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diff --git a/36862-h/36862-h.htm b/36862-h/36862-h.htm new file mode 100644 index 0000000..67eada0 --- /dev/null +++ b/36862-h/36862-h.htm @@ -0,0 +1,2757 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Nicht da nicht dort</title> +<!-- AUTHOR="Albert Ehrenstein" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-transform:uppercase;letter-spacing:.2em; text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-transform:uppercase;text-align: center; margin-top: 20%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always} +h3 { text-transform:uppercase;text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; } +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0em; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } +p.lyrics {text-align:left; + text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 8%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: left; + margin-left: 20%; margin-right: 8%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + font-size: small; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 1%; } +p.textbox { text-indent:0%; margin: 0% 20% 0% 20%; padding: 1% 1% 1% 1%; border: 1px solid; text-align:center;} + +p.first:first-letter { float:left;font-size:3em;line-height:1em;padding-top:4px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; } +p.firstwo { text-indent: 0em; } +p.first { text-indent: 0em; } +p.noindent { text-indent: 0em; } + +span.em { text-transform:uppercase; letter-spacing:.2em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Nicht da nicht dort, by Albert Ehrenstein + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Nicht da nicht dort + +Author: Albert Ehrenstein + +Release Date: July 26, 2011 [EBook #36862] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NICHT DA NICHT DORT *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1> +<span style="font-size: smaller">Albert Ehrenstein</span><br /> +<br /> +Nicht da<br /> +nicht dort +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center"><img src="images/logo_small.jpg" alt="Verlagslogo"/></p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +<span class="em">Kurt Wolff Verlag<br /> +Leipzig 1916</span> +</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="page-break-before:always"> +<span style="letter-spacing:0.1em"> +Siebenundzwanzigster und achtund-<br /> +zwanzigster Band der Bücherei<br /> +»Der jüngste Tag« +</span> +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="font-size: small"> +<span style="text-transform:uppercase;letter-spacing:0.1em"> +Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig<br /> +Gedruckt bei Poeschel & Trepte · Leipzig +</span> +</p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Das Martyrium Homers</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Liebe</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Der Knecht seines Schicksals</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Hildebrandslied</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Traum des 888. Nachtredakteurs</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Die alte Geschichte</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-8">Frühes Leid</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-9">Wodianer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-10">Tod eines Seebären</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-11">Ausflug</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-12">Vorbild</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-13">Mammuthbaum</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p> +<!-- page 005 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Das Martyrium Homers</h2><p> + +</p><p class="first">Ich protestiere feierlich gegen die unerhört kurzfristige +Prophezeiung des genialen Dandy Ovid +»Vivet Maeonides, Tenedos dum stabit et Ida, dum +rapidas Simois in mare volvet aquas.« Als ob Homer +diese lausigen, durch das nächstfällige Erdbeben gehandikapten +Örtlichkeiten nicht um Äonen überleben +würde! + +</p><p>Ich protestiere ferner gegen die tolle Verdrehung +meines zynischen Freundes Lukian, Homer sei während +des Trojanischen Krieges (1193-1184 v. Chr.) +Dromedar in Baktrien gewesen. Wahr ist vielmehr +das Trottelwort archaischer Pädagogen: »Sieben Städte +stritten sich um die Ehre, Homer geboren zu haben: +Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, +Athenai.« + +</p><p>Warum sich aber die diversen Stadtväter so hartnäckig +stritten, erfährt die leichtgläubig betrogene Nachwelt +allerdings erst durch diesen Film. + +</p> +<h3 class="subchapter">1. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Homer dichtet die Ilias und die Odyssee; der alte +Mann geht vor seinem Zelte, skandierend und die +Leier schlagend, auf und nieder. + +</p> +<h3 class="subchapter">2. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Landgut des Odysseus: Homer trägt seinem König +einiges vor. Odysseus läßt dem Sänger durch Sklaven +<!-- page 006 --> +einen Becher Wein reichen und ein Ehrengeschenk +übergeben: eine milchstrotzende Kuh. Homer dankt +freudig für die wandelnde Gabe, läßt sie durch einen +Sklaven heimführen, trinkt und erklärt stolz, weinbesessen, +kein Wesen hätte die Gabe mehr verdient +als er. Und auf eine Statue des Phoibos Apollon +deutend, versichert er, selbst dieser Gott hätte nicht +besser, höchstens ebensogut dichten können wie er. +Denn Apollon sei nur ein Stämmling des amusischen +Zeus, er aber habe die Dichtkunst geerbt, ihn hätten +Sänger, Phemios mit Demodokos, gezeugt. + +</p> +<h3 class="subchapter">3. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Auf dem Olymp, von den neun Musen umtanzt, +hört Phoibos Apollon diese frevle Selbstanzeige des +Dichters und stürmt durch den weißen Bergnebel nach +Ithaka: über die Schultern den Bogen gelegt und den +Köcher voll tosender Pfeile. + +</p> +<h3 class="subchapter">4. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Drohende Gebärden. Es kommt zum Wettkampf. +Odysseus soll zwischen den Dichtern Apollon und +Homer entscheiden. Apoll greift nach der Leier Homers. +(Was der junge Gott singt, zeigt das) + +</p> +<h3 class="subchapter">5. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Achilleus lehnt seinen leuchtenden Schild gegen die +Mauer und versucht, mit seinem ungeheuren Eschenspeer +anrennend, die Tore Trojas zu durchbrechen. +Der Speer zersplittert. Der rasende Achill will die Tore +mit seinen Händen aus den Angeln heben. Vergebens +<!-- page 007 --> +warnt, von der Mauer her dräuend, Apollon; der Pelide +läßt nicht ab, und wie er des alten Troja mürbe +Tore auf seine Simsonschultern lädt, benützt ein Pfeil +des Gottes die Achillesferse. Griechen und Troer +kämpfen in den bekannten malerischen Posen um den +Leichnam Achills. Während der dicke Aias die kühnsten +Troer tötet, trägt Odysseus, schwer bedrängt, den +Leichnam hinab zu den Schiffen . . . Dankbar verleiht +Achills Mutter Thetis dem Odysseus die Waffen des +Achill. + +</p> +<h3 class="subchapter">6. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Odysseus vernimmt diesen bestechenden Lobgesang +mit Rührung, doch Homer bleibt unbewegt, sein Lied + +</p> +<h3 class="subchapter">7. Bild</h3><p> + +</p><p class="firstwo">schildert die Liebe Apolls zu Daphne. Wie der verliebte +Gott die sich über einer Quelle kämmende +Nymphe beschleicht, belauscht, waldein, waldaus verfolgt +— die fast Erhaschte im letzten Augenblick zu +ihrer Mutter, der Erde, bittend die Hände erhebt und +abwärts neigt, und von ihr in dürren Strauch verwandelt +wird. So daß der Gott statt des süßen Mädchens +den bitteren Lorbeer (daphne laurus) umfängt. + +</p> +<h3 class="subchapter">8. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Als Homer geendet, wird in Apollon der Schmerz +um die geliebte Daphne neu, er verhüllt sein Haupt, +gleichgültig gibt der weinende Gott zu, daß ihn Odysseus +für besiegt erklärt, drückt mitleidsvoll die Hand +Homers, fährt ihm bedauernd über Augen, Wangen +und Schultern, und erklärt, da er besiegt sei, habe er +<!-- page 008 --> +nicht die Macht, von Homers Haupt das Schicksal +eines Dichters abzuhalten. + +</p> +<h3 class="subchapter">9. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Odysseus, ein Ruder auf den Schultern, verabschiedet +sich von Homer. Poseidon, dem er den Sohn +Polyphemos geblendet hatte, zu versöhnen, muß Odysseus +eine Wallfahrt unternehmen, die so lange dauern +soll, bis er ein Binnenvolk erreicht, das sein Ruder +für eine Schaufel hält. Odysseus empfiehlt den Dichter +der Fürsorge Telemachs und Penelopes. + +</p> +<h3 class="subchapter">10. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Aber Telemach ist immer auf der Wildziegenjagd. +Und Penelope gibt dem Dichter, da er sich im Hauswesen +nicht sehr nützlich macht (ihrer schwersten, blaumaschigen, +zahmen Lieblingsstopfgans einen Fuß zertritt), +stets kleinere Portionen, bis er endlich schweren +Herzens, halb und halb gedrängt durch einen Konkurrenten, +den Hausbettler Iros, den Entschluß faßt, +den Palast zu verlassen. Penelope schmiert ihm zwei +Käsestullen, und Homer geht auf die Wanderschaft. + +</p> +<h3 class="subchapter">11. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Da er in frühester Kindheit die Eltern verlor, und +seine Vaterstadt, die ihn im Greisenalter zu ernähren +hätte, nicht kennt, begibt er sich zunächst nach Reich-Asien. +Phöniker, denen er dafür die von Odysseus +geschenkte Kuh gibt, nehmen ihn mit auf ihrem Schiff. +<!-- page 009 --> + +</p> +<h3 class="subchapter">Die acht Leidensstationen</h3><p> + +</p> +<h3 class="subchapter">12. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">1. <i>Smyrna</i>. Bevor der von langer Seefahrt und +Entbehrungen geschwächte Dichter die Stadt betritt, +färbt er sein ergrautes Haupthaar und den Bart. +Singt auf den Plätzen ums liebe Brot. Aber das Volk +verlacht ihn — die Haarfarbe war schlecht gewesen, +hatte ihm grüne Haar- und Bartlocken geliefert. Erschöpft +setzt sich der arme, von höhnenden Kindern +verfolgte Bettelmusikant im Stadtpark von Smyrna auf +eine Bank und schläft ein, an die niedrige Stadtmauer +gelehnt. Nicht gerührt durch die Tafel »Diese Anlagen +sind dem Schutze des Publikums empfohlen« +langt ein Kamel über die Mauer und frißt, durch die +grüne Farbe verlockt, Homers Schädel rattenkahl. Seitdem +trägt er eine Perücke. + +</p> +<h3 class="subchapter">13. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">2. <i>Kolophon</i>. Infolge zu starken Kolophoniumgebrauchs +und unausgesetzten Harfenschlagens beginnen +Homers Finger zu eitern. Er fürchtet, die Hand werde +ihm abfaulen, sehnt sich nach Ruhe, Pflege. Geht halb +verzweifelt, halb sehnsüchtig einem schönen Weibe nach +in den Tempel des Apollon Kourotrophos. Beugt sich +und fleht den Gott an, das Weib möge wilde Liebesnächte +und frische Jünglinge verschmähen und sich seiner +erbarmen. Aber sie neigt sich einem Tempeldiener, und +Homer bleibt nichts anderes übrig, als auch weiterhin +die Ilias sowie die Odyssee zu verfassen. +<!-- page 010 --> + +</p> +<h3 class="subchapter">14. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">3. <i>Rhodos</i>. Enttäuscht verläßt Homer Asien. Auf +Rhodos wird ihm anfangs guter Empfang bereitet. +Aber dann wird er in die Königsburg geführt und, +auf einen sanft verblödenden Greis deutend, versichert +man ihm, dies sei der Heraklide Tlepolemos, den er +in der Ilias von Sarpedons Hand habe fallen lassen. +Hierauf erklärt ein Sohn des idiotischen Greises, ein +Tlepolemiker, wütend, Homer habe einen Schlüsselroman +geschrieben, und dem Dichter wird der fernerweitige +Aufenthalt auf der Insel behördlich untersagt. + +</p> +<h3 class="subchapter">15. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">4. <i>Chios</i>. Der gute Wein dieser Insel hebt wieder +Homers Stimmung. Er singt seine Lieder vor sich hin. +Da nähert sich dem Vertrauensseligen ein Jüngling semitischen +Aussehens: Phron. Bittet den Homer, ihm +noch einiges vorzudeklamieren. Der Dichter tut es. +Phron lobt ihn, bietet ihm an, selbst auch Homers +Gesänge vorzutragen, und zwar allenthalben. Aber +Homers Name sei noch jung und unbekannt, an Propaganda +werde zwar alles Erdenkliche geschehen, doch +dergleichen sei sehr kostspielig, kurz er nast ihm als +»Entschädigung und Kostenbeitrag« den pramnischen +Käse ab, den ein Bauer dem Dichter geschenkt, mäkelt +dann noch an dem Käse und verschwindet auf Nimmerwiedersehn. +Phron war — der erste Verleger. + +</p> +<h3 class="subchapter">16. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">5. <i>Skyros</i>. Die Skyrioten feiern die Hochzeit des +Peliden Neoptolemos mit Helenas und Menelaus’ +<!-- page 011 --> +Tochter Hermione. Der Sänger Achills wird vom nichtbesungenen, +trunkenen Pyrrhus mit Hunden fortgehetzt. + +</p> +<h3 class="subchapter">17. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">6. <i>Salamis</i>. Homer kommt hier gerade zurecht, um +einer zu Ehren des dicken Alias und des HEILIGEN +Teukros abgehaltenen Prozession als Zuschauer beiwohnen +zu können. Da der Kurzsichtige vor den +Priestern die Perücke nicht abnimmt, wird er unter +Pöbelgeheul von der Insel verjagt. + +</p> +<h3 class="subchapter">18. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">7. <i>Athen</i>. Als Homer vom Prytaneion ausgespeist +zu werden verlangt, beantragt Platon, der Sohn des +Kassner, den Rhapsoden, da der in seinen übrigens +hypermodernen Gesängen Athen zu wenig genannt +und auch sonst zu sehr der Unzucht gefrönt, unsittliche +Vereinigungen des Zeus mit der Hera, des Ares +mit der Aphrodite geschildert habe, durch das Scherbengericht +aus Athen zu verbannen. Geschieht. + +</p> +<h3 class="subchapter">19. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">8. <i>Jos</i>. Halb erblindet und auf Vieren wankend, hier +und da von mitleidigen Schiffern aufgenommen, irrt +Homer von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel. Keine +Bürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wieder +als lästiger Ausländer abgeschoben, die Stadtväter jeglicher +Gemeinde verwahren sich energisch dagegen, daß +dieser krüppelhafte Kerl ihrer Polis entsprossen sei. +Am Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus. +Fischerknaben, leere Netze auf den Schultern, steigen +<!-- page 012 --> +aus Booten und necken ihn. Geben ihm ein Rätsel +auf: »Was wir gefangen haben, ließen wir zurück. +Was wir nicht gefangen haben, tragen wir bei uns.« +Homer sinnt verzweifelt, kann die Lösung nicht finden. +Ein Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des Phron, klärt +ihn auf; da sie keine Fische zu fangen vermocht, hätten +sie sich am Strande die Läuse gesucht, die Gefangenen +getötet, die Nichtgefangenen unfreiwillig nach Hause +mitgenommen . . . Die Lausbuben ziehen ab. Homer +schüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auch +geistig gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestrauchelt +zu sein, stürzt er sich von den Klippen ins Meer. + +</p> +<h3 class="subchapter">20. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Das arme Grab Homers auf Jos, Inschrift: »Hier +deckt die Erde das heilige Haupt Homers, der in +seinen Liedern die Helden sang.« + +</p> +<h3 class="subchapter">21. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor Methusalem +Leichenstil, der, um schneller zu avancieren, +sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen Schilds +auf den Bauch tätowieren ließ. + +</p> +<h3 class="subchapter">22. Bild.</h3><p> + +</p><p class="firstwo">Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Neben +dem Katheder steht, Phron und dessen das Rätsel erklärendem +Sohne sehr ähnlich sehend, der Primus Eugen +Pelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten sich um die +Ehre, Homer geboren zu haben: »Smyrna, Rhodos, +Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.« +<!-- page 013 --> + +</p><p>Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wogen +daher treibt ein Leichnam: Homer. Wie der Blick seiner +toten Augen auf Pelideles fällt, beginnen seine Wunden +zu bluten . . . und über alles und alle stürzt das +Wasser der Zeit. +<!-- page 014 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas</h2><p> + +</p><p class="first">In einer alten Handschrift, an hundert Jahre vergilbter +als die Stormschen zu sein pflegen, habe ich +folgende wahre Geschichte gefunden, welche uneben und +ruppig erzählt zu haben meine einzige Hoffnung ist, +wenn nicht der Trost meines Greisenalters. + +</p><p>Es war einmal eine Königstochter, Jezaide geheißen, +aus dem uralten Geschlecht der Sirvermor. Über ihre +Familie war, wie sonst nur in Märchen gebräuchlich, +ein enormer Fluch verhängt. O geiziger König Zizipê +der Siebenundsiebenzigste, warum hast du, als einst +zur Taufe deines Erstgeborenen dreizehn glückwünschende +Zauberer erschienen waren, und der Hofjuwelier, +eingedenk trauriger Erfahrungen und Abzüge, +erklärte, die goldenen Stiefelzieher nur mehr dutzendweise +abgeben zu können, warum hast du damals die +verhängnisvollen Worte gesprochen: »Ach was, der eine +wird sich halt so gefretten!« + +</p><p>Ja, er begnügte sich diesmal mit einem silbernen +Stiefelknecht, der große Magier Anateiresiotidas, ingrimmig +zwar, und so gewaltige Sprüche in seinen +Bart brummend, daß der vor Schreck jeden Moment +die Farbe wechselte. Mit einem violetten Bart erschien +er bei der königlichen Tarockpartie, zu der er geladen +war, und alle anderen Zauberer wußten, wieviel es +geschlagen hatte. Nur der König bemerkte die Anzeichen +<!-- page 015 --> +fürchterlich aufziehenden Gewitters nicht, derart +war er mit der Mondjagd beschäftigt. Er bot ihm in der +Hitze des Gefechts weder die Teilnahme, noch einen Stuhl +an, vielleicht um sich durch solche Höflichkeit nicht noch +einen Hexenmeister zum Feinde zu machen. Und so mußte +Anateiresiotidas kiebitzen, stehend kiebitzen. Auch dies +hätte der Zauberer vielleicht noch ruhig hingenommen, +aber ihm offerierte Zigarren trugen zwar die Leibbinden +importiertester Havanna, waren jedoch mörderische +Schusterkuba. Diesmal hatte wiederum Hoftrafikant +Motschker die Upman nicht in minimalen Quantitäten +zum Engrospreise liefern wollen und der königliche +Geizhals daraus alberne Konsequenzen gezogen. Nur +daß ein anständiger Hexenmeister in punkto Zigarren +keinen Spaß versteht. Mit einem Griff hatte der Beleidigte +seine Sprechwerkzeuge auf den Tisch gelegt +und sich entfernt. Kein besserer Zauberer hat so viel +Zeit und Geduld, seine eigenen Reden anzuhören. Und +jetzt kam der Fluch: »Von nun an werden alle Kinder +aus dem Hause Sirvermor, je nach dem Geschlecht, +mit dem Ding oder Wesen, das ihrem Vater oder +ihrer Mutter am liebsten ist, zur Welt kommen. Bis +einst ein Jurist erscheint, dessen Namen dieselben Buchstaben +wie »Sirvermor« besitzt, und nicht genug daran: +ohne das geringste Plagiat ein Buch über Rechtsphilosophie +schreibt!« + +</p><p>»Wer gibt?« fragte guter Laune der König, dessen +geheimen Gram es längst gebildet hatte, daß justament +auf seinem Stamm kein vornehmer Erbfluch lag. Und +<!-- page 016 --> +ehe noch die Sprechwerkzeuge des Anateiresiotidas aus +dem Spielzimmer ihrem Inhaber nachgeflogen waren, +gab es bereits einen Solovalarpagatultimo, wie er in +solcher Schönheit ohnstreitig noch nie dagewesen. Das +aber hatten die anderen Zauberer getan, um den König +zu trösten. + +</p><p>Denn eines Trostes bedurfte Haus Sirvermor. Da +doch gemeinhin die Männer sich und die Frauen am +liebsten haben und umgekehrt — wenn wenigstens, +jenem Fluche nach, Gebärmänner: Hermaphroditen +zur Welt gekommen wären! Die Dynastie hätte zwar +zum längsten bestanden, aber Skandal, durch Jahrhunderte +fortgesetzter Skandal wäre vermieden worden. +Nein, deutlich getrennt von dem jeweiligen Kinde: für +sich bestehend stieg das dem Vater oder der Mutter +geliebteste Ding oder Wesen ans Tageslicht. + +</p><p>Wo soll ich anfangen, wo soll ich enden! Mit dir, +Dolgoruki, dem sein Weib außer einem Nachfolger +eine ewig volle Kognakflasche gebar? Solches wäre lustig +anzuhören, aber wem geraten nicht unwillkürlich die +Tränen in die Augen, wenn er von dir vernimmt, Seeheld +Aquavit? Wohl wurde dir deinem Wunsch gemäß +ein Überdreadnought geschenkt, aber starb nicht +dein Weib daran, ohne daß ein anderes sich hätte +finden lassen, todesverachtend genug, bald oder später +ein ähnliches Ende nehmen zu wollen? Starbst nicht +bald hernach du selbst infolgedessen räudig an den +Leibschneiden und Weltschmerzen der Langenweile, +bloß weil keiner deiner ungeschickten Ingenieure imstande +<!-- page 017 --> +war, Weibautomaten zu fabrizieren?! Allerdings +gelang bald nachher deinem Leiberfinder Heureka die +Herstellung jenes Instruments, dem wir alle unser +Leben verdanken, die Herstellung des Fernzeugers. +Doch waren damit die Leiden dieser Tantaliden abgeschlossen? + +</p><p>Panjimama, unter dessen glorreicher Regierung Apabauru +und Tenteriki an Sirvermor kamen, geriet eben +wegen dieser für den Ackerbau seines Landes äußerst +wichtigen Guanoplätze in Streit mit dem Oberkaiser +Adikran von Alazir und den Zentralkönigen von +Lygien. Als gar zu dieser an sich übermächtigen Liga +Araumenes der Große von Paphlagonien seine sieggewohnten +Truppen stoßen ließ, und die Kunde schrecklicher +Gefahren in Sirvermor sich wie Posaunenschall +und Tubaklang ergoß, was konnte da der verzweifelte +Landesvater anderes tun, als sein Weib eines mit den +erforderlichen Kanonen und Vorräten ausgerüsteten +Heeres von soviel Millionen Mann genesen zu lassen, +daß sogar Rabelais darüber sein weißes Haupt schüttelte +und den heiratsfähigen Königstöchtern der Erde den +Rat gab, bevor sie sich mit Prinzen von Sirvermor in +Verbindungen einließen, den Herren einen Eid abzunehmen, +laut dem diese in Zukunft von derart gattinnenmörderischen +Liebhabereien abzusehen hätten. Und als +einem Herrscher, der, wie es scheint, sich selbst am +meisten liebte, die Gemahlin einen Doppelgänger getragen +hatte, worauf bemeldeter Monarch elendiglich +in Wahnsinn verfiel, unwissend, wen er am meisten +<!-- page 018 --> +liebe und welcher der beiden eigentlich er sei; ein +andermal ein in sich verzücktes Liebespaar ein Doppelgänger-Liebespaar +hervorrief was unendlichen Jammer +und blutige Bürgerkriege erregte — da, von Grauen +überwältigt, bildeten die Fürstinnen den ihnen anempfohlenen +Trust. Das wird ihnen niemand verargen! +Man rufe sich’s ins Gedächtnis zurück, daß neben dem +jeweils Regierenden in Sirvermor noch eine Menge +Prinzen existiert! Und wie rasch zarte Prinzessinnen +müde werden, Ballettratten, Vollblutrennpferde, Küchenchefs, +Äbtissinnen und Jagdhunde in die Welt zu setzen, +das läßt sich denken. Waren nun zwar die Prinzessinnen +vor einem durch die Neigungen ihrer Gesponsen +bewirkten frühen Tode sicher, so hatten nach dem Vertrag +ihre Gebietiger den Leidenskelch bis zur Neige +zu leeren. Wenn dies nicht früher der Fall gewesen +war, lag das daran: die Gemahlinnen derer von Sirvermor +blieben den Männern merkwürdigerweise immer +genau eine Sothisperiode lang treu, dann waren sie +wieder untreu. Und der gesetzmäßige Umschwung +trat zufällig erst jetzt ein, somit das von einem hochweisen +und vorsichtigen Rate erlassene Verbot, betreffend +Ehen zwischen den Operntänzerinnen männlicherseits +und etwa zu erwartenden Stierkämpfern weiblicherseits: +dieses sogleich nach dem Fluche angeschlagene +Verbot fand dergestalt niemals Gelegenheit, in Kraft +und Wirkung zu treten. + +</p><p>Vorerst machte sich keine Veränderung bemerkbar. +Auf dem Throne saß gerade Frau Ordilschnut — die Urgroßmutter +<!-- page 019 --> +Jezaidens und Schwester der berühmteren +Ordilgund von Undulur — ein Mägdlein annoch, so +unschuldig, daß sie außer einem Töchterlein namens +Bamalip nur einer Puppe das Leben schenkte, worüber +sich der ganze Hof vor Lachen fast ausschütten wollte. +Das zweite Mal — ich will nicht lügen — kam sie mit +einem Mops und Zwillingen nieder, die jenem Töchterchen +Bamalip aus der Maßen ähnlich sahen. Man +nannte sie daher auch Barbara und Fresapo, und alle +drei spielten, wie man weiß, in der sirvermorschen Geschichte +nachmalen eine außerordentliche Rolle. Ihr Gatte +war ein in der Räucherkammer der Zeit früh grau und +faltig gewordener Herr in den kalten Vierzigern, den +sie nicht lieben konnte und der durchaus und eigensinnig +noch selbst etwas für die Thronfolge tun wollte. +Als er die junge Königin in Armen hielt, klammerte +sich die Bedauernswerte, schaudernd wie vor dem Tode, +in der Angst an das wenige Liebe, das sie besaß, an +ihr Töchterchen Bamalip und etwa noch an einen kleinen +Mops, der sie in ihrer Einsamkeit zerstreut hatte. Als +Aspramont die Zeichen der Kälte seiner Lebensgefährtin +sah, die Kinder, deren Mutter sozusagen auch Bamalip +war, schlug er ob dieser Blutschande die Hände +über dem Kopf zusammen, ja, er hätte Ordilschnut +verstoßen, wenn nicht letzte Überlegung für sie gesprochen +hätte, die doch noch ein Kind war. Und so zog +er denn in den Krieg wider die Orilanen, Menschen, +denen der Bart auf der Nase entkeimt, und die sehr +sonderbare Speisegesetze haben — gebratene Eidechsen +<!-- page 020 --> +essen sie unter keinen Umständen, Sauerkraut mit +Leberwurst hingegen ist ihnen erwünscht. + +</p><p>Nach der über diese Leute verhängten Züchtigung, +auf dem Rückwege geriet Aspramont — wenn die +sirvermorischen Annalen nicht trügen — mit den Sultanen +von Marabu und Talili in einen Kampf um +die Weltherrschaft, und die Heimkehr verzögerte sich +dadurch. Inmitten des gewaltigen Schlachtenlärmes +hatte man es wenig beachtet, daß die Königin glücklich +von einem Eunuchen entbunden wurde. Dies hätte +eine Warnung sein sollen, war es aber nicht. Ordilschnut +ergab sich einem ungezügelten Lebenswandel: +eine Liebelei mit dem Prinzen Karfiol von der Mondscheinküste +blieb nicht die einzige, die Leute vom +Hofstaat wagten keine Vorstellungen, die Königin +als die Höherstehende betrachtend, weil nicht sie durch +einen Eid zur Entsagung verurteilt war, sondern der Gatte. + +</p><p>Die kurze Pause eines mittlerweile eingetretenen +Waffenstillstandes benützend, um an das abermalige +erfreuliche Wochenbett der geliebten Gemahlin zu eilen, +welche Überraschungen wurden da dem guten, alten +Aspramont zuteil! Reitknechte, Tenore, Schwergewichtsathleten, +Chauffeure, französische Sprachlehrer! Und +so oft der besorgte Gatte: »Halt ein« oder strenger: +»Jetzt aber Schluß« rufen wollte, kam noch irgendein +Kaminfeger, Leutnant, Fleischhacker oder Kammerdiener +zum Vorschein, bis Aspramont die Hand, die +schwertesschwere, wider die Pflichtvergessene erhob und +zustieß. Fiel aber dann selbst im Duell mit dem Leutnant. +<!