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Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +Zwischen neun und neun + + + + +Ein Verzeichnis der Schriften von Leo Perutz findet sich am Schluß +dieses Buches + + + + + Zwischen neun und neun + + Roman + von + Leo Perutz + + 4. bis 6. + Auflage + + Albert Langen, München + + + Copyright 1918 by Albert Langen, Munich + + Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, + auch für Rußland, vorbehalten. + + Leo Perutz + Albert Langen + + + + +1 + + +Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem +Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein +schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bewölkt. Das +richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber Frau +Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und +die Greislerin beschloß, den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu +füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen. Vorsichtshalber +versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der +im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr +in der Wertschätzung eines guten Schnapses völlig überein. + +Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie +allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein +Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwölf Heller +»saure Zuckerln« kauften. Die Köchin der Frau Inspektor aus dem ersten +Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat und zwei Kilo Erdäpfel +bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich +einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück im Geschäfte der +Frau Püchl erstand. + +Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte +Frau Püchl alle Hände voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte +Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehörte, zu einem +längeren Plausch. Das Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der +Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenkäs zugestoßen +war. Und in diesem Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus +Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen +merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen +Gesprächsstoff bot. + +Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschloß, +einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere +geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er +eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand, +sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem +rechten Knie die Tür aufzustoßen, was ihm nach einigen Versuchen auch +gelang. + +Dann schob er sich in den Laden. Er war ein großer, breitschultriger +Mensch mit einem kurzen, rötlichen Schnurrbart in einem sonst +glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu einer +Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände staken, wie in einem Muff. +Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren +schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straßenkot bespritzt. + +»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er. + +Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich aber vorerst in ihrem +Gespräch mit der Trafikantin nicht stören. + +»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's +vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo +b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', -- na also, i sag' +Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, daß ma'n hätt' glei auf a +Sommerfrisch'n schicken können zur Erholung. Alles wach, alles +zerlaufen. Was bekommt der Herr?« + +Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fuß mehrere Male +heftig gegen den Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber +rasch. Ich habe Eile.« + +Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen +Gesprächsthema abdrängen. »Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,« +sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht bedienen.« Das +»z'erscht bedienen« bestand vorerst lediglich darin, daß sie die +Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab. + +»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir +der Mensch! Er hat« -- sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten +Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. -- +»Aha, da seh'n S', da steht's: ... ›den Käse ordnungsgemäß verpackt, und +habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware während des +Transportes erleidet, nicht aufzukommen‹. Für den ›geringfügigen +Gewichtsverlust‹! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.« + +»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei die Leut',« meinte die +Trafikantin. + +»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'läut't. Glaub'n S', i +lass' mir das g'fall'n? Da wär' i ja der Trottel umasunst!« + +»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!« + +»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so äußern tut!« rief Frau +Püchl im höchsten Zorn. + +Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen, +der nicht gewillt schien, noch länger auf sein Butterbrot zu warten. + +»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung von Nervosität, Hohn und +mühsam unterdrückter Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen +gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein +Butterbrot.« + +»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur a bisserl Geduld. Der +Herr hat's aber eilig!« + +»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz. + +»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau Püchl der fortgehenden +Trafikantin nach. + +»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm' nachher eh wieder auf an +Sprung.« + +»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in +einer Kanzlei?« fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur, +weil's der Herr so eilig hat.« + +»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,« antwortete Demba grob. + +»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das +Butterbrot zu. »Vierundzwanzig Heller.« + +Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er +nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die +Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm plötzlich ernste +Bedenken gegen den Genuß von Butterbrot aufgestiegen. + +»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die Greislerin. + +»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich. Oder glauben +Sie, daß ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?« + +Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden +hin. + +Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit der Fußspitze gegen den +Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein +Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten +unter dem horngefaßten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher. + +»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte Frau Püchl. + +»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?« + +»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst, dürre Wurst, Salami.« + +»Also Extrawurst.« + +»Wieviel?« + +»Acht Deka. Oder zehn Deka.« + +»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte +das Päckchen neben das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller, beides +zusammen.« + +Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte plötzlich +außerordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für +die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er +suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich +sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden und über +dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen +Roggenbrots.« -- »Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las er mit +großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten. + +»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?« fragte er dann +und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen +zwei Fliegen niedergelassen hatten. + +»Nein, das ist Brot aus den ›Heureka‹-Werken.« + +»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.« + +»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,« gab die +Greislerin zur Antwort. + +»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde immer rätselhafter. Jetzt +blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich +wütend in die Lippen. + +»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?« fragte er +plötzlich, während ihm ein kleiner Schweißtropfen die Stirne +herunterlief. »Mein Name ist Stanislaus Demba.« + +»Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?« + +»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und +das Wurstpäckchen. + +»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an. +Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt. + +»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor +ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte +glauben, in einem so großen Betriebe -- Geht's nicht? Gut. Das macht +nichts.« + +Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu, +die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden +Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt. + +»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?« fragte er dann. + +»No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie +halt die Witterung war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem +Strickstrumpf. + +Demba rührte sich noch immer nicht fort. + +»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?« + +»I glaub' net.« + +Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem +Strumpf, während Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen +völlig in Anspruch genommen war. + +Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl, das Salzgurken verlangte, +und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden +den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da. + +»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?« fragte er jetzt. + +»A Milli führ' i net.« + +»Also einen Schnaps?« + +»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?« + +Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht +wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie +das nicht gleich gesehen?« + +»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht, +daß Ihna davon besser wird,« sagte die Greislerin. + +Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. »Ja, ich bitte Sie +darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste +sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.« + +Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer +Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr +nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte, +fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen: + + »Herr von Bär + schickt mich her, + ob der Kaffee fertig wär' --« + +»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß wer drin is im Laden. +Weißt vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'?« + +»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und begann weiter zu +springen. + + »Morgen um acht + wird er gemacht, + morgen um neun + schaust herein --« + +Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber während sie das Schnapsglas +füllte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte. +Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche +Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen +gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht +gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn +Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen, +das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus +Maria-Zell! + +Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl +schreckensbleich in den Laden. + +Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube +gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld! Frau Püchl +ließ sich schweratmend in einen Stuhl fallen und riß wütend die Geldlade +auf. + +Aber es war alles in schönster Ordnung! Da stand die Schale mit dem +Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das +Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder. + +Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst +war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für +ihre »Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine +versöhnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld +gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte es ihm auch +geschenkt, wenn er sie darum gebeten hätte. Man ist ja schließlich doch +auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib. + +Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das +Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling +Ausschau zu halten. + +Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen. + +Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und +Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und +zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller. + +Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezählt und +sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen +hätte. + + + + +2 + + +Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von +Truxa, und seinem Hunde »Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den +Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen +Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend +auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung +betraut, muß den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem +grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten +Werke über die »Bildung altassyrischer Eigennamen« hat er sich in der +Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, während seine +scharfsinnigen Untersuchungen über »indische Kachelmotive und ihren +Einfluß auf die persische Teppichornamentik« seinen Namen auch in +weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben. + +Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der +Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der +Konsular-Akademie, ist weniger bekannt. + +Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein +vorzügliches kalmückisch-deutsches Wörterbuch an erster Stelle zu +nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die Häufung der +Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches +Werk: »Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme« haben auch den Weg +ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden. + +Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in +dieser Erzählung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch +angemerkt, daß Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer +mehrmonatlichen Studienreise aus dem nördlichen Haurangebiet +zurückgekehrt und derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche +Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener +chettischer und phönizischer Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat +Klementi zu bearbeiten und zu veröffentlichen. + +Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt sich seine Rasse mit +absoluter Zuverlässigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht +allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als -- im großen und +ganzen -- zu der Familie der Spitze gehörig bezeichnet. Er konnte +apportieren, Pfotl geben und »bitten« und besaß ein weißes, +braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament. + +Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im +Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu +bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und +behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum +Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst +grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang, +konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und +Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der +Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen +Tramway zu bringen. + +Der Liechtensteinpark war um diese Zeit -- es mochte gegen halb zehn Uhr +vormittag sein -- bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und +Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg, +Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her, +Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor. +Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an +der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes +Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete. +Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem +lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden +der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen. + +Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das +Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa +vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer +auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat +zu lebhaftem Widerspruch herausforderte. + +»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen +Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche +Reste der _Canabis sativa L._ enthielten. Unsere Vorfahren haben +zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt. +Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank +Nepenthes erwähnt wird, der ›Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen +Leides‹. Und das ›_Gelotophyllis_‹, das ›Kraut der Gelächter‹ der alten +Skythen, von dem Plinius spricht.« + +»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden +bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel +weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines +ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner +Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der +Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen +des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von +ähnlicher Wirkung anzusehen.« + +»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in +seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht +anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von +Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet +worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt: +Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines +neapolitanischen Hafenarbeiters -- welche Symptome könnten Sie übrigens +feststellen, Professor?« + +»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden +Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten +Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im +Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel. +Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus +und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das +Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei +sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe +gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger +ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der +arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.« + +»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen +Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat. + +»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt +sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne +Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.« + +Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber +unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit +absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem +menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das +Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem +Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des +Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich +und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar +im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei. +Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem +Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in +seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch +selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos +in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche +Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und +beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung +der Dinge. + +»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?« +fragte der Hofrat. + +»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und +bekam Magenbeschwerden.« Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs +zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit seinem Rockärmel sorgsam +von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkörnchen weg und legte ihn +dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich +sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem +Staube. + +Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem +weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes +Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt, führte sie zu ihrem +Lieblingsplätzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe -- Kinder, +die mit einer Rehkitz spielten -- und Gesträuch verborgenen und von zwei +Akazien beschatteten Bank. + +Auf der Bank saß Stanislaus Demba. + +Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in die Hände +gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl +Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner +Überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing +ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hände, +Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß. Die langen, leeren Ärmel +flatterten im Wind. + +Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war +feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen +nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas +Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten +in großen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung +die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen, zu deren Durchsicht der +heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates, +der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entriß, +war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet +wurde. + +Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom +Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz. + +Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lästige +Störung zu betrachten. Er hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich +verdrießlich in die Lippen. Er schien enttäuscht, als er sah, daß +Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und +wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zögerte, +blieb eine Weile unentschlossen stehen und ließ sich dann resigniert +wieder auf die Bank nieder. + +Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbögen geordnet +und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute +Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit +gestört. + +»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?« +sagte Demba mit einem unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm +zunächst saß. + +Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von +Dembas Extrawurst. + +»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.« Dembas Stimme +zitterte vor Wut. + +»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!« rief der +Professor verlegen. + +»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte der Hofrat, dem das +Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um +Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!« + +Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für +gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in +langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im +Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen +Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der +Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die +Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand +schnappte. + +Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte +jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen. + +»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die andere Seite der Bank +legen? Dorthin kommt der Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat. + +»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß, die Sachen auf die +andere Seite zu legen. Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt +dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben, +das werde der Herr wohl einsehen. + +Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bewölkt und keine +Spur von Sonne zu sehen war. + +»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht +mehr zu genießen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund +geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nämlich +selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste +dänische Butter.« + +»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?« bat der Hofrat. Cyrus +war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her. +Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig +mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen. + +»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu +sein. Nicht ein Stückerl läßt er übrig, nicht das allerkleinste +Stückerl.« + +»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?« fragte Professor +Truxa. + +»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem +Wetter geradezu einen Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.« + +Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba +schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren +etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß er ihren Hund mit +seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem +Hunde sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es sie nicht einen +Heller kostete. + +Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für rätlich halte, +sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen +Streit vom Zaun brechen. -- Um von Demba nicht verstanden zu werden, +bediente Professor Truxa sich des Idioms der nördlichen Tuaregvölker, +und zwar -- der größeren Sicherheit halber -- des Dialekts eines bereits +seit längerer Zeit ausgestorbenen Stammes. + +Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die +Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. -- Ob der Herr vielleicht +etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund +sein Frühstück zu schenken, -- fuhr er in gereiztem Ton den Professor +an. Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und Brot. Um vierundsechzig +Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube, +daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse, +um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen. + +»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte Professor höflich. Und der +Herr sei augenscheinlich ein großer Tierfreund, -- setzte er hinzu. + +»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus Demba in plötzlich +erwachter Begeisterung. »Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren +den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht? Schade!« -- Der Hund würde +es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, -- wenn er sich den Herren +vorstellen dürfe. Demba, _cand. phil._ ... Nach so einem Hund sei er +schon lange auf der Suche. »Und von wem hat denn der Hund das schöne, +rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch +her zu mir! Willst du Zucker haben?« + +»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem Herrn schön das Pratzerl.« + +Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die +Vorderpfote. + +Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche +Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel +heulend auf den Rücken. + +Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gruß davon. Das +untere Ende seines Mantels, den er über den Armen hängen hatte, geriet +ihm unter die Füße und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises, +metallisches Klirren war plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines +Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den +Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fußpfads. + +Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. »So ein +roher Mensch!« rief er entrüstet dem Hofrat zu. + +Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. »Professor!« sagte er leise, +ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das gesehen?« + +»Natürlich! So ein roher Mensch!« + +»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?« flüsterte Hofrat +Klementi geheimnisvoll. »Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch +beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der Stimmungen! +Dieser anfängliche Heißhunger, der sich plötzlich in Ekel vor allem +Eßbaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität gegen ein +harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat. +Professor! Merken Sie nichts?« + +»Sie meinen --?« fragte Professor Truxa. + +»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher hier bei uns! In +Europa!« + +Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht. + +»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein +Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!« + +»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat. + +»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der +Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher +vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der +Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen +Schatz bei sich zu tragen.« + +»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch +ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!« + +Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund +Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich +seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern +suchte. + +Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten, +war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder +verschwunden. + + + + +3 + + +Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den +beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie +im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub +und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem +Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und +Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb. +Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr +gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem +andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie +sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war +für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse +für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die +vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, -- bis sie +schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher +etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden +kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter +ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein, +wenn Sie fortwährend lesen.« + +Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen +Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der +zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit +über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, -- +bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein +Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium --, +worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer +Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf. +Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das +Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen: +»Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den +unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl +das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses +Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante +Themen hatte. + +Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen +Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein +für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für +sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der +Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar +Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben +Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam +und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei, +verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das +Fräulein zwei Karten.« + +Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch, +eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park +besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen; +Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus. + +»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein. + +»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht, wie man dran ist,« +meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Häkelarbeit hervor. + +»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', hätt' ich geschworen +darauf, daß es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt +ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.« + +Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein blätterte in ihrem Buch. Frau +Buresch häkelte. + +»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der +Bänke«, erzählte das Fräulein. »Vier Heller pro Person.« + +»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen, Fräulein, grau in grau ist +das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches, +ausgelassenes --« + +Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen ausgelassenen +Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger +Mann hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt. Und wenn sich ein +junger Mann neben das Fräulein setzte, dann wollte Frau Buresch um +Gottes willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an +das äußerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Häkelarbeit. + +Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern +geworfen und vorne flüchtig zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff +hinunter. Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen, wie +einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, daß er ein +paar Minuten lang ausruhen kann. + +Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, daß seine Nachbarin ein +ausnehmend hübsches Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr +aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden. + +Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt. + +Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte, +nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem +Buche aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man +ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen +Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von +andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte. +Vielleicht gehörte er zur Boheme -- dachte sie. -- So sieht er aus. Er +hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen +Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen +schweren und ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten +Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach +-- stellte das Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit +Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl abbürsten können, bevor er sich +neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend etwas an +dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschloß, sich seinen +Annäherungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das +wußte sie genau, entgegenkommend zu verhalten. + +Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht gerade origineller Weise, +indem er das Fräulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das ist +ein Ibsen, nicht wahr?« + +Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie +angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und +ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren. + +Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab' ich Sie gestört?« fragte +er. »Ich wollte Sie nicht stören.« + +»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen und tat, als ob sie +weiterlese. + +»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.« + +»Ja. Die Hedda Gabler.« + +Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wußte weiter nichts zu sagen. + +Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie +wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg. + +Ein bißchen schwerfällig ist er -- dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu +Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch +sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen +sei. + +»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. -- Weiter nichts. + +Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die +Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu +sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen +ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. +Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und +apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich, +ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen. + +Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem +solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit +einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten +überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, +ist das Gespräch im Gange. + +Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte +aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus +Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach +ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein +selbst nach dem Schirm bückte. + +Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das +imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen +vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen +Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht +galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger +Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht +hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen -- Frau Buresch häkelte und sah +nicht hin --, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen +hätte. + +»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen +verbieten, Ibsen zu lesen.« + +»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?« + +»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt +Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.« + +»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art +der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu +stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für +sich erwecken konnten. + +»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,« sagte Demba. »Ich +müßte Ihnen vor allem erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter +seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren +Klang ihrer Worte berauschen. -- Aber lassen wir das, mich langweilen +literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt? +Seine Menschen sind alle geschlechtlos.« + +»So? Geschlechtlos?« -- Das Fräulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen. +Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem +guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte sie nur noch »Gespenster«. Aber +sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck großer +Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur +hervorzurufen. + +»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?« + +»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den +Kuß im Nebenzimmer nicht!« -- Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz +auf. »Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im +Nebenzimmer die Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient +vielleicht, aber nicht der Oswald.« + +Das Fräulein lachte. + +»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher an das Fräulein heran, »ist +der Kuß ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den +Mann um sein Recht zu prellen.