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+The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Eros und die Evangelien
+ Aus den Notizen eines Vagabunden
+
+
+Author: Waldemar Bonsels
+
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+Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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+Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+ übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+ korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+ sich am Ende des Textes.
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+
+
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+
+
+WALDEMAR BONSELS
+
+EROS UND DIE EVANGELIEN
+
+Aus den Notizen eines Vagabunden
+
+
+67. bis 90. Tausend
+
+
+1922
+
+* * * * *
+
+Verlag der Literarischen Anstalt
+Rütten & Loening
+Frankfurt a. M.
+
+Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
+Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
+
+Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.
+
+
+
+Kapitelfolge
+
+Seite
+Der Tod 7
+Das Meer 109
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der Tod
+
+
+Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am Deckleder eines
+meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann, so daß eine Spalte klaffte,
+wenn ich den Fuß streckte. Es setzte mich in Erstaunen, da meine
+Stiefel, mit Ausnahme der Sohlen, eigentlich noch in einem recht
+brauchbaren Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den Blick
+auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade aussahen. Da ich
+damals eine für meine Verhältnisse und Ansprüche angesehene Stellung in
+einer Buchdruckerei bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere
+Erscheinung legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, der
+Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung auf einem Hofe wohnte.
+
+Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit und Bildung,
+besonders für die erste seiner Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm
+Gelegenheit. Er hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die
+etwas Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst an, der
+meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur Bedeutung des vorliegenden
+Falls stand.
+
+»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich springe nur eben so auf
+meinem Weg zu Ihnen herein« sagte ich.
+
+»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner Worte, »lange werden
+Sie auf diesen Stiefeln nicht mehr springen.«
+
+Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, ohne in Betracht zu
+ziehen, daß zu dieser Sache auch eine Person gehörte. Zudem kostete er
+die zufällige Überlegenheit, die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig
+aus. Ich hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu
+sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen sei. Wenn ich die
+Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten, ins Zimmer gespuckt und
+geflucht hätte, so wäre ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild
+entstanden, das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand
+hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung, daß ich
+beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich war, daß ich gewissermaßen
+den schlimmen Zustand meiner Bekleidung als zufällig hinzustellen
+beabsichtigte, und mich für etwas besseres hielt, als andere Leute mit
+zerschlissenen Stiefeln.
+
+Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem Mann über diese
+Dinge, und ich hätte es sicher getan, wenn draußen nicht der Regen vom
+grauen Himmel geströmt wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir
+schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die ratlose Trauer über
+mein Geschick und meine Zukunft quälte mich. Welch eine Kluft gähnte
+zwischen meinen Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich
+lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war mein Brot. Solche
+Leute sind vom Sonnenschein abhängig, wer dagegen weiß, was er zu tun
+hat, tut es auch im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm
+verfolgen, aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der Wärme ab, wie
+ein Keim in der Erde.
+
+Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen, die Unruhe mit
+ihrem tödlichen Nachbarn, dem Hang zu zerstören, in mir wachsen. So
+erhob ich mich von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf
+Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur hinaus, nur um mich
+zu bewegen, in meinem hilflosen Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers
+lag zu ebener Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und
+dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren Türen und am
+Ende eine Treppe, auf der es zum ersten Stockwerk emporging. Da vernahm
+ich in der Dämmerung ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein
+Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller Gesang. Unter
+diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich stand, brach in meiner Brust
+eine Quelle auf und mir war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch
+gelitten hatte, ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde
+mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich mir darüber klar zu
+werden vermochte, wie dies geschah, aber wie im Gehorsam gegen einen
+inneren Befehl, öffnete ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen
+schien, und trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an einem
+Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am Fenster ein Bett
+stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber es war alles still im Raum.
+
+Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der glanzlose Tagesschein,
+eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht der Ruhenden, das weiß und
+unwirklich schimmernd in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie
+Kohle war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an den Körper
+angelegt, der sich unter der leichten Decke abhob, grade gebettet wie
+bei einer Toten. Aber die Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust
+sich unter ihren Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich,
+daß sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich sagte zu der
+Frau, die sich langsam aufrichtete und mich wortlos ansah:
+
+»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.«
+
+Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam und schob mir einen
+Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze abwischte.
+
+»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie.
+
+Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen elenden Gesichts
+wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die ohne Neugier in meinen Zügen zu
+lesen trachtete. Ich antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine
+Antwort nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen wollte,
+die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. Die Traurigkeit gibt den
+Menschen eine eigenartige Freiheit, weil sie die Augen aus dem Wirrsal
+der kleinen Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch sein
+mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit gemeinsam und richtet
+unsere innere Haltung aus den Regionen der täglichen Beengung in eine
+Welt höherer Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb
+das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht als etwas Ungewöhnliches
+oder Hinderndes zu betrachten, sie nahm sie gleichmütiger hin als es
+andere, in ihren Gewohnheiten gesicherte Menschen, getan hätten.
+
+»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich.
+
+Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine Mutter setzt immer
+voraus, daß die Welt von ihrem Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so
+antwortete sie einfach:
+
+»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen wollte, wäre mir
+wohler. Ich habe immer gedacht, diese Krankheit bliebe den Leidenden
+verborgen, aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem Tod.«
+
+»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.
+
+»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.
+
+Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah zu Asja hinüber. Die
+Ruhe ihres Gesichts erfüllte das Zimmer. Die Lider über den Augen waren
+das hellste der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut,
+Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf einem kleinen Tischchen eine
+Tasse, eine Kerze und ein Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein
+paar lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer Blumenvase
+und einem Stück Brot.
+
+»Liest Asja viel?« fragte ich.
+
+Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die Leute leihen sie
+ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«
+
+»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«
+
+Die Mutter lächelte.
+
+»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen darüber sprechen, was in
+den Büchern zu lesen steht. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht
+auf einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit weniger
+zufrieden, als die Menschen wissen, die alles haben, und gehen und
+leben, wie sie wollen. Wenn die Toten noch Empfindungen hätten, so wären
+sie sicher dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand
+sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, was dem Kind Hilfe
+brächte, aber es gibt keine mehr für uns, und das Warten, ohne etwas
+bewirken zu können, macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ...
+Oft überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht mehr
+ertragen zu können.«
+
+»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich dasselbe.«
+
+»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...« sagte die Frau mit
+zögernder Erwartung. Sie hatte ein Tuch um die Schultern gelegt, eine
+Tasche über den Arm gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu
+verlassen.
+
+»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch eine Weile dauern, so
+bleibe ich also noch ...«
+
+»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.«
+
+Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, seufzte auf, mit
+einem langen Blick auf die Kranke, und gab mir die Hand. »Wenn Sie an
+die Bücher denken wollen?«
+
+Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie kam noch einmal
+zurück: Es stünde Kaffee im Rohr, wenn ich etwas wollte, oder vielleicht
+auch, daß Asja darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die
+Papierfabrik.
+
+Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden hinüber
+und begegnete ihrem Blick, der groß und dunkel auf mir ruhte. Ein kaum
+bemerkbares Lächeln, ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde
+zu einem leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen suchte.
+
+»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre Stiefel. Aber warum
+tun Sie es bei uns?«
+
+»Sie haben gewacht?«
+
+»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, und da es doch
+sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit sie leichter fortfindet. Wie
+kommen Sie zu uns?«
+
+»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden weinen und trat ein,
+man kann nie wissen ...«
+
+»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.«
+
+»Mir schien es so.«
+
+»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch gespannt, was es sein
+wird. Haben Sie viele Bücher?«
+
+»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt keine, sie sind mir
+abhanden gekommen, oder liegen auf dem Dachboden meines Elternhauses,
+das nicht in dieser Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das
+wird mir nicht schwer.«
+
+»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam, lächelte und sah vor
+sich nieder. In ihrer Ablehnung, die keinesfalls Bescheidenheit war, lag
+trotzdem nichts von einer Kränkung.
+
+Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich eben noch befunden
+hatte, sich jählings gegen eine andere vertauscht, als sei ich aus einer
+lauen, bedrückenden Luft, die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu
+bereitwilligem Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben Windzug
+geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu helfen galt, sondern zu
+bestehen. Ein leiser Unwille, dessen ich mich schämte, machte mich
+unsicher. Ich dachte: da sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.
+
+Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die Augen dieses
+Mädchens senkte, begriff ich, auf welche Art ich ihr mit dem Gefühl des
+Mitleids Unrecht getan hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr,
+dachte ich, und begann zögernd:
+
+»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten hatte, als ich
+Ihre Mutter und Sie gewahr geworden war, hatte ich das quälende
+Schuldbewußtsein, in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich
+nun in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts mehr
+schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.«
+
+Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre Ellenbogen und sah
+mich in so großem Erstaunen an, daß ich, wie vor mir selbst, erschrak.
+Was habe ich denn gesagt? dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich,
+ich besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares vergessen,
+das ich heimlich dennoch gesucht hatte.
+
+»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen schüchtern und
+langsam, aber mit großer Deutlichkeit, und als ich den Blick wieder hob,
+sah ich, daß sie so bleich war, wie das Leinen ihres Betts.
+
+Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich zögernd:
+
+»Wen hast du erwartet?«
+
+»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen.«
+
+Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter diesen Worten, nie
+war es so von unfaßbaren Gewalten hin und her geworfen. Hoffnung und
+Mut, Zweifel, Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme
+und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen haben mich
+verdorben, dachte ich, denn wie kann mein Glaube am Tor dieser Wohltat
+zaudern, was hindert mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich
+bin, und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst und allen?
+Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte ich, daran sind wir alle
+krank. Aber darüber ward die Helligkeit der Genesung, die mir
+entgegenströmte und die zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir,
+daß ihr Licht meine Augen blendete.
+
+Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und legte ihren Arm um
+meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht dicht vor meinem und unter der nun
+ruhig gewordenen und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte
+ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank ist; wieviel
+erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein ganzes Leben vermag es
+nicht auszumessen. Ich glaube, in Wahrheit leben wir alle nur ein paar
+Augenblicke, alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies aber
+war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst wußte ich im
+drohenden Ernst meines Glücks nichts zu sagen.
+
+Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das einzige zu sein, vor
+dem ich mich befand. Sie lag nun wieder still und grade vor mir auf
+ihrem Lager und sah mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ
+mich so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie öffnete
+meine Hand und legte die ihre hinein, warm und fest, mit dem Rücken nach
+unten, als bettete sie sie in ein lebendiges Lager.
+
+»Bist du sehr krank?« fragte ich.
+
+Sie nickte und lächelte.
+
+»Wirst du gesund werden?«
+
+Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb.
+
+Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls, wie in einem
+Seelenraum, der weder Glück noch Schmerz zu fassen vermag, mir war
+zumut, als zöge das Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch,
+daß ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind die Ufer, die
+dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als stünde ich selber still
+und als zögen die Ufer dahin, aber in Wahrheit bin ich es, der zum
+erstenmal in die Bewegung des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie
+die Werte alten Bestands davonziehen.
+
+Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar nüchtern,
+aber zu erfassen oder zu glauben vermochte ich den Sinn meines Gedankens
+nicht. Es kann nicht wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten
+habe, sann ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln,
+dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? So lächelte
+meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine arge Botschaft brachte, hinter
+der sich im Grunde doch eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals
+noch alles möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, und von
+der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde, da mein Leid ihr
+schmerzlicher war als mir ...
+
+Da sagte Asja:
+
+»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht und fürchten sie
+immer. Wer aber krank gewesen ist, weiß, daß die Erinnerung an diese
+Zeit nicht immer trüb und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war,
+sondern daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen kann,
+die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht bricht aus der
+Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit führt, die sich langsam
+mehr und mehr mit unserem Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist
+viel schmerzlicher, als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere
+Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie gefangen lag, und
+wir verstehen ihre neue Freiheit nur langsam. Aber sie stellt sich wider
+unseren Willen ein, und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des
+Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle Krankheiten sind
+Entfesselungen der Seele aus der Welt der Sinne. Ich glaube, daß der Tod
+der hellste Wipfel dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu
+werden vermag.«
+
+Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den Wunsch zu
+überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas so deutlich gehört wie den
+Sinn dieser Stimme. Es war als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der
+liegenden, eine andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner
+Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern das klar und
+selbstverständlich dadurch sprach, daß es so und nicht anders beschaffen
+war. Eine schweigsame Herrlichkeit der Verkündigung ging von ihr aus,
+wie von Wert und Unwert genesen.
+
+Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, es regnete nicht
+mehr und der Lichtschimmer, der ins Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und
+Sonnenschein sich hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände
+des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in meinen Augen eine
+nüchterne Selbständigkeit an, wie Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die
+in einer erstarrten Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge
+und die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche
+Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd geworden, dachte ich,
+wo war ich denn stets um diese Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe
+ich grade diese Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und nicht
+zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, aber schon dann waren
+sie anders.
+
+Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte die Augen geschlossen
+und ich sah auf ihr Gesicht nieder. Das Lebenslicht der Züge floß über
+die mattfarbigen Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht
+unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet. Die Bogen der
+Brauen waren breit und tiefschwarz und die Augenlider am hellsten. Die
+Wimpern auf den Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, und der
+Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer von rot trugen, war von einer
+Lebendigkeit, die mich erbeben ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf
+diese schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein aufstieg.
+
+Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der mich durch und durch
+verwandelte, aber zugleich blühte mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der
+Anfang und das Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das
+Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und maß und erkannte
+dies Bewußtsein doch in der Allgewalt einer unbestürmbaren Jugend.
+Schlag deine Augen auf und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und
+möchte doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen,
+an die ich nun nicht mehr glauben kann, und die ich niemals wieder
+lieben werde. In einem einzigen Augenblick hat das Lebenssinnbild deines
+Mundes eine Welt in Trümmer geworfen. --
+
+Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, dieses und jenes, wie
+der Augenblick es uns eingab, aber wenn auch von nichtigen Dingen die
+Rede gewesen sein mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete,
+von jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung und die
+beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte die Durchsichtigkeit
+der Welt, in der diese Seele lebte und meine Begierde wachte mächtig in
+mir auf, wie Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde, ohne
+daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte, verließ ich sie und
+ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich wiederkommen würde, denn es
+verstand sich von selbst, und mir wäre eine solche Zusage vorgekommen,
+als hätte ich gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. --
+
+Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch dunkel bekannt, wie
+auf einem anderen Stern, saß der Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel
+in Kur genommen hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm
+eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und rückte den Schuh
+auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel der gläsernen Wasserkugel,
+hinter der eine Lampe brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg
+mitgenommenen Fremdlingen heraus, die wie eine Schar flüchtig geordneter
+Landstreicherpaare am Boden umherstanden, und fragte nach meiner
+Schuldigkeit.
+
+»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte.
+
+Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die Stiefel an.
+
+»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster.
+
+Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, wandte sich mir zu
+und sah mich an.
+
+»Kennen Sie Asja?«
+
+»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.«
+
+Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar dankbar
+über dieses Bekenntnis, schwieg aber und wandte sich endlich seiner
+Arbeit wieder zu. Als ich ihm Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze
+fort, schüttelte den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung auf, das
+Geld zurückzunehmen.
+
+Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging davon.
+
+Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch eilig die nasse
+Straße durchschritt, daß es genügt mit dir bekannt zu sein, Asja, um
+alle zu Freunden zu haben, die von dir wissen?
+
+Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße und die Mauerwände der
+Häuser begannen auf mich zu drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen
+und Pflanzen sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu wahren
+wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten. Was ruft ihr mich an,
+bemächtigt euch meiner und zerrt mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen
+und Bilder, Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? Eure traurige
+Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh
+verführen und verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen
+willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um die Heimat.
+
+Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich Asja Bücher
+versprochen hatte, und wenn ihre Worte, die mich gleichmütig und
+zurückhaltend nach diesem Vorsatz gefragt hatten, auch kein sonderlich
+starkes Vertrauen zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa
+bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen und das
+Mädchen womöglich auf das angenehmste zu enttäuschen.
+
+Während ich über die Straße dahinschritt durch den Regen, überfiel mich
+plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung, an meine Tagespflicht, an
+die Druckerei und meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf
+mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr ernstlich verstimmt
+zu haben und entlassen zu werden. Aber als ich auf eine Erklärung sann
+und erwog, ob ich die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen
+freien Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher
+Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit
+einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr in die Druckerei zu
+gehen, und meine alte Verpflichtung gegen eine wertvollere
+einzutauschen, gegen die, Asja zu Diensten zu sein so lange sie noch
+lebte. Was galten mir äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren
+Entbundenheit, in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt,
+dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches gegen
+Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich durch und durch mit
+Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß es mir für den Fall der Not nicht
+schwer fallen würde, wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich
+vor Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu Gebote steht,
+der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen.
+
+Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß für eine kurze Weile
+diese ungewöhnliche Stunde, die ich in den letzten Wochen nur mit
+Bedrücktheit und Verlangen von dem nüchternen Zifferblatt der
+Geschäftsuhr abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich
+überdachte, auf welche Art ich mich am besten in den Besitz von Büchern
+zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren gering und ich sah ein, daß
+ich nicht nur der Gelegenheit, Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch
+eines wohlmeinenden Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da
+erinnerte ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus der
+Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden Herrn
+gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, Kunsthistoriker und
+Schriftsteller war. Ich war genötigt gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn
+auf dessen Einblick in die Satzproben zu warten und hatte, als der
+Diener in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige
+Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf in den gedämpften
+Gold- und Farbtönen alter und neuer Bücher glitzerte. Ohne Besinnen
+entschloß ich mich einen Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen,
+und indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die Brust ein wenig
+beengte, erwachte zugleich jene unbändige Lust am Wagnis und am
+Besonderen, jener Hang, alle Fesseln einer hergebrachten Lebensform
+gegen die einfache Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen,
+der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und Seligkeit eingebracht
+hat, Erniedrigungen und Triumphe, Haß und Liebe.
+
+Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, in der das Landhaus des
+wohlbekannten, ja auf seinem Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich
+alle Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus meinen
+Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst oder Ungunst des
+Augenblicks zu überlassen und nur dem zu gehorchen, was die Lage mir
+eingab und zumutete. Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich
+mich bald wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt
+bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann wurden meine
+Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen, denn Asjas
+Gestalt stand vor ihnen auf und ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte
+ich zu wissen, daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und fühlte
+mich im Recht.
+
+Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, setzte ich die Glocke
+in Bewegung und wartete darauf, daß der Hausdiener den Kiesweg
+herabkommen würde, um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den
+seitlichen Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal ein
+Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern fragte mich durch das
+Gitter, was ich wollte.
+
+»Hinein«, sagte ich einfach.
+
+»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen von der Druckerei.«
+
+Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die Gittertür auf,
+schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt mir dann voran, bis in das
+Wartezimmer, das ich kannte. Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür
+zum Arbeitszimmer, beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte dann
+leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es sah aus, als wäre
+die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir schien, daß der Gemeinte, wie
+manche verwöhnten Leute, durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche
+ungeduldig wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist los?«
+und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu öffnen. Sie tat es, nachdem
+sie mir einen inhaltslosen Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn
+Leute haben, deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern.
+
+»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte sie auf der Schwelle.
+
+»Also. Was bringt er? Geben Sie her!«
+
+Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir hinüber, damit ich ihr
+einhändigen sollte, was sie für ihren Herrn bei mir vermutete.
+
+»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn Doktor sprechen.«
+
+Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich an, so daß
+ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm.
+
+»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt worden.«
+
+Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor mich selbst an:
+
+»Was ist denn? So kommen Sie herein.«
+
+Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme Pracht dieses großen
+Zimmers. Ein schwerer roter Teppich fing mich auf, von den Erkerfenstern
+brach gedämpftes Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im
+Raum stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken und
+-borden, die in die Wände eingelassen waren. Ein dunkler Eichentisch mit
+rundlehnigen Ledersesseln bot sich zur Rechten, aus dämmrigem
+Hintergrund, den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett,
+belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge vielfarbiger
+Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa hundert schätzte.
+
+Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte sich mir zugewandt,
+die eine Hand auf die Lehne des Sessels aufgestützt, so daß er über
+seinen emporgestemmten Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen
+den Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein
+Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, deren
+lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung des Hintergrunds dahinzog.
+
+Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit nicht, die ich
+seinem Zimmer entgegenbrachte, erst nach einer Weile sagte er mit einem
+etwas selbstgefälligen Lächeln:
+
+»Also, was ist denn?«
+
+Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, ohne daß ich ihnen durch
+ungebührliche Wendungen oder unbescheidene Selbstverständlichkeit den
+Anschein einer heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld,
+daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm, der den Hausherrn
+aufbrachte.
+
+»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und mit einer Betonung,
+als hätte ich von einem Schreiner einen Schuh verlangt. »So ohne
+weiteres, das ist denn doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares
+Anliegen. Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...«
+
+»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse später aufschreiben, wenn
+Sie mir Bücher gegeben haben. Als ich im Auftrag der Druckerei einmal
+bei Ihnen war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an Büchern, über
+den Sie verfügen, und ich dachte an Sie, als ich heute früh bei der
+Kranken war.«
+
+»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt. Nehmen Sie es mir
+nicht übel, aber einem daraufhin ohne weiteres mit dieser Bitte zu
+kommen, ist denn doch wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in
+mir einen Dummen gefunden zu haben?«
+
+»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich auf das Rechte.«
+
+Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen, ob sein Sinn
+eindeutig sei, und schaute dabei auf den Teppich nieder, als läse er ihn
+noch einmal in seinen Ornamenten nach, dann erhob er sich und schritt
+auf mich zu.
+
+»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts dir nichts bei mir
+einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler oder, wenn es Ihnen an
+Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken genug? Aber es wird wohl
+zuguterletzt auf etwas anderes herauskommen.«
+
+Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen Augen darin zu
+suchen, während sein Finger die Münzen hin und her schob. »Wundert mich
+nur, wie Sie es fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben
+das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ... Bücher! Wie lange
+kennen Sie denn dieses Mädchen schon?«
+
+Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht stören und wartete
+deshalb ab, auf welches die Wahl meines erzürnten und unfreiwilligen
+Gastgebers fiele. In Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es
+wurde mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; jeder andere
+hätte die Münze sicherlich zwischen zwei Fingern erhoben dargereicht.
+
+»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, »aber mir ist
+mit einer kleinen Geldsumme nicht gedient. Wenn Sie keine Bücher
+verleihen wollen, so muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs
+gehen. Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu machen,
+Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter und leichtfertiger
+Einfall, noch die Gier nach einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen
+geführt haben. Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung und
+Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem Erleiden überdenke,
+den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt haben, all das erschlossene und
+unerschlossene Glück, das diese Bände bergen, so erscheint es mir für
+einen Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren
+Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und unbenutzt liegen
+soll, während ein paar Häuser weiter ein Mensch, der dies alles und mehr
+in kurzer Zeit für immer aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine
+Stunde seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«
+
+Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein sonderbarer Blick
+voll Gift und Staunen traf mich, haftete wider Willen an meinen Zügen,
+umglitt mich, verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem
+Lächeln, voll Neugier und Herablassung.
+
+»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich nicht beschwatzen.«
+
+Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene Gutmütigkeit
+im Ausdruck seines Gesichts durch, die ich nicht erwartet hatte, und die
+ich mir nicht erklären konnte, obgleich sie das einzige war, was auf
+mich wirkte. Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen
+wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und darüber wurde
+ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, was unter den Menschen als
+stark gilt und was als schwach.
+
+Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, den Fortgang eines Wegs
+immer dort zu suchen, wo ich am tiefsten durch das Wirrwarr der
+Erscheinungswelt blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich
+erkannte und sagte:
+
+»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, wie wohl Sie gegen meine
+Tücke gewappnet sind, wird Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte
+finden können.«
+
+Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so daß ich ihn für
+einen Augenblick bedauerte, aber ich gab dieser Ablehnung nicht nach,
+sondern wappnete mich aufs neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu
+kommen. Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für einen
+Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert der feinen Fügung meiner
+Gedanken verstieß, als spräche ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in
+ihm, die nichts als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme,
+die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich Männlichkeit
+nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das war nicht schlecht geantwortet«,
+verzagte ich fast, denn ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist
+ärger als ein Tadel aus der Welt, die wir lieben.
+
+»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben Sie eine Schule
+besucht? Nun antworten Sie einmal.«
+
+»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So wohlfeil werden Sie Ihr
+Gefühl der Überlegenheit, das Sie vermissen wie eine Krücke, nicht
+zurückbekommen. Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie mir ein
+Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es Ihnen leichter wird, mir
+nicht zu glauben? Sie glauben mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein
+Gebiet locken, auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine
+hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«
+
+»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte mein Gegner
+freundlich, lachte und setzte sich breit und sicher mitten auf seinen
+Sessel.
+
+»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten Ton wohlwollenden
+Befehls und skeptischer Neugier fort, in dem seine Niederlage lag. »Sie
+haben vollständig recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht
+zugäbe. Aber Bücher bekommen Sie keine.«
+
+Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, dachte
+ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, bricht sie ab, und tut, als
+seien sie stumpf gewesen. Eher werden die Ströme zu den Bergen
+zurückfließen, als daß einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer
+Glaube an den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich fürchtete
+den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet hat, und warf
+mich übereilig auf die Bahn eines neuen Mittels. Ich darf nicht auf
+diese halbe Belustigung eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich
+anders in seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch noch die
+Münze, die er immer noch zwischen den Fingern drückt, als stammte sie
+aus einem Taschendiebstahl. Zudem kam mir über dem Gedanken an diese
+Münze in den Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich
+leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug bedeuten
+würden, denn nicht nur ihre Frage nach meinen Beständen, sondern auch
+ihre Miene hatten mir verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan
+werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze Kraftaufwand
+dieser Stunde schon viel zu groß, als daß ein paar entliehene Bände ihn
+endlich zu rechtfertigen vermöchten. Ich mußte viel mehr erreichen. Mein
+Mißerfolg lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis zu
+meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten Ungläubigen
+mißtrauischer machen, als meine Anspruchslosigkeit?
+
+Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich mit unverhohlener
+Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen Neugier, deren Lebenslicht
+mir aber keineswegs die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen
+aufgetanen Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich, meiner selbst
+sicher:
+
+»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem Finger tragen, der sicher
+nur einen geringen Teil Ihres großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß
+schon in ihm die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird,
+noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe zu erhellen, so
+meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um Ihrer Freude und Ruhe willen.«
+
+Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber nicht mehr
+mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es zu wissen, dankbar dafür,
+daß ich die Haltung nicht einnahm, die er vorgeschlagen hatte, und derer
+er sich heimlich schämte.
+
+»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein teures Andenken. Nun?«
+
+Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte mich, die lässige
+Aufforderung darin, in meiner Mühe fortzufahren, war herabwürdigend.
+
+»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte ich rasch.
+
+»Was habe ich getan? Junger Mensch -- wenn eines mich wundert, so ist
+es, daß ich Ihnen nicht längst die Tür gewiesen habe ...«
+
+»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich nicht erzürnen«,
+antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser Ring ein teures Andenken an
+einen Menschen, der Ihnen in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist
+er ein Sinnbild der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen Daseins
+über allem, das verfällt. So ist die Sendung, die ihn gehen und wirken
+hieß, mit der er untrennbar behaftet ist, wie mit seinem Glanz, die des
+wahrhaftigen Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die
+Erinnerung an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren Worten an,
+dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder uns allen; wird es nicht sein,
+als sei er auferstanden, wenn die teure Glut in heimlicher Glorie um
+seine Gabe neu ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf
+ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht ein? Sie aber drängen
+mit Ihrem Hang nach totem Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes,
+goldenes Grab zurück.«
+
+Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr vor sich hin, ohne
+daß mir irgendein Zeichen verriet, ob meine Worte ihn im Guten bewegt
+oder aufs neue erzürnt hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick
+überging mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen Dinge
+seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches, die Blätter und Bücher
+darauf, und wurde endlich, als habe er sein eigenes Leben verloren, in
+das Leben des Lichts gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort
+verirrte er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.
+
+Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag und in das gleiche
+Tageslicht schaute, und mir wollte scheinen, als müßten sich die Blicke
+dort drüben und draußen in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem
+Ausdruck in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem ich selbst,
+und mir so das Ende des schweren Wegs erspart bliebe.
+
+»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme und das
+langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei das, wie es wolle, ich
+möchte nicht dieses oder jenes, nicht Wohltaten tun, noch Segen stiften,
+aber ich möchte einmal wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine
+Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art wachgerufen, das will
+ich Ihnen lassen. Weit mehr taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir
+auf, als dasjenige der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß
+nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand des Wesens Ihnen
+diese Kraft gibt, ich möchte es nicht prüfen noch ergründen, denn ich
+fürchte mich vor Eingeständnissen, für die ich noch nicht alt genug bin.
+Ich will Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will es, es
+ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen Ring selbst werde ich
+nicht fortgeben, jetzt weniger als je, denn die Macht seiner Mahnung ist
+von dieser Stunde ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr
+vielleicht als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den Sie
+diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung erfüllen, und ich
+werde Ihnen die Summe zur Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert
+ausmacht. Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe oder
+ein Händler. Dann können Sie Bücher und alles beschaffen, was Sie wollen
+und brauchen, oder was Ihre bedürftige Freundin nötig hat.«
+
+»Gut. Handeln Sie so.«
+
+»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung so ... Mir liegt
+die Zeit im Sinn, in der ich noch so jung und so erwartungsvoll, so
+zuversichtlich und gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring
+erhielt, stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing damals an berühmt
+zu werden, man las mein erstes Buch, es ist jetzt vergessen. Die Zeit
+geht eben rasch; nun, es kamen andere Werke und trugen meinen Namen in
+die Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin so durch den
+Sinn gegangen ist -- daß diese anderen Bücher auch einmal -- vergessen
+sein könnten ... Aber nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame
+Gewißheit, als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, durch
+einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, als die heutige es ist,
+mit ihrem Erfolg.«
+
+»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte Sie nicht
+demütigen.«
+
+»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...«
+
+Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als habe ich unrecht
+getan, aber erst später sollte ich erfahren, worin dies Unrecht
+bestanden hatte.
+
+»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen wir ruhen, was
+ruht, und leben, was leben soll. Ich biete Ihnen tausend Mark an Stelle
+des Rings und der Bücher; sind Sie einverstanden?«
+
+»Ja, aber Sie sind es nicht.«
+
+»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu Eingeständnissen,
+meine melancholische Selbstbetrachtung, abzulehnen. Vielleicht hoffte
+ich, mich von einer Niederlage wiederherzustellen, indem ich ein
+geringes Bild von mir entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem
+Bewußtsein zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr sei,
+als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm verdirbt, wir sind
+unehrliche Leute vor uns selbst geworden, um die Ehrlichkeit zu retten,
+um derer willen uns die anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt.
+Sie hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...«
+
+»Also tausend Mark wollen Sie geben?«
+
+Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick.
+
+»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam und in erkennbarem
+Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges Geständnis. Aber er holte
+dann zögernd, mit zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor,
+öffnete ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur Seite, als
+seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm einer Stahlkassette eine
+lederne Brieftasche.
+
+»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er durch sich selbst
+bei einem Diebstahl überrascht zu werden, »nehmen Sie und stiften Sie
+Segen und Gutes.« Er tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er
+ihnen noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte Neigung
+zukommen lassen, und doch schien er diese Finger zu verachten, die den
+Wert des Papiers zu genießen trachteten. »Möge das Geld auf einen Acker
+fallen, besser bereitet, als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie
+selbst ... Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist doch
+höchst eigentümlich. -- In die Hosentasche stecken Sie die Scheine?«
+
+Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es war mir, als
+erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses Erfolges endlich aus einer Welt
+von Beziehungen, Kräften und Verstrickungen, die nichts mit jener zu
+schaffen hatte, in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg zu
+ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen.
+
+»Ich ----?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich komme mir vor wie
+Einer, der sich beim Satan eine Leiter geliehen hat, um Gott in den
+Himmel steigen zu lassen.«
+
+»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah mich beinahe gierig an,
+mit einem Ausdruck, den ich so wenig auf seinen Ursprung zu prüfen
+vermochte, wie er meine Worte.
+
+»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber, als er sah, daß ich
+meinen Hut nahm, »berichten Sie mir, lassen Sie sich einmal wieder
+sehen, tun Sie es, vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer
+Brücke zwischen uns zwei.«
+
+Ich ließ es offen.
+
+»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, was geschehen ist,
+soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie eilig Sie es haben.«
+
+Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen, ich fühlte mich
+erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam benommen in einem
+merkwürdigen Unterbewußtsein, in dem mir zumut war, als freute meine
+Freude mich nicht, und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug
+gewesen. --
+
+Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja zu eilen, aber ich
+wartete und begab mich zuvor in meine Behausung. Ich beschloß, eine
+Reihe nützlicher und erfreuender Einkäufe zu machen, führte meinen
+Vorsatz jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch zu den
+Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien. Auch fehlte es mir an
+Erfahrungen, und ich schämte mich, an jene belanglosen oder nur
+äußerlich nützlichen Dinge zu denken, für deren Beschaffung den Frauen
+ein so sonderbares Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von
+Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt. Sie
+bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, oder
+unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln durch Ankauf in ihren Besitz
+und durch Schenkung in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu
+bringen. Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte
+verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen läßt uns in
+bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge in kleinen, schwachen
+Händen zu Sinnbildern der großen, ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir
+Verdorbenen und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen oder
+Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der Liebe nicht glauben
+können, wenn unsere Gabe nicht schon ein Sinnbild der Geisteswelt ist.
+
+Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, daß ich
+lächeln mußte, es war gewissermaßen notwendig, daß ich mich allen
+Einrichtungsgegenständen erneut vorstellen mußte, was nicht lange
+dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und
+sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen
+neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue
+Welt beginnt, es hat sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den
+Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein plötzlich
+erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher
+zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, überfiel mich und füllte
+mich mit Zweifeln am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen
+der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die
+Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kämpfe nicht
+enden.
+
+Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu
+erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß ich nicht mehr käme,
+siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, daß man mich
+in Ruhe lassen würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß ich
+mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm
+den Spiegel von der Wand. Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden,
+aber der andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden
+Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging
+davon. Das Tuch machte mich fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein
+Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, in
+Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich von ganzem Herzen
+glaube, daß deine Augen es nicht einmal sehen würden, es sei denn aus
+Erbarmen? Ist es wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und
+Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist?
+
+Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug,
+wie man auf einem Feldweg die Straßen der Stadt vergißt. Auch als ich zu
+Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem
+Bett niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir fremd war,
+und ich atmete tief auf und mußte seufzen, ohne daß ich Kummer hatte.
+
+Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher
+schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt müde.«
+Da verlor ich unter dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber
+sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer
+Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu
+verkleinern.
+
+Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf
+die Decke des Betts legte:
+
+»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer
+gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du
+wirst gesund werden.«
+
+In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lächeln verschwand, ihre
+Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ängstlich:
+
+»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«
+
+Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie störte meinen Bericht
+durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende
+war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet,
+eine Zustimmung von ihr zu hören.
+
+»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.
+
+Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien
+nun vielmehr durch etwas anderes beschäftigt und bewegt; sie fragte
+unvermutet:
+
+»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du
+mit ihm gesprochen hast, hast du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur
+durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt
+hast?«
+
+»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es für dich
+tun soll.«
+
+»Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich
+denke an dich.«
+
+Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zügen auf und sie
+bat noch einmal:
+
+»So nimm es und bring es wieder fort.«
+
+»Du weist das Geld zurück, Asja?«
+
+»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das
+Geld zurück.«
+
+»Du wirst sterben, Asja.«
+
+»Wie wir alle«, sagte sie einfach.
+
+»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben sollst, die Tugend,
+daß du sterben willst.«
+
+Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, daß sie nicht über den
+Sinn meiner Worte nachdachte, sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte,
+die hinter ihnen stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so
+gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem Ergebnis der
+Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns
+geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte
+ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Mißverständnisse und der
+Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen oder
+bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung nicht zu ermessen
+vermögen, und sich daher an das unredliche und mißbrauchte Gezücht der
+Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die
+Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darüber
+hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des
+Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wußte es noch nicht, aber
+ich fühlte, daß ich ihre Freiheit bedroht hatte.
+
+»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie
+meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zögern, »ich mache aus keiner
+Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie
+könnte ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu recht
+bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie
+willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und
+nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du.
+-- Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es so gut ist, und
+daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.«
+
+»Liebst du das Leben nicht, Asja?«
+
+»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke
+anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen.
+Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich
+schweige.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin,
+wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als
+hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand
+und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du
+bald empfinden, wie gut und groß du bist.«
+
+»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das
+Leben liebst, Asja.«
+
+»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.«
+
+Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen
+hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war
+von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über
+in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein
+heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht
+die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich
+fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch
+bisher, ihr und ich!
+
+Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun
+vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen.
+Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers
+wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs
+neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen.
+Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.
+
+»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das
+kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je
+mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand
+darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist
+sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«
+
+»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine
+Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute
+gefunden.«
+
+»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere
+mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin
+zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch
+befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und
+mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht
+nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit
+du fröhlich sein kannst.«
+
+»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen
+Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich
+zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht,
+das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur
+spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht.