-- page 021 --> + +</p><p>Es wird niemanden wundernehmen, wenn, durch +so entsetzliche Ereignisse im höchsten Grade beunruhigt, +geradezu außer Atem infolge wiederholt eintretender +ähnlicher Vorfälle, die immerhin nicht so +drastisch, weil sie auf die Hervorbringung eines einzelnen +Jünglings beschränkt blieben, doch keinerdings +ohne einige Mitwirkung höchstgeborener Prinzessinnen +von statten gingen, ich sage, es wird niemanden wundernehmen, +wenn eine löbliche Priesterschaft von Sirvermor +sich da ins Mittel zu legen beschloß. Waren +doch an diesen Begebenheiten Weltgesetze zuschanden +geworden, vor allem jenes eine, gefaßt in das weiseste +Wahrwort, welches je über die Lippen eines Lateiners +kam: Pater semper incertus. + +</p><p>Außerdem waren die Privilegien der Gottesdiener +durch Attachés und Ausländer lädiert worden, deren, +mangels Einheimischer, Ordilschnut sich zur Befriedigung +ihrer Lüste bedient hatte. Sirvermor nämlich gehört +zu den Ländern, wo, den Satzungen der Religion +entsprechend — die Prinzen des königlichen Hauses +ausgenommen — die Epheben sich kastrieren, und die +Fortpflanzung auf eine wunderbare Weise durch die +Priester der Göttin Kibla bewerkstelligt wird. + +</p><p>Begünstigt ward das Vorhaben der Geschädigten, in +ihren heiligsten Rechten Geschädigten, durch die übereinstimmenden +Erklärungen der Mohnkipfelbeschwörer. +Es nahe die Zeit, da das allerhöchste Herrscherhaus +von dem Fluche befreit sein werde — dies gaben sie +vor, in den Sternen und Wurstabschnitzeln gelesen zu +<!-- page 022 --> +haben. Wie jedoch den Prinzessinnen kälteres Blut beibringen, +ein Gefühlsniveau, das den ans beste Mannsfutter +gewöhnten Damen sogar Juristen annehmbar erscheinen +ließ? + +</p><p>Auf die erste Nachricht von so entsetzlicher Zumutung +ging wie ein verhaltener Wutschrei ein gewaltiges +Rauschen des Zornes durch die Kleider der +Betroffenen, ja, sie hätten mit einem Fächerschlag +der Entrüstung ihre Zimmer verlassen, wenn nur jemand +darinnen gewesen wäre. Ihnen Juristen antragen, +Leute, deren kühn in die Brillen geschwungene Schnurrbärte +keineswegs für ihre vernehmlichen Glatzen entschädigen +konnten, helltönende Glatzen, die sich nicht +einmal durch das berühmte Haarwuchsmittel »Kapitol« +aufforsten ließen! Alles bäumte sich in ihnen. Juristen! +Welcher feinere Prinz studiert Jus, und wenn, wo +steht es geschrieben, daß so ein Ausnahmsprinz eines +ohne Plagiat durchgeführten rechtsphilosophischen Aufsatzes +fähig ist? Juristen heiraten! Menschen, die um +der schnöden Leibesnotdurft willen jahrzehntelang +Schweißgeruch sammeln, denen man’s ewig anriecht, +daß sie einst oft ein Paar Frankfurter mit Krenn +für ein opulentes Mittagsmahl gelten ließen . . . Die +Prinzessinnen fielen in Ohnmacht. Jede in ihrem Zimmer. +Als sie wieder zu sich kamen, war ihr Wille gebrochen. +. . Zehn Roßhähne wurden den Göttern der +Unterwelt geopfert, dann faßte der Erzaugur den Beschluß, +die Liebesneigungen der weiblichen Angehörigen +des Königshauses durch Hypnose abzutöten. Und so +<!-- page 023 --> +geschah es, nachdem erst das Zustimmungstelegramm +vom Delphischen Orakel eingetroffen war. Wohl gab +es noch geraume Zeit harmlose Rückfälle, den Schwimmhäuten +mancher Menschen vergleichbare atavistische +Hervorbringungen von unschuldigem Spielzeug verschollener +Generationen, als: Tennisrackets, Diabolos, +Trompeten, Automobilbrillen. Doch schwanden diese +Rückbildungen mit den Jahren, und jeder Wackere +hätte Gift darauf nehmen können, daß die Prinzessinnen +dieser Familie ebensowenig Liebe oder tiefere +Neigungen empfanden, wie die irgendeines anderen +Hauses. Alle Welt schickte nun die Kinder ins Gymnasium. +Denn war früher eine Königstochter vom +Drachen zu befreien, Tapferkeit und weitvorblickende +Klugheit, ein andermal für derartige Erwerbung +rätsellösend-einfältige Schlauheit vonnöten gewesen, dem +an unsere Epoche heranreichenden aufgeklärten Zeitalter +war es entschieden gemäßer, die Hand einer Fürstin an die +durch den Besitz eines eigentümlichen Namens verschärfte +Abfassung rechtsphilosophischen Essays zu knüpfen. + +</p><p>Welch ein Wetteifer unter den Juristen sowohl des +Königreiches Sirvermor als auch der anderen Länder! +Sogar der arme Herrscher von Suminoye, dem sein +Herzogtum abgebrannt war, ließ seine Söhne Jus studieren, +bis sie schwarz wurden. Bald jedoch schwoll +der Fleiß ab: die Ämter hatten alle Bittschriften um +Namensänderung abschlägig beschieden und auch die +mannigfaltigen Versuche, durch Beifügung des mütterlichen +Namens oder durch Adoption zum Ziel zu +<!-- page 024 --> +gelangen, sie waren, nachdem eine Saison lang Leute +namens Sir oder Sirver hoch im Preise gestanden, durch +Edikte vereitelt worden, deren genauen Wortlaut jedermann +kennen lernen kann, wofern er sich nur in einer +Bibliothek die betreffenden Nummern des sirvermorizer +Amtsblattes verschafft. Nicht ein Weichherziger +wie ich, ein anderer möge den Jammer der enttäuschten +Eltern beschreiben, die vergebens ihre Sprößlinge +auf die Prinzessin hatten studieren lassen. Was mich +anbelangt, so muß ich hier innehalten und einige ihrem +gerechten Kummer geweihte Zähren weinen . . . + +</p><p>Andererseits gingen entartete Untertanen in ihrem +Groll zu weit; sie waren es, die zuerst Realschulen erfanden +und gründeten, um möglichst viele Jünglinge +der dynastie-erlösenden Beschäftigung mit den Rechtswissenschaften +abspenstig zu machen. So groß ist die +Schlechtigkeit der Menschen! + +</p><p>Von da ab redete man nur wenig von unserer Angelegenheit; +Artikel höchstens in den Familienblättern, +königstreuer Mathematiker Berechnungen über die Wahrscheinlichkeit +einer völligen Aufhebung des Fluches, +erinnerten die Bürger ab und zu an jene unliebsamen +Ereignisse. Und damit wären wir bis zu jener Zeit +emporgeschritten, in der die eigentliche »Geschichte« +sich abspielt. + +</p><p>Erbprinzessin Jezaide Sirvermor lustwandelt im königlichen +Garten. Ist doch der Frühling angekommen, auf +seinen Schultern und Flügeln die Scharen der Singvögel +tragend. Ja, sie singen im königlichen Garten +<!-- page 025 --> +die gewaltigen Nachtigallen, das heißt: mit allerhöchster +Erlaubnis und soweit sie keinen Schnupfen haben. +Aber nicht der Nachtigallen Gesange oder Nichtgesange +lauscht ihre königliche Hoheit, Falte auf Falte +schneidet sich in ihre Alabasterstirn, siehe: wie in +tiefem Sinnen hebt sie eine Hand empor, mit dem +Rücken nach oben, und spricht zu ihrer Obersthofmeisterin: +»Mir scheint, es will regnen.« Und in der +Haltung wollen wir sie verlassen. + +</p><p>Um diese Zeit lebte in der Stadt Vienna ein edler Jüngling +namens Srimoverr, Baron Aeneas Srimoverr. Er +brachte die üblichen Jahre in einem geistlichen Gymnasium +zu und widmete sie, wie billig, einem zwiefachen Studium. +Auf der Bank lagen vor seiner Nase ausgebreitet lateinische +Klassiker, unter dem Pult aber entzückte seine Sinne +die Lektüre klassischer Franzosen. Nachdem er seinen +ebenso verschiedenartigen als eindringlichen Studien +durch das protegierende Auftreten noch einiger Freiherren +namens Srimoverr und eine sogenannte Schlußprüfung +Grenzen gezogen hatte, beehrte er die juridische +Fakultät mit seinem Besuch. Nicht so sehr, weil +ihn die Süßigkeit der Wissenschaft anzog: nein, eine +bildgeschmückte Heiratsannonce Jezaidens hatte ihn +mit den Bedingungen vertraut gemacht, unter denen +ein Königtum von den Dimensionen des Reiches Sirvermor +zu erringen war. Und seine Liebe erlahmte +nicht angesichts der Schrecklichkeit seiner Aufgabe. + +</p><p>Zwar: es ist richtig, wenn der berühmte lygische +Geschichtsschreiber Moses Maria Archivstaub behauptet, +<!-- page 026 --> +Aeneas habe sich selbst hinlänglich für seinen bewundernswürdigen +Fleiß belohnt. Er benützte nämlich nicht +nur die reichhaltige Bibliothek seines Oheims, des Privatdozenten +für Rechtsphilosophie, Bartholomäus Srimoverr, +sondern auch dessen Gemahlin teilte von jeher +mit demselben Eifer das Lager des jugendlichen +Neffen, wie jene Annehmlichkeiten, die Stellung und +Güter des gelehrten Gatten mit sich brachten. Dieser +Umstand aber sollte Aeneens Verhängnis werden. Der +Tag, da er mit dem vollendeten Werke sich zu seiner +Tante begab, Abschied von ihr zu nehmen, der Tag +ward sein Todestag. Tief, tief waren die beiden versunken, +er in das Vorlesen seiner Schrift, sie in ein +enthusiastisches Lauschen, und die Doppelschritte des +nahenden Gatten wurden erst gehört, als es zu spät +war. Kein zweckdienlicher Kasten im Zimmer, und +schon schwang sich Aeneas, das kostbare Pergament in +der Hand haltend, statt den Ehemann so ins Jenseits +zu stürzen, in unbegreiflicher Verwechslung selbst auf +das Fensterbrett und sprang zum letztenmal hinab in +den Teich, dessen Wellen auch vor ihm bereits manchen +Überraschten geborgen haben mochten. Ach, diesmal +dürften die Mühen der Lektüre zu gewaltig gewesen +sein. Des kühnen Tauchers Herz brach. Wild +aufrauschten die Wasser, und indem er den Zwicker +aufsetzte, sprach der Privatdozent die geflügelten Worte: +»Traun! ich habe doch diesem Fischhändler gesagt, ich +will nur echt Ibsensche Karauschen. Und was hat der +geschickt? Sind das Ibsensche Karauschen? Mutwillige +<!-- page 027 --> +Fische, die sich hoch über Wasser schnellen. Die +müssen von ganz wem andern sein! Was meinst du +dazu, Rosa? Diesen Fall muß ich untersuchen. Magst +mich begleiten?« Sprach’s und befestigte an der Angel +eine künstliche Fliege. + +</p><p>Ich würde gewiß nichts von dem Froschkönig erzählen, +wenn es nicht für den Gang dieser Geschichte +so unumgänglich nötig wäre. Er saß ganz harmlos im +Teiche unter seinem Sonnenschirm — denn gerade, daß die +Frösche keinen solchen brauchen, ist das Noble daran, +und darum hatte der Froschkönig einen und memorierte +unter ihm skandierend seine langweilige Thronrede: + +</p><p class="blockquote"> +»Wir Quakorax, König der Frösche, Blattläuse, +Malariamücken und so weiter; +kraft uralt angestammtem Recht beriefen +höchstwir alle Vasallen, die, sei es +zu Lande, sei’s zu Wasser unser sind, +auf diesen hohen Reichstag. Hört, hört! wir selbst +und Ihre Majestät, die Königin +Guaplasa, um sämtlichen Untertanen +kund zu tun, wie sie zu ehren wir +gedenken, keinem unsrer Völker nah +zu treten, keinem unsrer Achtung mehr +noch minder zu erweisen als dem andern: +ja! auf einem halbüberschwemmten Hügel, +mit einem trocknen, einem nassen Fuße, +staatsrechtlich, nicht bloß so zu sagen! über +dem Berg im übrigen auf astbefestigetem +Schaukelthrone uns bewegend« + +<!-- page 028 --> + +</p><p class="noindent">— hier blieb der arme Quakorax, vielleicht schon zum +zehnten Mal, über die jämmerlichen Versfüße stolpernd, +stecken, diesmal, weil der Tote zu ihm glitt. Quakorax +dankte den Göttern, daß sie ihm, falls als er bei der Thronrede +wirklich ins Stottern geraten sollte, eine solche Entschuldigung +vor Guaplasa darboten. Kein Zweifel: der +junge Mann, gewiß ein Kollege, hatte den unerträglichen +Leiden, die auch ihm eine Thronrede verursachte, durch +Selbstmord ein Ende bereitet. Kaum daß Quakorax sich +und den Ärmsten schicklich beweint hatte, machte er +sich an den Genuß der vermeintlichen Thronrede, die +dem Toten aus der klammen Hand zu winden, ihm +vermittels eines Zaubers gelungen war, der so gewaltig +ist, daß ich ihn hier nicht näher schildern kann. +Durch seine Lektüre an den Rand der Verblödung +gebracht, griff er, mit seinem Lose zufriedener, nach +dem eigenen Manuskript. Da trieb vor seinen Augen +eine verlockende Fliege auf und nieder. Nach hartem +Kampfe mit der Pflicht beschloß er in seinem Herzen, +die Fliege nicht zu verschmähen, schon um nicht die +Götter zu beleidigen, die ihm den leckeren Bissen +wohl zur Belohnung seines ausdauernden Fleißes gesendet +hatten. Es empfiehlt sich, den Geboten der Unsterblichen +mit beschleunigter Geschwindigkeit zu gehorchen, +und so schoß denn auch der gute fromme +Quakorax alsogleich, ohne etwas loszulassen, auf sein +Opfer zu, verfing sich, ward ans Ufer geworfen und +hauchte zappelnd seine Seele aus, welche geziemend +zum Hades enteilte. »Froschschenkel sind auch gut,« +<!-- page 029 --> +meinte Bartholomäus, »die den Göttern gebührenden +Eingeweide misse ich mit Vergnügen.« Dann bemerkte +er, was er sonst erbeutet hatte, löste unverzüglich ein +Billet nach Sirvermor und ein zweites, eine Umsteigkarte +in die Zukunft. Denn in dieser geht der folgende +Teil unserer Erzählung vor sich. + +</p><p>Während der Fahrt, indem sowohl der Privatdozent +in ihm eine Beschäftigung verlangte, als auch die Sorgen +des seligen Quakorax merkwürdigerweise auf ihn übergingen, +begann Bartholomäus die Thronrede auswendig +zu lernen, und selbst als er der hold errötenden Jezaide +den — wenn auch unzureichenden — Sonnenschirm des +Froschkönigs anbot, rezitierte der Zerstreute noch immer +sein »Wir Quakorax, König der Frösche . . .« Diese Phrasen, +für unverfälschte Wahrheit genommen, verfehlten +nicht, einen guten Eindruck zu machen; zudem: daß +Srimoverr die Erbin des Reiches so ziemlich vor den Unbilden +der Witterung geschützt hatte, erschien den +Priestern, die pflichtigst darüber die Lage der Sterne +und Butterbrotpapiere beobachtet hatten, ein dem Lande +heilweissagendes Omen und Symbol. Und dies ist in +unserer Geschichte, glaube ich, das einzig Unglaubliche, +das man nicht glauben kann: eine alsbald angestellte +Prüfung des rechtsphilosophischen Schriftchens ergab +untadelige Resultate, kein einziges Plagiat! Worauf +ohne weiteres wider Bartholomäus die Vermählung +eingeleitet wurde. + +</p><p>Für den Verstand von Leuten, die in diesen anspruchslosen +Zeilen eine tiefsinnige Allegorie erblicken +<!