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+The Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zwischen neun und neun
+
+Author: Leo Perutz
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36901]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***
+
+
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+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
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+
+Zwischen neun und neun
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+
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+
+Ein Verzeichnis der Schriften von Leo Perutz findet sich am Schluß
+dieses Buches
+
+
+
+
+ Zwischen neun und neun
+
+ Roman
+ von
+ Leo Perutz
+
+ 4. bis 6.
+ Auflage
+
+ Albert Langen, München
+
+
+ Copyright 1918 by Albert Langen, Munich
+
+ Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
+ auch für Rußland, vorbehalten.
+
+ Leo Perutz
+ Albert Langen
+
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+1
+
+
+Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem
+Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein
+schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bewölkt. Das
+richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber Frau
+Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und
+die Greislerin beschloß, den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu
+füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen. Vorsichtshalber
+versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der
+im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr
+in der Wertschätzung eines guten Schnapses völlig überein.
+
+Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie
+allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein
+Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwölf Heller
+»saure Zuckerln« kauften. Die Köchin der Frau Inspektor aus dem ersten
+Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat und zwei Kilo Erdäpfel
+bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich
+einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück im Geschäfte der
+Frau Püchl erstand.
+
+Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte
+Frau Püchl alle Hände voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte
+Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehörte, zu einem
+längeren Plausch. Das Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der
+Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenkäs zugestoßen
+war. Und in diesem Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus
+Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen
+merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen
+Gesprächsstoff bot.
+
+Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschloß,
+einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere
+geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er
+eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand,
+sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem
+rechten Knie die Tür aufzustoßen, was ihm nach einigen Versuchen auch
+gelang.
+
+Dann schob er sich in den Laden. Er war ein großer, breitschultriger
+Mensch mit einem kurzen, rötlichen Schnurrbart in einem sonst
+glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu einer
+Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände staken, wie in einem Muff.
+Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren
+schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straßenkot bespritzt.
+
+»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er.
+
+Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich aber vorerst in ihrem
+Gespräch mit der Trafikantin nicht stören.
+
+»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's
+vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo
+b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', -- na also, i sag'
+Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, daß ma'n hätt' glei auf a
+Sommerfrisch'n schicken können zur Erholung. Alles wach, alles
+zerlaufen. Was bekommt der Herr?«
+
+Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fuß mehrere Male
+heftig gegen den Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber
+rasch. Ich habe Eile.«
+
+Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen
+Gesprächsthema abdrängen. »Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,«
+sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht bedienen.« Das
+»z'erscht bedienen« bestand vorerst lediglich darin, daß sie die
+Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.
+
+»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir
+der Mensch! Er hat« -- sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten
+Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. --
+»Aha, da seh'n S', da steht's: ... ›den Käse ordnungsgemäß verpackt, und
+habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware während des
+Transportes erleidet, nicht aufzukommen‹. Für den ›geringfügigen
+Gewichtsverlust‹! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.«
+
+»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei die Leut',« meinte die
+Trafikantin.
+
+»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'läut't. Glaub'n S', i
+lass' mir das g'fall'n? Da wär' i ja der Trottel umasunst!«
+
+»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!«
+
+»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so äußern tut!« rief Frau
+Püchl im höchsten Zorn.
+
+Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen,
+der nicht gewillt schien, noch länger auf sein Butterbrot zu warten.
+
+»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung von Nervosität, Hohn und
+mühsam unterdrückter Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen
+gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein
+Butterbrot.«
+
+»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur a bisserl Geduld. Der
+Herr hat's aber eilig!«
+
+»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz.
+
+»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau Püchl der fortgehenden
+Trafikantin nach.
+
+»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm' nachher eh wieder auf an
+Sprung.«
+
+»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in
+einer Kanzlei?« fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur,
+weil's der Herr so eilig hat.«
+
+»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,« antwortete Demba grob.
+
+»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das
+Butterbrot zu. »Vierundzwanzig Heller.«
+
+Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er
+nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die
+Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm plötzlich ernste
+Bedenken gegen den Genuß von Butterbrot aufgestiegen.
+
+»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die Greislerin.
+
+»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich. Oder glauben
+Sie, daß ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?«
+
+Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden
+hin.
+
+Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit der Fußspitze gegen den
+Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein
+Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten
+unter dem horngefaßten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.
+
+»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte Frau Püchl.
+
+»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?«
+
+»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst, dürre Wurst, Salami.«
+
+»Also Extrawurst.«
+
+»Wieviel?«
+
+»Acht Deka. Oder zehn Deka.«
+
+»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte
+das Päckchen neben das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller, beides
+zusammen.«
+
+Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte plötzlich
+außerordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für
+die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er
+suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich
+sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden und über
+dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen
+Roggenbrots.« -- »Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las er mit
+großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.
+
+»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?« fragte er dann
+und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen
+zwei Fliegen niedergelassen hatten.
+
+»Nein, das ist Brot aus den ›Heureka‹-Werken.«
+
+»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.«
+
+»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,« gab die
+Greislerin zur Antwort.
+
+»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde immer rätselhafter. Jetzt
+blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich
+wütend in die Lippen.
+
+»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?« fragte er
+plötzlich, während ihm ein kleiner Schweißtropfen die Stirne
+herunterlief. »Mein Name ist Stanislaus Demba.«
+
+»Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?«
+
+»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und
+das Wurstpäckchen.
+
+»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an.
+Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.
+
+»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor
+ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte
+glauben, in einem so großen Betriebe -- Geht's nicht? Gut. Das macht
+nichts.«
+
+Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu,
+die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden
+Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.
+
+»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?« fragte er dann.
+
+»No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie
+halt die Witterung war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem
+Strickstrumpf.
+
+Demba rührte sich noch immer nicht fort.
+
+»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?«
+
+»I glaub' net.«
+
+Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem
+Strumpf, während Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen
+völlig in Anspruch genommen war.
+
+Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl, das Salzgurken verlangte,
+und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden
+den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.
+
+»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?« fragte er jetzt.
+
+»A Milli führ' i net.«
+
+»Also einen Schnaps?«
+
+»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?«
+
+Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht
+wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie
+das nicht gleich gesehen?«
+
+»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht,
+daß Ihna davon besser wird,« sagte die Greislerin.
+
+Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. »Ja, ich bitte Sie
+darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste
+sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.«
+
+Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer
+Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr
+nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte,
+fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:
+
+ »Herr von Bär
+ schickt mich her,
+ ob der Kaffee fertig wär' --«
+
+»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß wer drin is im Laden.
+Weißt vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'?«
+
+»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und begann weiter zu
+springen.
+
+ »Morgen um acht
+ wird er gemacht,
+ morgen um neun
+ schaust herein --«
+
+Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber während sie das Schnapsglas
+füllte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte.
+Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche
+Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen
+gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht
+gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn
+Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen,
+das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus
+Maria-Zell!
+
+Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl
+schreckensbleich in den Laden.
+
+Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube
+gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld! Frau Püchl
+ließ sich schweratmend in einen Stuhl fallen und riß wütend die Geldlade
+auf.
+
+Aber es war alles in schönster Ordnung! Da stand die Schale mit dem
+Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das
+Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.
+
+Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst
+war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für
+ihre »Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine
+versöhnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld
+gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte es ihm auch
+geschenkt, wenn er sie darum gebeten hätte. Man ist ja schließlich doch
+auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.
+
+Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das
+Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling
+Ausschau zu halten.
+
+Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.
+
+Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und
+Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und
+zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.
+
+Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezählt und
+sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen
+hätte.
+
+
+
+
+2
+
+
+Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von
+Truxa, und seinem Hunde »Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den
+Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen
+Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend
+auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung
+betraut, muß den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem
+grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten
+Werke über die »Bildung altassyrischer Eigennamen« hat er sich in der
+Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, während seine
+scharfsinnigen Untersuchungen über »indische Kachelmotive und ihren
+Einfluß auf die persische Teppichornamentik« seinen Namen auch in
+weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.
+
+Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der
+Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der
+Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.
+
+Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein
+vorzügliches kalmückisch-deutsches Wörterbuch an erster Stelle zu
+nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die Häufung der
+Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches
+Werk: »Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme« haben auch den Weg
+ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.
+
+Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in
+dieser Erzählung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch
+angemerkt, daß Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer
+mehrmonatlichen Studienreise aus dem nördlichen Haurangebiet
+zurückgekehrt und derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche
+Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener
+chettischer und phönizischer Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat
+Klementi zu bearbeiten und zu veröffentlichen.
+
+Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt sich seine Rasse mit
+absoluter Zuverlässigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht
+allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als -- im großen und
+ganzen -- zu der Familie der Spitze gehörig bezeichnet. Er konnte
+apportieren, Pfotl geben und »bitten« und besaß ein weißes,
+braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.
+
+Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im
+Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu
+bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und
+behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum
+Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst
+grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang,
+konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und
+Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der
+Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen
+Tramway zu bringen.
+
+Der Liechtensteinpark war um diese Zeit -- es mochte gegen halb zehn Uhr
+vormittag sein -- bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und
+Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg,
+Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her,
+Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor.
+Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an
+der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes
+Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete.
+Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem
+lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden
+der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen.
+
+Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das
+Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa
+vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer
+auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat
+zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.
+
+»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen
+Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche
+Reste der _Canabis sativa L._ enthielten. Unsere Vorfahren haben
+zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt.
+Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank
+Nepenthes erwähnt wird, der ›Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen
+Leides‹. Und das ›_Gelotophyllis_‹, das ›Kraut der Gelächter‹ der alten
+Skythen, von dem Plinius spricht.«
+
+»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden
+bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel
+weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines
+ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner
+Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der
+Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen
+des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von
+ähnlicher Wirkung anzusehen.«
+
+»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in
+seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht
+anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von
+Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet
+worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt:
+Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines
+neapolitanischen Hafenarbeiters -- welche Symptome könnten Sie übrigens
+feststellen, Professor?«
+
+»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden
+Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten
+Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im
+Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel.
+Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus
+und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das
+Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei
+sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe
+gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger
+ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der
+arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.«
+
+»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen
+Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.
+
+»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt
+sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne
+Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.«
+
+Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber
+unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit
+absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem
+menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das
+Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem
+Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des
+Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich
+und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar
+im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei.
+Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem
+Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in
+seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch
+selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos
+in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche
+Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und
+beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung
+der Dinge.
+
+»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?«
+fragte der Hofrat.
+
+»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und
+bekam Magenbeschwerden.« Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs
+zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit seinem Rockärmel sorgsam
+von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkörnchen weg und legte ihn
+dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich
+sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem
+Staube.
+
+Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem
+weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes
+Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt, führte sie zu ihrem
+Lieblingsplätzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe -- Kinder,
+die mit einer Rehkitz spielten -- und Gesträuch verborgenen und von zwei
+Akazien beschatteten Bank.
+
+Auf der Bank saß Stanislaus Demba.
+
+Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in die Hände
+gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl
+Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner
+Überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing
+ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hände,
+Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß. Die langen, leeren Ärmel
+flatterten im Wind.
+
+Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war
+feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen
+nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas
+Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten
+in großen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung
+die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen, zu deren Durchsicht der
+heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates,
+der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entriß,
+war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet
+wurde.
+
+Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom
+Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.
+
+Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lästige
+Störung zu betrachten. Er hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich
+verdrießlich in die Lippen. Er schien enttäuscht, als er sah, daß
+Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und
+wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zögerte,
+blieb eine Weile unentschlossen stehen und ließ sich dann resigniert
+wieder auf die Bank nieder.
+
+Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbögen geordnet
+und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute
+Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit
+gestört.
+
+»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?«
+sagte Demba mit einem unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm
+zunächst saß.
+
+Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von
+Dembas Extrawurst.
+
+»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.« Dembas Stimme
+zitterte vor Wut.
+
+»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!« rief der
+Professor verlegen.
+
+»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte der Hofrat, dem das
+Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um
+Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!«
+
+Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für
+gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in
+langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im
+Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen
+Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der
+Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die
+Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand
+schnappte.
+
+Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte
+jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.
+
+»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die andere Seite der Bank
+legen? Dorthin kommt der Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat.
+
+»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß, die Sachen auf die
+andere Seite zu legen. Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt
+dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben,
+das werde der Herr wohl einsehen.
+
+Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bewölkt und keine
+Spur von Sonne zu sehen war.
+
+»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht
+mehr zu genießen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund
+geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nämlich
+selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste
+dänische Butter.«
+
+»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?« bat der Hofrat. Cyrus
+war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her.
+Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig
+mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.
+
+»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu
+sein. Nicht ein Stückerl läßt er übrig, nicht das allerkleinste
+Stückerl.«
+
+»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?« fragte Professor
+Truxa.
+
+»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem
+Wetter geradezu einen Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.«
+
+Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba
+schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren
+etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß er ihren Hund mit
+seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem
+Hunde sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es sie nicht einen
+Heller kostete.
+
+Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für rätlich halte,
+sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen
+Streit vom Zaun brechen. -- Um von Demba nicht verstanden zu werden,
+bediente Professor Truxa sich des Idioms der nördlichen Tuaregvölker,
+und zwar -- der größeren Sicherheit halber -- des Dialekts eines bereits
+seit längerer Zeit ausgestorbenen Stammes.
+
+Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die
+Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. -- Ob der Herr vielleicht
+etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund
+sein Frühstück zu schenken, -- fuhr er in gereiztem Ton den Professor
+an. Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und Brot. Um vierundsechzig
+Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube,
+daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse,
+um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.
+
+»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte Professor höflich. Und der
+Herr sei augenscheinlich ein großer Tierfreund, -- setzte er hinzu.
+
+»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus Demba in plötzlich
+erwachter Begeisterung. »Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren
+den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht? Schade!« -- Der Hund würde
+es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, -- wenn er sich den Herren
+vorstellen dürfe. Demba, _cand. phil._ ... Nach so einem Hund sei er
+schon lange auf der Suche. »Und von wem hat denn der Hund das schöne,
+rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch
+her zu mir! Willst du Zucker haben?«
+
+»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem Herrn schön das Pratzerl.«
+
+Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die
+Vorderpfote.
+
+Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche
+Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel
+heulend auf den Rücken.
+
+Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gruß davon. Das
+untere Ende seines Mantels, den er über den Armen hängen hatte, geriet
+ihm unter die Füße und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises,
+metallisches Klirren war plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines
+Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den
+Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fußpfads.
+
+Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. »So ein
+roher Mensch!« rief er entrüstet dem Hofrat zu.
+
+Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. »Professor!« sagte er leise,
+ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das gesehen?«
+
+»Natürlich! So ein roher Mensch!«
+
+»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?« flüsterte Hofrat
+Klementi geheimnisvoll. »Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch
+beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der Stimmungen!
+Dieser anfängliche Heißhunger, der sich plötzlich in Ekel vor allem
+Eßbaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität gegen ein
+harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat.
+Professor! Merken Sie nichts?«
+
+»Sie meinen --?« fragte Professor Truxa.
+
+»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher hier bei uns! In
+Europa!«
+
+Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.
+
+»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein
+Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«
+
+»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.
+
+»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der
+Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher
+vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der
+Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen
+Schatz bei sich zu tragen.«
+
+»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch
+ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!«
+
+Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund
+Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich
+seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern
+suchte.
+
+Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten,
+war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder
+verschwunden.
+
+
+
+
+3
+
+
+Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den
+beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie
+im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub
+und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem
+Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und
+Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb.
+Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr
+gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem
+andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie
+sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war
+für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse
+für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die
+vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, -- bis sie
+schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher
+etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden
+kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter
+ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein,
+wenn Sie fortwährend lesen.«
+
+Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen
+Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der
+zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit
+über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, --
+bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein
+Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium --,
+worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer
+Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf.
+Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das
+Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen:
+»Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den
+unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl
+das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses
+Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante
+Themen hatte.
+
+Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen
+Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein
+für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für
+sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der
+Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar
+Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben
+Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam
+und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei,
+verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das
+Fräulein zwei Karten.«
+
+Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch,
+eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park
+besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen;
+Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.
+
+»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein.
+
+»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht, wie man dran ist,«
+meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Häkelarbeit hervor.
+
+»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', hätt' ich geschworen
+darauf, daß es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt
+ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.«
+
+Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein blätterte in ihrem Buch. Frau
+Buresch häkelte.
+
+»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der
+Bänke«, erzählte das Fräulein. »Vier Heller pro Person.«
+
+»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen, Fräulein, grau in grau ist
+das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches,
+ausgelassenes --«
+
+Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen ausgelassenen
+Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger
+Mann hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt. Und wenn sich ein
+junger Mann neben das Fräulein setzte, dann wollte Frau Buresch um
+Gottes willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an
+das äußerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Häkelarbeit.
+
+Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern
+geworfen und vorne flüchtig zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff
+hinunter. Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen, wie
+einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, daß er ein
+paar Minuten lang ausruhen kann.
+
+Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, daß seine Nachbarin ein
+ausnehmend hübsches Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr
+aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.
+
+Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.
+
+Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte,
+nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem
+Buche aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man
+ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen
+Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von
+andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte.
+Vielleicht gehörte er zur Boheme -- dachte sie. -- So sieht er aus. Er
+hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen
+Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen
+schweren und ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten
+Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach
+-- stellte das Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit
+Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl abbürsten können, bevor er sich
+neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend etwas an
+dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschloß, sich seinen
+Annäherungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das
+wußte sie genau, entgegenkommend zu verhalten.
+
+Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht gerade origineller Weise,
+indem er das Fräulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das ist
+ein Ibsen, nicht wahr?«
+
+Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie
+angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und
+ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.
+
+Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab' ich Sie gestört?« fragte
+er. »Ich wollte Sie nicht stören.«
+
+»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen und tat, als ob sie
+weiterlese.
+
+»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.«
+
+»Ja. Die Hedda Gabler.«
+
+Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wußte weiter nichts zu sagen.
+
+Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie
+wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.
+
+Ein bißchen schwerfällig ist er -- dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu
+Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch
+sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen
+sei.
+
+»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. -- Weiter nichts.
+
+Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die
+Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu
+sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen
+ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum.
+Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und
+apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich,
+ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen.
+
+Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem
+solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit
+einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten
+überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt,
+ist das Gespräch im Gange.
+
+Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte
+aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus
+Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach
+ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein
+selbst nach dem Schirm bückte.
+
+Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das
+imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen
+vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen
+Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht
+galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger
+Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht
+hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen -- Frau Buresch häkelte und sah
+nicht hin --, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen
+hätte.
+
+»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen
+verbieten, Ibsen zu lesen.«
+
+»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?«
+
+»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt
+Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.«
+
+»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art
+der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu
+stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für
+sich erwecken konnten.