+
+So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:
+
+»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen.
+
+In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir
+lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit
+seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und
+dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste
+Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in
+mir, und ich sagte:
+
+»Nein, Asja!«
+
+Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und
+böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und
+erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir
+durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll
+Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein
+Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und
+innig, ein herzliches Tun.
+
+ * * * * *
+
+Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für
+ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die
+Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das
+Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie
+fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr
+scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung.
+So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig
+denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern
+es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe
+diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst
+bereitet, und manche Herzen suchen es.
+
+So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in
+Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich
+hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief
+die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen,
+daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder
+Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer
+diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein
+teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.
+
+Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem
+Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig
+zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich
+gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die
+Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich
+ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer
+Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen,
+von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch
+ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu
+meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben.
+
+Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf
+meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er
+empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als
+ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es
+mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch
+litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn
+von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag
+ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt
+worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich
+gehorsam war.
+
+»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.
+
+Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte,
+wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die
+Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder,
+über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig
+begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen,
+den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame
+Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es
+nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein
+wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so
+mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten,
+Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als
+ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht
+trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich
+zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in
+mir glimmt. --
+
+So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie
+hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer
+Not, unter ihren Liebesgruß.
+
+»Asja, glaubst du an Gott?«
+
+»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.
+
+»Antworte mir!«
+
+»O Freund, ich kann nicht sprechen.«
+
+»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.«
+
+»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!«
+
+»Du bist es. Sieh mich an.«
+
+»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich
+vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles
+beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist
+die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei
+doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist
+alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns
+erwählt.«
+
+»O Asja, du machst das Herz froh.«
+
+»Ich tue nichts.«
+
+»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«
+
+»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an
+ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der
+Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der
+Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt,
+sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen
+erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann
+ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß
+wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei?
+Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns
+von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne
+übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus
+wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die
+Quelle.«
+
+»Der Vater, Asja?«
+
+»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«
+
+»Was nennst du Gehorsam?«
+
+»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber
+möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt
+ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe
+kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen
+Gehorsam.«
+
+»Und alle Gesetze, die Kirche?«
+
+»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche
+erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der
+alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf,
+quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in
+meine Armut.«
+
+»Oh, sprich weiter, Asja.«
+
+»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir.
+Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne
+mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei
+mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn
+unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du
+durstig bist.«
+
+»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein
+Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade,
+der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr
+Sinn?«
+
+Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir
+zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem
+unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und
+still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug
+diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg
+und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde.
+
+ * * * * *
+
+Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum
+und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem
+Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte
+es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete
+sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß
+ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich
+empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles
+erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie
+selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute
+zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst
+kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung
+schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als
+einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank
+hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht
+Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage
+machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute
+erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir
+stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles,
+was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name.
+
+Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich
+wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben,
+der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er
+leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber
+wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht
+zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis
+auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.
+
+»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.
+
+Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu
+stören und sagte eifrig:
+
+»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«
+
+»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«
+
+»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«
+
+»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte
+sie, »aber Abwege sind es nicht.«
+
+Ich schwieg.
+
+»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an
+der Wand an.
+
+»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar
+Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.«
+
+»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben
+Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es
+ihr?«
+
+»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete
+auf ihre Frage.
+
+Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich
+vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur
+deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren
+Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:
+
+»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war
+doch ihr Name?«
+
+»Asja.«
+
+»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte
+Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen;
+meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies
+und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«
+
+»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«
+
+»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen
+und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt
+sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung
+verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie
+lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt
+im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen
+herauf, wenn Ihr Schritt klingt.«
+
+Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich,
+oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und
+lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin
+nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts
+Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie
+erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies
+Mädchen ... Sie werden schon verstehen.«
+
+Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die
+gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im
+spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und
+Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke
+drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und
+wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben
+ihrer Käfige.
+
+Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum
+verständlichen Bitte noch etwas schuldig.
+
+»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt
+denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend
+mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus
+der Seele und froh, so soll es gut sein.«
+
+Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich,
+wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit
+Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. --
+
+Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte
+still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf
+den schrägen Dächern draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im
+Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien
+sonderbar leer. Ich war darin nun längst ein vertrauter Gast, und auch
+die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr
+Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung
+fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfürchtiger
+Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zögernd und ablenkend, als
+gäben wir uns Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien
+längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen Welt lebte
+als sie selbst, und so wenig sie früher besondere Teilnahme gezeigt
+hatte, so gleichmütig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer
+Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach,
+in der sie früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und
+Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas
+leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, wohl auch ein wenig
+stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte.
+Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden
+Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten
+Münze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes,
+als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den
+Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem
+bedürftigen Wandel standen.
+
+Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert und sorgenvoll,
+wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu
+verwenden wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der
+ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und
+ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles
+Genüge an meinem Leben und Denken empfand; mächtiger als je drängte
+alles in mir zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten
+eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich
+übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner
+Stirn fühlte. Es war ein erstes Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das
+sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne
+Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber
+es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer
+Frühlingswiese, dessen Glut nur die Überreste des verflossenen Jahrs
+verzehrt, aber keinen Keim des Bodens fördert.
+
+Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz aufs Feuer und sah
+kniend zu Asja hinüber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade
+ausgestreckt auf dem Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres
+Körpers erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht mit dem
+überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel
+mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde,
+merkwürdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das
+Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum,
+die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und
+die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken des Zeigers
+an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann.
+
+Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett
+und ließ mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein
+Stück Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich
+ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich
+sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich
+begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestürzung voll Rührung kam, und
+sah das Brot an, als verklagte es mich.
+
+Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt durch die
+gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der Schlafenden, und je
+andächtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrünstiger begannen dies
+Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trösteten mich.
+
+Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, dachte ich, denn es
+ist meiner Rührung eine Gewißheit zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du
+bist das ewige Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und
+einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen Ausmaße der Seele
+und des Geistes, du erhältst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln,
+du befriedigst, ohne daß Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du
+forderst keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines Gebens
+wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst Christus dich und dein
+Wesen mit dem seinen verglich, daß er dich brach und gab, wie auch sich,
+als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das
+Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und
+Auferstehung.
+
+»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme plötzlich in mein
+verlorenes Sinnen hinein, »bist du hungrig?«
+
+»Ich habe ewig, ewig Hunger!«
+
+Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer
+unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den
+angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier ließ mich
+erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln ihre Stirn
+auf meine Hand:
+
+»Ach, Bruder ...«
+
+ * * * * *
+
+Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die
+Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten
+mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens
+geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte,
+nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich
+nun töricht, dachte ich oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken
+lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des
+Beginns? Aber dann war mir, als begänne mit allem bewußten Leben in uns
+Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied
+von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das
+Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger verweilte, als diese zum
+Abschied so froh Gerüstete, gar so groß und gewichtig, und flogen die
+Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung
+getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der
+meine war? Und so beschäftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den
+ich suchte, und ich sagte es Asja:
+
+»Ich finde den Weg nicht!«
+
+Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu
+forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu
+wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von
+draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein
+wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt
+worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und
+hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts
+mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und
+mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen.
+
+»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her,
+was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest
+du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was
+oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr
+kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich
+keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur
+Verlassenheit.
+
+Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst
+vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das
+Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die
+Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt
+das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg;
+forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche
+Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in
+den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So
+nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst
+du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der
+Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin
+der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg
+für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er
+selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in
+die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener
+Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit
+und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis
+bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr
+Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns
+zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst
+du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun
+keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du
+bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein
+Leben ... die Seele ist Maria.
+
+Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der
+dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel,
+farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen,
+daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der
+Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in
+unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die
+Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den
+Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke.
+Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch
+rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft,
+wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun
+ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang
+und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.«
+
+Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren
+geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie
+Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne
+und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und
+Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines
+Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und
+die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den
+Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der
+Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als
+formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten,
+sondern im Geist und in der Wahrheit. --
+
+Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer
+Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr
+erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage.
+Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem
+Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte.
+Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von
+den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten
+Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der
+Zustand unsres Daseins.
+
+Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine
+Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten,
+als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich
+nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken
+unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand.
+
+Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und
+flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll
+Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten
+meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und
+vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit,
+Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem
+Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die
+aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen,
+was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. --
+
+So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt,
+die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde
+abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte.
+Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das
+Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur
+die Jugend zu sein vermag.
+
+Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir
+verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich
+und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe.
+Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den
+Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde
+mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter
+und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren
+Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte
+doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff
+ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will
+in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von
+ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht
+fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.
+
+Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich
+nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und
+darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte
+ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das
+sollst du nicht wissen.
+
+Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz
+und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich
+erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im
+Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich
+sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer.
+Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was
+ich meinte und sagte:
+
+»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht,
+sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der
+Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das
+ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur
+deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden
+ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist
+Torheit.
+
+Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es
+nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht,
+gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die
+sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das
+Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was
+er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme.
+
+Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer
+Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht
+weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze
+Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es
+betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein
+Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein
+Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von
+Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der
+Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte
+selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch
+und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über
+der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im
+Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie
+weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot
+die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr
+bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird
+endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich,
+die Kraft und die Herrlichkeit.«
+
+Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines
+deutlichen Bildes:
+
+»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im
+Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und
+Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«
+
+ * * * * *
+
+Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt
+ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und
+betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt
+verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei,
+dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete
+meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der
+Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir
+ohne Groll.
+
+Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem
+Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln
+auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und
+ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.
+
+Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große
+Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und
+erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie
+aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das
+allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An
+Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit
+Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen
+und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine,
+verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den
+Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die
+nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die
+Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die
+zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie
+wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo
+war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet
+abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen,
+daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt,
+allein zu sein und im Hellen zu verharren.
+
+So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen
+war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein
+war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr
+Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft
+Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind.
+
+Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als
+ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch
+ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die
+übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von
+ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so
+und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu
+sehen und nicht den dahinwelkenden Docht.
+
+Sie sagte mir auf meine Frage:
+
+»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt
+kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor
+seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur
+daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen
+hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein
+Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und
+endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es
+ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch
+das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber
+ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg
+der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.
+
+Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und
+erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus
+dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die
+versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als
+alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die
+Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen
+brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen
+spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur
+Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich
+verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu
+unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht.
+
+Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir
+wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die
+Lerche -- und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und
+schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so
+offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen,
+es ist alles gut, es ist vollbracht.«
+
+»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!«
+
+Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier
+in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am
+Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich
+empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der
+Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich
+fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen
+Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer
+Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu
+scheiden vermochte.
+
+Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der
+Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein
+unerklärliches Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher
+Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich.
+Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen,
+sondern ihre Güte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an:
+
+»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in
+der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht
+gefallen ist, die Vorübergehenden, wie er sich erheben könnte? Wer aber
+nur deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, der wird
+keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht
+in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten
+vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der
+Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie
+hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus
+der Wahrheit ist, hört die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe
+ist, hört die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht
+antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht.
+Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt über dir
+zusammenschlägt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder
+fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine
+Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!«
+
+ * * * * *
+
+Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen
+kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch
+wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner
+Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und
+kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine
+leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener
+Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil
+ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die
+Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und
+verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den
+Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis
+zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen
+guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die
+meinen noch nicht kannte.
+
+Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich
+überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend
+meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt
+als nachsichtig.
+
+»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden
+wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner
+Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme
+Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach,
+gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern
+der Welt, die nie ein Mensch betritt.
+
+Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist
+weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so
+leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte
+und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber
+Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden
+wäre.
+
+Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas
+Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und
+Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es
+mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung
+willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von
+solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares
+Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von
+keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung
+nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und
+großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab.
+
+Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei
+Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in
+gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus
+vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch
+eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres
+wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände
+fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und
+eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der
+Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt.
+
+Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, ein fruchtbares Leben
+in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in
+ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu
+betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die
+Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und
+durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß
+mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus,
+die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter
+denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte
+hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein
+vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den
+großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu
+bemänteln.
+
+Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine
+heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war,
+zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu
+endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im
+Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit
+Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals
+in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben.
+
+Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen
+an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend:
+
+»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen
+Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie
+mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und
+scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann,
+als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt
+sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte
+ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es
+längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde
+nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil,
+den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem
+kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu
+entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen
+vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein
+wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh,
+wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner
+Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem
+Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen.
+
+Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie
+ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch
+die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen
+sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der
+Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht
+emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer
+denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung
+gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit?
+
+Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist
+noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in
+Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten
+Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu
+locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich
+glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers
+fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit
+Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen,
+nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat
+noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist,
+hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung
+im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende,
+der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.
+
+Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind
+der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen
+Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn
+die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt
+ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich
+dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt?
+
+Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in
+meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er
+auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und
+morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner
+Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und
+zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.
+
+Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie
+aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen.
+Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht
+ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das
+Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich
+offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß
+in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?
+
+Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne
+Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden.
+Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es
+gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen
+voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat
+nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die
+Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind
+alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie
+richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie
+fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das
+bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine
+Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne,
+ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie
+ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der
+Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht
+in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod
+mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht
+erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist
+mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle,
+trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die
+längst nicht mehr ich ist?
+
+Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die
+irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das
+große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in
+der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein,
+das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine
+andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die
+zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der
+Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und
+wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.«
+
+Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?«
+
+»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht
+die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen
+Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende
+Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf
+eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese
+Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses
+Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein
+Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die
+Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die
+Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie
+Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst
+verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er
+wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten,
+die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle
+Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert
+der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom
+Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.
+
+Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit
+denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler
+Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in
+dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine
+Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das
+Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der
+Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone
+die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die
+Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe
+einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu
+Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe
+erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt.
+
+Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem
+Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen
+seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.«
+
+ * * * * *
+
+Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben
+begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer
+mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der
+Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten
+und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren
+Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich
+ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art
+verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde
+schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.
+
+Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine
+Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im
+höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen
+durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie
+dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem
+heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird
+und des Menschen Sohn?
+
+Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit
+Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich,
+von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der
+Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig
+zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß
+tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.
+
+So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an
+Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den
+Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand
+mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere
+Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt
+entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist
+unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von
+vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis.
+Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne
+sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir,
+und an meine Liebe.
+
+So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug
+sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage
+mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist
+wahr gewesen:
+
+»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir
+Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber
+nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht
+sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein
+Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die
+längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde.
+
+Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben
+die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden --
+bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch
+die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und
+Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das
+Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten
+der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der
+Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten,
+und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine
+Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.
+
+Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst.
+Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das
+Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...«
+
+Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten
+sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts
+mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte,
+wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt,
+deren Wege voll Steine sind.
+
+Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen,
+weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja,
+weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt
+nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang
+einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig
+reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber
+das Reich ist nicht unser. --
+
+Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das
+Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes
+geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten
+handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren
+Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben
+waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe
+durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht
+haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll
+unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel
+Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo
+blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare
+Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn
+empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich
+schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen
+heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen
+Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich
+das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst
+deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das
+Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das
+gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das
+seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben
+sollst, wie dich selbst?
+
+Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr
+fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher
+dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu
+denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien
+vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn
+ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt,
+so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der
+Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den
+Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist
+nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen
+Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und
+Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen,
+und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung
+und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich
+selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein
+erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber,
+den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn
+ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen
+Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem
+Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben
+des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen
+Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn
+sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem
+Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie
+verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen
+Nächsten zu suchen.
+
+Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten
+Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit
+Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung
+sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume
+eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels
+meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und
+allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des
+Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben
+alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches
+Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die
+Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
+
+Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem
+verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt
+zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem
+Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte,
+bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne
+und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich
+anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war
+schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns
+beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht
+ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir
+schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung
+preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine
+Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe
+kameradschaftlicher Mitteilung gehoben.
+
+»Hast du Geld?«
+
+Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu
+verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun
+hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich
+ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir
+ab.
+
+»Hast du mehr?« fragte er.
+
+»Nein«, sagte ich.
+
+»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.
+
+»Ja.«
+
+»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.
+
+Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen,
+aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich
+nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.
+
+Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem
+Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen
+zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte,
+durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der
+Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung
+hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.
+
+»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort
+zu verlieren.
+
+Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine
+Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren.
+
+»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft
+hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte
+er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und
+zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als
+müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand
+einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf
+meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog.
+
+»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«,
+fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu
+sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und
+ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und
+dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche
+Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von
+den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der
+Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig
+zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die
+Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen
+Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon
+eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten
+Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste
+Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft,
+zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der
+glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.
+
+Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn
+Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen
+Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu
+einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor
+Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als
+meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen
+Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die
+Finsternis erwürgte mich.
+
+Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am
+Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und
+erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines
+Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich
+gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze,
+die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor
+Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies
+Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und
+klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen
+Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der
+Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit
+von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der
+großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind
+und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte
+Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war
+hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß
+ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.
+
+»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von
+dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die
+mich von dir scheiden werden.«
+
+Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich
+mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die
+göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals
+bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von
+etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines
+Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein
+Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas
+geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer
+hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet?
+Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu
+bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur
+Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist,
+vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und
+Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das
+Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß
+genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom
+trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt
+sich.
+
+»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst
+ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum
+lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und
+wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle
+auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr
+die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer
+Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte
+Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur
+an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der
+Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt,
+und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem
+Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in
+der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat.
+
+Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und
+ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles:
+
+»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder.
+Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des
+Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare
+Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt,
+dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi,
+aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen
+soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie
+wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und
+sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?«
+
+»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«
+
+Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer Antwort mir die
+innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber
+es blieb alles ungewiß in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten
+sich im Dunkeln.
+
+»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, und ich will
+schweigen und warten«, sagte ich.
+
+»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. »Die Liebe
+scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und
+Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und
+falsche Gestalt. Wer sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als
+seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt von der Liebe
+erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst
+raffte den Wert an sich, um ihn für sich zu besitzen, gesättigt,
+zufrieden, selbstsüchtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz
+dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwählt. Wer hat das große Wort
+auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es
+unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in
+einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel Angst
+muß in der Welt sein! Was von der Erlösung galt, das haben die Menschen
+in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor
+der Macht des Satan!«
+
+»Wer ist Satan?«
+
+»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich ist überall, wo
+Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes
+setzt, so setze für das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht
+der Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, was ihr das
+Gute nennt.«
+
+Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an
+und rief laut:
+
+»Schweig!«
+
+Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte,
+neigte sie sich über meine Hand und drückte ihre Lippen darauf. Erst
+nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte fröhlich:
+
+»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es lautet so:
+
+ Ich möchte dich beglücken
+ und kann nicht dunkel sein.
+ So tritt mit deinem Zweifel
+ in meiner Liebe Schein.
+
+ Mich quält nur eine Frage:
+ Hast du mich lieb, sag an?!
+ So bleib in diesem Lichte,
+ das ich nicht trüben kann.
+
+ Frag nicht, weshalb ich frage.
+ Aus Zweifel frag ich nicht.
+ Es gibt nur eine Klage
+ der Liebe, die um Licht.«
+
+ * * * * *
+
+Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und
+verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an
+der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes
+Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale
+Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes
+Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter
+dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie
+ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in
+warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder
+Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber
+schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des
+Morgens erwachte.
+
+Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich
+mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren
+Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht,
+sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und
+Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich
+überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals
+in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß
+ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine
+Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in
+einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten,
+der wird sie verlieren.«
+
+Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun
+blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die
+Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im
+Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und
+Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit
+meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu
+Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre
+ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das
+mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der
+mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! --
+
+Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der
+Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied
+von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß
+in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten
+zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht
+mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem
+uferlosen Meer des Lebens für mich.
+
+Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an
+ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein,
+deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den
+erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen
+in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den
+Feldern.
+
+Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug
+ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen,
+nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen.
+Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres
+Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen
+Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist,
+der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene
+Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.
+
+Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat
+diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen
+schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung
+und Verkündigung und ein erlösendes Glück.
+
+Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem
+Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und
+blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich
+auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst
+fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.
+
+Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte,
+am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre
+Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage
+ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.
+
+So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte
+mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig
+erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit
+denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten
+hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir
+nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die
+aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen
+Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen.
+
+Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und
+jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und
+ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde,
+sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit
+mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren
+heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier
+Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage
+eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie
+nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener
+schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig
+täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des
+Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne
+Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger
+gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein
+betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich
+tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit
+Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die
+sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in
+einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen
+ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte.
+
+Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen
+flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu
+sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie
+schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an,
+wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen
+Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.
+
+Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer
+Mutter führte:
+
+»Geh nicht fort.«
+
+Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde
+niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie
+zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht,
+da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in
+das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte
+sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen
+beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein.
+
+Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu
+kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden,
+während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft
+überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig
+Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl
+einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat,
+bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien,
+daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen
+neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für
+gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu
+bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen
+gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und
+herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme
+handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die
+als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen,
+als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille
+der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der
+sich am längsten sträubt.
+
+Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und
+das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht
+gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze,
+um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne
+unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein
+Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen
+abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein
+erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe
+herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft
+sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur
+trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht,
+so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den
+Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln,
+und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren
+Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft
+des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch
+diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und
+entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?
+
+Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein
+Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender
+Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht
+und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte,
+befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren
+Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht,
+und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich
+mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies
+Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit,
+wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und
+eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu
+ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf
+dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien
+Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich
+wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so,
+dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das
+Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der
+Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in
+einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines
+hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht
+willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?
+
+Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen,
+dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus
+stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie
+Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in
+geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen,
+denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der
+Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen,
+schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme,
+unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist
+der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und
+wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und
+gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht
+achtet und Zerstörung sät.
+
+Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern
+aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume
+gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich
+gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der
+Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu
+erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft
+bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und
+wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich,
+darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir
+bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten.
+
+Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein
+Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum
+Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem
+Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem
+Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von
+unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?
+
+»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«
+
+Das war Asjas Stimme.
+
+Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme
+entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie
+kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in
+eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber
+nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer
+vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die
+Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in
+dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer
+fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller
+Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und
+schweigen mußte.
+
+Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen
+Seufzer:
+
+»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist
+dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering,
+ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für
+das Licht gewesen.«
+
+Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne
+noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich
+verwundet.
+
+»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht
+gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne
+Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es?
+Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.«
+
+Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das
+nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein
+schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens
+lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer
+Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie
+sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche
+Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das
+Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und
+gelästerten Seele.
+
+»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen,
+Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als
+alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.«
+
+Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben.
+In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme,
+preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren
+Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat,
+Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen
+lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.
+
+Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so
+deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir
+einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer
+versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe
+am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu
+uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine
+unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun
+allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in
+Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem
+Herzen gewollt haben.
+
+Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der
+Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der
+Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den
+Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch
+streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf
+sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.
+
+ * * * * *
+
+Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo
+das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in
+einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur
+zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter
+ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken
+schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte
+standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von
+denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel,
+glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische
+erklangen die Stimmen der Singvögel.
+
+Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der
+Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher
+hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und
+bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen,
+durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber
+standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont
+einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage
+war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.
+
+Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster
+Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der
+kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar
+in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn
+mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich
+hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen,
+meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich
+wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern
+hinausgehen, dem Sommer entgegen.
+
+Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd waren, es mochten
+Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde
+Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein
+junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht,
+mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den
+Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite.
+
+»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote
+gekannt?«
+
+»Ja.«
+
+»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem
+verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost
+der Mutter anführen könnte.«
+
+Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde
+freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den
+Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So
+schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir
+ruhen.
+
+»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen,
+daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu,
+ohne daß es mitteilsam wirkte:
+
+»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr
+habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.«
+
+Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte
+ich.
+
+»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.
+
+Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.
+
+»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...«
+
+Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde
+herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen.
+Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein
+Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns
+befanden.
+
+In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich
+lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in
+klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein
+Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über
+das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte
+Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk
+langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten
+sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als
+die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns
+hinüber.
+
+Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein
+mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper
+wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und
+hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen,
+mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht
+mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen
+Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen
+Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem
+Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche
+führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich,
+denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung
+dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser
+Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der
+Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört
+zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an,
+als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den
+Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort
+anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts
+genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und
+waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu
+dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach
+ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod,
+und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.
+
+Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad,
+den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem
+Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und
+ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf
+mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten
+Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den
+Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel,
+deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein
+klingender Schleier.
+
+Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg
+erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah
+ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand
+und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm
+vorüberschritt, trat er auf mich zu.
+
+»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen
+sprechen.«
+
+Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den
+begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich
+folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd:
+
+»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an
+Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie
+führt.«
+
+»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche
+Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie
+etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen
+Sie mich gehen.«
+
+»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war
+diese Tote?«
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+»Sie weichen mir aus.«
+
+»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.«
+
+»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft
+meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber
+niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich
+Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den
+ich nicht verstehe.«
+
+Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über
+suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre
+Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von
+allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen.
+Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen:
+
+»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich
+Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu
+sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war
+tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie
+legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten
+so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg
+zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht
+für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das
+Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt,
+mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber
+die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem
+Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...«
+
+Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja,
+und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. -- Aber meine Kraft
+war zu Ende.
+
+Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar
+hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es
+gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und
+wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die
+mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer
+und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte
+ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß
+wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt.
+
+»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich
+fröhlich!«
+
+Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:
+
+»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich
+erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.«
+
+»Niemals«, sagte ich.
+
+Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.
+
+»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es
+wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an
+Wunder?«
+
+»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein
+Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn
+unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen.
+Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen
+Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des
+Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.«
+
+Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.
+
+»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten
+läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser
+Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören
+müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich
+durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen
+fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie?
+Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...«
+
+»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie
+hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und
+größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen
+vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben
+trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das
+ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich
+begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der
+Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt,
+denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und
+morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.«
+
+Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht
+zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß
+ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen
+Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen
+finden sollen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Das Meer
+
+
+Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstraße nicht zu
+ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit
+mir herum, die zu schwer drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch
+Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem
+Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig
+werden, dachte ich. Dann wieder fürchtete ich, der Verlust dieses
+Menschen habe etwas für alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit
+war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief
+und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne
+Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose
+Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß ich durch mein Schluchzen geweckt
+wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die
+ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, diese
+Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein
+unirdischer Reichtum vorkam.
+
+Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: ich kenne euch alle
+längst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der
+Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit,
+denn da ich nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines
+Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit
+ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und
+immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem
+Tage mir selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich
+beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir
+sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurückdenke, so
+ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm,
+was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.
+
+Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in den Sommer überging,
+und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft geführt, in
+der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von
+Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte,
+warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand,
+daß es mich wie eine grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die
+Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die
+geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die
+Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der
+das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich
+dachte an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene
+schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief.
+
+Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die Halme, sie schaukelten im
+Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekümmert und ließ sich am Rand des
+Kelches einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier
+zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahlenden
+Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich
+begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete,
+ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem
+Windhauch berührt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer
+in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte
+und in glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom durchwärmten
+Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und
+führten merkwürdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich,
+die zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von Träumen
+befangener Blick.
+
+Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang
+auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt
+überschritten hatte, vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und
+ein Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung kommen konnte.
+Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses
+einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben
+Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete
+ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das dürftige
+und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem
+nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem
+seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz
+genommen, und doch lag ein matter Schein darauf. Dicht an meinem
+Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen
+Pfählen, ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.
+
+Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben ließ und ihn befestigen
+wollte, erblickte sie mich und sah mich mit großen, überhellen Augen
+starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas
+tierhaft Leeres und Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun
+der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter
+Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt
+einen der Pfähle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und
+staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in ihren
+Zügen hervorbrachte.
+
+»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie langsam mit einer
+tiefen Altstimme.
+
+Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht,
+weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter
+der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen
+Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte:
+
+»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun
+auch dich.«
+
+Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu
+empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit
+den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen
+Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie
+zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rührend und voll
+kindlicher Gefaßtheit.
+
+»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ...« Ihre
+Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht.
+Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen
+es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug
+und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll
+freundlicher Neugier und bereit zu verstehen.
+
+Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre
+Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem
+Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich
+des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und
+Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte
+einen Schritt auf den Steg zu.
+
+»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir helfen.«
+
+Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und löste die Hand vom
+Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg
+abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf
+stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich
+mehr und mehr von mir, aber sie lächelte mich an, als käme sie mir
+entgegen.
+
+»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg zurück. Da sie sah, wie
+ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken ließ und daß kein
+Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das
+Ruder ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre Hand den
+Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und
+den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie
+die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund
+stecken? Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, der
+sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank.
+
+»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.
+
+»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...«
+wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein,
+daß sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Geräts verraten hatte.
+Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit
+Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis
+unrecht getan.
+
+Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche
+Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine
+Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles.
+Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie
+die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und
+wie die Nacht.
+
+Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum
+sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und
+schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie
+nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn,
+drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon
+die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die
+Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein.
+
+Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen
+der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf
+einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank,
+wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen
+Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen
+Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar
+macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter
+Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten
+Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner
+Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege
+und Grab ...
+
+So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den
+Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter
+Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und
+Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung,
+ein wahrsagendes Lebensbild.
+
+Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint
+es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer
+selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und
+über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann,
+als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte,
+wir empfinden später, daß wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es
+nicht erkennen, doch verwalten.
+
+Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der
+herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in
+dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es
+bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des
+Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten.
+Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor
+dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem
+Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie
+stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser
+Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall,
+obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren
+Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber
+Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist
+gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das
+Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von
+euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig
+Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in
+mir und aller Liebe.
+
+Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die
+Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit
+ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald
+begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes nächtiges
+Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich
+Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller
+Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und
+mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte
+diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich
+mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging
+langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan,
+sandig und über kahles Gelände.
+
+Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein
+kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes
+Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein
+matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war,
+als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die
+Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein
+leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag,
+und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie
+laut auf -- das Meer!
+
+Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der Nacht. Ein Schauer
+voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so
+groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine
+grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich
+kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und
+vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das
+Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der
+Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß
+die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber
+stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in
+Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen
+Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...
+
+Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete,
+mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich
+zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der
+Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner
+schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck,
+seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht.
+
+Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich
+die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger
+ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des
+Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch
+ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach
+der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender
+Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und
+keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte,
+törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In
+gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine
+kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer.
+Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das
+Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder,
+unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir
+wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein.
+
+So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich
+aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht
+zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung
+wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das
+Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein
+schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging
+ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende
+Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung
+dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die
+Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und
+duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen
+Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige
+Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die
+Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein
+Blut mit einem wunderbaren Dank.
+
+Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und
+nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder
+aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen
+verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben,
+genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und
+die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke,
+daß ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten
+Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die
+schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen
+der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie
+zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer
+noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen
+sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen
+den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht
+brach.
+
+Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer
+Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich
+erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume
+geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches
+Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war,
+und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der
+Nacht schwebte.
+
+Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die
+Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen,
+das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus
+Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern
+standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam,
+Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen
+durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer
+pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund
+gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts
+sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen
+in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste
+Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um
+unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu
+einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die
+langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in
+die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu
+ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der
+Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben
+gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden
+glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine
+Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und
+ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen
+dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem
+ich lange schlief. --
+
+Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung
+jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das
+Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die
+Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit,
+du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen,
+ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze
+eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen
+Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das
+Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes
+Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer
+verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon
+mein Bruder.
+
+Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?«
+
+»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe
+sie um Hilfe, »wer ist denn da?«
+
+»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.«
+
+»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der
+Decke herab.«
+
+»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«
+
+»Merkwürdig ...«
+
+»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«
+
+»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzählen? Er würde
+dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, draußen
+durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von
+Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«
+
+»Hast du keine anderen Bücher?«
+
+»Sag' erst, wer du bist.«
+
+»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey nicht liest.«
+
+»Dann bist du also Vetter Eberhard.«
+
+»Ich denke nicht daran.«
+
+»Ach ... er wollte kommen.«
+
+»Kommt er immer nachts?«
+
+»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er
+nachts und erschreckt mich wie du es getan hast. Sag' jetzt, wer du
+bist, sonst muß ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett,
+habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann.
+Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der
+Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«
+
+»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«
+
+»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, sie hat
+eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.«
+
+»So soll ich bleiben?«
+
+»Sag' erst, wer du bist.«
+
+»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst,
+nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß du zu mir herunterkommst.«
+
+»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«
+
+»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst
+nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich
+werde meines Wegs gehen.«
+
+»Wie unhöflich du bist.«
+
+»Unhöflich ...«
+
+»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Könntest
+denn nicht du heraufkommen zu mir?«
+
+Nun war es eine Weile still.
+
+»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus
+seiner Rolle fallen. Welch eine törichte Frage das doch war. Die Stimme
+antwortete ohne Eifer:
+
+»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst
+wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du
+willst, denn ich weiß, daß du schon bei der ersten Bedingung versagst,
+unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast,
+so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«
+
+Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen scholl zu mir herab.
+Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte
+ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder,
+wie eine Seite im Buch umgeblättert wurde.
+
+Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fände
+einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfänge gefunden habe.
+
+»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.
+
+Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die Luft, raschelte
+wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war
+das Buch.
+
+»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.
+
+»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte
+beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür
+hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird,
+wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum
+Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin,
+so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du
+wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus
+der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer
+wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu
+sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt
+werde ich es glauben, und dann wird er es sein.
+
+Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön
+wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich
+zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du
+füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein
+Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es
+gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus
+dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind
+Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der
+Ewigkeit und Freiheit.
+
+Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid?
+Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen
+Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen
+Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön
+bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe
+ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen
+als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das
+große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so
+stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist,
+in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich
+abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm?
+
+Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und
+seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und
+seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt,
+wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es
+ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht
+als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so
+war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder
+bin ich gehorsam? Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell
+bist.«
+
+So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig,
+bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben,
+und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du
+kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand
+wird wissen, wer geredet hat.
+
+Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes
+Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff
+mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene,
+unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt
+auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen
+des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne
+Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor
+tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn
+wir unter der Erde sind.
+
+Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und
+dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen
+tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin
+schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden
+einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt,
+hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter
+der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du
+über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch.
+Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so
+erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser
+Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr
+bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn
+gesagt ...
+
+Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und
+schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine
+Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der
+Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare,
+etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht
+verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden,
+schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit,
+Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete
+still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und
+darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten,
+aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum
+nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand.
+
+Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen
+Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen
+in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer
+erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es
+mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es
+wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen
+sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen,
+deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir
+schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst,
+dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare
+Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und
+das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im
+Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit
+dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen
+vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen
+gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede
+Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung
+meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.
+
+Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und
+nahm mit beiden Händen meine Hand:
+
+»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, und ich
+bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das
+meiste gehört, es war wirklich sehr schön, besonders der Anfang. Bist du
+böse?«
+
+»Wer bist du?«
+
+»Sicher kein Gespenst -- du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib
+mir mein Hemd.«
+
+Ich sah mich um.
+
+»Dort am Waschtisch.«
+
+Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es
+ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwölkchen im Licht,
+senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte
+wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betörend
+zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß und sicher an, zugleich
+hell und dunkel, mit lächelndem Forschen, ohne Schüchternheit, aber
+ernst.
+
+»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse,
+Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege
+keinen Wert darauf, und wer bist du?«
+
+»Worauf legst du Wert?«
+
+»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und
+kluge Männer.«
+
+»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und einen klugen Mann.«
+
+»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu
+den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?«
+
+»Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen
+einsteigt?«
+
+»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle!
+Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht
+enttäuscht zu werden.«
+
+Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak
+heiß.
+
+»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend.
+
+»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine
+Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß
+du mich enttäuschen wirst?«
+
+»Du kannst nicht lieben, Kaja.«
+
+Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich -- nicht -- lieben!? Weißt du, ich
+habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie
+ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen
+gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich
+bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine
+Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb
+nicht?«
+
+»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese
+Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er
+sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es
+der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«
+
+Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles
+Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder
+Angriff.
+
+»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja
+verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser
+bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen,
+fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung
+recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit
+sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht -- aber
+gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an,
+das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich
+beruhigen.«
+
+Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder
+Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein
+Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu
+sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen
+entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht
+meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne,
+dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine
+Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend
+nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel
+geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah.
+Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft
+oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und
+drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen
+Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten
+Spötter und Versucher und sagte:
+
+»Du verstellst dich, Kaja.«
+
+»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte
+mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich
+verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor
+sich.«
+
+»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst
+dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug
+für ihre Schönheit.«
+
+»Ach -- so --«
+
+»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben
+getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.«
+
+Sie verstand sofort:
+
+»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie
+lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie
+sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst
+weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt
+gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen,
+in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern.
+
+Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer
+Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem
+Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier
+war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und
+Trotz.
+
+»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.
+
+-- Du große Frühlingsfrage!
+
+Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften
+voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird
+die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den
+großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst
+und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte,
+die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in
+die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich
+zurücklassend. --
+
+Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein
+übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete.
+
+Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und
+ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste
+emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im
+nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde
+nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir
+hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein
+Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre
+Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich
+rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in
+heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht
+über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort.
+
+ * * * * *
+
+Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es
+war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein
+erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die
+Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht
+in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen
+Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt
+draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.
