, +daß ihr Licht meine Augen blendete. + +Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und legte ihren Arm um +meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht dicht vor meinem und unter der nun +ruhig gewordenen und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte +ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank ist; wieviel +erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein ganzes Leben vermag es +nicht auszumessen. Ich glaube, in Wahrheit leben wir alle nur ein paar +Augenblicke, alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies aber +war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst wußte ich im +drohenden Ernst meines Glücks nichts zu sagen. + +Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das einzige zu sein, vor +dem ich mich befand. Sie lag nun wieder still und grade vor mir auf +ihrem Lager und sah mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ +mich so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie öffnete +meine Hand und legte die ihre hinein, warm und fest, mit dem Rücken nach +unten, als bettete sie sie in ein lebendiges Lager. + +»Bist du sehr krank?« fragte ich. + +Sie nickte und lächelte. + +»Wirst du gesund werden?« + +Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb. + +Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls, wie in einem +Seelenraum, der weder Glück noch Schmerz zu fassen vermag, mir war +zumut, als zöge das Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, +daß ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind die Ufer, die +dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als stünde ich selber still +und als zögen die Ufer dahin, aber in Wahrheit bin ich es, der zum +erstenmal in die Bewegung des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie +die Werte alten Bestands davonziehen. + +Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar nüchtern, +aber zu erfassen oder zu glauben vermochte ich den Sinn meines Gedankens +nicht. Es kann nicht wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten +habe, sann ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln, +dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? So lächelte +meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine arge Botschaft brachte, hinter +der sich im Grunde doch eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals +noch alles möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, und von +der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde, da mein Leid ihr +schmerzlicher war als mir ... + +Da sagte Asja: + +»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht und fürchten sie +immer. Wer aber krank gewesen ist, weiß, daß die Erinnerung an diese +Zeit nicht immer trüb und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, +sondern daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen kann, +die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht bricht aus der +Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit führt, die sich langsam +mehr und mehr mit unserem Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist +viel schmerzlicher, als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere +Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie gefangen lag, und +wir verstehen ihre neue Freiheit nur langsam. Aber sie stellt sich wider +unseren Willen ein, und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des +Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle Krankheiten sind +Entfesselungen der Seele aus der Welt der Sinne. Ich glaube, daß der Tod +der hellste Wipfel dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu +werden vermag.« + +Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den Wunsch zu +überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas so deutlich gehört wie den +Sinn dieser Stimme. Es war als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der +liegenden, eine andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner +Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern das klar und +selbstverständlich dadurch sprach, daß es so und nicht anders beschaffen +war. Eine schweigsame Herrlichkeit der Verkündigung ging von ihr aus, +wie von Wert und Unwert genesen. + +Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, es regnete nicht +mehr und der Lichtschimmer, der ins Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und +Sonnenschein sich hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände +des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in meinen Augen eine +nüchterne Selbständigkeit an, wie Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die +in einer erstarrten Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge +und die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche +Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd geworden, dachte ich, +wo war ich denn stets um diese Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe +ich grade diese Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und nicht +zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, aber schon dann waren +sie anders. + +Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte die Augen geschlossen +und ich sah auf ihr Gesicht nieder. Das Lebenslicht der Züge floß über +die mattfarbigen Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht +unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet. Die Bogen der +Brauen waren breit und tiefschwarz und die Augenlider am hellsten. Die +Wimpern auf den Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, und der +Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer von rot trugen, war von einer +Lebendigkeit, die mich erbeben ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf +diese schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein aufstieg. + +Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der mich durch und durch +verwandelte, aber zugleich blühte mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der +Anfang und das Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das +Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und maß und erkannte +dies Bewußtsein doch in der Allgewalt einer unbestürmbaren Jugend. +Schlag deine Augen auf und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und +möchte doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen, +an die ich nun nicht mehr glauben kann, und die ich niemals wieder +lieben werde. In einem einzigen Augenblick hat das Lebenssinnbild deines +Mundes eine Welt in Trümmer geworfen. -- + +Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, dieses und jenes, wie +der Augenblick es uns eingab, aber wenn auch von nichtigen Dingen die +Rede gewesen sein mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, +von jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung und die +beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte die Durchsichtigkeit +der Welt, in der diese Seele lebte und meine Begierde wachte mächtig in +mir auf, wie Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde, ohne +daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte, verließ ich sie und +ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich wiederkommen würde, denn es +verstand sich von selbst, und mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, +als hätte ich gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. -- + +Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch dunkel bekannt, wie +auf einem anderen Stern, saß der Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel +in Kur genommen hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm +eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und rückte den Schuh +auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel der gläsernen Wasserkugel, +hinter der eine Lampe brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg +mitgenommenen Fremdlingen heraus, die wie eine Schar flüchtig geordneter +Landstreicherpaare am Boden umherstanden, und fragte nach meiner +Schuldigkeit. + +»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte. + +Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die Stiefel an. + +»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster. + +Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, wandte sich mir zu +und sah mich an. + +»Kennen Sie Asja?« + +»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.« + +Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar dankbar +über dieses Bekenntnis, schwieg aber und wandte sich endlich seiner +Arbeit wieder zu. Als ich ihm Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze +fort, schüttelte den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung auf, das +Geld zurückzunehmen. + +Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging davon. + +Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch eilig die nasse +Straße durchschritt, daß es genügt mit dir bekannt zu sein, Asja, um +alle zu Freunden zu haben, die von dir wissen? + +Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße und die Mauerwände der +Häuser begannen auf mich zu drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen +und Pflanzen sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu wahren +wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten. Was ruft ihr mich an, +bemächtigt euch meiner und zerrt mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen +und Bilder, Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? Eure traurige +Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh +verführen und verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen +willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um die Heimat. + +Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich Asja Bücher +versprochen hatte, und wenn ihre Worte, die mich gleichmütig und +zurückhaltend nach diesem Vorsatz gefragt hatten, auch kein sonderlich +starkes Vertrauen zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa +bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen und das +Mädchen womöglich auf das angenehmste zu enttäuschen. + +Während ich über die Straße dahinschritt durch den Regen, überfiel mich +plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung, an meine Tagespflicht, an +die Druckerei und meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf +mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr ernstlich verstimmt +zu haben und entlassen zu werden. Aber als ich auf eine Erklärung sann +und erwog, ob ich die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen +freien Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher +Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit +einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr in die Druckerei zu +gehen, und meine alte Verpflichtung gegen eine wertvollere +einzutauschen, gegen die, Asja zu Diensten zu sein so lange sie noch +lebte. Was galten mir äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren +Entbundenheit, in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt, +dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches gegen +Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich durch und durch mit +Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß es mir für den Fall der Not nicht +schwer fallen würde, wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich +vor Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu Gebote steht, +der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen. + +Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß für eine kurze Weile +diese ungewöhnliche Stunde, die ich in den letzten Wochen nur mit +Bedrücktheit und Verlangen von dem nüchternen Zifferblatt der +Geschäftsuhr abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich +überdachte, auf welche Art ich mich am besten in den Besitz von Büchern +zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren gering und ich sah ein, daß +ich nicht nur der Gelegenheit, Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch +eines wohlmeinenden Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da +erinnerte ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus der +Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden Herrn +gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, Kunsthistoriker und +Schriftsteller war. Ich war genötigt gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn +auf dessen Einblick in die Satzproben zu warten und hatte, als der +Diener in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige +Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf in den gedämpften +Gold- und Farbtönen alter und neuer Bücher glitzerte. Ohne Besinnen +entschloß ich mich einen Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, +und indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die Brust ein wenig +beengte, erwachte zugleich jene unbändige Lust am Wagnis und am +Besonderen, jener Hang, alle Fesseln einer hergebrachten Lebensform +gegen die einfache Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen, +der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und Seligkeit eingebracht +hat, Erniedrigungen und Triumphe, Haß und Liebe. + +Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, in der das Landhaus des +wohlbekannten, ja auf seinem Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich +alle Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus meinen +Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst oder Ungunst des +Augenblicks zu überlassen und nur dem zu gehorchen, was die Lage mir +eingab und zumutete. Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich +mich bald wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt +bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann wurden meine +Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen, denn Asjas +Gestalt stand vor ihnen auf und ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte +ich zu wissen, daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und fühlte +mich im Recht. + +Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, setzte ich die Glocke +in Bewegung und wartete darauf, daß der Hausdiener den Kiesweg +herabkommen würde, um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den +seitlichen Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal ein +Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern fragte mich durch das +Gitter, was ich wollte. + +»Hinein«, sagte ich einfach. + +»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen von der Druckerei.« + +Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die Gittertür auf, +schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt mir dann voran, bis in das +Wartezimmer, das ich kannte. Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür +zum Arbeitszimmer, beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte dann +leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es sah aus, als wäre +die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir schien, daß der Gemeinte, wie +manche verwöhnten Leute, durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche +ungeduldig wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist los?« +und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu öffnen. Sie tat es, nachdem +sie mir einen inhaltslosen Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn +Leute haben, deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern. + +»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte sie auf der Schwelle. + +»Also. Was bringt er? Geben Sie her!« + +Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir hinüber, damit ich ihr +einhändigen sollte, was sie für ihren Herrn bei mir vermutete. + +»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn Doktor sprechen.« + +Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich an, so daß +ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm. + +»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt worden.« + +Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor mich selbst an: + +»Was ist denn? So kommen Sie herein.« + +Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme Pracht dieses großen +Zimmers. Ein schwerer roter Teppich fing mich auf, von den Erkerfenstern +brach gedämpftes Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im +Raum stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken und +-borden, die in die Wände eingelassen waren. Ein dunkler Eichentisch mit +rundlehnigen Ledersesseln bot sich zur Rechten, aus dämmrigem +Hintergrund, den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett, +belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge vielfarbiger +Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa hundert schätzte. + +Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte sich mir zugewandt, +die eine Hand auf die Lehne des Sessels aufgestützt, so daß er über +seinen emporgestemmten Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen +den Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein +Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, deren +lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung des Hintergrunds dahinzog. + +Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit nicht, die ich +seinem Zimmer entgegenbrachte, erst nach einer Weile sagte er mit einem +etwas selbstgefälligen Lächeln: + +»Also, was ist denn?« + +Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, ohne daß ich ihnen durch +ungebührliche Wendungen oder unbescheidene Selbstverständlichkeit den +Anschein einer heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld, +daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm, der den Hausherrn +aufbrachte. + +»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und mit einer Betonung, +als hätte ich von einem Schreiner einen Schuh verlangt. »So ohne +weiteres, das ist denn doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares +Anliegen. Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...« + +»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse später aufschreiben, wenn +Sie mir Bücher gegeben haben. Als ich im Auftrag der Druckerei einmal +bei Ihnen war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an Büchern, über +den Sie verfügen, und ich dachte an Sie, als ich heute früh bei der +Kranken war.« + +»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt. Nehmen Sie es mir +nicht übel, aber einem daraufhin ohne weiteres mit dieser Bitte zu +kommen, ist denn doch wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in +mir einen Dummen gefunden zu haben?« + +»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich auf das Rechte.« + +Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen, ob sein Sinn +eindeutig sei, und schaute dabei auf den Teppich nieder, als läse er ihn +noch einmal in seinen Ornamenten nach, dann erhob er sich und schritt +auf mich zu. + +»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts dir nichts bei mir +einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler oder, wenn es Ihnen an +Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken genug? Aber es wird wohl +zuguterletzt auf etwas anderes herauskommen.« + +Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen Augen darin zu +suchen, während sein Finger die Münzen hin und her schob. »Wundert mich +nur, wie Sie es fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben +das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ... Bücher! Wie lange +kennen Sie denn dieses Mädchen schon?« + +Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht stören und wartete +deshalb ab, auf welches die Wahl meines erzürnten und unfreiwilligen +Gastgebers fiele. In Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es +wurde mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; jeder andere +hätte die Münze sicherlich zwischen zwei Fingern erhoben dargereicht. + +»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, »aber mir ist +mit einer kleinen Geldsumme nicht gedient. Wenn Sie keine Bücher +verleihen wollen, so muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs +gehen. Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu machen, +Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter und leichtfertiger +Einfall, noch die Gier nach einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen +geführt haben. Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung und +Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem Erleiden überdenke, +den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt haben, all das erschlossene und +unerschlossene Glück, das diese Bände bergen, so erscheint es mir für +einen Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren +Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und unbenutzt liegen +soll, während ein paar Häuser weiter ein Mensch, der dies alles und mehr +in kurzer Zeit für immer aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine +Stunde seine Armut und sein Geschick zu vergessen.« + +Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein sonderbarer Blick +voll Gift und Staunen traf mich, haftete wider Willen an meinen Zügen, +umglitt mich, verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem +Lächeln, voll Neugier und Herablassung. + +»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich nicht beschwatzen.« + +Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene Gutmütigkeit +im Ausdruck seines Gesichts durch, die ich nicht erwartet hatte, und die +ich mir nicht erklären konnte, obgleich sie das einzige war, was auf +mich wirkte. Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen +wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und darüber wurde +ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, was unter den Menschen als +stark gilt und was als schwach. + +Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, den Fortgang eines Wegs +immer dort zu suchen, wo ich am tiefsten durch das Wirrwarr der +Erscheinungswelt blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich +erkannte und sagte: + +»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, wie wohl Sie gegen meine +Tücke gewappnet sind, wird Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte +finden können.« + +Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so daß ich ihn für +einen Augenblick bedauerte, aber ich gab dieser Ablehnung nicht nach, +sondern wappnete mich aufs neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu +kommen. Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für einen +Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert der feinen Fügung meiner +Gedanken verstieß, als spräche ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in +ihm, die nichts als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme, +die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich Männlichkeit +nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das war nicht schlecht geantwortet«, +verzagte ich fast, denn ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist +ärger als ein Tadel aus der Welt, die wir lieben. + +»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben Sie eine Schule +besucht? Nun antworten Sie einmal.« + +»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So wohlfeil werden Sie Ihr +Gefühl der Überlegenheit, das Sie vermissen wie eine Krücke, nicht +zurückbekommen. Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie mir ein +Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es Ihnen leichter wird, mir +nicht zu glauben? Sie glauben mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein +Gebiet locken, auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine +hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.« + +»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte mein Gegner +freundlich, lachte und setzte sich breit und sicher mitten auf seinen +Sessel. + +»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten Ton wohlwollenden +Befehls und skeptischer Neugier fort, in dem seine Niederlage lag. »Sie +haben vollständig recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht +zugäbe. Aber Bücher bekommen Sie keine.« + +Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, dachte +ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, bricht sie ab, und tut, als +seien sie stumpf gewesen. Eher werden die Ströme zu den Bergen +zurückfließen, als daß einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer +Glaube an den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich fürchtete +den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet hat, und warf +mich übereilig auf die Bahn eines neuen Mittels. Ich darf nicht auf +diese halbe Belustigung eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich +anders in seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch noch die +Münze, die er immer noch zwischen den Fingern drückt, als stammte sie +aus einem Taschendiebstahl. Zudem kam mir über dem Gedanken an diese +Münze in den Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich +leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug bedeuten +würden, denn nicht nur ihre Frage nach meinen Beständen, sondern auch +ihre Miene hatten mir verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan +werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze Kraftaufwand +dieser Stunde schon viel zu groß, als daß ein paar entliehene Bände ihn +endlich zu rechtfertigen vermöchten. Ich mußte viel mehr erreichen. Mein +Mißerfolg lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis zu +meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten Ungläubigen +mißtrauischer machen, als meine Anspruchslosigkeit? + +Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich mit unverhohlener +Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen Neugier, deren Lebenslicht +mir aber keineswegs die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen +aufgetanen Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich, meiner selbst +sicher: + +»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem Finger tragen, der sicher +nur einen geringen Teil Ihres großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß +schon in ihm die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird, +noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe zu erhellen, so +meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um Ihrer Freude und Ruhe willen.« + +Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber nicht mehr +mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es zu wissen, dankbar dafür, +daß ich die Haltung nicht einnahm, die er vorgeschlagen hatte, und derer +er sich heimlich schämte. + +»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein teures Andenken. Nun?« + +Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte mich, die lässige +Aufforderung darin, in meiner Mühe fortzufahren, war herabwürdigend. + +»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte ich rasch. + +»Was habe ich getan? Junger Mensch -- wenn eines mich wundert, so ist +es, daß ich Ihnen nicht längst die Tür gewiesen habe ...« + +»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich nicht erzürnen«, +antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser Ring ein teures Andenken an +einen Menschen, der Ihnen in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist +er ein Sinnbild der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen Daseins +über allem, das verfällt. So ist die Sendung, die ihn gehen und wirken +hieß, mit der er untrennbar behaftet ist, wie mit seinem Glanz, die des +wahrhaftigen Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die +Erinnerung an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren Worten an, +dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder uns allen; wird es nicht sein, +als sei er auferstanden, wenn die teure Glut in heimlicher Glorie um +seine Gabe neu ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf +ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht ein? Sie aber drängen +mit Ihrem Hang nach totem Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, +goldenes Grab zurück.« + +Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr vor sich hin, ohne +daß mir irgendein Zeichen verriet, ob meine Worte ihn im Guten bewegt +oder aufs neue erzürnt hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick +überging mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen Dinge +seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches, die Blätter und Bücher +darauf, und wurde endlich, als habe er sein eigenes Leben verloren, in +das Leben des Lichts gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort +verirrte er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit. + +Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag und in das gleiche +Tageslicht schaute, und mir wollte scheinen, als müßten sich die Blicke +dort drüben und draußen in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem +Ausdruck in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem ich selbst, +und mir so das Ende des schweren Wegs erspart bliebe. + +»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme und das +langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei das, wie es wolle, ich +möchte nicht dieses oder jenes, nicht Wohltaten tun, noch Segen stiften, +aber ich möchte einmal wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine +Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art wachgerufen, das will +ich Ihnen lassen. Weit mehr taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir +auf, als dasjenige der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß +nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand des Wesens Ihnen +diese Kraft gibt, ich möchte es nicht prüfen noch ergründen, denn ich +fürchte mich vor Eingeständnissen, für die ich noch nicht alt genug bin. +Ich will Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will es, es +ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen Ring selbst werde ich +nicht fortgeben, jetzt weniger als je, denn die Macht seiner Mahnung ist +von dieser Stunde ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr +vielleicht als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den Sie +diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung erfüllen, und ich +werde Ihnen die Summe zur Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert +ausmacht. Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe oder +ein Händler. Dann können Sie Bücher und alles beschaffen, was Sie wollen +und brauchen, oder was Ihre bedürftige Freundin nötig hat.« + +»Gut. Handeln Sie so.« + +»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung so ... Mir liegt +die Zeit im Sinn, in der ich noch so jung und so erwartungsvoll, so +zuversichtlich und gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring +erhielt, stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing damals an berühmt +zu werden, man las mein erstes Buch, es ist jetzt vergessen. Die Zeit +geht eben rasch; nun, es kamen andere Werke und trugen meinen Namen in +die Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin so durch den +Sinn gegangen ist -- daß diese anderen Bücher auch einmal -- vergessen +sein könnten ... Aber nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame +Gewißheit, als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, durch +einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, als die heutige es ist, +mit ihrem Erfolg.« + +»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte Sie nicht +demütigen.« + +»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...« + +Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als habe ich unrecht +getan, aber erst später sollte ich erfahren, worin dies Unrecht +bestanden hatte. + +»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen wir ruhen, was +ruht, und leben, was leben soll. Ich biete Ihnen tausend Mark an Stelle +des Rings und der Bücher; sind Sie einverstanden?« + +»Ja, aber Sie sind es nicht.« + +»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu Eingeständnissen, +meine melancholische Selbstbetrachtung, abzulehnen. Vielleicht hoffte +ich, mich von einer Niederlage wiederherzustellen, indem ich ein +geringes Bild von mir entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem +Bewußtsein zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr sei, +als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm verdirbt, wir sind +unehrliche Leute vor uns selbst geworden, um die Ehrlichkeit zu retten, +um derer willen uns die anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. +Sie hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...« + +»Also tausend Mark wollen Sie geben?« + +Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick. + +»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam und in erkennbarem +Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges Geständnis. Aber er holte +dann zögernd, mit zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, +öffnete ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur Seite, als +seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm einer Stahlkassette eine +lederne Brieftasche. + +»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er durch sich selbst +bei einem Diebstahl überrascht zu werden, »nehmen Sie und stiften Sie +Segen und Gutes.« Er tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er +ihnen noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte Neigung +zukommen lassen, und doch schien er diese Finger zu verachten, die den +Wert des Papiers zu genießen trachteten. »Möge das Geld auf einen Acker +fallen, besser bereitet, als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie +selbst ... Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist doch +höchst eigentümlich. -- In die Hosentasche stecken Sie die Scheine?« + +Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es war mir, als +erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses Erfolges endlich aus einer Welt +von Beziehungen, Kräften und Verstrickungen, die nichts mit jener zu +schaffen hatte, in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg zu +ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen. + +»Ich ----?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich komme mir vor wie +Einer, der sich beim Satan eine Leiter geliehen hat, um Gott in den +Himmel steigen zu lassen.« + +»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah mich beinahe gierig an, +mit einem Ausdruck, den ich so wenig auf seinen Ursprung zu prüfen +vermochte, wie er meine Worte. + +»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber, als er sah, daß ich +meinen Hut nahm, »berichten Sie mir, lassen Sie sich einmal wieder +sehen, tun Sie es, vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer +Brücke zwischen uns zwei.« + +Ich ließ es offen. + +»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, was geschehen ist, +soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie eilig Sie es haben.« + +Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen, ich fühlte mich +erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam benommen in einem +merkwürdigen Unterbewußtsein, in dem mir zumut war, als freute meine +Freude mich nicht, und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug +gewesen. -- + +Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja zu eilen, aber ich +wartete und begab mich zuvor in meine Behausung. Ich beschloß, eine +Reihe nützlicher und erfreuender Einkäufe zu machen, führte meinen +Vorsatz jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch zu den +Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien. Auch fehlte es mir an +Erfahrungen, und ich schämte mich, an jene belanglosen oder nur +äußerlich nützlichen Dinge zu denken, für deren Beschaffung den Frauen +ein so sonderbares Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von +Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt. Sie +bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, oder +unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln durch Ankauf in ihren Besitz +und durch Schenkung in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu +bringen. Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte +verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen läßt uns in +bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge in kleinen, schwachen +Händen zu Sinnbildern der großen, ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir +Verdorbenen und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen oder +Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der Liebe nicht glauben +können, wenn unsere Gabe nicht schon ein Sinnbild der Geisteswelt ist. + +Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, daß ich +lächeln mußte, es war gewissermaßen notwendig, daß ich mich allen +Einrichtungsgegenständen erneut vorstellen mußte, was nicht lange +dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und +sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen +neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue +Welt beginnt, es hat sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den +Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein plötzlich +erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher +zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, überfiel mich und füllte +mich mit Zweifeln am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen +der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die +Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kämpfe nicht +enden. + +Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu +erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß ich nicht mehr käme, +siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, daß man mich +in Ruhe lassen würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß ich +mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm +den Spiegel von der Wand. Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, +aber der andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden +Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging +davon. Das Tuch machte mich fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein +Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, in +Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich von ganzem Herzen +glaube, daß deine Augen es nicht einmal sehen würden, es sei denn aus +Erbarmen? Ist es wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und +Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist? + +Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug, +wie man auf einem Feldweg die Straßen der Stadt vergißt. Auch als ich zu +Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem +Bett niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir fremd war, +und ich atmete tief auf und mußte seufzen, ohne daß ich Kummer hatte. + +Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher +schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt müde.« +Da verlor ich unter dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber +sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer +Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu +verkleinern. + +Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf +die Decke des Betts legte: + +»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer +gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du +wirst gesund werden.« + +In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lächeln verschwand, ihre +Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ängstlich: + +»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.« + +Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie störte meinen Bericht +durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende +war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet, +eine Zustimmung von ihr zu hören. + +»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie. + +Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien +nun vielmehr durch etwas anderes beschäftigt und bewegt; sie fragte +unvermutet: + +»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du +mit ihm gesprochen hast, hast du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur +durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt +hast?« + +»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es für dich +tun soll.« + +»Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich +denke an dich.« + +Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zügen auf und sie +bat noch einmal: + +»So nimm es und bring es wieder fort.« + +»Du weist das Geld zurück, Asja?« + +»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das +Geld zurück.« + +»Du wirst sterben, Asja.« + +»Wie wir alle«, sagte sie einfach. + +»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben sollst, die Tugend, +daß du sterben willst.« + +Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, daß sie nicht über den +Sinn meiner Worte nachdachte, sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, +die hinter ihnen stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so +gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem Ergebnis der +Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns +geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte +ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Mißverständnisse und der +Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen oder +bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung nicht zu ermessen +vermögen, und sich daher an das unredliche und mißbrauchte Gezücht der +Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die +Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darüber +hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des +Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wußte es noch nicht, aber +ich fühlte, daß ich ihre Freiheit bedroht hatte. + +»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie +meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zögern, »ich mache aus keiner +Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie +könnte ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu recht +bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie +willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und +nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du. +-- Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es so gut ist, und +daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.« + +»Liebst du das Leben nicht, Asja?« + +»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke +anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen. +Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich +schweige.« + +»Wie meinst du das?« + +»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin, +wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als +hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand +und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du +bald empfinden, wie gut und groß du bist.« + +»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das +Leben liebst, Asja.« + +»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.« + +Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen +hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war +von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über +in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein +heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht +die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich +fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch +bisher, ihr und ich! + +Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun +vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. +Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers +wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs +neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. +Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte. + +»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das +kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je +mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand +darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist +sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.« + +»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine +Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute +gefunden.« + +»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere +mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin +zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch +befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und +mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht +nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit +du fröhlich sein kannst.« + +»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen +Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich +zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, +das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur +spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht. + +So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich: + +»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen. + +In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir +lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit +seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und +dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste +Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in +mir, und ich sagte: + +»Nein, Asja!« + +Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und +böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und +erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir +durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll +Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein +Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und +innig, ein herzliches Tun. + + * * * * * + +Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für +ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die +Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das +Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie +fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr +scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung. +So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig +denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern +es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe +diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst +bereitet, und manche Herzen suchen es. + +So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in +Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich +hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief +die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen, +daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder +Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer +diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein +teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt. + +Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem +Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig +zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich +gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die +Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich +ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer +Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen, +von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch +ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu +meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben. + +Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf +meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er +empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als +ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es +mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch +litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn +von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag +ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt +worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich +gehorsam war. + +»Narr!« schrie er, bleich vor Wut. + +Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte, +wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die +Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, +über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig +begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen, +den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame +Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es +nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein +wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so +mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten, +Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als +ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht +trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich +zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in +mir glimmt. -- + +So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie +hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer +Not, unter ihren Liebesgruß. + +»Asja, glaubst du an Gott?« + +»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken. + +»Antworte mir!« + +»O Freund, ich kann nicht sprechen.« + +»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.« + +»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!« + +»Du bist es. Sieh mich an.« + +»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich +vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles +beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist +die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei +doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist +alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns +erwählt.« + +»O Asja, du machst das Herz froh.« + +»Ich tue nichts.« + +»Glaubst du an Christus, sag' es mir.« + +»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an +ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der +Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der +Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt, +sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen +erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann +ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß +wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei? +Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns +von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne +übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus +wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die +Quelle.« + +»Der Vater, Asja?« + +»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?« + +»Was nennst du Gehorsam?« + +»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber +möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt +ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe +kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen +Gehorsam.« + +»Und alle Gesetze, die Kirche?« + +»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche +erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der +alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf, +quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in +meine Armut.« + +»Oh, sprich weiter, Asja.« + +»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir. +Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne +mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei +mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn +unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du +durstig bist.« + +»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein +Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade, +der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr +Sinn?« + +Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir +zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem +unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und +still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug +diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg +und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde. + + * * * * * + +Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum +und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem +Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte +es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete +sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß +ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich +empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles +erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie +selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute +zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst +kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung +schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als +einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank +hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht +Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage +machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute +erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir +stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles, +was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name. + +Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich +wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben, +der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er +leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber +wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht +zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis +auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand. + +»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich. + +Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu +stören und sagte eifrig: + +»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.« + +»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?« + +»Nein, das nicht, ich habe zu tun.« + +»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte +sie, »aber Abwege sind es nicht.« + +Ich schwieg. + +»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an +der Wand an. + +»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar +Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.« + +»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben +Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es +ihr?« + +»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete +auf ihre Frage. + +Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich +vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur +deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren +Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort: + +»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war +doch ihr Name?« + +»Asja.« + +»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte +Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; +meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies +und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.« + +»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.« + +»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen +und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt +sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung +verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie +lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt +im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen +herauf, wenn Ihr Schritt klingt.« + +Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich, +oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und +lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin +nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts +Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie +erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies +Mädchen ... Sie werden schon verstehen.« + +Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die +gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im +spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und +Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke +drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und +wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben +ihrer Käfige. + +Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum +verständlichen Bitte noch etwas schuldig. + +»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt +denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend +mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus +der Seele und froh, so soll es gut sein.« + +Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich, +wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit +Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. -- + +Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte +still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf +den schrägen Dächern draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im +Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien +sonderbar leer. Ich war darin nun längst ein vertrauter Gast, und auch +die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr +Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung +fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfürchtiger +Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zögernd und ablenkend, als +gäben wir uns Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien +längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen Welt lebte +als sie selbst, und so wenig sie früher besondere Teilnahme gezeigt +hatte, so gleichmütig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer +Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, +in der sie früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und +Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas +leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, wohl auch ein wenig +stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. +Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden +Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten +Münze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes, +als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den +Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem +bedürftigen Wandel standen. + +Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert und sorgenvoll, +wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu +verwenden wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der +ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und +ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles +Genüge an meinem Leben und Denken empfand; mächtiger als je drängte +alles in mir zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten +eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich +übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner +Stirn fühlte. Es war ein erstes Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das +sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne +Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber +es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer +Frühlingswiese, dessen Glut nur die Überreste des verflossenen Jahrs +verzehrt, aber keinen Keim des Bodens fördert. + +Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz aufs Feuer und sah +kniend zu Asja hinüber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade +ausgestreckt auf dem Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres +Körpers erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht mit dem +überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel +mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde, +merkwürdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das +Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum, +die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und +die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken des Zeigers +an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann. + +Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett +und ließ mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein +Stück Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich +ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich +sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich +begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestürzung voll Rührung kam, und +sah das Brot an, als verklagte es mich. + +Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt durch die +gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der Schlafenden, und je +andächtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrünstiger begannen dies +Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trösteten mich. + +Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, dachte ich, denn es +ist meiner Rührung eine Gewißheit zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du +bist das ewige Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und +einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen Ausmaße der Seele +und des Geistes, du erhältst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln, +du befriedigst, ohne daß Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du +forderst keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines Gebens +wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst Christus dich und dein +Wesen mit dem seinen verglich, daß er dich brach und gab, wie auch sich, +als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das +Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und +Auferstehung. + +»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme plötzlich in mein +verlorenes Sinnen hinein, »bist du hungrig?« + +»Ich habe ewig, ewig Hunger!« + +Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer +unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den +angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier ließ mich +erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln ihre Stirn +auf meine Hand: + +»Ach, Bruder ...« + + * * * * * + +Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die +Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten +mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens +geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte, +nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich +nun töricht, dachte ich oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken +lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des +Beginns? Aber dann war mir, als begänne mit allem bewußten Leben in uns +Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied +von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das +Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger verweilte, als diese zum +Abschied so froh Gerüstete, gar so groß und gewichtig, und flogen die +Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung +getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der +meine war? Und so beschäftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den +ich suchte, und ich sagte es Asja: + +»Ich finde den Weg nicht!« + +Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu +forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu +wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von +draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein +wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt +worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und +hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts +mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und +mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen. + +»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her, +was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest +du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was +oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr +kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich +keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur +Verlassenheit. + +Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst +vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das +Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die +Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt +das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg; +forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche +Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in +den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So +nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst +du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der +Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin +der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg +für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er +selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in +die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener +Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit +und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis +bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr +Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns +zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst +du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun +keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du +bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein +Leben ... die Seele ist Maria. + +Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der +dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel, +farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen, +daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der +Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in +unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die +Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den +Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. +Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch +rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft, +wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun +ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang +und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.« + +Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren +geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie +Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne +und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und +Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines +Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und +die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den +Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der +Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als +formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, +sondern im Geist und in der Wahrheit. -- + +Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer +Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr +erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage. +Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem +Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte. +Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von +den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten +Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der +Zustand unsres Daseins. + +Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine +Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, +als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich +nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken +unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand. + +Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und +flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll +Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten +meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und +vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit, +Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem +Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die +aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen, +was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. -- + +So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt, +die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde +abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. +Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das +Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur +die Jugend zu sein vermag. + +Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir +verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich +und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. +Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den +Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde +mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter +und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren +Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte +doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff +ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will +in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von +ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht +fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr. + +Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich +nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und +darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte +ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das +sollst du nicht wissen. + +Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz +und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich +erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im +Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich +sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer. +Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was +ich meinte und sagte: + +»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht, +sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der +Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das +ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur +deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden +ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist +Torheit. + +Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es +nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht, +gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die +sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das +Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was +er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme. + +Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer +Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht +weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze +Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es +betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein +Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein +Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von +Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der +Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte +selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch +und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über +der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im +Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie +weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot +die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr +bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird +endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, +die Kraft und die Herrlichkeit.« + +Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines +deutlichen Bildes: + +»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im +Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und +Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.« + + * * * * * + +Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt +ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und +betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt +verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei, +dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete +meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der +Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir +ohne Groll. + +Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem +Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln +auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und +ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge. + +Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große +Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und +erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie +aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das +allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An +Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit +Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen +und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, +verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den +Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die +nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die +Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die +zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie +wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo +war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet +abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen, +daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt, +allein zu sein und im Hellen zu verharren. + +So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen +war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein +war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr +Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft +Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind. + +Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als +ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch +ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die +übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von +ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so +und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu +sehen und nicht den dahinwelkenden Docht. + +Sie sagte mir auf meine Frage: + +»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt +kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor +seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur +daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen +hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein +Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und +endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es +ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch +das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber +ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg +der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt. + +Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und +erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus +dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die +versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als +alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die +Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen +brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen +spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur +Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich +verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu +unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht. + +Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir +wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die +Lerche -- und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und +schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so +offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen, +es ist alles gut, es ist vollbracht.« + +»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!« + +Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier +in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am +Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich +empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der +Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich +fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen +Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer +Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu +scheiden vermochte. + +Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der +Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein +unerklärliches Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher +Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich. +Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen, +sondern ihre Güte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an: + +»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in +der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht +gefallen ist, die Vorübergehenden, wie er sich erheben könnte? Wer aber +nur deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, der wird +keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht +in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten +vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der +Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie +hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus +der Wahrheit ist, hört die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe +ist, hört die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht +antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht. +Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt über dir +zusammenschlägt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder +fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine +Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!