+
+»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,« sagte Demba. »Ich
+müßte Ihnen vor allem erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter
+seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren
+Klang ihrer Worte berauschen. -- Aber lassen wir das, mich langweilen
+literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt?
+Seine Menschen sind alle geschlechtlos.«
+
+»So? Geschlechtlos?« -- Das Fräulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen.
+Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem
+guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte sie nur noch »Gespenster«. Aber
+sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck großer
+Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur
+hervorzurufen.
+
+»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?«
+
+»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den
+Kuß im Nebenzimmer nicht!« -- Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz
+auf. »Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im
+Nebenzimmer die Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient
+vielleicht, aber nicht der Oswald.«
+
+Das Fräulein lachte.
+
+»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher an das Fräulein heran, »ist
+der Kuß ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den
+Mann um sein Recht zu prellen.«
+
+»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?«
+meinte das Fräulein.
+
+»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,« predigte Stanislaus
+Demba, »sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der
+Natur schulden.«
+
+Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die
+Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr
+Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der
+Gegenstand des Gesprächs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte
+nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte sicher kein Wort
+verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.
+
+Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine andere Wendung.
+
+»Ich habe Hunger,« sagte er.
+
+»Wirklich?«
+
+»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.«
+
+»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück
+Kuchen.«
+
+»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,« sagte Demba
+nachdenklich. »Wieviel Uhr ist es eigentlich?«
+
+»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,« sagte das
+Fräulein.
+
+»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba sprang auf.
+
+»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.«
+
+»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich habe viel zu tun. Ich
+hätte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und
+die Füße schmerzten mich. Und außerdem« -- Demba schwang sich zur
+höchsten Liebenswürdigkeit auf, deren er fähig war --, »ich konnte ja
+gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen lernen.«
+
+»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern können.« Das
+Fräulein wippte leicht mit der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel
+und den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines sehen.
+
+Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fuß und blieb sitzen.
+
+»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er.
+
+»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in
+diesem Park bin ich nicht immer.«
+
+»Und wo sind Sie gewöhnlich?«
+
+»Das ist verschieden. Es hängt von meiner Gnädigen ab. Ich bin
+Erzieherin.«
+
+»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.«
+
+»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen -- aber Sie können mir ja
+schreiben,« sagte das Fräulein.
+
+»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.«
+
+»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn
+kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien
+Straße 18. -- Warum notieren Sie es nicht?«
+
+»Das merke ich mir auch so.«
+
+»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken.
+Wiederholen Sie sie doch einmal.«
+
+Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel.
+Alles andere hatte er vergessen.
+
+»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein.
+
+»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte Demba und verzog ärgerlich
+das Gesicht.
+
+Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und riß ein
+Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.«
+
+»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba.
+
+»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt.
+
+»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.«
+
+»Machen Sie doch keine Scherze!«
+
+»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, daß
+0,001‰ der Wiener Bevölkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null
+Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.«
+
+»Das soll ich Ihnen glauben?«
+
+»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre --«
+
+Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß hatte ihm den Hut vom Kopf
+gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba
+sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Plötzlich
+blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz
+zurück.
+
+»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn nicht holen.«
+
+»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben Sie vielleicht Angst vor
+dem Parkwächter?«
+
+»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.«
+
+»Ja, aber warum denn?«
+
+Stanislaus Demba holte tief Atem.
+
+»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser Stimme. »Es muß
+heraus. Ich habe keine Arme.«
+
+Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.
+
+»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe beide Arme verloren.«
+
+Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.
+
+»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. -- Ich bin leider auf fremde Hilfe
+angewiesen. -- So, danke.«
+
+»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ sich wieder auf die Bank
+nieder. »Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen,
+mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein!
+Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon
+gehört?«
+
+»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die Augen. Jetzt verstand sie
+manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den
+Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert
+hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.
+
+»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in
+die Mahlmaschine. An einem -- nein, es war gar nicht einmal an einem
+Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag war's; am zwölften
+Oktober.«
+
+Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende Angst, daß er auf den
+Einfall kommen könnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei
+kurze, blutunterlaufene Stümpfe -- Nein! Sie konnte nicht daran denken.
+Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
+
+»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und schuldbewußt. »Willi!
+Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.«
+
+Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die
+leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
+Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau
+getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens
+erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als
+mühsam verborgenes Elend.
+
+Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt?
+
+»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.
+
+»Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann
+denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba.
+
+Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel
+Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem
+Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben
+Stanislaus Demba auf die Bank.
+
+Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem
+unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die
+ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.
+
+Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch.
+Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.
+
+Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das
+Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm
+irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder
+Frau Buresch.
+
+ * * * * *
+
+Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie
+sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit
+beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie
+beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des
+Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus
+seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender
+Gebärde auf den Boden warfen.
+
+
+
+
+4
+
+
+Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte
+heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am
+Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und
+speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde
+verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht
+gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige
+Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- »In Wien
+spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte
+man ihn schreien gehört. -- Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg
+unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und
+dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann
+aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde
+wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen
+seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach
+Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.
+
+An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder,
+Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der
+Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister
+Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach
+Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand --, Mister
+Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an
+seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß
+Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah,
+interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die
+neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die
+Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf.
+
+Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine
+klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und
+ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem
+Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel
+auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue
+Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner
+Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der
+Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit
+blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er
+ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte
+ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des
+Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte,
+weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.
+
+»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben
+mit ihrer Frisur fertig geworden war.
+
+»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein
+Springer.
+
+»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am
+Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen
+hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-,
+Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können.
+Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire«
+rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als
+schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken
+lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit
+denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem
+Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der
+Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher
+ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »_Chic
+parisien_« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau
+in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den
+Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen
+außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische
+Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im
+Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie
+verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks,
+mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln
+pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr
+Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit
+Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die
+Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den
+leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich
+eingestreute »_All rights_« und »_Neverminds_« zu verbergen.
+
+Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den
+Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab.
+
+»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder
+an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«
+
+Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im
+Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum
+Chef -- zwölf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und
+eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute
+hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die
+notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene
+Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum
+vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem
+Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei
+Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem
+Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr
+Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als
+Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte
+sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen
+Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich
+schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das
+Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
+gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend
+angestaunt worden -- war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel
+Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über
+Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen
+Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so
+sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten
+Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden.
+Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen
+und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die
+Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für den
+Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von
+Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo
+d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig
+durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua --
+hatte Georg Weiner erklärt --, war doch nicht solch ein
+Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der
+Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der
+kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das
+Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also
+gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren
+Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann
+jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen
+Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg
+Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen
+Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von
+vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen
+diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man
+sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert,
+ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage
+Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der
+Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet
+werden.
+
+Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl
+zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an
+Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.
+
+»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine
+Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister
+Brown?«
+
+»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von
+seinem Buch aufzublicken.
+
+»Was es Neues gibt im Bureau.«
+
+»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den
+Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda
+sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren.
+Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«
+
+»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr
+Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar
+kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus
+verläßlicher Quelle erfahren.«
+
+»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr
+Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die
+Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß'
+ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.«
+
+»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag'
+mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit
+dem Georg davon bist?«
+
+»Der?« -- Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was
+er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.«
+
+»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg.
+
+»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht
+immer in meine Angelegenheiten ein.«
+
+Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor
+und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.
+
+»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht
+schön?«
+
+»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von
+seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf
+jeden Fall. »Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreißig. Wie ein
+Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der
+Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein
+besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.
+
+»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht
+wirklich schön?«
+
+»Einundfünfzig -- neunundfünfzig -- vierundsechzig. Wie ein
+Karpathenhirsch.«
+
+Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf
+ihr Schreibpult.
+
+»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht,
+fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig
+Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach
+Budweis wie voriges Jahr.«
+
+Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu
+geben.
+
+»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister
+Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen
+Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte.
+
+»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist
+morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht.
+Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du
+mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war
+er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt,
+schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie --«
+
+»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in
+zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im
+Augenblick die Rede war.
+
+»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich
+hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für
+allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach
+Budweis zu meiner Tante gefahren bin.«
+
+Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige
+Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der
+Hand.
+
+»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr
+Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben --«
+
+»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine
+Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«
+
+»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr
+Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die
+Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber
+nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen
+Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich
+=sehr= interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch.
+
+»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg
+neugierig.
+
+»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee
+gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas
+gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein
+Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«
+
+Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein
+Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in
+Ekstase.
+
+»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte
+schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père
+Lachaise! Der Montmartre!«
+
+»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach,
+»_Chapeau claque! Voilà tout!_«
+
+Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter
+einzusprechen.
+
+»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete
+unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin,
+warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die
+Stirne.
+
+»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr
+haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich
+den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf
+mich warten lassen. -- Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl,
+Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft
+umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café
+Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist
+die Nummer.«
+
+»_All right_, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.
+
+»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte
+»Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef
+stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte.
+
+»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich Klara Postelberg. »Ich weiß
+doch: _Les affaires sont les affaires._«
+
+»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl
+das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol
+spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche
+Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er
+jedesmal mit.«
+
+»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.
+
+Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.
+
+»Was hast du denn gegen den Stanie?«
+
+»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«
+
+»Warum eigentlich? Und seit wann?«
+
+»Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder
+nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab'
+ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn
+ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß
+er mit irgend jemandem Streit beginnt.«
+
+»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht
+einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt,
+warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die
+Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder
+vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein
+hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der --«
+
+Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und
+lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen
+Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.
+
+»Sonja, du wirst verlangt.«
+
+»Georg --?«
+
+»Ich glaube. Ja.«
+
+Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann
+mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften,
+die ›jenes entzückende Fräulein‹ in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden
+Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge
+gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit
+ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier
+Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka
+Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und
+das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.
+
+Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal!
+Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«
+
+Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte
+unter schweren Schritten.
+
+Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten
+sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr
+unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches
+umher.
+
+Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam,
+sondern Stanislaus Demba.
+
+In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das
+Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen
+Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen.
+
+»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom
+raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.
+
+»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja
+ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg
+vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte.
+
+»Ich werde warten,« sagte Demba.
+
+»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im
+Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.
+
+Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig
+da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm
+von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit
+den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte.
+Den Hut behielt er auf dem Kopf.
+
+»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm
+ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen,
+aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu.
+»So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«
+
+Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit
+einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den
+Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich
+zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder.
+
+»Mir können Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts
+getan?« sagte Klara Postelberg.
+
+Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und
+wurde mit einemmal gesprächig.
+
+»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben
+hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen
+einzigen Kuß auf diese Hand!«
+
+»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die
+andere Hand hin.
+
+»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle
+Illusionen,« sagte Demba.
+
+»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat
+tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der
+Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.
+
+Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.
+
+»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.«
+
+»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«
+
+»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht
+wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die
+Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.«
+
+Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem
+jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und
+ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka
+Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka
+Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet.
+
+»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die
+Arme aus.«
+
+»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht,
+wenn sie --«. Sie brach ab.
+
+»Was ist's mit Sonja?«
+
+»Nichts.«
+
+»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem
+Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«
+
+»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer.
+
+»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz
+außer sich.
+
+»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem
+Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken.
+
+Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder.
+Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer
+gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf
+und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten
+sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt
+stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen
+Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
+verschwunden.
+
+»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein
+Tintenfaß zerschlagen.«
+
+Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein
+wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der
+metallenen Schreibtischplatte.
+
+»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich
+hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich
+auf dem Boden nach Glassplittern.
+
+»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.
+
+»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf
+Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.
+
+Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal
+von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- weiß Gott, wer ihm
+davon erzählt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen,
+daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese
+Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich
+gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden
+werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser
+Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der
+peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen
+ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich
+das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten
+teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten,
+eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.
+
+Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so
+hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über
+sich ergehen zu lassen.
+
+Sonja war bereit.
+
+»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck
+ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr
+im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef --«
+
+Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba
+wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die
+Stellung des sich Verteidigenden.
+
+»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit
+dir zu sprechen.«
+
+»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten
+Miene, die sie zustande brachte.
+
+»Ja.«
+
+»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.«
+
+Demba setzte sich.
+
+»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.
+
+Demba schwieg eine Weile. -- »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn
+die Unterredung unter vier Augen --«
+
+»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.«
+
+»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und
+ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch.
+Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der
+Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht
+bleiben.
+
+»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm,
+Claire!«
+
+»_Enfin seul_,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht
+enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verließ. Der
+Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur
+wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem
+böhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von
+seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen.
+
+»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.
+
+Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht gewesen?«
+
+»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei
+meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein
+bleiben.«
+
+»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?«
+
+Sonja errötete. -- »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die
+Liechtensteinstraße?«
+
+»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine
+Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf
+Reisen gehen.«
+
+»Weht der Wind daher?«
+
+»Jawohl. Daher.«
+
+»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu
+fragen,« sagte Sonja spöttisch.
+
+»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.
+
+»Doch. Morgen früh um neun.«
+
+»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.
+
+»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig.
+
+»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für
+immer zu Ende ist.«
+
+»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es für mich schon
+seit einem Vierteljahr zu Ende ist.«
+
+»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab'
+ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern
+als mich zu lieben.«
+
+Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja
+begann zu lachen.
+
+»Wirklich?« fragte sie.
+
+»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach
+dem Nachtmahl in den Park und da --«
+
+»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr
+Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab'
+wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«
+
+»Willst du es vielleicht abstreiten?«
+
+»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du
+machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender
+Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist
+eben alles anders.«
+
+Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der
+Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen,
+wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«,
+war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte
+mit dem Fuß.
+
+»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft
+bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar
+heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß
+hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.«
+
+»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte
+Sonja.
+
+»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort,
+ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es
+mein Verderben ist. Und ich glaube« -- Demba warf nochmals einen Blick
+auf die Uhr und stöhnte ganz leise -- »es wird mein Verderben sein.«
+
+Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr
+Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend
+etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf
+hatte er da in Vorbereitung?
+
+»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise
+mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich
+mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir
+abreisen.«
+
+»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.«
+
+»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,«
+sagte Demba unbeirrt.
+
+»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das
+glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine
+Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten
+sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.«
+
+Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe
+nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und
+kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas
+festen Entschluß war, wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und
+sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.
+
+Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag,
+stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn
+zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.
+
+»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf
+hast du dich vergaffen können!«
+
+Sonja wurde zum erstenmal scharf.
+
+»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort
+fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide
+nicht zueinander passen.«
+
+»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin
+verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn
+auch nur _in effigie_ vernichten konnte.
+
+Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu
+setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum
+Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom
+Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter
+ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor
+Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide
+haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß
+Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.
+
+Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.
+
+Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer
+Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes
+Instrument erhascht.
+
+Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar:
+Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte
+nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver
+war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr
+Leben in höchster Gefahr befand.
+
+Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand
+zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu
+erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen
+Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie
+nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte.
+Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.
+
+Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete
+sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden.
+Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu.
+Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
+verborgen.
+
+Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich
+mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu
+Boden zu sinken.
+
+»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du
+dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?«
+
+Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete
+keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.
+
+Aber Sonja sagte leise:
+
+»Ich weiß es noch nicht.«
+
+Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht
+spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm
+sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen.
+
+»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.
+
+»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger
+Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den
+Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr --
+
+»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß
+geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«
+
+»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn ...« Sie stockte. Was
+sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.
+
+»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er
+trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es
+nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.
+
+»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte
+das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt
+habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte,
+Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.«
+
+Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte
+nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte
+sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den
+Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte:
+Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie
+aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.
+
+»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen
+Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal.
+Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.«
+
+Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich
+fort wäre! --
+
+»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte
+Demba.
+
+»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß --« Sie suchte nach irgendeinem
+Vorbehalt.
+
+»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba.
+»Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld
+nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.«
+
+Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:
+
+»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig
+über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend
+nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab'
+keine Zeit zu verlieren.«
+
+Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er biß sich in die
+Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in
+einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege
+stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.
+
+ * * * * *
+
+Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie
+Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben.
+
+»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.
+
+»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich
+schießen wollen.«
+
+Etelka Springer schüttelte den Kopf.
+
+»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war
+sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«
+
+»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit
+über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall
+hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen.
+»Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch
+gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.«
+-- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.
+
+Etelka Springer wurde nachdenklich.
+
+»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr
+leicht erregbar. Aber --« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du
+den Weiner benachrichtigen.«
+
+»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er
+zu seinen Eltern nach Mödling fährt.«
+
+»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's
+nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn
+jetzt?«
+
+»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«
+
+»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«
+
+Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am
+Kleiderhaken.
+
+Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.
+
+
+
+
+5
+
+
+Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich
+halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht,
+sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen
+haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das
+Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte
+ihn geweckt.
+
+Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine
+halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch
+liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf
+seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die
+Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch
+unnötigen Lärm machte.
+
+Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, -- er
+pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu
+schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, -- erkannte
+er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte.
+Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen
+hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.
+
+Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf
+komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es
+mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er
+feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände
+sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und
+eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt.
+
+Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei
+schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen
+Schatten vergrößerter Havelock erwies.
+
+Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander
+sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen
+neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba
+gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur
+selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn
+Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe
+ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal
+miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf
+zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war
+Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten
+war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer
+verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der
+Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte
+herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern
+zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten sie sich mittels
+Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte
+Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe
+von fünf Kronen voneinander.
+
+»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten
+an.
+
+Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er
+merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann
+wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch,
+so plötzlich, als wäre er versunken.
+
+»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen
+Sie? Warten Sie, ich mache Licht.«
+
+Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu
+öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte
+Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf:
+
+»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden
+geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.«
+
+»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es
+war jetzt stockdunkel im Zimmer.
+
+»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten
+gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und
+schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem
+Tische lag.
+
+»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein
+Stück Brot ab, Miksch.«
+
+»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch. »Man nimmt das Brot in
+die eine und das Messer in die andere Hand.«
+
+»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher
+Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück
+Brot ab.«
+
+»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über
+den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern
+ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen
+Sie es sich selbst.«
+
+Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu
+führen -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet
+mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.
+
+Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose
+und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.
+
+»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba.
+
+»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«
+
+»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit
+gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein
+Frühstück weggeschnappt.«
+
+»Wer? Ein Hund?«
+
+»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig
+zusehen.«
+
+»Warum mußten Sie das?«
+
+»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie
+das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine
+Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?«
+
+»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden
+schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, daß Sie
+heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«
+
+»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel
+auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem
+Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.«
+
+»Ihr Mantel ist zerrissen?«
+
+»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.«
+
+»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat
+Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.«
+
+»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«
+
+»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«
+
+»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn
+der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.«
+
+»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«
+
+»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig
+fahren.«
+
+»Georg Weiner? Wer ist das?«
+
+»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem
+spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«
+
+»Geben Sie ihm Ihren Segen.«
+
+»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief
+Demba zornig.