+
+»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch
+nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!«
+
+Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie
+darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen,
+sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit
+tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll
+Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind
+trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn,
+Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu
+können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von
+Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer
+Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt
+vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet?
+
+Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die
+Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg
+lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht,
+beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen
+mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute
+Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen
+wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen
+wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das
+schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich
+geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das
+Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.
+
+Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen Wellen nahen und sich
+im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war,
+als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die
+in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, auf deren Giebeln
+bräunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein
+Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes
+Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie
+Spielzeug aus und bewegten sich träge.
+
+Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse
+Sand an meinen Füßen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter
+mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den
+Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Möwenschrei ließ
+mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und
+bräunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Hütten.
+
+Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele
+erschütterten mich so mächtig, daß ich aufsingen mußte, einen hilflosen,
+wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht,
+Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mächtigen
+Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten,
+und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund.
+Nun habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches weiß ich nun,
+und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein
+Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn
+fern höre, so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach sein
+wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid.
+
+Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus
+dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen
+miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und
+erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel
+voneinander.
+
+Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das
+umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die Morgensonne unter sein schwarzes
+Dach schien. Ich kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen
+eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den Sand, um zu
+schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und
+der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser
+Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im
+Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen Leben, und ich sah
+große Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, daß ich
+schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt
+bestand aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im
+leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt
+und deutlich die Fülle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich
+sah beblühte Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und Baumgruppen,
+Quellen und Ströme. Und mitten darin, wie geboren und erblüht aus diesem
+lieblichen und mächtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar
+funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der
+Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im
+Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bäume, das Flüstern der
+Gräser und der Vogelgesang. Schattige Gründe der Triften, Kelche und
+Früchte waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe zu bringen,
+was diese Schultern und Hüften trugen, die reinen Glieder und der
+unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt
+und kein Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet.
+Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und diese betörende
+Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit
+lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und
+traurig war.
+
+Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren
+Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, so nah, und doch
+von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinüber -- bleibe
+hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein
+und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. --
+
+Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es,
+dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich
+und alsbald völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen
+Bootmuschel hervor und taumelte vor Glück und Licht in der Sonne, die
+über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schüttelte den Sand aus meinen
+Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag
+der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im
+freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber klar, daß dieser
+Besuch stattfinden mußte, vermochte mir allerdings über die Art keine
+Vorstellung zu machen.
+
+Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen
+Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich
+besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt
+haben. Eine heiße Liebe zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie
+sollte ich nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich doch das
+Ungewöhnliche bestanden habe?
+
+Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine
+zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten
+einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park
+zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall
+strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft,
+und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle
+der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im
+Jahr.
+
+Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten
+übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte,
+grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt.
+Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die
+ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher
+kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der
+Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich
+fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen
+breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken
+bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen
+schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen
+lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt
+fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz
+ihres späten Lebenstages.
+
+Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen,
+verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen
+machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls
+stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große,
+schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre
+Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie
+sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an
+ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn
+ohne Erlaubnis betreten zu haben.
+
+Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben
+bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner,
+gebrechlicher Stimme:
+
+»Guten Morgen, guten Morgen.«
+
+Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein
+wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger
+ehrerbietig ausfiel.
+
+Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig
+zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein
+merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer
+Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der
+Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer
+schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief,
+ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht
+kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen
+Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer
+Demut gegen sein letztes Wirken.
+
+Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden
+konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von
+dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das
+sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das
+Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen
+mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren
+unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock
+seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine
+Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte
+versöhnlich und sah mich an.
+
+»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.
+
+Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die
+offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn
+erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite
+geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich
+Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an.
+
+Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten
+Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?«
+
+Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich
+gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.
+
+»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog
+mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen
+Umstand ausglich.
+
+Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen
+Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante
+Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.
+
+»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!«
+
+Ich entschuldigte mich rasch:
+
+»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.
+
+Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:
+
+»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas
+schwerhörig.«
+
+Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.
+
+Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch
+bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick
+enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden
+haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß
+meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine
+kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.
+
+»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier
+verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.«
+
+Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden.
+
+»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und
+schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner
+prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein
+Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise,
+es sind zugleich die Sommerferien.«
+
+Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich
+nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden
+werden wollte.
+
+»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander
+die Gartenwege entlang.
+
+»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.
+
+»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?«
+
+Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich
+glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung.
+
+»Auch Algen!« rief ich.
+
+»Wie?« fragte sie bestürzt.
+
+»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.
+
+»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.«
+
+Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin
+überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange,
+hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses
+Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.
+
+Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit
+die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser
+Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die
+Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es
+zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine
+Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.
+
+»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!«
+
+Niko verkroch sich.
+
+»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich
+liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht
+abstoßend auf sie zu wirken.
+
+»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich.
+
+»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen
+Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der
+Jugend ist kein Lager hart.«
+
+»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer
+Armbewegung.
+
+»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«
+
+Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als
+erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte,
+oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt,
+dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch
+den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand
+von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs
+Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und
+alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu
+grübeln.
+
+»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir
+Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes
+Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich,
+und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah
+ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen
+Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter
+bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her
+und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder
+bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese
+kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie
+lächelte nachsichtig.
+
+Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich
+jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu
+antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am
+besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten
+Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt,
+unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die
+natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte
+ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den
+besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört
+mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein
+geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es
+schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein
+Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich
+vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien
+es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber
+sie schrie nur:
+
+»Nieder Niko!«
+
+Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen
+Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann
+die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und
+unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten
+einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren
+Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist,
+bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer
+anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte
+den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft
+der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren,
+da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war
+für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform
+heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und
+Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung
+und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die
+innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie
+selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen
+Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des
+jungen Mädchens in Frage zu stellen.
+
+»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich
+streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der
+See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es,
+obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas
+kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher
+gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber
+nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren
+haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich
+kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß
+hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.«
+
+Sie richtete ihr Horn auf mich.
+
+»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.
+
+»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine
+angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die
+Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen
+Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und
+auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten
+abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!«
+
+Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko,
+der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus
+zu.
+
+»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber
+deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute
+Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte
+an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er
+erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so
+daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung
+einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden.
+
+»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor
+Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb
+sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht,
+er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich
+später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne
+den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter
+ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas
+anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht
+oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor,
+durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet
+sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie
+fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ...
+
+»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte
+darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später
+werden wir dann etwas zu uns nehmen.«
+
+Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz
+schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und
+Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche
+dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die
+Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!
+
+»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es
+verächtlich klang.
+
+»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden
+hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«
+
+Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat.
+Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und
+abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.
+
+»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die
+Tante.
+
+Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine
+gefällige und vornehme Haltung.
+
+Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende
+und nun mußte sie sich rechtfertigen.
+
+»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, aber ein junger
+Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.«
+
+Kaja machte einen strengen Knicks.
+
+»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante fort, »wir unterhalten
+uns hier noch ein Weilchen.«
+
+»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja zu mir, »nachher
+komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schämt sich
+ja. Also auf Wiedersehen.«
+
+Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und
+dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: »Guten
+Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe,
+daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«
+
+Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen in sich hinein,
+und man sah den Bewegungen ihrer Hände an, daß ihr ein Hindernis als
+überwunden galt.
+
+»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.
+
+»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schlußzeile
+eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.
+
+Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu
+dürfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Während sie
+sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre
+gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und
+steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit
+für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, um als glücklicher und
+ehrlicher Finder empfangen zu werden. --
+
+Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und
+zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu
+sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem
+unterspülten Hang.
+
+»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir fertig geworden bist,
+ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante
+Mimsey -- das will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir
+wohlgesinnt ist.«
+
+»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. Bist du noch
+einmal eingeschlafen?«
+
+»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.«
+
+Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, die sich in meiner
+lächerlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, daß um Kaja der Seewind
+strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare
+Prüfung. Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, je
+mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hüllen emporstieg. Als sie
+ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:
+
+»Man muß dich ja schonen, du Armer.«
+
+Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll Roheit gegeben,
+als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Händen und bebte.
+
+»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte durch die Buchen
+zu spähen.
+
+»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.
+
+Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.
+
+»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du«, stellte
+sie nachdenklich fest. »Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen
+Dingen mußt du jetzt etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für
+dich.«
+
+»Daran hast du gedacht, Kaja?«
+
+Sie sah mich fragend an.
+
+Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich
+es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermögen, woher die Gefahr
+und Wohltat dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und
+verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war
+ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. Man vermochte in ihr
+zu sein, beglückt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht.
+
+Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der
+Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder,
+als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet,
+in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob
+sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden
+Händen, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es
+beim Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue Rauchsäule
+erhob sich lebendig über ihr und wanderte, sich leicht zerteilend,
+lautlos ins Buchengrün empor.
+
+Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und öffnete sich ganz
+den Sonnenstrahlen, wie eine blühende Pflanze. Sie breitete ihre Arme
+aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie
+mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und
+umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von
+einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verächtlich, so daß
+mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen
+Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit.
+
+Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als würfe sie es fort.
+Keine Geste schien ihr verächtlicher zu sein, als die der Darbietung.
+Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dächte ein anderer für mich.
+Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute
+eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken,
+als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich
+mußte lachen, und Kaja sah sich nach mir um.
+
+»Was ist geschehen?«
+
+»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes
+vorstellte.«
+
+»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, wie ausschweifend
+du in deinen Gedanken bist.«
+
+»Erzähle mir von dir, Kaja.«
+
+»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest mich endlich
+kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, daß ihr den
+Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein möchten. Es
+geschieht, weil ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil
+ihr es nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist immer
+dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es
+Verständnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich
+Täuschung vor. Ein lächerliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«
+
+Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt für Schritt, maß
+sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel über und schien die
+helle Welt, das schöne Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie
+annahm. Als eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm
+ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit
+dem kühlen Wasser wie für immer.
+
+Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich beides zu dieser Stunde
+vermochte, aber es ging, und ich fühlte eine schmerzende Zweiheit
+wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als
+fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu Dingen
+geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige ich nun? fragte ich
+mein Herz, aber als Antwort hörte ich nur den fühllosen Frohsinn der
+großen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und
+sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust
+sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der
+Ferne, bei der großen Stadt, dein Grabhügel. --
+
+In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit stampfte ich bald darauf
+durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war
+nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, daß
+ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so
+Wichtiges, so Lebendiges, so viel glückliches Tun mir gelungen, so wird
+sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach
+Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, einen
+Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.
+
+Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hören,
+wie groß es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht
+gewinnen kann im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer
+beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir sagte, daß ich Kaja
+liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es
+mir in der eroberten Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts
+doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar
+und mütterlich lächelte der Weltgeist mich an, gnädig und zögernd, als
+sei ihm ein Irrtum gefällig.
+
+Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewalttätige
+Verlassenheit, die die begrünte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen
+und hörte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich
+meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns
+mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze
+Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte.
+
+Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die
+Flut bespülte, und beobachtete, wie die Wogen es auslöschten. Ich grub
+die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft
+heraneilenden, durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über den
+Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen,
+wie mit Gelächter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten
+und zerteilten. Sie löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen
+zu sich selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art,
+ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr
+geglättetes Sandbett betrachtete.
+
+Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein Herz zu hüten,
+aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine
+süße Wollust. Und plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf
+der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den Knabenernst
+meiner Absichten, über das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll
+Streben, Erfolg und Wirken, über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen
+werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen oder
+im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurückfluten und
+aufs neue in vergänglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.
+
+Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge
+verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblaßt, die
+zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen
+Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand,
+ein leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte
+ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblaßt, die zweite Woge nahm
+ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner
+alten Wesenheit.
+
+Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lächeln gebildet,
+als mir sonderbar deutlich Asjas Worte über den Wandel der Natur zum
+Bewußtsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der Wandel
+der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der
+Geist.«
+
+ * * * * *
+
+Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh
+gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt,
+mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite
+hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und
+Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten
+den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen
+durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am
+Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote
+lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser
+hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel,
+zu mir und ermutigten mich.
+
+Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege
+angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten
+schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu
+wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den
+Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es
+schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in
+einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und
+erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich,
+wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder
+jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten.
+
+Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen,
+denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie
+mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren
+Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres
+Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu
+wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien.
+
+Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und
+musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck
+zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart
+eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von
+Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie
+Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem
+Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von
+ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber
+zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies.
+Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine
+Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte,
+glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in
+seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich
+nicht. Ob ich ein Franzose sei.
+
+»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.
+
+»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch,
+»warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«
+
+»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«
+
+Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.
+
+»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?«
+fragte er.
+
+»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«
+
+»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen
+Eindruck zu machen. »Ich würde mich an die Junge halten, wenn ich in
+deiner Haut steckte.«
+
+»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete ich und wies auf
+meinen Rock.
+
+Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel
+draußen auf dem Deich.
+
+»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem
+Rock gewählt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren
+Frack besitzen. Aber was man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind
+geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?«
+
+Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu
+finden, die ich doch nicht bezahlen konnte.
+
+»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« sagte der Alte, »so
+kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.«
+
+Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt
+nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weißem Sand
+bestreut, und das Fenster führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein
+Bündel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen
+Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht
+nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er sagte: »Nun ja ... wirst
+auch nur eine Mutter gehabt haben.«
+
+Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich wohlwollend, denn es
+stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach
+etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt
+hatten.
+
+»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte er mir auf meine
+Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt dich an deine Schloßmuhme,«
+fügte er hinzu, »sonst hat's gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um
+sie fortzutragen, und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über dem
+Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie eine Krippe.
+
+Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und
+durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich
+weiter draußen im Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie
+kleine Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden sei für
+die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren
+ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber
+er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen
+Lippen nach, wie er das Weite suchte. --
+
+Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen
+Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete,
+dessen Pflanzen gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst,
+daß ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm teilte.
+Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurück, ein
+siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre
+blauen Augen sahen ernst und mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne
+andere Einschätzung, als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte
+nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie war von
+unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als
+die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im
+Wasserschlößchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein
+schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen eines
+wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten war mir lieber. Ich
+ließ das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und
+verabschiedete mich ohne Erklärungen.
+
+»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir einen großen Fisch.
+
+Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir
+Gewähr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem
+Land und das Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe man viel
+weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und die Möwen waren blendend
+weiß und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles
+war wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs
+und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus
+Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu
+haben.
+
+Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine
+Mühle am Horizont, deren Flügel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergänger.
+Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie
+der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu
+bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war
+mir fremd.
+
+Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Stürzen der Flut
+vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und
+Entzückung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst
+du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist
+die Beruhigung deiner Nähe.
+
+Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem
+gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Büsche, die die
+Gartenpforte übergrünten, und erkannte Niko auf ihrem Schoß, der
+schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war
+ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der
+Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufügen.
+
+»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre
+liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns
+treten könnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren
+Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch
+und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er
+herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein.
+
+Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den
+sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod
+sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir
+zärtlich, ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter
+Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rührte sie, sie
+verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch für tot hielt und ihre
+Brille mit frohem Dank zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu
+Gott stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten
+laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, und überlegte mir die Sache.
+Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich
+umzudrehen, gleichmütig:
+
+»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«
+
+Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr
+ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«
+
+»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob
+mir ein großes Stück Kuchen hin.
+
+War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu
+religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen Äußerlichkeit, wie sie
+so oft in welken Gemütern angetroffen wird, die eher eines
+undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so
+irrte ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und
+Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in
+kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur
+darin, daß sie niemanden für glücklich zu halten vermochte, der ihre
+Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer
+aufrichtigen Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für erwiesen zu
+halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine
+Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich oft über Kaja, die ihre Zustimmung
+übertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel
+weiter ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn
+war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche Kraft der
+Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an meinem heimlichen Tadel
+irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau.
+
+Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der
+Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und
+Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder
+Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl so schmerzlicher
+Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, daß ich glaubte, mein Herz
+schmerzen zu fühlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht
+geöffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen
+ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und süßen
+Gehorsam der Hingabe, daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom
+heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte mit Angst nach
+den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen
+ihrer dämonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne
+Halt -- kein Hauch von Schwüle oder Glut lag um die klare Stirn, kein
+Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die
+Kinderbläue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.
+
+Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer
+Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung
+auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit
+Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die
+heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und
+ihre dämonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner
+entflammten und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen und
+betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, der weit höheren Gesetzen
+unterworfen war, als sein Schöpferwesen sie umfaßte.
+
+Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß ich mich mit Kaja oder
+meinem Gedanken beschäftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen
+mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den
+Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemütlichen
+Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte.
+Wenn ich von ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen für
+einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja
+dachte, so war mir, als sähe ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf
+dessen Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen dunklen
+See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.
+
+»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey innig, »die Welt ist an
+Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es
+besser.«
+
+»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die mir mit gefalteten
+Händen gegenübersaß.
+
+Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, gemeinsam mit einem
+Päckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu
+halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und
+Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt Tante
+Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf dem Tisch fest, daß sie
+aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht
+zusammengehaltenen Blätter zu stechen.
+
+Das war mir neu, und ich zögerte.
+
+»Mutig«, sagte Kaja freundlich.
+
+Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante
+Mimsey nahm die Brille.
+
+»Nun werden wir sehen«, sagte sie.
+
+Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewußt
+hatte, daß er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrößerte mit einer
+Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das
+Zehnfache, und begann zu lesen.
+
+»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und sah mich an.
+
+Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:
+
+»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wölfe
+des Abends. Ihre Reiter ziehen in großen Haufen von ferne daher, als
+flögen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die
+Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte man Parder.«
+
+Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte ich mich in
+meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben
+Schmerz.
+
+Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und
+von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmögliches Wesen zurück, wie
+ein Strom von Traurigkeit.
+
+Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels
+auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das
+kommende Reich des Heilands und verglich die angeführten Übeltäter mit
+den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie
+lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung darauf zu sprechen, daß
+deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstünde.
+
+Kaja sah auf die Uhr.
+
+»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte Tante Mimsey
+geheimnisvoll mit und sah warnend drein.
+
+»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die Tante wird hellsichtig.
+Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pünktlich.«
+
+Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand und ging,
+nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wäre
+Andacht möglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja
+zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter
+seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so daß der Kies
+flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk
+versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko
+atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt seine
+stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht
+hinausgeschoben werden durfte. Sie ließ alles stehen und liegen wie es
+war, löste die Kette von der Banklehne und ließ sich von Niko
+davonzerren. Beim Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die
+Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne Bedrängnis zu
+folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es
+wurde still im sommerlichen Garten.
+
+Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich
+unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich
+nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte sich
+langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne
+auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den
+die Parkbäume aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit ruhigem
+Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt
+verlassen. Der Seetang duftete schwül und fremdartig.
+
+Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden Eindrücke nicht
+mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die
+Verführungen dieser arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich
+bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu
+nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags.
+Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in
+diesen Einflüssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf,
+und alles wurde kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und
+umher standen hämische Verkünder der Erniedrigung.
+
+Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in
+meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und
+Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich
+Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in
+die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen
+mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je länger ich im Sande lag,
+die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit
+zum Meergesang hereinbrach, um so größer wurden die Sterne und um so
+kleiner die Erde. --
+
+Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten
+entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur spärlich
+durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft
+in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur
+undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein äußerer
+Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im
+leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen
+feilten an ihren undeutbaren Stätten.
+
+»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« sagte Kaja, »komm ans
+Meer. Ich weiß nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht,
+wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es
+ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es
+genau zu erkennen trachtest; schließt du aber die Augen halb, so
+erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weißt den
+siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und
+glaubst es nicht. Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«
+
+Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. Ihr Fuß auf dem
+Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wärme von ihr aus, ein
+Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort
+zu sprechen.
+
+»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht
+gemerkt, daß man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade.
+Ich möchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut,
+daß das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und
+glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander
+näher zu kommen ... lachst du mich aus?«
+
+Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug
+darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.
+
+»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein kleines Mädchen war,
+noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den
+Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu
+mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand lag. Dieser hieß
+>Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hieß >Sünde
+der Nacht<. Ich haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an
+das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich
+verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte
+ich >Erlöser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte.
+Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war
+sechzehn Jahre alt. -- Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie blaß
+du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen
+baden. Ich möchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt
+und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen
+und Traum.«
+
+»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich kennst, Kaja.«
+
+»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll
+ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft
+staune ich über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne
+sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte ich mich in die
+Worte der Männer betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe
+die Männer immer.«
+
+»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem
+Fenster sprach?«
+
+»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«
+
+»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«
+
+»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«
+
+»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als daß ich zu dir
+will.«
+
+»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du
+mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch
+ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig,
+ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn
+eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch
+erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie
+die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln
+freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht
+beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder
+schlägst ...«
+
+Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich
+denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag
+nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit
+ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit
+Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur
+Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren
+schaurigen Befehl.
+
+ * * * * *
+
+Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und
+die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen
+Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns
+ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor
+gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf.
+Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des
+Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das
+edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand
+gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es
+leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem
+Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle
+über dem Sand.
+
+Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin.
+Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein
+und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie
+verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel
+eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler
+waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften
+Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und
+flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis
+bebte.
+
+Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die
+ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine
+mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die
+Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare,
+wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es
+mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um
+nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer
+Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest,
+fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben
+war.
+
+Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über
+meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an
+meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch
+wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre
+Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen
+Schwäche gleicherweise tranken.
+
+»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«
+
+Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.
+
+Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so
+lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich
+so ängstlich wie ein Kind:
+
+»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So sprich doch, ach, ich
+bitte dich, sprich!«
+
+Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:
+
+»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich bin dir ja gern zu
+Willen, und du darfst nicht von mir glauben, daß ich arm und häßlich
+bin. Ich gehöre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort
+tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«
+
+Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig
+still, wie Gewitter am Himmel, entzündeten Schmerz und Freiheit der
+Seele in mir sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. --
+
+Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne
+Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts
+gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In März- und Sommerglut
+und hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine
+Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrängt, Augenblicke
+dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu
+Gestirn gespannt, das Meer stürzte über die schneidende Firn der
+Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit der wieder
+emporsteigenden Nacht, über die gleitenden Grenzen der Bewußtheit hin:
+Tausend Jahre sind wie ein Tag. --
+
+»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen,
+anders als alle. Ich will einen guten Gürtel haben, rasche Füße, frohe
+Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und
+nichts getan.«
+
+»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über mir.
+
+Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, wie eine Decke.
+
+»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als
+ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter
+dem Fenster?«
+
+»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, bald wird es
+hell.« --
+
+Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem Meer. Er leuchtete so
+hell am Horizont, daß mir war, als füllte sein ferner Glanz mich an, als
+sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein
+leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die
+Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war
+fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine
+Fröhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen
+empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer
+größerer Macht anwuchs.
+
+ * * * * *
+
+Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens Nichte, im Wind über
+den Deich. Es war ein trüber, stürmischer Tag und das Meer tobte. Han
+sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es
+schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hörte mir gerne
+zu, wenn ich über das Meer sprach.
+
+»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und lächelte
+schüchtern.
+
+»Nein, Han, du gehörst dazu.«
+
+»Ja,« sagte sie, »so ist es.«
+
+»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte Baronin, Proker, den
+Diener, die Köchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber
+wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natürlich.«
+
+»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge Fräulein.«
+
+»Kaja, ach ja.«
+
+Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer
+Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne
+Wehmut und Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:
+
+»Also, dann sprich von ihr ...«
+
+Ich erschrak.
+
+»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn man neben ihr
+dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt
+seinen Wert durch sie ...« Ich stockte und schwieg.
+
+Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu
+schützen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschützteren
+Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter.
+
+»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, erzählte Han. »Es war
+eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die
+Station standen auf einer Insel.«
+
+Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der weite Reisen gemacht
+hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mühsam über
+ihre Lippen, es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit
+dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr gefälliger vonstatten,
+Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie
+sagte:
+
+»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hände falten
+müssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.«
+
+»Wer? Wer kam?«
+
+»Das Fräulein doch ...«
+
+»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«
+
+»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.«
+
+»Wer war das?«
+
+»Ein Fischer.«
+
+»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?«
+
+»Das war so.«
+
+»Sag mir doch, was du weißt, Han.«
+
+»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts gesagt.« Wir
+waren uns plötzlich fremd und schwiegen beide. So ließ ich sie denn
+allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und
+der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, sie hatte
+wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust aus, ohne Licht und wie
+auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen.
+Die graue, große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem Gemüt
+aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das Schiff gegen die Wogen.
+
+Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten Saal von
+großer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefüllt war. Eine
+verborgene Musik spielte, fröhliches Lachen und das Klingen von
+Weingläsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus
+kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und
+Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der
+Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das
+fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine
+Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und begierig. Sie
+lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er
+sein Gesicht und schaute einfältig-gütig drein. Ein Diener mußte
+Vorwürfe anhören, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich
+kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Körpers
+wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren
+begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der
+Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal ihrem Zauber.
+
+Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, aber ich ging noch
+ein paar Schritte über sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschloß
+auszuspähen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles,
+was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. --
+
+Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder dem Sommerwind,
+und als eines Morgens die Sonne strahlend über dem Meer aufging,
+glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand
+wurde wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus
+zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und
+das Gemüt war wie verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und Erde
+für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine
+Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trüben Zeit war an
+ihnen zu finden.
+
+Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die
+Bäume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege
+der Sonne und sang.
+
+»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«
+
+Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne
+Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter
+ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen
+Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den
+trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte,
+dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines
+Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese
+halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein
+einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.
+
+»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die
+Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber.
+Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz
+gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.«
+
+Sie sah mich neugierig an.
+
+»Ach, die Tante ...«, sagte ich.
+
+»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du
+die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern
+liegen, du bist ja selber einer.«
+
+»Hast du Freundinnen, Kaja?«
+
+»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.«
+
+»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine
+hast.«
+
+»Ich hatte eine, damals vor ...«
+
+»... vor Veit Geesten.«
+
+»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben,
+wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war
+wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging
+sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe
+zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie
+verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der
+Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie
+laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein
+Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.«
+
+»Ist sie auch tot?«
+
+»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen
+du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte
+sie sich ab. Sie ist also glücklich. -- Du nimmst alles so ernst.«
+
+Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster
+gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer
+dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte
+heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach
+meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild
+mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich,
+und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr
+Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies
+ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe?
+
+Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im
+Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner
+Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des
+Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein
+verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und
+schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit
+diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren
+nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der
+Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen
+Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch,
+die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.
+
+»Pflück' die Blume dort, Kaja!«
+
+Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.
+
+»Wozu? Was willst du damit?«
+
+Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften
+Blick von Prüfung und Gunst.
+
+»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der
+zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von
+wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind
+und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit
+von Lust und Unschuld hob.
+
+Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier
+und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der
+Schuster Stevenhagen geflickt hatte.
+
+Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft
+der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen
+des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie
+langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und
+unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das
+ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst
+im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht
+gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir
+etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der
+Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie
+zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.
+
+Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das
+Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der
+grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer
+freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie
+Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der
+unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der
+Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element
+aufzunehmen vermag.
+
+Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und
+sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und
+klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich
+gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in
+frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem
+herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser
+Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt
+habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und
+nun -- ist es denn Wahrheit? -- würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit
+aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines
+Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als
+meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch
+Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu
+mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und
+Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen,
+stärker als sie.
+
+»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und
+lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer,
+und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich
+deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen
+Schwester. -- Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ...
+Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß
+du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter
+Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es
+nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer
+alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber
+seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und
+ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht
+bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist
+jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich
+ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend
+Jahre lang gehört!«
+
+»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und
+trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in
+meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«
+
+»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.
+
+»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«
+
+»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«
+
+»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«
+
+»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, daß ich dich
+manchmal beneide?«
+
+»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.
+
+Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die Antwort geben, ihr
+Kopf kam mir nah und ich spürte ihren Atem, den Lebensduft der Frage,
+die sie tat, die Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen
+Leib.
+
+ * * * * *
+
+Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, nach all den Tagen der
+heißen und herrlichen Freiheit, die mich durch Wald und Wogen um ihr
+stilles Haus geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht
+gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter gepeinigt,
+im Schein der großen Erinnerung, die wie die Sonne über allen Stunden
+stand, war mir der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich
+machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.
+
+Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen am Teetisch ein junger
+Herr. Was war natürlicher und was hätte mich mehr in eine planlose
+Bestürzung werfen können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm
+mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend aufzubringen
+vermochte, beschleunigte meinen Schritt und tat, als wollte ich wieder
+gehen, noch ehe ich recht angekommen war.
+
+Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, Tante Mimseys zarte
+Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten mich, ich fand darüber meinen
+Weg, der als ein Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich
+deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, alten
+Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu machen. Sie nahm sich meiner gütig
+an, wie griff sie gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme
+Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.
+
+Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in meiner; sichere,
+lebendige Augen prüften mich unbefangen, ein klein wenig spöttisch, aber
+nicht mehr, als man einem Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das
+Recht zugesteht, die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er war
+groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller Blick glitzerte
+ein wenig, aber nicht hart, sondern fröhlich und klug. Seine Züge, alles
+andere als knabenhaft, waren eindringliche Lebensrunen, die von
+Erlebnissen sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ
+mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es schien, als sei er
+gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn herantraten, seine Zurückhaltung
+war selbstbewußt. »Eberhard« verstand ich; wo war doch der Name schon
+gefallen?
+
+Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht ein wenig
+ernster als sonst. Was bedeutete dieser Ernst? Ich wappnete mein Herz in
+bebenden Klammern des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft
+nicht, die in mir erwachte.
+
+Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach den Resultaten
+meiner Forschungen zu fragen, ich mußte so antworten, daß mir unter
+gleichmütigeren Fragen einer späteren Prüfung von anderer Seite zwei
+Wege offen blieben.
+
+»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet überfallen«,
+erzählte mir Kaja und sah an mir vorüber, während sie sprach, so daß ich
+nur eine törichte Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und
+planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn in alle Richtungen
+und verstand nur das, was nicht für sie bestimmt war. Endlich gab sie es
+auf, teilzunehmen und kraute Niko.
+
+»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich Vetter Eberhard.
+
+Kaja sah mich an.
+
+Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, wenn auch
+durchaus liebenswürdiger Hohn. Er sah an meiner Kleidung so augenfällig
+vorbei, daß sie mir auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:
+
+»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. In der Hauptsache
+beschäftigt mich jedoch der Mensch, und an ihm vornehmlich sein
+sonderbarer Hang, Fragen zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben
+wünscht.«
+
+Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von einer noch so feinen
+Regung ihrer Lippen hätte nehmen können.
+
+Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme erst nun
+erwacht.
+
+»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner alten Tante eine
+gediegene Grundlage, um Ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie hört nur
+leider etwas schwer.«
+
+»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft nicht immer
+vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr liegt natürlich nahe. Es soll
+dann gewöhnlich damit anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten
+ihren Sinn versteht.«
+
+Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte sie mir helfen zu
+müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:
+
+»Warum lachen Sie?« fragte ich.
+
+»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der Menschen zu
+erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« antwortete sie kühl.
+
+Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich schwieg und sah vor
+mich hin. Warum habe ich die Hand geschlagen, die sich mir bot, dachte
+ich, warum vermute ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind?
+Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst du, daß meine
+schreckliche Hilflosigkeit in den Augen Gleichgültiger deutlich wird,
+wie sie den Augen deiner Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht,
+daß ich böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor
+Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?
+
+Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände reichen. Vetter
+Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. Mit heiterer Unbekümmertheit
+betrachtete er mich, es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens
+ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz zu bestehen,
+von der Sorge zu unterliegen, trübte das kluge Gesicht. Er fragte mich
+nicht mehr, da ich doch ungern zu antworten schien, auch so waren die
+Welt und ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach mit ihr,
+als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag auf dem Tisch. Ich maß die
+Entfernung zwischen ihr und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit
+erschien, war für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.
+
+Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.
+
+»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.
+
+Ich lehnte ab, ohne zu danken.
+
+»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie rauchen ja, Kaja
+erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre ganzen Tabakbestände vernichtet
+haben. Oder ist das zuviel gesagt?«
+
+Ich sah ihn an und antwortete:
+
+»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich wissen lassen
+wollten.«
+
+»Wieso? -- Also Sie rauchen jetzt nicht ...«
+
+Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch und durch von einer
+großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine Augen sahen in ihren Zügen nur ein
+gleichmäßig-holdes Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war
+ein wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das unsere Rede
+nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys leise Zurückgesetztheit, an
+diese zärtliche Beachtung aller Einzelheiten, die das alte Fräulein so
+rührend zur Schau trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun
+und Sprechen zu verbergen trachtete.
+
+Nun sah Kaja mich an und sagte:
+
+»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, vielleicht am
+Strand, wie sonst?«
+
+»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« sagte ich leichthin
+zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen sehr dankbar. Für den Heimweg nehme
+ich sie gern.«
+
+»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, wie Sie
+vielleicht glauben.«
+
+ * * * * *
+
+Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister der Zuversicht und Not
+wechselten miteinander ab, Wolken zogen über den Mond, der nur selten
+sein klares Licht in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem
+Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte die See
+rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, die sich zu mir drängten
+oder weit abrückten. Bald rang ich um Schlaf und bald um Kraft, aber
+beide mieden mich und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und
+verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. Was soll ich dir
+gestehen, damit du mir Ruhe gibst?
+
+Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich erhob mich nicht,
+weil ich die langen Morgenstunden fürchtete und die entkräftigenden
+Schwankungen des Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres,
+süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und an den hellen Gram
+seiner Täler. Unter den beinahe finsteren Baumkronen ist es kühl, von
+großer Weite und ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus den
+bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie schweben als bunte,
+lautlose Vögel durch den Frieden der Fluren. Bald dieser, bald jener
+läßt sich auf unserer Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des
+atmenden Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll sich am
+Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen der Nebelstrich, das ist
+der vergangene Tag.
+
+Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die Eimer klapperten, sie
+ging zum Brunnen. Ich will gehen und ihr helfen, dachte ich, und blieb
+liegen und begleitete sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der
+seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, langsam
+gemeinsam herauf. Han hatte über dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock
+an, und wir drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein wenig
+und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, die beiden Eimer
+hoben sich mit ihr und sie ging langsam ins Haus. Nein, wir sprachen
+nicht, Han war noch schweigsamer geworden.
+
+Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond noch. Der Horizont über dem
+Meer war von mattem, bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob.
+Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt sich aus. Ich
+dachte an jenen Tag, den ich emporkommen sah, nachdem ich Kaja zum
+erstenmal umarmt hatte. Endlich tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber
+die Macht ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten Sinne, ihr
+Licht betäubte mich und ich schlief ein.
+
+Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen Schlaf: Ich sah Kaja
+nackt am Strand über den feuchten Sand laufen, dicht an der Brandung,
+die ihre Schaumseen nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja
+lief wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes Haar
+wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. Sie lief ein wenig
+ungeschickt, und mir war, als schrie sie helle, kurze Schreie, wie über
+ihr die Möwen. Es waren zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie
+dahintrieben, bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand fallen
+ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am fernen Strand liegen
+blieb. --
+
+Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen niedergelegt haben,
+den Kaja mir genannt hatte, denn ich schrak von ihrer Stimme empor. Ihr
+Blick in meine erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes
+Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren Augen, dem ich
+noch niemals begegnet war. Es war eine wehmütige Erwartung darin, als
+wenn ihr Mund ein mütterliches Wort gesprochen hätte.
+
+»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.
+
+»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«
+
+»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«
+
+»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett geschlafen.«
+
+»Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«
+
+Sie sah sich um.
+
+»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, wieviel erfuhr
+ich doch da über dich, wie naiv du bist und zugleich wie listig, klug
+und töricht, unvorsichtig und schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich
+sprach rasch und beiläufig, als wollte ich erst auf das kommen, was mich
+wesentlich bewegte.
+
+Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:
+
+»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für mich wird sich alles
+zu einem Ganzen vereinen, was dir, im Traum, wie du sagst, so
+willkürlich zusammengesetzt erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich
+meine oft,« fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu
+leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem sie es
+geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend in grauer Mühe
+verstreichen. Sie sind schwach, nichts als das.« Sie lachte leise vor
+sich hin. »Im Grunde bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der
+Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber mich laß in
+Ruh.«
+
+»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre sie längst zerfallen.
+Sie hat eine tiefe Beziehung zum Wert des Menschen.«
+
+»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh hin und sage das den
+Männern. Ich bin ein Weib. Ich fühle mich eurer Gemeinschaft nicht
+zugehörig, und solange ich keine Anforderungen an euch stelle,
+versündige ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe.
+Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, weitere
+Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«
+
+Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den Stielen, um sie kürzer
+zu machen.
+
+»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? Das alles ist es ja
+nicht, wenn du mich doch einmal anhören wolltest. Weißt du, was du tust,
+wenn du dich außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich
+gekränkt?«
+
+»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie zog die Hand über
+ihr Haar und runzelte forschend die Brauen.
+
+»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte dich ändern, dich
+bessern. Ich liebe dich!«
+
+»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte sie die
+Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit es zu mildern.