« + + * * * * * + +Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen +kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch +wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner +Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und +kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine +leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener +Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil +ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die +Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und +verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den +Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis +zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen +guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die +meinen noch nicht kannte. + +Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich +überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend +meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt +als nachsichtig. + +»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden +wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner +Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme +Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach, +gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern +der Welt, die nie ein Mensch betritt. + +Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist +weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so +leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte +und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber +Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden +wäre. + +Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas +Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und +Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es +mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung +willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von +solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares +Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von +keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung +nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und +großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab. + +Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei +Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in +gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus +vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch +eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres +wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände +fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und +eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der +Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt. + +Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben +in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in +ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu +betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die +Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und +durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß +mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, +die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter +denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte +hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein +vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den +großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu +bemänteln. + +Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine +heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war, +zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu +endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im +Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit +Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals +in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben. + +Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen +an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend: + +»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen +Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie +mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und +scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann, +als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt +sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte +ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es +längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde +nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil, +den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem +kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu +entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen +vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein +wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh, +wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner +Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem +Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen. + +Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie +ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch +die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen +sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der +Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht +emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer +denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung +gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit? + +Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist +noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in +Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten +Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu +locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich +glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers +fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit +Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen, +nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat +noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, +hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung +im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende, +der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist. + +Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind +der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen +Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn +die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt +ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich +dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt? + +Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in +meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er +auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und +morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner +Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und +zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird. + +Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie +aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen. +Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht +ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das +Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich +offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß +in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei? + +Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne +Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden. +Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es +gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen +voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat +nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die +Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind +alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie +richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie +fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das +bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine +Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne, +ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie +ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der +Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht +in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod +mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht +erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist +mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle, +trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die +längst nicht mehr ich ist? + +Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die +irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das +große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in +der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein, +das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine +andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die +zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der +Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und +wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.« + +Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?« + +»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht +die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen +Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende +Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf +eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese +Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses +Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein +Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die +Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die +Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie +Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst +verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er +wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten, +die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle +Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert +der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom +Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete. + +Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit +denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler +Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in +dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine +Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das +Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der +Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone +die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die +Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe +einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu +Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe +erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt. + +Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem +Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen +seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.« + + * * * * * + +Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben +begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer +mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der +Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten +und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren +Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich +ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art +verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde +schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft. + +Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine +Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im +höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen +durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie +dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem +heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird +und des Menschen Sohn? + +Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit +Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich, +von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der +Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig +zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß +tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen. + +So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an +Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den +Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand +mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere +Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt +entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist +unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von +vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis. +Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne +sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir, +und an meine Liebe. + +So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug +sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage +mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist +wahr gewesen: + +»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir +Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber +nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht +sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein +Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die +längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde. + +Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben +die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden -- +bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch +die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und +Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das +Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten +der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der +Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten, +und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine +Seele zu erhalten, der wird sie verlieren. + +Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst. +Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das +Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...« + +Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten +sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts +mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, +wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt, +deren Wege voll Steine sind. + +Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen, +weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja, +weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt +nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang +einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig +reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber +das Reich ist nicht unser. -- + +Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das +Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes +geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten +handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren +Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben +waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe +durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht +haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll +unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel +Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo +blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare +Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn +empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich +schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen +heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen +Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich +das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst +deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das +Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das +gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das +seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben +sollst, wie dich selbst? + +Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr +fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher +dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu +denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien +vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn +ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, +so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der +Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den +Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist +nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen +Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und +Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen, +und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung +und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich +selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein +erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber, +den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn +ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen +Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem +Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben +des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen +Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn +sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem +Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie +verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen +Nächsten zu suchen. + +Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten +Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit +Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung +sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume +eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels +meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und +allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des +Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben +alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches +Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die +Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende. + +Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem +verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt +zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem +Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte, +bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne +und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich +anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war +schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns +beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht +ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir +schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung +preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine +Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe +kameradschaftlicher Mitteilung gehoben. + +»Hast du Geld?« + +Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu +verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun +hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich +ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir +ab. + +»Hast du mehr?« fragte er. + +»Nein«, sagte ich. + +»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage. + +»Ja.« + +»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon. + +Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen, +aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich +nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten. + +Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem +Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen +zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, +durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der +Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung +hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein. + +»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort +zu verlieren. + +Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine +Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren. + +»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft +hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte +er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und +zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als +müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand +einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf +meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog. + +»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«, +fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu +sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und +ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und +dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche +Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von +den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der +Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig +zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die +Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen +Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon +eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten +Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste +Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft, +zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der +glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken. + +Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn +Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen +Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu +einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor +Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als +meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen +Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die +Finsternis erwürgte mich. + +Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am +Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und +erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines +Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich +gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze, +die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor +Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies +Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und +klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen +Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der +Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit +von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der +großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind +und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte +Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war +hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß +ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb. + +»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von +dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die +mich von dir scheiden werden.« + +Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich +mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die +göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals +bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von +etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines +Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein +Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas +geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer +hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet? +Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu +bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur +Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist, +vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und +Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das +Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß +genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom +trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt +sich. + +»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst +ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum +lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und +wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle +auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr +die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer +Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte +Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur +an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der +Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt, +und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem +Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in +der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat. + +Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und +ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles: + +»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder. +Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des +Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare +Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt, +dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi, +aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen +soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie +wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und +sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?« + +»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.« + +Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer Antwort mir die +innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber +es blieb alles ungewiß in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten +sich im Dunkeln. + +»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, und ich will +schweigen und warten«, sagte ich. + +»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. »Die Liebe +scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und +Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und +falsche Gestalt. Wer sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als +seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt von der Liebe +erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst +raffte den Wert an sich, um ihn für sich zu besitzen, gesättigt, +zufrieden, selbstsüchtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz +dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwählt. Wer hat das große Wort +auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es +unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in +einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel Angst +muß in der Welt sein! Was von der Erlösung galt, das haben die Menschen +in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor +der Macht des Satan!« + +»Wer ist Satan?« + +»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich ist überall, wo +Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes +setzt, so setze für das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht +der Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, was ihr das +Gute nennt.« + +Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an +und rief laut: + +»Schweig!« + +Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte, +neigte sie sich über meine Hand und drückte ihre Lippen darauf. Erst +nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte fröhlich: + +»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es lautet so: + + Ich möchte dich beglücken + und kann nicht dunkel sein. + So tritt mit deinem Zweifel + in meiner Liebe Schein. + + Mich quält nur eine Frage: + Hast du mich lieb, sag an?! + So bleib in diesem Lichte, + das ich nicht trüben kann. + + Frag nicht, weshalb ich frage. + Aus Zweifel frag ich nicht. + Es gibt nur eine Klage + der Liebe, die um Licht.« + + * * * * * + +Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und +verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an +der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes +Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale +Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes +Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter +dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie +ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in +warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder +Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber +schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des +Morgens erwachte. + +Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich +mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren +Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, +sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und +Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich +überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals +in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß +ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine +Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in +einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten, +der wird sie verlieren.« + +Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun +blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die +Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im +Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und +Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit +meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu +Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre +ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das +mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der +mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! -- + +Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der +Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied +von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß +in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten +zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht +mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem +uferlosen Meer des Lebens für mich. + +Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an +ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein, +deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den +erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen +in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den +Feldern. + +Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug +ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, +nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. +Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres +Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen +Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, +der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene +Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint. + +Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat +diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen +schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung +und Verkündigung und ein erlösendes Glück. + +Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem +Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und +blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich +auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst +fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens. + +Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte, +am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre +Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage +ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl. + +So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte +mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig +erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit +denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten +hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir +nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die +aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen +Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen. + +Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und +jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und +ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, +sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit +mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren +heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier +Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage +eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie +nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener +schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig +täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des +Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne +Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger +gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein +betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich +tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit +Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die +sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in +einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen +ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte. + +Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen +flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu +sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie +schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an, +wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen +Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war. + +Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer +Mutter führte: + +»Geh nicht fort.« + +Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde +niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie +zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, +da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in +das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte +sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen +beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein. + +Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu +kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden, +während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft +überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig +Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl +einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, +bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, +daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen +neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für +gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu +bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen +gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und +herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme +handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die +als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen, +als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille +der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der +sich am längsten sträubt. + +Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und +das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht +gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze, +um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne +unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein +Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen +abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein +erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe +herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft +sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur +trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, +so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den +Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln, +und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren +Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft +des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch +diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und +entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen? + +Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein +Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender +Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht +und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte, +befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren +Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, +und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich +mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies +Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit, +wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und +eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu +ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf +dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien +Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich +wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so, +dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das +Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der +Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in +einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines +hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht +willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden? + +Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen, +dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus +stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie +Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in +geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen, +denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der +Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, +schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, +unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist +der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und +wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und +gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht +achtet und Zerstörung sät. + +Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern +aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume +gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich +gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der +Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu +erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft +bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und +wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich, +darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir +bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten. + +Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein +Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum +Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem +Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem +Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von +unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder? + +»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!« + +Das war Asjas Stimme. + +Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme +entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie +kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in +eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber +nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer +vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die +Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in +dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer +fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller +Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und +schweigen mußte. + +Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen +Seufzer: + +»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist +dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering, +ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für +das Licht gewesen.« + +Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne +noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich +verwundet. + +»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht +gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne +Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es? +Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.« + +Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das +nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein +schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens +lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer +Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie +sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche +Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das +Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und +gelästerten Seele. + +»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen, +Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als +alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.« + +Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben. +In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme, +preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren +Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat, +Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen +lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann. + +Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so +deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir +einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer +versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe +am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu +uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine +unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun +allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in +Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem +Herzen gewollt haben. + +Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der +Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der +Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den +Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch +streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf +sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied. + + * * * * * + +Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo +das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in +einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur +zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter +ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken +schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte +standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von +denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, +glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische +erklangen die Stimmen der Singvögel. + +Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der +Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher +hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und +bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, +durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber +standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont +einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage +war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein. + +Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster +Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der +kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar +in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn +mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich +hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, +meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich +wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern +hinausgehen, dem Sommer entgegen. + +Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten +Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde +Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein +junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht, +mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den +Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite. + +»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote +gekannt?« + +»Ja.« + +»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem +verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost +der Mutter anführen könnte.« + +Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde +freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den +Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So +schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir +ruhen. + +»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen, +daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu, +ohne daß es mitteilsam wirkte: + +»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr +habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.« + +Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte +ich. + +»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen. + +Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten. + +»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...« + +Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde +herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen. +Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein +Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns +befanden. + +In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich +lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in +klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein +Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über +das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte +Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk +langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten +sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als +die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns +hinüber. + +Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein +mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper +wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und +hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen, +mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht +mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen +Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen +Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem +Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche +führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, +denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung +dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser +Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der +Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört +zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an, +als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den +Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort +anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts +genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und +waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu +dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach +ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod, +und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg. + +Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad, +den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem +Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und +ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf +mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten +Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den +Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, +deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein +klingender Schleier. + +Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg +erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah +ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand +und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm +vorüberschritt, trat er auf mich zu. + +»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen +sprechen.« + +Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den +begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich +folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd: + +»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an +Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie +führt.« + +»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche +Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie +etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen +Sie mich gehen.« + +»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war +diese Tote?« + +»Ich weiß es noch nicht.« + +»Sie weichen mir aus.« + +»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.« + +»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft +meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber +niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich +Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den +ich nicht verstehe.« + +Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über +suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre +Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von +allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen. +Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen: + +»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich +Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu +sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war +tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie +legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten +so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg +zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht +für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das +Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt, +mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber +die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem +Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...« + +Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja, +und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. -- Aber meine Kraft +war zu Ende. + +Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar +hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es +gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und +wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die +mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer +und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte +ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß +wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt. + +»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich +fröhlich!« + +Vorsichtig begann mein Nachbar wieder: + +»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich +erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.« + +»Niemals«, sagte ich. + +Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden. + +»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es +wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an +Wunder?« + +»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein +Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn +unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. +Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen +Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des +Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.« + +Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied. + +»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten +läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser +Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören +müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich +durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen +fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? +Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...« + +»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie +hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und +größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen +vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben +trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das +ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich +begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der +Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt, +denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und +morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.« + +Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht +zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß +ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen +Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen +finden sollen. + + + + +Zweites Kapitel + +Das Meer + + +Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstraße nicht zu +ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit +mir herum, die zu schwer drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch +Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem +Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig +werden, dachte ich. Dann wieder fürchtete ich, der Verlust dieses +Menschen habe etwas für alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit +war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief +und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne +Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose +Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß ich durch mein Schluchzen geweckt +wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die +ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, diese +Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein +unirdischer Reichtum vorkam. + +Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: ich kenne euch alle +längst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der +Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, +denn da ich nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines +Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit +ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und +immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem +Tage mir selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich +beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir +sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurückdenke, so +ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, +was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel. + +Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in den Sommer überging, +und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft geführt, in +der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von +Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte, +warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand, +daß es mich wie eine grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die +Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die +geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die +Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der +das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich +dachte an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene +schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief. + +Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die Halme, sie schaukelten im +Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekümmert und ließ sich am Rand des +Kelches einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier +zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahlenden +Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich +begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, +ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem +Windhauch berührt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer +in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte +und in glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom durchwärmten +Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und +führten merkwürdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, +die zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von Träumen +befangener Blick. + +Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang +auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt +überschritten hatte, vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und +ein Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung kommen konnte. +Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses +einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben +Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete +ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das dürftige +und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem +nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem +seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz +genommen, und doch lag ein matter Schein darauf. Dicht an meinem +Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen +Pfählen, ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf. + +Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben ließ und ihn befestigen +wollte, erblickte sie mich und sah mich mit großen, überhellen Augen +starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas +tierhaft Leeres und Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun +der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter +Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt +einen der Pfähle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und +staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in ihren +Zügen hervorbrachte. + +»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie langsam mit einer +tiefen Altstimme. + +Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht, +weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter +der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen +Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte: + +»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun +auch dich.« + +Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu +empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit +den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen +Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie +zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rührend und voll +kindlicher Gefaßtheit. + +»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ...« Ihre +Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht. +Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen +es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug +und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll +freundlicher Neugier und bereit zu verstehen. + +Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre +Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem +Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich +des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und +Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte +einen Schritt auf den Steg zu. + +»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir helfen.« + +Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und löste die Hand vom +Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg +abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf +stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich +mehr und mehr von mir, aber sie lächelte mich an, als käme sie mir +entgegen. + +»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg zurück. Da sie sah, wie +ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken ließ und daß kein +Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das +Ruder ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre Hand den +Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und +den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie +die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund +stecken? Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, der +sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank. + +»Was wolltest du hier tun?« fragte ich. + +»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...« +wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein, +daß sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Geräts verraten hatte. +Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit +Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis +unrecht getan. + +Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche +Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine +Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. +Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie +die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und +wie die Nacht. + +Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum +sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und +schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie +nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn, +drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon +die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die +Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein. + +Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen +der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf +einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank, +wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen +Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen +Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar +macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter +Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten +Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner +Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege +und Grab ... + +So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den +Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter +Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und +Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung, +ein wahrsagendes Lebensbild. + +Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint +es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer +selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und +über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann, +als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte, +wir empfinden später, daß wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es +nicht erkennen, doch verwalten. + +Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der +herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in +dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es +bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des +Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten. +Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor +dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem +Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie +stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser +Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall, +obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren +Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber +Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist +gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das +Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von +euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig +Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in +mir und aller Liebe. + +Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die +Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit +ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald +begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes nächtiges +Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich +Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller +Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und +mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte +diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich +mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging +langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan, +sandig und über kahles Gelände. + +Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein +kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes +Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein +matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, +als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die +Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein +leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag, +und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie +laut auf -- das Meer! + +Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der Nacht. Ein Schauer +voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so +groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine +grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich +kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und +vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das +Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der +Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß +die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber +stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in +Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen +Sonne des Orients, heiß und wunderbar ... + +Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete, +mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich +zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der +Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner +schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck, +seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht. + +Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich +die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger +ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des +Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch +ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach +der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender +Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und +keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte, +törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In +gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine +kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. +Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das +Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder, +unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir +wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein. + +So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich +aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht +zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung +wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das +Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein +schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging +ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende +Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung +dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die +Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und +duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen +Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige +Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die +Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein +Blut mit einem wunderbaren Dank. + +Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und +nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder +aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen +verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, +genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und +die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke, +daß ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten +Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die +schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen +der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie +zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer +noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen +sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen +den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht +brach. + +Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer +Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich +erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume +geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches +Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war, +und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der +Nacht schwebte. + +Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die +Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen, +das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus +Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern +standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam, +Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen +durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer +pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund +gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts +sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen +in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste +Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um +unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu +einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die +langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in +die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu +ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der +Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben +gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden +glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine +Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und +ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen +dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem +ich lange schlief. -- + +Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung +jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das +Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die +Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, +du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen, +ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze +eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen +Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das +Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes +Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer +verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon +mein Bruder. + +Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?« + +»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe +sie um Hilfe, »wer ist denn da?« + +»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.« + +»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der +Decke herab.« + +»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.« + +»Merkwürdig ...« + +»Sprich von dem Buch, in dem du liest.« + +»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzählen? Er würde +dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, draußen +durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von +Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.« + +»Hast du keine anderen Bücher?« + +»Sag' erst, wer du bist.« + +»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey nicht liest.« + +»Dann bist du also Vetter Eberhard.« + +»Ich denke nicht daran.« + +»Ach ... er wollte kommen.« + +»Kommt er immer nachts?« + +»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er +nachts und erschreckt mich wie du es getan hast. Sag' jetzt, wer du +bist, sonst muß ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett, +habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann. +Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der +Sperlinge, die hier im Efeu nisten.« + +»So werde ich also zu ihr hinübergehen.« + +»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, sie hat +eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.« + +»So soll ich bleiben?« + +»Sag' erst, wer du bist.« + +»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst, +nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß du zu mir herunterkommst.« + +»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.« + +»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst +nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich +werde meines Wegs gehen.« + +»Wie unhöflich du bist.« + +»Unhöflich ...« + +»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Könntest +denn nicht du heraufkommen zu mir?« + +Nun war es eine Weile still. + +»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus +seiner Rolle fallen. Welch eine törichte Frage das doch war. Die Stimme +antwortete ohne Eifer: + +»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst +wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du +willst, denn ich weiß, daß du schon bei der ersten Bedingung versagst, +unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast, +so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.« + +Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen scholl zu mir herab. +Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte +ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, +wie eine Seite im Buch umgeblättert wurde. + +Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fände +einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfänge gefunden habe. + +»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut. + +Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die Luft, raschelte +wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war +das Buch. + +»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht. + +»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte +beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür +hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird, +wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum +Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin, +so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du +wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus +der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer +wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu +sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt +werde ich es glauben, und dann wird er es sein. + +Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön +wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich +zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du +füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein +Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es +gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus +dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind +Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der +Ewigkeit und Freiheit. + +Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid? +Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen +Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen +Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön +bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe +ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen +als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das +große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so +stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist, +in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich +abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm? + +Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und +seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und +seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, +wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es +ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht +als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so +war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder +bin ich gehorsam? Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell +bist.« + +So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig, +bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben, +und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du +kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand +wird wissen, wer geredet hat. + +Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes +Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff +mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, +unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt +auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen +des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne +Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor +tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn +wir unter der Erde sind. + +Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und +dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen +tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin +schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden +einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt, +hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter +der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du +über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch. +Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so +erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser +Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr +bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn +gesagt ... + +Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und +schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine +Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der +Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare, +etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht +verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden, +schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, +Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete +still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und +darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten, +aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum +nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand. + +Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen +Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen +in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer +erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es +mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es +wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen +sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen, +deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir +schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst, +dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare +Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und +das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im +Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit +dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen +vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen +gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede +Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung +meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden. + +Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und +nahm mit beiden Händen meine Hand: + +»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, und ich +bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das +meiste gehört, es war wirklich sehr schön, besonders der Anfang. Bist du +böse?