-- page 030 --> +wollen, etwa in Jezaide die Tochter eines Hofrates +oder Sektionschefs zu sehen vermeinen, die einem +simplen Dozenten zum Throne, id est: zu einer ordentlichen +Professur verhalf — auch die anderen, wahrlich +nicht wenig verschlungenen Begebenheiten auf kraß +realistische Weise ausdeuten möchten: für den Verstand +dieser Sorte von Leuten übernimmt der Verfasser +keine wie immer geartete Garantie, wenn sie nicht so +ruinösen Versuchen entsagen. Genannten Individuen +aber trotzdem gebührend entgegenzutreten, gesteht der +Autor offen und ehrlich, daß der Zweck seiner scheinbar +nichts weniger als tugendhaften Historie, soweit +ein solcher überhaupt vorhanden, ein hochmoralischer +ist und hofft damit einer aufmerksamen Leserin nichts +Neues zu sagen. Er hält dafür, nachträglich genug vor +jenem verderblichen Geist gewarnt zu haben, der +Zizipês sonst makellose Herrschergestalt verunzierte. +Wolle doch ein Jeglicher seinem guten Rat gehorsamen +und zur Taufe erscheinenden dreizehnten Zauberern +keine silbernen Stiefelknechte und beileibe keine schlechten +Zigarren anbieten, noch auf künstliche Fliegen mit +übereilt zuschnappendem Rachen antworten. Den Folgsamen +steht nicht bloß eventuell das Himmelreich offen, +sondern ihnen und nur ihnen wird mitgeteilt, wie sich +das Schicksal derer von Sirvermor-Srimoverr des Weiteren +gestaltete. + +</p><p>Es läßt sich nicht leugnen, der Prozentsatz an kleinen +Mohren und Chinesen, den die Prinzessinnen dieses +Hauses auch nach jener Sühnhochzeit herbeiführen +<!-- page 031 --> +halfen, er war und blieb ein größerer, als er in den +übrigen Königsfamilien Usus ist. Doch wer wird der +Bösewicht sein, zu fordern, eine künstliche, zauberische +Einrichtung, durch die Länge der Zeit beinahe zur +natürlichen Anlage geworden, möge wie mit einem +Glockenschlage zu bestehen aufhören? + +</p><p>Was die speziellen Schicksale Jezaidens und ihres +Gatten anlangt, so beteuern manche Skribenten, beklagte +Mohren und Chinesen, in dem unzureichenden +Sonnenschirm bereits zart angedeutet, seien durch die +Unterschiebung der Preisschrift verschuldet, und sei +dieser Frevel nur darum nicht postwendend ans Tageslicht +gekommen, weil Jezaide keine Kinder hatte, was +weniger der abgetöteten Liebe als dem gelehrten Charakter +ihres Gatten zuzuschreiben sei. Sonstige Erlebnisse +des Ehepaares? Zur Beruhigung: und wenn sie +nicht geboren sind, so sind sie auch heute noch nicht +gestorben! +<!-- page 032 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Liebe</h2><p> + +</p><p class="first">Nitimur, ein wohlriechender Künstler, Erbauer +der sechs großen Stockwerke, sah eines +Tages die wohlwandelnde Königstochter Inve, und +nicht genug daran: er wagte es, seine Augen zu +ihr zu heben, die auf dem hochgelegenen Steige der +Königstöchter knabenleichten Schrittes zur Lust tief +und tiefer unten Wandelnder und also auch wohl zur +eigenen Lust einherschwebte. Ja, er gewann es über +seine in welcher Niedrigkeit aufgeschossene Seele, daß +er den jäh ansteigenden Kotsee und den darauffolgenden +Eisberg der vermeintlichen Glückseligkeit durchschwamm +und überschritt. + +</p><p>Diese beiden Stoffe nämlich, Kot und Eis, ausgezeichnet +sowohl durch die Menge, in der sie sich an +den genannten Orten befinden, als auch durch andere +Eigenschaften, sind dazu bestimmt und geschaffen, die +Wege der wohlwandelnden Königstöchter und der wohlriechenden +Künstler zu trennen. + +</p><p>Wohl war, wie ihr alle recht gut wisset, in diesem +unseren Königreiche Titumsem die schreckliche Strafe +der Spiegelentziehung auf das Erklimmen der Scheideflächen +gesetzt. Nitimur aber mag vor, während und +nach deren Durchquerung wenig an eine Selbstbespiegelung +gedacht haben. Vielmehr: an dem Orte seines +Strebens in welchem Aufzuge angelangt, warf er sich +rücklings zu Boden, auf den heiligen Boden des Einherschwebens +<!-- page 033 --> +der Königstöchter, und schlug ihn dreimal +mit dem Hinterhaupte. Dies ist die Art, mit der +in diesem unseren Königreiche Titumsem Hohlheit und +Wohlriechenheit gewiesen wird. Inve konnte nicht anders, +sie mußte eine Zeiteinheit lang ihr Einherschweben in +ungleichförmig verzögerter Geschwindigkeit vor sich +gehen lassen — gewöhnlich bewegen sich nämlich die +Königstöchter in diesem unseren Königreiche Titumsem +gleichförmig verzögert — und eine weitere Zeiteinheit +lang tat sie sich die Mühe, ihre konkaven Wangen in +dem Blaurot des höchsten Unwillens erröten zu lassen. +Nitimur nun — war es Absicht oder Unfall? Meine der +Verehrung wohlwandelnder Königstöchter sicherlich zuneigenden +Zeitgenossen werden mir wohl recht geben, +wenn ich steif und fest behaupte, daß es nicht seine +Absicht war, und ebenso dürften meine dem Glauben +an das Walten einer ursittlichen Welthausordnung herzhaft +geneigten Zuhörer meiner wohlweisen Meinung +sein, wenn ich statt Zufall Unfall sage . . . + +</p><p>Nitimur nämlich, der wohlriechende Künstler, rutschte, +von der Blauröte des höchsten Unwillens scheinbar gleichgültig +durchstrahlt, mit gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit +den Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit +hin und überschlug sich unter den spaßhaftesten +Purzelbäumen und Kapriolen im darauffolgenden Kotsee. +Wieder unten auf der Straße wohlriechender Künstler +angelangt, begab er sich aber nicht in seine sechs +großen Stockwerke, denn er wußte wohl, daß ihm sämtliche +Spiegel mittlerweile entfremdet worden waren . . . +<!-- page 034 --> + +</p><p>Wer aber kann malen das Blaurot des noch sehr +viel höheren Unwillens der wohlhabenden Königstochter +Inve, als sie nächsten Tages an derselben Stelle +Nitimurn gewahrte! Ihre Bewegung setzte sie da mit +gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit fort, die sie +nur um eine Zeiteinheit verzögerte, als sie an dem +wohlriechenden Künstler das heiße Schweigen der Liebe, +von dem die wohlwandelnden Königstöchter zu träumen +pflegen, nicht kaltes Schweigen der Körperverehrung, +das wohlriechende Künstler zu durchstrahlen pflegt, bemerkte. +Als sie sah, daß er mit weit weniger gleichgültig +durchstrahlter Miene seinen schmachvollen Heimweg +abkugelte. + +</p><p>Da aber jeder Tag diesen Vorfall gebar, Perku, ihr +wenig geschlechtlicher Erzieher, der zwar seine Zeit +meist damit füllte, noch weniger geschlechtliche Erzieher +zu zerspotten, dennoch beinahe bemerkt hätte, +daß seine wohlwandelnde Königstochter die zur Absolvierung +ihres Einherschwebens nötige und also vorgeschriebene +Anzahl von Zeiteinheiten stets überschritt, +schließlich Inve einsah, daß bald ihr ganzer Reichtum +an Erörterungsnuancen allewerden dürfte, tat sie es +eines Tages, über den Wasserberg hinweg, der den +Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige von dem +Steig der wohlwandelnden Königstöchter trennt, sie +tat es, ihrem Vater Pimus zuzurufen, der wohlriechende +Künstler Nitimur störe täglich die Regel- und Gesetzmäßigkeit +ihres Einherschwebens. Der wohlschlafende +König Pimus, dem es ein Neues war und den es +<!-- page 035 --> +mit Verblüffung durchstrahlte, daß ein wohlriechender +Künstler auch nach Entfremdung seiner Spiegel vor +wohlwandelnden Königstöchtern zu liegen wage — +deren heiligen Boden mit dem Hinterhaupte schlagend, +Hohlheit und Wohlriechenheit weisend — er erschrak +zuerst über das Omen dieser sehr kuriosen Zugetragenheit, +das und die in keinem königlichen Orakel- und +Traumbuche verzeichnet und vorgesehen war. Also +machte der wohlschlafende König Pimus seinem wohltanzenden +Gotte Kwene dreiundachtzig und eine halbe +Verbeugung und sagte ein Achtel Betrolle her. Kwene +nämlich, der wohltanzende Gott, dessen Seil von dem +Schwindelpfade der Könige durch einen Sonnenberg +geschieden ist, sah sehr gut, hörte aber schlecht: daher +dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und +bloß ein Achtel Betrolle. Denn ihr wisset sowieso, und +ich sage es auch nur, um euch der Abwechslung halber +mit eurem Wissen zu ärgern: Man hat seine Freude +nur an dem, was man bis in seine süßesten Einzelheiten +auszukosten vermag, nicht jedoch an Dingen, +die, ach, in höchst summarischer Weise fühlbar +werden . . . + +</p><p>Kwene aber wußte sehr wohl, daß der Thron eine +Stütze des Glaubens an ihn sei. Nur darum reichte +er dem wohlschlafenden Könige trotz des Achtels Betrolle +schnell seine Ohren, und außerdem drangen gerade +in dieser Zeiteinheit labend an des schlachtmesserumgürteten, +wohltanzenden Gottes nicht ganz schlecht +hörende Ohren des eben von ihm eigenhändigst, nach +<!-- page 036 --> +allen Regeln der Kunst geschächteten Schlachtopfers +höchst rituelle Laute des Sterbens und Verzuckens. +Dennoch aber unterdrückte der wohltanzende Kwene +den wohlweisen Rat: »Sende dem wohlriechenden +Künstler einen zweiten Spiegel, auf daß er sich darin +besehe!« Nein, er wollte wieder einmal ein Exempel +seiner Allmacht, Gerechtigkeit und ursittlichen Welthausordnung +statuieren und gab dem wohlschlafenden +Könige Pimus den minder weisen Rat, die wohlwandelnde +Inve hinabzusenden zu dem wohlriechenden +Künstler Nitimur, dem Erbauer der sechs großen +Stockwerke. »Denn die gebotene Möglichkeit der Befriedigung +wird des wohlriechenden Künstlers Sehnsucht +und Liebe stracks töten, da sie bloß jener selbsterzeugte +Hunger in Gedanken ist, den armgelebte +Künstler hie und da aufzuziehen pflegen, der aber +immer unbefriedigt stirbt, den sie wohlahnend sich +vergehen lassen, wenn der Erfüllung Schmerz ihnen +verstattet wird.« Und geheime, frohe Gedanken der +Rache an dem verbeugungsfeindlichen Künstler und +dem gern betrollenden Könige durchstrahlten des Gottes +und Tänzers Miene, kaum verborgen durch ein nervöses +Zwirbeln des Schnurrbartes. + +</p><p>Nicht vergaß da zum Dank der wohlschlafende König +eine halbe und dreiundachtzig Verbeugungen dem seiltanzenden +Gotte Kwene zu machen, noch weniger vergaß +er es, den Heimtückischen durch schnelles Ableiern +von einem Achtel Betrolle zu ärgern. Schnell tat er +es, über den Wasserberg hinweg seiner wohlwandelnden +<!-- page 037 --> +und gerade einherschwebenden Tochter eine Hymne +auf seine Vatertugenden zu halten und ihr zu befehlen, +allbereits hinabzuschweben zu dem wohlriechenden +Künstler. Welche machte sich sofort auf mit ihren +wohlschmeckenden Zofen, die ein wohlklingendes Geschnatter +fortflattern ließen, als die Königstochter in +einem Sprunge hinabsprang zur Straße der wohlriechenden +Künstler, die ihr scharenweise zur gefälligen +Matratze dienen wollten. + +</p><p>Als aber Nitimur, auf seinem wohlgeborstenen Steine +vor den sechs großen Stockwerken sitzend, sie kommen +sah, da wandte er sich zur Flucht und sprang +lieber hinab über grasbewachsene Wiesen zu den bewußtlos +lebenden Bürgern und tauchte lieber unter in +ihrem Meere der Gewöhnlichkeit. Tiefbetrübt gebot da +die wohlwandelnde Königstochter den wohlriechenden +Künstlern, ihre Spiegel zu legen über den Kotsee, ließ +sich nur unwillig ihre goldenen Schlittschuhe anschnallen. +Denn sich hinunterzukugeln über die Grashalden in +der häringhaften Bürger Meer von Gewöhnlichkeit, dies +war ihr wie jeder echten wohlwandelnden Königstochter +unmöglich. In ungleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit, +in in rasendem Sturmlauf blitzte sie den +spiegelbedeckten Kotsee hinan, hinan den darauffolgenden +Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit. Wenig +kümmerte sie es, daß ihre wohlschmeckenden Zofen, +diese Keineswegs-Königstöchter, vor den gefälligen +Matratzenkünstlern ihr wohlklingendes Geschnatter fortflattern +ließen und sich mit ihnen um die einerseits kotbelegten, +<!-- page 038 --> +andererseits wohlgeborstenen Spiegel balgten, +im Schlamme wälzten und schließlich dem Geheul und +Gewaltschmerz der nicht ganz ausgenützterweise sich +um ihre Spiegel gebracht sehenden Wohlgeruchs-Künstler +ein Ende taten, indem sie mit ihnen die Grashalde +abkugelten in der kaninchengleichen Bürger Meer +von Gewöhnlichkeit. Gar nicht kümmerte es die schnellhinwandelnde +Königstochter Inve, daß sie, anfahrend +ihren Steig, ihrem wenig geschlechtlichen Erzieher Perku +und seiner aus noch weniger Geschlechtlichen gebildeten +Gesellschaft die restlichen Geschlechtsteile abfuhr und +alle tötete. + +</p><p>Nicht mehr war sie bedacht darauf, in allen Zeiteinheiten +gleichmäßig einherzuschweben, die wohlwandelnde +Königstochter Inve, die früher und bis zu wohlriechenden +Nitimurs Flucht zwar eingedrillterweise von +Nuancen des Errötens, aber wenig von Liebe gewußt +hatte, sie bewegte sich mit höchst ungleichförmiger Geschwindigkeit, +und ihre Seele ergab sich wildem Weinen +silberner Tränen. Pimus sogar, ihr wohlschlafender +Vater, er hörte es, und ohne seinen ewigtanzenden +Gott extra zu behelligen, griff er sofort zu dem in +solchen Fällen höchst angezeigten und probaten Mittel: +er zeigte seiner wohlwandelnden Tochter ihre Verlobung +mit dem immer schlafenden Kaiser von Gata +an. In ihrem tiefen Grame hörte sie es nicht, wie es +der wohlschlafende König schlau geträumt oder berechnet +haben mochte. Inve, mit Unrecht wahrlich eine +wohlwandelnde Königstochter genannt oder etikettiert, +<!