+
+»Wer bestiehlt Sie denn?«
+
+»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?«
+
+»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.«
+
+»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im
+Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium,
+der doch auch ›frei‹ ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen
+Ihren Posten wegnehmen würde -- ließen Sie sich das gefallen? Ich soll
+zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel
+ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese
+Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?«
+
+»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«
+
+»Nein.«
+
+»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der
+Verlust ist also nicht so groß.«
+
+»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.«
+
+»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können
+doch keine Rolle spielen.«
+
+»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll
+ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hören Sie: Sie essen ein
+Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der
+Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann
+werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge
+essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen
+Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie
+unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach
+jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.«
+
+»Nun. Und?«
+
+»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar
+Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind,
+als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich
+heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das
+nicht? -- Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«
+
+»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«
+
+»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«
+
+»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?«
+Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld,
+Demba?«
+
+»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«
+
+»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'?
+Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!«
+
+»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«
+
+»Glauben Sie das im Ernst?«
+
+»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben
+Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur
+Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht
+alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt
+anzusehen. Sie =muß= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das
+ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe,
+ist der Weiner erledigt.«
+
+»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte
+Miksch skeptisch.
+
+Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.
+
+»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die
+ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich
+habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich
+erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn --«
+
+»Wenn?«
+
+»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte
+kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich
+schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja,
+richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!«
+
+Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte
+den Kopf zur Tür herein.
+
+»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel.
+Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.«
+
+»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine
+leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab'
+ich mir ein Loch gerissen.«
+
+»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die
+wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der
+letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die
+Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie
+Ihnen heraus.«
+
+Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar
+Augenblicken mit der Pelerine zurück.
+
+»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie
+halt.«
+
+»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,« sagte Demba. »Ein praktisches
+Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu
+und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen
+Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat --«
+
+»In welche Futterale?« fragte Miksch.
+
+»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen
+auf, Miksch.«
+
+»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«
+
+»Schmerzen? Was für Schmerzen?«
+
+»Augenschmerzen.«
+
+»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und
+öffnen Sie die Fensterläden.«
+
+Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.
+
+Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das
+Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein
+Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall
+zu finden.
+
+»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt
+erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab'
+geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger
+gesucht.«
+
+»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen
+lassen?« schrie Demba.
+
+»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich
+herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.«
+
+»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus
+Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt.
+Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins
+Polnische übersetzt habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in
+vierhundert Lieferungen _à_ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein
+Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine
+Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich
+eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er läßt
+mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere
+Menschen.«
+
+»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück,
+Demba!«
+
+»Glück? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum
+konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern
+gekommen wäre!«
+
+»Nun, und worin läge der Unterschied?«
+
+»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute -- weiter
+nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:
+
+»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.«
+
+Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu
+sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen,
+Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten,
+speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf,
+einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in
+den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.
+
+»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen
+gehen?« rief Miksch.
+
+»Ich hab' keinen andern.«
+
+»Wo haben Sie denn den Ihren?«
+
+»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«
+
+»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«
+
+»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.«
+
+»Müssen? Ja, warum denn?«
+
+Demba wurde ungeduldig.
+
+»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie
+werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen.
+Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der
+Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will
+nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es
+besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder
+geraten will, Miksch!«
+
+»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie
+ja Geld.«
+
+»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«
+
+»Ist der Briefträger nicht gekommen?«
+
+»O ja,« sagte Demba.
+
+»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?«
+
+»Doch. Es gehörte mir. Aber --«
+
+Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach
+Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher
+nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls
+seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva
+dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu
+ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb
+den Märtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in
+seinem Berichte fortfahren konnte.
+
+»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen
+Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden
+Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und
+meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er
+mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch?
+Mein Geld!«
+
+»Nun, und?«
+
+»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht
+unterschrieben.«
+
+
+
+
+6
+
+
+»Dreizehn vier sechsundfünfzig! -- Nein, Fräulein, dreizehn vier
+sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal
+acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht
+mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich
+werde warten.«
+
+»Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab'
+ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Grüß
+dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich
+gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch
+jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut
+alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann
+wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir
+durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen,
+deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich
+nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr
+ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um
+zwölf Uhr. -- Nach zwölf. -- Gut. -- Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«
+
+Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken
+Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen
+murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war,
+wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.
+
+»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück
+mit Ihnen.«
+
+Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.
+
+Demba nickte ihm flüchtig zu.
+
+»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie
+vormittags spazieren gehen können?« fragte er.
+
+Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch
+von sich.
+
+»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich
+komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«
+
+Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der
+Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem
+Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit
+betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei
+sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung
+dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu
+promenieren -- die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der
+linken Hand -- nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in
+seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in
+einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden
+waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal
+schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine
+Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil
+zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf
+dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur
+Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut,
+Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein
+paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu
+Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein
+paar wichtige Geschäfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war genötigt,
+von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er
+mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu
+vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen
+Bleistifthäkchen zu versehen.
+
+Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen
+Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und
+war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es
+für gut fand, eine Äußerung zu machen.
+
+»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung.
+Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum
+für meine Bibliothek --«
+
+»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen
+schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«
+
+»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab.
+»Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen
+haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen --«
+
+»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba.
+»Das ist wohl nicht Ihr Weg?«
+
+»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit
+Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu
+tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre,
+ich wickle Geschäfte ab -- alles.«
+
+»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.
+
+»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen?
+Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also:
+Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung
+für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen:
+Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber --«
+
+Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen
+Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«
+
+»Ja. Weil nämlich --«
+
+»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick.
+»Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen
+infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten
+wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht --«
+
+»Was reden Sie da?«
+
+»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen
+Händen herumlaufen.«
+
+»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich
+das Interesse der Bank ...«
+
+»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts
+wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die
+Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem
+Mund sind, schon wie Aas.«
+
+»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße.
+Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt:
+Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst
+gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich --«
+
+»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet.
+Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?«
+Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu
+unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man
+blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß
+sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in
+der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser
+Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich.
+Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was
+geschieht dann? Nun?«
+
+»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.
+
+»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht --? Wie können Sie sich
+dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage,
+bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber
+Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen
+nichts dabei.«
+
+»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es
+können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder --«
+
+»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was
+einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen
+Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das
+ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen
+widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen
+müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene
+Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten
+an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden --«
+
+»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich
+zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß
+Sie der Himmel.«
+
+»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners
+ausgestreckte Hand.
+
+»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen,
+eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße -- Aber es
+scheint, daß Sie --« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.
+
+»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man
+jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir
+das nicht sagen?«
+
+
+
+
+7
+
+
+Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde
+heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der
+Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die
+in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die
+hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen
+erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die
+Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch
+Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen
+Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der
+Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst
+nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort
+des Zahlmarkörs übertragen war -- der »Ober« war beim Mittagessen --,
+lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und
+kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre
+Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse
+pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.
+
+Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das
+fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die
+Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile
+hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.
+
+Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines
+Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine
+Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit
+einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher
+Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich
+schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei
+Kleiderständern.
+
+Der Kellner kam mit einem Bückling heran.
+
+»Befehlen der Herr?«
+
+»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«
+
+»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!«
+
+Stanislaus Demba schien zu überlegen.
+
+»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der
+höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden,
+als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen
+gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.
+
+»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas --,«
+rekapitulierte er nochmals.
+
+»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken,
+»bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«
+
+»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung
+von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.
+
+»Beide Bände.«
+
+Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf
+den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.
+
+Der ließ nicht lang auf sich warten.
+
+»Haben Sie ein Lexikon?«
+
+»Wie, bitte?«
+
+»Ein Konversationslexikon.«
+
+»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«
+
+»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«
+
+»Welchen Band belieben?«
+
+»A bis K,« befahl Demba.
+
+Der Kellner brachte drei Bände.
+
+»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir
+die übrigen Bände auch,« sagte Demba.
+
+Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus
+lag auf Dembas Tisch.
+
+»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.
+
+»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«
+
+»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige
+die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen
+Untersuchungen.«
+
+Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll
+zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die
+Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:
+
+»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«
+
+»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.
+
+»Befehlen der Herr?«
+
+»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«
+
+»Leider nicht dienen --«
+
+»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer
+und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«
+
+Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.
+
+»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba.
+»Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's
+ihnen nur geben! Wer spielt aus?«
+
+»Wer sagt Ihnen, daß er =gegen= die Militärs ist? Genau so gut kann er
+=für= die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur
+zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.
+
+»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den
+Kellner aus.
+
+»Jawohl.«
+
+»Den bringen Sie mir auch.«
+
+»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da
+hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«
+
+»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister
+des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«
+
+»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein
+Freiherr von.«
+
+Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche
+Taschenbuch auf Dembas Tisch.
+
+»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir
+die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf
+haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von
+Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren
+Cyprianischen Linie stammt?«
+
+Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der
+freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein
+Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die
+Hände gekommen war.
+
+Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus
+Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student
+völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch
+sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht
+zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender,
+den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der
+österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden
+erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.
+
+»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch
+im Kasten. Dort, das große, schwarze?«
+
+»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«
+
+»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich
+muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche
+übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«
+
+»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf
+geworden war.
+
+Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit
+benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner
+trat an ihren Tisch und sah zu.
+
+»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein
+in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen
+ließ. »Kell--ner!«
+
+»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den
+Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne
+Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war,
+vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu
+können.
+
+»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.
+
+»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«
+
+»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im
+Glas, Brot und eine Flasche Bier.«
+
+Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von
+Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des
+Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar
+wurde, bald verschwand.
+
+Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner
+nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz
+diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn
+Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu
+unterhalten.
+
+»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er
+das Gespräch und deutete auf den Reisenden.
+
+Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in
+seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte
+fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser
+über den Lexikonband Löffelhuhn -- Nebenniere hinweg wütend an.
+
+»Was wollen Sie?«
+
+»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort --«
+
+Der Kellner kam nicht weiter.
+
+»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!«
+brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«
+
+Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor,
+als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.
+
+»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine
+Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?«
+
+Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.
+
+»Drei Brote.«
+
+»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen
+zweiundvierzig, bitte --.«
+
+Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und
+ein paar Nickelmünzen.
+
+Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte
+er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:
+
+»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des
+menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben
+wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«
+
+
+
+
+8
+
+
+Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im
+Wohnzimmer ungeduldig wartend.
+
+»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon lange hier?«
+
+»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba.
+
+»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet habe. Man läßt mich nicht
+eine Minute vor zwölf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn
+Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Händen 'runter bekomm'.
+Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.«
+
+Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie
+immer umnahm, wenn sie auf die Straße ging. Dann band sie sich die
+Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.
+
+»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. -- Demba hatte seine
+Pelerine umbehalten.
+
+Demba schüttelte den Kopf.
+
+»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.«
+
+»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon
+wieder im Freien sitzen.«
+
+»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank. Ich glaube, ich habe
+Fieber.«
+
+»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem
+man Kinder bedauert und tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich
+»weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.«
+Dann änderte sie den Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?«
+
+Demba schüttelte den Kopf.
+
+Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:
+
+»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!«
+
+»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. »Was fällt dir denn
+ein?«
+
+»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi Prokop aufmunternd.
+
+»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba.
+
+»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,«
+sagte Steffi lachend. »Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich
+werd' gleich mal nachschauen.«
+
+Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu
+fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten
+Augenblick einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an
+der Kommode festhalten mußte, um nicht zu fallen.
+
+Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie die Wand und ganz außer sich
+vor ihr.
+
+»Woher weißt du --?« zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi.
+»Wer hat dir verraten, daß --?«
+
+»Was denn? Warum hast du mich gestoßen? Was ist dir denn, Stanie?«
+
+Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach
+kein Wort.
+
+»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte Steffi Prokop kläglich.
+
+»Was?«
+
+»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du stößt mich!«
+
+»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich langsam. »Dann ist's gut.
+Ich dachte --«
+
+»Was denn? Was dachtest du?«
+
+»Nichts. -- Du siehst ja, daß ich krank bin.« Demba starrte schweigend
+auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern
+und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.
+
+Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.
+
+»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.«
+
+»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber -- so
+oder so.«
+
+»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.«
+
+»Es ist nichts. Wirklich.«
+
+»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas Wichtiges, das du mir
+durchs Telephon nicht sagen konntest.«
+
+»Das ist längst nicht mehr wichtig.«
+
+»Was war es denn, Stanie?«
+
+»Ach nichts. -- Daß ich morgen früh fortfahre.«
+
+»So? Wohin denn?«
+
+»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder
+nach Venedig.«
+
+»Mit der Sonja Hartmann fährst du?«
+
+»Ja.«
+
+»Auf lange?«
+
+»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.«
+
+»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?«
+
+»Es ist alles wieder gut.«
+
+»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman
+bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in
+dem gestanden ist: ›Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs
+Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.‹ Ich hab' damals so
+lachen müssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib
+doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?«
+
+Demba blickte zerstreut auf.
+
+»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi.
+
+»Nein. Bei dir.«
+
+»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus
+mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu --« Steffi Prokop
+warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige
+tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre
+Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die
+Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie
+hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff,
+hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal
+entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf
+die Gasse.
+
+»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.«
+
+»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur
+schauen, wie es dir geht.«
+
+»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's
+geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir
+nicht immer: ›Kind‹. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles
+erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein
+Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du
+zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend
+bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die
+Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du
+noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in
+deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer
+geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den
+alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«
+
+»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba halb in Gedanken.
+
+»Ja -- _lerisque purus_. So heißt's. Und ich bin im Winkel gesessen und
+hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde --
+Wovon träumst du, Stanie? Du hörst mir gar nicht zu. Warum starrst du so
+auf den Tisch? Wovon träumst du, sag?'«
+
+»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise. »Sicher ist alles nur
+ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem
+Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein
+Fiebertraum der letzten Minuten.«
+
+»Stanie! Was ist das? Was redest du da?«
+
+»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die
+Straßen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem
+Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht
+aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen --«
+
+»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist
+geschehen?«
+
+»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba leise.
+
+»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen? Jetzt mußt du mir's
+sagen!«
+
+»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba rasch.
+
+Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.
+
+»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer,
+nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr
+Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns?
+
+»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach dem Essen.«
+
+»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann
+hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.«
+
+»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop draußen und die Tür
+verschlossen war. »Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß
+ich wieder ins Bureau.«
+
+Demba lachte verlegen auf.
+
+»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag
+war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht
+einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und den Mut verloren,
+obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'.
+›Angepackt‹ ist übrigens sehr gut.« -- Demba stieß ein kurzes, heiseres
+Lachen hervor. -- »Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. ›Angepackt‹
+ist nämlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir:
+Angerührt --, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck,
+alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich
+unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- hätt' ich jetzt
+wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum Narren. Alles,
+was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten.
+Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es
+war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen
+habe, heut vormittag, ist mir mißglückt.«
+
+»Ich verstehe dich nicht, Stanie.«
+
+»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich
+hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin
+ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich
+will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß
+zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne
+Grund. Wirklich. So tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.«
+
+Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen
+und fuhr dann fort:
+
+»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist
+klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein
+bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwächeanfall, und
+jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch nur
+soviel aus der ganzen Sache mache.«
+
+»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,« bat das geängstigte
+Mädchen.
+
+Demba atmete schwer auf.
+
+»Ich bin nämlich --. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.«
+
+»Die Polizei!« -- Steffi Prokop sprang auf.
+
+»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,« mahnte Demba.
+
+Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes
+Flüstern.
+
+»Was hast du getan?«
+
+»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton.
+»Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu
+schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine
+Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.«
+
+»Ein Verbrechen.«
+
+»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universitätsbibliothek
+einem Antiquitätenhändler verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur
+zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich
+doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat
+es keinen Sinn, wenn ich weiter erzähle.«
+
+»Warum hast du das getan, Stanie!«
+
+»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des
+Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit
+über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus
+verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen römischen
+Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht.
+Ich bekam einiges aus der Universitätsbibliothek. Aber drei alte,
+wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich
+brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.«
+
+»Und jetzt ist die Polizei --«
+
+»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein
+Hahn hat in der Universitätsbibliothek nach den Büchern gekräht.
+Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht
+würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der
+erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter
+gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist
+nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen
+Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung
+gefunden. Eine große Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine
+neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin
+angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase
+in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung
+verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in Göttingen hat meine
+Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht
+eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ. Es hat sich um
+Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und
+Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen
+Dingen.
+
+»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten für Tinte, Feder und Papier
+gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich
+während des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich
+übersetzt habe, trägt mir genau das Zwölffache. Dafür hab' ich die
+Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wären nutzlos und
+verstaubt in einem dunklen Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und
+nur der Katalog hätte von ihnen gewußt.«
+
+»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte Steffi Prokop
+verzweifelt.
+
+»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wäre, die macht mir keine
+Sorge, derentwegen wär' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es
+nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzählen.
+Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.«
+
+Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus
+und pfiff leise vor sich hin.
+
+»Nun?« fragte Steffi Prokop.
+
+Er drehte sich um.
+
+»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die
+beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte
+Schulden. Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der Johannesgasse und
+in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die
+Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an.
+Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.
+
+Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in
+Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trödler, halb Sammler ist.
+Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine
+zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat später, als ich wieder Geld
+brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr
+wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.
+
+Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller
+Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus
+der Offizin Enschede & Söhne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen
+und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern
+gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer
+Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaßen.
+
+Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die
+ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in
+Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jänner ist es mir so
+schlecht gegangen, daß ich in der strengsten Kälte meinen Winterrock ins
+Leihhaus tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.
+
+Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das muß ich dir auch erst
+wieder erzählen. Ich erzähle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es
+tut mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der letzten Zeit öfters
+gestritten haben, die Sonja und ich, das weißt du. Es war nicht mehr
+ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wußte,
+daß Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie
+ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser
+Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist
+ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen
+Gedanken aus seinem Mund gehört, auf den einzugehen es sich verlohnt
+hätte. Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig. Ich dachte
+mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.
+
+Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause.
+Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die
+Quartierfrau. ›Ja, das Fräulein verreist.‹ ›So,‹ sag' ich. ›Wohin denn?‹
+Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. ›Für den Urlaub ist's ja
+noch viel zu früh,‹ denk' ich mir. Und außerdem hätt' sie mir doch was
+davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein
+Schreibtischfach offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz obenauf von
+der Firma Cook & Son.
+
+Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin.
+Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._
+
+Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute,
+wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der
+Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine
+halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen,
+herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl
+ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.
