summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/36901-h/36901-h.htm
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '36901-h/36901-h.htm')
-rw-r--r--36901-h/36901-h.htm10574
1 files changed, 10574 insertions, 0 deletions
diff --git a/36901-h/36901-h.htm b/36901-h/36901-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..36932c9
--- /dev/null
+++ b/36901-h/36901-h.htm
@@ -0,0 +1,10574 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/>
+<title>Zwischen neun und neun, by Leo Perutz&mdash;A Project Gutenberg eBook</title>
+<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/>
+<style type="text/css">
+<!--
+p
+{
+ text-align: justify;
+ text-indent: 1.5em;
+}
+
+p.center,
+#tnote p,
+#tnote-bottom p,
+p.no-indent
+{
+ text-indent: 0;
+}
+
+h1,
+h2
+{
+ text-align: center;
+ clear: both;
+ font-weight: normal;
+}
+
+h1
+{
+ font-size: x-large;
+ margin: 6em auto 1.5em auto;
+}
+
+h2
+{
+ font-size: large;
+ margin: 6em auto 1em auto;
+}
+
+a:link,
+a:visited
+{
+ text-decoration: none;
+}
+
+ins
+{
+ text-decoration: none;
+ border-bottom: 1px dashed #add8e6;
+}
+
+hr.thought-break
+{
+ width: 6em;
+ height: 1px;
+ color: black;
+ background-color: black;
+ border: none;
+ margin: 2em auto;
+}
+
+.gesperrt
+{
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+}
+
+em.gesperrt
+{
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+}
+
+.antiqua
+{
+ font-style: italic;
+}
+
+.center
+{
+ text-align: center;
+}
+
+.figcenter
+{
+ text-align: center;
+ margin: 2em auto;
+}
+
+a[title].pagenum
+{
+ position: absolute;
+ right: 3%;
+}
+
+a[title].pagenum:after
+{
+ content: attr(title);
+ border: 1px solid silver;
+ display: inline;
+ font-size: x-small;
+ text-align: right;
+ color: #808080;
+ background-color: inherit;
+ font-style: normal;
+ padding: 1px 4px 1px 4px;
+ font-variant: normal;
+ font-weight: normal;
+ text-decoration: none;
+ text-indent: 0;
+ letter-spacing: 0;
+}
+
+.poetry
+{
+ text-align: left;
+}
+
+.poetry .stanza
+{
+ margin: 1em 0;
+}
+
+.poetry .line
+{
+ margin: 0;
+ padding-left: 3em;
+ text-indent: -3em;
+}
+
+#tnote,
+#tnote-bottom
+{
+ max-width: 95%;
+ border: 1px dashed #808080;
+ background-color: #fafafa;
+ text-align: justify;
+ padding: 0 0.75em;
+ margin: 6em auto;
+}
+
+#corrections
+{
+ list-style-type: none;
+ margin: 0;
+ padding: 0;
+}
+
+#corrections li
+{
+ margin: 0.5em 0.25em;
+}
+
+#corrections .correction
+{
+ text-decoration: underline;
+}
+
+@page
+{
+ margin: 0.25em;
+}
+
+@media screen
+{
+ body
+ {
+ width: 80%;
+ max-width: 45em;
+ margin: 120px auto;
+ }
+
+ p
+ {
+ margin: 0.75em auto;
+ }
+
+ #tnote
+ {
+ max-width: 26em;
+ }
+
+ #tnote-bottom
+ {
+ max-width: 29em;
+ }
+
+ .page-break
+ {
+ margin-top: 8em;
+ }
+}
+
+@media screen, print
+{
+ .poetry
+ {
+ margin: auto;
+ max-width: 14em;
+ }
+}
+
+@media print, handheld
+{
+ p
+ {
+ margin: 0;
+ }
+
+ #tnote,
+ #tnote-bottom
+ {
+ background-color: white;
+ border: none;
+ width: 100%;
+ }
+
+ #tnote p,
+ #tnote-bottom p
+ {
+ margin: 0.25em 0;
+ }
+
+ #tnote .screen,
+ .pagenum
+ {
+ display: none;
+ }
+
+ ins
+ {
+ border: none;
+ }
+
+ a:link,
+ a:visited
+ {
+ color: black;
+ }
+
+ #tnote,
+ #tnote-bottom,
+ h1,
+ h2,
+ .page-break
+ {
+ page-break-before: always;
+ }
+
+ #tnote-bottom
+ {
+ page-break-after: always;
+ }
+}
+
+@media handheld
+{
+ body
+ {
+ margin: 0;
+ padding: 0;
+ width: 95%;
+ }
+
+ .poetry
+ {
+ max-width: 90%;
+ width: 90%;
+ margin-left: 10%;
+ }
+
+ .gesperrt
+ {
+ letter-spacing: 0;
+ margin-right: 0;
+ }
+
+ em.gesperrt
+ {
+ font-style: italic;
+ }
+
+ #corrections li
+ {
+ margin: 0;
+ }
+}
+-->
+</style>
+<!--[if lt IE 8]>
+<style type="text/css">
+a[title].pagenum
+{
+ position: static;
+}
+</style>
+<![endif]-->
+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zwischen neun und neun
+
+Author: Leo Perutz
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36901]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: x-large;">Zwischen neun und neun</p>
+
+<p class="center page-break">Ein Verzeichnis<br/>
+der Schriften<br/>
+von<br/>
+<big>Leo Perutz</big><br/>
+findet sich<br/>
+<a href="#schriften">am Schluß<br/>
+dieses Buches</a></p>
+
+<h1>Zwischen neun und neun</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4em; font-size: larger;">Roman<br/>
+<small>von</small><br/>
+<big>Leo Perutz</big></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 75px; margin: 5em auto 2em auto;">
+<img src="images/logo.png" width="75" height="120" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center">4. bis 6.<br/>
+Auflage</p>
+
+<p class="center">Albert Langen, München</p>
+
+<div style="max-width: 24em; margin: auto;">
+<p class="center page-break antiqua">Copyright 1918 by Albert Langen, Munich</p>
+
+<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
+auch für Rußland, vorbehalten.</p>
+
+<p class="no-indent">Leo Perutz <span style="float: right;">Albert Langen</span></p>
+</div>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>1</h2>
+
+<p>Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna
+Püchl, trat an diesem Morgen gegen halb
+acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war
+kein schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl,
+der Himmel bewölkt. Das richtige Wetter, um
+sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber
+Frau Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand,
+war beinahe geleert und die Greislerin beschloß,
+den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu
+füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen.
+Vorsichtshalber versperrte sie die Flasche
+in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der im
+Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte,
+stimmte mit ihr in der Wertschätzung eines guten
+Schnapses völlig überein.</p>
+
+<p>Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden:
+Der Friseurgehilfe, dem sie allmorgendlich sein Frühstück,
+ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein
+Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder,
+die um zwölf Heller »saure Zuckerln« kauften.
+Die Köchin der Frau Inspektor aus dem
+ersten Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat
+und zwei Kilo Erdäpfel bekam, und der Herr aus
+dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich
+einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück
+im Geschäfte der Frau Püchl erstand.</p>
+
+<p>Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+und gegen halb neun hatte Frau Püchl alle Hände
+voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte
+Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse
+gehörte, zu einem längeren Plausch. Das
+Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der
+Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung
+Brimsenkäs zugestoßen war. Und in diesem
+Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus
+Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn
+Stanislaus Demba, dessen merkwürdiges Verhalten
+den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen
+Gesprächsstoff bot.</p>
+
+<p>Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen,
+ehe er sich entschloß, einzutreten, und hatte jedesmal
+einen scheuen Blick in das Ladeninnere geworfen.
+Es sah aus, als suche er jemanden. Auch
+die Art, wie er eintrat, war auffallend: Er drückte
+die Klinke nicht mit der Hand, sondern mit dem
+linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann,
+mit dem rechten Knie die Tür aufzustoßen, was
+ihm nach einigen Versuchen auch gelang.</p>
+
+<p>Dann schob er sich in den Laden. Er war ein
+großer, breitschultriger Mensch mit einem kurzen,
+rötlichen Schnurrbart in einem sonst glattrasierten
+Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu
+einer Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände
+staken, wie in einem Muff. Er schien einen langen
+Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren
+schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf
+mit Straßenkot bespritzt.</p>
+
+<p>»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er.</p>
+
+<p>Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich
+aber vorerst in ihrem Gespräch mit der Trafikantin
+nicht stören.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das
+Kistl ankommt, wiegt's vierasiebz'g Kilo, und i
+hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo
+b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach',
+&ndash; na also, i sag' Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut,
+daß ma'n hätt' glei auf a Sommerfrisch'n
+schicken können zur Erholung. Alles wach, alles
+zerlaufen. Was bekommt der Herr?«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld
+mit dem Fuß mehrere Male heftig gegen den
+Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber
+rasch. Ich habe Eile.«</p>
+
+<p>Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres
+von dem wichtigen Gesprächsthema abdrängen.
+»Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,«
+sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht
+bedienen.« Das »z'erscht bedienen« bestand
+vorerst lediglich darin, daß sie die Fortsetzung der
+Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.</p>
+
+<p>»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was
+glauben S' antwort't mir der Mensch! Er hat« &ndash;
+sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten Brief aus
+der Schürzentasche hervor und begann die Stelle
+zu suchen. &ndash; »Aha, da seh'n S', da steht's: &hellip; ›den
+Käse ordnungsgemäß verpackt, und habe ich für
+den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware
+während des Transportes erleidet, nicht aufzukommen‹.
+Für den ›geringfügigen Gewichtsverlust‹!
+I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.«</p>
+
+<p>»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei
+die Leut',« meinte die Trafikantin.</p>
+
+<p>»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür
+g'läut't. Glaub'n S', i lass' mir das g'fall'n? Da
+wär' i ja der Trottel umasunst!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!«</p>
+
+<p>»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si
+so äußern tut!« rief Frau Püchl im höchsten
+Zorn.</p>
+
+<p>Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus
+Demba unterbrochen, der nicht gewillt schien,
+noch länger auf sein Butterbrot zu warten.</p>
+
+<p>»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung
+von Nervosität, Hohn und mühsam unterdrückter
+Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen
+gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch
+endlich mein Butterbrot.«</p>
+
+<p>»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur
+a bisserl Geduld. Der Herr hat's aber eilig!«</p>
+
+<p>»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz.</p>
+
+<p>»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau
+Püchl der fortgehenden Trafikantin nach.</p>
+
+<p>»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm'
+nachher eh wieder auf an Sprung.«</p>
+
+<p>»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt;
+in einem Büro oder in einer Kanzlei?« fragte die
+Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur,
+weil's der Herr so eilig hat.«</p>
+
+<p>»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,«
+antwortete Demba grob.</p>
+
+<p>»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm
+über den Ladentisch das Butterbrot zu. »Vierundzwanzig
+Heller.«</p>
+
+<p>Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach
+dem Butterbrot. Aber er nahm es nicht. Er fuhr
+sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die
+Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien
+ihm plötzlich ernste Bedenken gegen den Genuß
+von Butterbrot aufgestiegen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die
+Greislerin.</p>
+
+<p>»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich.
+Oder glauben Sie, daß ich das Brot
+auf ein mal in den Mund stecken werde?«</p>
+
+<p>Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke
+und legte es vor den Kunden hin.</p>
+
+<p>Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit
+der Fußspitze gegen den Boden und schnalzte mit
+der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein
+Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine
+Augen blickten unter dem horngefaßten Zwicker wie
+hilfesuchend im Laden umher.</p>
+
+<p>»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte
+Frau Püchl.</p>
+
+<p>»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?«</p>
+
+<p>»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst,
+dürre Wurst, Salami.«</p>
+
+<p>»Also Extrawurst.«</p>
+
+<p>»Wieviel?«</p>
+
+<p>»Acht Deka. Oder zehn Deka.«</p>
+
+<p>»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die
+Wurst in ein Papier und legte das Päckchen neben
+das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller,
+beides zusammen.«</p>
+
+<p>Demba nahm weder das eine, noch das andere.
+Er hatte plötzlich außerordentlich viel Zeit und
+zeigte ein überraschendes Interesse für die kleinen
+Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens.
+Er suchte die Etikette einer Essigflasche
+zu entziffern und wandte sich sodann dem Studium
+mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden
+und über dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle
+des beliebten Hasenmayerschen Roggenbrots.« &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+»Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las
+er mit großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine
+Lippen lautlos mitbewegten.</p>
+
+<p>»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?«
+fragte er dann und bückte sich prüfend
+über das Butterbrot, auf das sich inzwischen zwei
+Fliegen niedergelassen hatten.</p>
+
+<p>»Nein, das ist Brot aus den ›Heureka‹-Werken.«</p>
+
+<p>»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot
+haben wollen.«</p>
+
+<p>»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is
+a net,« gab die Greislerin zur Antwort.</p>
+
+<p>»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde
+immer rätselhafter. Jetzt blickte er mit verzerrtem
+Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich wütend
+in die Lippen.</p>
+
+<p>»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach
+Haus schicken?« fragte er plötzlich, während ihm
+ein kleiner Schweißtropfen die Stirne herunterlief.
+»Mein Name ist Stanislaus Demba.«</p>
+
+<p>»Die Sachen nach Haus schicken? Welche
+Sachen?«</p>
+
+<p>»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den
+Augen auf das Butterbrot und das Wurstpäckchen.</p>
+
+<p>»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn
+Demba verwundert an. Solch ein Ansinnen hatte
+ihr noch niemand gestellt.</p>
+
+<p>»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch
+einige Wege habe, bevor ich nach Hause gehe, und
+das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte
+glauben, in einem so großen Betriebe &ndash; Geht's
+nicht? Gut. Das macht nichts.«</p>
+
+<p>Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke
+den Fliegen zu, die sich auf dem Butterbrot
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+tummelten, und musterte dann mit prüfenden Blicken
+ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.</p>
+
+<p>»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?«
+fragte er dann.</p>
+
+<p>»No, halt in der einen Gegend gut, in der
+andern wieder schlechter, wie halt die Witterung
+war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem
+Strickstrumpf.</p>
+
+<p>Demba rührte sich noch immer nicht fort.</p>
+
+<p>»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?«</p>
+
+<p>»I glaub' net.«</p>
+
+<p>Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die
+Greislerin strickte an ihrem Strumpf, während
+Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen
+völlig in Anspruch genommen war.</p>
+
+<p>Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl,
+das Salzgurken verlangte, und ein Droschkenkutscher,
+der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden
+den Laden verlassen hatten, stand Demba noch
+immer da.</p>
+
+<p>»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?«
+fragte er jetzt.</p>
+
+<p>»A Milli führ' i net.«</p>
+
+<p>»Also einen Schnaps?«</p>
+
+<p>»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net
+wohl?«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen
+Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht wohl. Ich habe
+Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch.