« + +»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?« +meinte das Fräulein. + +»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,« predigte Stanislaus +Demba, »sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der +Natur schulden.« + +Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die +Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr +Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der +Gegenstand des Gesprächs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte +nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte sicher kein Wort +verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung. + +Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine andere Wendung. + +»Ich habe Hunger,« sagte er. + +»Wirklich?« + +»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.« + +»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück +Kuchen.« + +»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,« sagte Demba +nachdenklich. »Wieviel Uhr ist es eigentlich?« + +»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,« sagte das +Fräulein. + +»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba sprang auf. + +»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.« + +»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich habe viel zu tun. Ich +hätte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und +die Füße schmerzten mich. Und außerdem« -- Demba schwang sich zur +höchsten Liebenswürdigkeit auf, deren er fähig war --, »ich konnte ja +gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen lernen.« + +»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern können.« Das +Fräulein wippte leicht mit der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel +und den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines sehen. + +Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fuß und blieb sitzen. + +»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er. + +»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in +diesem Park bin ich nicht immer.« + +»Und wo sind Sie gewöhnlich?« + +»Das ist verschieden. Es hängt von meiner Gnädigen ab. Ich bin +Erzieherin.« + +»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.« + +»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen -- aber Sie können mir ja +schreiben,« sagte das Fräulein. + +»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.« + +»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn +kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien +Straße 18. -- Warum notieren Sie es nicht?« + +»Das merke ich mir auch so.« + +»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken. +Wiederholen Sie sie doch einmal.« + +Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel. +Alles andere hatte er vergessen. + +»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein. + +»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte Demba und verzog ärgerlich +das Gesicht. + +Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und riß ein +Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.« + +»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba. + +»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt. + +»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.« + +»Machen Sie doch keine Scherze!« + +»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, daß +0,001‰ der Wiener Bevölkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null +Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.« + +»Das soll ich Ihnen glauben?« + +»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre --« + +Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß hatte ihm den Hut vom Kopf +gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba +sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Plötzlich +blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz +zurück. + +»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn nicht holen.« + +»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben Sie vielleicht Angst vor +dem Parkwächter?« + +»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.« + +»Ja, aber warum denn?« + +Stanislaus Demba holte tief Atem. + +»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser Stimme. »Es muß +heraus. Ich habe keine Arme.« + +Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle. + +»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe beide Arme verloren.« + +Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut. + +»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. -- Ich bin leider auf fremde Hilfe +angewiesen. -- So, danke.« + +»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ sich wieder auf die Bank +nieder. »Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen, +mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein! +Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon +gehört?« + +»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die Augen. Jetzt verstand sie +manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den +Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert +hatte, ihre Adresse aufzuschreiben. + +»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in +die Mahlmaschine. An einem -- nein, es war gar nicht einmal an einem +Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag war's; am zwölften +Oktober.« + +Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende Angst, daß er auf den +Einfall kommen könnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei +kurze, blutunterlaufene Stümpfe -- Nein! Sie konnte nicht daran denken. +Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. + +»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und schuldbewußt. »Willi! +Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.« + +Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die +leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte +Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau +getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens +erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als +mühsam verborgenes Elend. + +Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt? + +»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie. + +»Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann +denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba. + +Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel +Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem +Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben +Stanislaus Demba auf die Bank. + +Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem +unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die +ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein. + +Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch. +Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging. + +Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das +Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm +irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder +Frau Buresch. + + * * * * * + +Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie +sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit +beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie +beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des +Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus +seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender +Gebärde auf den Boden warfen. + + + + +4 + + +Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte +heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am +Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und +speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde +verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht +gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige +Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- »In Wien +spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte +man ihn schreien gehört. -- Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg +unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und +dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann +aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde +wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen +seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach +Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand. + +An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder, +Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der +Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister +Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach +Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand --, Mister +Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an +seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß +Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah, +interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die +neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die +Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf. + +Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine +klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und +ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem +Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel +auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue +Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner +Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der +Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit +blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er +ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte +ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des +Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte, +weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war. + +»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben +mit ihrer Frisur fertig geworden war. + +»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein +Springer. + +»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am +Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen +hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-, +Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können. +Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire« +rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als +schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken +lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit +denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem +Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der +Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher +ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »_Chic +parisien_« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau +in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den +Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen +außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische +Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im +Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie +verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks, +mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln +pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr +Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit +Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die +Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den +leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich +eingestreute »_All rights_« und »_Neverminds_« zu verbergen. + +Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den +Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab. + +»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder +an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.« + +Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im +Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum +Chef -- zwölf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und +eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute +hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die +notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene +Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum +vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem +Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei +Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem +Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr +Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als +Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte +sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen +Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich +schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das +Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon +gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend +angestaunt worden -- war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel +Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über +Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen +Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so +sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten +Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden. +Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen +und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die +Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für den +Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von +Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo +d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig +durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua -- +hatte Georg Weiner erklärt --, war doch nicht solch ein +Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der +Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der +kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das +Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also +gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren +Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann +jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen +Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg +Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen +Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von +vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen +diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man +sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert, +ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage +Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der +Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet +werden. + +Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl +zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an +Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei. + +»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine +Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister +Brown?« + +»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von +seinem Buch aufzublicken. + +»Was es Neues gibt im Bureau.« + +»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den +Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda +sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren. +Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.« + +»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr +Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar +kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus +verläßlicher Quelle erfahren.« + +»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr +Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die +Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß' +ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.« + +»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag' +mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit +dem Georg davon bist?« + +»Der?« -- Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was +er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.« + +»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg. + +»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht +immer in meine Angelegenheiten ein.« + +Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor +und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht. + +»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht +schön?« + +»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von +seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf +jeden Fall. »Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreißig. Wie ein +Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der +Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein +besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse. + +»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht +wirklich schön?« + +»Einundfünfzig -- neunundfünfzig -- vierundsechzig. Wie ein +Karpathenhirsch.« + +Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf +ihr Schreibpult. + +»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht, +fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig +Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach +Budweis wie voriges Jahr.« + +Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu +geben. + +»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister +Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen +Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte. + +»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist +morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht. +Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du +mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war +er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt, +schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie --« + +»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in +zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im +Augenblick die Rede war. + +»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich +hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für +allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach +Budweis zu meiner Tante gefahren bin.« + +Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige +Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der +Hand. + +»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr +Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben --« + +»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine +Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?« + +»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr +Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die +Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber +nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen +Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich +=sehr= interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch. + +»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg +neugierig. + +»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee +gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas +gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein +Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.« + +Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein +Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in +Ekstase. + +»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte +schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père +Lachaise! Der Montmartre!« + +»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach, +»_Chapeau claque! Voilà tout!_« + +Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter +einzusprechen. + +»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete +unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin, +warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die +Stirne. + +»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr +haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich +den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf +mich warten lassen. -- Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl, +Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft +umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café +Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist +die Nummer.« + +»_All right_, Mister Brown,« sagte Etelka Springer. + +»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte +»Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef +stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte. + +»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich Klara Postelberg. »Ich weiß +doch: _Les affaires sont les affaires._« + +»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl +das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol +spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche +Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er +jedesmal mit.« + +»Recht hat er,« sagte Etelka Springer. + +Klara Postelberg setzte sich zu Sonja. + +»Was hast du denn gegen den Stanie?« + +»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.« + +»Warum eigentlich? Und seit wann?« + +»Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder +nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab' +ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn +ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß +er mit irgend jemandem Streit beginnt.« + +»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht +einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt, +warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die +Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder +vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein +hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der --« + +Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und +lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen +Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück. + +»Sonja, du wirst verlangt.« + +»Georg --?« + +»Ich glaube. Ja.« + +Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann +mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften, +die ›jenes entzückende Fräulein‹ in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden +Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge +gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit +ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier +Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka +Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und +das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille. + +Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal! +Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.« + +Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte +unter schweren Schritten. + +Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten +sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr +unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches +umher. + +Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam, +sondern Stanislaus Demba. + +In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das +Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen +Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen. + +»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom +raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein. + +»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja +ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg +vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte. + +»Ich werde warten,« sagte Demba. + +»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im +Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer. + +Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig +da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm +von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit +den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte. +Den Hut behielt er auf dem Kopf. + +»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm +ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen, +aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu. +»So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.« + +Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit +einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den +Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich +zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder. + +»Mir können Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts +getan?« sagte Klara Postelberg. + +Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und +wurde mit einemmal gesprächig. + +»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben +hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen +einzigen Kuß auf diese Hand!« + +»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die +andere Hand hin. + +»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle +Illusionen,« sagte Demba. + +»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat +tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der +Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben. + +Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände. + +»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.« + +»Sie sind wirklich unausstehlich heute.« + +»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht +wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die +Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.« + +Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem +jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und +ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka +Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka +Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet. + +»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die +Arme aus.« + +»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht, +wenn sie --«. Sie brach ab. + +»Was ist's mit Sonja?« + +»Nichts.« + +»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem +Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?« + +»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer. + +»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz +außer sich. + +»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem +Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken. + +Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder. +Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer +gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf +und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten +sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt +stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen +Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock +verschwunden. + +»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein +Tintenfaß zerschlagen.« + +Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein +wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der +metallenen Schreibtischplatte. + +»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich +hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich +auf dem Boden nach Glassplittern. + +»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig. + +»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf +Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat. + +Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal +von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- weiß Gott, wer ihm +davon erzählt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen, +daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese +Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich +gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden +werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser +Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der +peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen +ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich +das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten +teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten, +eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben. + +Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so +hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über +sich ergehen zu lassen. + +Sonja war bereit. + +»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck +ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr +im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef --« + +Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba +wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die +Stellung des sich Verteidigenden. + +»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit +dir zu sprechen.« + +»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten +Miene, die sie zustande brachte. + +»Ja.« + +»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.« + +Demba setzte sich. + +»Nun? Laß hören,« sagte Sonja. + +Demba schwieg eine Weile. -- »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn +die Unterredung unter vier Augen --« + +»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.« + +»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und +ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch. +Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der +Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht +bleiben. + +»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm, +Claire!« + +»_Enfin seul_,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht +enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verließ. Der +Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur +wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem +böhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von +seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen. + +»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren. + +Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht gewesen?« + +»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei +meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein +bleiben.« + +»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?« + +Sonja errötete. -- »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die +Liechtensteinstraße?« + +»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine +Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf +Reisen gehen.« + +»Weht der Wind daher?« + +»Jawohl. Daher.« + +»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu +fragen,« sagte Sonja spöttisch. + +»Du wirst nicht fahren!« rief Demba. + +»Doch. Morgen früh um neun.« + +»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend. + +»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig. + +»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für +immer zu Ende ist.« + +»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es für mich schon +seit einem Vierteljahr zu Ende ist.« + +»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab' +ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern +als mich zu lieben.« + +Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja +begann zu lachen. + +»Wirklich?« fragte sie. + +»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach +dem Nachtmahl in den Park und da --« + +»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr +Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab' +wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.« + +»Willst du es vielleicht abstreiten?« + +»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du +machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender +Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist +eben alles anders.« + +Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der +Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen, +wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«, +war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte +mit dem Fuß. + +»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft +bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar +heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß +hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.« + +»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte +Sonja. + +»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort, +ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es +mein Verderben ist. Und ich glaube« -- Demba warf nochmals einen Blick +auf die Uhr und stöhnte ganz leise -- »es wird mein Verderben sein.« + +Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr +Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend +etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf +hatte er da in Vorbereitung? + +»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise +mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich +mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir +abreisen.« + +»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.« + +»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,« +sagte Demba unbeirrt. + +»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das +glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine +Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten +sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.« + +Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe +nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und +kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas +festen Entschluß war, wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und +sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu. + +Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag, +stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn +zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen. + +»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf +hast du dich vergaffen können!« + +Sonja wurde zum erstenmal scharf. + +»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort +fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide +nicht zueinander passen.« + +»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin +verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn +auch nur _in effigie_ vernichten konnte. + +Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu +setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum +Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom +Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter +ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor +Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide +haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß +Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte. + +Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück. + +Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer +Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes +Instrument erhascht. + +Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar: +Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte +nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver +war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr +Leben in höchster Gefahr befand. + +Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand +zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu +erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen +Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie +nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte. +Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich. + +Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete +sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden. +Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu. +Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock +verborgen. + +Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich +mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu +Boden zu sinken. + +»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du +dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?« + +Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete +keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben. + +Aber Sonja sagte leise: + +»Ich weiß es noch nicht.« + +Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht +spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm +sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen. + +»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er. + +»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger +Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den +Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr -- + +»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß +geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.« + +»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn ...« Sie stockte. Was +sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen. + +»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er +trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es +nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung. + +»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte +das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt +habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte, +Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.« + +Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte +nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte +sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den +Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte: +Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie +aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte. + +»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen +Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal. +Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.« + +Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich +fort wäre! -- + +»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte +Demba. + +»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß --« Sie suchte nach irgendeinem +Vorbehalt. + +»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba. +»Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld +nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.« + +Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu: + +»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig +über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend +nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab' +keine Zeit zu verlieren.« + +Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er biß sich in die +Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in +einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege +stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter. + + * * * * * + +Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie +Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben. + +»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg. + +»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich +schießen wollen.« + +Etelka Springer schüttelte den Kopf. + +»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war +sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.« + +»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit +über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall +hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen. +»Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch +gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.« +-- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern. + +Etelka Springer wurde nachdenklich. + +»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr +leicht erregbar. Aber --« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du +den Weiner benachrichtigen.« + +»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er +zu seinen Eltern nach Mödling fährt.« + +»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's +nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn +jetzt?« + +»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.« + +»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.