+
+»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein Herz davon. Du sollst mich
+anhören, weil ich nicht schweigen kann und reden muß, aber ich spreche
+nicht in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer du bist, aber
+ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich fügte in meinen Gedanken hinzu:
+Töricht bin ich, töricht.
+
+»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, »füge doch hinzu,
+daß du glücklich wärst, wenn du mich verachten könntest.«
+
+»Du bist klug wie Feuer.«
+
+»Ist das Feuer klug?«
+
+»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts von der Liebe.«
+
+»Leuchtet es nicht?«
+
+»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen Dasein
+braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was es braucht, und alles, was
+es hindert.«
+
+»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, sagte sie, einen
+Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein gefährlicher Mensch, du
+raubst der Natur ihre Ruhe.«
+
+»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn begreife. Ich bin ein
+Mensch, sonst nichts. Glaubst du denn, ich klagte dich an, um mich zu
+verteidigen, oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, es ist
+umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug so sein, daß ich mich
+gering mache, um zu rechtfertigen. Es soll nichts von mir gelten, als
+daß ich hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. In solcher
+Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit des Vergänglichen
+beginnt das Menschenbewußtsein, erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr
+Wirken. Ich habe einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die
+Lebensbereiche derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam
+bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind haben werde, so ist es ihr
+Frieden, wenn ich etwas zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe
+zerstören, wenn meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen ihren
+Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist tötet. Eine furchtbare
+Macht wird auf meiner Seite sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar,
+das ist die Jugend ...«
+
+Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem Blick an, der tief
+sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein Herz blutete darunter, denn ich
+fühlte eine Zustimmung voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne
+Gemeinschaft. Aber sie wußte es nicht, sie sagte:
+
+»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch allein.«
+
+»Weshalb sagst du das?«
+
+»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist Gott, oder die
+Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie willst du zu ihm kommen?«
+
+»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«
+
+Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er schmerzte mich, als
+sei meine Hoffnung unsühnbar und eine ewige Schuld.
+
+»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich dich mißachten
+könnte, wenn ich dich nehmen und genießen könnte, wie du genommen und
+genossen sein willst. Ich kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube
+ich. Sieh, mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel
+und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit lauter Klage vor
+deinem Wesen auf, sie sucht die Augen ihrer selbst, ihren einzigen
+Blick, und macht mich ungewiß und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du
+bist, wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand oder
+Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie Aussprechbare. Es ist
+nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht Heimat, alles das ist zu wenig, es
+gibt kein Wort. Das Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort,
+Kaja.«
+
+»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie meine letzten Worte
+überging, »so müßte doch dein Hinnehmen nicht abhängig sein von meiner
+Tugend oder Untugend.«
+
+»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber meine Hingabe ist
+davon abhängig! Nicht jenes Glück, von dem du sprichst, und das du reich
+und beseligend austeilst, nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein
+anderes, das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst mich
+mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen Heimweh nach ewigem
+Bestand.«
+
+Sie sah mich unruhig und böse an.
+
+»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie ungeduldig.
+
+»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem Augenblick begriff
+ich, daß ein Mensch einen anderen zu töten vermag. Aber gleichzeitig
+fühlte ich meine Liebe zu diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die
+fernen blauen Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können und
+Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses lieblichen süßen
+Scheins, der auf ihrer nackten Schulter lag und im Fall ihres hellen
+Haars. Aber weder die Berge noch der holde Schein weichen im Frühling
+auf unser Geheiß von uns.
+
+Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich dieser Welt niemals
+anders Herr zu werden vermöchte, als indem ich sie ganz erlitt.
+
+Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten Sonne auf das
+Dorf zu. Die Möwen flogen über den Wellen und der Horizont über dem
+Wasser verschmolz in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne waren
+Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht die Dinge verschmelzen und
+ineinander übergehen, sondern im Licht, in einem Glanz, der nicht
+blendete. Ich bin wie jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos
+wanderte, um den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde
+berührt.
+
+Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von Himmel und Erde der Trost
+liegt, und nicht in der Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt,
+wie ein Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt mir,
+ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, daß meine
+Betrübnis daher stammte, daß sie mir verloren war, aber ich wußte in
+heimlichen Gründen der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun
+Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und daß sie nicht
+allein sein würde.
+
+Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, die über dem grünen
+Bogen der Landschaft, im Blauen, auf das Meer zu wanderten, aber die
+Betrübnis, die mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der
+großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor Schmerzen blind
+und taumelnd: Es muß etwas geben, es muß etwas geben ... warum quält
+mich mein übergroßes Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen,
+ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott ans Herz legen
+und möchte es glauben, ohne Zweifel und ohne Not. Ich möchte es glauben,
+wie das Wasser zu Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es
+sein ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das ich habe, das
+in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: Ich und mein Glück. Ich will
+es sein, ganz sein! Es darf keine Macht im Himmel und auf der Erde
+geben, die es betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines
+Liebesglücks willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen und
+Traurigkeit.
+
+So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, wie in
+Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne scheint und warmer Regen
+niedergeht, in denen der Acker taut und keimt, in denen die Quellen der
+Berge sich im Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, in denen
+im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen und dahinsinken, die
+nicht bestimmt waren, Früchte zu tragen.
+
+Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der Seele in jener holden
+Ungewißheit verstreichen soll, die uns mit Ungeduld und unstillbarem
+Verlangen erfüllt, und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des
+Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß der Erde, die warme
+Brust der Mutter, die Süßigkeit unseres Traums der Zugehörigkeit zu
+ihrem dunkeln Reich der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem
+Widerschein des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, bis das
+Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde und Himmel vor den
+Augen unserer Seele öffnen. Das ist der Scheideweg, die Stunde unseres
+Abschieds von der Mutter, um zum Vater emporzufinden.
+
+Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht nach unserem
+Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne Hoffnung unter dem Kreuz und kennt
+den auferstandenen Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist
+groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, sich im
+Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit nur ein Gleichnis der
+Wahrheit ist. Aber je weniger die hohe Forderung sich im Vergänglichen
+bewähren kann, -- ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! -- _um so
+mächtiger_ blüht ihr Glanz _über_ der Welt auf. Weil es auf der Erde
+nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, deshalb fordere ich
+dreifach und hundertfach! Und wunderbar! Indem ich nicht ruhe, und mein
+heiliger Eifer überhand nimmt, strahlt mir die schöne Welt der
+vergänglichen Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht
+doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und mir zugetan,
+nicht aufgabst zu fordern?
+
+ * * * * *
+
+Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und Han verbrachte,
+nachts in den Garten des Wasserschlößchens schlich, kaum noch ein
+Mensch, hörte ich Stimmen in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich
+verdunkelt, dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still
+geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und es tröpfelte aus dem
+Ahorn auf mich nieder, die Kühle der Sommernacht war voller Gerüche, und
+jeder barg ein Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl waren
+die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über den wachsenden
+Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung voller Hoffnung und Schicksal.
+
+Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch die nassen
+beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit diesem Klang kam mich ein
+schauriges Frieren an, es legte sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als
+ob dieses unnennbare, zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen aus
+ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von ihrem nackten Leib
+aufstieg, der in einer furchtbaren Weise preisgegeben sein mußte. Wie
+glühende Schneiden zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf
+meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern und
+Funken.
+
+Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den Schrei des Schmerzes
+mit einem Jubelruf verwechseln können, den Seufzer der Erhobenheit mit
+dem Stöhnen der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben oder Tod
+gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu irren in der Stille der
+Nacht oder im Trubel des Marktes dies eine, dies unfaßbare und doch so
+überdeutliche Vibrieren im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige
+Feuer der Lüsternheit entzündet hat.
+
+Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme eines Mannes, jenen
+tiefen singenden Klang, der dem Ohr des Mannes zu den qualvollsten
+Geräuschen des Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen
+könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. Ich entsinne
+mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger Lustbarkeit mich viel
+später im Leben mit einem Mädchen zusammenführte, um dessen billige
+Gunst der Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches warb,
+und über deren Schulter ich im Spiegel für einen kurzen Augenblick mein
+unbewachtes Gesicht sah. Ich versteinerte über diesen Zügen und floh wie
+vor einem geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.
+
+Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu deutlich, zu wahr,
+als daß ich sie schon im Bewußtsein verstand? Gibt es eine
+Wahrnehmungsfähigkeit des Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind
+wir zuweilen eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es kam
+mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein Lachen von grauser
+Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht und mitleidig. Arme, kleine Kaja,
+lachte ich vor mich hin, hat es dich in den Krallen und schüttelt es
+dich, arme Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? Und
+über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas wie eine gutmütige
+Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester da oben, du lieber Irgendwer.
+
+Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens in eine andere
+Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen Kerl bei sich, einen Mann im Bett,
+heimlich bei Nacht, wie ein Dienstbote, wie ---- wie einst mich. War ich
+nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen gewesen? Und
+nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und versuchte, mir die
+Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit zuzuwerfen. Aber wohin
+sollte ich mich wenden? Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich
+allein auf der Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber
+ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht flüchten,
+sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir in der Schule hatten
+singen müssen.
+
+Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von einem Menschen, der
+sich im Zimmer bückte, zwei Hände zum Vorschein und zogen langsam und
+leise die beiden Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir
+und Kaja entstanden, für immer.
+
+Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch einen Wald gegangen ist,
+vermag wenig Einzelheiten in seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die
+Bilder unvorhergesehen wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl
+ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares Bild der
+Natur hervorbringen. Es ist die grell, in bengalischem Grün aufflammende
+Waldwildnis, ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht,
+dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden Wasser und im betäubenden
+Krachen des Donners verwildert. Der neue Eindruck folgt so rasch dem
+kaum erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste bestreiten
+und zu einem einzigen Gesamtempfinden von Grauen, Angst, Ergriffenheit
+und Andacht verschmelzen. Wohl bleibt hier ein durchleuchteter
+Wassersturz, dort eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte
+Baumkronenwolke in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu stark von
+allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente verwoben, als daß wir ihr
+Beschauer und Beurteiler blieben.
+
+So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem Erlebnis vor Kajas
+Zimmerfenster folgten. Es war schon morgendämmrig, als ich in mein
+Fenster einstieg. Im unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden
+erhob und zitternd vor mir stand.
+
+»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg bebend.
+
+Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? dachte ich. Han ist
+die Hausgenossin eines Fischers am Meer, am Meer, an dem ich weile, aus
+diesem oder jenem Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.
+
+»Geh, Han, und schlaf.«
+
+Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren Knieen.
+
+»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das Frühlicht auf deinem
+Scheitel, der hell schimmert.«
+
+»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist traurig ...«
+
+»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch traurig wird man
+zuweilen, nimmt dies und das, ein Mensch, wie es kommt.«
+
+»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so iß doch, stärke
+dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht warum.«
+
+So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein in der
+leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. Ich sah sie an und hörte ihre
+Worte, und es lief mir aus den Augen über mein Gesicht und tropfte auf
+den Boden in der Stille, so daß ich es hörte. --
+
+Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihre
+Strahlen sanken schräg an meinem Fenster vorüber und streiften die
+Hauswand, an der farbige Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer
+beweglichen Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und
+schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten klang die Stimme
+Lüdersens und verstummte, es herrschte draußen wieder die große
+Sonnenstille des Sommers.
+
+Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war neu geteert worden und
+duftete so stark, daß sein Hauch mich wie eine Glutwelle überfiel. Das
+Wasser flüsterte kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein
+nacheinander heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut
+schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber und erblickte
+fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas rote Kappe leuchtete, und
+hinter diesen bildhaft feinen, fernen Strandfigürchen war die Weite
+lichtblau und verschwommen, ein Traumtal ohne Ende.
+
+Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten arbeitete.
+
+»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern eintrat, »ich
+wollte nur ...«
+
+»Hast du Geld, Han?«
+
+»Geld?«
+
+»Antworte.«
+
+»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der Kommode.«
+
+»Und anderswo?«
+
+»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr als hundert Taler.«
+
+»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«
+
+Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins Zimmer.
+
+»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen Lächeln ihre von
+der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. »Gleich, sogleich, aber geh
+derweil nicht fort.«
+
+Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das schmale Heft gab,
+das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt und mit einem Bändchen
+verschnürt war.
+
+»Kommst du wieder?« fragte sie.
+
+Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.
+
+Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, es ging zwischen
+Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder, auch hier und da durch
+Wald. Ich sah Windmühlen munter am Werk, und hörte die Stimmen der
+Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs sagte ich mir, daß
+ich Hans erspartes Geld nicht nehmen dürfte, aber woher sollte ich die
+Mittel erlangen, um den Plan ausführen zu können, der mich beschäftige?
+Und war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der sich meiner
+bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter Vogel auf der Tenne
+eines Bauernhauses unter den Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht,
+ob es mir ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht wußte,
+was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht hätte
+vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine gnädige Führung meines
+Geschicks ließ mich an jenem Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte
+meiner Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und einfältiges
+Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich im Bann der armen
+lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten Hoffnung, um mich so vor einer
+Untat zu bewahren, die mich hätte verderben können.
+
+Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme und erstand mir
+Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen ich bedurfte, um der äußeren
+Erscheinung nach in einen Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir,
+an mir wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich erschrak,
+als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte und zog den Hut.
+Es fehlte mir jetzt nichts mehr, sogar ein paar Handschuhe besaß ich und
+einen Stock mit verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten
+Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und bemerkte plötzlich,
+daß ich weinte. Darüber mußte ich lachen, und ich bemühte mich, diesen
+Umstand der Tränen zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich
+auffiel. Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden über diesen
+Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, und ich würde es wohl
+verstanden haben, mich, wie einen anvertrauten Schützling, an den mich
+eine beiläufige Teilnahme band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde
+mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert einem
+wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige Aufmerksamkeit, die die
+Höflichkeit vorschreibt, wenn er sittsam zu sprechen versteht?
+
+Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir geschah, und ein
+heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. Auf dem Heimweg schreckte mich
+der Staub der Straße, weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie
+aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte gegen vier Uhr
+sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate anlangte, er war zum
+Fischfang draußen und Han empfing mich unter der offenen Tür des Hauses.
+
+»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die Hände zusammen und
+wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.
+
+»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug ihre Augen
+nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.
+
+Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer in mir
+aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, ich fürchtete ihre
+Zustimmung und Freude und mir graute davor, daß ein Trostschimmer in mir
+aufflammte, als riefe ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als
+gäbe es im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber schon ein
+einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte führen können,
+erschütterte mich grausam, da er mich an die Abgründe der heimlichen
+Gewißheit führte, die mich langsam verzehrte. Ich darf nicht denken,
+dachte ich, es gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte
+ich vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken töten
+sollte.
+
+Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, sie erschrak
+heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen hatte, weit mehr erschien,
+als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung gewesen war. Mit einem unbewußten
+Lächeln der Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben,
+barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. Es gehörte
+nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück schmälern.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse denke, die
+nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, der heute schreibt, der
+gleiche, der einst neben mir herschritt, als ich zum Wasserschlößchen
+ging, nicht aber der, der alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins
+mit mir, wie wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig
+dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und sah mich mit
+spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute sehe ich mich noch
+dahinschreiten, aber meine Augen spotten nicht mehr. Wohl denen, welchen
+mit der Erinnerung Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und
+nicht Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung
+vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen glauben, der
+mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. Nur aus wahrhaftiger Glut und
+Tränen steigt uns die Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie
+beschämt, weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz unseres
+Daseins.
+
+Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, als den Menschen, die
+ich kenne und die ich oft darum beneidet habe, daß sie sich ihrem
+Schmerz ganz hinzugeben vermochten. Sie können schwer verlieren und
+leicht vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen.
+Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und euch, denn ich mag nicht
+darüber sprechen. Auf einem schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah
+ich einst einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen Körper von
+Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine ruhigen Augen schienen seine
+Peiniger zu betrachten. Mir war, als müsse ich die Pfeile aus seinem
+Körper ziehen, damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber
+ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, darum wollte ich
+es nicht, in meinen Gedanken, denn ich beneidete ihn glühend um das, was
+er sah. --
+
+So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele am Strand dahin,
+den ich gut kannte. Die schwarzen Rippen des alten Wracks starrten aus
+dem Sand empor und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht
+am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene Staffelei, ein
+kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom Meer her in den Garten
+einzudringen, da mich dort die großen, verwilderten Baumgebüsche noch
+eine Weile schützten.
+
+Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich Kajas Stimme in der
+Nähe und blieb stehen. Ich erblickte sie neben Eberhard unter einer der
+Buchen, deren Stamm von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich
+am Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. Sie trug ihr
+leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, und ihr Haar war nur
+flüchtig, in einem feuchten Knoten, tief zwischen den Schultern
+gehalten. Offenbar kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und
+trug ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen hüllten ihre
+Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe ihres Kleids verwob sich mit dem
+Licht, das in Goldflecken durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle
+ihres Körpers schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen
+Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe gewährten. Ich
+spürte ihren Duft und hörte den Schlag ihres Bluts, ich schmeckte die
+bleichen Schatten dieses Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie
+Wein.
+
+»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard mit böser, ein
+wenig verschleierter Stimme. »Ich bin nicht dein Narr, und deine Späße
+gefallen mir nicht. Für wen hältst du mich? -- Wo warst du?«
+
+Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, zu der ihn sein
+schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, halb abgewandt und den
+schönen Kopf schräg nach ihr hinübergerichtet, so daß ich sein
+jugendlich kühnes Profil über seiner Schulter sah.
+
+Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre leise Art, eher
+mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in Worten deutlich, und sonderbar
+schüchtern, unterwürfig wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich
+herausfordernd. Bat sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war
+betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit getragen und
+hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer Zurückhaltung.
+
+»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge Mann barsch. »Ich
+habe mir deine Kammertür nicht geöffnet, um von dir eingeschlossen zu
+werden. Glaubst du, deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache
+mir aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! Was dir noch
+fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit du endlich zum Genuß
+deiner Freiheit kommst. Das willst du! Und das ...«
+
+Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über die Schulter ...
+wieder, ein drittes Mal. Er stand da wie aus hartem Holz, unbeweglich.
+Lau und hell, ohne Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen
+nieder, umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und heiß
+darauf.
+
+»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den Blick zu ihm empor.
+
+»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete er, »wir wollen im
+Stil bleiben. Steh auf! Komm mit!«
+
+Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so fest umschlingend,
+daß ihr das Gehen beinahe unmöglich war, aber so schien es ihm recht zu
+sein. Wie ein nachsichtiger Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr
+herab, verächtlich und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung
+und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot, sah ich ihn doch als
+einen gefügigen Sklaven und bebte vor Kajas Macht. »Das willst du! Und
+das ...« klang sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines
+Steins im zerspringenden Glas nachklingt. --
+
+ * * * * *
+
+Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie sah, daß ich mein
+Bündel und meinen Stock bei mir hatte. Ich war stundenlang um das Haus
+geirrt, um sie zu finden.
+
+»Du gehst?« fragte sie.
+
+»Ja, Kaja, ich gehe.«
+
+»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«
+
+Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, solange ich lebe.
+
+Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann damit, denn ich
+vermochte mich nicht mehr aufrecht zu halten.
+
+»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir steht die Welt offen,
+nichts ist dir verschlossen, und vielleicht bringst du es zu etwas. Wer
+weiß ...«
+
+»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht immer. Es ist mir
+nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, und welche Gaben meiner
+Natur erlaubten mir auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir
+haben viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über mich
+gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, auch ist es wohl so,
+daß man über sich einem Menschen nicht viel mehr zu sagen vermag, als er
+selber spürt.«
+
+»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.
+
+Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, aber das Meer
+ging bewegt, und sein Rauschen fiel in unsere Stimmen. Kaja schien
+leicht zu frösteln, denn sie war sommerlich bekleidet, und ihre Arme
+waren unbedeckt, wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar
+trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer wie ein
+lebendiges Gut.
+
+»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... oder?«
+
+Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und ihre Augen,
+unberührt wie die eines Kindes, senkten sich und schienen ohne Eifer zu
+warten.
+
+»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat mich, es dir zu
+bestellen. Willst du ihr nicht noch die Hand drücken? Sie hat dich sehr
+ins Herz geschlossen.«
+
+»Weiß sie denn, daß ich fort will?«
+
+»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«
+
+»Du hast es ihr gesagt ...«
+
+»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so
+kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war
+mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne
+Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«
+
+»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie
+ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und
+Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln
+oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung.
+Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen
+aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser
+erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte
+ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu
+schauen. Nein, das Meer ist es nicht.«
+
+»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer
+Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es
+still und langweilig.«
+
+Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns
+auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das
+Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja
+ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten.
+
+»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die
+Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre
+Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine
+flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr
+langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas
+anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es
+tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil
+ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei
+glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du
+keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist
+deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.«
+
+Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich
+schritt davon, ohne mich umzusehen. --
+
+Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine
+sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe
+noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße
+unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen,
+Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer
+vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir,
+dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb
+stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es
+waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu
+überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen,
+Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch
+erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach
+könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich
+legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr
+tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und
+ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!
+
+Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden
+rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und
+mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen,
+sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last
+schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds
+einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.
+
+Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich
+schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang
+nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die
+ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war
+zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen
+mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten
+hatten.
+
+Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing mich in der Waldtiefe so
+mächtig, daß ich an einem Baumstamm niedersank. Die Berührung meines
+ganzen Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie mich, mir war,
+als sänke die gesammelte Last des Wegs neben mich in die Pflanzen, und
+das Moos kühlte die Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen,
+und die Augen schlossen sich.
+
+Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die Luft um mich her
+sich wunderartig auf, so daß die Umrisse der Bäume und Büsche im Licht
+vergingen, das immer klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz,
+als käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und als ihre Augen
+den meinen begegneten, erstrahlte mein Wesen durch und durch. Sie hob
+ihre Hand und rief laut:
+
+»Stehe auf! Stehe auf!«
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte
+Zeile steht.
+
+ Stadt ist Aber ich werde welche beschaffen, das wird
+ Stadt ist. Aber ich werde welche beschaffen, das wird
+
+ Windzug geraten und in ein Bereich, in dem es nicht zu
+ Windzug geraten und in einen Bereich, in dem es nicht zu
+
+ und -borten, die in die Wände eingelassen
+ und -borden, die in die Wände eingelassen
+
+ »Oh frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder
+ »Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder
+
+ »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde
+ »Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich werde es
+
+ »Geheiligt werde dein Name« in Opfern, Weihrauch und
+ >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und
+
+ der Liebe, die um Licht.
+ der Liebe, die um Licht.«
+
+ den naßen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im
+ den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im
+
+ Wind begrünen sich. Ich möchte über den naßen Acker
+ Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker
+
+ Plätschern der Wassers, das nicht von der Strömung
+ Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung
+
+ mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwand,
+ mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen verwandt,
+
+ »Setzst du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn
+ »Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn
+
+ dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey das
+ dir leicht gemacht, aber mit Tante Mimsey -- das
+
+ mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sein, und da
+ mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da
+
+ die Möven waren blendend weiß und schwebten klar geschieden
+ die Möwen waren blendend weiß und schwebten klar geschieden
+
+ »Ach, die Tante..«, sagte ich.
+ »Ach, die Tante ...«, sagte ich.
+
+ schwieg und sah vor mir hin. Warum habe ich die Hand
+ schwieg und sah vor mich hin. Warum habe ich die Hand
+
+ Plötzlich hätte ich lachen mögen und Beiden die Hände
+ Plötzlich hätte ich lachen mögen und beiden die Hände
+
+ »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden«
+ »Bleib, wir wollen jetzt nicht baden.«
+
+ »Also weißt du. Sieh ich möchte nicht ...«
+ »Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***
+
+
+******* This file should be named 33603-8.txt or 33603-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</title>
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+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</h1>
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Eros und die Evangelien</p>
+<p> Aus den Notizen eines Vagabunden</p>
+<p>Author: Waldemar Bonsels</p>
+<p>Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="mynote">
+Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen
+wie »stehen«&nbsp;: »stehn« sind ungeändert.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="author">Waldemar Bonsels</p>
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+<h1>Eros und die Evangelien</h1>
+
+<p class="subtitle">Aus den Notizen eines Vagabunden</p>
+
+<p class="center"><br /><br />67. bis 90. Tausend</p>
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+<p class="center">1922</p>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Verlag der Literarischen Anstalt<br />
+Rütten &amp; Loening<br />
+Frankfurt a. M.<br /><br /></p>
+
+<p class="center">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
+
+Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten &amp; Loening, Frankfurt a. M.<br />
+
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br />
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br />
+
+Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.<br /><br /></p>
+
+<p class="subtitle">Kapitelfolge</p>
+
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+ <tbody>
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+
+<hr />
+
+<p class="subtitle"><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a></p>
+
+<h2>Der Tod</h2>
+
+<p>Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am
+Deckleder eines meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann,
+so daß eine Spalte klaffte, wenn ich den Fuß streckte. Es
+setzte mich in Erstaunen, da meine Stiefel, mit Ausnahme
+der Sohlen, eigentlich noch in einem recht brauchbaren
+Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den
+Blick auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade
+aussahen. Da ich damals eine für meine Verhältnisse und
+Ansprüche angesehene Stellung in einer Buchdruckerei
+bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere Erscheinung
+legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher,
+der Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung
+auf einem Hofe wohnte.</p>
+
+<p>Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit
+und Bildung, besonders für die erste seiner
+Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm Gelegenheit. Er
+hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die etwas
+Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst
+an, der meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur
+Bedeutung des vorliegenden Falls stand.</p>
+
+<p>»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich
+springe nur eben so auf meinem Weg zu Ihnen herein«
+sagte ich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a>
+»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner
+Worte, »lange werden Sie auf diesen Stiefeln nicht
+mehr springen.«</p>
+
+<p>Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache,
+ohne in Betracht zu ziehen, daß zu dieser Sache auch eine
+Person gehörte. Zudem kostete er die zufällige Überlegenheit,
+die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig aus. Ich
+hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu
+sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen
+sei. Wenn ich die Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten,
+ins Zimmer gespuckt und geflucht hätte, so wäre
+ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild entstanden,
+das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand
+hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung,
+daß ich beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich
+war, daß ich gewissermaßen den schlimmen Zustand meiner
+Bekleidung als zufällig hinzustellen beabsichtigte, und mich
+für etwas besseres hielt, als andere Leute mit zerschlissenen
+Stiefeln.</p>
+
+<p>Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem
+Mann über diese Dinge, und ich hätte es sicher getan,
+wenn draußen nicht der Regen vom grauen Himmel geströmt
+wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir
+schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die
+ratlose Trauer über mein Geschick und meine Zukunft
+quälte mich. Welch eine Kluft gähnte zwischen meinen
+Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich
+lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war
+mein Brot. Solche Leute sind vom Sonnenschein abhängig,
+wer dagegen weiß, was er zu tun hat, tut es auch<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>
+im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm verfolgen,
+aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der
+Wärme ab, wie ein Keim in der Erde.</p>
+
+<p>Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen,
+die Unruhe mit ihrem tödlichen Nachbarn, dem
+Hang zu zerstören, in mir wachsen. So erhob ich mich
+von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf
+Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur
+hinaus, nur um mich zu bewegen, in meinem hilflosen
+Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers lag zu ebener
+Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und
+dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren
+Türen und am Ende eine Treppe, auf der es zum ersten
+Stockwerk emporging. Da vernahm ich in der Dämmerung
+ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein
+Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller
+Gesang. Unter diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich
+stand, brach in meiner Brust eine Quelle auf und mir
+war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch gelitten hatte,
+ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde
+mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich
+mir darüber klar zu werden vermochte, wie dies geschah,
+aber wie im Gehorsam gegen einen inneren Befehl, öffnete
+ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen schien, und
+trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an
+einem Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am
+Fenster ein Bett stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber
+es war alles still im Raum.</p>
+
+<p>Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der
+glanzlose Tagesschein, eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a>
+der Ruhenden, das weiß und unwirklich schimmernd
+in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie Kohle
+war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an
+den Körper angelegt, der sich unter der leichten Decke
+abhob, grade gebettet wie bei einer Toten. Aber die
+Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust sich unter ihren
+Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, daß
+sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich
+sagte zu der Frau, die sich langsam aufrichtete und mich
+wortlos ansah:</p>
+
+<p>»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.«</p>
+
+<p>Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam
+und schob mir einen Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze
+abwischte.</p>
+
+<p>»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie.</p>
+
+<p>Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen
+elenden Gesichts wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die
+ohne Neugier in meinen Zügen zu lesen trachtete. Ich
+antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine Antwort
+nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen
+wollte, die meinem inneren Zustand nicht entsprachen.
+Die Traurigkeit gibt den Menschen eine eigenartige Freiheit,
+weil sie die Augen aus dem Wirrsal der kleinen
+Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch
+sein mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit
+gemeinsam und richtet unsere innere Haltung aus den
+Regionen der täglichen Beengung in eine Welt höherer
+Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb
+das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht
+als etwas Ungewöhnliches oder Hinderndes zu betrachten,
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a>
+sie nahm sie gleichmütiger hin als es andere, in ihren Gewohnheiten
+gesicherte Menschen, getan hätten.</p>
+
+<p>»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich.</p>
+
+<p>Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine
+Mutter setzt immer voraus, daß die Welt von ihrem
+Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so antwortete sie einfach:</p>
+
+<p>»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen
+wollte, wäre mir wohler. Ich habe immer gedacht,
+diese Krankheit bliebe den Leidenden verborgen,
+aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem
+Tod.«</p>
+
+<p>»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.</p>
+
+<p>»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.</p>
+
+<p>Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah
+zu Asja hinüber. Die Ruhe ihres Gesichts erfüllte das
+Zimmer. Die Lider über den Augen waren das hellste
+der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut,
+Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf
+einem kleinen Tischchen eine Tasse, eine Kerze und ein
+Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein paar
+lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer
+Blumenvase und einem Stück Brot.</p>
+
+<p>»Liest Asja viel?« fragte ich.</p>
+
+<p>Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die
+Leute leihen sie ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«</p>
+
+<p>»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«</p>
+
+<p>Die Mutter lächelte.</p>
+
+<p>»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen
+darüber sprechen, was in den Büchern zu lesen steht.
+Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a>
+einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit
+weniger zufrieden, als die Menschen wissen, die alles
+haben, und gehen und leben, wie sie wollen. Wenn die
+Toten noch Empfindungen hätten, so wären sie sicher
+dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand
+sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun,
+was dem Kind Hilfe brächte, aber es gibt keine mehr für
+uns, und das Warten, ohne etwas bewirken zu können,
+macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... Oft
+überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht
+mehr ertragen zu können.«</p>
+
+<p>»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich
+dasselbe.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...«
+sagte die Frau mit zögernder Erwartung. Sie hatte ein
+Tuch um die Schultern gelegt, eine Tasche über den Arm
+gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu verlassen.</p>
+
+<p>»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch
+eine Weile dauern, so bleibe ich also noch ...«</p>
+
+<p>»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.«</p>
+
+<p>Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett,
+seufzte auf, mit einem langen Blick auf die Kranke, und
+gab mir die Hand. »Wenn Sie an die Bücher denken
+wollen?«</p>
+
+<p>Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie
+kam noch einmal zurück: Es stünde Kaffee im Rohr,
+wenn ich etwas wollte, oder vielleicht auch, daß Asja
+darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die
+Papierfabrik.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a>
+Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden
+hinüber und begegnete ihrem Blick, der groß und
+dunkel auf mir ruhte. Ein kaum bemerkbares Lächeln,
+ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde zu einem
+leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen
+suchte.</p>
+
+<p>»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre
+Stiefel. Aber warum tun Sie es bei uns?«</p>
+
+<p>»Sie haben gewacht?«</p>
+
+<p>»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe,
+und da es doch sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit
+sie leichter fortfindet. Wie kommen Sie zu uns?«</p>
+
+<p>»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden
+weinen und trat ein, man kann nie wissen ...«</p>
+
+<p>»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.«</p>
+
+<p>»Mir schien es so.«</p>
+
+<p>»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch
+gespannt, was es sein wird. Haben Sie viele Bücher?«</p>
+
+<p>»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt
+keine, sie sind mir abhanden gekommen, oder liegen auf
+dem Dachboden meines Elternhauses, das nicht in dieser
+Stadt <ins title="ist">ist.</ins> Aber ich werde welche beschaffen, das wird
+mir nicht schwer.«</p>
+
+<p>»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam,
+lächelte und sah vor sich nieder. In ihrer Ablehnung, die
+keinesfalls Bescheidenheit war, lag trotzdem nichts von
+einer Kränkung.</p>
+
+<p>Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich
+eben noch befunden hatte, sich jählings gegen eine andere
+vertauscht, als sei ich aus einer lauen, bedrückenden Luft,
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a>
+die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu bereitwilligem
+Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben
+Windzug geraten und in einen <ins title="Bereich">Bereich</ins>, in dem es nicht zu
+helfen galt, sondern zu bestehen. Ein leiser Unwille, dessen
+ich mich schämte, machte mich unsicher. Ich dachte: da
+sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.</p>
+
+<p>Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die
+Augen dieses Mädchens senkte, begriff ich, auf welche
+Art ich ihr mit dem Gefühl des Mitleids Unrecht getan
+hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, dachte ich,
+und begann zögernd:</p>
+
+<p>»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten
+hatte, als ich Ihre Mutter und Sie gewahr
+geworden war, hatte ich das quälende Schuldbewußtsein,
+in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich nun
+in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts
+mehr schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.«</p>
+
+<p>Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre
+Ellenbogen und sah mich in so großem Erstaunen an, daß
+ich, wie vor mir selbst, erschrak. Was habe ich denn gesagt?
+dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, ich
+besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares
+vergessen, das ich heimlich dennoch gesucht hatte.</p>
+
+<p>»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen
+schüchtern und langsam, aber mit großer Deutlichkeit,
+und als ich den Blick wieder hob, sah ich, daß sie so bleich
+war, wie das Leinen ihres Betts.</p>
+
+<p>Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich
+zögernd:</p>
+
+<p>»Wen hast du erwartet?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a>
+»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem
+wir du sagen.«</p>
+
+<p>Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter
+diesen Worten, nie war es so von unfaßbaren Gewalten
+hin und her geworfen. Hoffnung und Mut, Zweifel,
+Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme
+und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen
+haben mich verdorben, dachte ich, denn wie kann mein
+Glaube am Tor dieser Wohltat zaudern, was hindert
+mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich bin,
+und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst
+und allen? Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte
+ich, daran sind wir alle krank. Aber darüber ward die
+Helligkeit der Genesung, die mir entgegenströmte und die
+zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, daß ihr
+Licht meine Augen blendete.</p>
+
+<p>Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und
+legte ihren Arm um meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht
+dicht vor meinem und unter der nun ruhig gewordenen
+und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte
+ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank
+ist; wieviel erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein
+ganzes Leben vermag es nicht auszumessen. Ich glaube,
+in Wahrheit leben wir alle nur ein paar Augenblicke,
+alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies
+aber war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst
+wußte ich im drohenden Ernst meines Glücks nichts zu
+sagen.</p>
+
+<p>Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das
+einzige zu sein, vor dem ich mich befand. Sie lag nun
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a>
+wieder still und grade vor mir auf ihrem Lager und sah
+mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ mich
+so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie
+öffnete meine Hand und legte die ihre hinein, warm und
+fest, mit dem Rücken nach unten, als bettete sie sie in ein
+lebendiges Lager.</p>
+
+<p>»Bist du sehr krank?« fragte ich.</p>
+
+<p>Sie nickte und lächelte.</p>
+
+<p>»Wirst du gesund werden?«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb.</p>
+
+<p>Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls,
+wie in einem Seelenraum, der weder Glück noch
+Schmerz zu fassen vermag, mir war zumut, als zöge das
+Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, daß
+ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind
+die Ufer, die dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als
+stünde ich selber still und als zögen die Ufer dahin, aber
+in Wahrheit bin ich es, der zum erstenmal in die Bewegung
+des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie die
+Werte alten Bestands davonziehen.</p>
+
+<p>Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar
+nüchtern, aber zu erfassen oder zu glauben vermochte
+ich den Sinn meines Gedankens nicht. Es kann nicht
+wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten habe, sann
+ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln,
+dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne?