+
+Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden und hab' die Sonja
+gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins
+Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr
+das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau
+soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen muß man
+an ihrer Tür läuten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen
+und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht die Treppe
+hinuntergeht, dann fühlt man erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau,
+die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus
+vorfindet, so sicher, wie den ›Simplizissimus‹ oder das ›Tagblatt‹, die
+verliert an Wert und wird Alltag.
+
+Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen sie verkehrt. Zwischen
+neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein
+paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier
+Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wußte auch schon
+von ihrer Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem Weiner nach
+Venedig fahren will.
+
+Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch
+immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab
+gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht
+da war, sah ich ein, daß es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der
+Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße, dort hätte
+ich warten müssen.
+
+Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig
+nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte
+sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere
+Menschenform. Daß er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige
+Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert
+er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm
+begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist, immer
+hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: ›Dieser Mandrill hat
+doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang‹. Weißt du, nicht aus
+Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, daß er so gut aufrecht
+gehen konnte, und dachte mir, das muß ihm doch große Mühe machen, warum
+plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der
+Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum
+Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die
+Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte
+die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als
+Stewardeß auf ein Schiff, wenn man sie nähme, sie ginge als
+Lokomotivführer oder als Handgepäck, wenn es nicht anders zu machen ist.
+Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten,
+mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt,
+die eine Reise gekostet hätt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater
+ist ein Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich
+heute dreihundert Kronen aufbringe, so läßt sie den Weiner sofort stehen
+und fährt mit mir.«
+
+»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein Ernst?«
+
+»Natürlich.«
+
+»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, daß es sich
+ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat
+ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.«
+
+Stanislaus Demba lachte.
+
+»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, daß du ihn nie gesehen hast.«
+
+»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind
+anders, als ihr Männer. Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber
+eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder
+entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen
+Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir
+fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.«
+
+»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie
+wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« --
+Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß seinen Triumph.
+
+»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte Steffi.
+
+»Jawohl.«
+
+»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop leise und verzagt. »Erzähl'
+weiter.«
+
+»Ja. -- Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll,
+da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht
+sechshundert oder achthundert Kronen.
+
+Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich
+bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem
+kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem
+Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt
+getragen.
+
+Der Händler wohnt in der Klettengasse 6. Man fährt durch die
+Heiligenstädter Straße, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in
+die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf
+Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus
+mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort
+gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal
+vorüberging. Es muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein, denn die
+ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den
+ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend.
+
+Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die
+Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis
+auf die Treppe.
+
+Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete noch einmal, und dann
+hörte ich Schritte und eine Stimme: ›Ja, ja. Ich komme schon.‹ Dann
+machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch
+den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein
+und er führte mich in sein Arbeitszimmer.
+
+Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen
+habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und
+scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste
+Kunstmobiliar und der erbärmlichste Trödel stehen wüst durcheinander.
+Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock, mit
+wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte
+nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen
+Wäschekorb. Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem
+adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein muß, steht im
+Zimmer, aber sein Besitzer schläft auf einer schmutzigen, roten
+Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein
+französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der
+Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes,
+gläsernes Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen
+Papier und sein Geschäftsbuch, in das er die Ein- und Verkäufe einträgt.
+Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte
+Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren. Auch ein ›Heiliges Grab‹
+aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er billig gekauft
+haben und er möchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er
+ist ein galizischer Jud und hat an dem ›Heiligen Grab‹ sicher keine
+rechte Freude.
+
+So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der
+Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schönsten,
+wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das
+Loch einer siebenköpfigen Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist
+stilvoller.
+
+In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das
+Buch gleich aus der Hand. Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf,
+sieht's durch die Lupe an und fragt: ›Woher haben Sie das?‹ Ich sage:
+›Aus einer Auktion.‹ Er nickt wieder, setzt sich und fängt an, in dem
+Buch zu studieren. Dann fragt er: ›Warum verkaufen Sie das Buch? Nur
+weil Sie brochen Geld?‹ Er fragt das mit so einem galizischen Akzent,
+ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich
+überlegte rasch, daß er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer
+Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: ›Nein. Mich freuen alte Drucke
+nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln,
+wissen Sie?‹
+
+Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich hätte ebensogut
+sagen können: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die
+ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.
+
+Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb und wühlt eine Weile in
+den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische
+Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jäger auf einem Schimmel mit einem
+großen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er
+reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als
+wüßte er ganz genau, daß er keine von den Tulpen zertreten dürfte.
+
+›Was wollen Sie dafür?‹ frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende
+Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den
+Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen lassen. Er hat sofort
+erkannt, daß ich ein armer Teufel bin, der Geld ›brocht‹.
+
+Dann blättert er wieder in dem Buch und fragt: ›Was wollen Sie dafür?‹
+
+›Sie müssen wissen, was es wert ist,‹ sag' ich.
+
+Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem
+Buch zu blättern. Er trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem,
+daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch: manchen Menschen fehlt das
+Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen
+aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen
+entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt
+rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein
+Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen
+so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich
+einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir
+sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt
+mir der verrückte Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller dieser
+Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, daß sie zusammenstehen, und daß
+vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist
+und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit
+der Sonja nach Italien fahren kann.
+
+Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wußte
+natürlich sehr gut, daß das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke.
+Übrigens wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht. Er bot mir
+zweihundertunddreißig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf
+zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt
+wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit
+weniger für sie interessieren, als für andere Antiquitäten.
+Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war
+zufrieden.
+
+Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich
+wieder zurück und fing an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle
+von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im Wäschekorb. Dann
+sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein
+Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen
+Schlosser kommen zu lassen. Ich möge ein bißchen warten oder ich könne
+auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich
+zöge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.
+
+Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hörte ihn mit jemandem sprechen
+und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren
+Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich
+war ein Narr, daß ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich könne
+nicht warten und darauf bestanden hätte, das Geld sofort zu bekommen,
+wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.
+
+Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner
+Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
+eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes, altes
+Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei
+kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise,
+ich erinnere mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck
+eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit
+sich geführt haben mochte. Ich mußte ziemlich lange warten, aber ich
+wurde nicht mißtrauisch. Das hängt damit zusammen, daß ich niemals auch
+nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was
+ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen
+geworden. Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek nach Hause
+genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie
+ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit
+dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr
+brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber
+entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam
+vogelfrei. Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und
+schließlich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's
+vergißt. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich
+auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch
+lag immer in meinem Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf
+einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten
+Gewissen der Welt trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel hatte
+ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht,
+sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers
+entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der alte Trödler muß aber
+doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann
+auch sein, daß er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor
+verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete, der Alte
+ging öffnen und kam mit zwei Männern ins Zimmer zurück. Er sagte: ›Das
+ist er‹ und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die
+Hand auf die Schulter und sagte: ›Im Namen des Gesetzes.‹
+
+Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht
+zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die
+Empfindung, daß der alte Jude mich übertölpelt hatte. Sein kinnloses
+Gesicht machte mich plötzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden
+Händen in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf
+mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: --
+
+Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört drein, Steffi! Wenn ich
+ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache
+doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, daß ich nicht weiter
+erzähl'? -- Also.
+
+Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten
+sagte: ›Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.‹ Und der
+andere sagte: ›Mir scheint, er will Handschellen.‹ -- Da ließ ich mich
+abführen.
+
+Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und
+sah den Trödler, der seelenruhig an seinem Tisch saß und weiterschrieb.
+Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit
+brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber
+die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei
+Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu
+zweit stärker als ich und wurden schließlich mit mir fertig.
+
+Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe
+hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und
+gewunden, und man mußte vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in
+dem alten Haus ziemlich finster war. Plötzlich glitt der Mann, der
+hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten Augenblick gab
+ich dem andern mit beiden Händen einen Stoß in den Rücken, daß er sieben
+oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf.
+Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von
+einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf
+den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine
+eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt.
+Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los sein, einen anderen
+Gedanken hatte ich nicht.
+
+Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel
+ab und sperrte von innen zu.
+
+Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge
+Kammer führte. Alle drei Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene
+Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck.
+Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen hätte, in ein
+paar Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine Möglichkeit von hier
+zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe.
+
+Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich
+unfähig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir
+bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weißt
+du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar
+nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde
+aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn
+man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben
+müssen, wenn man mich fragt. Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn
+es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das
+ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was
+mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne schossen mir
+in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir
+herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige
+Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm
+ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es heißt, daß
+man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert.
+Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen
+auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er
+sein Brot verdient und wie sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute
+auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein
+Mädchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken können, daß
+ich schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen hatte
+zuschauen wollen, -- alles das schoß mir durch den Kopf, alles das hätte
+ich noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß, lächerliche Dinge,
+aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all
+meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen war, es wurde mir
+deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt
+war ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die ich in der engen
+Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien
+Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit!
+Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch:
+Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden Freiheit!
+Zwölf Stunden! -- und dabei hörte ich die Polizisten am Türschloß
+arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß
+ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig,
+Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.
+
+Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bißchen Rasen, blühende
+Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder
+Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen
+Fenster tönte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle
+Ritter.
+
+Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den Entschluß bei den Worten:
+Stadt und Festung Belgerad, bei ›Belgerad‹ wollte ich -- wollte ich
+hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam ›Belgerad‹ viel zu bald,
+und ich verschob es bis: ›Brucken‹, ›er ließ schlagen eine Brucken.‹ Und
+im nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: ›Hinüber
+rucken‹, ›hinüber‹, ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort,
+wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf
+den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann
+kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hörte noch,
+wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und
+dann --«
+
+»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter
+gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.
+
+»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«
+
+»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor
+Entsetzen.
+
+»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich
+noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der
+Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte
+im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr
+gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren,
+als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen
+lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas
+tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das
+gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das
+Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo
+angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.
+
+Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich
+bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken
+fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. ›Wer bin ich
+eigentlich?‹ fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in
+Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und
+Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann
+wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: ›Wo bin ich denn?‹
+Und es kamen Antworten: ›Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist
+mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!‹ Und dann wieder:
+Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank.
+Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im
+Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich
+her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis,
+ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus
+Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau,
+was geschehen war und wo ich mich befand.
+
+Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei:
+Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr.
+Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte
+zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert.
+
+Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es
+ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk
+des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert.
+Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen
+leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen
+davongetragen.
+
+Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich
+gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten.
+Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem
+Türschloß der Dachkammer.
+
+Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir
+auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die
+merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen
+Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so
+gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor
+hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war
+frei!«
+
+Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er
+blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:
+
+»Bis auf die Handschellen.«
+
+
+
+
+9
+
+
+»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch
+gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal
+auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre.
+Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar
+nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war,
+auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte
+gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte
+verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.
+
+Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände
+zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering
+wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr,
+die in den Handschellen auf mich lauerte.
+
+Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit
+den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein
+altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit
+einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie
+erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an,
+sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich
+selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte
+die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog
+ich um die Ecke.
+
+Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die
+Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht
+mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich
+trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich
+an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte
+ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank
+an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick
+fiel mir ein: ›Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit
+meinen Händen in die Tasche fahre.‹ Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon
+Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich
+enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im
+voraus erhaltene ›Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr‹ in seiner
+Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß
+die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick,
+wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine
+furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen
+würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des
+Seefahrers Rücken hing.
+
+Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen
+Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein
+Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch
+schon der Gedanke: ›Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit
+meinen gefesselten Händen.‹ Zum Glück war der Wagen voll Menschen und
+der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs
+mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als
+hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten
+Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich
+kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.«
+
+»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop
+ängstlich.
+
+»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß.
+Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in
+den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich
+nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen.
+Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist,
+glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen,
+erfunden. -- Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch
+stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht
+wahr?«
+
+»Ja. Ein bißchen verändert.«
+
+»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht
+gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich
+hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war
+nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in
+einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert
+wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als
+ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe
+abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde
+fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine
+gute Idee und will gehen, da sagt er:
+
+›Noch zehn Heller, bitte.‹
+
+›Wieso denn?‹ frag' ich.
+
+›Vierzig Heller macht's,‹ sagt der Gehilfe.
+
+›Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.‹
+
+›Nein. Es waren dreißig,‹ sagt er und zeigt mir die offene Hand, da
+waren wirklich nur dreißig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte
+sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: ›Zwanzig Heller müssen noch
+irgendwo auf der Erde liegen.‹ Er bückte sich, und während er suchte und
+nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen
+und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem
+Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade
+noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen. Inzwischen hat der
+Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: ›Es liegt nichts da,
+der Herr muß sich irren.‹
+
+›Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt, suchen Sie nur,‹ so antwort'
+ich ihm.
+
+Aber er wollte nicht länger suchen. ›Dreißig Heller sind dem Herrn
+gefallen. Ich hab's ja gesehen.‹
+
+Ich war ganz verzweifelt. ›Es waren bestimmt fünfzig Heller,‹ wiederhole
+ich. ›Suchen Sie nur, es muß sich finden.‹ -- Und jetzt mischt sich noch
+der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines schäbigen Sechserls
+wegen warten zu müssen. Daß er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen,
+und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: ›Haben Sie
+schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.‹ Der
+Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld
+liegt tatsächlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war
+zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren hätt'. -- Ich habe nie
+vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine Hände braucht. Viel öfter als
+das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.«
+
+»Und was wirst du jetzt tun?«
+
+»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens muß
+ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht,
+Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los werden,
+und das ist's, wobei du mir helfen sollst.«
+
+Steffi Prokop schwieg und dachte nach.
+
+»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du
+magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir
+alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei?«
+
+Steffi Prokop schüttelte den Kopf.
+
+»Nein.«
+
+Demba biß sich in die Lippen.
+
+»Du willst mir also nicht helfen?«
+
+»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen sehen!«
+
+»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß ich unrecht habe, dann
+brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich
+verurteilst?«
+
+»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi leise und bittend.
+»Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er
+dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß mich die
+Handschellen sehen.«
+
+»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. »Wozu?«
+
+»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.«
+
+Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür.
+
+»Es wird jemand kommen.«
+
+»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop. »Erst wenn sie mit
+dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa.
+Laß doch sehen.«
+
+Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd die Hände unter der
+Pelerine hervor.
+
+»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher
+hältst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich
+an,« sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen Blick an, der
+seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.
+
+»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop leise.
+
+»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba und verbarg die Hände
+eilig wieder unter dem Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette.
+Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich
+habe immer, wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt im Winter
+gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch:
+Handschellen. Und ist doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn
+Abner an den Händen hätt'.«
+
+»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi Prokop fest. »Es kann
+doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat
+einen Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine Feile holen.«
+
+Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren und einer kleineren.
+»Jetzt mußt du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut.
+Jetzt, rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.
+
+»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fänden,« fragte sie.
+»Du mußt die Hände ruhig halten, sonst geht es nicht.«
+
+»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort.
+
+»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.
+
+»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.«
+
+Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie,
+die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht
+müde.
+
+»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses
+Mißverhältnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre
+ununterbrochene Tortur.«
+
+»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut. Sie hören drinnen im
+Zimmer jedes Wort.«
+
+»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man muß die Sache bei ihrem
+Namen nennen. Gefängnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr
+ärgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind
+abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben
+wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten
+werden, wie ein Tier im Käfig -- ist das nicht Folter?«
+
+»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.«
+
+»Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins
+Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und
+keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, daß zur selben Zeit
+tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es
+zustande brächten dieses Wort ›Zwei Jahre Kerker‹ bis auf den Grund
+nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor
+Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist
+nur einmal gestürmt worden.«
+
+»Aber es muß doch Strafe geben.«
+
+»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben. Hör' zu, Steffi, ich will dir
+ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe
+geben.«
+
+Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch
+fuhr er fort:
+
+»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der
+Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht.
+Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen, das geschieht
+und geschehen wird.«
+
+»Das versteh ich nicht, Stanie.«
+
+»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder
+geistigen Rückständigkeit. Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst
+Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig und
+aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir in allem, wenn wir Galgen und
+Kerker nicht hätten. Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und es
+gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst keine Waffen mehr und es gäbe
+keine Meuchelmörder. Jeder hätte, was er braucht und was er sich
+ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie
+gut es ist, daß Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir keine
+Ärzte, nur Richter.«
+
+»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.«
+
+»Immer muß ich an das kleine Mäderl der Frau denken, mit der ich Tür an
+Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden
+Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und
+gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten Wagens
+geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mußte ihm abgenommen
+werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und
+Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst
+die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen
+Fahrlässigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen
+Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie.
+Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel
+ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit.
+Das Kind muß hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter
+strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen Irrwahn ›Strafe‹
+hätte ich mich in die Hände geben sollen? -- Bist du jetzt endlich
+fertig, Steffi?«
+
+»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!«
+schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf
+Stanislaus Dembas unglückselige Hände.
+
+
+
+
+10
+
+
+»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn
+geschehen?«
+
+Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba
+nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen.
+Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den
+Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände.
+
+»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei
+Demba.
+
+»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein
+kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah
+mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus
+man unter die Tischplatte sehen konnte.
+
+»Überfahren?« fragte Prokop.
+
+»Ja. Von einem Fleischerwagen.« -- Dembas Hände suchten Deckung hinter
+einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen
+Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen
+blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.
+
+»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba.
+Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau,
+da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« -- Herr
+Prokop legte sich auf das Sofa.
+
+»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte
+erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.
+
+»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen.
+
+»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht,
+ich hab' ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die
+breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.
+
+»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner
+Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind
+geheißen?«
+
+»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines
+Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife
+aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden.
+
+»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund.
+Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör' auf,
+zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach
+Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau
+heut nachmittag?«
+
+Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen
+Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die
+Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere
+Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und
+zerlassener Butter drang herein.
+
+Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der
+Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen
+roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus
+Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das
+Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
+Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten
+Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und
+an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.
+
+»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich
+hab's auf dem Tisch stehen lassen.«
+
+Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife
+fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten
+später war er eingeschlafen.
+
+Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba.
+
+»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!«
+
+»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge
+seit heute morgen,« meinte Demba.
+
+Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.
+
+»So ein Unglück! So ein Unglück!«
+
+»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn.
+Wir müssen es nochmals versuchen.«
+
+»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis
+ich nicht mehr hab' können, und die Kette ist genau so geblieben, wie
+sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen
+Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?«
+
+»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.«
+Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über
+Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese
+beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel
+aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der
+starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt -- so war Stanislaus
+Dembas linke Hand.
+
+Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte
+plötzlich:
+
+»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.«
+
+»Natürlich.«
+
+»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der
+Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel
+drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.«
+
+Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos
+einen neben den andern aufs Fensterbrett.
+
+Sie versuchte es mit dem ersten.