-- page 039 --> +fuhr immerzu fort mit ihren unsteten, ungleichförmigen +Bewegungen, ihrer Seele Weinen überzog ihre Wangen +mit Silberamalgam, machte sie fast konvex, und schon +glaubten alle Ärzte und Urinoskospen dieses unseres +Königreiches Titumsem, die weiland wohlwandelnde +Königstochter Inve würde, ach, für immer der Stetigkeit +und Gesetzmäßigkeit ihrer Bewegungen beraubt +sein . . . + +</p><p>Eines gemeinen Tages aber, da der wohlriechende +Künstler Nitimur auf der Grashalde lag und in Träumen +noch sechs große fahrende Stockwerke für die ochsenartigen +Bewohner des Meeres von Gewöhnlichkeit ersann, +schreckte ein schreckliches Getöse und Geflimmer +ihn aus seinen Fieberträumen. Die Bürgerlein hatten +nämlich von dem frohen Fest im allerhöchsten Herrscherhause +gehört und feierten es, jeder nach seiner Art, +der eine mit verschiedenfarbigen Fetzen, Liedern von +gefälligen Matratzenkünstlern, der andere mit Lichtgestank +oder Böller- und Kartaunenblähungen. Jäh +fuhr der wohlriechende Künstler Nitimur auf, als er +den Grund der verschiedenfarbigen Fetzen, der Hurralieder, +des Lichtgestankes und der bürgerhaften Schießerei +erfuhr. Wo waren da die sechs großen fahrenden +Stockwerke für die gleichförmigen Bewohner des Meeres +solcher Gewöhnlichkeit?! + +</p><p>Jetzt aber möchte ich meine dem Glauben an das Walten +einer sittlichen Welthausordnung herzhaft zugeneigten +Zuhörer ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu +machen und sich zu entfernen. +<!-- page 040 --> + +</p><p>Denn mit einem Satze über die Grashalde hinaus +und die Straße der wohlriechenden Künstler, hinaus +über den Kotsee und den Gletscher der anscheinenden +Glückseligkeit: Nitimur war oben beim Steige der +nicht immer wohlwandelnden Königstochter, und ehe +noch der wohlschlafende König von Titumsem und +der immerschlafende Kaiser von Gata Zeit gefunden, +erwachen zu wollen, hatten sich Nitimur und Inve gefunden, +in hoher Pracht gefunden. Jetzt aber möchte +ich auch meine dem Glauben an das Walten einer +urunsittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer +ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu machen +und sich allbereits zu entfernen! . . . + +</p><p>Vielleicht, um nicht tiefe Lust zur Gewohnheitsqual +zu verherben, zu verderben; wer es fassen kann, der +fasse es: mit einem Satz über den Wasserberg hinaus +und den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige, +hinaus über den Sonnenberg und das Seil des im +Fluge herabgestoßenen wohltanzenden Gottes Kwene, +der noch im Falle tanzte und seinen Bart nervös zwirbelte +— waren, war Nitimur-Inve geflohen, geflohen +in das Reich des ewig seienden, einzig seienden Todes. +<!-- page 041 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der Knecht seines Schicksals</h2><p> + +</p><p class="first">Auch über Analama, der auf der Insel Quo-uk +mit den Schwänen lebte, kam das mannbare +Alter, er mußte den grauen Chroglu überschreiten +und fiel in das verfluchte Königreich Uttarakuru. Wie +das immer so ist, meldete sich die Königstochter +unpäßlich, und ihm blieb nichts anderes übrig, als mit +den Ungeheuern des Blutflusses Uhuru zu kämpfen. +Sein Sinn aber stand nicht nach Streit, sondern +nach den sanften Gelöstheiten des Daseins. Er sehnte +sich nach intimen Wangen, Frauenhaar, Schenkeln von +himmlischer Güte. Die Königstochter aber tat andauernd +unpäßlich. Da blieb auch Analama der Ströme +seines Blutes nicht länger Herr. Er fand, daß die Norne +Langeweile die Zeit stickt, wollte die gefrorene Zeit +töten — und aß nur seine Uhr auf. Er wollte alle +Weiber vernichten — und riß nur etlichen Mädchen +mit besonders aufreizenden Waden die Zöpfe aus. +Die Königstochter blieb andauernd unpäßlich. Analama +drückte sich mit seinen eigenen Fingern famos +die Augen aus, nichts mehr vom Dasein zu sehen. +Die Königstochter zertrat seine Augen und empfahl +dies Püree ihren Katzen. Analama verließ sich. Die +Königstochter brachte die gesetzlichen Thronerben: junge, +starke Hunde zur Welt. +<!-- page 042 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Hildebrandslied</h2><p> + +</p><p class="first">Es wird berichtet, daß eine Stimme sprach gegen +Iskandar Zualkarnain und ihm befahl, seine +Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen +Reisen alle Gegenden und Menschen genossen hatte, +sagte er vor sich hin: »O blinder Sklave des Geschickes, +wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst du +erfahren, was nach diesem kleinen Leben sein wird.« +Also haderte er nicht mit jener Stimme letzten Befehls, +sondern gebot Sklaven, ihm seine zwei Hörner wie für +ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber +einen ganzen Wildesel verzehrt hatte, bestieg +er ein Eilkamel, um nicht zu säumen und so zu beleidigen +den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine +Dichter, die Nachtigalleulen, begannen auf eine schöne +Weise zu klagen und versuchten, sein gleichgültig +schauendes Herz mit ihren gelinden Traurigkeiten zu +erfüllen und den der neuen Sache Beflissenen wieder +an die knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden. +Das Eilkamel jedoch in seiner Weisheit erinnerte sich +verzehrter Dattelkerne, und indem es den Dichtern +warmen Mist des Lebens ließ für die rauhen Nächte +der Zukunft, verschwand es mit dem König der Zeit +im Walde. Er aber sprach zu seinem Barte: »Nicht +begreife ich die sachte Trauer der Gefährten meines +Atemholens. Wenn ich ihnen entgleite, so können sie +mich doch zurückhalten in den Bogen und Windungen +<!-- page 043 --> +ihrer schlangengleichen Gedichte. Ich aber habe es +schwerer als diese Gezähmten: ich muß etwas tun. +Nun habe ich einen ganzen Wildesel gegessen, denn +es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und mit hungerndem +Magen entgegenzutreten. Sollte er mir nicht +gefallen, so kann ich, ein Herr, ihm wenigstens mancherlei +ins Gesicht rülpsen, wie es sich gebührt. Doch +noch sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.« +Indem er also seinen Unwillen, auf den Tod warten +zu müssen, ärgerlich kundgab, erschien auf dem Wege +ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: »Nicht dies +ist der Weg zum Tode, o König Zweihorn; du +könntest allerdings, wenn du schneller ans Ziel gelangen +willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite +lieber diese zwei Wälder hier seitwärts durch, und +wenn du an der letzten Lichtung meine Frau siehst, +so sage ihr, daß ich sie noch heute besuchen werde.« +Da dankte der König dem liebenswürdigen Kater, und +als er einen halben Kamelritt weiter wirklich die Katze +erblickte, grüßte er sie höflich und richtete seine Botschaft +aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze freundlich +über die nahe Möglichkeit eines annehmbaren +Todes — nur eine Parasange weit! + +</p><p>Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt +hatte, traf er richtig dort einen Mann, an Stärke gleich +einem ausgewachsenen Löwen. »Nächstens lasse mich +nicht so lange warten,« brüllte der Mann. »Ich bin +dein Vater Rustan, und da ich dich ins Leben gepflanzt +habe, schickt es sich auch, daß ich dich töte.« +<!-- page 044 --> +Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohne die +Hörner aus dem Kopf zu drehen, und Iskandar Zualkarnain +ehrte den Vater, getreu dem Gesetze des +Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte +zu zupfen, noch auch ihm den vorbereiteten Esel ins +Gesicht zu rülpsen. So benommen war er von den +Schmerzen des Lebens. +<!-- page 045 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Traum des 888. Nachtredakteurs</h2><p> + +</p><p class="first">Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages +und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch +als die achthundertundachtundachtzigste Nacht da war, +fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, +daß im Lande der besoffenen Ströme ausnahmsweise +ein geiernasiger Jüngling lebte, der gern im Schlaf +ertrank und da er wenig arbeitete, Hunger trieb. Seine +Sehnsucht und Begierde ging gleichwohl nach dem +Faulen unerreichbarer Gewürze, und wegen dieser +seiner dicken Gewohnheit nannten ihn die Ungläubigen +Schinkenstern. + +</p><p>Als er eines Tages seinen Magen nach den Marzipaninseln +traumwandeln ließ, überfiel ihn ein Schnellzug +und ließ nicht ab, ihn davonzutragen, bis alle +Kohlen verdampft waren. »Dies ist nicht das Land +des Safrans und der Wohlgerüche,« jammerte der Entführte, +als er sich nach einem wahnwitzig schrillen +Pfiff in einer robusten Halle ausgesetzt sah. Weil es +notwendig war, brach er die Dämmerung seines Geistes +ab und suchte nach einem Sofa, wo er sein Haupt +niederlegen könne. Weiter strichen seine Pläne nicht, +und indem er an einem Hotelportier vorbeiging, erreichte +er es, mehrere Meldezettel ausfüllen zu dürfen. +Nachdem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich +in den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu +<!-- page 046 --> +erwartenden Träume seine innersten Gedanken enthülle. +Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos, traumlos +wieder ins Leben aus, und als der Unglückliche zum +abertausendsten Male kläglich im Raume erwachte, +veranstaltete er einige Augenblicke der Besonnenheit. +Aber ehe er etliche Vernünftigkeiten ausgeheckt hatte, +verdrängte der Schrei nach einer Buttersemmel das +Gekrächz seiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt, +seinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich +dieser nicht, und so beschloß er, seine Leiblichkeit vorläufig +dem Hin und Her des Zufalls zu schenken. +Keinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische Arbeit +zu tun und wollte lieber die Verhandlungen mit +der Erde abbrechen. Er begann also über die Oberfläche +der fremden Straßen als ein gemäßigter und +nicht ganz zielloser Spaziergänger hinzugleiten. Seine +Augen grasten ruhig die Erscheinungen ab und fielen +schließlich in die Blätter, aus denen sich zahlreiche +Toren über den Gang der Gestirne zu unterrichten +versuchten. Da schlug in ihn ein schnelles Erinnern, +und seine futterwitternde Geiernase, die ihm aus einem +Spiegel entgegengrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen +Zeit in gewissen Betrachtungen. + +</p><p>Er besaß zwar keine Feder der Fülle, aber an Schalttagen +drangen tollkluge Worte aus ihm. Wenn er auch +bezweifelte, daß diese seltenen Schalttage je sein ganzes +Jahr anstecken würden, war er sich doch einer bescheidenen +Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht aller Gesetze +der Interpunktion bewußt, und verdammte sich kalten +<!-- page 047 --> +Herzens dazu, von seiner Durchschnittssprache zu leben. +Dieszwecks legte er Zylinder an und ehe er sich noch +hatte warnen können, verscholl er in einem Verlagsgebäude. +Er hätte besser getan, sich des Zephirs der +Welt zu berauben. Denn als er vor den Journalisten +der Zeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige folgendermaßen: +»Du gehörst zu den weltfremden Siriusochsen +und bildest dir zwar nicht den Besitz des Stilmonopols +ein, bist aber trotzdem stolz darauf, als +erster den Ipunkt unter dem I befestigt zu haben. +Ich kann jedoch nur eine rechtschreiberische Schreibmaschine +brauchen.« Da ließ sich der Verräter Schinkenstern +sterben, er antwortete: »O, König der Zeitung, +ich höre und gehorche. Ich war ein Ifrit von den +Marids der Dschann und bin bereit, den Eid auf das +Zeilenhonorar abzulegen. Ich habe es eilig, ins Nichts +zu hasten. Ich war mitunter die Zunge der Dinge. +Werde ich es weniger sein, wenn ich mich zur Stimme +des Rindviehs mache? Möge ich bald an einem Druckfehler +sterben!« »Ich sehe, du gehörst zu den schwachen +Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen, ihren unüberwindlichen +Magen anklagen, o Halbdichter!« + +</p><p>Es wird berichtet, daß der Geiernasige zunächst als +Besprechungsliterat versank, einer jener vielen Kritikastraten +und Verschnittenen wurde, die eifersüchtig +den Harim des Ruhmes bewachen. Er ward eine kahle +Negation, legte sein Gehirn bloß, exhibitionierte mit +der raschwachsenden Glatze der Weisheit, aber seine +Seele war im Übersatz. Er schrieb nur Kartoffeln, +<!-- page 048 --> +und die Worte der Dichter verdienten, mit Nadeln +in die Spitzen seiner Augenwinkel geschrieben zu +werden. Da bemerkte er endlich das Graue seines +Tages und hielt inne in dem verstatteten Leben. Allah +übersetze ihn nicht! +<!-- page 049 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Die alte Geschichte</h2><p> + +</p><p class="first">Es war einmal ein junger Dichter namens Eduard, +der lebte in einem Palaste. Und in ihm war +nichts als Sehnsucht. Seine Diener aber brachten ihm +Schinkensemmeln mit Kaffee. Sehr traurig war der +junge Dichter, und seine Sehnsucht ging von einem +Zimmer in das andere. Herrliche Bilder konnte er sich +vorgaukeln, und das junge Mädchen, das er liebte und +haßte: Kunigunde! + +</p><p>Doch wenn sein junger Leib, der sich sehnte, einen +Schritt vorwärts tat, die geschaute Gestalt zu umarmen, +schwand alles, und seine Lippen, die nach +einem Kusse lechzten und glühten, sie sanken kümmerlich +zusammen, und sein Kopf fiel schulterwärts . . . +und er war wieder allein mit seinen Zimmern, Dienern +und Schinkensemmeln. Da haderte der junge Dichter +mit Gott und seinem Palaste und weinte über sie die +Tage und Nächte, daß sie ihm nicht geben wollten, +wonach er flammte . . . und hätte am liebsten die +Wände geküßt und die Bäume seines Gartens umarmt: +so sehnte er sich. Und er vergoß sieben Tränenströme. +Und wollte nichts essen und zerfleischte sich das Gesicht +und die lieben Hände und raufte sein Haar und +zerriß seine Gedichte und lag wie ein Toter da auf +seinen Teppichen. + +</p><p>Sandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine +ausgezeichnete Fee, und die sprach: Was gibst du +<!