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+The Project Gutenberg EBook of Nicht da nicht dort, by Albert Ehrenstein
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Nicht da nicht dort
+
+Author: Albert Ehrenstein
+
+Release Date: July 26, 2011 [EBook #36862]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NICHT DA NICHT DORT ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Albert Ehrenstein
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+Nicht da nicht dort
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+Kurt Wolff Verlag
+Leipzig 1916
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+Siebenundzwanzigster und achtundzwanzigster
+Band der Bücherei
+»Der jüngste Tag«
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+Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig
+Gedruckt bei Poeschel & Trepte · Leipzig
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+Inhalt
+
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+Das Martyrium Homers
+Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas
+Liebe
+Der Knecht seines Schicksals
+Hildebrandslied
+Traum des 888. Nachtredakteurs
+Die alte Geschichte
+Frühes Leid
+Wodianer
+Tod eines Seebären
+Ausflug
+Vorbild
+Mammuthbaum
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+
+
+
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+
+
+Das Martyrium Homers
+
+
+Ich protestiere feierlich gegen die unerhört kurzfristige Prophezeiung des
+genialen Dandy Ovid »Vivet Maeonides, Tenedos dum stabit et Ida, dum
+rapidas Simois in mare volvet aquas.« Als ob Homer diese lausigen, durch
+das nächstfällige Erdbeben gehandikapten Örtlichkeiten nicht um Äonen
+überleben würde!
+
+Ich protestiere ferner gegen die tolle Verdrehung meines zynischen Freundes
+Lukian, Homer sei während des Trojanischen Krieges (1193-1184 v. Chr.)
+Dromedar in Baktrien gewesen. Wahr ist vielmehr das Trottelwort archaischer
+Pädagogen: »Sieben Städte stritten sich um die Ehre, Homer geboren zu
+haben: Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.«
+
+Warum sich aber die diversen Stadtväter so hartnäckig stritten, erfährt die
+leichtgläubig betrogene Nachwelt allerdings erst durch diesen Film.
+
+
+
+
+1. Bild.
+
+
+Homer dichtet die Ilias und die Odyssee; der alte Mann geht vor seinem
+Zelte, skandierend und die Leier schlagend, auf und nieder.
+
+
+
+
+2. Bild.
+
+
+Landgut des Odysseus: Homer trägt seinem König einiges vor. Odysseus läßt
+dem Sänger durch Sklaven einen Becher Wein reichen und ein Ehrengeschenk
+übergeben: eine milchstrotzende Kuh. Homer dankt freudig für die wandelnde
+Gabe, läßt sie durch einen Sklaven heimführen, trinkt und erklärt stolz,
+weinbesessen, kein Wesen hätte die Gabe mehr verdient als er. Und auf eine
+Statue des Phoibos Apollon deutend, versichert er, selbst dieser Gott hätte
+nicht besser, höchstens ebensogut dichten können wie er. Denn Apollon sei
+nur ein Stämmling des amusischen Zeus, er aber habe die Dichtkunst geerbt,
+ihn hätten Sänger, Phemios mit Demodokos, gezeugt.
+
+
+
+
+3. Bild.
+
+
+Auf dem Olymp, von den neun Musen umtanzt, hört Phoibos Apollon diese
+frevle Selbstanzeige des Dichters und stürmt durch den weißen Bergnebel
+nach Ithaka: über die Schultern den Bogen gelegt und den Köcher voll
+tosender Pfeile.
+
+
+
+
+4. Bild.
+
+
+Drohende Gebärden. Es kommt zum Wettkampf. Odysseus soll zwischen den
+Dichtern Apollon und Homer entscheiden. Apoll greift nach der Leier Homers.
+(Was der junge Gott singt, zeigt das)
+
+
+
+
+5. Bild.
+
+
+Achilleus lehnt seinen leuchtenden Schild gegen die Mauer und versucht, mit
+seinem ungeheuren Eschenspeer anrennend, die Tore Trojas zu durchbrechen.
+Der Speer zersplittert. Der rasende Achill will die Tore mit seinen Händen
+aus den Angeln heben. Vergebens warnt, von der Mauer her dräuend, Apollon;
+der Pelide läßt nicht ab, und wie er des alten Troja mürbe Tore auf seine
+Simsonschultern lädt, benützt ein Pfeil des Gottes die Achillesferse.
+Griechen und Troer kämpfen in den bekannten malerischen Posen um den
+Leichnam Achills. Während der dicke Aias die kühnsten Troer tötet, trägt
+Odysseus, schwer bedrängt, den Leichnam hinab zu den Schiffen . . . Dankbar
+verleiht Achills Mutter Thetis dem Odysseus die Waffen des Achill.
+
+
+
+
+6. Bild.
+
+
+Odysseus vernimmt diesen bestechenden Lobgesang mit Rührung, doch Homer
+bleibt unbewegt, sein Lied
+
+
+
+
+7. Bild
+
+
+schildert die Liebe Apolls zu Daphne. Wie der verliebte Gott die sich über
+einer Quelle kämmende Nymphe beschleicht, belauscht, waldein, waldaus
+verfolgt -- die fast Erhaschte im letzten Augenblick zu ihrer Mutter, der
+Erde, bittend die Hände erhebt und abwärts neigt, und von ihr in dürren
+Strauch verwandelt wird. So daß der Gott statt des süßen Mädchens den
+bitteren Lorbeer (daphne laurus) umfängt.
+
+
+
+
+8. Bild.
+
+
+Als Homer geendet, wird in Apollon der Schmerz um die geliebte Daphne neu,
+er verhüllt sein Haupt, gleichgültig gibt der weinende Gott zu, daß ihn
+Odysseus für besiegt erklärt, drückt mitleidsvoll die Hand Homers, fährt
+ihm bedauernd über Augen, Wangen und Schultern, und erklärt, da er besiegt
+sei, habe er nicht die Macht, von Homers Haupt das Schicksal eines Dichters
+abzuhalten.
+
+
+
+
+9. Bild.
+
+
+Odysseus, ein Ruder auf den Schultern, verabschiedet sich von Homer.
+Poseidon, dem er den Sohn Polyphemos geblendet hatte, zu versöhnen, muß
+Odysseus eine Wallfahrt unternehmen, die so lange dauern soll, bis er ein
+Binnenvolk erreicht, das sein Ruder für eine Schaufel hält. Odysseus
+empfiehlt den Dichter der Fürsorge Telemachs und Penelopes.
+
+
+
+
+10. Bild.
+
+
+Aber Telemach ist immer auf der Wildziegenjagd. Und Penelope gibt dem
+Dichter, da er sich im Hauswesen nicht sehr nützlich macht (ihrer
+schwersten, blaumaschigen, zahmen Lieblingsstopfgans einen Fuß zertritt),
+stets kleinere Portionen, bis er endlich schweren Herzens, halb und halb
+gedrängt durch einen Konkurrenten, den Hausbettler Iros, den Entschluß
+faßt, den Palast zu verlassen. Penelope schmiert ihm zwei Käsestullen, und
+Homer geht auf die Wanderschaft.
+
+
+
+
+11. Bild.
+
+
+Da er in frühester Kindheit die Eltern verlor, und seine Vaterstadt, die
+ihn im Greisenalter zu ernähren hätte, nicht kennt, begibt er sich zunächst
+nach Reich-Asien. Phöniker, denen er dafür die von Odysseus geschenkte Kuh
+gibt, nehmen ihn mit auf ihrem Schiff.
+
+
+
+
+Die acht Leidensstationen
+
+
+
+
+
+12. Bild.
+
+
+1. _Smyrna_. Bevor der von langer Seefahrt und Entbehrungen geschwächte
+Dichter die Stadt betritt, färbt er sein ergrautes Haupthaar und den Bart.
+Singt auf den Plätzen ums liebe Brot. Aber das Volk verlacht ihn -- die
+Haarfarbe war schlecht gewesen, hatte ihm grüne Haar- und Bartlocken
+geliefert. Erschöpft setzt sich der arme, von höhnenden Kindern verfolgte
+Bettelmusikant im Stadtpark von Smyrna auf eine Bank und schläft ein, an
+die niedrige Stadtmauer gelehnt. Nicht gerührt durch die Tafel »Diese
+Anlagen sind dem Schutze des Publikums empfohlen« langt ein Kamel über die
+Mauer und frißt, durch die grüne Farbe verlockt, Homers Schädel rattenkahl.
+Seitdem trägt er eine Perücke.
+
+
+
+
+13. Bild.
+
+
+2. _Kolophon_. Infolge zu starken Kolophoniumgebrauchs und unausgesetzten
+Harfenschlagens beginnen Homers Finger zu eitern. Er fürchtet, die Hand
+werde ihm abfaulen, sehnt sich nach Ruhe, Pflege. Geht halb verzweifelt,
+halb sehnsüchtig einem schönen Weibe nach in den Tempel des Apollon
+Kourotrophos. Beugt sich und fleht den Gott an, das Weib möge wilde
+Liebesnächte und frische Jünglinge verschmähen und sich seiner erbarmen.
+Aber sie neigt sich einem Tempeldiener, und Homer bleibt nichts anderes
+übrig, als auch weiterhin die Ilias sowie die Odyssee zu verfassen.
+
+
+
+
+14. Bild.
+
+
+3. _Rhodos_. Enttäuscht verläßt Homer Asien. Auf Rhodos wird ihm anfangs
+guter Empfang bereitet. Aber dann wird er in die Königsburg geführt und,
+auf einen sanft verblödenden Greis deutend, versichert man ihm, dies sei
+der Heraklide Tlepolemos, den er in der Ilias von Sarpedons Hand habe
+fallen lassen. Hierauf erklärt ein Sohn des idiotischen Greises, ein
+Tlepolemiker, wütend, Homer habe einen Schlüsselroman geschrieben, und dem
+Dichter wird der fernerweitige Aufenthalt auf der Insel behördlich
+untersagt.
+
+
+
+
+15. Bild.
+
+
+4. _Chios_. Der gute Wein dieser Insel hebt wieder Homers Stimmung. Er
+singt seine Lieder vor sich hin. Da nähert sich dem Vertrauensseligen ein
+Jüngling semitischen Aussehens: Phron. Bittet den Homer, ihm noch einiges
+vorzudeklamieren. Der Dichter tut es. Phron lobt ihn, bietet ihm an, selbst
+auch Homers Gesänge vorzutragen, und zwar allenthalben. Aber Homers Name
+sei noch jung und unbekannt, an Propaganda werde zwar alles Erdenkliche
+geschehen, doch dergleichen sei sehr kostspielig, kurz er nast ihm als
+»Entschädigung und Kostenbeitrag« den pramnischen Käse ab, den ein Bauer
+dem Dichter geschenkt, mäkelt dann noch an dem Käse und verschwindet auf
+Nimmerwiedersehn. Phron war -- der erste Verleger.
+
+
+
+
+16. Bild.
+
+
+5. _Skyros_. Die Skyrioten feiern die Hochzeit des Peliden Neoptolemos mit
+Helenas und Menelaus' Tochter Hermione. Der Sänger Achills wird vom
+nichtbesungenen, trunkenen Pyrrhus mit Hunden fortgehetzt.
+
+
+
+
+17. Bild.
+
+
+6. _Salamis_. Homer kommt hier gerade zurecht, um einer zu Ehren des dicken
+Alias und des HEILIGEN Teukros abgehaltenen Prozession als Zuschauer
+beiwohnen zu können. Da der Kurzsichtige vor den Priestern die Perücke
+nicht abnimmt, wird er unter Pöbelgeheul von der Insel verjagt.
+
+
+
+
+18. Bild.
+
+
+7. _Athen_. Als Homer vom Prytaneion ausgespeist zu werden verlangt,
+beantragt Platon, der Sohn des Kassner, den Rhapsoden, da der in seinen
+übrigens hypermodernen Gesängen Athen zu wenig genannt und auch sonst zu
+sehr der Unzucht gefrönt, unsittliche Vereinigungen des Zeus mit der Hera,
+des Ares mit der Aphrodite geschildert habe, durch das Scherbengericht aus
+Athen zu verbannen. Geschieht.
+
+
+
+
+19. Bild.
+
+
+8. _Jos_. Halb erblindet und auf Vieren wankend, hier und da von
+mitleidigen Schiffern aufgenommen, irrt Homer von Stadt zu Stadt, von Insel
+zu Insel. Keine Bürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wieder als
+lästiger Ausländer abgeschoben, die Stadtväter jeglicher Gemeinde verwahren
+sich energisch dagegen, daß dieser krüppelhafte Kerl ihrer Polis
+entsprossen sei. Am Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus.
+Fischerknaben, leere Netze auf den Schultern, steigen aus Booten und necken
+ihn. Geben ihm ein Rätsel auf: »Was wir gefangen haben, ließen wir zurück.
+Was wir nicht gefangen haben, tragen wir bei uns.« Homer sinnt verzweifelt,
+kann die Lösung nicht finden. Ein Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des
+Phron, klärt ihn auf; da sie keine Fische zu fangen vermocht, hätten sie
+sich am Strande die Läuse gesucht, die Gefangenen getötet, die
+Nichtgefangenen unfreiwillig nach Hause mitgenommen . . . Die Lausbuben
+ziehen ab. Homer schüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auch geistig
+gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestrauchelt zu sein, stürzt
+er sich von den Klippen ins Meer.
+
+
+
+
+20. Bild.
+
+
+Das arme Grab Homers auf Jos, Inschrift: »Hier deckt die Erde das heilige
+Haupt Homers, der in seinen Liedern die Helden sang.«
+
+
+
+
+21. Bild.
+
+
+Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor Methusalem Leichenstil, der,
+um schneller zu avancieren, sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen
+Schilds auf den Bauch tätowieren ließ.
+
+
+
+
+22. Bild.
+
+
+Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Neben dem Katheder steht,
+Phron und dessen das Rätsel erklärendem Sohne sehr ähnlich sehend, der
+Primus Eugen Pelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten sich um die
+Ehre, Homer geboren zu haben: »Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios,
+Skyros, Athenai.«
+
+Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wogen daher treibt ein
+Leichnam: Homer. Wie der Blick seiner toten Augen auf Pelideles fällt,
+beginnen seine Wunden zu bluten . . . und über alles und alle stürzt das
+Wasser der Zeit.
+
+
+
+
+Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas
+
+
+In einer alten Handschrift, an hundert Jahre vergilbter als die Stormschen
+zu sein pflegen, habe ich folgende wahre Geschichte gefunden, welche uneben
+und ruppig erzählt zu haben meine einzige Hoffnung ist, wenn nicht der
+Trost meines Greisenalters.
+
+Es war einmal eine Königstochter, Jezaide geheißen, aus dem uralten
+Geschlecht der Sirvermor. Über ihre Familie war, wie sonst nur in Märchen
+gebräuchlich, ein enormer Fluch verhängt. O geiziger König Zizipê der
+Siebenundsiebenzigste, warum hast du, als einst zur Taufe deines
+Erstgeborenen dreizehn glückwünschende Zauberer erschienen waren, und der
+Hofjuwelier, eingedenk trauriger Erfahrungen und Abzüge, erklärte, die
+goldenen Stiefelzieher nur mehr dutzendweise abgeben zu können, warum hast
+du damals die verhängnisvollen Worte gesprochen: »Ach was, der eine wird
+sich halt so gefretten!«
+
+Ja, er begnügte sich diesmal mit einem silbernen Stiefelknecht, der große
+Magier Anateiresiotidas, ingrimmig zwar, und so gewaltige Sprüche in seinen
+Bart brummend, daß der vor Schreck jeden Moment die Farbe wechselte. Mit
+einem violetten Bart erschien er bei der königlichen Tarockpartie, zu der
+er geladen war, und alle anderen Zauberer wußten, wieviel es geschlagen
+hatte. Nur der König bemerkte die Anzeichen fürchterlich aufziehenden
+Gewitters nicht, derart war er mit der Mondjagd beschäftigt. Er bot ihm in
+der Hitze des Gefechts weder die Teilnahme, noch einen Stuhl an, vielleicht
+um sich durch solche Höflichkeit nicht noch einen Hexenmeister zum Feinde
+zu machen. Und so mußte Anateiresiotidas kiebitzen, stehend kiebitzen. Auch
+dies hätte der Zauberer vielleicht noch ruhig hingenommen, aber ihm
+offerierte Zigarren trugen zwar die Leibbinden importiertester Havanna,
+waren jedoch mörderische Schusterkuba. Diesmal hatte wiederum Hoftrafikant
+Motschker die Upman nicht in minimalen Quantitäten zum Engrospreise liefern
+wollen und der königliche Geizhals daraus alberne Konsequenzen gezogen. Nur
+daß ein anständiger Hexenmeister in punkto Zigarren keinen Spaß versteht.
+Mit einem Griff hatte der Beleidigte seine Sprechwerkzeuge auf den Tisch
+gelegt und sich entfernt. Kein besserer Zauberer hat so viel Zeit und
+Geduld, seine eigenen Reden anzuhören. Und jetzt kam der Fluch: »Von nun an
+werden alle Kinder aus dem Hause Sirvermor, je nach dem Geschlecht, mit dem
+Ding oder Wesen, das ihrem Vater oder ihrer Mutter am liebsten ist, zur
+Welt kommen. Bis einst ein Jurist erscheint, dessen Namen dieselben
+Buchstaben wie »Sirvermor« besitzt, und nicht genug daran: ohne das
+geringste Plagiat ein Buch über Rechtsphilosophie schreibt!«
+
+»Wer gibt?« fragte guter Laune der König, dessen geheimen Gram es längst
+gebildet hatte, daß justament auf seinem Stamm kein vornehmer Erbfluch lag.
+Und ehe noch die Sprechwerkzeuge des Anateiresiotidas aus dem Spielzimmer
+ihrem Inhaber nachgeflogen waren, gab es bereits einen
+Solovalarpagatultimo, wie er in solcher Schönheit ohnstreitig noch nie
+dagewesen. Das aber hatten die anderen Zauberer getan, um den König zu
+trösten.
+
+Denn eines Trostes bedurfte Haus Sirvermor. Da doch gemeinhin die Männer
+sich und die Frauen am liebsten haben und umgekehrt -- wenn wenigstens,
+jenem Fluche nach, Gebärmänner: Hermaphroditen zur Welt gekommen wären! Die
+Dynastie hätte zwar zum längsten bestanden, aber Skandal, durch
+Jahrhunderte fortgesetzter Skandal wäre vermieden worden. Nein, deutlich
+getrennt von dem jeweiligen Kinde: für sich bestehend stieg das dem Vater
+oder der Mutter geliebteste Ding oder Wesen ans Tageslicht.
+
+Wo soll ich anfangen, wo soll ich enden! Mit dir, Dolgoruki, dem sein Weib
+außer einem Nachfolger eine ewig volle Kognakflasche gebar? Solches wäre
+lustig anzuhören, aber wem geraten nicht unwillkürlich die Tränen in die
+Augen, wenn er von dir vernimmt, Seeheld Aquavit? Wohl wurde dir deinem
+Wunsch gemäß ein Überdreadnought geschenkt, aber starb nicht dein Weib
+daran, ohne daß ein anderes sich hätte finden lassen, todesverachtend
+genug, bald oder später ein ähnliches Ende nehmen zu wollen? Starbst nicht
+bald hernach du selbst infolgedessen räudig an den Leibschneiden und
+Weltschmerzen der Langenweile, bloß weil keiner deiner ungeschickten
+Ingenieure imstande war, Weibautomaten zu fabrizieren?! Allerdings gelang
+bald nachher deinem Leiberfinder Heureka die Herstellung jenes Instruments,
+dem wir alle unser Leben verdanken, die Herstellung des Fernzeugers. Doch
+waren damit die Leiden dieser Tantaliden abgeschlossen?
+
+Panjimama, unter dessen glorreicher Regierung Apabauru und Tenteriki an
+Sirvermor kamen, geriet eben wegen dieser für den Ackerbau seines Landes
+äußerst wichtigen Guanoplätze in Streit mit dem Oberkaiser Adikran von
+Alazir und den Zentralkönigen von Lygien. Als gar zu dieser an sich
+übermächtigen Liga Araumenes der Große von Paphlagonien seine sieggewohnten
+Truppen stoßen ließ, und die Kunde schrecklicher Gefahren in Sirvermor sich
+wie Posaunenschall und Tubaklang ergoß, was konnte da der verzweifelte
+Landesvater anderes tun, als sein Weib eines mit den erforderlichen Kanonen
+und Vorräten ausgerüsteten Heeres von soviel Millionen Mann genesen zu
+lassen, daß sogar Rabelais darüber sein weißes Haupt schüttelte und den
+heiratsfähigen Königstöchtern der Erde den Rat gab, bevor sie sich mit
+Prinzen von Sirvermor in Verbindungen einließen, den Herren einen Eid
+abzunehmen, laut dem diese in Zukunft von derart gattinnenmörderischen
+Liebhabereien abzusehen hätten. Und als einem Herrscher, der, wie es
+scheint, sich selbst am meisten liebte, die Gemahlin einen Doppelgänger
+getragen hatte, worauf bemeldeter Monarch elendiglich in Wahnsinn verfiel,
+unwissend, wen er am meisten liebe und welcher der beiden eigentlich er
+sei; ein andermal ein in sich verzücktes Liebespaar ein
+Doppelgänger-Liebespaar hervorrief was unendlichen Jammer und blutige
+Bürgerkriege erregte -- da, von Grauen überwältigt, bildeten die Fürstinnen
+den ihnen anempfohlenen Trust. Das wird ihnen niemand verargen! Man rufe
+sich's ins Gedächtnis zurück, daß neben dem jeweils Regierenden in
+Sirvermor noch eine Menge Prinzen existiert! Und wie rasch zarte
+Prinzessinnen müde werden, Ballettratten, Vollblutrennpferde, Küchenchefs,
+Äbtissinnen und Jagdhunde in die Welt zu setzen, das läßt sich denken.
+Waren nun zwar die Prinzessinnen vor einem durch die Neigungen ihrer
+Gesponsen bewirkten frühen Tode sicher, so hatten nach dem Vertrag ihre
+Gebietiger den Leidenskelch bis zur Neige zu leeren. Wenn dies nicht früher
+der Fall gewesen war, lag das daran: die Gemahlinnen derer von Sirvermor
+blieben den Männern merkwürdigerweise immer genau eine Sothisperiode lang
+treu, dann waren sie wieder untreu. Und der gesetzmäßige Umschwung trat
+zufällig erst jetzt ein, somit das von einem hochweisen und vorsichtigen
+Rate erlassene Verbot, betreffend Ehen zwischen den Operntänzerinnen
+männlicherseits und etwa zu erwartenden Stierkämpfern weiblicherseits:
+dieses sogleich nach dem Fluche angeschlagene Verbot fand dergestalt
+niemals Gelegenheit, in Kraft und Wirkung zu treten.
+
+Vorerst machte sich keine Veränderung bemerkbar. Auf dem Throne saß gerade
+Frau Ordilschnut -- die Urgroßmutter Jezaidens und Schwester der
+berühmteren Ordilgund von Undulur -- ein Mägdlein annoch, so unschuldig,
+daß sie außer einem Töchterlein namens Bamalip nur einer Puppe das Leben
+schenkte, worüber sich der ganze Hof vor Lachen fast ausschütten wollte.
+Das zweite Mal -- ich will nicht lügen -- kam sie mit einem Mops und
+Zwillingen nieder, die jenem Töchterchen Bamalip aus der Maßen ähnlich
+sahen. Man nannte sie daher auch Barbara und Fresapo, und alle drei
+spielten, wie man weiß, in der sirvermorschen Geschichte nachmalen eine
+außerordentliche Rolle. Ihr Gatte war ein in der Räucherkammer der Zeit
+früh grau und faltig gewordener Herr in den kalten Vierzigern, den sie
+nicht lieben konnte und der durchaus und eigensinnig noch selbst etwas für
+die Thronfolge tun wollte. Als er die junge Königin in Armen hielt,
+klammerte sich die Bedauernswerte, schaudernd wie vor dem Tode, in der
+Angst an das wenige Liebe, das sie besaß, an ihr Töchterchen Bamalip und
+etwa noch an einen kleinen Mops, der sie in ihrer Einsamkeit zerstreut
+hatte. Als Aspramont die Zeichen der Kälte seiner Lebensgefährtin sah, die
+Kinder, deren Mutter sozusagen auch Bamalip war, schlug er ob dieser
+Blutschande die Hände über dem Kopf zusammen, ja, er hätte Ordilschnut
+verstoßen, wenn nicht letzte Überlegung für sie gesprochen hätte, die doch
+noch ein Kind war. Und so zog er denn in den Krieg wider die Orilanen,
+Menschen, denen der Bart auf der Nase entkeimt, und die sehr sonderbare
+Speisegesetze haben -- gebratene Eidechsen essen sie unter keinen
+Umständen, Sauerkraut mit Leberwurst hingegen ist ihnen erwünscht.
+
+Nach der über diese Leute verhängten Züchtigung, auf dem Rückwege geriet
+Aspramont -- wenn die sirvermorischen Annalen nicht trügen -- mit den
+Sultanen von Marabu und Talili in einen Kampf um die Weltherrschaft, und
+die Heimkehr verzögerte sich dadurch. Inmitten des gewaltigen
+Schlachtenlärmes hatte man es wenig beachtet, daß die Königin glücklich von
+einem Eunuchen entbunden wurde. Dies hätte eine Warnung sein sollen, war es
+aber nicht. Ordilschnut ergab sich einem ungezügelten Lebenswandel: eine
+Liebelei mit dem Prinzen Karfiol von der Mondscheinküste blieb nicht die
+einzige, die Leute vom Hofstaat wagten keine Vorstellungen, die Königin als
+die Höherstehende betrachtend, weil nicht sie durch einen Eid zur Entsagung
+verurteilt war, sondern der Gatte.
+
+Die kurze Pause eines mittlerweile eingetretenen Waffenstillstandes
+benützend, um an das abermalige erfreuliche Wochenbett der geliebten
+Gemahlin zu eilen, welche Überraschungen wurden da dem guten, alten
+Aspramont zuteil! Reitknechte, Tenore, Schwergewichtsathleten, Chauffeure,
+französische Sprachlehrer! Und so oft der besorgte Gatte: »Halt ein« oder
+strenger: »Jetzt aber Schluß« rufen wollte, kam noch irgendein Kaminfeger,
+Leutnant, Fleischhacker oder Kammerdiener zum Vorschein, bis Aspramont die
+Hand, die schwertesschwere, wider die Pflichtvergessene erhob und zustieß.
+Fiel aber dann selbst im Duell mit dem Leutnant.
+
+Es wird niemanden wundernehmen, wenn, durch so entsetzliche Ereignisse im
+höchsten Grade beunruhigt, geradezu außer Atem infolge wiederholt
+eintretender ähnlicher Vorfälle, die immerhin nicht so drastisch, weil sie
+auf die Hervorbringung eines einzelnen Jünglings beschränkt blieben, doch
+keinerdings ohne einige Mitwirkung höchstgeborener Prinzessinnen von
+statten gingen, ich sage, es wird niemanden wundernehmen, wenn eine
+löbliche Priesterschaft von Sirvermor sich da ins Mittel zu legen beschloß.
+Waren doch an diesen Begebenheiten Weltgesetze zuschanden geworden, vor
+allem jenes eine, gefaßt in das weiseste Wahrwort, welches je über die
+Lippen eines Lateiners kam: Pater semper incertus.
+
+Außerdem waren die Privilegien der Gottesdiener durch Attachés und
+Ausländer lädiert worden, deren, mangels Einheimischer, Ordilschnut sich
+zur Befriedigung ihrer Lüste bedient hatte. Sirvermor nämlich gehört zu den
+Ländern, wo, den Satzungen der Religion entsprechend -- die Prinzen des
+königlichen Hauses ausgenommen -- die Epheben sich kastrieren, und die
+Fortpflanzung auf eine wunderbare Weise durch die Priester der Göttin Kibla
+bewerkstelligt wird.
+
+Begünstigt ward das Vorhaben der Geschädigten, in ihren heiligsten Rechten
+Geschädigten, durch die übereinstimmenden Erklärungen der
+Mohnkipfelbeschwörer. Es nahe die Zeit, da das allerhöchste Herrscherhaus
+von dem Fluche befreit sein werde -- dies gaben sie vor, in den Sternen und
+Wurstabschnitzeln gelesen zu haben. Wie jedoch den Prinzessinnen kälteres
+Blut beibringen, ein Gefühlsniveau, das den ans beste Mannsfutter gewöhnten
+Damen sogar Juristen annehmbar erscheinen ließ?
+
+Auf die erste Nachricht von so entsetzlicher Zumutung ging wie ein
+verhaltener Wutschrei ein gewaltiges Rauschen des Zornes durch die Kleider
+der Betroffenen, ja, sie hätten mit einem Fächerschlag der Entrüstung ihre
+Zimmer verlassen, wenn nur jemand darinnen gewesen wäre. Ihnen Juristen
+antragen, Leute, deren kühn in die Brillen geschwungene Schnurrbärte
+keineswegs für ihre vernehmlichen Glatzen entschädigen konnten, helltönende
+Glatzen, die sich nicht einmal durch das berühmte Haarwuchsmittel »Kapitol«
+aufforsten ließen! Alles bäumte sich in ihnen. Juristen! Welcher feinere
+Prinz studiert Jus, und wenn, wo steht es geschrieben, daß so ein
+Ausnahmsprinz eines ohne Plagiat durchgeführten rechtsphilosophischen
+Aufsatzes fähig ist? Juristen heiraten! Menschen, die um der schnöden
+Leibesnotdurft willen jahrzehntelang Schweißgeruch sammeln, denen man's
+ewig anriecht, daß sie einst oft ein Paar Frankfurter mit Krenn für ein
+opulentes Mittagsmahl gelten ließen . . . Die Prinzessinnen fielen in
+Ohnmacht. Jede in ihrem Zimmer. Als sie wieder zu sich kamen, war ihr Wille
+gebrochen. . . Zehn Roßhähne wurden den Göttern der Unterwelt geopfert,
+dann faßte der Erzaugur den Beschluß, die Liebesneigungen der weiblichen
+Angehörigen des Königshauses durch Hypnose abzutöten. Und so geschah es,
+nachdem erst das Zustimmungstelegramm vom Delphischen Orakel eingetroffen
+war. Wohl gab es noch geraume Zeit harmlose Rückfälle, den Schwimmhäuten
+mancher Menschen vergleichbare atavistische Hervorbringungen von
+unschuldigem Spielzeug verschollener Generationen, als: Tennisrackets,
+Diabolos, Trompeten, Automobilbrillen. Doch schwanden diese Rückbildungen
+mit den Jahren, und jeder Wackere hätte Gift darauf nehmen können, daß die
+Prinzessinnen dieser Familie ebensowenig Liebe oder tiefere Neigungen
+empfanden, wie die irgendeines anderen Hauses. Alle Welt schickte nun die
+Kinder ins Gymnasium. Denn war früher eine Königstochter vom Drachen zu
+befreien, Tapferkeit und weitvorblickende Klugheit, ein andermal für
+derartige Erwerbung rätsellösend-einfältige Schlauheit vonnöten gewesen,
+dem an unsere Epoche heranreichenden aufgeklärten Zeitalter war es
+entschieden gemäßer, die Hand einer Fürstin an die durch den Besitz eines
+eigentümlichen Namens verschärfte Abfassung rechtsphilosophischen Essays zu
+knüpfen.