+So lächelte meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine
+arge Botschaft brachte, hinter der sich im Grunde doch
+eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals noch alles
+möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte,
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a>
+und von der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde,
+da mein Leid ihr schmerzlicher war als mir ...</p>
+
+<p>Da sagte Asja:</p>
+
+<p>»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht
+und fürchten sie immer. Wer aber krank gewesen ist,
+weiß, daß die Erinnerung an diese Zeit nicht immer trüb
+und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, sondern
+daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen
+kann, die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht
+bricht aus der Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit
+führt, die sich langsam mehr und mehr mit unserem
+Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist viel schmerzlicher,
+als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere
+Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie
+gefangen lag, und wir verstehen ihre neue Freiheit nur
+langsam. Aber sie stellt sich wider unseren Willen ein,
+und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des
+Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle
+Krankheiten sind Entfesselungen der Seele aus der Welt
+der Sinne. Ich glaube, daß der Tod der hellste Wipfel
+dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu werden
+vermag.«</p>
+
+<p>Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den
+Wunsch zu überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas
+so deutlich gehört wie den Sinn dieser Stimme. Es war
+als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der liegenden, eine
+andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner
+Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern
+das klar und selbstverständlich dadurch sprach, daß es so
+und nicht anders beschaffen war. Eine schweigsame Herrlichkeit<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>
+der Verkündigung ging von ihr aus, wie von
+Wert und Unwert genesen.</p>
+
+<p>Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen,
+es regnete nicht mehr und der Lichtschimmer, der ins
+Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und Sonnenschein sich
+hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände
+des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in
+meinen Augen eine nüchterne Selbständigkeit an, wie
+Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die in einer erstarrten
+Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge und
+die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche
+Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd
+geworden, dachte ich, wo war ich denn stets um diese
+Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe ich grade diese
+Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und
+nicht zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags,
+aber schon dann waren sie anders.</p>
+
+<p>Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte
+die Augen geschlossen und ich sah auf ihr Gesicht nieder.
+Das Lebenslicht der Züge floß über die mattfarbigen
+Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht
+unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet.
+Die Bogen der Brauen waren breit und tiefschwarz und
+die Augenlider am hellsten. Die Wimpern auf den
+Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt,
+und der Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer
+von rot trugen, war von einer Lebendigkeit, die mich erbeben
+ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf diese
+schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein
+aufstieg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a>
+Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der
+mich durch und durch verwandelte, aber zugleich blühte
+mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der Anfang und das
+Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das
+Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und
+maß und erkannte dies Bewußtsein doch in der Allgewalt
+einer unbestürmbaren Jugend. Schlag deine Augen auf
+und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und möchte
+doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen,
+an die ich nun nicht mehr glauben kann,
+und die ich niemals wieder lieben werde. In einem einzigen
+Augenblick hat das Lebenssinnbild deines Mundes
+eine Welt in Trümmer geworfen. &mdash;</p>
+
+<p>Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen,
+dieses und jenes, wie der Augenblick es uns eingab, aber
+wenn auch von nichtigen Dingen die Rede gewesen sein
+mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, von
+jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung
+und die beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte
+die Durchsichtigkeit der Welt, in der diese Seele lebte
+und meine Begierde wachte mächtig in mir auf, wie
+Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde,
+ohne daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte,
+verließ ich sie und ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich
+wiederkommen würde, denn es verstand sich von selbst, und
+mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, als hätte ich
+gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. &mdash;</p>
+
+<p>Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch
+dunkel bekannt, wie auf einem anderen Stern, saß der
+Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel in Kur genommen<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a>
+hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm
+eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und
+rückte den Schuh auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel
+der gläsernen Wasserkugel, hinter der eine Lampe
+brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg mitgenommenen
+Fremdlingen heraus, die wie eine Schar
+flüchtig geordneter Landstreicherpaare am Boden umherstanden,
+und fragte nach meiner Schuldigkeit.</p>
+
+<p>»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte.</p>
+
+<p>Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die
+Stiefel an.</p>
+
+<p>»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster.</p>
+
+<p>Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne,
+wandte sich mir zu und sah mich an.</p>
+
+<p>»Kennen Sie Asja?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.«</p>
+
+<p>Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar
+dankbar über dieses Bekenntnis, schwieg aber und
+wandte sich endlich seiner Arbeit wieder zu. Als ich ihm
+Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze fort, schüttelte
+den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung
+auf, das Geld zurückzunehmen.</p>
+
+<p>Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging
+davon.</p>
+
+<p>Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch
+eilig die nasse Straße durchschritt, daß es genügt mit dir
+bekannt zu sein, Asja, um alle zu Freunden zu haben, die
+von dir wissen?</p>
+
+<p>Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße
+und die Mauerwände der Häuser begannen auf mich zu
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a>
+drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen und Pflanzen
+sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu
+wahren wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten.
+Was ruft ihr mich an, bemächtigt euch meiner und zerrt
+mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen und Bilder,
+Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen?
+Eure traurige Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne
+Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh verführen und
+verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen
+willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um
+die Heimat.</p>
+
+<p>Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich
+Asja Bücher versprochen hatte, und wenn ihre Worte,
+die mich gleichmütig und zurückhaltend nach diesem Vorsatz
+gefragt hatten, auch kein sonderlich starkes Vertrauen
+zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa
+bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen
+und das Mädchen womöglich auf das angenehmste
+zu enttäuschen.</p>
+
+<p>Während ich über die Straße dahinschritt durch den
+Regen, überfiel mich plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung,
+an meine Tagespflicht, an die Druckerei und
+meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf
+mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr
+ernstlich verstimmt zu haben und entlassen zu werden.
+Aber als ich auf eine Erklärung sann und erwog, ob ich
+die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen freien
+Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher
+Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit
+einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a>
+in die Druckerei zu gehen, und meine alte Verpflichtung
+gegen eine wertvollere einzutauschen, gegen die, Asja zu
+Diensten zu sein so lange sie noch lebte. Was galten mir
+äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren Entbundenheit,
+in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt,
+dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches
+gegen Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich
+durch und durch mit Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß
+es mir für den Fall der Not nicht schwer fallen würde,
+wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich vor
+Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu
+Gebote steht, der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen.</p>
+
+<p>Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß
+für eine kurze Weile diese ungewöhnliche Stunde, die ich
+in den letzten Wochen nur mit Bedrücktheit und Verlangen
+von dem nüchternen Zifferblatt der Geschäftsuhr
+abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich überdachte,
+auf welche Art ich mich am besten in den Besitz
+von Büchern zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren
+gering und ich sah ein, daß ich nicht nur der Gelegenheit,
+Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch eines wohlmeinenden
+Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da erinnerte
+ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus
+der Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden
+Herrn gebracht hatte, der Doktor der Philosophie,
+Kunsthistoriker und Schriftsteller war. Ich war genötigt
+gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn auf dessen Einblick
+in die Satzproben zu warten und hatte, als der Diener
+in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige
+Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a>
+in den gedämpften Gold- und Farbtönen alter und neuer
+Bücher glitzerte. Ohne Besinnen entschloß ich mich einen
+Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, und
+indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die
+Brust ein wenig beengte, erwachte zugleich jene unbändige
+Lust am Wagnis und am Besonderen, jener Hang, alle
+Fesseln einer hergebrachten Lebensform gegen die einfache
+Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen,
+der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und
+Seligkeit eingebracht hat, Erniedrigungen und Triumphe,
+Haß und Liebe.</p>
+
+<p>Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm,
+in der das Landhaus des wohlbekannten, ja auf seinem
+Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich alle
+Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus
+meinen Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst
+oder Ungunst des Augenblicks zu überlassen und nur dem
+zu gehorchen, was die Lage mir eingab und zumutete.
+Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich mich bald
+wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt
+bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann
+wurden meine Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen,
+denn Asjas Gestalt stand vor ihnen auf und
+ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte ich zu wissen,
+daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und
+fühlte mich im Recht.</p>
+
+<p>Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte,
+setzte ich die Glocke in Bewegung und wartete darauf,
+daß der Hausdiener den Kiesweg herabkommen würde,
+um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den seitlichen<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a>
+Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal
+ein Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern
+fragte mich durch das Gitter, was ich wollte.</p>
+
+<p>»Hinein«, sagte ich einfach.</p>
+
+<p>»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen
+von der Druckerei.«</p>
+
+<p>Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die
+Gittertür auf, schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt
+mir dann voran, bis in das Wartezimmer, das ich kannte.
+Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür zum Arbeitszimmer,
+beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte
+dann leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es
+sah aus, als wäre die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir
+schien, daß der Gemeinte, wie manche verwöhnten Leute,
+durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche ungeduldig
+wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist
+los?« und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu
+öffnen. Sie tat es, nachdem sie mir einen inhaltslosen
+Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn Leute haben,
+deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern.</p>
+
+<p>»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte
+sie auf der Schwelle.</p>
+
+<p>»Also. Was bringt er? Geben Sie her!«</p>
+
+<p>Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir
+hinüber, damit ich ihr einhändigen sollte, was sie für
+ihren Herrn bei mir vermutete.</p>
+
+<p>»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn
+Doktor sprechen.«</p>
+
+<p>Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich
+an, so daß ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>
+»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt
+worden.«</p>
+
+<p>Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor
+mich selbst an:</p>
+
+<p>»Was ist denn? So kommen Sie herein.«</p>
+
+<p>Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme
+Pracht dieses großen Zimmers. Ein schwerer roter Teppich
+fing mich auf, von den Erkerfenstern brach gedämpftes
+Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im Raum
+stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken
+und <ins title="-borten">-borden</ins>, die in die Wände eingelassen
+waren. Ein dunkler Eichentisch mit rundlehnigen Ledersesseln
+bot sich zur Rechten, aus dämmrigem Hintergrund,
+den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett,
+belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge
+vielfarbiger Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa
+hundert schätzte.</p>
+
+<p>Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte
+sich mir zugewandt, die eine Hand auf die Lehne des
+Sessels aufgestützt, so daß er über seinen emporgestemmten
+Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen den
+Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein
+Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg,
+deren lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung
+des Hintergrunds dahinzog.</p>
+
+<p>Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit
+nicht, die ich seinem Zimmer entgegenbrachte, erst
+nach einer Weile sagte er mit einem etwas selbstgefälligen
+Lächeln:</p>
+
+<p>»Also, was ist denn?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a>
+Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor,
+ohne daß ich ihnen durch ungebührliche Wendungen oder
+unbescheidene Selbstverständlichkeit den Anschein einer
+heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld,
+daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm,
+der den Hausherrn aufbrachte.</p>
+
+<p>»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und
+mit einer Betonung, als hätte ich von einem Schreiner
+einen Schuh verlangt. »So ohne weiteres, das ist denn
+doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares Anliegen.
+Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse
+später aufschreiben, wenn Sie mir Bücher gegeben haben.
+Als ich im Auftrag der Druckerei einmal bei Ihnen
+war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an
+Büchern, über den Sie verfügen, und ich dachte an Sie,
+als ich heute früh bei der Kranken war.«</p>
+
+<p>»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt.
+Nehmen Sie es mir nicht übel, aber einem daraufhin
+ohne weiteres mit dieser Bitte zu kommen, ist denn doch
+wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in mir
+einen Dummen gefunden zu haben?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich
+auf das Rechte.«</p>
+
+<p>Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen,
+ob sein Sinn eindeutig sei, und schaute dabei auf den
+Teppich nieder, als läse er ihn noch einmal in seinen Ornamenten
+nach, dann erhob er sich und schritt auf mich zu.</p>
+
+<p>»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts
+dir nichts bei mir einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a>
+oder, wenn es Ihnen an Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken
+genug? Aber es wird wohl zuguterletzt auf
+etwas anderes herauskommen.«</p>
+
+<p>Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen
+Augen darin zu suchen, während sein Finger die Münzen
+hin und her schob. »Wundert mich nur, wie Sie es
+fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben
+das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ...
+Bücher! Wie lange kennen Sie denn dieses Mädchen
+schon?«</p>
+
+<p>Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht
+stören und wartete deshalb ab, auf welches die Wahl
+meines erzürnten und unfreiwilligen Gastgebers fiele. In
+Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es wurde
+mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten;
+jeder andere hätte die Münze sicherlich zwischen zwei
+Fingern erhoben dargereicht.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten,
+»aber mir ist mit einer kleinen Geldsumme nicht
+gedient. Wenn Sie keine Bücher verleihen wollen, so
+muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs gehen.
+Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu
+machen, Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter
+und leichtfertiger Einfall, noch die Gier nach
+einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen geführt haben.
+Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung
+und Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem
+Erleiden überdenke, den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt
+haben, all das erschlossene und unerschlossene Glück,
+das diese Bände bergen, so erscheint es mir für einen
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>
+Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren
+Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und
+unbenutzt liegen soll, während ein paar Häuser weiter ein
+Mensch, der dies alles und mehr in kurzer Zeit für immer
+aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine Stunde
+seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«</p>
+
+<p>Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein
+sonderbarer Blick voll Gift und Staunen traf mich,
+haftete wider Willen an meinen Zügen, umglitt mich,
+verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem Lächeln,
+voll Neugier und Herablassung.</p>
+
+<p>»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich
+nicht beschwatzen.«</p>
+
+<p>Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene
+Gutmütigkeit im Ausdruck seines Gesichts durch,
+die ich nicht erwartet hatte, und die ich mir nicht erklären
+konnte, obgleich sie das einzige war, was auf mich wirkte.
+Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen
+wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und
+darüber wurde ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue,
+was unter den Menschen als stark gilt und was als
+schwach.</p>
+
+<p>Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag,
+den Fortgang eines Wegs immer dort zu suchen, wo ich
+am tiefsten durch das Wirrwarr der Erscheinungswelt
+blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich erkannte
+und sagte:</p>
+
+<p>»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben,
+wie wohl Sie gegen meine Tücke gewappnet sind, wird
+Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte finden können.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a>
+Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so
+daß ich ihn für einen Augenblick bedauerte, aber ich gab
+dieser Ablehnung nicht nach, sondern wappnete mich aufs
+neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu kommen.
+Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für
+einen Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert
+der feinen Fügung meiner Gedanken verstieß, als spräche
+ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in ihm, die nichts
+als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme,
+die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich
+Männlichkeit nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das
+war nicht schlecht geantwortet«, verzagte ich fast, denn
+ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist ärger als ein
+Tadel aus der Welt, die wir lieben.</p>
+
+<p>»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben
+Sie eine Schule besucht? Nun antworten Sie einmal.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So
+wohlfeil werden Sie Ihr Gefühl der Überlegenheit, das
+Sie vermissen wie eine Krücke, nicht zurückbekommen.
+Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie
+mir ein Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es
+Ihnen leichter wird, mir nicht zu glauben? Sie glauben
+mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein Gebiet locken,
+auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine
+hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«</p>
+
+<p>»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte
+mein Gegner freundlich, lachte und setzte sich breit und
+sicher mitten auf seinen Sessel.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten
+Ton wohlwollenden Befehls und skeptischer Neugier fort,
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a>
+in dem seine Niederlage lag. »Sie haben vollständig
+recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht zugäbe.
+Aber Bücher bekommen Sie keine.«</p>
+
+<p>Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit,
+dachte ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust,
+bricht sie ab, und tut, als seien sie stumpf gewesen. Eher
+werden die Ströme zu den Bergen zurückfließen, als daß
+einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer Glaube an
+den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich
+fürchtete den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet
+hat, und warf mich übereilig auf die Bahn eines
+neuen Mittels. Ich darf nicht auf diese halbe Belustigung
+eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich anders in
+seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch
+noch die Münze, die er immer noch zwischen den Fingern
+drückt, als stammte sie aus einem Taschendiebstahl. Zudem
+kam mir über dem Gedanken an diese Münze in den
+Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich
+leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug
+bedeuten würden, denn nicht nur ihre Frage nach
+meinen Beständen, sondern auch ihre Miene hatten mir
+verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan
+werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze
+Kraftaufwand dieser Stunde schon viel zu groß, als daß
+ein paar entliehene Bände ihn endlich zu rechtfertigen vermöchten.
+Ich mußte viel mehr erreichen. Mein Mißerfolg
+lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis
+zu meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten
+Ungläubigen mißtrauischer machen, als meine
+Anspruchslosigkeit?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a>
+Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich
+mit unverhohlener Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen
+Neugier, deren Lebenslicht mir aber keineswegs
+die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen aufgetanen
+Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich,
+meiner selbst sicher:</p>
+
+<p>»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem
+Finger tragen, der sicher nur einen geringen Teil Ihres
+großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß schon in ihm
+die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird,
+noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe
+zu erhellen, so meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um
+Ihrer Freude und Ruhe willen.«</p>
+
+<p>Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber
+nicht mehr mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es
+zu wissen, dankbar dafür, daß ich die Haltung nicht einnahm,
+die er vorgeschlagen hatte, und derer er sich heimlich
+schämte.</p>
+
+<p>»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein
+teures Andenken. Nun?«</p>
+
+<p>Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte
+mich, die lässige Aufforderung darin, in meiner Mühe
+fortzufahren, war herabwürdigend.</p>
+
+<p>»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte
+ich rasch.</p>
+
+<p>»Was habe ich getan? Junger Mensch &mdash; wenn
+eines mich wundert, so ist es, daß ich Ihnen nicht längst
+die Tür gewiesen habe ...«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich
+nicht erzürnen«, antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a>
+Ring ein teures Andenken an einen Menschen, der Ihnen
+in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist er ein Sinnbild
+der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen
+Daseins über allem, das verfällt. So ist die Sendung,
+die ihn gehen und wirken hieß, mit der er untrennbar behaftet
+ist, wie mit seinem Glanz, die des wahrhaftigen
+Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die Erinnerung
+an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren
+Worten an, dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder
+uns allen; wird es nicht sein, als sei er auferstanden, wenn
+die teure Glut in heimlicher Glorie um seine Gabe neu
+ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf
+ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht
+ein? Sie aber drängen mit Ihrem Hang nach totem
+Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, goldenes Grab
+zurück.«</p>
+
+<p>Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr
+vor sich hin, ohne daß mir irgendein Zeichen verriet, ob
+meine Worte ihn im Guten bewegt oder aufs neue erzürnt
+hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick überging
+mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen
+Dinge seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches,
+die Blätter und Bücher darauf, und wurde endlich, als
+habe er sein eigenes Leben verloren, in das Leben des Lichts
+gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort verirrte
+er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.</p>
+
+<p>Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag
+und in das gleiche Tageslicht schaute, und mir wollte
+scheinen, als müßten sich die Blicke dort drüben und draußen
+in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem Ausdruck<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a>
+in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem
+ich selbst, und mir so das Ende des schweren Wegs erspart
+bliebe.</p>
+
+<p>»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme
+und das langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei
+das, wie es wolle, ich möchte nicht dieses oder jenes, nicht
+Wohltaten tun, noch Segen stiften, aber ich möchte einmal
+wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine
+Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art
+wachgerufen, das will ich Ihnen lassen. Weit mehr
+taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir auf, als dasjenige
+der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß
+nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand
+des Wesens Ihnen diese Kraft gibt, ich möchte es nicht
+prüfen noch ergründen, denn ich fürchte mich vor Eingeständnissen,
+für die ich noch nicht alt genug bin. Ich will
+Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will
+es, es ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen
+Ring selbst werde ich nicht fortgeben, jetzt weniger als je,
+denn die Macht seiner Mahnung ist von dieser Stunde
+ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr vielleicht
+als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den
+Sie diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung
+erfüllen, und ich werde Ihnen die Summe zur
+Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert ausmacht.
+Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe
+oder ein Händler. Dann können Sie Bücher und
+alles beschaffen, was Sie wollen und brauchen, oder was
+Ihre bedürftige Freundin nötig hat.«</p>
+
+<p>»Gut. Handeln Sie so.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a>
+»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung
+so ... Mir liegt die Zeit im Sinn, in der ich noch
+so jung und so erwartungsvoll, so zuversichtlich und
+gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring erhielt,
+stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing
+damals an berühmt zu werden, man las mein erstes Buch,
+es ist jetzt vergessen. Die Zeit geht eben rasch; nun, es
+kamen andere Werke und trugen meinen Namen in die
+Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin
+so durch den Sinn gegangen ist &mdash; daß diese anderen
+Bücher auch einmal &mdash; vergessen sein könnten ... Aber
+nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame Gewißheit,
+als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz,
+durch einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen,
+als die heutige es ist, mit ihrem Erfolg.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte
+Sie nicht demütigen.«</p>
+
+<p>»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...«</p>
+
+<p>Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als
+habe ich unrecht getan, aber erst später sollte ich erfahren,
+worin dies Unrecht bestanden hatte.</p>
+
+<p>»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen
+wir ruhen, was ruht, und leben, was leben soll. Ich biete
+Ihnen tausend Mark an Stelle des Rings und der Bücher;
+sind Sie einverstanden?«</p>
+
+<p>»Ja, aber Sie sind es nicht.«</p>
+
+<p>»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu
+Eingeständnissen, meine melancholische Selbstbetrachtung,
+abzulehnen. Vielleicht hoffte ich, mich von einer Niederlage
+wiederherzustellen, indem ich ein geringes Bild von mir
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>
+entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem Bewußtsein
+zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr
+sei, als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm
+verdirbt, wir sind unehrliche Leute vor uns selbst geworden,
+um die Ehrlichkeit zu retten, um derer willen uns die
+anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. Sie
+hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...«</p>
+
+<p>»Also tausend Mark wollen Sie geben?«</p>
+
+<p>Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick.</p>
+
+<p>»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam
+und in erkennbarem Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges
+Geständnis. Aber er holte dann zögernd, mit
+zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, öffnete
+ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur
+Seite, als seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm
+einer Stahlkassette eine lederne Brieftasche.</p>
+
+<p>»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er
+durch sich selbst bei einem Diebstahl überrascht zu werden,
+»nehmen Sie und stiften Sie Segen und Gutes.« Er
+tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er ihnen
+noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte
+Neigung zukommen lassen, und doch schien er diese Finger
+zu verachten, die den Wert des Papiers zu genießen trachteten.
+»Möge das Geld auf einen Acker fallen, besser bereitet,
+als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie selbst ...
+Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist
+doch höchst eigentümlich. &mdash; In die Hosentasche stecken
+Sie die Scheine?«</p>
+
+<p>Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es
+war mir, als erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a>
+Erfolges endlich aus einer Welt von Beziehungen, Kräften
+und Verstrickungen, die nichts mit jener zu schaffen hatte,
+in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg
+zu ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen.</p>
+
+<p>»Ich &mdash;&mdash;?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich
+komme mir vor wie Einer, der sich beim Satan eine
+Leiter geliehen hat, um Gott in den Himmel steigen zu
+lassen.«</p>
+
+<p>»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah
+mich beinahe gierig an, mit einem Ausdruck, den ich so
+wenig auf seinen Ursprung zu prüfen vermochte, wie er
+meine Worte.</p>
+
+<p>»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber,
+als er sah, daß ich meinen Hut nahm, »berichten Sie
+mir, lassen Sie sich einmal wieder sehen, tun Sie es,
+vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer Brücke
+zwischen uns zwei.«</p>
+
+<p>Ich ließ es offen.</p>
+
+<p>»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun,
+was geschehen ist, soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie
+eilig Sie es haben.«</p>
+
+<p>Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen,
+ich fühlte mich erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam
+benommen in einem merkwürdigen Unterbewußtsein, in
+dem mir zumut war, als freute meine Freude mich nicht,
+und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug gewesen. &mdash;</p>
+
+<p>Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja
+zu eilen, aber ich wartete und begab mich zuvor in meine
+Behausung. Ich beschloß, eine Reihe nützlicher und erfreuender<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>
+Einkäufe zu machen, führte meinen Vorsatz
+jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch
+zu den Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien.
+Auch fehlte es mir an Erfahrungen, und ich schämte mich,
+an jene belanglosen oder nur äußerlich nützlichen Dinge
+zu denken, für deren Beschaffung den Frauen ein so sonderbares
+Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von
+Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt.
+Sie bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger,
+oder unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln
+durch Ankauf in ihren Besitz und durch Schenkung
+in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu bringen.
+Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte
+verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen
+läßt uns in bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge
+in kleinen, schwachen Händen zu Sinnbildern der großen,
+ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir Verdorbenen
+und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen
+oder Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der
+Liebe nicht glauben können, wenn unsere Gabe nicht schon
+ein Sinnbild der Geisteswelt ist.</p>
+
+<p>Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so
+fremdartig, daß ich lächeln mußte, es war gewissermaßen
+notwendig, daß ich mich allen Einrichtungsgegenständen
+erneut vorstellen mußte, was nicht lange dauerte. Ich
+warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war,
+und sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht
+her noch aufgeschlagen neben der Kerze lag. Dies alles
+steht jenseits, dachte ich, eine neue Welt beginnt, es hat
+sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den Weg.
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a>
+Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein
+plötzlich erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles
+dessen, was ich bisher zur Erhaltung meines Daseins begonnen
+hatte, überfiel mich und füllte mich mit Zweifeln
+am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen
+der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst
+bist die Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden
+meine Kämpfe nicht enden.</p>
+
+<p>Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich
+nach mir zu erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß
+ich nicht mehr käme, siegelte den Brief mit dem Wachs
+der Kerze und war sicher, daß man mich in Ruhe lassen
+würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß
+ich mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich
+nachdenklich und ich nahm den Spiegel von der Wand.
+Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, aber der
+andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen
+ausdauernden Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff
+Stock und Hut und ging davon. Das Tuch machte mich
+fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein Bruder, dachte
+ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande,
+in Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich
+von ganzem Herzen glaube, daß deine Augen es nicht
+einmal sehen würden, es sei denn aus Erbarmen? Ist es
+wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg
+und Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn
+es ist?</p>
+
+<p>Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die
+ich bei mir trug, wie man auf einem Feldweg die Straßen
+der Stadt vergißt. Auch als ich zu Asja kam, dachte ich
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a>
+lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem Bett
+niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir
+fremd war, und ich atmete tief auf und mußte seufzen,
+ohne daß ich Kummer hatte.</p>
+
+<p>Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem
+aus, was dir bisher schwer gewesen ist, weil du allein
+warst, deshalb bist du jetzt müde.« Da verlor ich unter
+dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber sie
+schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer
+Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres
+Wesens nicht zu verkleinern.</p>
+
+<p>Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog
+und vor ihr auf die Decke des Betts legte:</p>
+
+<p>»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst
+dieses dunkle Zimmer gegen ein helles mit Sonne vertauschen,
+die Stadt gegen das Land. Du wirst gesund
+werden.«</p>
+
+<p>In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr
+Lächeln verschwand, ihre Augen sahen mich forschend an
+und sie unterbrach mich ängstlich:</p>
+
+<p>»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«</p>
+
+<p>Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie
+störte meinen Bericht durch kein Wort und keine Frage,
+und schwieg auch noch, als ich am Ende war und, unsicher
+mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet,
+eine Zustimmung von ihr zu hören.</p>
+
+<p>»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.</p>
+
+<p>Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich
+kaum, sondern schien nun vielmehr durch etwas anderes
+beschäftigt und bewegt; sie fragte unvermutet:
+</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a>
+»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur
+deshalb bekommen, weil du mit ihm gesprochen hast, hast
+du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur durch den
+Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt
+hast?«</p>
+
+<p>»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran,
+was es für dich tun soll.«</p>
+
+<p>»Ach, es war so, wie du gesagt hast! &mdash; Ich denke
+nicht an das Geld, ich denke an dich.«</p>
+
+<p>Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren
+Zügen auf und sie bat noch einmal:</p>
+
+<p>»So nimm es und bring es wieder fort.«</p>
+
+<p>»Du weist das Geld zurück, Asja?«</p>
+
+<p>»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert.
+Ja, ich weise das Geld zurück.«</p>
+
+<p>»Du wirst sterben, Asja.«</p>
+
+<p>»Wie wir alle«, sagte sie einfach.</p>
+
+<p>»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben
+sollst, die Tugend, daß du sterben willst.«</p>
+
+<p>Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl,
+daß sie nicht über den Sinn meiner Worte nachdachte,
+sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, die hinter ihnen
+stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so
+gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem
+Ergebnis der Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit,
+die zwischen uns geherrscht hatten, und die nicht
+zu beugen waren. Ist es dies, dachte ich, und ward abgelenkt,
+liegt der Grund aller Mißverständnisse und der
+Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen
+oder bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a>
+nicht zu ermessen vermögen, und sich daher an
+das unredliche und mißbrauchte Gezücht der Worte halten,
+die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die Befangenheit
+eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte
+darüber hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs-
+und Tatsachenwelt des Lebens fortzublicken schien &mdash; wohin
+nur? Ich wußte es noch nicht, aber ich fühlte, daß ich
+ihre Freiheit bedroht hatte.</p>
+
+<p>»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand
+und, wie meistens, mit einem beinahe schmerzlichen
+Zögern, »ich mache aus keiner Not eine Tugend, aber
+es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie könnte
+ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu
+recht bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du
+bist so jung, wie willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest?
+Du kennst dich nicht, und nun sollte ich dieses
+Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du.
+&mdash; Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es
+so gut ist, und daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit
+Willen.«</p>
+
+<p>»Liebst du das Leben nicht, Asja?«</p>
+
+<p>»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten,
+»aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht
+von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst,
+wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«</p>
+
+<p>»Wie meinst du das?«</p>
+
+<p>»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen,
+was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage,
+und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen.
+Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a>
+Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald
+empfinden, wie gut und groß du bist.«</p>
+
+<p>»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich,
+wie sehr du das Leben liebst, Asja.«</p>
+
+<p>»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir
+nichts erklärt.«</p>
+
+<p>Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung
+ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit
+ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich
+sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch
+ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein
+heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses
+Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin
+vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen,
+zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir
+doch bisher, ihr und ich!</p>
+
+<p>Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun,
+was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem
+Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand,
+daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen
+Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen!
+So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum,
+sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete
+mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.</p>
+
+<p>»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst
+du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang
+bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch
+bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand
+darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben.
+Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>
+»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du
+nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir
+bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«</p>
+
+<p>»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben.
+Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin
+nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel
+mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt,
+obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen
+und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen,
+wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb
+ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich
+sein kannst.«</p>
+
+<p>»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als
+habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische
+Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde
+und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das
+Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein
+Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete
+mir nicht.</p>
+
+<p>So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:</p>
+
+<p>»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich,
+um zu gehen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den
+Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen,
+mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen
+von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing,
+und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es
+der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war
+mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:</p>
+
+<p>»Nein, Asja!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a>
+Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt.
+Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem
+stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig,
+als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen
+Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf,
+voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und
+küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut,
+sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches
+Tun.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die
+Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner
+Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte
+sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis
+nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen
+Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und
+je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger
+Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr
+Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es
+häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen
+überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden
+Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft
+zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet,
+und manche Herzen suchen es.</p>
+
+<p>So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem
+Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder
+in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich
+segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die
+Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals
+Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist.
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a>
+Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung
+ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese
+Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein
+teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.</p>
+
+<p>Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich
+schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte,
+denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur
+verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß
+zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es
+waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die
+Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der
+Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen.
+Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von
+allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden
+geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein
+Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und
+meine Ansprüche nicht preiszugeben.</p>
+
+<p>Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der
+ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der
+Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich
+freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als
+ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ
+ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter
+dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu
+haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen
+meiner Handlungsweise überzeugen zu können.
+Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball
+einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine
+Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.</p>
+
+<p>»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a>
+Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer
+anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken,
+starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen.
+Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über
+Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser
+mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne
+über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die
+Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit
+der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles
+ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis,
+ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr.
+Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die
+Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre,
+um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein
+Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus
+Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem
+Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel
+es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. &mdash;</p>
+
+<p>So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines
+Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen
+und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren
+Liebesgruß.</p>
+
+<p>»Asja, glaubst du an Gott?«</p>
+
+<p>»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.</p>
+
+<p>»Antworte mir!«</p>
+
+<p>»O Freund, ich kann nicht sprechen.«</p>
+
+<p>»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber
+antworte.«</p>
+
+<p>»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was
+du ersehnst!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a>
+»Du bist es. Sieh mich an.«</p>
+
+<p>»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als
+habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott.
+In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der
+Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in
+uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch
+ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein.
+Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen
+sondern sie hat uns erwählt.«</p>
+
+<p>»O Asja, du machst das Herz froh.«</p>
+
+<p>»Ich tue nichts.«</p>
+
+<p>»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«</p>
+
+<p>»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten.
+Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war
+reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war
+und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg?
+Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die
+Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und
+viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in
+dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest
+du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer
+ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die
+Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein
+Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns
+durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist
+besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du
+ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater
+die Quelle.«</p>
+
+<p>»Der Vater, Asja?«</p>
+
+<p>»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a>
+»Was nennst du Gehorsam?«</p>
+
+<p><ins title="»Oh">»Oh,</ins> frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder
+spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort
+vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es
+herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis
+bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen
+Gehorsam.«</p>
+
+<p>»Und alle Gesetze, die Kirche?«</p>
+
+<p>»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben
+die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als
+Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn
+die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber
+wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«</p>
+
+<p>»Oh, sprich weiter, Asja.«</p>
+
+<p>»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor
+dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch
+herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm,
+sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie
+du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und
+glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du
+dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«</p>
+
+<p>»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe?
+Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in
+uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo
+ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«</p>
+
+<p>Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager,
+neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als
+bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich
+erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war.
+Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a>
+diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer
+brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben
+diese Frage stellen würde.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen,
+Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser
+Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben
+und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne
+Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen
+fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife
+heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich
+mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen
+Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände
+traten ein, die mir alles erleichterten und möglich
+machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich,
+wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke,
+so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich
+einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen
+kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich
+Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren,
+die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da
+sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht
+Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht
+zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem
+Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz,
+das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend,
+in sich verwob und ward, indem ich war. Du
+Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen?
+Es war alles gut! Das ist dein Name.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a>
+Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine
+Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie
+schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank
+stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er
+leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand,
+die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf
+dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah,
+erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen,
+sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.</p>
+
+<p>»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.</p>
+
+<p>Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand
+ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:</p>
+
+<p>»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«</p>
+
+<p>»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich
+geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«</p>
+
+<p>Ich schwieg.</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau
+fort und sah ein Bild an der Wand an.</p>
+
+<p>»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch.
+»Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich <ins
+title="werde ">werde es</ins> bestimmt bekommen.«</p>
+
+<p>»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor
+ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin
+erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«</p>
+
+<p>»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich
+mich, und antwortete auf ihre Frage.</p>
+
+<p>Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren
+Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a>
+ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen
+Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens
+stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:</p>
+
+<p>»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen
+erzählt. Wie war doch ihr Name?«</p>
+
+<p>»Asja.«</p>
+
+<p>»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich
+damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld
+mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte
+geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so
+dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«</p>
+
+<p>»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«</p>
+
+<p>»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast
+verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber
+Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer
+als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt,
+Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich.
+Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es
+und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn
+Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf,
+wenn Ihr Schritt klingt.«</p>
+
+<p>Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als
+schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine
+ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen
+Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe
+mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts
+Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche
+Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in
+seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden
+schon verstehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a>
+Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs
+hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit
+ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht,
+und vom Hofe herauf drangen Geräusche und
+Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen
+Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle,
+leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das
+Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer
+Käfige.</p>
+
+<p>Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr
+selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.</p>
+
+<p>»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,«
+sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins
+Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der
+Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie
+damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«</p>
+
+<p>Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden
+Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur
+Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder
+widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. &mdash;</p>
+
+<p>Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das
+Zimmer schimmerte still im Licht des ersten Schnees, der
+vorzeitig gefallen war und auf den schrägen Dächern
+draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im
+Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und
+licht und schien sonderbar leer. Ich war darin nun längst
+ein vertrauter Gast, und auch die Mutter hatte sich an
+meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr Kind
+in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und
+Unterhaltung fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a>
+mit einer Art ehrfürchtiger Scheu, ohne Eifersucht, aber
+ein klein wenig zögernd und ablenkend, als gäben wir uns
+Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien
+längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen
+Welt lebte als sie selbst, und so wenig sie früher besondere
+Teilnahme gezeigt hatte, so gleichmütig beachtete sie die
+meine; zumal da Asja in ihrer Gegenwart mit derselben
+Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, in der sie
+früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung
+und Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie
+erstaunt in Asjas leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig,
+wohl auch ein wenig stolz, und riet zu Ruhe und
+Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. Mit den ein
+wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden
+Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert
+der kleinsten Münze kennt, vermutete sie hinter meiner
+Erscheinung mehr und anderes, als sich ihr durch den
+Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den Gegensatz,
+in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem
+bedürftigen Wandel standen.</p>
+
+<p>Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert
+und sorgenvoll, wie so manchen Morgen hindurch,
+den ich allein verbrachte und nicht zu verwenden
+wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war,
+in der ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war
+ich zu jung und ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden
+des Alleinseins ein volles Genüge an meinem Leben und
+Denken empfand; mächtiger als je drängte alles in mir
+zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten
+eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a>
+mich übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und
+Augenlicht auf meiner Stirn fühlte. Es war ein erstes
+Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das sich vor ihrem
+Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne
+Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in
+heiliges Feuer, aber es lohte sinnlos in mir empor, wie
+ein Reisigfeuer auf einer Frühlingswiese, dessen Glut nur
+die Überreste des verflossenen Jahrs verzehrt, aber keinen
+Keim des Bodens fördert.</p>
+
+<p>Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz
+aufs Feuer und sah kniend zu Asja hinüber: sie schlief
+fest. Wie meistens lag sie grade ausgestreckt auf dem
+Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres Körpers
+erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht
+mit dem überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des
+offenen Haars, das den Scheitel mit den Schultern verband,
+und grade von der Decke abgeschnitten wurde, merkwürdig
+feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht
+machte das Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung
+aller Dinge im Raum, die mit dem ersten erkennbaren
+Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und die
+solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken
+des Zeigers an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen
+kann.</p>
+
+<p>Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte
+ihn an Asjas Bett und ließ mich nieder. Auf dem kleinen
+Tisch neben ihrem Bett lag ein Stück Brot, von dem
+die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich ich
+in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte,
+bewegte mich sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a>
+Tiefen der Seele, ich begriff nicht, woher die schmerzhafte
+Bestürzung voll Rührung kam, und sah das Brot an,
+als verklagte es mich.</p>
+
+<p>Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt
+durch die gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der
+Schlafenden, und je andächtiger ich in dies Gesicht sah,
+um so inbrünstiger begannen dies Brot und dies Angesicht
+zu mir zu reden und trösteten mich.</p>
+
+<p>Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst,
+dachte ich, denn es ist meiner Rührung eine Gewißheit
+zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du bist das ewige
+Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und
+einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen
+Ausmaße der Seele und des Geistes, du erhältst, ohne zu
+gefallen und ohne zu schmeicheln, du befriedigst, ohne daß
+Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du forderst
+keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines
+Gebens wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst
+Christus dich und dein Wesen mit dem seinen verglich,
+daß er dich brach und gab, wie auch sich, als er das Opfer
+seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das Sinnbild
+der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt,
+Abschied und Auferstehung.</p>
+
+<p>»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme
+plötzlich in mein verlorenes Sinnen hinein, »bist du
+hungrig?«</p>
+
+<p>»Ich habe ewig, ewig Hunger!«</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden
+Licht ihrer unstillbaren Augen, und verlangend,
+fast zornig, sah es mich unter den angstvoll zusammengezogenen<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a>
+Brauen an. Die forschende Gier ließ mich erschauern.
+Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln
+ihre Stirn auf meine Hand:</p>
+
+<p>»Ach, Bruder ...«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein
+Geist geriet, und die Beunruhigungen, die mit meiner
+Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten mir die letzte
+Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens
+geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen
+sein mochte, nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht
+worden war. Wie handle ich nun töricht, dachte ich
+oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken
+lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im
+Zeichen des Beginns? Aber dann war mir, als begänne
+mit allem bewußten Leben in uns Menschen der Abschied
+und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied von
+ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage
+und Jahre, das Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger
+verweilte, als diese zum Abschied so froh Gerüstete, gar
+so groß und gewichtig, und flogen die Stunden nicht eilig
+und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung
+getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg,
+der nicht der meine war? Und so beschäftigte mich der
+Sinn dieses eigenen Wegs, den ich suchte, und ich sagte
+es Asja:</p>
+
+<p>»Ich finde den Weg nicht!«</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen
+schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus,
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>
+und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es
+war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen
+hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett
+war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von
+unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es
+kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten
+lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts
+mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen
+Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte,
+das Schweigen zu brechen.</p>
+
+<p>»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas
+vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn
+nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du
+es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder
+für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg
+der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles
+andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht
+arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.</p>
+
+<p>Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen
+und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit,
+weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte
+der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft
+der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt
+das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder
+nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der
+Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen,
+die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen
+Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur
+ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft,
+erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a>
+zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung
+führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg?
+Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich
+bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin,
+sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist,
+die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt
+scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener
+Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich
+bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten:
+Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch
+mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen
+offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er
+frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott,
+der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen?
+Es ist das deine. So suche nun keinen Weg
+mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen,
+aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung
+und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.</p>
+
+<p>Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit
+der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen
+zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und
+Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich
+liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne,
+fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in
+unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen
+Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich,
+daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß
+ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist
+kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche
+noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a>
+Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum
+Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der
+Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang
+und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das
+sei mein irdischer Tod.«</p>
+
+<p>Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und
+ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein
+der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung,
+zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein
+wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und
+Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit
+eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der
+Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das
+Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen
+bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg!
+Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich,
+und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner
+Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten,
+sondern im Geist und in der Wahrheit. &mdash;</p>
+
+<p>Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die
+Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht
+zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte,
+war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am
+Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen
+beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel,
+der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch
+das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den
+Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer
+Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie
+war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a>
+Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte
+und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen
+hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir
+nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich
+nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem
+Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der
+Ruhe lag, Hand in Hand.</p>
+
+<p>Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken,
+wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen
+Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue
+Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten
+meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang
+des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht
+beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte
+ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der
+hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben,
+die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering
+erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht
+der Liebe liegt. &mdash;</p>
+
+<p>So erstand uns in den armen vier Wänden dieses
+kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu
+vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß,
+aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte.
+Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich
+heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer
+Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein
+vermag.</p>
+
+<p>Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt
+verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener
+Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich,
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a>
+wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich
+wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den
+Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar
+ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis
+und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht
+macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand
+mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher,
+und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer
+brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns
+beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur
+wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen,
+damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht
+fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.</p>
+
+<p>Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe
+ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster
+Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich
+mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich
+denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe
+nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.</p>
+
+<p>Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende
+Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an
+dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien
+es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen,
+und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden.
+Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit
+und betört von Eifer. Sie sah mich an, als
+verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte
+und sagte:</p>
+
+<p>»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so
+ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a>
+und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu
+verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist
+die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit
+ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller
+Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als
+sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.</p>
+
+<p>Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen,
+darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst.
+Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein
+Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell
+und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom,
+das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz
+preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich
+komme.</p>
+
+<p>Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen
+Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung,
+heute noch nicht weiter gekommen, als bis
+zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte
+des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens.
+Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen
+der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum
+Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig
+wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich
+von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie
+es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und
+endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das
+>Geheiligt werde dein Name&lt; in Opfern, Weihrauch und
+Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen
+Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach
+uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a>
+stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit
+liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche
+Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen
+Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe
+sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die
+mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft
+und die Herrlichkeit.«</p>
+
+<p>Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie
+im Bannkreis eines deutlichen Bildes:</p>
+
+<p>»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht
+an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So
+sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig,
+einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch
+dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt,
+mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun
+und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen,
+auf einen fremden Stern. Und ich empfand,
+wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand
+tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war
+kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe
+des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen
+und mir ohne Groll.</p>
+
+<p>Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit,
+bei langem Verweilen unter ihnen, in mir
+neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich
+fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir,
+und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>
+Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken,
+diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht.
+Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln,
+weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag
+ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das
+allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung?
+An Stelle deiner Güter werden mich die Tage
+mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem
+Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und
+beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine,
+verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert
+und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir
+ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit
+ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten,
+der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die
+zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle
+werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige
+Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb
+und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen
+können und mich so weit verirren? Und ich
+werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich
+weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im
+Hellen zu verharren.</p>
+
+<p>So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß
+doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines
+Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte
+es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr
+Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen.
+Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich
+nicht, daß sie es sind.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>
+Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst
+viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen
+erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder
+vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen
+Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft,
+die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein
+Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und
+es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und
+nicht den dahinwelkenden Docht.</p>
+
+<p>Sie sagte mir auf meine Frage:</p>
+
+<p>»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der
+ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe,
+das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet
+sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran,
+sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die
+Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist
+ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die
+Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein
+Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger
+Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber
+durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist
+das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein
+echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh,
+so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.</p>
+
+<p>Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der
+Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen
+Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft
+der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind,
+verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle
+Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>
+die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die
+meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich
+in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem
+starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und
+Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder
+dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis
+vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom
+Angesicht.</p>
+
+<p>Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach
+Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein,
+die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche &mdash;
+und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder,
+und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem
+Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du
+aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«</p>
+
+<p>»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die
+Auferstehung, Asja!«</p>
+
+<p>Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut,
+als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner
+Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern
+als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich
+empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte
+Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte.
+So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich
+meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches
+Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich
+oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu
+scheiden vermochte.</p>
+
+<p>Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres
+Nackens und der Schulter, unter dem Haar, verrieten
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a>
+mir eine Miene schweren Leides. Ein unerklärliches
+Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher
+Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe
+unfreundlich. Aber die Herausforderung meiner Stimme
+weckte nicht ihren Unwillen, sondern ihre Güte. Sie
+wandte sich mir wieder zu und sah mich an:</p>
+
+<p>»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist,
+dessen Seele nicht in der Schmerzensfinsternis ihres Grabes
+liegt? Fragt derjenige, der nicht gefallen ist, die Vorübergehenden,
+wie er sich erheben könnte? Wer aber nur
+deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen,
+der wird keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht,
+und Furcht ist nicht in der Liebe. Aber die Liebe, die in
+der Welt allein zu antworten vermag, kann nur der Liebe
+antworten. Sieh, das ist der Irrtum der Jahrhunderte,
+in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie
+hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben.
+Nur wer aus der Wahrheit ist, hört die Stimme der
+Wahrheit, nur wer aus der Liebe ist, hört die Stimme der
+Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht antworten, denn
+meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht.
+Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis
+der Welt über dir zusammenschlägt, wo du im geistigen
+Tode am Boden liegst und weder fragen noch hoffen
+kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine Liebe,
+und zu dir sagen: Stehe auf!«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen
+sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen,<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a>
+begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit
+von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit
+und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen
+und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß
+ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen
+grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit
+empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren
+Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil
+sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie
+leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich
+meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser
+Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur
+Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr
+Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und
+ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.</p>
+
+<p>Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen
+Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht
+und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel
+ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt
+als nachsichtig.</p>
+
+<p>»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem
+Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre
+Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen.
+Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde
+der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie
+sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom
+Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein
+Mensch betritt.</p>
+
+<p>Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen
+unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger
+<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a>
+fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins
+Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte
+meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung,
+als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden
+wäre.</p>
+
+<p>Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört
+hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur
+Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in
+so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es
+mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen
+Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche
+Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst
+der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild
+zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um
+ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung
+und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die
+irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm,
+verehrte und wiedergab.</p>
+
+<p>Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und
+durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien
+gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in
+ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu
+haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies
+Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks,
+als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem
+Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen
+überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und
+eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige,
+welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten
+Gemüt hervorbringt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>
+Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn,
+ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht,
+aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung
+Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten
+und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch
+die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen
+gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind
+auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer
+direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die
+erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter
+denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern.
+Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung
+den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft
+mit allen denen, die den großen Namen nennen, um
+ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.</p>
+
+<p>Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit
+sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare
+Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte,
+denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und
+umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde
+seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht
+und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen
+lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern
+nur in fremden Welten bewegt haben.</p>
+
+<p>Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas,
+ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und
+sie begann stockend:</p>
+
+<p>»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue
+meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie
+dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a>
+bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint
+erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist
+dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden,
+vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken,
+aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen,
+was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst
+und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen
+und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu
+mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu
+reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und
+bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen.
+Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen
+vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen
+ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende,
+die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu
+glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von
+seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben
+abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit
+haben müssen.</p>
+
+<p>Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken.
+Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen
+den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die
+Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt,
+so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur
+seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die
+Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern?
+Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der
+Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme
+seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos
+und arm vor Ehrlichkeit?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>
+Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem
+Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt
+ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn
+nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt.
+Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der
+Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber
+ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen
+dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen,
+auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit
+Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf,
+wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die
+Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes
+Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht,
+glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung
+im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos,
+und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach
+seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.</p>
+
+<p>Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein?
+Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz
+unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung
+ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die
+Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine
+Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen
+haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort
+trösten, was der Erlösung gilt?</p>
+
+<p>Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten,
+den ich eben in meine Worte verwoben habe,
+bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht
+einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen,
+überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a>
+gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt
+und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.</p>
+
+<p>Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze
+und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten,
+allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein
+Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist.
+Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der
+Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg,
+auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der
+Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit
+der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?</p>
+
+<p>Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne
+Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen
+sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von
+einer Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt
+kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten
+wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und
+solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und
+Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der
+Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen.
+Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht
+laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten
+ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung
+der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet
+es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde
+hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft
+aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie
+überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung.
+Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der
+Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen,<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>
+der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr
+Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet
+ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu
+sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist
+mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm,
+das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem
+Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?</p>
+
+<p>Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder
+dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die
+Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des
+Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe,
+nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern
+Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als
+ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam
+und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft
+führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir
+zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne
+Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich
+gewiß.«</p>
+
+<p>Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung
+der Unerwählten?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die
+wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten
+sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören,
+dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher,
+die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der
+Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch
+zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt
+die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums,
+dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a>
+sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben,
+sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter
+den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst
+du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria,
+die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus
+selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn
+zum Kinde wird? &mdash; Er wird wieder zum Mann werden,
+und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die
+Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um
+seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab
+gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen,
+von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen
+seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.</p>
+
+<p>Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch
+hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung
+sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter
+Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht,
+keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat
+keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der
+Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung,
+seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit,
+ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung
+ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe,
+sie ist Anfang und Ende, das heilige &gt;Gut&lt;, sie ist Gott.
+Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich
+in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch
+unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern
+die Liebe hat uns erwählt.</p>
+
+<p>Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge,
+die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a>
+Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn
+er ist ihr Wesen.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam
+in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in
+meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit.
+Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung
+fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein
+Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn
+dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem
+Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich
+ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf
+wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer
+Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung,
+und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.</p>
+
+<p>Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen
+des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung
+zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die
+Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen
+durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier
+Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war,
+und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn
+eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt
+wird und des Menschen Sohn?</p>
+
+<p>Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch
+Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn
+dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit,
+von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen
+der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie
+<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a>
+stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige
+Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie
+ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.</p>
+
+<p>So gingen die Monate des Winters herum, Tag
+nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht
+an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die
+Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand
+mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die
+durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs-
+und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine
+Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die
+Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen,
+wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und
+Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer
+flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder
+an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine
+Liebe.</p>
+
+<p>So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an
+ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb,
+weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen
+hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr
+gewesen:</p>
+
+<p>»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen,
+oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr!
+Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit
+jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens
+macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist
+sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst,
+der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein
+Ende, auf daß begonnen werde.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a>
+Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem
+Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt.
+So möchten sie sie nun überall finden &mdash; bei Anderen, und
+traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch
+die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen
+und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen.
+Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen,
+waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die
+niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis
+zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele
+zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt
+hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird
+sie verlieren.</p>
+
+<p>Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist,
+aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht,
+hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht
+mit äußerlichen Gebärden ...«</p>
+
+<p>Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an.
+Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir
+war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her.
+Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte,
+wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der
+traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.</p>
+
+<p>Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages
+in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat,
+sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb,
+denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht
+einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie
+der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf
+den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von
+<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a>
+Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das
+Reich ist nicht unser. &mdash;</p>
+
+<p>Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und
+ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr
+und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der
+Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt,
+wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren
+Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend
+und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken
+der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten
+leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als
+daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll
+unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir
+war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in
+solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem
+Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare
+Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt
+waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn
+ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen
+Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit.
+Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager
+des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert
+dich das große, allmächtige Leben, der heiße
+Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften
+Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das
+Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der
+Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der
+Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers,
+und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie
+dich selbst?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a>
+Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und
+die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt,
+dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an
+Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu
+denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu
+befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die
+Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten
+und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt
+ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben.
+Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt,
+so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug
+über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir
+örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem
+Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend,
+dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen
+gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und
+Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und
+ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist
+kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein
+erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht.
+Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe
+selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd.
+Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der
+Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil
+oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen
+im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde
+zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte
+Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein
+Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn
+wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a>
+Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist
+deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.</p>
+
+<p>Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor
+den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit,
+die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn
+ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend
+erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines
+schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des
+Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit
+entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt
+hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens,
+als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir
+haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«,
+und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt
+sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin
+bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.</p>
+
+<p>Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete
+mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze
+und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann,
+der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg
+stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht
+hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen,
+hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich
+auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er
+keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war
+schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder
+Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre,
+bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und
+ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als
+gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>
+preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß.
+So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf
+eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung
+gehoben.</p>
+
+<p>»Hast du Geld?«</p>
+
+<p>Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit,
+und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts
+mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich
+verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar
+Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte
+mir ab.</p>
+
+<p>»Hast du mehr?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.</p>
+
+<p>Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen
+Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in
+meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft
+dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.</p>
+
+<p>Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich
+das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in
+ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends.
+Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte,
+durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße
+aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem
+Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir
+auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.</p>
+
+<p>»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes
+Eindringen ein Wort zu verlieren.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>
+Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber,
+wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen
+Zustand waren.</p>
+
+<p>»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine
+unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute
+bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein
+ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und
+zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte
+machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen
+Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war
+mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege
+beruhigt und erhoben hatte, verflog.</p>
+
+<p>»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der
+Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun
+an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von
+mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied
+zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich
+lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling.
+Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie,
+es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich,
+von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die
+Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und
+die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern
+dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die
+Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der
+ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu
+Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den
+Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen
+erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das
+erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a>
+Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben
+der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne
+ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.</p>
+
+<p>Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner
+Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete
+mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung,
+des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu
+einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal,
+als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte,
+mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas
+Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden
+unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen,
+die Finsternis erwürgte mich.</p>
+
+<p>Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben
+und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und
+ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in
+einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses
+nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte
+ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht
+der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der
+Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles
+Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es
+sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und
+klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen
+Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still,
+ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder,
+den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt
+hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen
+Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter
+Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a>
+dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung,
+sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige
+Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war,
+der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.</p>
+
+<p>»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich
+kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es
+meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir
+scheiden werden.«</p>
+
+<p>Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand,
+in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen,
+noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht
+ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren
+Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung,
+von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen
+Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht.
+Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst
+der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas
+geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes
+Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung
+wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele
+diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der,
+welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe
+glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er
+wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis,
+von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen,
+und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht,
+keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens,
+groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares
+Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die
+feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a>
+»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen
+unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals
+im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen,
+welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel
+ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr
+rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die
+Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs
+zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art
+ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit,
+noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis,
+nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes
+Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres
+Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung
+am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr
+aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der
+armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder
+selber hat.</p>
+
+<p>Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage
+bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie
+schon alles:</p>
+
+<p>»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält
+mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen,
+daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem
+Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit
+der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du
+hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die
+Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage
+nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder
+berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie
+wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a>
+schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das
+das Wesen der Liebe?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«</p>
+
+<p>Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer
+Antwort mir die innere Haltung schenkte, selbst zu sehen,
+was ihre Augen schauten, aber es blieb alles ungewiß in
+mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten sich im
+Dunkeln.</p>
+
+<p>»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen,
+und ich will schweigen und warten«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja.
+»Die Liebe scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist
+ihre Kraft und Herrlichkeit. Satan mischt und legt die
+Namen der Liebe an die laue und falsche Gestalt. Wer
+sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als seien
+sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt
+von der Liebe erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst
+du, solch heilige Gunst raffte den Wert an sich, um ihn
+für sich zu besitzen, gesättigt, zufrieden, selbstsüchtig? Sie
+strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz dies Licht ausstrahlt,
+um so eher ist es erwählt. Wer hat das große
+Wort auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens
+ausgelegt? Wer hat es unter den Schein von kleiner
+Tugend und armseligen Lohn gestellt und in einen Rangstreit
+des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel
+Angst muß in der Welt sein! Was von der Erlösung
+galt, das haben die Menschen in den Widerstreit von
+Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor der
+Macht des Satan!«</p>
+
+<p>»Wer ist Satan?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>
+»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich
+ist überall, wo Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum
+Bild der Liebe das Bild Gottes setzt, so setze für das
+Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht der
+Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten,
+was ihr das Gute nennt.«</p>
+
+<p>Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie
+sah mich drohend an und rief laut:</p>
+
+<p>»Schweig!«</p>
+
+<p>Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen
+hatte, neigte sie sich über meine Hand und drückte
+ihre Lippen darauf. Erst nach einer Weile hob sie die
+Stirn und sagte fröhlich:</p>
+
+<p>»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es
+lautet so:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich möchte dich beglücken</span>
+<span class="i0">und kann nicht dunkel sein.</span>
+<span class="i0">So tritt mit deinem Zweifel</span>
+<span class="i0">in meiner Liebe Schein.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mich quält nur eine Frage:</span>
+<span class="i0">Hast du mich lieb, sag an?!</span>
+<span class="i0">So bleib in diesem Lichte,</span>
+<span class="i0">das ich nicht trüben kann.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Frag nicht, weshalb ich frage.</span>
+<span class="i0">Aus Zweifel frag ich nicht.</span>
+<span class="i0">Es gibt nur eine Klage</span>
+<span class="i0">der Liebe, die um <ins title="Licht.">Licht.«</ins></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a>
+Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern
+der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem
+Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses,
+hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen
+ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale
+Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein
+kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem
+Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters.
+Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren
+Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme
+schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen
+der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und
+überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten
+auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des
+Morgens erwachte.</p>
+
+<p>Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen
+umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen.
+Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das
+öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern
+stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen
+und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer
+Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender
+und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der
+Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß
+ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern
+wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und
+plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort:
+»Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie
+verlieren.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a>
+Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und
+ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über
+Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf
+den <ins title="naßen">nassen</ins>
+Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im
+Wind begrünen sich. Ich möchte über den <ins
+title="naßen">nassen</ins> Acker
+gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen,
+ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf
+dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater,
+beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es
+wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam
+wie das Blühen, das mich umweht und überkommt.
+Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der
+mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o
+Vater, du Liebe! &mdash;</p>
+
+<p>Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner
+kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich
+habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm,
+kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und
+weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen
+äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen,
+wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn
+es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen
+Meer des Lebens für mich.</p>
+
+<p>Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die
+Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt
+es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so
+stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren
+Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen
+in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie
+Grabhügel auf den Feldern.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a>
+Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt,
+wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die
+Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als
+ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen.
+Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand
+unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen
+werden, der zum lebendigen Sein und Schauen
+führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der
+nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern
+durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen
+scheint.</p>
+
+<p>Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen,
+unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke,
+in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund.
+Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung
+und Verkündigung und ein erlösendes Glück.</p>
+
+<p>Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht
+dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun
+die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr
+sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was
+ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner,
+wie sie einst fielen, sondern die Felder in der
+Mittagssonne des Lebens.</p>
+
+<p>Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut
+und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig
+in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei
+sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer
+Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.</p>
+
+<p>So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds,
+und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>
+ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag.
+Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die
+meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu
+trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang,
+und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war
+von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen
+Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen
+Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit
+willen.</p>
+
+<p>Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich
+sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine
+Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in
+einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde,
+sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in
+Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie
+auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen,
+ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen
+Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am
+Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn
+sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter
+bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden
+Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen
+lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften
+des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß
+Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher
+und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders
+in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in
+ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte
+mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die
+von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a>
+die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug,
+kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem
+andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges
+Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert
+fühlte.</p>
+
+<p>Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und
+lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre
+Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die
+Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten.
+Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit
+ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie
+überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur
+wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.</p>
+
+<p>Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein,
+das ich mit ihrer Mutter führte:</p>
+
+<p>»Geh nicht fort.«</p>
+
+<p>Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die
+Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur
+Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn
+es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die
+Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen
+Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den
+Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze
+neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe
+zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl
+allein.</p>
+
+<p>Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu
+gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und
+hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen
+meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte,<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>
+da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und
+wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein
+tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht
+hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt
+sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien,
+daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen,
+die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen
+Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin
+bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen,
+der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die
+es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft
+Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um
+ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt.
+Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt,
+die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich
+geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen
+wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt,
+wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich
+am längsten sträubt.</p>
+
+<p>Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser
+Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen
+und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden
+Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die
+Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen
+könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen
+müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein
+Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die
+Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster
+war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die
+Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte,<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>
+und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft
+sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn
+die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte:
+Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich,
+wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer
+auf das umgewandte Kissen betten, sie wird
+mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort
+werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln
+in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft
+des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so
+wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich
+der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um
+uns zu trennen?</p>
+
+<p>Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler
+Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich
+meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht
+schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und
+Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich
+Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder
+an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte
+ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen
+und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt.
+Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut
+nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer
+Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das
+Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren
+und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen
+und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber
+die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und
+das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a>
+Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich
+wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte.
+Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie
+in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in
+uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der
+Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen
+Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der
+Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und
+müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden,
+um das Reich zu finden?</p>
+
+<p>Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße
+aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein
+verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern
+erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen,
+und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in
+geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe
+mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit
+dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den
+Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün
+in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme,
+unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier
+wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube
+an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom
+Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt
+als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden
+nicht achtet und Zerstörung sät.</p>
+
+<p>Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man
+mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können.
+Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt
+hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a>
+gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus.
+Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln
+der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus
+bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt,
+wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße
+war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir
+haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere
+Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden
+in die Seelen und Gärten.</p>
+
+<p>Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert,
+daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die
+durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt
+so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber
+und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine
+Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein
+farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich
+nieder?</p>
+
+<p>»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«</p>
+
+<p>Das war Asjas Stimme.</p>
+
+<p>Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und
+streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir
+nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem
+Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in
+eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen
+im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still,
+als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem
+Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten.
+Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in
+dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen
+in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a>
+großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren
+Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen
+mußte.</p>
+
+<p>Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme,
+mit einem tiefen Seufzer:</p>
+
+<p>»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer
+kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald
+noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es
+nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und
+für das Licht gewesen.«</p>
+
+<p>Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor
+Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können,
+wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.</p>
+
+<p>»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es
+besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was
+ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den
+fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß
+es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es
+nicht ertragen kann.«</p>
+
+<p>Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert.
+Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog
+und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer
+Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres
+Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen,
+dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung
+schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah
+mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das
+spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und
+totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes
+wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a>
+»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein
+Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt,
+du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so
+elend, daß ich schreie.«</p>
+
+<p>Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie
+in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß
+ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an
+meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren
+Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es
+nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen
+in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung
+und kein Seufzer brach den Bann.</p>
+
+<p>Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort
+zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten
+Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer
+Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde
+vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am
+nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses
+Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in
+einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche
+Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun
+allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle,
+die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die
+den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.</p>
+
+<p>Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas
+Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte
+und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde
+schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen
+den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung.
+Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a>
+mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur
+Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem
+zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die
+Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald,
+kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte,
+nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen
+bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume
+niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler
+wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in
+Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden
+farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft
+aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die
+Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen
+die Stimmen der Singvögel.</p>
+
+<p>Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche
+immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und
+die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben,
+standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt
+da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen,
+durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich
+verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen,
+trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich
+zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es
+mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.</p>
+
+<p>Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her,
+der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu
+haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a>
+dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in
+seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn
+doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch
+auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir
+und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten
+führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich
+wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt
+zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.</p>
+
+<p>Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd
+waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem
+Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die
+niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein
+junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner
+Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler
+wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber
+und trat an meine Seite.</p>
+
+<p>»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben
+Sie die Tote gekannt?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen,
+das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das
+ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter
+anführen könnte.«</p>
+
+<p>Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen;
+ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich,
+aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte
+gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich
+unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend
+auf mir ruhen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a>
+»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie
+um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte,
+fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:</p>
+
+<p>»So will ich denn das Wort aus Johannes über
+dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern
+ich habe euch erwählt.«</p>
+
+<p>Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen
+Sarg. »Asja«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.</p>
+
+<p>Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.</p>
+
+<p>»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein,
+»ja ...«</p>
+
+<p>Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen
+hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt
+weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich
+geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen
+weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir
+uns befanden.</p>
+
+<p>In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang
+ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn
+nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen,
+ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun
+und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über
+das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der
+große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln,
+Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen
+Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten
+sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben
+stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft
+scholl, und sahen zu uns hinüber.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a>
+Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar
+auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu
+meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte,
+mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig
+ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein
+Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten,
+denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser
+Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte,
+da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen
+Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag
+von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich
+ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter
+die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich,
+denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber
+die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten.
+Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den
+Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang
+aus den Waldlauben erklang immer noch und es
+hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der
+Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage
+stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm
+des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser
+Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche
+sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder.
+Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret
+so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh
+sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter,
+so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab,
+denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos
+senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>
+Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen
+schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den
+andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen.
+Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben
+und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen
+warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue
+Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in
+Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und
+sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel,
+deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten,
+wie ein klingender Schleier.</p>
+
+<p>Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile
+wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher
+des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge
+Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand
+und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne
+Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.</p>
+
+<p>»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch
+ein Wort mit Ihnen sprechen.«</p>
+
+<p>Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück,
+denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der
+Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach
+einer Weile begann er zögernd:</p>
+
+<p>»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt,
+noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie
+mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie
+führt.«</p>
+
+<p>»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht.
+Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich
+bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a>
+haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie
+mich gehen.«</p>
+
+<p>»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach
+einer Pause. »Wer war diese Tote?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es noch nicht.«</p>
+
+<p>»Sie weichen mir aus.«</p>
+
+<p>»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten
+sich nicht danach.«</p>
+
+<p>»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein.
+Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht,
+bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine
+Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich
+Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen
+bin, den ich nicht verstehe.«</p>
+
+<p>Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine
+offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in
+dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen
+hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen
+von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der
+Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt.
+Da fuhr er fort und lächelte befangen:</p>
+
+<p>»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten,
+sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das
+Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist
+mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt
+über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher.
+Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen
+der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort
+auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen
+hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a>
+nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten
+Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen
+setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen
+als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit
+in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem
+Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht
+bin ...«</p>
+
+<p>Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand
+auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich
+ihr Brennen löst. &mdash; Aber meine Kraft war zu Ende.</p>
+
+<p>Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer
+Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der
+Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich
+bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und
+wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten
+vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch
+meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden,
+ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein
+Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff,
+daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der
+Kraft sein kann, die heilt.</p>
+
+<p>»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten,
+»mach' mich fröhlich!«</p>
+
+<p>Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:</p>
+
+<p>»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu
+eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der
+Toten zu erzählen.«</p>
+
+<p>»Niemals«, sagte ich.</p>
+
+<p>Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer
+geworden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a>
+»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute
+schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie
+verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«</p>
+
+<p>»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein
+Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt
+nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich
+wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen.
+Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der
+vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts
+achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar,
+wie alles Glück.«</p>
+
+<p>Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen,
+was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet
+in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares
+bringen. So hören Sie denn, was Sie hören
+müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir
+das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem
+Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel
+klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie?
+Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen
+muß ...«</p>
+
+<p>»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten
+aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am
+Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die
+Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag.
+Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in
+mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch
+wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit,
+deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>
+Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der
+Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich
+weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes
+mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die
+Menschenfinsternis scheint, und ewig.«</p>
+
+<p>Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank
+in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt,
+vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein
+ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg,
+den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft
+mit den Menschen finden sollen.</p>
+
+<hr />
+<p class="subtitle"><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a></p>
+
+<h2>Das Meer</h2>
+
+<p>Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der
+Landstraße nicht zu ertragen, mir war, als schleppte ich auf
+Schritt und Tritt eine Last mit mir herum, die zu schwer
+drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch Schmerz,
+sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in
+einem Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann
+nicht wahrhaft traurig werden, dachte ich. Dann wieder
+fürchtete ich, der Verlust dieses Menschen habe etwas für
+alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit war furchtbar
+und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr
+tief und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften
+Lichts und ohne Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen
+eine gegenstandslose Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß
+ich durch mein Schluchzen geweckt wurde und zornig im
+Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die ich nicht
+gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert,
+diese Traurigkeit verloren zu haben, die mir in
+meiner Traumerinnerung wie ein unirdischer Reichtum
+vorkam.</p>
+
+<p>Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft:
+ich kenne euch alle längst. Menschen mied ich; gesellte
+sich mir hier und da auf der Wanderschaft einer zu, so
+vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, denn da ich<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>
+nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines
+Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar
+habe ich auch mit ihr nur ein paar Worte gewechselt,
+aber ich kann sie nicht vergessen und immer, wenn ich ihrer
+gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem Tage mir
+selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich
+beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben
+sich mir sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn
+ich an sie zurückdenke, so ermesse ich daran den Zustand
+meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, was sich ihr
+bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.</p>
+
+<p>Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in
+den Sommer überging, und mein Weg hatte mich durch
+eine verlassene Moorlandschaft geführt, in der ich den
+Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich
+das von Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines
+Flusses erreicht hatte, warf ich mich ins Gras nieder, das
+in der feuchten Erde so hoch stand, daß es mich wie eine
+grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die Flügel
+der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und
+die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden
+Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer
+nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen
+den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich dachte
+an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene
+schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn
+und atmete tief.</p>
+
+<p>Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die
+Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher,
+summte bekümmert und ließ sich am Rand des Kelches<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a>
+einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine
+Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den
+strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das
+Leben einander suchte und sich begegnete. Langsam wanderte
+eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, ward
+kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der
+Erlen von einem Windhauch berührt wurden, begann
+für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein
+silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte und in
+glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom
+durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der
+Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige
+Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die
+zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von
+Träumen befangener Blick.</p>
+
+<p>Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein
+ganzes Leben lang auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn
+der Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte,
+vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein
+Plätschern <ins title="der">des</ins> Wassers, das nicht von der Strömung
+kommen konnte. Ich richtete meinen Kopf empor und sah
+auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn dahintreiben,
+in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben Ruder
+steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich
+betrachtete ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen
+Glieder, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum
+verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen
+Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von
+einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne
+und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch lag ein<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>
+matter Schein darauf. Dicht an meinem Ruheplatz sah ich
+nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen Pfählen,
+ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.</p>
+
+<p>Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben
+ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie mich und sah
+mich mit großen, überhellen Augen starr und erschrocken an.
+Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas tierhaft Leeres und
+Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun
+der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von
+sagenhafter Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam
+den Kahn, das Mädchen hielt einen der Pfähle, etwas
+geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und staunte,
+bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in
+ihren Zügen hervorbrachte.</p>
+
+<p>»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie
+langsam mit einer tiefen Altstimme.</p>
+
+<p>Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu
+betreten, vielleicht, weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich
+erhob ich mich halb unter der Last des schweren goldenen
+Sonnenmantels, der lange auf meinen Gliedern und Gedanken
+gelegen hatte, und sagte:</p>
+
+<p>»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den
+Himmel an, und nun auch dich.«</p>
+
+<p>Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie
+schien zu empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art
+reden ließ, wie sie es mit den Leuten ihrer Gegend und
+Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen Stolz verbarg
+sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie
+zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war
+rührend und voll kindlicher Gefaßtheit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a>
+»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange
+unterwegs ...« Ihre Augen musterten mich aufmerksam,
+aber ihr Forschen verletzte nicht. Diese Sinne suchten
+nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen
+es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen.
+Vorsichtig, klug und heiter umwanderten mich die hellen
+Lichter der Augen, voll freundlicher Neugier und bereit
+zu verstehen.</p>
+
+<p>Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien,
+als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar,
+wie eine Pflanze dem Wiesengrund. Die Sonnenglut
+verwob mir alles zu einem einzigen Teppich des
+Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt,
+Pflanzen und Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat
+mir Gewalt an, erhob mich und machte einen Schritt auf
+den Steg zu.</p>
+
+<p>»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir
+helfen.«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und
+löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß
+der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Ich sah
+ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf
+stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So
+entfernte sie sich mehr und mehr von mir, aber sie lächelte
+mich an, als käme sie mir entgegen.</p>
+
+<p>»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg
+zurück. Da sie sah, wie ich mich an meinen alten Platz
+ins Gras sinken ließ und daß kein Anzeichen von Groll
+in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder
+ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a>
+Hand den Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig
+neigte, als sie sich und den Kahn aufs neue daran festhielt.
+Er war schwarz und schien so alt wie die Welt, wie lange
+mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund stecken?
+Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug,
+der sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende
+Silberbahn sank.</p>
+
+<p>»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.</p>
+
+<p>»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse
+...« wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in
+den Sinn gekommen sein, daß sie mir mit dieser Aussage
+das Versteck ihres Geräts verraten hatte. Aber da ich
+weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit Befangenheit
+in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer
+Besorgnis unrecht getan.</p>
+
+<p>Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es
+gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht
+getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht
+mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber
+nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie
+die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die
+Liebe des Bluts und wie die Nacht.</p>
+
+<p>Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein
+Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand
+vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die
+Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke
+sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung
+faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm
+ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände
+sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a>
+die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite
+hinein.</p>
+
+<p>Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun
+wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle
+mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm
+dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und
+mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der
+Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf
+dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des
+Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die
+Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer
+Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter
+Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über
+dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich
+tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker,
+dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege
+und Grab ...</p>
+
+<p>So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde
+empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig
+geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir
+zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung
+für mich geworden und steht zwischen Trennung und
+Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.</p>
+
+<p>Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist,
+aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns,
+wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben
+uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns
+dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist
+dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer
+milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wir<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a>
+Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen,
+doch verwalten.</p>
+
+<p>Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich
+verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit
+und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden
+sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten
+sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem
+Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden
+Sterne verschleierten. Sie und die schmale
+Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen,
+fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem
+Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne
+wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen,
+dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere,
+die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so
+erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren
+Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder
+unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der
+Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in
+Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel.
+Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe,
+wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft,
+schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit
+deines lebendigen Lebens tief in mir und aller
+Liebe.</p>
+
+<p>Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte,
+obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen,
+wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen,
+wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald
+begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a>
+nächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In
+einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht
+wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein
+sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und
+mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar,
+ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer
+wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte,
+um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging
+langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte
+sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.</p>
+
+<p>Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne,
+es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte
+ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind
+durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer
+Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war,
+als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber
+zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt
+über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da
+erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr,
+taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut
+auf &mdash; das Meer!</p>
+
+<p>Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der
+Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit
+faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich
+bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische
+Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie
+war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen,
+das sich in mir und vor mir weitete, als sei das
+Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des
+Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a>
+Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt
+leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom
+der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite.
+Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen,
+mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen
+Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...</p>
+
+<p>Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich
+die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere
+Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem
+weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der
+Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte
+in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot
+wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen
+Dämmerwelt der Küstennacht.</p>
+
+<p>Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und
+sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der
+Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich
+unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor
+uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne,
+das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank
+sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein
+Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich
+ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem
+anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine
+alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln
+gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die
+Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren
+Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine
+Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein
+von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>
+uns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum
+berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein
+Mensch zu sein.</p>
+
+<p>So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am
+fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft
+seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging
+ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung
+wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu
+gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am
+Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg
+entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm
+ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine
+mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der
+Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete
+stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die
+Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller
+Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe.
+Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen,
+aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich
+von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die
+Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre
+Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.</p>
+
+<p>Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam
+seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein
+bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem
+die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten.
+Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben,
+genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen
+waren und die teilweise lose niederhingen. Es
+war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte,<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a>
+und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher
+sein, hier duftete Hollunder, oder war es
+Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie
+Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und
+erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu
+mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein
+glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher
+nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines
+Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den
+viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem
+das Licht brach.</p>
+
+<p>Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter
+den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein
+breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale
+Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume
+geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen,
+ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte,
+dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor,
+wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.</p>
+
+<p>Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt
+zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein
+Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle
+Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte
+aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten
+darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer,
+ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts
+schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal
+hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen
+Regennacht mehr als eine Stunde lang einem
+großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte,<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a>
+und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von
+uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen
+Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung
+des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es
+ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in
+unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und
+einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam
+waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein
+Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit
+hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine
+Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung
+und dem Todesgrauen, die wie ein langes,
+atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im
+Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen.
+Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und
+meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend
+am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur
+Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft
+mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich
+lange schlief. &mdash;</p>
+
+<p>Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur
+die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich
+her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in
+einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines
+Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit,
+du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in
+deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht
+ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist.
+Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen
+von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a>
+Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war
+mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern
+mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen <ins title="verwand">verwandt</ins>, wer in einem Buche liest,
+ist schon mein Bruder.</p>
+
+<p>Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du
+für ein Buch?«</p>
+
+<p>»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine
+Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«</p>
+
+<p>»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie
+dein Geist das Buch.«</p>
+
+<p>»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als
+käme sie von der Decke herab.«</p>
+
+<p>»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«</p>
+
+<p>»Merkwürdig ...«</p>
+
+<p>»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«</p>
+
+<p>»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt
+erzählen? Er würde dich kaum erfreuen, denn du gehst
+auf besseren Wegen als ich, draußen durch die Sommernacht,
+vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von
+Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«</p>
+
+<p>»Hast du keine anderen Bücher?«</p>
+
+<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p>
+
+<p>»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey
+nicht liest.«</p>
+
+<p>»Dann bist du also Vetter Eberhard.«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran.«</p>
+
+<p>»Ach ... er wollte kommen.«</p>
+
+<p>»Kommt er immer nachts?«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht
+kommt er nachts und erschreckt mich wie du es<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a>
+getan hast. Sag' jetzt, wer du bist, sonst muß ich die Unterhaltung
+abbrechen. Ich liege hier im Bett, habe nicht einmal
+ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann.
+Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des
+Hauses, wegen der Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«</p>
+
+<p>»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«</p>
+
+<p>»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig,
+sie hat eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch
+liegt.«</p>
+
+<p>»So soll ich bleiben?«</p>
+
+<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p>
+
+<p>»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du
+mich anerkennst, nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß
+du zu mir herunterkommst.«</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«</p>
+
+<p>»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen
+habe und du willst nicht herabkommen, so verlangt auch
+mich nicht mehr danach, und ich werde meines Wegs
+gehen.«</p>
+
+<p>»Wie unhöflich du bist.«</p>
+
+<p>»Unhöflich ...«</p>
+
+<p>»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu
+einem Herrn? Könntest denn nicht du heraufkommen zu
+mir?«</p>
+
+<p>Nun war es eine Weile still.</p>
+
+<p>»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig
+kann ein Mensch aus seiner Rolle fallen. Welch eine
+törichte Frage das doch war. Die Stimme antwortete
+ohne Eifer:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a>
+»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher
+nicht. Aber erst wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche
+dir getrost alles, was du willst, denn ich weiß, daß du
+schon bei der ersten Bedingung versagst, unter der ich
+meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt
+hast, so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«</p>
+
+<p>Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen
+scholl zu mir herab. Jetzt geht noch das Licht aus und
+das Fenster wird geschlossen, dachte ich mutlos. Aber es
+geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, wie
+eine Seite im Buch umgeblättert wurde.</p>
+
+<p>Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach,
+wollte Gott, ich fände einst das Ende so leicht und froh,
+wie ich alle Anfänge gefunden habe.</p>
+
+<p>»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.</p>
+
+<p>Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die
+Luft, raschelte wild im Gezweig und schlug klatschend neben
+mir am Boden auf. Das war das Buch.</p>
+
+<p>»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.</p>
+
+<p>»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine
+Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel
+Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem
+jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm
+seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum
+Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen
+willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich
+muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte
+mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht
+in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>
+immer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert?
+Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt
+habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben,
+und dann wird er es sein.</p>
+
+<p>Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst
+mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und
+oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es
+auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du
+füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist
+in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie
+eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der
+eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem
+Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in
+beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr,
+der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.</p>
+
+<p>Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht
+unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört
+habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken
+entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen
+Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob
+du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß,
+wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen
+könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen
+strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist,
+das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller
+Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht,
+das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen
+Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich
+abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt
+du noch von ihm?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a>
+Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört
+ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch
+sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der
+Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom
+Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes
+Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere
+Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt,
+und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon
+euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun,
+oder bin ich gehorsam? <ins title="Sieh">Sieh</ins>, ich möchte mehr wissen, als nur,
+daß du hell bist.«</p>
+
+<p>So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und
+sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit
+des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte
+ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du
+kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und
+Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.</p>
+
+<p>Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares
+fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer.
+Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da
+draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene,
+unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer,
+dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am
+Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers
+einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne
+Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten
+ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die
+Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.</p>
+
+<p>Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause
+emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a>
+verwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten,
+ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin
+schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich
+würden einige von ihnen aufgescheucht werden.
+Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und
+das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der
+Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine
+Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches
+Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige
+Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht
+meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde
+Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach!
+Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner
+sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...</p>
+
+<p>Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor,
+saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum.
+Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein
+durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der
+Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden
+Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem
+Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer
+wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von
+Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit,
+Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das
+Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner
+Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor
+mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb,
+wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder,
+trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen
+Rand.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a>
+Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie
+mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind
+wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was
+sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende
+Angst davor, das Mädchen möchte erwachen,
+auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren
+Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern
+konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen
+sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese
+Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge
+Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst
+mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte
+ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare
+Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die
+Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied,
+nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte
+vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem
+kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang
+zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die
+mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit
+dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und
+führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung
+meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.</p>
+
+<p>Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken
+auf und nahm mit beiden Händen meine Hand:</p>
+
+<p>»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen,
+und ich bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir.
+Aber glaube doch, ich habe das meiste gehört, es war wirklich
+sehr schön, besonders der Anfang. Bist du böse?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Wer bist du?«</p>
+
+<p>»Sicher kein Gespenst &mdash; du schaust mich an, als sei
+ich eins. Bitte gib mir mein Hemd.«</p>
+
+<p>Ich sah mich um.</p>
+
+<p>»Dort am Waschtisch.«</p>
+
+<p>Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch,
+und reichte es ihr, wie im Traum. Es flatterte auf
+wie ein Nebelwölkchen im Licht, senkte sich zwischen den
+erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte wieder
+im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus
+betörend zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß
+und sicher an, zugleich hell und dunkel, mit lächelndem
+Forschen, ohne Schüchternheit, aber ernst.</p>
+
+<p>»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich
+Baronesse, Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut
+aber nichts zur Sache, ich lege keinen Wert darauf, und
+wer bist du?«</p>
+
+<p>»Worauf legst du Wert?«</p>
+
+<p>»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein
+gutes Buch und kluge Männer.«</p>
+
+<p>»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und
+einen klugen Mann.«</p>
+
+<p>»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst
+du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten
+über Moral zu halten?«</p>
+
+<p>»<ins title="Setzst">Setzt</ins> du
+voraus, daß man unmoralisch ist, wenn
+man zu einem Mädchen einsteigt?«</p>
+
+<p>»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus,
+aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt
+habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>
+Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung
+und erschrak heiß.</p>
+
+<p>»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich
+abweisend.</p>
+
+<p>»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus?
+Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand.
+Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen
+wirst?«</p>
+
+<p>»Du kannst nicht lieben, Kaja.«</p>
+
+<p>Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich &mdash; nicht &mdash;
+lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei
+Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl
+auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch
+einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte,
+wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie
+die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war
+ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb
+nicht?«</p>
+
+<p>»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich,
+Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß
+ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge
+von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht
+es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«</p>
+
+<p>Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein
+schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine
+Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.</p>
+
+<p>»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand,
+»du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament.
+Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert.
+Jetzt machst du mich ganz befangen, fromme<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a>
+Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung
+recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit
+und Dummheit sind eine schreckliche Mischung.
+Dumm bist du nicht &mdash; aber gesinnungstüchtig? Wie
+gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an,
+das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich
+umgibt. Es wird dich beruhigen.«</p>
+
+<p>Ich wollte antworten: &gt;Du verspottest mich&lt;, aber ein
+trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann
+Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen,
+dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die
+ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden,
+aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine
+Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel
+weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht
+umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht,
+als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber
+ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel
+geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges
+Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld
+heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr,
+tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten
+mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen
+Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige
+Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:</p>
+
+<p>»Du verstellst dich, Kaja.«</p>
+
+<p>»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier
+auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich?
+Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer
+einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a>
+»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau
+sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer
+noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«</p>
+
+<p>»Ach &mdash; so &mdash;«</p>
+
+<p>»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst,
+Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen,
+die ohne Wolkenwoge schöner sind.«</p>
+
+<p>Sie verstand sofort:</p>
+
+<p>»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie
+bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als
+zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge
+zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft
+hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen
+wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog
+ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und
+schüchtern.</p>
+
+<p>Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit
+ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner
+Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein
+Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war,
+bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen
+und Trotz.</p>
+
+<p>»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.</p>
+
+<p>&mdash; Du große Frühlingsfrage!</p>
+
+<p>Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch
+weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht
+überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die
+gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den
+großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern
+zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a>
+Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt,
+ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft
+zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. &mdash;</p>
+
+<p>Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden
+Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen
+zu lassen, das uns blendete.</p>
+
+<p>Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken,
+diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und
+alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und
+rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen
+Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene
+Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt
+von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend
+Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die
+kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen
+und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht,
+wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken,
+fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der
+Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen
+Boden, und über die ihren, und fort und fort.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten,
+wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle,
+gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der
+wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit,
+daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich
+nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang
+den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>
+helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück,
+aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.</p>
+
+<p>»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch
+schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du
+nicht? Schau doch hin!«</p>
+
+<p>Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab,
+als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang
+empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper
+und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen
+Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag
+alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie
+mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens
+zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust.
+Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können.
+Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom
+von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles
+von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so
+kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele
+nicht Raum darin findet?</p>
+
+<p>Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus
+und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im
+Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am
+Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht,
+beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den
+ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand
+hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park.
+Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten
+ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen
+wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch
+unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a>
+ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand
+nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer
+und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.</p>
+
+<p>Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen
+Wellen nahen und sich im Morgenrot auf den Strand
+werfen. Es roch nach Seetang und mir war, als schmeckte
+ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich
+die in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs,
+auf deren Giebeln bräunliches Licht lag. Es war kein
+Segel am Horizont zu sehen, kein Inselland, nur fern
+vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes
+Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen
+klein wie Spielzeug aus und bewegten sich träge.</p>
+
+<p>Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins
+Wasser. Der kalte nasse Sand an meinen Füßen rann
+mit den kommenden und weichenden Wellen unter mir
+fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht
+mehr den Menschen, wo das Reich des fremden Elements
+begann. Ein Möwenschrei ließ mich den Kopf wenden,
+da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und bräunlichrot,
+noch stieg kein Rauch aus den Hütten.</p>
+
+<p>Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe
+meiner Seele erschütterten mich so mächtig, daß ich
+aufsingen mußte, einen hilflosen, wilden, jauchzenden Gesang,
+voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, Gebet
+und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen,
+mächtigen Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit
+mich gelehrt hatten, und die meiner schlafenden
+Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. Nun
+habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>
+weiß ich nun, und meine Lust und Trauer sind nicht mehr
+mein Teil allein. Aber mein Gesang von einst bleibt wie
+ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn fern höre,
+so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach
+sein wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd,
+ein heiliges Kleid.</p>
+
+<p>Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden
+Sonne, die aus dem Meer emporstieg und
+Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen miteinander
+vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen,
+und erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde,
+Wasser und Himmel voneinander.</p>
+
+<p>Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes
+Boot, das umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die
+Morgensonne unter sein schwarzes Dach schien. Ich
+kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen
+eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den
+Sand, um zu schlafen. Langsam nahmen die Musik der
+Wogen, das Morgensonnenlicht und der tragende Boden
+sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser Elemente
+und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied.
+Aber im Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen
+Leben, und ich sah große Bilder und weite Landschaften
+von solcher Freiheit, daß ich schluchzte. Ein breiter
+ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt bestand
+aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst
+mich, wie im leeren Raum, der sonderbar wogte und
+spiegelte, auf der anderen lag bunt und deutlich die Fülle
+der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich sah beblühte
+Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a>
+Baumgruppen, Quellen und Ströme. Und mitten darin,
+wie geboren und erblüht aus diesem lieblichen und mächtigen
+Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar funkelte,
+ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der
+Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle
+Pflanzen im Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen
+der Bäume, das Flüstern der Gräser und der Vogelgesang.
+Schattige Gründe der Triften, Kelche und Früchte
+waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe
+zu bringen, was diese Schultern und Hüften trugen, die
+reinen Glieder und der unnennbare Grund und Wesenssinn
+des ganzen Leibes, den kein Name benennt und kein
+Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet.
+Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und
+diese betörende Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an,
+Vergangenheit aber und Ewigkeit lagen, wie eine Einheit,
+auf meiner Seite der Welt, die erhaben und traurig war.</p>
+
+<p>Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren
+und klaren Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte,
+so nah, und doch von ihr geschieden, sprachen zu
+mir und waren ich. Geh hinüber &mdash; bleibe hier. Und so
+fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich
+ein und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. &mdash;</p>
+
+<p>Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte,
+mochte es, dem Stand der Sonne nach, gegen
+elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich und alsbald
+völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen Bootmuschel
+hervor und taumelte vor Glück und Licht in der
+Sonne, die über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>
+schüttelte den Sand aus meinen Kleidern und brachte sie
+in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag der
+Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich
+im freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber
+klar, daß dieser Besuch stattfinden mußte, vermochte
+mir allerdings über die Art keine Vorstellung zu machen.</p>
+
+<p>Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich
+nun nach allen Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame
+vorgestellt werde, die ich besser kenne, als alle, die ihr Leben
+von Anfang an mit ihr geteilt haben. Eine heiße Liebe
+zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie sollte ich
+nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich
+doch das Ungewöhnliche bestanden habe?</p>
+
+<p>Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot,
+in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das
+ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und
+begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es
+war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und
+überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten
+durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten.
+Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen,
+denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im
+Jahr.</p>
+
+<p>Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in
+den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar
+mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche
+waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt.
+Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam
+auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer
+Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a>
+ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen.
+Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich
+tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles
+Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut
+aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken
+bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen
+fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder,
+und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht
+von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich
+hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres
+späten Lebenstages.</p>
+
+<p>Als wir auf dem Weg einander näher gekommen
+waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen
+Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies
+am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls
+stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine
+große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt
+war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um
+ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte
+mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem
+Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung
+bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.</p>
+
+<p>Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich
+aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und
+sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:</p>
+
+<p>»Guten Morgen, guten Morgen.«</p>
+
+<p>Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den
+Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit
+mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig
+ausfiel.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>
+Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin
+nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend.
+Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges
+Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer
+Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten
+Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben
+sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen
+Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief,
+ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um
+meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken
+Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen
+Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen
+sein letztes Wirken.</p>
+
+<p>Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung
+eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung
+forderte, er ging von dem Begleiter der Dame
+aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich
+offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen
+entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß
+irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem
+heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren
+unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen
+Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort
+wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf
+aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.</p>
+
+<p>»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.</p>
+
+<p>Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit,
+die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam.
+Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine
+Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a>
+den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich
+Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm
+erneut Haltung an.</p>
+
+<p>Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr
+freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu:
+»Was führt Sie zu uns?«</p>
+
+<p>Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns
+auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame
+freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte
+Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.</p>
+
+<p>Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden
+Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber
+ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ
+ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.</p>
+
+<p>»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen
+ja!«</p>
+
+<p>Ich entschuldigte mich rasch:</p>
+
+<p>»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.</p>
+
+<p>Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:</p>
+
+<p>»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen,
+ich bin etwas schwerhörig.«</p>
+
+<p>Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.</p>
+
+<p>Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm
+das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner
+Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie
+mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß
+sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und
+daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten,
+die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a>
+»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier
+ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir
+wohnen hier einsam.«</p>
+
+<p>Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu
+werden.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«,
+sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß
+ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin
+ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student,
+ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise,
+es sind zugleich die Sommerferien.«</p>
+
+<p>Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu
+zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen
+mußte, wenn ich verstanden werden wollte.</p>
+
+<p>»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun
+langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.</p>
+
+<p>»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.</p>
+
+<p>»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl
+auch Algen?«</p>
+
+<p>Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und
+musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll
+heiterer Bescheidung.</p>
+
+<p>»Auch Algen!« rief ich.</p>
+
+<p>»Wie?« fragte sie bestürzt.</p>
+
+<p>»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.</p>
+
+<p>»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja
+schon.«</p>
+
+<p>Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von
+Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten
+hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a>
+geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge
+um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.</p>
+
+<p>Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht
+werden, damit die Kette sich nicht verwickelte.
+Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien
+verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen
+einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es
+zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick
+auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.</p>
+
+<p>»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen.
+»Nieder mit dir!«</p>
+
+<p>Niko verkroch sich.</p>
+
+<p>»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte
+Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an,
+ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie
+zu wirken.</p>
+
+<p>»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete
+ich.</p>
+
+<p>»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem
+mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht
+auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager
+hart.«</p>
+
+<p>»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß
+Haus und Park mit einer Armbewegung.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«</p>
+
+<p>Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter
+beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede,
+der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie
+ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie
+kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a>
+Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit
+großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen
+im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand
+zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und
+alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ...
+ich begann zu grübeln.</p>
+
+<p>»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen
+Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine
+Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage
+die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich,
+und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht
+mehr. Einmal sah ich eine edle Taube &mdash; mein Bruder
+hielt Tauben &mdash;, die in einen Fabriksaal geraten war, in
+dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten
+und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin
+und her und war außer sich! So fühle ich mich in der
+Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch
+hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung
+zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie
+lächelte nachsichtig.</p>
+
+<p>Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung
+des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen
+wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte
+ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen
+möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten
+Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß
+war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen
+auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen
+Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt
+durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte,<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a>
+den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit,
+sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später
+kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen
+können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich
+gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein
+Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?«
+gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen
+überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig,
+deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:</p>
+
+<p>»Nieder Niko!«</p>
+
+<p>Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und
+verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte,
+worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an
+meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und
+unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die
+Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei
+manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der
+unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte
+auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch
+um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines
+oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit
+den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen
+Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren,
+da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur
+ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen
+Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit,
+sie erklärte den Charakter und Lebensanstand
+ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung
+und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen.
+Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a>
+aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte,
+mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu
+haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des
+jungen Mädchens in Frage zu stellen.</p>
+
+<p>»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich
+und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen
+will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug
+anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich
+ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas
+kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß,
+ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne
+habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre
+alte Tante doch nicht zum Narren haben. &mdash; Kaja, ich
+spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen,
+dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden
+und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle
+ich sie Ihnen vor.«</p>
+
+<p>Sie richtete ihr Horn auf mich.</p>
+
+<p>»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.</p>
+
+<p>»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim
+Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide
+darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge
+möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege
+ich denn während ihres Bades hier im Park und auch
+am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und
+Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es
+wäre ja auch schrecklich!«</p>
+
+<p>Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite,
+zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank
+hervor und drängte auf das Haus zu.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a>
+»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie
+herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die
+entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer
+Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette,
+die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst
+unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm
+hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs
+unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht
+zu unterscheiden.</p>
+
+<p>»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko
+schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich
+mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe
+ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen
+vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen
+an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja
+gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer,
+ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der
+Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist
+ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes
+erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder
+Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch
+heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen
+der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet
+sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin,
+der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres
+Haars ...</p>
+
+<p>»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so
+machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante
+Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir
+dann etwas zu uns nehmen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a>
+Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern
+und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine
+weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein
+Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin,
+und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag
+um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!</p>
+
+<p>»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte
+deutlich, daß es verächtlich klang.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung
+verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«</p>
+
+<p>Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie
+nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie
+mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah
+dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?«
+fragte ihr Blick die Tante.</p>
+
+<p>Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines
+Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.</p>
+
+<p>Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß,
+aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.</p>
+
+<p>»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet,
+aber ein junger Student auf der Reise. Er ist Naturforscher
+und hier fremd.«</p>
+
+<p>Kaja machte einen strengen Knicks.</p>
+
+<p>»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante
+fort, »wir unterhalten uns hier noch ein Weilchen.«</p>
+
+<p>»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja
+zu mir, »nachher komm schwimmen. Du siehst schrecklich
+aus im Tageslicht, man schämt sich ja. Also auf Wiedersehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>
+Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte
+aussprechen konnte und dazu ein Gesicht machen, als sagte
+er, betroffen und verlegen: »Guten Morgen, mein Herr,
+ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe,
+daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«</p>
+
+<p>Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen
+in sich hinein, und man sah den Bewegungen ihrer Hände
+an, daß ihr ein Hindernis als überwunden galt.</p>
+
+<p>»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es
+die Schlußzeile eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.</p>
+
+<p>Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine
+Unterkunft suchen zu dürfen, und half ihr damit aus ihrer
+kleinen Verlegenheit. Während sie sich zu Niko niederbeugte,
+schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre gestielte
+Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und
+steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte
+ich damit für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen,
+um als glücklicher und ehrlicher Finder empfangen
+zu werden. &mdash;</p>
+
+<p>Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten
+Gras des Strandes und zog sich aus. Sie hatte einen
+Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu sehen war, da
+die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem
+unterspülten Hang.</p>
+
+<p>»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir
+fertig geworden bist, ist keine Heldentat, denn ich habe es
+dir leicht gemacht, aber mit Tante <ins title="Mimsey das">Mimsey &mdash; das</ins>
+will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir wohlgesinnt
+ist.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a>
+»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten.
+Bist du noch einmal eingeschlafen?«</p>
+
+<p>»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht
+sie nicht.«</p>
+
+<p>Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit,
+die sich in meiner lächerlichen Frage kundgetan hatte, und
+begriff, daß um Kaja der Seewind strich. Aber die Allmacht
+ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare Prüfung.
+Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen,
+je mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden
+Hüllen emporstieg. Als sie ihr Hemd fortwarf, kehrte
+sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:</p>
+
+<p>»Man muß dich ja schonen, du Armer.«</p>
+
+<p>Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll
+Roheit gegeben, als ich da nun im Sand lag, das Gesicht
+in den Händen und bebte.</p>
+
+<p>»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte
+durch die Buchen zu spähen.</p>
+
+<p>»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.</p>
+
+<p>Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.</p>
+
+<p>»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen
+raubst du«, stellte sie nachdenklich fest. »Aus dir wird
+man nicht klug. Aber vor allen Dingen mußt du jetzt
+etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für dich.«</p>
+
+<p>»Daran hast du gedacht, Kaja?«</p>
+
+<p>Sie sah mich fragend an.</p>
+
+<p>Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter
+diesen Augen war ich es ohne Arg. Ich werde niemals
+zu schildern vermögen, woher die Gefahr und Wohltat
+dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a>
+verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und
+Schuld war ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit.
+Man vermochte in ihr zu sein, beglückt oder traurig,
+aber erreichbar war sie nicht.</p>
+
+<p>Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer
+gerichtet, mitten in der Sonne, und rauchte. Ihr Haar
+fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, als schiene die
+Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet,
+in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern.
+Nun hob sie es langsam, ohne die Zigarette aus
+dem Mund zu nehmen, mit beiden Händen, und barg es
+unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es beim
+Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue
+Rauchsäule erhob sich lebendig über ihr und wanderte,
+sich leicht zerteilend, lautlos ins Buchengrün empor.</p>
+
+<p>Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und
+öffnete sich ganz den Sonnenstrahlen, wie eine blühende
+Pflanze. Sie breitete ihre Arme aus, und als sie die
+leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie mir
+gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten
+und umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und
+durstig. Aber von einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch,
+ja verächtlich, so daß mir war, als saugte das
+Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen Abgrund
+von ewiger Selbstverlorenheit.</p>
+
+<p>Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als
+würfe sie es fort. Keine Geste schien ihr verächtlicher zu
+sein, als die der Darbietung. Dankbar ist sie nicht, dachte
+ich, als dächte ein anderer für mich. Eines guten Mannes
+gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>
+eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders
+zu denken, als im Talgrund der Dankbarkeit eines
+durch ihn begnadeten Weibes. Ich mußte lachen, und
+Kaja sah sich nach mir um.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin
+eines braven Mannes vorstellte.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her,
+wie ausschweifend du in deinen Gedanken bist.«</p>
+
+<p>»Erzähle mir von dir, Kaja.«</p>
+
+<p>»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest
+mich endlich kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig
+ihr doch seid, daß ihr den Mädchen erlaubt sich zu beschreiben,
+wie sie gesehen sein möchten. Es geschieht, weil
+ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil ihr es
+nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist
+immer dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung
+an und nennen es Verständnis, dann verstehen sie einander
+endlich und werfen sich Täuschung vor. Ein lächerliches
+Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«</p>
+
+<p>Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt
+für Schritt, maß sie den feuchten Teppich, ging in Meer
+und Himmel über und schien die helle Welt, das schöne
+Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie annahm. Als
+eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm
+ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen
+und verschmolz mit dem kühlen Wasser wie für immer.</p>
+
+<p>Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich
+beides zu dieser Stunde vermochte, aber es ging, und ich
+fühlte eine schmerzende Zweiheit wunderbar in mir heilen.<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a>
+Zugleich aber sank es um mich her nieder, als fielen die
+Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu
+Dingen geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige
+ich nun? fragte ich mein Herz, aber als Antwort hörte
+ich nur den fühllosen Frohsinn der großen Wellen erklingen,
+die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und sich
+erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut
+meine Brust sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein,
+Asja, liegt weit in der Ferne, bei der großen Stadt,
+dein Grabhügel. &mdash;</p>
+
+<p>In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit
+stampfte ich bald darauf durch die Mittagssonne am
+Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war nicht
+ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte,
+daß ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im
+Lande blieb. Ist so Wichtiges, so Lebendiges, so viel
+glückliches Tun mir gelungen, so wird sich das Beiwerk
+dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach
+Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben,
+einen Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.</p>
+
+<p>Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer
+wieder von mir hören, wie groß es sei. Ich hatte es
+nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht gewinnen kann
+im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug
+einer beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir
+sagte, daß ich Kaja liebte mit der ganzen Inbrunst und
+aus tiefster Seele, so erschien es mir in der eroberten
+Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts
+doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen.
+Sonderbar und mütterlich lächelte der Weltgeist<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a>
+mich an, gnädig und zögernd, als sei ihm ein Irrtum
+gefällig.</p>
+
+<p>Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte
+ich, diese gewalttätige Verlassenheit, die die begrünte Erde
+vergessen macht. Ich blieb stehen und hörte den Wellen
+zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich meiner, und
+ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in
+uns mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes
+Wrack, das schwarze Rippen in den fahlen
+Sonnenglanz emporreckte.</p>
+
+<p>Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen
+nassen Sand, den die Flut bespülte, und beobachtete, wie
+die Wogen es auslöschten. Ich grub die Buchstaben tiefer
+ein und sah abwartend und begierig auf die sanft heraneilenden,
+durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über
+den Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen,
+niederbrachen, wie mit Gelächter, und sich breit
+und gelassen verebbend ausbreiteten und zerteilten. Sie
+löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen zu sich
+selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche
+Art, ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob
+ich stumm ihr geglättetes Sandbett betrachtete.</p>
+
+<p>Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein
+Herz zu hüten, aber ihre Macht war eindringlich und
+der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine süße Wollust. Und
+plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf der bewohnten
+Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den
+Knabenernst meiner Absichten, über das Lebensgewicht
+der kommenden Jahre, voll Streben, Erfolg und Wirken,
+über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen werdet euch<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a>
+im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen
+oder im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen,
+zurückfluten und aufs neue in vergänglichem
+Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.</p>
+
+<p>Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand.
+Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten
+und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos
+dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner
+alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, ein
+leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste
+Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingesunken und
+verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die
+dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten
+Wesenheit.</p>
+
+<p>Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses
+Lächeln gebildet, als mir sonderbar deutlich Asjas Worte
+über den Wandel der Natur zum Bewußtsein kamen,
+und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der
+Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise
+emporzuheben, allein der Geist.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine
+mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern,
+hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit
+Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein
+Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox
+und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land
+ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des
+kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen
+Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a>
+am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt,
+und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch
+von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir
+warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie
+Engel, zu mir und ermutigten mich.</p>
+
+<p>Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang
+war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah
+und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich
+ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln.
+Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit
+an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich
+eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob
+dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung
+zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte
+sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann
+vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung
+auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren,
+daß sie keine Zustimmung herausforderten.</p>
+
+<p>Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit
+feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu
+streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen
+Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen
+mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres
+Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und
+den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen
+schien.</p>
+
+<p>Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen
+Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen,
+wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich
+heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt,<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a>
+der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis
+von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug
+zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze
+Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis
+zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte
+er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich
+ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich
+eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte
+mich auf niederdeutsch, was mein Begehr <ins title="sein">sei</ins>, und da
+ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer
+auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit
+ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause
+finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich
+nicht. Ob ich ein Franzose sei.</p>
+
+<p>»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.</p>
+
+<p>»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in
+seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«</p>
+
+<p>»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«</p>
+
+<p>Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.</p>
+
+<p>»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß
+schickt Sie zu mir?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«</p>
+
+<p>»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm
+keinen besonderen Eindruck zu machen. »Ich würde mich
+an die Junge halten, wenn ich in deiner Haut steckte.«</p>
+
+<p>»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete
+ich und wies auf meinen Rock.</p>
+
+<p>Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er
+irgend ein Ziel draußen auf dem Deich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>
+»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen
+Mann nach seinem Rock gewählt, das bilden sich nur die
+Laffen ein, die nichts als ihren Frack besitzen. Aber was
+man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind geredet. Eine
+Kammer habe ich, was gibst du mir?«</p>
+
+<p>Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine
+Summe zu hoch zu finden, die ich doch nicht bezahlen
+konnte.</p>
+
+<p>»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,«
+sagte der Alte, »so kannst du Unterkunft bei deiner Baronin
+suchen.«</p>
+
+<p>Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu
+ebener Erde enthielt nicht viel mehr als ein Bett, aber der
+Boden war mit weißem Sand bestreut, und das Fenster
+führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein Bündel
+gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen
+Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um
+das Gewicht nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er
+sagte: »Nun ja ... wirst auch nur eine Mutter gehabt
+haben.«</p>
+
+<p>Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich
+wohlwollend, denn es stellte eine Art Gemeinschaft
+zwischen ihm und mir her, als habe er nach etwas gesucht,
+das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt
+hatten.</p>
+
+<p>»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte
+er mir auf meine Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt
+dich an deine Schloßmuhme,« fügte er hinzu, »sonst hat's
+gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um sie fortzutragen,
+und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>
+dem Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie
+eine Krippe.</p>
+
+<p>Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern
+Stuben des Hauses und durch den Garten, der Alte zeigte
+mir alles. Der Brunnen befand sich weiter draußen im
+Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie kleine
+Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden
+sei für die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze
+und die Boote waren ihm doch das wichtigste. Ich bot
+ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber er spie nur aus,
+und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen
+Lippen nach, wie er das Weite suchte. &mdash;</p>
+
+<p>Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten
+eines struppigen Busches. Da ich am Nachmittag
+mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, dessen Pflanzen
+gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, daß
+ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm
+teilte. Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf
+zurück, ein siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar,
+so hell wie Flachs. Ihre blauen Augen sahen ernst und
+mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne andere Einschätzung,
+als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte
+nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie
+war von unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt,
+andere Menschen als die Dorfbewohner zu sehen.
+Auch wollte ich mich aufmachen, um im Wasserschlößchen
+meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein
+schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen
+eines wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten
+war mir lieber. Ich ließ das Fenster meiner Kammer<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a>
+leicht angelehnt offen stehen und verabschiedete mich ohne
+Erklärungen.</p>
+
+<p>»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir
+einen großen Fisch.</p>
+
+<p>Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte
+Fisch waren mir Gewähr, eine gute Aufnahme zu
+finden. Die Sonne stand nun hinter dem Land und das
+Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe
+man viel weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und
+die <ins title="Möven">Möwen</ins> waren
+blendend weiß und schwebten klar geschieden
+und ruhig im farbigen Himmel. Alles war
+wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des
+Sonnenaufgangs und die blendenden Bewegungen der
+Elemente, die brausenden Wogen aus Glanz und Flut
+waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu
+haben.</p>
+
+<p>Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern,
+eine Mühle am Horizont, deren Flügel sich
+bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. Es verband sich
+mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie der
+erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit
+sich zu bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und
+mich einrichten, das war mir fremd.</p>
+
+<p>Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in
+den Stürzen der Flut vor meinen Augen, verwoben
+in die Elemente der Natur, zugleich Plan und Entzückung,
+unerreichbar, um mich her und tief in mir.
