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+<title>The Project Gutenberg eBook of Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</title>
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+<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Eros und die Evangelien, by Waldemar Bonsels</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Eros und die Evangelien</p>
+<p> Aus den Notizen eines Vagabunden</p>
+<p>Author: Waldemar Bonsels</p>
+<p>Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="mynote">
+Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen
+wie »stehen«&nbsp;: »stehn« sind ungeändert.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="author">Waldemar Bonsels</p>
+
+<h1>Eros und die Evangelien</h1>
+
+<p class="subtitle">Aus den Notizen eines Vagabunden</p>
+
+<p class="center"><br /><br />67. bis 90. Tausend</p>
+
+<div class="figcenter">
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+</div>
+
+<p class="center">1922</p>
+
+<hr />
+
+<p class="center">Verlag der Literarischen Anstalt<br />
+Rütten &amp; Loening<br />
+Frankfurt a. M.<br /><br /></p>
+
+<p class="center">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.<br />
+
+Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten &amp; Loening, Frankfurt a. M.<br />
+
+Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br />
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br />
+
+Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.<br /><br /></p>
+
+<p class="subtitle">Kapitelfolge</p>
+
+<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
+ <tbody>
+ <tr>
+ <td></td>
+ <td>Seite</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Erstes_Kapitel">Der Tod</a><br />
+ </td>
+ <td class="number">7</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td><a href="#Zweites_Kapitel">Das Meer</a></td>
+ <td class="number">109</td>
+ </tr>
+ </tbody>
+</table>
+
+<hr />
+
+<p class="subtitle"><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a></p>
+
+<h2>Der Tod</h2>
+
+<p>Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am
+Deckleder eines meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann,
+so daß eine Spalte klaffte, wenn ich den Fuß streckte. Es
+setzte mich in Erstaunen, da meine Stiefel, mit Ausnahme
+der Sohlen, eigentlich noch in einem recht brauchbaren
+Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den
+Blick auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade
+aussahen. Da ich damals eine für meine Verhältnisse und
+Ansprüche angesehene Stellung in einer Buchdruckerei
+bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere Erscheinung
+legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher,
+der Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung
+auf einem Hofe wohnte.</p>
+
+<p>Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit
+und Bildung, besonders für die erste seiner
+Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm Gelegenheit. Er
+hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die etwas
+Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst
+an, der meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur
+Bedeutung des vorliegenden Falls stand.</p>
+
+<p>»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich
+springe nur eben so auf meinem Weg zu Ihnen herein«
+sagte ich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a>
+»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner
+Worte, »lange werden Sie auf diesen Stiefeln nicht
+mehr springen.«</p>
+
+<p>Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache,
+ohne in Betracht zu ziehen, daß zu dieser Sache auch eine
+Person gehörte. Zudem kostete er die zufällige Überlegenheit,
+die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig aus. Ich
+hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu
+sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen
+sei. Wenn ich die Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten,
+ins Zimmer gespuckt und geflucht hätte, so wäre
+ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild entstanden,
+das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand
+hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung,
+daß ich beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich
+war, daß ich gewissermaßen den schlimmen Zustand meiner
+Bekleidung als zufällig hinzustellen beabsichtigte, und mich
+für etwas besseres hielt, als andere Leute mit zerschlissenen
+Stiefeln.</p>
+
+<p>Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem
+Mann über diese Dinge, und ich hätte es sicher getan,
+wenn draußen nicht der Regen vom grauen Himmel geströmt
+wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir
+schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die
+ratlose Trauer über mein Geschick und meine Zukunft
+quälte mich. Welch eine Kluft gähnte zwischen meinen
+Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich
+lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war
+mein Brot. Solche Leute sind vom Sonnenschein abhängig,
+wer dagegen weiß, was er zu tun hat, tut es auch<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a>
+im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm verfolgen,
+aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der
+Wärme ab, wie ein Keim in der Erde.</p>
+
+<p>Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen,
+die Unruhe mit ihrem tödlichen Nachbarn, dem
+Hang zu zerstören, in mir wachsen. So erhob ich mich
+von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf
+Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur
+hinaus, nur um mich zu bewegen, in meinem hilflosen
+Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers lag zu ebener
+Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und
+dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren
+Türen und am Ende eine Treppe, auf der es zum ersten
+Stockwerk emporging. Da vernahm ich in der Dämmerung
+ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein
+Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller
+Gesang. Unter diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich
+stand, brach in meiner Brust eine Quelle auf und mir
+war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch gelitten hatte,
+ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde
+mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich
+mir darüber klar zu werden vermochte, wie dies geschah,
+aber wie im Gehorsam gegen einen inneren Befehl, öffnete
+ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen schien, und
+trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an
+einem Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am
+Fenster ein Bett stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber
+es war alles still im Raum.</p>
+
+<p>Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der
+glanzlose Tagesschein, eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a>
+der Ruhenden, das weiß und unwirklich schimmernd
+in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie Kohle
+war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an
+den Körper angelegt, der sich unter der leichten Decke
+abhob, grade gebettet wie bei einer Toten. Aber die
+Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust sich unter ihren
+Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, daß
+sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich
+sagte zu der Frau, die sich langsam aufrichtete und mich
+wortlos ansah:</p>
+
+<p>»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.«</p>
+
+<p>Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam
+und schob mir einen Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze
+abwischte.</p>
+
+<p>»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie.</p>
+
+<p>Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen
+elenden Gesichts wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die
+ohne Neugier in meinen Zügen zu lesen trachtete. Ich
+antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine Antwort
+nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen
+wollte, die meinem inneren Zustand nicht entsprachen.
+Die Traurigkeit gibt den Menschen eine eigenartige Freiheit,
+weil sie die Augen aus dem Wirrsal der kleinen
+Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch
+sein mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit
+gemeinsam und richtet unsere innere Haltung aus den
+Regionen der täglichen Beengung in eine Welt höherer
+Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb
+das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht
+als etwas Ungewöhnliches oder Hinderndes zu betrachten,
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a>
+sie nahm sie gleichmütiger hin als es andere, in ihren Gewohnheiten
+gesicherte Menschen, getan hätten.</p>
+
+<p>»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich.</p>
+
+<p>Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine
+Mutter setzt immer voraus, daß die Welt von ihrem
+Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so antwortete sie einfach:</p>
+
+<p>»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen
+wollte, wäre mir wohler. Ich habe immer gedacht,
+diese Krankheit bliebe den Leidenden verborgen,
+aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem
+Tod.«</p>
+
+<p>»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.</p>
+
+<p>»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.</p>
+
+<p>Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah
+zu Asja hinüber. Die Ruhe ihres Gesichts erfüllte das
+Zimmer. Die Lider über den Augen waren das hellste
+der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut,
+Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf
+einem kleinen Tischchen eine Tasse, eine Kerze und ein
+Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein paar
+lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer
+Blumenvase und einem Stück Brot.</p>
+
+<p>»Liest Asja viel?« fragte ich.</p>
+
+<p>Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die
+Leute leihen sie ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«</p>
+
+<p>»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«</p>
+
+<p>Die Mutter lächelte.</p>
+
+<p>»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen
+darüber sprechen, was in den Büchern zu lesen steht.
+Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a>
+einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit
+weniger zufrieden, als die Menschen wissen, die alles
+haben, und gehen und leben, wie sie wollen. Wenn die
+Toten noch Empfindungen hätten, so wären sie sicher
+dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand
+sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun,
+was dem Kind Hilfe brächte, aber es gibt keine mehr für
+uns, und das Warten, ohne etwas bewirken zu können,
+macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... Oft
+überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht
+mehr ertragen zu können.«</p>
+
+<p>»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich
+dasselbe.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...«
+sagte die Frau mit zögernder Erwartung. Sie hatte ein
+Tuch um die Schultern gelegt, eine Tasche über den Arm
+gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu verlassen.</p>
+
+<p>»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch
+eine Weile dauern, so bleibe ich also noch ...«</p>
+
+<p>»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.«</p>
+
+<p>Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett,
+seufzte auf, mit einem langen Blick auf die Kranke, und
+gab mir die Hand. »Wenn Sie an die Bücher denken
+wollen?«</p>
+
+<p>Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie
+kam noch einmal zurück: Es stünde Kaffee im Rohr,
+wenn ich etwas wollte, oder vielleicht auch, daß Asja
+darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die
+Papierfabrik.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a>
+Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden
+hinüber und begegnete ihrem Blick, der groß und
+dunkel auf mir ruhte. Ein kaum bemerkbares Lächeln,
+ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde zu einem
+leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen
+suchte.</p>
+
+<p>»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre
+Stiefel. Aber warum tun Sie es bei uns?«</p>
+
+<p>»Sie haben gewacht?«</p>
+
+<p>»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe,
+und da es doch sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit
+sie leichter fortfindet. Wie kommen Sie zu uns?«</p>
+
+<p>»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden
+weinen und trat ein, man kann nie wissen ...«</p>
+
+<p>»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.«</p>
+
+<p>»Mir schien es so.«</p>
+
+<p>»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch
+gespannt, was es sein wird. Haben Sie viele Bücher?«</p>
+
+<p>»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt
+keine, sie sind mir abhanden gekommen, oder liegen auf
+dem Dachboden meines Elternhauses, das nicht in dieser
+Stadt <ins title="ist">ist.</ins> Aber ich werde welche beschaffen, das wird
+mir nicht schwer.«</p>
+
+<p>»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam,
+lächelte und sah vor sich nieder. In ihrer Ablehnung, die
+keinesfalls Bescheidenheit war, lag trotzdem nichts von
+einer Kränkung.</p>
+
+<p>Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich
+eben noch befunden hatte, sich jählings gegen eine andere
+vertauscht, als sei ich aus einer lauen, bedrückenden Luft,
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a>
+die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu bereitwilligem
+Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben
+Windzug geraten und in einen <ins title="Bereich">Bereich</ins>, in dem es nicht zu
+helfen galt, sondern zu bestehen. Ein leiser Unwille, dessen
+ich mich schämte, machte mich unsicher. Ich dachte: da
+sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.</p>
+
+<p>Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die
+Augen dieses Mädchens senkte, begriff ich, auf welche
+Art ich ihr mit dem Gefühl des Mitleids Unrecht getan
+hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, dachte ich,
+und begann zögernd:</p>
+
+<p>»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten
+hatte, als ich Ihre Mutter und Sie gewahr
+geworden war, hatte ich das quälende Schuldbewußtsein,
+in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich nun
+in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts
+mehr schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.«</p>
+
+<p>Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre
+Ellenbogen und sah mich in so großem Erstaunen an, daß
+ich, wie vor mir selbst, erschrak. Was habe ich denn gesagt?
+dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, ich
+besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares
+vergessen, das ich heimlich dennoch gesucht hatte.</p>
+
+<p>»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen
+schüchtern und langsam, aber mit großer Deutlichkeit,
+und als ich den Blick wieder hob, sah ich, daß sie so bleich
+war, wie das Leinen ihres Betts.</p>
+
+<p>Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich
+zögernd:</p>
+
+<p>»Wen hast du erwartet?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a>
+»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem
+wir du sagen.«</p>
+
+<p>Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter
+diesen Worten, nie war es so von unfaßbaren Gewalten
+hin und her geworfen. Hoffnung und Mut, Zweifel,
+Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme
+und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen
+haben mich verdorben, dachte ich, denn wie kann mein
+Glaube am Tor dieser Wohltat zaudern, was hindert
+mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich bin,
+und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst
+und allen? Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte
+ich, daran sind wir alle krank. Aber darüber ward die
+Helligkeit der Genesung, die mir entgegenströmte und die
+zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, daß ihr
+Licht meine Augen blendete.</p>
+
+<p>Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und
+legte ihren Arm um meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht
+dicht vor meinem und unter der nun ruhig gewordenen
+und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte
+ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank
+ist; wieviel erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein
+ganzes Leben vermag es nicht auszumessen. Ich glaube,
+in Wahrheit leben wir alle nur ein paar Augenblicke,
+alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies
+aber war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst
+wußte ich im drohenden Ernst meines Glücks nichts zu
+sagen.</p>
+
+<p>Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das
+einzige zu sein, vor dem ich mich befand. Sie lag nun
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a>
+wieder still und grade vor mir auf ihrem Lager und sah
+mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ mich
+so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie
+öffnete meine Hand und legte die ihre hinein, warm und
+fest, mit dem Rücken nach unten, als bettete sie sie in ein
+lebendiges Lager.</p>
+
+<p>»Bist du sehr krank?« fragte ich.</p>
+
+<p>Sie nickte und lächelte.</p>
+
+<p>»Wirst du gesund werden?«</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb.</p>
+
+<p>Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls,
+wie in einem Seelenraum, der weder Glück noch
+Schmerz zu fassen vermag, mir war zumut, als zöge das
+Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, daß
+ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind
+die Ufer, die dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als
+stünde ich selber still und als zögen die Ufer dahin, aber
+in Wahrheit bin ich es, der zum erstenmal in die Bewegung
+des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie die
+Werte alten Bestands davonziehen.</p>
+
+<p>Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar
+nüchtern, aber zu erfassen oder zu glauben vermochte
+ich den Sinn meines Gedankens nicht. Es kann nicht
+wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten habe, sann
+ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln,
+dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne?
+So lächelte meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine
+arge Botschaft brachte, hinter der sich im Grunde doch
+eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals noch alles
+möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte,
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a>
+und von der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde,
+da mein Leid ihr schmerzlicher war als mir ...</p>
+
+<p>Da sagte Asja:</p>
+
+<p>»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht
+und fürchten sie immer. Wer aber krank gewesen ist,
+weiß, daß die Erinnerung an diese Zeit nicht immer trüb
+und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, sondern
+daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen
+kann, die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht
+bricht aus der Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit
+führt, die sich langsam mehr und mehr mit unserem
+Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist viel schmerzlicher,
+als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere
+Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie
+gefangen lag, und wir verstehen ihre neue Freiheit nur
+langsam. Aber sie stellt sich wider unseren Willen ein,
+und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des
+Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle
+Krankheiten sind Entfesselungen der Seele aus der Welt
+der Sinne. Ich glaube, daß der Tod der hellste Wipfel
+dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu werden
+vermag.«</p>
+
+<p>Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den
+Wunsch zu überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas
+so deutlich gehört wie den Sinn dieser Stimme. Es war
+als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der liegenden, eine
+andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner
+Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern
+das klar und selbstverständlich dadurch sprach, daß es so
+und nicht anders beschaffen war. Eine schweigsame Herrlichkeit<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a>
+der Verkündigung ging von ihr aus, wie von
+Wert und Unwert genesen.</p>
+
+<p>Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen,
+es regnete nicht mehr und der Lichtschimmer, der ins
+Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und Sonnenschein sich
+hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände
+des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in
+meinen Augen eine nüchterne Selbständigkeit an, wie
+Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die in einer erstarrten
+Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge und
+die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche
+Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd
+geworden, dachte ich, wo war ich denn stets um diese
+Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe ich grade diese
+Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und
+nicht zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags,
+aber schon dann waren sie anders.</p>
+
+<p>Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte
+die Augen geschlossen und ich sah auf ihr Gesicht nieder.
+Das Lebenslicht der Züge floß über die mattfarbigen
+Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht
+unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet.
+Die Bogen der Brauen waren breit und tiefschwarz und
+die Augenlider am hellsten. Die Wimpern auf den
+Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt,
+und der Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer
+von rot trugen, war von einer Lebendigkeit, die mich erbeben
+ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf diese
+schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein
+aufstieg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a>
+Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der
+mich durch und durch verwandelte, aber zugleich blühte
+mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der Anfang und das
+Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das
+Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und
+maß und erkannte dies Bewußtsein doch in der Allgewalt
+einer unbestürmbaren Jugend. Schlag deine Augen auf
+und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und möchte
+doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen,
+an die ich nun nicht mehr glauben kann,
+und die ich niemals wieder lieben werde. In einem einzigen
+Augenblick hat das Lebenssinnbild deines Mundes
+eine Welt in Trümmer geworfen. &mdash;</p>
+
+<p>Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen,
+dieses und jenes, wie der Augenblick es uns eingab, aber
+wenn auch von nichtigen Dingen die Rede gewesen sein
+mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, von
+jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung
+und die beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte
+die Durchsichtigkeit der Welt, in der diese Seele lebte
+und meine Begierde wachte mächtig in mir auf, wie
+Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde,
+ohne daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte,
+verließ ich sie und ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich
+wiederkommen würde, denn es verstand sich von selbst, und
+mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, als hätte ich
+gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. &mdash;</p>
+
+<p>Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch
+dunkel bekannt, wie auf einem anderen Stern, saß der
+Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel in Kur genommen<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a>
+hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm
+eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und
+rückte den Schuh auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel
+der gläsernen Wasserkugel, hinter der eine Lampe
+brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg mitgenommenen
+Fremdlingen heraus, die wie eine Schar
+flüchtig geordneter Landstreicherpaare am Boden umherstanden,
+und fragte nach meiner Schuldigkeit.</p>
+
+<p>»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte.</p>
+
+<p>Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die
+Stiefel an.</p>
+
+<p>»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster.</p>
+
+<p>Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne,
+wandte sich mir zu und sah mich an.</p>
+
+<p>»Kennen Sie Asja?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.«</p>
+
+<p>Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar
+dankbar über dieses Bekenntnis, schwieg aber und
+wandte sich endlich seiner Arbeit wieder zu. Als ich ihm
+Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze fort, schüttelte
+den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung
+auf, das Geld zurückzunehmen.</p>
+
+<p>Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging
+davon.</p>
+
+<p>Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch
+eilig die nasse Straße durchschritt, daß es genügt mit dir
+bekannt zu sein, Asja, um alle zu Freunden zu haben, die
+von dir wissen?</p>
+
+<p>Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße
+und die Mauerwände der Häuser begannen auf mich zu
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a>
+drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen und Pflanzen
+sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu
+wahren wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten.
+Was ruft ihr mich an, bemächtigt euch meiner und zerrt
+mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen und Bilder,
+Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen?
+Eure traurige Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne
+Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh verführen und
+verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen
+willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um
+die Heimat.</p>
+
+<p>Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich
+Asja Bücher versprochen hatte, und wenn ihre Worte,
+die mich gleichmütig und zurückhaltend nach diesem Vorsatz
+gefragt hatten, auch kein sonderlich starkes Vertrauen
+zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa
+bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen
+und das Mädchen womöglich auf das angenehmste
+zu enttäuschen.</p>
+
+<p>Während ich über die Straße dahinschritt durch den
+Regen, überfiel mich plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung,
+an meine Tagespflicht, an die Druckerei und
+meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf
+mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr
+ernstlich verstimmt zu haben und entlassen zu werden.
+Aber als ich auf eine Erklärung sann und erwog, ob ich
+die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen freien
+Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher
+Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit
+einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a>
+in die Druckerei zu gehen, und meine alte Verpflichtung
+gegen eine wertvollere einzutauschen, gegen die, Asja zu
+Diensten zu sein so lange sie noch lebte. Was galten mir
+äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren Entbundenheit,
+in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt,
+dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches
+gegen Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich
+durch und durch mit Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß
+es mir für den Fall der Not nicht schwer fallen würde,
+wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich vor
+Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu
+Gebote steht, der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen.</p>
+
+<p>Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß
+für eine kurze Weile diese ungewöhnliche Stunde, die ich
+in den letzten Wochen nur mit Bedrücktheit und Verlangen
+von dem nüchternen Zifferblatt der Geschäftsuhr
+abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich überdachte,
+auf welche Art ich mich am besten in den Besitz
+von Büchern zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren
+gering und ich sah ein, daß ich nicht nur der Gelegenheit,
+Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch eines wohlmeinenden
+Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da erinnerte
+ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus
+der Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden
+Herrn gebracht hatte, der Doktor der Philosophie,
+Kunsthistoriker und Schriftsteller war. Ich war genötigt
+gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn auf dessen Einblick
+in die Satzproben zu warten und hatte, als der Diener
+in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige
+Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a>
+in den gedämpften Gold- und Farbtönen alter und neuer
+Bücher glitzerte. Ohne Besinnen entschloß ich mich einen
+Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, und
+indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die
+Brust ein wenig beengte, erwachte zugleich jene unbändige
+Lust am Wagnis und am Besonderen, jener Hang, alle
+Fesseln einer hergebrachten Lebensform gegen die einfache
+Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen,
+der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und
+Seligkeit eingebracht hat, Erniedrigungen und Triumphe,
+Haß und Liebe.</p>
+
+<p>Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm,
+in der das Landhaus des wohlbekannten, ja auf seinem
+Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich alle
+Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus
+meinen Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst
+oder Ungunst des Augenblicks zu überlassen und nur dem
+zu gehorchen, was die Lage mir eingab und zumutete.
+Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich mich bald
+wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt
+bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann
+wurden meine Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen,
+denn Asjas Gestalt stand vor ihnen auf und
+ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte ich zu wissen,
+daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und
+fühlte mich im Recht.</p>
+
+<p>Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte,
+setzte ich die Glocke in Bewegung und wartete darauf,
+daß der Hausdiener den Kiesweg herabkommen würde,
+um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den seitlichen<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a>
+Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal
+ein Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern
+fragte mich durch das Gitter, was ich wollte.</p>
+
+<p>»Hinein«, sagte ich einfach.</p>
+
+<p>»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen
+von der Druckerei.«</p>
+
+<p>Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die
+Gittertür auf, schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt
+mir dann voran, bis in das Wartezimmer, das ich kannte.
+Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür zum Arbeitszimmer,
+beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte
+dann leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es
+sah aus, als wäre die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir
+schien, daß der Gemeinte, wie manche verwöhnten Leute,
+durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche ungeduldig
+wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist
+los?« und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu
+öffnen. Sie tat es, nachdem sie mir einen inhaltslosen
+Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn Leute haben,
+deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern.</p>
+
+<p>»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte
+sie auf der Schwelle.</p>
+
+<p>»Also. Was bringt er? Geben Sie her!«</p>
+
+<p>Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir
+hinüber, damit ich ihr einhändigen sollte, was sie für
+ihren Herrn bei mir vermutete.</p>
+
+<p>»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn
+Doktor sprechen.«</p>
+
+<p>Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich
+an, so daß ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a>
+»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt
+worden.«</p>
+
+<p>Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor
+mich selbst an:</p>
+
+<p>»Was ist denn? So kommen Sie herein.«</p>
+
+<p>Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme
+Pracht dieses großen Zimmers. Ein schwerer roter Teppich
+fing mich auf, von den Erkerfenstern brach gedämpftes
+Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im Raum
+stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken
+und <ins title="-borten">-borden</ins>, die in die Wände eingelassen
+waren. Ein dunkler Eichentisch mit rundlehnigen Ledersesseln
+bot sich zur Rechten, aus dämmrigem Hintergrund,
+den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett,
+belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge
+vielfarbiger Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa
+hundert schätzte.</p>
+
+<p>Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte
+sich mir zugewandt, die eine Hand auf die Lehne des
+Sessels aufgestützt, so daß er über seinen emporgestemmten
+Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen den
+Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein
+Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg,
+deren lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung
+des Hintergrunds dahinzog.</p>
+
+<p>Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit
+nicht, die ich seinem Zimmer entgegenbrachte, erst
+nach einer Weile sagte er mit einem etwas selbstgefälligen
+Lächeln:</p>
+
+<p>»Also, was ist denn?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a>
+Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor,
+ohne daß ich ihnen durch ungebührliche Wendungen oder
+unbescheidene Selbstverständlichkeit den Anschein einer
+heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld,
+daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm,
+der den Hausherrn aufbrachte.</p>
+
+<p>»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und
+mit einer Betonung, als hätte ich von einem Schreiner
+einen Schuh verlangt. »So ohne weiteres, das ist denn
+doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares Anliegen.
+Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse
+später aufschreiben, wenn Sie mir Bücher gegeben haben.
+Als ich im Auftrag der Druckerei einmal bei Ihnen
+war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an
+Büchern, über den Sie verfügen, und ich dachte an Sie,
+als ich heute früh bei der Kranken war.«</p>
+
+<p>»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt.
+Nehmen Sie es mir nicht übel, aber einem daraufhin
+ohne weiteres mit dieser Bitte zu kommen, ist denn doch
+wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in mir
+einen Dummen gefunden zu haben?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich
+auf das Rechte.«</p>
+
+<p>Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen,
+ob sein Sinn eindeutig sei, und schaute dabei auf den
+Teppich nieder, als läse er ihn noch einmal in seinen Ornamenten
+nach, dann erhob er sich und schritt auf mich zu.</p>
+
+<p>»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts
+dir nichts bei mir einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a>
+oder, wenn es Ihnen an Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken
+genug? Aber es wird wohl zuguterletzt auf
+etwas anderes herauskommen.«</p>
+
+<p>Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen
+Augen darin zu suchen, während sein Finger die Münzen
+hin und her schob. »Wundert mich nur, wie Sie es
+fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben
+das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ...
+Bücher! Wie lange kennen Sie denn dieses Mädchen
+schon?«</p>
+
+<p>Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht
+stören und wartete deshalb ab, auf welches die Wahl
+meines erzürnten und unfreiwilligen Gastgebers fiele. In
+Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es wurde
+mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten;
+jeder andere hätte die Münze sicherlich zwischen zwei
+Fingern erhoben dargereicht.</p>
+
+<p>»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten,
+»aber mir ist mit einer kleinen Geldsumme nicht
+gedient. Wenn Sie keine Bücher verleihen wollen, so
+muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs gehen.
+Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu
+machen, Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter
+und leichtfertiger Einfall, noch die Gier nach
+einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen geführt haben.
+Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung
+und Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem
+Erleiden überdenke, den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt
+haben, all das erschlossene und unerschlossene Glück,
+das diese Bände bergen, so erscheint es mir für einen
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a>
+Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren
+Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und
+unbenutzt liegen soll, während ein paar Häuser weiter ein
+Mensch, der dies alles und mehr in kurzer Zeit für immer
+aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine Stunde
+seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«</p>
+
+<p>Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein
+sonderbarer Blick voll Gift und Staunen traf mich,
+haftete wider Willen an meinen Zügen, umglitt mich,
+verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem Lächeln,
+voll Neugier und Herablassung.</p>
+
+<p>»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich
+nicht beschwatzen.«</p>
+
+<p>Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene
+Gutmütigkeit im Ausdruck seines Gesichts durch,
+die ich nicht erwartet hatte, und die ich mir nicht erklären
+konnte, obgleich sie das einzige war, was auf mich wirkte.
+Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen
+wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und
+darüber wurde ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue,
+was unter den Menschen als stark gilt und was als
+schwach.</p>
+
+<p>Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag,
+den Fortgang eines Wegs immer dort zu suchen, wo ich
+am tiefsten durch das Wirrwarr der Erscheinungswelt
+blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich erkannte
+und sagte:</p>
+
+<p>»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben,
+wie wohl Sie gegen meine Tücke gewappnet sind, wird
+Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte finden können.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a>
+Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so
+daß ich ihn für einen Augenblick bedauerte, aber ich gab
+dieser Ablehnung nicht nach, sondern wappnete mich aufs
+neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu kommen.
+Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für
+einen Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert
+der feinen Fügung meiner Gedanken verstieß, als spräche
+ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in ihm, die nichts
+als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme,
+die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich
+Männlichkeit nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das
+war nicht schlecht geantwortet«, verzagte ich fast, denn
+ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist ärger als ein
+Tadel aus der Welt, die wir lieben.</p>
+
+<p>»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben
+Sie eine Schule besucht? Nun antworten Sie einmal.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So
+wohlfeil werden Sie Ihr Gefühl der Überlegenheit, das
+Sie vermissen wie eine Krücke, nicht zurückbekommen.
+Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie
+mir ein Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es
+Ihnen leichter wird, mir nicht zu glauben? Sie glauben
+mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein Gebiet locken,
+auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine
+hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«</p>
+
+<p>»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte
+mein Gegner freundlich, lachte und setzte sich breit und
+sicher mitten auf seinen Sessel.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten
+Ton wohlwollenden Befehls und skeptischer Neugier fort,
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a>
+in dem seine Niederlage lag. »Sie haben vollständig
+recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht zugäbe.
+Aber Bücher bekommen Sie keine.«</p>
+
+<p>Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit,
+dachte ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust,
+bricht sie ab, und tut, als seien sie stumpf gewesen. Eher
+werden die Ströme zu den Bergen zurückfließen, als daß
+einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer Glaube an
+den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich
+fürchtete den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet
+hat, und warf mich übereilig auf die Bahn eines
+neuen Mittels. Ich darf nicht auf diese halbe Belustigung
+eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich anders in
+seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch
+noch die Münze, die er immer noch zwischen den Fingern
+drückt, als stammte sie aus einem Taschendiebstahl. Zudem
+kam mir über dem Gedanken an diese Münze in den
+Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich
+leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug
+bedeuten würden, denn nicht nur ihre Frage nach
+meinen Beständen, sondern auch ihre Miene hatten mir
+verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan
+werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze
+Kraftaufwand dieser Stunde schon viel zu groß, als daß
+ein paar entliehene Bände ihn endlich zu rechtfertigen vermöchten.
+Ich mußte viel mehr erreichen. Mein Mißerfolg
+lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis
+zu meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten
+Ungläubigen mißtrauischer machen, als meine
+Anspruchslosigkeit?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a>
+Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich
+mit unverhohlener Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen
+Neugier, deren Lebenslicht mir aber keineswegs
+die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen aufgetanen
+Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich,
+meiner selbst sicher:</p>
+
+<p>»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem
+Finger tragen, der sicher nur einen geringen Teil Ihres
+großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß schon in ihm
+die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird,
+noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe
+zu erhellen, so meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um
+Ihrer Freude und Ruhe willen.«</p>
+
+<p>Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber
+nicht mehr mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es
+zu wissen, dankbar dafür, daß ich die Haltung nicht einnahm,
+die er vorgeschlagen hatte, und derer er sich heimlich
+schämte.</p>
+
+<p>»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein
+teures Andenken. Nun?«</p>
+
+<p>Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte
+mich, die lässige Aufforderung darin, in meiner Mühe
+fortzufahren, war herabwürdigend.</p>
+
+<p>»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte
+ich rasch.</p>
+
+<p>»Was habe ich getan? Junger Mensch &mdash; wenn
+eines mich wundert, so ist es, daß ich Ihnen nicht längst
+die Tür gewiesen habe ...«</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich
+nicht erzürnen«, antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a>
+Ring ein teures Andenken an einen Menschen, der Ihnen
+in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist er ein Sinnbild
+der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen
+Daseins über allem, das verfällt. So ist die Sendung,
+die ihn gehen und wirken hieß, mit der er untrennbar behaftet
+ist, wie mit seinem Glanz, die des wahrhaftigen
+Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die Erinnerung
+an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren
+Worten an, dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder
+uns allen; wird es nicht sein, als sei er auferstanden, wenn
+die teure Glut in heimlicher Glorie um seine Gabe neu
+ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf
+ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht
+ein? Sie aber drängen mit Ihrem Hang nach totem
+Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, goldenes Grab
+zurück.«</p>
+
+<p>Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr
+vor sich hin, ohne daß mir irgendein Zeichen verriet, ob
+meine Worte ihn im Guten bewegt oder aufs neue erzürnt
+hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick überging
+mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen
+Dinge seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches,
+die Blätter und Bücher darauf, und wurde endlich, als
+habe er sein eigenes Leben verloren, in das Leben des Lichts
+gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort verirrte
+er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.</p>
+
+<p>Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag
+und in das gleiche Tageslicht schaute, und mir wollte
+scheinen, als müßten sich die Blicke dort drüben und draußen
+in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem Ausdruck<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a>
+in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem
+ich selbst, und mir so das Ende des schweren Wegs erspart
+bliebe.</p>
+
+<p>»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme
+und das langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei
+das, wie es wolle, ich möchte nicht dieses oder jenes, nicht
+Wohltaten tun, noch Segen stiften, aber ich möchte einmal
+wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine
+Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art
+wachgerufen, das will ich Ihnen lassen. Weit mehr
+taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir auf, als dasjenige
+der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß
+nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand
+des Wesens Ihnen diese Kraft gibt, ich möchte es nicht
+prüfen noch ergründen, denn ich fürchte mich vor Eingeständnissen,
+für die ich noch nicht alt genug bin. Ich will
+Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will
+es, es ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen
+Ring selbst werde ich nicht fortgeben, jetzt weniger als je,
+denn die Macht seiner Mahnung ist von dieser Stunde
+ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr vielleicht
+als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den
+Sie diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung
+erfüllen, und ich werde Ihnen die Summe zur
+Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert ausmacht.
+Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe
+oder ein Händler. Dann können Sie Bücher und
+alles beschaffen, was Sie wollen und brauchen, oder was
+Ihre bedürftige Freundin nötig hat.«</p>
+
+<p>»Gut. Handeln Sie so.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a>
+»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung
+so ... Mir liegt die Zeit im Sinn, in der ich noch
+so jung und so erwartungsvoll, so zuversichtlich und
+gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring erhielt,
+stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing
+damals an berühmt zu werden, man las mein erstes Buch,
+es ist jetzt vergessen. Die Zeit geht eben rasch; nun, es
+kamen andere Werke und trugen meinen Namen in die
+Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin
+so durch den Sinn gegangen ist &mdash; daß diese anderen
+Bücher auch einmal &mdash; vergessen sein könnten ... Aber
+nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame Gewißheit,
+als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz,
+durch einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen,
+als die heutige es ist, mit ihrem Erfolg.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte
+Sie nicht demütigen.«</p>
+
+<p>»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...«</p>
+
+<p>Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als
+habe ich unrecht getan, aber erst später sollte ich erfahren,
+worin dies Unrecht bestanden hatte.</p>
+
+<p>»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen
+wir ruhen, was ruht, und leben, was leben soll. Ich biete
+Ihnen tausend Mark an Stelle des Rings und der Bücher;
+sind Sie einverstanden?«</p>
+
+<p>»Ja, aber Sie sind es nicht.«</p>
+
+<p>»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu
+Eingeständnissen, meine melancholische Selbstbetrachtung,
+abzulehnen. Vielleicht hoffte ich, mich von einer Niederlage
+wiederherzustellen, indem ich ein geringes Bild von mir
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a>
+entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem Bewußtsein
+zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr
+sei, als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm
+verdirbt, wir sind unehrliche Leute vor uns selbst geworden,
+um die Ehrlichkeit zu retten, um derer willen uns die
+anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. Sie
+hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...«</p>
+
+<p>»Also tausend Mark wollen Sie geben?«</p>
+
+<p>Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick.</p>
+
+<p>»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam
+und in erkennbarem Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges
+Geständnis. Aber er holte dann zögernd, mit
+zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, öffnete
+ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur
+Seite, als seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm
+einer Stahlkassette eine lederne Brieftasche.</p>
+
+<p>»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er
+durch sich selbst bei einem Diebstahl überrascht zu werden,
+»nehmen Sie und stiften Sie Segen und Gutes.« Er
+tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er ihnen
+noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte
+Neigung zukommen lassen, und doch schien er diese Finger
+zu verachten, die den Wert des Papiers zu genießen trachteten.
+»Möge das Geld auf einen Acker fallen, besser bereitet,
+als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie selbst ...
+Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist
+doch höchst eigentümlich. &mdash; In die Hosentasche stecken
+Sie die Scheine?«</p>
+
+<p>Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es
+war mir, als erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a>
+Erfolges endlich aus einer Welt von Beziehungen, Kräften
+und Verstrickungen, die nichts mit jener zu schaffen hatte,
+in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg
+zu ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen.</p>
+
+<p>»Ich &mdash;&mdash;?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich
+komme mir vor wie Einer, der sich beim Satan eine
+Leiter geliehen hat, um Gott in den Himmel steigen zu
+lassen.«</p>
+
+<p>»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah
+mich beinahe gierig an, mit einem Ausdruck, den ich so
+wenig auf seinen Ursprung zu prüfen vermochte, wie er
+meine Worte.</p>
+
+<p>»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber,
+als er sah, daß ich meinen Hut nahm, »berichten Sie
+mir, lassen Sie sich einmal wieder sehen, tun Sie es,
+vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer Brücke
+zwischen uns zwei.«</p>
+
+<p>Ich ließ es offen.</p>
+
+<p>»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun,
+was geschehen ist, soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie
+eilig Sie es haben.«</p>
+
+<p>Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen,
+ich fühlte mich erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam
+benommen in einem merkwürdigen Unterbewußtsein, in
+dem mir zumut war, als freute meine Freude mich nicht,
+und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug gewesen. &mdash;</p>
+
+<p>Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja
+zu eilen, aber ich wartete und begab mich zuvor in meine
+Behausung. Ich beschloß, eine Reihe nützlicher und erfreuender<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a>
+Einkäufe zu machen, führte meinen Vorsatz
+jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch
+zu den Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien.
+Auch fehlte es mir an Erfahrungen, und ich schämte mich,
+an jene belanglosen oder nur äußerlich nützlichen Dinge
+zu denken, für deren Beschaffung den Frauen ein so sonderbares
+Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von
+Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt.
+Sie bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger,
+oder unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln
+durch Ankauf in ihren Besitz und durch Schenkung
+in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu bringen.
+Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte
+verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen
+läßt uns in bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge
+in kleinen, schwachen Händen zu Sinnbildern der großen,
+ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir Verdorbenen
+und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen
+oder Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der
+Liebe nicht glauben können, wenn unsere Gabe nicht schon
+ein Sinnbild der Geisteswelt ist.</p>
+
+<p>Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so
+fremdartig, daß ich lächeln mußte, es war gewissermaßen
+notwendig, daß ich mich allen Einrichtungsgegenständen
+erneut vorstellen mußte, was nicht lange dauerte. Ich
+warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war,
+und sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht
+her noch aufgeschlagen neben der Kerze lag. Dies alles
+steht jenseits, dachte ich, eine neue Welt beginnt, es hat
+sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den Weg.
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a>
+Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein
+plötzlich erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles
+dessen, was ich bisher zur Erhaltung meines Daseins begonnen
+hatte, überfiel mich und füllte mich mit Zweifeln
+am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen
+der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst
+bist die Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden
+meine Kämpfe nicht enden.</p>
+
+<p>Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich
+nach mir zu erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß
+ich nicht mehr käme, siegelte den Brief mit dem Wachs
+der Kerze und war sicher, daß man mich in Ruhe lassen
+würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß
+ich mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich
+nachdenklich und ich nahm den Spiegel von der Wand.
+Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, aber der
+andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen
+ausdauernden Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff
+Stock und Hut und ging davon. Das Tuch machte mich
+fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein Bruder, dachte
+ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande,
+in Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich
+von ganzem Herzen glaube, daß deine Augen es nicht
+einmal sehen würden, es sei denn aus Erbarmen? Ist es
+wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg
+und Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn
+es ist?</p>
+
+<p>Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die
+ich bei mir trug, wie man auf einem Feldweg die Straßen
+der Stadt vergißt. Auch als ich zu Asja kam, dachte ich
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a>
+lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem Bett
+niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir
+fremd war, und ich atmete tief auf und mußte seufzen,
+ohne daß ich Kummer hatte.</p>
+
+<p>Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem
+aus, was dir bisher schwer gewesen ist, weil du allein
+warst, deshalb bist du jetzt müde.« Da verlor ich unter
+dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber sie
+schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer
+Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres
+Wesens nicht zu verkleinern.</p>
+
+<p>Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog
+und vor ihr auf die Decke des Betts legte:</p>
+
+<p>»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst
+dieses dunkle Zimmer gegen ein helles mit Sonne vertauschen,
+die Stadt gegen das Land. Du wirst gesund
+werden.«</p>
+
+<p>In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr
+Lächeln verschwand, ihre Augen sahen mich forschend an
+und sie unterbrach mich ängstlich:</p>
+
+<p>»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«</p>
+
+<p>Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie
+störte meinen Bericht durch kein Wort und keine Frage,
+und schwieg auch noch, als ich am Ende war und, unsicher
+mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet,
+eine Zustimmung von ihr zu hören.</p>
+
+<p>»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.</p>
+
+<p>Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich
+kaum, sondern schien nun vielmehr durch etwas anderes
+beschäftigt und bewegt; sie fragte unvermutet:
+</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a>
+»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur
+deshalb bekommen, weil du mit ihm gesprochen hast, hast
+du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur durch den
+Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt
+hast?«</p>
+
+<p>»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran,
+was es für dich tun soll.«</p>
+
+<p>»Ach, es war so, wie du gesagt hast! &mdash; Ich denke
+nicht an das Geld, ich denke an dich.«</p>
+
+<p>Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren
+Zügen auf und sie bat noch einmal:</p>
+
+<p>»So nimm es und bring es wieder fort.«</p>
+
+<p>»Du weist das Geld zurück, Asja?«</p>
+
+<p>»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert.