+
+Welch ein Wetteifer unter den Juristen sowohl des Königreiches Sirvermor
+als auch der anderen Länder! Sogar der arme Herrscher von Suminoye, dem
+sein Herzogtum abgebrannt war, ließ seine Söhne Jus studieren, bis sie
+schwarz wurden. Bald jedoch schwoll der Fleiß ab: die Ämter hatten alle
+Bittschriften um Namensänderung abschlägig beschieden und auch die
+mannigfaltigen Versuche, durch Beifügung des mütterlichen Namens oder durch
+Adoption zum Ziel zu gelangen, sie waren, nachdem eine Saison lang Leute
+namens Sir oder Sirver hoch im Preise gestanden, durch Edikte vereitelt
+worden, deren genauen Wortlaut jedermann kennen lernen kann, wofern er sich
+nur in einer Bibliothek die betreffenden Nummern des sirvermorizer
+Amtsblattes verschafft. Nicht ein Weichherziger wie ich, ein anderer möge
+den Jammer der enttäuschten Eltern beschreiben, die vergebens ihre
+Sprößlinge auf die Prinzessin hatten studieren lassen. Was mich anbelangt,
+so muß ich hier innehalten und einige ihrem gerechten Kummer geweihte
+Zähren weinen . . .
+
+Andererseits gingen entartete Untertanen in ihrem Groll zu weit; sie waren
+es, die zuerst Realschulen erfanden und gründeten, um möglichst viele
+Jünglinge der dynastie-erlösenden Beschäftigung mit den
+Rechtswissenschaften abspenstig zu machen. So groß ist die Schlechtigkeit
+der Menschen!
+
+Von da ab redete man nur wenig von unserer Angelegenheit; Artikel höchstens
+in den Familienblättern, königstreuer Mathematiker Berechnungen über die
+Wahrscheinlichkeit einer völligen Aufhebung des Fluches, erinnerten die
+Bürger ab und zu an jene unliebsamen Ereignisse. Und damit wären wir bis zu
+jener Zeit emporgeschritten, in der die eigentliche »Geschichte« sich
+abspielt.
+
+Erbprinzessin Jezaide Sirvermor lustwandelt im königlichen Garten. Ist doch
+der Frühling angekommen, auf seinen Schultern und Flügeln die Scharen der
+Singvögel tragend. Ja, sie singen im königlichen Garten die gewaltigen
+Nachtigallen, das heißt: mit allerhöchster Erlaubnis und soweit sie keinen
+Schnupfen haben. Aber nicht der Nachtigallen Gesange oder Nichtgesange
+lauscht ihre königliche Hoheit, Falte auf Falte schneidet sich in ihre
+Alabasterstirn, siehe: wie in tiefem Sinnen hebt sie eine Hand empor, mit
+dem Rücken nach oben, und spricht zu ihrer Obersthofmeisterin: »Mir
+scheint, es will regnen.« Und in der Haltung wollen wir sie verlassen.
+
+Um diese Zeit lebte in der Stadt Vienna ein edler Jüngling namens
+Srimoverr, Baron Aeneas Srimoverr. Er brachte die üblichen Jahre in einem
+geistlichen Gymnasium zu und widmete sie, wie billig, einem zwiefachen
+Studium. Auf der Bank lagen vor seiner Nase ausgebreitet lateinische
+Klassiker, unter dem Pult aber entzückte seine Sinne die Lektüre
+klassischer Franzosen. Nachdem er seinen ebenso verschiedenartigen als
+eindringlichen Studien durch das protegierende Auftreten noch einiger
+Freiherren namens Srimoverr und eine sogenannte Schlußprüfung Grenzen
+gezogen hatte, beehrte er die juridische Fakultät mit seinem Besuch. Nicht
+so sehr, weil ihn die Süßigkeit der Wissenschaft anzog: nein, eine
+bildgeschmückte Heiratsannonce Jezaidens hatte ihn mit den Bedingungen
+vertraut gemacht, unter denen ein Königtum von den Dimensionen des Reiches
+Sirvermor zu erringen war. Und seine Liebe erlahmte nicht angesichts der
+Schrecklichkeit seiner Aufgabe.
+
+Zwar: es ist richtig, wenn der berühmte lygische Geschichtsschreiber Moses
+Maria Archivstaub behauptet, Aeneas habe sich selbst hinlänglich für seinen
+bewundernswürdigen Fleiß belohnt. Er benützte nämlich nicht nur die
+reichhaltige Bibliothek seines Oheims, des Privatdozenten für
+Rechtsphilosophie, Bartholomäus Srimoverr, sondern auch dessen Gemahlin
+teilte von jeher mit demselben Eifer das Lager des jugendlichen Neffen, wie
+jene Annehmlichkeiten, die Stellung und Güter des gelehrten Gatten mit sich
+brachten. Dieser Umstand aber sollte Aeneens Verhängnis werden. Der Tag, da
+er mit dem vollendeten Werke sich zu seiner Tante begab, Abschied von ihr
+zu nehmen, der Tag ward sein Todestag. Tief, tief waren die beiden
+versunken, er in das Vorlesen seiner Schrift, sie in ein enthusiastisches
+Lauschen, und die Doppelschritte des nahenden Gatten wurden erst gehört,
+als es zu spät war. Kein zweckdienlicher Kasten im Zimmer, und schon
+schwang sich Aeneas, das kostbare Pergament in der Hand haltend, statt den
+Ehemann so ins Jenseits zu stürzen, in unbegreiflicher Verwechslung selbst
+auf das Fensterbrett und sprang zum letztenmal hinab in den Teich, dessen
+Wellen auch vor ihm bereits manchen Überraschten geborgen haben mochten.
+Ach, diesmal dürften die Mühen der Lektüre zu gewaltig gewesen sein. Des
+kühnen Tauchers Herz brach. Wild aufrauschten die Wasser, und indem er den
+Zwicker aufsetzte, sprach der Privatdozent die geflügelten Worte: »Traun!
+ich habe doch diesem Fischhändler gesagt, ich will nur echt Ibsensche
+Karauschen. Und was hat der geschickt? Sind das Ibsensche Karauschen?
+Mutwillige Fische, die sich hoch über Wasser schnellen. Die müssen von ganz
+wem andern sein! Was meinst du dazu, Rosa? Diesen Fall muß ich untersuchen.
+Magst mich begleiten?« Sprach's und befestigte an der Angel eine künstliche
+Fliege.
+
+Ich würde gewiß nichts von dem Froschkönig erzählen, wenn es nicht für den
+Gang dieser Geschichte so unumgänglich nötig wäre. Er saß ganz harmlos im
+Teiche unter seinem Sonnenschirm -- denn gerade, daß die Frösche keinen
+solchen brauchen, ist das Noble daran, und darum hatte der Froschkönig
+einen und memorierte unter ihm skandierend seine langweilige Thronrede:
+
+ »Wir Quakorax, König der Frösche, Blattläuse,
+ Malariamücken und so weiter;
+ kraft uralt angestammtem Recht beriefen
+ höchstwir alle Vasallen, die, sei es
+ zu Lande, sei's zu Wasser unser sind,
+ auf diesen hohen Reichstag. Hört, hört! wir selbst
+ und Ihre Majestät, die Königin
+ Guaplasa, um sämtlichen Untertanen
+ kund zu tun, wie sie zu ehren wir
+ gedenken, keinem unsrer Völker nah
+ zu treten, keinem unsrer Achtung mehr
+ noch minder zu erweisen als dem andern:
+ ja! auf einem halbüberschwemmten Hügel,
+ mit einem trocknen, einem nassen Fuße,
+ staatsrechtlich, nicht bloß so zu sagen! über
+ dem Berg im übrigen auf astbefestigetem
+ Schaukelthrone uns bewegend«
+
+
+-- hier blieb der arme Quakorax, vielleicht schon zum zehnten Mal, über die
+jämmerlichen Versfüße stolpernd, stecken, diesmal, weil der Tote zu ihm
+glitt. Quakorax dankte den Göttern, daß sie ihm, falls als er bei der
+Thronrede wirklich ins Stottern geraten sollte, eine solche Entschuldigung
+vor Guaplasa darboten. Kein Zweifel: der junge Mann, gewiß ein Kollege,
+hatte den unerträglichen Leiden, die auch ihm eine Thronrede verursachte,
+durch Selbstmord ein Ende bereitet. Kaum daß Quakorax sich und den Ärmsten
+schicklich beweint hatte, machte er sich an den Genuß der vermeintlichen
+Thronrede, die dem Toten aus der klammen Hand zu winden, ihm vermittels
+eines Zaubers gelungen war, der so gewaltig ist, daß ich ihn hier nicht
+näher schildern kann. Durch seine Lektüre an den Rand der Verblödung
+gebracht, griff er, mit seinem Lose zufriedener, nach dem eigenen
+Manuskript. Da trieb vor seinen Augen eine verlockende Fliege auf und
+nieder. Nach hartem Kampfe mit der Pflicht beschloß er in seinem Herzen,
+die Fliege nicht zu verschmähen, schon um nicht die Götter zu beleidigen,
+die ihm den leckeren Bissen wohl zur Belohnung seines ausdauernden Fleißes
+gesendet hatten. Es empfiehlt sich, den Geboten der Unsterblichen mit
+beschleunigter Geschwindigkeit zu gehorchen, und so schoß denn auch der
+gute fromme Quakorax alsogleich, ohne etwas loszulassen, auf sein Opfer zu,
+verfing sich, ward ans Ufer geworfen und hauchte zappelnd seine Seele aus,
+welche geziemend zum Hades enteilte. »Froschschenkel sind auch gut,« meinte
+Bartholomäus, »die den Göttern gebührenden Eingeweide misse ich mit
+Vergnügen.« Dann bemerkte er, was er sonst erbeutet hatte, löste
+unverzüglich ein Billet nach Sirvermor und ein zweites, eine Umsteigkarte
+in die Zukunft. Denn in dieser geht der folgende Teil unserer Erzählung vor
+sich.
+
+Während der Fahrt, indem sowohl der Privatdozent in ihm eine Beschäftigung
+verlangte, als auch die Sorgen des seligen Quakorax merkwürdigerweise auf
+ihn übergingen, begann Bartholomäus die Thronrede auswendig zu lernen, und
+selbst als er der hold errötenden Jezaide den -- wenn auch unzureichenden
+-- Sonnenschirm des Froschkönigs anbot, rezitierte der Zerstreute noch
+immer sein »Wir Quakorax, König der Frösche . . .« Diese Phrasen, für
+unverfälschte Wahrheit genommen, verfehlten nicht, einen guten Eindruck zu
+machen; zudem: daß Srimoverr die Erbin des Reiches so ziemlich vor den
+Unbilden der Witterung geschützt hatte, erschien den Priestern, die
+pflichtigst darüber die Lage der Sterne und Butterbrotpapiere beobachtet
+hatten, ein dem Lande heilweissagendes Omen und Symbol. Und dies ist in
+unserer Geschichte, glaube ich, das einzig Unglaubliche, das man nicht
+glauben kann: eine alsbald angestellte Prüfung des rechtsphilosophischen
+Schriftchens ergab untadelige Resultate, kein einziges Plagiat! Worauf ohne
+weiteres wider Bartholomäus die Vermählung eingeleitet wurde.
+
+Für den Verstand von Leuten, die in diesen anspruchslosen Zeilen eine
+tiefsinnige Allegorie erblicken wollen, etwa in Jezaide die Tochter eines
+Hofrates oder Sektionschefs zu sehen vermeinen, die einem simplen Dozenten
+zum Throne, id est: zu einer ordentlichen Professur verhalf -- auch die
+anderen, wahrlich nicht wenig verschlungenen Begebenheiten auf kraß
+realistische Weise ausdeuten möchten: für den Verstand dieser Sorte von
+Leuten übernimmt der Verfasser keine wie immer geartete Garantie, wenn sie
+nicht so ruinösen Versuchen entsagen. Genannten Individuen aber trotzdem
+gebührend entgegenzutreten, gesteht der Autor offen und ehrlich, daß der
+Zweck seiner scheinbar nichts weniger als tugendhaften Historie, soweit ein
+solcher überhaupt vorhanden, ein hochmoralischer ist und hofft damit einer
+aufmerksamen Leserin nichts Neues zu sagen. Er hält dafür, nachträglich
+genug vor jenem verderblichen Geist gewarnt zu haben, der Zizipês sonst
+makellose Herrschergestalt verunzierte. Wolle doch ein Jeglicher seinem
+guten Rat gehorsamen und zur Taufe erscheinenden dreizehnten Zauberern
+keine silbernen Stiefelknechte und beileibe keine schlechten Zigarren
+anbieten, noch auf künstliche Fliegen mit übereilt zuschnappendem Rachen
+antworten. Den Folgsamen steht nicht bloß eventuell das Himmelreich offen,
+sondern ihnen und nur ihnen wird mitgeteilt, wie sich das Schicksal derer
+von Sirvermor-Srimoverr des Weiteren gestaltete.
+
+Es läßt sich nicht leugnen, der Prozentsatz an kleinen Mohren und Chinesen,
+den die Prinzessinnen dieses Hauses auch nach jener Sühnhochzeit
+herbeiführen halfen, er war und blieb ein größerer, als er in den übrigen
+Königsfamilien Usus ist. Doch wer wird der Bösewicht sein, zu fordern, eine
+künstliche, zauberische Einrichtung, durch die Länge der Zeit beinahe zur
+natürlichen Anlage geworden, möge wie mit einem Glockenschlage zu bestehen
+aufhören?
+
+Was die speziellen Schicksale Jezaidens und ihres Gatten anlangt, so
+beteuern manche Skribenten, beklagte Mohren und Chinesen, in dem
+unzureichenden Sonnenschirm bereits zart angedeutet, seien durch die
+Unterschiebung der Preisschrift verschuldet, und sei dieser Frevel nur
+darum nicht postwendend ans Tageslicht gekommen, weil Jezaide keine Kinder
+hatte, was weniger der abgetöteten Liebe als dem gelehrten Charakter ihres
+Gatten zuzuschreiben sei. Sonstige Erlebnisse des Ehepaares? Zur
+Beruhigung: und wenn sie nicht geboren sind, so sind sie auch heute noch
+nicht gestorben!
+
+
+
+
+Liebe
+
+
+Nitimur, ein wohlriechender Künstler, Erbauer der sechs großen Stockwerke,
+sah eines Tages die wohlwandelnde Königstochter Inve, und nicht genug
+daran: er wagte es, seine Augen zu ihr zu heben, die auf dem hochgelegenen
+Steige der Königstöchter knabenleichten Schrittes zur Lust tief und tiefer
+unten Wandelnder und also auch wohl zur eigenen Lust einherschwebte. Ja, er
+gewann es über seine in welcher Niedrigkeit aufgeschossene Seele, daß er
+den jäh ansteigenden Kotsee und den darauffolgenden Eisberg der
+vermeintlichen Glückseligkeit durchschwamm und überschritt.
+
+Diese beiden Stoffe nämlich, Kot und Eis, ausgezeichnet sowohl durch die
+Menge, in der sie sich an den genannten Orten befinden, als auch durch
+andere Eigenschaften, sind dazu bestimmt und geschaffen, die Wege der
+wohlwandelnden Königstöchter und der wohlriechenden Künstler zu trennen.
+
+Wohl war, wie ihr alle recht gut wisset, in diesem unseren Königreiche
+Titumsem die schreckliche Strafe der Spiegelentziehung auf das Erklimmen
+der Scheideflächen gesetzt. Nitimur aber mag vor, während und nach deren
+Durchquerung wenig an eine Selbstbespiegelung gedacht haben. Vielmehr: an
+dem Orte seines Strebens in welchem Aufzuge angelangt, warf er sich
+rücklings zu Boden, auf den heiligen Boden des Einherschwebens der
+Königstöchter, und schlug ihn dreimal mit dem Hinterhaupte. Dies ist die
+Art, mit der in diesem unseren Königreiche Titumsem Hohlheit und
+Wohlriechenheit gewiesen wird. Inve konnte nicht anders, sie mußte eine
+Zeiteinheit lang ihr Einherschweben in ungleichförmig verzögerter
+Geschwindigkeit vor sich gehen lassen -- gewöhnlich bewegen sich nämlich
+die Königstöchter in diesem unseren Königreiche Titumsem gleichförmig
+verzögert -- und eine weitere Zeiteinheit lang tat sie sich die Mühe, ihre
+konkaven Wangen in dem Blaurot des höchsten Unwillens erröten zu lassen.
+Nitimur nun -- war es Absicht oder Unfall? Meine der Verehrung
+wohlwandelnder Königstöchter sicherlich zuneigenden Zeitgenossen werden mir
+wohl recht geben, wenn ich steif und fest behaupte, daß es nicht seine
+Absicht war, und ebenso dürften meine dem Glauben an das Walten einer
+ursittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer meiner wohlweisen
+Meinung sein, wenn ich statt Zufall Unfall sage . . .
+
+Nitimur nämlich, der wohlriechende Künstler, rutschte, von der Blauröte des
+höchsten Unwillens scheinbar gleichgültig durchstrahlt, mit gleichförmig
+beschleunigter Geschwindigkeit den Gletscher der anscheinenden
+Glückseligkeit hin und überschlug sich unter den spaßhaftesten Purzelbäumen
+und Kapriolen im darauffolgenden Kotsee. Wieder unten auf der Straße
+wohlriechender Künstler angelangt, begab er sich aber nicht in seine sechs
+großen Stockwerke, denn er wußte wohl, daß ihm sämtliche Spiegel
+mittlerweile entfremdet worden waren . . .
+
+Wer aber kann malen das Blaurot des noch sehr viel höheren Unwillens der
+wohlhabenden Königstochter Inve, als sie nächsten Tages an derselben Stelle
+Nitimurn gewahrte! Ihre Bewegung setzte sie da mit gleichförmig
+beschleunigter Geschwindigkeit fort, die sie nur um eine Zeiteinheit
+verzögerte, als sie an dem wohlriechenden Künstler das heiße Schweigen der
+Liebe, von dem die wohlwandelnden Königstöchter zu träumen pflegen, nicht
+kaltes Schweigen der Körperverehrung, das wohlriechende Künstler zu
+durchstrahlen pflegt, bemerkte. Als sie sah, daß er mit weit weniger
+gleichgültig durchstrahlter Miene seinen schmachvollen Heimweg abkugelte.
+
+Da aber jeder Tag diesen Vorfall gebar, Perku, ihr wenig geschlechtlicher
+Erzieher, der zwar seine Zeit meist damit füllte, noch weniger
+geschlechtliche Erzieher zu zerspotten, dennoch beinahe bemerkt hätte, daß
+seine wohlwandelnde Königstochter die zur Absolvierung ihres
+Einherschwebens nötige und also vorgeschriebene Anzahl von Zeiteinheiten
+stets überschritt, schließlich Inve einsah, daß bald ihr ganzer Reichtum an
+Erörterungsnuancen allewerden dürfte, tat sie es eines Tages, über den
+Wasserberg hinweg, der den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige von dem
+Steig der wohlwandelnden Königstöchter trennt, sie tat es, ihrem Vater
+Pimus zuzurufen, der wohlriechende Künstler Nitimur störe täglich die
+Regel- und Gesetzmäßigkeit ihres Einherschwebens. Der wohlschlafende König
+Pimus, dem es ein Neues war und den es mit Verblüffung durchstrahlte, daß
+ein wohlriechender Künstler auch nach Entfremdung seiner Spiegel vor
+wohlwandelnden Königstöchtern zu liegen wage -- deren heiligen Boden mit
+dem Hinterhaupte schlagend, Hohlheit und Wohlriechenheit weisend -- er
+erschrak zuerst über das Omen dieser sehr kuriosen Zugetragenheit, das und
+die in keinem königlichen Orakel- und Traumbuche verzeichnet und vorgesehen
+war. Also machte der wohlschlafende König Pimus seinem wohltanzenden Gotte
+Kwene dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und sagte ein Achtel
+Betrolle her. Kwene nämlich, der wohltanzende Gott, dessen Seil von dem
+Schwindelpfade der Könige durch einen Sonnenberg geschieden ist, sah sehr
+gut, hörte aber schlecht: daher dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung
+und bloß ein Achtel Betrolle. Denn ihr wisset sowieso, und ich sage es auch
+nur, um euch der Abwechslung halber mit eurem Wissen zu ärgern: Man hat
+seine Freude nur an dem, was man bis in seine süßesten Einzelheiten
+auszukosten vermag, nicht jedoch an Dingen, die, ach, in höchst
+summarischer Weise fühlbar werden . . .
+
+Kwene aber wußte sehr wohl, daß der Thron eine Stütze des Glaubens an ihn
+sei. Nur darum reichte er dem wohlschlafenden Könige trotz des Achtels
+Betrolle schnell seine Ohren, und außerdem drangen gerade in dieser
+Zeiteinheit labend an des schlachtmesserumgürteten, wohltanzenden Gottes
+nicht ganz schlecht hörende Ohren des eben von ihm eigenhändigst, nach
+allen Regeln der Kunst geschächteten Schlachtopfers höchst rituelle Laute
+des Sterbens und Verzuckens. Dennoch aber unterdrückte der wohltanzende
+Kwene den wohlweisen Rat: »Sende dem wohlriechenden Künstler einen zweiten
+Spiegel, auf daß er sich darin besehe!« Nein, er wollte wieder einmal ein
+Exempel seiner Allmacht, Gerechtigkeit und ursittlichen Welthausordnung
+statuieren und gab dem wohlschlafenden Könige Pimus den minder weisen Rat,
+die wohlwandelnde Inve hinabzusenden zu dem wohlriechenden Künstler
+Nitimur, dem Erbauer der sechs großen Stockwerke. »Denn die gebotene
+Möglichkeit der Befriedigung wird des wohlriechenden Künstlers Sehnsucht
+und Liebe stracks töten, da sie bloß jener selbsterzeugte Hunger in
+Gedanken ist, den armgelebte Künstler hie und da aufzuziehen pflegen, der
+aber immer unbefriedigt stirbt, den sie wohlahnend sich vergehen lassen,
+wenn der Erfüllung Schmerz ihnen verstattet wird.« Und geheime, frohe
+Gedanken der Rache an dem verbeugungsfeindlichen Künstler und dem gern
+betrollenden Könige durchstrahlten des Gottes und Tänzers Miene, kaum
+verborgen durch ein nervöses Zwirbeln des Schnurrbartes.
+
+Nicht vergaß da zum Dank der wohlschlafende König eine halbe und
+dreiundachtzig Verbeugungen dem seiltanzenden Gotte Kwene zu machen, noch
+weniger vergaß er es, den Heimtückischen durch schnelles Ableiern von einem
+Achtel Betrolle zu ärgern. Schnell tat er es, über den Wasserberg hinweg
+seiner wohlwandelnden und gerade einherschwebenden Tochter eine Hymne auf
+seine Vatertugenden zu halten und ihr zu befehlen, allbereits
+hinabzuschweben zu dem wohlriechenden Künstler. Welche machte sich sofort
+auf mit ihren wohlschmeckenden Zofen, die ein wohlklingendes Geschnatter
+fortflattern ließen, als die Königstochter in einem Sprunge hinabsprang zur
+Straße der wohlriechenden Künstler, die ihr scharenweise zur gefälligen
+Matratze dienen wollten.
+
+Als aber Nitimur, auf seinem wohlgeborstenen Steine vor den sechs großen
+Stockwerken sitzend, sie kommen sah, da wandte er sich zur Flucht und
+sprang lieber hinab über grasbewachsene Wiesen zu den bewußtlos lebenden
+Bürgern und tauchte lieber unter in ihrem Meere der Gewöhnlichkeit.
+Tiefbetrübt gebot da die wohlwandelnde Königstochter den wohlriechenden
+Künstlern, ihre Spiegel zu legen über den Kotsee, ließ sich nur unwillig
+ihre goldenen Schlittschuhe anschnallen. Denn sich hinunterzukugeln über
+die Grashalden in der häringhaften Bürger Meer von Gewöhnlichkeit, dies war
+ihr wie jeder echten wohlwandelnden Königstochter unmöglich. In
+ungleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit, in in rasendem Sturmlauf
+blitzte sie den spiegelbedeckten Kotsee hinan, hinan den darauffolgenden
+Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit. Wenig kümmerte sie es, daß ihre
+wohlschmeckenden Zofen, diese Keineswegs-Königstöchter, vor den gefälligen
+Matratzenkünstlern ihr wohlklingendes Geschnatter fortflattern ließen und
+sich mit ihnen um die einerseits kotbelegten, andererseits wohlgeborstenen
+Spiegel balgten, im Schlamme wälzten und schließlich dem Geheul und
+Gewaltschmerz der nicht ganz ausgenützterweise sich um ihre Spiegel
+gebracht sehenden Wohlgeruchs-Künstler ein Ende taten, indem sie mit ihnen
+die Grashalde abkugelten in der kaninchengleichen Bürger Meer von
+Gewöhnlichkeit. Gar nicht kümmerte es die schnellhinwandelnde Königstochter
+Inve, daß sie, anfahrend ihren Steig, ihrem wenig geschlechtlichen Erzieher
+Perku und seiner aus noch weniger Geschlechtlichen gebildeten Gesellschaft
+die restlichen Geschlechtsteile abfuhr und alle tötete.
+
+Nicht mehr war sie bedacht darauf, in allen Zeiteinheiten gleichmäßig
+einherzuschweben, die wohlwandelnde Königstochter Inve, die früher und bis
+zu wohlriechenden Nitimurs Flucht zwar eingedrillterweise von Nuancen des
+Errötens, aber wenig von Liebe gewußt hatte, sie bewegte sich mit höchst
+ungleichförmiger Geschwindigkeit, und ihre Seele ergab sich wildem Weinen
+silberner Tränen. Pimus sogar, ihr wohlschlafender Vater, er hörte es, und
+ohne seinen ewigtanzenden Gott extra zu behelligen, griff er sofort zu dem
+in solchen Fällen höchst angezeigten und probaten Mittel: er zeigte seiner
+wohlwandelnden Tochter ihre Verlobung mit dem immer schlafenden Kaiser von
+Gata an. In ihrem tiefen Grame hörte sie es nicht, wie es der
+wohlschlafende König schlau geträumt oder berechnet haben mochte. Inve, mit
+Unrecht wahrlich eine wohlwandelnde Königstochter genannt oder etikettiert,
+fuhr immerzu fort mit ihren unsteten, ungleichförmigen Bewegungen, ihrer
+Seele Weinen überzog ihre Wangen mit Silberamalgam, machte sie fast konvex,
+und schon glaubten alle Ärzte und Urinoskospen dieses unseres Königreiches
+Titumsem, die weiland wohlwandelnde Königstochter Inve würde, ach, für
+immer der Stetigkeit und Gesetzmäßigkeit ihrer Bewegungen beraubt sein
+. . .
+
+Eines gemeinen Tages aber, da der wohlriechende Künstler Nitimur auf der
+Grashalde lag und in Träumen noch sechs große fahrende Stockwerke für die
+ochsenartigen Bewohner des Meeres von Gewöhnlichkeit ersann, schreckte ein
+schreckliches Getöse und Geflimmer ihn aus seinen Fieberträumen. Die
+Bürgerlein hatten nämlich von dem frohen Fest im allerhöchsten
+Herrscherhause gehört und feierten es, jeder nach seiner Art, der eine mit
+verschiedenfarbigen Fetzen, Liedern von gefälligen Matratzenkünstlern, der
+andere mit Lichtgestank oder Böller- und Kartaunenblähungen. Jäh fuhr der
+wohlriechende Künstler Nitimur auf, als er den Grund der
+verschiedenfarbigen Fetzen, der Hurralieder, des Lichtgestankes und der
+bürgerhaften Schießerei erfuhr. Wo waren da die sechs großen fahrenden
+Stockwerke für die gleichförmigen Bewohner des Meeres solcher
+Gewöhnlichkeit?!
+
+Jetzt aber möchte ich meine dem Glauben an das Walten einer sittlichen
+Welthausordnung herzhaft zugeneigten Zuhörer ersucht haben, mir ihren
+Beifall fühlbar zu machen und sich zu entfernen.
+
+Denn mit einem Satze über die Grashalde hinaus und die Straße der
+wohlriechenden Künstler, hinaus über den Kotsee und den Gletscher der
+anscheinenden Glückseligkeit: Nitimur war oben beim Steige der nicht immer
+wohlwandelnden Königstochter, und ehe noch der wohlschlafende König von
+Titumsem und der immerschlafende Kaiser von Gata Zeit gefunden, erwachen zu
+wollen, hatten sich Nitimur und Inve gefunden, in hoher Pracht gefunden.
+Jetzt aber möchte ich auch meine dem Glauben an das Walten einer
+urunsittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer ersucht haben,
+mir ihren Beifall fühlbar zu machen und sich allbereits zu entfernen!
+. . .
+
+Vielleicht, um nicht tiefe Lust zur Gewohnheitsqual zu verherben, zu
+verderben; wer es fassen kann, der fasse es: mit einem Satz über den
+Wasserberg hinaus und den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige, hinaus
+über den Sonnenberg und das Seil des im Fluge herabgestoßenen wohltanzenden
+Gottes Kwene, der noch im Falle tanzte und seinen Bart nervös zwirbelte --
+waren, war Nitimur-Inve geflohen, geflohen in das Reich des ewig seienden,
+einzig seienden Todes.