+Wie ruhlos machst du mich durch die Trennung, Kaja,
+und welche Trennung von mir selbst ist die Beruhigung
+deiner Nähe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>
+Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante
+Mimsey an einem gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte
+durch die Büsche, die die Gartenpforte übergrünten, und
+erkannte Niko auf ihrem Schoß, der schlief. Etwas
+abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war
+ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und
+ich fand in der Gewohnheit dieser Stunde die innere
+Haltung mich ihr einzufügen.</p>
+
+<p>»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut
+und hielt mir ihre liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts
+in der Welt, das je zwischen uns treten könnte. Kaja
+drehte sich um, knixte steif und wischte ihren Pinsel am
+Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den
+Fisch und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem
+Tisch, als ob er herabfiele und kam nicht mehr zum
+Vorschein.</p>
+
+<p>Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den
+Butt erblickte, den sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang
+brachte, und an dessen Tod sie erst glaubte,
+als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir zärtlich,
+ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter
+Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung
+rührte sie, sie verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den
+Fisch für tot hielt und ihre Brille mit frohem Dank
+zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu Gott
+stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten,
+am wenigsten laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«,
+und überlegte mir die Sache. Kaja erschwerte mir den
+geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich umzudrehen,
+gleichmütig:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a>
+»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«</p>
+
+<p>Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung
+war: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts
+mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«</p>
+
+<p>»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey
+liebevoll und schob mir ein großes Stück Kuchen hin.</p>
+
+<p>War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung
+der alten Dame zu religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen
+Äußerlichkeit, wie sie so oft in welken Gemütern
+angetroffen wird, die eher eines undurchdachten
+Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so irrte
+ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und
+Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten,
+still, heiter und in kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler
+bestand in der Hauptsache nur darin, daß sie niemanden
+für glücklich zu halten vermochte, der ihre Welt nicht
+teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer aufrichtigen
+Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für
+erwiesen zu halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden,
+ohne deshalb eine Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich
+oft über Kaja, die ihre Zustimmung übertrieb, um zu
+spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel weiter
+ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber
+ihr Hohn war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche
+Kraft der Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an
+meinem heimlichen Tadel irre wurde, denn ich empfand
+sie als kalt, mich aber als lau.</p>
+
+<p>Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr
+Bild auf der Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr
+Ausdruck von Arglosigkeit und Unschuld war so vollkommen,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>
+so ohne einen Schatten von Verstellung oder
+Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl
+so schmerzlicher Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah,
+daß ich glaubte, mein Herz schmerzen zu fühlen, wie in
+einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht geöffneter
+Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe
+Forschen ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar
+zu einem wehen und süßen Gehorsam der Hingabe,
+daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom
+heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte
+mit Angst nach den Merkmalen ihrer schrankenlosen
+Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen ihrer dämonischen
+Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust
+ohne Halt &mdash; kein Hauch von Schwüle oder Glut
+lag um die klare Stirn, kein Feuer unheiliger Gier
+des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die Kinderbläue
+des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.</p>
+
+<p>Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem
+farbigen Odem einer Wiesenblume im Morgentau vergleichbar
+war, hatte eine furchtbare Wirkung auf die
+schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff
+mit Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller
+Werte, in der die heiligen Feuer meiner Leidenschaft und
+Liebe mir unrein erschienen, und ihre dämonische Priesterin
+von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner entflammten
+und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen
+und betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen,
+der weit höheren Gesetzen unterworfen war, als sein
+Schöpferwesen sie umfaßte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>
+Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß
+ich mich mit Kaja oder meinem Gedanken beschäftigte,
+diesen beiden Elementen, um derer willen mir das Leben
+allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den
+Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie
+in einer gemütlichen Tortur, die mich zugleich in Erstaunen
+setzte und ungeduldig machte. Wenn ich von
+ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen
+für einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand
+angeregt, an Asja dachte, so war mir, als sähe
+ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf dessen
+Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen
+dunklen See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.</p>
+
+<p>»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey
+innig, »die Welt ist an Liebe arm, erst wenn wir diese
+Absicht an den Tag legen, wird es besser.«</p>
+
+<p>»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die
+mir mit gefalteten Händen gegenübersaß.</p>
+
+<p>Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen,
+gemeinsam mit einem Päckchen von Schriften. Sie schien
+nach einem Gegenstand Umschau zu halten, der ihr fehlte;
+endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und Kaja zog
+eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt
+Tante Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf
+dem Tisch fest, daß sie aufrecht emporstand und forderte
+mich auf, mit der Nadel in die leicht zusammengehaltenen
+Blätter zu stechen.</p>
+
+<p>Das war mir neu, und ich zögerte.</p>
+
+<p>»Mutig«, sagte Kaja freundlich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a>
+Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des
+Spalts, und Tante Mimsey nahm die Brille.</p>
+
+<p>»Nun werden wir sehen«, sagte sie.</p>
+
+<p>Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich
+bisher nur gewußt hatte, daß er vor Zephanja kommt.
+Tante Mimsey vergrößerte mit einer Lupe, was von
+seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das Zehnfache,
+und begann zu lesen.</p>
+
+<p>»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und
+sah mich an.</p>
+
+<p>Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:</p>
+
+<p>»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender,
+denn die Wölfe des Abends. Ihre Reiter ziehen
+in großen Haufen von ferne daher, als flögen sie, wie
+die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die
+Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte
+man Parder.«</p>
+
+<p>Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte
+ich mich in meinem Blick, meine Lippen erstarrten
+mir wie unter einem herben Schmerz.</p>
+
+<p>Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch
+meinen Blick, und von ihren hellen Lidern strahlte mir
+mein unmögliches Wesen zurück, wie ein Strom von
+Traurigkeit.</p>
+
+<p>Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen
+Kapitels auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen
+des alten Propheten auf das kommende Reich des Heilands
+und verglich die angeführten Übeltäter mit den
+Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage,
+in denen sie lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>
+darauf zu sprechen, daß deshalb die Wiederkunft des Herrn
+unmittelbar bevorstünde.</p>
+
+<p>Kaja sah auf die Uhr.</p>
+
+<p>»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte
+Tante Mimsey geheimnisvoll mit und sah warnend drein.</p>
+
+<p>»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die
+Tante wird hellsichtig. Nimm dir heute nacht ein Beispiel
+am Dieb und sei pünktlich.«</p>
+
+<p>Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand
+und ging, nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht
+hatte, ins Haus. Nun wäre Andacht möglich gewesen,
+wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja zu
+folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte
+er unter seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu
+kommen, so daß der Kies flog. Tante Mimsey gewahrte
+es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk versenkt hatte.
+Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko
+atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt
+seine stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung,
+die nicht hinausgeschoben werden durfte. Sie
+ließ alles stehen und liegen wie es war, löste die Kette von
+der Banklehne und ließ sich von Niko davonzerren. Beim
+Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die
+Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne
+Bedrängnis zu folgen vermochte; aber dann entschwand
+auch sie meinen Blicken, und es wurde still im sommerlichen
+Garten.</p>
+
+<p>Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert
+und zugleich unbefriedigt. Der Gleichmut der
+Meerstimmen zog mich an, und solange ich nicht daran<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>
+dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte
+sich langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang
+der sinkenden Sonne auf dem Wasser. Ich glaubte
+den weiten Schattenteppich zu erkennen, den die Parkbäume
+aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit
+ruhigem Flügelschlag, rot beschienen, es war so still,
+als sei die Welt verlassen. Der Seetang duftete schwül
+und fremdartig.</p>
+
+<p>Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden
+Eindrücke nicht mehr gewohnt und sah Kaja wie in
+einem Narrenkleid einhergehen. Die Verführungen dieser
+arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich bitterlich, obgleich
+ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu nehmen, was
+sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen
+Tags. Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges
+zu retten, das in diesen Einflüssen herabgesetzt wurde
+und verdarb. Es fiel Staub darauf, und alles wurde
+kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und umher
+standen hämische Verkünder der Erniedrigung.</p>
+
+<p>Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen
+und vermochte in meinen Gedanken zu verweilen, wo
+immer ich wollte. Die Sterne und Stunden waren meine
+Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich Ewigkeiten.
+Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah
+die Erde in die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig,
+welcher von ihnen mich trug. Jetzt war es die
+Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, die Stirn
+gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer
+Klarheit zum Meergesang hereinbrach, um so größer
+wurden die Sterne und um so kleiner die Erde.<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>&mdash;</p>
+
+<p>Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir
+im Garten entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel,
+schien nur spärlich durch die Baumkronen zu uns
+nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft in diesem
+geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur
+undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein
+äußerer Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und
+dunkel und der Park im leeren Land wie eine Insel. Das
+Gras duftete feucht, und die Grillen feilten an ihren undeutbaren
+Stätten.</p>
+
+<p>»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,«
+sagte Kaja, »komm ans Meer. Ich weiß nicht, warum
+es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, wir haben
+sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern.
+Es ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild,
+wenn du es genau zu erkennen trachtest; schließt du
+aber die Augen halb, so erstrahlt es am hellsten wie eine
+kleine Lichtwolke. Du weißt den siebenten Stern und siehst
+ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und glaubst es nicht.
+Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«</p>
+
+<p>Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden.
+Ihr Fuß auf dem Boden war lautlos, es ging eine heimliche
+Wärme von ihr aus, ein Sommerduft und -leid.
+Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort zu
+sprechen.</p>
+
+<p>»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du
+es? Hast du nicht gemerkt, daß man es immer nur ganz
+kurze Zeit kann, es ist doch schade. Ich möchte die Sterne
+&gt;tun&lt;, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, daß das
+Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>
+atmet und glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne
+bewegen sich, um einander näher zu kommen ... lachst
+du mich aus?«</p>
+
+<p>Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab
+ihn mir. Sie trug darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.</p>
+
+<p>»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein
+kleines Mädchen war, noch fast ein Kind, gab ich den
+Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den Empfindungen,
+die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu
+mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand
+lag. Dieser hieß &gt;Trauer&lt;, jener &gt;Unverstand&lt;, dieser
+&gt;Frohsinn&lt;, und einer hieß &gt;Sünde der Nacht&lt;. Ich
+haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an
+das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen
+Farben. Ich verklagte ihn und sprach: Du hast mir
+alles gesagt. Einen anderen nannte ich &gt;Erlöser&lt;, zu ihm
+betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. Das war
+auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien.
+Ich war sechzehn Jahre alt. &mdash; Hier ist es gut, der Sand
+ist noch warm. Wie blaß du in diesem Licht bist, Lieber.
+Nun leg deine Kleider ab, wir wollen baden. Ich möchte
+dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt und
+heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im
+Einschlafen und Traum.«</p>
+
+<p>»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich
+kennst, Kaja.«</p>
+
+<p>»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich
+meine den Mann. Wie soll ich es dir sagen, da ich
+doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft staune ich<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>
+über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne
+sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte
+ich mich in die Worte der Männer betten, wie in
+ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe die Männer
+immer.«</p>
+
+<p>»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden,
+als ich unter deinem Fenster sprach?«</p>
+
+<p>»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«</p>
+
+<p>»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als
+daß ich zu dir will.«</p>
+
+<p>»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt,
+so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen
+ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn
+ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher
+der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden.
+Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen,
+gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach
+eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien
+meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich
+die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt,
+wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du
+mich küßt oder schlägst ...«</p>
+
+<p>Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört
+an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...«
+Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei
+sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit
+ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich
+Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>
+Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft,
+Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch
+Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer
+Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über
+dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor
+uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren
+in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg
+es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder
+lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich
+fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle,
+gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen.
+Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers
+nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam
+wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein,
+so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle
+über dem Sand.</p>
+
+<p>Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas
+entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem
+tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die
+Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie
+verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete
+gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom
+Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren
+uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des
+zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung
+wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit,
+haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>
+Da überwältigte mich tief von innen her eine große
+Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis
+ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in
+meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände,
+und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das
+furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es
+schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf
+der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen
+in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in
+einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer,
+lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal
+darüber, daß Asja gestorben war.</p>
+
+<p>Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren
+Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine
+Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange
+nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch
+wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe
+überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß
+Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise
+tranken.</p>
+
+<p>»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«</p>
+
+<p>Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.</p>
+
+<p>Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand,
+die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos
+machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind:</p>
+
+<p>»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So
+sprich doch, ach, ich bitte dich, sprich!«</p>
+
+<p>Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:</p>
+
+<p>»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich
+bin dir ja gern zu Willen, und du darfst nicht von mir<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>
+glauben, daß ich arm und häßlich bin. Ich gehöre ja dir,
+kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort tief innen,
+wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«</p>
+
+<p>Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an
+mich, und schaurig still, wie Gewitter am Himmel,
+entzündeten Schmerz und Freiheit der Seele in mir
+sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. &mdash;</p>
+
+<p>Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert,
+doch ohne Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst
+ihres unerbittlichen Rechts gestellt, im Eigensinn der brennenden
+Begabung. In März- und Sommerglut und
+hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die
+meine Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden
+gedrängt, Augenblicke dehnten sich, in Silberfahnen
+gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu Gestirn gespannt,
+das Meer stürzte über die schneidende Firn der
+Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit
+der wieder emporsteigenden Nacht, über die gleitenden
+Grenzen der Bewußtheit hin: Tausend Jahre sind wie
+ein Tag. &mdash;</p>
+
+<p>»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg
+des Lebens machen, anders als alle. Ich will einen guten
+Gürtel haben, rasche Füße, frohe Augen. Wie offen liegt
+die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und nichts
+getan.«</p>
+
+<p>»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über
+mir.</p>
+
+<p>Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich,
+wie eine Decke.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>
+»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht
+vom Morgen zu dir, als ich dich noch nicht kannte, als
+ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter dem Fenster?«</p>
+
+<p>»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun,
+bald wird es hell.« &mdash;</p>
+
+<p>Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem
+Meer. Er leuchtete so hell am Horizont, daß mir war,
+als füllte sein ferner Glanz mich an, als sei mein Leib
+durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein
+leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im
+Sand sah ich die Spuren des holden Lebens, das mich
+diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war fort, es war alles
+umher still und leer wie am ersten Tag. Eine Fröhlichkeit
+ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen
+empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht,
+das zu immer größerer Macht anwuchs.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens
+Nichte, im Wind über den Deich. Es war ein trüber,
+stürmischer Tag und das Meer tobte. Han sah es selten
+an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es
+schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie
+hörte mir gerne zu, wenn ich über das Meer sprach.</p>
+
+<p>»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und
+lächelte schüchtern.</p>
+
+<p>»Nein, Han, du gehörst dazu.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »so ist es.«</p>
+
+<p>»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte
+Baronin, Proker, den Diener, die Köchin mit der Haube<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a>
+wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber wie solltest du sie
+nicht kennen ... das ist ja natürlich.«</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge
+Fräulein.«</p>
+
+<p>»Kaja, ach ja.«</p>
+
+<p>Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen;
+das helle Blau ihrer Augen war farbig und hart wie
+Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne Wehmut und
+Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:</p>
+
+<p>»Also, dann sprich von ihr ...«</p>
+
+<p>Ich erschrak.</p>
+
+<p>»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn
+man neben ihr dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt
+sich alles und bekommt seinen Wert durch sie ...«
+Ich stockte und schwieg.</p>
+
+<p>Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich
+hinab, um uns zu schützen, und tappten weiter durch den
+losen Sand. An geschützteren Stellen wuchsen Heidekraut
+und Ginster, da schritt es sich leichter.</p>
+
+<p>»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«,
+erzählte Han. »Es war eine Sturmflut, alles lag unter
+Wasser, und der Leuchtturm und die Station standen auf
+einer Insel.«</p>
+
+<p>Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der
+weite Reisen gemacht hatte; ihre Eltern lebten in der
+Stadt. Alles kam herb und mühsam über ihre Lippen,
+es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die
+mit dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr
+gefälliger vonstatten, Schreiten und Rudern und das
+Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a>
+»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich
+habe die Hände falten müssen, als ich sie sah. Ich brachte
+die Koffer auf der Schiebkarre.«</p>
+
+<p>»Wer? Wer kam?«</p>
+
+<p>»Das Fräulein doch ...«</p>
+
+<p>»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«</p>
+
+<p>»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz,
+weil Veit Geesten ertrank.«</p>
+
+<p>»Wer war das?«</p>
+
+<p>»Ein Fischer.«</p>
+
+<p>»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu
+tun?«</p>
+
+<p>»Das war so.«</p>
+
+<p>»Sag mir doch, was du weißt, Han.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts
+gesagt.« Wir waren uns plötzlich fremd und schwiegen
+beide. So ließ ich sie denn allein ihren Weg machen und
+legte mich in den Sand, bis der Abend und der Regen
+mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See,
+sie hatte wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust
+aus, ohne Licht und wie auf einen Fleck gebannt, schaukelte
+sie in den grausamen Wasserbergen. Die graue,
+große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem
+Gemüt aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das
+Schiff gegen die Wogen.</p>
+
+<p>Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten
+Saal von großer Pracht, der mit festlich gekleideten
+Menschen angefüllt war. Eine verborgene Musik spielte,
+fröhliches Lachen und das Klingen von Weingläsern erschollen.
+Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a>
+kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre
+Schultern und Arme den Saal. Ich suchte mit meinen
+Augen Kaja. In einem Winkel der Vorhalle lehnte sich
+eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das fast noch
+ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten
+seine Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und
+begierig. Sie lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie
+die Blicke hob, fing er sein Gesicht und schaute einfältig-gütig
+drein. Ein Diener mußte Vorwürfe anhören, er
+schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich
+kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige
+Kraft ihres Körpers wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten
+gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren begleiteten
+sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der
+Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal
+ihrem Zauber.</p>
+
+<p>Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht,
+aber ich ging noch ein paar Schritte über sein Haus
+hinaus, um nach dem Wasserschloß auszuspähen. Ein
+dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles,
+was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. &mdash;</p>
+
+<p>Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder
+dem Sommerwind, und als eines Morgens die Sonne
+strahlend über dem Meer aufging, glitzerte ihr Licht in
+der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand wurde
+wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah
+weit, weit hinaus zur Rechten und Linken. Die Brust
+hob sich mit dem frischen Blick und das Gemüt war wie
+verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und
+Erde für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a>
+Tag, und keine Entstellung aus einem Kampf gegen das
+Ungemach der trüben Zeit war an ihnen zu finden.</p>
+
+<p>Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das
+Wasser blau durch die Bäume glitzerte. Sie schritt hell
+und rasch durch die goldenen Lichtwege der Sonne und
+sang.</p>
+
+<p>»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«</p>
+
+<p>Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne
+Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden
+Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit
+glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden
+der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen
+an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall
+pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung,
+das feuchte Stroh meines Betts, Hans
+tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte,
+sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie
+ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.</p>
+
+<p>»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf
+meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die
+Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat
+täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen,
+brich es nicht und geh zu ihr.«</p>
+
+<p>Sie sah mich neugierig an.</p>
+
+<p>»Ach, die <ins title="Tante ..">Tante ...</ins>«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten
+Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten.
+Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja
+selber einer.«</p>
+
+<p>»Hast du Freundinnen, Kaja?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a>
+»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht
+mehr zu fragen.«</p>
+
+<p>»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte,
+daß du keine hast.«</p>
+
+<p>»Ich hatte eine, damals vor ...«</p>
+
+<p>»... vor Veit Geesten.«</p>
+
+<p>»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich
+verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel
+angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme
+Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging
+sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen
+nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren,
+um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie
+auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im
+Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich,
+wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut,
+dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen
+Frühling.«</p>
+
+<p>»Ist sie auch tot?«</p>
+
+<p>»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet,
+aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen
+können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab.
+Sie ist also glücklich. &mdash; Du nimmst alles so ernst.«</p>
+
+<p>Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter
+ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die
+Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im
+feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich
+heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die
+stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie
+ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a>
+weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es
+durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr
+Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im
+Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen
+habe?</p>
+
+<p>Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick-
+und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war
+kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte
+und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des
+Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide,
+wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem,
+hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte
+Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen
+den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren
+nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft,
+wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre
+Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie
+rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die
+warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.</p>
+
+<p>»Pflück' die Blume dort, Kaja!«</p>
+
+<p>Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.</p>
+
+<p>»Wozu? Was willst du damit?«</p>
+
+<p>Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in
+einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.</p>
+
+<p>»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre
+Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und
+ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit
+auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns,
+warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte
+und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a>
+Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht,
+sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen
+groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt
+hatte.</p>
+
+<p>Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in
+jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach
+den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit
+sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam
+ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt
+und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie
+nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie
+lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller
+Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht
+gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb
+um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang.
+In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall
+der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie
+zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.</p>
+
+<p>Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung,
+die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft,
+die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge
+verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren
+Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere
+Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder
+Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst,
+in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt,
+berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen
+vermag.</p>
+
+<p>Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper,
+Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>
+Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen
+Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich
+gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden
+Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung
+der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte
+mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle
+nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt
+habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon,
+dachte ich, und nun &mdash; ist es denn Wahrheit? &mdash; würdest
+du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner
+Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches
+würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück
+stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann
+nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht
+der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir
+kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein,
+du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner
+Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.</p>
+
+<p>»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte
+Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als
+sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich.
+Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine
+Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen
+Schwester. &mdash; Wenn du mich berührst, wirst du
+ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach,
+sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du
+gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich
+durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein
+Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen
+Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a>
+alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort
+auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und
+behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend
+Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich
+klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du
+bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich,
+obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und
+alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«</p>
+
+<p>»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja,
+das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. &gt;Das
+Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!&lt;
+rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«</p>
+
+<p>»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.</p>
+
+<p>»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«</p>
+
+<p>»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«</p>
+
+<p>»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«</p>
+
+<p>»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du,
+daß ich dich manchmal beneide?«</p>
+
+<p>»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.</p>
+
+<p>Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die
+Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte
+ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die
+Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein,
+nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit,
+die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus
+geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht
+gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a>
+gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung,
+die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir
+der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich
+machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.</p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen
+am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und
+was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen
+können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm
+mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend
+aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und
+tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen
+war.</p>
+
+<p>Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung,
+Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten
+mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein
+Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich
+deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen,
+alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu
+machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie
+gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme
+Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.</p>
+
+<p>Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in
+meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen,
+ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem
+Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht,
+die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er
+war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller
+Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern
+fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft,
+waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a>
+sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ
+mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es
+schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn
+herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard«
+verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?</p>
+
+<p>Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht
+ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser
+Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern
+des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht,
+die in mir erwachte.</p>
+
+<p>Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach
+den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte
+so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer
+späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen
+blieben.</p>
+
+<p>»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet
+überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir
+vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte
+Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und
+planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn
+in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für
+sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen
+und kraute Niko.</p>
+
+<p>»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich
+Vetter Eberhard.</p>
+
+<p>Kaja sah mich an.</p>
+
+<p>Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger,
+wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er
+sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir
+auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a>
+»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen.
+In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch,
+und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen
+zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«</p>
+
+<p>Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von
+einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen
+können.</p>
+
+<p>Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme
+erst nun erwacht.</p>
+
+<p>»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner
+alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung
+zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«</p>
+
+<p>»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft
+nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr
+liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit
+anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten
+ihren Sinn versteht.«</p>
+
+<p>Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte
+sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:</p>
+
+<p>»Warum lachen Sie?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der
+Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?«
+antwortete sie kühl.</p>
+
+<p>Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich
+schwieg und sah vor <ins title="mir">mich</ins>
+ hin. Warum habe ich die Hand
+geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute
+ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind?
+Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst
+du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen
+Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a>
+Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich
+böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor
+Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?</p>
+
+<p>Plötzlich hätte ich lachen mögen und <ins title="Beiden">beiden</ins> die Hände
+reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen.
+Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich,
+es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens
+ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz
+zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das
+kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch
+ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und
+ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach
+mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag
+auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr
+und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war
+für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.</p>
+
+<p>Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.</p>
+
+<p>»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.</p>
+
+<p>Ich lehnte ab, ohne zu danken.</p>
+
+<p>»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie
+rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre
+ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das
+zuviel gesagt?«</p>
+
+<p>Ich sah ihn an und antwortete:</p>
+
+<p>»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich
+wissen lassen wollten.«</p>
+
+<p>»Wieso? &mdash; Also Sie rauchen jetzt nicht ...«</p>
+
+<p>Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch
+und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine
+Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a>
+Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein
+wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das
+unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys
+leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller
+Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau
+trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und
+Sprechen zu verbergen trachtete.</p>
+
+<p>Nun sah Kaja mich an und sagte:</p>
+
+<p>»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst,
+vielleicht am Strand, wie sonst?«</p>
+
+<p>»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,«
+sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen
+sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«</p>
+
+<p>»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht,
+wie Sie vielleicht glauben.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister
+der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken
+zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht
+in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem
+Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte
+die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten,
+die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich
+um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich
+und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und
+verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir.
+Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?</p>
+
+<p>Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich
+erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a>
+fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des
+Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres,
+süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und
+an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe
+finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und
+ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus
+den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie
+schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der
+Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer
+Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden
+Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll
+sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen
+der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.</p>
+
+<p>Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die
+Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen
+und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete
+sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der
+seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab,
+langsam gemeinsam herauf. Han hatte über
+dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir
+drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein
+wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern,
+die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam
+ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch
+schweigsamer geworden.</p>
+
+<p>Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond
+noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem,
+bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob.
+Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt
+sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a>
+sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich
+tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht
+ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten
+Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.</p>
+
+<p>Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen
+Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten
+Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen
+nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief
+wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes
+Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ.
+Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie
+helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren
+zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben,
+bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand
+fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am
+fernen Strand liegen blieb. &mdash;</p>
+
+<p>Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen
+niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich
+schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine
+erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes
+Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren
+Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine
+wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein
+mütterliches Wort gesprochen hätte.</p>
+
+<p>»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.</p>
+
+<p>»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«</p>
+
+<p>»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett
+geschlafen.«</p>
+
+<p>»Bleib, wir wollen jetzt nicht <ins title="baden">baden.</ins>«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>Sie sah sich um.</p>
+
+<p>»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge,
+wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist
+und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und
+schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig,
+als wollte ich erst auf das kommen, was mich
+wesentlich bewegte.</p>
+
+<p>Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:</p>
+
+<p>»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für
+mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir,
+im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt
+erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,«
+fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu
+leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst &gt;tun&lt;, nachdem
+sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend
+in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts
+als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde
+bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der
+Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber
+mich laß in Ruh.«</p>
+
+<p>»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre
+sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum
+Wert des Menschen.«</p>
+
+<p>»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh
+hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich
+fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange
+ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige
+ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe.
+Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen,
+weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>
+Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den
+Stielen, um sie kürzer zu machen.</p>
+
+<p>»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja?
+Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören
+wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich
+außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«</p>
+
+<p>»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie
+zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die
+Brauen.</p>
+
+<p>»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte
+dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«</p>
+
+<p>»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte
+sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit
+es zu mildern.</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein
+Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht
+schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht
+in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer
+du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich
+fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich,
+töricht.</p>
+
+<p>»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja,
+»füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich
+verachten könntest.«</p>
+
+<p>»Du bist klug wie Feuer.«</p>
+
+<p>»Ist das Feuer klug?«</p>
+
+<p>»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts
+von der Liebe.«</p>
+
+<p>»Leuchtet es nicht?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a>
+»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen
+Dasein braucht. Es &gt;versteht&lt; gleich dir alles, was
+es braucht, und alles, was es hindert.«</p>
+
+<p>»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«,
+sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein
+gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn
+begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst
+du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen,
+oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein,
+es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug
+so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen.
+Es soll nichts von mir gelten, als daß ich
+hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied.
+In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit
+des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein,
+erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe
+einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche
+derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam
+bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind
+haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas
+zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn
+meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen
+ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist
+tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite
+sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die
+Jugend ...«</p>
+
+<p>Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem
+Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein
+Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a>
+voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft.
+Aber sie wußte es nicht, sie sagte:</p>
+
+<p>»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch
+allein.«</p>
+
+<p>»Weshalb sagst du das?«</p>
+
+<p>»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist
+Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie
+willst du zu ihm kommen?«</p>
+
+<p>»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«</p>
+
+<p>Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er
+schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und
+eine ewige Schuld.</p>
+
+<p>»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich
+dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen
+könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich
+kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh,
+mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel
+und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit
+lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen
+ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß
+und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist,
+wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand
+oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie
+Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht
+Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das
+Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«</p>
+
+<p>»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie
+meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen
+nicht abhängig sein von meiner Tugend oder
+Untugend.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a>
+»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber
+meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück,
+von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst,
+nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes,
+das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst
+mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen
+Heimweh nach ewigem Bestand.«</p>
+
+<p>Sie sah mich unruhig und böse an.</p>
+
+<p>»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie
+ungeduldig.</p>
+
+<p>»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem
+Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu
+töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu
+diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen
+Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können
+und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses
+lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter
+lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die
+Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf
+unser Geheiß von uns.</p>
+
+<p>Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich
+dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte,
+als indem ich sie ganz erlitt.</p>
+
+<p>Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten
+Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den
+Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz
+in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne
+waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht
+die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern
+im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a>
+jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um
+den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde
+berührt.</p>
+
+<p>Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von
+Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der
+Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein
+Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt
+mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen,
+daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie
+mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen
+der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun
+Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und
+daß sie nicht allein sein würde.</p>
+
+<p>Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken,
+die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen,
+auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die
+mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der
+großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor
+Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es
+muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes
+Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen,
+ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott
+ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und
+ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu
+Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein
+ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das
+ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage:
+Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf
+keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es
+betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a>
+willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen
+und Traurigkeit.</p>
+
+<p>So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand,
+wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne
+scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker
+taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im
+Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht,
+in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen
+und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte
+zu tragen.</p>
+
+<p>Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der
+Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die
+uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt,
+und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des
+Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß
+der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit
+unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich
+der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein
+des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind,
+bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde
+und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das
+ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von
+der Mutter, um zum Vater emporzufinden.</p>
+
+<p>Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht
+nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne
+Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen
+Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist
+groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach,
+sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit
+nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>
+hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,&mdash;
+ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! &mdash; um so
+mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es
+auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe,
+deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar!
+Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand
+nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen
+Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht
+doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und
+mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und
+Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens
+schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen
+in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt,
+dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still
+geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und
+es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle
+der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein
+Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl
+waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über
+den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung
+voller Hoffnung und Schicksal.</p>
+
+<p>Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch
+die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit
+diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte
+sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare,
+zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen
+aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a>
+ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren
+Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden
+zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf
+meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern
+und Funken.</p>
+
+<p>Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den
+Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln
+können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen
+der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben
+oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu
+irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes
+dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren
+im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige
+Feuer der Lüsternheit entzündet hat.</p>
+
+<p>Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme
+eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem
+Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des
+Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen
+könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme.
+Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger
+Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem
+Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der
+Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches
+warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen
+kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich
+versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem
+geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.</p>
+
+<p>Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu
+deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein
+verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a>
+Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen
+eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es
+kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein
+Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht
+und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin,
+hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme
+Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums?
+Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas
+wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester
+da oben, du lieber Irgendwer.</p>
+
+<p>Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens
+in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen
+Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht,
+wie ein Dienstbote, wie &mdash;&mdash; wie einst mich. War ich
+nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen
+gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und
+versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit
+zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden?
+Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der
+Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber
+ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht
+flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir
+in der Schule hatten singen müssen.</p>
+
+<p>Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von
+einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände
+zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden
+Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir
+und Kaja entstanden, für immer.</p>
+
+<p>Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch
+einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>
+seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen
+wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl
+ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares
+Bild der Natur hervorbringen. Es ist die
+grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis,
+ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht,
+dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden
+Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert.
+Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum
+erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste
+bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von
+Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen.
+Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort
+eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke
+in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu
+stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente
+verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler
+blieben.</p>
+
+<p>So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem
+Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon
+morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im
+unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob
+und zitternd vor mir stand.</p>
+
+<p>»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg
+bebend.</p>
+
+<p>Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer?
+dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am
+Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem
+Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.</p>
+
+<p>»Geh, Han, und schlaf.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a>
+Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren
+Knieen.</p>
+
+<p>»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das
+Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist
+traurig ...«</p>
+
+<p>»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch
+traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein
+Mensch, wie es kommt.«</p>
+
+<p>»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so
+iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht
+warum.«</p>
+
+<p>So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein
+in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum.
+Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus
+den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden
+in der Stille, so daß ich es hörte. &mdash;</p>
+
+<p>Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon
+hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem
+Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige
+Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen
+Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und
+schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten
+klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte
+draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.</p>
+
+<p>Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war
+neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch
+mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte
+kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander
+heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>
+schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber
+und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas
+rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen,
+fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen,
+ein Traumtal ohne Ende.</p>
+
+<p>Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten
+arbeitete.</p>
+
+<p>»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern
+eintrat, »ich wollte nur ...«</p>
+
+<p>»Hast du Geld, Han?«</p>
+
+<p>»Geld?«</p>
+
+<p>»Antworte.«</p>
+
+<p>»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der
+Kommode.«</p>
+
+<p>»Und anderswo?«</p>
+
+<p>»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr
+als hundert Taler.«</p>
+
+<p>»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«</p>
+
+<p>Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins
+Zimmer.</p>
+
+<p>»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen
+Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust.
+»Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«</p>
+
+<p>Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das
+schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt
+und mit einem Bändchen verschnürt war.</p>
+
+<p>»Kommst du wieder?« fragte sie.</p>
+
+<p>Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.</p>
+
+<p>Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen,
+es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder,<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a>
+auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen
+munter am Werk, und hörte die Stimmen der
+Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs
+sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen
+dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den
+Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und
+war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der
+sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter
+Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den
+Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir
+ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht
+wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht
+hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine
+gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem
+Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner
+Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und
+einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich
+im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten
+Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren,
+die mich hätte verderben können.</p>
+
+<p>Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme
+und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen
+ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen
+Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir
+wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich
+erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte
+und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr,
+sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit
+verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten
+Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a>
+bemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich
+lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen
+zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel.
+Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden
+über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen,
+und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen
+anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme
+band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde
+mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert
+einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige
+Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn
+er sittsam zu sprechen versteht?</p>
+
+<p>Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir
+geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen.
+Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße,
+weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie
+aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte
+gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate
+anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing
+mich unter der offenen Tür des Hauses.</p>
+
+<p>»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die
+Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.</p>
+
+<p>»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug
+ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.</p>
+
+<p>Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer
+in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung,
+ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute
+davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe
+ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe es<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a>
+im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber
+schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte
+führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an
+die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich
+langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es
+gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich
+vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken
+töten sollte.</p>
+
+<p>Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte,
+sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen
+hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung
+gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der
+Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben,
+barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf.
+Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück
+schmälern.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse
+denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich,
+der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt,
+als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der
+alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie
+wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig
+dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und
+sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute
+sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten
+nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung
+Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht
+Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung
+vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>
+glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen.
+Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die
+Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt,
+weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz
+unseres Daseins.</p>
+
+<p>Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen,
+als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum
+beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben
+vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht
+vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen.
+Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und
+euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem
+schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst
+einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen
+Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine
+ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir
+war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen,
+damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber
+ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden,
+darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich
+beneidete ihn glühend um das, was er sah. &mdash;</p>
+
+<p>So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele
+am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen
+Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor
+und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht
+am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene
+Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom
+Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort
+die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile
+schützten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a>
+Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich
+Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte
+sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm
+von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am
+Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte.
+Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist,
+und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten
+Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar
+kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug
+ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen
+hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe
+ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken
+durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers
+schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen
+Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe
+gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag
+ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses
+Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.</p>
+
+<p>»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard
+mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin
+nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht.
+Für wen hältst du mich? &mdash; Wo warst du?«</p>
+
+<p>Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung,
+zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien,
+halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr
+hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil
+über seiner Schulter sah.</p>
+
+<p>Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre
+leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in
+Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a>
+wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat
+sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war
+betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit
+getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer
+Zurückhaltung.</p>
+
+<p>»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge
+Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht
+geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du,
+deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir
+aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne!
+Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit
+du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das
+willst du! Und das ...«</p>
+
+<p>Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über
+die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da
+wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne
+Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder,
+umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und
+heiß darauf.</p>
+
+<p>»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den
+Blick zu ihm empor.</p>
+
+<p>»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete
+er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm
+mit!«</p>
+
+<p>Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so
+fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich
+war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger
+Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich
+und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung
+und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot,<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>
+sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte
+vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang
+sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines
+Steins im zerspringenden Glas nachklingt. &mdash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie
+sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir
+hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um
+sie zu finden.</p>
+
+<p>»Du gehst?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ich gehe.«</p>
+
+<p>»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«</p>
+
+<p>Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen,
+solange ich lebe.</p>
+
+<p>Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann
+damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht
+zu halten.</p>
+
+<p>»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir
+steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht
+bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«</p>
+
+<p>»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht
+immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen,
+und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir
+auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben
+viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über
+mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden,
+auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen
+nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a>
+Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht,
+aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in
+unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie
+war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt,
+wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar
+trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer
+wie ein lebendiges Gut.</p>
+
+<p>»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ...
+oder?«</p>
+
+<p>Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und
+ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich
+und schienen ohne Eifer zu warten.</p>
+
+<p>»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat
+mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die
+Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«</p>
+
+<p>»Weiß sie denn, daß ich fort will?«</p>
+
+<p>»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«</p>
+
+<p>»Du hast es ihr gesagt ...«</p>
+
+<p>»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und
+sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend,
+die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ...
+mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne
+Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«</p>
+
+<p>»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel
+unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte
+haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man
+verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten,
+nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung.
+Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie
+zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen,<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a>
+stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter
+diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel
+stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen.
+Nein, das Meer ist es nicht.«</p>
+
+<p>»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte
+Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde
+ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«</p>
+
+<p>Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine
+Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases
+nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand
+bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ
+den trockenen Sand durch die Finger gleiten.</p>
+
+<p>»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer
+Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete
+ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir
+als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung
+des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam
+fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast
+etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen,
+aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich
+es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest
+du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du
+das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine
+Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst,
+das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute
+Reise, Lieber.«</p>
+
+<p>Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten
+uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. &mdash;</p>
+
+<p>Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor
+Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a>
+zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den
+Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße
+unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen,
+Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter,
+da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre
+etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam,
+mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne
+den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas.
+Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir
+längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen
+der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen
+und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille.
+Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde
+bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare,
+unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst
+nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt
+schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach
+und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!</p>
+
+<p>Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen.
+Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag:
+Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war,
+als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort
+auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust,
+und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir
+doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert,
+aber nun wird es umher dunkler und dunkler.</p>
+
+<p>Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der
+mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände
+hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a>
+hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die
+ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen
+können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende
+unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte,
+mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.</p>
+
+<p>Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing
+mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem
+Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen
+Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie
+mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs
+neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die
+Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und
+die Augen schlossen sich.</p>
+
+<p>Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die
+Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse
+der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer
+klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als
+käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und
+als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein
+Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief
+laut:</p>
+
+<p>»Stehe auf! Stehe auf!«</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p>
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+compressed (zipped), HTML and others.
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