+Ja, ich weise das Geld zurück.«</p>
+
+<p>»Du wirst sterben, Asja.«</p>
+
+<p>»Wie wir alle«, sagte sie einfach.</p>
+
+<p>»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben
+sollst, die Tugend, daß du sterben willst.«</p>
+
+<p>Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl,
+daß sie nicht über den Sinn meiner Worte nachdachte,
+sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, die hinter ihnen
+stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so
+gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem
+Ergebnis der Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit,
+die zwischen uns geherrscht hatten, und die nicht
+zu beugen waren. Ist es dies, dachte ich, und ward abgelenkt,
+liegt der Grund aller Mißverständnisse und der
+Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen
+oder bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a>
+nicht zu ermessen vermögen, und sich daher an
+das unredliche und mißbrauchte Gezücht der Worte halten,
+die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die Befangenheit
+eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte
+darüber hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs-
+und Tatsachenwelt des Lebens fortzublicken schien &mdash; wohin
+nur? Ich wußte es noch nicht, aber ich fühlte, daß ich
+ihre Freiheit bedroht hatte.</p>
+
+<p>»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand
+und, wie meistens, mit einem beinahe schmerzlichen
+Zögern, »ich mache aus keiner Not eine Tugend, aber
+es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie könnte
+ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu
+recht bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du
+bist so jung, wie willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest?
+Du kennst dich nicht, und nun sollte ich dieses
+Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du.
+&mdash; Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es
+so gut ist, und daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit
+Willen.«</p>
+
+<p>»Liebst du das Leben nicht, Asja?«</p>
+
+<p>»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten,
+»aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht
+von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst,
+wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«</p>
+
+<p>»Wie meinst du das?«</p>
+
+<p>»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen,
+was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage,
+und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen.
+Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a>
+Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald
+empfinden, wie gut und groß du bist.«</p>
+
+<p>»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich,
+wie sehr du das Leben liebst, Asja.«</p>
+
+<p>»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir
+nichts erklärt.«</p>
+
+<p>Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung
+ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit
+ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich
+sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch
+ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein
+heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses
+Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin
+vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen,
+zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir
+doch bisher, ihr und ich!</p>
+
+<p>Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun,
+was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem
+Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand,
+daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen
+Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen!
+So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum,
+sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete
+mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.</p>
+
+<p>»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst
+du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang
+bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch
+bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand
+darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben.
+Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a>
+»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du
+nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir
+bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«</p>
+
+<p>»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben.
+Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin
+nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel
+mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt,
+obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen
+und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen,
+wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb
+ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich
+sein kannst.«</p>
+
+<p>»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als
+habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische
+Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde
+und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das
+Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein
+Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete
+mir nicht.</p>
+
+<p>So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:</p>
+
+<p>»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich,
+um zu gehen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den
+Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen,
+mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen
+von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing,
+und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es
+der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war
+mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:</p>
+
+<p>»Nein, Asja!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a>
+Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt.
+Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem
+stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig,
+als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen
+Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf,
+voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und
+küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut,
+sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches
+Tun.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die
+Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner
+Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte
+sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis
+nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen
+Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und
+je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger
+Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr
+Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es
+häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen
+überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden
+Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft
+zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet,
+und manche Herzen suchen es.</p>
+
+<p>So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem
+Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder
+in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich
+segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die
+Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals
+Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist.
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a>
+Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung
+ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese
+Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein
+teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.</p>
+
+<p>Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich
+schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte,
+denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur
+verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß
+zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es
+waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die
+Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der
+Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen.
+Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von
+allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden
+geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein
+Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und
+meine Ansprüche nicht preiszugeben.</p>
+
+<p>Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der
+ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der
+Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich
+freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als
+ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ
+ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter
+dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu
+haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen
+meiner Handlungsweise überzeugen zu können.
+Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball
+einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine
+Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.</p>
+
+<p>»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a>
+Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer
+anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken,
+starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen.
+Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über
+Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser
+mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne
+über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die
+Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit
+der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles
+ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis,
+ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr.
+Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die
+Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre,
+um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein
+Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus
+Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem
+Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel
+es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. &mdash;</p>
+
+<p>So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines
+Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen
+und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren
+Liebesgruß.</p>
+
+<p>»Asja, glaubst du an Gott?«</p>
+
+<p>»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.</p>
+
+<p>»Antworte mir!«</p>
+
+<p>»O Freund, ich kann nicht sprechen.«</p>
+
+<p>»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber
+antworte.«</p>
+
+<p>»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was
+du ersehnst!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a>
+»Du bist es. Sieh mich an.«</p>
+
+<p>»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als
+habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott.
+In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der
+Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in
+uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch
+ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein.
+Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen
+sondern sie hat uns erwählt.«</p>
+
+<p>»O Asja, du machst das Herz froh.«</p>
+
+<p>»Ich tue nichts.«</p>
+
+<p>»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«</p>
+
+<p>»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten.
+Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war
+reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war
+und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg?
+Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die
+Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und
+viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in
+dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest
+du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer
+ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die
+Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein
+Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns
+durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist
+besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du
+ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater
+die Quelle.«</p>
+
+<p>»Der Vater, Asja?«</p>
+
+<p>»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a>
+»Was nennst du Gehorsam?«</p>
+
+<p><ins title="»Oh">»Oh,</ins> frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder
+spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort
+vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es
+herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis
+bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen
+Gehorsam.«</p>
+
+<p>»Und alle Gesetze, die Kirche?«</p>
+
+<p>»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben
+die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als
+Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn
+die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber
+wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«</p>
+
+<p>»Oh, sprich weiter, Asja.«</p>
+
+<p>»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor
+dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch
+herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm,
+sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie
+du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und
+glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du
+dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«</p>
+
+<p>»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe?
+Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in
+uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo
+ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«</p>
+
+<p>Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager,
+neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als
+bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich
+erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war.
+Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a>
+diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer
+brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben
+diese Frage stellen würde.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen,
+Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser
+Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben
+und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne
+Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen
+fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife
+heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich
+mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen
+Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände
+traten ein, die mir alles erleichterten und möglich
+machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich,
+wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke,
+so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich
+einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen
+kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich
+Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren,
+die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da
+sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht
+Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht
+zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem
+Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz,
+das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend,
+in sich verwob und ward, indem ich war. Du
+Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen?
+Es war alles gut! Das ist dein Name.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a>
+Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine
+Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie
+schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank
+stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er
+leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand,
+die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf
+dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah,
+erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen,
+sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.</p>
+
+<p>»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.</p>
+
+<p>Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand
+ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:</p>
+
+<p>»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«</p>
+
+<p>»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«</p>
+
+<p>»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich
+geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«</p>
+
+<p>Ich schwieg.</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau
+fort und sah ein Bild an der Wand an.</p>
+
+<p>»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch.
+»Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich <ins
+title="werde ">werde es</ins> bestimmt bekommen.«</p>
+
+<p>»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor
+ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin
+erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«</p>
+
+<p>»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich
+mich, und antwortete auf ihre Frage.</p>
+
+<p>Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren
+Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a>
+ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen
+Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens
+stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:</p>
+
+<p>»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen
+erzählt. Wie war doch ihr Name?«</p>
+
+<p>»Asja.«</p>
+
+<p>»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich
+damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld
+mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte
+geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so
+dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«</p>
+
+<p>»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«</p>
+
+<p>»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast
+verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber
+Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer
+als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt,
+Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich.
+Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es
+und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn
+Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf,
+wenn Ihr Schritt klingt.«</p>
+
+<p>Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als
+schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine
+ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen
+Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe
+mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts
+Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche
+Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in
+seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden
+schon verstehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a>
+Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs
+hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit
+ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht,
+und vom Hofe herauf drangen Geräusche und
+Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen
+Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle,
+leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das
+Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer
+Käfige.</p>
+
+<p>Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr
+selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.</p>
+
+<p>»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,«
+sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins
+Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der
+Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie
+damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«</p>
+
+<p>Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden
+Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur
+Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder
+widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. &mdash;</p>
+
+<p>Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das
+Zimmer schimmerte still im Licht des ersten Schnees, der
+vorzeitig gefallen war und auf den schrägen Dächern
+draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im
+Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und
+licht und schien sonderbar leer. Ich war darin nun längst
+ein vertrauter Gast, und auch die Mutter hatte sich an
+meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr Kind
+in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und
+Unterhaltung fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a>
+mit einer Art ehrfürchtiger Scheu, ohne Eifersucht, aber
+ein klein wenig zögernd und ablenkend, als gäben wir uns
+Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien
+längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen
+Welt lebte als sie selbst, und so wenig sie früher besondere
+Teilnahme gezeigt hatte, so gleichmütig beachtete sie die
+meine; zumal da Asja in ihrer Gegenwart mit derselben
+Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, in der sie
+früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung
+und Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie
+erstaunt in Asjas leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig,
+wohl auch ein wenig stolz, und riet zu Ruhe und
+Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. Mit den ein
+wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden
+Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert
+der kleinsten Münze kennt, vermutete sie hinter meiner
+Erscheinung mehr und anderes, als sich ihr durch den
+Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den Gegensatz,
+in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem
+bedürftigen Wandel standen.</p>
+
+<p>Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert
+und sorgenvoll, wie so manchen Morgen hindurch,
+den ich allein verbrachte und nicht zu verwenden
+wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war,
+in der ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war
+ich zu jung und ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden
+des Alleinseins ein volles Genüge an meinem Leben und
+Denken empfand; mächtiger als je drängte alles in mir
+zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten
+eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a>
+mich übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und
+Augenlicht auf meiner Stirn fühlte. Es war ein erstes
+Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das sich vor ihrem
+Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne
+Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in
+heiliges Feuer, aber es lohte sinnlos in mir empor, wie
+ein Reisigfeuer auf einer Frühlingswiese, dessen Glut nur
+die Überreste des verflossenen Jahrs verzehrt, aber keinen
+Keim des Bodens fördert.</p>
+
+<p>Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz
+aufs Feuer und sah kniend zu Asja hinüber: sie schlief
+fest. Wie meistens lag sie grade ausgestreckt auf dem
+Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres Körpers
+erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht
+mit dem überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des
+offenen Haars, das den Scheitel mit den Schultern verband,
+und grade von der Decke abgeschnitten wurde, merkwürdig
+feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht
+machte das Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung
+aller Dinge im Raum, die mit dem ersten erkennbaren
+Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und die
+solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken
+des Zeigers an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen
+kann.</p>
+
+<p>Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte
+ihn an Asjas Bett und ließ mich nieder. Auf dem kleinen
+Tisch neben ihrem Bett lag ein Stück Brot, von dem
+die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich ich
+in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte,
+bewegte mich sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a>
+Tiefen der Seele, ich begriff nicht, woher die schmerzhafte
+Bestürzung voll Rührung kam, und sah das Brot an,
+als verklagte es mich.</p>
+
+<p>Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt
+durch die gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der
+Schlafenden, und je andächtiger ich in dies Gesicht sah,
+um so inbrünstiger begannen dies Brot und dies Angesicht
+zu mir zu reden und trösteten mich.</p>
+
+<p>Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst,
+dachte ich, denn es ist meiner Rührung eine Gewißheit
+zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du bist das ewige
+Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und
+einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen
+Ausmaße der Seele und des Geistes, du erhältst, ohne zu
+gefallen und ohne zu schmeicheln, du befriedigst, ohne daß
+Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du forderst
+keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines
+Gebens wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst
+Christus dich und dein Wesen mit dem seinen verglich,
+daß er dich brach und gab, wie auch sich, als er das Opfer
+seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das Sinnbild
+der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt,
+Abschied und Auferstehung.</p>
+
+<p>»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme
+plötzlich in mein verlorenes Sinnen hinein, »bist du
+hungrig?«</p>
+
+<p>»Ich habe ewig, ewig Hunger!«</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden
+Licht ihrer unstillbaren Augen, und verlangend,
+fast zornig, sah es mich unter den angstvoll zusammengezogenen<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a>
+Brauen an. Die forschende Gier ließ mich erschauern.
+Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln
+ihre Stirn auf meine Hand:</p>
+
+<p>»Ach, Bruder ...«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein
+Geist geriet, und die Beunruhigungen, die mit meiner
+Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten mir die letzte
+Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens
+geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen
+sein mochte, nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht
+worden war. Wie handle ich nun töricht, dachte ich
+oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken
+lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im
+Zeichen des Beginns? Aber dann war mir, als begänne
+mit allem bewußten Leben in uns Menschen der Abschied
+und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied von
+ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage
+und Jahre, das Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger
+verweilte, als diese zum Abschied so froh Gerüstete, gar
+so groß und gewichtig, und flogen die Stunden nicht eilig
+und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung
+getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg,
+der nicht der meine war? Und so beschäftigte mich der
+Sinn dieses eigenen Wegs, den ich suchte, und ich sagte
+es Asja:</p>
+
+<p>»Ich finde den Weg nicht!«</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen
+schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus,
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a>
+und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es
+war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen
+hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett
+war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von
+unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es
+kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten
+lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts
+mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen
+Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte,
+das Schweigen zu brechen.</p>
+
+<p>»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas
+vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn
+nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du
+es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder
+für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg
+der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles
+andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht
+arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.</p>
+
+<p>Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen
+und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit,
+weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte
+der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft
+der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt
+das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder
+nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der
+Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen,
+die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen
+Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur
+ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft,
+erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a>
+zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung
+führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg?
+Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich
+bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin,
+sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist,
+die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt
+scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener
+Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich
+bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten:
+Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch
+mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen
+offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er
+frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott,
+der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen?
+Es ist das deine. So suche nun keinen Weg
+mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen,
+aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung
+und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.</p>
+
+<p>Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit
+der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen
+zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und
+Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich
+liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne,
+fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in
+unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen
+Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich,
+daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß
+ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist
+kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche
+noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a>
+Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum
+Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der
+Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang
+und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das
+sei mein irdischer Tod.«</p>
+
+<p>Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und
+ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein
+der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung,
+zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein
+wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und
+Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit
+eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der
+Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das
+Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen
+bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg!
+Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich,
+und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner
+Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten,
+sondern im Geist und in der Wahrheit. &mdash;</p>
+
+<p>Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die
+Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht
+zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte,
+war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am
+Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen
+beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel,
+der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch
+das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den
+Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer
+Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie
+war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a>
+Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte
+und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen
+hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir
+nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich
+nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem
+Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der
+Ruhe lag, Hand in Hand.</p>
+
+<p>Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken,
+wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen
+Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue
+Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten
+meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang
+des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht
+beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte
+ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der
+hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben,
+die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering
+erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht
+der Liebe liegt. &mdash;</p>
+
+<p>So erstand uns in den armen vier Wänden dieses
+kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu
+vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß,
+aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte.
+Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich
+heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer
+Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein
+vermag.</p>
+
+<p>Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt
+verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener
+Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich,
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a>
+wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich
+wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den
+Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar
+ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis
+und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht
+macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand
+mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher,
+und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer
+brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns
+beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur
+wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen,
+damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht
+fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.</p>
+
+<p>Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe
+ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster
+Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich
+mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich
+denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe
+nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.</p>
+
+<p>Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende
+Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an
+dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien
+es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen,
+und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden.
+Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit
+und betört von Eifer. Sie sah mich an, als
+verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte
+und sagte:</p>
+
+<p>»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so
+ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a>
+und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu
+verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist
+die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit
+ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller
+Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als
+sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.</p>
+
+<p>Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen,
+darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst.
+Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein
+Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell
+und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom,
+das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz
+preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich
+komme.</p>
+
+<p>Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen
+Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung,
+heute noch nicht weiter gekommen, als bis
+zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte
+des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens.
+Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen
+der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum
+Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig
+wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich
+von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie
+es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und
+endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das
+>Geheiligt werde dein Name&lt; in Opfern, Weihrauch und
+Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen
+Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach
+uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a>
+stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit
+liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche
+Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen
+Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe
+sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die
+mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft
+und die Herrlichkeit.«</p>
+
+<p>Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie
+im Bannkreis eines deutlichen Bildes:</p>
+
+<p>»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht
+an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So
+sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig,
+einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch
+dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt,
+mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun
+und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen,
+auf einen fremden Stern. Und ich empfand,
+wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand
+tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war
+kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe
+des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen
+und mir ohne Groll.</p>
+
+<p>Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit,
+bei langem Verweilen unter ihnen, in mir
+neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich
+fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir,
+und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a>
+Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken,
+diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht.
+Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln,
+weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag
+ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das
+allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung?
+An Stelle deiner Güter werden mich die Tage
+mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem
+Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und
+beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine,
+verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert
+und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir
+ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit
+ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten,
+der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die
+zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle
+werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige
+Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb
+und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen
+können und mich so weit verirren? Und ich
+werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich
+weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im
+Hellen zu verharren.</p>
+
+<p>So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß
+doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines
+Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte
+es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr
+Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen.
+Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich
+nicht, daß sie es sind.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a>
+Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst
+viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen
+erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder
+vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen
+Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft,
+die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein
+Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und
+es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und
+nicht den dahinwelkenden Docht.</p>
+
+<p>Sie sagte mir auf meine Frage:</p>
+
+<p>»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der
+ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe,
+das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet
+sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran,
+sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die
+Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist
+ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die
+Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein
+Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger
+Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber
+durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist
+das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein
+echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh,
+so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.</p>
+
+<p>Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der
+Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen
+Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft
+der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind,
+verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle
+Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a>
+die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die
+meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich
+in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem
+starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und
+Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder
+dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis
+vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom
+Angesicht.</p>
+
+<p>Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach
+Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein,
+die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche &mdash;
+und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder,
+und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem
+Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du
+aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«</p>
+
+<p>»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die
+Auferstehung, Asja!«</p>
+
+<p>Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut,
+als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner
+Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern
+als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich
+empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte
+Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte.
+So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich
+meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches
+Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich
+oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu
+scheiden vermochte.</p>
+
+<p>Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres
+Nackens und der Schulter, unter dem Haar, verrieten
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a>
+mir eine Miene schweren Leides. Ein unerklärliches
+Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher
+Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe
+unfreundlich. Aber die Herausforderung meiner Stimme
+weckte nicht ihren Unwillen, sondern ihre Güte. Sie
+wandte sich mir wieder zu und sah mich an:</p>
+
+<p>»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist,
+dessen Seele nicht in der Schmerzensfinsternis ihres Grabes
+liegt? Fragt derjenige, der nicht gefallen ist, die Vorübergehenden,
+wie er sich erheben könnte? Wer aber nur
+deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen,
+der wird keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht,
+und Furcht ist nicht in der Liebe. Aber die Liebe, die in
+der Welt allein zu antworten vermag, kann nur der Liebe
+antworten. Sieh, das ist der Irrtum der Jahrhunderte,
+in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie
+hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben.
+Nur wer aus der Wahrheit ist, hört die Stimme der
+Wahrheit, nur wer aus der Liebe ist, hört die Stimme der
+Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht antworten, denn
+meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht.
+Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis
+der Welt über dir zusammenschlägt, wo du im geistigen
+Tode am Boden liegst und weder fragen noch hoffen
+kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine Liebe,
+und zu dir sagen: Stehe auf!«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen
+sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen,<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a>
+begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit
+von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit
+und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen
+und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß
+ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen
+grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit
+empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren
+Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil
+sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie
+leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich
+meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser
+Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur
+Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr
+Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und
+ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.</p>
+
+<p>Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen
+Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht
+und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel
+ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt
+als nachsichtig.</p>
+
+<p>»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem
+Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre
+Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen.
+Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde
+der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie
+sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom
+Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein
+Mensch betritt.</p>
+
+<p>Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen
+unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger
+<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a>
+fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins
+Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte
+meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung,
+als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden
+wäre.</p>
+
+<p>Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört
+hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur
+Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in
+so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es
+mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen
+Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche
+Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst
+der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild
+zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um
+ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung
+und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die
+irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm,
+verehrte und wiedergab.</p>
+
+<p>Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und
+durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien
+gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in
+ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu
+haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies
+Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks,
+als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem
+Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen
+überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und
+eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige,
+welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten
+Gemüt hervorbringt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a>
+Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn,
+ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht,
+aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung
+Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten
+und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch
+die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen
+gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind
+auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer
+direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die
+erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter
+denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern.
+Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung
+den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft
+mit allen denen, die den großen Namen nennen, um
+ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.</p>
+
+<p>Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit
+sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare
+Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte,
+denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und
+umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde
+seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht
+und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen
+lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern
+nur in fremden Welten bewegt haben.</p>
+
+<p>Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas,
+ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und
+sie begann stockend:</p>
+
+<p>»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue
+meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie
+dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a>
+bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint
+erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist
+dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden,
+vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken,
+aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen,
+was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst
+und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen
+und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu
+mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu
+reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und
+bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen.
+Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen
+vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen
+ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende,
+die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu
+glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von
+seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben
+abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit
+haben müssen.</p>
+
+<p>Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken.
+Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen
+den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die
+Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt,
+so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur
+seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die
+Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern?
+Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der
+Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme
+seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos
+und arm vor Ehrlichkeit?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a>
+Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem
+Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt
+ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn
+nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt.
+Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der
+Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber
+ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen
+dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen,
+auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit
+Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf,
+wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die
+Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes
+Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht,
+glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung
+im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos,
+und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach
+seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.</p>
+
+<p>Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein?
+Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz
+unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung
+ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die
+Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine
+Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen
+haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort
+trösten, was der Erlösung gilt?</p>
+
+<p>Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten,
+den ich eben in meine Worte verwoben habe,
+bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht
+einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen,
+überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a>
+gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt
+und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.</p>
+
+<p>Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze
+und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten,
+allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein
+Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist.
+Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der
+Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg,
+auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der
+Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit
+der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?</p>
+
+<p>Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne
+Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen
+sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von
+einer Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt
+kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten
+wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und
+solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und
+Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der
+Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen.
+Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht
+laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten
+ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung
+der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet
+es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde
+hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft
+aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie
+überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung.
+Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der
+Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen,<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a>
+der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr
+Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet
+ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu
+sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist
+mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm,
+das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem
+Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?</p>
+
+<p>Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder
+dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die
+Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des
+Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe,
+nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern
+Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als
+ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam
+und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft
+führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir
+zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne
+Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich
+gewiß.«</p>
+
+<p>Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung
+der Unerwählten?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die
+wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten
+sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören,
+dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher,
+die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der
+Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch
+zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt
+die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums,
+dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a>
+sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben,
+sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter
+den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst
+du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria,
+die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus
+selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn
+zum Kinde wird? &mdash; Er wird wieder zum Mann werden,
+und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die
+Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um
+seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab
+gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen,
+von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen
+seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.</p>
+
+<p>Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch
+hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung
+sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter
+Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht,
+keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat
+keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der
+Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung,
+seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit,
+ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung
+ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe,
+sie ist Anfang und Ende, das heilige &gt;Gut&lt;, sie ist Gott.
+Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich
+in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch
+unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern
+die Liebe hat uns erwählt.</p>
+
+<p>Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge,
+die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a>
+Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn
+er ist ihr Wesen.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam
+in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in
+meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit.
+Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung
+fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein
+Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn
+dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem
+Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich
+ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf
+wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer
+Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung,
+und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.</p>
+
+<p>Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen
+des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung
+zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die
+Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen
+durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier
+Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war,
+und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn
+eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt
+wird und des Menschen Sohn?</p>
+
+<p>Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch
+Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn
+dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit,
+von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen
+der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie
+<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a>
+stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige
+Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie
+ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.</p>
+
+<p>So gingen die Monate des Winters herum, Tag
+nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht
+an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die
+Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand
+mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die
+durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs-
+und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine
+Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die
+Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen,
+wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und
+Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer
+flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder
+an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine
+Liebe.</p>
+
+<p>So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an
+ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb,
+weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen
+hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr
+gewesen:</p>
+
+<p>»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen,
+oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr!
+Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit
+jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens
+macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist
+sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst,
+der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein
+Ende, auf daß begonnen werde.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a>
+Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem
+Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt.
+So möchten sie sie nun überall finden &mdash; bei Anderen, und
+traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch
+die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen
+und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen.
+Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen,
+waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die
+niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis
+zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele
+zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt
+hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird
+sie verlieren.</p>
+
+<p>Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist,
+aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht,
+hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht
+mit äußerlichen Gebärden ...«</p>
+
+<p>Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an.
+Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir
+war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her.
+Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte,
+wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der
+traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.</p>
+
+<p>Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages
+in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat,
+sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb,
+denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht
+einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie
+der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf
+den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von
+<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a>
+Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das
+Reich ist nicht unser. &mdash;</p>
+
+<p>Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und
+ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr
+und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der
+Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt,
+wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren
+Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend
+und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken
+der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten
+leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als
+daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll
+unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir
+war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in
+solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem
+Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare
+Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt
+waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn
+ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen
+Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit.
+Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager
+des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert
+dich das große, allmächtige Leben, der heiße
+Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften
+Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das
+Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der
+Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der
+Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers,
+und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie
+dich selbst?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a>
+Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und
+die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt,
+dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an
+Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu
+denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu
+befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die
+Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten
+und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt
+ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben.
+Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt,
+so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug
+über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir
+örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem
+Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend,
+dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen
+gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und
+Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und
+ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist
+kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein
+erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht.
+Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe
+selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd.
+Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der
+Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil
+oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen
+im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde
+zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte
+Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein
+Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn
+wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a>
+Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist
+deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.</p>
+
+<p>Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor
+den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit,
+die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn
+ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend
+erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines
+schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des
+Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit
+entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt
+hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens,
+als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir
+haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«,
+und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt
+sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin
+bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.</p>
+
+<p>Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete
+mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze
+und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann,
+der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg
+stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht
+hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen,
+hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich
+auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er
+keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war
+schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder
+Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre,
+bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und
+ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als
+gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a>
+preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß.
+So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf
+eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung
+gehoben.</p>
+
+<p>»Hast du Geld?«</p>
+
+<p>Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit,
+und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts
+mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich
+verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar
+Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte
+mir ab.</p>
+
+<p>»Hast du mehr?« fragte er.</p>
+
+<p>»Nein«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.</p>
+
+<p>Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen
+Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in
+meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft
+dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.</p>
+
+<p>Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich
+das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in
+ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends.
+Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte,
+durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße
+aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem
+Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir
+auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.</p>
+
+<p>»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes
+Eindringen ein Wort zu verlieren.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a>
+Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber,
+wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen
+Zustand waren.</p>
+
+<p>»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine
+unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute
+bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein
+ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und
+zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte
+machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen
+Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war
+mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege
+beruhigt und erhoben hatte, verflog.</p>
+
+<p>»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der
+Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun
+an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von
+mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied
+zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich
+lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling.
+Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie,
+es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich,
+von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die
+Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und
+die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern
+dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die
+Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der
+ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu
+Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den
+Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen
+erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das
+erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a>
+Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben
+der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne
+ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.</p>
+
+<p>Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner
+Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete
+mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung,
+des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu
+einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal,
+als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte,
+mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas
+Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden
+unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen,
+die Finsternis erwürgte mich.</p>
+
+<p>Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben
+und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und
+ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in
+einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses
+nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte
+ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht
+der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der
+Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles
+Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es
+sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und
+klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen
+Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still,
+ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder,
+den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt
+hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen
+Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter
+Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a>
+dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung,
+sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige
+Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war,
+der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.</p>
+
+<p>»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich
+kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es
+meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir
+scheiden werden.«</p>
+
+<p>Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand,
+in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen,
+noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht
+ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren
+Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung,
+von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen
+Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht.
+Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst
+der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas
+geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes
+Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung
+wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele
+diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der,
+welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe
+glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er
+wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis,
+von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen,
+und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht,
+keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens,
+groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares
+Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die
+feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a>
+»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen
+unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals
+im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen,
+welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel
+ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr
+rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die
+Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs
+zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art
+ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit,
+noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis,
+nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes
+Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres
+Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung
+am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr
+aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der
+armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder
+selber hat.</p>
+
+<p>Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage
+bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie
+schon alles:</p>
+
+<p>»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält
+mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen,
+daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem
+Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit
+der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du
+hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die
+Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage
+nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder
+berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie
+wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a>
+schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das
+das Wesen der Liebe?«</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«</p>
+
+<p>Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer
+Antwort mir die innere Haltung schenkte, selbst zu sehen,
+was ihre Augen schauten, aber es blieb alles ungewiß in
+mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten sich im
+Dunkeln.</p>
+
+<p>»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen,
+und ich will schweigen und warten«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja.
+»Die Liebe scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist
+ihre Kraft und Herrlichkeit. Satan mischt und legt die
+Namen der Liebe an die laue und falsche Gestalt. Wer
+sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als seien
+sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt
+von der Liebe erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst
+du, solch heilige Gunst raffte den Wert an sich, um ihn
+für sich zu besitzen, gesättigt, zufrieden, selbstsüchtig? Sie
+strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz dies Licht ausstrahlt,
+um so eher ist es erwählt. Wer hat das große
+Wort auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens
+ausgelegt? Wer hat es unter den Schein von kleiner
+Tugend und armseligen Lohn gestellt und in einen Rangstreit
+des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel
+Angst muß in der Welt sein! Was von der Erlösung
+galt, das haben die Menschen in den Widerstreit von
+Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor der
+Macht des Satan!«</p>
+
+<p>»Wer ist Satan?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a>
+»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich
+ist überall, wo Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum
+Bild der Liebe das Bild Gottes setzt, so setze für das
+Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht der
+Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten,
+was ihr das Gute nennt.«</p>
+
+<p>Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie
+sah mich drohend an und rief laut:</p>
+
+<p>»Schweig!«</p>
+
+<p>Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen
+hatte, neigte sie sich über meine Hand und drückte
+ihre Lippen darauf. Erst nach einer Weile hob sie die
+Stirn und sagte fröhlich:</p>
+
+<p>»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es
+lautet so:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Ich möchte dich beglücken</span>
+<span class="i0">und kann nicht dunkel sein.</span>
+<span class="i0">So tritt mit deinem Zweifel</span>
+<span class="i0">in meiner Liebe Schein.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Mich quält nur eine Frage:</span>
+<span class="i0">Hast du mich lieb, sag an?!</span>
+<span class="i0">So bleib in diesem Lichte,</span>
+<span class="i0">das ich nicht trüben kann.</span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Frag nicht, weshalb ich frage.</span>
+<span class="i0">Aus Zweifel frag ich nicht.</span>
+<span class="i0">Es gibt nur eine Klage</span>
+<span class="i0">der Liebe, die um <ins title="Licht.">Licht.«</ins></span>
+</div></div>
+
+<hr />
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a>
+Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern
+der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem
+Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses,
+hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen
+ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale
+Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein
+kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem
+Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters.
+Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren
+Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme
+schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen
+der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und
+überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten
+auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des
+Morgens erwachte.</p>
+
+<p>Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen
+umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen.
+Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das
+öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern
+stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen
+und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer
+Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender
+und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der
+Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß
+ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern
+wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und
+plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort:
+»Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie
+verlieren.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a>
+Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und
+ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über
+Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf
+den <ins title="naßen">nassen</ins>
+Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im
+Wind begrünen sich. Ich möchte über den <ins
+title="naßen">nassen</ins> Acker
+gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen,
+ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf
+dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater,
+beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es
+wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam
+wie das Blühen, das mich umweht und überkommt.
+Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der
+mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o
+Vater, du Liebe! &mdash;</p>
+
+<p>Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner
+kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich
+habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm,
+kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und
+weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen
+äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen,
+wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn
+es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen
+Meer des Lebens für mich.</p>
+
+<p>Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die
+Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt
+es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so
+stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren
+Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen
+in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie
+Grabhügel auf den Feldern.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a>
+Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt,
+wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die
+Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als
+ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen.
+Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand
+unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen
+werden, der zum lebendigen Sein und Schauen
+führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der
+nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern
+durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen
+scheint.</p>
+
+<p>Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen,
+unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke,
+in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund.
+Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung
+und Verkündigung und ein erlösendes Glück.</p>
+
+<p>Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht
+dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun
+die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr
+sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was
+ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner,
+wie sie einst fielen, sondern die Felder in der
+Mittagssonne des Lebens.</p>
+
+<p>Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut
+und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig
+in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei
+sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer
+Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.</p>
+
+<p>So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds,
+und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a>
+ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag.
+Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die
+meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu
+trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang,
+und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war
+von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen
+Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen
+Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit
+willen.</p>
+
+<p>Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich
+sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine
+Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in
+einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde,
+sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in
+Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie
+auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen,
+ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen
+Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am
+Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn
+sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter
+bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden
+Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen
+lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften
+des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß
+Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher
+und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders
+in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in
+ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte
+mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die
+von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a>
+die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug,
+kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem
+andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges
+Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert
+fühlte.</p>
+
+<p>Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und
+lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre
+Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die
+Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten.
+Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit
+ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie
+überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur
+wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.</p>
+
+<p>Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein,
+das ich mit ihrer Mutter führte:</p>
+
+<p>»Geh nicht fort.«</p>
+
+<p>Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die
+Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur
+Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn
+es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die
+Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen
+Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den
+Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze
+neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe
+zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl
+allein.</p>
+
+<p>Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu
+gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und
+hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen
+meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte,<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a>
+da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und
+wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein
+tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht
+hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt
+sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien,
+daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen,
+die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen
+Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin
+bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen,
+der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die
+es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft
+Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um
+ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt.
+Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt,
+die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich
+geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen
+wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt,
+wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich
+am längsten sträubt.</p>
+
+<p>Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser
+Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen
+und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden
+Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die
+Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen
+könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen
+müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein
+Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die
+Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster
+war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die
+Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte,<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a>
+und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft
+sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn
+die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte:
+Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich,
+wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer
+auf das umgewandte Kissen betten, sie wird
+mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort
+werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln
+in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft
+des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so
+wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich
+der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um
+uns zu trennen?</p>
+
+<p>Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler
+Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich
+meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht
+schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und
+Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich
+Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder
+an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte
+ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen
+und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt.
+Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut
+nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer
+Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das
+Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren
+und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen
+und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber
+die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und
+das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a>
+Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich
+wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte.
+Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie
+in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in
+uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der
+Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen
+Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der
+Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und
+müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden,
+um das Reich zu finden?</p>
+
+<p>Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße
+aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein
+verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern
+erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen,
+und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in
+geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe
+mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit
+dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den
+Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün
+in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme,
+unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier
+wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube
+an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom
+Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt
+als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden
+nicht achtet und Zerstörung sät.</p>
+
+<p>Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man
+mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können.
+Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt
+hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a>
+gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus.
+Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln
+der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus
+bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt,
+wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße
+war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir
+haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere
+Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden
+in die Seelen und Gärten.</p>
+
+<p>Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert,
+daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die
+durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt
+so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber
+und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine
+Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein
+farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich
+nieder?</p>
+
+<p>»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«</p>
+
+<p>Das war Asjas Stimme.</p>
+
+<p>Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und
+streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir
+nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem
+Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in
+eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen
+im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still,
+als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem
+Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten.
+Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in
+dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen
+in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a>
+großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren
+Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen
+mußte.</p>
+
+<p>Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme,
+mit einem tiefen Seufzer:</p>
+
+<p>»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer
+kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald
+noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es
+nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und
+für das Licht gewesen.«</p>
+
+<p>Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor
+Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können,
+wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.</p>
+
+<p>»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es
+besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was
+ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den
+fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß
+es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es
+nicht ertragen kann.«</p>
+
+<p>Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert.
+Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog
+und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer
+Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres
+Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen,
+dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung
+schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah
+mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das
+spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und
+totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes
+wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a>
+»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein
+Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt,
+du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so
+elend, daß ich schreie.«</p>
+
+<p>Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie
+in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß
+ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an
+meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren
+Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es
+nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen
+in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung
+und kein Seufzer brach den Bann.</p>
+
+<p>Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort
+zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten
+Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer
+Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde
+vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am
+nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses
+Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in
+einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche
+Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun
+allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle,
+die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die
+den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.</p>
+
+<p>Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas
+Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte
+und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde
+schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen
+den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung.
+Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a>
+mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur
+Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem
+zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die
+Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald,
+kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte,
+nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen
+bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume
+niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler
+wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in
+Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden
+farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft
+aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die
+Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen
+die Stimmen der Singvögel.</p>
+
+<p>Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche
+immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und
+die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben,
+standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt
+da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen,
+durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich
+verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen,
+trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich
+zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es
+mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.</p>
+
+<p>Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her,
+der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu
+haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a>
+dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in
+seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn
+doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch
+auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir
+und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten
+führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich
+wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt
+zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.</p>
+
+<p>Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd
+waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem
+Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die
+niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein
+junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner
+Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler
+wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber
+und trat an meine Seite.</p>
+
+<p>»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben
+Sie die Tote gekannt?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen,
+das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das
+ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter
+anführen könnte.«</p>
+
+<p>Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen;
+ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich,
+aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte
+gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich
+unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend
+auf mir ruhen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a>
+»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie
+um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte,
+fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:</p>
+
+<p>»So will ich denn das Wort aus Johannes über
+dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern
+ich habe euch erwählt.«</p>
+
+<p>Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen
+Sarg. »Asja«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.</p>
+
+<p>Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.</p>
+
+<p>»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein,
+»ja ...«</p>
+
+<p>Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen
+hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt
+weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich
+geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen
+weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir
+uns befanden.</p>
+
+<p>In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang
+ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn
+nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen,
+ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun
+und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über
+das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der
+große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln,
+Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen
+Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten
+sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben
+stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft
+scholl, und sahen zu uns hinüber.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a>
+Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar
+auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu
+meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte,
+mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig
+ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein
+Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten,
+denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser
+Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte,
+da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen
+Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag
+von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich
+ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter
+die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich,
+denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber
+die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten.
+Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den
+Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang
+aus den Waldlauben erklang immer noch und es
+hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der
+Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage
+stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm
+des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser
+Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche
+sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder.
+Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret
+so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh
+sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter,
+so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab,
+denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos
+senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a>
+Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen
+schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den
+andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen.
+Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben
+und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen
+warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue
+Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in
+Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und
+sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel,
+deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten,
+wie ein klingender Schleier.</p>
+
+<p>Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile
+wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher
+des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge
+Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand
+und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne
+Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.</p>
+
+<p>»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch
+ein Wort mit Ihnen sprechen.«</p>
+
+<p>Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück,
+denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der
+Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach
+einer Weile begann er zögernd:</p>
+
+<p>»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt,
+noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie
+mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie
+führt.«</p>
+
+<p>»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht.
+Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich
+bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a>
+haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie
+mich gehen.«</p>
+
+<p>»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach
+einer Pause. »Wer war diese Tote?«</p>
+
+<p>»Ich weiß es noch nicht.«</p>
+
+<p>»Sie weichen mir aus.«</p>
+
+<p>»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten
+sich nicht danach.«</p>
+
+<p>»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein.
+Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht,
+bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine
+Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich
+Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen
+bin, den ich nicht verstehe.«</p>
+
+<p>Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine
+offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in
+dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen
+hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen
+von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der
+Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt.
+Da fuhr er fort und lächelte befangen:</p>
+
+<p>»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten,
+sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das
+Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist
+mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt
+über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher.
+Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen
+der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort
+auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen
+hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a>
+nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten
+Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen
+setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen
+als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit
+in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem
+Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht
+bin ...«</p>
+
+<p>Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand
+auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich
+ihr Brennen löst. &mdash; Aber meine Kraft war zu Ende.</p>
+
+<p>Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer
+Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der
+Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich
+bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und
+wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten
+vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch
+meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden,
+ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein
+Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff,
+daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der
+Kraft sein kann, die heilt.</p>
+
+<p>»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten,
+»mach' mich fröhlich!«</p>
+
+<p>Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:</p>
+
+<p>»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu
+eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der
+Toten zu erzählen.«</p>
+
+<p>»Niemals«, sagte ich.</p>
+
+<p>Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer
+geworden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a>
+»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute
+schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie
+verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«</p>
+
+<p>»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein
+Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt
+nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich
+wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen.
+Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der
+vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts
+achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar,
+wie alles Glück.«</p>
+
+<p>Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.</p>
+
+<p>»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen,
+was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet
+in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares
+bringen. So hören Sie denn, was Sie hören
+müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir
+das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem
+Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel
+klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie?
+Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen
+muß ...«</p>
+
+<p>»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten
+aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am
+Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die
+Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag.
+Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in
+mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch
+wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit,
+deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a>
+Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der
+Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich
+weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes
+mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die
+Menschenfinsternis scheint, und ewig.«</p>
+
+<p>Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank
+in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt,
+vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein
+ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg,
+den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft
+mit den Menschen finden sollen.</p>
+
+<hr />
+<p class="subtitle"><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a></p>
+
+<h2>Das Meer</h2>
+
+<p>Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der
+Landstraße nicht zu ertragen, mir war, als schleppte ich auf
+Schritt und Tritt eine Last mit mir herum, die zu schwer
+drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch Schmerz,
+sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in
+einem Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann
+nicht wahrhaft traurig werden, dachte ich. Dann wieder
+fürchtete ich, der Verlust dieses Menschen habe etwas für
+alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit war furchtbar
+und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr
+tief und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften
+Lichts und ohne Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen
+eine gegenstandslose Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß
+ich durch mein Schluchzen geweckt wurde und zornig im
+Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die ich nicht
+gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert,
+diese Traurigkeit verloren zu haben, die mir in
+meiner Traumerinnerung wie ein unirdischer Reichtum
+vorkam.</p>
+
+<p>Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft:
+ich kenne euch alle längst. Menschen mied ich; gesellte
+sich mir hier und da auf der Wanderschaft einer zu, so
+vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, denn da ich<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a>
+nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines
+Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar
+habe ich auch mit ihr nur ein paar Worte gewechselt,
+aber ich kann sie nicht vergessen und immer, wenn ich ihrer
+gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem Tage mir
+selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich
+beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben
+sich mir sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn
+ich an sie zurückdenke, so ermesse ich daran den Zustand
+meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, was sich ihr
+bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.</p>
+
+<p>Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in
+den Sommer überging, und mein Weg hatte mich durch
+eine verlassene Moorlandschaft geführt, in der ich den
+Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich
+das von Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines
+Flusses erreicht hatte, warf ich mich ins Gras nieder, das
+in der feuchten Erde so hoch stand, daß es mich wie eine
+grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die Flügel
+der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und
+die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden
+Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer
+nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen
+den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich dachte
+an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene
+schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn
+und atmete tief.</p>
+
+<p>Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die
+Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher,
+summte bekümmert und ließ sich am Rand des Kelches<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a>
+einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine
+Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den
+strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das
+Leben einander suchte und sich begegnete. Langsam wanderte
+eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, ward
+kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der
+Erlen von einem Windhauch berührt wurden, begann
+für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein
+silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte und in
+glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom
+durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der
+Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige
+Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die
+zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von
+Träumen befangener Blick.</p>
+
+<p>Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein
+ganzes Leben lang auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn
+der Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte,
+vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein
+Plätschern <ins title="der">des</ins> Wassers, das nicht von der Strömung
+kommen konnte. Ich richtete meinen Kopf empor und sah
+auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn dahintreiben,
+in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben Ruder
+steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich
+betrachtete ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen
+Glieder, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum
+verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen
+Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von
+einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne
+und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch lag ein<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a>
+matter Schein darauf. Dicht an meinem Ruheplatz sah ich
+nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen Pfählen,
+ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.</p>
+
+<p>Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben
+ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie mich und sah
+mich mit großen, überhellen Augen starr und erschrocken an.
+Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas tierhaft Leeres und
+Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun
+der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von
+sagenhafter Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam
+den Kahn, das Mädchen hielt einen der Pfähle, etwas
+geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und staunte,
+bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in
+ihren Zügen hervorbrachte.</p>
+
+<p>»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie
+langsam mit einer tiefen Altstimme.</p>
+
+<p>Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu
+betreten, vielleicht, weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich
+erhob ich mich halb unter der Last des schweren goldenen
+Sonnenmantels, der lange auf meinen Gliedern und Gedanken
+gelegen hatte, und sagte:</p>
+
+<p>»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den
+Himmel an, und nun auch dich.«</p>
+
+<p>Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie
+schien zu empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art
+reden ließ, wie sie es mit den Leuten ihrer Gegend und
+Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen Stolz verbarg
+sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie
+zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war
+rührend und voll kindlicher Gefaßtheit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a>
+»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange
+unterwegs ...« Ihre Augen musterten mich aufmerksam,
+aber ihr Forschen verletzte nicht. Diese Sinne suchten
+nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen
+es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen.
+Vorsichtig, klug und heiter umwanderten mich die hellen
+Lichter der Augen, voll freundlicher Neugier und bereit
+zu verstehen.</p>
+
+<p>Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien,
+als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar,
+wie eine Pflanze dem Wiesengrund. Die Sonnenglut
+verwob mir alles zu einem einzigen Teppich des
+Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt,
+Pflanzen und Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat
+mir Gewalt an, erhob mich und machte einen Schritt auf
+den Steg zu.</p>
+
+<p>»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir
+helfen.«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und
+löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß
+der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Ich sah
+ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf
+stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So
+entfernte sie sich mehr und mehr von mir, aber sie lächelte
+mich an, als käme sie mir entgegen.</p>
+
+<p>»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg
+zurück. Da sie sah, wie ich mich an meinen alten Platz
+ins Gras sinken ließ und daß kein Anzeichen von Groll
+in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder
+ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a>
+Hand den Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig
+neigte, als sie sich und den Kahn aufs neue daran festhielt.
+Er war schwarz und schien so alt wie die Welt, wie lange
+mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund stecken?
+Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug,
+der sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende
+Silberbahn sank.</p>
+
+<p>»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.</p>
+
+<p>»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse
+...« wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in
+den Sinn gekommen sein, daß sie mir mit dieser Aussage
+das Versteck ihres Geräts verraten hatte. Aber da ich
+weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit Befangenheit
+in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer
+Besorgnis unrecht getan.</p>
+
+<p>Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es
+gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht
+getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht
+mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber
+nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie
+die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die
+Liebe des Bluts und wie die Nacht.</p>
+
+<p>Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein
+Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand
+vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die
+Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke
+sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung
+faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm
+ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände
+sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a>
+die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite
+hinein.</p>
+
+<p>Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun
+wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle
+mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm
+dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und
+mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der
+Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf
+dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des
+Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die
+Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer
+Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter
+Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über
+dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich
+tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker,
+dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege
+und Grab ...</p>
+
+<p>So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde
+empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig
+geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir
+zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung
+für mich geworden und steht zwischen Trennung und
+Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.</p>
+
+<p>Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist,
+aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns,
+wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben
+uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns
+dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist
+dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer
+milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wir<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a>
+Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen,
+doch verwalten.</p>
+
+<p>Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich
+verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit
+und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden
+sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten
+sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem
+Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden
+Sterne verschleierten. Sie und die schmale
+Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen,
+fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem
+Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne
+wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen,
+dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere,
+die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so
+erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren
+Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder
+unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der
+Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in
+Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel.
+Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe,
+wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft,
+schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit
+deines lebendigen Lebens tief in mir und aller
+Liebe.</p>
+
+<p>Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte,
+obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen,
+wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen,
+wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald
+begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a>
+nächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In
+einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht
+wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein
+sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und
+mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar,
+ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer
+wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte,
+um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging
+langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte
+sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.</p>
+
+<p>Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne,
+es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte
+ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind
+durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer
+Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war,
+als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber
+zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt
+über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da
+erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr,
+taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut
+auf &mdash; das Meer!</p>
+
+<p>Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der
+Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit
+faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich
+bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische
+Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie
+war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen,
+das sich in mir und vor mir weitete, als sei das
+Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des
+Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a>
+Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt
+leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom
+der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite.
+Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen,
+mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen
+Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...</p>
+
+<p>Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich
+die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere
+Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem
+weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der
+Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte
+in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot
+wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen
+Dämmerwelt der Küstennacht.</p>
+
+<p>Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und
+sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der
+Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich
+unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor
+uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne,
+das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank
+sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein
+Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich
+ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem
+anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine
+alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln
+gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die
+Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren
+Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine
+Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein
+von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a>
+uns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum
+berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein
+Mensch zu sein.</p>
+
+<p>So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am
+fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft
+seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging
+ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung
+wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu
+gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am
+Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg
+entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm
+ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine
+mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der
+Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete
+stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die
+Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller
+Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe.
+Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen,
+aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich
+von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die
+Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre
+Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.</p>
+
+<p>Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam
+seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein
+bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem
+die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten.
+Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben,
+genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen
+waren und die teilweise lose niederhingen. Es
+war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte,<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a>
+und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher
+sein, hier duftete Hollunder, oder war es
+Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie
+Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und
+erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu
+mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein
+glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher
+nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines
+Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den
+viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem
+das Licht brach.</p>
+
+<p>Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter
+den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein
+breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale
+Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume
+geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen,
+ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte,
+dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor,
+wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.</p>
+
+<p>Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt
+zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein
+Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle
+Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte
+aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten
+darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer,
+ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts
+schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal
+hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen
+Regennacht mehr als eine Stunde lang einem
+großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte,<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a>
+und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von
+uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen
+Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung
+des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es
+ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in
+unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und
+einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam
+waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein
+Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit
+hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine
+Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung
+und dem Todesgrauen, die wie ein langes,
+atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im
+Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen.
+Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und
+meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend
+am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur
+Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft
+mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich
+lange schlief. &mdash;</p>
+
+<p>Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur
+die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich
+her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in
+einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines
+Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit,
+du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in
+deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht
+ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist.
+Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen
+von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a>
+Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war
+mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern
+mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen <ins title="verwand">verwandt</ins>, wer in einem Buche liest,
+ist schon mein Bruder.</p>
+
+<p>Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du
+für ein Buch?«</p>
+
+<p>»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine
+Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«</p>
+
+<p>»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie
+dein Geist das Buch.«</p>
+
+<p>»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als
+käme sie von der Decke herab.«</p>
+
+<p>»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«</p>
+
+<p>»Merkwürdig ...«</p>
+
+<p>»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«</p>
+
+<p>»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt
+erzählen? Er würde dich kaum erfreuen, denn du gehst
+auf besseren Wegen als ich, draußen durch die Sommernacht,
+vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von
+Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«</p>
+
+<p>»Hast du keine anderen Bücher?«</p>
+
+<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p>
+
+<p>»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey
+nicht liest.«</p>
+
+<p>»Dann bist du also Vetter Eberhard.«</p>
+
+<p>»Ich denke nicht daran.«</p>
+
+<p>»Ach ... er wollte kommen.«</p>
+
+<p>»Kommt er immer nachts?«</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht
+kommt er nachts und erschreckt mich wie du es<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a>
+getan hast. Sag' jetzt, wer du bist, sonst muß ich die Unterhaltung
+abbrechen. Ich liege hier im Bett, habe nicht einmal
+ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann.
+Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des
+Hauses, wegen der Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«</p>
+
+<p>»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«</p>
+
+<p>»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig,
+sie hat eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch
+liegt.«</p>
+
+<p>»So soll ich bleiben?«</p>
+
+<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p>
+
+<p>»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du
+mich anerkennst, nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß
+du zu mir herunterkommst.«</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«</p>
+
+<p>»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen
+habe und du willst nicht herabkommen, so verlangt auch
+mich nicht mehr danach, und ich werde meines Wegs
+gehen.«</p>
+
+<p>»Wie unhöflich du bist.«</p>
+
+<p>»Unhöflich ...«</p>
+
+<p>»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu
+einem Herrn? Könntest denn nicht du heraufkommen zu
+mir?«</p>
+
+<p>Nun war es eine Weile still.</p>
+
+<p>»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig
+kann ein Mensch aus seiner Rolle fallen. Welch eine
+törichte Frage das doch war. Die Stimme antwortete
+ohne Eifer:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a>
+»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher
+nicht. Aber erst wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche
+dir getrost alles, was du willst, denn ich weiß, daß du
+schon bei der ersten Bedingung versagst, unter der ich
+meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt
+hast, so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«</p>
+
+<p>Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen
+scholl zu mir herab. Jetzt geht noch das Licht aus und
+das Fenster wird geschlossen, dachte ich mutlos. Aber es
+geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, wie
+eine Seite im Buch umgeblättert wurde.</p>
+
+<p>Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach,
+wollte Gott, ich fände einst das Ende so leicht und froh,
+wie ich alle Anfänge gefunden habe.</p>
+
+<p>»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.</p>
+
+<p>Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die
+Luft, raschelte wild im Gezweig und schlug klatschend neben
+mir am Boden auf. Das war das Buch.</p>
+
+<p>»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.</p>
+
+<p>»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine
+Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel
+Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem
+jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm
+seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum
+Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen
+willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich
+muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte
+mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht
+in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a>
+immer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert?
+Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt
+habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben,
+und dann wird er es sein.</p>
+
+<p>Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst
+mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und
+oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es
+auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du
+füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist
+in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie
+eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der
+eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem
+Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in
+beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr,
+der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.</p>
+
+<p>Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht
+unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört
+habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken
+entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen
+Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob
+du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß,
+wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen
+könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen
+strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist,
+das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller
+Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht,
+das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen
+Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich
+abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt
+du noch von ihm?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a>
+Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört
+ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch
+sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der
+Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom
+Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes
+Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere
+Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt,
+und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon
+euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun,
+oder bin ich gehorsam? <ins title="Sieh">Sieh</ins>, ich möchte mehr wissen, als nur,
+daß du hell bist.«</p>
+
+<p>So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und
+sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit
+des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte
+ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du
+kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und
+Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.</p>
+
+<p>Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares
+fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer.
+Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da
+draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene,
+unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer,
+dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am
+Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers
+einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne
+Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten
+ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die
+Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.</p>
+
+<p>Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause
+emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a>
+verwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten,
+ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin
+schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich
+würden einige von ihnen aufgescheucht werden.
+Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und
+das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der
+Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine
+Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches
+Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige
+Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht
+meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde
+Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach!
+Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner
+sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...</p>
+
+<p>Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor,
+saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum.
+Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein
+durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der
+Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden
+Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem
+Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer
+wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von
+Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit,
+Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das
+Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner
+Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor
+mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb,
+wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder,
+trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen
+Rand.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a>
+Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie
+mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind
+wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was
+sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende
+Angst davor, das Mädchen möchte erwachen,
+auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren
+Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern
+konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen
+sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese
+Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge
+Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst
+mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte
+ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare
+Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die
+Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied,
+nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte
+vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem
+kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang
+zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die
+mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit
+dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und
+führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung
+meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.</p>
+
+<p>Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken
+auf und nahm mit beiden Händen meine Hand:</p>
+
+<p>»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen,
+und ich bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir.
+Aber glaube doch, ich habe das meiste gehört, es war wirklich
+sehr schön, besonders der Anfang. Bist du böse?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Wer bist du?«</p>
+
+<p>»Sicher kein Gespenst &mdash; du schaust mich an, als sei
+ich eins. Bitte gib mir mein Hemd.«</p>
+
+<p>Ich sah mich um.</p>
+
+<p>»Dort am Waschtisch.«</p>
+
+<p>Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch,
+und reichte es ihr, wie im Traum. Es flatterte auf
+wie ein Nebelwölkchen im Licht, senkte sich zwischen den
+erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte wieder
+im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus
+betörend zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß
+und sicher an, zugleich hell und dunkel, mit lächelndem
+Forschen, ohne Schüchternheit, aber ernst.</p>
+
+<p>»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich
+Baronesse, Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut
+aber nichts zur Sache, ich lege keinen Wert darauf, und
+wer bist du?«</p>
+
+<p>»Worauf legst du Wert?«</p>
+
+<p>»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein
+gutes Buch und kluge Männer.«</p>
+
+<p>»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und
+einen klugen Mann.«</p>
+
+<p>»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst
+du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten
+über Moral zu halten?«</p>
+
+<p>»<ins title="Setzst">Setzt</ins> du
+voraus, daß man unmoralisch ist, wenn
+man zu einem Mädchen einsteigt?«</p>
+
+<p>»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus,
+aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt
+habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a>
+Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung
+und erschrak heiß.</p>
+
+<p>»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich
+abweisend.</p>
+
+<p>»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus?
+Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand.
+Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen
+wirst?«</p>
+
+<p>»Du kannst nicht lieben, Kaja.«</p>
+
+<p>Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich &mdash; nicht &mdash;
+lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei
+Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl
+auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch
+einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte,
+wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie
+die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war
+ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb
+nicht?«</p>
+
+<p>»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich,
+Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß
+ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge
+von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht
+es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«</p>
+
+<p>Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein
+schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine
+Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.</p>
+
+<p>»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand,
+»du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament.
+Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert.
+Jetzt machst du mich ganz befangen, fromme<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a>
+Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung
+recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit
+und Dummheit sind eine schreckliche Mischung.
+Dumm bist du nicht &mdash; aber gesinnungstüchtig? Wie
+gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an,
+das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich
+umgibt. Es wird dich beruhigen.«</p>
+
+<p>Ich wollte antworten: &gt;Du verspottest mich&lt;, aber ein
+trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann
+Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen,
+dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die
+ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden,
+aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine
+Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel
+weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht
+umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht,
+als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber
+ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel
+geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges
+Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld
+heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr,
+tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten
+mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen
+Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige
+Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:</p>
+
+<p>»Du verstellst dich, Kaja.«</p>
+
+<p>»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier
+auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich?
+Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer
+einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a>
+»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau
+sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer
+noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«</p>
+
+<p>»Ach &mdash; so &mdash;«</p>
+
+<p>»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst,
+Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen,
+die ohne Wolkenwoge schöner sind.«</p>
+
+<p>Sie verstand sofort:</p>
+
+<p>»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie
+bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als
+zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge
+zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft
+hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen
+wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog
+ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und
+schüchtern.</p>
+
+<p>Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit
+ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner
+Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein
+Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war,
+bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen
+und Trotz.</p>
+
+<p>»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.</p>
+
+<p>&mdash; Du große Frühlingsfrage!</p>
+
+<p>Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch
+weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht
+überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die
+gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den
+großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern
+zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a>
+Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt,
+ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft
+zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. &mdash;</p>
+
+<p>Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden
+Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen
+zu lassen, das uns blendete.</p>
+
+<p>Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken,
+diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und
+alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und
+rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen
+Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene
+Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt
+von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend
+Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die
+kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen
+und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht,
+wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken,
+fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der
+Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen
+Boden, und über die ihren, und fort und fort.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten,
+wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle,
+gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der
+wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit,
+daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich
+nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang
+den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a>
+helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück,
+aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.</p>
+
+<p>»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch
+schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du
+nicht? Schau doch hin!«</p>
+
+<p>Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab,
+als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang
+empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper
+und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen
+Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag
+alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie
+mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens
+zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust.
+Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können.
+Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom
+von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles
+von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so
+kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele
+nicht Raum darin findet?</p>
+
+<p>Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus
+und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im
+Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am
+Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht,
+beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den
+ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand
+hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park.
+Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten
+ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen
+wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch
+unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a>
+ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand
+nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer
+und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.</p>
+
+<p>Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen
+Wellen nahen und sich im Morgenrot auf den Strand
+werfen. Es roch nach Seetang und mir war, als schmeckte
+ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich
+die in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs,
+auf deren Giebeln bräunliches Licht lag. Es war kein
+Segel am Horizont zu sehen, kein Inselland, nur fern
+vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes
+Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen
+klein wie Spielzeug aus und bewegten sich träge.</p>
+
+<p>Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins
+Wasser. Der kalte nasse Sand an meinen Füßen rann
+mit den kommenden und weichenden Wellen unter mir
+fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht
+mehr den Menschen, wo das Reich des fremden Elements
+begann. Ein Möwenschrei ließ mich den Kopf wenden,
+da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und bräunlichrot,
+noch stieg kein Rauch aus den Hütten.</p>
+
+<p>Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe
+meiner Seele erschütterten mich so mächtig, daß ich
+aufsingen mußte, einen hilflosen, wilden, jauchzenden Gesang,
+voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, Gebet
+und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen,
+mächtigen Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit
+mich gelehrt hatten, und die meiner schlafenden
+Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. Nun
+habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a>
+weiß ich nun, und meine Lust und Trauer sind nicht mehr
+mein Teil allein. Aber mein Gesang von einst bleibt wie
+ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn fern höre,
+so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach
+sein wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd,
+ein heiliges Kleid.</p>
+
+<p>Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden
+Sonne, die aus dem Meer emporstieg und
+Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen miteinander
+vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen,
+und erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde,
+Wasser und Himmel voneinander.</p>
+
+<p>Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes
+Boot, das umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die
+Morgensonne unter sein schwarzes Dach schien. Ich
+kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen
+eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den
+Sand, um zu schlafen. Langsam nahmen die Musik der
+Wogen, das Morgensonnenlicht und der tragende Boden
+sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser Elemente
+und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied.