« + +»Wer bist du?« + +»Sicher kein Gespenst -- du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib +mir mein Hemd.« + +Ich sah mich um. + +»Dort am Waschtisch.« + +Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es +ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwölkchen im Licht, +senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte +wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betörend +zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß und sicher an, zugleich +hell und dunkel, mit lächelndem Forschen, ohne Schüchternheit, aber +ernst. + +»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse, +Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege +keinen Wert darauf, und wer bist du?« + +»Worauf legst du Wert?« + +»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und +kluge Männer.« + +»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und einen klugen Mann.« + +»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu +den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?« + +»Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen +einsteigt?« + +»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle! +Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht +enttäuscht zu werden.« + +Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak +heiß. + +»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend. + +»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine +Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß +du mich enttäuschen wirst?« + +»Du kannst nicht lieben, Kaja.« + +Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich -- nicht -- lieben!? Weißt du, ich +habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie +ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen +gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich +bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine +Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb +nicht?« + +»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese +Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er +sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es +der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.« + +Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles +Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder +Angriff. + +»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja +verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser +bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen, +fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung +recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit +sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht -- aber +gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, +das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich +beruhigen.« + +Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder +Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein +Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu +sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen +entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht +meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne, +dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine +Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend +nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel +geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah. +Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft +oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und +drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen +Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten +Spötter und Versucher und sagte: + +»Du verstellst dich, Kaja.« + +»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte +mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich +verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor +sich.« + +»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst +dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug +für ihre Schönheit.« + +»Ach -- so --« + +»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben +getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.« + +Sie verstand sofort: + +»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie +lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie +sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst +weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt +gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen, +in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern. + +Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer +Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem +Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier +war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und +Trotz. + +»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte. + +-- Du große Frühlingsfrage! + +Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften +voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird +die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den +großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst +und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte, +die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in +die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich +zurücklassend. -- + +Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein +übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete. + +Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und +ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste +emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im +nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde +nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir +hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein +Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre +Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich +rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in +heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht +über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort. + + * * * * * + +Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es +war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein +erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die +Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht +in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen +Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt +draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort. + +»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch +nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!« + +Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie +darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen, +sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit +tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll +Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind +trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn, +Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu +können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von +Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer +Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt +vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet? + +Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die +Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg +lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, +beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen +mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute +Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen +wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen +wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das +schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich +geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das +Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel. + +Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen Wellen nahen und sich +im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war, +als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die +in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, auf deren Giebeln +bräunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein +Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes +Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie +Spielzeug aus und bewegten sich träge. + +Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse +Sand an meinen Füßen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter +mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den +Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Möwenschrei ließ +mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und +bräunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Hütten. + +Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele +erschütterten mich so mächtig, daß ich aufsingen mußte, einen hilflosen, +wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, +Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mächtigen +Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten, +und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. +Nun habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches weiß ich nun, +und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein +Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn +fern höre, so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach sein +wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid. + +Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus +dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen +miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und +erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel +voneinander. + +Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das +umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die Morgensonne unter sein schwarzes +Dach schien. Ich kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen +eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den Sand, um zu +schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und +der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser +Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im +Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen Leben, und ich sah +große Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, daß ich +schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt +bestand aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im +leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt +und deutlich die Fülle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich +sah beblühte Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und Baumgruppen, +Quellen und Ströme. Und mitten darin, wie geboren und erblüht aus diesem +lieblichen und mächtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar +funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der +Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im +Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bäume, das Flüstern der +Gräser und der Vogelgesang. Schattige Gründe der Triften, Kelche und +Früchte waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe zu bringen, +was diese Schultern und Hüften trugen, die reinen Glieder und der +unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt +und kein Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet. +Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und diese betörende +Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit +lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und +traurig war. + +Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren +Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, so nah, und doch +von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinüber -- bleibe +hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein +und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. -- + +Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es, +dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich +und alsbald völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen +Bootmuschel hervor und taumelte vor Glück und Licht in der Sonne, die +über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schüttelte den Sand aus meinen +Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag +der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im +freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber klar, daß dieser +Besuch stattfinden mußte, vermochte mir allerdings über die Art keine +Vorstellung zu machen. + +Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen +Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich +besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt +haben. Eine heiße Liebe zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie +sollte ich nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich doch das +Ungewöhnliche bestanden habe? + +Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine +zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten +einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park +zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall +strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft, +und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle +der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im +Jahr. + +Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten +übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte, +grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. +Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die +ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher +kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der +Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich +fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen +breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken +bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen +schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen +lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt +fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz +ihres späten Lebenstages. + +Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen, +verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen +machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls +stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große, +schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre +Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie +sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an +ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn +ohne Erlaubnis betreten zu haben. + +Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben +bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner, +gebrechlicher Stimme: + +»Guten Morgen, guten Morgen.« + +Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein +wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger +ehrerbietig ausfiel. + +Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig +zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein +merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer +Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der +Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer +schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, +ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht +kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen +Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer +Demut gegen sein letztes Wirken. + +Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden +konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von +dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das +sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das +Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen +mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren +unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock +seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine +Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte +versöhnlich und sah mich an. + +»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit. + +Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die +offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn +erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite +geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich +Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an. + +Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten +Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?« + +Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich +gerichtet, man erwartete eine Aufklärung. + +»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog +mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen +Umstand ausglich. + +Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen +Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante +Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück. + +»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!« + +Ich entschuldigte mich rasch: + +»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich. + +Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf: + +»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas +schwerhörig.« + +Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos. + +Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch +bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick +enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden +haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß +meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine +kleine Morgenunterhaltung hinausgingen. + +»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier +verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.« + +Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden. + +»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und +schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner +prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein +Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, +es sind zugleich die Sommerferien.« + +Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich +nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden +werden wollte. + +»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander +die Gartenwege entlang. + +»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr. + +»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?« + +Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich +glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung. + +»Auch Algen!« rief ich. + +»Wie?« fragte sie bestürzt. + +»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher. + +»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.« + +Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin +überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange, +hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses +Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk. + +Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit +die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser +Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die +Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es +zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine +Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich. + +»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!« + +Niko verkroch sich. + +»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich +liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht +abstoßend auf sie zu wirken. + +»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich. + +»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen +Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der +Jugend ist kein Lager hart.« + +»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer +Armbewegung. + +»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.« + +Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als +erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte, +oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt, +dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch +den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand +von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs +Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und +alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu +grübeln. + +»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir +Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes +Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, +und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah +ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen +Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter +bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her +und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder +bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese +kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie +lächelte nachsichtig. + +Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich +jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu +antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am +besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten +Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt, +unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die +natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte +ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den +besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört +mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein +geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es +schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein +Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich +vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien +es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber +sie schrie nur: + +»Nieder Niko!« + +Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen +Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann +die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und +unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten +einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren +Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, +bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer +anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte +den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft +der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, +da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war +für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform +heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und +Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung +und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die +innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie +selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen +Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des +jungen Mädchens in Frage zu stellen. + +»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich +streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der +See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, +obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas +kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher +gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber +nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren +haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich +kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß +hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.« + +Sie richtete ihr Horn auf mich. + +»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich. + +»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine +angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die +Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen +Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und +auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten +abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!« + +Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko, +der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus +zu. + +»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber +deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute +Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte +an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er +erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so +daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung +einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden. + +»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor +Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb +sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht, +er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich +später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne +den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter +ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas +anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht +oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor, +durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet +sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie +fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ... + +»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte +darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später +werden wir dann etwas zu uns nehmen.« + +Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz +schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und +Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche +dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die +Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war! + +»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es +verächtlich klang. + +»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden +hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!« + +Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat. +Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und +abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen. + +»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die +Tante. + +Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine +gefällige und vornehme Haltung. + +Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende +und nun mußte sie sich rechtfertigen. + +»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, aber ein junger +Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.« + +Kaja machte einen strengen Knicks. + +»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante fort, »wir unterhalten +uns hier noch ein Weilchen.« + +»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja zu mir, »nachher +komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schämt sich +ja. Also auf Wiedersehen.« + +Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und +dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: »Guten +Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe, +daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.« + +Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen in sich hinein, +und man sah den Bewegungen ihrer Hände an, daß ihr ein Hindernis als +überwunden galt. + +»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend. + +»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schlußzeile +eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes. + +Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu +dürfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Während sie +sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre +gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und +steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit +für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, um als glücklicher und +ehrlicher Finder empfangen zu werden. -- + +Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und +zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu +sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem +unterspülten Hang. + +»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir fertig geworden bist, +ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante +Mimsey -- das will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir +wohlgesinnt ist.« + +»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. Bist du noch +einmal eingeschlafen?« + +»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.« + +Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, die sich in meiner +lächerlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, daß um Kaja der Seewind +strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare +Prüfung. Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, je +mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hüllen emporstieg. Als sie +ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig: + +»Man muß dich ja schonen, du Armer.« + +Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll Roheit gegeben, +als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Händen und bebte. + +»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte durch die Buchen +zu spähen. + +»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend. + +Sie starrte mich an und brach in Lachen aus. + +»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du«, stellte +sie nachdenklich fest. »Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen +Dingen mußt du jetzt etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für +dich.« + +»Daran hast du gedacht, Kaja?« + +Sie sah mich fragend an. + +Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich +es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermögen, woher die Gefahr +und Wohltat dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und +verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war +ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. Man vermochte in ihr +zu sein, beglückt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht. + +Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der +Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, +als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet, +in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob +sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden +Händen, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es +beim Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue Rauchsäule +erhob sich lebendig über ihr und wanderte, sich leicht zerteilend, +lautlos ins Buchengrün empor. + +Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und öffnete sich ganz +den Sonnenstrahlen, wie eine blühende Pflanze. Sie breitete ihre Arme +aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie +mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und +umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von +einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verächtlich, so daß +mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen +Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit. + +Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als würfe sie es fort. +Keine Geste schien ihr verächtlicher zu sein, als die der Darbietung. +Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dächte ein anderer für mich. +Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute +eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken, +als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich +mußte lachen, und Kaja sah sich nach mir um. + +»Was ist geschehen?« + +»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes +vorstellte.« + +»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, wie ausschweifend +du in deinen Gedanken bist.« + +»Erzähle mir von dir, Kaja.« + +»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest mich endlich +kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, daß ihr den +Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein möchten. Es +geschieht, weil ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil +ihr es nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist immer +dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es +Verständnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich +Täuschung vor. Ein lächerliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.« + +Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt für Schritt, maß +sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel über und schien die +helle Welt, das schöne Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie +annahm. Als eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm +ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit +dem kühlen Wasser wie für immer. + +Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich beides zu dieser Stunde +vermochte, aber es ging, und ich fühlte eine schmerzende Zweiheit +wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als +fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu Dingen +geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige ich nun? fragte ich +mein Herz, aber als Antwort hörte ich nur den fühllosen Frohsinn der +großen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und +sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust +sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der +Ferne, bei der großen Stadt, dein Grabhügel. -- + +In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit stampfte ich bald darauf +durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war +nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, daß +ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so +Wichtiges, so Lebendiges, so viel glückliches Tun mir gelungen, so wird +sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach +Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, einen +Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist. + +Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hören, +wie groß es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht +gewinnen kann im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer +beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir sagte, daß ich Kaja +liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es +mir in der eroberten Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts +doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar +und mütterlich lächelte der Weltgeist mich an, gnädig und zögernd, als +sei ihm ein Irrtum gefällig. + +Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewalttätige +Verlassenheit, die die begrünte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen +und hörte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich +meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns +mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze +Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte. + +Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die +Flut bespülte, und beobachtete, wie die Wogen es auslöschten. Ich grub +die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft +heraneilenden, durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über den +Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen, +wie mit Gelächter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten +und zerteilten. Sie löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen +zu sich selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art, +ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr +geglättetes Sandbett betrachtete. + +Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein Herz zu hüten, +aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine +süße Wollust. Und plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf +der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den Knabenernst +meiner Absichten, über das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll +Streben, Erfolg und Wirken, über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen +werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen oder +im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurückfluten und +aufs neue in vergänglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen. + +Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge +verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblaßt, die +zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen +Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, +ein leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte +ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblaßt, die zweite Woge nahm +ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner +alten Wesenheit. + +Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lächeln gebildet, +als mir sonderbar deutlich Asjas Worte über den Wandel der Natur zum +Bewußtsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der Wandel +der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der +Geist.« + + * * * * * + +Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh +gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt, +mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite +hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und +Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten +den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen +durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am +Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote +lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser +hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel, +zu mir und ermutigten mich. + +Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege +angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten +schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu +wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den +Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es +schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in +einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und +erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich, +wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder +jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten. + +Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen, +denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie +mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren +Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres +Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu +wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien. + +Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und +musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck +zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart +eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von +Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie +Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem +Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von +ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber +zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies. +Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine +Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte, +glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in +seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich +nicht. Ob ich ein Franzose sei. + +»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch. + +»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch, +»warum sprichst du nicht gleich vernünftig?« + +»Ich habe plattdeutsch gesprochen.« + +Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler. + +»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?« +fragte er. + +»Ja, die Baronin, meine Freundin ...« + +»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen +Eindruck zu machen. »Ich würde mich an die Junge halten, wenn ich in +deiner Haut steckte.« + +»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete ich und wies auf +meinen Rock. + +Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel +draußen auf dem Deich. + +»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem +Rock gewählt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren +Frack besitzen. Aber was man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind +geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?« + +Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu +finden, die ich doch nicht bezahlen konnte. + +»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« sagte der Alte, »so +kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.« + +Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt +nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weißem Sand +bestreut, und das Fenster führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein +Bündel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen +Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht +nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er sagte: »Nun ja ... wirst +auch nur eine Mutter gehabt haben.« + +Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich wohlwollend, denn es +stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach +etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt +hatten. + +»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte er mir auf meine +Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt dich an deine Schloßmuhme,« +fügte er hinzu, »sonst hat's gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um +sie fortzutragen, und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über dem +Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie eine Krippe. + +Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und +durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich +weiter draußen im Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie +kleine Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden sei für +die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren +ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber +er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen +Lippen nach, wie er das Weite suchte. -- + +Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen +Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, +dessen Pflanzen gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, +daß ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm teilte. +Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurück, ein +siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre +blauen Augen sahen ernst und mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne +andere Einschätzung, als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte +nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie war von +unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als +die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im +Wasserschlößchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein +schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen eines +wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten war mir lieber. Ich +ließ das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und +verabschiedete mich ohne Erklärungen. + +»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir einen großen Fisch. + +Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir +Gewähr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem +Land und das Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe man viel +weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und die Möwen waren blendend +weiß und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles +war wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs +und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus +Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu +haben. + +Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine +Mühle am Horizont, deren Flügel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. +Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie +der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu +bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war +mir fremd. + +Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Stürzen der Flut +vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und +Entzückung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst +du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist +die Beruhigung deiner Nähe. + +Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem +gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Büsche, die die +Gartenpforte übergrünten, und erkannte Niko auf ihrem Schoß, der +schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war +ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der +Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufügen. + +»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre +liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns +treten könnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren +Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch +und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er +herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein. + +Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den +sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod +sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir +zärtlich, ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter +Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rührte sie, sie +verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch für tot hielt und ihre +Brille mit frohem Dank zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu +Gott stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten +laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, und überlegte mir die Sache. +Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich +umzudrehen, gleichmütig: + +»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!« + +Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr +ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewährt.« + +»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob +mir ein großes Stück Kuchen hin. + +War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu +religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen Äußerlichkeit, wie sie +so oft in welken Gemütern angetroffen wird, die eher eines +undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so +irrte ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und +Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in +kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur +darin, daß sie niemanden für glücklich zu halten vermochte, der ihre +Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer +aufrichtigen Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für erwiesen zu +halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine +Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich oft über Kaja, die ihre Zustimmung +übertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel +weiter ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn +war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche Kraft der +Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an meinem heimlichen Tadel +irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau. + +Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der +Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und +Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder +Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl so schmerzlicher +Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, daß ich glaubte, mein Herz +schmerzen zu fühlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht +geöffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen +ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und süßen +Gehorsam der Hingabe, daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom +heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte mit Angst nach +den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen +ihrer dämonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne +Halt -- kein Hauch von Schwüle oder Glut lag um die klare Stirn, kein +Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die +Kinderbläue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands. + +Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer +Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung +auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit +Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die +heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und +ihre dämonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner +entflammten und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen und +betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, der weit höheren Gesetzen +unterworfen war, als sein Schöpferwesen sie umfaßte. + +Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß ich mich mit Kaja oder +meinem Gedanken beschäftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen +mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den +Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemütlichen +Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte. +Wenn ich von ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen für +einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja +dachte, so war mir, als sähe ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf +dessen Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen dunklen +See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen. + +»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey innig, »die Welt ist an +Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es +besser.« + +»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die mir mit gefalteten +Händen gegenübersaß. + +Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, gemeinsam mit einem +Päckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu +halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und +Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt Tante +Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf dem Tisch fest, daß sie +aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht +zusammengehaltenen Blätter zu stechen. + +Das war mir neu, und ich zögerte. + +»Mutig«, sagte Kaja freundlich. + +Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante +Mimsey nahm die Brille. + +»Nun werden wir sehen«, sagte sie. + +Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewußt +hatte, daß er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrößerte mit einer +Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das +Zehnfache, und begann zu lesen. + +»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und sah mich an. + +Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein: + +»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wölfe +des Abends. Ihre Reiter ziehen in großen Haufen von ferne daher, als +flögen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die +Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte man Parder.« + +Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte ich mich in +meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben +Schmerz. + +Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und +von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmögliches Wesen zurück, wie +ein Strom von Traurigkeit. + +Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels +auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das +kommende Reich des Heilands und verglich die angeführten Übeltäter mit +den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie +lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung darauf zu sprechen, daß +deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstünde. + +Kaja sah auf die Uhr. + +»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte Tante Mimsey +geheimnisvoll mit und sah warnend drein. + +»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die Tante wird hellsichtig. +Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pünktlich.« + +Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand und ging, +nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wäre +Andacht möglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja +zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter +seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so daß der Kies +flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk +versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko +atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt seine +stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht +hinausgeschoben werden durfte. Sie ließ alles stehen und liegen wie es +war, löste die Kette von der Banklehne und ließ sich von Niko +davonzerren. Beim Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die +Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne Bedrängnis zu +folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es +wurde still im sommerlichen Garten. + +Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich +unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich +nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte sich +langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne +auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den +die Parkbäume aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit ruhigem +Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt +verlassen. Der Seetang duftete schwül und fremdartig. + +Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden Eindrücke nicht +mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die +Verführungen dieser arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich +bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu +nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags. +Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in +diesen Einflüssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf, +und alles wurde kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und +umher standen hämische Verkünder der Erniedrigung. + +Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in +meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und +Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich +Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in +die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen +mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, +die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit +zum Meergesang hereinbrach, um so größer wurden die Sterne und um so +kleiner die Erde. -- + +Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten +entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur spärlich +durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft +in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur +undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein äußerer +Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im +leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen +feilten an ihren undeutbaren Stätten. + +»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« sagte Kaja, »komm ans +Meer. Ich weiß nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, +wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es +ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es +genau zu erkennen trachtest; schließt du aber die Augen halb, so +erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weißt den +siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und +glaubst es nicht. Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.« + +Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. Ihr Fuß auf dem +Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wärme von ihr aus, ein +Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort +zu sprechen. + +»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht +gemerkt, daß man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade. +Ich möchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, +daß das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und +glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander +näher zu kommen ... lachst du mich aus?« + +Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug +darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit. + +»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein kleines Mädchen war, +noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den +Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu +mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand lag. Dieser hieß +>Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hieß >Sünde +der Nacht<. Ich haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an +das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich +verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte +ich >Erlöser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. +Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war +sechzehn Jahre alt. -- Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie blaß +du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen +baden. Ich möchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt +und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen +und Traum.« + +»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich kennst, Kaja.« + +»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll +ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft +staune ich über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne +sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte ich mich in die +Worte der Männer betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe +die Männer immer.« + +»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem +Fenster sprach?« + +»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?« + +»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.« + +»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.« + +»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als daß ich zu dir +will.« + +»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du +mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch +ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, +ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn +eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch +erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie +die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln +freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht +beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder +schlägst ...« + +Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich +denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag +nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit +ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit +Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur +Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren +schaurigen Befehl. + + * * * * * + +Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und +die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen +Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns +ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor +gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf. +Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des +Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das +edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand +gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es +leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem +Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle +über dem Sand. + +Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin. +Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein +und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie +verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel +eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler +waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften +Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und +flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis +bebte. + +Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die +ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine +mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die +Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare, +wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es +mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um +nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer +Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest, +fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben +war. + +Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über +meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an +meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch +wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre +Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen +Schwäche gleicherweise tranken. + +»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!« + +Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte. + +Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so +lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich +so ängstlich wie ein Kind: + +»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So sprich doch, ach, ich +bitte dich, sprich!« + +Nach einer Weile fuhr sie klagend fort: + +»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich bin dir ja gern zu +Willen, und du darfst nicht von mir glauben, daß ich arm und häßlich +bin. Ich gehöre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort +tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!« + +Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig +still, wie Gewitter am Himmel, entzündeten Schmerz und Freiheit der +Seele in mir sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. -- + +Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne +Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts +gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In März- und Sommerglut +und hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine +Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrängt, Augenblicke +dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu +Gestirn gespannt, das Meer stürzte über die schneidende Firn der +Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit der wieder +emporsteigenden Nacht, über die gleitenden Grenzen der Bewußtheit hin: +Tausend Jahre sind wie ein Tag. -- + +»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen, +anders als alle. Ich will einen guten Gürtel haben, rasche Füße, frohe +Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und +nichts getan.« + +»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über mir. + +Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, wie eine Decke. + +»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als +ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter +dem Fenster?« + +»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, bald wird es +hell.« -- + +Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem Meer. Er leuchtete so +hell am Horizont, daß mir war, als füllte sein ferner Glanz mich an, als +sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein +leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die +Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war +fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine +Fröhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen +empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer +größerer Macht anwuchs. + + * * * * * + +Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens Nichte, im Wind über +den Deich. Es war ein trüber, stürmischer Tag und das Meer tobte. Han +sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es +schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hörte mir gerne +zu, wenn ich über das Meer sprach. + +»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und lächelte +schüchtern. + +»Nein, Han, du gehörst dazu.« + +»Ja,« sagte sie, »so ist es.« + +»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte Baronin, Proker, den +Diener, die Köchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber +wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natürlich.« + +»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge Fräulein.« + +»Kaja, ach ja.« + +Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer +Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne +Wehmut und Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte: + +»Also, dann sprich von ihr ...« + +Ich erschrak. + +»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn man neben ihr +dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt +seinen Wert durch sie ...« Ich stockte und schwieg. + +Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu +schützen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschützteren +Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter. + +»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, erzählte Han. »Es war +eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die +Station standen auf einer Insel.« + +Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der weite Reisen gemacht +hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mühsam über +ihre Lippen, es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit +dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr gefälliger vonstatten, +Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie +sagte: + +»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hände falten +müssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.« + +»Wer? Wer kam?« + +»Das Fräulein doch ...« + +»Ach so, kam sie vor vier Jahren?« + +»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.« + +»Wer war das?« + +»Ein Fischer.« + +»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?« + +»Das war so.« + +»Sag mir doch, was du weißt, Han.« + +»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts gesagt.« Wir +waren uns plötzlich fremd und schwiegen beide. So ließ ich sie denn +allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und +der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, sie hatte +wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust aus, ohne Licht und wie +auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen. +Die graue, große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem Gemüt +aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das Schiff gegen die Wogen. + +Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten Saal von +großer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefüllt war. Eine +verborgene Musik spielte, fröhliches Lachen und das Klingen von +Weingläsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus +kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und +Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der +Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das +fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine +Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und begierig. Sie +lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er +sein Gesicht und schaute einfältig-gütig drein. Ein Diener mußte +Vorwürfe anhören, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich +kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Körpers +wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren +begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der +Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal ihrem Zauber. + +Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, aber ich ging noch +ein paar Schritte über sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschloß +auszuspähen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles, +was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. -- + +Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder dem Sommerwind, +und als eines Morgens die Sonne strahlend über dem Meer aufging, +glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand +wurde wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus +zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und +das Gemüt war wie verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und Erde +für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine +Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trüben Zeit war an +ihnen zu finden. + +Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die +Bäume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege +der Sonne und sang. + +»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?« + +Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne +Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter +ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen +Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den +trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte, +dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines +Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese +halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein +einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit. + +»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die +Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. +Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz +gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.« + +Sie sah mich neugierig an. + +»Ach, die Tante ...«, sagte ich. + +»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du +die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern +liegen, du bist ja selber einer.« + +»Hast du Freundinnen, Kaja?« + +»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.« + +»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine +hast.« + +»Ich hatte eine, damals vor ...« + +»... vor Veit Geesten.« + +»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben, +wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war +wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging +sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe +zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie +verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der +Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie +laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein +Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.« + +»Ist sie auch tot?« + +»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen +du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte +sie sich ab. Sie ist also glücklich. -- Du nimmst alles so ernst.« + +Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster +gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer +dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte +heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach +meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild +mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, +und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr +Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies +ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe? + +Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im +Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner +Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des +Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein +verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und +schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit +diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren +nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der +Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen +Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, +die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod. + +»Pflück' die Blume dort, Kaja!« + +Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir. + +»Wozu? Was willst du damit?« + +Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften +Blick von Prüfung und Gunst. + +»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der +zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von +wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind +und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit +von Lust und Unschuld hob. + +Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier +und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der +Schuster Stevenhagen geflickt hatte. + +Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft +der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen +des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie +langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und +unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das +ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst +im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht +gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir +etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der +Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie +zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein. + +Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das +Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der +grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer +freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie +Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der +unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der +Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element +aufzunehmen vermag. + +Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und +sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und +klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich +gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in +frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem +herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser +Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt +habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und +nun -- ist es denn Wahrheit? -- würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit +aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines +Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als +meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch +Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu +mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und +Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, +stärker als sie. + +»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und +lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, +und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich +deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen +Schwester. -- Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... +Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß +du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter +Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es +nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer +alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber +seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und +ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht +bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist +jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich +ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend +Jahre lang gehört!« + +»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und +trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in +meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.« + +»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst. + +»Du weißt nichts von ihr, Kaja.« + +»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.« + +»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!« + +»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich +manchmal beneide?« + +»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick. + +Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr +Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage, +die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen +Leib. + + * * * * * + +Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der +heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr +stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht +gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt, +im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden +stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich +machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf. + +Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger +Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose +Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm +mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen +vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder +gehen, noch ehe ich recht angekommen war. + +Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte +Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen +Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich +deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten +Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig +an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme +Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte. + +Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere, +lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber +nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das +Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war +groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte +ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles +andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von +Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ +mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er +gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung +war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon +gefallen? + +Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig +ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in +bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft +nicht, die in mir erwachte. + +Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten +meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter +gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei +Wege offen blieben. + +»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«, +erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich +nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und +planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen +und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es +auf, teilzunehmen und kraute Niko. + +»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard. + +Kaja sah mich an. + +Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch +durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig +vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung: + +»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache +beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein +sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben +wünscht.