+
+
+
+
+Der Knecht seines Schicksals
+
+
+Auch über Analama, der auf der Insel Quo-uk mit den Schwänen lebte, kam das
+mannbare Alter, er mußte den grauen Chroglu überschreiten und fiel in das
+verfluchte Königreich Uttarakuru. Wie das immer so ist, meldete sich die
+Königstochter unpäßlich, und ihm blieb nichts anderes übrig, als mit den
+Ungeheuern des Blutflusses Uhuru zu kämpfen. Sein Sinn aber stand nicht
+nach Streit, sondern nach den sanften Gelöstheiten des Daseins. Er sehnte
+sich nach intimen Wangen, Frauenhaar, Schenkeln von himmlischer Güte. Die
+Königstochter aber tat andauernd unpäßlich. Da blieb auch Analama der
+Ströme seines Blutes nicht länger Herr. Er fand, daß die Norne Langeweile
+die Zeit stickt, wollte die gefrorene Zeit töten -- und aß nur seine Uhr
+auf. Er wollte alle Weiber vernichten -- und riß nur etlichen Mädchen mit
+besonders aufreizenden Waden die Zöpfe aus. Die Königstochter blieb
+andauernd unpäßlich. Analama drückte sich mit seinen eigenen Fingern famos
+die Augen aus, nichts mehr vom Dasein zu sehen. Die Königstochter zertrat
+seine Augen und empfahl dies Püree ihren Katzen. Analama verließ sich. Die
+Königstochter brachte die gesetzlichen Thronerben: junge, starke Hunde zur
+Welt.
+
+
+
+
+Hildebrandslied
+
+
+Es wird berichtet, daß eine Stimme sprach gegen Iskandar Zualkarnain und
+ihm befahl, seine Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen Reisen
+alle Gegenden und Menschen genossen hatte, sagte er vor sich hin: »O
+blinder Sklave des Geschickes, wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst
+du erfahren, was nach diesem kleinen Leben sein wird.« Also haderte er
+nicht mit jener Stimme letzten Befehls, sondern gebot Sklaven, ihm seine
+zwei Hörner wie für ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber
+einen ganzen Wildesel verzehrt hatte, bestieg er ein Eilkamel, um nicht zu
+säumen und so zu beleidigen den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine
+Dichter, die Nachtigalleulen, begannen auf eine schöne Weise zu klagen und
+versuchten, sein gleichgültig schauendes Herz mit ihren gelinden
+Traurigkeiten zu erfüllen und den der neuen Sache Beflissenen wieder an die
+knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden. Das Eilkamel jedoch in seiner
+Weisheit erinnerte sich verzehrter Dattelkerne, und indem es den Dichtern
+warmen Mist des Lebens ließ für die rauhen Nächte der Zukunft, verschwand
+es mit dem König der Zeit im Walde. Er aber sprach zu seinem Barte: »Nicht
+begreife ich die sachte Trauer der Gefährten meines Atemholens. Wenn ich
+ihnen entgleite, so können sie mich doch zurückhalten in den Bogen und
+Windungen ihrer schlangengleichen Gedichte. Ich aber habe es schwerer als
+diese Gezähmten: ich muß etwas tun. Nun habe ich einen ganzen Wildesel
+gegessen, denn es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und mit hungerndem Magen
+entgegenzutreten. Sollte er mir nicht gefallen, so kann ich, ein Herr, ihm
+wenigstens mancherlei ins Gesicht rülpsen, wie es sich gebührt. Doch noch
+sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.« Indem er also seinen
+Unwillen, auf den Tod warten zu müssen, ärgerlich kundgab, erschien auf dem
+Wege ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: »Nicht dies ist der Weg zum
+Tode, o König Zweihorn; du könntest allerdings, wenn du schneller ans Ziel
+gelangen willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite lieber diese zwei
+Wälder hier seitwärts durch, und wenn du an der letzten Lichtung meine Frau
+siehst, so sage ihr, daß ich sie noch heute besuchen werde.« Da dankte der
+König dem liebenswürdigen Kater, und als er einen halben Kamelritt weiter
+wirklich die Katze erblickte, grüßte er sie höflich und richtete seine
+Botschaft aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze freundlich über die nahe
+Möglichkeit eines annehmbaren Todes -- nur eine Parasange weit!
+
+Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt hatte, traf er richtig
+dort einen Mann, an Stärke gleich einem ausgewachsenen Löwen. »Nächstens
+lasse mich nicht so lange warten,« brüllte der Mann. »Ich bin dein Vater
+Rustan, und da ich dich ins Leben gepflanzt habe, schickt es sich auch, daß
+ich dich töte.« Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohne die Hörner aus
+dem Kopf zu drehen, und Iskandar Zualkarnain ehrte den Vater, getreu dem
+Gesetze des Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte zu zupfen,
+noch auch ihm den vorbereiteten Esel ins Gesicht zu rülpsen. So benommen
+war er von den Schmerzen des Lebens.
+
+
+
+
+Traum des 888. Nachtredakteurs
+
+
+Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der
+verstatteten Rede. Doch als die achthundertundachtundachtzigste Nacht da
+war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß im Lande
+der besoffenen Ströme ausnahmsweise ein geiernasiger Jüngling lebte, der
+gern im Schlaf ertrank und da er wenig arbeitete, Hunger trieb. Seine
+Sehnsucht und Begierde ging gleichwohl nach dem Faulen unerreichbarer
+Gewürze, und wegen dieser seiner dicken Gewohnheit nannten ihn die
+Ungläubigen Schinkenstern.
+
+Als er eines Tages seinen Magen nach den Marzipaninseln traumwandeln ließ,
+überfiel ihn ein Schnellzug und ließ nicht ab, ihn davonzutragen, bis alle
+Kohlen verdampft waren. »Dies ist nicht das Land des Safrans und der
+Wohlgerüche,« jammerte der Entführte, als er sich nach einem wahnwitzig
+schrillen Pfiff in einer robusten Halle ausgesetzt sah. Weil es notwendig
+war, brach er die Dämmerung seines Geistes ab und suchte nach einem Sofa,
+wo er sein Haupt niederlegen könne. Weiter strichen seine Pläne nicht, und
+indem er an einem Hotelportier vorbeiging, erreichte er es, mehrere
+Meldezettel ausfüllen zu dürfen. Nachdem er diese Dämonen besiegt hatte,
+warf er sich in den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu
+erwartenden Träume seine innersten Gedanken enthülle. Doch der Schlaf spie
+ihn rücksichtslos, traumlos wieder ins Leben aus, und als der Unglückliche
+zum abertausendsten Male kläglich im Raume erwachte, veranstaltete er
+einige Augenblicke der Besonnenheit. Aber ehe er etliche Vernünftigkeiten
+ausgeheckt hatte, verdrängte der Schrei nach einer Buttersemmel das
+Gekrächz seiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt, seinen Kopf
+aufzusetzen versuchte, fand sich dieser nicht, und so beschloß er, seine
+Leiblichkeit vorläufig dem Hin und Her des Zufalls zu schenken. Keinesfalls
+war er jedoch geneigt, allzu hündische Arbeit zu tun und wollte lieber die
+Verhandlungen mit der Erde abbrechen. Er begann also über die Oberfläche
+der fremden Straßen als ein gemäßigter und nicht ganz zielloser
+Spaziergänger hinzugleiten. Seine Augen grasten ruhig die Erscheinungen ab
+und fielen schließlich in die Blätter, aus denen sich zahlreiche Toren über
+den Gang der Gestirne zu unterrichten versuchten. Da schlug in ihn ein
+schnelles Erinnern, und seine futterwitternde Geiernase, die ihm aus einem
+Spiegel entgegengrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen Zeit in gewissen
+Betrachtungen.
+
+Er besaß zwar keine Feder der Fülle, aber an Schalttagen drangen tollkluge
+Worte aus ihm. Wenn er auch bezweifelte, daß diese seltenen Schalttage je
+sein ganzes Jahr anstecken würden, war er sich doch einer bescheidenen
+Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht aller Gesetze der Interpunktion
+bewußt, und verdammte sich kalten Herzens dazu, von seiner
+Durchschnittssprache zu leben. Dieszwecks legte er Zylinder an und ehe er
+sich noch hatte warnen können, verscholl er in einem Verlagsgebäude. Er
+hätte besser getan, sich des Zephirs der Welt zu berauben. Denn als er vor
+den Journalisten der Zeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige
+folgendermaßen: »Du gehörst zu den weltfremden Siriusochsen und bildest dir
+zwar nicht den Besitz des Stilmonopols ein, bist aber trotzdem stolz
+darauf, als erster den Ipunkt unter dem I befestigt zu haben. Ich kann
+jedoch nur eine rechtschreiberische Schreibmaschine brauchen.« Da ließ sich
+der Verräter Schinkenstern sterben, er antwortete: »O, König der Zeitung,
+ich höre und gehorche. Ich war ein Ifrit von den Marids der Dschann und bin
+bereit, den Eid auf das Zeilenhonorar abzulegen. Ich habe es eilig, ins
+Nichts zu hasten. Ich war mitunter die Zunge der Dinge. Werde ich es
+weniger sein, wenn ich mich zur Stimme des Rindviehs mache? Möge ich bald
+an einem Druckfehler sterben!« »Ich sehe, du gehörst zu den schwachen
+Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen, ihren unüberwindlichen Magen
+anklagen, o Halbdichter!«
+
+Es wird berichtet, daß der Geiernasige zunächst als Besprechungsliterat
+versank, einer jener vielen Kritikastraten und Verschnittenen wurde, die
+eifersüchtig den Harim des Ruhmes bewachen. Er ward eine kahle Negation,
+legte sein Gehirn bloß, exhibitionierte mit der raschwachsenden Glatze der
+Weisheit, aber seine Seele war im Übersatz. Er schrieb nur Kartoffeln, und
+die Worte der Dichter verdienten, mit Nadeln in die Spitzen seiner
+Augenwinkel geschrieben zu werden. Da bemerkte er endlich das Graue seines
+Tages und hielt inne in dem verstatteten Leben. Allah übersetze ihn nicht!
+
+
+
+
+Die alte Geschichte
+
+
+Es war einmal ein junger Dichter namens Eduard, der lebte in einem Palaste.
+Und in ihm war nichts als Sehnsucht. Seine Diener aber brachten ihm
+Schinkensemmeln mit Kaffee. Sehr traurig war der junge Dichter, und seine
+Sehnsucht ging von einem Zimmer in das andere. Herrliche Bilder konnte er
+sich vorgaukeln, und das junge Mädchen, das er liebte und haßte: Kunigunde!
+
+Doch wenn sein junger Leib, der sich sehnte, einen Schritt vorwärts tat,
+die geschaute Gestalt zu umarmen, schwand alles, und seine Lippen, die nach
+einem Kusse lechzten und glühten, sie sanken kümmerlich zusammen, und sein
+Kopf fiel schulterwärts . . . und er war wieder allein mit seinen Zimmern,
+Dienern und Schinkensemmeln. Da haderte der junge Dichter mit Gott und
+seinem Palaste und weinte über sie die Tage und Nächte, daß sie ihm nicht
+geben wollten, wonach er flammte . . . und hätte am liebsten die Wände
+geküßt und die Bäume seines Gartens umarmt: so sehnte er sich. Und er
+vergoß sieben Tränenströme. Und wollte nichts essen und zerfleischte sich
+das Gesicht und die lieben Hände und raufte sein Haar und zerriß seine
+Gedichte und lag wie ein Toter da auf seinen Teppichen.
+
+Sandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine ausgezeichnete Fee, und die
+sprach: Was gibst du deinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh, sei wieder
+brav und ruhig, und Gott wird dein Haar streicheln, und dein Haupt soll
+liegen in dem Schoße deines jungen Mädchens. Da sprach der junge Dichter:
+Ich will ja gern wieder an den lieben Gott und meinen Palast glauben, aber
+warum ward ich so schwer geschlagen? Es ist ja wahr, ich habe vor sieben
+Jahren, zehn Monaten und drei Tagen beinahe eine Ameise zertreten!
+
+Küßte die ausgezeichnete Fee dem jungen Dichter langen Schlaf an und tat
+von seinem Leibe die Wunden und üblen Farben, nahm von seinen Händen die
+Betrübtheit . . . und als er erwachte, da taten sich alle seine Zimmer auf
+und strahlten, und sein Haupt lag gebettet in den Schoß des jungen
+Mädchens, und sie streichelte seine Haare und küßte ihn und klebte seine
+Gedichte wieder zusammen.
+
+Glaubt ihr das? Ich nämlich glaube es auch nicht! Sondern, als von dem
+jungen Dichter der Schlaf trat, da stand zu seinen Häupten ein Freund und
+wies ihm eine Kritik, in der Eduard niederträchtigerweise gelobt wurde, ein
+Briefträger feierte seinen Einzug mit einer Drucksorte, laut der sich
+Kunigunde mit Archangelus Lardschneider, jenem niederträchtigen Kritiker,
+verheiratet hatte, und eine jähe Drahtung zwang ihn, die Premiere seines
+letzten Stückes abzusitzen, des Schiffahrtsaktiendramas »Eduard und
+Kunigunde«, das ihm vom Lesen her übel bekannt war. Und zu Füßen seines
+Bettes stand ein Diener, in der Hand haltend eine Tasse Kaffee mit Senf.
+
+
+
+
+Frühes Leid
+
+
+Ich war kein Tierfreund, eher vielleicht ein tyrannischer Beobachter der
+Tiere. Seit jeher reizte es mich, diesen schwachen Wesen zuzusehen,
+mitzuspielen, Herrschaft über sie auszuüben, da ich die Menschen nicht
+knechten konnte. Ich ging ja in die Schule, war Sklave von Rohrstäben,
+Katalogen, Klassenbüchern und Zensurzetteln. Und daheim saßen grausame
+Zieheltern, die meine Abneigung gegen das Leben nährten, indem sie mich
+stets zum Essen zwangen, zur Strafe mit den widerwärtigsten Speisen
+traktierten, wenn ich den grammatikalischen Kram nicht wissenswert fand.
+Die Existenz von Schulbüchern war doch eine Gnade meinerseits? Nein! Man
+begnügte sich unbescheidenerweise nicht damit, daß ich das Vorhandensein
+derartiger Materialien hypothetisch annahm, gelten ließ, ich sollte sie
+empfangen, die Bücher sollten in mich übergehen und ich Buch werden. Paßte
+mir diese Besessenheit nicht, reagierte ich auf solche Vernichtung meines
+Ichs sauer oder, was meist geschah: ließ ich mich auf derlei Provokationen
+überhaupt nicht ein, sah man in meinem Vorgehen alles eher denn
+Selbstbewahrung. Meine früh erwachte Aversion dagegen, Gedichte anderer
+Schriftsteller auswendig zu lernen: von mathematischen Formeln koitiert zu
+werden, diese eminent männliche Eigenschaft hieß auf einmal Faulheit und
+man entleerte über mich ein Füllhorn von Strafen.
+
+Ich besaß eine kleine Kaninchenzucht. Gab ich mich mit Hühnern und Tauben
+ab, fesselten den Zarten, der für seine Person Raufereien scheute und mied,
+die schonungslosen Kämpfe zwischen rivalisierenden Hähnen oder Taubern.
+Blutliebe war es, Freude an diesen ebenso formstrengen als gefühlsheißen
+Duellen, die erbittert und unerbittlich bis zur Entscheidung ausgetragen
+wurden. Bei meiner Zucht, bei meinem Kult von übrigens unfreiwilligen
+Mitgliedern der Friedensgesellschaft, den geduldbehauchten Kaninchen
+gegenüber hatte ich lautere Motive. Ich ergötzte mich an rein vegetativen
+Prozessen, freute mich, wie die jungen Tierchen schnupperten und dann mit
+langen Froschsprüngen herbeieilten, mir die Kohlblätter aus der Hand zu
+fressen. Aber Kohl -- der kostete Geld, ein paar Heller täglich, und
+Futter, Wartung fraß Zeit, die ich nach Ansicht meiner Pflegeeltern besser
+an das Studium gewendet hätte. Ihr ewiges: »Hugo, lerne!« scholl an mir
+vorbei, ich betrachtete die unregelmäßigen Zeitwörter als Verbalinjurien
+und wußte mir etwas Besseres als Verben reiten, konjugieren: Kaninchen. Die
+waren mein Trost, halfen mir mit ihren Farben und Bewegungen über
+schlechten Ausfall der Schularbeiten und Mittagmahle hinweg. Bekam ich zu
+Weihnachten eine üble Zensur und wurde demgemäß statt jedes anderen
+Geschenkes strafweise täglich diejenige Speise aufgeführt, die ich am
+stärksten haßte: Sauerkraut -- und noch dazu in angebranntem Zustand --
+flüchtete ich nach Tisch zu den Kaninchen. Und siehe da! es gab Wesen,
+denen die Verabreichung dieses Giftes, die Ausspeisung mit Krautblättern
+Glücksaugenblicke schuf, Wesen, die mir, dem göttergleichen Spender, durch
+ihr zufrieden-geräuschvolles Mahl zu einigem Selbstgefühle verhalfen und
+nicht genug daran: sozusagen durch die Vernichtung eines Teiles des
+Sauerkrautbestandes der Welt mir dankbar einen großen Dienst erwiesen.
+
+Es kam eine Zeit, wo ich mein Reich nicht verteidigen konnte, und die
+Bazillen drangen ein. Mit den Bazillen meine ich nicht etwa die Erreger der
+Windpocken. Die machten sich nicht so breit, mit denen wurde ich leicht
+fertig, und wenn ich dennoch mich schwach zu fühlen vorgab, nicht aufstehen
+wollte, so lag das in mir: ich hatte wenig Lust, ins äußere Leben
+zurückzukehren, in die Schule, diesen Garten voll bitterer Kräuter, die --
+o bodenlose Verruchtheit -- obendrein botanisch-lateinische Namen trugen!
+Das Kranksein bedeutete für mich sorgsame Pflege, Ruhe und
+Waffenstillstand, und ich kann sagen, ich machte häufig von
+Halsentzündungen Gebrauch. Wenn das Fieber geschwunden war, sagte man wohl:
+»Liegend lesen schadet den Augen,« aber ich durfte eine Weile Lektüre
+treiben, was mir sonst -- schlechter Zeugnisse halber -- verwehrt war. Der
+Arzt ließ mich gerne liegen, er verordnete sogar zur Behebung der
+allgemeinen Schwäche kräftigende und wohlschmeckend von mir bejahte
+Gerichte, vor allem Weißfleisch. Doch für die Wirtschaft, für das
+Staubabwischen und Aufräumen bedeutete mein Kränkelnwollen, mein
+Zärtlichkeitsbedürfnis Hemmung und Überarbeit. Weißfleisch? Wozu Hühner
+kaufen, wenn herrliche Kaninchen im Hause waren, Kaninchen überdies, die,
+wenn man sie dem eigensinnigen Knaben ins Bett geben mußte, sich unsauber
+betrugen. Sonst zwar wurden Kaninchen nicht gegessen, aus Ekel . . . aber
+ein wehrlos in der Genesung begriffenes Kind aus der Geborgenheit, aus dem
+sicheren Bett zu scheuchen, dazu war kein Mittel schlecht genug. Thyestes
+nährte sich vom Fleisch der eigenen Kinder. Atreus hat ihn damit brüderlich
+bewirtet. Das ist noch gar nichts. Denn Thyest war ahnungslos, wußte nicht,
+wovon er zehrte, wußte nicht, was er wieder zu sich nahm. Auch ich mußte
+die Geschöpfe essen, die mir die liebsten waren. Aber ich fühlte, was ich
+hinabzuwürgen gezwungen wurde. Ich verschluchzte mein Herz. Anfangs sagte
+man, auf das Kaninchenfleisch weisend: »Backhuhn!« Als sich jedoch mein
+tiefes Wissen um diese Welt durch das Gerede nicht übertäuben ließ, hieß
+es, ich solle nicht so kindisch sein. Kindisch? Leichtsinnig hatte ich die
+Kaninchen preisgegeben, verraten! Während es mir beliebte, krank zu sein,
+wurden sie wenig gefüttert, gemordet. Da gab ich die Krankheit hin, stand
+auf, um die übriggebliebenen Kaninchen vor meinen Zieheltern, vor den
+Bazillen, vor dem Tode zu schützen. So rief mich das Leben. »Hugo, lerne!«
+
+
+
+
+Wodianer
+
+
+Der junge Baron Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein betrachtete sein himmelan
+starrendes Haar, das über seine Stirn, früh verwelkend, endlich grau
+hereingebrochen war in diesem dreißigsten Jahr seines ziellosen Lebens. Der
+Spiegel trug nicht die Schuld, der hatte Generationen von Wodianern in der
+Wiege strampeln und etwas stiller auf der ihr folgenden Bahre liegen
+gesehen und jedem in durchaus zuverlässiger Art ein Bild des veränderlichen
+Körpers gezeigt, über das in manchen Fällen sogar ein Abglanz der recht
+unsterblichen Seele gebreitet war. Nun saß Albrecht Wodianer als letzter
+vor dem treuen Möbel und ärgerte sich über ein Stück Materie, das ihn
+langen Atems überdauern würde, unerblindet ihm die Unreinheiten seines
+Geistes wies: die weiß angelaufenen Speere seiner Haare. Albrecht Wodianer
+ertrug den Anblick des Spiegels schließlich nicht länger; da er aber allen
+Freunden gegenüber sanften Gemütes war, zertrümmerte er ihn nicht, sondern
+trat den Rückzug ins Café »Prag« an. Er selbst, wiewohl verarmt, kam sich
+dort etwas deplaziert vor; ein Achtelliter Raubritterblut empörte sich in
+ihm gegen die spitzfindige Synagogenluft dieses Zionistenbeisels, in dessen
+Ecken immer ein paar jüdische Literaten urchristelten. Doch der Umstand,
+daß sich hier Räume ärmlichster Schlichtheit über zahllose Stilepochen
+hinweg unversehrt im zwanzigsten Jahrhundert geborgen hatten, beruhigte ihn
+wieder, sonderbarerweise, obwohl seine Nervosität und Zeitzerriebenheit
+sonst sich gegen die Dauer der Gegenstände empörte.
+
+Wodianer bestellte im leeren Café irgendwas und ging dann wieder nach
+Hause, froh, niemanden getroffen zu haben, denn das Öffnen des Mundes zu
+formellen Reden und Antworten, zu dialektischen Wortkrämereien, die nichts
+von seinem erschütterten Seelenzustande offenbaren durften, weil Haltung
+unter Egoisten Ehrensache war -- dieses ganze, immer wieder nur einen
+konventionellen Schein liefernde Gebaren war ihm verhaßt. Und doch mußte er
+täglich, täglich ins Café trotten, er konnte die Zeit vor Mitternacht nie
+zu Hause verbringen, gewohnheitsmäßig warf er diese Stunden an den
+nächstbesten Frauenleib, oder ließ die Worte nahe hockender und doch
+weltweit entfernter Literaten und Intellektbestien wie Fliegen in die
+Melange fallen, die er dann nicht austrank.
+
+Während des Heimweges empfand Wodianer eine seltsame Blutleere im Schädel
+und empfand sie ungern, denn sie erinnerte ihn an den Tag, da der Tod zum
+letzten Male sich in seiner Nähe aufgehalten hatte, eine Stirnwunde
+hinterlassend und kuriose Schwächen. Folgen eines Duelles mit dem Hauptmann
+Orbenhayn, der eine Bemerkung Wodianers -- was auf dem rötlichen Beteigeuze
+den Mädchen der Erde entspräche, müßte dort schöner sein -- auf seine Braut
+bezogen hatte.
+
+Albrecht Wodianer sah vor sich liegen den sterbenden Orbenhayn, dessen
+blutschäumender Mund rötlicher glänzte als der Stern Beteigeuze. Und
+spürte, in der Erinnerung wieder Leib an Leib mit Ex-Orbenhayns Braut,
+abermals die Wahrheit seiner Bemerkung.
+
+Auf einem winterkahlen Baume vor der Universität schwirrte es in kleinen
+Flügen von Ast zu Ast, um nicht zu erfrieren. Zweigauf, zweigab glatt
+verschluckbare weiße Flaumenbälle: Spatzen, die in Scharen über den Baum
+versammelt waren. Hie und da sauste, den Baum erschütternd, eine
+Elektrische vorbei, die in sich verkrochenen Klümpchen, wärmehungernd,
+versuchten am Stamm kleben zu bleiben. Wodianer fühlte mit ihnen kein
+Mitleid, er wußte: in den Tierchen schwangen die Seelen ungeborener oder
+abgeschiedener Mädchen, denen es bisher mißlungen war, in die Universität
+zu laufen, und die nun hier, nahe der Wissenspforte nächster Wiedergeburt
+harrten.
+
+Wodianer haßte Frauenstudium, seine schwarzhaarige Männerfaust fuhr hinab
+zu den Kieselsteinen der Reitallee, und eine Faustvoll ergoß sich über
+rasch aufschwirrende Sperlinge. »Viel Leben um nichts!« murmelte er, zerrte
+seinen Bart und fluchte schon lauter: »Nicht erwarten können sie es, die
+idiotischen Dinger! Stellen sich da in Nacht und Nebel an, als wäre so ein
+flaches Kolleg eine gute Burgtheatervorstellung. Und nicht früher werden
+sie aufhören, die zudringlichen Ludern . . . bis sie von Logarithmen ganz
+verwanzt sein werden. Pfui Teufel!« Sehr unvermittelt erklang in seinem
+Gehirn die Stimme seiner toten Mutter: »Bubi, das darf man nicht!« Albrecht
+schlug mechanisch die Hände gegeneinander, daß von den Handschuhen die
+schuldbeweisenden Steinkörnchen glitten. Hernach ward er doppelt unwirsch,
+krächzte heiser: »Das lebt noch immer in mir! Als ob so eine alte tote
+Baronin Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein wüßte, welche Gesetze heute im
+Leben gelten. Es war doch meine Pflicht, möglichst vielen dieser
+lebensschwangern Tierchen die nächste Wiedergeburt abzutreiben!«
+
+Seine Augen noch baumwärts gerichtet, strauchelte er über hervorstehende
+Straßenbahnschiene, fühlte sich plötzlich im Besitze zweier Kniee. Die
+leicht kitzelnden Schrammen bluteten stark, und indem er die eine gerechte
+Strafe Gottes behauptende Stimme seiner Mutter abwies, beschloß er, diesmal
+kein Mädchen zu frequentieren, da er spürte, er könne diesen Abend mit dem
+einen sanften Kräfteverlust ganz gut auskommen.
+
+Wieder in sein Zimmer ausgespien, fragte er sich, ob er den intriguanten
+Spiegel weiß oder schwarz verhängen solle. Die Antwort darauf gab ein
+Knall, irgend etwas, Stein oder Kugel, durchschlug Doppelfenster und
+Spiegel. Wodianer riß erfreut die Fenster auf, lehnte sich über die
+Brüstung, und seine Augen bohrten sich in die nächtigen Parks, aus denen
+her das Feindselige zu ihm gedrungen war. Dann verfolgte er, bei jedem
+Schritt Glassplitter zermalmend, die Flugbahn des Geschosses, fand eine
+abgeplattete Revolverkugel . . . und nannte schließlich diese Begebenheit
+irrsinnig, da ihm bis zum Überdruß bekannt war, daß er außer etlichen
+imaginären Halunken und Ausgeburten seines Hirnes keinen realen Freund oder
+Feind auf der Erde besaß. Die Schrammen der Knie bluteten noch immer im
+leisen Rhythmus eines kleinen Schmerzes. Er legte keinen Verband an.
+Schmutz in der Wunde? Wenn ein lächerlicher Sturz die Macht hatte, ihm
+durch Blutvergiftung das Leben zu nehmen, dann pfiff er überhaupt auf diese
+dumme Errungenschaft . . .
+
+Irgendwer hatte also nach ihm geschossen. Er ahnte dumpf und immer heller
+die altruistische Verpflichtung, den wohlgemeinten Versuch des Unbekannten
+zu Ende führen zu müssen, lud, am Fenster stehend, die abgeplattete
+Revolverkugel mechanisch in den Lauf eines Schießinstruments, die Sache
+ging zielgerecht in seine duellalte Schläfennarbe los, und mit der Hand
+nach den Sternen greifend, als wolle er diese Steinchen auf irgendwen
+werfen, hörte er noch, gegen den zertrümmerten Spiegel fallend, verzweifelt
+als letztes Wort in der Sprache der alten Welt die bekümmerte und eines
+tschechischen Akzentes nicht entbehrende Stimme des Ewigkeitsschaffners:
+»Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein umsteigen!«
+
+
+
+
+Tod eines Seebären
+
+
+Seit Kaiser Schnurrbart die Mode auf dem Kontinent kreiert hatte und auch
+im Königreich Kujavien jene reizenden Galeeren, die man Dreadnoughts nennt,
+eingeführt worden waren, kannte der Hochmut der Marineoffiziere dieses
+Landes keine Grenzen. Daß Jeremej, der junge Herrscher, niemals in einer
+anderen als der Admiralsuniform gesehen und photographiert wurde, mußte die
+frevelhafte Überhebung der Seeleute steigern, namentlich aber den Neid
+aller Kasten hervorrufen, die bis dahin den Großherrn mit einiger
+Berechtigung den Ihrigen hatten nennen können. Dubrogin, der Oberste der
+Spione, welcher übrigens dieser Bezeichnung den Titel eines
+Polizeiministers vorzuziehen liebte, ergrünte vor invidiöser Wut. Hatte
+doch früher er den um seine Sicherheit bangenden Fürsten besessen und
+reichen Sold und große Ehrungen zur Stärkung seiner dem Regenten teueren
+Lebensenergien bezogen. Nun hingegen vertraute der treulose Monarch den
+Schutz seiner Existenz den Seefahrern an, in deren Gesellschaft er die Tage
+seines Lebens verabschiedete.
+
+Dies war so gekommen: die Küste des Reiches, die Gestade des Blutigen
+Meeres, beschmutzten Stämme der Skiapoden und Monokotyledonen, und um deren
+Sprach- und Futterstreitigkeiten, sowie daraus erfolgenden Aufruhr in
+Schranken zu halten, bedurfte es einer stets paraten, bewaffneten Macht. Da
+die Seebehörden die nächsten am Platze waren, hatten sie wiederholt
+eingegriffen und durch ihre geräuschlosen Gewalttätigkeiten die
+Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich gelenkt und sie schließlich in dem
+angegebenen Grade zu fesseln gewußt. Der Oberste der Spione aß vor Wut
+darüber seinen Bart, ja, er ward der Freuden dieser Welt überdrüssig.