+Aber im Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen
+Leben, und ich sah große Bilder und weite Landschaften
+von solcher Freiheit, daß ich schluchzte. Ein breiter
+ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt bestand
+aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst
+mich, wie im leeren Raum, der sonderbar wogte und
+spiegelte, auf der anderen lag bunt und deutlich die Fülle
+der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich sah beblühte
+Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a>
+Baumgruppen, Quellen und Ströme. Und mitten darin,
+wie geboren und erblüht aus diesem lieblichen und mächtigen
+Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar funkelte,
+ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der
+Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle
+Pflanzen im Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen
+der Bäume, das Flüstern der Gräser und der Vogelgesang.
+Schattige Gründe der Triften, Kelche und Früchte
+waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe
+zu bringen, was diese Schultern und Hüften trugen, die
+reinen Glieder und der unnennbare Grund und Wesenssinn
+des ganzen Leibes, den kein Name benennt und kein
+Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet.
+Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und
+diese betörende Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an,
+Vergangenheit aber und Ewigkeit lagen, wie eine Einheit,
+auf meiner Seite der Welt, die erhaben und traurig war.</p>
+
+<p>Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren
+und klaren Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte,
+so nah, und doch von ihr geschieden, sprachen zu
+mir und waren ich. Geh hinüber &mdash; bleibe hier. Und so
+fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich
+ein und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. &mdash;</p>
+
+<p>Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte,
+mochte es, dem Stand der Sonne nach, gegen
+elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich und alsbald
+völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen Bootmuschel
+hervor und taumelte vor Glück und Licht in der
+Sonne, die über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a>
+schüttelte den Sand aus meinen Kleidern und brachte sie
+in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag der
+Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich
+im freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber
+klar, daß dieser Besuch stattfinden mußte, vermochte
+mir allerdings über die Art keine Vorstellung zu machen.</p>
+
+<p>Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich
+nun nach allen Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame
+vorgestellt werde, die ich besser kenne, als alle, die ihr Leben
+von Anfang an mit ihr geteilt haben. Eine heiße Liebe
+zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie sollte ich
+nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich
+doch das Ungewöhnliche bestanden habe?</p>
+
+<p>Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot,
+in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das
+ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und
+begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es
+war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und
+überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten
+durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten.
+Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen,
+denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im
+Jahr.</p>
+
+<p>Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in
+den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar
+mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche
+waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt.
+Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam
+auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer
+Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a>
+ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen.
+Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich
+tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles
+Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut
+aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken
+bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen
+fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder,
+und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht
+von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich
+hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres
+späten Lebenstages.</p>
+
+<p>Als wir auf dem Weg einander näher gekommen
+waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen
+Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies
+am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls
+stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine
+große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt
+war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um
+ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte
+mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem
+Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung
+bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.</p>
+
+<p>Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich
+aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und
+sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:</p>
+
+<p>»Guten Morgen, guten Morgen.«</p>
+
+<p>Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den
+Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit
+mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig
+ausfiel.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a>
+Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin
+nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend.
+Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges
+Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer
+Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten
+Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben
+sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen
+Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief,
+ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um
+meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken
+Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen
+Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen
+sein letztes Wirken.</p>
+
+<p>Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung
+eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung
+forderte, er ging von dem Begleiter der Dame
+aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich
+offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen
+entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß
+irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem
+heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren
+unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen
+Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort
+wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf
+aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.</p>
+
+<p>»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.</p>
+
+<p>Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit,
+die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam.
+Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine
+Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a>
+den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich
+Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm
+erneut Haltung an.</p>
+
+<p>Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr
+freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu:
+»Was führt Sie zu uns?«</p>
+
+<p>Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns
+auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.</p>
+
+<p>»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame
+freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte
+Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.</p>
+
+<p>Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden
+Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber
+ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ
+ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.</p>
+
+<p>»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen
+ja!«</p>
+
+<p>Ich entschuldigte mich rasch:</p>
+
+<p>»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.</p>
+
+<p>Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:</p>
+
+<p>»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen,
+ich bin etwas schwerhörig.«</p>
+
+<p>Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.</p>
+
+<p>Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm
+das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner
+Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie
+mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß
+sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und
+daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten,
+die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a>
+»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier
+ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir
+wohnen hier einsam.«</p>
+
+<p>Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu
+werden.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«,
+sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß
+ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin
+ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student,
+ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise,
+es sind zugleich die Sommerferien.«</p>
+
+<p>Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu
+zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen
+mußte, wenn ich verstanden werden wollte.</p>
+
+<p>»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun
+langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.</p>
+
+<p>»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.</p>
+
+<p>»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl
+auch Algen?«</p>
+
+<p>Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und
+musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll
+heiterer Bescheidung.</p>
+
+<p>»Auch Algen!« rief ich.</p>
+
+<p>»Wie?« fragte sie bestürzt.</p>
+
+<p>»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.</p>
+
+<p>»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja
+schon.«</p>
+
+<p>Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von
+Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten
+hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a>
+geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge
+um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.</p>
+
+<p>Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht
+werden, damit die Kette sich nicht verwickelte.
+Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien
+verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen
+einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es
+zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick
+auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.</p>
+
+<p>»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen.
+»Nieder mit dir!«</p>
+
+<p>Niko verkroch sich.</p>
+
+<p>»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte
+Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an,
+ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie
+zu wirken.</p>
+
+<p>»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete
+ich.</p>
+
+<p>»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem
+mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht
+auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager
+hart.«</p>
+
+<p>»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß
+Haus und Park mit einer Armbewegung.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«</p>
+
+<p>Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter
+beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede,
+der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie
+ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie
+kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a>
+Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit
+großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen
+im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand
+zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und
+alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ...
+ich begann zu grübeln.</p>
+
+<p>»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen
+Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine
+Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage
+die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich,
+und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht
+mehr. Einmal sah ich eine edle Taube &mdash; mein Bruder
+hielt Tauben &mdash;, die in einen Fabriksaal geraten war, in
+dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten
+und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin
+und her und war außer sich! So fühle ich mich in der
+Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch
+hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung
+zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie
+lächelte nachsichtig.</p>
+
+<p>Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung
+des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen
+wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte
+ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen
+möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten
+Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß
+war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen
+auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen
+Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt
+durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte,<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a>
+den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit,
+sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später
+kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen
+können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich
+gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein
+Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?«
+gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen
+überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig,
+deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:</p>
+
+<p>»Nieder Niko!«</p>
+
+<p>Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und
+verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte,
+worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an
+meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und
+unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die
+Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei
+manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der
+unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte
+auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch
+um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines
+oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit
+den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen
+Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren,
+da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur
+ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen
+Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit,
+sie erklärte den Charakter und Lebensanstand
+ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung
+und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen.
+Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a>
+aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte,
+mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu
+haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des
+jungen Mädchens in Frage zu stellen.</p>
+
+<p>»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich
+und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen
+will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug
+anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich
+ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas
+kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß,
+ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne
+habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre
+alte Tante doch nicht zum Narren haben. &mdash; Kaja, ich
+spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen,
+dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden
+und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle
+ich sie Ihnen vor.«</p>
+
+<p>Sie richtete ihr Horn auf mich.</p>
+
+<p>»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.</p>
+
+<p>»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim
+Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide
+darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge
+möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege
+ich denn während ihres Bades hier im Park und auch
+am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und
+Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es
+wäre ja auch schrecklich!«</p>
+
+<p>Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite,
+zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank
+hervor und drängte auf das Haus zu.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a>
+»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie
+herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die
+entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer
+Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette,
+die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst
+unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm
+hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs
+unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht
+zu unterscheiden.</p>
+
+<p>»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko
+schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich
+mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe
+ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen
+vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen
+an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja
+gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer,
+ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der
+Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist
+ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes
+erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder
+Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch
+heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen
+der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet
+sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin,
+der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres
+Haars ...</p>
+
+<p>»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so
+machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante
+Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir
+dann etwas zu uns nehmen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a>
+Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern
+und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine
+weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein
+Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin,
+und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag
+um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!</p>
+
+<p>»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte
+deutlich, daß es verächtlich klang.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung
+verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«</p>
+
+<p>Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie
+nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie
+mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah
+dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?«
+fragte ihr Blick die Tante.</p>
+
+<p>Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines
+Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.</p>
+
+<p>Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß,
+aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.</p>
+
+<p>»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet,
+aber ein junger Student auf der Reise. Er ist Naturforscher
+und hier fremd.«</p>
+
+<p>Kaja machte einen strengen Knicks.</p>
+
+<p>»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante
+fort, »wir unterhalten uns hier noch ein Weilchen.«</p>
+
+<p>»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja
+zu mir, »nachher komm schwimmen. Du siehst schrecklich
+aus im Tageslicht, man schämt sich ja. Also auf Wiedersehen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a>
+Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte
+aussprechen konnte und dazu ein Gesicht machen, als sagte
+er, betroffen und verlegen: »Guten Morgen, mein Herr,
+ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe,
+daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«</p>
+
+<p>Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen
+in sich hinein, und man sah den Bewegungen ihrer Hände
+an, daß ihr ein Hindernis als überwunden galt.</p>
+
+<p>»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es
+die Schlußzeile eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.</p>
+
+<p>Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine
+Unterkunft suchen zu dürfen, und half ihr damit aus ihrer
+kleinen Verlegenheit. Während sie sich zu Niko niederbeugte,
+schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre gestielte
+Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und
+steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte
+ich damit für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen,
+um als glücklicher und ehrlicher Finder empfangen
+zu werden. &mdash;</p>
+
+<p>Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten
+Gras des Strandes und zog sich aus. Sie hatte einen
+Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu sehen war, da
+die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem
+unterspülten Hang.</p>
+
+<p>»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir
+fertig geworden bist, ist keine Heldentat, denn ich habe es
+dir leicht gemacht, aber mit Tante <ins title="Mimsey das">Mimsey &mdash; das</ins>
+will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir wohlgesinnt
+ist.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a>
+»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten.
+Bist du noch einmal eingeschlafen?«</p>
+
+<p>»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht
+sie nicht.«</p>
+
+<p>Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit,
+die sich in meiner lächerlichen Frage kundgetan hatte, und
+begriff, daß um Kaja der Seewind strich. Aber die Allmacht
+ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare Prüfung.
+Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen,
+je mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden
+Hüllen emporstieg. Als sie ihr Hemd fortwarf, kehrte
+sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:</p>
+
+<p>»Man muß dich ja schonen, du Armer.«</p>
+
+<p>Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll
+Roheit gegeben, als ich da nun im Sand lag, das Gesicht
+in den Händen und bebte.</p>
+
+<p>»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte
+durch die Buchen zu spähen.</p>
+
+<p>»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.</p>
+
+<p>Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.</p>
+
+<p>»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen
+raubst du«, stellte sie nachdenklich fest. »Aus dir wird
+man nicht klug. Aber vor allen Dingen mußt du jetzt
+etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für dich.«</p>
+
+<p>»Daran hast du gedacht, Kaja?«</p>
+
+<p>Sie sah mich fragend an.</p>
+
+<p>Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter
+diesen Augen war ich es ohne Arg. Ich werde niemals
+zu schildern vermögen, woher die Gefahr und Wohltat
+dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a>
+verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und
+Schuld war ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit.
+Man vermochte in ihr zu sein, beglückt oder traurig,
+aber erreichbar war sie nicht.</p>
+
+<p>Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer
+gerichtet, mitten in der Sonne, und rauchte. Ihr Haar
+fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, als schiene die
+Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet,
+in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern.
+Nun hob sie es langsam, ohne die Zigarette aus
+dem Mund zu nehmen, mit beiden Händen, und barg es
+unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es beim
+Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue
+Rauchsäule erhob sich lebendig über ihr und wanderte,
+sich leicht zerteilend, lautlos ins Buchengrün empor.</p>
+
+<p>Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und
+öffnete sich ganz den Sonnenstrahlen, wie eine blühende
+Pflanze. Sie breitete ihre Arme aus, und als sie die
+leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie mir
+gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten
+und umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und
+durstig. Aber von einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch,
+ja verächtlich, so daß mir war, als saugte das
+Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen Abgrund
+von ewiger Selbstverlorenheit.</p>
+
+<p>Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als
+würfe sie es fort. Keine Geste schien ihr verächtlicher zu
+sein, als die der Darbietung. Dankbar ist sie nicht, dachte
+ich, als dächte ein anderer für mich. Eines guten Mannes
+gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a>
+eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders
+zu denken, als im Talgrund der Dankbarkeit eines
+durch ihn begnadeten Weibes. Ich mußte lachen, und
+Kaja sah sich nach mir um.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin
+eines braven Mannes vorstellte.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her,
+wie ausschweifend du in deinen Gedanken bist.«</p>
+
+<p>»Erzähle mir von dir, Kaja.«</p>
+
+<p>»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest
+mich endlich kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig
+ihr doch seid, daß ihr den Mädchen erlaubt sich zu beschreiben,
+wie sie gesehen sein möchten. Es geschieht, weil
+ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil ihr es
+nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist
+immer dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung
+an und nennen es Verständnis, dann verstehen sie einander
+endlich und werfen sich Täuschung vor. Ein lächerliches
+Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«</p>
+
+<p>Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt
+für Schritt, maß sie den feuchten Teppich, ging in Meer
+und Himmel über und schien die helle Welt, das schöne
+Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie annahm. Als
+eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm
+ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen
+und verschmolz mit dem kühlen Wasser wie für immer.</p>
+
+<p>Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich
+beides zu dieser Stunde vermochte, aber es ging, und ich
+fühlte eine schmerzende Zweiheit wunderbar in mir heilen.<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a>
+Zugleich aber sank es um mich her nieder, als fielen die
+Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu
+Dingen geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige
+ich nun? fragte ich mein Herz, aber als Antwort hörte
+ich nur den fühllosen Frohsinn der großen Wellen erklingen,
+die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und sich
+erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut
+meine Brust sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein,
+Asja, liegt weit in der Ferne, bei der großen Stadt,
+dein Grabhügel. &mdash;</p>
+
+<p>In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit
+stampfte ich bald darauf durch die Mittagssonne am
+Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war nicht
+ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte,
+daß ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im
+Lande blieb. Ist so Wichtiges, so Lebendiges, so viel
+glückliches Tun mir gelungen, so wird sich das Beiwerk
+dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach
+Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben,
+einen Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.</p>
+
+<p>Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer
+wieder von mir hören, wie groß es sei. Ich hatte es
+nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht gewinnen kann
+im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug
+einer beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir
+sagte, daß ich Kaja liebte mit der ganzen Inbrunst und
+aus tiefster Seele, so erschien es mir in der eroberten
+Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts
+doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen.
+Sonderbar und mütterlich lächelte der Weltgeist<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a>
+mich an, gnädig und zögernd, als sei ihm ein Irrtum
+gefällig.</p>
+
+<p>Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte
+ich, diese gewalttätige Verlassenheit, die die begrünte Erde
+vergessen macht. Ich blieb stehen und hörte den Wellen
+zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich meiner, und
+ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in
+uns mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes
+Wrack, das schwarze Rippen in den fahlen
+Sonnenglanz emporreckte.</p>
+
+<p>Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen
+nassen Sand, den die Flut bespülte, und beobachtete, wie
+die Wogen es auslöschten. Ich grub die Buchstaben tiefer
+ein und sah abwartend und begierig auf die sanft heraneilenden,
+durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über
+den Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen,
+niederbrachen, wie mit Gelächter, und sich breit
+und gelassen verebbend ausbreiteten und zerteilten. Sie
+löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen zu sich
+selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche
+Art, ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob
+ich stumm ihr geglättetes Sandbett betrachtete.</p>
+
+<p>Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein
+Herz zu hüten, aber ihre Macht war eindringlich und
+der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine süße Wollust. Und
+plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf der bewohnten
+Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den
+Knabenernst meiner Absichten, über das Lebensgewicht
+der kommenden Jahre, voll Streben, Erfolg und Wirken,
+über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen werdet euch<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a>
+im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen
+oder im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen,
+zurückfluten und aufs neue in vergänglichem
+Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.</p>
+
+<p>Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand.
+Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten
+und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos
+dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner
+alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, ein
+leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste
+Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingesunken und
+verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die
+dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten
+Wesenheit.</p>
+
+<p>Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses
+Lächeln gebildet, als mir sonderbar deutlich Asjas Worte
+über den Wandel der Natur zum Bewußtsein kamen,
+und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der
+Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise
+emporzuheben, allein der Geist.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine
+mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern,
+hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit
+Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein
+Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox
+und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land
+ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des
+kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen
+Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a>
+am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt,
+und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch
+von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir
+warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie
+Engel, zu mir und ermutigten mich.</p>
+
+<p>Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang
+war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah
+und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich
+ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln.
+Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit
+an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich
+eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob
+dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung
+zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte
+sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann
+vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung
+auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren,
+daß sie keine Zustimmung herausforderten.</p>
+
+<p>Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit
+feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu
+streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen
+Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen
+mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres
+Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und
+den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen
+schien.</p>
+
+<p>Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen
+Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen,
+wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich
+heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt,<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a>
+der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis
+von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug
+zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze
+Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis
+zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte
+er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich
+ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich
+eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte
+mich auf niederdeutsch, was mein Begehr <ins title="sein">sei</ins>, und da
+ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer
+auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit
+ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause
+finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich
+nicht. Ob ich ein Franzose sei.</p>
+
+<p>»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.</p>
+
+<p>»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in
+seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«</p>
+
+<p>»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«</p>
+
+<p>Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.</p>
+
+<p>»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß
+schickt Sie zu mir?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«</p>
+
+<p>»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm
+keinen besonderen Eindruck zu machen. »Ich würde mich
+an die Junge halten, wenn ich in deiner Haut steckte.«</p>
+
+<p>»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete
+ich und wies auf meinen Rock.</p>
+
+<p>Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er
+irgend ein Ziel draußen auf dem Deich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a>
+»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen
+Mann nach seinem Rock gewählt, das bilden sich nur die
+Laffen ein, die nichts als ihren Frack besitzen. Aber was
+man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind geredet. Eine
+Kammer habe ich, was gibst du mir?«</p>
+
+<p>Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine
+Summe zu hoch zu finden, die ich doch nicht bezahlen
+konnte.</p>
+
+<p>»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,«
+sagte der Alte, »so kannst du Unterkunft bei deiner Baronin
+suchen.«</p>
+
+<p>Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu
+ebener Erde enthielt nicht viel mehr als ein Bett, aber der
+Boden war mit weißem Sand bestreut, und das Fenster
+führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein Bündel
+gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen
+Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um
+das Gewicht nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er
+sagte: »Nun ja ... wirst auch nur eine Mutter gehabt
+haben.«</p>
+
+<p>Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich
+wohlwollend, denn es stellte eine Art Gemeinschaft
+zwischen ihm und mir her, als habe er nach etwas gesucht,
+das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt
+hatten.</p>
+
+<p>»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte
+er mir auf meine Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt
+dich an deine Schloßmuhme,« fügte er hinzu, »sonst hat's
+gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um sie fortzutragen,
+und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a>
+dem Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie
+eine Krippe.</p>
+
+<p>Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern
+Stuben des Hauses und durch den Garten, der Alte zeigte
+mir alles. Der Brunnen befand sich weiter draußen im
+Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie kleine
+Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden
+sei für die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze
+und die Boote waren ihm doch das wichtigste. Ich bot
+ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber er spie nur aus,
+und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen
+Lippen nach, wie er das Weite suchte. &mdash;</p>
+
+<p>Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten
+eines struppigen Busches. Da ich am Nachmittag
+mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, dessen Pflanzen
+gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, daß
+ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm
+teilte. Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf
+zurück, ein siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar,
+so hell wie Flachs. Ihre blauen Augen sahen ernst und
+mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne andere Einschätzung,
+als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte
+nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie
+war von unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt,
+andere Menschen als die Dorfbewohner zu sehen.