+Haben Sie das nicht gleich gesehen?«</p>
+
+<p>»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner
+Wohnung. Vielleicht, daß Ihna davon besser wird,«
+sagte die Greislerin.</p>
+
+<p>Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+Male. »Ja, ich bitte Sie darum. Liebe Frau,
+bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das
+Beste sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.«</p>
+
+<p>Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im
+Wohnzimmer mit ihrer Springschnur. Sie war
+ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr
+nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die
+Schnur hüpfte, fehlerlos zu Ende zu bringen.
+Eben hatte sie von neuem begonnen:</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">»Herr von Bär<br/></div>
+<div class="line">schickt mich her,<br/></div>
+<div class="line">ob der Kaffee fertig wär'&nbsp;&ndash;«<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß
+wer drin is im Laden. Weißt vielleicht, wo i
+die Schlüsseln hin'tan hab'?«</p>
+
+<p>»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und
+begann weiter zu springen.</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">»Morgen um acht<br/></div>
+<div class="line">wird er gemacht,<br/></div>
+<div class="line">morgen um neun<br/></div>
+<div class="line">schaust herein&nbsp;&ndash;«<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber
+während sie das Schnapsglas füllte, kam ihr plötzlich
+ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte.
+Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen.
+Zuerst hatte er solche Eile gehabt, und dann war
+er nicht aus dem Laden herauszubringen gewesen.
+Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht
+recht gescheit, und am Ende hatte er es auf das
+Geldladl abgesehen. Vierzehn Kronen waren drin
+und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen,
+das Sparkassabüchl von der Katherl und
+zwei Heiligenbilder aus Maria-Zell!</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte
+Frau Püchl schreckensbleich in den Laden.</p>
+
+<p>Natürlich! Der Laden war leer! Der feine
+Herr hatte sich aus dem Staube gemacht. Da
+haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld!
+Frau Püchl ließ sich schweratmend in einen Stuhl
+fallen und riß wütend die Geldlade auf.</p>
+
+<p>Aber es war alles in schönster Ordnung! Da
+stand die Schale mit dem Silbergeld, daneben
+lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das
+Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.</p>
+
+<p>Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem
+Butterbrot und der Wurst war er durchgebrannt.
+Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für ihre
+»Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte
+sie in eine versöhnliche Stimmung. Der arme
+Teufel! Natürlich hatte er kein Geld gehabt, das
+Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte
+es ihm auch geschenkt, wenn er sie darum gebeten
+hätte. Man ist ja schließlich doch auch ein Mensch
+und hat ein Herz im Leib.</p>
+
+<p>Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen
+Schrecken eilig das Slivovitzglas leer. Dann trat
+sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling Ausschau
+zu halten.</p>
+
+<p>Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu
+sehen.</p>
+
+<p>Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein
+paar Nickel- und Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch
+lagen. Drei Zwanzighellerstücke und zwei
+Kreuzer. Vierundsechzig Heller.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft
+auf den Tisch gezählt und sich dann mit dem Butterbrot
+davon geschlichen, als ob er es gestohlen hätte.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>2</h2>
+
+<p>Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde,
+dem Professor Ritter von Truxa, und seinem Hunde
+»Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den
+Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor
+der altorientalischen Spezialsammlung des kunsthistorischen
+Museums, derzeit vorübergehend auch
+mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen
+Abteilung betraut, muß den Lesern wohl
+nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem grundlegenden,
+von der Akademie der Wissenschaften
+subventionierten Werke über die »Bildung altassyrischer
+Eigennamen« hat er sich in der Gelehrtenwelt
+eine angesehene Stellung gesichert,
+während seine scharfsinnigen Untersuchungen über
+»indische Kachelmotive und ihren Einfluß auf die
+persische Teppichornamentik« seinen Namen auch
+in weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und
+Sammler getragen haben.</p>
+
+<p>Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied
+der Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische
+Klasse) und Lehrer an der Konsular-Akademie,
+ist weniger bekannt.</p>
+
+<p>Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen
+Arbeiten ist sein vorzügliches kalmückisch-deutsches
+Wörterbuch an erster Stelle zu nennen. Andere
+Werke, so zum Beispiel seine Studie über die
+Häufung der Halbvokale r und l in den kymrischen
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Dialekten und sein umfangreiches Werk:
+»Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme«
+haben auch den Weg ins Ausland und
+in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.</p>
+
+<p>Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden
+Herren spielt jedoch in dieser Erzählung keine bedeutende
+Rolle, und so sei nur noch rasch angemerkt,
+daß Professor Ritter von Truxa erst vor
+kurzem von einer mehrmonatlichen Studienreise
+aus dem nördlichen Haurangebiet zurückgekehrt und
+derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche
+Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder
+weniger gut erhaltener chettischer und phönizischer
+Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat Klementi
+zu bearbeiten und zu veröffentlichen.</p>
+
+<p>Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt
+sich seine Rasse mit absoluter Zuverlässigkeit nicht
+feststellen. Man wird sich jedoch nicht allzuweit
+von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als &ndash;
+im großen und ganzen &ndash; zu der Familie der Spitze
+gehörig bezeichnet. Er konnte apportieren, Pfotl
+geben und »bitten« und besaß ein weißes, braungeflecktes
+Fell und ein verwegenes Temperament.</p>
+
+<p>Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem
+die Gewohnheit, im Gespräche öfters, am liebsten
+in besonders belebten Straßen, stehen zu bleiben;
+er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich
+wohl und behaglich zu fühlen. Selbst der durch
+heftiges An-der-Leine-Zerren zum Ausdruck gebrachte
+Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten
+Herrn sonst grausam tyrannisierte und ihm in allem
+und jedem seinen Willen aufzwang, konnte gegen
+diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten,
+und Professor Truxa hatte seine liebe Not, den
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+Freund beim Überqueren der Porzellangasse glücklich
+aus dem Gefahrenbereich der elektrischen Tramway
+zu bringen.</p>
+
+<p>Der Liechtensteinpark war um diese Zeit &ndash; es
+mochte gegen halb zehn Uhr vormittag sein &ndash; bereits
+ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und
+Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über
+den Kiesweg, Kinderfräuleins und Ammen schoben
+plaudernd ihre Wägen vor sich her, Gymnasiasten
+sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen
+vor. Die beiden Gelehrten strebten einer
+abgelegenen Stelle des Parkes zu, an der sie eine
+von alten Akazienbäumen beschattete und durch
+dichtes Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher
+entzogene Bank erwartete. Auf diesem
+Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet
+und von dem lärmenden Treiben ringsumher nur
+wenig gestört, ein oder zwei Stunden der Durchsicht
+ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu
+widmen.</p>
+
+<p>Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch
+über das Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses
+vertieft. Professor Truxa vertrat die Ansicht, daß
+der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer
+auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung,
+die den Hofrat zu lebhaftem Widerspruch
+herausforderte.</p>
+
+<p>»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß
+in den prähistorischen Gräbern Südfrankreichs
+kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche
+Reste der <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Canabis sativa L.</span> enthielten. Unsere
+Vorfahren haben zweifellos Hanf geraucht, und
+auch den alten Griechen war er bekannt. Erinnern
+Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+der Trank Nepenthes erwähnt wird, der ›Kummer
+tilgt und das Gedächtnis jeglichen Leides‹. Und
+das ›<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Gelotophyllis</span>‹, das ›Kraut der Gelächter‹ der
+alten Skythen, von dem Plinius spricht.«</p>
+
+<p>»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem
+Boden bleiben,« warf Professor Truxa
+ein. »Wirth in München geht ja noch viel weiter
+als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten
+eines ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien
+zu erbringen. Nach seiner Behauptung wären die
+großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der
+Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen
+Tanzepidemien, als Folgen des übermäßigen Genusses
+des Haschischs oder eines Narkotikons von
+ähnlicher Wirkung anzusehen.«</p>
+
+<p>»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen
+Professor Wirths, der in seinem eigenen Wissensgebiet
+übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht anschließen.
+Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte
+Fälle von Haschischgenuß auch in Europa
+zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet worden sind
+und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt:
+Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise
+eines neapolitanischen Hafenarbeiters
+&ndash; welche Symptome könnten Sie übrigens feststellen,
+Professor?«</p>
+
+<p>»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren
+blitzartig wechselnden Neigungen und Stimmungen
+und an ihrer aufs äußerste gesteigerten Einbildungskraft.
+Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich
+im Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für
+den Erzengel Gabriel. Ein arabischer Briefträger
+in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus und
+machte solange Flugversuche von der Stadtmauer
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+herab, bis er das Bein brach. Manchmal treten
+ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei sonst sehr
+ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf.
+Ich habe gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus
+einem harmlosen Spaziergänger ohne jeden
+Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte,
+daß der arme Teufel vom Fleck weg ins Spital
+gebracht werden mußte.«</p>
+
+<p>»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich
+bei den einzelnen Rassen doch auf verschiedene
+Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.</p>
+
+<p>»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn
+ich von einzelnen, unbedingt sich immer wieder
+zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne
+Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß
+reagieren.«</p>
+
+<p>Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen
+geblieben. Es wäre aber unrichtig, zu glauben,
+sie wären durch das Gesprächsthema so weit absorbiert
+worden, daß sie den Blick für all das,
+was in dem menschenerfüllten Park rings um sie
+vorging, verloren hätten. Das Gegenteil ist richtig.
+Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem Kameraden
+aus der Hand geschlagen hatte, war knapp
+vor die Füße des Hofrates gerollt. Der Gelehrte
+hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich und versuchte
+ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen,
+offenbar im Glauben, daß ihm selbst der
+Ball eben aus den Händen gefallen sei. Professor
+Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam
+seinem Freunde das Spielzeug aus den Händen,
+sehr darauf bedacht, den Hofrat in seinem
+Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß
+er jedoch selbst, wie er in den Besitz des Balles
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+gekommen war, hielt ihn ratlos in den Händen
+und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche
+Eigentümer des Spielzeugs war bis auf
+einige Schritte herangekommen und beobachtete
+mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung
+der Dinge.</p>
+
+<p>»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch
+am eigenen Leib erprobt?« fragte der Hofrat.</p>
+
+<p>»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken
+sinnlicher Natur und bekam Magenbeschwerden.«
+Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs
+zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit
+seinem Rockärmel sorgsam von Lehm- und Sandspuren,
+blies einige Staubkörnchen weg und legte
+ihn dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der
+kleine Junge stürzte sich sofort auf sein Eigentum
+und machte sich mit einem Triumphgeheul aus
+dem Staube.</p>
+
+<p>Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort.
+Sie waren jetzt in dem weniger belebten Teil des
+Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes
+Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt,
+führte sie zu ihrem Lieblingsplätzchen, der
+hinter einer sandsteinernen Gruppe &ndash; Kinder, die
+mit einer Rehkitz spielten &ndash; und Gesträuch verborgenen
+und von zwei Akazien beschatteten Bank.</p>
+
+<p>Auf der Bank saß Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt,
+den Kopf in die Hände gestützt und kaute.
+Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl Wurstscheibchen
+lagen neben ihm auf der Bank. Sein
+hellbrauner Überzieher schien ihm jetzt als eine Art
+Serviette zu dienen. Er hing ihm vom Hals herunter,
+wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust,
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+Hände, Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß.
+Die langen, leeren Ärmel flatterten im Wind.</p>
+
+<p>Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen.
+Die Bank war feucht und nicht sehr
+sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen
+nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht
+gleich etwas Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit,
+die diesen Gelehrten in großen, wie
+in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung
+die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen,
+zu deren Durchsicht der heutige Vormittag
+bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates,
+der noch im letzten Augenblick die kostbaren
+Papiere dem Freunde entriß, war es zu danken,
+wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden
+verhütet wurde.</p>
+
+<p>Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne
+gebunden und dafür vom Maulkorb befreit. Dann
+nahmen die Herren Platz.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden
+Gelehrten als lästige Störung zu betrachten. Er
+hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich verdrießlich
+in die Lippen. Er schien enttäuscht, als
+er sah, daß Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt
+getroffen wurden, stand auf und wandte sich
+zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot.
+Er zögerte, blieb eine Weile unentschlossen
+stehen und ließ sich dann resigniert wieder auf die
+Bank nieder.</p>
+
+<p>Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten
+ihre Manuskriptbögen geordnet und zurechtgelegt,
+machten sich Notizen und tauschten halblaute Bemerkungen.
+Ein paar Minuten vergingen, dann
+wurden sie in ihrer Arbeit gestört.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren
+Hund zu sich zu rufen?« sagte Demba mit einem
+unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm zunächst
+saß.</p>
+
+<p>Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste
+eben zwei Stücke von Dembas Extrawurst.</p>
+
+<p>»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.«
+Dembas Stimme zitterte vor Wut.</p>
+
+<p>»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund
+angestellt hat!« rief der Professor verlegen.</p>
+
+<p>»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte
+der Hofrat, dem das Benehmen seines Hundes
+sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um Verzeihung
+bitten. Cyrus! Daher zu mir!«</p>
+
+<p>Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat
+Klementi sich für gewöhnlich mit seinem Hunde
+verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in langjährigem
+Zusammenleben mit seinem Herrn einige
+Kenntnisse im Aramäischen oder Vulgärarabischen
+erworben. Deutsch schien er auf keinen Fall zu
+verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die
+Wurst, und der Versuch des Hofrats, ihn an den
+Ohren zurückzuziehen, hatte nur die Wirkung, daß
+Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn
+Hand schnappte.</p>
+
+<p>Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder
+Bewegung des Hundes, rührte jedoch keine Hand,
+um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.</p>
+
+<p>»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die
+andere Seite der Bank legen? Dorthin kommt der
+Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat.</p>
+
+<p>»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß,
+die Sachen auf die andere Seite zu legen.
+Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der
+Sonne verderben, das werde der Herr wohl einsehen.</p>
+
+<p>Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der
+Himmel bewölkt und keine Spur von Sonne zu
+sehen war.</p>
+
+<p>»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst
+eigentlich schon jetzt nicht mehr zu genießen. Sie
+ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund
+geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf
+das Brot habe ich nämlich selbst Appetit. Es ist
+das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste
+dänische Butter.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?«
+bat der Hofrat. Cyrus war mit der Wurst fertig
+und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her.
+Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang
+das Butterbrot gierig mit den Augen, aber
+er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.</p>
+
+<p>»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint
+ja geradezu ausgehungert zu sein. Nicht ein Stückerl
+läßt er übrig, nicht das allerkleinste Stückerl.«</p>
+
+<p>»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?«
+fragte Professor Truxa.</p>
+
+<p>»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor
+Butter habe ich bei warmem Wetter geradezu einen
+Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.«</p>
+
+<p>Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer
+Arbeit zu. Aber für Demba schien die Angelegenheit
+noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren
+etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß
+er ihren Hund mit seinem Butterbrot füttere. Es
+sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem Hunde
+sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es
+sie nicht einen Heller kostete.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es
+nicht für rätlich halte, sich nach einer anderen Bank
+umzusehen. Der junge Mensch wolle einen Streit
+vom Zaun brechen. &ndash; Um von Demba nicht verstanden
+zu werden, bediente Professor Truxa sich
+des Idioms der nördlichen Tuaregvölker, und
+zwar &ndash; der größeren Sicherheit halber &ndash; des
+Dialekts eines bereits seit längerer Zeit ausgestorbenen
+Stammes.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen
+zu haben, die Gelehrten an der Weiterarbeit
+zu verhindern. &ndash; Ob der Herr vielleicht
+etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele,
+einem fremden Hund sein Frühstück zu schenken,
+&ndash; fuhr er in gereiztem Ton den Professor an.
+Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und
+Brot. Um vierundsechzig Heller in jedem Greislerladen
+zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube,
+daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge
+anwenden müsse, um in den Besitz von Wurst
+und Brot zu gelangen.</p>
+
+<p>»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte
+Professor höflich. Und der Herr sei augenscheinlich
+ein großer Tierfreund, &ndash; setzte er hinzu.</p>
+
+<p>»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus
+Demba in plötzlich erwachter Begeisterung.
+»Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren
+den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht?
+Schade!« &ndash; Der Hund würde es bei ihm gut
+haben. Stanislaus Demba, &ndash; wenn er sich den
+Herren vorstellen dürfe. Demba, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">cand. phil.</span> &hellip;
+Nach so einem Hund sei er schon lange auf der
+Suche. »Und von wem hat denn der Hund das
+schöne, rote Mascherl bekommen? Du bist aber
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+ein herziger Hund! Na, so komm doch her zu
+mir! Willst du Zucker haben?«</p>
+
+<p>»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem
+Herrn schön das Pratzerl.«</p>
+
+<p>Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus
+Demba heran und hob die Vorderpfote.</p>
+
+<p>Darauf schien der Student jedoch gewartet zu
+haben. Der unglückliche Hund erhielt statt des
+Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel heulend
+auf den Rücken.</p>
+
+<p>Und nun sprang Stanislaus Demba auf und
+stürmte ohne Gruß davon. Das untere Ende seines
+Mantels, den er über den Armen hängen hatte,
+geriet ihm unter die Füße und brachte ihn zum
+Stolpern. Ein leises, metallisches Klirren war
+plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines
+Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht,
+raffte den Mantel zusammen und verschwand
+hinter der Biegung des Fußpfads.</p>
+
+<p>Professor Truxa erholte sich nur langsam von
+seinem Entsetzen. »So ein roher Mensch!« rief
+er entrüstet dem Hofrat zu.</p>
+
+<p>Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben.
+»Professor!« sagte er leise, ohne sich um den jammernden
+Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das
+gesehen?«</p>
+
+<p>»Natürlich! So ein roher Mensch!«</p>
+
+<p>»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?«
+flüsterte Hofrat Klementi geheimnisvoll.
+»Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch beobachtet.
+Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der
+Stimmungen! Dieser anfängliche Heißhunger, der
+sich plötzlich in Ekel vor allem Eßbaren verwandelte.
+Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+gegen ein harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu
+liebevoll gefüttert hat. Professor! Merken
+Sie nichts?«</p>
+
+<p>»Sie meinen&nbsp;&ndash;?« fragte Professor Truxa.</p>
+
+<p>»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher
+hier bei uns! In Europa!«</p>
+
+<p>Professor Truxa erhob sich langsam und starrte
+dem Hofrat ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte
+er. »Wie merkwürdig! Ein Haschischtrunkener!
+Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«</p>
+
+<p>»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.</p>
+
+<p>»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug,
+aufgefallen,« meinte der Professor nachdenklich.
+»Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher
+vor den Augen der Menge zu verbergen hätte.
+Sie wissen, der Haschischraucher bildet sich immer
+ein, irgendeinen geheimnisvollen Schatz bei sich zu
+tragen.«</p>
+
+<p>»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat,
+»rasch! Wir holen ihn noch ein, wir dürfen ihn
+nicht aus den Augen lassen!«</p>
+
+<p>Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung
+nach, daß sie den Hund Cyrus ganz vergaßen, der,
+mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich
+seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine
+Existenz zu erinnern suchte.</p>
+
+<p>Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren
+Teil des Parkes erreichten, war der Haschischtrunkene
+schon lange im Gewühle der spielenden
+Kinder verschwunden.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>3</h2>
+
+<p>Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre
+neue Voilebluse mit den beiden sich kreuzenden
+roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie
+im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch
+las, während der kleine Bub und das Mäderl,
+die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem Miniaturspritzwagen
+spielten oder Sand in allerlei
+kleine Gefäße und Formen füllten, so kam es nur
+selten vor, daß sie lange allein blieb. Ein oder
+zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei
+waren ihr gewöhnlich lieber, denn es war so lustig
+zuzusehen, wie dann einer dem andern im
+Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig,
+so als ob sie sich aus reinem Zufall oder weil
+gerade der Platz so hübsch schattig war für diese
+Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes
+Interesse für alles mögliche: für die Spatzen
+und Tauben, für die Leute, die vorübergingen, oder
+für ihre eigenen Stiefelspitzen, &ndash; bis sie schließlich
+doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da
+sicher etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende
+Kinder, Ihre beiden kleinen Zöglinge, wie heißt
+du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter ihnen:
+»Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben,
+Fräulein, wenn Sie fortwährend lesen.«</p>
+
+<p>Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das
+Fräulein aus solchen Anfängen fast niemals, denn
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+die jungen Herren kamen meist schon bei der zweiten
+Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen
+und Anliegen, die weit über das hinausgingen,
+worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause,
+&ndash; bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei
+der Post gewesen und ein Onkel ihrer Mutter
+war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium&nbsp;&ndash;,
+worüber ein junges Mädchen aus gutem
+Hause also vielleicht nach längerer Bekanntschaft,
+eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen
+darf. Bei manchen Herren mußte man überhaupt
+schon nach zwei Minuten das Gespräch abbrechen,
+solche Reden führten sie, man mußte aufspringen:
+»Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause
+gehen!«, und den unverschämten Menschen einfach
+sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl
+das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern
+im Gegenteil ein gewisses Vergnügen an vorsichtig-andeutenden
+Gesprächen über schlüpfrig-pikante
+Themen hatte.</p>
+
+<p>Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose
+Bekanntschaft in einen Ansichtskartenverkehr
+überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein
+für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens
+kam, bedeutete für sie den Höhepunkt des
+Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der
+Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen
+oder gar Vergessenen, das letzte Echo einer
+nichtigen, verplauderten halben Stunde. Aber es
+war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins
+Zimmer kam und auf die Frage ihres Mannes,
+ob der Briefträger schon dagewesen sei, verdrossen
+zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war
+nichts, nur für das Fräulein zwei Karten.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein,
+sondern Frau Buresch, eine ältere Dame, die
+mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park
+besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten,
+alle vier zusammen; Frau Buresch und das
+Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter
+aus.</p>
+
+<p>»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein.</p>
+
+<p>»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht,
+wie man dran ist,« meinte Frau Buresch pessimistisch
+und holte ihre Häkelarbeit hervor.</p>
+
+<p>»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut
+hab', hätt' ich geschworen darauf, daß es den ganzen
+Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt
+ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.«</p>
+
+<p>Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein
+blätterte in ihrem Buch. Frau Buresch häkelte.</p>
+
+<p>»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt
+werden statt der Bänke«, erzählte das Fräulein.
+»Vier Heller pro Person.«</p>
+
+<p>»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen,
+Fräulein, grau in grau ist das Leben. Was,
+glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches,
+ausgelassenes&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen
+ausgelassenen Schweinefetts, das sie auf der
+Zunge hatte, und verstummte. Ein junger Mann
+hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt.
+Und wenn sich ein junger Mann neben das Fräulein
+setzte, dann wollte Frau Buresch um Gottes
+willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll
+bis an das äußerste Ende der Bank und vertiefte
+sich in ihre Häkelarbeit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock
+um die Schultern geworfen und vorne flüchtig
+zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff hinunter.
+Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen,
+wie einer, der einen weiten Weg hinter
+sich hat und froh ist, daß er ein paar Minuten
+lang ausruhen kann.</p>
+
+<p>Erst nach einer Weile schien er zu bemerken,
+daß seine Nachbarin ein ausnehmend hübsches
+Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute
+ihr aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.</p>
+
+<p>Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in
+der Hand hielt.</p>
+
+<p>Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf
+ihren Nachbar machte, nicht. Verstohlen hatte auch
+sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem Buche
+aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant
+konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen,
+und die gut angezogenen jungen Leute waren ihr
+eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien
+ihr von andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen
+sie sonst verkehrte. Vielleicht gehörte er zur Boheme
+&ndash; dachte sie. &ndash; So sieht er aus. Er hat
+lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen
+und klugen Menschen. Wenn man es recht
+überlegte, so konnte man sich diesen schweren und
+ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten
+Anzug hineindenken. Er kleidete sich
+eben, wie es seiner Natur entsprach &ndash; stellte das
+Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und
+über mit Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl
+abbürsten können, bevor er sich neben sie setzte.
+Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend
+etwas an dem jungen Menschen sie anzog. Sie
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+beschloß, sich seinen Annäherungsversuchen gegenüber,
+die ja nicht ausbleiben würden, das wußte
+sie genau, entgegenkommend zu verhalten.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht
+gerade origineller Weise, indem er das Fräulein
+nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das
+ist ein Ibsen, nicht wahr?«</p>
+
+<p>Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren,
+wenn sie angesprochen wurde und dem
+Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und ein
+wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab'
+ich Sie gestört?« fragte er. »Ich wollte Sie nicht
+stören.«</p>
+
+<p>»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen
+und tat, als ob sie weiterlese.</p>
+
+<p>»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht
+ein Ibsenstück ist.«</p>
+
+<p>»Ja. Die Hedda Gabler.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und
+wußte weiter nichts zu sagen.</p>
+
+<p>Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne
+jedoch zu lesen. Sie wartete. Aber Stanislaus
+Demba schwieg.</p>
+
+<p>Ein bißchen schwerfällig ist er &ndash; dachte das
+Fräulein. Sie kam ihm zu Hilfe. »Sie kennen
+das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch
+sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel
+am Weiterlesen gelegen sei.</p>
+
+<p>»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. &ndash;
+Weiter nichts.</p>
+
+<p>Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als
+umzublättern und die Lektüre fortzusetzen. War
+er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu sagen?
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu
+haben? Mißfielen ihm etwa die beiden kleinen
+Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. Alle
+Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler
+reizend und apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit.
+Und das Fräulein entschloß sich, ihm eine
+letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm
+fallen.</p>
+
+<p>Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste,
+wird in einem solchen Fall blitzschnell
+nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit
+einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen
+Redensarten überreichen. Und die Dame
+bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, ist das
+Gespräch im Gange.</p>
+
+<p>Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas,
+was sich in der Geschichte aller Parkanlagen der
+Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus
+Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht
+auf, er haschte nicht nach ihm. Nein. Er rührte
+sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein
+selbst nach dem Schirm bückte.</p>
+
+<p>Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt.
+Nein. Gerade das imponierte ihr an
+Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen
+vorging. Er verschmähte die abgebrauchten
+Mittel, mit denen Dutzendmenschen auf Frauen
+Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht galant
+erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger
+Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba
+wuchs. Und vielleicht hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen
+&ndash; Frau Buresch häkelte und sah nicht
+hin&nbsp;&ndash;, wenn nicht Demba selbst mit einem Male
+zu reden begonnen hätte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er,
+»würde ich Ihnen verbieten, Ibsen zu lesen.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn
+nicht für junge Mädchen?«</p>
+
+<p>»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,«
+erklärte Demba. »Er gibt Ihnen ein falsches Weltbild.
+Er ist die Marlitt des Nordens.«</p>
+
+<p>»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.«
+Das Fräulein kannte die Art der jungen Leute,
+denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu
+stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen
+Interesse für sich erwecken konnten.</p>
+
+<p>»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es
+auch,« sagte Demba. »Ich müßte Ihnen vor allem
+erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter
+seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine
+Menschen sich am leeren Klang ihrer Worte berauschen.
+&ndash; Aber lassen wir das, mich langweilen
+literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben
+Sie es noch nicht bemerkt? Seine Menschen sind
+alle geschlechtlos.«</p>
+
+<p>»So? Geschlechtlos?« &ndash; Das Fräulein hatte
+nicht viel von Ibsen gelesen. Mein Gott, man
+kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu
+einem guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte
+sie nur noch »Gespenster«. Aber sie verstand es,
+hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck
+großer Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis
+der neueren Literatur hervorzurufen.</p>
+
+<p>»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie
+den etwa auch geschlechtlos?«</p>
+
+<p>»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie.