+
+»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt
+nicht. Der ist zu groß.«
+
+Sie griff nach dem zweiten.
+
+»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht
+überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht.
+Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe
+eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.«
+
+Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein
+einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte
+trotzdem nicht aufspringen.
+
+Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die
+Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.
+
+»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat
+Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt
+passen.«
+
+»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«
+
+»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der
+paßt auch nicht. Er ist zu klein.«
+
+Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.
+
+»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«
+
+»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom
+Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?«
+
+»Wachs hab' ich zu Hause.«
+
+»Wieso denn?«
+
+»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf
+Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der
+braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in
+Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes
+Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.«
+
+Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider
+Schlösser.
+
+»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt
+vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht
+Verdacht schöpft.«
+
+»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine
+Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte.
+Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert.
+Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, daß ich den
+Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich
+ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er
+nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd'
+ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. -- Also wart', ich
+geh' gleich hinüber.«
+
+Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht
+vor Freude und ganz aufgeregt.
+
+»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen,
+er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig
+den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht.
+Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr,
+wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.«
+
+»Erst um acht Uhr?«
+
+»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber
+weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen
+Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und
+bring' dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'.
+Wird mich jemand sehen?«
+
+»Nein.«
+
+»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.«
+
+»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.«
+
+»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner
+Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd' Ordnung
+machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug
+Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen
+und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst
+verrätst du dich. Versprich mir's, Stanie.«
+
+Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit
+Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle
+Klugheit und alle Vorsicht.
+
+»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist
+der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch
+inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld
+beschaffen.«
+
+»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.
+
+Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer
+grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf
+Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf.
+
+»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo
+einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher
+Gefahr, wenn jemand entdeckt --«
+
+Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine
+Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.
+
+»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.
+
+»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie,
+folg' mir! Wenn jemand sieht, daß du --«
+
+»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter
+Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt.
+Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur
+einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser
+Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der
+friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht,
+was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler
+plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte
+die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein
+Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.«
+
+»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja sagen.«
+
+»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher
+zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte
+sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können.
+Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was für eine
+Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir
+beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um
+acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.«
+
+Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.
+
+»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.
+
+»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.
+
+
+
+
+11
+
+
+Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der
+Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
+Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für
+Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß
+einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten
+hin.
+
+»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.«
+
+»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa
+›Elfriede‹ in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage,
+herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet'
+mit!«
+
+»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich
+das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs
+und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir,
+will ihn nicht nehmen.«
+
+»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«
+
+»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.«
+
+»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner
+Zigarre ab.
+
+»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor
+einer Viertelstunde läutet's und die Anna kommt herein: Gnädige Frau,
+der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn
+jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule,
+das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab'
+ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten,
+ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der
+Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.«
+
+Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer
+leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch
+die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie
+fort:
+
+»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie
+das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt,
+sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie
+nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas
+Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie
+nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so
+verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«
+
+»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.
+
+»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn:
+›Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?‹ Er sagt: ›Gnädige Frau, ich
+wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.‹ --
+›Das ist aber sehr unangenehm,‹ sag' ich. ›Mitten im Schuljahr. Und vor
+der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so
+Dringendes?‹ -- ›Wichtige Familienangelegenheiten,‹ sagt er. ›Und der
+Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und
+der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut,
+und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die
+nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.‹
+
+›Also bitte,‹ sag' ich. ›Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht
+brauchen -- eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie
+vertritt.‹
+
+›Das wird nicht nötig sein,‹ gibt er zur Antwort, ›Aber ich möcht' die
+gnädige Frau bitten --‹ also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute
+das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ'
+mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch
+gesagt: ›Bitte, sehr gerne‹, weil er doch das Geld für die Reise
+braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen
+heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die
+Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber
+ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir
+haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba
+den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu
+soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür.
+Hab' ich recht?«
+
+»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.
+
+»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es
+wieder einsteck', -- auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen,
+brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: ›Herr
+Demba, riechen Sie nichts?‹ Und er zieht auch die Luft durch die Nase
+ein und sagt:
+
+›Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.‹
+
+›Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,‹ sag' ich, und in dem Moment
+seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel
+gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf
+mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie
+er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht'
+ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel
+genommen, -- du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich
+hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die
+Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn
+sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja
+nichts sagen! Hab' ich recht?«
+
+»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.
+
+»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen
+Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und
+darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: ›Herr
+Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.‹ Der Demba
+springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar
+keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar
+nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie
+dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem
+Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und
+qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine
+bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den
+Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den
+Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber
+der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und
+sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine
+Miene, sie aufzuheben.
+
+Ich ruf: ›Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen
+doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!‹ Der Demba wird feuerrot im
+Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein
+Wort heraus und endlich sagt er: ›Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich
+darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort
+Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.‹ -- Hast du schon
+so etwas gehört? Was sagst du dazu?« --
+
+Der Advokat sagte »hm« dazu.
+
+»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre
+aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr.
+Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der
+kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das
+Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten
+verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.
+
+»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile
+fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war
+natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu
+unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den
+Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht:
+Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: ›Also
+bitte, hier sind die achzig Kronen!‹ Er schüttelt den Kopf und macht ein
+so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder
+leid getan hat. ›Aber, Herr Demba!‹ sag' ich. ›Sie werden mir doch nicht
+den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.‹
+Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ›Also, das ist doch
+lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,‹ sag' ich. -- ›Nein. Ich kann
+das Geld leider nicht nehmen‹, gibt er zur Antwort und ist wieder
+blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht
+nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen
+werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag'
+also: ›Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es
+ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich --‹ und will das Geld
+wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich
+so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'.
+Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld
+liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will
+er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: ›Gnädige Frau!
+Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen
+Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen
+Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten
+Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin,
+Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne
+weiteres nehmen.‹
+
+›Gut,‹ sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du,
+ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten
+gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen,
+wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«
+
+»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.
+
+»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die
+achzig Kronen zahlen lassen?«
+
+»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden
+zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich
+den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist
+merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei
+Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«
+
+Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die
+Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer
+war leer.
+
+Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.
+
+»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit
+achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz
+billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina
+mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?«
+
+»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch plötzlich auf und zeigte
+entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem
+Kaminsims auf dem Fußboden lag.
+
+Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert
+darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer
+zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes
+verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen
+großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.
+
+
+
+
+12
+
+
+»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so
+wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«
+
+Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort
+munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in
+der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und
+erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den
+scharfgebügelten Hosenfalten.
+
+»Ein Herr oder zwei?«
+
+»Einer,« sagte die Wirtschafterin.
+
+»In Uniform oder in Zivil?«
+
+»In Zivil.«
+
+»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«
+
+»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung.
+
+Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser.
+Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie
+seinen Scheitel zurecht.
+
+»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.«
+
+Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine
+Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den
+Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der mit Überlegenheit
+und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt.
+
+Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur
+Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete.
+
+»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch
+gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.«
+
+»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.
+
+»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch,
+alter Freund.«
+
+Demba setzte sich.
+
+»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte
+Gegenbauer.
+
+»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr
+bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis
+freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf
+Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich
+gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man
+eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung
+vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen
+haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.
+
+»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen.
+»Eine ganz neue Sorte hab' ich da: ›Phädra‹. Kosten Sie einmal, von der
+algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra
+mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt.
+Kosten Sie!« --
+
+»Nein. Danke,« sagte Demba.
+
+»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten.
+Sie sind Kenner.«
+
+»Danke, ich rauche nicht.«
+
+»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag
+verqualmt?«
+
+»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen
+Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten
+der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines
+Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.
+
+»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.
+
+»Wer denn?« fragte Demba.
+
+»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir
+kommen.«
+
+»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?«
+
+»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das
+könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«
+
+Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der
+Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.
+
+»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen.
+
+Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan
+entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht.
+Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht.
+Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt
+werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen.
+Vorlesungen, die Demba im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zu
+Hause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen hatte. Sie stellten
+einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, daß
+Gegenbauer die Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen haben
+werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes
+aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er
+angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba
+seinen Plan gegründet.
+
+»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer den Brief auf
+den Tisch warf, »ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte
+noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.«
+
+»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut.
+
+»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische Kunstepos --«
+
+Gegenbauer dachte nach. »Vier braune Hefte und eines ohne Deckel?«
+
+»Ja. Das sind sie.«
+
+»Müssen Sie die unbedingt haben?«
+
+»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich wieder einen Schüler
+bekommen.«
+
+»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die hab' ich nämlich
+verbrannt.«
+
+Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu
+Gebote stand, schrie er:
+
+»Was sagen Sie? Verbrannt?«
+
+»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung.
+
+»Es ist nicht möglich,« rief Demba.
+
+»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs
+Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab'
+ich eingetrieben.«
+
+»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba.
+
+»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest. »Haben Sie kein
+zweites Exemplar?«
+
+»Nein.«
+
+»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann wird er halt auch
+durchfliegen.«
+
+»Wer denn?«
+
+»Ihr neuer Schüler.«
+
+Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit für höchste Zeit,
+mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten.
+
+»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich.
+
+»Wer?«
+
+»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur
+verkaufen.«
+
+»Wieviel verlangt er?«
+
+»Siebzig Kronen.«
+
+»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt,
+Sie Unglückswurm.« Er zog seine Brieftasche.
+
+»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte Demba rasch.
+
+Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nähe.
+
+»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände. Die Hefte kann ich Ihnen
+nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.«
+
+»Auf keinen Fall.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.«
+
+»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren
+Verlust.«
+
+»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und geben Sie mir dann die
+Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße, elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken,
+daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder
+einstecken könnte.
+
+»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus,« sagte
+Gegenbauer.
+
+Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schüttelte den Kopf.
+
+Es läutete.
+
+»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefühl in
+allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen
+machen.« Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß die
+Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine
+einladend offen stand.
+
+»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt
+damit, was Sie wollen.«
+
+Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner
+Tasche. Er hatte keine seiner Hände hervorziehen müssen, um es in
+Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten
+Rückzug zu denken.
+
+»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin und legte die
+Visitkarte auf den Tisch. »Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich
+Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer. »Ich lasse die
+Herren bitten.«
+
+»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba eilig. »Ich danke
+Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.«
+
+»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut. »Lassen Sie sich wieder
+mal bei mir blicken.«
+
+Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei
+unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in
+düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.
+
+Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz
+programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba
+fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz
+enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war
+zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich
+bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. -- Es
+ist nicht leicht, -- dachte Demba, -- aber es geht. Es geht! Er mußte an
+einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er
+einmal sich rühmen gehört hatte: ›Heut hab' ich, ohne eine Hand zu
+rühren, fünfhundert Kronen verdient!‹ Ohne eine Hand zu rühren! Welch
+eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand
+genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten
+zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung
+unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das
+alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er
+eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben,
+ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig
+nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes,
+durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch
+die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So
+wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen,
+das ich nicht nehmen konnte.
+
+Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte
+leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte,
+die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem
+eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich.
+Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck
+zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht
+energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich
+losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er
+würde schreien: Aufhalten! Aufhalten!
+
+Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle
+wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in
+Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände
+gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock
+herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im
+Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so
+etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem
+leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem
+Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich
+an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die
+Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen
+Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein.
+Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es
+zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn
+denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch
+einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave
+Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe.
+Niemand sieht mich.
+
+Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen,
+braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den
+Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein
+Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der
+nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde -- ich wäre verloren. Aber
+er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an
+ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur
+Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés
+gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im
+Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se.
+Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu
+lassen, daß künftighin tunlichst --
+
+»Sie, Herr!«
+
+Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag
+vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die
+Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. -- Ach
+Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann
+hat ja gar nicht mich gemeint ›Sie, Herr!‹ hat er gerufen, und ich hab'
+das gleich auf mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat.
+Wahrscheinlich --
+
+»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.
+
+Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein
+erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen
+aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. -- Nein.
+Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und
+jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu --
+
+Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus
+Demba das Ende seiner Freiheit.
+
+Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und maß ihn mit den Augen und eine
+Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß. Demba
+fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt,
+jetzt kam's.
+
+»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der Wachmann höflich.
+
+Demba verstand nicht gleich.
+
+»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der Wachmann.
+
+Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen konnte er nicht, er
+schüttelte nur den Kopf.
+
+»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann
+nochmals.
+
+Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen des Polizisten, aber es gelang
+ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß er
+wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein
+schwerer Druck löste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt
+dämmerte es ihm auf, daß das Kuvert in den Händen des Polizisten das
+Geld, sein Geld enthielt, daß er es verloren hatte, und daß er es
+zurückhaben müsse.
+
+»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber im gleichen
+Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf.
+
+Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das Kuvert geschickt und
+nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das
+vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu
+Ende! Um Gotteswillen, dann mußte er mit ins Kommissariat, mußte seinen
+Namen nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf
+dem Tisch des Polizeikommissärs lag vielleicht schon die
+Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa
+fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den besseren Ständen
+angehörend, groß, kräftig, rötlicher Schnurrbart, -- und der Kommissär
+faßt mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung,
+sieht mich wieder an --
+
+Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er verleugnete sein Geld.
+
+»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mühe,
+daß seine Stimme nicht allzusehr zitterte.
+
+»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen?« fragte der
+Wachmann erstaunt.
+
+»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba.
+
+Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert. »Dann kann es nur der Herr
+drüben verloren haben.«
+
+Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor Stanislaus Demba die Straße
+überquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes
+stand.
+
+Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog höflich
+seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin
+und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte ihn mit Aufmerksamkeit
+an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrücke seines
+Malagarohres an den Arm hängte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand
+nahm und die Banknoten zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch
+aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfältig hineinlegte und das
+Buch in seiner Brusttasche verwahrte.
+
+Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes
+entfernte.
+
+
+
+
+13
+
+
+Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große Herrenmodewarengeschäft auf
+dem Graben ein und ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen. Er
+prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke mit Sorgfalt und
+Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, daß er sich die Auswahl größer
+vorgestellt habe und daß man etwas wirklich Neues und zugleich
+Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekäme und entschied
+sich schließlich für eine orangefarbene Krawatte aus schwerer,
+schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen
+Geschäften erstandenen Stücken, in Seidenpapier einschlagen ließ.
+
+Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Straße. Es war
+das dritte Geschäft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit
+seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber nicht glauben, daß er einen
+besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein,
+Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung von fast
+sechshundert Krawatten in allen Ausführungen und Farbennuancen, in der
+alle Formen, von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu den
+Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten
+waren. Aber eine Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines schön
+ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drängte ihn immer wieder zu
+neuen Ankäufen.
+
+Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro anzündete, konnte er
+feststellen, daß seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes
+Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck
+schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von
+ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung
+betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes
+Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver
+Form zu äußern pflegten. Er war es gewöhnt, daß die lässig-charmante
+Art, wie er beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den Stock in den
+Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit -- Herr Kallisthenes Skuludis
+verweilte überall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen --,
+von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und daß die vornehm zerstreute
+Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand
+steckte, in den Salons der großen Welt immer vorbildlich wirkte.
+
+Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefühl für
+gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort
+schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören oder
+nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher,
+ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn
+unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft
+von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war
+seine vornehme Zurückhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten.
+
+Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage eines Blumengeschäftes,
+nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und überquerte
+sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen, die er, er wußte nicht mehr
+recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her
+kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von
+neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber
+lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besaß ein vorzügliches
+Personengedächtnis -- das erforderte sein Beruf -- und er erkannte
+sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschäft
+stumme Huldigungen erwiesen hatte.
+
+Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon.
+Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer
+Viertelstunde auf die Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete,
+war wieder Stanislaus Demba.
+
+Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber ein wenig zu
+Mißtrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv -- das brachte sein
+Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings
+nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person,
+das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag legte, nicht recht
+behagen. Er fand, daß Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt
+sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein
+Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang,
+indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische
+niederließ.
+
+Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.
+
+Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu überlegen. Im nächsten
+Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis,
+Platz nehmen zu dürfen.
+
+Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berührt. Es
+waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf,
+seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit nehmen zu können. Neue
+Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und anderen
+belebten Orten anzuknüpfen -- und das auch nur, weil es sein Beruf
+erforderte.
+
+»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte er darum zu Stanislaus
+Demba.
+
+»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die
+Erledigung unserer Angelegenheit nicht länger aufschieben,« sagte Demba
+und setzte sich.
+
+Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet an.
+
+»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher in Ordnung bringen
+sollten,« wiederholte Demba.
+
+Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang.
+Er faßte sein Gegenüber genauer ins Auge.
+
+»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie
+Interesse haben?« fragte er.
+
+»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba. »Bis hieher bin ich Ihnen
+nachgegangen. Erst hier war es mir möglich, Sie unauffällig und unter
+vier Augen zu sprechen.«
+
+»Unauffällig« und »unter vier Augen« -- diese beiden Worte machten auf
+Herrn Skuludis einen guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber
+als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis über
+alles -- das lag im Wesen seines Berufes begründet.
+
+»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?« fragte Demba.
+
+»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein
+Licht auf.
+
+Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße eine Unterredung sehr
+delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhändler gehabt, dem er
+Schmuckstücke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages
+aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich
+jedoch unglücklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt,
+nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz und die Gewinnsucht des
+Händlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der Mann
+einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus
+den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem
+anzuknüpfen.
+
+»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr Skuludis.
+
+»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.«
+
+»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch nicht völlig erledigt ist?«
+
+»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba grimmig.
+
+»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs dringend,« meinte
+Herr Skuludis.
+
+»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig.
+
+»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mußte Geld haben, und
+das wollte man sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse
+gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.«
+
+»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,« sagte Demba erfreut.
+
+»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere Angebote einholen,«
+erklärte Herr Skuludis.
+
+»Das verstehe ich nicht.«
+
+Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der
+ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen
+dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch.
+
+»In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes
+Geschäft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen
+wollte, war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz.
+
+Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher
+Verlegenheit und welchem Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit
+seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Daß in dem
+Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit
+Verwunderung.
+
+»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,« wiederholte Herr Skuludis.
+
+»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem Kuvert sind siebzig Kronen.
+Nicht mehr und nicht weniger.«
+
+Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis aufs höchste. Er war zwar
+abergläubisch, aber daß dem Angestellten eines Hehlers aus der
+Praterstraße übernatürliche Kräfte zu Gebote standen -- diese Erfahrung
+warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht.
+
+»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in ziemlich unsicherem Ton.
+
+»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,«
+zischte Demba über den Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte
+haben, mir das Geld zurückzugeben.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis.