+Auch wollte ich mich aufmachen, um im Wasserschlößchen
+meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein
+schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen
+eines wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten
+war mir lieber. Ich ließ das Fenster meiner Kammer<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a>
+leicht angelehnt offen stehen und verabschiedete mich ohne
+Erklärungen.</p>
+
+<p>»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir
+einen großen Fisch.</p>
+
+<p>Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte
+Fisch waren mir Gewähr, eine gute Aufnahme zu
+finden. Die Sonne stand nun hinter dem Land und das
+Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe
+man viel weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und
+die <ins title="Möven">Möwen</ins> waren
+blendend weiß und schwebten klar geschieden
+und ruhig im farbigen Himmel. Alles war
+wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des
+Sonnenaufgangs und die blendenden Bewegungen der
+Elemente, die brausenden Wogen aus Glanz und Flut
+waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu
+haben.</p>
+
+<p>Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern,
+eine Mühle am Horizont, deren Flügel sich
+bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. Es verband sich
+mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie der
+erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit
+sich zu bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und
+mich einrichten, das war mir fremd.</p>
+
+<p>Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in
+den Stürzen der Flut vor meinen Augen, verwoben
+in die Elemente der Natur, zugleich Plan und Entzückung,
+unerreichbar, um mich her und tief in mir.
+Wie ruhlos machst du mich durch die Trennung, Kaja,
+und welche Trennung von mir selbst ist die Beruhigung
+deiner Nähe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a>
+Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante
+Mimsey an einem gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte
+durch die Büsche, die die Gartenpforte übergrünten, und
+erkannte Niko auf ihrem Schoß, der schlief. Etwas
+abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war
+ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und
+ich fand in der Gewohnheit dieser Stunde die innere
+Haltung mich ihr einzufügen.</p>
+
+<p>»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut
+und hielt mir ihre liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts
+in der Welt, das je zwischen uns treten könnte. Kaja
+drehte sich um, knixte steif und wischte ihren Pinsel am
+Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den
+Fisch und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem
+Tisch, als ob er herabfiele und kam nicht mehr zum
+Vorschein.</p>
+
+<p>Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den
+Butt erblickte, den sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang
+brachte, und an dessen Tod sie erst glaubte,
+als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir zärtlich,
+ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter
+Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung
+rührte sie, sie verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den
+Fisch für tot hielt und ihre Brille mit frohem Dank
+zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu Gott
+stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten,
+am wenigsten laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«,
+und überlegte mir die Sache. Kaja erschwerte mir den
+geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich umzudrehen,
+gleichmütig:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a>
+»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«</p>
+
+<p>Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung
+war: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts
+mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«</p>
+
+<p>»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey
+liebevoll und schob mir ein großes Stück Kuchen hin.</p>
+
+<p>War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung
+der alten Dame zu religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen
+Äußerlichkeit, wie sie so oft in welken Gemütern
+angetroffen wird, die eher eines undurchdachten
+Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so irrte
+ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und
+Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten,
+still, heiter und in kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler
+bestand in der Hauptsache nur darin, daß sie niemanden
+für glücklich zu halten vermochte, der ihre Welt nicht
+teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer aufrichtigen
+Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für
+erwiesen zu halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden,
+ohne deshalb eine Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich
+oft über Kaja, die ihre Zustimmung übertrieb, um zu
+spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel weiter
+ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber
+ihr Hohn war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche
+Kraft der Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an
+meinem heimlichen Tadel irre wurde, denn ich empfand
+sie als kalt, mich aber als lau.</p>
+
+<p>Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr
+Bild auf der Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr
+Ausdruck von Arglosigkeit und Unschuld war so vollkommen,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a>
+so ohne einen Schatten von Verstellung oder
+Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl
+so schmerzlicher Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah,
+daß ich glaubte, mein Herz schmerzen zu fühlen, wie in
+einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht geöffneter
+Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe
+Forschen ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar
+zu einem wehen und süßen Gehorsam der Hingabe,
+daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom
+heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte
+mit Angst nach den Merkmalen ihrer schrankenlosen
+Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen ihrer dämonischen
+Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust
+ohne Halt &mdash; kein Hauch von Schwüle oder Glut
+lag um die klare Stirn, kein Feuer unheiliger Gier
+des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die Kinderbläue
+des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.</p>
+
+<p>Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem
+farbigen Odem einer Wiesenblume im Morgentau vergleichbar
+war, hatte eine furchtbare Wirkung auf die
+schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff
+mit Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller
+Werte, in der die heiligen Feuer meiner Leidenschaft und
+Liebe mir unrein erschienen, und ihre dämonische Priesterin
+von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner entflammten
+und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen
+und betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen,
+der weit höheren Gesetzen unterworfen war, als sein
+Schöpferwesen sie umfaßte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a>
+Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß
+ich mich mit Kaja oder meinem Gedanken beschäftigte,
+diesen beiden Elementen, um derer willen mir das Leben
+allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den
+Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie
+in einer gemütlichen Tortur, die mich zugleich in Erstaunen
+setzte und ungeduldig machte. Wenn ich von
+ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen
+für einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand
+angeregt, an Asja dachte, so war mir, als sähe
+ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf dessen
+Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen
+dunklen See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.</p>
+
+<p>»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey
+innig, »die Welt ist an Liebe arm, erst wenn wir diese
+Absicht an den Tag legen, wird es besser.«</p>
+
+<p>»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die
+mir mit gefalteten Händen gegenübersaß.</p>
+
+<p>Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen,
+gemeinsam mit einem Päckchen von Schriften. Sie schien
+nach einem Gegenstand Umschau zu halten, der ihr fehlte;
+endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und Kaja zog
+eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt
+Tante Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf
+dem Tisch fest, daß sie aufrecht emporstand und forderte
+mich auf, mit der Nadel in die leicht zusammengehaltenen
+Blätter zu stechen.</p>
+
+<p>Das war mir neu, und ich zögerte.</p>
+
+<p>»Mutig«, sagte Kaja freundlich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a>
+Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des
+Spalts, und Tante Mimsey nahm die Brille.</p>
+
+<p>»Nun werden wir sehen«, sagte sie.</p>
+
+<p>Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich
+bisher nur gewußt hatte, daß er vor Zephanja kommt.
+Tante Mimsey vergrößerte mit einer Lupe, was von
+seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das Zehnfache,
+und begann zu lesen.</p>
+
+<p>»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und
+sah mich an.</p>
+
+<p>Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:</p>
+
+<p>»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender,
+denn die Wölfe des Abends. Ihre Reiter ziehen
+in großen Haufen von ferne daher, als flögen sie, wie
+die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die
+Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte
+man Parder.«</p>
+
+<p>Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte
+ich mich in meinem Blick, meine Lippen erstarrten
+mir wie unter einem herben Schmerz.</p>
+
+<p>Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch
+meinen Blick, und von ihren hellen Lidern strahlte mir
+mein unmögliches Wesen zurück, wie ein Strom von
+Traurigkeit.</p>
+
+<p>Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen
+Kapitels auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen
+des alten Propheten auf das kommende Reich des Heilands
+und verglich die angeführten Übeltäter mit den
+Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage,
+in denen sie lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a>
+darauf zu sprechen, daß deshalb die Wiederkunft des Herrn
+unmittelbar bevorstünde.</p>
+
+<p>Kaja sah auf die Uhr.</p>
+
+<p>»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte
+Tante Mimsey geheimnisvoll mit und sah warnend drein.</p>
+
+<p>»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die
+Tante wird hellsichtig. Nimm dir heute nacht ein Beispiel
+am Dieb und sei pünktlich.«</p>
+
+<p>Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand
+und ging, nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht
+hatte, ins Haus. Nun wäre Andacht möglich gewesen,
+wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja zu
+folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte
+er unter seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu
+kommen, so daß der Kies flog. Tante Mimsey gewahrte
+es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk versenkt hatte.
+Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko
+atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt
+seine stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung,
+die nicht hinausgeschoben werden durfte. Sie
+ließ alles stehen und liegen wie es war, löste die Kette von
+der Banklehne und ließ sich von Niko davonzerren. Beim
+Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die
+Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne
+Bedrängnis zu folgen vermochte; aber dann entschwand
+auch sie meinen Blicken, und es wurde still im sommerlichen
+Garten.</p>
+
+<p>Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert
+und zugleich unbefriedigt. Der Gleichmut der
+Meerstimmen zog mich an, und solange ich nicht daran<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a>
+dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte
+sich langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang
+der sinkenden Sonne auf dem Wasser. Ich glaubte
+den weiten Schattenteppich zu erkennen, den die Parkbäume
+aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit
+ruhigem Flügelschlag, rot beschienen, es war so still,
+als sei die Welt verlassen. Der Seetang duftete schwül
+und fremdartig.</p>
+
+<p>Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden
+Eindrücke nicht mehr gewohnt und sah Kaja wie in
+einem Narrenkleid einhergehen. Die Verführungen dieser
+arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich bitterlich, obgleich
+ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu nehmen, was
+sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen
+Tags. Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges
+zu retten, das in diesen Einflüssen herabgesetzt wurde
+und verdarb. Es fiel Staub darauf, und alles wurde
+kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und umher
+standen hämische Verkünder der Erniedrigung.</p>
+
+<p>Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen
+und vermochte in meinen Gedanken zu verweilen, wo
+immer ich wollte. Die Sterne und Stunden waren meine
+Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich Ewigkeiten.
+Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah
+die Erde in die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig,
+welcher von ihnen mich trug. Jetzt war es die
+Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, die Stirn
+gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer
+Klarheit zum Meergesang hereinbrach, um so größer
+wurden die Sterne und um so kleiner die Erde.<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>&mdash;</p>
+
+<p>Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir
+im Garten entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel,
+schien nur spärlich durch die Baumkronen zu uns
+nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft in diesem
+geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur
+undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein
+äußerer Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und
+dunkel und der Park im leeren Land wie eine Insel. Das
+Gras duftete feucht, und die Grillen feilten an ihren undeutbaren
+Stätten.</p>
+
+<p>»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,«
+sagte Kaja, »komm ans Meer. Ich weiß nicht, warum
+es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, wir haben
+sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern.
+Es ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild,
+wenn du es genau zu erkennen trachtest; schließt du
+aber die Augen halb, so erstrahlt es am hellsten wie eine
+kleine Lichtwolke. Du weißt den siebenten Stern und siehst
+ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und glaubst es nicht.
+Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«</p>
+
+<p>Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden.
+Ihr Fuß auf dem Boden war lautlos, es ging eine heimliche
+Wärme von ihr aus, ein Sommerduft und -leid.
+Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort zu
+sprechen.</p>
+
+<p>»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du
+es? Hast du nicht gemerkt, daß man es immer nur ganz
+kurze Zeit kann, es ist doch schade. Ich möchte die Sterne
+&gt;tun&lt;, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, daß das
+Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a>
+atmet und glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne
+bewegen sich, um einander näher zu kommen ... lachst
+du mich aus?«</p>
+
+<p>Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab
+ihn mir. Sie trug darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.</p>
+
+<p>»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein
+kleines Mädchen war, noch fast ein Kind, gab ich den
+Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den Empfindungen,
+die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu
+mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand
+lag. Dieser hieß &gt;Trauer&lt;, jener &gt;Unverstand&lt;, dieser
+&gt;Frohsinn&lt;, und einer hieß &gt;Sünde der Nacht&lt;. Ich
+haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an
+das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen
+Farben. Ich verklagte ihn und sprach: Du hast mir
+alles gesagt. Einen anderen nannte ich &gt;Erlöser&lt;, zu ihm
+betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. Das war
+auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien.
+Ich war sechzehn Jahre alt. &mdash; Hier ist es gut, der Sand
+ist noch warm. Wie blaß du in diesem Licht bist, Lieber.
+Nun leg deine Kleider ab, wir wollen baden. Ich möchte
+dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt und
+heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im
+Einschlafen und Traum.«</p>
+
+<p>»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich
+kennst, Kaja.«</p>
+
+<p>»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich
+meine den Mann. Wie soll ich es dir sagen, da ich
+doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft staune ich<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a>
+über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne
+sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte
+ich mich in die Worte der Männer betten, wie in
+ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe die Männer
+immer.«</p>
+
+<p>»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden,
+als ich unter deinem Fenster sprach?«</p>
+
+<p>»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«</p>
+
+<p>»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als
+daß ich zu dir will.«</p>
+
+<p>»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt,
+so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen
+ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn
+ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher
+der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden.
+Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen,
+gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach
+eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien
+meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich
+die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt,
+wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du
+mich küßt oder schlägst ...«</p>
+
+<p>Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört
+an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...«
+Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei
+sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit
+ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich
+Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a>
+Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft,
+Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch
+Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer
+Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über
+dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor
+uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren
+in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg
+es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder
+lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich
+fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle,
+gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen.
+Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers
+nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam
+wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein,
+so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle
+über dem Sand.</p>
+
+<p>Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas
+entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem
+tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die
+Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie
+verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete
+gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom
+Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren
+uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des
+zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung
+wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit,
+haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a>
+Da überwältigte mich tief von innen her eine große
+Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis
+ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in
+meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände,
+und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das
+furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es
+schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf
+der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen
+in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in
+einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer,
+lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal
+darüber, daß Asja gestorben war.</p>
+
+<p>Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren
+Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine
+Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange
+nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch
+wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe
+überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß
+Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise
+tranken.</p>
+
+<p>»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«</p>
+
+<p>Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.</p>
+
+<p>Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand,
+die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos
+machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind:</p>
+
+<p>»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So
+sprich doch, ach, ich bitte dich, sprich!«</p>
+
+<p>Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:</p>
+
+<p>»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich
+bin dir ja gern zu Willen, und du darfst nicht von mir<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a>
+glauben, daß ich arm und häßlich bin. Ich gehöre ja dir,
+kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort tief innen,
+wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«</p>
+
+<p>Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an
+mich, und schaurig still, wie Gewitter am Himmel,
+entzündeten Schmerz und Freiheit der Seele in mir
+sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. &mdash;</p>
+
+<p>Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert,
+doch ohne Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst
+ihres unerbittlichen Rechts gestellt, im Eigensinn der brennenden
+Begabung. In März- und Sommerglut und
+hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die
+meine Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden
+gedrängt, Augenblicke dehnten sich, in Silberfahnen
+gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu Gestirn gespannt,
+das Meer stürzte über die schneidende Firn der
+Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit
+der wieder emporsteigenden Nacht, über die gleitenden
+Grenzen der Bewußtheit hin: Tausend Jahre sind wie
+ein Tag. &mdash;</p>
+
+<p>»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg
+des Lebens machen, anders als alle. Ich will einen guten
+Gürtel haben, rasche Füße, frohe Augen. Wie offen liegt
+die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und nichts
+getan.«</p>
+
+<p>»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über
+mir.</p>
+
+<p>Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich,
+wie eine Decke.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a>
+»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht
+vom Morgen zu dir, als ich dich noch nicht kannte, als
+ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter dem Fenster?«</p>
+
+<p>»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun,
+bald wird es hell.« &mdash;</p>
+
+<p>Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem
+Meer. Er leuchtete so hell am Horizont, daß mir war,
+als füllte sein ferner Glanz mich an, als sei mein Leib
+durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein
+leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im
+Sand sah ich die Spuren des holden Lebens, das mich
+diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war fort, es war alles
+umher still und leer wie am ersten Tag. Eine Fröhlichkeit
+ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen
+empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht,
+das zu immer größerer Macht anwuchs.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens
+Nichte, im Wind über den Deich. Es war ein trüber,
+stürmischer Tag und das Meer tobte. Han sah es selten
+an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es
+schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie
+hörte mir gerne zu, wenn ich über das Meer sprach.</p>
+
+<p>»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und
+lächelte schüchtern.</p>
+
+<p>»Nein, Han, du gehörst dazu.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »so ist es.«</p>
+
+<p>»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte
+Baronin, Proker, den Diener, die Köchin mit der Haube<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a>
+wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber wie solltest du sie
+nicht kennen ... das ist ja natürlich.«</p>
+
+<p>»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge
+Fräulein.«</p>
+
+<p>»Kaja, ach ja.«</p>
+
+<p>Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen;
+das helle Blau ihrer Augen war farbig und hart wie
+Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne Wehmut und
+Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:</p>
+
+<p>»Also, dann sprich von ihr ...«</p>
+
+<p>Ich erschrak.</p>
+
+<p>»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn
+man neben ihr dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt
+sich alles und bekommt seinen Wert durch sie ...«
+Ich stockte und schwieg.</p>
+
+<p>Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich
+hinab, um uns zu schützen, und tappten weiter durch den
+losen Sand. An geschützteren Stellen wuchsen Heidekraut
+und Ginster, da schritt es sich leichter.</p>
+
+<p>»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«,
+erzählte Han. »Es war eine Sturmflut, alles lag unter
+Wasser, und der Leuchtturm und die Station standen auf
+einer Insel.«</p>
+
+<p>Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der
+weite Reisen gemacht hatte; ihre Eltern lebten in der
+Stadt. Alles kam herb und mühsam über ihre Lippen,
+es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die
+mit dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr
+gefälliger vonstatten, Schreiten und Rudern und das
+Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie sagte:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a>
+»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich
+habe die Hände falten müssen, als ich sie sah. Ich brachte
+die Koffer auf der Schiebkarre.«</p>
+
+<p>»Wer? Wer kam?«</p>
+
+<p>»Das Fräulein doch ...«</p>
+
+<p>»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«</p>
+
+<p>»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz,
+weil Veit Geesten ertrank.«</p>
+
+<p>»Wer war das?«</p>
+
+<p>»Ein Fischer.«</p>
+
+<p>»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu
+tun?«</p>
+
+<p>»Das war so.«</p>
+
+<p>»Sag mir doch, was du weißt, Han.«</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts
+gesagt.« Wir waren uns plötzlich fremd und schwiegen
+beide. So ließ ich sie denn allein ihren Weg machen und
+legte mich in den Sand, bis der Abend und der Regen
+mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See,
+sie hatte wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust
+aus, ohne Licht und wie auf einen Fleck gebannt, schaukelte
+sie in den grausamen Wasserbergen. Die graue,
+große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem
+Gemüt aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das
+Schiff gegen die Wogen.</p>
+
+<p>Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten
+Saal von großer Pracht, der mit festlich gekleideten
+Menschen angefüllt war. Eine verborgene Musik spielte,
+fröhliches Lachen und das Klingen von Weingläsern erschollen.
+Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a>
+kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre
+Schultern und Arme den Saal. Ich suchte mit meinen
+Augen Kaja. In einem Winkel der Vorhalle lehnte sich
+eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das fast noch
+ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten
+seine Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und
+begierig. Sie lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie
+die Blicke hob, fing er sein Gesicht und schaute einfältig-gütig
+drein. Ein Diener mußte Vorwürfe anhören, er
+schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich
+kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige
+Kraft ihres Körpers wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten
+gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren begleiteten
+sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der
+Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal
+ihrem Zauber.</p>
+
+<p>Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht,
+aber ich ging noch ein paar Schritte über sein Haus
+hinaus, um nach dem Wasserschloß auszuspähen. Ein
+dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles,
+was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. &mdash;</p>
+
+<p>Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder
+dem Sommerwind, und als eines Morgens die Sonne
+strahlend über dem Meer aufging, glitzerte ihr Licht in
+der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand wurde
+wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah
+weit, weit hinaus zur Rechten und Linken. Die Brust
+hob sich mit dem frischen Blick und das Gemüt war wie
+verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und
+Erde für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a>
+Tag, und keine Entstellung aus einem Kampf gegen das
+Ungemach der trüben Zeit war an ihnen zu finden.</p>
+
+<p>Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das
+Wasser blau durch die Bäume glitzerte. Sie schritt hell
+und rasch durch die goldenen Lichtwege der Sonne und
+sang.</p>
+
+<p>»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«</p>
+
+<p>Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne
+Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden
+Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit
+glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden
+der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen
+an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall
+pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung,
+das feuchte Stroh meines Betts, Hans
+tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte,
+sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie
+ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.</p>
+
+<p>»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf
+meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die
+Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat
+täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen,
+brich es nicht und geh zu ihr.«</p>
+
+<p>Sie sah mich neugierig an.</p>
+
+<p>»Ach, die <ins title="Tante ..">Tante ...</ins>«, sagte ich.</p>
+
+<p>»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten
+Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten.
+Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja
+selber einer.«</p>
+
+<p>»Hast du Freundinnen, Kaja?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a>
+»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht
+mehr zu fragen.«</p>
+
+<p>»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte,
+daß du keine hast.«</p>
+
+<p>»Ich hatte eine, damals vor ...«</p>
+
+<p>»... vor Veit Geesten.«</p>
+
+<p>»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich
+verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel
+angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme
+Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging
+sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen
+nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren,
+um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie
+auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im
+Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich,
+wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut,
+dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen
+Frühling.«</p>
+
+<p>»Ist sie auch tot?«</p>
+
+<p>»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet,
+aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen
+können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab.
+Sie ist also glücklich. &mdash; Du nimmst alles so ernst.«</p>
+
+<p>Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter
+ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die
+Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im
+feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich
+heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die
+stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie
+ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a>
+weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es
+durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr
+Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im
+Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen
+habe?</p>
+
+<p>Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick-
+und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war
+kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte
+und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des
+Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide,
+wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem,
+hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte
+Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen
+den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren
+nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft,
+wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre
+Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie
+rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die
+warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.</p>
+
+<p>»Pflück' die Blume dort, Kaja!«</p>
+
+<p>Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.</p>
+
+<p>»Wozu? Was willst du damit?«</p>
+
+<p>Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in
+einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.</p>
+
+<p>»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre
+Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und
+ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit
+auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns,
+warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte
+und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a>
+Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht,
+sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen
+groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt
+hatte.</p>
+
+<p>Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in
+jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach
+den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit
+sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam
+ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt
+und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie
+nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie
+lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller
+Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht
+gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb
+um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang.
+In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall
+der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie
+zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.</p>
+
+<p>Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung,
+die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft,
+die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge
+verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren
+Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere
+Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder
+Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst,
+in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt,
+berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen
+vermag.</p>
+
+<p>Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper,
+Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a>
+Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen
+Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich
+gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden
+Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung
+der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte
+mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle
+nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt
+habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon,
+dachte ich, und nun &mdash; ist es denn Wahrheit? &mdash; würdest
+du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner
+Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches
+würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück
+stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann
+nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht
+der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir
+kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein,
+du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner
+Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.</p>
+
+<p>»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte
+Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als
+sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich.
+Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine
+Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen
+Schwester. &mdash; Wenn du mich berührst, wirst du
+ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach,
+sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du
+gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich
+durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein
+Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen
+Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a>
+alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort
+auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und
+behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend
+Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich
+klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du
+bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich,
+obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und
+alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«</p>
+
+<p>»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja,
+das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. &gt;Das
+Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!&lt;
+rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«</p>
+
+<p>»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.</p>
+
+<p>»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«</p>
+
+<p>»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«</p>
+
+<p>»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«</p>
+
+<p>»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du,
+daß ich dich manchmal beneide?«</p>
+
+<p>»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.</p>
+
+<p>Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die
+Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte
+ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die
+Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein,
+nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit,
+die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus
+geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht
+gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a>
+gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung,
+die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir
+der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich
+machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.</p>
+
+<p>Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen
+am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und
+was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen
+können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm
+mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend
+aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und
+tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen
+war.</p>
+
+<p>Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung,
+Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten
+mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein
+Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich
+deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen,
+alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu
+machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie
+gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme
+Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.</p>
+
+<p>Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in
+meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen,
+ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem
+Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht,
+die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er
+war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller
+Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern
+fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft,
+waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a>
+sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ
+mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es
+schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn
+herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard«
+verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?</p>
+
+<p>Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht
+ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser
+Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern
+des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht,
+die in mir erwachte.</p>
+
+<p>Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach
+den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte
+so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer
+späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen
+blieben.</p>
+
+<p>»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet
+überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir
+vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte
+Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und
+planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn
+in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für
+sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen
+und kraute Niko.</p>
+
+<p>»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich
+Vetter Eberhard.</p>
+
+<p>Kaja sah mich an.</p>
+
+<p>Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger,
+wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er
+sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir
+auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a>
+»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen.
+In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch,
+und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen
+zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«</p>
+
+<p>Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von
+einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen
+können.</p>
+
+<p>Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme
+erst nun erwacht.</p>
+
+<p>»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner
+alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung
+zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«</p>
+
+<p>»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft
+nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr
+liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit
+anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten
+ihren Sinn versteht.«</p>
+
+<p>Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte
+sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:</p>
+
+<p>»Warum lachen Sie?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der
+Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?«
+antwortete sie kühl.</p>
+
+<p>Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich
+schwieg und sah vor <ins title="mir">mich</ins>
+ hin. Warum habe ich die Hand
+geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute
+ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind?
+Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst
+du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen
+Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a>
+Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich
+böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor
+Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?</p>
+
+<p>Plötzlich hätte ich lachen mögen und <ins title="Beiden">beiden</ins> die Hände
+reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen.
+Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich,
+es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens
+ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz
+zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das
+kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch
+ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und
+ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach
+mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag
+auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr
+und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war
+für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.</p>
+
+<p>Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.</p>
+
+<p>»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.</p>
+
+<p>Ich lehnte ab, ohne zu danken.</p>
+
+<p>»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie
+rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre
+ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das
+zuviel gesagt?«</p>
+
+<p>Ich sah ihn an und antwortete:</p>
+
+<p>»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich
+wissen lassen wollten.«</p>
+
+<p>»Wieso? &mdash; Also Sie rauchen jetzt nicht ...«</p>
+
+<p>Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch
+und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine
+Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a>
+Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein
+wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das
+unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys
+leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller
+Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau
+trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und
+Sprechen zu verbergen trachtete.</p>
+
+<p>Nun sah Kaja mich an und sagte:</p>
+
+<p>»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst,
+vielleicht am Strand, wie sonst?«</p>
+
+<p>»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,«
+sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen
+sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«</p>
+
+<p>»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht,
+wie Sie vielleicht glauben.«</p>
+
+<hr />
+
+<p>Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister
+der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken
+zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht
+in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem
+Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte
+die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten,
+die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich
+um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich
+und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und
+verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir.
+Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?</p>
+
+<p>Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich
+erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a>
+fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des
+Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres,
+süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und
+an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe
+finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und
+ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus
+den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie
+schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der
+Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer
+Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden
+Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll
+sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen
+der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.</p>
+
+<p>Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die
+Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen
+und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete
+sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der
+seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab,
+langsam gemeinsam herauf. Han hatte über
+dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir
+drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein
+wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern,
+die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam
+ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch
+schweigsamer geworden.</p>
+
+<p>Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond
+noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem,
+bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob.
+Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt
+sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a>
+sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich
+tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht
+ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten
+Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.</p>
+
+<p>Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen
+Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten
+Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen
+nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief
+wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes
+Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ.
+Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie
+helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren
+zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben,
+bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand
+fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am
+fernen Strand liegen blieb. &mdash;</p>
+
+<p>Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen
+niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich
+schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine
+erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes
+Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren
+Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine
+wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein
+mütterliches Wort gesprochen hätte.</p>
+
+<p>»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.</p>
+
+<p>»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«</p>
+
+<p>»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett
+geschlafen.«</p>
+
+<p>»Bleib, wir wollen jetzt nicht <ins title="baden">baden.</ins>«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>Sie sah sich um.</p>
+
+<p>»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge,
+wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist
+und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und
+schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig,
+als wollte ich erst auf das kommen, was mich
+wesentlich bewegte.</p>
+
+<p>Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:</p>
+
+<p>»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für
+mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir,
+im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt
+erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,«
+fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu
+leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst &gt;tun&lt;, nachdem
+sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend
+in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts
+als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde
+bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der
+Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber
+mich laß in Ruh.«</p>
+
+<p>»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre
+sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum
+Wert des Menschen.«</p>
+
+<p>»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh
+hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich
+fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange
+ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige
+ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe.
+Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen,
+weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a>
+Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den
+Stielen, um sie kürzer zu machen.</p>
+
+<p>»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja?
+Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören
+wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich
+außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«</p>
+
+<p>»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie
+zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die
+Brauen.</p>
+
+<p>»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte
+dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«</p>
+
+<p>»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte
+sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit
+es zu mildern.</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein
+Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht
+schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht
+in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer
+du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich
+fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich,
+töricht.</p>
+
+<p>»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja,
+»füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich
+verachten könntest.«</p>
+
+<p>»Du bist klug wie Feuer.«</p>
+
+<p>»Ist das Feuer klug?«</p>
+
+<p>»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts
+von der Liebe.«</p>
+
+<p>»Leuchtet es nicht?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a>
+»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen
+Dasein braucht. Es &gt;versteht&lt; gleich dir alles, was
+es braucht, und alles, was es hindert.«</p>
+
+<p>»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«,
+sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein
+gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn
+begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst
+du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen,
+oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein,
+es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug
+so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen.
+Es soll nichts von mir gelten, als daß ich
+hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied.
+In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit
+des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein,
+erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe
+einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche
+derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam
+bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind
+haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas
+zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn
+meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen
+ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist
+tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite
+sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die
+Jugend ...«</p>
+
+<p>Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem
+Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein
+Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a>
+voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft.
+Aber sie wußte es nicht, sie sagte:</p>
+
+<p>»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch
+allein.«</p>
+
+<p>»Weshalb sagst du das?«</p>
+
+<p>»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist
+Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie
+willst du zu ihm kommen?«</p>
+
+<p>»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«</p>
+
+<p>Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er
+schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und
+eine ewige Schuld.</p>
+
+<p>»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich
+dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen
+könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich
+kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh,
+mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel
+und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit
+lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen
+ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß
+und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist,
+wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand
+oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie
+Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht
+Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das
+Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«</p>
+
+<p>»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie
+meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen
+nicht abhängig sein von meiner Tugend oder
+Untugend.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a>
+»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber
+meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück,
+von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst,
+nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes,
+das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst
+mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen
+Heimweh nach ewigem Bestand.«</p>
+
+<p>Sie sah mich unruhig und böse an.</p>
+
+<p>»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie
+ungeduldig.</p>
+
+<p>»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem
+Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu
+töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu
+diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen
+Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können
+und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses
+lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter
+lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die
+Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf
+unser Geheiß von uns.</p>
+
+<p>Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich
+dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte,
+als indem ich sie ganz erlitt.</p>
+
+<p>Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten
+Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den
+Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz
+in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne
+waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht
+die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern
+im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a>
+jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um
+den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde
+berührt.</p>
+
+<p>Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von
+Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der
+Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein
+Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt
+mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen,
+daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie
+mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen
+der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun
+Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und
+daß sie nicht allein sein würde.</p>
+
+<p>Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken,
+die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen,
+auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die
+mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der
+großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor
+Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es
+muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes
+Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen,
+ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott
+ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und
+ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu
+Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein
+ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das
+ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage:
+Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf
+keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es
+betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a>
+willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen
+und Traurigkeit.</p>
+
+<p>So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand,
+wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne
+scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker
+taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im
+Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht,
+in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen
+und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte
+zu tragen.</p>
+
+<p>Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der
+Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die
+uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt,
+und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des
+Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß
+der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit
+unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich
+der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein
+des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind,
+bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde
+und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das
+ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von
+der Mutter, um zum Vater emporzufinden.</p>
+
+<p>Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht
+nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne
+Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen
+Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist
+groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach,
+sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit
+nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a>
+hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,&mdash;
+ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! &mdash; um so
+mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es
+auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe,
+deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar!
+Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand
+nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen
+Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht
+doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und
+mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?</p>
+
+<hr />
+
+<p>Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und
+Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens
+schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen
+in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt,
+dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still
+geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und
+es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle
+der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein
+Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl
+waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über
+den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung
+voller Hoffnung und Schicksal.</p>
+
+<p>Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch
+die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit
+diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte
+sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare,
+zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen
+aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a>
+ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren
+Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden
+zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf
+meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern
+und Funken.</p>
+
+<p>Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den
+Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln
+können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen
+der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben
+oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu
+irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes
+dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren
+im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige
+Feuer der Lüsternheit entzündet hat.</p>
+
+<p>Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme
+eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem
+Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des
+Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen
+könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme.
+Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger
+Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem
+Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der
+Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches
+warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen
+kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich
+versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem
+geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.</p>
+
+<p>Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu
+deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein
+verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a>
+Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen
+eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es
+kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein
+Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht
+und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin,
+hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme
+Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums?
+Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas
+wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester
+da oben, du lieber Irgendwer.</p>
+
+<p>Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens
+in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen
+Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht,
+wie ein Dienstbote, wie &mdash;&mdash; wie einst mich. War ich
+nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen
+gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und
+versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit
+zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden?
+Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der
+Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber
+ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht
+flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir
+in der Schule hatten singen müssen.</p>
+
+<p>Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von
+einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände
+zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden
+Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir
+und Kaja entstanden, für immer.</p>
+
+<p>Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch
+einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a>
+seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen
+wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl
+ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares
+Bild der Natur hervorbringen. Es ist die
+grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis,
+ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht,
+dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden
+Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert.
+Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum
+erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste
+bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von
+Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen.
+Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort
+eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke
+in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu
+stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente
+verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler
+blieben.</p>
+
+<p>So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem
+Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon
+morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im
+unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob
+und zitternd vor mir stand.</p>
+
+<p>»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg
+bebend.</p>
+
+<p>Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer?
+dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am
+Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem
+Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.</p>
+
+<p>»Geh, Han, und schlaf.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a>
+Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren
+Knieen.</p>
+
+<p>»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das
+Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist
+traurig ...«</p>
+
+<p>»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch
+traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein
+Mensch, wie es kommt.«</p>
+
+<p>»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so
+iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht
+warum.«</p>
+
+<p>So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein
+in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum.
+Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus
+den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden
+in der Stille, so daß ich es hörte. &mdash;</p>
+
+<p>Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon
+hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem
+Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige
+Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen
+Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und
+schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten
+klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte
+draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.</p>
+
+<p>Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war
+neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch
+mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte
+kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander
+heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a>
+schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber
+und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas
+rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen,
+fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen,
+ein Traumtal ohne Ende.</p>
+
+<p>Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten
+arbeitete.</p>
+
+<p>»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern
+eintrat, »ich wollte nur ...«</p>
+
+<p>»Hast du Geld, Han?«</p>
+
+<p>»Geld?«</p>
+
+<p>»Antworte.«</p>
+
+<p>»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der
+Kommode.«</p>
+
+<p>»Und anderswo?«</p>
+
+<p>»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr
+als hundert Taler.«</p>
+
+<p>»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«</p>
+
+<p>Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins
+Zimmer.</p>
+
+<p>»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen
+Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust.
+»Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«</p>
+
+<p>Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das
+schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt
+und mit einem Bändchen verschnürt war.</p>
+
+<p>»Kommst du wieder?« fragte sie.</p>
+
+<p>Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.</p>
+
+<p>Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen,
+es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder,<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a>
+auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen
+munter am Werk, und hörte die Stimmen der
+Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs
+sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen
+dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den
+Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und
+war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der
+sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter
+Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den
+Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir
+ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht
+wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht
+hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine
+gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem
+Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner
+Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und
+einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich
+im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten
+Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren,
+die mich hätte verderben können.</p>
+
+<p>Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme
+und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen
+ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen
+Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir
+wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich
+erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte
+und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr,
+sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit
+verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten
+Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a>
+bemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich
+lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen
+zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel.
+Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden
+über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen,
+und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen
+anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme
+band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde
+mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert
+einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige
+Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn
+er sittsam zu sprechen versteht?</p>
+
+<p>Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir
+geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen.
+Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße,
+weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie
+aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte
+gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate
+anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing
+mich unter der offenen Tür des Hauses.</p>
+
+<p>»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die
+Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.</p>
+
+<p>»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug
+ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.</p>
+
+<p>Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer
+in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung,
+ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute
+davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe
+ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe es<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a>
+im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber
+schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte
+führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an
+die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich
+langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es
+gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich
+vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken
+töten sollte.</p>
+
+<p>Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte,
+sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen
+hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung
+gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der
+Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben,
+barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf.
+Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück
+schmälern.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse
+denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich,
+der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt,
+als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der
+alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie
+wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig
+dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und
+sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute
+sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten
+nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung
+Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht
+Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung
+vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a>
+glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen.
+Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die
+Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt,
+weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz
+unseres Daseins.</p>
+
+<p>Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen,
+als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum
+beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben
+vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht
+vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen.
+Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und
+euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem
+schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst
+einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen
+Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine
+ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir
+war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen,
+damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber
+ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden,
+darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich
+beneidete ihn glühend um das, was er sah. &mdash;</p>
+
+<p>So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele
+am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen
+Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor
+und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht
+am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene
+Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom
+Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort
+die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile
+schützten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a>
+Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich
+Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte
+sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm
+von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am
+Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte.
+Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist,
+und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten
+Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar
+kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug
+ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen
+hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe
+ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken
+durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers
+schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen
+Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe
+gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag
+ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses
+Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.</p>
+
+<p>»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard
+mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin
+nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht.
+Für wen hältst du mich? &mdash; Wo warst du?«</p>
+
+<p>Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung,
+zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien,
+halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr
+hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil
+über seiner Schulter sah.</p>
+
+<p>Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre
+leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in
+Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a>
+wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat
+sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war
+betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit
+getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer
+Zurückhaltung.</p>
+
+<p>»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge
+Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht
+geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du,
+deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir
+aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne!
+Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit
+du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das
+willst du! Und das ...«</p>
+
+<p>Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über
+die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da
+wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne
+Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder,
+umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und
+heiß darauf.</p>
+
+<p>»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den
+Blick zu ihm empor.</p>
+
+<p>»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete
+er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm
+mit!«</p>
+
+<p>Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so
+fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich
+war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger
+Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich
+und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung
+und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot,<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a>
+sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte
+vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang
+sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines
+Steins im zerspringenden Glas nachklingt. &mdash;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie
+sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir
+hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um
+sie zu finden.</p>
+
+<p>»Du gehst?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Ja, Kaja, ich gehe.«</p>
+
+<p>»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«</p>
+
+<p>Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen,
+solange ich lebe.</p>
+
+<p>Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann
+damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht
+zu halten.</p>
+
+<p>»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir
+steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht
+bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«</p>
+
+<p>»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht
+immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen,
+und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir
+auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben
+viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über
+mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden,
+auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen
+nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a>
+Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht,
+aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in
+unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie
+war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt,
+wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar
+trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer
+wie ein lebendiges Gut.</p>
+
+<p>»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ...
+oder?«</p>
+
+<p>Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und
+ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich
+und schienen ohne Eifer zu warten.</p>
+
+<p>»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat
+mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die
+Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«</p>
+
+<p>»Weiß sie denn, daß ich fort will?«</p>
+
+<p>»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«</p>
+
+<p>»Du hast es ihr gesagt ...«</p>
+
+<p>»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und
+sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend,
+die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ...
+mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne
+Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«</p>
+
+<p>»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel
+unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte
+haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man
+verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten,
+nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung.
+Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie
+zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen,<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a>
+stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter
+diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel
+stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen.
+Nein, das Meer ist es nicht.«</p>
+
+<p>»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte
+Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde
+ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«</p>
+
+<p>Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine
+Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases
+nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand
+bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ
+den trockenen Sand durch die Finger gleiten.</p>
+
+<p>»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer
+Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete
+ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir
+als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung
+des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam
+fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast
+etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen,
+aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich
+es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest
+du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du
+das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine
+Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst,
+das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute
+Reise, Lieber.«</p>
+
+<p>Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten
+uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. &mdash;</p>
+
+<p>Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor
+Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a>
+zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den
+Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße
+unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen,
+Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter,
+da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre
+etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam,
+mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne
+den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas.
+Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir
+längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen
+der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen
+und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille.
+Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde
+bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare,
+unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst
+nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt
+schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach
+und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!</p>
+
+<p>Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen.
+Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag:
+Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war,
+als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort
+auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust,
+und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir
+doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert,
+aber nun wird es umher dunkler und dunkler.</p>
+
+<p>Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der
+mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände
+hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a>
+hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die
+ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen
+können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende
+unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte,
+mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.</p>
+
+<p>Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing
+mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem
+Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen
+Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie
+mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs
+neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die
+Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und
+die Augen schlossen sich.</p>
+
+<p>Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die
+Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse
+der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer
+klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als
+käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und
+als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein
+Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief
+laut:</p>
+
+<p>»Stehe auf! Stehe auf!«</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p>
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
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