« + +Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am +Kleiderhaken. + +Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld. + + + + +5 + + +Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich +halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht, +sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen +haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das +Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte +ihn geweckt. + +Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine +halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch +liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf +seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die +Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch +unnötigen Lärm machte. + +Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, -- er +pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu +schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, -- erkannte +er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte. +Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen +hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba. + +Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf +komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es +mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er +feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände +sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und +eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt. + +Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei +schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen +Schatten vergrößerter Havelock erwies. + +Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander +sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen +neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba +gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur +selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn +Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe +ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal +miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf +zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war +Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten +war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer +verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der +Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte +herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern +zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten sie sich mittels +Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte +Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe +von fünf Kronen voneinander. + +»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten +an. + +Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er +merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann +wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch, +so plötzlich, als wäre er versunken. + +»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen +Sie? Warten Sie, ich mache Licht.« + +Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu +öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte +Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf: + +»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden +geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.« + +»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es +war jetzt stockdunkel im Zimmer. + +»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten +gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und +schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem +Tische lag. + +»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein +Stück Brot ab, Miksch.« + +»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch. »Man nimmt das Brot in +die eine und das Messer in die andere Hand.« + +»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher +Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück +Brot ab.« + +»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über +den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern +ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen +Sie es sich selbst.« + +Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu +führen -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet +mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht. + +Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose +und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden. + +»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba. + +»Aber nein! Ich bin vollständig satt.« + +»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit +gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein +Frühstück weggeschnappt.« + +»Wer? Ein Hund?« + +»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig +zusehen.« + +»Warum mußten Sie das?« + +»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie +das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine +Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?« + +»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden +schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, daß Sie +heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?« + +»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel +auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem +Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.« + +»Ihr Mantel ist zerrissen?« + +»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.« + +»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat +Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.« + +»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.« + +»Aber wir haben ja die gleiche Größe.« + +»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn +der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.« + +»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?« + +»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig +fahren.« + +»Georg Weiner? Wer ist das?« + +»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem +spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.« + +»Geben Sie ihm Ihren Segen.« + +»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief +Demba zornig. + +»Wer bestiehlt Sie denn?« + +»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?« + +»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.« + +»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im +Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium, +der doch auch ›frei‹ ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen +Ihren Posten wegnehmen würde -- ließen Sie sich das gefallen? Ich soll +zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel +ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese +Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?« + +»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?« + +»Nein.« + +»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der +Verlust ist also nicht so groß.« + +»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.« + +»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können +doch keine Rolle spielen.« + +»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll +ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hören Sie: Sie essen ein +Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der +Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann +werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge +essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen +Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie +unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach +jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.« + +»Nun. Und?« + +»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar +Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind, +als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich +heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das +nicht? -- Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.« + +»Sechs Kronen können Sie sofort haben.« + +»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.« + +»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?« +Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld, +Demba?« + +»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.« + +»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'? +Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!« + +»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.« + +»Glauben Sie das im Ernst?« + +»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben +Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur +Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht +alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt +anzusehen. Sie =muß= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das +ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe, +ist der Weiner erledigt.« + +»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte +Miksch skeptisch. + +Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn. + +»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die +ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich +habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich +erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn --« + +»Wenn?« + +»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte +kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich +schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja, +richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!« + +Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte +den Kopf zur Tür herein. + +»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel. +Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.« + +»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine +leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab' +ich mir ein Loch gerissen.« + +»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die +wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der +letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die +Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie +Ihnen heraus.« + +Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar +Augenblicken mit der Pelerine zurück. + +»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie +halt.« + +»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,« sagte Demba. »Ein praktisches +Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu +und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen +Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat --« + +»In welche Futterale?« fragte Miksch. + +»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen +auf, Miksch.« + +»Haben Sie keine Schmerzen mehr?« + +»Schmerzen? Was für Schmerzen?« + +»Augenschmerzen.« + +»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und +öffnen Sie die Fensterläden.« + +Helles Tageslicht flutete in das Zimmer. + +Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das +Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein +Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall +zu finden. + +»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt +erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab' +geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger +gesucht.« + +»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen +lassen?« schrie Demba. + +»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich +herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.« + +»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus +Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt. +Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins +Polnische übersetzt habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in +vierhundert Lieferungen _à_ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein +Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine +Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich +eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er läßt +mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere +Menschen.« + +»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück, +Demba!« + +»Glück? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum +konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern +gekommen wäre!« + +»Nun, und worin läge der Unterschied?« + +»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute -- weiter +nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck: + +»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.« + +Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu +sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen, +Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten, +speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf, +einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in +den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte. + +»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen +gehen?« rief Miksch. + +»Ich hab' keinen andern.« + +»Wo haben Sie denn den Ihren?« + +»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.« + +»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.« + +»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.« + +»Müssen? Ja, warum denn?« + +Demba wurde ungeduldig. + +»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie +werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen. +Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der +Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will +nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es +besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder +geraten will, Miksch!« + +»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie +ja Geld.« + +»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.« + +»Ist der Briefträger nicht gekommen?« + +»O ja,« sagte Demba. + +»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?« + +»Doch. Es gehörte mir. Aber --« + +Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach +Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher +nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls +seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva +dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu +ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb +den Märtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in +seinem Berichte fortfahren konnte. + +»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen +Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden +Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und +meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er +mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch? +Mein Geld!« + +»Nun, und?« + +»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht +unterschrieben.« + + + + +6 + + +»Dreizehn vier sechsundfünfzig! -- Nein, Fräulein, dreizehn vier +sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal +acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht +mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich +werde warten.« + +»Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab' +ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Grüß +dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich +gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch +jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut +alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann +wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir +durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen, +deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich +nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr +ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um +zwölf Uhr. -- Nach zwölf. -- Gut. -- Gut. Grüß dich Gott, Steffi!« + +Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken +Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen +murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war, +wurde er von der andern Seite der Straße angerufen. + +»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück +mit Ihnen.« + +Demba wartete. Willy Eisner kam herüber. + +Demba nickte ihm flüchtig zu. + +»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie +vormittags spazieren gehen können?« fragte er. + +Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch +von sich. + +»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich +komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.« + +Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der +Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem +Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit +betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei +sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung +dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu +promenieren -- die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der +linken Hand -- nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in +seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in +einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden +waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal +schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine +Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil +zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf +dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur +Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut, +Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein +paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu +Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein +paar wichtige Geschäfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war genötigt, +von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er +mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu +vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen +Bleistifthäkchen zu versehen. + +Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen +Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und +war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es +für gut fand, eine Äußerung zu machen. + +»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung. +Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum +für meine Bibliothek --« + +»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen +schneller gehen, ich habe wenig Zeit.« + +»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab. +»Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen +haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen --« + +»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba. +»Das ist wohl nicht Ihr Weg?« + +»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit +Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu +tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre, +ich wickle Geschäfte ab -- alles.« + +»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut. + +»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen? +Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also: +Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung +für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen: +Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber --« + +Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen +Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?« + +»Ja. Weil nämlich --« + +»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.« + +»Wie meinen Sie das?« + +»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick. +»Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen +infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten +wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht --« + +»Was reden Sie da?« + +»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen +Händen herumlaufen.« + +»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich +das Interesse der Bank ...« + +»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts +wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die +Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem +Mund sind, schon wie Aas.« + +»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße. +Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt: +Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst +gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich --« + +»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet. +Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?« +Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu +unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man +blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß +sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in +der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser +Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. +Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was +geschieht dann? Nun?« + +»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert. + +»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht --? Wie können Sie sich +dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage, +bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber +Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen +nichts dabei.« + +»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es +können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder --« + +»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was +einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen +Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das +ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen +widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen +müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene +Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten +an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden --« + +»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich +zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß +Sie der Himmel.« + +»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners +ausgestreckte Hand. + +»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen, +eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße -- Aber es +scheint, daß Sie --« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen. + +»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man +jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir +das nicht sagen?« + + + + +7 + + +Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde +heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der +Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die +in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die +hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen +erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die +Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch +Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen +Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der +Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst +nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort +des Zahlmarkörs übertragen war -- der »Ober« war beim Mittagessen --, +lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und +kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre +Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse +pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf. + +Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das +fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die +Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile +hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf. + +Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines +Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine +Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit +einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher +Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich +schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei +Kleiderständern. + +Der Kellner kam mit einem Bückling heran. + +»Befehlen der Herr?« + +»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?« + +»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!« + +Stanislaus Demba schien zu überlegen. + +»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der +höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden, +als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen +gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen. + +»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas --,« +rekapitulierte er nochmals. + +»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken, +»bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.« + +»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung +von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft. + +»Beide Bände.« + +Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf +den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag. + +Der ließ nicht lang auf sich warten. + +»Haben Sie ein Lexikon?« + +»Wie, bitte?« + +»Ein Konversationslexikon.« + +»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.« + +»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.« + +»Welchen Band belieben?« + +»A bis K,« befahl Demba. + +Der Kellner brachte drei Bände. + +»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir +die übrigen Bände auch,« sagte Demba. + +Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus +lag auf Dembas Tisch. + +»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba. + +»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.« + +»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige +die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen +Untersuchungen.« + +Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll +zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die +Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll: + +»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.« + +»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba. + +»Befehlen der Herr?« + +»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?« + +»Leider nicht dienen --« + +»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer +und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.« + +Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin. + +»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba. +»Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's +ihnen nur geben! Wer spielt aus?« + +»Wer sagt Ihnen, daß er =gegen= die Militärs ist? Genau so gut kann er +=für= die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur +zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner. + +»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den +Kellner aus. + +»Jawohl.« + +»Den bringen Sie mir auch.« + +»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da +hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.« + +»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister +des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.« + +»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein +Freiherr von.« + +Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche +Taschenbuch auf Dembas Tisch. + +»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir +die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf +haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von +Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren +Cyprianischen Linie stammt?« + +Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der +freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein +Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die +Hände gekommen war. + +Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus +Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student +völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch +sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht +zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender, +den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der +österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden +erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang. + +»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch +im Kasten. Dort, das große, schwarze?« + +»Das Fremdwörterlexikon, bitte.« + +»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich +muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche +übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?« + +»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf +geworden war. + +Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit +benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner +trat an ihren Tisch und sah zu. + +»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein +in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen +ließ. »Kell--ner!« + +»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den +Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne +Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war, +vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu +können. + +»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba. + +»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?« + +»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im +Glas, Brot und eine Flasche Bier.« + +Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von +Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des +Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar +wurde, bald verschwand. + +Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner +nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz +diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn +Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu +unterhalten. + +»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er +das Gespräch und deutete auf den Reisenden. + +Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in +seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte +fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser +über den Lexikonband Löffelhuhn -- Nebenniere hinweg wütend an. + +»Was wollen Sie?« + +»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort --« + +Der Kellner kam nicht weiter. + +»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!« +brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!« + +Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor, +als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief. + +»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine +Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?« + +Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel. + +»Drei Brote.« + +»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen +zweiundvierzig, bitte --.« + +Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und +ein paar Nickelmünzen. + +Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte +er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner: + +»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des +menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben +wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.« + + + + +8 + + +Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im +Wohnzimmer ungeduldig wartend. + +»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon lange hier?« + +»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba. + +»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet habe. Man läßt mich nicht +eine Minute vor zwölf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn +Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Händen 'runter bekomm'. +Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.« + +Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie +immer umnahm, wenn sie auf die Straße ging. Dann band sie sich die +Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch. + +»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. -- Demba hatte seine +Pelerine umbehalten. + +Demba schüttelte den Kopf. + +»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.« + +»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon +wieder im Freien sitzen.« + +»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank. Ich glaube, ich habe +Fieber.« + +»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem +man Kinder bedauert und tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich +»weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.« +Dann änderte sie den Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?« + +Demba schüttelte den Kopf. + +Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer: + +»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!« + +»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. »Was fällt dir denn +ein?« + +»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi Prokop aufmunternd. + +»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba. + +»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,« +sagte Steffi lachend. »Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich +werd' gleich mal nachschauen.« + +Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu +fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten +Augenblick einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an +der Kommode festhalten mußte, um nicht zu fallen. + +Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie die Wand und ganz außer sich +vor ihr. + +»Woher weißt du --?« zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi. +»Wer hat dir verraten, daß --?« + +»Was denn? Warum hast du mich gestoßen? Was ist dir denn, Stanie?« + +Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach +kein Wort. + +»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte Steffi Prokop kläglich. + +»Was?« + +»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du stößt mich!« + +»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich langsam. »Dann ist's gut. +Ich dachte --« + +»Was denn? Was dachtest du?« + +»Nichts. -- Du siehst ja, daß ich krank bin.« Demba starrte schweigend +auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern +und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen. + +Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter. + +»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.« + +»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber -- so +oder so.« + +»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.« + +»Es ist nichts. Wirklich.« + +»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas Wichtiges, das du mir +durchs Telephon nicht sagen konntest.« + +»Das ist längst nicht mehr wichtig.« + +»Was war es denn, Stanie?« + +»Ach nichts. -- Daß ich morgen früh fortfahre.« + +»So? Wohin denn?« + +»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder +nach Venedig.« + +»Mit der Sonja Hartmann fährst du?« + +»Ja.« + +»Auf lange?« + +»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.« + +»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?« + +»Es ist alles wieder gut.« + +»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman +bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in +dem gestanden ist: ›Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs +Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.‹ Ich hab' damals so +lachen müssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib +doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?« + +Demba blickte zerstreut auf. + +»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi. + +»Nein. Bei dir.« + +»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus +mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu --« Steffi Prokop +warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige +tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre +Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die +Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie +hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff, +hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal +entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf +die Gasse. + +»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.« + +»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur +schauen, wie es dir geht.« + +»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's +geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir +nicht immer: ›Kind‹. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles +erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein +Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du +zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend +bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die +Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du +noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in +deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer +geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den +alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?« + +»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba halb in Gedanken. + +»Ja -- _lerisque purus_. So heißt's. Und ich bin im Winkel gesessen und +hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde -- +Wovon träumst du, Stanie? Du hörst mir gar nicht zu. Warum starrst du so +auf den Tisch? Wovon träumst du, sag?'« + +»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise. »Sicher ist alles nur +ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem +Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein +Fiebertraum der letzten Minuten.« + +»Stanie! Was ist das? Was redest du da?« + +»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die +Straßen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem +Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht +aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen --« + +»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist +geschehen?« + +»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba leise. + +»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen? Jetzt mußt du mir's +sagen!« + +»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba rasch. + +Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte. + +»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer, +nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr +Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns? + +»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach dem Essen.« + +»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann +hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.« + +»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop draußen und die Tür +verschlossen war. »Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß +ich wieder ins Bureau.« + +Demba lachte verlegen auf. + +»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag +war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht +einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und den Mut verloren, +obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'. +›Angepackt‹ ist übrigens sehr gut.« -- Demba stieß ein kurzes, heiseres +Lachen hervor. -- »Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. ›Angepackt‹ +ist nämlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir: +Angerührt --, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck, +alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich +unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- hätt' ich jetzt +wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum Narren. Alles, +was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten. +Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es +war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen +habe, heut vormittag, ist mir mißglückt.« + +»Ich verstehe dich nicht, Stanie.« + +»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich +hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin +ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich +will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß +zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne +Grund. Wirklich. So tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.« + +Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen +und fuhr dann fort: + +»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist +klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein +bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwächeanfall, und +jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch nur +soviel aus der ganzen Sache mache.