-- page 050 --> +deinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh, sei +wieder brav und ruhig, und Gott wird dein Haar +streicheln, und dein Haupt soll liegen in dem Schoße +deines jungen Mädchens. Da sprach der junge Dichter: +Ich will ja gern wieder an den lieben Gott und meinen +Palast glauben, aber warum ward ich so schwer geschlagen? +Es ist ja wahr, ich habe vor sieben Jahren, zehn +Monaten und drei Tagen beinahe eine Ameise zertreten! + +</p><p>Küßte die ausgezeichnete Fee dem jungen Dichter +langen Schlaf an und tat von seinem Leibe die Wunden +und üblen Farben, nahm von seinen Händen die +Betrübtheit . . . und als er erwachte, da taten sich alle +seine Zimmer auf und strahlten, und sein Haupt lag +gebettet in den Schoß des jungen Mädchens, und sie +streichelte seine Haare und küßte ihn und klebte seine +Gedichte wieder zusammen. + +</p><p>Glaubt ihr das? Ich nämlich glaube es auch nicht! +Sondern, als von dem jungen Dichter der Schlaf trat, +da stand zu seinen Häupten ein Freund und wies +ihm eine Kritik, in der Eduard niederträchtigerweise +gelobt wurde, ein Briefträger feierte seinen Einzug +mit einer Drucksorte, laut der sich Kunigunde mit +Archangelus Lardschneider, jenem niederträchtigen Kritiker, +verheiratet hatte, und eine jähe Drahtung zwang +ihn, die Premiere seines letzten Stückes abzusitzen, +des Schiffahrtsaktiendramas »Eduard und Kunigunde«, +das ihm vom Lesen her übel bekannt war. Und zu +Füßen seines Bettes stand ein Diener, in der Hand +haltend eine Tasse Kaffee mit Senf. +<!-- page 051 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-8">Frühes Leid</h2><p> + +</p><p class="first">Ich war kein Tierfreund, eher vielleicht ein tyrannischer +Beobachter der Tiere. Seit jeher reizte es +mich, diesen schwachen Wesen zuzusehen, mitzuspielen, +Herrschaft über sie auszuüben, da ich die +Menschen nicht knechten konnte. Ich ging ja in die +Schule, war Sklave von Rohrstäben, Katalogen, Klassenbüchern +und Zensurzetteln. Und daheim saßen grausame +Zieheltern, die meine Abneigung gegen das +Leben nährten, indem sie mich stets zum Essen zwangen, +zur Strafe mit den widerwärtigsten Speisen traktierten, +wenn ich den grammatikalischen Kram nicht wissenswert +fand. Die Existenz von Schulbüchern war doch +eine Gnade meinerseits? Nein! Man begnügte sich unbescheidenerweise +nicht damit, daß ich das Vorhandensein +derartiger Materialien hypothetisch annahm, +gelten ließ, ich sollte sie empfangen, die Bücher sollten +in mich übergehen und ich Buch werden. Paßte mir +diese Besessenheit nicht, reagierte ich auf solche Vernichtung +meines Ichs sauer oder, was meist geschah: +ließ ich mich auf derlei Provokationen überhaupt nicht +ein, sah man in meinem Vorgehen alles eher denn +Selbstbewahrung. Meine früh erwachte Aversion dagegen, +Gedichte anderer Schriftsteller auswendig zu +lernen: von mathematischen Formeln koitiert zu werden, +diese eminent männliche Eigenschaft hieß auf einmal +Faulheit und man entleerte über mich ein Füllhorn +von Strafen. +<!-- page 052 --> + +</p><p>Ich besaß eine kleine Kaninchenzucht. Gab ich mich +mit Hühnern und Tauben ab, fesselten den Zarten, +der für seine Person Raufereien scheute und mied, die +schonungslosen Kämpfe zwischen rivalisierenden Hähnen +oder Taubern. Blutliebe war es, Freude an diesen ebenso +formstrengen als gefühlsheißen Duellen, die erbittert und +unerbittlich bis zur Entscheidung ausgetragen wurden. Bei +meiner Zucht, bei meinem Kult von übrigens unfreiwilligen +Mitgliedern der Friedensgesellschaft, den geduldbehauchten +Kaninchen gegenüber hatte ich lautere +Motive. Ich ergötzte mich an rein vegetativen Prozessen, +freute mich, wie die jungen Tierchen schnupperten +und dann mit langen Froschsprüngen herbeieilten, +mir die Kohlblätter aus der Hand zu fressen. +Aber Kohl — der kostete Geld, ein paar Heller täglich, +und Futter, Wartung fraß Zeit, die ich nach +Ansicht meiner Pflegeeltern besser an das Studium +gewendet hätte. Ihr ewiges: »Hugo, lerne!« scholl +an mir vorbei, ich betrachtete die unregelmäßigen +Zeitwörter als Verbalinjurien und wußte mir etwas +Besseres als Verben reiten, konjugieren: Kaninchen. +Die waren mein Trost, halfen mir mit ihren Farben +und Bewegungen über schlechten Ausfall der Schularbeiten +und Mittagmahle hinweg. Bekam ich zu Weihnachten +eine üble Zensur und wurde demgemäß statt +jedes anderen Geschenkes strafweise täglich diejenige +Speise aufgeführt, die ich am stärksten haßte: Sauerkraut +— und noch dazu in angebranntem Zustand — +flüchtete ich nach Tisch zu den Kaninchen. Und siehe +<!-- page 053 --> +da! es gab Wesen, denen die Verabreichung dieses +Giftes, die Ausspeisung mit Krautblättern Glücksaugenblicke +schuf, Wesen, die mir, dem göttergleichen +Spender, durch ihr zufrieden-geräuschvolles Mahl zu +einigem Selbstgefühle verhalfen und nicht genug daran: +sozusagen durch die Vernichtung eines Teiles des Sauerkrautbestandes +der Welt mir dankbar einen großen +Dienst erwiesen. + +</p><p>Es kam eine Zeit, wo ich mein Reich nicht verteidigen +konnte, und die Bazillen drangen ein. Mit den +Bazillen meine ich nicht etwa die Erreger der Windpocken. +Die machten sich nicht so breit, mit denen +wurde ich leicht fertig, und wenn ich dennoch mich +schwach zu fühlen vorgab, nicht aufstehen wollte, so +lag das in mir: ich hatte wenig Lust, ins äußere +Leben zurückzukehren, in die Schule, diesen Garten +voll bitterer Kräuter, die — o bodenlose Verruchtheit +— obendrein botanisch-lateinische Namen trugen! Das +Kranksein bedeutete für mich sorgsame Pflege, Ruhe +und Waffenstillstand, und ich kann sagen, ich machte +häufig von Halsentzündungen Gebrauch. Wenn das +Fieber geschwunden war, sagte man wohl: »Liegend +lesen schadet den Augen,« aber ich durfte eine Weile +Lektüre treiben, was mir sonst — schlechter Zeugnisse +halber — verwehrt war. Der Arzt ließ mich gerne +liegen, er verordnete sogar zur Behebung der allgemeinen +Schwäche kräftigende und wohlschmeckend von +mir bejahte Gerichte, vor allem Weißfleisch. Doch für +die Wirtschaft, für das Staubabwischen und Aufräumen +<!-- page 054 --> +bedeutete mein Kränkelnwollen, mein Zärtlichkeitsbedürfnis +Hemmung und Überarbeit. Weißfleisch? Wozu +Hühner kaufen, wenn herrliche Kaninchen im Hause +waren, Kaninchen überdies, die, wenn man sie dem +eigensinnigen Knaben ins Bett geben mußte, sich unsauber +betrugen. Sonst zwar wurden Kaninchen nicht +gegessen, aus Ekel . . . aber ein wehrlos in der Genesung +begriffenes Kind aus der Geborgenheit, aus +dem sicheren Bett zu scheuchen, dazu war kein Mittel +schlecht genug. Thyestes nährte sich vom Fleisch der +eigenen Kinder. Atreus hat ihn damit brüderlich bewirtet. +Das ist noch gar nichts. Denn Thyest war +ahnungslos, wußte nicht, wovon er zehrte, wußte nicht, +was er wieder zu sich nahm. Auch ich mußte die Geschöpfe +essen, die mir die liebsten waren. Aber ich +fühlte, was ich hinabzuwürgen gezwungen wurde. Ich +verschluchzte mein Herz. Anfangs sagte man, auf das +Kaninchenfleisch weisend: »Backhuhn!« Als sich jedoch +mein tiefes Wissen um diese Welt durch das Gerede +nicht übertäuben ließ, hieß es, ich solle nicht so kindisch +sein. Kindisch? Leichtsinnig hatte ich die Kaninchen preisgegeben, +verraten! Während es mir beliebte, krank zu +sein, wurden sie wenig gefüttert, gemordet. Da gab +ich die Krankheit hin, stand auf, um die übriggebliebenen +Kaninchen vor meinen Zieheltern, vor den Bazillen, +vor dem Tode zu schützen. So rief mich das +Leben. »Hugo, lerne!« +<!-- page 055 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-9">Wodianer</h2><p> + +</p><p class="first">Der junge Baron Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein +betrachtete sein himmelan starrendes +Haar, das über seine Stirn, früh verwelkend, endlich +grau hereingebrochen war in diesem dreißigsten Jahr +seines ziellosen Lebens. Der Spiegel trug nicht die +Schuld, der hatte Generationen von Wodianern in +der Wiege strampeln und etwas stiller auf der ihr +folgenden Bahre liegen gesehen und jedem in durchaus +zuverlässiger Art ein Bild des veränderlichen Körpers +gezeigt, über das in manchen Fällen sogar ein Abglanz +der recht unsterblichen Seele gebreitet war. Nun +saß Albrecht Wodianer als letzter vor dem treuen +Möbel und ärgerte sich über ein Stück Materie, das +ihn langen Atems überdauern würde, unerblindet ihm +die Unreinheiten seines Geistes wies: die weiß angelaufenen +Speere seiner Haare. Albrecht Wodianer +ertrug den Anblick des Spiegels schließlich nicht länger; +da er aber allen Freunden gegenüber sanften Gemütes +war, zertrümmerte er ihn nicht, sondern trat den Rückzug +ins Café »Prag« an. Er selbst, wiewohl verarmt, kam +sich dort etwas deplaziert vor; ein Achtelliter Raubritterblut +empörte sich in ihm gegen die spitzfindige Synagogenluft +dieses Zionistenbeisels, in dessen Ecken immer ein +paar jüdische Literaten urchristelten. Doch der Umstand, +daß sich hier Räume ärmlichster Schlichtheit über zahllose +Stilepochen hinweg unversehrt im zwanzigsten Jahrhundert +<!-- page 056 --> +geborgen hatten, beruhigte ihn wieder, sonderbarerweise, +obwohl seine Nervosität und Zeitzerriebenheit +sonst sich gegen die Dauer der Gegenstände empörte. + +</p><p>Wodianer bestellte im leeren Café irgendwas +und ging dann wieder nach Hause, froh, niemanden +getroffen zu haben, denn das Öffnen des Mundes zu +formellen Reden und Antworten, zu dialektischen Wortkrämereien, +die nichts von seinem erschütterten Seelenzustande +offenbaren durften, weil Haltung unter Egoisten +Ehrensache war — dieses ganze, immer wieder nur +einen konventionellen Schein liefernde Gebaren war +ihm verhaßt. Und doch mußte er täglich, täglich ins +Café trotten, er konnte die Zeit vor Mitternacht nie +zu Hause verbringen, gewohnheitsmäßig warf er diese +Stunden an den nächstbesten Frauenleib, oder ließ die +Worte nahe hockender und doch weltweit entfernter +Literaten und Intellektbestien wie Fliegen in die Melange +fallen, die er dann nicht austrank. + +</p><p>Während des Heimweges empfand Wodianer eine +seltsame Blutleere im Schädel und empfand sie ungern, +denn sie erinnerte ihn an den Tag, da der Tod +zum letzten Male sich in seiner Nähe aufgehalten hatte, +eine Stirnwunde hinterlassend und kuriose Schwächen. +Folgen eines Duelles mit dem Hauptmann Orbenhayn, +der eine Bemerkung Wodianers — was auf dem +rötlichen Beteigeuze den Mädchen der Erde entspräche, +müßte dort schöner sein — auf seine Braut bezogen hatte. + +</p><p>Albrecht Wodianer sah vor sich liegen den sterbenden +Orbenhayn, dessen blutschäumender Mund rötlicher +<!-- page 057 --> +glänzte als der Stern Beteigeuze. Und spürte, in +der Erinnerung wieder Leib an Leib mit Ex-Orbenhayns +Braut, abermals die Wahrheit seiner Bemerkung. + +</p><p>Auf einem winterkahlen Baume vor der Universität +schwirrte es in kleinen Flügen von Ast zu Ast, um +nicht zu erfrieren. Zweigauf, zweigab glatt verschluckbare +weiße Flaumenbälle: Spatzen, die in Scharen über den +Baum versammelt waren. Hie und da sauste, den Baum +erschütternd, eine Elektrische vorbei, die in sich verkrochenen +Klümpchen, wärmehungernd, versuchten am Stamm +kleben zu bleiben. Wodianer fühlte mit ihnen kein Mitleid, +er wußte: in den Tierchen schwangen die Seelen ungeborener +oder abgeschiedener Mädchen, denen es bisher mißlungen +war, in die Universität zu laufen, und die nun hier, +nahe der Wissenspforte nächster Wiedergeburt harrten. + +</p><p>Wodianer haßte Frauenstudium, seine schwarzhaarige +Männerfaust fuhr hinab zu den Kieselsteinen +der Reitallee, und eine Faustvoll ergoß sich über rasch +aufschwirrende Sperlinge. »Viel Leben um nichts!« +murmelte er, zerrte seinen Bart und fluchte schon +lauter: »Nicht erwarten können sie es, die idiotischen +Dinger! Stellen sich da in Nacht und Nebel an, als +wäre so ein flaches Kolleg eine gute Burgtheatervorstellung. +Und nicht früher werden sie aufhören, die +zudringlichen Ludern . . . bis sie von Logarithmen ganz +verwanzt sein werden. Pfui Teufel!« Sehr unvermittelt +erklang in seinem Gehirn die Stimme seiner toten +Mutter: »Bubi, das darf man nicht!« Albrecht schlug +mechanisch die Hände gegeneinander, daß von den +<!-- page 058 --> +Handschuhen die schuldbeweisenden Steinkörnchen glitten. +Hernach ward er doppelt unwirsch, krächzte heiser: +»Das lebt noch immer in mir! Als ob so eine alte tote +Baronin Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein wüßte, +welche Gesetze heute im Leben gelten. Es war doch +meine Pflicht, möglichst vielen dieser lebensschwangern +Tierchen die nächste Wiedergeburt abzutreiben!« + +</p><p>Seine Augen noch baumwärts gerichtet, strauchelte +er über hervorstehende Straßenbahnschiene, fühlte sich +plötzlich im Besitze zweier Kniee. Die leicht kitzelnden +Schrammen bluteten stark, und indem er die eine +gerechte Strafe Gottes behauptende Stimme seiner +Mutter abwies, beschloß er, diesmal kein Mädchen zu +frequentieren, da er spürte, er könne diesen Abend +mit dem einen sanften Kräfteverlust ganz gut auskommen. + +</p><p>Wieder in sein Zimmer ausgespien, fragte er sich, +ob er den intriguanten Spiegel weiß oder schwarz verhängen +solle. Die Antwort darauf gab ein Knall, irgend +etwas, Stein oder Kugel, durchschlug Doppelfenster +und Spiegel. Wodianer riß erfreut die Fenster auf, +lehnte sich über die Brüstung, und seine Augen bohrten +sich in die nächtigen Parks, aus denen her das Feindselige +zu ihm gedrungen war. Dann verfolgte er, bei +jedem Schritt Glassplitter zermalmend, die Flugbahn des +Geschosses, fand eine abgeplattete Revolverkugel . . . +und nannte schließlich diese Begebenheit irrsinnig, da +ihm bis zum Überdruß bekannt war, daß er außer +etlichen imaginären Halunken und Ausgeburten seines +Hirnes keinen realen Freund oder Feind auf der Erde +<!