+Solches wurde also sichtbar: Im Königreiche Kujavien wie überhaupt in der
+gesamten Biosphäre sind die meisten Wesen genötigt, durch Einsatz und
+Preisgabe einzelner Körperteile und Fähigkeiten die übrigen zu ernähren.
+Dieses Lebensgesetz führt zu fast grotesken Nutzanwendungen. Zum Beispiel:
+eine verhältnismäßig große Anzahl von Mädchen kann nicht anders als durch
+jedermann anheimgestellte Benützung ihrer Leibesöffnungen den Magen mit
+Speisen füllen. Diese nichts als tragikomische Beschäftigung hatte aber
+irgendein alter Prophet, der sich von Gurkensalat nährte, scheinbar
+verurteilt. Demzufolge und aus vielen anderen ebenso triftigen Gründen
+müssen die Mädchen, wenn sie trotzdem auf die beschriebene Art zu
+eiweißhaltigen Substanzen gelangen wollen, Tribut zahlen, die Grausamkeit
+der über sie verhängten Gesetzesdrachen einlullen, in Schlaf wiegen. Also
+mußte, gleichwie jedes einzelne der Weibchen Körperteile zugesetzt,
+prostituiert hatte, auch die Gesamtheit, die Zunft, eines ihrer Glieder
+opfern, es den Spionen zum Fraße hinwerfen. So ward denn eines Tages nach
+alter Sitte ein Mägdlein namens Lisaweta seiner Schönheit wegen zum
+Opferlamm auserkoren. Mit Blumen, Bändern und Edelsteinen aufs herrlichste
+geschmückt, einen Myrtenkranz auf dem Haupte, wurde sie von ihren
+weißgekleideten Genossinnen unter frommen Gesängen unserem Dubrogin
+dargebracht, daß er segnend seine Hände auf sie lege und die Blüte ihres
+Leibes verkoste. Er aber befahl ihr nicht, ihren Körper zu entblößen und
+sich zu lagern, der Tyrann gab ihr keinen einzigen seiner Blicke, die
+Lieder ihrer Augen und der Gesang ihrer Schenkel rührte ihn nicht, und das
+arme Kind, sich so verschmäht sehend, vergoß reichliche Tränen, und es
+brach ihr das Herz.
+
+Die Späher in ihren Höhlen sannen vergebens darüber nach, was wohl die
+Mißstimmung ihres Häuptlings hervorgerufen haben möge? Aber einer unter
+ihnen, der bislang noch nie eine Erhöhung der zu seiner Mast bestimmten
+Speiserationen hatte bewirken können, im Gegenteil von jedem
+diesbezüglichen Bittgang mit zertretenem Zylinder heimgekehrt war, besaß
+ein kluges und ehrgeiziges Weib. Sie erriet die Ursache der Verstörtheit
+des Gewaltigen, und nicht genug daran: es fiel ihr ein Mittel ein, wie
+geschaffen, dem Regenten die Freude am Umgang mit den Wassermännern zu
+zerstören.
+
+Wenn nämlich die Seebären nach langer Fahrt ans Land steigen, befällt sie
+regelmäßig eine unendliche Sehnsucht nach Seebärinnen. Viele aber unter
+ihnen, nicht fähig, eine große Ewigkeit enthaltsam zu überstehen, hatten
+ihre Lust mangels an so vollendet angepaßten Materien, wie es Mädchen sind,
+an minder geeigneten Objekten gebüßt und fürchteten nun, dadurch an
+Liebenswürdigkeit verloren zu haben, die Prüfungen bei ihren Damen nicht zu
+bestehen und der Strenge des Auswahlgesetzes zum Opfer zu fallen. Obgleich
+manche aus ihrer Mitte berufen waren, dereinst an der Spitze ganzer
+Geschwader zu stehen, hatten sie doch nicht so viel allgemeine Bildung, um
+zu wissen, daß diese Verstimmung ihrer Generationswerkzeuge nur kurze Zeit
+anhalten, späterhin, kraft eines Weltprinzips, die Funktion das Organ
+tauglich schaffen würde. Unwissend lechzten sie nach Gewaltmitteln, die
+ihren Liebeswillen ins Ungeahnte steigern könnten. Diesem ihren Wunsche kam
+die Frau jenes beförderungssüchtigen Unterspähers entgegen. Sie erinnerte
+sich der Tage, an denen sie sich zu ihrer höchsten Befriedigung gemeinsam
+mit dem uralten Fürsten Yohimbin jenen transversalen Schwingungen
+überlassen hatte, deren innerer Gang und Rhythmus vielleicht dem der
+Bewegungen sehnsüchtig an- und auseinanderprallender Sterne gleicht.
+Tückisch sandte sie zahlreichen Kapitänen magische Zigarren, die angeblich
+ein vortreffliches Aphrodisiakum waren, in Wirklichkeit jedoch einen Stoff
+enthielten, zu dessen nebensächlichen Eigenschaften es gehörte, das
+menschliche Leben wesentlich abzukürzen. Ein Meergreis versuchte eine der
+Zauberzigarren, und sein Leib gab sich den Wirkungen des Giftes hin.
+
+Dies geschah gerade zu der Zeit, da ein ansehnliches Kometenmännchen sich
+der Erde in Liebe zu nähern begann, Es wollte ein zartes Liebesspiel
+spielen, die Veteranen aber und die Bürger beschlossen aus einer Art
+Patriotismus, ihre Schädel recht hart zu machen, um, soviel an ihnen lag,
+Widerstand zu leisten, die Erde zu verteidigen. Vielleicht ganz gegen die
+Absicht ihrer Herrin und Ernährerin, die wohl längst von solchem
+Zusammenstoß geträumt hatte.
+
+Trotz der Koinzidenz mit einem so seltenen Ereignis rief der Tod des
+Admiralaspiranten großes Aufsehen hervor. Von den Spionen bestochene
+Gazetten führten den Meuchelmord auf avancementlüsternen Brotneid zurück,
+und Jeremej, der junge König von Kujavien, entsetzt über so niedrige
+Gesinnungen und für sein Leben bangend, mied die Gesellschaft der Seeteufel
+und flüchtete eilends in die Windeln, die Dubrogin für ihn bereit hielt.
+Doch bald ermannte er sich wieder und verließ seinen Schlupfwinkel, ja! er
+konnte den Augenblick nicht erwarten, da ihm der Leibdiener die
+Admiralsjacke ausgezogen haben würde. Und jetzt geht der glorreiche Monarch
+auf und ab, rastlos auf und ab, Extraausgaben der namhaftesten Zeitungen
+sind in Vorbereitung, alle Untertanen harren in gespanntester
+Aufmerksamkeit des Momentes, der ihnen die Nachricht bringt, welche Uniform
+er nun tragen wird -- dem Kometen entgegen.
+
+
+
+
+Ausflug
+
+
+Auf einem meiner Spaziergänge durch das Weltall stolperte ich über den
+Schicksalsbaum, der in solid-arischen Zeiten Weltesche Ygdrasil hieß, nun
+aber längst blattlos verschrumpft, zwerghaft verkommen ist und von den
+Rittern des Raumes »Baum im Elend« genannt wird. Klein erschien er meiner
+hungrigen Seele, und auch ein Webstuhl der Zeit, an dem Baum mechanisch
+befestigt, wollte auf mich keinen besondern Eindruck machen. Zunächst
+darum, weil dieser Webstuhl der Zeit keineswegs sauste, sondern sich als
+versonnen einen Abgrund überhängendes Spinnennetz darstellte, in dem
+überwältigt, fliegengleich eingesponnen, linsengroß die Sonnen hingen und
+auch, kaum erkennbar, wie verrückt sich abzappelnd, die Laus »Erde«. In der
+Mitte des Netzes ein Fettpatzen, schwarz wie die Notwendigkeit: die
+Riesenspinne »Zeit«. Ich wollte ihr eine Nadel in den Hinterleib stechen,
+aber das darf nur der Finger Gottes.
+
+
+
+
+Vorbild
+
+
+Über die Bewohner von Morbihan, eines kleinen und momentan noch sehr jungen
+Sternes, erzählen die großen Weltfahrer der Vergangenheit seltsame Dinge.
+
+Früher erblickten die Sklaven des Palalu von Ohobdiro niemals die Sonne.
+Dann aber kam Jesus der Zweite, Schmernerenx, den ihre Jambenkönige in
+vielen heiligen Liedern als Erlöser namhaft machen. Infolge seines
+ergreifenden Gesanges wurden die den Bergwerken Verfallenen immer beim
+Erscheinen eines Schweifsterns, mit den trefflichsten Ketten gefesselt, an
+die Oberwelt geführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt. Die Herren
+gewährten dies, auf daß die Arbeiter nicht das Gesicht verloren wie gewisse
+Fische in den Tiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für die
+Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre Sprechwerkzeuge dabei nicht zu
+herzzerreißenden Klagen mißbrauchten, wurde ihnen vorher die Zunge
+schmerzlos entfernt. Kam nun der Komet seines Weges, so riefen alle Freien
+»Heil«, entblößten das Haupt zum Zeichen ihrer Verehrung für den seltenen
+Gast, und sprachen fromm die anläßlich des Aufblitzens eines Haarsterns
+vorgeschriebenen Gebete. Einen Augenblick auch wurden die fahlen Gesichter
+der stummen Sklaven der schmerzenden Helle überlassen, sodann jeder wieder
+seinem Schachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt.
+
+Ein einziger Heiland kann ja auch gar nicht die Kraft haben, die moralische
+Zusammensetzung der Geschöpfe dauernd zu wandeln, er vermag auf diese
+chemischen Elemente höchstens färbend, kalmierend einzuwirken. Anhaltenden
+Erfolg dürfte aber erst die lange Reihe, das Ineinandergreifen von
+zwanzigtausend erstklassigen Erlösern erzielen.
+
+Den letzten Berichten nach scheinen mittlerweile wieder einige in Messiasse
+verwunschene Söhne des Sonnenfürsten zu längerem Aufenthalt auf Morbihan
+eingetroffen zu sein. Ein gewisser Fortschritt, vielleicht dem
+Entwicklungsdogma entsprechend, läßt sich jedenfalls nicht ableugnen: den
+Knechten der Bergwerke wurde zu Zuchtzwecken Oberweltsurlaub bewilligt.
+Diese Neuerung verdankten sie einer Reform der
+theologisch-wissenschaftlichen Anschauungen. Man sah in der herrlichen
+Annäherung eines Kometen an einen Wandelstern Werbung. Wer auf eine
+Staatsanstellung Anspruch erhob, mußte in dem stets entfalteten Pfauenrad
+und Feuerschweif des Irrlichtes -- dieses wie bei zahlreichen anderen
+Kreaturen bedeutend kleineren Männchens -- einen Balzakt, eine Exhibition
+erblicken. Jeden Gedanken an prahlerische Mimikry außer acht lassend,
+glaubte man, alle diese Scheingestirne seien Zuchtsterne,
+Befruchtungssterne, von irgendeiner Macht an einem der himmlischen Harems,
+an den Planetenweibchen eines Sonnendistriktes entlang geschleudert.
+
+Nun untersagte aber ein Religionsparagraph den Leuten von Morbihan, die
+Begattungskrämpfe ihrer Eltern zu betrachten. Also verboten die
+Großpriester ihren Anhängern einen unzüchtigen Anblick: die Beobachtung des
+Liebesspiels ihres Muttersternes mit dem Kometen.
+
+Da es für ein böses Omen galt, der Geburt eines Mondes beizuwohnen, ferner
+den unschuldigen Spermatozoën des Feuerverzehrten Amanten schädliche
+Eigenschaften angesonnen wurden, und zwar: den Gasen und Dämpfen eine den
+Atemorganen unbekömmliche, dem befruchtenden Magma, wenn es an der
+Oberfläche des Sternes zu Meteoriten gefroren war, sogar eine zermalmende
+Wirkung -- erklärten sich die Machthaber bereit, die Arbeitstiere als
+Bazillenfänger zu verwenden, sie zwischen sich und die giftigen
+Ejakulationen zu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich ja stets
+vorsichtshalber, um nicht von der Geliebten verspeist zu werden, in
+respektvoller Distanz. War aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er
+notgedrungen, gesetzlich-galant der Morbihan den Hof machen -- nach den
+ebenso ehernen als lädierlichen Geschlechtsregeln des Sonnendistriktes R.
+Nahte endlich der schöne »Telecoitus«, so bedeckten die Gewaltigen ihre
+Augen, stiegen, diesmal frommverhüllten Hauptes, tief in die nun
+schützenden Berge hinab. Aufwärts die Helotenmaschinen.
+
+In jenen Tagen der Angst verrichteten die Oligarchen unten in halb
+erheuchelter Demut das niedrige Handwerk der Leibeigenen. Der jähe Umsturz,
+der plötzliche Übergang von der Verehrung des Kometen zur Flucht vor dem
+Untier, dürfte allerdings schwerlich ohne blutige Religionskriege vor sich
+gegangen sein. War jedoch dieser Evolution wider alle Berechnung ein
+friedlicher Verlauf beschieden, so leitete die Regierenden dann wohl die
+Erwägung, eventuell, statt selbst sterben zu müssen, bloß die Hörigen
+fallen zu sehen. Außerdem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils, dem
+Gutachten eines weisen Schäfers entnommen. Er sprach: »Melancholie und
+Verstimmung -- unverbrauchte Überkraft. Jedes unbefruchtete Ei weint in dem
+Weib, jeder verhaltene Samen weint in dem Mann. Liebe ist entweder eine
+Autointoxikation durch überschüssiges Sperma oder eine Vergiftung durch die
+Sekrete und Gase, durch die Strahlen und Düfte anderer. Gleichwie nun die
+der Zeugung Beflissenen Eier und Samen der getöteten Tiere: unterworfener
+Stämme als zweckdienlichstes Futter verspeisen, könnten die erotischen
+Ausstrahlungen des wackeren Kometen eine vermehrte Geschlechtstätigkeit,
+eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Sklavenkaninchen
+hervorrufen!«
+
+So ereilten die Proletarier von Morbihan gefährliche Saturnalien. Während
+der ganzen Brunstzeit des Kometenviehs durften die Zuchttrotteln im Lichte
+weiden, sich an dem seltenen Spektakel ergötzen. Ob zu ihrem eigenen oder
+dem Verderben in so siderischer Luft geschaffener Kinder und Enkel --
+darüber fehlt nicht bloß in den Erzählungen der großen Weltfahrer der
+Vergangenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes jede Andeutung.
+
+
+
+
+Mammuthbaum
+
+
+In seinem Sputum hat man Kometen gefunden. Er starb an Lungensternen, jenen
+winzigen und scheinbar so harmlosen Mikroorganismen, die wir Planeten
+nennen. Was hatte diese gräßliche Erkrankung aufgerufen? Wahrhaftig, ich
+schäme mich es auszusprechen: Rassenhaß!
+
+Draußen spazieren die zarten Frühlingsdamen, ich kann ihnen nicht nahen.
+Unablässig sehen meine Augen jenes tragische Ereignis vor sich. Und so ist
+es mir beinahe lieb, daß von mehreren Seiten an mich appelliert wurde,
+einige »Details« der Öffentlichkeit preiszugeben. Da der Zweck ein
+löblicher, ja patriotischer ist, will ich, obgleich das Ansinnen fast eine
+Frechheit war, weil kein anderer den Fall auch nur mit den Fingern berühren
+mag, die Sache auf mich nehmen und in den Schlund springen . . .
+
+Reginald Mammuthbaum mußte endlich Rücksichten dem Vaterlande gegenüber
+platzgreifen lassen. Snob schon der Abstammung nach, wählte er das
+exklusivste Garde-Regiment. Früher war die Sache lebenslänglich und die
+Anführer dachten: »Was heute nicht geschieht, geschieht morgen«. Seitdem
+man aber diese detestable tausendjährige Dienstzeit eingeführt hat, eilt
+den Vorgesetzten die Ausbildung, und die Lage der Rekruten ist eine sehr
+prekäre. Gar die Mammuthbaums haben nichts Gutes.
+
+Nun, vorerst wurde das Usuelle gegen den Eindringling angewendet.
+Jahrzehntelang Gelenksübungen im Chaos, Kanonenschultern, Kniebeugen,
+Bauchwellen, Eilmärsche, man stelle sich vor: mitten im bittersten
+Universum!
+
+Das Terrain ist koupiert, gibt man einen Moment nicht acht, auf ja und nein
+hat man sich einen giftigen Stern eingetreten und wird ihn nie wieder los.
+Und die Gefühle! Riesenzecken sind nichts dagegen . . . Sterne aber, vor
+denen hatte Sidonie, Reginalds Mutter, großen Respekt. Sie sagte stets:
+»Kinder, wenn ihr die Welt aufeßt, immer hübsch die Sterne ausspucken!«
+
+Wie man weiß, gibt es viererlei Sorten von Sternen. Ihr Wohlgeschmack und
+Nährwert ist ihrer Größe gerade proportional. Erst das reifere Alter, und
+zwar nur der geschlechtlich quieszierten Exemplare verbürgt bei den
+Siderozoën die Genießbarkeit. Jugendliche oder gar infantile Individuen
+sind als unbekömmlich, unter Umständen sogar als giftig zu bezeichnen. Im
+übrigen ist ihr Wachstum wie das unsere an Nahrungsaufnahme gebunden, nur
+sind sie hierbei ganz auf schwächere, jüngere Artsgenossen beschränkt.
+Geselligkeitstrieb, was dasselbe wäre: Erotik, d. h. Hunger läßt Kometen
+größeren Kometen verfallen. Das größere Gewicht hemmt die Flüchtigkeit der
+neuentstandenen Organismen, die man Satelliten nennt, sie erliegen der
+anziehenden Kraft der Planeten und werden von ihnen schließlich
+einverleibt, All das nichts als Etappen der Sonnenbildung, Stationen auf
+dem Wege zum ausgewachsenen Fixsterne.
+
+Nur die Sonnen lassen sich leicht fangen, da sie nicht liebedurstig
+einherirren wie die jungen, sondern sexuell gesättigt und wiederkäuend
+ruhig an einem Ort verharren, bis die Luftfischer unseres Kaiserreiches
+Mirabilien kommen und nach ihnen sehen. Dann sprechen wir das Tischgebet
+und streichen uns die nahrhaften Körner wie Fischrogen aufs Brot . . . In
+geringer Quantität sind sie ganz unschädlich, in großen Mengen hingegen
+rufen sie Cholera hervor . . . Ich für meine Person vertrage ziemlich viel.
+Sterne, in Essig eingemacht, munden mir wenigstens bedeutend besser als
+Schwammerln. Die eßbaren Altersstufen selbstverständlich. Und auch die darf
+nur verzehren, wer einen heilen Mund besitzt. Sogar unzubereitet schmecken
+die kleinen, gustiösen Flammenbälle sehr pikant. Freilich: die Mitglieder
+des Tierschutzvereines schlagen Lärm, wenn man die armen Tierchen roh, bei
+lebendem Leib schnabuliert. Und die Vegetarier gar erblicken im
+Sternkonsum, in der Vereinigung mit niedrigstehenden Geschöpfen Sodomie
+. . . Aber -- Verzeihung dem Ausdruck -- wer wird sich noch um diese alten
+Weiber kümmern!
+
+Was unseren R. M. anlangt, so haben ihn derartige Anwürfe nie treffen
+können, seiner Mama ängstlich-nasale Laute: »Reggie! Paß auf, daß du keine
+Planetoiden schluckst!« hielten den Feigling ab, sich eine gewisse
+Fertigkeit im Sternschlucken anzueignen. Wahrscheinlich glaubte die würdige
+Dame, wie so manche Laien, diese Pfefferkugeln seien den Nieren
+unerwünscht. Vielleicht war auch in ihren famosen Speisegesetzen dieses
+Nahrungsmittel verboten und ein Rest von Antipathie zurückgeblieben. Ich
+weiß es nicht.
+
+Des schlappen Kerls reglementwidrige Furcht vor den Himmelsinfusorien wurde
+irgendwie notorisch. Und die Offiziere wollten einen derartigen
+Temperenzler nicht im Korps dulden. Niemand wird ihnen das weiter verübeln.
+Nur die Art und Weise, wie sie ihn abreagierten, war schon mehr als
+unkollegial. Man machte Reginald trunken.
+
+Unter dem Beistande des logischerweise gesinnungsverwandten Koches, der das
+fatale Nahrungsmittel schlecht passierte, im Zeichen eines symbolischen
+Termines, wurde von den Aufrechten Mirabiliens die übelriechend-zertretene
+Minderheit und Varietät in Mammuthbaum vernichtet. Ein krasser Fall von
+Soldatenmißhandlung!
+
+In der Ehrenstunde unseres Repräsentanten, der 5% Jehovaleute und 95%
+Andersgeartete zu vertreten hat, dessen Selbsterhaltungstrieb also mit
+einiger Notwendigkeit für die verschwindende Minorität weniger übrig haben
+muß als für die dominierende Masse seiner Stammesgefährten: am Geburtstag
+des Selbstherrschers machte man Reginald trunken.
+
+Im Urrausch fand er ein säuerliches Gelee, eine verhängnisvolle Sternsauce,
+sehr plausibel. Der Unglückliche litt an chronischem Rachenkatarrh. Die
+verschiedenen Sonnensysteme taten ihm nicht wohl und ein Satellit, ein
+verdammter kleiner Mond, blieb in der Kehle stecken. In dem törichten
+Bestreben, durch plötzlichen Schreck das Schlucken zu erleichtern, nannten
+die Offiziere den Namen der Speise.
+
+An wunden Stellen mochte es schon früher im Rachen nicht gefehlt haben,
+heftiges Würgen vergrößerte sie, und ließ die seltenen Gäste in die
+Blutbahnen eintreten, wo sie erfahrungsgemäß giftig wirken. Namentlich wenn
+Trunkenheit ihre Virulenz steigert.
+
+Zu spät holte man mich. Ich legte mein Ohr an Reginalds Thorax. Wenn
+Bazillen in unsereinen einmarschieren, singen sie zuerst ihre Volkshymne.
+Es ist ja ein Triumph für sie. Und auch diese hier produzierten sich im
+Mammuthbaum: bei ihren Atembewegungen und Umschwüngen summten die Sterne in
+ihm -- ihm und sich die Sterbegesänge.
+
+Die Krankheit dauerte relativ lang. Spät erst traten die Vorboten der
+Agonie auf: er erzählte Gleichnisse, einen Witz zwei- oder dreimal ein und
+demselben Zuhörer. In normalen Fällen pflegen wir ein Individuum, das so
+weit ist, zu erschießen, da es um erinnerungslos-greise Hirne nicht schad
+ist und wir Gesunden unter zu oft wiederholten Leitmotiven wimmern. Man muß
+es demnach als ein Zeichen von Schuldbewußtsein auffassen, daß man befahl,
+ihn über diese Grenze hinaus zu erhalten. Und die nach seinem Tode erfolgte
+Verfügung, laut der Gestirne von nun ab nur gegen ärztliche Anweisung
+verkauft werden dürfen, läßt sich ebenfalls nicht anders deuten.
+
+Ich ahne es tief: man wird, dieser scheinbaren Anklage wegen, mich, den in
+vielen Feldzügen dekorierten Stabschirurgen, mit Demokraten, Anarchisten
+oder gar Judäophilen in einen Topf werfen wollen. Das Gefühl der
+Pflichterfüllung wird mich über alle Anwürfe hinausheben.
+
+Es gibt nur zwei Wege. Entweder erläßt man wieder den Kultusgemeinden die
+Blutsteuer. Abgesehen von der erziehlichen Wirkung, welche die komische
+Körperhaltung der semitischen Soldaten auf die restliche Mannschaft ausübt,
+verliert man damit ein großes Quantum Kanonenfutter . . . Oder aber, und
+dazu möchte ich einraten: man verbiete den jüdischen Trilliardären, wenn
+sie schon adelshalber wohltätig sein wollen, das Gründen von Krankenhäusern
+für Konnationale. Man stelle nichtarischen Schriftstellern vorläufig den
+Betrieb ein. Man drohe Bibliotheksbenützern aus den Kreisen der Übelnasigen
+mit der Todesstrafe! Faßlicher zu sprechen: Siechenhäuser ins Leben rufen,
+heißt die Folgen bekämpfen, wo sich mit geringerem Aufwande die Ursache
+entfernen ließe: einfach durch Kreierung von Sportplätzen für die
+Patriarchenstämmlinge.
+
+Die Regierung wird anfänglich meinem Projekte mit Mißtrauen begegnen. Wenn
+die Zionisten des Universums die für sie charakteristischen Gesten und
+Körperlinien verlieren, muß das Ministerium befürchten, bei den Wahlen die
+Stimmen der Satiriker billiger Wirkungen, die Stimmen der Karikaturisten
+tiefstehender Rassen einzubüßen.
+
+Demgegenüber fällt ins Gewicht: es ist wahrscheinlich, daß wir zu groß
+sind, um von den Sternen oder gar schmarotzenden Bewohnern derselben
+gesehen und verstanden werden zu können. Dies darf uns aber nicht abhalten,
+dies entbindet uns nicht der Pflicht, uns vor diesen immerhin denkbaren
+Zuschauern anständig zu benehmen, unsere Tugenden exhibitionistisch vor
+ihnen zu entfalten und unsere Stellung als einzig-echte Bekenner wahrhaft
+humanen Christentums im Weltall von neuem zu kräftigen.
+
+Ich verbitte es mir, in meinem Exposé eine Beschuldigung erblicken zu
+wollen. Ich bin überzeugt, daß der größte Teil unseres Offizierskorps
+geschilderter Art der Mißhandlung jenes Freiwilligen innerlich ganz
+verständnislos gegenübersteht.
+
+Unterdrückte Klassen sind eben immer an sich lächerlich, und man steinigt,
+man reagiert auf diese Lächerlichkeiten absichtslos, rein instinktiv.
+Unerlaubt ist es bloß, unterdrückte Völker in einem Grade zu demütigen, der
+dem eigenen Land abträglich ist. Diese Möglichkeit liegt vor, deswegen
+erhebe ich meine Stimme.
+
+Mit den Gesetzen der Biologie nicht Vertraute werden behaupten, ich
+übertreibe. Das ist unwahr. Jedes Wesen weicht gern seinen Peinigern aus.
+Und so liegt gegenwärtig bei den diversen Mammuthbäumen ein den
+Rekrutierungen unbekömmlicher Wille zur Degeneration vor. Ihre Füße
+besitzen bereits keine Trittfläche mehr, nach der gewiß authentischen
+Klageschrift der Hutmachergenossenschaft weisen ihre Lockenköpfe sonst bloß
+bei Säuglingen statthafte Dimensionen auf. Sie wollen ihren Angreifern die
+ausgesucht kleinste Zielscheibe darbieten, sie verwehrlosen, verflüchtigen
+sich, sie schrumpfen ein, sie ducken sich unter das Militärmaß.
+
+
+
+
+
+
+
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+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NICHT DA NICHT DORT ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Nicht da nicht dort
+
+Author: Albert Ehrenstein
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+Release Date: July 26, 2011 [EBook #36862]
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+Produced by Jens Sadowski
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+<span style="font-size: smaller">Albert Ehrenstein</span><br />
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+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<span class="em">Kurt Wolff Verlag<br />
+Leipzig 1916</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<span style="letter-spacing:0.1em">
+Siebenundzwanzigster und achtund-<br />
+zwanzigster Band der Bücherei<br />
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+Copyright 1916 by Kurt Wolff Verlag · Leipzig<br />
+Gedruckt bei Poeschel &amp; Trepte · Leipzig
+</span>
+</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Das Martyrium Homers</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Liebe</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Der Knecht seines Schicksals</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Hildebrandslied</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Traum des 888. Nachtredakteurs</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Die alte Geschichte</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-8">Frühes Leid</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-9">Wodianer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-10">Tod eines Seebären</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-11">Ausflug</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-12">Vorbild</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-13">Mammuthbaum</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+<!-- page 005 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Das Martyrium Homers</h2><p>
+
+</p><p class="first">Ich protestiere feierlich gegen die unerhört kurzfristige
+Prophezeiung des genialen Dandy Ovid
+&raquo;Vivet Maeonides, Tenedos dum stabit et Ida, dum
+rapidas Simois in mare volvet aquas.&laquo; Als ob Homer
+diese lausigen, durch das nächstfällige Erdbeben gehandikapten
+Örtlichkeiten nicht um Äonen überleben
+würde!
+
+</p><p>Ich protestiere ferner gegen die tolle Verdrehung
+meines zynischen Freundes Lukian, Homer sei während
+des Trojanischen Krieges (1193-1184 v. Chr.)
+Dromedar in Baktrien gewesen. Wahr ist vielmehr
+das Trottelwort archaischer Pädagogen: &raquo;Sieben Städte
+stritten sich um die Ehre, Homer geboren zu haben:
+Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros,
+Athenai.&laquo;
+
+</p><p>Warum sich aber die diversen Stadtväter so hartnäckig
+stritten, erfährt die leichtgläubig betrogene Nachwelt
+allerdings erst durch diesen Film.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">1. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Homer dichtet die Ilias und die Odyssee; der alte
+Mann geht vor seinem Zelte, skandierend und die
+Leier schlagend, auf und nieder.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">2. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Landgut des Odysseus: Homer trägt seinem König
+einiges vor. Odysseus läßt dem Sänger durch Sklaven
+<!-- page 006 -->
+einen Becher Wein reichen und ein Ehrengeschenk
+übergeben: eine milchstrotzende Kuh. Homer dankt
+freudig für die wandelnde Gabe, läßt sie durch einen
+Sklaven heimführen, trinkt und erklärt stolz, weinbesessen,
+kein Wesen hätte die Gabe mehr verdient
+als er. Und auf eine Statue des Phoibos Apollon
+deutend, versichert er, selbst dieser Gott hätte nicht
+besser, höchstens ebensogut dichten können wie er.
+Denn Apollon sei nur ein Stämmling des amusischen
+Zeus, er aber habe die Dichtkunst geerbt, ihn hätten
+Sänger, Phemios mit Demodokos, gezeugt.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">3. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Auf dem Olymp, von den neun Musen umtanzt,
+hört Phoibos Apollon diese frevle Selbstanzeige des
+Dichters und stürmt durch den weißen Bergnebel nach
+Ithaka: über die Schultern den Bogen gelegt und den
+Köcher voll tosender Pfeile.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">4. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Drohende Gebärden. Es kommt zum Wettkampf.