« + +»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,« bat das geängstigte +Mädchen. + +Demba atmete schwer auf. + +»Ich bin nämlich --. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.« + +»Die Polizei!« -- Steffi Prokop sprang auf. + +»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,« mahnte Demba. + +Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes +Flüstern. + +»Was hast du getan?« + +»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton. +»Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu +schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine +Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.« + +»Ein Verbrechen.« + +»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universitätsbibliothek +einem Antiquitätenhändler verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur +zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich +doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat +es keinen Sinn, wenn ich weiter erzähle.« + +»Warum hast du das getan, Stanie!« + +»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des +Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit +über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus +verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen römischen +Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht. +Ich bekam einiges aus der Universitätsbibliothek. Aber drei alte, +wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich +brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.« + +»Und jetzt ist die Polizei --« + +»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein +Hahn hat in der Universitätsbibliothek nach den Büchern gekräht. +Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht +würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der +erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter +gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist +nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen +Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung +gefunden. Eine große Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine +neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin +angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase +in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung +verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in Göttingen hat meine +Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht +eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ. Es hat sich um +Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und +Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen +Dingen. + +»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten für Tinte, Feder und Papier +gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich +während des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich +übersetzt habe, trägt mir genau das Zwölffache. Dafür hab' ich die +Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wären nutzlos und +verstaubt in einem dunklen Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und +nur der Katalog hätte von ihnen gewußt.« + +»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte Steffi Prokop +verzweifelt. + +»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wäre, die macht mir keine +Sorge, derentwegen wär' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es +nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzählen. +Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.« + +Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus +und pfiff leise vor sich hin. + +»Nun?« fragte Steffi Prokop. + +Er drehte sich um. + +»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die +beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte +Schulden. Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der Johannesgasse und +in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die +Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an. +Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen. + +Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in +Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trödler, halb Sammler ist. +Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine +zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat später, als ich wieder Geld +brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr +wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar. + +Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller +Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus +der Offizin Enschede & Söhne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen +und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern +gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer +Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaßen. + +Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die +ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in +Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jänner ist es mir so +schlecht gegangen, daß ich in der strengsten Kälte meinen Winterrock ins +Leihhaus tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben. + +Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das muß ich dir auch erst +wieder erzählen. Ich erzähle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es +tut mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der letzten Zeit öfters +gestritten haben, die Sonja und ich, das weißt du. Es war nicht mehr +ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wußte, +daß Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie +ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser +Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist +ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen +Gedanken aus seinem Mund gehört, auf den einzugehen es sich verlohnt +hätte. Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig. Ich dachte +mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist. + +Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause. +Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die +Quartierfrau. ›Ja, das Fräulein verreist.‹ ›So,‹ sag' ich. ›Wohin denn?‹ +Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. ›Für den Urlaub ist's ja +noch viel zu früh,‹ denk' ich mir. Und außerdem hätt' sie mir doch was +davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein +Schreibtischfach offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz obenauf von +der Firma Cook & Son. + +Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin. +Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._ + +Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute, +wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der +Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine +halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen, +herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl +ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin. + +Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden und hab' die Sonja +gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins +Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr +das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau +soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen muß man +an ihrer Tür läuten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen +und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht die Treppe +hinuntergeht, dann fühlt man erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau, +die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus +vorfindet, so sicher, wie den ›Simplizissimus‹ oder das ›Tagblatt‹, die +verliert an Wert und wird Alltag. + +Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen sie verkehrt. Zwischen +neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein +paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier +Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wußte auch schon +von ihrer Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem Weiner nach +Venedig fahren will. + +Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch +immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab +gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht +da war, sah ich ein, daß es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der +Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße, dort hätte +ich warten müssen. + +Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig +nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte +sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere +Menschenform. Daß er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige +Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert +er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm +begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist, immer +hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: ›Dieser Mandrill hat +doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang‹. Weißt du, nicht aus +Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, daß er so gut aufrecht +gehen konnte, und dachte mir, das muß ihm doch große Mühe machen, warum +plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der +Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum +Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die +Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte +die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als +Stewardeß auf ein Schiff, wenn man sie nähme, sie ginge als +Lokomotivführer oder als Handgepäck, wenn es nicht anders zu machen ist. +Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten, +mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt, +die eine Reise gekostet hätt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater +ist ein Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich +heute dreihundert Kronen aufbringe, so läßt sie den Weiner sofort stehen +und fährt mit mir.« + +»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein Ernst?« + +»Natürlich.« + +»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, daß es sich +ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat +ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.« + +Stanislaus Demba lachte. + +»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, daß du ihn nie gesehen hast.« + +»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind +anders, als ihr Männer. Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber +eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder +entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen +Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir +fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.« + +»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie +wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« -- +Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß seinen Triumph. + +»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte Steffi. + +»Jawohl.« + +»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop leise und verzagt. »Erzähl' +weiter.« + +»Ja. -- Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll, +da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht +sechshundert oder achthundert Kronen. + +Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich +bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem +kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem +Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt +getragen. + +Der Händler wohnt in der Klettengasse 6. Man fährt durch die +Heiligenstädter Straße, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in +die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf +Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus +mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort +gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal +vorüberging. Es muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein, denn die +ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den +ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend. + +Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die +Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis +auf die Treppe. + +Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete noch einmal, und dann +hörte ich Schritte und eine Stimme: ›Ja, ja. Ich komme schon.‹ Dann +machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch +den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein +und er führte mich in sein Arbeitszimmer. + +Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen +habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und +scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste +Kunstmobiliar und der erbärmlichste Trödel stehen wüst durcheinander. +Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock, mit +wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte +nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen +Wäschekorb. Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem +adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein muß, steht im +Zimmer, aber sein Besitzer schläft auf einer schmutzigen, roten +Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein +französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der +Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes, +gläsernes Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen +Papier und sein Geschäftsbuch, in das er die Ein- und Verkäufe einträgt. +Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte +Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren. Auch ein ›Heiliges Grab‹ +aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er billig gekauft +haben und er möchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er +ist ein galizischer Jud und hat an dem ›Heiligen Grab‹ sicher keine +rechte Freude. + +So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der +Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schönsten, +wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das +Loch einer siebenköpfigen Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist +stilvoller. + +In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das +Buch gleich aus der Hand. Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf, +sieht's durch die Lupe an und fragt: ›Woher haben Sie das?‹ Ich sage: +›Aus einer Auktion.‹ Er nickt wieder, setzt sich und fängt an, in dem +Buch zu studieren. Dann fragt er: ›Warum verkaufen Sie das Buch? Nur +weil Sie brochen Geld?‹ Er fragt das mit so einem galizischen Akzent, +ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich +überlegte rasch, daß er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer +Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: ›Nein. Mich freuen alte Drucke +nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln, +wissen Sie?‹ + +Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich hätte ebensogut +sagen können: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die +ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne. + +Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb und wühlt eine Weile in +den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische +Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jäger auf einem Schimmel mit einem +großen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er +reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als +wüßte er ganz genau, daß er keine von den Tulpen zertreten dürfte. + +›Was wollen Sie dafür?‹ frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende +Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den +Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen lassen. Er hat sofort +erkannt, daß ich ein armer Teufel bin, der Geld ›brocht‹. + +Dann blättert er wieder in dem Buch und fragt: ›Was wollen Sie dafür?‹ + +›Sie müssen wissen, was es wert ist,‹ sag' ich. + +Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem +Buch zu blättern. Er trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem, +daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch: manchen Menschen fehlt das +Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen +aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen +entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt +rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein +Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen +so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich +einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir +sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt +mir der verrückte Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller dieser +Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, daß sie zusammenstehen, und daß +vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist +und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit +der Sonja nach Italien fahren kann. + +Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wußte +natürlich sehr gut, daß das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke. +Übrigens wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht. Er bot mir +zweihundertunddreißig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf +zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt +wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit +weniger für sie interessieren, als für andere Antiquitäten. +Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war +zufrieden. + +Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich +wieder zurück und fing an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle +von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im Wäschekorb. Dann +sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein +Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen +Schlosser kommen zu lassen. Ich möge ein bißchen warten oder ich könne +auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich +zöge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen. + +Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hörte ihn mit jemandem sprechen +und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren +Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich +war ein Narr, daß ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich könne +nicht warten und darauf bestanden hätte, das Geld sofort zu bekommen, +wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen. + +Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner +Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, +eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes, altes +Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei +kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise, +ich erinnere mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck +eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit +sich geführt haben mochte. Ich mußte ziemlich lange warten, aber ich +wurde nicht mißtrauisch. Das hängt damit zusammen, daß ich niemals auch +nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was +ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen +geworden. Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek nach Hause +genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie +ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit +dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr +brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber +entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam +vogelfrei. Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und +schließlich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's +vergißt. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich +auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch +lag immer in meinem Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf +einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten +Gewissen der Welt trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel hatte +ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht, +sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers +entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der alte Trödler muß aber +doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann +auch sein, daß er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor +verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete, der Alte +ging öffnen und kam mit zwei Männern ins Zimmer zurück. Er sagte: ›Das +ist er‹ und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die +Hand auf die Schulter und sagte: ›Im Namen des Gesetzes.‹ + +Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht +zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die +Empfindung, daß der alte Jude mich übertölpelt hatte. Sein kinnloses +Gesicht machte mich plötzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden +Händen in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf +mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: -- + +Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört drein, Steffi! Wenn ich +ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache +doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, daß ich nicht weiter +erzähl'? -- Also. + +Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten +sagte: ›Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.‹ Und der +andere sagte: ›Mir scheint, er will Handschellen.‹ -- Da ließ ich mich +abführen. + +Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und +sah den Trödler, der seelenruhig an seinem Tisch saß und weiterschrieb. +Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit +brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber +die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei +Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu +zweit stärker als ich und wurden schließlich mit mir fertig. + +Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe +hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und +gewunden, und man mußte vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in +dem alten Haus ziemlich finster war. Plötzlich glitt der Mann, der +hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten Augenblick gab +ich dem andern mit beiden Händen einen Stoß in den Rücken, daß er sieben +oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf. +Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von +einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf +den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine +eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt. +Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los sein, einen anderen +Gedanken hatte ich nicht. + +Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel +ab und sperrte von innen zu. + +Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge +Kammer führte. Alle drei Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene +Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck. +Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen hätte, in ein +paar Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine Möglichkeit von hier +zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe. + +Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich +unfähig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir +bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weißt +du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar +nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde +aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn +man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben +müssen, wenn man mich fragt. Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn +es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das +ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was +mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne schossen mir +in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir +herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige +Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm +ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es heißt, daß +man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert. +Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen +auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er +sein Brot verdient und wie sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute +auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein +Mädchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken können, daß +ich schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen hatte +zuschauen wollen, -- alles das schoß mir durch den Kopf, alles das hätte +ich noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß, lächerliche Dinge, +aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all +meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen war, es wurde mir +deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt +war ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die ich in der engen +Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien +Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit! +Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch: +Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden Freiheit! +Zwölf Stunden! -- und dabei hörte ich die Polizisten am Türschloß +arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß +ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig, +Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn. + +Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bißchen Rasen, blühende +Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder +Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen +Fenster tönte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle +Ritter. + +Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den Entschluß bei den Worten: +Stadt und Festung Belgerad, bei ›Belgerad‹ wollte ich -- wollte ich +hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam ›Belgerad‹ viel zu bald, +und ich verschob es bis: ›Brucken‹, ›er ließ schlagen eine Brucken.‹ Und +im nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: ›Hinüber +rucken‹, ›hinüber‹, ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort, +wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf +den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann +kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hörte noch, +wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und +dann --« + +»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter +gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. + +»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.« + +»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor +Entsetzen. + +»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich +noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der +Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte +im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr +gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren, +als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen +lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas +tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das +gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das +Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo +angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne. + +Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich +bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken +fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. ›Wer bin ich +eigentlich?‹ fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in +Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und +Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann +wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: ›Wo bin ich denn?‹ +Und es kamen Antworten: ›Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist +mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!‹ Und dann wieder: +Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank. +Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im +Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich +her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis, +ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus +Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau, +was geschehen war und wo ich mich befand. + +Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei: +Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr. +Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte +zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert. + +Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es +ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk +des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert. +Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen +leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen +davongetragen. + +Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich +gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten. +Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem +Türschloß der Dachkammer. + +Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir +auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die +merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen +Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so +gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor +hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war +frei!« + +Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er +blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er: + +»Bis auf die Handschellen.« + + + + +9 + + +»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch +gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal +auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre. +Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar +nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war, +auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte +gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte +verschwinden. Das war alles, was ich fühlte. + +Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände +zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering +wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr, +die in den Handschellen auf mich lauerte. + +Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit +den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein +altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit +einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie +erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an, +sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich +selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte +die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog +ich um die Ecke. + +Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die +Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht +mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich +trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich +an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte +ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank +an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick +fiel mir ein: ›Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit +meinen Händen in die Tasche fahre.‹ Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon +Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich +enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im +voraus erhaltene ›Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr‹ in seiner +Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß +die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick, +wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine +furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen +würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des +Seefahrers Rücken hing. + +Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen +Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein +Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch +schon der Gedanke: ›Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit +meinen gefesselten Händen.‹ Zum Glück war der Wagen voll Menschen und +der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs +mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als +hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten +Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich +kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.« + +»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop +ängstlich. + +»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß. +Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in +den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich +nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen. +Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist, +glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen, +erfunden. -- Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch +stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht +wahr?« + +»Ja. Ein bißchen verändert.« + +»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht +gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich +hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war +nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in +einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert +wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als +ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe +abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde +fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine +gute Idee und will gehen, da sagt er: + +›Noch zehn Heller, bitte.‹ + +›Wieso denn?‹ frag' ich. + +›Vierzig Heller macht's,‹ sagt der Gehilfe. + +›Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.‹ + +›Nein. Es waren dreißig,‹ sagt er und zeigt mir die offene Hand, da +waren wirklich nur dreißig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte +sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: ›Zwanzig Heller müssen noch +irgendwo auf der Erde liegen.‹ Er bückte sich, und während er suchte und +nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen +und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem +Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade +noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen. Inzwischen hat der +Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: ›Es liegt nichts da, +der Herr muß sich irren.‹ + +›Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt, suchen Sie nur,‹ so antwort' +ich ihm. + +Aber er wollte nicht länger suchen. ›Dreißig Heller sind dem Herrn +gefallen. Ich hab's ja gesehen.‹ + +Ich war ganz verzweifelt. ›Es waren bestimmt fünfzig Heller,‹ wiederhole +ich. ›Suchen Sie nur, es muß sich finden.‹ -- Und jetzt mischt sich noch +der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines schäbigen Sechserls +wegen warten zu müssen. Daß er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen, +und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: ›Haben Sie +schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.‹ Der +Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld +liegt tatsächlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war +zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren hätt'. -- Ich habe nie +vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine Hände braucht. Viel öfter als +das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.« + +»Und was wirst du jetzt tun?« + +»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens muß +ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht, +Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los werden, +und das ist's, wobei du mir helfen sollst.« + +Steffi Prokop schwieg und dachte nach. + +»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du +magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir +alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei?« + +Steffi Prokop schüttelte den Kopf. + +»Nein.« + +Demba biß sich in die Lippen. + +»Du willst mir also nicht helfen?« + +»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen sehen!« + +»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß ich unrecht habe, dann +brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich +verurteilst?« + +»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi leise und bittend. +»Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er +dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß mich die +Handschellen sehen.« + +»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. »Wozu?« + +»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.« + +Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür. + +»Es wird jemand kommen.« + +»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop. »Erst wenn sie mit +dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa. +Laß doch sehen.« + +Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd die Hände unter der +Pelerine hervor. + +»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher +hältst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich +an,« sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen Blick an, der +seine selbstsicheren Worte Lügen strafte. + +»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop leise. + +»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba und verbarg die Hände +eilig wieder unter dem Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette. +Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich +habe immer, wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt im Winter +gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch: +Handschellen. Und ist doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn +Abner an den Händen hätt'.« + +»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi Prokop fest. »Es kann +doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat +einen Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine Feile holen.« + +Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren und einer kleineren. +»Jetzt mußt du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut. +Jetzt, rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten. + +»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fänden,« fragte sie. +»Du mußt die Hände ruhig halten, sonst geht es nicht.« + +»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort. + +»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf. + +»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.« + +Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie, +die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht +müde. + +»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses +Mißverhältnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre +ununterbrochene Tortur.« + +»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut. Sie hören drinnen im +Zimmer jedes Wort.« + +»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man muß die Sache bei ihrem +Namen nennen. Gefängnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr +ärgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind +abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben +wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten +werden, wie ein Tier im Käfig -- ist das nicht Folter?« + +»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.« + +»Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins +Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und +keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, daß zur selben Zeit +tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es +zustande brächten dieses Wort ›Zwei Jahre Kerker‹ bis auf den Grund +nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor +Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist +nur einmal gestürmt worden.« + +»Aber es muß doch Strafe geben.« + +»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben. Hör' zu, Steffi, ich will dir +ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe +geben.