+
+»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los. »Nun, Sie werden mich
+gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von
+einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm, Sie hätten es
+verloren. Verstehen Sie mich jetzt?«
+
+Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe rascher Auffassungskraft in
+hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die geänderte Situation. Er
+erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen war, einen Unberufenen
+Einblick in seine Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber
+im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, daß er vorsichtig genug
+gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur
+in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit
+wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch
+ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte.
+Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen, ehe er über seine weitere
+Taktik schlüssig wurde.
+
+»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen?« fragte er und
+nickte Demba vertraulich zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation
+und die Situation ist klar.«
+
+»=Was= soll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba.
+
+Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes Skuludis über den
+Tisch und begann, überlegen lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er
+suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene Legitimationskarte
+des Detektivs vermutete.
+
+Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe!« rief er
+drohend.
+
+»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?« riet Herr Skuludis
+und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknöpfen.
+
+»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte Demba und rückte von Herrn
+Skuludis fort.
+
+Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent.
+
+»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er.
+
+»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurück. Seit einer
+Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld
+zurückzubekommen. Oder glauben Sie, daß es mich interessiert hat, zu
+erfahren, bei wem Sie Ihre Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen,
+und mit welchen Kokotten Sie verkehren?«
+
+Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrüger, der zufällig
+Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausnützen wollte, um einen
+Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte, wie er ihn
+loswerden könnte.
+
+»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz
+dieses Geldes gekommen bin?« fragte er in scharfem Ton.
+
+Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl, das behaupte ich,« gab er
+ebenso scharf zurück.
+
+»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen gehört.«
+
+»Jawohl. Es gehört mir.«
+
+»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den ungeklärten Fall dem
+nächsten Wachmann vorzutragen,« sagte Herr Skuludis mit verbindlichem
+Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die Verhandlungen an einem
+toten Punkt angelangt seien.
+
+»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr gegen seine Überzeugung.
+
+Also doch ein Detektiv -- dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war
+es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur
+geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu
+schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter den Funktionären der
+Polizei etliche gute Bekannte -- das brachte sein Beruf mit sich --,
+denen seine Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes
+Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene
+Uhren, ein Anhängsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe --
+kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs
+Wien-Budapest -- bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine
+Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wäre ihm im höchsten Grade
+ungelegen gekommen.
+
+»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit
+einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche
+erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar
+schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen Ärger.
+
+»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein,« bemerkte
+er bissig.
+
+Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung mit Schmerz, daß Demba
+nicht die Umgangsformen der großen Welt besaß. Aber Ruhe und
+Selbstbeherrschung gehörten zu seinem Berufe, und er begnügte sich,
+seinen Gegner mit einem verächtlichen Blick zu messen.
+
+Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz
+von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung
+weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide spähten, gänzlich
+unabhängig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen
+Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit
+Aufmerksamkeit die vielfachen Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens,
+während Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile
+erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.
+
+Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und
+seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen
+versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway
+geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein
+Verschwinden bemerkte.
+
+Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft. Dann begriff er: Herr
+Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den
+moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig
+Kronen zurückzuerlangen, stieg.
+
+Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-höhnische
+Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ,
+spornte Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte, zu
+höchster Kraftleistung an. Wütend keuchte er hinter dem Wagen her. Er
+kam ihm näher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf
+Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei Passanten zusammen, rannte
+weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang
+mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein
+Tempo verlangsamte, mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett und stand
+oben -- erschöpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und
+dennoch siegreich und triumphierend.
+
+Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschämt und
+grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand,
+sah er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen
+hatte. Nicht Angst, nicht Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu
+lesen, sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung malte sich
+in Herrn Skuludis Zügen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der
+ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll,
+starr vor Staunen auf Dembas Hände.
+
+Auf die Hände! Auf Dembas Hände!
+
+Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens
+verfangen, seine Hände waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen
+Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen.
+
+Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die
+dichtgedrängt den Wagen füllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände
+gesehen.
+
+Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen
+abgesprungen.
+
+Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wußte sein Geheimnis,
+und diesem einen galt es zu entkommen.
+
+Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich
+umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend,
+hinter ihm her.
+
+Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen
+Autoomnibus zu entziehen.
+
+Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern
+nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen.
+Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine
+anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen.
+Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit
+Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen
+Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine
+mißliche Situation geraten war.
+
+
+
+
+14
+
+
+Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die
+Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht
+nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da
+kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem,
+sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine
+Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', -- es waren ohnehin nur
+fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche --, haben sie mir
+fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine
+Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und
+dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer
+Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten
+muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten
+herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie
+schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.
+
+Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind
+vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine
+Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß
+ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht
+sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da muß ich
+einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den
+Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich
+hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.
+
+Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses.
+Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R.
+Becker, ordiniert von zwei bis fünf.
+
+Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die
+Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er
+stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.
+
+Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.
+
+Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein
+Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche,
+und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick
+stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe.
+
+Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte
+er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er
+zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen
+gesehen haben.
+
+Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba
+wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder
+geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun --
+
+Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder
+verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die
+sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba
+blieb sie stehen und ruhte aus. -- Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber
+da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!
+
+Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine
+Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten
+Stock hinauf.
+
+Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's
+einfach warten --, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung
+hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig
+eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: ›Rücktritt des ungarischen
+Ministerpräsidenten‹, und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon --.
+Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht
+durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles
+ganz genau, ›der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen
+Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof‹, steht vielleicht drinn, und
+›anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der
+Spur.‹ -- Oder vielleicht steht gar dort: ›Der Verdacht der Täterschaft
+lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine
+Verhaftung steht unmittelbar bevor.‹
+
+Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die
+Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er
+die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.
+
+Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen muß es
+stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.
+
+Musikalischer Zapfenstreich. -- Die Generalversammlung des
+niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten,
+verschoben. -- Filmbrand auf der Straße. -- Oberinspektor Hlawatschek
+gestorben. -- Ein seltenes Jubiläum. -- Ein Selbstmordversuch, halt. Was
+ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
+hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung
+Veronal --, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der
+städtischen Straßenbahnen. -- Die Tat einer Mutter. -- Schluß.
+
+Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich
+denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich
+nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. -- Demba faltete die Zeitung
+zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.
+
+Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es
+zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal
+um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er
+fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den
+Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die
+Knöchel aneinandergefesselt hat. -- So, jetzt war er fertig.
+
+Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter
+Einfall. -- Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten
+Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte er, trat vor die
+Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. »Meine
+Anerkennung! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie
+wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte
+sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! Hätte Ihnen gern die
+Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!«
+
+Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger
+Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb
+stehen und blickte Demba verwundert an.
+
+»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba und stieg die Treppe
+hinauf. -- »Jetzt sieht jeder sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen
+kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine
+Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren
+Brandwunden an den Händen kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand
+von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte
+man meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!«
+
+Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen öffnete.
+
+»Ist die gnädige Frau zu Hause?«
+
+»Nein.«
+
+»Und der Herr Dozent?«
+
+»Der ordiniert.«
+
+Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.
+
+Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen die Zeitschriften.
+
+»Wann kommt die gnädige Frau zurück?«
+
+»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es wissen.« Das Stubenmädchen
+ging in Elly Beckers Zimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und die
+hellen Stimmen lachender Mädchen.
+
+Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig
+und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.
+
+»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen
+gegangen.«
+
+»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich hätte dringend mit ihr zu
+sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?«
+
+»Regnet es schon draußen?« fragte Elly.
+
+»Ja.«
+
+»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht
+inzwischen zu uns hereinkommen?«
+
+»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.«
+
+»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.«
+
+»Ich bin gar nicht danach angezogen.«
+
+»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür. »Noch ein Besuch!«
+rief sie hinein.
+
+»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen Mädchen.
+
+»Leider nein,« sagte Demba in der Tür.
+
+»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,« sagte Elly
+und stellte vor. »Doktor Stanislaus Demba. -- Meine Freundin Viky, meine
+Freundin Anny.«
+
+Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen entzückt zu sein,
+Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner
+alten, vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine
+unmögliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit
+kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßung
+nur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mädchen mit
+Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr
+Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende
+Benehmen der beiden jungen Mädchen nicht zu merken oder nicht zu
+beachten.
+
+Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung
+zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre Freundin
+Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wenn er deklamiert, ficht er
+mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spaß.«
+
+Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhöhte sich,
+als das Stubenmädchen Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse Tee vor ihn
+hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und
+wußte nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn
+zum Zugreifen aufzumuntern.
+
+»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht
+ab?«
+
+Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf die Tragfähigkeit seines
+ausgezeichneten Einfalles zu machen.
+
+»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es wäre kein angenehmer
+Anblick für Sie.«
+
+»Warum denn?«
+
+»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe
+Brandwunden auf beiden Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.«
+
+»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«
+
+»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze
+zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die
+brennenden Stücke mit den Händen losgerissen, und dabei hab' ich mir die
+Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit dem Taschentuch
+umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.
+
+»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!« rief Elly ängstlich.
+»Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.«
+
+Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es Demba vor den Mund und
+ließ ihn abbeißen.
+
+Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu
+sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert
+durch das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit Appetit und empfand
+lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die
+Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er
+sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genuß
+den ganzen Tag über schwer entbehrt.
+
+»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly.
+
+»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh. Sie mußten durch den Druck
+der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern
+fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in
+seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an
+die Schultern.
+
+Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten Demba mit Interesse.
+Auch das Stubenmädchen, das den Tisch abräumte, warf mitleidige Blicke
+auf die verbundene Hand.
+
+Anny näherte ihre Brille dem Verband.
+
+»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich.
+
+Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als
+wäre ihm eine Mücke ins Auge geflogen.
+
+»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht.
+
+Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, daß er im Notfall in
+zwei Sätzen draußen sein konnte.
+
+»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny mit Bestimmtheit.
+
+»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung.
+
+»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir müssen Sie keine Märchen
+erzählen. Mein Bruder ist nämlich grüner Alemane.«
+
+»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,« versicherte
+Demba.
+
+»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt haben,« meinte Viky
+ironisch.
+
+»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen Miene eines
+Fechtmeisters.
+
+»Eine Sext,« erklärte Demba.
+
+»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei wie aus einem Mund.
+
+»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer
+des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.«
+
+»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen.
+
+»Wer denn? Miksch?«
+
+»Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.«
+
+Alle drei begannen zu lachen.
+
+»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly.
+
+»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der ›jugendliche Leichtsinn‹
+hat er doch gesagt.«
+
+»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie
+an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine
+Klinge --«
+
+Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person
+beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen
+hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt
+eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz,
+aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber,
+man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren
+Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an
+einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken,
+daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie
+nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba
+ihn kenne.
+
+Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die
+Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit
+stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er
+plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die
+Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen
+Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in
+Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein
+Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein
+Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell
+schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich
+darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige
+Frau nach Hause gekommen sei.
+
+Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie
+war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine,
+versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen,
+Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die
+Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und
+bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit
+Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch
+Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute
+standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der
+Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in
+den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus
+der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der
+Köchin.
+
+Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und
+trank Tee, als Demba eintrat.
+
+»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba
+entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt -- was ist denn
+eigentlich geschehen?«
+
+»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen
+Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein
+paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte
+die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer
+gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr
+des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit
+gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner
+Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.
+
+»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau
+Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen
+sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«
+
+Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte
+aus dem Mantel hervor.
+
+Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen. »Aber ist denn das
+ein Verband?« rief sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt gemacht
+haben!«
+
+»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.«
+Demba sah mit Verdruß, daß seine Idee, sich Verletzungen an den Händen
+anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt
+beschäftigte sich jetzt ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch
+ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen
+wollen.
+
+»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und
+lassen sich einen anständigen Verband machen,« entschied Frau Dr.
+Becker.
+
+Demba wurde bleich wie Käse.
+
+»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch nicht --«
+
+»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr
+Kollege?«
+
+Demba wand sich auf seinem Sessel.
+
+»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht die Zeit des Herrn
+Dozenten --«
+
+»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau des Arztes. »In zwei Minuten ist
+mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.«
+
+Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem
+Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband.
+
+»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm
+ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen. -- Ja.
+-- Also er kommt gleich.« -- Sie legte das Hörrohr fort. »So, Herr
+Demba.«
+
+»Ich bin eigentlich nur gekommen --«; Demba schluckte und suchte nach
+Worten. »Ich wollte Sie bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein
+Monatssalär schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja --«
+
+Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff
+dann wieder nach dem Hörrohr.
+
+»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er
+kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht
+bei der Hand.«
+
+Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba das Zimmer.
+
+Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die
+Vorhölle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot
+in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm
+horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an
+ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom
+Fußboden auf, öffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem
+Staub.
+
+Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.
+
+Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba
+stehen, riß das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in
+die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er
+es mit einem Fluch zu Boden.
+
+
+
+
+15
+
+
+Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen.
+Es regnete in Strömen, und früher als sonst fanden sich die andern zu
+der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten
+Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgfältig verhängte und von
+einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen.
+
+Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen
+hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von
+Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende,
+der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der
+Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche
+über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte.
+Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der
+Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt
+und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war,
+aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus
+ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt
+wurde -- ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine
+Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der
+Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte,
+wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die
+Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur
+Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und
+seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin
+ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im
+Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der
+halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon
+lange nicht mehr Doktor war.
+
+Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn
+des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der
+Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch
+gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem
+Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut
+sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit
+aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel
+hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder
+hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den
+Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut
+sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen!
+Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«
+
+Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn
+Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie
+und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in
+seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine
+Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit
+halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er
+hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen,
+nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«,
+hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin
+zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der
+er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise
+nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den
+Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit
+beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.
+
+An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung,
+die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet
+hatte -- er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen --,
+lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug
+er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner
+Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei:
+der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab;
+die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau
+erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in
+Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des
+Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohen
+_Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz
+und Lebewelt wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine
+standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.
+
+Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten
+Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den
+Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen
+Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr.
+Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes
+Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den
+sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer
+häufiger auf seine goldene Uhr.
+
+Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.
+
+»Herr Doktor werden verlangt.«
+
+»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren
+Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.
+
+»Nein. Herr Doktor Hübel.«
+
+Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen
+den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner
+Barschaft auf einmal riskieren sollte.
+
+»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut.
+
+»Ja. Der Herr wartet draußen.«
+
+»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,« entschied er auf alle
+Fälle.
+
+»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor hier sind!«
+
+»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen hinaus.
+
+Richtig. Da stand Stanislaus Demba.
+
+»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohne großen Enthusiasmus. »Woher
+weißt du, daß ich hier bin?«
+
+»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, daß ich
+dich hier finden werde.«
+
+»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen
+keinen übertriebenen Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte
+Zehnkronennote. »Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich
+habe.«
+
+Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch für heute das Geld
+versprochen!«
+
+»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen
+niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier
+gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,« erklärte Hübel mit einem
+schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.
+
+»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba und bekam einen starren
+Blick.
+
+»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?« fragte Hübel
+zerknirscht.
+
+»Vierzig Kronen,« sagte Demba.
+
+»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden
+Fall diese zehn Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser schwere
+Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.«
+
+Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, daß
+unter »Granat« ein Halsabschneider und unter den »Galeristen«
+Spielratten von Beruf zu verstehen waren.
+
+Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. »Was mach' ich mit
+zehn Kronen!« sagte er bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!«
+
+Hübel wußte keinen Rat.
+
+»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?« fragte Demba
+mit einem Blick auf die Tür.
+
+»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit der Hand. »Da kennst du diese
+Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.«
+
+»Was jetzt?« fragte Demba ratlos.
+
+»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht
+hast du mehr Glück als ich.«
+
+Demba schüttelte heftig den Kopf.
+
+»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte Hübel. »Da können aus zehn
+Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.«
+
+»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten an.«
+
+»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du
+Ignorant.«
+
+»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte Demba.
+
+»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm Hübel eifrig.
+»Gewöhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur daß man auf die vier
+Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht mitspielen,
+du brauchst bloß zu setzen.«
+
+Demba war unentschlossen.
+
+»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger
+zu rühren,« erzählte Hübel.
+
+Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag.
+
+»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,«
+meinte Demba.
+
+»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein.
+
+Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich wenig Beachtung. Fremde
+Gesichter wurden zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen, da aber
+Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die
+Aufnahmeformalitäten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich
+glatt:
+
+»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam.
+
+Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, daß Demba Geld genug habe.
+»Wie Mist,« setzte er hinzu.
+
+»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt.
+
+»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie in diesem Augenblick der
+Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da
+er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war.
+
+»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich
+das Geld ein. »Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht
+flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba zu und fragte: »Haben Sie
+schon eingekocht, junger Mann?«
+
+Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, daß Zeige- und
+Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.
+
+»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte
+Hübel. »Auf wen soll ich setzen?«
+
+»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf
+des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten.
+
+»Alles auf einmal?«
+
+»Ja. Setz' alles auf einmal.«
+
+Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht
+teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den
+Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und
+hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der
+diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die
+ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen
+Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit
+dem ersten Stein.
+
+Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld
+geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen
+und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt.
+Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an
+der Wand. Und die begann Demba zu lesen.
+
+Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für
+einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein
+zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben.
+Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder!
+Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder
+verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein
+großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von
+Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter
+jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige
+Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten Fingern, die dennoch
+zu greifen verstanden, wie Polypenarme, -- und in all dem Wirrsal von
+Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich
+unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach
+einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte
+Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba
+wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte
+sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür
+hinausschleichen.
+
+Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die
+Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem
+Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh'
+ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich
+endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der
+Hand und sagte:
+
+»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.«
+
+»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.
+
+»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.«
+
+Demba schwieg.
+
+»Was jetzt?« fragte Hübel.
+
+»Weiter setzen,« sagte Demba.
+
+»Alles?«
+
+»Ja.«
+
+»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam. »Ruhe!« sekundierte ihm
+Hübel. Der Lärm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging
+sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen, aber das Spiel
+nahm seinen Fortgang.
+
+Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die
+Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach
+dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlürfte
+geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte
+plötzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:
+
+»Hallum-Drallum.«
+
+»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der Postbeamte. »Sind denn auf
+beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!«
+
+Wer ist das: Hallum-Drallum? -- fragte sich Demba seltsam erregt. Wer
+ist das: Hallum-Drallum? -- bohrte es ihm quälend im Hirn. Und plötzlich
+wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen,
+dickbäuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit
+fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übersäet war, mit
+wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt stand
+er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in
+den Nacken -- Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren -- nein! Der
+Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da
+stand er, und blickte ihn grinsend an und gröhlte: Du willst mein Geld,
+du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle?
+Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke
+dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!
+
+Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und
+demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein
+eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen
+Stücks Tapete.
+
+»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort
+brach ein Lärm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit
+gellender Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!«
+
+»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den
+Tisch.