« + +Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen +Regung ihrer Lippen hätte nehmen können. + +Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun +erwacht. + +»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine +gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur +leider etwas schwer.« + +»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer +vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll +dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten +ihren Sinn versteht.« + +Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu +müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab: + +»Warum lachen Sie?« fragte ich. + +»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu +erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl. + +Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor +mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte +ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? +Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine +schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird, +wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, +daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor +Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen? + +Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter +Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit +betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens +ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen, +von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich +nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die +Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr, +als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die +Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit +erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar. + +Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin. + +»Rauchen Sie?« fragte er freundlich. + +Ich lehnte ab, ohne zu danken. + +»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja +erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet +haben. Oder ist das zuviel gesagt?« + +Ich sah ihn an und antwortete: + +»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen +wollten.« + +»Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...« + +Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer +großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein +gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war +ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede +nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an +diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so +rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun +und Sprechen zu verbergen trachtete. + +Nun sah Kaja mich an und sagte: + +»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am +Strand, wie sonst?« + +»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin +zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme +ich sie gern.« + +»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie +vielleicht glauben.« + + * * * * * + +Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not +wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten +sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem +Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See +rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten +oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber +beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und +verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir +gestehen, damit du mir Ruhe gibst? + +Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht, +weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden +Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, +süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram +seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von +großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den +bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte, +lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener +läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des +atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am +Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist +der vergangene Tag. + +Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie +ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb +liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der +seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam +gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock +an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig +und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer +hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen +nicht, Han war noch schweigsamer geworden. + +Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem +Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. +Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich +dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum +erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber +die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr +Licht betäubte mich und ich schlief ein. + +Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja +nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung, +die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja +lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar +wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig +ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über +ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie +dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen +ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen +blieb. -- + +Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben, +den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr +Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes +Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich +noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als +wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte. + +»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich. + +»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.« + +»Doch nicht hier, die ganze Nacht?« + +»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.« + +»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.« + +Sie sah sich um. + +»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr +ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug +und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich +sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich +wesentlich bewegte. + +Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an: + +»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles +zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so +willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich +meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu +leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es +geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe +verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor +sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der +Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in +Ruh.« + +»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen. +Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.« + +»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den +Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht +zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle, +versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. +Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere +Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.« + +Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer +zu machen. + +»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja +nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust, +wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich +gekränkt?« + +»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über +ihr Haar und runzelte forschend die Brauen. + +»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich +bessern. Ich liebe dich!« + +»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die +Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern. + +»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich +anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche +nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber +ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu: +Töricht bin ich, töricht. + +»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu, +daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.« + +»Du bist klug wie Feuer.« + +»Ist das Feuer klug?« + +»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.« + +»Leuchtet es nicht?« + +»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein +braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was +es hindert.« + +»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen +Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du +raubst der Natur ihre Ruhe.« + +»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein +Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu +verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist +umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich +gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als +daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher +Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen +beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr +Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die +Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam +bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr +Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe +zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren +Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare +Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, +das ist die Jugend ...« + +Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief +sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich +fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne +Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte: + +»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.« + +»Weshalb sagst du das?« + +»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die +Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?« + +»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!« + +Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als +sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld. + +»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten +könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und +genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube +ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel +und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor +deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen +Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du +bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder +Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist +nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es +gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, +Kaja.« + +»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte +überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner +Tugend oder Untugend.« + +»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist +davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich +und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein +anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich +mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem +Bestand.« + +Sie sah mich unruhig und böse an. + +»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig. + +»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff +ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig +fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die +fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und +Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen +Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen +Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling +auf unser Geheiß von uns. + +Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals +anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt. + +Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das +Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem +Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren +Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und +ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht +blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos +wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde +berührt. + +Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost +liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, +wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir, +ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine +Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in +heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun +Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht +allein sein würde. + +Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen +Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die +Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der +großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind +und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält +mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, +ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen +und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben, +wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es +sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das +in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will +es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde +geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines +Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und +Traurigkeit. + +So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in +Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen +niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der +Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen +im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die +nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen. + +Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden +Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem +Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des +Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme +Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu +ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem +Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das +Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den +Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres +Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden. + +Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem +Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt +den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist +groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im +Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der +Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen +bewähren kann, -- ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so +mächtiger_ blüht ihr Glanz _über_ der Welt auf. Weil es auf der Erde +nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich +dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein +heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der +vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht +doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan, +nicht aufgabst zu fordern? + + * * * * * + +Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte, +nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein +Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich +verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still +geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem +Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und +jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren +die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden +Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal. + +Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen +beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein +schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als +ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus +ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib +aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie +glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf +meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und +Funken. + +Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes +mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit +dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod +gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der +Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so +überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige +Feuer der Lüsternheit entzündet hat. + +Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen +tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten +Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen +könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne +mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel +später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige +Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb, +und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein +unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie +vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus. + +Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr, +als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine +Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind +wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam +mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser +Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja, +lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es +dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und +über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige +Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer. + +Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere +Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett, +heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich +nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und +nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die +Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin +sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich +allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber +ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten, +sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten +singen müssen. + +Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der +sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und +leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir +und Kaja entstanden, für immer. + +Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist, +vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die +Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl +ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der +Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende +Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, +dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden +Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem +kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten +und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit +und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter +Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte +Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von +allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr +Beschauer und Beurteiler blieben. + +So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas +Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein +Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden +erhob und zitternd vor mir stand. + +»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend. + +Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist +die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus +diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet. + +»Geh, Han, und schlaf.« + +Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen. + +»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem +Scheitel, der hell schimmert.« + +»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...« + +»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man +zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.« + +»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke +dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.« + +So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der +leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre +Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf +den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. -- + +Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre +Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die +Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer +beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und +schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme +Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große +Sonnenstille des Sommers. + +Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und +duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das +Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein +nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut +schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte +fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und +hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite +lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende. + +Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete. + +»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich +wollte nur ...« + +»Hast du Geld, Han?« + +»Geld?« + +»Antworte.« + +»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.« + +»Und anderswo?« + +»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.« + +»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.« + +Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer. + +»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von +der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh +derweil nicht fort.« + +Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab, +das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen +verschnürt war. + +»Kommst du wieder?« fragte sie. + +Ich nickte, nahm das Buch und ging fort. + +Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen +Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch +Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der +Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß +ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die +Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? +Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner +bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne +eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, +ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte, +was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte +vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines +Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte +meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges +Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen +lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer +Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können. + +Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir +Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren +Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, +an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak, +als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut. +Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und +einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten +Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte plötzlich, +daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen +Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich +auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen +Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl +verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich +eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde +mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem +wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die +Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht? + +Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein +heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich +der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie +aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr +sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum +Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses. + +»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und +wagte nicht mehr, mich mit du anzureden. + +»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen +nieder, um ihr Glück nicht zu verraten. + +Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir +aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre +Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir +aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als +gäbe es im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein +einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können, +erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen +Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, +dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte +ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten +sollte. + +Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak +heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien, +als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten +Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, +barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte +nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern. + + * * * * * + +Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die +nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der +gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen +ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins +mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig +dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit +spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch +dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen +mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und +nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung +vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der +mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und +Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie +beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres +Daseins. + +Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die +ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem +Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und +leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. +Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht +darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah +ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von +Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine +Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem +Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber +ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich +es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was +er sah. -- + +So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin, +den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus +dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht +am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein +kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten +einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch +eine Weile schützten. + +Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der +Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der +Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich +am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr +leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur +flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern +gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und +trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre +Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem +Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle +ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen +Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich +spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die +bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie +Wein. + +»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein +wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße +gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? -- Wo warst du?« + +Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein +schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den +schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein +jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah. + +Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher +mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar +schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich +herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war +betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und +hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung. + +»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich +habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu +werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache +mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch +fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß +deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...« + +Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ... +wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich. +Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen +nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß +darauf. + +»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor. + +»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im +Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!« + +Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend, +daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu +sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr +herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung +und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als +einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und +das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines +Steins im zerspringenden Glas nachklingt. -- + + * * * * * + +Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein +Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus +geirrt, um sie zu finden. + +»Du gehst?« fragte sie. + +»Ja, Kaja, ich gehe.« + +»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...« + +Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe. + +Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich +vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten. + +»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen, +nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer +weiß ...« + +»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir +nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner +Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir +haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich +gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so, +daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er +selber spürt.« + +»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja. + +Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer +ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien +leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme +waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar +trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein +lebendiges Gut. + +»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?« + +Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen, +unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu +warten. + +»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu +bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr +ins Herz geschlossen.« + +»Weiß sie denn, daß ich fort will?« + +»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...« + +»Du hast es ihr gesagt ...« + +»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so +kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war +mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne +Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...« + +»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie +ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und +Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln +oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. +Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen +aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser +erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte +ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu +schauen. Nein, das Meer ist es nicht.« + +»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer +Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es +still und langweilig.« + +Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns +auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das +Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja +ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten. + +»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die +Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre +Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine +flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr +langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas +anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es +tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil +ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei +glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du +keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist +deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.« + +Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich +schritt davon, ohne mich umzusehen. -- + +Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine +sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe +noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße +unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, +Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer +vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir, +dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb +stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es +waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu +überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen, +Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch +erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach +könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich +legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr +tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und +ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen! + +Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden +rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und +mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen, +sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last +schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds +einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler. + +Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich +schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang +nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die +ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war +zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen +mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten +hatten. + +Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so +mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines +ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war, +als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und +das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, +und die Augen schlossen sich. + +Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die Luft um mich her +sich wunderartig auf, so daß die Umrisse der Bäume und Büsche im Licht +vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, +als käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen +den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob +ihre Hand und rief laut: + +»Stehe auf! Stehe auf!« + + + + + * * * * * + + + + +Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei +jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte +Zeile steht. + + Stadt ist Aber ich werde welche beschaffen, das wird + Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das wird + + Windzug geraten und in ein Bereich, in dem es nicht zu + Windzug geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu + + und -borten, die in die Wände eingelassen + und -borden, die in die Wände eingelassen + + »Oh frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder + »Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder + + »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde + »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es + + »Geheiligt werde dein Name« in Opfern, Weihrauch und + >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und + + der Liebe, die um Licht. + der Liebe, die um Licht.« + + den naßen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im + den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im + + Wind begrünen sich. Ich möchte über den naßen Acker + Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker + + Plätschern der Wassers, das nicht von der Strömung + Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung + + mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwand, + mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt, + + »Setzst du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn + »Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn + + dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey das + dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey -- das + + mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sein, und da + mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da + + die Möven waren blendend weiß und schwebten klar geschieden + die Möwen waren blendend weiß und schwebten klar geschieden + + »Ach, die Tante..«, sagte ich. + »Ach, die Tante ...«, sagte ich. + + schwieg und sah vor mir hin. Warum habe ich die Hand + schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand + + Plötzlich hätte ich lachen mögen und Beiden die Hände + Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände + + »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden« + »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.« + + »Also weißt du. Sieh ich möchte nicht ...« + »Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...« + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN*** + + +******* This file should be named 33603-8.txt or 33603-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/6/0/33603 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/33603-8.zip b/33603-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e5dedb7 --- /dev/null +++ b/33603-8.zip diff --git a/33603-h.zip b/33603-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..71e8ac2 --- /dev/null +++ b/33603-h.zip diff --git a/33603-h/33603-h.htm b/33603-h/33603-h.htm new file mode 100644 index 0000000..24538ee --- /dev/null +++ b/33603-h/33603-h.htm @@ -0,0 +1,7889 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</title> + <style type="text/css"> + body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + h1,h2{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; + } + h1 { + font-size: 250%; + letter-spacing: .33em; + } + h2 { + font-size: 150%; + } + hr { + width: 45%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + ins { + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed; + } + p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + p.mynote { + background-color: #DDE; + color: #000; + padding: 1em; + margin: 1em 5%; + font-family: sans-serif; + font-size: 90%; + } + p.author { + font-size: 100%; + letter-spacing: .2em; + text-align: center; + } + p.subtitle { + font-size: 120%; + text-align: center; + } + table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + + table.toc { + text-decoration: none; + } + + table.toc a { + text-decoration: none; + } + + td { + text-align: left; + padding: .1em 1em; + } + + td.number { + text-align: right; + } + + .pagenum { + position: absolute; right: 3%; + } + + a[title].pagenum:after{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0em; + letter-spacing: 0em; + } + + .center { + text-align: center; + } + + .poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; + } + + .poem .stanza { + margin: + 1em 0em 1em 0em; + } + + .poem span.i0 { + display: block; + margin-left: 0em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; + } + + .figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + } + + h1.pg { font-size: 190%; + letter-spacing: 0em; + font-weight: bold; } + h3 { text-align: center; + clear: both; } + + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 4px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + pre {font-size: 85%;} + </style> +</head> +<body> +<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Eros und die Evangelien</p> +<p> Aus den Notizen eines Vagabunden</p> +<p>Author: Waldemar Bonsels</p> +<p>Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<p class="mynote"> +Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen +wie »stehen« : »stehn« sind ungeändert.</p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="author">Waldemar Bonsels</p> + +<h1>Eros und die Evangelien</h1> + +<p class="subtitle">Aus den Notizen eines Vagabunden</p> + +<p class="center"><br /><br />67. bis 90. Tausend</p> + +<div class="figcenter"> + <img src="images/vignette.png" width="15%" alt="vignette" /> +</div> + +<p class="center">1922</p> + +<hr /> + +<p class="center">Verlag der Literarischen Anstalt<br /> +Rütten & Loening<br /> +Frankfurt a. M.<br /><br /></p> + +<p class="center">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> + +Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.<br /> + +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br /> + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br /> + +Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.<br /><br /></p> + +<p class="subtitle">Kapitelfolge</p> + +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + <tbody> + <tr> + <td></td> + <td>Seite</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Erstes_Kapitel">Der Tod</a><br /> + </td> + <td class="number">7</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zweites_Kapitel">Das Meer</a></td> + <td class="number">109</td> + </tr> + </tbody> +</table> + +<hr /> + +<p class="subtitle"><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a></p> + +<h2>Der Tod</h2> + +<p>Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am +Deckleder eines meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann, +so daß eine Spalte klaffte, wenn ich den Fuß streckte. Es +setzte mich in Erstaunen, da meine Stiefel, mit Ausnahme +der Sohlen, eigentlich noch in einem recht brauchbaren +Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den +Blick auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade +aussahen. Da ich damals eine für meine Verhältnisse und +Ansprüche angesehene Stellung in einer Buchdruckerei +bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere Erscheinung +legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, +der Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung +auf einem Hofe wohnte.</p> + +<p>Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit +und Bildung, besonders für die erste seiner +Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm Gelegenheit. Er +hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die etwas +Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst +an, der meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur +Bedeutung des vorliegenden Falls stand.</p> + +<p>»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich +springe nur eben so auf meinem Weg zu Ihnen herein« +sagte ich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a> +»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner +Worte, »lange werden Sie auf diesen Stiefeln nicht +mehr springen.«</p> + +<p>Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, +ohne in Betracht zu ziehen, daß zu dieser Sache auch eine +Person gehörte. Zudem kostete er die zufällige Überlegenheit, +die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig aus. Ich +hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu +sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen +sei. Wenn ich die Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten, +ins Zimmer gespuckt und geflucht hätte, so wäre +ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild entstanden, +das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand +hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung, +daß ich beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich +war, daß ich gewissermaßen den schlimmen Zustand meiner +Bekleidung als zufällig hinzustellen beabsichtigte, und mich +für etwas besseres hielt, als andere Leute mit zerschlissenen +Stiefeln.</p> + +<p>Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem +Mann über diese Dinge, und ich hätte es sicher getan, +wenn draußen nicht der Regen vom grauen Himmel geströmt +wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir +schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die +ratlose Trauer über mein Geschick und meine Zukunft +quälte mich. Welch eine Kluft gähnte zwischen meinen +Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich +lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war +mein Brot. Solche Leute sind vom Sonnenschein abhängig, +wer dagegen weiß, was er zu tun hat, tut es auch<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a> +im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm verfolgen, +aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der +Wärme ab, wie ein Keim in der Erde.</p> + +<p>Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen, +die Unruhe mit ihrem tödlichen Nachbarn, dem +Hang zu zerstören, in mir wachsen. So erhob ich mich +von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf +Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur +hinaus, nur um mich zu bewegen, in meinem hilflosen +Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers lag zu ebener +Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und +dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren +Türen und am Ende eine Treppe, auf der es zum ersten +Stockwerk emporging. Da vernahm ich in der Dämmerung +ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein +Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller +Gesang. Unter diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich +stand, brach in meiner Brust eine Quelle auf und mir +war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch gelitten hatte, +ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde +mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich +mir darüber klar zu werden vermochte, wie dies geschah, +aber wie im Gehorsam gegen einen inneren Befehl, öffnete +ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen schien, und +trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an +einem Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am +Fenster ein Bett stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber +es war alles still im Raum.</p> + +<p>Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der +glanzlose Tagesschein, eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a> +der Ruhenden, das weiß und unwirklich schimmernd +in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie Kohle +war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an +den Körper angelegt, der sich unter der leichten Decke +abhob, grade gebettet wie bei einer Toten. Aber die +Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust sich unter ihren +Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, daß +sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich +sagte zu der Frau, die sich langsam aufrichtete und mich +wortlos ansah:</p> + +<p>»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.«</p> + +<p>Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam +und schob mir einen Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze +abwischte.</p> + +<p>»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie.</p> + +<p>Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen +elenden Gesichts wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die +ohne Neugier in meinen Zügen zu lesen trachtete. Ich +antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine Antwort +nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen +wollte, die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. +Die Traurigkeit gibt den Menschen eine eigenartige Freiheit, +weil sie die Augen aus dem Wirrsal der kleinen +Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch +sein mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit +gemeinsam und richtet unsere innere Haltung aus den +Regionen der täglichen Beengung in eine Welt höherer +Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb +das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht +als etwas Ungewöhnliches oder Hinderndes zu betrachten, +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a> +sie nahm sie gleichmütiger hin als es andere, in ihren Gewohnheiten +gesicherte Menschen, getan hätten.</p> + +<p>»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich.</p> + +<p>Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine +Mutter setzt immer voraus, daß die Welt von ihrem +Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so antwortete sie einfach:</p> + +<p>»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen +wollte, wäre mir wohler. Ich habe immer gedacht, +diese Krankheit bliebe den Leidenden verborgen, +aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem +Tod.«</p> + +<p>»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.</p> + +<p>»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.</p> + +<p>Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah +zu Asja hinüber. Die Ruhe ihres Gesichts erfüllte das +Zimmer. Die Lider über den Augen waren das hellste +der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut, +Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf +einem kleinen Tischchen eine Tasse, eine Kerze und ein +Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein paar +lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer +Blumenvase und einem Stück Brot.</p> + +<p>»Liest Asja viel?« fragte ich.</p> + +<p>Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die +Leute leihen sie ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«</p> + +<p>»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«</p> + +<p>Die Mutter lächelte.</p> + +<p>»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen +darüber sprechen, was in den Büchern zu lesen steht. +Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a> +einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit +weniger zufrieden, als die Menschen wissen, die alles +haben, und gehen und leben, wie sie wollen. Wenn die +Toten noch Empfindungen hätten, so wären sie sicher +dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand +sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, +was dem Kind Hilfe brächte, aber es gibt keine mehr für +uns, und das Warten, ohne etwas bewirken zu können, +macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... Oft +überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht +mehr ertragen zu können.«</p> + +<p>»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich +dasselbe.«</p> + +<p>»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...« +sagte die Frau mit zögernder Erwartung. Sie hatte ein +Tuch um die Schultern gelegt, eine Tasche über den Arm +gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu verlassen.</p> + +<p>»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch +eine Weile dauern, so bleibe ich also noch ...«</p> + +<p>»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.«</p> + +<p>Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, +seufzte auf, mit einem langen Blick auf die Kranke, und +gab mir die Hand. »Wenn Sie an die Bücher denken +wollen?«</p> + +<p>Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie +kam noch einmal zurück: Es stünde Kaffee im Rohr, +wenn ich etwas wollte, oder vielleicht auch, daß Asja +darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die +Papierfabrik.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a> +Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden +hinüber und begegnete ihrem Blick, der groß und +dunkel auf mir ruhte. Ein kaum bemerkbares Lächeln, +ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde zu einem +leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen +suchte.</p> + +<p>»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre +Stiefel. Aber warum tun Sie es bei uns?«</p> + +<p>»Sie haben gewacht?«</p> + +<p>»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, +und da es doch sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit +sie leichter fortfindet. Wie kommen Sie zu uns?«</p> + +<p>»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden +weinen und trat ein, man kann nie wissen ...«</p> + +<p>»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.«</p> + +<p>»Mir schien es so.«</p> + +<p>»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch +gespannt, was es sein wird. Haben Sie viele Bücher?«</p> + +<p>»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt +keine, sie sind mir abhanden gekommen, oder liegen auf +dem Dachboden meines Elternhauses, das nicht in dieser +Stadt <ins title="ist">ist.</ins> Aber ich werde welche beschaffen, das wird +mir nicht schwer.«</p> + +<p>»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam, +lächelte und sah vor sich nieder. In ihrer Ablehnung, die +keinesfalls Bescheidenheit war, lag trotzdem nichts von +einer Kränkung.</p> + +<p>Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich +eben noch befunden hatte, sich jählings gegen eine andere +vertauscht, als sei ich aus einer lauen, bedrückenden Luft, +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a> +die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu bereitwilligem +Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben +Windzug geraten und in einen <ins title="Bereich">Bereich</ins>, in dem es nicht zu +helfen galt, sondern zu bestehen. Ein leiser Unwille, dessen +ich mich schämte, machte mich unsicher. Ich dachte: da +sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.</p> + +<p>Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die +Augen dieses Mädchens senkte, begriff ich, auf welche +Art ich ihr mit dem Gefühl des Mitleids Unrecht getan +hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, dachte ich, +und begann zögernd:</p> + +<p>»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten +hatte, als ich Ihre Mutter und Sie gewahr +geworden war, hatte ich das quälende Schuldbewußtsein, +in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich nun +in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts +mehr schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.«</p> + +<p>Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre +Ellenbogen und sah mich in so großem Erstaunen an, daß +ich, wie vor mir selbst, erschrak. Was habe ich denn gesagt? +dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, ich +besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares +vergessen, das ich heimlich dennoch gesucht hatte.</p> + +<p>»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen +schüchtern und langsam, aber mit großer Deutlichkeit, +und als ich den Blick wieder hob, sah ich, daß sie so bleich +war, wie das Leinen ihres Betts.</p> + +<p>Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich +zögernd:</p> + +<p>»Wen hast du erwartet?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a> +»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem +wir du sagen.«</p> + +<p>Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter +diesen Worten, nie war es so von unfaßbaren Gewalten +hin und her geworfen. Hoffnung und Mut, Zweifel, +Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme +und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen +haben mich verdorben, dachte ich, denn wie kann mein +Glaube am Tor dieser Wohltat zaudern, was hindert +mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich bin, +und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst +und allen? Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte +ich, daran sind wir alle krank. Aber darüber ward die +Helligkeit der Genesung, die mir entgegenströmte und die +zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, daß ihr +Licht meine Augen blendete.</p> + +<p>Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und +legte ihren Arm um meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht +dicht vor meinem und unter der nun ruhig gewordenen +und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte +ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank +ist; wieviel erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein +ganzes Leben vermag es nicht auszumessen. Ich glaube, +in Wahrheit leben wir alle nur ein paar Augenblicke, +alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies +aber war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst +wußte ich im drohenden Ernst meines Glücks nichts zu +sagen.</p> + +<p>Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das +einzige zu sein, vor dem ich mich befand. Sie lag nun +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a> +wieder still und grade vor mir auf ihrem Lager und sah +mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ mich +so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie +öffnete meine Hand und legte die ihre hinein, warm und +fest, mit dem Rücken nach unten, als bettete sie sie in ein +lebendiges Lager.</p> + +<p>»Bist du sehr krank?« fragte ich.</p> + +<p>Sie nickte und lächelte.</p> + +<p>»Wirst du gesund werden?«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb.</p> + +<p>Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls, +wie in einem Seelenraum, der weder Glück noch +Schmerz zu fassen vermag, mir war zumut, als zöge das +Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, daß +ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind +die Ufer, die dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als +stünde ich selber still und als zögen die Ufer dahin, aber +in Wahrheit bin ich es, der zum erstenmal in die Bewegung +des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie die +Werte alten Bestands davonziehen.</p> + +<p>Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar +nüchtern, aber zu erfassen oder zu glauben vermochte +ich den Sinn meines Gedankens nicht. Es kann nicht +wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten habe, sann +ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln, +dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? +So lächelte meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine +arge Botschaft brachte, hinter der sich im Grunde doch +eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals noch alles +möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a> +und von der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde, +da mein Leid ihr schmerzlicher war als mir ...</p> + +<p>Da sagte Asja:</p> + +<p>»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht +und fürchten sie immer. Wer aber krank gewesen ist, +weiß, daß die Erinnerung an diese Zeit nicht immer trüb +und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, sondern +daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen +kann, die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht +bricht aus der Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit +führt, die sich langsam mehr und mehr mit unserem +Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist viel schmerzlicher, +als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere +Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie +gefangen lag, und wir verstehen ihre neue Freiheit nur +langsam. Aber sie stellt sich wider unseren Willen ein, +und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des +Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle +Krankheiten sind Entfesselungen der Seele aus der Welt +der Sinne. Ich glaube, daß der Tod der hellste Wipfel +dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu werden +vermag.«</p> + +<p>Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den +Wunsch zu überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas +so deutlich gehört wie den Sinn dieser Stimme. Es war +als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der liegenden, eine +andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner +Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern +das klar und selbstverständlich dadurch sprach, daß es so +und nicht anders beschaffen war. Eine schweigsame Herrlichkeit<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a> +der Verkündigung ging von ihr aus, wie von +Wert und Unwert genesen.</p> + +<p>Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, +es regnete nicht mehr und der Lichtschimmer, der ins +Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und Sonnenschein sich +hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände +des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in +meinen Augen eine nüchterne Selbständigkeit an, wie +Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die in einer erstarrten +Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge und +die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche +Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd +geworden, dachte ich, wo war ich denn stets um diese +Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe ich grade diese +Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und +nicht zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, +aber schon dann waren sie anders.</p> + +<p>Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte +die Augen geschlossen und ich sah auf ihr Gesicht nieder. +Das Lebenslicht der Züge floß über die mattfarbigen +Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht +unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet. +Die Bogen der Brauen waren breit und tiefschwarz und +die Augenlider am hellsten. Die Wimpern auf den +Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, +und der Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer +von rot trugen, war von einer Lebendigkeit, die mich erbeben +ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf diese +schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein +aufstieg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a> +Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der +mich durch und durch verwandelte, aber zugleich blühte +mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der Anfang und das +Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das +Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und +maß und erkannte dies Bewußtsein doch in der Allgewalt +einer unbestürmbaren Jugend. Schlag deine Augen auf +und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und möchte +doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen, +an die ich nun nicht mehr glauben kann, +und die ich niemals wieder lieben werde. In einem einzigen +Augenblick hat das Lebenssinnbild deines Mundes +eine Welt in Trümmer geworfen. —</p> + +<p>Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, +dieses und jenes, wie der Augenblick es uns eingab, aber +wenn auch von nichtigen Dingen die Rede gewesen sein +mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, von +jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung +und die beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte +die Durchsichtigkeit der Welt, in der diese Seele lebte +und meine Begierde wachte mächtig in mir auf, wie +Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde, +ohne daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte, +verließ ich sie und ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich +wiederkommen würde, denn es verstand sich von selbst, und +mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, als hätte ich +gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. —</p> + +<p>Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch +dunkel bekannt, wie auf einem anderen Stern, saß der +Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel in Kur genommen<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a> +hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm +eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und +rückte den Schuh auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel +der gläsernen Wasserkugel, hinter der eine Lampe +brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg mitgenommenen +Fremdlingen heraus, die wie eine Schar +flüchtig geordneter Landstreicherpaare am Boden umherstanden, +und fragte nach meiner Schuldigkeit.</p> + +<p>»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte.</p> + +<p>Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die +Stiefel an.</p> + +<p>»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster.</p> + +<p>Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, +wandte sich mir zu und sah mich an.</p> + +<p>»Kennen Sie Asja?«</p> + +<p>»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.«</p> + +<p>Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar +dankbar über dieses Bekenntnis, schwieg aber und +wandte sich endlich seiner Arbeit wieder zu. Als ich ihm +Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze fort, schüttelte +den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung +auf, das Geld zurückzunehmen.</p> + +<p>Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging +davon.</p> + +<p>Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch +eilig die nasse Straße durchschritt, daß es genügt mit dir +bekannt zu sein, Asja, um alle zu Freunden zu haben, die +von dir wissen?</p> + +<p>Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße +und die Mauerwände der Häuser begannen auf mich zu +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a> +drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen und Pflanzen +sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu +wahren wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten. +Was ruft ihr mich an, bemächtigt euch meiner und zerrt +mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen und Bilder, +Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? +Eure traurige Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne +Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh verführen und +verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen +willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um +die Heimat.</p> + +<p>Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich +Asja Bücher versprochen hatte, und wenn ihre Worte, +die mich gleichmütig und zurückhaltend nach diesem Vorsatz +gefragt hatten, auch kein sonderlich starkes Vertrauen +zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa +bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen +und das Mädchen womöglich auf das angenehmste +zu enttäuschen.</p> + +<p>Während ich über die Straße dahinschritt durch den +Regen, überfiel mich plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung, +an meine Tagespflicht, an die Druckerei und +meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf +mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr +ernstlich verstimmt zu haben und entlassen zu werden. +Aber als ich auf eine Erklärung sann und erwog, ob ich +die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen freien +Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher +Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit +einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a> +in die Druckerei zu gehen, und meine alte Verpflichtung +gegen eine wertvollere einzutauschen, gegen die, Asja zu +Diensten zu sein so lange sie noch lebte. Was galten mir +äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren Entbundenheit, +in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt, +dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches +gegen Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich +durch und durch mit Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß +es mir für den Fall der Not nicht schwer fallen würde, +wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich vor +Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu +Gebote steht, der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen.</p> + +<p>Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß +für eine kurze Weile diese ungewöhnliche Stunde, die ich +in den letzten Wochen nur mit Bedrücktheit und Verlangen +von dem nüchternen Zifferblatt der Geschäftsuhr +abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich überdachte, +auf welche Art ich mich am besten in den Besitz +von Büchern zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren +gering und ich sah ein, daß ich nicht nur der Gelegenheit, +Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch eines wohlmeinenden +Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da erinnerte +ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus +der Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden +Herrn gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, +Kunsthistoriker und Schriftsteller war. Ich war genötigt +gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn auf dessen Einblick +in die Satzproben zu warten und hatte, als der Diener +in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige +Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a> +in den gedämpften Gold- und Farbtönen alter und neuer +Bücher glitzerte. Ohne Besinnen entschloß ich mich einen +Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, und +indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die +Brust ein wenig beengte, erwachte zugleich jene unbändige +Lust am Wagnis und am Besonderen, jener Hang, alle +Fesseln einer hergebrachten Lebensform gegen die einfache +Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen, +der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und +Seligkeit eingebracht hat, Erniedrigungen und Triumphe, +Haß und Liebe.</p> + +<p>Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, +in der das Landhaus des wohlbekannten, ja auf seinem +Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich alle +Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus +meinen Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst +oder Ungunst des Augenblicks zu überlassen und nur dem +zu gehorchen, was die Lage mir eingab und zumutete. +Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich mich bald +wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt +bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann +wurden meine Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen, +denn Asjas Gestalt stand vor ihnen auf und +ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte ich zu wissen, +daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und +fühlte mich im Recht.</p> + +<p>Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, +setzte ich die Glocke in Bewegung und wartete darauf, +daß der Hausdiener den Kiesweg herabkommen würde, +um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den seitlichen<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a> +Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal +ein Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern +fragte mich durch das Gitter, was ich wollte.</p> + +<p>»Hinein«, sagte ich einfach.</p> + +<p>»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen +von der Druckerei.«</p> + +<p>Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die +Gittertür auf, schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt +mir dann voran, bis in das Wartezimmer, das ich kannte. +Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür zum Arbeitszimmer, +beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte +dann leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es +sah aus, als wäre die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir +schien, daß der Gemeinte, wie manche verwöhnten Leute, +durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche ungeduldig +wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist +los?« und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu +öffnen. Sie tat es, nachdem sie mir einen inhaltslosen +Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn Leute haben, +deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern.</p> + +<p>»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte +sie auf der Schwelle.</p> + +<p>»Also. Was bringt er? Geben Sie her!«</p> + +<p>Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir +hinüber, damit ich ihr einhändigen sollte, was sie für +ihren Herrn bei mir vermutete.</p> + +<p>»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn +Doktor sprechen.«</p> + +<p>Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich +an, so daß ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a> +»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt +worden.«</p> + +<p>Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor +mich selbst an:</p> + +<p>»Was ist denn? So kommen Sie herein.«</p> + +<p>Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme +Pracht dieses großen Zimmers. Ein schwerer roter Teppich +fing mich auf, von den Erkerfenstern brach gedämpftes +Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im Raum +stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken +und <ins title="-borten">-borden</ins>, die in die Wände eingelassen +waren. Ein dunkler Eichentisch mit rundlehnigen Ledersesseln +bot sich zur Rechten, aus dämmrigem Hintergrund, +den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett, +belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge +vielfarbiger Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa +hundert schätzte.</p> + +<p>Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte +sich mir zugewandt, die eine Hand auf die Lehne des +Sessels aufgestützt, so daß er über seinen emporgestemmten +Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen den +Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein +Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, +deren lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung +des Hintergrunds dahinzog.</p> + +<p>Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit +nicht, die ich seinem Zimmer entgegenbrachte, erst +nach einer Weile sagte er mit einem etwas selbstgefälligen +Lächeln:</p> + +<p>»Also, was ist denn?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a> +Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, +ohne daß ich ihnen durch ungebührliche Wendungen oder +unbescheidene Selbstverständlichkeit den Anschein einer +heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld, +daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm, +der den Hausherrn aufbrachte.</p> + +<p>»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und +mit einer Betonung, als hätte ich von einem Schreiner +einen Schuh verlangt. »So ohne weiteres, das ist denn +doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares Anliegen. +Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...«</p> + +<p>»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse +später aufschreiben, wenn Sie mir Bücher gegeben haben. +Als ich im Auftrag der Druckerei einmal bei Ihnen +war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an +Büchern, über den Sie verfügen, und ich dachte an Sie, +als ich heute früh bei der Kranken war.«</p> + +<p>»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt. +Nehmen Sie es mir nicht übel, aber einem daraufhin +ohne weiteres mit dieser Bitte zu kommen, ist denn doch +wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in mir +einen Dummen gefunden zu haben?«</p> + +<p>»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich +auf das Rechte.«</p> + +<p>Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen, +ob sein Sinn eindeutig sei, und schaute dabei auf den +Teppich nieder, als läse er ihn noch einmal in seinen Ornamenten +nach, dann erhob er sich und schritt auf mich zu.</p> + +<p>»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts +dir nichts bei mir einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a> +oder, wenn es Ihnen an Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken +genug? Aber es wird wohl zuguterletzt auf +etwas anderes herauskommen.«</p> + +<p>Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen +Augen darin zu suchen, während sein Finger die Münzen +hin und her schob. »Wundert mich nur, wie Sie es +fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben +das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ... +Bücher! Wie lange kennen Sie denn dieses Mädchen +schon?«</p> + +<p>Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht +stören und wartete deshalb ab, auf welches die Wahl +meines erzürnten und unfreiwilligen Gastgebers fiele. In +Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es wurde +mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; +jeder andere hätte die Münze sicherlich zwischen zwei +Fingern erhoben dargereicht.