« + +Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch +fuhr er fort: + +»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der +Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht. +Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen, das geschieht +und geschehen wird.« + +»Das versteh ich nicht, Stanie.« + +»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder +geistigen Rückständigkeit. Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst +Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig und +aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir in allem, wenn wir Galgen und +Kerker nicht hätten. Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und es +gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst keine Waffen mehr und es gäbe +keine Meuchelmörder. Jeder hätte, was er braucht und was er sich +ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie +gut es ist, daß Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir keine +Ärzte, nur Richter.« + +»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.« + +»Immer muß ich an das kleine Mäderl der Frau denken, mit der ich Tür an +Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden +Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und +gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten Wagens +geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mußte ihm abgenommen +werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und +Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst +die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen +Fahrlässigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen +Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie. +Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel +ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit. +Das Kind muß hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter +strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen Irrwahn ›Strafe‹ +hätte ich mich in die Hände geben sollen? -- Bist du jetzt endlich +fertig, Steffi?« + +»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!« +schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf +Stanislaus Dembas unglückselige Hände. + + + + +10 + + +»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn +geschehen?« + +Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba +nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen. +Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den +Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände. + +»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei +Demba. + +»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein +kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah +mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus +man unter die Tischplatte sehen konnte. + +»Überfahren?« fragte Prokop. + +»Ja. Von einem Fleischerwagen.« -- Dembas Hände suchten Deckung hinter +einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen +Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen +blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen. + +»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba. +Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau, +da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« -- Herr +Prokop legte sich auf das Sofa. + +»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte +erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert. + +»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen. + +»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht, +ich hab' ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die +breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen. + +»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner +Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind +geheißen?« + +»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines +Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife +aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden. + +»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund. +Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör' auf, +zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach +Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau +heut nachmittag?« + +Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen +Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die +Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere +Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und +zerlassener Butter drang herein. + +Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der +Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen +roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus +Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das +Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte +Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten +Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und +an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken. + +»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich +hab's auf dem Tisch stehen lassen.« + +Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife +fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten +später war er eingeschlafen. + +Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba. + +»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!« + +»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge +seit heute morgen,« meinte Demba. + +Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen. + +»So ein Unglück! So ein Unglück!« + +»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn. +Wir müssen es nochmals versuchen.« + +»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis +ich nicht mehr hab' können, und die Kette ist genau so geblieben, wie +sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen +Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?« + +»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.« +Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über +Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese +beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel +aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der +starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt -- so war Stanislaus +Dembas linke Hand. + +Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte +plötzlich: + +»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.« + +»Natürlich.« + +»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der +Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel +drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.« + +Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos +einen neben den andern aufs Fensterbrett. + +Sie versuchte es mit dem ersten. + +»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt +nicht. Der ist zu groß.« + +Sie griff nach dem zweiten. + +»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht +überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht. +Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe +eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.« + +Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein +einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte +trotzdem nicht aufspringen. + +Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die +Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein. + +»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat +Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt +passen.« + +»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.« + +»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der +paßt auch nicht. Er ist zu klein.« + +Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an. + +»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?« + +»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom +Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?« + +»Wachs hab' ich zu Hause.« + +»Wieso denn?« + +»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf +Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der +braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in +Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes +Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.« + +Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider +Schlösser. + +»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt +vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht +Verdacht schöpft.« + +»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine +Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte. +Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert. +Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, daß ich den +Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich +ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er +nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd' +ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. -- Also wart', ich +geh' gleich hinüber.« + +Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht +vor Freude und ganz aufgeregt. + +»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen, +er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig +den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht. +Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr, +wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.« + +»Erst um acht Uhr?« + +»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber +weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen +Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und +bring' dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'. +Wird mich jemand sehen?« + +»Nein.« + +»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.« + +»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.« + +»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner +Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd' Ordnung +machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug +Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen +und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst +verrätst du dich. Versprich mir's, Stanie.« + +Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit +Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle +Klugheit und alle Vorsicht. + +»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist +der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch +inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld +beschaffen.« + +»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf. + +Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer +grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf +Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf. + +»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo +einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher +Gefahr, wenn jemand entdeckt --« + +Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine +Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin. + +»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba. + +»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie, +folg' mir! Wenn jemand sieht, daß du --« + +»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter +Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt. +Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur +einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser +Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der +friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht, +was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler +plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte +die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein +Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.« + +»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja sagen.« + +»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher +zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte +sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können. +Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was für eine +Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir +beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um +acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.« + +Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung. + +»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie. + +»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter. + + + + +11 + + +Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der +Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes. +Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für +Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß +einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten +hin. + +»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.« + +»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa +›Elfriede‹ in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage, +herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet' +mit!« + +»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich +das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs +und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir, +will ihn nicht nehmen.« + +»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?« + +»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.« + +»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner +Zigarre ab. + +»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor +einer Viertelstunde läutet's und die Anna kommt herein: Gnädige Frau, +der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn +jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule, +das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab' +ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten, +ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der +Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.« + +Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer +leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch +die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie +fort: + +»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie +das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt, +sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie +nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas +Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie +nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so +verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.« + +»An welche Zigarre?« fragte der Advokat. + +»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn: +›Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?‹ Er sagt: ›Gnädige Frau, ich +wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.‹ -- +›Das ist aber sehr unangenehm,‹ sag' ich. ›Mitten im Schuljahr. Und vor +der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so +Dringendes?‹ -- ›Wichtige Familienangelegenheiten,‹ sagt er. ›Und der +Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und +der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut, +und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die +nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.‹ + +›Also bitte,‹ sag' ich. ›Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht +brauchen -- eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie +vertritt.‹ + +›Das wird nicht nötig sein,‹ gibt er zur Antwort, ›Aber ich möcht' die +gnädige Frau bitten --‹ also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute +das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ' +mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch +gesagt: ›Bitte, sehr gerne‹, weil er doch das Geld für die Reise +braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen +heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die +Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber +ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir +haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba +den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu +soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür. +Hab' ich recht?« + +»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat. + +»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es +wieder einsteck', -- auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen, +brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: ›Herr +Demba, riechen Sie nichts?‹ Und er zieht auch die Luft durch die Nase +ein und sagt: + +›Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.‹ + +›Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,‹ sag' ich, und in dem Moment +seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel +gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf +mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie +er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht' +ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel +genommen, -- du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich +hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die +Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn +sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja +nichts sagen! Hab' ich recht?« + +»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat. + +»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen +Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und +darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: ›Herr +Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.‹ Der Demba +springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar +keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar +nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie +dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem +Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und +qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine +bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den +Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den +Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber +der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und +sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine +Miene, sie aufzuheben. + +Ich ruf: ›Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen +doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!‹ Der Demba wird feuerrot im +Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein +Wort heraus und endlich sagt er: ›Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich +darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort +Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.‹ -- Hast du schon +so etwas gehört? Was sagst du dazu?« -- + +Der Advokat sagte »hm« dazu. + +»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre +aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr. +Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der +kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das +Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten +verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte. + +»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile +fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war +natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu +unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den +Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht: +Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: ›Also +bitte, hier sind die achzig Kronen!‹ Er schüttelt den Kopf und macht ein +so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder +leid getan hat. ›Aber, Herr Demba!‹ sag' ich. ›Sie werden mir doch nicht +den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.‹ +Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ›Also, das ist doch +lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,‹ sag' ich. -- ›Nein. Ich kann +das Geld leider nicht nehmen‹, gibt er zur Antwort und ist wieder +blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht +nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen +werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag' +also: ›Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es +ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich --‹ und will das Geld +wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich +so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'. +Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld +liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will +er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: ›Gnädige Frau! +Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen +Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen +Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten +Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin, +Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne +weiteres nehmen.‹ + +›Gut,‹ sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du, +ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten +gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen, +wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?« + +»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat. + +»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die +achzig Kronen zahlen lassen?« + +»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden +zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich +den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist +merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei +Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.« + +Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die +Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer +war leer. + +Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich. + +»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit +achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz +billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina +mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?« + +»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch plötzlich auf und zeigte +entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem +Kaminsims auf dem Fußboden lag. + +Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert +darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer +zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes +verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen +großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte. + + + + +12 + + +»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so +wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.« + +Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort +munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in +der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und +erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den +scharfgebügelten Hosenfalten. + +»Ein Herr oder zwei?« + +»Einer,« sagte die Wirtschafterin. + +»In Uniform oder in Zivil?« + +»In Zivil.« + +»Wie sieht er aus? Ist er elegant?« + +»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung. + +Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser. +Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie +seinen Scheitel zurecht. + +»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.« + +Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine +Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den +Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der mit Überlegenheit +und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt. + +Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur +Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete. + +»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch +gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.« + +»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba. + +»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch, +alter Freund.« + +Demba setzte sich. + +»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte +Gegenbauer. + +»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr +bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis +freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf +Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich +gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man +eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung +vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen +haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen. + +»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen. +»Eine ganz neue Sorte hab' ich da: ›Phädra‹. Kosten Sie einmal, von der +algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra +mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt. +Kosten Sie!« -- + +»Nein. Danke,« sagte Demba. + +»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten. +Sie sind Kenner.« + +»Danke, ich rauche nicht.« + +»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag +verqualmt?« + +»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen +Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten +der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines +Schwindsüchtigen unterbrochen hätte. + +»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer. + +»Wer denn?« fragte Demba. + +»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir +kommen.« + +»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?« + +»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das +könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.« + +Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der +Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte. + +»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen. + +Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan +entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht. +Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht. +Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt +werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen. +Vorlesungen, die Demba im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zu +Hause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen hatte. Sie stellten +einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, daß +Gegenbauer die Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen haben +werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes +aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er +angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba +seinen Plan gegründet. + +»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer den Brief auf +den Tisch warf, »ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte +noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.« + +»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut. + +»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische Kunstepos --« + +Gegenbauer dachte nach. »Vier braune Hefte und eines ohne Deckel?« + +»Ja. Das sind sie.« + +»Müssen Sie die unbedingt haben?« + +»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich wieder einen Schüler +bekommen.« + +»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die hab' ich nämlich +verbrannt.« + +Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu +Gebote stand, schrie er: + +»Was sagen Sie? Verbrannt?« + +»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung. + +»Es ist nicht möglich,« rief Demba. + +»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs +Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab' +ich eingetrieben.« + +»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba. + +»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest. »Haben Sie kein +zweites Exemplar?« + +»Nein.« + +»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann wird er halt auch +durchfliegen.« + +»Wer denn?« + +»Ihr neuer Schüler.« + +Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit für höchste Zeit, +mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten. + +»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich. + +»Wer?« + +»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur +verkaufen.« + +»Wieviel verlangt er?« + +»Siebzig Kronen.« + +»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, +Sie Unglückswurm.« Er zog seine Brieftasche. + +»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte Demba rasch. + +Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nähe. + +»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände. Die Hefte kann ich Ihnen +nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.« + +»Auf keinen Fall.« + +»Warum nicht?« + +»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.« + +»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren +Verlust.« + +»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und geben Sie mir dann die +Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße, elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken, +daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder +einstecken könnte. + +»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus,« sagte +Gegenbauer. + +Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schüttelte den Kopf. + +Es läutete. + +»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefühl in +allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen +machen.« Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß die +Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine +einladend offen stand. + +»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt +damit, was Sie wollen.« + +Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner +Tasche. Er hatte keine seiner Hände hervorziehen müssen, um es in +Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten +Rückzug zu denken. + +»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin und legte die +Visitkarte auf den Tisch. »Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich +Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer. »Ich lasse die +Herren bitten.« + +»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba eilig. »Ich danke +Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.« + +»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut. »Lassen Sie sich wieder +mal bei mir blicken.« + +Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei +unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in +düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten. + +Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz +programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba +fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz +enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war +zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich +bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. -- Es +ist nicht leicht, -- dachte Demba, -- aber es geht. Es geht! Er mußte an +einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er +einmal sich rühmen gehört hatte: ›Heut hab' ich, ohne eine Hand zu +rühren, fünfhundert Kronen verdient!‹ Ohne eine Hand zu rühren! Welch +eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand +genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten +zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung +unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das +alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er +eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben, +ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig +nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes, +durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch +die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So +wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen, +das ich nicht nehmen konnte. + +Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte +leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte, +die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem +eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich. +Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck +zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht +energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich +losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er +würde schreien: Aufhalten! Aufhalten! + +Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle +wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in +Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände +gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock +herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im +Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so +etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem +leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem +Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich +an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die +Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen +Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein. +Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es +zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn +denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch +einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave +Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe. +Niemand sieht mich. + +Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen, +braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den +Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein +Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der +nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde -- ich wäre verloren. Aber +er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an +ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur +Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés +gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im +Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se. +Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu +lassen, daß künftighin tunlichst -- + +»Sie, Herr!« + +Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag +vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die +Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. -- Ach +Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann +hat ja gar nicht mich gemeint ›Sie, Herr!‹ hat er gerufen, und ich hab' +das gleich auf mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat. +Wahrscheinlich -- + +»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals. + +Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein +erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen +aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. -- Nein. +Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und +jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu -- + +Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus +Demba das Ende seiner Freiheit. + +Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und maß ihn mit den Augen und eine +Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß. Demba +fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt, +jetzt kam's. + +»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der Wachmann höflich. + +Demba verstand nicht gleich. + +»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der Wachmann. + +Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen konnte er nicht, er +schüttelte nur den Kopf. + +»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann +nochmals. + +Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen des Polizisten, aber es gelang +ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß er +wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein +schwerer Druck löste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt +dämmerte es ihm auf, daß das Kuvert in den Händen des Polizisten das +Geld, sein Geld enthielt, daß er es verloren hatte, und daß er es +zurückhaben müsse. + +»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber im gleichen +Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf. + +Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das Kuvert geschickt und +nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das +vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu +Ende! Um Gotteswillen, dann mußte er mit ins Kommissariat, mußte seinen +Namen nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf +dem Tisch des Polizeikommissärs lag vielleicht schon die +Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa +fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den besseren Ständen +angehörend, groß, kräftig, rötlicher Schnurrbart, -- und der Kommissär +faßt mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung, +sieht mich wieder an -- + +Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er verleugnete sein Geld. + +»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mühe, +daß seine Stimme nicht allzusehr zitterte. + +»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen?« fragte der +Wachmann erstaunt. + +»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba. + +Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert. »Dann kann es nur der Herr +drüben verloren haben.