+
+»Aber der Doktor hat doch ›weiter‹ gesagt,« jammerte der Kellner.
+
+»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte.
+
+»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch
+auch mein Geld!«
+
+Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am Ärmel und sagte:
+
+»Du hast zum zweitenmal gewonnen.«
+
+»So?« -- Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt.
+
+»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?«
+
+»Ja,« nickte Demba.
+
+»Wieviel?«
+
+»Alles.«
+
+»Bist du toll?« fragte Hübel.
+
+»Ja.«
+
+»Du hasardierst!«
+
+»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.«
+
+»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht
+gewinnen.«
+
+Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttäuschung
+war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden
+gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der Hand über den kahlen
+Schädel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hälfte seiner
+Barschaft verloren.
+
+»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas Geld.
+
+»Bleibt liegen,« sagte Demba.
+
+»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam. »Sprechen Sie gefälligst
+deutsch!«
+
+»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel.
+
+»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich wollt' nur wissen --« Er
+legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.
+
+»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.
+
+»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an
+Dominosteinen.
+
+Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.
+
+Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei
+Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er
+zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das
+durch hundert schmutziger Hände gegangen war, und dennoch -- Proteus
+Geld! -- jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und
+es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen
+lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für
+den zweiten war es die längst schon fällige Wohnungsmiete. Für den dort
+hieß es: Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder
+wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da
+wird es verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die vergräbt es unter
+dem Strohsack ihres Bettes -- und für ihn, für Demba, was war es für
+ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen. An altersgraue Türme wollte
+er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute
+spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch
+die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder
+wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige
+spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerfloß in
+nichts. Dafür kamen andere Visionen, -- die Gespenster der Wünsche, der
+Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt
+an. Dr. Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor
+Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel
+stand darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem Raum war für
+die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der
+Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus
+Steingut mit Brot, Wurst und Käse vor sich auf einem ungedeckten Tisch
+und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück
+hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen
+grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld
+zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß
+es verspielt war und daß es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm
+gehörte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky.
+
+»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die Suschitzky stieß im
+gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:
+
+»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.«
+
+»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der Kellner triumphierend und
+setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. »Den für
+Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!«
+
+»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig
+Kronen!« schrie Hübel Demba in die Ohren.
+
+Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.
+
+»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter Stimme und griff in
+die Tasche.
+
+»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel.
+
+»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent.
+
+»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt' sie schon,« sagte der
+Reisende.
+
+»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über
+den kahlen Schädel. »Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen
+müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.«
+
+Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.
+
+»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld.
+Außer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.«
+
+Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese Zumutung.
+
+»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte Dr. Rübsam, der jetzt
+unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. »Meine Uhr ist unter
+Brüdern --«
+
+Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf
+den er sie gelegt hatte.
+
+»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös in alle Taschen und
+rückte den Sessel zur Seite.
+
+»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,« sagte er dann, indem er
+gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte,
+keine Scherze.«
+
+Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.
+
+»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als er keine Antwort
+bekam. »Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder
+haben.«
+
+»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte.
+
+»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,« erklärte der
+Redakteur.
+
+»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr haben,« rief der
+Feldwebel.
+
+»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel.
+
+»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,«
+riet der Häuseragent.
+
+Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle
+seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch,
+fand auch da nichts und gab das Suchen auf.
+
+»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky.
+
+Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erklärte:
+
+»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist.
+Das möcht' ich doch sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten
+Tag --«
+
+»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!« rief der Redakteur. »Das
+haben Sie doch gesehen, Doktor?«
+
+»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam wütend. »Jetzt geht mir
+keiner hinaus!«
+
+»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.«
+
+»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine
+Uhr wieder hab'.«
+
+»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen hab'?« protestierte der
+Sparkassenbeamte.
+
+»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel. »Es liegt ja allen daran,
+festzustellen, daß unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns
+einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,«
+schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für
+niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.«
+
+Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte
+ihn. Nicht allzu sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die
+Suschitzky war einmal während des Spieles längere Zeit hinter ihm
+gestanden.
+
+All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht
+gehört. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt
+eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu,
+zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten ihm. Wie eine Katze strich
+Demba um den Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das Geld in
+seine Hände und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen
+und blitzschnell danach langen -- es sah so leicht aus und dennoch!
+Demba wagte es nicht.
+
+Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner
+Taschen förderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader
+Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und eine Broschüre: »Die
+Kunst zu plaudern und ein Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam
+»Semmelbrösel«, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend
+Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer
+ältlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht.
+Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.
+
+»Darf ich bitten?« fragte er höflich.
+
+Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?«
+
+»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam. »Ich bin
+selbstverständlich vollkommen überzeugt -- aber --«
+
+»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich über die Störung. Ihm war
+gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu
+bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorläufig zu sich
+zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden.
+
+»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,« sagte Dr. Rübsam.
+»Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie -- aber --«
+
+Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.
+
+»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel --?«
+
+»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam wurde ungeduldig.
+
+»Ausgeschlossen,« sagte Demba.
+
+»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht?«
+
+»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in Ruhe.«
+
+»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte.
+
+»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen.
+
+»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende fest.
+
+»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam.
+
+»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?«
+
+»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt.
+
+»Die Uhr des Herrn Doktor.«
+
+»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?« rief
+Demba entsetzt.
+
+»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton.
+»Ein Scherz vielleicht, dachte ich --«
+
+»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba.
+
+»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.«
+
+»Nein,« stieß Demba hervor.
+
+»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität. Alle Herren werden
+sich --«
+
+»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.
+
+»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht. Dann weiß ich, was ich zu
+tun habe.«
+
+Er drehte Demba den Rücken und näherte sich dem Tisch.
+
+»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz ruhig. »Wozu?«
+
+Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem
+Tisch lag, versichert.
+
+Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams Händen sah. Die
+Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht
+sein! Es konnte nicht sein, daß der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt
+-- sich auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm das Geld
+entreißen! Die Ketten mußten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht
+unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen
+Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich,
+die Adern schwollen, in höchster Not wurden seine Hände zu zwei
+Giganten, die sich empörten, die Kette knirschte --
+
+Das Eisen hielt.
+
+»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,« sagte
+Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine
+Tasche. »Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.«
+
+
+
+
+16
+
+
+Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld
+geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.
+
+Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn,
+die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er
+keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den
+Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu
+schlafen.
+
+Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen
+in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn
+ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale
+hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den
+Kampf auf und wollte schlafen.
+
+»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst
+du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen
+gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte
+keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.
+
+»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die
+Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie
+verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht. _Fair play._ Ich habe
+getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe
+Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger
+Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte
+mein Wort. _Fair play._«
+
+Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte ›_fair play_‹ und
+er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der
+eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von
+beträchtlicher Höhe zu begleichen.
+
+»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise
+desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte.
+»Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es
+nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam
+den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame
+Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch
+eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er
+an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.
+
+»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er
+konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige
+Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden
+Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine
+Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann
+morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein
+zurückbleiben werde.
+
+»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die
+Konsequenzen ziehen,« versicherte er sich selbst. Er blieb an einer
+Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt
+dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die
+Konsequenzen zog.
+
+»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und
+suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände
+beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der
+Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das
+Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle
+blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf,
+achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte.
+
+»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich
+denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein.
+Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald
+kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.«
+
+Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein,
+warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem
+kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der
+Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg
+zu machen. Jede Minute war kostbar.
+
+Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel.
+Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den
+Regenlachen.
+
+»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,«
+erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit,
+daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf
+seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch
+berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all
+den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.
+
+Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und
+stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon
+erleuchtet war.
+
+»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist
+bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit
+zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.«
+
+Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines
+hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren
+Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses
+Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die
+seinen Schmerz betäuben sollten.
+
+»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir
+werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.«
+
+Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.
+
+»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick
+auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen
+wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also -- Allons!«
+
+Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.
+
+Ȇbrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch
+nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen
+stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit
+Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines
+kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu
+betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür
+interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf
+die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag
+amüsant sein oder auch langweilig, -- keinesfalls ist es sehr wichtig.
+Man könnte beinahe --«
+
+Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann
+dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es
+und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem.
+
+Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.
+
+In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.
+
+Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!
+
+Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben
+zusammen.
+
+Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners.
+Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm.
+Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts
+wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war
+es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten
+kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich
+wider Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie
+welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß,
+von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße.
+
+Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen
+liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba
+und der ganzen Welt verbergen könnten.
+
+Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde.
+Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine
+Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.
+
+Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das
+Herz voll Angst -- so ging er auf das Haustor los.
+
+Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße.
+Es war Georg Weiner, und er war allein.
+
+Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links,
+die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.
+
+Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an.
+Dann atmete er sehr erleichtert auf.
+
+Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei
+ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im
+Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem
+Zimmer ausgelöscht.
+
+Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen!
+Daran war nichts gelegen. Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba
+in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen
+war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts
+nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine
+Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden.
+
+Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich
+hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die
+glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren.
+
+Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal
+mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr
+gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen
+Abschied von ihr nehmen.
+
+Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es
+eilig zu haben.
+
+-- Wahrscheinlich fährt er zu ihr, -- dachte Demba. -- Und jetzt wird er
+mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. --
+
+»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.
+
+Georg Weiner wandte sich um.
+
+»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.
+
+»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.
+
+»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.
+
+»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?«
+
+»Passabel.«
+
+»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist
+möglich, daß ich auch hin komme.«
+
+
+
+
+17
+
+
+Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe öffnete. Er
+hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte, um in das
+Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle
+angestoßen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen
+Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und Überröcken beladenen
+Kleiderständer, stehen.
+
+Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah
+Demba sofort, daß Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen
+saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast
+immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mädchen waren
+Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein
+vierschrötiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge
+und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes,
+durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war
+versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der
+andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine Wolke von
+Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes Lächeln auf den
+Lippen, zu Dembas großem Ärger Emil Horvath.
+
+Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei
+Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins
+Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben
+die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln
+wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba
+zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps,
+fragte, ob »die Ella« zu Hause sei -- »die Ella!« Einfach »die Ella«
+nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer -- dem wird Herr Horvath
+doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen
+monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der
+Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der
+Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium,
+keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher
+denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu
+Kopf stieg.
+
+Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend
+sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath
+an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich
+zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen.
+Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen,
+amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen;
+und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in
+angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.
+
+Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderständer hervor und
+verbeugte sich nach allen Seiten.
+
+»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem
+Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und
+unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich
+habe die Ehre.«
+
+Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an,
+der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser
+triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die
+beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit
+neugierigen Augen.
+
+»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?«
+
+»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba
+leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es
+erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«
+
+»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er
+eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt
+am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte
+sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.
+
+»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert.
+
+»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück.
+
+»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas
+leer.
+
+Demba hatte die beiden flüstern gehört und wurde blutrot. Er wußte ganz
+genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe und daß
+sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich
+anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese
+Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls
+aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort auf das
+Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lächerlich! Davon
+kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner!
+Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu
+treffen, lieber Horvath --
+
+Demba erhob sich.
+
+»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem
+Gasthaus gehört, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er
+zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden Redewendungen, deren er
+sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach.
+»Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich
+gezwungen,« erklärte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit
+Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. »Küche und
+Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genießt in der Tat
+ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.
+
+Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte
+den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und
+Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß erwidern sollten und
+lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller
+hinein.
+
+Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu
+überzeugen, daß er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten
+Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen
+klarzumachen und redete eigensinnig weiter.
+
+»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit
+Wochen überall das Tagesgespräch. Von allen Seiten hört man nur Lob
+über --«
+
+Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte
+hin.
+
+»Speisen gefällig?«
+
+»Später! Später!« stotterte Demba in höchster Verlegenheit und warf
+einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich
+pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.«
+
+Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit
+der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter
+völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller in den Mund befördern
+sollte.
+
+»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte der Kellner.
+
+Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich. Die Zunge klebte ihm am
+Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen
+Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja
+nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den
+er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas
+mit den Zähnen erfaßt und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne
+einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er
+erinnerte sich sogar an den Applaus. Händeklatschen in allen Rängen,
+bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht
+einen Scherz vorgeben, eine Wette -- »erlauben Sie, daß ich ihnen ein
+kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, -- ein Kunststück mit
+einem vollen Bierglas -- sehen Sie: so.« -- Bravo, bravo, bravo! Alles
+applaudiert.
+
+Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unerträglich.
+Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas
+zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein
+alter Couleur. Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit
+ausgetrockneter Kehle.
+
+Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.
+
+Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher
+Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen!
+
+»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem
+Strohhalm darin.«
+
+»Wie, bitte?«
+
+»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!« rief Demba und wurde ganz
+erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen Sie
+und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor
+jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!«
+
+Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der
+resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen
+seiner Mitmenschen gewöhnt ist und den nichts mehr wundert.
+
+Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an
+dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und
+feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte
+ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst,
+als wäre er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.
+
+»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl er dem Kellner ganz
+heiser vor Durst und vor Erregung.
+
+Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken
+aufmerksam geworden. Die beiden Mädchen flüsterten miteinander,
+kicherten, stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den
+seltsamen Zecher.
+
+Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spöttisch lächelnd
+an und fragte:
+
+»Demba! Was treiben Sie da?«
+
+»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr. Fuhrmann ironisch.
+
+Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für
+seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum,
+den er nicht wegwischen konnte.
+
+»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton. »Das ist durchaus nicht
+originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich wohl
+annehmen, daß keiner der Herren jemals in Paris war.« Er verzog
+hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu
+tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.
+
+»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber
+das habe ich noch niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm
+trinkt.«
+
+Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches
+schleunigst zu wechseln.
+
+»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen Sie schön an, wenn Sie dort
+versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstößt
+geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!«
+
+Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es
+konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von
+den Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie
+eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des
+Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher
+außerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.
+
+»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,« erklärte er. »In Bagdad und
+Damaskus können Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen Araber
+dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.«
+
+Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von der Wahrheit seiner
+Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit
+jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern wagen sollte. In
+seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem
+Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks
+beschaulich einen Strohhalm schmauchte.
+
+»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!« sagte Horvath lachend.
+»Ethnographie: Nicht genügend.«
+
+Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs äußerste
+in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig
+an und sagte giftig:
+
+»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden?
+Merken Sie sich das.«
+
+»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt.
+
+Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch
+den Vorsatz gefaßt gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig zu
+sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt
+hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie
+ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt und aus jedem
+Gespräche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit
+wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen.
+
+Er stand auf.
+
+»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich muß Sie um Entschuldigung
+bitten. Meine Bemerkung hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner
+war sie gerichtet.«
+
+Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths
+suffisantes Lächeln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich.
+Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum
+Husten. Demba drehte sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner;
+aber der war nicht mehr im Zimmer.
+
+»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!« ereiferte
+sich Demba. »Es wundert mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt
+niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja
+noch da.«
+
+Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu
+wirken. Das Blut pochte ihm in den Schläfen und er verspürte einen
+leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit im Magen. Er mußte sich
+setzen.
+
+Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba sprach in seiner
+Verwirrung unaufhaltsam weiter.
+
+»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein
+Mißverständnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern --«
+
+»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.
+
+»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem
+Zeigefinger auf die Stirn.
+
+»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner.
+
+»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der beiden Mädchen ängstlich.
+
+»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner.
+
+»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte Horvath.
+
+»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte Weiner.
+
+Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. »Muß jeden
+Augenblick kommen,« hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich
+bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen
+hier? Sehr gut! Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige
+Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr
+Weiner. Sie befinden sich in einem großen Irrtum. Ganz andere Gründe
+führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe.
+Muß den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe --
+
+Demba räusperte sich.
+
+»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier treffen,« sagte er.
+»Komme sonst selten hierher. Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso
+ich heute hier bin.«
+
+Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus
+dem Mund und sah Demba an. Horvath lächelte.
+
+»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte
+besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine
+ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.«
+
+»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.
+
+»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen,
+und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art
+wollte ihm in seiner Bedrängnis einfallen.
+
+»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht
+kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen
+seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu
+erreichen.« -- Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas
+eingefallen.
+
+»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten
+Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll. »Eine Ehrenaffäre, Sie
+werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht
+ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den
+Einundzwanziger-Jägern.«
+
+Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe.
+
+»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach
+Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit
+grünen Aufschlägen.«
+
+Der Kellner wußte von nichts.
+
+»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttäuscht und
+verdrießlich, weil die Herren noch nicht da waren. »Das wundert mich.
+Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.«
+
+Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem
+Fuß auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß
+sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.
+
+»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?«
+fragte er.
+
+»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner
+Zeitung weiter.
+
+»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich plötzlich und
+höchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war er
+nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu
+lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur
+Rede:
+
+»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.«
+
+»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn
+Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen,
+der sich durch Sie vertreten läßt.«
+
+Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit
+schwerem Kopf brütete er vor sich hin.
+
+Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade
+heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an
+und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der
+Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden,
+verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in
+dieser Sache gütigst gestattet ist -- bin bei Gott noch niemals so
+nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz
+genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat
+sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht
+mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus
+der Tasche schaut die Zeitung heraus, -- zweimal gefaltet -- sehe alles.
+Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath -- paßt
+sich nicht in Damengesellschaft -- sehe alles. Müßte doch erst wohl
+bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde
+einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr!
+Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch --
+
+Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf
+die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete
+wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.
+
+»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er
+und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der
+Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer
+Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der
+Babenbergerstraße. -- Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen. Steht aber
+doch nicht alles in der Zeitung.« -- Demba lachte gut gelaunt in sich
+hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte
+ihm großen Spaß.
+
+»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann.
+
+»Möchte Ihnen nur sagen --,« erklärte Demba. Er räusperte sich und
+begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung --.« -- Die
+Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in
+den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf
+beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug
+stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt
+war ihm besser.
+
+»Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der
+Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu
+Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule
+Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei
+Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden.
+
+Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt
+an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er
+beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war
+hinter den Kleiderständer gerollt.
+
+»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden noch das ganze Zimmer
+demolieren.«
+
+»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen
+gesagt!« rief Dr. Fuhrmann.
+
+»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin.
+
+Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem
+Fußboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit
+nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte
+unaufhörlich nützliche Winke bei.
+
+»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer gerollt,« sagte er.
+»Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« --
+Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.
+
+Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an.
+
+»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie er wütend. »Schmeißt
+alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich
+plage.«
+
+Er trat hart an Demba heran.
+
+»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie
+hinuntergeworfen haben. Aber rasch!«
+
+Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte sich die Sache jedoch
+und richtete sich wieder auf.
+
+»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath.