</p> + +<p>»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, +»aber mir ist mit einer kleinen Geldsumme nicht +gedient. Wenn Sie keine Bücher verleihen wollen, so +muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs gehen. +Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu +machen, Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter +und leichtfertiger Einfall, noch die Gier nach +einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen geführt haben. +Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung +und Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem +Erleiden überdenke, den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt +haben, all das erschlossene und unerschlossene Glück, +das diese Bände bergen, so erscheint es mir für einen +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a> +Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren +Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und +unbenutzt liegen soll, während ein paar Häuser weiter ein +Mensch, der dies alles und mehr in kurzer Zeit für immer +aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine Stunde +seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«</p> + +<p>Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein +sonderbarer Blick voll Gift und Staunen traf mich, +haftete wider Willen an meinen Zügen, umglitt mich, +verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem Lächeln, +voll Neugier und Herablassung.</p> + +<p>»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich +nicht beschwatzen.«</p> + +<p>Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene +Gutmütigkeit im Ausdruck seines Gesichts durch, +die ich nicht erwartet hatte, und die ich mir nicht erklären +konnte, obgleich sie das einzige war, was auf mich wirkte. +Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen +wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und +darüber wurde ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, +was unter den Menschen als stark gilt und was als +schwach.</p> + +<p>Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, +den Fortgang eines Wegs immer dort zu suchen, wo ich +am tiefsten durch das Wirrwarr der Erscheinungswelt +blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich erkannte +und sagte:</p> + +<p>»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, +wie wohl Sie gegen meine Tücke gewappnet sind, wird +Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte finden können.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a> +Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so +daß ich ihn für einen Augenblick bedauerte, aber ich gab +dieser Ablehnung nicht nach, sondern wappnete mich aufs +neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu kommen. +Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für +einen Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert +der feinen Fügung meiner Gedanken verstieß, als spräche +ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in ihm, die nichts +als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme, +die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich +Männlichkeit nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das +war nicht schlecht geantwortet«, verzagte ich fast, denn +ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist ärger als ein +Tadel aus der Welt, die wir lieben.</p> + +<p>»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben +Sie eine Schule besucht? Nun antworten Sie einmal.«</p> + +<p>»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So +wohlfeil werden Sie Ihr Gefühl der Überlegenheit, das +Sie vermissen wie eine Krücke, nicht zurückbekommen. +Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie +mir ein Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es +Ihnen leichter wird, mir nicht zu glauben? Sie glauben +mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein Gebiet locken, +auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine +hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«</p> + +<p>»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte +mein Gegner freundlich, lachte und setzte sich breit und +sicher mitten auf seinen Sessel.</p> + +<p>»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten +Ton wohlwollenden Befehls und skeptischer Neugier fort, +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a> +in dem seine Niederlage lag. »Sie haben vollständig +recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht zugäbe. +Aber Bücher bekommen Sie keine.«</p> + +<p>Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, +dachte ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, +bricht sie ab, und tut, als seien sie stumpf gewesen. Eher +werden die Ströme zu den Bergen zurückfließen, als daß +einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer Glaube an +den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich +fürchtete den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet +hat, und warf mich übereilig auf die Bahn eines +neuen Mittels. Ich darf nicht auf diese halbe Belustigung +eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich anders in +seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch +noch die Münze, die er immer noch zwischen den Fingern +drückt, als stammte sie aus einem Taschendiebstahl. Zudem +kam mir über dem Gedanken an diese Münze in den +Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich +leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug +bedeuten würden, denn nicht nur ihre Frage nach +meinen Beständen, sondern auch ihre Miene hatten mir +verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan +werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze +Kraftaufwand dieser Stunde schon viel zu groß, als daß +ein paar entliehene Bände ihn endlich zu rechtfertigen vermöchten. +Ich mußte viel mehr erreichen. Mein Mißerfolg +lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis +zu meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten +Ungläubigen mißtrauischer machen, als meine +Anspruchslosigkeit?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a> +Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich +mit unverhohlener Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen +Neugier, deren Lebenslicht mir aber keineswegs +die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen aufgetanen +Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich, +meiner selbst sicher:</p> + +<p>»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem +Finger tragen, der sicher nur einen geringen Teil Ihres +großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß schon in ihm +die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird, +noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe +zu erhellen, so meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um +Ihrer Freude und Ruhe willen.«</p> + +<p>Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber +nicht mehr mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es +zu wissen, dankbar dafür, daß ich die Haltung nicht einnahm, +die er vorgeschlagen hatte, und derer er sich heimlich +schämte.</p> + +<p>»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein +teures Andenken. Nun?«</p> + +<p>Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte +mich, die lässige Aufforderung darin, in meiner Mühe +fortzufahren, war herabwürdigend.</p> + +<p>»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte +ich rasch.</p> + +<p>»Was habe ich getan? Junger Mensch — wenn +eines mich wundert, so ist es, daß ich Ihnen nicht längst +die Tür gewiesen habe ...«</p> + +<p>»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich +nicht erzürnen«, antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a> +Ring ein teures Andenken an einen Menschen, der Ihnen +in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist er ein Sinnbild +der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen +Daseins über allem, das verfällt. So ist die Sendung, +die ihn gehen und wirken hieß, mit der er untrennbar behaftet +ist, wie mit seinem Glanz, die des wahrhaftigen +Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die Erinnerung +an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren +Worten an, dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder +uns allen; wird es nicht sein, als sei er auferstanden, wenn +die teure Glut in heimlicher Glorie um seine Gabe neu +ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf +ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht +ein? Sie aber drängen mit Ihrem Hang nach totem +Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, goldenes Grab +zurück.«</p> + +<p>Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr +vor sich hin, ohne daß mir irgendein Zeichen verriet, ob +meine Worte ihn im Guten bewegt oder aufs neue erzürnt +hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick überging +mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen +Dinge seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches, +die Blätter und Bücher darauf, und wurde endlich, als +habe er sein eigenes Leben verloren, in das Leben des Lichts +gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort verirrte +er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.</p> + +<p>Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag +und in das gleiche Tageslicht schaute, und mir wollte +scheinen, als müßten sich die Blicke dort drüben und draußen +in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem Ausdruck<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a> +in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem +ich selbst, und mir so das Ende des schweren Wegs erspart +bliebe.</p> + +<p>»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme +und das langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei +das, wie es wolle, ich möchte nicht dieses oder jenes, nicht +Wohltaten tun, noch Segen stiften, aber ich möchte einmal +wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine +Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art +wachgerufen, das will ich Ihnen lassen. Weit mehr +taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir auf, als dasjenige +der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß +nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand +des Wesens Ihnen diese Kraft gibt, ich möchte es nicht +prüfen noch ergründen, denn ich fürchte mich vor Eingeständnissen, +für die ich noch nicht alt genug bin. Ich will +Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will +es, es ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen +Ring selbst werde ich nicht fortgeben, jetzt weniger als je, +denn die Macht seiner Mahnung ist von dieser Stunde +ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr vielleicht +als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den +Sie diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung +erfüllen, und ich werde Ihnen die Summe zur +Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert ausmacht. +Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe +oder ein Händler. Dann können Sie Bücher und +alles beschaffen, was Sie wollen und brauchen, oder was +Ihre bedürftige Freundin nötig hat.«</p> + +<p>»Gut. Handeln Sie so.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a> +»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung +so ... Mir liegt die Zeit im Sinn, in der ich noch +so jung und so erwartungsvoll, so zuversichtlich und +gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring erhielt, +stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing +damals an berühmt zu werden, man las mein erstes Buch, +es ist jetzt vergessen. Die Zeit geht eben rasch; nun, es +kamen andere Werke und trugen meinen Namen in die +Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin +so durch den Sinn gegangen ist — daß diese anderen +Bücher auch einmal — vergessen sein könnten ... Aber +nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame Gewißheit, +als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, +durch einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, +als die heutige es ist, mit ihrem Erfolg.«</p> + +<p>»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte +Sie nicht demütigen.«</p> + +<p>»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...«</p> + +<p>Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als +habe ich unrecht getan, aber erst später sollte ich erfahren, +worin dies Unrecht bestanden hatte.</p> + +<p>»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen +wir ruhen, was ruht, und leben, was leben soll. Ich biete +Ihnen tausend Mark an Stelle des Rings und der Bücher; +sind Sie einverstanden?«</p> + +<p>»Ja, aber Sie sind es nicht.«</p> + +<p>»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu +Eingeständnissen, meine melancholische Selbstbetrachtung, +abzulehnen. Vielleicht hoffte ich, mich von einer Niederlage +wiederherzustellen, indem ich ein geringes Bild von mir +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a> +entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem Bewußtsein +zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr +sei, als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm +verdirbt, wir sind unehrliche Leute vor uns selbst geworden, +um die Ehrlichkeit zu retten, um derer willen uns die +anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. Sie +hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...«</p> + +<p>»Also tausend Mark wollen Sie geben?«</p> + +<p>Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick.</p> + +<p>»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam +und in erkennbarem Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges +Geständnis. Aber er holte dann zögernd, mit +zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, öffnete +ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur +Seite, als seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm +einer Stahlkassette eine lederne Brieftasche.</p> + +<p>»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er +durch sich selbst bei einem Diebstahl überrascht zu werden, +»nehmen Sie und stiften Sie Segen und Gutes.« Er +tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er ihnen +noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte +Neigung zukommen lassen, und doch schien er diese Finger +zu verachten, die den Wert des Papiers zu genießen trachteten. +»Möge das Geld auf einen Acker fallen, besser bereitet, +als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie selbst ... +Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist +doch höchst eigentümlich. — In die Hosentasche stecken +Sie die Scheine?«</p> + +<p>Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es +war mir, als erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a> +Erfolges endlich aus einer Welt von Beziehungen, Kräften +und Verstrickungen, die nichts mit jener zu schaffen hatte, +in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg +zu ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen.</p> + +<p>»Ich ——?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich +komme mir vor wie Einer, der sich beim Satan eine +Leiter geliehen hat, um Gott in den Himmel steigen zu +lassen.«</p> + +<p>»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah +mich beinahe gierig an, mit einem Ausdruck, den ich so +wenig auf seinen Ursprung zu prüfen vermochte, wie er +meine Worte.</p> + +<p>»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber, +als er sah, daß ich meinen Hut nahm, »berichten Sie +mir, lassen Sie sich einmal wieder sehen, tun Sie es, +vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer Brücke +zwischen uns zwei.«</p> + +<p>Ich ließ es offen.</p> + +<p>»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, +was geschehen ist, soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie +eilig Sie es haben.«</p> + +<p>Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen, +ich fühlte mich erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam +benommen in einem merkwürdigen Unterbewußtsein, in +dem mir zumut war, als freute meine Freude mich nicht, +und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug gewesen. —</p> + +<p>Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja +zu eilen, aber ich wartete und begab mich zuvor in meine +Behausung. Ich beschloß, eine Reihe nützlicher und erfreuender<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a> +Einkäufe zu machen, führte meinen Vorsatz +jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch +zu den Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien. +Auch fehlte es mir an Erfahrungen, und ich schämte mich, +an jene belanglosen oder nur äußerlich nützlichen Dinge +zu denken, für deren Beschaffung den Frauen ein so sonderbares +Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von +Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt. +Sie bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, +oder unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln +durch Ankauf in ihren Besitz und durch Schenkung +in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu bringen. +Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte +verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen +läßt uns in bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge +in kleinen, schwachen Händen zu Sinnbildern der großen, +ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir Verdorbenen +und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen +oder Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der +Liebe nicht glauben können, wenn unsere Gabe nicht schon +ein Sinnbild der Geisteswelt ist.</p> + +<p>Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so +fremdartig, daß ich lächeln mußte, es war gewissermaßen +notwendig, daß ich mich allen Einrichtungsgegenständen +erneut vorstellen mußte, was nicht lange dauerte. Ich +warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, +und sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht +her noch aufgeschlagen neben der Kerze lag. Dies alles +steht jenseits, dachte ich, eine neue Welt beginnt, es hat +sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den Weg. +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a> +Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein +plötzlich erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles +dessen, was ich bisher zur Erhaltung meines Daseins begonnen +hatte, überfiel mich und füllte mich mit Zweifeln +am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen +der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst +bist die Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden +meine Kämpfe nicht enden.</p> + +<p>Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich +nach mir zu erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß +ich nicht mehr käme, siegelte den Brief mit dem Wachs +der Kerze und war sicher, daß man mich in Ruhe lassen +würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß +ich mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich +nachdenklich und ich nahm den Spiegel von der Wand. +Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, aber der +andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen +ausdauernden Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff +Stock und Hut und ging davon. Das Tuch machte mich +fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein Bruder, dachte +ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, +in Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich +von ganzem Herzen glaube, daß deine Augen es nicht +einmal sehen würden, es sei denn aus Erbarmen? Ist es +wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg +und Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn +es ist?</p> + +<p>Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die +ich bei mir trug, wie man auf einem Feldweg die Straßen +der Stadt vergißt. Auch als ich zu Asja kam, dachte ich +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a> +lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem Bett +niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir +fremd war, und ich atmete tief auf und mußte seufzen, +ohne daß ich Kummer hatte.</p> + +<p>Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem +aus, was dir bisher schwer gewesen ist, weil du allein +warst, deshalb bist du jetzt müde.« Da verlor ich unter +dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber sie +schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer +Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres +Wesens nicht zu verkleinern.</p> + +<p>Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog +und vor ihr auf die Decke des Betts legte:</p> + +<p>»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst +dieses dunkle Zimmer gegen ein helles mit Sonne vertauschen, +die Stadt gegen das Land. Du wirst gesund +werden.«</p> + +<p>In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr +Lächeln verschwand, ihre Augen sahen mich forschend an +und sie unterbrach mich ängstlich:</p> + +<p>»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«</p> + +<p>Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie +störte meinen Bericht durch kein Wort und keine Frage, +und schwieg auch noch, als ich am Ende war und, unsicher +mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet, +eine Zustimmung von ihr zu hören.</p> + +<p>»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.</p> + +<p>Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich +kaum, sondern schien nun vielmehr durch etwas anderes +beschäftigt und bewegt; sie fragte unvermutet: +</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a> +»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur +deshalb bekommen, weil du mit ihm gesprochen hast, hast +du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur durch den +Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt +hast?«</p> + +<p>»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, +was es für dich tun soll.«</p> + +<p>»Ach, es war so, wie du gesagt hast! — Ich denke +nicht an das Geld, ich denke an dich.«</p> + +<p>Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren +Zügen auf und sie bat noch einmal:</p> + +<p>»So nimm es und bring es wieder fort.«</p> + +<p>»Du weist das Geld zurück, Asja?«</p> + +<p>»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. +Ja, ich weise das Geld zurück.«</p> + +<p>»Du wirst sterben, Asja.«</p> + +<p>»Wie wir alle«, sagte sie einfach.</p> + +<p>»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben +sollst, die Tugend, daß du sterben willst.«</p> + +<p>Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, +daß sie nicht über den Sinn meiner Worte nachdachte, +sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, die hinter ihnen +stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so +gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem +Ergebnis der Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, +die zwischen uns geherrscht hatten, und die nicht +zu beugen waren. Ist es dies, dachte ich, und ward abgelenkt, +liegt der Grund aller Mißverständnisse und der +Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen +oder bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a> +nicht zu ermessen vermögen, und sich daher an +das unredliche und mißbrauchte Gezücht der Worte halten, +die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die Befangenheit +eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte +darüber hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- +und Tatsachenwelt des Lebens fortzublicken schien — wohin +nur? Ich wußte es noch nicht, aber ich fühlte, daß ich +ihre Freiheit bedroht hatte.</p> + +<p>»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand +und, wie meistens, mit einem beinahe schmerzlichen +Zögern, »ich mache aus keiner Not eine Tugend, aber +es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie könnte +ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu +recht bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du +bist so jung, wie willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? +Du kennst dich nicht, und nun sollte ich dieses +Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du. +— Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es +so gut ist, und daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit +Willen.«</p> + +<p>»Liebst du das Leben nicht, Asja?«</p> + +<p>»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, +»aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht +von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst, +wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«</p> + +<p>»Wie meinst du das?«</p> + +<p>»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, +was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, +und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen. +Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a> +Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald +empfinden, wie gut und groß du bist.«</p> + +<p>»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, +wie sehr du das Leben liebst, Asja.«</p> + +<p>»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir +nichts erklärt.«</p> + +<p>Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung +ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit +ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich +sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch +ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein +heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses +Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin +vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen, +zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir +doch bisher, ihr und ich!</p> + +<p>Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, +was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem +Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand, +daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen +Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! +So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum, +sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete +mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.</p> + +<p>»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst +du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang +bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch +bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand +darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. +Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a> +»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du +nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir +bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«</p> + +<p>»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. +Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin +nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel +mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt, +obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen +und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, +wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb +ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich +sein kannst.«</p> + +<p>»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als +habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische +Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde +und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das +Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein +Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete +mir nicht.</p> + +<p>So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:</p> + +<p>»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, +um zu gehen.</p> + +<p>In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den +Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen, +mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen +von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, +und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es +der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war +mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:</p> + +<p>»Nein, Asja!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a> +Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. +Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem +stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig, +als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen +Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, +voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und +küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut, +sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches +Tun.</p> + +<hr /> + +<p>Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die +Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner +Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte +sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis +nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen +Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und +je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger +Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr +Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es +häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen +überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden +Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft +zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet, +und manche Herzen suchen es.</p> + +<p>So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem +Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder +in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich +segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die +Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals +Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist. +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a> +Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung +ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese +Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein +teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.</p> + +<p>Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich +schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, +denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur +verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß +zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es +waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die +Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der +Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen. +Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von +allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden +geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein +Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und +meine Ansprüche nicht preiszugeben.</p> + +<p>Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der +ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der +Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich +freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als +ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ +ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter +dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu +haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen +meiner Handlungsweise überzeugen zu können. +Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball +einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine +Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.</p> + +<p>»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a> +Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer +anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken, +starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen. +Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über +Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser +mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne +über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die +Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit +der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles +ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, +ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. +Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die +Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre, +um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein +Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus +Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem +Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel +es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. —</p> + +<p>So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines +Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen +und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren +Liebesgruß.</p> + +<p>»Asja, glaubst du an Gott?«</p> + +<p>»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.</p> + +<p>»Antworte mir!«</p> + +<p>»O Freund, ich kann nicht sprechen.«</p> + +<p>»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber +antworte.«</p> + +<p>»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was +du ersehnst!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a> +»Du bist es. Sieh mich an.«</p> + +<p>»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als +habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. +In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der +Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in +uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch +ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. +Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen +sondern sie hat uns erwählt.«</p> + +<p>»O Asja, du machst das Herz froh.«</p> + +<p>»Ich tue nichts.«</p> + +<p>»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«</p> + +<p>»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. +Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war +reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war +und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg? +Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die +Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und +viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in +dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest +du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer +ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die +Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein +Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns +durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist +besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du +ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater +die Quelle.«</p> + +<p>»Der Vater, Asja?«</p> + +<p>»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a> +»Was nennst du Gehorsam?«</p> + +<p><ins title="»Oh">»Oh,</ins> frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder +spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort +vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es +herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis +bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen +Gehorsam.«</p> + +<p>»Und alle Gesetze, die Kirche?«</p> + +<p>»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben +die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als +Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn +die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber +wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«</p> + +<p>»Oh, sprich weiter, Asja.«</p> + +<p>»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor +dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch +herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm, +sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie +du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und +glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du +dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«</p> + +<p>»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? +Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in +uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo +ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«</p> + +<p>Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, +neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als +bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich +erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war. +Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a> +diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer +brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben +diese Frage stellen würde.</p> + +<hr /> + +<p>Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, +Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser +Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben +und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne +Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen +fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife +heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich +mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen +Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände +traten ein, die mir alles erleichterten und möglich +machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich, +wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke, +so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich +einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen +kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich +Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren, +die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da +sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht +Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht +zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem +Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz, +das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend, +in sich verwob und ward, indem ich war. Du +Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen? +Es war alles gut! Das ist dein Name.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a> +Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine +Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie +schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank +stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er +leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, +die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf +dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah, +erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen, +sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.</p> + +<p>»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.</p> + +<p>Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand +ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:</p> + +<p>»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«</p> + +<p>»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«</p> + +<p>»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich +geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«</p> + +<p>Ich schwieg.</p> + +<p>»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau +fort und sah ein Bild an der Wand an.</p> + +<p>»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. +»Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich <ins +title="werde ">werde es</ins> bestimmt bekommen.«</p> + +<p>»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor +ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin +erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«</p> + +<p>»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich +mich, und antwortete auf ihre Frage.</p> + +<p>Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren +Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a> +ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen +Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens +stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:</p> + +<p>»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen +erzählt. Wie war doch ihr Name?«</p> + +<p>»Asja.«</p> + +<p>»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich +damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld +mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte +geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so +dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«</p> + +<p>»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast +verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber +Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer +als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt, +Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. +Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es +und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn +Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf, +wenn Ihr Schritt klingt.«</p> + +<p>Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als +schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine +ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen +Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe +mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts +Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche +Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in +seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden +schon verstehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a> +Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs +hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit +ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht, +und vom Hofe herauf drangen Geräusche und +Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen +Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle, +leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das +Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer +Käfige.</p> + +<p>Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr +selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.</p> + +<p>»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« +sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins +Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der +Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie +damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«</p> + +<p>Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden +Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur +Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder +widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. —</p> + +<p>Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das +Zimmer schimmerte still im Licht des ersten Schnees, der +vorzeitig gefallen war und auf den schrägen Dächern +draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im +Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und +licht und schien sonderbar leer. Ich war darin nun längst +ein vertrauter Gast, und auch die Mutter hatte sich an +meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr Kind +in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und +Unterhaltung fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a> +mit einer Art ehrfürchtiger Scheu, ohne Eifersucht, aber +ein klein wenig zögernd und ablenkend, als gäben wir uns +Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien +längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen +Welt lebte als sie selbst, und so wenig sie früher besondere +Teilnahme gezeigt hatte, so gleichmütig beachtete sie die +meine; zumal da Asja in ihrer Gegenwart mit derselben +Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, in der sie +früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung +und Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie +erstaunt in Asjas leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, +wohl auch ein wenig stolz, und riet zu Ruhe und +Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. Mit den ein +wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden +Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert +der kleinsten Münze kennt, vermutete sie hinter meiner +Erscheinung mehr und anderes, als sich ihr durch den +Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den Gegensatz, +in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem +bedürftigen Wandel standen.</p> + +<p>Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert +und sorgenvoll, wie so manchen Morgen hindurch, +den ich allein verbrachte und nicht zu verwenden +wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, +in der ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war +ich zu jung und ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden +des Alleinseins ein volles Genüge an meinem Leben und +Denken empfand; mächtiger als je drängte alles in mir +zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten +eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a> +mich übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und +Augenlicht auf meiner Stirn fühlte. Es war ein erstes +Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das sich vor ihrem +Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne +Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in +heiliges Feuer, aber es lohte sinnlos in mir empor, wie +ein Reisigfeuer auf einer Frühlingswiese, dessen Glut nur +die Überreste des verflossenen Jahrs verzehrt, aber keinen +Keim des Bodens fördert.</p> + +<p>Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz +aufs Feuer und sah kniend zu Asja hinüber: sie schlief +fest. Wie meistens lag sie grade ausgestreckt auf dem +Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres Körpers +erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht +mit dem überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des +offenen Haars, das den Scheitel mit den Schultern verband, +und grade von der Decke abgeschnitten wurde, merkwürdig +feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht +machte das Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung +aller Dinge im Raum, die mit dem ersten erkennbaren +Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und die +solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken +des Zeigers an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen +kann.</p> + +<p>Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte +ihn an Asjas Bett und ließ mich nieder. Auf dem kleinen +Tisch neben ihrem Bett lag ein Stück Brot, von dem +die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich ich +in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, +bewegte mich sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a> +Tiefen der Seele, ich begriff nicht, woher die schmerzhafte +Bestürzung voll Rührung kam, und sah das Brot an, +als verklagte es mich.</p> + +<p>Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt +durch die gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der +Schlafenden, und je andächtiger ich in dies Gesicht sah, +um so inbrünstiger begannen dies Brot und dies Angesicht +zu mir zu reden und trösteten mich.</p> + +<p>Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, +dachte ich, denn es ist meiner Rührung eine Gewißheit +zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du bist das ewige +Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und +einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen +Ausmaße der Seele und des Geistes, du erhältst, ohne zu +gefallen und ohne zu schmeicheln, du befriedigst, ohne daß +Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du forderst +keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines +Gebens wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst +Christus dich und dein Wesen mit dem seinen verglich, +daß er dich brach und gab, wie auch sich, als er das Opfer +seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das Sinnbild +der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, +Abschied und Auferstehung.</p> + +<p>»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme +plötzlich in mein verlorenes Sinnen hinein, »bist du +hungrig?«</p> + +<p>»Ich habe ewig, ewig Hunger!«</p> + +<p>Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden +Licht ihrer unstillbaren Augen, und verlangend, +fast zornig, sah es mich unter den angstvoll zusammengezogenen<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a> +Brauen an. Die forschende Gier ließ mich erschauern. +Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln +ihre Stirn auf meine Hand:</p> + +<p>»Ach, Bruder ...«</p> + +<hr /> + +<p>Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein +Geist geriet, und die Beunruhigungen, die mit meiner +Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten mir die letzte +Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens +geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen +sein mochte, nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht +worden war. Wie handle ich nun töricht, dachte ich +oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken +lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im +Zeichen des Beginns? Aber dann war mir, als begänne +mit allem bewußten Leben in uns Menschen der Abschied +und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied von +ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage +und Jahre, das Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger +verweilte, als diese zum Abschied so froh Gerüstete, gar +so groß und gewichtig, und flogen die Stunden nicht eilig +und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung +getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, +der nicht der meine war? Und so beschäftigte mich der +Sinn dieses eigenen Wegs, den ich suchte, und ich sagte +es Asja:</p> + +<p>»Ich finde den Weg nicht!«</p> + +<p>Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen +schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus, +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a> +und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es +war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen +hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett +war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von +unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es +kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten +lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts +mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen +Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte, +das Schweigen zu brechen.</p> + +<p>»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas +vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn +nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du +es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder +für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg +der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles +andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht +arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.</p> + +<p>Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen +und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit, +weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte +der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft +der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt +das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder +nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der +Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen, +die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen +Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur +ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, +erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a> +zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung +führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg? +Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich +bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, +sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist, +die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt +scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener +Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich +bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten: +Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch +mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen +offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er +frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, +der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen? +Es ist das deine. So suche nun keinen Weg +mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, +aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung +und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.</p> + +<p>Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit +der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen +zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und +Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich +liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne, +fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in +unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen +Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, +daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß +ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist +kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche +noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a> +Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum +Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der +Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang +und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das +sei mein irdischer Tod.«</p> + +<p>Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und +ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein +der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung, +zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein +wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und +Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit +eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der +Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das +Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen +bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! +Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, +und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner +Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, +sondern im Geist und in der Wahrheit. —</p> + +<p>Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die +Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht +zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte, +war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am +Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen +beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel, +der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch +das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den +Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer +Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie +war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a> +Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte +und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen +hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir +nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich +nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem +Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der +Ruhe lag, Hand in Hand.</p> + +<p>Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, +wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen +Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue +Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten +meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang +des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht +beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte +ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der +hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, +die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering +erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht +der Liebe liegt. —</p> + +<p>So erstand uns in den armen vier Wänden dieses +kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu +vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß, +aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. +Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich +heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer +Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein +vermag.</p> + +<p>Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt +verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener +Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich, +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a> +wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich +wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den +Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar +ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis +und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht +macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand +mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, +und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer +brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns +beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur +wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen, +damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht +fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.</p> + +<p>Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe +ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster +Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich +mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich +denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe +nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.</p> + +<p>Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende +Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an +dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien +es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen, +und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. +Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit +und betört von Eifer. Sie sah mich an, als +verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte +und sagte:</p> + +<p>»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so +ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a> +und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu +verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist +die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit +ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller +Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als +sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.</p> + +<p>Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, +darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. +Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein +Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell +und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, +das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz +preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich +komme.</p> + +<p>Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen +Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, +heute noch nicht weiter gekommen, als bis +zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte +des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. +Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen +der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum +Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig +wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich +von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie +es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und +endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das +>Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und +Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen +Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach +uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a> +stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit +liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche +Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen +Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe +sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die +mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft +und die Herrlichkeit.«</p> + +<p>Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie +im Bannkreis eines deutlichen Bildes:</p> + +<p>»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht +an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So +sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig, +einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«</p> + +<hr /> + +<p>Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch +dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt, +mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun +und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen, +auf einen fremden Stern. Und ich empfand, +wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand +tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war +kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe +des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen +und mir ohne Groll.</p> + +<p>Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, +bei langem Verweilen unter ihnen, in mir +neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich +fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, +und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a> +Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, +diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht. +Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln, +weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag +ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das +allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? +An Stelle deiner Güter werden mich die Tage +mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem +Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und +beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, +verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert +und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir +ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit +ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten, +der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die +zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle +werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige +Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb +und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen +können und mich so weit verirren? Und ich +werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich +weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im +Hellen zu verharren.</p> + +<p>So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß +doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines +Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte +es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr +Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. +Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich +nicht, daß sie es sind.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a> +Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst +viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen +erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder +vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen +Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, +die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein +Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und +es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und +nicht den dahinwelkenden Docht.</p> + +<p>Sie sagte mir auf meine Frage:</p> + +<p>»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der +ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe, +das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet +sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran, +sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die +Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist +ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die +Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein +Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger +Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber +durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist +das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein +echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh, +so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.</p> + +<p>Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der +Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen +Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft +der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind, +verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle +Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a> +die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die +meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich +in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem +starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und +Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder +dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis +vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom +Angesicht.</p> + +<p>Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach +Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein, +die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche — +und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, +und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem +Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du +aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«</p> + +<p>»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die +Auferstehung, Asja!«</p> + +<p>Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, +als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner +Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern +als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich +empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte +Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. +So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich +meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches +Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich +oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu +scheiden vermochte.</p> + +<p>Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres +Nackens und der Schulter, unter dem Haar, verrieten +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a> +mir eine Miene schweren Leides. Ein unerklärliches +Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher +Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe +unfreundlich. Aber die Herausforderung meiner Stimme +weckte nicht ihren Unwillen, sondern ihre Güte. Sie +wandte sich mir wieder zu und sah mich an:</p> + +<p>»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, +dessen Seele nicht in der Schmerzensfinsternis ihres Grabes +liegt? Fragt derjenige, der nicht gefallen ist, die Vorübergehenden, +wie er sich erheben könnte? Wer aber nur +deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, +der wird keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, +und Furcht ist nicht in der Liebe. Aber die Liebe, die in +der Welt allein zu antworten vermag, kann nur der Liebe +antworten. Sieh, das ist der Irrtum der Jahrhunderte, +in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie +hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. +Nur wer aus der Wahrheit ist, hört die Stimme der +Wahrheit, nur wer aus der Liebe ist, hört die Stimme der +Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht antworten, denn +meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht. +Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis +der Welt über dir zusammenschlägt, wo du im geistigen +Tode am Boden liegst und weder fragen noch hoffen +kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine Liebe, +und zu dir sagen: Stehe auf!«</p> + +<hr /> + +<p>Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen +sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen,<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a> +begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit +von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit +und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen +und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß +ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen +grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit +empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren +Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil +sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie +leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich +meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser +Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur +Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr +Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und +ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.</p> + +<p>Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen +Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht +und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel +ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt +als nachsichtig.</p> + +<p>»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem +Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre +Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen. +Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde +der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie +sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom +Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein +Mensch betritt.</p> + +<p>Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen +unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a> +fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins +Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte +meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung, +als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden +wäre.</p> + +<p>Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört +hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur +Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in +so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es +mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen +Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche +Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst +der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild +zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um +ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung +und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die +irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm, +verehrte und wiedergab.</p> + +<p>Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und +durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien +gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in +ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu +haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies +Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, +als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem +Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen +überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und +eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, +welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten +Gemüt hervorbringt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a> +Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, +ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht, +aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung +Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten +und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch +die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen +gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind +auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer +direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die +erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter +denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. +Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung +den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft +mit allen denen, die den großen Namen nennen, um +ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.</p> + +<p>Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit +sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare +Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte, +denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und +umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde +seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht +und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen +lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern +nur in fremden Welten bewegt haben.</p> + +<p>Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, +ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und +sie begann stockend:</p> + +<p>»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue +meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie +dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a> +bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint +erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist +dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, +vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken, +aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen, +was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst +und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen +und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu +mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu +reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und +bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen. +Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen +vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen +ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende, +die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu +glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von +seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben +abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit +haben müssen.</p> + +<p>Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. +Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen +den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die +Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, +so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur +seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die +Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern? +Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der +Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme +seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos +und arm vor Ehrlichkeit?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a> +Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem +Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt +ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn +nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt. +Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der +Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber +ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen +dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen, +auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit +Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, +wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die +Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes +Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht, +glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung +im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, +und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach +seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.</p> + +<p>Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? +Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz +unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung +ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die +Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine +Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen +haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort +trösten, was der Erlösung gilt?</p> + +<p>Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, +den ich eben in meine Worte verwoben habe, +bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht +einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen, +überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a> +gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt +und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.</p> + +<p>Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze +und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, +allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein +Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist. +Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der +Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, +auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der +Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit +der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?</p> + +<p>Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne +Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen +sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von +einer Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt +kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten +wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und +solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und +Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der +Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. +Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht +laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten +ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung +der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet +es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde +hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft +aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie +überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung. +Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der +Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen,<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a> +der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr +Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet +ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu +sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist +mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, +das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem +Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?