« + +Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor Stanislaus Demba die Straße +überquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes +stand. + +Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog höflich +seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin +und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte ihn mit Aufmerksamkeit +an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrücke seines +Malagarohres an den Arm hängte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand +nahm und die Banknoten zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch +aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfältig hineinlegte und das +Buch in seiner Brusttasche verwahrte. + +Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes +entfernte. + + + + +13 + + +Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große Herrenmodewarengeschäft auf +dem Graben ein und ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen. Er +prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke mit Sorgfalt und +Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, daß er sich die Auswahl größer +vorgestellt habe und daß man etwas wirklich Neues und zugleich +Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekäme und entschied +sich schließlich für eine orangefarbene Krawatte aus schwerer, +schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen +Geschäften erstandenen Stücken, in Seidenpapier einschlagen ließ. + +Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Straße. Es war +das dritte Geschäft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit +seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber nicht glauben, daß er einen +besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein, +Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung von fast +sechshundert Krawatten in allen Ausführungen und Farbennuancen, in der +alle Formen, von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu den +Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten +waren. Aber eine Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines schön +ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drängte ihn immer wieder zu +neuen Ankäufen. + +Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro anzündete, konnte er +feststellen, daß seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes +Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck +schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von +ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung +betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes +Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver +Form zu äußern pflegten. Er war es gewöhnt, daß die lässig-charmante +Art, wie er beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den Stock in den +Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit -- Herr Kallisthenes Skuludis +verweilte überall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen --, +von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und daß die vornehm zerstreute +Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand +steckte, in den Salons der großen Welt immer vorbildlich wirkte. + +Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefühl für +gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort +schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören oder +nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher, +ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn +unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft +von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war +seine vornehme Zurückhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten. + +Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage eines Blumengeschäftes, +nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und überquerte +sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen, die er, er wußte nicht mehr +recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her +kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von +neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber +lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besaß ein vorzügliches +Personengedächtnis -- das erforderte sein Beruf -- und er erkannte +sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschäft +stumme Huldigungen erwiesen hatte. + +Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon. +Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer +Viertelstunde auf die Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete, +war wieder Stanislaus Demba. + +Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber ein wenig zu +Mißtrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv -- das brachte sein +Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings +nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person, +das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag legte, nicht recht +behagen. Er fand, daß Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt +sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein +Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang, +indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische +niederließ. + +Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei. + +Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu überlegen. Im nächsten +Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis, +Platz nehmen zu dürfen. + +Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berührt. Es +waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf, +seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit nehmen zu können. Neue +Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und anderen +belebten Orten anzuknüpfen -- und das auch nur, weil es sein Beruf +erforderte. + +»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte er darum zu Stanislaus +Demba. + +»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die +Erledigung unserer Angelegenheit nicht länger aufschieben,« sagte Demba +und setzte sich. + +Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet an. + +»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher in Ordnung bringen +sollten,« wiederholte Demba. + +Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang. +Er faßte sein Gegenüber genauer ins Auge. + +»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie +Interesse haben?« fragte er. + +»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba. »Bis hieher bin ich Ihnen +nachgegangen. Erst hier war es mir möglich, Sie unauffällig und unter +vier Augen zu sprechen.« + +»Unauffällig« und »unter vier Augen« -- diese beiden Worte machten auf +Herrn Skuludis einen guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber +als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis über +alles -- das lag im Wesen seines Berufes begründet. + +»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?« fragte Demba. + +»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein +Licht auf. + +Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße eine Unterredung sehr +delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhändler gehabt, dem er +Schmuckstücke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages +aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich +jedoch unglücklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt, +nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz und die Gewinnsucht des +Händlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der Mann +einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus +den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem +anzuknüpfen. + +»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr Skuludis. + +»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.« + +»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch nicht völlig erledigt ist?« + +»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba grimmig. + +»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs dringend,« meinte +Herr Skuludis. + +»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig. + +»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mußte Geld haben, und +das wollte man sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse +gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.« + +»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,« sagte Demba erfreut. + +»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere Angebote einholen,« +erklärte Herr Skuludis. + +»Das verstehe ich nicht.« + +Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der +ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen +dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch. + +»In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes +Geschäft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen +wollte, war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz. + +Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher +Verlegenheit und welchem Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit +seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Daß in dem +Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit +Verwunderung. + +»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,« wiederholte Herr Skuludis. + +»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem Kuvert sind siebzig Kronen. +Nicht mehr und nicht weniger.« + +Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis aufs höchste. Er war zwar +abergläubisch, aber daß dem Angestellten eines Hehlers aus der +Praterstraße übernatürliche Kräfte zu Gebote standen -- diese Erfahrung +warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht. + +»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in ziemlich unsicherem Ton. + +»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,« +zischte Demba über den Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte +haben, mir das Geld zurückzugeben.« + +»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis. + +»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los. »Nun, Sie werden mich +gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von +einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm, Sie hätten es +verloren. Verstehen Sie mich jetzt?« + +Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe rascher Auffassungskraft in +hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die geänderte Situation. Er +erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen war, einen Unberufenen +Einblick in seine Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber +im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, daß er vorsichtig genug +gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur +in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit +wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch +ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte. +Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen, ehe er über seine weitere +Taktik schlüssig wurde. + +»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen?« fragte er und +nickte Demba vertraulich zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation +und die Situation ist klar.« + +»=Was= soll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba. + +Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes Skuludis über den +Tisch und begann, überlegen lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er +suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene Legitimationskarte +des Detektivs vermutete. + +Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe!« rief er +drohend. + +»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?« riet Herr Skuludis +und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknöpfen. + +»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte Demba und rückte von Herrn +Skuludis fort. + +Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent. + +»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er. + +»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurück. Seit einer +Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld +zurückzubekommen. Oder glauben Sie, daß es mich interessiert hat, zu +erfahren, bei wem Sie Ihre Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen, +und mit welchen Kokotten Sie verkehren?« + +Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrüger, der zufällig +Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausnützen wollte, um einen +Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte, wie er ihn +loswerden könnte. + +»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz +dieses Geldes gekommen bin?« fragte er in scharfem Ton. + +Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl, das behaupte ich,« gab er +ebenso scharf zurück. + +»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen gehört.« + +»Jawohl. Es gehört mir.« + +»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den ungeklärten Fall dem +nächsten Wachmann vorzutragen,« sagte Herr Skuludis mit verbindlichem +Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die Verhandlungen an einem +toten Punkt angelangt seien. + +»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr gegen seine Überzeugung. + +Also doch ein Detektiv -- dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war +es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur +geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu +schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter den Funktionären der +Polizei etliche gute Bekannte -- das brachte sein Beruf mit sich --, +denen seine Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes +Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene +Uhren, ein Anhängsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe -- +kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs +Wien-Budapest -- bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine +Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wäre ihm im höchsten Grade +ungelegen gekommen. + +»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit +einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche +erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar +schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen Ärger. + +»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein,« bemerkte +er bissig. + +Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung mit Schmerz, daß Demba +nicht die Umgangsformen der großen Welt besaß. Aber Ruhe und +Selbstbeherrschung gehörten zu seinem Berufe, und er begnügte sich, +seinen Gegner mit einem verächtlichen Blick zu messen. + +Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz +von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung +weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide spähten, gänzlich +unabhängig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen +Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit +Aufmerksamkeit die vielfachen Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens, +während Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile +erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte. + +Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und +seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen +versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway +geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein +Verschwinden bemerkte. + +Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft. Dann begriff er: Herr +Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den +moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig +Kronen zurückzuerlangen, stieg. + +Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-höhnische +Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ, +spornte Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte, zu +höchster Kraftleistung an. Wütend keuchte er hinter dem Wagen her. Er +kam ihm näher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf +Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei Passanten zusammen, rannte +weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang +mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein +Tempo verlangsamte, mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett und stand +oben -- erschöpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und +dennoch siegreich und triumphierend. + +Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschämt und +grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand, +sah er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen +hatte. Nicht Angst, nicht Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu +lesen, sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung malte sich +in Herrn Skuludis Zügen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der +ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll, +starr vor Staunen auf Dembas Hände. + +Auf die Hände! Auf Dembas Hände! + +Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens +verfangen, seine Hände waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen +Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen. + +Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die +dichtgedrängt den Wagen füllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände +gesehen. + +Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen +abgesprungen. + +Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wußte sein Geheimnis, +und diesem einen galt es zu entkommen. + +Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich +umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend, +hinter ihm her. + +Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen +Autoomnibus zu entziehen. + +Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern +nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen. +Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine +anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen. +Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit +Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen +Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine +mißliche Situation geraten war. + + + + +14 + + +Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die +Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht +nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da +kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem, +sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine +Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', -- es waren ohnehin nur +fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche --, haben sie mir +fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine +Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und +dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer +Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten +muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten +herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie +schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts. + +Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind +vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine +Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß +ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht +sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da muß ich +einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den +Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich +hab' ja noch fünf Minuten zu gehen. + +Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses. +Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R. +Becker, ordiniert von zwei bis fünf. + +Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die +Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er +stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen. + +Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen. + +Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein +Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche, +und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick +stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe. + +Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte +er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er +zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen +gesehen haben. + +Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba +wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder +geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun -- + +Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder +verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die +sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba +blieb sie stehen und ruhte aus. -- Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber +da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf! + +Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine +Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten +Stock hinauf. + +Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's +einfach warten --, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung +hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig +eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: ›Rücktritt des ungarischen +Ministerpräsidenten‹, und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon --. +Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht +durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles +ganz genau, ›der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen +Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof‹, steht vielleicht drinn, und +›anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der +Spur.‹ -- Oder vielleicht steht gar dort: ›Der Verdacht der Täterschaft +lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine +Verhaftung steht unmittelbar bevor.‹ + +Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die +Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er +die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie. + +Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen muß es +stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte. + +Musikalischer Zapfenstreich. -- Die Generalversammlung des +niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten, +verschoben. -- Filmbrand auf der Straße. -- Oberinspektor Hlawatschek +gestorben. -- Ein seltenes Jubiläum. -- Ein Selbstmordversuch, halt. Was +ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., +hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung +Veronal --, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der +städtischen Straßenbahnen. -- Die Tat einer Mutter. -- Schluß. + +Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich +denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich +nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. -- Demba faltete die Zeitung +zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle. + +Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es +zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal +um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er +fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den +Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die +Knöchel aneinandergefesselt hat. -- So, jetzt war er fertig. + +Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter +Einfall. -- Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten +Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte er, trat vor die +Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. »Meine +Anerkennung! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie +wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte +sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! Hätte Ihnen gern die +Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!« + +Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger +Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb +stehen und blickte Demba verwundert an. + +»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba und stieg die Treppe +hinauf. -- »Jetzt sieht jeder sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen +kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine +Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren +Brandwunden an den Händen kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand +von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte +man meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!« + +Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen öffnete. + +»Ist die gnädige Frau zu Hause?« + +»Nein.« + +»Und der Herr Dozent?« + +»Der ordiniert.« + +Demba warf einen Blick in das Wartezimmer. + +Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen die Zeitschriften. + +»Wann kommt die gnädige Frau zurück?« + +»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es wissen.« Das Stubenmädchen +ging in Elly Beckers Zimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und die +hellen Stimmen lachender Mädchen. + +Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig +und beguckte Demba durch ihr Lorgnon. + +»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen +gegangen.« + +»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich hätte dringend mit ihr zu +sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?« + +»Regnet es schon draußen?« fragte Elly. + +»Ja.« + +»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht +inzwischen zu uns hereinkommen?« + +»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.« + +»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.« + +»Ich bin gar nicht danach angezogen.« + +»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür. »Noch ein Besuch!« +rief sie hinein. + +»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen Mädchen. + +»Leider nein,« sagte Demba in der Tür. + +»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,« sagte Elly +und stellte vor. »Doktor Stanislaus Demba. -- Meine Freundin Viky, meine +Freundin Anny.« + +Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen entzückt zu sein, +Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner +alten, vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine +unmögliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit +kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßung +nur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mädchen mit +Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr +Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende +Benehmen der beiden jungen Mädchen nicht zu merken oder nicht zu +beachten. + +Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung +zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre Freundin +Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wenn er deklamiert, ficht er +mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spaß.« + +Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhöhte sich, +als das Stubenmädchen Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse Tee vor ihn +hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und +wußte nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn +zum Zugreifen aufzumuntern. + +»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht +ab?« + +Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf die Tragfähigkeit seines +ausgezeichneten Einfalles zu machen. + +»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es wäre kein angenehmer +Anblick für Sie.« + +»Warum denn?« + +»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe +Brandwunden auf beiden Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.« + +»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?« + +»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze +zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die +brennenden Stücke mit den Händen losgerissen, und dabei hab' ich mir die +Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit dem Taschentuch +umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor. + +»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!« rief Elly ängstlich. +»Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.« + +Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es Demba vor den Mund und +ließ ihn abbeißen. + +Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu +sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert +durch das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit Appetit und empfand +lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die +Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er +sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genuß +den ganzen Tag über schwer entbehrt. + +»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly. + +»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh. Sie mußten durch den Druck +der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern +fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in +seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an +die Schultern. + +Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten Demba mit Interesse. +Auch das Stubenmädchen, das den Tisch abräumte, warf mitleidige Blicke +auf die verbundene Hand. + +Anny näherte ihre Brille dem Verband. + +»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich. + +Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als +wäre ihm eine Mücke ins Auge geflogen. + +»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht. + +Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, daß er im Notfall in +zwei Sätzen draußen sein konnte. + +»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny mit Bestimmtheit. + +»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung. + +»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir müssen Sie keine Märchen +erzählen. Mein Bruder ist nämlich grüner Alemane.« + +»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,« versicherte +Demba. + +»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt haben,« meinte Viky +ironisch. + +»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen Miene eines +Fechtmeisters. + +»Eine Sext,« erklärte Demba. + +»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei wie aus einem Mund. + +»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer +des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.« + +»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen. + +»Wer denn? Miksch?« + +»Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.« + +Alle drei begannen zu lachen. + +»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly. + +»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der ›jugendliche Leichtsinn‹ +hat er doch gesagt.« + +»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie +an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine +Klinge --« + +Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person +beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen +hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt +eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, +aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber, +man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren +Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an +einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken, +daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie +nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba +ihn kenne. + +Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die +Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit +stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er +plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die +Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen +Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in +Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein +Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein +Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell +schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich +darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige +Frau nach Hause gekommen sei. + +Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie +war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine, +versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen, +Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die +Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und +bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit +Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch +Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute +standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der +Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in +den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus +der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der +Köchin. + +Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und +trank Tee, als Demba eintrat. + +»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba +entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt -- was ist denn +eigentlich geschehen?« + +»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen +Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein +paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte +die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer +gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr +des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit +gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner +Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben. + +»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau +Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen +sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.« + +Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte +aus dem Mantel hervor. + +Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen. »Aber ist denn das +ein Verband?« rief sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt gemacht +haben!« + +»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.« +Demba sah mit Verdruß, daß seine Idee, sich Verletzungen an den Händen +anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt +beschäftigte sich jetzt ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch +ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen +wollen. + +»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und +lassen sich einen anständigen Verband machen,« entschied Frau Dr. +Becker. + +Demba wurde bleich wie Käse. + +»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch nicht --« + +»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr +Kollege?« + +Demba wand sich auf seinem Sessel. + +»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht die Zeit des Herrn +Dozenten --« + +»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau des Arztes. »In zwei Minuten ist +mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.« + +Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem +Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband. + +»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm +ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen. -- Ja. +-- Also er kommt gleich.« -- Sie legte das Hörrohr fort. »So, Herr +Demba.« + +»Ich bin eigentlich nur gekommen --«; Demba schluckte und suchte nach +Worten. »Ich wollte Sie bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein +Monatssalär schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja --« + +Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff +dann wieder nach dem Hörrohr. + +»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er +kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht +bei der Hand.« + +Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba das Zimmer. + +Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die +Vorhölle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot +in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm +horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an +ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom +Fußboden auf, öffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem +Staub. + +Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus. + +Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba +stehen, riß das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in +die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er +es mit einem Fluch zu Boden. + + + + +15 + + +Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen. +Es regnete in Strömen, und früher als sonst fanden sich die andern zu +der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten +Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgfältig verhängte und von +einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen. + +Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen +hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von +Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende, +der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der +Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche +über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte. +Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der +Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt +und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war, +aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus +ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt +wurde -- ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine +Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der +Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, +wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die +Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur +Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und +seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin +ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im +Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der +halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon +lange nicht mehr Doktor war. + +Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn +des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der +Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch +gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem +Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut +sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit +aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel +hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder +hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den +Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut +sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen! +Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!« + +Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn +Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie +und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in +seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine +Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit +halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er +hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen, +nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«, +hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin +zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der +er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise +nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den +Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit +beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte. + +An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung, +die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet +hatte -- er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen --, +lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug +er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner +Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: +der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab; +die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau +erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in +Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des +Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohen +_Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz +und Lebewelt wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine +standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen. + +Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten +Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den +Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen +Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. +Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes +Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den +sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer +häufiger auf seine goldene Uhr. + +Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein. + +»Herr Doktor werden verlangt.« + +»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren +Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen. + +»Nein. Herr Doktor Hübel.« + +Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen +den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner +Barschaft auf einmal riskieren sollte. + +»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut. + +»Ja. Der Herr wartet draußen.« + +»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,« entschied er auf alle +Fälle. + +»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor hier sind!« + +»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen hinaus. + +Richtig. Da stand Stanislaus Demba. + +»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohne großen Enthusiasmus. »Woher +weißt du, daß ich hier bin?« + +»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, daß ich +dich hier finden werde.« + +»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen +keinen übertriebenen Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte +Zehnkronennote. »Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich +habe.« + +Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch für heute das Geld +versprochen!« + +»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen +niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier +gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,« erklärte Hübel mit einem +schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen. + +»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba und bekam einen starren +Blick. + +»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?« fragte Hübel +zerknirscht. + +»Vierzig Kronen,« sagte Demba. + +»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden +Fall diese zehn Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser schwere +Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.« + +Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, daß +unter »Granat« ein Halsabschneider und unter den »Galeristen« +Spielratten von Beruf zu verstehen waren. + +Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. »Was mach' ich mit +zehn Kronen!« sagte er bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!« + +Hübel wußte keinen Rat. + +»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?