-- page 059 --> +besaß. Die Schrammen der Knie bluteten noch immer +im leisen Rhythmus eines kleinen Schmerzes. Er legte +keinen Verband an. Schmutz in der Wunde? Wenn +ein lächerlicher Sturz die Macht hatte, ihm durch Blutvergiftung +das Leben zu nehmen, dann pfiff er überhaupt +auf diese dumme Errungenschaft . . . + +</p><p>Irgendwer hatte also nach ihm geschossen. Er ahnte +dumpf und immer heller die altruistische Verpflichtung, +den wohlgemeinten Versuch des Unbekannten zu Ende +führen zu müssen, lud, am Fenster stehend, die abgeplattete +Revolverkugel mechanisch in den Lauf eines +Schießinstruments, die Sache ging zielgerecht in seine +duellalte Schläfennarbe los, und mit der Hand nach den +Sternen greifend, als wolle er diese Steinchen auf irgendwen +werfen, hörte er noch, gegen den zertrümmerten +Spiegel fallend, verzweifelt als letztes Wort in der Sprache +der alten Welt die bekümmerte und eines tschechischen +Akzentes nicht entbehrende Stimme des Ewigkeitsschaffners: +»Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein umsteigen!« +<!-- page 060 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-10">Tod eines Seebären</h2><p> + +</p><p class="first">Seit Kaiser Schnurrbart die Mode auf dem Kontinent +kreiert hatte und auch im Königreich Kujavien +jene reizenden Galeeren, die man Dreadnoughts +nennt, eingeführt worden waren, kannte der Hochmut +der Marineoffiziere dieses Landes keine Grenzen. Daß +Jeremej, der junge Herrscher, niemals in einer anderen +als der Admiralsuniform gesehen und photographiert +wurde, mußte die frevelhafte Überhebung der Seeleute +steigern, namentlich aber den Neid aller Kasten hervorrufen, +die bis dahin den Großherrn mit einiger Berechtigung +den Ihrigen hatten nennen können. Dubrogin, +der Oberste der Spione, welcher übrigens dieser Bezeichnung +den Titel eines Polizeiministers vorzuziehen +liebte, ergrünte vor invidiöser Wut. Hatte doch früher +er den um seine Sicherheit bangenden Fürsten besessen +und reichen Sold und große Ehrungen zur Stärkung +seiner dem Regenten teueren Lebensenergien bezogen. +Nun hingegen vertraute der treulose Monarch den +Schutz seiner Existenz den Seefahrern an, in deren +Gesellschaft er die Tage seines Lebens verabschiedete. + +</p><p>Dies war so gekommen: die Küste des Reiches, die +Gestade des Blutigen Meeres, beschmutzten Stämme +der Skiapoden und Monokotyledonen, und um deren +Sprach- und Futterstreitigkeiten, sowie daraus erfolgenden +Aufruhr in Schranken zu halten, bedurfte es einer +stets paraten, bewaffneten Macht. Da die Seebehörden +<!-- page 061 --> +die nächsten am Platze waren, hatten sie wiederholt +eingegriffen und durch ihre geräuschlosen Gewalttätigkeiten +die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich +gelenkt und sie schließlich in dem angegebenen Grade +zu fesseln gewußt. Der Oberste der Spione aß vor +Wut darüber seinen Bart, ja, er ward der Freuden +dieser Welt überdrüssig. Solches wurde also sichtbar: Im +Königreiche Kujavien wie überhaupt in der gesamten +Biosphäre sind die meisten Wesen genötigt, durch Einsatz +und Preisgabe einzelner Körperteile und Fähigkeiten +die übrigen zu ernähren. Dieses Lebensgesetz +führt zu fast grotesken Nutzanwendungen. Zum Beispiel: +eine verhältnismäßig große Anzahl von Mädchen +kann nicht anders als durch jedermann anheimgestellte +Benützung ihrer Leibesöffnungen den Magen mit Speisen +füllen. Diese nichts als tragikomische Beschäftigung hatte +aber irgendein alter Prophet, der sich von Gurkensalat +nährte, scheinbar verurteilt. Demzufolge und aus +vielen anderen ebenso triftigen Gründen müssen die +Mädchen, wenn sie trotzdem auf die beschriebene Art +zu eiweißhaltigen Substanzen gelangen wollen, Tribut +zahlen, die Grausamkeit der über sie verhängten Gesetzesdrachen +einlullen, in Schlaf wiegen. Also mußte, +gleichwie jedes einzelne der Weibchen Körperteile zugesetzt, +prostituiert hatte, auch die Gesamtheit, die +Zunft, eines ihrer Glieder opfern, es den Spionen zum +Fraße hinwerfen. So ward denn eines Tages nach alter +Sitte ein Mägdlein namens Lisaweta seiner Schönheit +wegen zum Opferlamm auserkoren. Mit Blumen, Bändern +<!-- page 062 --> +und Edelsteinen aufs herrlichste geschmückt, einen +Myrtenkranz auf dem Haupte, wurde sie von ihren +weißgekleideten Genossinnen unter frommen Gesängen +unserem Dubrogin dargebracht, daß er segnend seine +Hände auf sie lege und die Blüte ihres Leibes verkoste. +Er aber befahl ihr nicht, ihren Körper zu entblößen +und sich zu lagern, der Tyrann gab ihr keinen +einzigen seiner Blicke, die Lieder ihrer Augen und der +Gesang ihrer Schenkel rührte ihn nicht, und das arme +Kind, sich so verschmäht sehend, vergoß reichliche +Tränen, und es brach ihr das Herz. + +</p><p>Die Späher in ihren Höhlen sannen vergebens darüber +nach, was wohl die Mißstimmung ihres Häuptlings +hervorgerufen haben möge? Aber einer unter +ihnen, der bislang noch nie eine Erhöhung der zu +seiner Mast bestimmten Speiserationen hatte bewirken +können, im Gegenteil von jedem diesbezüglichen Bittgang +mit zertretenem Zylinder heimgekehrt war, besaß +ein kluges und ehrgeiziges Weib. Sie erriet die Ursache +der Verstörtheit des Gewaltigen, und nicht genug +daran: es fiel ihr ein Mittel ein, wie geschaffen, dem +Regenten die Freude am Umgang mit den Wassermännern +zu zerstören. + +</p><p>Wenn nämlich die Seebären nach langer Fahrt ans +Land steigen, befällt sie regelmäßig eine unendliche +Sehnsucht nach Seebärinnen. Viele aber unter ihnen, +nicht fähig, eine große Ewigkeit enthaltsam zu überstehen, +hatten ihre Lust mangels an so vollendet angepaßten +Materien, wie es Mädchen sind, an minder +<!-- page 063 --> +geeigneten Objekten gebüßt und fürchteten nun, dadurch +an Liebenswürdigkeit verloren zu haben, die +Prüfungen bei ihren Damen nicht zu bestehen und +der Strenge des Auswahlgesetzes zum Opfer zu +fallen. Obgleich manche aus ihrer Mitte berufen waren, +dereinst an der Spitze ganzer Geschwader zu stehen, +hatten sie doch nicht so viel allgemeine Bildung, um +zu wissen, daß diese Verstimmung ihrer Generationswerkzeuge +nur kurze Zeit anhalten, späterhin, kraft +eines Weltprinzips, die Funktion das Organ tauglich +schaffen würde. Unwissend lechzten sie nach Gewaltmitteln, +die ihren Liebeswillen ins Ungeahnte steigern +könnten. Diesem ihren Wunsche kam die Frau +jenes beförderungssüchtigen Unterspähers entgegen. Sie +erinnerte sich der Tage, an denen sie sich zu ihrer +höchsten Befriedigung gemeinsam mit dem uralten +Fürsten Yohimbin jenen transversalen Schwingungen +überlassen hatte, deren innerer Gang und Rhythmus +vielleicht dem der Bewegungen sehnsüchtig an- und +auseinanderprallender Sterne gleicht. Tückisch sandte +sie zahlreichen Kapitänen magische Zigarren, die angeblich +ein vortreffliches Aphrodisiakum waren, in Wirklichkeit +jedoch einen Stoff enthielten, zu dessen nebensächlichen +Eigenschaften es gehörte, das menschliche +Leben wesentlich abzukürzen. Ein Meergreis versuchte +eine der Zauberzigarren, und sein Leib gab sich den +Wirkungen des Giftes hin. + +</p><p>Dies geschah gerade zu der Zeit, da ein ansehnliches +Kometenmännchen sich der Erde in Liebe zu +<!-- page 064 --> +nähern begann, Es wollte ein zartes Liebesspiel spielen, +die Veteranen aber und die Bürger beschlossen aus +einer Art Patriotismus, ihre Schädel recht hart zu +machen, um, soviel an ihnen lag, Widerstand zu leisten, +die Erde zu verteidigen. Vielleicht ganz gegen die Absicht +ihrer Herrin und Ernährerin, die wohl längst von +solchem Zusammenstoß geträumt hatte. + +</p><p>Trotz der Koinzidenz mit einem so seltenen Ereignis +rief der Tod des Admiralaspiranten großes Aufsehen +hervor. Von den Spionen bestochene Gazetten +führten den Meuchelmord auf avancementlüsternen +Brotneid zurück, und Jeremej, der junge König von +Kujavien, entsetzt über so niedrige Gesinnungen und +für sein Leben bangend, mied die Gesellschaft der Seeteufel +und flüchtete eilends in die Windeln, die Dubrogin +für ihn bereit hielt. Doch bald ermannte er sich wieder +und verließ seinen Schlupfwinkel, ja! er konnte den +Augenblick nicht erwarten, da ihm der Leibdiener die +Admiralsjacke ausgezogen haben würde. Und jetzt geht +der glorreiche Monarch auf und ab, rastlos auf und +ab, Extraausgaben der namhaftesten Zeitungen sind +in Vorbereitung, alle Untertanen harren in gespanntester +Aufmerksamkeit des Momentes, der ihnen die Nachricht +bringt, welche Uniform er nun tragen wird — dem +Kometen entgegen. +<!-- page 065 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-11">Ausflug</h2><p> + +</p><p class="first">Auf einem meiner Spaziergänge durch das Weltall +stolperte ich über den Schicksalsbaum, der +in solid-arischen Zeiten Weltesche Ygdrasil hieß, +nun aber längst blattlos verschrumpft, zwerghaft verkommen +ist und von den Rittern des Raumes »Baum +im Elend« genannt wird. Klein erschien er meiner +hungrigen Seele, und auch ein Webstuhl der Zeit, an +dem Baum mechanisch befestigt, wollte auf mich keinen +besondern Eindruck machen. Zunächst darum, weil +dieser Webstuhl der Zeit keineswegs sauste, sondern +sich als versonnen einen Abgrund überhängendes +Spinnennetz darstellte, in dem überwältigt, fliegengleich +eingesponnen, linsengroß die Sonnen hingen und +auch, kaum erkennbar, wie verrückt sich abzappelnd, +die Laus »Erde«. In der Mitte des Netzes ein Fettpatzen, +schwarz wie die Notwendigkeit: die Riesenspinne +»Zeit«. Ich wollte ihr eine Nadel in den Hinterleib +stechen, aber das darf nur der Finger Gottes. +<!-- page 066 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-12">Vorbild</h2><p> + + +</p><p class="first">Über die Bewohner von Morbihan, eines +kleinen und momentan noch sehr jungen Sternes, +erzählen die großen Weltfahrer der Vergangenheit seltsame +Dinge. + +</p><p>Früher erblickten die Sklaven des Palalu von Ohobdiro +niemals die Sonne. Dann aber kam Jesus der +Zweite, Schmernerenx, den ihre Jambenkönige in vielen +heiligen Liedern als Erlöser namhaft machen. Infolge +seines ergreifenden Gesanges wurden die den Bergwerken +Verfallenen immer beim Erscheinen eines Schweifsterns, +mit den trefflichsten Ketten gefesselt, an die +Oberwelt geführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt. +Die Herren gewährten dies, auf daß die Arbeiter +nicht das Gesicht verloren wie gewisse Fische in den +Tiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für die +Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre Sprechwerkzeuge +dabei nicht zu herzzerreißenden Klagen mißbrauchten, +wurde ihnen vorher die Zunge schmerzlos +entfernt. Kam nun der Komet seines Weges, so riefen +alle Freien »Heil«, entblößten das Haupt zum Zeichen +ihrer Verehrung für den seltenen Gast, und sprachen +fromm die anläßlich des Aufblitzens eines Haarsterns +vorgeschriebenen Gebete. Einen Augenblick auch wurden +die fahlen Gesichter der stummen Sklaven der +schmerzenden Helle überlassen, sodann jeder wieder +seinem Schachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt. +<!-- page 067 --> + +</p><p>Ein einziger Heiland kann ja auch gar nicht die +Kraft haben, die moralische Zusammensetzung der +Geschöpfe dauernd zu wandeln, er vermag auf diese +chemischen Elemente höchstens färbend, kalmierend einzuwirken. +Anhaltenden Erfolg dürfte aber erst die +lange Reihe, das Ineinandergreifen von zwanzigtausend +erstklassigen Erlösern erzielen. + +</p><p>Den letzten Berichten nach scheinen mittlerweile wieder +einige in Messiasse verwunschene Söhne des Sonnenfürsten +zu längerem Aufenthalt auf Morbihan eingetroffen +zu sein. Ein gewisser Fortschritt, vielleicht +dem Entwicklungsdogma entsprechend, läßt sich jedenfalls +nicht ableugnen: den Knechten der Bergwerke +wurde zu Zuchtzwecken Oberweltsurlaub bewilligt. +Diese Neuerung verdankten sie einer Reform der theologisch-wissenschaftlichen +Anschauungen. Man sah in +der herrlichen Annäherung eines Kometen an einen +Wandelstern Werbung. Wer auf eine Staatsanstellung +Anspruch erhob, mußte in dem stets entfalteten Pfauenrad +und Feuerschweif des Irrlichtes — dieses wie bei +zahlreichen anderen Kreaturen bedeutend kleineren +Männchens — einen Balzakt, eine Exhibition erblicken. +Jeden Gedanken an prahlerische Mimikry außer acht +lassend, glaubte man, alle diese Scheingestirne seien +Zuchtsterne, Befruchtungssterne, von irgendeiner Macht +an einem der himmlischen Harems, an den Planetenweibchen +eines Sonnendistriktes entlang geschleudert. + +</p><p>Nun untersagte aber ein Religionsparagraph den +Leuten von Morbihan, die Begattungskrämpfe ihrer +<!