+Odysseus soll zwischen den Dichtern Apollon und
+Homer entscheiden. Apoll greift nach der Leier Homers.
+(Was der junge Gott singt, zeigt das)
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">5. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Achilleus lehnt seinen leuchtenden Schild gegen die
+Mauer und versucht, mit seinem ungeheuren Eschenspeer
+anrennend, die Tore Trojas zu durchbrechen.
+Der Speer zersplittert. Der rasende Achill will die Tore
+mit seinen Händen aus den Angeln heben. Vergebens
+<!-- page 007 -->
+warnt, von der Mauer her dräuend, Apollon; der Pelide
+läßt nicht ab, und wie er des alten Troja mürbe
+Tore auf seine Simsonschultern lädt, benützt ein Pfeil
+des Gottes die Achillesferse. Griechen und Troer
+kämpfen in den bekannten malerischen Posen um den
+Leichnam Achills. Während der dicke Aias die kühnsten
+Troer tötet, trägt Odysseus, schwer bedrängt, den
+Leichnam hinab zu den Schiffen .&nbsp;.&nbsp;. Dankbar verleiht
+Achills Mutter Thetis dem Odysseus die Waffen des
+Achill.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">6. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Odysseus vernimmt diesen bestechenden Lobgesang
+mit Rührung, doch Homer bleibt unbewegt, sein Lied
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">7. Bild</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">schildert die Liebe Apolls zu Daphne. Wie der verliebte
+Gott die sich über einer Quelle kämmende
+Nymphe beschleicht, belauscht, waldein, waldaus verfolgt
+&mdash; die fast Erhaschte im letzten Augenblick zu
+ihrer Mutter, der Erde, bittend die Hände erhebt und
+abwärts neigt, und von ihr in dürren Strauch verwandelt
+wird. So daß der Gott statt des süßen Mädchens
+den bitteren Lorbeer (daphne laurus) umfängt.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">8. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Als Homer geendet, wird in Apollon der Schmerz
+um die geliebte Daphne neu, er verhüllt sein Haupt,
+gleichgültig gibt der weinende Gott zu, daß ihn Odysseus
+für besiegt erklärt, drückt mitleidsvoll die Hand
+Homers, fährt ihm bedauernd über Augen, Wangen
+und Schultern, und erklärt, da er besiegt sei, habe er
+<!-- page 008 -->
+nicht die Macht, von Homers Haupt das Schicksal
+eines Dichters abzuhalten.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">9. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Odysseus, ein Ruder auf den Schultern, verabschiedet
+sich von Homer. Poseidon, dem er den Sohn
+Polyphemos geblendet hatte, zu versöhnen, muß Odysseus
+eine Wallfahrt unternehmen, die so lange dauern
+soll, bis er ein Binnenvolk erreicht, das sein Ruder
+für eine Schaufel hält. Odysseus empfiehlt den Dichter
+der Fürsorge Telemachs und Penelopes.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">10. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Aber Telemach ist immer auf der Wildziegenjagd.
+Und Penelope gibt dem Dichter, da er sich im Hauswesen
+nicht sehr nützlich macht (ihrer schwersten, blaumaschigen,
+zahmen Lieblingsstopfgans einen Fuß zertritt),
+stets kleinere Portionen, bis er endlich schweren
+Herzens, halb und halb gedrängt durch einen Konkurrenten,
+den Hausbettler Iros, den Entschluß faßt,
+den Palast zu verlassen. Penelope schmiert ihm zwei
+Käsestullen, und Homer geht auf die Wanderschaft.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">11. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Da er in frühester Kindheit die Eltern verlor, und
+seine Vaterstadt, die ihn im Greisenalter zu ernähren
+hätte, nicht kennt, begibt er sich zunächst nach Reich-Asien.
+Phöniker, denen er dafür die von Odysseus
+geschenkte Kuh gibt, nehmen ihn mit auf ihrem Schiff.
+<!-- page 009 -->
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">Die acht Leidensstationen</h3><p>
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">12. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">1. <i>Smyrna</i>. Bevor der von langer Seefahrt und
+Entbehrungen geschwächte Dichter die Stadt betritt,
+färbt er sein ergrautes Haupthaar und den Bart.
+Singt auf den Plätzen ums liebe Brot. Aber das Volk
+verlacht ihn &mdash; die Haarfarbe war schlecht gewesen,
+hatte ihm grüne Haar- und Bartlocken geliefert. Erschöpft
+setzt sich der arme, von höhnenden Kindern
+verfolgte Bettelmusikant im Stadtpark von Smyrna auf
+eine Bank und schläft ein, an die niedrige Stadtmauer
+gelehnt. Nicht gerührt durch die Tafel &raquo;Diese Anlagen
+sind dem Schutze des Publikums empfohlen&laquo;
+langt ein Kamel über die Mauer und frißt, durch die
+grüne Farbe verlockt, Homers Schädel rattenkahl. Seitdem
+trägt er eine Perücke.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">13. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">2. <i>Kolophon</i>. Infolge zu starken Kolophoniumgebrauchs
+und unausgesetzten Harfenschlagens beginnen
+Homers Finger zu eitern. Er fürchtet, die Hand werde
+ihm abfaulen, sehnt sich nach Ruhe, Pflege. Geht halb
+verzweifelt, halb sehnsüchtig einem schönen Weibe nach
+in den Tempel des Apollon Kourotrophos. Beugt sich
+und fleht den Gott an, das Weib möge wilde Liebesnächte
+und frische Jünglinge verschmähen und sich seiner
+erbarmen. Aber sie neigt sich einem Tempeldiener, und
+Homer bleibt nichts anderes übrig, als auch weiterhin
+die Ilias sowie die Odyssee zu verfassen.
+<!-- page 010 -->
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">14. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">3. <i>Rhodos</i>. Enttäuscht verläßt Homer Asien. Auf
+Rhodos wird ihm anfangs guter Empfang bereitet.
+Aber dann wird er in die Königsburg geführt und,
+auf einen sanft verblödenden Greis deutend, versichert
+man ihm, dies sei der Heraklide Tlepolemos, den er
+in der Ilias von Sarpedons Hand habe fallen lassen.
+Hierauf erklärt ein Sohn des idiotischen Greises, ein
+Tlepolemiker, wütend, Homer habe einen Schlüsselroman
+geschrieben, und dem Dichter wird der fernerweitige
+Aufenthalt auf der Insel behördlich untersagt.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">15. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">4. <i>Chios</i>. Der gute Wein dieser Insel hebt wieder
+Homers Stimmung. Er singt seine Lieder vor sich hin.
+Da nähert sich dem Vertrauensseligen ein Jüngling semitischen
+Aussehens: Phron. Bittet den Homer, ihm
+noch einiges vorzudeklamieren. Der Dichter tut es.
+Phron lobt ihn, bietet ihm an, selbst auch Homers
+Gesänge vorzutragen, und zwar allenthalben. Aber
+Homers Name sei noch jung und unbekannt, an Propaganda
+werde zwar alles Erdenkliche geschehen, doch
+dergleichen sei sehr kostspielig, kurz er nast ihm als
+&raquo;Entschädigung und Kostenbeitrag&laquo; den pramnischen
+Käse ab, den ein Bauer dem Dichter geschenkt, mäkelt
+dann noch an dem Käse und verschwindet auf Nimmerwiedersehn.
+Phron war &mdash; der erste Verleger.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">16. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">5. <i>Skyros</i>. Die Skyrioten feiern die Hochzeit des
+Peliden Neoptolemos mit Helenas und Menelaus&rsquo;
+<!-- page 011 -->
+Tochter Hermione. Der Sänger Achills wird vom nichtbesungenen,
+trunkenen Pyrrhus mit Hunden fortgehetzt.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">17. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">6. <i>Salamis</i>. Homer kommt hier gerade zurecht, um
+einer zu Ehren des dicken Alias und des HEILIGEN
+Teukros abgehaltenen Prozession als Zuschauer beiwohnen
+zu können. Da der Kurzsichtige vor den
+Priestern die Perücke nicht abnimmt, wird er unter
+Pöbelgeheul von der Insel verjagt.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">18. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">7. <i>Athen</i>. Als Homer vom Prytaneion ausgespeist
+zu werden verlangt, beantragt Platon, der Sohn des
+Kassner, den Rhapsoden, da der in seinen übrigens
+hypermodernen Gesängen Athen zu wenig genannt
+und auch sonst zu sehr der Unzucht gefrönt, unsittliche
+Vereinigungen des Zeus mit der Hera, des Ares
+mit der Aphrodite geschildert habe, durch das Scherbengericht
+aus Athen zu verbannen. Geschieht.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">19. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">8. <i>Jos</i>. Halb erblindet und auf Vieren wankend, hier
+und da von mitleidigen Schiffern aufgenommen, irrt
+Homer von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel. Keine
+Bürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wieder
+als lästiger Ausländer abgeschoben, die Stadtväter jeglicher
+Gemeinde verwahren sich energisch dagegen, daß
+dieser krüppelhafte Kerl ihrer Polis entsprossen sei.
+Am Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus.
+Fischerknaben, leere Netze auf den Schultern, steigen
+<!-- page 012 -->
+aus Booten und necken ihn. Geben ihm ein Rätsel
+auf: &raquo;Was wir gefangen haben, ließen wir zurück.
+Was wir nicht gefangen haben, tragen wir bei uns.&laquo;
+Homer sinnt verzweifelt, kann die Lösung nicht finden.
+Ein Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des Phron, klärt
+ihn auf; da sie keine Fische zu fangen vermocht, hätten
+sie sich am Strande die Läuse gesucht, die Gefangenen
+getötet, die Nichtgefangenen unfreiwillig nach Hause
+mitgenommen .&nbsp;.&nbsp;. Die Lausbuben ziehen ab. Homer
+schüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auch
+geistig gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestrauchelt
+zu sein, stürzt er sich von den Klippen ins Meer.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">20. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Das arme Grab Homers auf Jos, Inschrift: &raquo;Hier
+deckt die Erde das heilige Haupt Homers, der in
+seinen Liedern die Helden sang.&laquo;
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">21. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor Methusalem
+Leichenstil, der, um schneller zu avancieren,
+sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen Schilds
+auf den Bauch tätowieren ließ.
+
+</p>
+<h3 class="subchapter">22. Bild.</h3><p>
+
+</p><p class="firstwo">Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Neben
+dem Katheder steht, Phron und dessen das Rätsel erklärendem
+Sohne sehr ähnlich sehend, der Primus Eugen
+Pelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten sich um die
+Ehre, Homer geboren zu haben: &raquo;Smyrna, Rhodos,
+Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.&laquo;
+<!-- page 013 -->
+
+</p><p>Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wogen
+daher treibt ein Leichnam: Homer. Wie der Blick seiner
+toten Augen auf Pelideles fällt, beginnen seine Wunden
+zu bluten .&nbsp;.&nbsp;. und über alles und alle stürzt das
+Wasser der Zeit.
+<!-- page 014 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der Fluch des Magiers Anateiresiotidas</h2><p>
+
+</p><p class="first">In einer alten Handschrift, an hundert Jahre vergilbter
+als die Stormschen zu sein pflegen, habe ich
+folgende wahre Geschichte gefunden, welche uneben und
+ruppig erzählt zu haben meine einzige Hoffnung ist,
+wenn nicht der Trost meines Greisenalters.
+
+</p><p>Es war einmal eine Königstochter, Jezaide geheißen,
+aus dem uralten Geschlecht der Sirvermor. Über ihre
+Familie war, wie sonst nur in Märchen gebräuchlich,
+ein enormer Fluch verhängt. O geiziger König Zizipê
+der Siebenundsiebenzigste, warum hast du, als einst
+zur Taufe deines Erstgeborenen dreizehn glückwünschende
+Zauberer erschienen waren, und der Hofjuwelier,
+eingedenk trauriger Erfahrungen und Abzüge,
+erklärte, die goldenen Stiefelzieher nur mehr dutzendweise
+abgeben zu können, warum hast du damals die
+verhängnisvollen Worte gesprochen: &raquo;Ach was, der eine
+wird sich halt so gefretten!&laquo;
+
+</p><p>Ja, er begnügte sich diesmal mit einem silbernen
+Stiefelknecht, der große Magier Anateiresiotidas, ingrimmig
+zwar, und so gewaltige Sprüche in seinen
+Bart brummend, daß der vor Schreck jeden Moment
+die Farbe wechselte. Mit einem violetten Bart erschien
+er bei der königlichen Tarockpartie, zu der er geladen
+war, und alle anderen Zauberer wußten, wieviel es
+geschlagen hatte. Nur der König bemerkte die Anzeichen
+<!-- page 015 -->
+fürchterlich aufziehenden Gewitters nicht, derart
+war er mit der Mondjagd beschäftigt. Er bot ihm in der
+Hitze des Gefechts weder die Teilnahme, noch einen Stuhl
+an, vielleicht um sich durch solche Höflichkeit nicht noch
+einen Hexenmeister zum Feinde zu machen. Und so mußte
+Anateiresiotidas kiebitzen, stehend kiebitzen. Auch dies
+hätte der Zauberer vielleicht noch ruhig hingenommen,
+aber ihm offerierte Zigarren trugen zwar die Leibbinden
+importiertester Havanna, waren jedoch mörderische
+Schusterkuba. Diesmal hatte wiederum Hoftrafikant
+Motschker die Upman nicht in minimalen Quantitäten
+zum Engrospreise liefern wollen und der königliche
+Geizhals daraus alberne Konsequenzen gezogen. Nur
+daß ein anständiger Hexenmeister in punkto Zigarren
+keinen Spaß versteht. Mit einem Griff hatte der Beleidigte
+seine Sprechwerkzeuge auf den Tisch gelegt
+und sich entfernt. Kein besserer Zauberer hat so viel
+Zeit und Geduld, seine eigenen Reden anzuhören. Und
+jetzt kam der Fluch: &raquo;Von nun an werden alle Kinder
+aus dem Hause Sirvermor, je nach dem Geschlecht,
+mit dem Ding oder Wesen, das ihrem Vater oder
+ihrer Mutter am liebsten ist, zur Welt kommen. Bis
+einst ein Jurist erscheint, dessen Namen dieselben Buchstaben
+wie &raquo;Sirvermor&laquo; besitzt, und nicht genug daran:
+ohne das geringste Plagiat ein Buch über Rechtsphilosophie
+schreibt!&laquo;
+
+</p><p>&raquo;Wer gibt?&laquo; fragte guter Laune der König, dessen
+geheimen Gram es längst gebildet hatte, daß justament
+auf seinem Stamm kein vornehmer Erbfluch lag. Und
+<!-- page 016 -->
+ehe noch die Sprechwerkzeuge des Anateiresiotidas aus
+dem Spielzimmer ihrem Inhaber nachgeflogen waren,
+gab es bereits einen Solovalarpagatultimo, wie er in
+solcher Schönheit ohnstreitig noch nie dagewesen. Das
+aber hatten die anderen Zauberer getan, um den König
+zu trösten.
+
+</p><p>Denn eines Trostes bedurfte Haus Sirvermor. Da
+doch gemeinhin die Männer sich und die Frauen am
+liebsten haben und umgekehrt &mdash; wenn wenigstens,
+jenem Fluche nach, Gebärmänner: Hermaphroditen
+zur Welt gekommen wären! Die Dynastie hätte zwar
+zum längsten bestanden, aber Skandal, durch Jahrhunderte
+fortgesetzter Skandal wäre vermieden worden.
+Nein, deutlich getrennt von dem jeweiligen Kinde: für
+sich bestehend stieg das dem Vater oder der Mutter
+geliebteste Ding oder Wesen ans Tageslicht.
+
+</p><p>Wo soll ich anfangen, wo soll ich enden! Mit dir,
+Dolgoruki, dem sein Weib außer einem Nachfolger
+eine ewig volle Kognakflasche gebar? Solches wäre lustig
+anzuhören, aber wem geraten nicht unwillkürlich die
+Tränen in die Augen, wenn er von dir vernimmt, Seeheld
+Aquavit? Wohl wurde dir deinem Wunsch gemäß
+ein Überdreadnought geschenkt, aber starb nicht
+dein Weib daran, ohne daß ein anderes sich hätte
+finden lassen, todesverachtend genug, bald oder später
+ein ähnliches Ende nehmen zu wollen? Starbst nicht
+bald hernach du selbst infolgedessen räudig an den
+Leibschneiden und Weltschmerzen der Langenweile,
+bloß weil keiner deiner ungeschickten Ingenieure imstande
+<!-- page 017 -->
+war, Weibautomaten zu fabrizieren?! Allerdings
+gelang bald nachher deinem Leiberfinder Heureka die
+Herstellung jenes Instruments, dem wir alle unser
+Leben verdanken, die Herstellung des Fernzeugers.
+Doch waren damit die Leiden dieser Tantaliden abgeschlossen?
+
+</p><p>Panjimama, unter dessen glorreicher Regierung Apabauru
+und Tenteriki an Sirvermor kamen, geriet eben
+wegen dieser für den Ackerbau seines Landes äußerst
+wichtigen Guanoplätze in Streit mit dem Oberkaiser
+Adikran von Alazir und den Zentralkönigen von
+Lygien. Als gar zu dieser an sich übermächtigen Liga
+Araumenes der Große von Paphlagonien seine sieggewohnten
+Truppen stoßen ließ, und die Kunde schrecklicher
+Gefahren in Sirvermor sich wie Posaunenschall
+und Tubaklang ergoß, was konnte da der verzweifelte
+Landesvater anderes tun, als sein Weib eines mit den
+erforderlichen Kanonen und Vorräten ausgerüsteten
+Heeres von soviel Millionen Mann genesen zu lassen,
+daß sogar Rabelais darüber sein weißes Haupt schüttelte
+und den heiratsfähigen Königstöchtern der Erde den
+Rat gab, bevor sie sich mit Prinzen von Sirvermor in
+Verbindungen einließen, den Herren einen Eid abzunehmen,
+laut dem diese in Zukunft von derart gattinnenmörderischen
+Liebhabereien abzusehen hätten. Und als
+einem Herrscher, der, wie es scheint, sich selbst am
+meisten liebte, die Gemahlin einen Doppelgänger getragen
+hatte, worauf bemeldeter Monarch elendiglich
+in Wahnsinn verfiel, unwissend, wen er am meisten
+<!-- page 018 -->
+liebe und welcher der beiden eigentlich er sei; ein
+andermal ein in sich verzücktes Liebespaar ein Doppelgänger-Liebespaar
+hervorrief was unendlichen Jammer
+und blutige Bürgerkriege erregte &mdash; da, von Grauen
+überwältigt, bildeten die Fürstinnen den ihnen anempfohlenen
+Trust. Das wird ihnen niemand verargen!
+Man rufe sich&rsquo;s ins Gedächtnis zurück, daß neben dem
+jeweils Regierenden in Sirvermor noch eine Menge
+Prinzen existiert! Und wie rasch zarte Prinzessinnen
+müde werden, Ballettratten, Vollblutrennpferde, Küchenchefs,
+Äbtissinnen und Jagdhunde in die Welt zu setzen,
+das läßt sich denken. Waren nun zwar die Prinzessinnen
+vor einem durch die Neigungen ihrer Gesponsen
+bewirkten frühen Tode sicher, so hatten nach dem Vertrag
+ihre Gebietiger den Leidenskelch bis zur Neige
+zu leeren. Wenn dies nicht früher der Fall gewesen
+war, lag das daran: die Gemahlinnen derer von Sirvermor
+blieben den Männern merkwürdigerweise immer
+genau eine Sothisperiode lang treu, dann waren sie
+wieder untreu. Und der gesetzmäßige Umschwung
+trat zufällig erst jetzt ein, somit das von einem hochweisen
+und vorsichtigen Rate erlassene Verbot, betreffend
+Ehen zwischen den Operntänzerinnen männlicherseits
+und etwa zu erwartenden Stierkämpfern weiblicherseits:
+dieses sogleich nach dem Fluche angeschlagene
+Verbot fand dergestalt niemals Gelegenheit, in Kraft
+und Wirkung zu treten.
+
+</p><p>Vorerst machte sich keine Veränderung bemerkbar.
+Auf dem Throne saß gerade Frau Ordilschnut &mdash; die Urgroßmutter
+<!-- page 019 -->
+Jezaidens und Schwester der berühmteren
+Ordilgund von Undulur &mdash; ein Mägdlein annoch, so
+unschuldig, daß sie außer einem Töchterlein namens
+Bamalip nur einer Puppe das Leben schenkte, worüber
+sich der ganze Hof vor Lachen fast ausschütten wollte.
+Das zweite Mal &mdash; ich will nicht lügen &mdash; kam sie mit
+einem Mops und Zwillingen nieder, die jenem Töchterchen
+Bamalip aus der Maßen ähnlich sahen. Man
+nannte sie daher auch Barbara und Fresapo, und alle
+drei spielten, wie man weiß, in der sirvermorschen Geschichte
+nachmalen eine außerordentliche Rolle. Ihr Gatte
+war ein in der Räucherkammer der Zeit früh grau und
+faltig gewordener Herr in den kalten Vierzigern, den
+sie nicht lieben konnte und der durchaus und eigensinnig
+noch selbst etwas für die Thronfolge tun wollte.
+Als er die junge Königin in Armen hielt, klammerte
+sich die Bedauernswerte, schaudernd wie vor dem Tode,
+in der Angst an das wenige Liebe, das sie besaß, an
+ihr Töchterchen Bamalip und etwa noch an einen kleinen
+Mops, der sie in ihrer Einsamkeit zerstreut hatte. Als
+Aspramont die Zeichen der Kälte seiner Lebensgefährtin
+sah, die Kinder, deren Mutter sozusagen auch Bamalip
+war, schlug er ob dieser Blutschande die Hände
+über dem Kopf zusammen, ja, er hätte Ordilschnut
+verstoßen, wenn nicht letzte Überlegung für sie gesprochen
+hätte, die doch noch ein Kind war. Und so zog
+er denn in den Krieg wider die Orilanen, Menschen,
+denen der Bart auf der Nase entkeimt, und die sehr
+sonderbare Speisegesetze haben &mdash; gebratene Eidechsen
+<!-- page 020 -->
+essen sie unter keinen Umständen, Sauerkraut mit
+Leberwurst hingegen ist ihnen erwünscht.
+
+</p><p>Nach der über diese Leute verhängten Züchtigung,
+auf dem Rückwege geriet Aspramont &mdash; wenn die
+sirvermorischen Annalen nicht trügen &mdash; mit den Sultanen
+von Marabu und Talili in einen Kampf um
+die Weltherrschaft, und die Heimkehr verzögerte sich
+dadurch. Inmitten des gewaltigen Schlachtenlärmes
+hatte man es wenig beachtet, daß die Königin glücklich
+von einem Eunuchen entbunden wurde. Dies hätte
+eine Warnung sein sollen, war es aber nicht. Ordilschnut
+ergab sich einem ungezügelten Lebenswandel:
+eine Liebelei mit dem Prinzen Karfiol von der Mondscheinküste
+blieb nicht die einzige, die Leute vom
+Hofstaat wagten keine Vorstellungen, die Königin
+als die Höherstehende betrachtend, weil nicht sie durch
+einen Eid zur Entsagung verurteilt war, sondern der Gatte.
+
+</p><p>Die kurze Pause eines mittlerweile eingetretenen
+Waffenstillstandes benützend, um an das abermalige
+erfreuliche Wochenbett der geliebten Gemahlin zu eilen,
+welche Überraschungen wurden da dem guten, alten
+Aspramont zuteil! Reitknechte, Tenore, Schwergewichtsathleten,
+Chauffeure, französische Sprachlehrer! Und
+so oft der besorgte Gatte: &raquo;Halt ein&laquo; oder strenger:
+&raquo;Jetzt aber Schluß&laquo; rufen wollte, kam noch irgendein
+Kaminfeger, Leutnant, Fleischhacker oder Kammerdiener
+zum Vorschein, bis Aspramont die Hand, die
+schwertesschwere, wider die Pflichtvergessene erhob und
+zustieß. Fiel aber dann selbst im Duell mit dem Leutnant.
+<!-- page 021 -->
+
+</p><p>Es wird niemanden wundernehmen, wenn, durch
+so entsetzliche Ereignisse im höchsten Grade beunruhigt,
+geradezu außer Atem infolge wiederholt eintretender
+ähnlicher Vorfälle, die immerhin nicht so
+drastisch, weil sie auf die Hervorbringung eines einzelnen
+Jünglings beschränkt blieben, doch keinerdings
+ohne einige Mitwirkung höchstgeborener Prinzessinnen
+von statten gingen, ich sage, es wird niemanden wundernehmen,
+wenn eine löbliche Priesterschaft von Sirvermor
+sich da ins Mittel zu legen beschloß. Waren
+doch an diesen Begebenheiten Weltgesetze zuschanden
+geworden, vor allem jenes eine, gefaßt in das weiseste
+Wahrwort, welches je über die Lippen eines Lateiners
+kam: Pater semper incertus.
+
+</p><p>Außerdem waren die Privilegien der Gottesdiener
+durch Attachés und Ausländer lädiert worden, deren,
+mangels Einheimischer, Ordilschnut sich zur Befriedigung
+ihrer Lüste bedient hatte. Sirvermor nämlich gehört
+zu den Ländern, wo, den Satzungen der Religion
+entsprechend &mdash; die Prinzen des königlichen Hauses
+ausgenommen &mdash; die Epheben sich kastrieren, und die
+Fortpflanzung auf eine wunderbare Weise durch die
+Priester der Göttin Kibla bewerkstelligt wird.
+
+</p><p>Begünstigt ward das Vorhaben der Geschädigten, in
+ihren heiligsten Rechten Geschädigten, durch die übereinstimmenden
+Erklärungen der Mohnkipfelbeschwörer.
+Es nahe die Zeit, da das allerhöchste Herrscherhaus
+von dem Fluche befreit sein werde &mdash; dies gaben sie
+vor, in den Sternen und Wurstabschnitzeln gelesen zu
+<!-- page 022 -->
+haben. Wie jedoch den Prinzessinnen kälteres Blut beibringen,
+ein Gefühlsniveau, das den ans beste Mannsfutter
+gewöhnten Damen sogar Juristen annehmbar erscheinen
+ließ?
+
+</p><p>Auf die erste Nachricht von so entsetzlicher Zumutung
+ging wie ein verhaltener Wutschrei ein gewaltiges
+Rauschen des Zornes durch die Kleider der
+Betroffenen, ja, sie hätten mit einem Fächerschlag
+der Entrüstung ihre Zimmer verlassen, wenn nur jemand
+darinnen gewesen wäre. Ihnen Juristen antragen,
+Leute, deren kühn in die Brillen geschwungene Schnurrbärte
+keineswegs für ihre vernehmlichen Glatzen entschädigen
+konnten, helltönende Glatzen, die sich nicht
+einmal durch das berühmte Haarwuchsmittel &raquo;Kapitol&laquo;
+aufforsten ließen! Alles bäumte sich in ihnen. Juristen!
+Welcher feinere Prinz studiert Jus, und wenn, wo
+steht es geschrieben, daß so ein Ausnahmsprinz eines
+ohne Plagiat durchgeführten rechtsphilosophischen Aufsatzes
+fähig ist? Juristen heiraten! Menschen, die um
+der schnöden Leibesnotdurft willen jahrzehntelang
+Schweißgeruch sammeln, denen man&rsquo;s ewig anriecht,
+daß sie einst oft ein Paar Frankfurter mit Krenn
+für ein opulentes Mittagsmahl gelten ließen .&nbsp;.&nbsp;. Die
+Prinzessinnen fielen in Ohnmacht. Jede in ihrem Zimmer.
+Als sie wieder zu sich kamen, war ihr Wille gebrochen.
+.&nbsp;. Zehn Roßhähne wurden den Göttern der
+Unterwelt geopfert, dann faßte der Erzaugur den Beschluß,
+die Liebesneigungen der weiblichen Angehörigen
+des Königshauses durch Hypnose abzutöten. Und so
+<!-- page 023 -->
+geschah es, nachdem erst das Zustimmungstelegramm
+vom Delphischen Orakel eingetroffen war. Wohl gab
+es noch geraume Zeit harmlose Rückfälle, den Schwimmhäuten
+mancher Menschen vergleichbare atavistische
+Hervorbringungen von unschuldigem Spielzeug verschollener
+Generationen, als: Tennisrackets, Diabolos,
+Trompeten, Automobilbrillen. Doch schwanden diese
+Rückbildungen mit den Jahren, und jeder Wackere
+hätte Gift darauf nehmen können, daß die Prinzessinnen
+dieser Familie ebensowenig Liebe oder tiefere
+Neigungen empfanden, wie die irgendeines anderen
+Hauses. Alle Welt schickte nun die Kinder ins Gymnasium.
+Denn war früher eine Königstochter vom
+Drachen zu befreien, Tapferkeit und weitvorblickende
+Klugheit, ein andermal für derartige Erwerbung
+rätsellösend-einfältige Schlauheit vonnöten gewesen, dem
+an unsere Epoche heranreichenden aufgeklärten Zeitalter
+war es entschieden gemäßer, die Hand einer Fürstin an die
+durch den Besitz eines eigentümlichen Namens verschärfte
+Abfassung rechtsphilosophischen Essays zu knüpfen.
+
+</p><p>Welch ein Wetteifer unter den Juristen sowohl des
+Königreiches Sirvermor als auch der anderen Länder!
+Sogar der arme Herrscher von Suminoye, dem sein
+Herzogtum abgebrannt war, ließ seine Söhne Jus studieren,
+bis sie schwarz wurden. Bald jedoch schwoll
+der Fleiß ab: die Ämter hatten alle Bittschriften um
+Namensänderung abschlägig beschieden und auch die
+mannigfaltigen Versuche, durch Beifügung des mütterlichen
+Namens oder durch Adoption zum Ziel zu
+<!-- page 024 -->
+gelangen, sie waren, nachdem eine Saison lang Leute
+namens Sir oder Sirver hoch im Preise gestanden, durch
+Edikte vereitelt worden, deren genauen Wortlaut jedermann
+kennen lernen kann, wofern er sich nur in einer
+Bibliothek die betreffenden Nummern des sirvermorizer
+Amtsblattes verschafft. Nicht ein Weichherziger
+wie ich, ein anderer möge den Jammer der enttäuschten
+Eltern beschreiben, die vergebens ihre Sprößlinge
+auf die Prinzessin hatten studieren lassen. Was mich
+anbelangt, so muß ich hier innehalten und einige ihrem
+gerechten Kummer geweihte Zähren weinen .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Andererseits gingen entartete Untertanen in ihrem
+Groll zu weit; sie waren es, die zuerst Realschulen erfanden
+und gründeten, um möglichst viele Jünglinge
+der dynastie-erlösenden Beschäftigung mit den Rechtswissenschaften
+abspenstig zu machen. So groß ist die
+Schlechtigkeit der Menschen!