+Glauben Sie ihm doch den Kuß im Nebenzimmer
+nicht!« &ndash; Stanislaus Demba raffte sich
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+zu einem Witz auf. »Das ist ein Schwindel: Ein
+Theaterarbeiter ist es, der im Nebenzimmer die
+Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient
+vielleicht, aber nicht der Oswald.«</p>
+
+<p>Das Fräulein lachte.</p>
+
+<p>»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher
+an das Fräulein heran, »ist der Kuß ein Betrug
+an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen
+ersonnen, um den Mann um sein Recht zu
+prellen.«</p>
+
+<p>»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl
+gleich aufs Ganze, nicht?« meinte das Fräulein.</p>
+
+<p>»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,«
+predigte Stanislaus Demba, »sind nur dazu
+da, um uns abzulenken von dem einen, das wir
+der Natur schulden.«</p>
+
+<p>Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei,
+aufzustehen und die Unterhaltung zu beenden, die
+ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr
+Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine
+Theorie alles, und der Gegenstand des Gesprächs
+behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte
+nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte
+sicher kein Wort verstanden, und die Kinder spielten
+in beruhigender Entfernung.</p>
+
+<p>Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine
+andere Wendung.</p>
+
+<p>»Ich habe Hunger,« sagte er.</p>
+
+<p>»Wirklich?«</p>
+
+<p>»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe
+ich nichts gegessen.«</p>
+
+<p>»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und
+kaufen Sie sich ein Stück Kuchen.«</p>
+
+<p>»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+einfach,« sagte Demba nachdenklich. »Wieviel Uhr
+ist es eigentlich?«</p>
+
+<p>»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich
+dreiviertel,« sagte das Fräulein.</p>
+
+<p>»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba
+sprang auf.</p>
+
+<p>»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig,
+hier allein zu sitzen.«</p>
+
+<p>»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich
+habe viel zu tun. Ich hätte mich eigentlich gar
+nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und
+die Füße schmerzten mich. Und außerdem« &ndash;
+Demba schwang sich zur höchsten Liebenswürdigkeit
+auf, deren er fähig war&nbsp;&ndash;, »ich konnte ja gar
+nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen
+lernen.«</p>
+
+<p>»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern
+können.« Das Fräulein wippte leicht mit
+der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel und
+den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines
+sehen.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren
+Fuß und blieb sitzen.</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er.</p>
+
+<p>»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern
+spazieren. Freilich, in diesem Park bin ich nicht
+immer.«</p>
+
+<p>»Und wo sind Sie gewöhnlich?«</p>
+
+<p>»Das ist verschieden. Es hängt von meiner
+Gnädigen ab. Ich bin Erzieherin.«</p>
+
+<p>»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.«</p>
+
+<p>»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen &ndash;
+aber Sie können mir ja schreiben,« sagte das Fräulein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.«</p>
+
+<p>»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice
+Leitner, bei Herrn kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel,
+neunter Bezirk, Maria-Theresien Straße 18. &ndash;
+Warum notieren Sie es nicht?«</p>
+
+<p>»Das merke ich mir auch so.«</p>
+
+<p>»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse
+kann man sich nicht merken. Wiederholen Sie sie
+doch einmal.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und
+kaiserlicher Rat Füchsel. Alles andere hatte er
+vergessen.</p>
+
+<p>»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein.</p>
+
+<p>»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte
+Demba und verzog ärgerlich das Gesicht.</p>
+
+<p>Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer
+Handtasche und riß ein Blatt Papier aus ihrem
+Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.«</p>
+
+<p>»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt.</p>
+
+<p>»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann
+nicht schreiben.«</p>
+
+<p>»Machen Sie doch keine Scherze!«</p>
+
+<p>»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische
+Tatsache, daß 0,001‰ der Wiener Bevölkerung
+aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null
+Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.«</p>
+
+<p>»Das soll ich Ihnen glauben?«</p>
+
+<p>»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß
+hatte ihm den Hut vom Kopf gerissen und über
+den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+Demba sprang auf und machte einige Schritte
+hinter dem Hut her. Plötzlich blieb er stehen,
+kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz
+zurück.</p>
+
+<p>»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn
+nicht holen.«</p>
+
+<p>»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben
+Sie vielleicht Angst vor dem Parkwächter?«</p>
+
+<p>»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort
+liegen.«</p>
+
+<p>»Ja, aber warum denn?«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba holte tief Atem.</p>
+
+<p>»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser
+Stimme. »Es muß heraus. Ich habe keine
+Arme.«</p>
+
+<p>Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte
+kein Wort aus der Kehle.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe
+beide Arme verloren.«</p>
+
+<p>Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und
+holte den Hut.</p>
+
+<p>»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. &ndash; Ich bin leider
+auf fremde Hilfe angewiesen. &ndash; So, danke.«</p>
+
+<p>»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ
+sich wieder auf die Bank nieder. »Demba, Ingenieur
+in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen,
+mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie
+die Heurekawerke? Nein! Broterzeugung. Hasenmeyers
+beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon
+gehört?«</p>
+
+<p>»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die
+Augen. Jetzt verstand sie manches an ihres Nachbars
+Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin
+den Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme.
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+Und warum er sich geweigert hatte, ihre Adresse
+aufzuschreiben.</p>
+
+<p>»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich
+geriet mit beiden Armen in die Mahlmaschine. An
+einem &ndash; nein, es war gar nicht einmal an einem
+Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag
+war's; am zwölften Oktober.«</p>
+
+<p>Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende
+Angst, daß er auf den Einfall kommen könnte, ihr
+seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei kurze,
+blutunterlaufene Stümpfe &ndash; Nein! Sie konnte
+nicht daran denken. Ein kalter Schauer lief ihr
+über den Rücken.</p>
+
+<p>»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und
+schuldbewußt. »Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß
+wir nach Hause gehen.«</p>
+
+<p>Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar.
+Wie schauerlich die leeren <ins title="Armel">Ärmel</ins> herunterhingen.
+Und sein abgetragener Anzug. Dieser
+alte Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr
+vorher als stolz zur Schau getragene Originalität,
+als die gewollte Uneleganz des Bohemiens erschienen
+war, erkannte sie jetzt als das, was es
+wirklich war: Als mühsam verborgenes Elend.</p>
+
+<p>Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger
+litt?</p>
+
+<p>»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Wo? In der Fabrik? &ndash; Ach so. In den
+Heurekawerken. &ndash; Nein. Wer kann denn einen
+Krüppel brauchen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es
+ging ihm schlecht. &ndash; Viel Geld hatte das Fräulein
+nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem
+Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+sie heimlich neben Stanislaus Demba auf die
+Bank.</p>
+
+<p>Dann stand sie auf. &ndash; Einen Augenblick lang
+zuckte es in ihr, dem unglücklichen Menschen die
+Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die ganze
+Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.</p>
+
+<p>Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete
+sich von Frau Buresch. Dann nahm sie
+das kleinere der Kinder an der Hand und ging.</p>
+
+<p>Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein,
+daß der arme Mensch das Geld ja gar nicht zu
+sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm
+irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein
+Vorübergehender; oder Frau Buresch.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches
+entgangen war, obwohl sie sich den Anschein gegeben
+hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit
+beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba
+das Geld entdeckte. Sie beobachtete, wie sein Gesicht
+sich in eine Grimasse der Bestürzung, des
+Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah
+mit Staunen, wie aus seinem Mantel zwei Fingerspitzen
+hervorkamen, die das Geld mit wütender
+Gebärde auf den Boden warfen.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>4</h2>
+
+<p>Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe
+en gros, herrschte heute keineswegs
+rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage
+am Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit
+dem Personal gebrummt, und speziell den Kontoristen
+Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde
+verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung
+in Aussicht gestellt. Hatte dann in seinem
+Privatkontor eine heftige Auseinandersetzung mit
+dem Reisenden Zerkowitz gehabt &ndash; »In Wien
+spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt
+mir nicht ein!« hatte man ihn schreien gehört. &ndash;
+Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg unter
+fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe
+diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub <ins title="iu">in</ins>
+den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann aber war
+er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in
+einer Stunde wahrscheinlich wieder da sein werde;
+aber die Drohung machte auf keinen seiner Angestellten
+Eindruck. Man wußte, daß er mit dem
+Zehnuhrzug nach Kottingbrunn fahren wollte, wo
+nachmittag das Rennen stattfand.</p>
+
+<p>An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im
+Hause Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros,
+gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der
+Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu
+vertreten hatte &ndash; Mister Brown wurde er von den
+<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>
+drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach Mährisch-Trübau
+zuständig war und kein Wort Englisch
+verstand&nbsp;&ndash;, Mister Brown war kein Spielverderber.
+Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft
+an seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen
+Ziffernkolonnen, schloß Konti ab und eröffnete
+neue, aber was rings um ihn geschah, interessierte
+ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen
+durften sich die neunstündige Bureauzeit vertreiben,
+wie es ihnen beliebte. Nur wenn die Unterhaltung
+zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend
+den Kopf.</p>
+
+<p>Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine
+einzige Schreibmaschine klapperte. Das war Fräulein
+Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und
+ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein
+Springer las aus dem Tagblatt den Sportbericht
+vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel auf
+ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand
+an ihre neue Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte
+sich mit der Malträtierung seiner Taschenuhr, der
+er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der
+Praktikant Josef malte traumverloren auf einen
+Bogen Kanzleipapier mit blauem Bleistift seine
+Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er ohneweiters
+zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen
+Bank hätte ernannt werden können. Aus
+dem Lagerraum war die fettige Stimme des Reisenden
+Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem
+Vorwürfe machte, weil eine Musterkollektion
+noch immer nicht zusammengestellt war.</p>
+
+<p>»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein
+Postelberg, die eben mit ihrer Frisur fertig geworden
+war.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,«
+sagte Fräulein Springer.</p>
+
+<p>»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer
+Manufakturfirma am Franz-Josefs-Kai nicht gerade
+alltägliche Namen. Keine der beiden Damen hätte
+ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus
+ihren Tauf-, Geburts- oder sonstigen Dokumenten
+schwarz auf weiß nachweisen können. Aber dem
+Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung,
+sich »Claire« rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl
+sie ein widriges Geschick als schlichte Klara
+Postelberg in Wien&nbsp;II hatte das Licht der Welt
+erblicken lassen, so stand sie doch bei dem männlichen
+Personal aller Häuser, mit denen die Firma
+Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in
+dem Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«,
+oder, wie der Reisende Zerkowitz, ein
+gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher ausdrückte,
+»ein gewisses Etwas« an sich zu haben.
+Sie bezog den »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chic parisien</span>« im Subabonnement,
+pflegte auf dem Weg ins und aus dem
+Bureau in französischen Romanen zu lesen, und
+hatte im Vorjahr durch den Vortrag eines französischen
+Chansons bei einem Vereinsabend einen
+außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer,
+die ungarische Korrespondentin, hingegen gab
+sich, seit sie in einem Wettschwimmen im Dianabad
+den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">sporting
+girl</span>. Sie verbreitete Angst und Schrecken
+durch die robuste Art ihres Händedrucks, mit dem
+sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu
+mißhandeln pflegte, und hatte es durch Terrorismus
+im Bureau durchgesetzt, daß ihr Vorname
+Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde.
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>
+Sie führte mit Vorliebe Gespräche über amerikanische
+Mädchenerziehung und über die Stellung
+der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«,
+und wußte den leichten ungarischen Akzent in ihrer
+Sprache durch gelegentlich eingestreute »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All rights</span>«
+und »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Neverminds</span>« zu verbergen.</p>
+
+<p>Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie
+stand jetzt auf, stülpte den Deckel über ihre Schreibmaschine
+und schloß sie ab.</p>
+
+<p>»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang
+rühr' ich jetzt keine Feder an. Außer wenn ich
+euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«</p>
+
+<p>Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise
+stand seit zwei Tagen im Mittelpunkt der Erörterungen.
+Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs
+zum Chef &ndash; zwölf Tage hatte er bewilligt &ndash; war
+mit Spannung erwartet und eingehend besprochen
+worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute
+hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung
+mitgearbeitet, für die notwendigen Einkäufe und
+sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene
+Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen
+Rat geliehen. In kaum vierundzwanzig Stunden
+ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem
+Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen
+sollte. Und vor drei Tagen hatte noch niemand
+auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem Glück,
+das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg
+Weiner, ihr Freund, von seinem Vater ganz unerwartet
+dreihundert Kronen als Belohnung für
+ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig
+Kronen hatte sie selbst in der Sparkassa gehabt,
+die konnte sie zur gemeinsamen Reisekasse beisteuern.
+Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich schon
+<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
+ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich,
+das <ins title="Rundereisebillett">Rundreisebillett</ins> zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien
+&ndash; schon gestern war es im
+Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend
+angestaunt worden &ndash; war dünn genug
+und enthielt nicht imponierend viel Blätter. Aber
+ebenso wie in den amtlichen Communiqués über
+Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen
+die bedeutungsvollen Ergebnisse nicht im Text,
+sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so sollten
+die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den
+perforierten Blättern des Rundreiseheftes, sondern
+zwischen ihnen gefunden werden. Schon am Semmering
+wollte man die Fahrt für einige Stunden
+unterbrechen und eine Besteigung des <ins title="Sonnwendeines">Sonnwendsteines</ins>
+unternehmen. Für die Besichtigung <ins title="Laistbachs">Laibachs</ins>
+&ndash; Graz kannte Sonja Hartmann schon &ndash;
+und für den Besuch der Adelsberger Grotte war
+je ein halber Tag vorgesehen. Von Triest aus
+sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano,
+Capo d'Istria und Grado unternommen und der
+mehrtägige Aufenthalt in Venedig durch einen Abstecher
+nach Padua unterbrochen werden. Denn
+Padua &ndash; hatte Georg Weiner erklärt&nbsp;&ndash;, war doch
+nicht solch ein Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern
+lag abseits vom Strome der Globetrotter,
+und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig
+war, der kennt nur die Fransen Italiens,
+wer aber in Padua war, kennt auch das Innere,
+&ndash; hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua
+stand also gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl
+Sonja eigentlich einen längeren Aufenthalt auf
+dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte
+dann jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+Klebinder abgehen, über dessen Abfassung es gestern
+beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg
+Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt
+für einen draufgängerischen Text gewesen, für eine
+Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch
+von vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg
+Weiner hatte einen diplomatischen Entwurf in Vorschlag
+gebracht, und schließlich hatte man sich auf
+die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt
+verzögert, ankomme Freitag« geeinigt. Freitag,
+das ergab zwei volle Tage Urlaubsverlängerung,
+und die sollten, wenn das Geld langte, auf der
+Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische
+Ennstal verwendet werden.</p>
+
+<p>Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte
+sich in ihren Stuhl zurück, als säße sie schon im
+Eisenbahnwagen und ratterte an Mürzzuschlag,
+St. Peter oder Opcina vorbei.</p>
+
+<p>»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?«
+fragte sie und ließ eine Rauchwolke zur Decke
+schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister
+Brown?«</p>
+
+<p>»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte
+Mister Brown, ohne von seinem Buch aufzublicken.</p>
+
+<p>»Was es Neues gibt im Bureau.«</p>
+
+<p>»Was wird es denn Neues geben?« meinte der
+Buchhalter und begrub den Kopf zwischen zwei
+Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda
+sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich
+wenig interessieren. Seien Sie froh,
+wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«</p>
+
+<p>»Die Postelberg wird schon für Abwechslung
+sorgen,« mischte sich Herr Neuhäusl in die Unterhaltung.