-- page 068 --> +Eltern zu betrachten. Also verboten die Großpriester +ihren Anhängern einen unzüchtigen Anblick: die Beobachtung +des Liebesspiels ihres Muttersternes mit +dem Kometen. + +</p><p>Da es für ein böses Omen galt, der Geburt eines +Mondes beizuwohnen, ferner den unschuldigen Spermatozoën +des Feuerverzehrten Amanten schädliche Eigenschaften +angesonnen wurden, und zwar: den Gasen +und Dämpfen eine den Atemorganen unbekömmliche, +dem befruchtenden Magma, wenn es an der Oberfläche +des Sternes zu Meteoriten gefroren war, sogar +eine zermalmende Wirkung — erklärten sich die Machthaber +bereit, die Arbeitstiere als Bazillenfänger zu verwenden, +sie zwischen sich und die giftigen Ejakulationen +zu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich +ja stets vorsichtshalber, um nicht von der Geliebten +verspeist zu werden, in respektvoller Distanz. War +aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er notgedrungen, +gesetzlich-galant der Morbihan den Hof +machen — nach den ebenso ehernen als lädierlichen +Geschlechtsregeln des Sonnendistriktes R. Nahte endlich +der schöne »Telecoitus«, so bedeckten die Gewaltigen +ihre Augen, stiegen, diesmal frommverhüllten +Hauptes, tief in die nun schützenden Berge hinab. +Aufwärts die Helotenmaschinen. + +</p><p>In jenen Tagen der Angst verrichteten die Oligarchen +unten in halb erheuchelter Demut das niedrige +Handwerk der Leibeigenen. Der jähe Umsturz, der +plötzliche Übergang von der Verehrung des Kometen +<!-- page 069 --> +zur Flucht vor dem Untier, dürfte allerdings schwerlich +ohne blutige Religionskriege vor sich gegangen sein. +War jedoch dieser Evolution wider alle Berechnung +ein friedlicher Verlauf beschieden, so leitete die Regierenden +dann wohl die Erwägung, eventuell, statt selbst +sterben zu müssen, bloß die Hörigen fallen zu sehen. +Außerdem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils, +dem Gutachten eines weisen Schäfers entnommen. Er +sprach: »Melancholie und Verstimmung — unverbrauchte +Überkraft. Jedes unbefruchtete Ei weint in dem Weib, +jeder verhaltene Samen weint in dem Mann. Liebe +ist entweder eine Autointoxikation durch überschüssiges +Sperma oder eine Vergiftung durch die Sekrete und +Gase, durch die Strahlen und Düfte anderer. Gleichwie +nun die der Zeugung Beflissenen Eier und Samen +der getöteten Tiere: unterworfener Stämme als zweckdienlichstes +Futter verspeisen, könnten die erotischen +Ausstrahlungen des wackeren Kometen eine vermehrte +Geschlechtstätigkeit, eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwindigkeit +der Sklavenkaninchen hervorrufen!« + +</p><p>So ereilten die Proletarier von Morbihan gefährliche +Saturnalien. Während der ganzen Brunstzeit des Kometenviehs +durften die Zuchttrotteln im Lichte weiden, +sich an dem seltenen Spektakel ergötzen. Ob zu ihrem +eigenen oder dem Verderben in so siderischer Luft geschaffener +Kinder und Enkel — darüber fehlt nicht +bloß in den Erzählungen der großen Weltfahrer der +Vergangenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes +jede Andeutung. +<!-- page 070 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-13">Mammuthbaum</h2><p> + +</p><p class="first">In seinem Sputum hat man Kometen gefunden. Er +starb an Lungensternen, jenen winzigen und scheinbar +so harmlosen Mikroorganismen, die wir Planeten +nennen. Was hatte diese gräßliche Erkrankung aufgerufen? +Wahrhaftig, ich schäme mich es auszusprechen: +Rassenhaß! + +</p><p>Draußen spazieren die zarten Frühlingsdamen, ich +kann ihnen nicht nahen. Unablässig sehen meine +Augen jenes tragische Ereignis vor sich. Und so ist +es mir beinahe lieb, daß von mehreren Seiten an mich +appelliert wurde, einige »Details« der Öffentlichkeit +preiszugeben. Da der Zweck ein löblicher, ja patriotischer +ist, will ich, obgleich das Ansinnen fast eine +Frechheit war, weil kein anderer den Fall auch nur +mit den Fingern berühren mag, die Sache auf mich +nehmen und in den Schlund springen . . . + +</p><p>Reginald Mammuthbaum mußte endlich Rücksichten +dem Vaterlande gegenüber platzgreifen lassen. Snob schon +der Abstammung nach, wählte er das exklusivste Garde-Regiment. +Früher war die Sache lebenslänglich und die +Anführer dachten: »Was heute nicht geschieht, geschieht +morgen«. Seitdem man aber diese detestable tausendjährige +Dienstzeit eingeführt hat, eilt den Vorgesetzten +die Ausbildung, und die Lage der Rekruten ist eine sehr +prekäre. Gar die Mammuthbaums haben nichts Gutes. + +</p><p>Nun, vorerst wurde das Usuelle gegen den Eindringling +<!-- page 071 --> +angewendet. Jahrzehntelang Gelenksübungen im Chaos, +Kanonenschultern, Kniebeugen, Bauchwellen, Eilmärsche, +man stelle sich vor: mitten im bittersten Universum! + +</p><p>Das Terrain ist koupiert, gibt man einen Moment +nicht acht, auf ja und nein hat man sich einen giftigen +Stern eingetreten und wird ihn nie wieder los. Und +die Gefühle! Riesenzecken sind nichts dagegen . . . +Sterne aber, vor denen hatte Sidonie, Reginalds Mutter, +großen Respekt. Sie sagte stets: »Kinder, wenn ihr die +Welt aufeßt, immer hübsch die Sterne ausspucken!« + +</p><p>Wie man weiß, gibt es viererlei Sorten von Sternen. +Ihr Wohlgeschmack und Nährwert ist ihrer Größe gerade +proportional. Erst das reifere Alter, und zwar nur +der geschlechtlich quieszierten Exemplare verbürgt bei +den Siderozoën die Genießbarkeit. Jugendliche oder gar +infantile Individuen sind als unbekömmlich, unter Umständen +sogar als giftig zu bezeichnen. Im übrigen ist +ihr Wachstum wie das unsere an Nahrungsaufnahme +gebunden, nur sind sie hierbei ganz auf schwächere, +jüngere Artsgenossen beschränkt. Geselligkeitstrieb, was +dasselbe wäre: Erotik, d. h. Hunger läßt Kometen größeren +Kometen verfallen. Das größere Gewicht hemmt die +Flüchtigkeit der neuentstandenen Organismen, die man +Satelliten nennt, sie erliegen der anziehenden Kraft +der Planeten und werden von ihnen schließlich einverleibt, +All das nichts als Etappen der Sonnenbildung, Stationen +auf dem Wege zum ausgewachsenen Fixsterne. + +</p><p>Nur die Sonnen lassen sich leicht fangen, da sie +nicht liebedurstig einherirren wie die jungen, sondern +<!-- page 072 --> +sexuell gesättigt und wiederkäuend ruhig an einem Ort +verharren, bis die Luftfischer unseres Kaiserreiches +Mirabilien kommen und nach ihnen sehen. Dann sprechen +wir das Tischgebet und streichen uns die nahrhaften +Körner wie Fischrogen aufs Brot . . . In geringer +Quantität sind sie ganz unschädlich, in großen +Mengen hingegen rufen sie Cholera hervor . . . Ich +für meine Person vertrage ziemlich viel. Sterne, in Essig +eingemacht, munden mir wenigstens bedeutend besser +als Schwammerln. Die eßbaren Altersstufen selbstverständlich. +Und auch die darf nur verzehren, wer einen +heilen Mund besitzt. Sogar unzubereitet schmecken die +kleinen, gustiösen Flammenbälle sehr pikant. Freilich: +die Mitglieder des Tierschutzvereines schlagen Lärm, wenn +man die armen Tierchen roh, bei lebendem Leib schnabuliert. +Und die Vegetarier gar erblicken im Sternkonsum, +in der Vereinigung mit niedrigstehenden Geschöpfen +Sodomie . . . Aber — Verzeihung dem Ausdruck — +wer wird sich noch um diese alten Weiber kümmern! + +</p><p>Was unseren R. M. anlangt, so haben ihn derartige +Anwürfe nie treffen können, seiner Mama ängstlich-nasale +Laute: »Reggie! Paß auf, daß du keine Planetoiden +schluckst!« hielten den Feigling ab, sich eine gewisse +Fertigkeit im Sternschlucken anzueignen. Wahrscheinlich +glaubte die würdige Dame, wie so manche +Laien, diese Pfefferkugeln seien den Nieren unerwünscht. +Vielleicht war auch in ihren famosen Speisegesetzen +dieses Nahrungsmittel verboten und ein Rest von Antipathie +zurückgeblieben. Ich weiß es nicht. +<!-- page 073 --> + +</p><p>Des schlappen Kerls reglementwidrige Furcht vor +den Himmelsinfusorien wurde irgendwie notorisch. Und +die Offiziere wollten einen derartigen Temperenzler +nicht im Korps dulden. Niemand wird ihnen das weiter +verübeln. Nur die Art und Weise, wie sie ihn abreagierten, +war schon mehr als unkollegial. Man machte +Reginald trunken. + +</p><p>Unter dem Beistande des logischerweise gesinnungsverwandten +Koches, der das fatale Nahrungsmittel schlecht +passierte, im Zeichen eines symbolischen Termines, +wurde von den Aufrechten Mirabiliens die übelriechend-zertretene +Minderheit und Varietät in Mammuthbaum +vernichtet. Ein krasser Fall von Soldatenmißhandlung! + +</p><p>In der Ehrenstunde unseres Repräsentanten, der 5% +Jehovaleute und 95% Andersgeartete zu vertreten +hat, dessen Selbsterhaltungstrieb also mit einiger Notwendigkeit +für die verschwindende Minorität weniger +übrig haben muß als für die dominierende Masse +seiner Stammesgefährten: am Geburtstag des Selbstherrschers +machte man Reginald trunken. + +</p><p>Im Urrausch fand er ein säuerliches Gelee, eine +verhängnisvolle Sternsauce, sehr plausibel. Der Unglückliche +litt an chronischem Rachenkatarrh. Die verschiedenen +Sonnensysteme taten ihm nicht wohl und +ein Satellit, ein verdammter kleiner Mond, blieb in der +Kehle stecken. In dem törichten Bestreben, durch plötzlichen +Schreck das Schlucken zu erleichtern, nannten die +Offiziere den Namen der Speise. + +</p><p>An wunden Stellen mochte es schon früher im Rachen +<!-- page 074 --> +nicht gefehlt haben, heftiges Würgen vergrößerte sie, +und ließ die seltenen Gäste in die Blutbahnen eintreten, +wo sie erfahrungsgemäß giftig wirken. Namentlich +wenn Trunkenheit ihre Virulenz steigert. + +</p><p>Zu spät holte man mich. Ich legte mein Ohr an +Reginalds Thorax. Wenn Bazillen in unsereinen einmarschieren, +singen sie zuerst ihre Volkshymne. Es +ist ja ein Triumph für sie. Und auch diese hier produzierten +sich im Mammuthbaum: bei ihren Atembewegungen +und Umschwüngen summten die Sterne +in ihm — ihm und sich die Sterbegesänge. + +</p><p>Die Krankheit dauerte relativ lang. Spät erst traten +die Vorboten der Agonie auf: er erzählte Gleichnisse, +einen Witz zwei- oder dreimal ein und demselben +Zuhörer. In normalen Fällen pflegen wir ein Individuum, +das so weit ist, zu erschießen, da es um +erinnerungslos-greise Hirne nicht schad ist und wir +Gesunden unter zu oft wiederholten Leitmotiven wimmern. +Man muß es demnach als ein Zeichen von Schuldbewußtsein +auffassen, daß man befahl, ihn über diese +Grenze hinaus zu erhalten. Und die nach seinem Tode +erfolgte Verfügung, laut der Gestirne von nun ab +nur gegen ärztliche Anweisung verkauft werden dürfen, +läßt sich ebenfalls nicht anders deuten. + +</p><p>Ich ahne es tief: man wird, dieser scheinbaren Anklage +wegen, mich, den in vielen Feldzügen dekorierten Stabschirurgen, +mit Demokraten, Anarchisten oder gar Judäophilen +in einen Topf werfen wollen. Das Gefühl der +Pflichterfüllung wird mich über alle Anwürfe hinausheben. +<!-- page 075 --> + +</p><p>Es gibt nur zwei Wege. Entweder erläßt man wieder +den Kultusgemeinden die Blutsteuer. Abgesehen +von der erziehlichen Wirkung, welche die komische +Körperhaltung der semitischen Soldaten auf die restliche +Mannschaft ausübt, verliert man damit ein großes +Quantum Kanonenfutter . . . Oder aber, und dazu +möchte ich einraten: man verbiete den jüdischen Trilliardären, +wenn sie schon adelshalber wohltätig sein +wollen, das Gründen von Krankenhäusern für Konnationale. +Man stelle nichtarischen Schriftstellern vorläufig +den Betrieb ein. Man drohe Bibliotheksbenützern +aus den Kreisen der Übelnasigen mit der Todesstrafe! +Faßlicher zu sprechen: Siechenhäuser ins Leben +rufen, heißt die Folgen bekämpfen, wo sich mit geringerem +Aufwande die Ursache entfernen ließe: einfach +durch Kreierung von Sportplätzen für die Patriarchenstämmlinge. + +</p><p>Die Regierung wird anfänglich meinem Projekte mit +Mißtrauen begegnen. Wenn die Zionisten des Universums +die für sie charakteristischen Gesten und Körperlinien +verlieren, muß das Ministerium befürchten, +bei den Wahlen die Stimmen der Satiriker billiger +Wirkungen, die Stimmen der Karikaturisten tiefstehender +Rassen einzubüßen. + +</p><p>Demgegenüber fällt ins Gewicht: es ist wahrscheinlich, +daß wir zu groß sind, um von den Sternen oder +gar schmarotzenden Bewohnern derselben gesehen und +verstanden werden zu können. Dies darf uns aber nicht +abhalten, dies entbindet uns nicht der Pflicht, uns vor +<!-- page 076 --> +diesen immerhin denkbaren Zuschauern anständig zu +benehmen, unsere Tugenden exhibitionistisch vor ihnen +zu entfalten und unsere Stellung als einzig-echte Bekenner +wahrhaft humanen Christentums im Weltall +von neuem zu kräftigen. + +</p><p>Ich verbitte es mir, in meinem Exposé eine Beschuldigung +erblicken zu wollen. Ich bin überzeugt, daß der +größte Teil unseres Offizierskorps geschilderter Art +der Mißhandlung jenes Freiwilligen innerlich ganz verständnislos +gegenübersteht. + +</p><p>Unterdrückte Klassen sind eben immer an sich lächerlich, +und man steinigt, man reagiert auf diese Lächerlichkeiten +absichtslos, rein instinktiv. Unerlaubt ist es +bloß, unterdrückte Völker in einem Grade zu demütigen, +der dem eigenen Land abträglich ist. Diese Möglichkeit +liegt vor, deswegen erhebe ich meine Stimme. + +</p><p>Mit den Gesetzen der Biologie nicht Vertraute werden +behaupten, ich übertreibe. Das ist unwahr. Jedes +Wesen weicht gern seinen Peinigern aus. Und so liegt +gegenwärtig bei den diversen Mammuthbäumen ein +den Rekrutierungen unbekömmlicher Wille zur Degeneration +vor. Ihre Füße besitzen bereits keine Trittfläche +mehr, nach der gewiß authentischen Klageschrift der +Hutmachergenossenschaft weisen ihre Lockenköpfe sonst +bloß bei Säuglingen statthafte Dimensionen auf. Sie +wollen ihren Angreifern die ausgesucht kleinste Zielscheibe +darbieten, sie verwehrlosen, verflüchtigen sich, +sie schrumpfen ein, sie ducken sich unter das Militärmaß. + +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Nicht da nicht dort, by Albert Ehrenstein + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NICHT DA NICHT DORT *** + +***** This file should be named 36862-h.htm or 36862-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/8/6/36862/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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