+
+</p><p>Von da ab redete man nur wenig von unserer Angelegenheit;
+Artikel höchstens in den Familienblättern,
+königstreuer Mathematiker Berechnungen über die Wahrscheinlichkeit
+einer völligen Aufhebung des Fluches,
+erinnerten die Bürger ab und zu an jene unliebsamen
+Ereignisse. Und damit wären wir bis zu jener Zeit
+emporgeschritten, in der die eigentliche &raquo;Geschichte&laquo;
+sich abspielt.
+
+</p><p>Erbprinzessin Jezaide Sirvermor lustwandelt im königlichen
+Garten. Ist doch der Frühling angekommen, auf
+seinen Schultern und Flügeln die Scharen der Singvögel
+tragend. Ja, sie singen im königlichen Garten
+<!-- page 025 -->
+die gewaltigen Nachtigallen, das heißt: mit allerhöchster
+Erlaubnis und soweit sie keinen Schnupfen haben.
+Aber nicht der Nachtigallen Gesange oder Nichtgesange
+lauscht ihre königliche Hoheit, Falte auf Falte
+schneidet sich in ihre Alabasterstirn, siehe: wie in
+tiefem Sinnen hebt sie eine Hand empor, mit dem
+Rücken nach oben, und spricht zu ihrer Obersthofmeisterin:
+&raquo;Mir scheint, es will regnen.&laquo; Und in der
+Haltung wollen wir sie verlassen.
+
+</p><p>Um diese Zeit lebte in der Stadt Vienna ein edler Jüngling
+namens Srimoverr, Baron Aeneas Srimoverr. Er
+brachte die üblichen Jahre in einem geistlichen Gymnasium
+zu und widmete sie, wie billig, einem zwiefachen Studium.
+Auf der Bank lagen vor seiner Nase ausgebreitet lateinische
+Klassiker, unter dem Pult aber entzückte seine Sinne
+die Lektüre klassischer Franzosen. Nachdem er seinen
+ebenso verschiedenartigen als eindringlichen Studien
+durch das protegierende Auftreten noch einiger Freiherren
+namens Srimoverr und eine sogenannte Schlußprüfung
+Grenzen gezogen hatte, beehrte er die juridische
+Fakultät mit seinem Besuch. Nicht so sehr, weil
+ihn die Süßigkeit der Wissenschaft anzog: nein, eine
+bildgeschmückte Heiratsannonce Jezaidens hatte ihn
+mit den Bedingungen vertraut gemacht, unter denen
+ein Königtum von den Dimensionen des Reiches Sirvermor
+zu erringen war. Und seine Liebe erlahmte
+nicht angesichts der Schrecklichkeit seiner Aufgabe.
+
+</p><p>Zwar: es ist richtig, wenn der berühmte lygische
+Geschichtsschreiber Moses Maria Archivstaub behauptet,
+<!-- page 026 -->
+Aeneas habe sich selbst hinlänglich für seinen bewundernswürdigen
+Fleiß belohnt. Er benützte nämlich nicht
+nur die reichhaltige Bibliothek seines Oheims, des Privatdozenten
+für Rechtsphilosophie, Bartholomäus Srimoverr,
+sondern auch dessen Gemahlin teilte von jeher
+mit demselben Eifer das Lager des jugendlichen
+Neffen, wie jene Annehmlichkeiten, die Stellung und
+Güter des gelehrten Gatten mit sich brachten. Dieser
+Umstand aber sollte Aeneens Verhängnis werden. Der
+Tag, da er mit dem vollendeten Werke sich zu seiner
+Tante begab, Abschied von ihr zu nehmen, der Tag
+ward sein Todestag. Tief, tief waren die beiden versunken,
+er in das Vorlesen seiner Schrift, sie in ein
+enthusiastisches Lauschen, und die Doppelschritte des
+nahenden Gatten wurden erst gehört, als es zu spät
+war. Kein zweckdienlicher Kasten im Zimmer, und
+schon schwang sich Aeneas, das kostbare Pergament in
+der Hand haltend, statt den Ehemann so ins Jenseits
+zu stürzen, in unbegreiflicher Verwechslung selbst auf
+das Fensterbrett und sprang zum letztenmal hinab in
+den Teich, dessen Wellen auch vor ihm bereits manchen
+Überraschten geborgen haben mochten. Ach, diesmal
+dürften die Mühen der Lektüre zu gewaltig gewesen
+sein. Des kühnen Tauchers Herz brach. Wild
+aufrauschten die Wasser, und indem er den Zwicker
+aufsetzte, sprach der Privatdozent die geflügelten Worte:
+&raquo;Traun! ich habe doch diesem Fischhändler gesagt, ich
+will nur echt Ibsensche Karauschen. Und was hat der
+geschickt? Sind das Ibsensche Karauschen? Mutwillige
+<!-- page 027 -->
+Fische, die sich hoch über Wasser schnellen. Die
+müssen von ganz wem andern sein! Was meinst du
+dazu, Rosa? Diesen Fall muß ich untersuchen. Magst
+mich begleiten?&laquo; Sprach&rsquo;s und befestigte an der Angel
+eine künstliche Fliege.
+
+</p><p>Ich würde gewiß nichts von dem Froschkönig erzählen,
+wenn es nicht für den Gang dieser Geschichte
+so unumgänglich nötig wäre. Er saß ganz harmlos im
+Teiche unter seinem Sonnenschirm &mdash; denn gerade, daß die
+Frösche keinen solchen brauchen, ist das Noble daran,
+und darum hatte der Froschkönig einen und memorierte
+unter ihm skandierend seine langweilige Thronrede:
+
+</p><p class="blockquote">
+&raquo;Wir Quakorax, König der Frösche, Blattläuse,
+Malariamücken und so weiter;
+kraft uralt angestammtem Recht beriefen
+höchstwir alle Vasallen, die, sei es
+zu Lande, sei&rsquo;s zu Wasser unser sind,
+auf diesen hohen Reichstag. Hört, hört! wir selbst
+und Ihre Majestät, die Königin
+Guaplasa, um sämtlichen Untertanen
+kund zu tun, wie sie zu ehren wir
+gedenken, keinem unsrer Völker nah
+zu treten, keinem unsrer Achtung mehr
+noch minder zu erweisen als dem andern:
+ja! auf einem halbüberschwemmten Hügel,
+mit einem trocknen, einem nassen Fuße,
+staatsrechtlich, nicht bloß so zu sagen! über
+dem Berg im übrigen auf astbefestigetem
+Schaukelthrone uns bewegend&laquo;
+
+<!-- page 028 -->
+
+</p><p class="noindent">&mdash; hier blieb der arme Quakorax, vielleicht schon zum
+zehnten Mal, über die jämmerlichen Versfüße stolpernd,
+stecken, diesmal, weil der Tote zu ihm glitt. Quakorax
+dankte den Göttern, daß sie ihm, falls als er bei der Thronrede
+wirklich ins Stottern geraten sollte, eine solche Entschuldigung
+vor Guaplasa darboten. Kein Zweifel: der
+junge Mann, gewiß ein Kollege, hatte den unerträglichen
+Leiden, die auch ihm eine Thronrede verursachte, durch
+Selbstmord ein Ende bereitet. Kaum daß Quakorax sich
+und den Ärmsten schicklich beweint hatte, machte er
+sich an den Genuß der vermeintlichen Thronrede, die
+dem Toten aus der klammen Hand zu winden, ihm
+vermittels eines Zaubers gelungen war, der so gewaltig
+ist, daß ich ihn hier nicht näher schildern kann.
+Durch seine Lektüre an den Rand der Verblödung
+gebracht, griff er, mit seinem Lose zufriedener, nach
+dem eigenen Manuskript. Da trieb vor seinen Augen
+eine verlockende Fliege auf und nieder. Nach hartem
+Kampfe mit der Pflicht beschloß er in seinem Herzen,
+die Fliege nicht zu verschmähen, schon um nicht die
+Götter zu beleidigen, die ihm den leckeren Bissen
+wohl zur Belohnung seines ausdauernden Fleißes gesendet
+hatten. Es empfiehlt sich, den Geboten der Unsterblichen
+mit beschleunigter Geschwindigkeit zu gehorchen,
+und so schoß denn auch der gute fromme
+Quakorax alsogleich, ohne etwas loszulassen, auf sein
+Opfer zu, verfing sich, ward ans Ufer geworfen und
+hauchte zappelnd seine Seele aus, welche geziemend
+zum Hades enteilte. &raquo;Froschschenkel sind auch gut,&laquo;
+<!-- page 029 -->
+meinte Bartholomäus, &raquo;die den Göttern gebührenden
+Eingeweide misse ich mit Vergnügen.&laquo; Dann bemerkte
+er, was er sonst erbeutet hatte, löste unverzüglich ein
+Billet nach Sirvermor und ein zweites, eine Umsteigkarte
+in die Zukunft. Denn in dieser geht der folgende
+Teil unserer Erzählung vor sich.
+
+</p><p>Während der Fahrt, indem sowohl der Privatdozent
+in ihm eine Beschäftigung verlangte, als auch die Sorgen
+des seligen Quakorax merkwürdigerweise auf ihn übergingen,
+begann Bartholomäus die Thronrede auswendig
+zu lernen, und selbst als er der hold errötenden Jezaide
+den &mdash; wenn auch unzureichenden &mdash; Sonnenschirm des
+Froschkönigs anbot, rezitierte der Zerstreute noch immer
+sein &raquo;Wir Quakorax, König der Frösche .&nbsp;.&nbsp;.&laquo; Diese Phrasen,
+für unverfälschte Wahrheit genommen, verfehlten
+nicht, einen guten Eindruck zu machen; zudem: daß
+Srimoverr die Erbin des Reiches so ziemlich vor den Unbilden
+der Witterung geschützt hatte, erschien den
+Priestern, die pflichtigst darüber die Lage der Sterne
+und Butterbrotpapiere beobachtet hatten, ein dem Lande
+heilweissagendes Omen und Symbol. Und dies ist in
+unserer Geschichte, glaube ich, das einzig Unglaubliche,
+das man nicht glauben kann: eine alsbald angestellte
+Prüfung des rechtsphilosophischen Schriftchens ergab
+untadelige Resultate, kein einziges Plagiat! Worauf
+ohne weiteres wider Bartholomäus die Vermählung
+eingeleitet wurde.
+
+</p><p>Für den Verstand von Leuten, die in diesen anspruchslosen
+Zeilen eine tiefsinnige Allegorie erblicken
+<!-- page 030 -->
+wollen, etwa in Jezaide die Tochter eines Hofrates
+oder Sektionschefs zu sehen vermeinen, die einem
+simplen Dozenten zum Throne, id est: zu einer ordentlichen
+Professur verhalf &mdash; auch die anderen, wahrlich
+nicht wenig verschlungenen Begebenheiten auf kraß
+realistische Weise ausdeuten möchten: für den Verstand
+dieser Sorte von Leuten übernimmt der Verfasser
+keine wie immer geartete Garantie, wenn sie nicht so
+ruinösen Versuchen entsagen. Genannten Individuen
+aber trotzdem gebührend entgegenzutreten, gesteht der
+Autor offen und ehrlich, daß der Zweck seiner scheinbar
+nichts weniger als tugendhaften Historie, soweit
+ein solcher überhaupt vorhanden, ein hochmoralischer
+ist und hofft damit einer aufmerksamen Leserin nichts
+Neues zu sagen. Er hält dafür, nachträglich genug vor
+jenem verderblichen Geist gewarnt zu haben, der
+Zizipês sonst makellose Herrschergestalt verunzierte.
+Wolle doch ein Jeglicher seinem guten Rat gehorsamen
+und zur Taufe erscheinenden dreizehnten Zauberern
+keine silbernen Stiefelknechte und beileibe keine schlechten
+Zigarren anbieten, noch auf künstliche Fliegen mit
+übereilt zuschnappendem Rachen antworten. Den Folgsamen
+steht nicht bloß eventuell das Himmelreich offen,
+sondern ihnen und nur ihnen wird mitgeteilt, wie sich
+das Schicksal derer von Sirvermor-Srimoverr des Weiteren
+gestaltete.
+
+</p><p>Es läßt sich nicht leugnen, der Prozentsatz an kleinen
+Mohren und Chinesen, den die Prinzessinnen dieses
+Hauses auch nach jener Sühnhochzeit herbeiführen
+<!-- page 031 -->
+halfen, er war und blieb ein größerer, als er in den
+übrigen Königsfamilien Usus ist. Doch wer wird der
+Bösewicht sein, zu fordern, eine künstliche, zauberische
+Einrichtung, durch die Länge der Zeit beinahe zur
+natürlichen Anlage geworden, möge wie mit einem
+Glockenschlage zu bestehen aufhören?
+
+</p><p>Was die speziellen Schicksale Jezaidens und ihres
+Gatten anlangt, so beteuern manche Skribenten, beklagte
+Mohren und Chinesen, in dem unzureichenden
+Sonnenschirm bereits zart angedeutet, seien durch die
+Unterschiebung der Preisschrift verschuldet, und sei
+dieser Frevel nur darum nicht postwendend ans Tageslicht
+gekommen, weil Jezaide keine Kinder hatte, was
+weniger der abgetöteten Liebe als dem gelehrten Charakter
+ihres Gatten zuzuschreiben sei. Sonstige Erlebnisse
+des Ehepaares? Zur Beruhigung: und wenn sie
+nicht geboren sind, so sind sie auch heute noch nicht
+gestorben!
+<!-- page 032 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Liebe</h2><p>
+
+</p><p class="first">Nitimur, ein wohlriechender Künstler, Erbauer
+der sechs großen Stockwerke, sah eines
+Tages die wohlwandelnde Königstochter Inve, und
+nicht genug daran: er wagte es, seine Augen zu
+ihr zu heben, die auf dem hochgelegenen Steige der
+Königstöchter knabenleichten Schrittes zur Lust tief
+und tiefer unten Wandelnder und also auch wohl zur
+eigenen Lust einherschwebte. Ja, er gewann es über
+seine in welcher Niedrigkeit aufgeschossene Seele, daß
+er den jäh ansteigenden Kotsee und den darauffolgenden
+Eisberg der vermeintlichen Glückseligkeit durchschwamm
+und überschritt.
+
+</p><p>Diese beiden Stoffe nämlich, Kot und Eis, ausgezeichnet
+sowohl durch die Menge, in der sie sich an
+den genannten Orten befinden, als auch durch andere
+Eigenschaften, sind dazu bestimmt und geschaffen, die
+Wege der wohlwandelnden Königstöchter und der wohlriechenden
+Künstler zu trennen.
+
+</p><p>Wohl war, wie ihr alle recht gut wisset, in diesem
+unseren Königreiche Titumsem die schreckliche Strafe
+der Spiegelentziehung auf das Erklimmen der Scheideflächen
+gesetzt. Nitimur aber mag vor, während und
+nach deren Durchquerung wenig an eine Selbstbespiegelung
+gedacht haben. Vielmehr: an dem Orte seines
+Strebens in welchem Aufzuge angelangt, warf er sich
+rücklings zu Boden, auf den heiligen Boden des Einherschwebens
+<!-- page 033 -->
+der Königstöchter, und schlug ihn dreimal
+mit dem Hinterhaupte. Dies ist die Art, mit der
+in diesem unseren Königreiche Titumsem Hohlheit und
+Wohlriechenheit gewiesen wird. Inve konnte nicht anders,
+sie mußte eine Zeiteinheit lang ihr Einherschweben in
+ungleichförmig verzögerter Geschwindigkeit vor sich
+gehen lassen &mdash; gewöhnlich bewegen sich nämlich die
+Königstöchter in diesem unseren Königreiche Titumsem
+gleichförmig verzögert &mdash; und eine weitere Zeiteinheit
+lang tat sie sich die Mühe, ihre konkaven Wangen in
+dem Blaurot des höchsten Unwillens erröten zu lassen.
+Nitimur nun &mdash; war es Absicht oder Unfall? Meine der
+Verehrung wohlwandelnder Königstöchter sicherlich zuneigenden
+Zeitgenossen werden mir wohl recht geben,
+wenn ich steif und fest behaupte, daß es nicht seine
+Absicht war, und ebenso dürften meine dem Glauben
+an das Walten einer ursittlichen Welthausordnung herzhaft
+geneigten Zuhörer meiner wohlweisen Meinung
+sein, wenn ich statt Zufall Unfall sage .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Nitimur nämlich, der wohlriechende Künstler, rutschte,
+von der Blauröte des höchsten Unwillens scheinbar gleichgültig
+durchstrahlt, mit gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit
+den Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit
+hin und überschlug sich unter den spaßhaftesten
+Purzelbäumen und Kapriolen im darauffolgenden Kotsee.
+Wieder unten auf der Straße wohlriechender Künstler
+angelangt, begab er sich aber nicht in seine sechs
+großen Stockwerke, denn er wußte wohl, daß ihm sämtliche
+Spiegel mittlerweile entfremdet worden waren .&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 034 -->
+
+</p><p>Wer aber kann malen das Blaurot des noch sehr
+viel höheren Unwillens der wohlhabenden Königstochter
+Inve, als sie nächsten Tages an derselben Stelle
+Nitimurn gewahrte! Ihre Bewegung setzte sie da mit
+gleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit fort, die sie
+nur um eine Zeiteinheit verzögerte, als sie an dem
+wohlriechenden Künstler das heiße Schweigen der Liebe,
+von dem die wohlwandelnden Königstöchter zu träumen
+pflegen, nicht kaltes Schweigen der Körperverehrung,
+das wohlriechende Künstler zu durchstrahlen pflegt, bemerkte.
+Als sie sah, daß er mit weit weniger gleichgültig
+durchstrahlter Miene seinen schmachvollen Heimweg
+abkugelte.
+
+</p><p>Da aber jeder Tag diesen Vorfall gebar, Perku, ihr
+wenig geschlechtlicher Erzieher, der zwar seine Zeit
+meist damit füllte, noch weniger geschlechtliche Erzieher
+zu zerspotten, dennoch beinahe bemerkt hätte,
+daß seine wohlwandelnde Königstochter die zur Absolvierung
+ihres Einherschwebens nötige und also vorgeschriebene
+Anzahl von Zeiteinheiten stets überschritt,
+schließlich Inve einsah, daß bald ihr ganzer Reichtum
+an Erörterungsnuancen allewerden dürfte, tat sie es
+eines Tages, über den Wasserberg hinweg, der den
+Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige von dem
+Steig der wohlwandelnden Königstöchter trennt, sie
+tat es, ihrem Vater Pimus zuzurufen, der wohlriechende
+Künstler Nitimur störe täglich die Regel- und Gesetzmäßigkeit
+ihres Einherschwebens. Der wohlschlafende
+König Pimus, dem es ein Neues war und den es
+<!-- page 035 -->
+mit Verblüffung durchstrahlte, daß ein wohlriechender
+Künstler auch nach Entfremdung seiner Spiegel vor
+wohlwandelnden Königstöchtern zu liegen wage &mdash;
+deren heiligen Boden mit dem Hinterhaupte schlagend,
+Hohlheit und Wohlriechenheit weisend &mdash; er erschrak
+zuerst über das Omen dieser sehr kuriosen Zugetragenheit,
+das und die in keinem königlichen Orakel- und
+Traumbuche verzeichnet und vorgesehen war. Also
+machte der wohlschlafende König Pimus seinem wohltanzenden
+Gotte Kwene dreiundachtzig und eine halbe
+Verbeugung und sagte ein Achtel Betrolle her. Kwene
+nämlich, der wohltanzende Gott, dessen Seil von dem
+Schwindelpfade der Könige durch einen Sonnenberg
+geschieden ist, sah sehr gut, hörte aber schlecht: daher
+dreiundachtzig und eine halbe Verbeugung und
+bloß ein Achtel Betrolle. Denn ihr wisset sowieso, und
+ich sage es auch nur, um euch der Abwechslung halber
+mit eurem Wissen zu ärgern: Man hat seine Freude
+nur an dem, was man bis in seine süßesten Einzelheiten
+auszukosten vermag, nicht jedoch an Dingen,
+die, ach, in höchst summarischer Weise fühlbar
+werden .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Kwene aber wußte sehr wohl, daß der Thron eine
+Stütze des Glaubens an ihn sei. Nur darum reichte
+er dem wohlschlafenden Könige trotz des Achtels Betrolle
+schnell seine Ohren, und außerdem drangen gerade
+in dieser Zeiteinheit labend an des schlachtmesserumgürteten,
+wohltanzenden Gottes nicht ganz schlecht
+hörende Ohren des eben von ihm eigenhändigst, nach
+<!-- page 036 -->
+allen Regeln der Kunst geschächteten Schlachtopfers
+höchst rituelle Laute des Sterbens und Verzuckens.
+Dennoch aber unterdrückte der wohltanzende Kwene
+den wohlweisen Rat: &raquo;Sende dem wohlriechenden
+Künstler einen zweiten Spiegel, auf daß er sich darin
+besehe!&laquo; Nein, er wollte wieder einmal ein Exempel
+seiner Allmacht, Gerechtigkeit und ursittlichen Welthausordnung
+statuieren und gab dem wohlschlafenden
+Könige Pimus den minder weisen Rat, die wohlwandelnde
+Inve hinabzusenden zu dem wohlriechenden
+Künstler Nitimur, dem Erbauer der sechs großen
+Stockwerke. &raquo;Denn die gebotene Möglichkeit der Befriedigung
+wird des wohlriechenden Künstlers Sehnsucht
+und Liebe stracks töten, da sie bloß jener selbsterzeugte
+Hunger in Gedanken ist, den armgelebte
+Künstler hie und da aufzuziehen pflegen, der aber
+immer unbefriedigt stirbt, den sie wohlahnend sich
+vergehen lassen, wenn der Erfüllung Schmerz ihnen
+verstattet wird.&laquo; Und geheime, frohe Gedanken der
+Rache an dem verbeugungsfeindlichen Künstler und
+dem gern betrollenden Könige durchstrahlten des Gottes
+und Tänzers Miene, kaum verborgen durch ein nervöses
+Zwirbeln des Schnurrbartes.
+
+</p><p>Nicht vergaß da zum Dank der wohlschlafende König
+eine halbe und dreiundachtzig Verbeugungen dem seiltanzenden
+Gotte Kwene zu machen, noch weniger vergaß
+er es, den Heimtückischen durch schnelles Ableiern
+von einem Achtel Betrolle zu ärgern. Schnell tat er
+es, über den Wasserberg hinweg seiner wohlwandelnden
+<!-- page 037 -->
+und gerade einherschwebenden Tochter eine Hymne
+auf seine Vatertugenden zu halten und ihr zu befehlen,
+allbereits hinabzuschweben zu dem wohlriechenden
+Künstler. Welche machte sich sofort auf mit ihren
+wohlschmeckenden Zofen, die ein wohlklingendes Geschnatter
+fortflattern ließen, als die Königstochter in
+einem Sprunge hinabsprang zur Straße der wohlriechenden
+Künstler, die ihr scharenweise zur gefälligen
+Matratze dienen wollten.
+
+</p><p>Als aber Nitimur, auf seinem wohlgeborstenen Steine
+vor den sechs großen Stockwerken sitzend, sie kommen
+sah, da wandte er sich zur Flucht und sprang
+lieber hinab über grasbewachsene Wiesen zu den bewußtlos
+lebenden Bürgern und tauchte lieber unter in
+ihrem Meere der Gewöhnlichkeit. Tiefbetrübt gebot da
+die wohlwandelnde Königstochter den wohlriechenden
+Künstlern, ihre Spiegel zu legen über den Kotsee, ließ
+sich nur unwillig ihre goldenen Schlittschuhe anschnallen.
+Denn sich hinunterzukugeln über die Grashalden in
+der häringhaften Bürger Meer von Gewöhnlichkeit, dies
+war ihr wie jeder echten wohlwandelnden Königstochter
+unmöglich. In ungleichförmig beschleunigter Geschwindigkeit,
+in in rasendem Sturmlauf blitzte sie den
+spiegelbedeckten Kotsee hinan, hinan den darauffolgenden
+Gletscher der anscheinenden Glückseligkeit. Wenig
+kümmerte sie es, daß ihre wohlschmeckenden Zofen,
+diese Keineswegs-Königstöchter, vor den gefälligen
+Matratzenkünstlern ihr wohlklingendes Geschnatter fortflattern
+ließen und sich mit ihnen um die einerseits kotbelegten,
+<!-- page 038 -->
+andererseits wohlgeborstenen Spiegel balgten,
+im Schlamme wälzten und schließlich dem Geheul und
+Gewaltschmerz der nicht ganz ausgenützterweise sich
+um ihre Spiegel gebracht sehenden Wohlgeruchs-Künstler
+ein Ende taten, indem sie mit ihnen die Grashalde
+abkugelten in der kaninchengleichen Bürger Meer
+von Gewöhnlichkeit. Gar nicht kümmerte es die schnellhinwandelnde
+Königstochter Inve, daß sie, anfahrend
+ihren Steig, ihrem wenig geschlechtlichen Erzieher Perku
+und seiner aus noch weniger Geschlechtlichen gebildeten
+Gesellschaft die restlichen Geschlechtsteile abfuhr und
+alle tötete.
+
+</p><p>Nicht mehr war sie bedacht darauf, in allen Zeiteinheiten
+gleichmäßig einherzuschweben, die wohlwandelnde
+Königstochter Inve, die früher und bis zu wohlriechenden
+Nitimurs Flucht zwar eingedrillterweise von
+Nuancen des Errötens, aber wenig von Liebe gewußt
+hatte, sie bewegte sich mit höchst ungleichförmiger Geschwindigkeit,
+und ihre Seele ergab sich wildem Weinen
+silberner Tränen. Pimus sogar, ihr wohlschlafender
+Vater, er hörte es, und ohne seinen ewigtanzenden
+Gott extra zu behelligen, griff er sofort zu dem in
+solchen Fällen höchst angezeigten und probaten Mittel:
+er zeigte seiner wohlwandelnden Tochter ihre Verlobung
+mit dem immer schlafenden Kaiser von Gata
+an. In ihrem tiefen Grame hörte sie es nicht, wie es
+der wohlschlafende König schlau geträumt oder berechnet
+haben mochte. Inve, mit Unrecht wahrlich eine
+wohlwandelnde Königstochter genannt oder etikettiert,
+<!-- page 039 -->
+fuhr immerzu fort mit ihren unsteten, ungleichförmigen
+Bewegungen, ihrer Seele Weinen überzog ihre Wangen
+mit Silberamalgam, machte sie fast konvex, und schon
+glaubten alle Ärzte und Urinoskospen dieses unseres
+Königreiches Titumsem, die weiland wohlwandelnde
+Königstochter Inve würde, ach, für immer der Stetigkeit
+und Gesetzmäßigkeit ihrer Bewegungen beraubt
+sein .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Eines gemeinen Tages aber, da der wohlriechende
+Künstler Nitimur auf der Grashalde lag und in Träumen
+noch sechs große fahrende Stockwerke für die ochsenartigen
+Bewohner des Meeres von Gewöhnlichkeit ersann,
+schreckte ein schreckliches Getöse und Geflimmer
+ihn aus seinen Fieberträumen. Die Bürgerlein hatten
+nämlich von dem frohen Fest im allerhöchsten Herrscherhause
+gehört und feierten es, jeder nach seiner Art,
+der eine mit verschiedenfarbigen Fetzen, Liedern von
+gefälligen Matratzenkünstlern, der andere mit Lichtgestank
+oder Böller- und Kartaunenblähungen. Jäh
+fuhr der wohlriechende Künstler Nitimur auf, als er
+den Grund der verschiedenfarbigen Fetzen, der Hurralieder,
+des Lichtgestankes und der bürgerhaften Schießerei
+erfuhr. Wo waren da die sechs großen fahrenden
+Stockwerke für die gleichförmigen Bewohner des Meeres
+solcher Gewöhnlichkeit?!
+
+</p><p>Jetzt aber möchte ich meine dem Glauben an das Walten
+einer sittlichen Welthausordnung herzhaft zugeneigten
+Zuhörer ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu
+machen und sich zu entfernen.
+<!-- page 040 -->
+
+</p><p>Denn mit einem Satze über die Grashalde hinaus
+und die Straße der wohlriechenden Künstler, hinaus
+über den Kotsee und den Gletscher der anscheinenden
+Glückseligkeit: Nitimur war oben beim Steige der
+nicht immer wohlwandelnden Königstochter, und ehe
+noch der wohlschlafende König von Titumsem und
+der immerschlafende Kaiser von Gata Zeit gefunden,
+erwachen zu wollen, hatten sich Nitimur und Inve gefunden,
+in hoher Pracht gefunden. Jetzt aber möchte
+ich auch meine dem Glauben an das Walten einer
+urunsittlichen Welthausordnung herzhaft geneigten Zuhörer
+ersucht haben, mir ihren Beifall fühlbar zu machen
+und sich allbereits zu entfernen! .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Vielleicht, um nicht tiefe Lust zur Gewohnheitsqual
+zu verherben, zu verderben; wer es fassen kann, der
+fasse es: mit einem Satz über den Wasserberg hinaus
+und den Schwindelpfad der wohlschlafenden Könige,
+hinaus über den Sonnenberg und das Seil des im
+Fluge herabgestoßenen wohltanzenden Gottes Kwene,
+der noch im Falle tanzte und seinen Bart nervös zwirbelte
+&mdash; waren, war Nitimur-Inve geflohen, geflohen
+in das Reich des ewig seienden, einzig seienden Todes.
+<!-- page 041 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der Knecht seines Schicksals</h2><p>
+
+</p><p class="first">Auch über Analama, der auf der Insel Quo-uk
+mit den Schwänen lebte, kam das mannbare
+Alter, er mußte den grauen Chroglu überschreiten
+und fiel in das verfluchte Königreich Uttarakuru. Wie
+das immer so ist, meldete sich die Königstochter
+unpäßlich, und ihm blieb nichts anderes übrig, als mit
+den Ungeheuern des Blutflusses Uhuru zu kämpfen.