« fragte Demba +mit einem Blick auf die Tür. + +»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit der Hand. »Da kennst du diese +Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.« + +»Was jetzt?« fragte Demba ratlos. + +»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht +hast du mehr Glück als ich.« + +Demba schüttelte heftig den Kopf. + +»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte Hübel. »Da können aus zehn +Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.« + +»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten an.« + +»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du +Ignorant.« + +»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte Demba. + +»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm Hübel eifrig. +»Gewöhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur daß man auf die vier +Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht mitspielen, +du brauchst bloß zu setzen.« + +Demba war unentschlossen. + +»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger +zu rühren,« erzählte Hübel. + +Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag. + +»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,« +meinte Demba. + +»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein. + +Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich wenig Beachtung. Fremde +Gesichter wurden zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen, da aber +Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die +Aufnahmeformalitäten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich +glatt: + +»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam. + +Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, daß Demba Geld genug habe. +»Wie Mist,« setzte er hinzu. + +»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt. + +»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie in diesem Augenblick der +Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da +er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war. + +»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich +das Geld ein. »Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht +flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba zu und fragte: »Haben Sie +schon eingekocht, junger Mann?« + +Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, daß Zeige- und +Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren. + +»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte +Hübel. »Auf wen soll ich setzen?« + +»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf +des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten. + +»Alles auf einmal?« + +»Ja. Setz' alles auf einmal.« + +Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht +teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den +Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und +hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der +diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die +ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen +Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit +dem ersten Stein. + +Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld +geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen +und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt. +Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an +der Wand. Und die begann Demba zu lesen. + +Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für +einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein +zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben. +Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder! +Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder +verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein +großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von +Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter +jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige +Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten Fingern, die dennoch +zu greifen verstanden, wie Polypenarme, -- und in all dem Wirrsal von +Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich +unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach +einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte +Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba +wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte +sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür +hinausschleichen. + +Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die +Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem +Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh' +ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich +endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der +Hand und sagte: + +»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.« + +»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen. + +»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.« + +Demba schwieg. + +»Was jetzt?« fragte Hübel. + +»Weiter setzen,« sagte Demba. + +»Alles?« + +»Ja.« + +»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam. »Ruhe!« sekundierte ihm +Hübel. Der Lärm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging +sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen, aber das Spiel +nahm seinen Fortgang. + +Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die +Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach +dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlürfte +geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte +plötzlich ernst und feierlich wie ein Gebet: + +»Hallum-Drallum.« + +»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der Postbeamte. »Sind denn auf +beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!« + +Wer ist das: Hallum-Drallum? -- fragte sich Demba seltsam erregt. Wer +ist das: Hallum-Drallum? -- bohrte es ihm quälend im Hirn. Und plötzlich +wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen, +dickbäuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit +fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übersäet war, mit +wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt stand +er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in +den Nacken -- Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren -- nein! Der +Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da +stand er, und blickte ihn grinsend an und gröhlte: Du willst mein Geld, +du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle? +Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke +dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer! + +Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und +demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein +eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen +Stücks Tapete. + +»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort +brach ein Lärm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit +gellender Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!« + +»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den +Tisch. + +»Aber der Doktor hat doch ›weiter‹ gesagt,« jammerte der Kellner. + +»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte. + +»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch +auch mein Geld!« + +Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am Ärmel und sagte: + +»Du hast zum zweitenmal gewonnen.« + +»So?« -- Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt. + +»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?« + +»Ja,« nickte Demba. + +»Wieviel?« + +»Alles.« + +»Bist du toll?« fragte Hübel. + +»Ja.« + +»Du hasardierst!« + +»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.« + +»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht +gewinnen.« + +Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttäuschung +war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden +gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der Hand über den kahlen +Schädel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hälfte seiner +Barschaft verloren. + +»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas Geld. + +»Bleibt liegen,« sagte Demba. + +»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam. »Sprechen Sie gefälligst +deutsch!« + +»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel. + +»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich wollt' nur wissen --« Er +legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann. + +»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an. + +»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an +Dominosteinen. + +Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu. + +Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei +Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er +zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das +durch hundert schmutziger Hände gegangen war, und dennoch -- Proteus +Geld! -- jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und +es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen +lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für +den zweiten war es die längst schon fällige Wohnungsmiete. Für den dort +hieß es: Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder +wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da +wird es verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die vergräbt es unter +dem Strohsack ihres Bettes -- und für ihn, für Demba, was war es für +ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen. An altersgraue Türme wollte +er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute +spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch +die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder +wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige +spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerfloß in +nichts. Dafür kamen andere Visionen, -- die Gespenster der Wünsche, der +Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt +an. Dr. Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor +Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel +stand darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem Raum war für +die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der +Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus +Steingut mit Brot, Wurst und Käse vor sich auf einem ungedeckten Tisch +und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück +hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen +grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld +zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß +es verspielt war und daß es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm +gehörte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky. + +»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die Suschitzky stieß im +gleichen Moment ein Wehgeschrei aus: + +»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.« + +»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der Kellner triumphierend und +setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. »Den für +Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!« + +»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig +Kronen!« schrie Hübel Demba in die Ohren. + +Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer. + +»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter Stimme und griff in +die Tasche. + +»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel. + +»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent. + +»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt' sie schon,« sagte der +Reisende. + +»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über +den kahlen Schädel. »Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen +müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.« + +Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen. + +»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld. +Außer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.« + +Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese Zumutung. + +»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte Dr. Rübsam, der jetzt +unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. »Meine Uhr ist unter +Brüdern --« + +Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf +den er sie gelegt hatte. + +»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös in alle Taschen und +rückte den Sessel zur Seite. + +»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,« sagte er dann, indem er +gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte, +keine Scherze.« + +Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern. + +»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als er keine Antwort +bekam. »Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder +haben.« + +»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte. + +»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,« erklärte der +Redakteur. + +»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr haben,« rief der +Feldwebel. + +»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel. + +»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,« +riet der Häuseragent. + +Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle +seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch, +fand auch da nichts und gab das Suchen auf. + +»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky. + +Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erklärte: + +»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist. +Das möcht' ich doch sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten +Tag --« + +»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!« rief der Redakteur. »Das +haben Sie doch gesehen, Doktor?« + +»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam wütend. »Jetzt geht mir +keiner hinaus!« + +»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.« + +»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine +Uhr wieder hab'.« + +»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen hab'?« protestierte der +Sparkassenbeamte. + +»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel. »Es liegt ja allen daran, +festzustellen, daß unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns +einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,« +schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für +niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.« + +Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte +ihn. Nicht allzu sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die +Suschitzky war einmal während des Spieles längere Zeit hinter ihm +gestanden. + +All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht +gehört. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt +eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu, +zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten ihm. Wie eine Katze strich +Demba um den Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das Geld in +seine Hände und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen +und blitzschnell danach langen -- es sah so leicht aus und dennoch! +Demba wagte es nicht. + +Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner +Taschen förderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader +Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und eine Broschüre: »Die +Kunst zu plaudern und ein Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam +»Semmelbrösel«, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend +Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer +ältlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht. +Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba. + +»Darf ich bitten?« fragte er höflich. + +Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?« + +»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam. »Ich bin +selbstverständlich vollkommen überzeugt -- aber --« + +»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich über die Störung. Ihm war +gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu +bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorläufig zu sich +zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden. + +»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,« sagte Dr. Rübsam. +»Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie -- aber --« + +Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben. + +»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel --?« + +»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam wurde ungeduldig. + +»Ausgeschlossen,« sagte Demba. + +»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht?« + +»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in Ruhe.« + +»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte. + +»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen. + +»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende fest. + +»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam. + +»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?« + +»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt. + +»Die Uhr des Herrn Doktor.« + +»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?« rief +Demba entsetzt. + +»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton. +»Ein Scherz vielleicht, dachte ich --« + +»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba. + +»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.« + +»Nein,« stieß Demba hervor. + +»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität. Alle Herren werden +sich --« + +»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an. + +»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht. Dann weiß ich, was ich zu +tun habe.« + +Er drehte Demba den Rücken und näherte sich dem Tisch. + +»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz ruhig. »Wozu?« + +Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem +Tisch lag, versichert. + +Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams Händen sah. Die +Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht +sein! Es konnte nicht sein, daß der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt +-- sich auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm das Geld +entreißen! Die Ketten mußten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht +unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen +Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich, +die Adern schwollen, in höchster Not wurden seine Hände zu zwei +Giganten, die sich empörten, die Kette knirschte -- + +Das Eisen hielt. + +»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,« sagte +Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine +Tasche. »Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.« + + + + +16 + + +Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld +geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen. + +Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn, +die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er +keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den +Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu +schlafen. + +Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen +in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn +ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale +hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den +Kampf auf und wollte schlafen. + +»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst +du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen +gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte +keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen. + +»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die +Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie +verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht. _Fair play._ Ich habe +getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe +Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger +Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte +mein Wort. _Fair play._« + +Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte ›_fair play_‹ und +er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der +eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von +beträchtlicher Höhe zu begleichen. + +»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise +desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte. +»Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es +nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam +den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame +Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch +eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er +an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei. + +»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er +konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige +Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden +Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine +Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann +morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein +zurückbleiben werde. + +»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die +Konsequenzen ziehen,« versicherte er sich selbst. Er blieb an einer +Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt +dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die +Konsequenzen zog. + +»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und +suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände +beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der +Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das +Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle +blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf, +achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte. + +»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich +denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein. +Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald +kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.« + +Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein, +warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem +kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der +Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg +zu machen. Jede Minute war kostbar. + +Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel. +Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den +Regenlachen. + +»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,« +erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit, +daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf +seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch +berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all +den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen. + +Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und +stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon +erleuchtet war. + +»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist +bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit +zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.« + +Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines +hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren +Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses +Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die +seinen Schmerz betäuben sollten. + +»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir +werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.« + +Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen. + +»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick +auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen +wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also -- Allons!« + +Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf. + +»Übrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch +nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen +stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit +Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines +kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu +betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür +interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf +die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag +amüsant sein oder auch langweilig, -- keinesfalls ist es sehr wichtig. +Man könnte beinahe --« + +Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann +dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es +und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem. + +Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen. + +In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen. + +Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten! + +Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben +zusammen. + +Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners. +Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm. +Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts +wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war +es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten +kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich +wider Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie +welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß, +von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße. + +Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen +liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba +und der ganzen Welt verbergen könnten. + +Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde. +Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine +Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen. + +Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das +Herz voll Angst -- so ging er auf das Haustor los. + +Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße. +Es war Georg Weiner, und er war allein. + +Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links, +die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei. + +Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an. +Dann atmete er sehr erleichtert auf. + +Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei +ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im +Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem +Zimmer ausgelöscht. + +Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen! +Daran war nichts gelegen. Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba +in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen +war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts +nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine +Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden. + +Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich +hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die +glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren. + +Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal +mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr +gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen +Abschied von ihr nehmen. + +Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es +eilig zu haben. + +-- Wahrscheinlich fährt er zu ihr, -- dachte Demba. -- Und jetzt wird er +mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. -- + +»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor. + +Georg Weiner wandte sich um. + +»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl. + +»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen. + +»In den Residenzkeller!« sagte Weiner. + +»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?« + +»Passabel.« + +»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist +möglich, daß ich auch hin komme.« + + + + +17 + + +Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe öffnete. Er +hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte, um in das +Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle +angestoßen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen +Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und Überröcken beladenen +Kleiderständer, stehen. + +Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah +Demba sofort, daß Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen +saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast +immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mädchen waren +Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein +vierschrötiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge +und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes, +durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war +versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der +andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine Wolke von +Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes Lächeln auf den +Lippen, zu Dembas großem Ärger Emil Horvath. + +Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei +Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins +Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben +die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln +wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba +zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps, +fragte, ob »die Ella« zu Hause sei -- »die Ella!« Einfach »die Ella« +nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer -- dem wird Herr Horvath +doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen +monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der +Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der +Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium, +keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher +denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu +Kopf stieg. + +Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend +sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath +an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich +zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen. +Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen, +amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; +und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in +angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden. + +Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderständer hervor und +verbeugte sich nach allen Seiten. + +»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem +Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und +unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich +habe die Ehre.« + +Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an, +der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser +triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die +beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit +neugierigen Augen. + +»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?« + +»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba +leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es +erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?« + +»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er +eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt +am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte +sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin. + +»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert. + +»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück. + +»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas +leer. + +Demba hatte die beiden flüstern gehört und wurde blutrot. Er wußte ganz +genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe und daß +sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich +anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese +Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls +aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort auf das +Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lächerlich! Davon +kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner! +Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu +treffen, lieber Horvath -- + +Demba erhob sich. + +»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem +Gasthaus gehört, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er +zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden Redewendungen, deren er +sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach. +»Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich +gezwungen,« erklärte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit +Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. »Küche und +Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genießt in der Tat +ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann. + +Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte +den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und +Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß erwidern sollten und +lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller +hinein. + +Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu +überzeugen, daß er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten +Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen +klarzumachen und redete eigensinnig weiter. + +»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit +Wochen überall das Tagesgespräch. Von allen Seiten hört man nur Lob +über --« + +Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte +hin. + +»Speisen gefällig?« + +»Später! Später!« stotterte Demba in höchster Verlegenheit und warf +einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich +pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.« + +Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit +der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter +völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller in den Mund befördern +sollte. + +»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte der Kellner. + +Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich. Die Zunge klebte ihm am +Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen +Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja +nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den +er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas +mit den Zähnen erfaßt und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne +einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er +erinnerte sich sogar an den Applaus. Händeklatschen in allen Rängen, +bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht +einen Scherz vorgeben, eine Wette -- »erlauben Sie, daß ich ihnen ein +kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, -- ein Kunststück mit +einem vollen Bierglas -- sehen Sie: so.« -- Bravo, bravo, bravo! Alles +applaudiert. + +Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unerträglich. +Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas +zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein +alter Couleur. Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit +ausgetrockneter Kehle. + +Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung. + +Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher +Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen! + +»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem +Strohhalm darin.« + +»Wie, bitte?« + +»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!« rief Demba und wurde ganz +erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen Sie +und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor +jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!« + +Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der +resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen +seiner Mitmenschen gewöhnt ist und den nichts mehr wundert. + +Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an +dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und +feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte +ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst, +als wäre er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich. + +»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl er dem Kellner ganz +heiser vor Durst und vor Erregung. + +Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken +aufmerksam geworden. Die beiden Mädchen flüsterten miteinander, +kicherten, stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den +seltsamen Zecher. + +Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spöttisch lächelnd +an und fragte: + +»Demba! Was treiben Sie da?« + +»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr. Fuhrmann ironisch. + +Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für +seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum, +den er nicht wegwischen konnte. + +»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton. »Das ist durchaus nicht +originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich wohl +annehmen, daß keiner der Herren jemals in Paris war.« Er verzog +hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu +tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren. + +»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber +das habe ich noch niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm +trinkt.« + +Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches +schleunigst zu wechseln. + +»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen Sie schön an, wenn Sie dort +versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstößt +geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!« + +Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es +konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von +den Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie +eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des +Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher +außerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag. + +»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,« erklärte er. »In Bagdad und +Damaskus können Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen Araber +dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.« + +Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von der Wahrheit seiner +Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit +jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern wagen sollte. In +seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem +Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks +beschaulich einen Strohhalm schmauchte. + +»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!« sagte Horvath lachend. +»Ethnographie: Nicht genügend.« + +Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs äußerste +in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig +an und sagte giftig: + +»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden? +Merken Sie sich das.« + +»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt. + +Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch +den Vorsatz gefaßt gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig zu +sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt +hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie +ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt und aus jedem +Gespräche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit +wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen. + +Er stand auf. + +»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich muß Sie um Entschuldigung +bitten. Meine Bemerkung hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner +war sie gerichtet.« + +Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths +suffisantes Lächeln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich. +Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum +Husten. Demba drehte sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner; +aber der war nicht mehr im Zimmer. + +»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!« ereiferte +sich Demba. »Es wundert mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt +niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja +noch da.