+»Diesen Monat trägt sie das Haar kirschrot,
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen,
+hab' ich aus verläßlicher Quelle erfahren.«</p>
+
+<p>»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht
+bei uns erleben, Herr Neuhäusl,« wehrte sich die
+Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die
+Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz
+egal sein. <ins title="Uberhaupt">Überhaupt</ins> heiß' ich für Sie: Fräulein
+Postelberg, merken Sie sich das.«</p>
+
+<p>»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte
+Etelka Springer. »Sag' mir lieber, Sonja, was
+wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du
+mit dem Georg davon bist?«</p>
+
+<p>»Der?« &ndash; Sonja zuckte geringschätzig die Achseln.
+»Der soll sagen, was er will. Wir sind endgültig
+fertig miteinander.«</p>
+
+<p>»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,«
+sagte Fräulein Postelberg.</p>
+
+<p>»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf.
+»Bitte, misch' dich nicht immer in meine Angelegenheiten
+ein.«</p>
+
+<p>Sie holte die Photographie ihres Freundes aus
+ihrer Handtasche hervor und hielt sie dem Buchhalter
+vors Gesicht.</p>
+
+<p>»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön,
+Mister Brown? Ist er nicht schön?«</p>
+
+<p>»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren
+und hatte keine Zeit, von seinem Buche aufzublicken.
+»Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf jeden
+Fall. »Siebzehn &ndash; sechsundzwanzig &ndash; zweiunddreißig.
+Wie ein Seidenschwanz.« Er hatte von
+seiner langjährigen Tätigkeit in der Seidenbranche
+her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz
+ein besonders farbenschillerndes Lebewesen sein
+müsse.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja.
+»Sagen Sie, ist er nicht wirklich schön?«</p>
+
+<p>»Einundfünfzig &ndash; neunundfünfzig &ndash; vierundsechzig.
+Wie ein Karpathenhirsch.«</p>
+
+<p>Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und
+legte die Photographie auf ihr Schreibpult.</p>
+
+<p>»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg.
+»Ich weiß nicht, fort muß ich an den Menschen
+denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig
+Venedig sein und den Weiner Weiner, und
+fährst zu deiner Tante nach Budweis wie voriges
+Jahr.«</p>
+
+<p>Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der
+Mühe wert, eine Antwort zu geben.</p>
+
+<p>»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem
+Schreibpult her Mister Brown vernehmen, der
+während des Addierens mechanisch nach dem richtigen
+Ausdruck für Georg Weiners männliche
+Schönheit weitersuchte.</p>
+
+<p>»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara
+Postelberg fort. »Du bist morgen schon, wer weiß
+wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene
+macht. Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören.
+So wie vorige Woche, wie du mit dem
+Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer
+Rand und Band war er, wie du nicht mehr da
+warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt,
+schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er
+mit uns wie&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister
+Brown, der sich noch immer in zoologischen Vorstellungen
+bewegte und nicht genau wußte, wovon
+im Augenblick die Rede war.</p>
+
+<p>»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,«
+<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+sagte Sonja gelassen. »Ich hab' es ihm schon
+wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm
+ein für allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm
+ja wirklich sagen, daß ich nach Budweis zu meiner
+Tante gefahren bin.«</p>
+
+<p>Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit
+dessen Hilfe er eine wichtige Verbesserung an dem
+Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus
+der Hand.</p>
+
+<p>»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er
+zu Sonja, »daß Ihr Verflossener nicht ganz genau
+weiß, was Sie vorhaben&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so
+besser. Ich habe keine Ursache, vor ihm Verstecken
+zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«</p>
+
+<p>»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu
+mir gesetzt,« sagte Herr Neuhäusl, ließ den Deckel
+seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die Westentasche.
+»Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen
+wollen, konnt' aber nicht dazukommen. Bis neun
+Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen Liebesgram
+anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne.
+Hat mich <em class="gesperrt">sehr</em> interessiert,« schloß Herr
+Neuhäusl ironisch.</p>
+
+<p>»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte
+Fräulein Postelberg neugierig.</p>
+
+<p>»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß
+ist ihm dann eine Idee gekommen, da hat er sich
+beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas
+gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird
+er mit dem Fräulein Hartmann nach Paris fahren,
+hat er gesagt, oder an die Riviera.«</p>
+
+<p>Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung
+keinen Eindruck, Fräulein Postelberg hingegen geriet
+<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>
+durch die bloße Erwähnung von »Paris« in
+Ekstase.</p>
+
+<p>»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück
+und blickte schwärmerisch zur Decke empor.
+»Paris! Die Boulevards! Der Père Lachaise!
+Der Montmartre!«</p>
+
+<p>»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl
+mit einer Grimasse nach, »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Chapeau claque! Voilà
+tout!</span>«</p>
+
+<p>Dann stand er auf und begann im Flüsterton
+eifrig auf den Buchhalter einzusprechen.</p>
+
+<p>»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören,
+schrieb und rechnete unermüdlich weiter. Erst
+nach ein paar Minuten legte er die Feder hin,
+warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich
+mit der Hand vor die Stirne.</p>
+
+<p>»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?«
+fragte er. »Wieviel Uhr haben Sie, Herr Neuhäusl?
+Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab'
+ich den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon
+eine Viertelstunde lang auf mich warten lassen.
+&ndash; Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl,
+Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man
+mit der Kundschaft umgeht. Wenn der Chef zufällig
+kommen sollte, so rufen Sie mich im <ins title="Cafè">Café</ins>
+Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort
+kennt mich. 17836 ist die Nummer.«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">All right</span>, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.</p>
+
+<p>»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein
+Postelberg?« stellte »Mister Brown« die Kontoristin
+zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef
+stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses
+gewechselt hatte.</p>
+
+<p>»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+Klara Postelberg. »Ich weiß doch: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Les affaires
+sont les affaires.</span>«</p>
+
+<p>»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister
+Brown« mit Herrn Neuhäusl das Bureau verlassen
+hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol
+spielen geht. Immer, wenn der Chef beim
+Rennen ist, hat er geschäftliche Besprechungen im
+Café <ins title="Sistinia">Sistiana</ins> und ausgerechnet den Neuhäusl
+nimmt er jedesmal mit.«</p>
+
+<p>»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.</p>
+
+<p>Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.</p>
+
+<p>»Was hast du denn gegen den Stanie?«</p>
+
+<p>»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn
+nur nicht mehr gern.«</p>
+
+<p>»Warum eigentlich? Und seit wann?«</p>
+
+<p>»Seit wann? &ndash; Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich
+nie gehabt. Oder nur an dem einen Tag, an
+dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab' ich
+immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und
+unberechenbar, wenn ich mit ihm unter Leuten war,
+hab' ich immer davor zittern müssen, daß er mit
+irgend jemandem Streit beginnt.«</p>
+
+<p>»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg.
+»Und er versteht einfach alles. In allem
+kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt,
+warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt
+stehen, alle, und die Blumenweiber in der verlängerten
+Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder vergessen,
+aber es war interessant. Außerdem ist er
+doch groß und ein hübscher Mensch, nicht wie der
+Georg Weiner, der&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet.
+Sie sprang auf und lief ins Zimmer des
+Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie
+zurück.</p>
+
+<p>»Sonja, du wirst verlangt.«</p>
+
+<p>»Georg&nbsp;&ndash;?«</p>
+
+<p>»Ich glaube. Ja.«</p>
+
+<p>Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg
+nahm die Zeitung. Sie begann mit der letzten
+Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften,
+die ›jenes entzückende Fräulein‹ in Weiß,
+Rosa oder Blau mit stammelnden Liebesrufen zu betören
+suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge gesetzterer
+Herren mit etwas, mit entsprechendem oder
+gar mit ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant
+Josef spielte mit Hilfe zweier Kupferkreuzer ein
+aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka
+Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern
+der Zeitung und das Ticken der Wanduhr
+unterbrach die Stille.</p>
+
+<p>Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg.
+»Ethel, horch einmal! Ich glaube, der Chef ist
+zurückgekommen.«</p>
+
+<p>Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das
+Bureau führte, knarrte unter schweren Schritten.</p>
+
+<p>Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern.
+Zwei Köpfe beugten sich über die eingespannten
+Briefbogen. Die Nase des Praktikanten
+fuhr unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen
+Kopierbuches umher.</p>
+
+<p>Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef,
+der die Treppe heraufkam, sondern Stanislaus
+Demba.</p>
+
+<p>In der Türöffnung blieb er stehen und suchte
+mit blinzelnden Augen das Zimmer ab. Lose über
+die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den
+Händen zusammen.</p>
+
+<p>»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig
+aus und schien vom raschen Gehen und
+vom Treppensteigen ermüdet zu sein.</p>
+
+<p>»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!«
+rief Klara Postelberg. »Sonja ist drüben im Chefzimmer.
+Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg
+vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein
+Telephongespräch führte.</p>
+
+<p>»Ich werde warten,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den
+Hut ab, Stanie. Bei uns im Zimmer nimmt
+man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem
+Kopf breit und schwerfällig da und blickte unruhig
+auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm
+von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern
+zuckte nur nervös mit den Gesichtsmuskeln, als ob
+er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte. Den Hut
+behielt er auf dem Kopf.</p>
+
+<p>»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte
+Etelka Springer und nahm ihm mit einem raschen
+Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen,
+aber er ließ es geschehen. Etelka Springer
+schob ihm einen Sessel zu. »So, jetzt dürfen Sie
+sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka
+Springer und dann mit einem Ausdruck völliger
+Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den
+Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt
+hatte. Schließlich zuckte er die Achseln und
+ließ sich auf den Stuhl nieder.</p>
+
+<p>»Mir können Sie aber doch die Hand geben.
+<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>
+Ich hab' Ihnen doch nichts getan?« sagte Klara
+Postelberg.</p>
+
+<p>Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte
+Hand zu bemerken und wurde mit einemmal gesprächig.</p>
+
+<p>»Was für reizende, kleine Hände Sie haben,
+Fräulein Klara. Nie im Leben hab' ich so aristokratisch-edle
+Hände gesehen. Was gäb' ich für
+einen einzigen Kuß auf diese Hand!«</p>
+
+<p>»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg
+und hielt ihm auch die andere Hand hin.</p>
+
+<p>»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern.
+Das nimmt einem alle Illusionen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.«
+Klara Postelberg trat tiefgekränkt an den Waschtisch,
+der zwischen dem Fenster und der Kopierpresse stand,
+und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.</p>
+
+<p>Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.</p>
+
+<p>»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält
+rein die Hand.«</p>
+
+<p>»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«</p>
+
+<p>»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte
+Etelka Springer. »Nicht wahr, Stanie. Deswegen
+können Sie aber einer alten Freundin doch
+die Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf
+den Fingern.«</p>
+
+<p>Etelka Springer und Stanislaus Demba waren
+alte Bekannte. Er hatte ihrem jüngeren Bruder
+gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben
+und ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums
+gebracht. Durch Etelka Springer hatte er
+Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka
+Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für
+würdig erachtet.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen.
+»Sie renken den Leuten die Arme aus.«</p>
+
+<p>»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer.
+»Sonja hat ganz recht, wenn sie&nbsp;&ndash;«. Sie brach ab.</p>
+
+<p>»Was ist's mit Sonja?«</p>
+
+<p>»Nichts.«</p>
+
+<p>»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus
+Demba. Er fuhr aus seinem Sessel in die Höhe
+und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«</p>
+
+<p>»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka
+Springer.</p>
+
+<p>»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen
+wollten!« brüllte Demba ganz außer sich.</p>
+
+<p>»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie
+gefälligst aus dem Spiel.« Etelka kehrte ihm den
+Rücken.</p>
+
+<p>Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf
+die Tischplatte nieder. Irgend etwas klirrte, als
+sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer gegangen.
+Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt
+war, sprang auf und rieb sich die Augen.
+Klara Postelberg und Etelka Springer drehten
+sich um und sahen Demba schwer atmend an den
+Schreibtisch gelehnt stehen. Er war offenbar selbst
+erschrocken über seinen plötzlichen Ausbruch. Seine
+Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
+verschwunden.</p>
+
+<p>»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer.
+»Sie haben mein Tintenfaß zerschlagen.«</p>
+
+<p>Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem
+Schreibtisch. Nur ein wenig Tinte war verspritzt
+und bildete zwei kleine Inseln auf der metallenen
+Schreibtischplatte.</p>
+
+<p>»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben.
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>
+Ein Glas oder so was. Ich hab' es doch deutlich
+klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich
+auf dem Boden nach Glassplittern.</p>
+
+<p>»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus
+Demba jetzt sehr ruhig.</p>
+
+<p>»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka
+Springer und wies auf Sonja Hartmann, die
+durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer
+trat.</p>
+
+<p>Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht
+unerwartet. Da Demba nun einmal von ihrer
+beabsichtigten Reise erfahren hatte &ndash; weiß Gott,
+wer ihm davon erzählt haben mochte &ndash; so war
+mit Sicherheit zu erwarten gewesen, daß er kommen
+und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten.
+Diese Auseinandersetzung, die ihr jetzt
+bevorstand, war unausbleiblich gewesen. Sie war
+eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden
+werden mußten, bevor Sonja die Reise
+antrat. Sie gehörte zu dieser Reise, genau so,
+wie das umständliche Packen der Koffer, wie der
+peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der
+zudringlichen Fragen ihrer neugierigen Wirtsleute.
+Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich das
+dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen
+Mahlzeiten teuer genug bezahlen ließen
+und sich zudem noch für berechtigt hielten, eine
+Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin
+auszuüben.</p>
+
+<p>Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich
+überstanden, und so hieß es nun, auch diese
+letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über
+sich ergehen zu lassen.</p>
+
+<p>Sonja war bereit.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht
+zu einem Ausdruck ängstlicher Verlegenheit. »Ich
+hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr im Bureau
+zu besuchen. Du weißt, der Chef&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine
+Wirkung. Stanislaus Demba wurde verwirrt und
+geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in
+die Stellung des sich Verteidigenden.</p>
+
+<p>»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte
+er. »Aber ich habe mit dir zu sprechen.«</p>
+
+<p>»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit
+der allergleichgültigsten Miene, die sie zustande
+brachte.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte,
+nimm Platz.«</p>
+
+<p>Demba setzte sich.</p>
+
+<p>»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.</p>
+
+<p>Demba schwieg eine Weile. &ndash; »Vielleicht wird
+es doch besser sein, wenn die Unterredung unter
+vier Augen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir
+wollen nicht stören.«</p>
+
+<p>»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt
+doch. Was Herr Demba und ich miteinander zu
+sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja
+rasch. Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden
+Bureaukolleginnen Zeugen der Niederlage Dembas
+werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte
+nicht bleiben.</p>
+
+<p>»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen
+euch allein. Komm, Claire!«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Enfin seul</span>,« konnte sich Klara Postelberg zu
+bemerken nicht enthalten, als sie hinter Etelka
+<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+Springer das Zimmer verließ. Der Praktikant
+blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er
+verstand nur wenige Worte Deutsch, &ndash; erst vor
+drei Wochen war er aus seinem böhmischen Nest
+nach Wien gekommen &ndash; und so war eine Indiskretion
+von seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem
+war er eingeschlafen.</p>
+
+<p>»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.</p>
+
+<p>Demba stand auf. »Wo bist du heute nacht
+gewesen?«</p>
+
+<p>»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig
+an. »<ins title="Ubrigens">Übrigens</ins> war ich bei meiner Tante, die
+ist krank und wollte nicht die Nacht über allein
+bleiben.«</p>
+
+<p>»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße
+vielleicht?«</p>
+
+<p>Sonja errötete. &ndash; »Nein. In Mariahilf. Wie
+kommst du auf die Liechtensteinstraße?«</p>
+
+<p>»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer
+krank scheint deine Tante nicht zu sein, sonst würdest
+du wohl kaum mit dem Weiner auf Reisen
+gehen.«</p>
+
+<p>»Weht der Wind daher?«</p>
+
+<p>»Jawohl. Daher.«</p>
+
+<p>»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich
+um Erlaubnis zu fragen,« sagte Sonja spöttisch.</p>
+
+<p>»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.</p>
+
+<p>»Doch. Morgen früh um neun.«</p>
+
+<p>»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.</p>
+
+<p>»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich
+ruhig.</p>
+
+<p>»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß
+es dann zwischen uns für immer zu Ende ist.«</p>
+
+<p>»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen,
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+daß es für mich schon seit einem Vierteljahr zu
+Ende ist.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also
+fertig. Nur das eine hab' ich dir noch zu sagen,
+daß du mir geschworen hast, niemals einen andern
+als mich zu lieben.«</p>
+
+<p>Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel
+versprochen. Aber Sonja begann zu lachen.</p>
+
+<p>»Wirklich?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der
+Rohrerhütte. Wir gingen nach dem Nachtmahl
+in den Park und da&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß
+ich niemals mehr Hunger bekommen werde? Das
+hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab' wirklich
+nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«</p>
+
+<p>»Willst du es vielleicht abstreiten?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich
+ein halbes Kind, mit dem du machen konntest, was
+du wolltest. Und heute bin ich ein denkender Mensch.
+Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln.
+»Jetzt ist eben alles anders.«</p>
+
+<p>Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung
+jenes Abends in der Rohrerhütte ein unfehlbares
+Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen, wurde verwirrt.
+Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles
+anders sei«, war er nicht vorbereitet. Er blickte
+voll Ärger auf die Uhr und stampfte mit dem Fuß.</p>
+
+<p>»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten
+werde zur Vernunft bringen können. Wenn
+ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar
+heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so
+viel zu tun und muß hier durch deine Halsstarrigkeit
+meine Zeit verlieren.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine
+Zeit verlierst,« sagte Sonja.</p>
+
+<p>»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen.
+»Ich gehe nicht fort, ehe nicht die Sache zwischen
+uns ins reine gebracht ist. Und wenn es mein
+Verderben ist. Und ich glaube« &ndash; Demba warf
+nochmals einen Blick auf die Uhr und stöhnte ganz
+leise &ndash; »es wird mein Verderben sein.«</p>
+
+<p>Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte
+etwas zu bedeuten? Wollte ihr Demba Angst einjagen?
+Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba
+irgend etwas unter dem Mantel zu verstecken schien.
+Welchen letzten Trumpf hatte er da in Vorbereitung?</p>
+
+<p>»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba,
+»daß ich dir die Reise mißgönne. Du wirst eben
+mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich
+mir das Geld und besorge alles Notwendige, und
+morgen früh können wir abreisen.«</p>
+
+<p>»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir,
+zu freundlich.«</p>
+
+<p>»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde
+dir den Brief diktieren,« sagte Demba unbeirrt.</p>
+
+<p>»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden.
+Ich hab' es satt. Das glaubst du doch selbst nicht,
+daß ich mir von dir Briefe an meine Freunde diktieren
+lasse. Es wird für deinen Geisteszustand
+am besten sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen
+lang nicht sehen.«</p>
+
+<p>Demba wurde es langsam klar, daß er gegen
+Sonjas kühle, überlegene Ruhe nicht aufzukommen
+vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er
+sich und kam nicht von der Stelle. Er erkannte,
+wie hilflos er gegen Sonjas festen Entschluß war,
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und
+sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf
+dazu.</p>
+
+<p>Die Photographie Georg Weiners, die noch
+immer auf dem Schreibtisch lag, stach ihm ins
+Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers
+reizte ihn zur Wut und er begann über Georg
+Weiner loszuziehen.</p>
+
+<p>»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff!
+In so einen Hohlkopf hast du dich vergaffen
+können!«</p>
+
+<p>Sonja wurde zum erstenmal scharf.</p>
+
+<p>»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen,
+dann sind wir sofort fertig. Dein Benehmen
+ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß
+wir beide nicht zueinander passen.«</p>
+
+<p>»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache
+bei Sonja war ohnehin verloren. Aber an seinem
+Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn
+auch nur <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">in effigie</span> vernichten konnte.</p>
+
+<p>Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich
+in den Besitz des Bildes zu setzen. Eine Fingerspitze
+kam zwischen den Säumen seines Mantels
+zum Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte
+und schleuderte sie vom Tisch. In der Nähe des
+Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba
+hinter ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die
+Georg Weiners Bild vor Mißhandlungen schützen
+wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide
+haschten nach der Photographie, und in diesem
+Augenblick geschah es, daß Sonja Stanislaus
+Dembas Hand berührte.</p>
+
+<p>Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr
+zwei Schritte zurück.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und
+den Bruchteil einer Sekunde lang einen Blick auf
+ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes Instrument
+erhascht.</p>
+
+<p>Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon
+war es ihr klar: Stanislaus Demba hielt eine
+Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte
+nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können,
+ob es ein Revolver war, oder ein Messer, oder
+ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr Leben
+in höchster Gefahr befand.</p>
+
+<p>Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht
+zu denken. Demba stand zwischen ihr und der
+Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu
+erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur,
+daß Demba seinen Mordplan sofort ausführte.
+Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie nichts
+gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige
+von ihr verlangte. Alles zu unterlassen, was ihn
+reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.</p>
+
+<p>Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet.
+Jetzt richtete sich Stanislaus Demba auf.
+Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden.
+Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann
+wendete er sich Sonja zu. Die Hände mit der
+Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
+verborgen.</p>
+
+<p>Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper
+zitterte, und daß sie sich mit beiden Händen
+an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu
+Boden zu sinken.</p>
+
+<p>»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum
+letztenmal: Bleibst du dabei, morgen mit dem
+Weiner fortzufahren?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn
+Stanislaus Demba erwartete keine Antwort, er
+hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.</p>
+
+<p>Aber Sonja sagte leise:</p>
+
+<p>»Ich weiß es noch nicht.«</p>
+
+<p>Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz
+ernst und gar nicht spöttisch, wie alles, was Sonja
+zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm sich
+nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese
+Wandlung zu suchen.</p>
+
+<p>»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas
+Kopf raste ein einziger Gedanke: Zeit gewinnen!
+Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe
+in den Händen, er war jähzornig, er stand kaum
+sechs Schritte weit von ihr&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja.
+Du wirst ihm den Laufpaß geben. Du wirst mit
+mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«</p>
+
+<p>»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn&nbsp;&hellip;«
+Sie stockte. Was sollte sie nur sagen, um
+ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.</p>
+
+<p>»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir
+brauchen. Nicht wahr?« Er trat näher heran.
+Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es
+nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung
+in Sonjas Stimmung.</p>
+
+<p>»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,«
+sagte er. »Ich erwarte das Honorar für
+den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt
+habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern,
+in denen ich unterrichte, Vorschuß bekommen.
+Bis zum Abend hab' ich das Geld.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie
+sah ihn starr an und dachte nur an die Mordwaffe
+unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten
+noch hätte sie sie nicht beschreiben können. Jetzt
+aber war sie überzeugt, den Revolver genau gesehen
+zu haben, den ihr die Furcht vor Augen
+malte: Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel
+geformt war und sie aus einer dunklen
+Mündung mordlustig anglotzte.</p>
+
+<p>»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,«
+wiederholte Demba. Er warf einen Blick auf die
+Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch
+einmal. Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde
+mich beeilen müssen.«</p>
+
+<p>Jetzt wird er gehen &ndash; dachte Sonja. &ndash; Wenn
+er doch nur schon endlich fort wäre!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst,
+morgen,« drängte Demba.</p>
+
+<p>»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß&nbsp;&ndash;«
+Sie suchte nach irgendeinem Vorbehalt.</p>
+
+<p>»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,«
+unterbrach sie Demba. »Du sollst nicht um
+deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend
+das Geld nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen,
+fahr' mit dem Weiner.«</p>
+
+<p>Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals
+stehen und nickte ihr zu:</p>
+
+<p>»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden,
+wenn wir erst vernünftig über die Sache zu sprechen
+begonnen haben würden. Ich komm' am
+Abend nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb'
+wohl. Ich muß gehen. Ich hab' keine Zeit zu
+verlieren.«</p>
+
+<p>Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+etwas. Er biß sich in die Lippen, zuckte die Achseln
+und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in einem
+plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der
+ihm im Wege stand. Gleich darauf polterte er
+die Treppe hinunter.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins
+Zimmer kamen, fanden sie Sonja schluchzend und
+das Gesicht in den Händen vergraben.</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.</p>
+
+<p>»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus
+einem Revolver auf mich schießen wollen.«</p>
+
+<p>Etelka Springer schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie
+zu gut. Der Revolver war sicher nicht geladen,
+und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«</p>
+
+<p>»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar
+nicht gezeigt. Die ganze Zeit über hat er ihn
+unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall
+hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von
+neuem zu schluchzen. »Warum habt ihr mich allein
+mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch gebeten:
+Bleibt da! &ndash; Nie im Leben bin ich in solcher
+Gefahr gewesen.« &ndash; Sie zitterte noch immer
+an allen Gliedern.</p>
+
+<p>Etelka Springer wurde nachdenklich.</p>
+
+<p>»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,«
+sagte sie. »Und sehr leicht erregbar. Aber&nbsp;&ndash;«
+Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du
+den Weiner benachrichtigen.«</p>
+
+<p>»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat
+mir eben telephoniert, daß er zu seinen Eltern
+nach Mödling fährt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen.
+Im Guten oder, wenn's nicht anders geht,
+mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist
+er denn jetzt?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«</p>
+
+<p>»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«</p>
+
+<p>Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger
+Filzhut hing noch immer am Kleiderhaken.</p>
+
+<p>Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine
+wütende Jagd nach Geld.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>5</h2>
+
+<p>Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die
+Augen und richtete sich halb in seinem Bette auf.
+Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht, sicher
+aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange
+geschlafen haben. Er war nicht von selbst erwacht.
+Ein Geräusch, das wie das Klirren aufeinander
+schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte
+ihn geweckt.</p>
+
+<p>Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines
+Frühstücks, eine halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes
+Marmeladebrot, auf dem Tisch liegengeblieben
+waren und begann innerlich, aber ziemlich
+intensiv auf seine Hausfrau, Frau Pomeisl,
+zu schimpfen, die wieder einmal die Frühstückstasse
+abräumte, während er noch schlief, und dazu noch
+unnötigen Lärm machte.</p>
+
+<p>Als sich seine Augen an das Halbdunkel des
+Zimmers gewöhnt hatten, &ndash; er pflegte, bevor
+er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen
+zu schließen, um nicht durch das Tageslicht
+gestört zu werden, &ndash; erkannte er, daß er der
+ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt
+hatte. Nicht sie war es, die Mikschs gestörten
+Schlummer auf dem Gewissen hatte, sondern
+sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus
+Demba.</p>
+
+<p>Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>
+sah ihn undeutlich auf komische und gravitätische
+Art das Marmeladebrot verspeisen &ndash; er hob es
+mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund,
+es sah aus, als ob er feierlich eine heilige Handlung
+zelebrierte. Und so oft er die Hände sinken
+ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften
+Grund, und eben dieses Geräusch hatte Miksch
+geweckt.</p>
+
+<p>Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine
+zweite Gestalt, die sich bei schärferem Hinschauen
+als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen
+Schatten vergrößerter Havelock erwies.</p>
+
+<p>Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu
+sehen. Sie trafen einander sonst tagelang nicht.
+Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen
+neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um
+diese Zeit hatte Demba gewöhnlich schon die Wohnung
+verlassen; den Tag über ließ er sich nur selten
+blicken und auch abends war er meist noch nicht
+zu Hause, wenn Miksch wieder in seinen Dienst
+ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe ein
+halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit
+kaum ein dutzendmal miteinander gesprochen. Dinge
+von Wichtigkeit pflegten sie einander auf zurückgelassenen
+Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen
+war Miksch ziemlich vertraut, er wußte
+es genau, wenn Demba in Geldnöten war, in
+Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in
+Liebesabenteuer verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten
+kämpfte. Denn der Student
+hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher
+und Notizhefte herumliegen zu lassen, und Frau
+Pomeisls Neigung, dem einen vom andern zu erzählen,
+tat das übrige. Hie und da wandten sie
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
+sich mittels Zettelpost aneinander um Aushilfe,
+und entliehen etwa eine alte Frackhose, einen frischen
+Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe
+von fünf Kronen voneinander.</p>
+
+<p>»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief
+Oskar Miksch den Studenten an.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine
+Sekunde lang auf das Bett. Er merkte offenbar
+erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller
+begann wieder zu klirren und gleich darauf verschwand
+Demba hinter dem Tisch, so plötzlich, als
+wäre er versunken.</p>
+
+<p>»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas
+zu Boden gefallen? Was suchen Sie? Warten
+Sie, ich mache Licht.«</p>
+
+<p>Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster,
+um die Fensterladen zu öffnen. Als ein schüchterner
+Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte Demba,
+vom Licht wie von einem Messerstich getroffen,
+plötzlich auf:</p>
+
+<p>»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie
+doch die Laden geschlossen. Ich vertrage kein Licht,
+ich habe Augenschmerzen.«</p>
+
+<p>»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich
+die Fensterladen, und es war jetzt stockdunkel im
+Zimmer.</p>
+
+<p>»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich
+zu einem Spezialisten gehen.« Stanislaus
+Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht
+und schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen,
+das auf dem Tische lag.</p>
+
+<p>»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden
+Sie mir doch ein Stück Brot ab, Miksch.«</p>
+
+<p>»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch.
+<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+»Man nimmt das Brot in die eine und das Messer
+in die andere Hand.«</p>
+
+<p>»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem
+Anfall ganz unerklärlicher Wut. »Geben Sie mir
+keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein
+Stück Brot ab.«</p>
+
+<p>»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch
+gelassen und langte über den Tisch nach dem Brotlaib
+und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern
+ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie
+Ihr Brot. Streichen müssen Sie es sich selbst.«</p>
+
+<p>Demba aß, und wieder benützte er beide Hände,
+um das Brot zum Mund zu führen &ndash; in dem dunklen
+Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet
+mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.</p>
+
+<p>Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete
+im Dunklen nach seiner Hose und seinen Hausschuhen
+und begann sich anzukleiden.</p>
+
+<p>»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,«
+sagte Demba.</p>
+
+<p>»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«</p>
+
+<p>»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor
+Hunger. Ich habe seit gestern mittag nichts gegessen,
+und heute morgens hat mir ein Hund
+mein Frühstück weggeschnappt.«</p>
+
+<p>»Wer? Ein Hund?«</p>
+
+<p>»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und
+ich mußte ruhig zusehen.«</p>
+
+<p>»Warum mußten Sie das?«</p>
+
+<p>»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände
+nicht frei. Was kümmert Sie das übrigens? Man
+kommt manchmal in Situationen, in denen man
+seine Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe
+Sie übrigens um Ihren Schlaf?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch
+ein paar Stunden schlafen. Wir sehen uns ohnehin
+so selten. &ndash; Wie kommt es, daß Sie heute zu Hause
+sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«</p>
+
+<p>»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau
+Pomeisl einen Mantel auszuleihen. Meiner ist
+zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem Sohn,
+der eingerückt ist, zu Hause.«</p>
+
+<p>»Ihr Mantel ist zerrissen?«</p>
+
+<p>»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie,
+hat nach ihm geschnappt.«</p>
+
+<p>»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn
+erst am Abend. Bis dahin hat Frau Pomeisl ihren
+Mantel ausgebessert.«</p>
+
+<p>»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«</p>
+
+<p>»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«</p>
+
+<p>»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine
+anziehen, die der Sohn der Frau Pomeisl
+zurückgelassen hat.«</p>
+
+<p>»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«</p>
+
+<p>»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem
+Georg Weiner nach Venedig fahren.«</p>
+
+<p>»Georg Weiner? Wer ist das?«</p>
+
+<p>»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch,
+der niemals von etwas anderem spricht, als von
+irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«</p>
+
+<p>»Geben Sie ihm Ihren Segen.«</p>
+
+<p>»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich
+etwa bestehlen?« rief Demba zornig.</p>
+
+<p>»Wer bestiehlt Sie denn?«</p>
+
+<p>»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer
+die Sonja wegnimmt?«</p>
+
+<p>»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden.
+Sie kann tun, was sie will.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn.
+Und einen Protektor im Ministerium. Wenn nun
+irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium,
+der doch auch ›frei‹ ist und tun kann, was er will,
+verdrängen und Ihnen Ihren Posten wegnehmen
+würde &ndash; ließen Sie sich das gefallen? Ich soll
+zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt?
+Wenn ein armer Teufel ein Stück Brot
+stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese Buschklepper
+der Liebe gibt es kein Recht?«</p>
+
+<p>»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie
+sie stehen gelassen. Der Verlust ist also nicht so
+groß.«</p>
+
+<p>»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut
+bin ich noch nicht zu Ende.«</p>
+
+<p>»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die
+paar Tage oder Wochen können doch keine Rolle
+spielen.«</p>
+
+<p>»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen
+Sie das nicht? Wie soll ich Ihnen das begreiflich
+machen? &ndash; Hören Sie: Sie essen ein Salzstangel.
+Oder eine Birne. Und Sie legen das
+letzte Stückchen aus der Hand, irgendwohin, und
+Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann
+werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben.
+Sie können andere Dinge essen, soviel Sie wollen,
+hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen
+Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen
+Tag hindurch werden Sie unbewußt ein Verlangen
+in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben
+nach jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen
+nicht gegessen haben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>»Nun. Und?«</p>
+
+<p>»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht
+hätt' ich sie in ein paar Wochen vergessen.
+Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen
+sind, als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern
+mit mir gebrochen hat, kann ich heute ohne sie nicht
+leben. Der letzte Bissen &ndash; verstehen Sie das
+nicht? &ndash; Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«</p>
+
+<p>»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«</p>
+
+<p>»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«</p>
+
+<p>»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll
+ich Ihnen verschaffen?« Miksch begann aus vollem
+Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld,
+Demba?«</p>
+
+<p>»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«</p>
+
+<p>»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit
+dem Geld allein getan wär'? Wenn das Mädel
+den andern nun einmal lieber hat!«</p>
+
+<p>»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«</p>
+
+<p>»Glauben Sie das im Ernst?«</p>
+
+<p>»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba.
+»Ich war vor einer halben Stunde bei ihr, und
+sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie
+zur Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie
+und Menschenkenntnis geht alles. Sie hat
+seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die
+Welt anzusehen. Sie <em class="gesperrt">muß</em> diese Reise machen,
+und wer ihr dazu verhilft, das ist ihr nebensächlich.
+Wenn ich mir bis heute abend das Geld
+verschaffe, ist der Weiner erledigt.«</p>
+
+<p>»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit
+her, lieber Demba,« sagte Miksch skeptisch.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.</p>
+
+<p>»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert
+<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>
+Kronen gehabt, die ich brauche. Wenn
+ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber
+ich habe zu lang gewartet, und seither ist mir das
+Zugreifen erheblich erschwert worden. Ich könnte
+mich ohrfeigen, wenn&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Wenn?«</p>
+
+<p>»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr
+so leicht.« Demba lachte kurz auf. »Genug davon!
+Also Sie haben kein Geld für mich. Dann
+muß ich schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe.
+Leben Sie wohl. &ndash; Ja, richtig: Die Pelerine! &ndash;
+Frau Pomeisl!«</p>
+
+<p>Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte.
+Die Hauswirtin steckte den Kopf zur Tür herein.</p>
+
+<p>»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas,
+haben Sie's aber heut dunkel. Man sieht ja seine
+eigenen Händ' nicht.«</p>
+
+<p>»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie
+mir für heute die Pelerine leihen, die ihr Sohn
+früher immer getragen hat? In meinen Mantel
+hab' ich mir ein Loch gerissen.«</p>
+
+<p>»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie?
+Aber warum denn nicht. Die wird Ihnen nur zu
+schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der
+letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist,
+gar nicht mehr auf die Gassen gehen wollen mit
+der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie
+Ihnen heraus.«</p>
+
+<p>Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer,
+und kam nach ein paar Augenblicken mit der Pelerine
+zurück.</p>
+
+<p>»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel
+nach Naphtalin stinkt sie halt.«</p>
+
+<p>»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,«
+<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>
+sagte Demba. »Ein praktisches Ding, so eine
+Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft
+sie vorn zu und muß sich nicht erst damit plagen,
+die Arme in diese scheußlichen Futterale zu zwängen,
+die der Teufel erfunden hat&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»In welche Futterale?« fragte Miksch.</p>
+
+<p>»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen
+Sie die Fensterladen auf, Miksch.«</p>
+
+<p>»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«</p>
+
+<p>»Schmerzen? Was für Schmerzen?«</p>
+
+<p>»Augenschmerzen.«</p>
+
+<p>»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit
+Ihren Fragen und öffnen Sie die Fensterläden.«</p>
+
+<p>Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.</p>
+
+<p>Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des
+Kleiderkastens und das Prunkstück des dürftig
+möblierten Zimmers bildete. Er besah sein Spiegelbild
+und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine
+schien seinen Beifall zu finden.</p>
+
+<p>»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau
+Pomeisl, die ihn erst jetzt erkannte. »Wenn ich
+gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab'
+geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie
+der Geldbriefträger gesucht.«</p>
+
+<p>»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben
+ihn doch nicht fortgehen lassen?« schrie Demba.</p>
+
+<p>»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen.
+Er muß gleich herunterkommen. Er hat
+einen Geldbrief für Sie.«</p>
+
+<p>»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und
+ihn abpassen.« Stanislaus Demba wandte sich
+zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre
+erledigt. Es ist das Geld von dem Schundverleger,
+dem ich seinen Roman ins Polnische übersetzt
+<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
+habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen
+in vierhundert Lieferungen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">à</span> zwanzig
+Heller, in jeder Lieferung ein Raubmord oder eine
+Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine
+Kindesunterschiebung &ndash; er bietet jedem Geschmack
+etwas. Ich sollte mich eigentlich schämen, aber
+Sie wissen, Miksch: <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Non olet.</span> Und er läßt mich
+nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese
+Wilden sind doch bessere Menschen.«</p>
+
+<p>»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie
+haben wahrhaftig Glück, Demba!«</p>
+
+<p>»Glück? &ndash; Verdammtes, elendes Pech habe ich!«
+schrie Demba. »Warum konnte das Geld nicht
+gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern gekommen
+wäre!«</p>
+
+<p>»Nun, und worin läge der Unterschied?«</p>
+
+<p>»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor
+mir hätte, heute &ndash; weiter nichts,« sagte Demba
+und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen
+Ruck:</p>
+
+<p>»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger
+fort.«</p>
+
+<p>Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er
+öffnete, ohne ein Wort zu sprechen, den Kleiderkasten,
+und vergrub sich zwischen alten Hosen,
+Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam,
+hatte er einen hochbetagten, speckig glänzenden, an
+den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf,
+einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch
+vor etlichen Jahren in den wohlverdienten Ruhestand
+geschickt hatte.</p>
+
+<p>»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen
+Sie doch nicht unter Menschen gehen?« rief Miksch.</p>
+
+<p>»Ich hab' keinen andern.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>»Wo haben Sie denn den Ihren?«</p>
+
+<p>»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«</p>
+
+<p>»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«</p>
+
+<p>»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen
+lassen müssen.«</p>
+
+<p>»Müssen? Ja, warum denn?«</p>
+
+<p>Demba wurde ungeduldig.</p>
+
+<p>»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das
+nicht vorstellen? Sie werden mich mit Ihrer verdammten
+Phantasiearmut noch ärgerlich machen.
+Man muß Ihnen alles lang und breit erklären.
+Also: Es ist windig. Der Hut fliegt mir auf das
+Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will
+nach ihm greifen &ndash; da kommt der Stadtbahnzug.
+&ndash; Manchmal ist es besser, die Hand nicht auszustrecken,
+wenn man nicht unter die Räder geraten
+will, Miksch!«</p>
+
+<p>»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen,
+Demba. Jetzt haben Sie ja Geld.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«</p>
+
+<p>»Ist der Briefträger nicht gekommen?«</p>
+
+<p>»O ja,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Oder war das Geld am Ende gar nicht für
+Sie bestimmt?«</p>
+
+<p>»Doch. Es gehörte mir. Aber&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba.
+Er stieß wie irrsinnig nach Frau Pomeisls rotem
+Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher
+nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte.
+Frau Pomeisls seidengestickter Ofenschirm, auf dem
+die Legende der heiligen Genoveva dargestellt war,
+hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf
+sich zu ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte
+ächzend zu Boden und starb den Märtyrertod. Das
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>
+schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er
+in seinem Berichte fortfahren konnte.</p>
+
+<p>»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!«
+tobte er. »Nur gegen Unterschrift! Er hat mich
+zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden Tintenstift
+in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch
+anzufassen, und meinen Namen auf eine schmierige
+Stelle darin zu setzen. Sonst könne er mir das
+Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld,
+hören Sie, Miksch? Mein Geld!«</p>
+
+<p>»Nun, und?«</p>
+
+<p>»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba.
+»Ich habe nicht unterschrieben.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>6</h2>
+
+<p>»Dreizehn vier sechsundfünfzig! &ndash; Nein, Fräulein,
+dreizehn vier sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig,
+Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal
+acht. &ndash; Ja. &ndash; Wer dort, bitte? Ja? &ndash; Ich
+bitte, kann ich vielleicht mit Fräulein Prokop
+sprechen? Prokop. Pro&ndash;kop. Steffi Prokop. Ja.