</p> + +<p>Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder +dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die +Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des +Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe, +nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern +Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als +ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam +und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft +führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir +zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne +Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich +gewiß.«</p> + +<p>Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung +der Unerwählten?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die +wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten +sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören, +dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher, +die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der +Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch +zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt +die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums, +dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a> +sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, +sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter +den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst +du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria, +die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus +selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn +zum Kinde wird? — Er wird wieder zum Mann werden, +und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die +Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um +seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab +gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen, +von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen +seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.</p> + +<p>Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch +hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung +sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter +Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht, +keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat +keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der +Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, +seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit, +ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung +ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe, +sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. +Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich +in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch +unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern +die Liebe hat uns erwählt.</p> + +<p>Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, +die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a> +Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn +er ist ihr Wesen.«</p> + +<hr /> + +<p>Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam +in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in +meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit. +Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung +fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein +Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn +dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem +Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich +ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf +wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer +Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung, +und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.</p> + +<p>Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen +des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung +zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die +Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen +durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier +Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war, +und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn +eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt +wird und des Menschen Sohn?</p> + +<p>Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch +Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn +dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit, +von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen +der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a> +stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige +Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie +ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.</p> + +<p>So gingen die Monate des Winters herum, Tag +nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht +an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die +Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand +mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die +durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- +und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine +Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die +Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen, +wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und +Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer +flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder +an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine +Liebe.</p> + +<p>So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an +ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, +weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen +hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr +gewesen:</p> + +<p>»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, +oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr! +Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit +jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens +macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist +sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, +der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein +Ende, auf daß begonnen werde.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a> +Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem +Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt. +So möchten sie sie nun überall finden — bei Anderen, und +traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch +die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen +und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. +Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen, +waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die +niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis +zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele +zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt +hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird +sie verlieren.</p> + +<p>Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, +aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht, +hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht +mit äußerlichen Gebärden ...«</p> + +<p>Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. +Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir +war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her. +Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, +wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der +traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.</p> + +<p>Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages +in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, +sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb, +denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht +einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie +der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf +den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von +<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a> +Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das +Reich ist nicht unser. —</p> + +<p>Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und +ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr +und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der +Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt, +wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren +Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend +und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken +der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten +leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als +daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll +unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir +war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in +solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem +Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare +Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt +waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn +ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen +Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit. +Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager +des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert +dich das große, allmächtige Leben, der heiße +Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften +Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das +Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der +Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der +Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers, +und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie +dich selbst?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a> +Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und +die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, +dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an +Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu +denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu +befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die +Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten +und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt +ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. +Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, +so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug +über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir +örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem +Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend, +dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen +gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und +Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und +ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist +kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein +erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. +Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe +selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd. +Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der +Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil +oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen +im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde +zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte +Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein +Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn +wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a> +Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist +deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.</p> + +<p>Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor +den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, +die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn +ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend +erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines +schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des +Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit +entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt +hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens, +als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir +haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, +und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt +sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin +bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.</p> + +<p>Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete +mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze +und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann, +der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg +stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht +hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, +hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich +auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er +keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war +schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder +Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre, +bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und +ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als +gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a> +preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. +So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf +eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung +gehoben.</p> + +<p>»Hast du Geld?«</p> + +<p>Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, +und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts +mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich +verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar +Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte +mir ab.</p> + +<p>»Hast du mehr?« fragte er.</p> + +<p>»Nein«, sagte ich.</p> + +<p>»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.</p> + +<p>Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen +Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in +meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft +dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.</p> + +<p>Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich +das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in +ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends. +Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, +durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße +aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem +Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir +auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.</p> + +<p>»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes +Eindringen ein Wort zu verlieren.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a> +Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, +wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen +Zustand waren.</p> + +<p>»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine +unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute +bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein +ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und +zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte +machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen +Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war +mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege +beruhigt und erhoben hatte, verflog.</p> + +<p>»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der +Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun +an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von +mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied +zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich +lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling. +Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie, +es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, +von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die +Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und +die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern +dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die +Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der +ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu +Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den +Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen +erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das +erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a> +Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben +der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne +ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.</p> + +<p>Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner +Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete +mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung, +des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu +einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, +als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte, +mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas +Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden +unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, +die Finsternis erwürgte mich.</p> + +<p>Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben +und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und +ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in +einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses +nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte +ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht +der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der +Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles +Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es +sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und +klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen +Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, +ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, +den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt +hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen +Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter +Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a> +dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, +sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige +Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war, +der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.</p> + +<p>»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich +kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es +meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir +scheiden werden.«</p> + +<p>Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, +in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen, +noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht +ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren +Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, +von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen +Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. +Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst +der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas +geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes +Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung +wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele +diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der, +welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe +glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er +wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis, +von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen, +und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht, +keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, +groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares +Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die +feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a> +»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen +unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals +im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen, +welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel +ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr +rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die +Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs +zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art +ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit, +noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, +nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes +Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres +Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung +am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr +aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der +armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder +selber hat.</p> + +<p>Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage +bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie +schon alles:</p> + +<p>»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält +mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen, +daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem +Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit +der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du +hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die +Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage +nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder +berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie +wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a> +schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das +das Wesen der Liebe?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«</p> + +<p>Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer +Antwort mir die innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, +was ihre Augen schauten, aber es blieb alles ungewiß in +mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten sich im +Dunkeln.</p> + +<p>»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, +und ich will schweigen und warten«, sagte ich.</p> + +<p>»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. +»Die Liebe scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist +ihre Kraft und Herrlichkeit. Satan mischt und legt die +Namen der Liebe an die laue und falsche Gestalt. Wer +sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als seien +sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt +von der Liebe erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst +du, solch heilige Gunst raffte den Wert an sich, um ihn +für sich zu besitzen, gesättigt, zufrieden, selbstsüchtig? Sie +strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz dies Licht ausstrahlt, +um so eher ist es erwählt. Wer hat das große +Wort auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens +ausgelegt? Wer hat es unter den Schein von kleiner +Tugend und armseligen Lohn gestellt und in einen Rangstreit +des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel +Angst muß in der Welt sein! Was von der Erlösung +galt, das haben die Menschen in den Widerstreit von +Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor der +Macht des Satan!«</p> + +<p>»Wer ist Satan?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a> +»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich +ist überall, wo Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum +Bild der Liebe das Bild Gottes setzt, so setze für das +Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht der +Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, +was ihr das Gute nennt.«</p> + +<p>Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie +sah mich drohend an und rief laut:</p> + +<p>»Schweig!«</p> + +<p>Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen +hatte, neigte sie sich über meine Hand und drückte +ihre Lippen darauf. Erst nach einer Weile hob sie die +Stirn und sagte fröhlich:</p> + +<p>»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es +lautet so:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich möchte dich beglücken</span> +<span class="i0">und kann nicht dunkel sein.</span> +<span class="i0">So tritt mit deinem Zweifel</span> +<span class="i0">in meiner Liebe Schein.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Mich quält nur eine Frage:</span> +<span class="i0">Hast du mich lieb, sag an?!</span> +<span class="i0">So bleib in diesem Lichte,</span> +<span class="i0">das ich nicht trüben kann.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Frag nicht, weshalb ich frage.</span> +<span class="i0">Aus Zweifel frag ich nicht.</span> +<span class="i0">Es gibt nur eine Klage</span> +<span class="i0">der Liebe, die um <ins title="Licht.">Licht.«</ins></span> +</div></div> + +<hr /> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a> +Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern +der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem +Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses, +hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen +ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale +Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein +kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem +Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters. +Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren +Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme +schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen +der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und +überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten +auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des +Morgens erwachte.</p> + +<p>Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen +umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen. +Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das +öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern +stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen +und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer +Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender +und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der +Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß +ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern +wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und +plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort: +»Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie +verlieren.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a> +Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und +ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über +Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf +den <ins title="naßen">nassen</ins> +Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im +Wind begrünen sich. Ich möchte über den <ins +title="naßen">nassen</ins> Acker +gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, +ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf +dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater, +beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es +wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam +wie das Blühen, das mich umweht und überkommt. +Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der +mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o +Vater, du Liebe! —</p> + +<p>Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner +kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich +habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm, +kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und +weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen +äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, +wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn +es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen +Meer des Lebens für mich.</p> + +<p>Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die +Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt +es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so +stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren +Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen +in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie +Grabhügel auf den Feldern.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a> +Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, +wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die +Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als +ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. +Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand +unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen +werden, der zum lebendigen Sein und Schauen +führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der +nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern +durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen +scheint.</p> + +<p>Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, +unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, +in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund. +Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung +und Verkündigung und ein erlösendes Glück.</p> + +<p>Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht +dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun +die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr +sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was +ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, +wie sie einst fielen, sondern die Felder in der +Mittagssonne des Lebens.</p> + +<p>Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut +und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig +in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei +sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer +Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.</p> + +<p>So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, +und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a> +ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag. +Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die +meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu +trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, +und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war +von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen +Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen +Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit +willen.</p> + +<p>Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich +sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine +Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in +einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, +sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in +Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie +auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen, +ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen +Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am +Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn +sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter +bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden +Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen +lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften +des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß +Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher +und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders +in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in +ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte +mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die +von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a> +die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug, +kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem +andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges +Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert +fühlte.</p> + +<p>Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und +lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre +Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die +Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. +Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit +ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie +überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur +wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.</p> + +<p>Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, +das ich mit ihrer Mutter führte:</p> + +<p>»Geh nicht fort.«</p> + +<p>Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die +Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur +Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn +es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die +Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen +Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den +Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze +neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe +zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl +allein.</p> + +<p>Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu +gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und +hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen +meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte,<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a> +da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und +wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein +tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht +hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt +sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, +daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, +die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen +Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin +bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen, +der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die +es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft +Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um +ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt. +Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, +die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich +geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen +wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt, +wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich +am längsten sträubt.</p> + +<p>Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser +Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen +und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden +Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die +Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen +könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen +müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein +Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die +Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster +war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die +Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte,<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a> +und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft +sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn +die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte: +Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich, +wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer +auf das umgewandte Kissen betten, sie wird +mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort +werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln +in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft +des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so +wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich +der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um +uns zu trennen?</p> + +<p>Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler +Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich +meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht +schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und +Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich +Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder +an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte +ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen +und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. +Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut +nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer +Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das +Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren +und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen +und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber +die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und +das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a> +Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich +wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. +Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie +in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in +uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der +Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen +Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der +Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und +müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden, +um das Reich zu finden?</p> + +<p>Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße +aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein +verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern +erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen, +und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in +geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe +mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit +dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den +Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün +in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, +unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier +wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube +an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom +Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt +als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden +nicht achtet und Zerstörung sät.</p> + +<p>Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man +mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können. +Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt +hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a> +gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. +Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln +der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus +bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt, +wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße +war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir +haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere +Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden +in die Seelen und Gärten.</p> + +<p>Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, +daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die +durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt +so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber +und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine +Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein +farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich +nieder?</p> + +<p>»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«</p> + +<p>Das war Asjas Stimme.</p> + +<p>Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und +streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir +nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem +Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in +eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen +im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still, +als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem +Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten. +Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in +dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen +in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a> +großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren +Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen +mußte.</p> + +<p>Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, +mit einem tiefen Seufzer:</p> + +<p>»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer +kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald +noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es +nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und +für das Licht gewesen.«</p> + +<p>Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor +Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können, +wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.</p> + +<p>»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es +besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was +ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den +fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß +es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es +nicht ertragen kann.«</p> + +<p>Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. +Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog +und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer +Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres +Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, +dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung +schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah +mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das +spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und +totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes +wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a> +»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein +Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt, +du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so +elend, daß ich schreie.«</p> + +<p>Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie +in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß +ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an +meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren +Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es +nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen +in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung +und kein Seufzer brach den Bann.</p> + +<p>Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort +zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten +Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer +Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde +vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am +nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses +Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in +einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche +Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun +allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, +die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die +den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.</p> + +<p>Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas +Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte +und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde +schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen +den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. +Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a> +mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur +Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.</p> + +<hr /> + +<p>Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem +zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die +Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald, +kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, +nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen +bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume +niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler +wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in +Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden +farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft +aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die +Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen +die Stimmen der Singvögel.</p> + +<p>Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche +immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und +die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben, +standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt +da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, +durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich +verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen, +trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich +zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es +mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.</p> + +<p>Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, +der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu +haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a> +dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in +seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn +doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch +auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir +und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten +führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich +wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt +zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.</p> + +<p>Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd +waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem +Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die +niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein +junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner +Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler +wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber +und trat an meine Seite.</p> + +<p>»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben +Sie die Tote gekannt?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, +das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das +ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter +anführen könnte.«</p> + +<p>Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; +ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich, +aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte +gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich +unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend +auf mir ruhen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a> +»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie +um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, +fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:</p> + +<p>»So will ich denn das Wort aus Johannes über +dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern +ich habe euch erwählt.«</p> + +<p>Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen +Sarg. »Asja«, sagte ich.</p> + +<p>»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.</p> + +<p>Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.</p> + +<p>»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, +»ja ...«</p> + +<p>Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen +hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt +weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich +geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen +weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir +uns befanden.</p> + +<p>In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang +ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn +nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen, +ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun +und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über +das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der +große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, +Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen +Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten +sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben +stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft +scholl, und sahen zu uns hinüber.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a> +Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar +auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu +meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte, +mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig +ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein +Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, +denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser +Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte, +da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen +Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag +von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich +ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter +die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, +denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber +die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. +Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den +Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang +aus den Waldlauben erklang immer noch und es +hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der +Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage +stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm +des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser +Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche +sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder. +Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret +so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh +sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, +so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab, +denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos +senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a> +Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen +schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den +andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen. +Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben +und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen +warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue +Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in +Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und +sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, +deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, +wie ein klingender Schleier.</p> + +<p>Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile +wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher +des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge +Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand +und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne +Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.</p> + +<p>»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch +ein Wort mit Ihnen sprechen.«</p> + +<p>Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, +denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der +Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach +einer Weile begann er zögernd:</p> + +<p>»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, +noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie +mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie +führt.«</p> + +<p>»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. +Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich +bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a> +haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie +mich gehen.«</p> + +<p>»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach +einer Pause. »Wer war diese Tote?«</p> + +<p>»Ich weiß es noch nicht.«</p> + +<p>»Sie weichen mir aus.«</p> + +<p>»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten +sich nicht danach.«</p> + +<p>»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. +Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, +bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine +Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich +Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen +bin, den ich nicht verstehe.«</p> + +<p>Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine +offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in +dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen +hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen +von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der +Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt. +Da fuhr er fort und lächelte befangen:</p> + +<p>»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, +sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das +Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist +mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt +über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. +Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen +der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort +auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen +hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a> +nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten +Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen +setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen +als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit +in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem +Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht +bin ...«</p> + +<p>Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand +auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich +ihr Brennen löst. — Aber meine Kraft war zu Ende.</p> + +<p>Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer +Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der +Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich +bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und +wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten +vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch +meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden, +ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein +Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, +daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der +Kraft sein kann, die heilt.</p> + +<p>»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, +»mach' mich fröhlich!«</p> + +<p>Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:</p> + +<p>»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu +eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der +Toten zu erzählen.«</p> + +<p>»Niemals«, sagte ich.</p> + +<p>Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer +geworden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a> +»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute +schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie +verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«</p> + +<p>»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein +Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt +nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich +wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. +Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der +vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts +achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar, +wie alles Glück.«</p> + +<p>Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.</p> + +<p>»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, +was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet +in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares +bringen. So hören Sie denn, was Sie hören +müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir +das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem +Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel +klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? +Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen +muß ...«</p> + +<p>»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten +aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am +Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die +Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag. +Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in +mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch +wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, +deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a> +Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der +Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich +weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes +mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die +Menschenfinsternis scheint, und ewig.«</p> + +<p>Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank +in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt, +vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein +ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg, +den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft +mit den Menschen finden sollen.</p> + +<hr /> +<p class="subtitle"><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a></p> + +<h2>Das Meer</h2> + +<p>Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der +Landstraße nicht zu ertragen, mir war, als schleppte ich auf +Schritt und Tritt eine Last mit mir herum, die zu schwer +drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch Schmerz, +sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in +einem Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann +nicht wahrhaft traurig werden, dachte ich. Dann wieder +fürchtete ich, der Verlust dieses Menschen habe etwas für +alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit war furchtbar +und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr +tief und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften +Lichts und ohne Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen +eine gegenstandslose Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß +ich durch mein Schluchzen geweckt wurde und zornig im +Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die ich nicht +gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, +diese Traurigkeit verloren zu haben, die mir in +meiner Traumerinnerung wie ein unirdischer Reichtum +vorkam.</p> + +<p>Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: +ich kenne euch alle längst. Menschen mied ich; gesellte +sich mir hier und da auf der Wanderschaft einer zu, so +vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, denn da ich<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a> +nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines +Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar +habe ich auch mit ihr nur ein paar Worte gewechselt, +aber ich kann sie nicht vergessen und immer, wenn ich ihrer +gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem Tage mir +selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich +beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben +sich mir sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn +ich an sie zurückdenke, so ermesse ich daran den Zustand +meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, was sich ihr +bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.</p> + +<p>Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in +den Sommer überging, und mein Weg hatte mich durch +eine verlassene Moorlandschaft geführt, in der ich den +Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich +das von Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines +Flusses erreicht hatte, warf ich mich ins Gras nieder, das +in der feuchten Erde so hoch stand, daß es mich wie eine +grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die Flügel +der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und +die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden +Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer +nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen +den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich dachte +an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene +schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn +und atmete tief.</p> + +<p>Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die +Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher, +summte bekümmert und ließ sich am Rand des Kelches<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a> +einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine +Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den +strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das +Leben einander suchte und sich begegnete. Langsam wanderte +eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, ward +kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der +Erlen von einem Windhauch berührt wurden, begann +für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein +silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte und in +glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom +durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der +Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige +Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die +zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von +Träumen befangener Blick.</p> + +<p>Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein +ganzes Leben lang auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn +der Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte, +vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein +Plätschern <ins title="der">des</ins> Wassers, das nicht von der Strömung +kommen konnte. Ich richtete meinen Kopf empor und sah +auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn dahintreiben, +in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben Ruder +steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich +betrachtete ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen +Glieder, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum +verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen +Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von +einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne +und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch lag ein<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a> +matter Schein darauf. Dicht an meinem Ruheplatz sah ich +nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen Pfählen, +ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.</p> + +<p>Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben +ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie mich und sah +mich mit großen, überhellen Augen starr und erschrocken an. +Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas tierhaft Leeres und +Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun +der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von +sagenhafter Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam +den Kahn, das Mädchen hielt einen der Pfähle, etwas +geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und staunte, +bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in +ihren Zügen hervorbrachte.</p> + +<p>»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie +langsam mit einer tiefen Altstimme.</p> + +<p>Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu +betreten, vielleicht, weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich +erhob ich mich halb unter der Last des schweren goldenen +Sonnenmantels, der lange auf meinen Gliedern und Gedanken +gelegen hatte, und sagte:</p> + +<p>»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den +Himmel an, und nun auch dich.«</p> + +<p>Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie +schien zu empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art +reden ließ, wie sie es mit den Leuten ihrer Gegend und +Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen Stolz verbarg +sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie +zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war +rührend und voll kindlicher Gefaßtheit.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a> +»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange +unterwegs ...« Ihre Augen musterten mich aufmerksam, +aber ihr Forschen verletzte nicht. Diese Sinne suchten +nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen +es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. +Vorsichtig, klug und heiter umwanderten mich die hellen +Lichter der Augen, voll freundlicher Neugier und bereit +zu verstehen.</p> + +<p>Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, +als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, +wie eine Pflanze dem Wiesengrund. Die Sonnenglut +verwob mir alles zu einem einzigen Teppich des +Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, +Pflanzen und Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat +mir Gewalt an, erhob mich und machte einen Schritt auf +den Steg zu.</p> + +<p>»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir +helfen.«</p> + +<p>Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und +löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß +der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Ich sah +ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf +stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So +entfernte sie sich mehr und mehr von mir, aber sie lächelte +mich an, als käme sie mir entgegen.</p> + +<p>»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg +zurück. Da sie sah, wie ich mich an meinen alten Platz +ins Gras sinken ließ und daß kein Anzeichen von Groll +in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder +ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a> +Hand den Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig +neigte, als sie sich und den Kahn aufs neue daran festhielt. +Er war schwarz und schien so alt wie die Welt, wie lange +mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund stecken? +Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, +der sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende +Silberbahn sank.</p> + +<p>»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.</p> + +<p>»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse +...« wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in +den Sinn gekommen sein, daß sie mir mit dieser Aussage +das Versteck ihres Geräts verraten hatte. Aber da ich +weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit Befangenheit +in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer +Besorgnis unrecht getan.</p> + +<p>Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es +gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht +getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht +mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber +nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie +die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die +Liebe des Bluts und wie die Nacht.</p> + +<p>Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein +Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand +vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die +Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke +sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung +faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm +ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände +sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a> +die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite +hinein.</p> + +<p>Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun +wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle +mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm +dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und +mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der +Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf +dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des +Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die +Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer +Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter +Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über +dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich +tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker, +dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege +und Grab ...</p> + +<p>So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde +empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig +geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir +zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung +für mich geworden und steht zwischen Trennung und +Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.</p> + +<p>Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, +aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns, +wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben +uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns +dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist +dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer +milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wir<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a> +Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen, +doch verwalten.</p> + +<p>Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich +verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit +und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden +sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten +sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem +Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden +Sterne verschleierten. Sie und die schmale +Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen, +fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem +Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne +wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen, +dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere, +die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so +erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren +Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder +unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der +Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in +Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel. +Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, +wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, +schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit +deines lebendigen Lebens tief in mir und aller +Liebe.</p> + +<p>Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, +obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, +wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen, +wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald +begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a> +nächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In +einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht +wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein +sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und +mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, +ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer +wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte, +um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging +langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte +sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.</p> + +<p>Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, +es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte +ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind +durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer +Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, +als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber +zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt +über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da +erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr, +taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut +auf — das Meer!</p> + +<p>Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der +Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit +faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich +bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische +Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie +war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, +das sich in mir und vor mir weitete, als sei das +Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des +Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a> +Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt +leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom +der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite. +Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen, +mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen +Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...</p> + +<p>Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich +die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere +Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem +weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der +Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte +in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot +wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen +Dämmerwelt der Küstennacht.</p> + +<p>Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und +sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der +Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich +unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor +uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, +das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank +sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein +Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich +ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem +anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine +alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln +gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die +Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren +Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine +Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein +von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a> +uns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum +berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein +Mensch zu sein.</p> + +<p>So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am +fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft +seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging +ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung +wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu +gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am +Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg +entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm +ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine +mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der +Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete +stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die +Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller +Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe. +Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen, +aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich +von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die +Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre +Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.</p> + +<p>Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam +seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein +bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem +die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten. +Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, +genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen +waren und die teilweise lose niederhingen. Es +war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte,<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a> +und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher +sein, hier duftete Hollunder, oder war es +Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie +Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und +erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu +mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein +glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher +nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines +Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den +viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem +das Licht brach.</p> + +<p>Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter +den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein +breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale +Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume +geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, +ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, +dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor, +wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.