« + +Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu +wirken. Das Blut pochte ihm in den Schläfen und er verspürte einen +leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit im Magen. Er mußte sich +setzen. + +Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba sprach in seiner +Verwirrung unaufhaltsam weiter. + +»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein +Mißverständnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern --« + +»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort. + +»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem +Zeigefinger auf die Stirn. + +»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner. + +»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der beiden Mädchen ängstlich. + +»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner. + +»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte Horvath. + +»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte Weiner. + +Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. »Muß jeden +Augenblick kommen,« hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich +bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen +hier? Sehr gut! Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige +Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr +Weiner. Sie befinden sich in einem großen Irrtum. Ganz andere Gründe +führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe. +Muß den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe -- + +Demba räusperte sich. + +»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier treffen,« sagte er. +»Komme sonst selten hierher. Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso +ich heute hier bin.« + +Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus +dem Mund und sah Demba an. Horvath lächelte. + +»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte +besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine +ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.« + +»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen. + +»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen, +und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art +wollte ihm in seiner Bedrängnis einfallen. + +»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht +kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen +seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu +erreichen.« -- Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas +eingefallen. + +»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten +Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll. »Eine Ehrenaffäre, Sie +werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht +ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den +Einundzwanziger-Jägern.« + +Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe. + +»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach +Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit +grünen Aufschlägen.« + +Der Kellner wußte von nichts. + +»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttäuscht und +verdrießlich, weil die Herren noch nicht da waren. »Das wundert mich. +Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.« + +Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem +Fuß auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß +sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen. + +»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?« +fragte er. + +»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner +Zeitung weiter. + +»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich plötzlich und +höchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war er +nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu +lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur +Rede: + +»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.« + +»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn +Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen, +der sich durch Sie vertreten läßt.« + +Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit +schwerem Kopf brütete er vor sich hin. + +Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade +heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an +und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der +Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden, +verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in +dieser Sache gütigst gestattet ist -- bin bei Gott noch niemals so +nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz +genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat +sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht +mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus +der Tasche schaut die Zeitung heraus, -- zweimal gefaltet -- sehe alles. +Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath -- paßt +sich nicht in Damengesellschaft -- sehe alles. Müßte doch erst wohl +bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde +einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr! +Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch -- + +Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf +die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete +wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann. + +»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er +und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der +Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer +Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der +Babenbergerstraße. -- Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen. Steht aber +doch nicht alles in der Zeitung.« -- Demba lachte gut gelaunt in sich +hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte +ihm großen Spaß. + +»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann. + +»Möchte Ihnen nur sagen --,« erklärte Demba. Er räusperte sich und +begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung --.« -- Die +Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in +den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf +beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug +stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt +war ihm besser. + +»Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der +Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu +Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule +Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei +Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden. + +Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt +an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er +beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war +hinter den Kleiderständer gerollt. + +»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden noch das ganze Zimmer +demolieren.« + +»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen +gesagt!« rief Dr. Fuhrmann. + +»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin. + +Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem +Fußboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit +nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte +unaufhörlich nützliche Winke bei. + +»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer gerollt,« sagte er. +»Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« -- +Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen. + +Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an. + +»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie er wütend. »Schmeißt +alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich +plage.« + +Er trat hart an Demba heran. + +»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie +hinuntergeworfen haben. Aber rasch!« + +Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte sich die Sache jedoch +und richtete sich wieder auf. + +»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath. + +Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er. »Lieber nicht.« Er fand es +höchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen. + +Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein. + +»Das ist doch -- das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf +wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schädel.« + +Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an. + +Weiner lächelte amüsiert. + +»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,« sagte Horvath. »Provozieren +lassen wir uns nicht. Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die +Sachen nicht alle aufgehoben haben, so --! Das Weitere werden Sie +sehen.« + +»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,« bat das junge +Mädchen, dem die Sachen gehörten, ängstlich. + +»Eins,« sagte Horvath. + +Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts +an seinen Tisch zurück. + +»Zwei,« zählte Horvath. + +»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba. »Lassen Sie mich doch in +Ruhe.« + +»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem +Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben Sie.« + +Die Mädchen schrieen auf. + +Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß, der Wein strömte über sein +Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich +und furchtbar zugleich. + +Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles +ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan, +was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen +dort den Narren abgeben können und den Hanswurst den ganzen Abend +hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt, +und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er +da, allen zum Gelächter. + +Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttäuschung, die er +den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, -- das alles kam +jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel. + +Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie +seine Fäuste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann +der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath. + +Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue +und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen zu +erwürgen. + +Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend die Zähne zusammen. +Seine Hände waren gefesselt! Seine Hände waren wertlos. Seine Hände +mußten versteckt und verborgen bleiben. + +Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe. + +Gott gab sie ihm. + +Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier, +knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum +Gespött. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich +vor Lachen über seinen hilflosen Zorn. + +Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß zurückzustehen, sein Weinglas in +die Hand genommen und rief: + +»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!« + +Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme: + +»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in +der Hand!« + + + + +18 + + +Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte +einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war +der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand. +Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß +sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an, +stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb +er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf. +Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und +starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des +Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand, +stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen. + +»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das +Leben Weiners. + +Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch +furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von +Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum +schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn +lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die +man eben noch mit ihm getrieben hatte? + +Er stand, regte sich nicht und wartete. + +»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit +verstörtem Gesicht. + +Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen +Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben. + +Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er +stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und +unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut. + +»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem +Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« -- +Er wollte zur Tür. + +»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem +Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden +sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute +es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen. + +Aber nein! Keiner lacht. Und -- wie sonderbar -- der Mensch dort +gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein +Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der +Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver. + +Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt, +damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder +nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen, +das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die +Hände zittern ihm. -- + +Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte +Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und +verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in +Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt, +die ihm über die anderen gegeben war. + +Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem Fuß an den Schildpattkamm +und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein +Mißfallen erregten. + +»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zählen?« + +Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich, +die Gegenstände, die auf dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch +Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und +hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als +alles tun, was er verlangte, und wäre es das Tollste. Und abzuwarten, ob +sich Gelegenheit bot, ihn unschädlich zu machen. + +Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle +Genugtuung für die schmähliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden +war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten und zu verstecken suchten! +Das Bewußtsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in +seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er +begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte +seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bücken und Ducken nicht +helfen, der kam jetzt an die Reihe. + +»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß. + +Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach +Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen. + +»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, daß +Weiner nicht hören wollte. + +Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah +voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte, +blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten. Er stand und +wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle +holt. + +Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen. + +»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!« + +Aber schon stand Demba vor ihr. + +»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder --« + +Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los. + +»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt und machte einen +Schritt zurück. »Lassen Sie mich hinaus.« + +»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,« sagte Demba. + +»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum!« zeterte Weiner. + +»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?« brach Demba los. Sein Gesicht +war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr +gebracht. + +»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!« + +Und Weiner, der die Mündung des Revolvers gegen seinen Leib gerichtet +fühlte, -- nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel +bohrte sich in seine Brust, -- Weiner, der sah, daß in diesem Augenblick +sein Leben völlig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um +sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne +zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis. + +»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief er. »Nur du bist an allem +schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt --« + +Er unterbrach sich und wandte sich an Demba. + +»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich wußte bis gestern nachts gar +nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon +gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?« + +Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der fürchtete, daß Demba seinen +Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter. + +»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag +angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwölf +Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.« + +Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner +sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas +Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel +und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den +Feigling niederzuschießen um dessentwillen, was er da sprach. + +»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die Nähe der Gefahr fühlte. +»Hast du mich nicht Tag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll, +vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität gekommen, wenn ich +in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.« + +»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid mit Sonja, die stumm +dastand und Weiners Vorwürfe über sich ergehen ließ. + +Aber Weiner war nicht zu halten. + +»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und +Tritt --« + +»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind wir fertig miteinander.« + +»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,« schrie Weiner erbost, +und seine Stimme überschlug sich. »Und jetzt --« + +»Und jetzt -- da hast du dein Geld zurück.« Sonja riß ihr grünes +Krokodilledertäschchen auf und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes +Heftchen in Weiners Gesicht. + +»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du +Feigling.« + +Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in +diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes +von seinem Herzen löste. + +Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben, +dieses Heft in seine Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen und +fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht +gefoltert, daß er zu spät kommen, daß dieses Heft ihm Sonja entführen +werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem +Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu +vernichten. Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke, vor ihm +versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich +mutlos und mit leeren Händen, ein Geschlagener und Besiegter, +hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt und +gefürchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fuße +beiseite stoßen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte +erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewünscht hatte, ohne +Mühe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem +Mantel versteckt hatte. + +Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen zu machen, trat Sonja zu +ihm. Denn, zwiespältig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen, +weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um +ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen. + +»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise. »Ja, du hast recht gehabt: +Er ist nichts wert. Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.« +-- Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem +Gesicht. + +Demba sah Sonja an und wunderte sich über alle Maßen. Was war in ihn +gefahren gewesen daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch den Tag +gerast war, daß er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um +ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn +fröhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fühlte +nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die +Angst, sie zu verlieren. + +Er war ihrer satt. + +Was wollte er noch hier? Was hatte er hier noch zu suchen? Er wandte +sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht +gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches Tier. Aber der +Haß lebte, der ließ sich nicht verscharren, der war groß und mächtig und +zwang ihn, seine Rache zu vollenden. + +Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten vermeinte, hatte ihn zu +ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die +Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er +gehen und denen dort ihr Leben schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus +war, ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor? Nein, sie sollten +nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah +sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und +Schuß auf Schuß in totenblasse Gesichter feuern. + +Er beugte sich über den Tisch. + +»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fünf Minuten +Zeit,« sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer +Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des +Augenblicks über den Rücken lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem +Gutdünken.« + +»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen Sie tun?« rief Horvath. + +»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,« +sagte Demba und wurde sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine +Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte. »Nein. Hinaus dürfen Sie +nicht. Zurück!« befahl er. »Oder ich schieße!« + +Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es +gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten +sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und +ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu. + +Demba blickte von einem zum andern, prüfte, auf wen er zuerst anlegen +sollte, es war Zeit, die Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich +für Horvath. + +Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mögen. In +seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen. +Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist +nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich +wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt -- halb neun -- + +Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen. + +Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten. + +Demba drehte sich um. + +»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel. + + + + +19 + + +»Ich hab' ihn!« + +»Halten Sie fest!« + +»Die Hände! Packen Sie seine Hände!« schrie Weiner dem Kellner zu. + +»Lassen Sie los!« brüllte Demba auf und wehrte sich wie ein Wütender +gegen die Arme, die ihn umklammert hielten. + +»Geben Sie acht! Er schießt!« + +»Er hat einen Revolver!« + +»Den Arm! Weiner, pack' den Arm!« + +»Achtung!« + +Demba war es gelungen, sich loszureißen. Er teilte nach allen Seiten +Stöße und Fußtritte aus und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem +Kopf gegen den Kellner. + +»Festhalten! Festhalten.« + +»Ich hab' ihn!« + +»Doktor! Packen Sie seine Beine!« + +»Loslassen!« tobte Demba und stieß mit dem Fuß aus. + +»Ich bin getroffen!« heulte Weiner und fiel in einen Sessel. + +Die beiden Theaterschülerinnen kreischten laut auf und hielten die Hände +vor das Gesicht. Sonja stand schon bei Weiner. + +»Georg! Was ist dir geschehen?« schrie sie angstvoll. + +»Ich bin getroffen! Hilfe!« ächzte Weiner. + +»Wo? Um Gottes willen!« -- Alle Feindschaft war vergessen und Sonja +mühte sich totenblaß vor Schrecken um den wimmernden Weiner. + +»Lassen Sie los! Ich ersticke!« keuchte Demba; der Kellner preßte ihm +mit beiden Händen den Hals zusammen. + +»Den Revolver fort!« befahl Dr. Fuhrmann. + +»Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hände!« schrie Horvath triumphierend. + +»Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm!« gurgelte Demba, blaurot im +Gesicht. + +»Ich hab' den Revolver.« + +»Achtung! Er ist geladen.« + +»Vorsicht! Er geht los!« + +Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf. + +Dann stieß Demba einen Schrei aus. Horvath hatte ihm die Hände im Gelenk +gedreht. + +»Da ist er.« Und Horvath brachte triumphierend Dembas Hände unter dem +Mantel hervor, zwei unselige, hilflose, jammervolle Hände, mit Ketten +kläglich aneinander gefesselt. + +Einen Augenblick lang war alles starr. + +Dann gelang es Demba, sich loszureißen. + +Er blickte wild um sich, stöhnte leise, schöpfte tief Atem und rannte +zur Tür hinaus. + +Ein paar Sekunden lang hörte man ihn im Dunkeln zwischen Stühlen, +Tischen und den leeren Kleiderständern poltern. + +Dann krachte eine Tür und alles war ruhig. + +Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache wiedergewann. + +»Was war das?« fragte er, noch immer außer Atem. + +»Habt Ihr das gesehen --?« keuchte Horvath, erschöpft von der +Anstrengung des Ringkampfes. + +»Der muß wo aus'kommen sein,« sagte kopfschüttelnd der Kellner. + +»Wir müssen ihm nach,« rief Dr. Fuhrmann. + +»Zur Polizei! Zur Polizei!« schrie Weiner und rieb sich sein Schienbein. + +Der Gedanke, daß sie sich alle von einem Schatten, einer Lüge, dem +Phantom einer Waffe hatten betrügen und in Furcht setzen lassen, brachte +sie in Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden auf und wischte +sorgfältig den Staub von seinen Seiten. + +»Es ist am besten, wir gehen aufs nächste Kommissariat,« sagte Dr. +Fuhrmann entschlossen. »Weiß vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?« + +»Ich,« sagte Sonja mit harter Stimme und sie nahm das höhnische Lächeln, +die spöttischen Blicke und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu +verraten. »Ich weiß, wo er wohnt.« + + + + +20 + + +Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür +stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln. + +»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich! +Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!« + +»Wartest du lang?« + +»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die +Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat +mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.« + +»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt +unten. + +»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi. + +»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf. +Aber leise -- leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen +bin.« + +Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel +ab. + +»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu +Hause? Wart', ich werde Licht machen.« + +»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein. +Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du +den Schlüssel?« + +»Ja. -- Ich glaube.« + +»Du glaubst? Was soll das bedeuten?« + +»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den Schlüssel,« sagte Steffi. +»Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.« + +Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die +Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der +Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das +Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich +erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am +nächsten Ersten. + +Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm +jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam +zu spät. + +»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi +Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel +sperrt.« + +»Versuchen?« fragte Demba. + +»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den +Schlüssel hervor. »Ich brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den +Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten. + +»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du +machen mit dem vielen Geld?« + +»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.« + +»Zu spät? Warum?« + +»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt +zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei +bekomme.« + +Steffi blickte unruhig auf. + +»Im rechten Augenblick?« fragte sie. + +»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba. + +»Wer denn, Stanie, wer denn?« + +»Ich glaube, sie werden gleich da sein.« + +»Wer denn, Stanie? Die Polizei?« + +»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort +sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die +Handschellen müssen fort!« + +»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen +müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist +zu groß.« + +»Wer? Der Schlüssel?« -- Demba fuhr erschrocken auf. + +»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.« Sie ließ +die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas +Gesicht. + +»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor. + +»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung +bittend. »Dieser dumme Mensch!« + +»Was ist denn geschehen?« + +»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, während ich im Bureau +war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub +von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte +und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel +öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem +Tagebuch gemacht!« + +»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst. + +»Stanie! Was werden wir tun?« + +»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer. + +»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein's mit dir gut. +Schau, wär' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles, +was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein +paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du +hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei, +Stanie --« + +»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba. + +»Bis auf die Handschellen?« + +»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem +Kerker kommt. Weißt du's nicht, Steffi? Strafen werden von der +Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt, +der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er +kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit +ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich +heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel -- horch! Da sind +sie schon.« + +Es hatte geläutet. + +Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals. + +»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie +mich hier finden!« + +Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte, +zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen +Sie!« + +»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi. + +Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze +aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes +Dämmerlicht. + +»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster +stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war +bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht, +daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich +bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte +ich, du wärest weit fort von hier.« + +Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf +dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich +und verflog in nichts. + +Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an +der Holzfüllung der Tür. + +»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht +glücklich, Steffi. Nur müde.« + +Es kam keine Antwort. + +»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers, +Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch +eines: Ausruhen.« + +Keine Antwort. + +»Wo bist du, Steffi?« + +Stille. + +Nur das Holz der Tür knirschte und krachte. + +Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens. +Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten +Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen +Strohsack. Die staubgesättigte Luft der engen Kammer legte sich ihm +drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke. + +Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher? +Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich? +Wie lange steh' ich schon hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf +Stunden? Zwölf Sekunden? + +Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz +Eugen«. -- Jetzt -- das Schieferdach glänzt so fröhlich in der +Morgensonne -- zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern -- +-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Als die beiden Polizisten -- kurz nach neun Uhr morgens -- den Hof des +Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus +Demba. + +Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er +wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit -- + +Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer +Wunde am Hinterkopf floß Blut. + +Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten +ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze, +tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen +hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken, +klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten +Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum +letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden +sehr müde und fielen zu. + +Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und +Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört, +im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck +stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal +gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, -- Stanislaus +Dembas Hände waren endlich frei. + + + + + Leo Perutz + Die dritte Kugel + Roman. 5. Auflage + Geheftet 5 M., gebunden 8 M. + +=Kölnische Zeitung=: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach +alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende +Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden. +Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll +verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung +geltend, ... kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für +Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück. + +=Wiener Allgemeine Zeitung=: In schlaflosen Nächten, die einem dieser +Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend +wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrängen und für die man +doch nie eine Antwort gewußt, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das +Buch dann beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?... +Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende -- aber das Buch ist schon da. +Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein +unbekannter Mann und heißt Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht, +das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um +den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt nicht mehr +losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst damit zu Ende ist. Und das ist +das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann +geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehört ... Kein Buch für +Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das im ganzen deutschen +Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wäre. + +Außerdem erschien: +Leo Perutz und Paul Frank +Das Mangobaumwunder +Eine unglaubwürdige Geschichte +11. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 7 M. + +=Zeit im Bild, Berlin=: »Das Mangobaumwunder« gehört zu jenen Büchern, +die man in einem Zuge bis zu Ende lesen muß. Die Grundidee der Erzählung +ist konsequent, geist- und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser +verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser ... Gruseln +ununterbrochen wachzuhalten. + + Verlag von Albert Langen in München + + Druck von Hesse & Becker in Leipzig. + Einbände von E. A. Enders in Leipzig. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + leeren Armel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte + leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte + + dazwischen über den Kohlenstaub iu den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann + dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann + + Rundereisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon + Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon + + und eine Besteigung des Sonnwendeines unternehmen. Für die + und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die + + Besichtigung Laistbachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für + Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für + + Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Uberhaupt heiß' + Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß' + + umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Cafè + umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café + + Besprechungen im Café Sistinia und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er + Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er + + »Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Ubrigens war ich bei + »Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei + + »Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner und setzte sich in Trab. + »Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab. + + alten Griechen deklamiert, »_Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?« + alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?« + + Matratze, die in einem Winkel auf den bloßen Erdboden liegt. Ein + Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein + + sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kasette nicht, in der er sein + sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein + + Sachen: Einen Senftigel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, + Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, + + hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können Ich war + hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war + + Steffis Vater aus Korksstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte + Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte + + Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes + Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes. + + Personsbeschreibung. Der Polzeibericht von heute morgen: Junger, etwa + Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa + + der Detektivs vermutete. + des Detektivs vermutete. + + ist das? ›Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., + ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., + + »Der Leichsinn Ihres Zimmerkollegen.« + »Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.« + + _Jeunesse doreé_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz + _Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz + + Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?» + Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?« + + ein vorzügliches Renomnee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann. + ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann. + + »Möchte nur festellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der + »Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der + + an der masiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er + an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er + + »Versuchen? fragte Demba. + »Versuchen?« fragte Demba. + + »Wo bist du, Steffi? + »Wo bist du, Steffi?« + + letzenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden + letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN *** + +***** This file should be named 36901-0.txt or 36901-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36901/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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