+Sein Sinn aber stand nicht nach Streit, sondern
+nach den sanften Gelöstheiten des Daseins. Er sehnte
+sich nach intimen Wangen, Frauenhaar, Schenkeln von
+himmlischer Güte. Die Königstochter aber tat andauernd
+unpäßlich. Da blieb auch Analama der Ströme
+seines Blutes nicht länger Herr. Er fand, daß die Norne
+Langeweile die Zeit stickt, wollte die gefrorene Zeit
+töten &mdash; und aß nur seine Uhr auf. Er wollte alle
+Weiber vernichten &mdash; und riß nur etlichen Mädchen
+mit besonders aufreizenden Waden die Zöpfe aus.
+Die Königstochter blieb andauernd unpäßlich. Analama
+drückte sich mit seinen eigenen Fingern famos
+die Augen aus, nichts mehr vom Dasein zu sehen.
+Die Königstochter zertrat seine Augen und empfahl
+dies Püree ihren Katzen. Analama verließ sich. Die
+Königstochter brachte die gesetzlichen Thronerben: junge,
+starke Hunde zur Welt.
+<!-- page 042 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Hildebrandslied</h2><p>
+
+</p><p class="first">Es wird berichtet, daß eine Stimme sprach gegen
+Iskandar Zualkarnain und ihm befahl, seine
+Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen
+Reisen alle Gegenden und Menschen genossen hatte,
+sagte er vor sich hin: &raquo;O blinder Sklave des Geschickes,
+wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst du
+erfahren, was nach diesem kleinen Leben sein wird.&laquo;
+Also haderte er nicht mit jener Stimme letzten Befehls,
+sondern gebot Sklaven, ihm seine zwei Hörner wie für
+ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber
+einen ganzen Wildesel verzehrt hatte, bestieg
+er ein Eilkamel, um nicht zu säumen und so zu beleidigen
+den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine
+Dichter, die Nachtigalleulen, begannen auf eine schöne
+Weise zu klagen und versuchten, sein gleichgültig
+schauendes Herz mit ihren gelinden Traurigkeiten zu
+erfüllen und den der neuen Sache Beflissenen wieder
+an die knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden.
+Das Eilkamel jedoch in seiner Weisheit erinnerte sich
+verzehrter Dattelkerne, und indem es den Dichtern
+warmen Mist des Lebens ließ für die rauhen Nächte
+der Zukunft, verschwand es mit dem König der Zeit
+im Walde. Er aber sprach zu seinem Barte: &raquo;Nicht
+begreife ich die sachte Trauer der Gefährten meines
+Atemholens. Wenn ich ihnen entgleite, so können sie
+mich doch zurückhalten in den Bogen und Windungen
+<!-- page 043 -->
+ihrer schlangengleichen Gedichte. Ich aber habe es
+schwerer als diese Gezähmten: ich muß etwas tun.
+Nun habe ich einen ganzen Wildesel gegessen, denn
+es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und mit hungerndem
+Magen entgegenzutreten. Sollte er mir nicht
+gefallen, so kann ich, ein Herr, ihm wenigstens mancherlei
+ins Gesicht rülpsen, wie es sich gebührt. Doch
+noch sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.&laquo;
+Indem er also seinen Unwillen, auf den Tod warten
+zu müssen, ärgerlich kundgab, erschien auf dem Wege
+ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: &raquo;Nicht dies
+ist der Weg zum Tode, o König Zweihorn; du
+könntest allerdings, wenn du schneller ans Ziel gelangen
+willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite
+lieber diese zwei Wälder hier seitwärts durch, und
+wenn du an der letzten Lichtung meine Frau siehst,
+so sage ihr, daß ich sie noch heute besuchen werde.&laquo;
+Da dankte der König dem liebenswürdigen Kater, und
+als er einen halben Kamelritt weiter wirklich die Katze
+erblickte, grüßte er sie höflich und richtete seine Botschaft
+aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze freundlich
+über die nahe Möglichkeit eines annehmbaren
+Todes &mdash; nur eine Parasange weit!
+
+</p><p>Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt
+hatte, traf er richtig dort einen Mann, an Stärke gleich
+einem ausgewachsenen Löwen. &raquo;Nächstens lasse mich
+nicht so lange warten,&laquo; brüllte der Mann. &raquo;Ich bin
+dein Vater Rustan, und da ich dich ins Leben gepflanzt
+habe, schickt es sich auch, daß ich dich töte.&laquo;
+<!-- page 044 -->
+Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohne die
+Hörner aus dem Kopf zu drehen, und Iskandar Zualkarnain
+ehrte den Vater, getreu dem Gesetze des
+Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte
+zu zupfen, noch auch ihm den vorbereiteten Esel ins
+Gesicht zu rülpsen. So benommen war er von den
+Schmerzen des Lebens.
+<!-- page 045 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Traum des 888. Nachtredakteurs</h2><p>
+
+</p><p class="first">Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages
+und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch
+als die achthundertundachtundachtzigste Nacht da war,
+fuhr sie also fort: &raquo;Ich vernahm, o glücklicher König,
+daß im Lande der besoffenen Ströme ausnahmsweise
+ein geiernasiger Jüngling lebte, der gern im Schlaf
+ertrank und da er wenig arbeitete, Hunger trieb. Seine
+Sehnsucht und Begierde ging gleichwohl nach dem
+Faulen unerreichbarer Gewürze, und wegen dieser
+seiner dicken Gewohnheit nannten ihn die Ungläubigen
+Schinkenstern.
+
+</p><p>Als er eines Tages seinen Magen nach den Marzipaninseln
+traumwandeln ließ, überfiel ihn ein Schnellzug
+und ließ nicht ab, ihn davonzutragen, bis alle
+Kohlen verdampft waren. &raquo;Dies ist nicht das Land
+des Safrans und der Wohlgerüche,&laquo; jammerte der Entführte,
+als er sich nach einem wahnwitzig schrillen
+Pfiff in einer robusten Halle ausgesetzt sah. Weil es
+notwendig war, brach er die Dämmerung seines Geistes
+ab und suchte nach einem Sofa, wo er sein Haupt
+niederlegen könne. Weiter strichen seine Pläne nicht,
+und indem er an einem Hotelportier vorbeiging, erreichte
+er es, mehrere Meldezettel ausfüllen zu dürfen.
+Nachdem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich
+in den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu
+<!-- page 046 -->
+erwartenden Träume seine innersten Gedanken enthülle.
+Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos, traumlos
+wieder ins Leben aus, und als der Unglückliche zum
+abertausendsten Male kläglich im Raume erwachte,
+veranstaltete er einige Augenblicke der Besonnenheit.
+Aber ehe er etliche Vernünftigkeiten ausgeheckt hatte,
+verdrängte der Schrei nach einer Buttersemmel das
+Gekrächz seiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt,
+seinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich
+dieser nicht, und so beschloß er, seine Leiblichkeit vorläufig
+dem Hin und Her des Zufalls zu schenken.
+Keinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische Arbeit
+zu tun und wollte lieber die Verhandlungen mit
+der Erde abbrechen. Er begann also über die Oberfläche
+der fremden Straßen als ein gemäßigter und
+nicht ganz zielloser Spaziergänger hinzugleiten. Seine
+Augen grasten ruhig die Erscheinungen ab und fielen
+schließlich in die Blätter, aus denen sich zahlreiche
+Toren über den Gang der Gestirne zu unterrichten
+versuchten. Da schlug in ihn ein schnelles Erinnern,
+und seine futterwitternde Geiernase, die ihm aus einem
+Spiegel entgegengrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen
+Zeit in gewissen Betrachtungen.
+
+</p><p>Er besaß zwar keine Feder der Fülle, aber an Schalttagen
+drangen tollkluge Worte aus ihm. Wenn er auch
+bezweifelte, daß diese seltenen Schalttage je sein ganzes
+Jahr anstecken würden, war er sich doch einer bescheidenen
+Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht aller Gesetze
+der Interpunktion bewußt, und verdammte sich kalten
+<!-- page 047 -->
+Herzens dazu, von seiner Durchschnittssprache zu leben.
+Dieszwecks legte er Zylinder an und ehe er sich noch
+hatte warnen können, verscholl er in einem Verlagsgebäude.
+Er hätte besser getan, sich des Zephirs der
+Welt zu berauben. Denn als er vor den Journalisten
+der Zeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige folgendermaßen:
+&raquo;Du gehörst zu den weltfremden Siriusochsen
+und bildest dir zwar nicht den Besitz des Stilmonopols
+ein, bist aber trotzdem stolz darauf, als
+erster den Ipunkt unter dem I befestigt zu haben.
+Ich kann jedoch nur eine rechtschreiberische Schreibmaschine
+brauchen.&laquo; Da ließ sich der Verräter Schinkenstern
+sterben, er antwortete: &raquo;O, König der Zeitung,
+ich höre und gehorche. Ich war ein Ifrit von den
+Marids der Dschann und bin bereit, den Eid auf das
+Zeilenhonorar abzulegen. Ich habe es eilig, ins Nichts
+zu hasten. Ich war mitunter die Zunge der Dinge.
+Werde ich es weniger sein, wenn ich mich zur Stimme
+des Rindviehs mache? Möge ich bald an einem Druckfehler
+sterben!&laquo; &raquo;Ich sehe, du gehörst zu den schwachen
+Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen, ihren unüberwindlichen
+Magen anklagen, o Halbdichter!&laquo;
+
+</p><p>Es wird berichtet, daß der Geiernasige zunächst als
+Besprechungsliterat versank, einer jener vielen Kritikastraten
+und Verschnittenen wurde, die eifersüchtig
+den Harim des Ruhmes bewachen. Er ward eine kahle
+Negation, legte sein Gehirn bloß, exhibitionierte mit
+der raschwachsenden Glatze der Weisheit, aber seine
+Seele war im Übersatz. Er schrieb nur Kartoffeln,
+<!-- page 048 -->
+und die Worte der Dichter verdienten, mit Nadeln
+in die Spitzen seiner Augenwinkel geschrieben zu
+werden. Da bemerkte er endlich das Graue seines
+Tages und hielt inne in dem verstatteten Leben. Allah
+übersetze ihn nicht!
+<!-- page 049 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-7">Die alte Geschichte</h2><p>
+
+</p><p class="first">Es war einmal ein junger Dichter namens Eduard,
+der lebte in einem Palaste. Und in ihm war
+nichts als Sehnsucht. Seine Diener aber brachten ihm
+Schinkensemmeln mit Kaffee. Sehr traurig war der
+junge Dichter, und seine Sehnsucht ging von einem
+Zimmer in das andere. Herrliche Bilder konnte er sich
+vorgaukeln, und das junge Mädchen, das er liebte und
+haßte: Kunigunde!
+
+</p><p>Doch wenn sein junger Leib, der sich sehnte, einen
+Schritt vorwärts tat, die geschaute Gestalt zu umarmen,
+schwand alles, und seine Lippen, die nach
+einem Kusse lechzten und glühten, sie sanken kümmerlich
+zusammen, und sein Kopf fiel schulterwärts .&nbsp;.&nbsp;.
+und er war wieder allein mit seinen Zimmern, Dienern
+und Schinkensemmeln. Da haderte der junge Dichter
+mit Gott und seinem Palaste und weinte über sie die
+Tage und Nächte, daß sie ihm nicht geben wollten,
+wonach er flammte .&nbsp;.&nbsp;. und hätte am liebsten die
+Wände geküßt und die Bäume seines Gartens umarmt:
+so sehnte er sich. Und er vergoß sieben Tränenströme.
+Und wollte nichts essen und zerfleischte sich das Gesicht
+und die lieben Hände und raufte sein Haar und
+zerriß seine Gedichte und lag wie ein Toter da auf
+seinen Teppichen.
+
+</p><p>Sandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine
+ausgezeichnete Fee, und die sprach: Was gibst du
+<!-- page 050 -->
+deinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh, sei
+wieder brav und ruhig, und Gott wird dein Haar
+streicheln, und dein Haupt soll liegen in dem Schoße
+deines jungen Mädchens. Da sprach der junge Dichter:
+Ich will ja gern wieder an den lieben Gott und meinen
+Palast glauben, aber warum ward ich so schwer geschlagen?
+Es ist ja wahr, ich habe vor sieben Jahren, zehn
+Monaten und drei Tagen beinahe eine Ameise zertreten!
+
+</p><p>Küßte die ausgezeichnete Fee dem jungen Dichter
+langen Schlaf an und tat von seinem Leibe die Wunden
+und üblen Farben, nahm von seinen Händen die
+Betrübtheit .&nbsp;.&nbsp;. und als er erwachte, da taten sich alle
+seine Zimmer auf und strahlten, und sein Haupt lag
+gebettet in den Schoß des jungen Mädchens, und sie
+streichelte seine Haare und küßte ihn und klebte seine
+Gedichte wieder zusammen.
+
+</p><p>Glaubt ihr das? Ich nämlich glaube es auch nicht!
+Sondern, als von dem jungen Dichter der Schlaf trat,
+da stand zu seinen Häupten ein Freund und wies
+ihm eine Kritik, in der Eduard niederträchtigerweise
+gelobt wurde, ein Briefträger feierte seinen Einzug
+mit einer Drucksorte, laut der sich Kunigunde mit
+Archangelus Lardschneider, jenem niederträchtigen Kritiker,
+verheiratet hatte, und eine jähe Drahtung zwang
+ihn, die Premiere seines letzten Stückes abzusitzen,
+des Schiffahrtsaktiendramas &raquo;Eduard und Kunigunde&laquo;,
+das ihm vom Lesen her übel bekannt war. Und zu
+Füßen seines Bettes stand ein Diener, in der Hand
+haltend eine Tasse Kaffee mit Senf.
+<!-- page 051 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-8">Frühes Leid</h2><p>
+
+</p><p class="first">Ich war kein Tierfreund, eher vielleicht ein tyrannischer
+Beobachter der Tiere. Seit jeher reizte es
+mich, diesen schwachen Wesen zuzusehen, mitzuspielen,
+Herrschaft über sie auszuüben, da ich die
+Menschen nicht knechten konnte. Ich ging ja in die
+Schule, war Sklave von Rohrstäben, Katalogen, Klassenbüchern
+und Zensurzetteln. Und daheim saßen grausame
+Zieheltern, die meine Abneigung gegen das
+Leben nährten, indem sie mich stets zum Essen zwangen,
+zur Strafe mit den widerwärtigsten Speisen traktierten,
+wenn ich den grammatikalischen Kram nicht wissenswert
+fand. Die Existenz von Schulbüchern war doch
+eine Gnade meinerseits? Nein! Man begnügte sich unbescheidenerweise
+nicht damit, daß ich das Vorhandensein
+derartiger Materialien hypothetisch annahm,
+gelten ließ, ich sollte sie empfangen, die Bücher sollten
+in mich übergehen und ich Buch werden. Paßte mir
+diese Besessenheit nicht, reagierte ich auf solche Vernichtung
+meines Ichs sauer oder, was meist geschah:
+ließ ich mich auf derlei Provokationen überhaupt nicht
+ein, sah man in meinem Vorgehen alles eher denn
+Selbstbewahrung. Meine früh erwachte Aversion dagegen,
+Gedichte anderer Schriftsteller auswendig zu
+lernen: von mathematischen Formeln koitiert zu werden,
+diese eminent männliche Eigenschaft hieß auf einmal
+Faulheit und man entleerte über mich ein Füllhorn
+von Strafen.
+<!-- page 052 -->
+
+</p><p>Ich besaß eine kleine Kaninchenzucht. Gab ich mich
+mit Hühnern und Tauben ab, fesselten den Zarten,
+der für seine Person Raufereien scheute und mied, die
+schonungslosen Kämpfe zwischen rivalisierenden Hähnen
+oder Taubern. Blutliebe war es, Freude an diesen ebenso
+formstrengen als gefühlsheißen Duellen, die erbittert und
+unerbittlich bis zur Entscheidung ausgetragen wurden. Bei
+meiner Zucht, bei meinem Kult von übrigens unfreiwilligen
+Mitgliedern der Friedensgesellschaft, den geduldbehauchten
+Kaninchen gegenüber hatte ich lautere
+Motive. Ich ergötzte mich an rein vegetativen Prozessen,
+freute mich, wie die jungen Tierchen schnupperten
+und dann mit langen Froschsprüngen herbeieilten,
+mir die Kohlblätter aus der Hand zu fressen.
+Aber Kohl &mdash; der kostete Geld, ein paar Heller täglich,
+und Futter, Wartung fraß Zeit, die ich nach
+Ansicht meiner Pflegeeltern besser an das Studium
+gewendet hätte. Ihr ewiges: &raquo;Hugo, lerne!&laquo; scholl
+an mir vorbei, ich betrachtete die unregelmäßigen
+Zeitwörter als Verbalinjurien und wußte mir etwas
+Besseres als Verben reiten, konjugieren: Kaninchen.
+Die waren mein Trost, halfen mir mit ihren Farben
+und Bewegungen über schlechten Ausfall der Schularbeiten
+und Mittagmahle hinweg. Bekam ich zu Weihnachten
+eine üble Zensur und wurde demgemäß statt
+jedes anderen Geschenkes strafweise täglich diejenige
+Speise aufgeführt, die ich am stärksten haßte: Sauerkraut
+&mdash; und noch dazu in angebranntem Zustand &mdash;
+flüchtete ich nach Tisch zu den Kaninchen. Und siehe
+<!-- page 053 -->
+da! es gab Wesen, denen die Verabreichung dieses
+Giftes, die Ausspeisung mit Krautblättern Glücksaugenblicke
+schuf, Wesen, die mir, dem göttergleichen
+Spender, durch ihr zufrieden-geräuschvolles Mahl zu
+einigem Selbstgefühle verhalfen und nicht genug daran:
+sozusagen durch die Vernichtung eines Teiles des Sauerkrautbestandes
+der Welt mir dankbar einen großen
+Dienst erwiesen.
+
+</p><p>Es kam eine Zeit, wo ich mein Reich nicht verteidigen
+konnte, und die Bazillen drangen ein. Mit den
+Bazillen meine ich nicht etwa die Erreger der Windpocken.
+Die machten sich nicht so breit, mit denen
+wurde ich leicht fertig, und wenn ich dennoch mich
+schwach zu fühlen vorgab, nicht aufstehen wollte, so
+lag das in mir: ich hatte wenig Lust, ins äußere
+Leben zurückzukehren, in die Schule, diesen Garten
+voll bitterer Kräuter, die &mdash; o bodenlose Verruchtheit
+&mdash; obendrein botanisch-lateinische Namen trugen! Das
+Kranksein bedeutete für mich sorgsame Pflege, Ruhe
+und Waffenstillstand, und ich kann sagen, ich machte
+häufig von Halsentzündungen Gebrauch. Wenn das
+Fieber geschwunden war, sagte man wohl: &raquo;Liegend
+lesen schadet den Augen,&laquo; aber ich durfte eine Weile
+Lektüre treiben, was mir sonst &mdash; schlechter Zeugnisse
+halber &mdash; verwehrt war. Der Arzt ließ mich gerne
+liegen, er verordnete sogar zur Behebung der allgemeinen
+Schwäche kräftigende und wohlschmeckend von
+mir bejahte Gerichte, vor allem Weißfleisch. Doch für
+die Wirtschaft, für das Staubabwischen und Aufräumen
+<!-- page 054 -->
+bedeutete mein Kränkelnwollen, mein Zärtlichkeitsbedürfnis
+Hemmung und Überarbeit. Weißfleisch? Wozu
+Hühner kaufen, wenn herrliche Kaninchen im Hause
+waren, Kaninchen überdies, die, wenn man sie dem
+eigensinnigen Knaben ins Bett geben mußte, sich unsauber
+betrugen. Sonst zwar wurden Kaninchen nicht
+gegessen, aus Ekel .&nbsp;.&nbsp;. aber ein wehrlos in der Genesung
+begriffenes Kind aus der Geborgenheit, aus
+dem sicheren Bett zu scheuchen, dazu war kein Mittel
+schlecht genug. Thyestes nährte sich vom Fleisch der
+eigenen Kinder. Atreus hat ihn damit brüderlich bewirtet.
+Das ist noch gar nichts. Denn Thyest war
+ahnungslos, wußte nicht, wovon er zehrte, wußte nicht,
+was er wieder zu sich nahm. Auch ich mußte die Geschöpfe
+essen, die mir die liebsten waren. Aber ich
+fühlte, was ich hinabzuwürgen gezwungen wurde. Ich
+verschluchzte mein Herz. Anfangs sagte man, auf das
+Kaninchenfleisch weisend: &raquo;Backhuhn!&laquo; Als sich jedoch
+mein tiefes Wissen um diese Welt durch das Gerede
+nicht übertäuben ließ, hieß es, ich solle nicht so kindisch
+sein. Kindisch? Leichtsinnig hatte ich die Kaninchen preisgegeben,
+verraten! Während es mir beliebte, krank zu
+sein, wurden sie wenig gefüttert, gemordet. Da gab
+ich die Krankheit hin, stand auf, um die übriggebliebenen
+Kaninchen vor meinen Zieheltern, vor den Bazillen,
+vor dem Tode zu schützen. So rief mich das
+Leben. &raquo;Hugo, lerne!&laquo;
+<!-- page 055 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-9">Wodianer</h2><p>
+
+</p><p class="first">Der junge Baron Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein
+betrachtete sein himmelan starrendes
+Haar, das über seine Stirn, früh verwelkend, endlich
+grau hereingebrochen war in diesem dreißigsten Jahr
+seines ziellosen Lebens. Der Spiegel trug nicht die
+Schuld, der hatte Generationen von Wodianern in
+der Wiege strampeln und etwas stiller auf der ihr
+folgenden Bahre liegen gesehen und jedem in durchaus
+zuverlässiger Art ein Bild des veränderlichen Körpers
+gezeigt, über das in manchen Fällen sogar ein Abglanz
+der recht unsterblichen Seele gebreitet war. Nun
+saß Albrecht Wodianer als letzter vor dem treuen
+Möbel und ärgerte sich über ein Stück Materie, das
+ihn langen Atems überdauern würde, unerblindet ihm
+die Unreinheiten seines Geistes wies: die weiß angelaufenen
+Speere seiner Haare. Albrecht Wodianer
+ertrug den Anblick des Spiegels schließlich nicht länger;
+da er aber allen Freunden gegenüber sanften Gemütes
+war, zertrümmerte er ihn nicht, sondern trat den Rückzug
+ins Café &raquo;Prag&laquo; an. Er selbst, wiewohl verarmt, kam
+sich dort etwas deplaziert vor; ein Achtelliter Raubritterblut
+empörte sich in ihm gegen die spitzfindige Synagogenluft
+dieses Zionistenbeisels, in dessen Ecken immer ein
+paar jüdische Literaten urchristelten. Doch der Umstand,
+daß sich hier Räume ärmlichster Schlichtheit über zahllose
+Stilepochen hinweg unversehrt im zwanzigsten Jahrhundert
+<!-- page 056 -->
+geborgen hatten, beruhigte ihn wieder, sonderbarerweise,
+obwohl seine Nervosität und Zeitzerriebenheit
+sonst sich gegen die Dauer der Gegenstände empörte.
+
+</p><p>Wodianer bestellte im leeren Café irgendwas
+und ging dann wieder nach Hause, froh, niemanden
+getroffen zu haben, denn das Öffnen des Mundes zu
+formellen Reden und Antworten, zu dialektischen Wortkrämereien,
+die nichts von seinem erschütterten Seelenzustande
+offenbaren durften, weil Haltung unter Egoisten
+Ehrensache war &mdash; dieses ganze, immer wieder nur
+einen konventionellen Schein liefernde Gebaren war
+ihm verhaßt. Und doch mußte er täglich, täglich ins
+Café trotten, er konnte die Zeit vor Mitternacht nie
+zu Hause verbringen, gewohnheitsmäßig warf er diese
+Stunden an den nächstbesten Frauenleib, oder ließ die
+Worte nahe hockender und doch weltweit entfernter
+Literaten und Intellektbestien wie Fliegen in die Melange
+fallen, die er dann nicht austrank.
+
+</p><p>Während des Heimweges empfand Wodianer eine
+seltsame Blutleere im Schädel und empfand sie ungern,
+denn sie erinnerte ihn an den Tag, da der Tod
+zum letzten Male sich in seiner Nähe aufgehalten hatte,
+eine Stirnwunde hinterlassend und kuriose Schwächen.
+Folgen eines Duelles mit dem Hauptmann Orbenhayn,
+der eine Bemerkung Wodianers &mdash; was auf dem
+rötlichen Beteigeuze den Mädchen der Erde entspräche,
+müßte dort schöner sein &mdash; auf seine Braut bezogen hatte.
+
+</p><p>Albrecht Wodianer sah vor sich liegen den sterbenden
+Orbenhayn, dessen blutschäumender Mund rötlicher
+<!-- page 057 -->
+glänzte als der Stern Beteigeuze. Und spürte, in
+der Erinnerung wieder Leib an Leib mit Ex-Orbenhayns
+Braut, abermals die Wahrheit seiner Bemerkung.
+
+</p><p>Auf einem winterkahlen Baume vor der Universität
+schwirrte es in kleinen Flügen von Ast zu Ast, um
+nicht zu erfrieren. Zweigauf, zweigab glatt verschluckbare
+weiße Flaumenbälle: Spatzen, die in Scharen über den
+Baum versammelt waren. Hie und da sauste, den Baum
+erschütternd, eine Elektrische vorbei, die in sich verkrochenen
+Klümpchen, wärmehungernd, versuchten am Stamm
+kleben zu bleiben. Wodianer fühlte mit ihnen kein Mitleid,
+er wußte: in den Tierchen schwangen die Seelen ungeborener
+oder abgeschiedener Mädchen, denen es bisher mißlungen
+war, in die Universität zu laufen, und die nun hier,
+nahe der Wissenspforte nächster Wiedergeburt harrten.
+
+</p><p>Wodianer haßte Frauenstudium, seine schwarzhaarige
+Männerfaust fuhr hinab zu den Kieselsteinen
+der Reitallee, und eine Faustvoll ergoß sich über rasch
+aufschwirrende Sperlinge. &raquo;Viel Leben um nichts!&laquo;
+murmelte er, zerrte seinen Bart und fluchte schon
+lauter: &raquo;Nicht erwarten können sie es, die idiotischen
+Dinger! Stellen sich da in Nacht und Nebel an, als
+wäre so ein flaches Kolleg eine gute Burgtheatervorstellung.
+Und nicht früher werden sie aufhören, die
+zudringlichen Ludern .&nbsp;.&nbsp;. bis sie von Logarithmen ganz
+verwanzt sein werden. Pfui Teufel!&laquo; Sehr unvermittelt
+erklang in seinem Gehirn die Stimme seiner toten
+Mutter: &raquo;Bubi, das darf man nicht!&laquo; Albrecht schlug
+mechanisch die Hände gegeneinander, daß von den
+<!-- page 058 -->
+Handschuhen die schuldbeweisenden Steinkörnchen glitten.
+Hernach ward er doppelt unwirsch, krächzte heiser:
+&raquo;Das lebt noch immer in mir! Als ob so eine alte tote
+Baronin Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein wüßte,
+welche Gesetze heute im Leben gelten. Es war doch
+meine Pflicht, möglichst vielen dieser lebensschwangern
+Tierchen die nächste Wiedergeburt abzutreiben!&laquo;
+
+</p><p>Seine Augen noch baumwärts gerichtet, strauchelte
+er über hervorstehende Straßenbahnschiene, fühlte sich
+plötzlich im Besitze zweier Kniee. Die leicht kitzelnden
+Schrammen bluteten stark, und indem er die eine
+gerechte Strafe Gottes behauptende Stimme seiner
+Mutter abwies, beschloß er, diesmal kein Mädchen zu
+frequentieren, da er spürte, er könne diesen Abend
+mit dem einen sanften Kräfteverlust ganz gut auskommen.
+
+</p><p>Wieder in sein Zimmer ausgespien, fragte er sich,
+ob er den intriguanten Spiegel weiß oder schwarz verhängen
+solle. Die Antwort darauf gab ein Knall, irgend
+etwas, Stein oder Kugel, durchschlug Doppelfenster
+und Spiegel. Wodianer riß erfreut die Fenster auf,
+lehnte sich über die Brüstung, und seine Augen bohrten
+sich in die nächtigen Parks, aus denen her das Feindselige
+zu ihm gedrungen war. Dann verfolgte er, bei
+jedem Schritt Glassplitter zermalmend, die Flugbahn des
+Geschosses, fand eine abgeplattete Revolverkugel .&nbsp;.&nbsp;.
+und nannte schließlich diese Begebenheit irrsinnig, da
+ihm bis zum Überdruß bekannt war, daß er außer
+etlichen imaginären Halunken und Ausgeburten seines
+Hirnes keinen realen Freund oder Feind auf der Erde
+<!-- page 059 -->
+besaß. Die Schrammen der Knie bluteten noch immer
+im leisen Rhythmus eines kleinen Schmerzes. Er legte
+keinen Verband an. Schmutz in der Wunde? Wenn
+ein lächerlicher Sturz die Macht hatte, ihm durch Blutvergiftung
+das Leben zu nehmen, dann pfiff er überhaupt
+auf diese dumme Errungenschaft .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Irgendwer hatte also nach ihm geschossen. Er ahnte
+dumpf und immer heller die altruistische Verpflichtung,
+den wohlgemeinten Versuch des Unbekannten zu Ende
+führen zu müssen, lud, am Fenster stehend, die abgeplattete
+Revolverkugel mechanisch in den Lauf eines
+Schießinstruments, die Sache ging zielgerecht in seine
+duellalte Schläfennarbe los, und mit der Hand nach den
+Sternen greifend, als wolle er diese Steinchen auf irgendwen
+werfen, hörte er noch, gegen den zertrümmerten
+Spiegel fallend, verzweifelt als letztes Wort in der Sprache
+der alten Welt die bekümmerte und eines tschechischen
+Akzentes nicht entbehrende Stimme des Ewigkeitsschaffners:
+&raquo;Wodianer-Bruckenthal-Sarmingstein umsteigen!&laquo;
+<!-- page 060 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-10">Tod eines Seebären</h2><p>
+
+</p><p class="first">Seit Kaiser Schnurrbart die Mode auf dem Kontinent
+kreiert hatte und auch im Königreich Kujavien
+jene reizenden Galeeren, die man Dreadnoughts
+nennt, eingeführt worden waren, kannte der Hochmut
+der Marineoffiziere dieses Landes keine Grenzen. Daß
+Jeremej, der junge Herrscher, niemals in einer anderen
+als der Admiralsuniform gesehen und photographiert
+wurde, mußte die frevelhafte Überhebung der Seeleute
+steigern, namentlich aber den Neid aller Kasten hervorrufen,
+die bis dahin den Großherrn mit einiger Berechtigung
+den Ihrigen hatten nennen können. Dubrogin,
+der Oberste der Spione, welcher übrigens dieser Bezeichnung
+den Titel eines Polizeiministers vorzuziehen
+liebte, ergrünte vor invidiöser Wut. Hatte doch früher
+er den um seine Sicherheit bangenden Fürsten besessen
+und reichen Sold und große Ehrungen zur Stärkung
+seiner dem Regenten teueren Lebensenergien bezogen.