</p> + +<p>Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt +zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein +Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle +Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte +aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten +darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer, +ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts +schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal +hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen +Regennacht mehr als eine Stunde lang einem +großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte,<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a> +und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von +uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen +Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung +des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es +ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in +unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und +einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam +waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein +Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit +hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine +Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung +und dem Todesgrauen, die wie ein langes, +atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im +Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen. +Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und +meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend +am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur +Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft +mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich +lange schlief. —</p> + +<p>Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur +die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich +her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in +einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines +Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, +du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in +deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht +ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist. +Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen +von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a> +Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war +mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern +mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen <ins title="verwand">verwandt</ins>, wer in einem Buche liest, +ist schon mein Bruder.</p> + +<p>Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du +für ein Buch?«</p> + +<p>»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine +Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«</p> + +<p>»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie +dein Geist das Buch.«</p> + +<p>»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als +käme sie von der Decke herab.«</p> + +<p>»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«</p> + +<p>»Merkwürdig ...«</p> + +<p>»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«</p> + +<p>»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt +erzählen? Er würde dich kaum erfreuen, denn du gehst +auf besseren Wegen als ich, draußen durch die Sommernacht, +vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von +Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«</p> + +<p>»Hast du keine anderen Bücher?«</p> + +<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p> + +<p>»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey +nicht liest.«</p> + +<p>»Dann bist du also Vetter Eberhard.«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran.«</p> + +<p>»Ach ... er wollte kommen.«</p> + +<p>»Kommt er immer nachts?«</p> + +<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht +kommt er nachts und erschreckt mich wie du es<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a> +getan hast. Sag' jetzt, wer du bist, sonst muß ich die Unterhaltung +abbrechen. Ich liege hier im Bett, habe nicht einmal +ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann. +Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des +Hauses, wegen der Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«</p> + +<p>»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«</p> + +<p>»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, +sie hat eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch +liegt.«</p> + +<p>»So soll ich bleiben?«</p> + +<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p> + +<p>»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du +mich anerkennst, nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß +du zu mir herunterkommst.«</p> + +<p>»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«</p> + +<p>»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen +habe und du willst nicht herabkommen, so verlangt auch +mich nicht mehr danach, und ich werde meines Wegs +gehen.«</p> + +<p>»Wie unhöflich du bist.«</p> + +<p>»Unhöflich ...«</p> + +<p>»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu +einem Herrn? Könntest denn nicht du heraufkommen zu +mir?«</p> + +<p>Nun war es eine Weile still.</p> + +<p>»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig +kann ein Mensch aus seiner Rolle fallen. Welch eine +törichte Frage das doch war. Die Stimme antwortete +ohne Eifer:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a> +»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher +nicht. Aber erst wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche +dir getrost alles, was du willst, denn ich weiß, daß du +schon bei der ersten Bedingung versagst, unter der ich +meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt +hast, so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«</p> + +<p>Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen +scholl zu mir herab. Jetzt geht noch das Licht aus und +das Fenster wird geschlossen, dachte ich mutlos. Aber es +geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, wie +eine Seite im Buch umgeblättert wurde.</p> + +<p>Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, +wollte Gott, ich fände einst das Ende so leicht und froh, +wie ich alle Anfänge gefunden habe.</p> + +<p>»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.</p> + +<p>Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die +Luft, raschelte wild im Gezweig und schlug klatschend neben +mir am Boden auf. Das war das Buch.</p> + +<p>»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.</p> + +<p>»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine +Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel +Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem +jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm +seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum +Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen +willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich +muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte +mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht +in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a> +immer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? +Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt +habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben, +und dann wird er es sein.</p> + +<p>Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst +mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und +oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es +auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du +füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist +in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie +eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der +eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem +Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in +beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, +der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.</p> + +<p>Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht +unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört +habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken +entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen +Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob +du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, +wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen +könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen +strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, +das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller +Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht, +das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen +Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich +abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt +du noch von ihm?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a> +Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört +ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch +sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der +Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom +Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes +Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere +Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt, +und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon +euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, +oder bin ich gehorsam? <ins title="Sieh">Sieh</ins>, ich möchte mehr wissen, als nur, +daß du hell bist.«</p> + +<p>So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und +sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit +des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte +ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du +kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und +Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.</p> + +<p>Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares +fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer. +Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da +draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, +unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, +dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am +Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers +einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne +Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten +ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die +Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.</p> + +<p>Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause +emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a> +verwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten, +ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin +schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich +würden einige von ihnen aufgescheucht werden. +Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und +das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der +Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine +Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches +Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige +Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht +meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde +Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! +Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner +sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...</p> + +<p>Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, +saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum. +Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein +durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der +Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden +Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem +Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer +wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von +Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, +Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das +Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner +Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor +mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb, +wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder, +trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen +Rand.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a> +Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie +mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind +wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was +sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende +Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, +auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren +Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern +konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen +sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese +Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge +Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst +mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte +ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare +Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die +Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied, +nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte +vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem +kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang +zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die +mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit +dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und +führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung +meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.</p> + +<p>Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken +auf und nahm mit beiden Händen meine Hand:</p> + +<p>»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, +und ich bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. +Aber glaube doch, ich habe das meiste gehört, es war wirklich +sehr schön, besonders der Anfang. Bist du böse?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Wer bist du?«</p> + +<p>»Sicher kein Gespenst — du schaust mich an, als sei +ich eins. Bitte gib mir mein Hemd.«</p> + +<p>Ich sah mich um.</p> + +<p>»Dort am Waschtisch.«</p> + +<p>Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, +und reichte es ihr, wie im Traum. Es flatterte auf +wie ein Nebelwölkchen im Licht, senkte sich zwischen den +erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte wieder +im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus +betörend zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß +und sicher an, zugleich hell und dunkel, mit lächelndem +Forschen, ohne Schüchternheit, aber ernst.</p> + +<p>»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich +Baronesse, Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut +aber nichts zur Sache, ich lege keinen Wert darauf, und +wer bist du?«</p> + +<p>»Worauf legst du Wert?«</p> + +<p>»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein +gutes Buch und kluge Männer.«</p> + +<p>»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und +einen klugen Mann.«</p> + +<p>»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst +du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten +über Moral zu halten?«</p> + +<p>»<ins title="Setzst">Setzt</ins> du +voraus, daß man unmoralisch ist, wenn +man zu einem Mädchen einsteigt?«</p> + +<p>»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, +aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt +habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a> +Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung +und erschrak heiß.</p> + +<p>»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich +abweisend.</p> + +<p>»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? +Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand. +Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen +wirst?«</p> + +<p>»Du kannst nicht lieben, Kaja.«</p> + +<p>Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich — nicht — +lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei +Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl +auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch +einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, +wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie +die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war +ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb +nicht?«</p> + +<p>»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, +Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß +ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge +von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht +es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«</p> + +<p>Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein +schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine +Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.</p> + +<p>»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, +»du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. +Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert. +Jetzt machst du mich ganz befangen, fromme<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a> +Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung +recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit +und Dummheit sind eine schreckliche Mischung. +Dumm bist du nicht — aber gesinnungstüchtig? Wie +gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, +das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich +umgibt. Es wird dich beruhigen.«</p> + +<p>Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein +trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann +Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen, +dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die +ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden, +aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine +Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel +weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht +umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht, +als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber +ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel +geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges +Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld +heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr, +tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten +mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen +Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige +Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:</p> + +<p>»Du verstellst dich, Kaja.«</p> + +<p>»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier +auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich? +Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer +einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a> +»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau +sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer +noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«</p> + +<p>»Ach — so —«</p> + +<p>»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, +Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen, +die ohne Wolkenwoge schöner sind.«</p> + +<p>Sie verstand sofort:</p> + +<p>»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie +bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als +zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge +zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft +hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen +wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog +ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und +schüchtern.</p> + +<p>Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit +ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner +Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein +Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war, +bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen +und Trotz.</p> + +<p>»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.</p> + +<p>— Du große Frühlingsfrage!</p> + +<p>Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch +weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht +überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die +gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den +großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern +zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a> +Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt, +ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft +zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. —</p> + +<p>Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden +Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen +zu lassen, das uns blendete.</p> + +<p>Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, +diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und +alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und +rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen +Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene +Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt +von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend +Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die +kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen +und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, +wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, +fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der +Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen +Boden, und über die ihren, und fort und fort.</p> + +<hr /> + +<p>Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, +wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle, +gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der +wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit, +daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich +nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang +den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a> +helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück, +aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.</p> + +<p>»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch +schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du +nicht? Schau doch hin!«</p> + +<p>Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, +als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang +empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper +und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen +Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag +alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie +mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens +zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust. +Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können. +Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom +von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles +von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so +kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele +nicht Raum darin findet?</p> + +<p>Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus +und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im +Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am +Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, +beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den +ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand +hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park. +Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten +ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen +wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch +unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a> +ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand +nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer +und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.</p> + +<p>Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen +Wellen nahen und sich im Morgenrot auf den Strand +werfen. Es roch nach Seetang und mir war, als schmeckte +ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich +die in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, +auf deren Giebeln bräunliches Licht lag. Es war kein +Segel am Horizont zu sehen, kein Inselland, nur fern +vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes +Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen +klein wie Spielzeug aus und bewegten sich träge.</p> + +<p>Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins +Wasser. Der kalte nasse Sand an meinen Füßen rann +mit den kommenden und weichenden Wellen unter mir +fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht +mehr den Menschen, wo das Reich des fremden Elements +begann. Ein Möwenschrei ließ mich den Kopf wenden, +da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und bräunlichrot, +noch stieg kein Rauch aus den Hütten.</p> + +<p>Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe +meiner Seele erschütterten mich so mächtig, daß ich +aufsingen mußte, einen hilflosen, wilden, jauchzenden Gesang, +voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, Gebet +und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, +mächtigen Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit +mich gelehrt hatten, und die meiner schlafenden +Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. Nun +habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a> +weiß ich nun, und meine Lust und Trauer sind nicht mehr +mein Teil allein. Aber mein Gesang von einst bleibt wie +ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn fern höre, +so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach +sein wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, +ein heiliges Kleid.</p> + +<p>Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden +Sonne, die aus dem Meer emporstieg und +Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen miteinander +vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, +und erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, +Wasser und Himmel voneinander.</p> + +<p>Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes +Boot, das umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die +Morgensonne unter sein schwarzes Dach schien. Ich +kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen +eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den +Sand, um zu schlafen. Langsam nahmen die Musik der +Wogen, das Morgensonnenlicht und der tragende Boden +sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser Elemente +und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. +Aber im Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen +Leben, und ich sah große Bilder und weite Landschaften +von solcher Freiheit, daß ich schluchzte. Ein breiter +ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt bestand +aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst +mich, wie im leeren Raum, der sonderbar wogte und +spiegelte, auf der anderen lag bunt und deutlich die Fülle +der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich sah beblühte +Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a> +Baumgruppen, Quellen und Ströme. Und mitten darin, +wie geboren und erblüht aus diesem lieblichen und mächtigen +Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar funkelte, +ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der +Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle +Pflanzen im Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen +der Bäume, das Flüstern der Gräser und der Vogelgesang. +Schattige Gründe der Triften, Kelche und Früchte +waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe +zu bringen, was diese Schultern und Hüften trugen, die +reinen Glieder und der unnennbare Grund und Wesenssinn +des ganzen Leibes, den kein Name benennt und kein +Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet. +Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und +diese betörende Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, +Vergangenheit aber und Ewigkeit lagen, wie eine Einheit, +auf meiner Seite der Welt, die erhaben und traurig war.</p> + +<p>Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren +und klaren Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, +so nah, und doch von ihr geschieden, sprachen zu +mir und waren ich. Geh hinüber — bleibe hier. Und so +fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich +ein und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. —</p> + +<p>Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, +mochte es, dem Stand der Sonne nach, gegen +elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich und alsbald +völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen Bootmuschel +hervor und taumelte vor Glück und Licht in der +Sonne, die über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a> +schüttelte den Sand aus meinen Kleidern und brachte sie +in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag der +Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich +im freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber +klar, daß dieser Besuch stattfinden mußte, vermochte +mir allerdings über die Art keine Vorstellung zu machen.</p> + +<p>Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich +nun nach allen Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame +vorgestellt werde, die ich besser kenne, als alle, die ihr Leben +von Anfang an mit ihr geteilt haben. Eine heiße Liebe +zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie sollte ich +nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich +doch das Ungewöhnliche bestanden habe?</p> + +<p>Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, +in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das +ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und +begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es +war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und +überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten +durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten. +Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen, +denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im +Jahr.</p> + +<p>Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in +den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar +mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche +waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. +Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam +auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer +Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a> +ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. +Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich +tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles +Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut +aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken +bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen +fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, +und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht +von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich +hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres +späten Lebenstages.</p> + +<p>Als wir auf dem Weg einander näher gekommen +waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen +Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies +am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls +stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine +große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt +war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um +ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte +mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem +Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung +bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.</p> + +<p>Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich +aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und +sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:</p> + +<p>»Guten Morgen, guten Morgen.«</p> + +<p>Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den +Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit +mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig +ausfiel.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a> +Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin +nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend. +Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges +Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer +Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten +Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben +sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen +Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, +ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um +meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken +Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen +Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen +sein letztes Wirken.</p> + +<p>Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung +eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung +forderte, er ging von dem Begleiter der Dame +aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich +offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen +entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß +irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem +heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren +unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen +Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort +wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf +aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.</p> + +<p>»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.</p> + +<p>Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, +die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. +Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine +Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a> +den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich +Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm +erneut Haltung an.</p> + +<p>Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr +freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: +»Was führt Sie zu uns?«</p> + +<p>Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns +auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.</p> + +<p>»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame +freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte +Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.</p> + +<p>Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden +Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber +ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ +ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.</p> + +<p>»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen +ja!«</p> + +<p>Ich entschuldigte mich rasch:</p> + +<p>»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.</p> + +<p>Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:</p> + +<p>»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, +ich bin etwas schwerhörig.«</p> + +<p>Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.</p> + +<p>Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm +das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner +Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie +mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß +sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und +daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, +die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a> +»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier +ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir +wohnen hier einsam.«</p> + +<p>Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu +werden.</p> + +<p>»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, +sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß +ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin +ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student, +ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, +es sind zugleich die Sommerferien.«</p> + +<p>Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu +zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen +mußte, wenn ich verstanden werden wollte.</p> + +<p>»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun +langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.</p> + +<p>»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.</p> + +<p>»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl +auch Algen?«</p> + +<p>Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und +musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll +heiterer Bescheidung.</p> + +<p>»Auch Algen!« rief ich.</p> + +<p>»Wie?« fragte sie bestürzt.</p> + +<p>»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.</p> + +<p>»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja +schon.«</p> + +<p>Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von +Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten +hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a> +geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge +um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.</p> + +<p>Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht +werden, damit die Kette sich nicht verwickelte. +Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien +verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen +einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es +zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick +auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.</p> + +<p>»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. +»Nieder mit dir!«</p> + +<p>Niko verkroch sich.</p> + +<p>»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte +Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an, +ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie +zu wirken.</p> + +<p>»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete +ich.</p> + +<p>»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem +mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht +auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager +hart.«</p> + +<p>»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß +Haus und Park mit einer Armbewegung.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«</p> + +<p>Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter +beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, +der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie +ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie +kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a> +Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit +großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen +im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand +zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und +alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... +ich begann zu grübeln.</p> + +<p>»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen +Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine +Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage +die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, +und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht +mehr. Einmal sah ich eine edle Taube — mein Bruder +hielt Tauben —, die in einen Fabriksaal geraten war, in +dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten +und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin +und her und war außer sich! So fühle ich mich in der +Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch +hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung +zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie +lächelte nachsichtig.</p> + +<p>Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung +des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen +wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte +ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen +möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten +Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß +war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen +auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen +Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt +durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte,<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a> +den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, +sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später +kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen +können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich +gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein +Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« +gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen +überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig, +deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:</p> + +<p>»Nieder Niko!«</p> + +<p>Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und +verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte, +worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an +meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und +unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die +Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei +manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der +unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte +auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch +um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines +oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit +den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen +Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, +da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur +ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen +Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit, +sie erklärte den Charakter und Lebensanstand +ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung +und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. +Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a> +aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte, +mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu +haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des +jungen Mädchens in Frage zu stellen.</p> + +<p>»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich +und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen +will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug +anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich +ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas +kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, +ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne +habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre +alte Tante doch nicht zum Narren haben. — Kaja, ich +spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen, +dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden +und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle +ich sie Ihnen vor.«</p> + +<p>Sie richtete ihr Horn auf mich.</p> + +<p>»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.</p> + +<p>»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim +Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide +darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge +möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege +ich denn während ihres Bades hier im Park und auch +am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und +Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es +wäre ja auch schrecklich!«</p> + +<p>Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, +zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank +hervor und drängte auf das Haus zu.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a> +»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie +herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die +entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer +Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette, +die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst +unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm +hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs +unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht +zu unterscheiden.</p> + +<p>»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko +schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich +mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe +ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen +vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen +an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja +gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, +ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der +Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist +ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes +erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder +Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch +heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen +der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet +sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, +der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres +Haars ...</p> + +<p>»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so +machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante +Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir +dann etwas zu uns nehmen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a> +Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern +und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine +weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein +Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin, +und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag +um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!</p> + +<p>»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte +deutlich, daß es verächtlich klang.</p> + +<p>»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung +verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«</p> + +<p>Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie +nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie +mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah +dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.</p> + +<p>»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« +fragte ihr Blick die Tante.</p> + +<p>Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines +Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.</p> + +<p>Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, +aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.</p> + +<p>»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, +aber ein junger Student auf der Reise. Er ist Naturforscher +und hier fremd.«</p> + +<p>Kaja machte einen strengen Knicks.</p> + +<p>»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante +fort, »wir unterhalten uns hier noch ein Weilchen.«</p> + +<p>»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja +zu mir, »nachher komm schwimmen. Du siehst schrecklich +aus im Tageslicht, man schämt sich ja. Also auf Wiedersehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a> +Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte +aussprechen konnte und dazu ein Gesicht machen, als sagte +er, betroffen und verlegen: »Guten Morgen, mein Herr, +ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe, +daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«</p> + +<p>Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen +in sich hinein, und man sah den Bewegungen ihrer Hände +an, daß ihr ein Hindernis als überwunden galt.</p> + +<p>»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.</p> + +<p>»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es +die Schlußzeile eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.</p> + +<p>Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine +Unterkunft suchen zu dürfen, und half ihr damit aus ihrer +kleinen Verlegenheit. Während sie sich zu Niko niederbeugte, +schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre gestielte +Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und +steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte +ich damit für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, +um als glücklicher und ehrlicher Finder empfangen +zu werden. —</p> + +<p>Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten +Gras des Strandes und zog sich aus. Sie hatte einen +Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu sehen war, da +die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem +unterspülten Hang.</p> + +<p>»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir +fertig geworden bist, ist keine Heldentat, denn ich habe es +dir leicht gemacht, aber mit Tante <ins title="Mimsey das">Mimsey — das</ins> +will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir wohlgesinnt +ist.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a> +»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. +Bist du noch einmal eingeschlafen?«</p> + +<p>»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht +sie nicht.«</p> + +<p>Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, +die sich in meiner lächerlichen Frage kundgetan hatte, und +begriff, daß um Kaja der Seewind strich. Aber die Allmacht +ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare Prüfung. +Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, +je mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden +Hüllen emporstieg. Als sie ihr Hemd fortwarf, kehrte +sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:</p> + +<p>»Man muß dich ja schonen, du Armer.«</p> + +<p>Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll +Roheit gegeben, als ich da nun im Sand lag, das Gesicht +in den Händen und bebte.</p> + +<p>»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte +durch die Buchen zu spähen.</p> + +<p>»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.</p> + +<p>Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.</p> + +<p>»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen +raubst du«, stellte sie nachdenklich fest. »Aus dir wird +man nicht klug. Aber vor allen Dingen mußt du jetzt +etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für dich.«</p> + +<p>»Daran hast du gedacht, Kaja?«</p> + +<p>Sie sah mich fragend an.</p> + +<p>Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter +diesen Augen war ich es ohne Arg. Ich werde niemals +zu schildern vermögen, woher die Gefahr und Wohltat +dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a> +verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und +Schuld war ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. +Man vermochte in ihr zu sein, beglückt oder traurig, +aber erreichbar war sie nicht.</p> + +<p>Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer +gerichtet, mitten in der Sonne, und rauchte. Ihr Haar +fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, als schiene die +Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet, +in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. +Nun hob sie es langsam, ohne die Zigarette aus +dem Mund zu nehmen, mit beiden Händen, und barg es +unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es beim +Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue +Rauchsäule erhob sich lebendig über ihr und wanderte, +sich leicht zerteilend, lautlos ins Buchengrün empor.</p> + +<p>Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und +öffnete sich ganz den Sonnenstrahlen, wie eine blühende +Pflanze. Sie breitete ihre Arme aus, und als sie die +leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie mir +gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten +und umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und +durstig. Aber von einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, +ja verächtlich, so daß mir war, als saugte das +Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen Abgrund +von ewiger Selbstverlorenheit.</p> + +<p>Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als +würfe sie es fort. Keine Geste schien ihr verächtlicher zu +sein, als die der Darbietung. Dankbar ist sie nicht, dachte +ich, als dächte ein anderer für mich. Eines guten Mannes +gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a> +eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders +zu denken, als im Talgrund der Dankbarkeit eines +durch ihn begnadeten Weibes. Ich mußte lachen, und +Kaja sah sich nach mir um.</p> + +<p>»Was ist geschehen?«</p> + +<p>»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin +eines braven Mannes vorstellte.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, +wie ausschweifend du in deinen Gedanken bist.«</p> + +<p>»Erzähle mir von dir, Kaja.«</p> + +<p>»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest +mich endlich kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig +ihr doch seid, daß ihr den Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, +wie sie gesehen sein möchten. Es geschieht, weil +ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil ihr es +nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist +immer dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung +an und nennen es Verständnis, dann verstehen sie einander +endlich und werfen sich Täuschung vor. Ein lächerliches +Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«</p> + +<p>Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt +für Schritt, maß sie den feuchten Teppich, ging in Meer +und Himmel über und schien die helle Welt, das schöne +Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie annahm. Als +eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm +ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen +und verschmolz mit dem kühlen Wasser wie für immer.</p> + +<p>Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich +beides zu dieser Stunde vermochte, aber es ging, und ich +fühlte eine schmerzende Zweiheit wunderbar in mir heilen.<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a> +Zugleich aber sank es um mich her nieder, als fielen die +Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu +Dingen geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige +ich nun? fragte ich mein Herz, aber als Antwort hörte +ich nur den fühllosen Frohsinn der großen Wellen erklingen, +die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und sich +erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut +meine Brust sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, +Asja, liegt weit in der Ferne, bei der großen Stadt, +dein Grabhügel. —</p> + +<p>In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit +stampfte ich bald darauf durch die Mittagssonne am +Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war nicht +ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, +daß ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im +Lande blieb. Ist so Wichtiges, so Lebendiges, so viel +glückliches Tun mir gelungen, so wird sich das Beiwerk +dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach +Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, +einen Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.</p> + +<p>Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer +wieder von mir hören, wie groß es sei. Ich hatte es +nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht gewinnen kann +im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug +einer beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir +sagte, daß ich Kaja liebte mit der ganzen Inbrunst und +aus tiefster Seele, so erschien es mir in der eroberten +Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts +doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. +Sonderbar und mütterlich lächelte der Weltgeist<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a> +mich an, gnädig und zögernd, als sei ihm ein Irrtum +gefällig.</p> + +<p>Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte +ich, diese gewalttätige Verlassenheit, die die begrünte Erde +vergessen macht. Ich blieb stehen und hörte den Wellen +zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich meiner, und +ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in +uns mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes +Wrack, das schwarze Rippen in den fahlen +Sonnenglanz emporreckte.</p> + +<p>Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen +nassen Sand, den die Flut bespülte, und beobachtete, wie +die Wogen es auslöschten. Ich grub die Buchstaben tiefer +ein und sah abwartend und begierig auf die sanft heraneilenden, +durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über +den Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, +niederbrachen, wie mit Gelächter, und sich breit +und gelassen verebbend ausbreiteten und zerteilten. Sie +löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen zu sich +selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche +Art, ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob +ich stumm ihr geglättetes Sandbett betrachtete.</p> + +<p>Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein +Herz zu hüten, aber ihre Macht war eindringlich und +der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine süße Wollust. Und +plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf der bewohnten +Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den +Knabenernst meiner Absichten, über das Lebensgewicht +der kommenden Jahre, voll Streben, Erfolg und Wirken, +über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen werdet euch<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a> +im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen +oder im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, +zurückfluten und aufs neue in vergänglichem +Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.</p> + +<p>Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. +Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten +und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos +dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner +alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, ein +leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste +Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingesunken und +verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die +dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten +Wesenheit.</p> + +<p>Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses +Lächeln gebildet, als mir sonderbar deutlich Asjas Worte +über den Wandel der Natur zum Bewußtsein kamen, +und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der +Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise +emporzuheben, allein der Geist.«</p> + +<hr /> + +<p>Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine +mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, +hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit +Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein +Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox +und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land +ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des +kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen +Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a> +am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, +und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch +von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir +warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie +Engel, zu mir und ermutigten mich.</p> + +<p>Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang +war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah +und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich +ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln. +Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit +an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich +eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob +dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung +zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte +sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann +vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung +auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren, +daß sie keine Zustimmung herausforderten.</p> + +<p>Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit +feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu +streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen +Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen +mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres +Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und +den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen +schien.</p> + +<p>Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen +Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen, +wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich +heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt,<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a> +der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis +von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug +zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze +Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis +zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte +er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich +ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich +eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte +mich auf niederdeutsch, was mein Begehr <ins title="sein">sei</ins>, und da +ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer +auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit +ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause +finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich +nicht. Ob ich ein Franzose sei.</p> + +<p>»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.</p> + +<p>»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in +seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«</p> + +<p>»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«</p> + +<p>Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.</p> + +<p>»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß +schickt Sie zu mir?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«</p> + +<p>»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm +keinen besonderen Eindruck zu machen. »Ich würde mich +an die Junge halten, wenn ich in deiner Haut steckte.«</p> + +<p>»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete +ich und wies auf meinen Rock.</p> + +<p>Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er +irgend ein Ziel draußen auf dem Deich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a> +»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen +Mann nach seinem Rock gewählt, das bilden sich nur die +Laffen ein, die nichts als ihren Frack besitzen. Aber was +man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind geredet. Eine +Kammer habe ich, was gibst du mir?«</p> + +<p>Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine +Summe zu hoch zu finden, die ich doch nicht bezahlen +konnte.</p> + +<p>»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« +sagte der Alte, »so kannst du Unterkunft bei deiner Baronin +suchen.«</p> + +<p>Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu +ebener Erde enthielt nicht viel mehr als ein Bett, aber der +Boden war mit weißem Sand bestreut, und das Fenster +führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein Bündel +gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen +Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um +das Gewicht nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er +sagte: »Nun ja ... wirst auch nur eine Mutter gehabt +haben.«</p> + +<p>Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich +wohlwollend, denn es stellte eine Art Gemeinschaft +zwischen ihm und mir her, als habe er nach etwas gesucht, +das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt +hatten.</p> + +<p>»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte +er mir auf meine Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt +dich an deine Schloßmuhme,« fügte er hinzu, »sonst hat's +gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um sie fortzutragen, +und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a> +dem Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie +eine Krippe.</p> + +<p>Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern +Stuben des Hauses und durch den Garten, der Alte zeigte +mir alles. Der Brunnen befand sich weiter draußen im +Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie kleine +Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden +sei für die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze +und die Boote waren ihm doch das wichtigste. Ich bot +ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber er spie nur aus, +und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen +Lippen nach, wie er das Weite suchte. —</p> + +<p>Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten +eines struppigen Busches. Da ich am Nachmittag +mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, dessen Pflanzen +gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, daß +ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm +teilte. Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf +zurück, ein siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, +so hell wie Flachs. Ihre blauen Augen sahen ernst und +mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne andere Einschätzung, +als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte +nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie +war von unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, +andere Menschen als die Dorfbewohner zu sehen. +Auch wollte ich mich aufmachen, um im Wasserschlößchen +meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein +schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen +eines wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten +war mir lieber. Ich ließ das Fenster meiner Kammer<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a> +leicht angelehnt offen stehen und verabschiedete mich ohne +Erklärungen.</p> + +<p>»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir +einen großen Fisch.</p> + +<p>Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte +Fisch waren mir Gewähr, eine gute Aufnahme zu +finden. Die Sonne stand nun hinter dem Land und das +Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe +man viel weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und +die <ins title="Möven">Möwen</ins> waren +blendend weiß und schwebten klar geschieden +und ruhig im farbigen Himmel. Alles war +wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des +Sonnenaufgangs und die blendenden Bewegungen der +Elemente, die brausenden Wogen aus Glanz und Flut +waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu +haben.</p> + +<p>Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, +eine Mühle am Horizont, deren Flügel sich +bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. Es verband sich +mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie der +erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit +sich zu bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und +mich einrichten, das war mir fremd.</p> + +<p>Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in +den Stürzen der Flut vor meinen Augen, verwoben +in die Elemente der Natur, zugleich Plan und Entzückung, +unerreichbar, um mich her und tief in mir. +Wie ruhlos machst du mich durch die Trennung, Kaja, +und welche Trennung von mir selbst ist die Beruhigung +deiner Nähe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a> +Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante +Mimsey an einem gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte +durch die Büsche, die die Gartenpforte übergrünten, und +erkannte Niko auf ihrem Schoß, der schlief. Etwas +abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war +ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und +ich fand in der Gewohnheit dieser Stunde die innere +Haltung mich ihr einzufügen.</p> + +<p>»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut +und hielt mir ihre liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts +in der Welt, das je zwischen uns treten könnte. Kaja +drehte sich um, knixte steif und wischte ihren Pinsel am +Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den +Fisch und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem +Tisch, als ob er herabfiele und kam nicht mehr zum +Vorschein.</p> + +<p>Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den +Butt erblickte, den sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang +brachte, und an dessen Tod sie erst glaubte, +als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir zärtlich, +ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter +Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung +rührte sie, sie verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den +Fisch für tot hielt und ihre Brille mit frohem Dank +zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu Gott +stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, +am wenigsten laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, +und überlegte mir die Sache. Kaja erschwerte mir den +geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich umzudrehen, +gleichmütig:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a> +»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«</p> + +<p>Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung +war: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts +mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«</p> + +<p>»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey +liebevoll und schob mir ein großes Stück Kuchen hin.</p> + +<p>War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung +der alten Dame zu religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen +Äußerlichkeit, wie sie so oft in welken Gemütern +angetroffen wird, die eher eines undurchdachten +Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so irrte +ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und +Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, +still, heiter und in kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler +bestand in der Hauptsache nur darin, daß sie niemanden +für glücklich zu halten vermochte, der ihre Welt nicht +teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer aufrichtigen +Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für +erwiesen zu halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, +ohne deshalb eine Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich +oft über Kaja, die ihre Zustimmung übertrieb, um zu +spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel weiter +ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber +ihr Hohn war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche +Kraft der Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an +meinem heimlichen Tadel irre wurde, denn ich empfand +sie als kalt, mich aber als lau.</p> + +<p>Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr +Bild auf der Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr +Ausdruck von Arglosigkeit und Unschuld war so vollkommen,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a> +so ohne einen Schatten von Verstellung oder +Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl +so schmerzlicher Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, +daß ich glaubte, mein Herz schmerzen zu fühlen, wie in +einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht geöffneter +Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe +Forschen ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar +zu einem wehen und süßen Gehorsam der Hingabe, +daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom +heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte +mit Angst nach den Merkmalen ihrer schrankenlosen +Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen ihrer dämonischen +Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust +ohne Halt — kein Hauch von Schwüle oder Glut +lag um die klare Stirn, kein Feuer unheiliger Gier +des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die Kinderbläue +des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.</p> + +<p>Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem +farbigen Odem einer Wiesenblume im Morgentau vergleichbar +war, hatte eine furchtbare Wirkung auf die +schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff +mit Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller +Werte, in der die heiligen Feuer meiner Leidenschaft und +Liebe mir unrein erschienen, und ihre dämonische Priesterin +von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner entflammten +und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen +und betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, +der weit höheren Gesetzen unterworfen war, als sein +Schöpferwesen sie umfaßte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a> +Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß +ich mich mit Kaja oder meinem Gedanken beschäftigte, +diesen beiden Elementen, um derer willen mir das Leben +allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den +Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie +in einer gemütlichen Tortur, die mich zugleich in Erstaunen +setzte und ungeduldig machte. Wenn ich von +ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen +für einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand +angeregt, an Asja dachte, so war mir, als sähe +ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf dessen +Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen +dunklen See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.</p> + +<p>»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey +innig, »die Welt ist an Liebe arm, erst wenn wir diese +Absicht an den Tag legen, wird es besser.«</p> + +<p>»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die +mir mit gefalteten Händen gegenübersaß.</p> + +<p>Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, +gemeinsam mit einem Päckchen von Schriften. Sie schien +nach einem Gegenstand Umschau zu halten, der ihr fehlte; +endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und Kaja zog +eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt +Tante Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf +dem Tisch fest, daß sie aufrecht emporstand und forderte +mich auf, mit der Nadel in die leicht zusammengehaltenen +Blätter zu stechen.</p> + +<p>Das war mir neu, und ich zögerte.</p> + +<p>»Mutig«, sagte Kaja freundlich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a> +Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des +Spalts, und Tante Mimsey nahm die Brille.</p> + +<p>»Nun werden wir sehen«, sagte sie.</p> + +<p>Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich +bisher nur gewußt hatte, daß er vor Zephanja kommt. +Tante Mimsey vergrößerte mit einer Lupe, was von +seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das Zehnfache, +und begann zu lesen.</p> + +<p>»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und +sah mich an.</p> + +<p>Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:</p> + +<p>»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, +denn die Wölfe des Abends. Ihre Reiter ziehen +in großen Haufen von ferne daher, als flögen sie, wie +die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die +Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte +man Parder.«</p> + +<p>Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte +ich mich in meinem Blick, meine Lippen erstarrten +mir wie unter einem herben Schmerz.</p> + +<p>Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch +meinen Blick, und von ihren hellen Lidern strahlte mir +mein unmögliches Wesen zurück, wie ein Strom von +Traurigkeit.</p> + +<p>Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen +Kapitels auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen +des alten Propheten auf das kommende Reich des Heilands +und verglich die angeführten Übeltäter mit den +Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, +in denen sie lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a> +darauf zu sprechen, daß deshalb die Wiederkunft des Herrn +unmittelbar bevorstünde.</p> + +<p>Kaja sah auf die Uhr.</p> + +<p>»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte +Tante Mimsey geheimnisvoll mit und sah warnend drein.</p> + +<p>»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die +Tante wird hellsichtig. Nimm dir heute nacht ein Beispiel +am Dieb und sei pünktlich.«</p> + +<p>Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand +und ging, nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht +hatte, ins Haus. Nun wäre Andacht möglich gewesen, +wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja zu +folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte +er unter seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu +kommen, so daß der Kies flog. Tante Mimsey gewahrte +es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk versenkt hatte. +Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko +atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt +seine stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, +die nicht hinausgeschoben werden durfte. Sie +ließ alles stehen und liegen wie es war, löste die Kette von +der Banklehne und ließ sich von Niko davonzerren. Beim +Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die +Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne +Bedrängnis zu folgen vermochte; aber dann entschwand +auch sie meinen Blicken, und es wurde still im sommerlichen +Garten.</p> + +<p>Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert +und zugleich unbefriedigt. Der Gleichmut der +Meerstimmen zog mich an, und solange ich nicht daran<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a> +dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte +sich langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang +der sinkenden Sonne auf dem Wasser. Ich glaubte +den weiten Schattenteppich zu erkennen, den die Parkbäume +aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit +ruhigem Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, +als sei die Welt verlassen. Der Seetang duftete schwül +und fremdartig.</p> + +<p>Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden +Eindrücke nicht mehr gewohnt und sah Kaja wie in +einem Narrenkleid einhergehen. Die Verführungen dieser +arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich bitterlich, obgleich +ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu nehmen, was +sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen +Tags. Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges +zu retten, das in diesen Einflüssen herabgesetzt wurde +und verdarb. Es fiel Staub darauf, und alles wurde +kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und umher +standen hämische Verkünder der Erniedrigung.