+
+Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er. »Lieber nicht.« Er fand es
+höchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.
+
+Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.
+
+»Das ist doch -- das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf
+wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schädel.«
+
+Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.
+
+Weiner lächelte amüsiert.
+
+»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,« sagte Horvath. »Provozieren
+lassen wir uns nicht. Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die
+Sachen nicht alle aufgehoben haben, so --! Das Weitere werden Sie
+sehen.«
+
+»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,« bat das junge
+Mädchen, dem die Sachen gehörten, ängstlich.
+
+»Eins,« sagte Horvath.
+
+Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts
+an seinen Tisch zurück.
+
+»Zwei,« zählte Horvath.
+
+»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba. »Lassen Sie mich doch in
+Ruhe.«
+
+»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem
+Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben Sie.«
+
+Die Mädchen schrieen auf.
+
+Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß, der Wein strömte über sein
+Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich
+und furchtbar zugleich.
+
+Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles
+ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan,
+was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen
+dort den Narren abgeben können und den Hanswurst den ganzen Abend
+hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt,
+und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er
+da, allen zum Gelächter.
+
+Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttäuschung, die er
+den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, -- das alles kam
+jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.
+
+Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie
+seine Fäuste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann
+der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.
+
+Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue
+und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen zu
+erwürgen.
+
+Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend die Zähne zusammen.
+Seine Hände waren gefesselt! Seine Hände waren wertlos. Seine Hände
+mußten versteckt und verborgen bleiben.
+
+Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.
+
+Gott gab sie ihm.
+
+Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier,
+knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum
+Gespött. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich
+vor Lachen über seinen hilflosen Zorn.
+
+Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß zurückzustehen, sein Weinglas in
+die Hand genommen und rief:
+
+»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!«
+
+Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme:
+
+»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in
+der Hand!«
+
+
+
+
+18
+
+
+Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte
+einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war
+der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand.
+Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß
+sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an,
+stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb
+er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf.
+Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und
+starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des
+Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand,
+stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.
+
+»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das
+Leben Weiners.
+
+Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch
+furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von
+Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum
+schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn
+lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die
+man eben noch mit ihm getrieben hatte?
+
+Er stand, regte sich nicht und wartete.
+
+»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit
+verstörtem Gesicht.
+
+Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen
+Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.
+
+Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er
+stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und
+unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.
+
+»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem
+Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« --
+Er wollte zur Tür.
+
+»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem
+Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden
+sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute
+es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.
+
+Aber nein! Keiner lacht. Und -- wie sonderbar -- der Mensch dort
+gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein
+Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der
+Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver.
+
+Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt,
+damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder
+nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen,
+das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die
+Hände zittern ihm. --
+
+Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte
+Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und
+verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in
+Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt,
+die ihm über die anderen gegeben war.
+
+Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem Fuß an den Schildpattkamm
+und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein
+Mißfallen erregten.
+
+»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zählen?«
+
+Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich,
+die Gegenstände, die auf dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch
+Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und
+hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als
+alles tun, was er verlangte, und wäre es das Tollste. Und abzuwarten, ob
+sich Gelegenheit bot, ihn unschädlich zu machen.
+
+Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle
+Genugtuung für die schmähliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden
+war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten und zu verstecken suchten!
+Das Bewußtsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in
+seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er
+begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte
+seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bücken und Ducken nicht
+helfen, der kam jetzt an die Reihe.
+
+»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß.
+
+Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach
+Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen.
+
+»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, daß
+Weiner nicht hören wollte.
+
+Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah
+voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte,
+blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten. Er stand und
+wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle
+holt.
+
+Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.
+
+»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!«
+
+Aber schon stand Demba vor ihr.
+
+»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder --«
+
+Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los.
+
+»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt und machte einen
+Schritt zurück. »Lassen Sie mich hinaus.«
+
+»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,« sagte Demba.
+
+»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum!« zeterte Weiner.
+
+»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?« brach Demba los. Sein Gesicht
+war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr
+gebracht.
+
+»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!«
+
+Und Weiner, der die Mündung des Revolvers gegen seinen Leib gerichtet
+fühlte, -- nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel
+bohrte sich in seine Brust, -- Weiner, der sah, daß in diesem Augenblick
+sein Leben völlig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um
+sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne
+zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis.
+
+»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief er. »Nur du bist an allem
+schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt --«
+
+Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.
+
+»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich wußte bis gestern nachts gar
+nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon
+gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?«
+
+Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der fürchtete, daß Demba seinen
+Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.
+
+»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag
+angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwölf
+Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.«
+
+Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner
+sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas
+Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel
+und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den
+Feigling niederzuschießen um dessentwillen, was er da sprach.
+
+»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die Nähe der Gefahr fühlte.
+»Hast du mich nicht Tag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll,
+vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität gekommen, wenn ich
+in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.«
+
+»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid mit Sonja, die stumm
+dastand und Weiners Vorwürfe über sich ergehen ließ.
+
+Aber Weiner war nicht zu halten.
+
+»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und
+Tritt --«
+
+»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind wir fertig miteinander.«
+
+»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,« schrie Weiner erbost,
+und seine Stimme überschlug sich. »Und jetzt --«
+
+»Und jetzt -- da hast du dein Geld zurück.« Sonja riß ihr grünes
+Krokodilledertäschchen auf und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes
+Heftchen in Weiners Gesicht.
+
+»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du
+Feigling.«
+
+Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in
+diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes
+von seinem Herzen löste.
+
+Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben,
+dieses Heft in seine Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen und
+fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht
+gefoltert, daß er zu spät kommen, daß dieses Heft ihm Sonja entführen
+werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem
+Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu
+vernichten. Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke, vor ihm
+versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich
+mutlos und mit leeren Händen, ein Geschlagener und Besiegter,
+hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt und
+gefürchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fuße
+beiseite stoßen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte
+erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewünscht hatte, ohne
+Mühe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem
+Mantel versteckt hatte.
+
+Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen zu machen, trat Sonja zu
+ihm. Denn, zwiespältig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen,
+weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um
+ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen.
+
+»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise. »Ja, du hast recht gehabt:
+Er ist nichts wert. Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.«
+-- Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem
+Gesicht.
+
+Demba sah Sonja an und wunderte sich über alle Maßen. Was war in ihn
+gefahren gewesen daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch den Tag
+gerast war, daß er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um
+ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn
+fröhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fühlte
+nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die
+Angst, sie zu verlieren.
+
+Er war ihrer satt.
+
+Was wollte er noch hier? Was hatte er hier noch zu suchen? Er wandte
+sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht
+gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches Tier. Aber der
+Haß lebte, der ließ sich nicht verscharren, der war groß und mächtig und
+zwang ihn, seine Rache zu vollenden.
+
+Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten vermeinte, hatte ihn zu
+ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die
+Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er
+gehen und denen dort ihr Leben schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus
+war, ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor? Nein, sie sollten
+nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah
+sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und
+Schuß auf Schuß in totenblasse Gesichter feuern.
+
+Er beugte sich über den Tisch.
+
+»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fünf Minuten
+Zeit,« sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer
+Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des
+Augenblicks über den Rücken lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem
+Gutdünken.«
+
+»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen Sie tun?« rief Horvath.
+
+»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,«
+sagte Demba und wurde sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine
+Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte. »Nein. Hinaus dürfen Sie
+nicht. Zurück!« befahl er. »Oder ich schieße!«
+
+Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es
+gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten
+sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und
+ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu.
+
+Demba blickte von einem zum andern, prüfte, auf wen er zuerst anlegen
+sollte, es war Zeit, die Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich
+für Horvath.
+
+Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mögen. In
+seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen.
+Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist
+nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich
+wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt -- halb neun --
+
+Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen.
+
+Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten.
+
+Demba drehte sich um.
+
+»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel.
+
+
+
+
+19
+
+
+»Ich hab' ihn!«
+
+»Halten Sie fest!«
+
+»Die Hände! Packen Sie seine Hände!« schrie Weiner dem Kellner zu.
+
+»Lassen Sie los!« brüllte Demba auf und wehrte sich wie ein Wütender
+gegen die Arme, die ihn umklammert hielten.
+
+»Geben Sie acht! Er schießt!«
+
+»Er hat einen Revolver!«
+
+»Den Arm! Weiner, pack' den Arm!«
+
+»Achtung!«
+
+Demba war es gelungen, sich loszureißen. Er teilte nach allen Seiten
+Stöße und Fußtritte aus und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem
+Kopf gegen den Kellner.
+
+»Festhalten! Festhalten.«
+
+»Ich hab' ihn!«
+
+»Doktor! Packen Sie seine Beine!«
+
+»Loslassen!« tobte Demba und stieß mit dem Fuß aus.
+
+»Ich bin getroffen!« heulte Weiner und fiel in einen Sessel.
+
+Die beiden Theaterschülerinnen kreischten laut auf und hielten die Hände
+vor das Gesicht. Sonja stand schon bei Weiner.
+
+»Georg! Was ist dir geschehen?« schrie sie angstvoll.
+
+»Ich bin getroffen! Hilfe!« ächzte Weiner.
+
+»Wo? Um Gottes willen!« -- Alle Feindschaft war vergessen und Sonja
+mühte sich totenblaß vor Schrecken um den wimmernden Weiner.
+
+»Lassen Sie los! Ich ersticke!« keuchte Demba; der Kellner preßte ihm
+mit beiden Händen den Hals zusammen.
+
+»Den Revolver fort!« befahl Dr. Fuhrmann.
+
+»Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hände!« schrie Horvath triumphierend.
+
+»Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm!« gurgelte Demba, blaurot im
+Gesicht.
+
+»Ich hab' den Revolver.«
+
+»Achtung! Er ist geladen.«
+
+»Vorsicht! Er geht los!«
+
+Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf.
+
+Dann stieß Demba einen Schrei aus. Horvath hatte ihm die Hände im Gelenk
+gedreht.
+
+»Da ist er.« Und Horvath brachte triumphierend Dembas Hände unter dem
+Mantel hervor, zwei unselige, hilflose, jammervolle Hände, mit Ketten
+kläglich aneinander gefesselt.
+
+Einen Augenblick lang war alles starr.
+
+Dann gelang es Demba, sich loszureißen.
+
+Er blickte wild um sich, stöhnte leise, schöpfte tief Atem und rannte
+zur Tür hinaus.
+
+Ein paar Sekunden lang hörte man ihn im Dunkeln zwischen Stühlen,
+Tischen und den leeren Kleiderständern poltern.
+
+Dann krachte eine Tür und alles war ruhig.
+
+Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache wiedergewann.
+
+»Was war das?« fragte er, noch immer außer Atem.
+
+»Habt Ihr das gesehen --?« keuchte Horvath, erschöpft von der
+Anstrengung des Ringkampfes.
+
+»Der muß wo aus'kommen sein,« sagte kopfschüttelnd der Kellner.
+
+»Wir müssen ihm nach,« rief Dr. Fuhrmann.
+
+»Zur Polizei! Zur Polizei!« schrie Weiner und rieb sich sein Schienbein.
+
+Der Gedanke, daß sie sich alle von einem Schatten, einer Lüge, dem
+Phantom einer Waffe hatten betrügen und in Furcht setzen lassen, brachte
+sie in Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden auf und wischte
+sorgfältig den Staub von seinen Seiten.
+
+»Es ist am besten, wir gehen aufs nächste Kommissariat,« sagte Dr.
+Fuhrmann entschlossen. »Weiß vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?«
+
+»Ich,« sagte Sonja mit harter Stimme und sie nahm das höhnische Lächeln,
+die spöttischen Blicke und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu
+verraten. »Ich weiß, wo er wohnt.«
+
+
+
+
+20
+
+
+Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür
+stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.
+
+»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich!
+Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!«
+
+»Wartest du lang?«
+
+»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die
+Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat
+mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.«
+
+»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt
+unten.
+
+»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.
+
+»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf.
+Aber leise -- leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen
+bin.«
+
+Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel
+ab.
+
+»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu
+Hause? Wart', ich werde Licht machen.«
+
+»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein.
+Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du
+den Schlüssel?«
+
+»Ja. -- Ich glaube.«
+
+»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«
+
+»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den Schlüssel,« sagte Steffi.
+»Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.«
+
+Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die
+Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der
+Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das
+Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich
+erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am
+nächsten Ersten.
+
+Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm
+jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam
+zu spät.
+
+»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi
+Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel
+sperrt.«
+
+»Versuchen?« fragte Demba.
+
+»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den
+Schlüssel hervor. »Ich brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den
+Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.
+
+»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du
+machen mit dem vielen Geld?«
+
+»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.«
+
+»Zu spät? Warum?«
+
+»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt
+zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei
+bekomme.«
+
+Steffi blickte unruhig auf.
+
+»Im rechten Augenblick?« fragte sie.
+
+»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.
+
+»Wer denn, Stanie, wer denn?«
+
+»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«
+
+»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«
+
+»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort
+sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die
+Handschellen müssen fort!«
+
+»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen
+müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist
+zu groß.«
+
+»Wer? Der Schlüssel?« -- Demba fuhr erschrocken auf.
+
+»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.« Sie ließ
+die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas
+Gesicht.
+
+»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.
+
+»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung
+bittend. »Dieser dumme Mensch!«
+
+»Was ist denn geschehen?«
+
+»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, während ich im Bureau
+war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub
+von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte
+und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel
+öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem
+Tagebuch gemacht!«
+
+»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.
+
+»Stanie! Was werden wir tun?«
+
+»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer.
+
+»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein's mit dir gut.
+Schau, wär' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles,
+was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein
+paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du
+hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei,
+Stanie --«
+
+»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba.
+
+»Bis auf die Handschellen?«
+
+»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem
+Kerker kommt. Weißt du's nicht, Steffi? Strafen werden von der
+Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt,
+der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er
+kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit
+ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich
+heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel -- horch! Da sind
+sie schon.«
+
+Es hatte geläutet.
+
+Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.
+
+»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie
+mich hier finden!«
+
+Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte,
+zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen
+Sie!«
+
+»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.
+
+Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze
+aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes
+Dämmerlicht.
+
+»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster
+stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war
+bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht,
+daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich
+bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte
+ich, du wärest weit fort von hier.«
+
+Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf
+dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich
+und verflog in nichts.
+
+Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an
+der Holzfüllung der Tür.
+
+»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht
+glücklich, Steffi. Nur müde.«
+
+Es kam keine Antwort.
+
+»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers,
+Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch
+eines: Ausruhen.«
+
+Keine Antwort.
+
+»Wo bist du, Steffi?«
+
+Stille.
+
+Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.
+
+Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens.
+Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten
+Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen
+Strohsack. Die staubgesättigte Luft der engen Kammer legte sich ihm
+drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.
+
+Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher?
+Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich?
+Wie lange steh' ich schon hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf
+Stunden? Zwölf Sekunden?
+
+Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz
+Eugen«. -- Jetzt -- das Schieferdach glänzt so fröhlich in der
+Morgensonne -- zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern --
+-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Als die beiden Polizisten -- kurz nach neun Uhr morgens -- den Hof des
+Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus
+Demba.
+
+Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er
+wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit --
+
+Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer
+Wunde am Hinterkopf floß Blut.
+
+Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten
+ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze,
+tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen
+hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken,
+klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten
+Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum
+letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden
+sehr müde und fielen zu.
+
+Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und
+Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört,
+im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck
+stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal
+gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, -- Stanislaus
+Dembas Hände waren endlich frei.
+
+
+
+
+ Leo Perutz
+ Die dritte Kugel
+ Roman. 5. Auflage
+ Geheftet 5 M., gebunden 8 M.
+
+=Kölnische Zeitung=: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach
+alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende
+Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden.
+Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll
+verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung
+geltend, ... kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für
+Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück.
+
+=Wiener Allgemeine Zeitung=: In schlaflosen Nächten, die einem dieser
+Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend
+wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrängen und für die man
+doch nie eine Antwort gewußt, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das
+Buch dann beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?...
+Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende -- aber das Buch ist schon da.
+Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein
+unbekannter Mann und heißt Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht,
+das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um
+den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt nicht mehr
+losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst damit zu Ende ist. Und das ist
+das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann
+geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehört ... Kein Buch für
+Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das im ganzen deutschen
+Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wäre.
+
+Außerdem erschien:
+Leo Perutz und Paul Frank
+Das Mangobaumwunder
+Eine unglaubwürdige Geschichte
+11. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 7 M.
+
+=Zeit im Bild, Berlin=: »Das Mangobaumwunder« gehört zu jenen Büchern,
+die man in einem Zuge bis zu Ende lesen muß. Die Grundidee der Erzählung
+ist konsequent, geist- und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser
+verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser ... Gruseln
+ununterbrochen wachzuhalten.
+
+ Verlag von Albert Langen in München
+
+ Druck von Hesse & Becker in Leipzig.
+ Einbände von E. A. Enders in Leipzig.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ leeren Armel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
+ leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
+
+ dazwischen über den Kohlenstaub iu den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann
+ dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann
+
+ Rundereisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
+ Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
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+ und eine Besteigung des Sonnwendeines unternehmen. Für die
+ und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die
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+ Besichtigung Laistbachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für
+ Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für
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+ Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Uberhaupt heiß'
+ Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß'
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+ umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Cafè
+ umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café
+
+ Besprechungen im Café Sistinia und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er
+ Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er
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+ »Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Ubrigens war ich bei
+ »Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei
+
+ »Es tut mir leid um die Wohnung, sagte Eisner und setzte sich in Trab.
+ »Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab.
+
+ alten Griechen deklamiert, »_Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«
+ alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«
+
+ Matratze, die in einem Winkel auf den bloßen Erdboden liegt. Ein
+ Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein
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+ sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kasette nicht, in der er sein
+ sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein
+
+ Sachen: Einen Senftigel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
+ Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
+
+ hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können Ich war
+ hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war
+
+ Steffis Vater aus Korksstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
+ Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
+
+ Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes
+ Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
+
+ Personsbeschreibung. Der Polzeibericht von heute morgen: Junger, etwa
+ Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa
+
+ der Detektivs vermutete.
+ des Detektivs vermutete.
+
+ ist das? ›Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
+ ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
+
+ »Der Leichsinn Ihres Zimmerkollegen.«
+ »Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.«
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+ _Jeunesse doreé_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz
+ _Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz
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+ Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?»
+ Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?«
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+ ein vorzügliches Renomnee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.
+ ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.
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+ »Möchte nur festellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der
+ »Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der
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+ an der masiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er
+ an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er
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+ »Versuchen? fragte Demba.
+ »Versuchen?« fragte Demba.
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+ »Wo bist du, Steffi?
+ »Wo bist du, Steffi?«
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+ letzenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden
+ letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden
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+End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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