+Nun hingegen vertraute der treulose Monarch den
+Schutz seiner Existenz den Seefahrern an, in deren
+Gesellschaft er die Tage seines Lebens verabschiedete.
+
+</p><p>Dies war so gekommen: die Küste des Reiches, die
+Gestade des Blutigen Meeres, beschmutzten Stämme
+der Skiapoden und Monokotyledonen, und um deren
+Sprach- und Futterstreitigkeiten, sowie daraus erfolgenden
+Aufruhr in Schranken zu halten, bedurfte es einer
+stets paraten, bewaffneten Macht. Da die Seebehörden
+<!-- page 061 -->
+die nächsten am Platze waren, hatten sie wiederholt
+eingegriffen und durch ihre geräuschlosen Gewalttätigkeiten
+die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich
+gelenkt und sie schließlich in dem angegebenen Grade
+zu fesseln gewußt. Der Oberste der Spione aß vor
+Wut darüber seinen Bart, ja, er ward der Freuden
+dieser Welt überdrüssig. Solches wurde also sichtbar: Im
+Königreiche Kujavien wie überhaupt in der gesamten
+Biosphäre sind die meisten Wesen genötigt, durch Einsatz
+und Preisgabe einzelner Körperteile und Fähigkeiten
+die übrigen zu ernähren. Dieses Lebensgesetz
+führt zu fast grotesken Nutzanwendungen. Zum Beispiel:
+eine verhältnismäßig große Anzahl von Mädchen
+kann nicht anders als durch jedermann anheimgestellte
+Benützung ihrer Leibesöffnungen den Magen mit Speisen
+füllen. Diese nichts als tragikomische Beschäftigung hatte
+aber irgendein alter Prophet, der sich von Gurkensalat
+nährte, scheinbar verurteilt. Demzufolge und aus
+vielen anderen ebenso triftigen Gründen müssen die
+Mädchen, wenn sie trotzdem auf die beschriebene Art
+zu eiweißhaltigen Substanzen gelangen wollen, Tribut
+zahlen, die Grausamkeit der über sie verhängten Gesetzesdrachen
+einlullen, in Schlaf wiegen. Also mußte,
+gleichwie jedes einzelne der Weibchen Körperteile zugesetzt,
+prostituiert hatte, auch die Gesamtheit, die
+Zunft, eines ihrer Glieder opfern, es den Spionen zum
+Fraße hinwerfen. So ward denn eines Tages nach alter
+Sitte ein Mägdlein namens Lisaweta seiner Schönheit
+wegen zum Opferlamm auserkoren. Mit Blumen, Bändern
+<!-- page 062 -->
+und Edelsteinen aufs herrlichste geschmückt, einen
+Myrtenkranz auf dem Haupte, wurde sie von ihren
+weißgekleideten Genossinnen unter frommen Gesängen
+unserem Dubrogin dargebracht, daß er segnend seine
+Hände auf sie lege und die Blüte ihres Leibes verkoste.
+Er aber befahl ihr nicht, ihren Körper zu entblößen
+und sich zu lagern, der Tyrann gab ihr keinen
+einzigen seiner Blicke, die Lieder ihrer Augen und der
+Gesang ihrer Schenkel rührte ihn nicht, und das arme
+Kind, sich so verschmäht sehend, vergoß reichliche
+Tränen, und es brach ihr das Herz.
+
+</p><p>Die Späher in ihren Höhlen sannen vergebens darüber
+nach, was wohl die Mißstimmung ihres Häuptlings
+hervorgerufen haben möge? Aber einer unter
+ihnen, der bislang noch nie eine Erhöhung der zu
+seiner Mast bestimmten Speiserationen hatte bewirken
+können, im Gegenteil von jedem diesbezüglichen Bittgang
+mit zertretenem Zylinder heimgekehrt war, besaß
+ein kluges und ehrgeiziges Weib. Sie erriet die Ursache
+der Verstörtheit des Gewaltigen, und nicht genug
+daran: es fiel ihr ein Mittel ein, wie geschaffen, dem
+Regenten die Freude am Umgang mit den Wassermännern
+zu zerstören.
+
+</p><p>Wenn nämlich die Seebären nach langer Fahrt ans
+Land steigen, befällt sie regelmäßig eine unendliche
+Sehnsucht nach Seebärinnen. Viele aber unter ihnen,
+nicht fähig, eine große Ewigkeit enthaltsam zu überstehen,
+hatten ihre Lust mangels an so vollendet angepaßten
+Materien, wie es Mädchen sind, an minder
+<!-- page 063 -->
+geeigneten Objekten gebüßt und fürchteten nun, dadurch
+an Liebenswürdigkeit verloren zu haben, die
+Prüfungen bei ihren Damen nicht zu bestehen und
+der Strenge des Auswahlgesetzes zum Opfer zu
+fallen. Obgleich manche aus ihrer Mitte berufen waren,
+dereinst an der Spitze ganzer Geschwader zu stehen,
+hatten sie doch nicht so viel allgemeine Bildung, um
+zu wissen, daß diese Verstimmung ihrer Generationswerkzeuge
+nur kurze Zeit anhalten, späterhin, kraft
+eines Weltprinzips, die Funktion das Organ tauglich
+schaffen würde. Unwissend lechzten sie nach Gewaltmitteln,
+die ihren Liebeswillen ins Ungeahnte steigern
+könnten. Diesem ihren Wunsche kam die Frau
+jenes beförderungssüchtigen Unterspähers entgegen. Sie
+erinnerte sich der Tage, an denen sie sich zu ihrer
+höchsten Befriedigung gemeinsam mit dem uralten
+Fürsten Yohimbin jenen transversalen Schwingungen
+überlassen hatte, deren innerer Gang und Rhythmus
+vielleicht dem der Bewegungen sehnsüchtig an- und
+auseinanderprallender Sterne gleicht. Tückisch sandte
+sie zahlreichen Kapitänen magische Zigarren, die angeblich
+ein vortreffliches Aphrodisiakum waren, in Wirklichkeit
+jedoch einen Stoff enthielten, zu dessen nebensächlichen
+Eigenschaften es gehörte, das menschliche
+Leben wesentlich abzukürzen. Ein Meergreis versuchte
+eine der Zauberzigarren, und sein Leib gab sich den
+Wirkungen des Giftes hin.
+
+</p><p>Dies geschah gerade zu der Zeit, da ein ansehnliches
+Kometenmännchen sich der Erde in Liebe zu
+<!-- page 064 -->
+nähern begann, Es wollte ein zartes Liebesspiel spielen,
+die Veteranen aber und die Bürger beschlossen aus
+einer Art Patriotismus, ihre Schädel recht hart zu
+machen, um, soviel an ihnen lag, Widerstand zu leisten,
+die Erde zu verteidigen. Vielleicht ganz gegen die Absicht
+ihrer Herrin und Ernährerin, die wohl längst von
+solchem Zusammenstoß geträumt hatte.
+
+</p><p>Trotz der Koinzidenz mit einem so seltenen Ereignis
+rief der Tod des Admiralaspiranten großes Aufsehen
+hervor. Von den Spionen bestochene Gazetten
+führten den Meuchelmord auf avancementlüsternen
+Brotneid zurück, und Jeremej, der junge König von
+Kujavien, entsetzt über so niedrige Gesinnungen und
+für sein Leben bangend, mied die Gesellschaft der Seeteufel
+und flüchtete eilends in die Windeln, die Dubrogin
+für ihn bereit hielt. Doch bald ermannte er sich wieder
+und verließ seinen Schlupfwinkel, ja! er konnte den
+Augenblick nicht erwarten, da ihm der Leibdiener die
+Admiralsjacke ausgezogen haben würde. Und jetzt geht
+der glorreiche Monarch auf und ab, rastlos auf und
+ab, Extraausgaben der namhaftesten Zeitungen sind
+in Vorbereitung, alle Untertanen harren in gespanntester
+Aufmerksamkeit des Momentes, der ihnen die Nachricht
+bringt, welche Uniform er nun tragen wird &mdash; dem
+Kometen entgegen.
+<!-- page 065 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-11">Ausflug</h2><p>
+
+</p><p class="first">Auf einem meiner Spaziergänge durch das Weltall
+stolperte ich über den Schicksalsbaum, der
+in solid-arischen Zeiten Weltesche Ygdrasil hieß,
+nun aber längst blattlos verschrumpft, zwerghaft verkommen
+ist und von den Rittern des Raumes &raquo;Baum
+im Elend&laquo; genannt wird. Klein erschien er meiner
+hungrigen Seele, und auch ein Webstuhl der Zeit, an
+dem Baum mechanisch befestigt, wollte auf mich keinen
+besondern Eindruck machen. Zunächst darum, weil
+dieser Webstuhl der Zeit keineswegs sauste, sondern
+sich als versonnen einen Abgrund überhängendes
+Spinnennetz darstellte, in dem überwältigt, fliegengleich
+eingesponnen, linsengroß die Sonnen hingen und
+auch, kaum erkennbar, wie verrückt sich abzappelnd,
+die Laus &raquo;Erde&laquo;. In der Mitte des Netzes ein Fettpatzen,
+schwarz wie die Notwendigkeit: die Riesenspinne
+&raquo;Zeit&laquo;. Ich wollte ihr eine Nadel in den Hinterleib
+stechen, aber das darf nur der Finger Gottes.
+<!-- page 066 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-12">Vorbild</h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Über die Bewohner von Morbihan, eines
+kleinen und momentan noch sehr jungen Sternes,
+erzählen die großen Weltfahrer der Vergangenheit seltsame
+Dinge.
+
+</p><p>Früher erblickten die Sklaven des Palalu von Ohobdiro
+niemals die Sonne. Dann aber kam Jesus der
+Zweite, Schmernerenx, den ihre Jambenkönige in vielen
+heiligen Liedern als Erlöser namhaft machen. Infolge
+seines ergreifenden Gesanges wurden die den Bergwerken
+Verfallenen immer beim Erscheinen eines Schweifsterns,
+mit den trefflichsten Ketten gefesselt, an die
+Oberwelt geführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt.
+Die Herren gewährten dies, auf daß die Arbeiter
+nicht das Gesicht verloren wie gewisse Fische in den
+Tiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für die
+Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre Sprechwerkzeuge
+dabei nicht zu herzzerreißenden Klagen mißbrauchten,
+wurde ihnen vorher die Zunge schmerzlos
+entfernt. Kam nun der Komet seines Weges, so riefen
+alle Freien &raquo;Heil&laquo;, entblößten das Haupt zum Zeichen
+ihrer Verehrung für den seltenen Gast, und sprachen
+fromm die anläßlich des Aufblitzens eines Haarsterns
+vorgeschriebenen Gebete. Einen Augenblick auch wurden
+die fahlen Gesichter der stummen Sklaven der
+schmerzenden Helle überlassen, sodann jeder wieder
+seinem Schachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt.
+<!-- page 067 -->
+
+</p><p>Ein einziger Heiland kann ja auch gar nicht die
+Kraft haben, die moralische Zusammensetzung der
+Geschöpfe dauernd zu wandeln, er vermag auf diese
+chemischen Elemente höchstens färbend, kalmierend einzuwirken.
+Anhaltenden Erfolg dürfte aber erst die
+lange Reihe, das Ineinandergreifen von zwanzigtausend
+erstklassigen Erlösern erzielen.
+
+</p><p>Den letzten Berichten nach scheinen mittlerweile wieder
+einige in Messiasse verwunschene Söhne des Sonnenfürsten
+zu längerem Aufenthalt auf Morbihan eingetroffen
+zu sein. Ein gewisser Fortschritt, vielleicht
+dem Entwicklungsdogma entsprechend, läßt sich jedenfalls
+nicht ableugnen: den Knechten der Bergwerke
+wurde zu Zuchtzwecken Oberweltsurlaub bewilligt.
+Diese Neuerung verdankten sie einer Reform der theologisch-wissenschaftlichen
+Anschauungen. Man sah in
+der herrlichen Annäherung eines Kometen an einen
+Wandelstern Werbung. Wer auf eine Staatsanstellung
+Anspruch erhob, mußte in dem stets entfalteten Pfauenrad
+und Feuerschweif des Irrlichtes &mdash; dieses wie bei
+zahlreichen anderen Kreaturen bedeutend kleineren
+Männchens &mdash; einen Balzakt, eine Exhibition erblicken.
+Jeden Gedanken an prahlerische Mimikry außer acht
+lassend, glaubte man, alle diese Scheingestirne seien
+Zuchtsterne, Befruchtungssterne, von irgendeiner Macht
+an einem der himmlischen Harems, an den Planetenweibchen
+eines Sonnendistriktes entlang geschleudert.
+
+</p><p>Nun untersagte aber ein Religionsparagraph den
+Leuten von Morbihan, die Begattungskrämpfe ihrer
+<!-- page 068 -->
+Eltern zu betrachten. Also verboten die Großpriester
+ihren Anhängern einen unzüchtigen Anblick: die Beobachtung
+des Liebesspiels ihres Muttersternes mit
+dem Kometen.
+
+</p><p>Da es für ein böses Omen galt, der Geburt eines
+Mondes beizuwohnen, ferner den unschuldigen Spermatozoën
+des Feuerverzehrten Amanten schädliche Eigenschaften
+angesonnen wurden, und zwar: den Gasen
+und Dämpfen eine den Atemorganen unbekömmliche,
+dem befruchtenden Magma, wenn es an der Oberfläche
+des Sternes zu Meteoriten gefroren war, sogar
+eine zermalmende Wirkung &mdash; erklärten sich die Machthaber
+bereit, die Arbeitstiere als Bazillenfänger zu verwenden,
+sie zwischen sich und die giftigen Ejakulationen
+zu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich
+ja stets vorsichtshalber, um nicht von der Geliebten
+verspeist zu werden, in respektvoller Distanz. War
+aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er notgedrungen,
+gesetzlich-galant der Morbihan den Hof
+machen &mdash; nach den ebenso ehernen als lädierlichen
+Geschlechtsregeln des Sonnendistriktes R. Nahte endlich
+der schöne &raquo;Telecoitus&laquo;, so bedeckten die Gewaltigen
+ihre Augen, stiegen, diesmal frommverhüllten
+Hauptes, tief in die nun schützenden Berge hinab.
+Aufwärts die Helotenmaschinen.
+
+</p><p>In jenen Tagen der Angst verrichteten die Oligarchen
+unten in halb erheuchelter Demut das niedrige
+Handwerk der Leibeigenen. Der jähe Umsturz, der
+plötzliche Übergang von der Verehrung des Kometen
+<!-- page 069 -->
+zur Flucht vor dem Untier, dürfte allerdings schwerlich
+ohne blutige Religionskriege vor sich gegangen sein.
+War jedoch dieser Evolution wider alle Berechnung
+ein friedlicher Verlauf beschieden, so leitete die Regierenden
+dann wohl die Erwägung, eventuell, statt selbst
+sterben zu müssen, bloß die Hörigen fallen zu sehen.
+Außerdem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils,
+dem Gutachten eines weisen Schäfers entnommen. Er
+sprach: &raquo;Melancholie und Verstimmung &mdash; unverbrauchte
+Überkraft. Jedes unbefruchtete Ei weint in dem Weib,
+jeder verhaltene Samen weint in dem Mann. Liebe
+ist entweder eine Autointoxikation durch überschüssiges
+Sperma oder eine Vergiftung durch die Sekrete und
+Gase, durch die Strahlen und Düfte anderer. Gleichwie
+nun die der Zeugung Beflissenen Eier und Samen
+der getöteten Tiere: unterworfener Stämme als zweckdienlichstes
+Futter verspeisen, könnten die erotischen
+Ausstrahlungen des wackeren Kometen eine vermehrte
+Geschlechtstätigkeit, eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwindigkeit
+der Sklavenkaninchen hervorrufen!&laquo;
+
+</p><p>So ereilten die Proletarier von Morbihan gefährliche
+Saturnalien. Während der ganzen Brunstzeit des Kometenviehs
+durften die Zuchttrotteln im Lichte weiden,
+sich an dem seltenen Spektakel ergötzen. Ob zu ihrem
+eigenen oder dem Verderben in so siderischer Luft geschaffener
+Kinder und Enkel &mdash; darüber fehlt nicht
+bloß in den Erzählungen der großen Weltfahrer der
+Vergangenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes
+jede Andeutung.
+<!-- page 070 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-13">Mammuthbaum</h2><p>
+
+</p><p class="first">In seinem Sputum hat man Kometen gefunden. Er
+starb an Lungensternen, jenen winzigen und scheinbar
+so harmlosen Mikroorganismen, die wir Planeten
+nennen. Was hatte diese gräßliche Erkrankung aufgerufen?
+Wahrhaftig, ich schäme mich es auszusprechen:
+Rassenhaß!
+
+</p><p>Draußen spazieren die zarten Frühlingsdamen, ich
+kann ihnen nicht nahen. Unablässig sehen meine
+Augen jenes tragische Ereignis vor sich. Und so ist
+es mir beinahe lieb, daß von mehreren Seiten an mich
+appelliert wurde, einige &raquo;Details&laquo; der Öffentlichkeit
+preiszugeben. Da der Zweck ein löblicher, ja patriotischer
+ist, will ich, obgleich das Ansinnen fast eine
+Frechheit war, weil kein anderer den Fall auch nur
+mit den Fingern berühren mag, die Sache auf mich
+nehmen und in den Schlund springen .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Reginald Mammuthbaum mußte endlich Rücksichten
+dem Vaterlande gegenüber platzgreifen lassen. Snob schon
+der Abstammung nach, wählte er das exklusivste Garde-Regiment.
+Früher war die Sache lebenslänglich und die
+Anführer dachten: &raquo;Was heute nicht geschieht, geschieht
+morgen&laquo;. Seitdem man aber diese detestable tausendjährige
+Dienstzeit eingeführt hat, eilt den Vorgesetzten
+die Ausbildung, und die Lage der Rekruten ist eine sehr
+prekäre. Gar die Mammuthbaums haben nichts Gutes.
+
+</p><p>Nun, vorerst wurde das Usuelle gegen den Eindringling
+<!-- page 071 -->
+angewendet. Jahrzehntelang Gelenksübungen im Chaos,
+Kanonenschultern, Kniebeugen, Bauchwellen, Eilmärsche,
+man stelle sich vor: mitten im bittersten Universum!
+
+</p><p>Das Terrain ist koupiert, gibt man einen Moment
+nicht acht, auf ja und nein hat man sich einen giftigen
+Stern eingetreten und wird ihn nie wieder los. Und
+die Gefühle! Riesenzecken sind nichts dagegen .&nbsp;.&nbsp;.
+Sterne aber, vor denen hatte Sidonie, Reginalds Mutter,
+großen Respekt. Sie sagte stets: &raquo;Kinder, wenn ihr die
+Welt aufeßt, immer hübsch die Sterne ausspucken!&laquo;
+
+</p><p>Wie man weiß, gibt es viererlei Sorten von Sternen.
+Ihr Wohlgeschmack und Nährwert ist ihrer Größe gerade
+proportional. Erst das reifere Alter, und zwar nur
+der geschlechtlich quieszierten Exemplare verbürgt bei
+den Siderozoën die Genießbarkeit. Jugendliche oder gar
+infantile Individuen sind als unbekömmlich, unter Umständen
+sogar als giftig zu bezeichnen. Im übrigen ist
+ihr Wachstum wie das unsere an Nahrungsaufnahme
+gebunden, nur sind sie hierbei ganz auf schwächere,
+jüngere Artsgenossen beschränkt. Geselligkeitstrieb, was
+dasselbe wäre: Erotik, d. h. Hunger läßt Kometen größeren
+Kometen verfallen. Das größere Gewicht hemmt die
+Flüchtigkeit der neuentstandenen Organismen, die man
+Satelliten nennt, sie erliegen der anziehenden Kraft
+der Planeten und werden von ihnen schließlich einverleibt,
+All das nichts als Etappen der Sonnenbildung, Stationen
+auf dem Wege zum ausgewachsenen Fixsterne.
+
+</p><p>Nur die Sonnen lassen sich leicht fangen, da sie
+nicht liebedurstig einherirren wie die jungen, sondern
+<!-- page 072 -->
+sexuell gesättigt und wiederkäuend ruhig an einem Ort
+verharren, bis die Luftfischer unseres Kaiserreiches
+Mirabilien kommen und nach ihnen sehen. Dann sprechen
+wir das Tischgebet und streichen uns die nahrhaften
+Körner wie Fischrogen aufs Brot .&nbsp;.&nbsp;. In geringer
+Quantität sind sie ganz unschädlich, in großen
+Mengen hingegen rufen sie Cholera hervor .&nbsp;.&nbsp;. Ich
+für meine Person vertrage ziemlich viel. Sterne, in Essig
+eingemacht, munden mir wenigstens bedeutend besser
+als Schwammerln. Die eßbaren Altersstufen selbstverständlich.
+Und auch die darf nur verzehren, wer einen
+heilen Mund besitzt. Sogar unzubereitet schmecken die
+kleinen, gustiösen Flammenbälle sehr pikant. Freilich:
+die Mitglieder des Tierschutzvereines schlagen Lärm, wenn
+man die armen Tierchen roh, bei lebendem Leib schnabuliert.
+Und die Vegetarier gar erblicken im Sternkonsum,
+in der Vereinigung mit niedrigstehenden Geschöpfen
+Sodomie .&nbsp;.&nbsp;. Aber &mdash; Verzeihung dem Ausdruck &mdash;
+wer wird sich noch um diese alten Weiber kümmern!
+
+</p><p>Was unseren R. M. anlangt, so haben ihn derartige
+Anwürfe nie treffen können, seiner Mama ängstlich-nasale
+Laute: &raquo;Reggie! Paß auf, daß du keine Planetoiden
+schluckst!&laquo; hielten den Feigling ab, sich eine gewisse
+Fertigkeit im Sternschlucken anzueignen. Wahrscheinlich
+glaubte die würdige Dame, wie so manche
+Laien, diese Pfefferkugeln seien den Nieren unerwünscht.
+Vielleicht war auch in ihren famosen Speisegesetzen
+dieses Nahrungsmittel verboten und ein Rest von Antipathie
+zurückgeblieben. Ich weiß es nicht.
+<!-- page 073 -->
+
+</p><p>Des schlappen Kerls reglementwidrige Furcht vor
+den Himmelsinfusorien wurde irgendwie notorisch. Und
+die Offiziere wollten einen derartigen Temperenzler
+nicht im Korps dulden. Niemand wird ihnen das weiter
+verübeln. Nur die Art und Weise, wie sie ihn abreagierten,
+war schon mehr als unkollegial. Man machte
+Reginald trunken.
+
+</p><p>Unter dem Beistande des logischerweise gesinnungsverwandten
+Koches, der das fatale Nahrungsmittel schlecht
+passierte, im Zeichen eines symbolischen Termines,
+wurde von den Aufrechten Mirabiliens die übelriechend-zertretene
+Minderheit und Varietät in Mammuthbaum
+vernichtet. Ein krasser Fall von Soldatenmißhandlung!
+
+</p><p>In der Ehrenstunde unseres Repräsentanten, der 5%
+Jehovaleute und 95% Andersgeartete zu vertreten
+hat, dessen Selbsterhaltungstrieb also mit einiger Notwendigkeit
+für die verschwindende Minorität weniger
+übrig haben muß als für die dominierende Masse
+seiner Stammesgefährten: am Geburtstag des Selbstherrschers
+machte man Reginald trunken.
+
+</p><p>Im Urrausch fand er ein säuerliches Gelee, eine
+verhängnisvolle Sternsauce, sehr plausibel. Der Unglückliche
+litt an chronischem Rachenkatarrh. Die verschiedenen
+Sonnensysteme taten ihm nicht wohl und
+ein Satellit, ein verdammter kleiner Mond, blieb in der
+Kehle stecken. In dem törichten Bestreben, durch plötzlichen
+Schreck das Schlucken zu erleichtern, nannten die
+Offiziere den Namen der Speise.
+
+</p><p>An wunden Stellen mochte es schon früher im Rachen
+<!-- page 074 -->
+nicht gefehlt haben, heftiges Würgen vergrößerte sie,
+und ließ die seltenen Gäste in die Blutbahnen eintreten,
+wo sie erfahrungsgemäß giftig wirken. Namentlich
+wenn Trunkenheit ihre Virulenz steigert.
+
+</p><p>Zu spät holte man mich. Ich legte mein Ohr an
+Reginalds Thorax. Wenn Bazillen in unsereinen einmarschieren,
+singen sie zuerst ihre Volkshymne. Es
+ist ja ein Triumph für sie. Und auch diese hier produzierten
+sich im Mammuthbaum: bei ihren Atembewegungen
+und Umschwüngen summten die Sterne
+in ihm &mdash; ihm und sich die Sterbegesänge.
+
+</p><p>Die Krankheit dauerte relativ lang. Spät erst traten
+die Vorboten der Agonie auf: er erzählte Gleichnisse,
+einen Witz zwei- oder dreimal ein und demselben
+Zuhörer. In normalen Fällen pflegen wir ein Individuum,
+das so weit ist, zu erschießen, da es um
+erinnerungslos-greise Hirne nicht schad ist und wir
+Gesunden unter zu oft wiederholten Leitmotiven wimmern.
+Man muß es demnach als ein Zeichen von Schuldbewußtsein
+auffassen, daß man befahl, ihn über diese
+Grenze hinaus zu erhalten. Und die nach seinem Tode
+erfolgte Verfügung, laut der Gestirne von nun ab
+nur gegen ärztliche Anweisung verkauft werden dürfen,
+läßt sich ebenfalls nicht anders deuten.
+
+</p><p>Ich ahne es tief: man wird, dieser scheinbaren Anklage
+wegen, mich, den in vielen Feldzügen dekorierten Stabschirurgen,
+mit Demokraten, Anarchisten oder gar Judäophilen
+in einen Topf werfen wollen. Das Gefühl der
+Pflichterfüllung wird mich über alle Anwürfe hinausheben.
+<!-- page 075 -->
+
+</p><p>Es gibt nur zwei Wege. Entweder erläßt man wieder
+den Kultusgemeinden die Blutsteuer. Abgesehen
+von der erziehlichen Wirkung, welche die komische
+Körperhaltung der semitischen Soldaten auf die restliche
+Mannschaft ausübt, verliert man damit ein großes
+Quantum Kanonenfutter .&nbsp;.&nbsp;. Oder aber, und dazu
+möchte ich einraten: man verbiete den jüdischen Trilliardären,
+wenn sie schon adelshalber wohltätig sein
+wollen, das Gründen von Krankenhäusern für Konnationale.
+Man stelle nichtarischen Schriftstellern vorläufig
+den Betrieb ein. Man drohe Bibliotheksbenützern
+aus den Kreisen der Übelnasigen mit der Todesstrafe!
+Faßlicher zu sprechen: Siechenhäuser ins Leben
+rufen, heißt die Folgen bekämpfen, wo sich mit geringerem
+Aufwande die Ursache entfernen ließe: einfach
+durch Kreierung von Sportplätzen für die Patriarchenstämmlinge.
+
+</p><p>Die Regierung wird anfänglich meinem Projekte mit
+Mißtrauen begegnen. Wenn die Zionisten des Universums
+die für sie charakteristischen Gesten und Körperlinien
+verlieren, muß das Ministerium befürchten,
+bei den Wahlen die Stimmen der Satiriker billiger
+Wirkungen, die Stimmen der Karikaturisten tiefstehender
+Rassen einzubüßen.
+
+</p><p>Demgegenüber fällt ins Gewicht: es ist wahrscheinlich,
+daß wir zu groß sind, um von den Sternen oder
+gar schmarotzenden Bewohnern derselben gesehen und
+verstanden werden zu können. Dies darf uns aber nicht
+abhalten, dies entbindet uns nicht der Pflicht, uns vor
+<!-- page 076 -->
+diesen immerhin denkbaren Zuschauern anständig zu
+benehmen, unsere Tugenden exhibitionistisch vor ihnen
+zu entfalten und unsere Stellung als einzig-echte Bekenner
+wahrhaft humanen Christentums im Weltall
+von neuem zu kräftigen.
+
+</p><p>Ich verbitte es mir, in meinem Exposé eine Beschuldigung
+erblicken zu wollen. Ich bin überzeugt, daß der
+größte Teil unseres Offizierskorps geschilderter Art
+der Mißhandlung jenes Freiwilligen innerlich ganz verständnislos
+gegenübersteht.
+
+</p><p>Unterdrückte Klassen sind eben immer an sich lächerlich,
+und man steinigt, man reagiert auf diese Lächerlichkeiten
+absichtslos, rein instinktiv. Unerlaubt ist es
+bloß, unterdrückte Völker in einem Grade zu demütigen,
+der dem eigenen Land abträglich ist. Diese Möglichkeit
+liegt vor, deswegen erhebe ich meine Stimme.
+
+</p><p>Mit den Gesetzen der Biologie nicht Vertraute werden
+behaupten, ich übertreibe. Das ist unwahr. Jedes
+Wesen weicht gern seinen Peinigern aus. Und so liegt
+gegenwärtig bei den diversen Mammuthbäumen ein
+den Rekrutierungen unbekömmlicher Wille zur Degeneration
+vor. Ihre Füße besitzen bereits keine Trittfläche
+mehr, nach der gewiß authentischen Klageschrift der
+Hutmachergenossenschaft weisen ihre Lockenköpfe sonst
+bloß bei Säuglingen statthafte Dimensionen auf. Sie
+wollen ihren Angreifern die ausgesucht kleinste Zielscheibe
+darbieten, sie verwehrlosen, verflüchtigen sich,
+sie schrumpfen ein, sie ducken sich unter das Militärmaß.
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nicht da nicht dort, by Albert Ehrenstein
+
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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