</p> + +<p>Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen +und vermochte in meinen Gedanken zu verweilen, wo +immer ich wollte. Die Sterne und Stunden waren meine +Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich Ewigkeiten. +Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah +die Erde in die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, +welcher von ihnen mich trug. Jetzt war es die +Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, die Stirn +gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer +Klarheit zum Meergesang hereinbrach, um so größer +wurden die Sterne und um so kleiner die Erde.<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>—</p> + +<p>Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir +im Garten entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, +schien nur spärlich durch die Baumkronen zu uns +nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft in diesem +geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur +undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein +äußerer Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und +dunkel und der Park im leeren Land wie eine Insel. Das +Gras duftete feucht, und die Grillen feilten an ihren undeutbaren +Stätten.</p> + +<p>»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« +sagte Kaja, »komm ans Meer. Ich weiß nicht, warum +es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, wir haben +sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. +Es ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, +wenn du es genau zu erkennen trachtest; schließt du +aber die Augen halb, so erstrahlt es am hellsten wie eine +kleine Lichtwolke. Du weißt den siebenten Stern und siehst +ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und glaubst es nicht. +Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«</p> + +<p>Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. +Ihr Fuß auf dem Boden war lautlos, es ging eine heimliche +Wärme von ihr aus, ein Sommerduft und -leid. +Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort zu +sprechen.</p> + +<p>»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du +es? Hast du nicht gemerkt, daß man es immer nur ganz +kurze Zeit kann, es ist doch schade. Ich möchte die Sterne +>tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, daß das +Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a> +atmet und glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne +bewegen sich, um einander näher zu kommen ... lachst +du mich aus?«</p> + +<p>Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab +ihn mir. Sie trug darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.</p> + +<p>»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein +kleines Mädchen war, noch fast ein Kind, gab ich den +Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den Empfindungen, +die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu +mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand +lag. Dieser hieß >Trauer<, jener >Unverstand<, dieser +>Frohsinn<, und einer hieß >Sünde der Nacht<. Ich +haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an +das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen +Farben. Ich verklagte ihn und sprach: Du hast mir +alles gesagt. Einen anderen nannte ich >Erlöser<, zu ihm +betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. Das war +auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. +Ich war sechzehn Jahre alt. — Hier ist es gut, der Sand +ist noch warm. Wie blaß du in diesem Licht bist, Lieber. +Nun leg deine Kleider ab, wir wollen baden. Ich möchte +dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt und +heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im +Einschlafen und Traum.«</p> + +<p>»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich +kennst, Kaja.«</p> + +<p>»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich +meine den Mann. Wie soll ich es dir sagen, da ich +doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft staune ich<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a> +über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne +sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte +ich mich in die Worte der Männer betten, wie in +ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe die Männer +immer.«</p> + +<p>»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, +als ich unter deinem Fenster sprach?«</p> + +<p>»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«</p> + +<p>»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«</p> + +<p>»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«</p> + +<p>»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als +daß ich zu dir will.«</p> + +<p>»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, +so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen +ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn +ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher +der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. +Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, +gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach +eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien +meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich +die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt, +wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du +mich küßt oder schlägst ...«</p> + +<p>Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört +an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...« +Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei +sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit +ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich +Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a> +Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft, +Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.</p> + +<hr /> + +<p>Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch +Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer +Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über +dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor +uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren +in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg +es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder +lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich +fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle, +gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. +Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers +nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam +wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein, +so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle +über dem Sand.</p> + +<p>Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas +entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem +tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die +Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie +verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete +gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom +Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren +uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des +zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung +wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit, +haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a> +Da überwältigte mich tief von innen her eine große +Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis +ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in +meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände, +und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das +furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es +schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf +der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen +in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in +einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, +lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal +darüber, daß Asja gestorben war.</p> + +<p>Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren +Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine +Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange +nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch +wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe +überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß +Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise +tranken.</p> + +<p>»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«</p> + +<p>Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.</p> + +<p>Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, +die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos +machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind:</p> + +<p>»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So +sprich doch, ach, ich bitte dich, sprich!«</p> + +<p>Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:</p> + +<p>»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich +bin dir ja gern zu Willen, und du darfst nicht von mir<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a> +glauben, daß ich arm und häßlich bin. Ich gehöre ja dir, +kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort tief innen, +wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«</p> + +<p>Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an +mich, und schaurig still, wie Gewitter am Himmel, +entzündeten Schmerz und Freiheit der Seele in mir +sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. —</p> + +<p>Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, +doch ohne Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst +ihres unerbittlichen Rechts gestellt, im Eigensinn der brennenden +Begabung. In März- und Sommerglut und +hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die +meine Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden +gedrängt, Augenblicke dehnten sich, in Silberfahnen +gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu Gestirn gespannt, +das Meer stürzte über die schneidende Firn der +Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit +der wieder emporsteigenden Nacht, über die gleitenden +Grenzen der Bewußtheit hin: Tausend Jahre sind wie +ein Tag. —</p> + +<p>»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg +des Lebens machen, anders als alle. Ich will einen guten +Gürtel haben, rasche Füße, frohe Augen. Wie offen liegt +die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und nichts +getan.«</p> + +<p>»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über +mir.</p> + +<p>Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, +wie eine Decke.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a> +»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht +vom Morgen zu dir, als ich dich noch nicht kannte, als +ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter dem Fenster?«</p> + +<p>»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, +bald wird es hell.« —</p> + +<p>Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem +Meer. Er leuchtete so hell am Horizont, daß mir war, +als füllte sein ferner Glanz mich an, als sei mein Leib +durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein +leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im +Sand sah ich die Spuren des holden Lebens, das mich +diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war fort, es war alles +umher still und leer wie am ersten Tag. Eine Fröhlichkeit +ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen +empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, +das zu immer größerer Macht anwuchs.</p> + +<hr /> + +<p>Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens +Nichte, im Wind über den Deich. Es war ein trüber, +stürmischer Tag und das Meer tobte. Han sah es selten +an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es +schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie +hörte mir gerne zu, wenn ich über das Meer sprach.</p> + +<p>»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und +lächelte schüchtern.</p> + +<p>»Nein, Han, du gehörst dazu.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »so ist es.«</p> + +<p>»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte +Baronin, Proker, den Diener, die Köchin mit der Haube<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a> +wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber wie solltest du sie +nicht kennen ... das ist ja natürlich.«</p> + +<p>»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge +Fräulein.«</p> + +<p>»Kaja, ach ja.«</p> + +<p>Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; +das helle Blau ihrer Augen war farbig und hart wie +Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne Wehmut und +Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:</p> + +<p>»Also, dann sprich von ihr ...«</p> + +<p>Ich erschrak.</p> + +<p>»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn +man neben ihr dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt +sich alles und bekommt seinen Wert durch sie ...« +Ich stockte und schwieg.</p> + +<p>Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich +hinab, um uns zu schützen, und tappten weiter durch den +losen Sand. An geschützteren Stellen wuchsen Heidekraut +und Ginster, da schritt es sich leichter.</p> + +<p>»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, +erzählte Han. »Es war eine Sturmflut, alles lag unter +Wasser, und der Leuchtturm und die Station standen auf +einer Insel.«</p> + +<p>Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der +weite Reisen gemacht hatte; ihre Eltern lebten in der +Stadt. Alles kam herb und mühsam über ihre Lippen, +es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die +mit dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr +gefälliger vonstatten, Schreiten und Rudern und das +Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a> +»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich +habe die Hände falten müssen, als ich sie sah. Ich brachte +die Koffer auf der Schiebkarre.«</p> + +<p>»Wer? Wer kam?«</p> + +<p>»Das Fräulein doch ...«</p> + +<p>»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«</p> + +<p>»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, +weil Veit Geesten ertrank.«</p> + +<p>»Wer war das?«</p> + +<p>»Ein Fischer.«</p> + +<p>»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu +tun?«</p> + +<p>»Das war so.«</p> + +<p>»Sag mir doch, was du weißt, Han.«</p> + +<p>»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts +gesagt.« Wir waren uns plötzlich fremd und schwiegen +beide. So ließ ich sie denn allein ihren Weg machen und +legte mich in den Sand, bis der Abend und der Regen +mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, +sie hatte wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust +aus, ohne Licht und wie auf einen Fleck gebannt, schaukelte +sie in den grausamen Wasserbergen. Die graue, +große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem +Gemüt aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das +Schiff gegen die Wogen.</p> + +<p>Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten +Saal von großer Pracht, der mit festlich gekleideten +Menschen angefüllt war. Eine verborgene Musik spielte, +fröhliches Lachen und das Klingen von Weingläsern erschollen. +Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a> +kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre +Schultern und Arme den Saal. Ich suchte mit meinen +Augen Kaja. In einem Winkel der Vorhalle lehnte sich +eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das fast noch +ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten +seine Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und +begierig. Sie lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie +die Blicke hob, fing er sein Gesicht und schaute einfältig-gütig +drein. Ein Diener mußte Vorwürfe anhören, er +schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich +kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige +Kraft ihres Körpers wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten +gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren begleiteten +sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der +Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal +ihrem Zauber.</p> + +<p>Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, +aber ich ging noch ein paar Schritte über sein Haus +hinaus, um nach dem Wasserschloß auszuspähen. Ein +dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles, +was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. —</p> + +<p>Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder +dem Sommerwind, und als eines Morgens die Sonne +strahlend über dem Meer aufging, glitzerte ihr Licht in +der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand wurde +wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah +weit, weit hinaus zur Rechten und Linken. Die Brust +hob sich mit dem frischen Blick und das Gemüt war wie +verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und +Erde für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a> +Tag, und keine Entstellung aus einem Kampf gegen das +Ungemach der trüben Zeit war an ihnen zu finden.</p> + +<p>Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das +Wasser blau durch die Bäume glitzerte. Sie schritt hell +und rasch durch die goldenen Lichtwege der Sonne und +sang.</p> + +<p>»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«</p> + +<p>Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne +Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden +Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit +glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden +der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen +an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall +pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, +das feuchte Stroh meines Betts, Hans +tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte, +sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie +ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.</p> + +<p>»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf +meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die +Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat +täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen, +brich es nicht und geh zu ihr.«</p> + +<p>Sie sah mich neugierig an.</p> + +<p>»Ach, die <ins title="Tante ..">Tante ...</ins>«, sagte ich.</p> + +<p>»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten +Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten. +Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja +selber einer.«</p> + +<p>»Hast du Freundinnen, Kaja?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a> +»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht +mehr zu fragen.«</p> + +<p>»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, +daß du keine hast.«</p> + +<p>»Ich hatte eine, damals vor ...«</p> + +<p>»... vor Veit Geesten.«</p> + +<p>»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich +verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel +angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme +Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging +sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen +nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, +um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie +auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im +Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, +wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, +dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen +Frühling.«</p> + +<p>»Ist sie auch tot?«</p> + +<p>»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, +aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen +können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab. +Sie ist also glücklich. — Du nimmst alles so ernst.«</p> + +<p>Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter +ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die +Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im +feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich +heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die +stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie +ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a> +weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es +durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr +Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im +Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen +habe?</p> + +<p>Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- +und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war +kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte +und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des +Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, +wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, +hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte +Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen +den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren +nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, +wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre +Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie +rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die +warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.</p> + +<p>»Pflück' die Blume dort, Kaja!«</p> + +<p>Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.</p> + +<p>»Wozu? Was willst du damit?«</p> + +<p>Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in +einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.</p> + +<p>»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre +Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und +ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit +auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, +warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte +und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a> +Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, +sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen +groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt +hatte.</p> + +<p>Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in +jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach +den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit +sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam +ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt +und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie +nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie +lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller +Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht +gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb +um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. +In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall +der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie +zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.</p> + +<p>Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, +die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, +die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge +verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren +Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere +Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder +Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, +in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, +berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen +vermag.</p> + +<p>Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, +Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a> +Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen +Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich +gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden +Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung +der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte +mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle +nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt +habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, +dachte ich, und nun — ist es denn Wahrheit? — würdest +du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner +Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches +würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück +stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann +nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht +der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir +kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, +du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner +Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.</p> + +<p>»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte +Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als +sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. +Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine +Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen +Schwester. — Wenn du mich berührst, wirst du +ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, +sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du +gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich +durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein +Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen +Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a> +alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort +auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und +behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend +Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich +klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du +bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, +obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und +alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«</p> + +<p>»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, +das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das +Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!< +rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«</p> + +<p>»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.</p> + +<p>»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«</p> + +<p>»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«</p> + +<p>»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«</p> + +<p>»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, +daß ich dich manchmal beneide?«</p> + +<p>»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.</p> + +<p>Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die +Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte +ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die +Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.</p> + +<hr /> + +<p>Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, +nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit, +die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus +geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht +gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a> +gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung, +die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir +der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich +machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.</p> + +<p>Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen +am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und +was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen +können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm +mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend +aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und +tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen +war.</p> + +<p>Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, +Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten +mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein +Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich +deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, +alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu +machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie +gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme +Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.</p> + +<p>Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in +meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen, +ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem +Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht, +die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er +war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller +Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern +fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft, +waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a> +sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ +mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es +schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn +herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard« +verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?</p> + +<p>Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht +ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser +Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern +des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht, +die in mir erwachte.</p> + +<p>Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach +den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte +so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer +späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen +blieben.</p> + +<p>»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet +überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir +vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte +Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und +planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn +in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für +sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen +und kraute Niko.</p> + +<p>»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich +Vetter Eberhard.</p> + +<p>Kaja sah mich an.</p> + +<p>Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, +wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er +sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir +auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a> +»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. +In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch, +und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen +zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«</p> + +<p>Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von +einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen +können.</p> + +<p>Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme +erst nun erwacht.</p> + +<p>»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner +alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung +zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«</p> + +<p>»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft +nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr +liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit +anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten +ihren Sinn versteht.«</p> + +<p>Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte +sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:</p> + +<p>»Warum lachen Sie?« fragte ich.</p> + +<p>»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der +Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« +antwortete sie kühl.</p> + +<p>Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich +schwieg und sah vor <ins title="mir">mich</ins> + hin. Warum habe ich die Hand +geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute +ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? +Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst +du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen +Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a> +Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich +böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor +Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?</p> + +<p>Plötzlich hätte ich lachen mögen und <ins title="Beiden">beiden</ins> die Hände +reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. +Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich, +es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens +ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz +zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das +kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch +ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und +ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach +mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag +auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr +und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war +für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.</p> + +<p>Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.</p> + +<p>»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.</p> + +<p>Ich lehnte ab, ohne zu danken.</p> + +<p>»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie +rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre +ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das +zuviel gesagt?«</p> + +<p>Ich sah ihn an und antwortete:</p> + +<p>»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich +wissen lassen wollten.«</p> + +<p>»Wieso? — Also Sie rauchen jetzt nicht ...«</p> + +<p>Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch +und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine +Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a> +Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein +wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das +unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys +leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller +Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau +trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und +Sprechen zu verbergen trachtete.</p> + +<p>Nun sah Kaja mich an und sagte:</p> + +<p>»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, +vielleicht am Strand, wie sonst?«</p> + +<p>»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« +sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen +sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«</p> + +<p>»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, +wie Sie vielleicht glauben.«</p> + +<hr /> + +<p>Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister +der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken +zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht +in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem +Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte +die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, +die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich +um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich +und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und +verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. +Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?</p> + +<p>Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich +erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a> +fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des +Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, +süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und +an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe +finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und +ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus +den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie +schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der +Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer +Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden +Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll +sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen +der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.</p> + +<p>Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die +Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen +und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete +sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der +seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, +langsam gemeinsam herauf. Han hatte über +dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir +drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein +wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, +die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam +ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch +schweigsamer geworden.</p> + +<p>Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond +noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem, +bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. +Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt +sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a> +sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich +tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht +ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten +Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.</p> + +<p>Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen +Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten +Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen +nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief +wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes +Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. +Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie +helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren +zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben, +bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand +fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am +fernen Strand liegen blieb. —</p> + +<p>Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen +niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich +schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine +erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes +Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren +Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine +wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein +mütterliches Wort gesprochen hätte.</p> + +<p>»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.</p> + +<p>»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«</p> + +<p>»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«</p> + +<p>»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett +geschlafen.«</p> + +<p>»Bleib, wir wollen jetzt nicht <ins title="baden">baden.</ins>«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>Sie sah sich um.</p> + +<p>»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, +wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist +und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und +schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig, +als wollte ich erst auf das kommen, was mich +wesentlich bewegte.</p> + +<p>Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:</p> + +<p>»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für +mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir, +im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt +erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,« +fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu +leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem +sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend +in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts +als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde +bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der +Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber +mich laß in Ruh.«</p> + +<p>»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre +sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum +Wert des Menschen.«</p> + +<p>»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh +hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich +fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange +ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige +ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. +Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, +weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a> +Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den +Stielen, um sie kürzer zu machen.</p> + +<p>»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? +Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören +wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich +außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«</p> + +<p>»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie +zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die +Brauen.</p> + +<p>»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte +dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«</p> + +<p>»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte +sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit +es zu mildern.</p> + +<p>»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein +Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht +schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht +in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer +du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich +fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich, +töricht.</p> + +<p>»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, +»füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich +verachten könntest.«</p> + +<p>»Du bist klug wie Feuer.«</p> + +<p>»Ist das Feuer klug?«</p> + +<p>»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts +von der Liebe.«</p> + +<p>»Leuchtet es nicht?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a> +»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen +Dasein braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was +es braucht, und alles, was es hindert.«</p> + +<p>»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, +sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein +gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«</p> + +<p>»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn +begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst +du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen, +oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, +es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug +so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen. +Es soll nichts von mir gelten, als daß ich +hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. +In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit +des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein, +erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe +einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche +derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam +bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind +haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas +zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn +meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen +ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist +tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite +sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die +Jugend ...«</p> + +<p>Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem +Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein +Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a> +voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft. +Aber sie wußte es nicht, sie sagte:</p> + +<p>»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch +allein.«</p> + +<p>»Weshalb sagst du das?«</p> + +<p>»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist +Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie +willst du zu ihm kommen?«</p> + +<p>»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«</p> + +<p>Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er +schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und +eine ewige Schuld.</p> + +<p>»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich +dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen +könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich +kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh, +mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel +und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit +lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen +ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß +und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist, +wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand +oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie +Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht +Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das +Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«</p> + +<p>»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie +meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen +nicht abhängig sein von meiner Tugend oder +Untugend.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a> +»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber +meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück, +von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst, +nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes, +das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst +mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen +Heimweh nach ewigem Bestand.«</p> + +<p>Sie sah mich unruhig und böse an.</p> + +<p>»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie +ungeduldig.</p> + +<p>»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem +Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu +töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu +diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen +Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können +und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses +lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter +lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die +Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf +unser Geheiß von uns.</p> + +<p>Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich +dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte, +als indem ich sie ganz erlitt.</p> + +<p>Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten +Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den +Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz +in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne +waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht +die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern +im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a> +jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um +den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde +berührt.</p> + +<p>Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von +Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der +Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein +Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt +mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, +daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie +mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen +der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun +Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und +daß sie nicht allein sein würde.</p> + +<p>Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, +die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen, +auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die +mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der +großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor +Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es +muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes +Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, +ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott +ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und +ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu +Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein +ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das +ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: +Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf +keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es +betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a> +willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen +und Traurigkeit.</p> + +<p>So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, +wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne +scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker +taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im +Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, +in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen +und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte +zu tragen.</p> + +<p>Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der +Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die +uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt, +und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des +Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß +der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit +unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich +der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein +des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, +bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde +und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das +ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von +der Mutter, um zum Vater emporzufinden.</p> + +<p>Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht +nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne +Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen +Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist +groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, +sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit +nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a> +hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,— +ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! — um so +mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es +auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, +deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar! +Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand +nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen +Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht +doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und +mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?</p> + +<hr /> + +<p>Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und +Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens +schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen +in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, +dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still +geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und +es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle +der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein +Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl +waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über +den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung +voller Hoffnung und Schicksal.</p> + +<p>Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch +die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit +diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte +sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare, +zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen +aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a> +ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren +Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden +zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf +meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern +und Funken.</p> + +<p>Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den +Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln +können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen +der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben +oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu +irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes +dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren +im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige +Feuer der Lüsternheit entzündet hat.</p> + +<p>Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme +eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem +Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des +Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen +könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. +Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger +Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem +Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der +Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches +warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen +kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich +versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem +geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.</p> + +<p>Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu +deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein +verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a> +Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen +eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es +kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein +Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht +und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin, +hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme +Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? +Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas +wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester +da oben, du lieber Irgendwer.</p> + +<p>Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens +in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen +Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht, +wie ein Dienstbote, wie —— wie einst mich. War ich +nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen +gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und +versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit +zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden? +Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der +Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber +ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht +flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir +in der Schule hatten singen müssen.</p> + +<p>Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von +einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände +zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden +Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir +und Kaja entstanden, für immer.</p> + +<p>Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch +einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a> +seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen +wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl +ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares +Bild der Natur hervorbringen. Es ist die +grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis, +ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, +dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden +Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert. +Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum +erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste +bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von +Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen. +Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort +eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke +in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu +stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente +verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler +blieben.</p> + +<p>So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem +Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon +morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im +unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob +und zitternd vor mir stand.</p> + +<p>»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg +bebend.</p> + +<p>Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? +dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am +Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem +Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.</p> + +<p>»Geh, Han, und schlaf.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a> +Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren +Knieen.</p> + +<p>»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das +Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist +traurig ...«</p> + +<p>»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch +traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein +Mensch, wie es kommt.«</p> + +<p>»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so +iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht +warum.«</p> + +<p>So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein +in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. +Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus +den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden +in der Stille, so daß ich es hörte. —</p> + +<p>Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon +hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem +Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige +Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen +Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und +schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten +klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte +draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.</p> + +<p>Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war +neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch +mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte +kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander +heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a> +schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber +und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas +rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen, +fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen, +ein Traumtal ohne Ende.</p> + +<p>Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten +arbeitete.</p> + +<p>»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern +eintrat, »ich wollte nur ...«</p> + +<p>»Hast du Geld, Han?«</p> + +<p>»Geld?«</p> + +<p>»Antworte.«</p> + +<p>»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der +Kommode.«</p> + +<p>»Und anderswo?«</p> + +<p>»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr +als hundert Taler.«</p> + +<p>»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«</p> + +<p>Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins +Zimmer.</p> + +<p>»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen +Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. +»Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«</p> + +<p>Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das +schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt +und mit einem Bändchen verschnürt war.</p> + +<p>»Kommst du wieder?« fragte sie.</p> + +<p>Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.</p> + +<p>Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, +es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder,<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a> +auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen +munter am Werk, und hörte die Stimmen der +Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs +sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen +dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den +Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und +war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der +sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter +Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den +Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir +ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht +wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht +hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine +gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem +Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner +Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und +einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich +im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten +Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren, +die mich hätte verderben können.</p> + +<p>Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme +und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen +ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen +Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir +wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich +erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte +und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr, +sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit +verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten +Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a> +bemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich +lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen +zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel. +Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden +über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, +und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen +anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme +band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde +mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert +einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige +Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn +er sittsam zu sprechen versteht?</p> + +<p>Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir +geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. +Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße, +weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie +aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte +gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate +anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing +mich unter der offenen Tür des Hauses.</p> + +<p>»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die +Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.</p> + +<p>»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug +ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.</p> + +<p>Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer +in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, +ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute +davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe +ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe es<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a> +im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber +schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte +führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an +die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich +langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es +gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich +vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken +töten sollte.</p> + +<p>Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, +sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen +hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung +gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der +Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, +barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. +Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück +schmälern.</p> + +<hr /> + +<p>Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse +denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, +der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt, +als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der +alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie +wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig +dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und +sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute +sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten +nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung +Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht +Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung +vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a> +glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. +Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die +Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt, +weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz +unseres Daseins.</p> + +<p>Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, +als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum +beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben +vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht +vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. +Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und +euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem +schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst +einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen +Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine +ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir +war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen, +damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber +ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, +darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich +beneidete ihn glühend um das, was er sah. —</p> + +<p>So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele +am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen +Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor +und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht +am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene +Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom +Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort +die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile +schützten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a> +Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich +Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte +sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm +von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am +Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. +Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, +und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten +Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar +kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug +ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen +hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe +ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken +durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers +schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen +Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe +gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag +ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses +Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.</p> + +<p>»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard +mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin +nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht. +Für wen hältst du mich? — Wo warst du?«</p> + +<p>Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, +zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, +halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr +hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil +über seiner Schulter sah.</p> + +<p>Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre +leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in +Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a> +wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat +sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war +betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit +getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer +Zurückhaltung.</p> + +<p>»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge +Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht +geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du, +deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir +aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! +Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit +du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das +willst du! Und das ...«</p> + +<p>Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über +die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da +wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne +Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder, +umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und +heiß darauf.</p> + +<p>»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den +Blick zu ihm empor.</p> + +<p>»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete +er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm +mit!«</p> + +<p>Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so +fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich +war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger +Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich +und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung +und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot,<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a> +sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte +vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang +sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines +Steins im zerspringenden Glas nachklingt. —</p> + +<hr /> + +<p>Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie +sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir +hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um +sie zu finden.</p> + +<p>»Du gehst?« fragte sie.</p> + +<p>»Ja, Kaja, ich gehe.«</p> + +<p>»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«</p> + +<p>Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, +solange ich lebe.</p> + +<p>Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann +damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht +zu halten.</p> + +<p>»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir +steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht +bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«</p> + +<p>»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht +immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, +und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir +auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben +viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über +mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, +auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen +nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«</p> + +<p>»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a> +Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, +aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in +unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie +war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt, +wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar +trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer +wie ein lebendiges Gut.</p> + +<p>»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... +oder?«</p> + +<p>Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und +ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich +und schienen ohne Eifer zu warten.</p> + +<p>»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat +mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die +Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«</p> + +<p>»Weiß sie denn, daß ich fort will?«</p> + +<p>»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«</p> + +<p>»Du hast es ihr gesagt ...«</p> + +<p>»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und +sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend, +die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ... +mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne +Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«</p> + +<p>»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel +unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte +haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man +verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten, +nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. +Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie +zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen,<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a> +stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter +diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel +stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen. +Nein, das Meer ist es nicht.«</p> + +<p>»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte +Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde +ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«</p> + +<p>Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine +Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases +nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand +bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ +den trockenen Sand durch die Finger gleiten.</p> + +<p>»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer +Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete +ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir +als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung +des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam +fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast +etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, +aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich +es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest +du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du +das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine +Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, +das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute +Reise, Lieber.«</p> + +<p>Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten +uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. —</p> + +<p>Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor +Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a> +zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den +Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße +unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, +Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, +da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre +etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam, +mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne +den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. +Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir +längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen +der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen +und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. +Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde +bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare, +unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst +nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt +schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach +und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!</p> + +<p>Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. +Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag: +Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war, +als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort +auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, +und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir +doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert, +aber nun wird es umher dunkler und dunkler.</p> + +<p>Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der +mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände +hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a> +hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die +ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen +können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende +unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte, +mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.</p> + +<p>Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing +mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem +Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen +Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie +mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs +neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die +Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und +die Augen schlossen sich.</p> + +<p>Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die +Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse +der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer +klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als +käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und +als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein +Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief +laut:</p> + +<p>»Stehe auf! Stehe auf!«</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p> +<p>******* This file should be named 33603-h.txt or 33603-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/6/0/33603">http://www.gutenberg.org/3/3/6/0/33603</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution.</p> + + + +<pre> +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +<a href="http://www.gutenberg.org/license">http://www.gutenberg.org/license)</a>. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/33603-h/images/vignette.png b/33603-h/images/vignette.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..366cf7d --- /dev/null +++ b/33603-h/images/vignette.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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