+Ich werde warten.«</p>
+
+<p>»Steffi? &ndash; Ja? &ndash; Endlich! Gott sei Dank!
+Eine Viertelstunde lang hab' ich keine Verbindung
+bekommen. Hier Stanislaus Demba. &ndash; Ja. &ndash;
+Grüß dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir
+zu sprechen. Womöglich gleich. Geht's nicht?
+Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch jetzt,
+vielleicht läßt dich dein Chef &ndash; nein? Herrgott,
+hat sich heut alles gegen mich verschworen? Also
+mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann wenigstens
+allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen.
+&ndash; Das kann ich dir durchs Telephon nicht sagen.
+Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen, deswegen
+komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's
+wirklich nicht. Es steht einer draußen und hört
+jedes Wort, und ist schon sehr ungeduldig, weil
+er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also
+um zwölf Uhr. &ndash; Nach zwölf. &ndash; Gut. &ndash; Gut.
+Grüß dich Gott, Steffi!«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ
+einen kleinen, dicken Herrn, der ihn wütend anblickte
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+und unverständliche Beleidigungen murmelte,
+in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen
+war, wurde er von der andern Seite der
+Straße angerufen.</p>
+
+<p>»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs?
+Warten Sie, ich komme ein Stück mit Ihnen.«</p>
+
+<p>Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.</p>
+
+<p>Demba nickte ihm flüchtig zu.</p>
+
+<p>»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn
+nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie vormittags
+spazieren gehen können?« fragte er.</p>
+
+<p>Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette
+und blies den Rauch von sich.</p>
+
+<p>»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe
+mich gehen? Aber ich komme eben von der Börse.
+Ich hatte dort zu tun.«</p>
+
+<p>Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner
+Beamter in der Zentralbank und in der Revisionsabteilung
+beschäftigt. Mit dem Börsengeschäft der
+Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr
+damit betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen
+größeren Geldbetrag bei sich trug, auf seinem Gang
+zu begleiten, und hatte nach Erledigung dieses
+Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die
+Ringstraße zu promenieren &ndash; die Glacéhandschuhe
+in der rechten, das Stöckchen in der linken Hand &ndash;
+nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich
+in seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze.
+Er beneidete alle, die in einem freien Beruf tätig
+und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden
+waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als
+sein Lebensideal schwebte ihm das Dasein eines
+Menschen vor, der morgens gemächlich seine Post
+durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen
+<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
+Fauteuil zurückgelehnt, die Zigarette im
+Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf dem Marmortisch,
+das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags
+zur Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade
+so lange, als es ihn freut, Bekannte sieht und
+gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene
+ein paar Bemerkungen über die eleganten Damen
+macht, dann ohne Hast zu Mittag speist und schließlich
+nachmittags an seinem Schreibtisch ein paar
+wichtige Geschäfte erledigt. &ndash; Willy Eisner jedoch
+war genötigt, von acht bis halb eins und von
+zwei bis halb sechs in einem Raum, den er mit
+acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen
+und Ziffern zu vergleichen und richtig befundene
+Posten mit einem kleinen Bleistifthäkchen zu versehen.</p>
+
+<p>Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen,
+schaltete nach einzelnen Worten eine kleine Pause
+ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und war
+überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit
+zuhörte, wenn er es für gut fand, eine Äußerung
+zu machen.</p>
+
+<p>»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen.
+Eine wirklich schöne Wohnung. Aber sie war mir
+ein bißchen zu eng geworden &ndash; ich brauchte einen
+Raum für meine Bibliothek&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba.
+»Sie müssen ein bißchen schneller gehen, ich habe
+wenig Zeit.«</p>
+
+<p>»Es tut mir leid um die <ins title="Wohnung,">Wohnung,«</ins> sagte Eisner
+und setzte sich in Trab. »Ich habe angenehme
+Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen
+haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn
+Stanislaus Demba. »Das ist wohl nicht Ihr Weg?«</p>
+
+<p>»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein
+kleines Stückchen mit Ihnen gehen. Ich habe zu
+viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu tun.
+Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere,
+ich verkehre, ich wickle Geschäfte ab &ndash; alles.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.</p>
+
+<p>»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen &ndash;
+kennen Sie den Reifflingen? Ich speise manchmal
+mit ihm im Imperial &ndash; gestern fragt er mich
+also: Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher
+Union, haben Sie Meinung für dieses Papier?
+Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen:
+Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene
+Hände, aber&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die
+Stirne und blickte seinen Begleiter an. »Was
+sagen Sie da? Gebundene Hände?«</p>
+
+<p>»Ja. Weil nämlich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß
+unangenehm sein.«</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie das?«</p>
+
+<p>»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit
+einem hämischen Blick. »Gebundene Hände! Ich
+stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen
+infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat,
+als ob sie bersten wollten. Dann ein Schmerz, der
+sich bis zur Schulter hinaufzieht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Was reden Sie da?«</p>
+
+<p>»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein
+muß, wenn Sie mit gebundenen Händen herumlaufen.«</p>
+
+<p>»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+Händen, insoferne ich nämlich das Interesse der
+Bank&nbsp;&hellip;«</p>
+
+<p>»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie
+von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei
+denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die
+Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt
+und stinken, kaum daß sie aus Ihrem Mund sind,
+schon wie Aas.«</p>
+
+<p>»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu
+machen! Mitten auf der Straße. Ich hab' ihm
+ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm
+gesagt: Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht
+abraten, ich habe selbst gekauft, aber es war eben
+ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse?
+Sehr gut! Ausgezeichnet. Sicher sind Sie schon
+einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?« Stanislaus
+Demba suchte mit Anstrengung einen seiner
+Wutanfälle zu unterdrücken und zwang sich, ganz
+ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man blickt hinunter
+und hat anfangs gar keine Angst, man denkt
+sich: es muß sein. Angst bekommt man erst &ndash;
+furchtbare Angst! &ndash; in der Sekunde, in der man
+den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst
+dann, in dieser Sekunde. Man sieht alles, was
+rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. Man
+spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und
+dann &ndash; nun, was geschieht dann? Nun?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,«
+sagte Willy Eisner verwundert.</p>
+
+<p>»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen
+nicht&nbsp;&ndash;? Wie können Sie sich dann unterstehen zu
+sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das
+sage, bekomme kalten Schweiß auf der Stirne
+<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+und die Knie zittern mir. Aber Sie, Sie sagen
+das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und
+fühlen nichts dabei.«</p>
+
+<p>»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,«
+sagte Willy Eisner. »Es können nicht alle Ihre
+Phantasie haben. Ich wieder&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei
+Ihnen verreckt alles, was einem andern einmal blutiges
+Erlebnis war, zu einer blechernen Redensart.
+Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen,
+wie das ist: gebundene Hände. Mir hat
+einmal geträumt, daß ich einen widerwärtigen
+Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein
+schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte
+gebundene Hände, wirklich gebundene Hände, nicht
+durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern
+mit Ketten an den Knöcheln, eine Hand an die
+andere gebunden&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte
+Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. »Ich muß
+mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß
+Sie der Himmel.«</p>
+
+<p>»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich
+über Willy Eisners ausgestreckte Hand.</p>
+
+<p>»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres,
+ich muß schon sagen, eigentümlichen Benehmens,
+das Sie da mitten auf der Straße &ndash; Aber es
+scheint, daß Sie&nbsp;&ndash;« Er zuckte die Schultern und
+wandte sich zum Gehen.</p>
+
+<p>»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal,
+Verehrtester, wie kann man jemandem die Hand
+geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten
+Sie mir das nicht sagen?«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>7</h2>
+
+<p>Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags,
+wenn die Essensstunde heranrückte, war es meist
+sehr still im Café Hibernia gegenüber der Börse.
+Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und
+Börsenbesucher, die in den Vormittagsstunden das
+Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die hier
+ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten,
+Konjunkturen erörterten, ihre Korrespondenz
+erledigten, und dazwischen hindurch die Zeitungen
+studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch
+Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte
+sich nach allen Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft
+des Kaffeehauses, der Aufmarsch
+der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler
+begann erst nach ein Uhr. Der Kellner Franz,
+dem für diese Stunde auch das Ressort des Zahlmarkörs
+übertragen war &ndash; der »Ober« war beim
+Mittagessen&nbsp;&ndash;, lehnte an einem Billardtisch, blinzelte
+schläfrig mit den Augen und kiebitzte den
+beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden,
+die ihre Strohmannpartie noch nicht beendet hatten.
+Das Fräulein an der Kasse pickte die Brösel einer
+angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den
+Hut auf dem Kopf, aber das fiel in dem mitten
+im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das
+die Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten,
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+und in dem jeder Eile hatte oder doch wenigstens
+merken lassen wollte, nicht weiter auf.</p>
+
+<p>Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit
+den Augen eines Feldherrn, verwarf einen Tisch
+in der Nähe der Kasse als für seine Zwecke ungeeignet,
+lehnte den Vorschlag des Kellners, der
+ihn mit einladender Handbewegung pantomimisch
+auf eine Reihe vorzüglicher Sitzgelegenheiten aufmerksam
+machte, wortlos ab, und entschied sich
+schließlich für einen Tisch in einem Winkel des
+Lokals zwischen zwei Kleiderständern.</p>
+
+<p>Der Kellner kam mit einem Bückling heran.</p>
+
+<p>»Befehlen der Herr?«</p>
+
+<p>»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus
+Demba. »Was haben Sie?«</p>
+
+<p>»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes
+Rostbeaf wär' da!«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba schien zu überlegen.</p>
+
+<p>»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen
+wollen,« empfahl Franz in der höflichen Art Wiener
+Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden,
+als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie
+irgendeinen gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie«
+anzusprechen.</p>
+
+<p>»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf,
+zwei Eier im Glas&nbsp;&ndash;,« rekapitulierte er nochmals.</p>
+
+<p>»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach
+längerem Nachdenken, »bringen Sie mir Lehmanns
+Wohnungsanzeiger.«</p>
+
+<p>»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner,
+der eine Bestellung von größerem Nährwert erwartet
+hatte, verblüfft.</p>
+
+<p>»Beide Bände.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>Der Kellner holte die dicken Bände aus dem
+Bücherkasten, legte sie auf den Tisch und wartete
+auf den nächsten Auftrag.</p>
+
+<p>Der ließ nicht lang auf sich warten.</p>
+
+<p>»Haben Sie ein Lexikon?«</p>
+
+<p>»Wie, bitte?«</p>
+
+<p>»Ein Konversationslexikon.«</p>
+
+<p>»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«</p>
+
+<p>»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«</p>
+
+<p>»Welchen Band belieben?«</p>
+
+<p>»A bis K,« befahl Demba.</p>
+
+<p>Der Kellner brachte drei Bände.</p>
+
+<p>»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N,
+R und V. Bringen Sie mir die übrigen Bände
+auch,« sagte Demba.</p>
+
+<p>Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei,
+der ganze kleine Brockhaus lag auf Dembas Tisch.</p>
+
+<p>»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?«
+fragte Demba.</p>
+
+<p>»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im
+Kasten.«</p>
+
+<p>»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba
+ungeduldig. »Ich benötige die Ergebnisse der
+neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen
+Untersuchungen.«</p>
+
+<p>Der Kellner brachte den Supplementband und
+zog sich dann ehrfurchtsvoll zurück. Er trat an
+den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die
+Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:</p>
+
+<p>»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen
+Artikel.«</p>
+
+<p>»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus
+Demba.</p>
+
+<p>»Befehlen der Herr?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«</p>
+
+<p>»Leider nicht dienen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus
+und das Jahrbuch für Heer und Flotte und
+was Sie sonst von militärischen Handbüchern
+haben.«</p>
+
+<p>Der eine der beiden Reisenden legte die Karten
+hin.</p>
+
+<p>»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit
+einem Blick auf Demba. »Haben Sie gehört?
+Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's
+ihnen nur geben! Wer spielt aus?«</p>
+
+<p>»Wer sagt Ihnen, daß er <em class="gesperrt">gegen</em> die Militärs
+ist? Genau so gut kann er <em class="gesperrt">für</em> die Militärs
+schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur
+zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.</p>
+
+<p>»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?«
+forschte inzwischen Demba den Kellner aus.</p>
+
+<p>»Jawohl.«</p>
+
+<p>»Den bringen Sie mir auch.«</p>
+
+<p>»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte
+der Reisende. »Und da hört man immer: Die
+Journalisten sind nicht gründlich.«</p>
+
+<p>»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt
+etwas gegen den Minister des Äußeren. Der ist
+ja ein Graf von und zu.«</p>
+
+<p>»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister.
+Der ist auch ein Freiherr von.«</p>
+
+<p>Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender
+und das gräfliche Taschenbuch auf Dembas Tisch.</p>
+
+<p>»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn
+Demba an. »Bringen Sie mir die anderen Bände
+<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>
+auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im
+Kopf haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert
+Apollinaris von Reifflingen aus der älteren
+Sebastianischen oder aus der jüngeren Cyprianischen
+Linie stammt?«</p>
+
+<p>Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln.
+Er brachte das Taschenbuch der freiherrlichen, der
+uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu
+ein Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher,
+das ihm mit unter die Hände gekommen war.</p>
+
+<p>Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt
+hatte sich auf Stanislaus Dembas Tisch zu einer
+hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student völlig
+verschwunden war. Nur sein speckig glänzender
+Hut allein war noch sichtbar. Aber Herrn Demba
+schienen alle diese Behelfe noch immer nicht zu
+genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen
+Landeskalender, den Wiener Kommunalkalender
+und das Hof- und Staatshandbuch der österreichisch-ungarischen
+Monarchie bringen, und von den beiden
+erstgenannten Werken auch noch den vorletzten
+Jahrgang.</p>
+
+<p>»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was
+steht dort für ein Buch im Kasten. Dort, das
+große, schwarze?«</p>
+
+<p>»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«</p>
+
+<p>»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch'
+ich sehr notwendig. Ich muß unbedingt nachschlagen,
+wie man Leptoprosopie am besten ins
+Deutsche übersetzt. Leptoprosopie! Oder können
+Sie mir das vielleicht sagen?«</p>
+
+<p>»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner,
+dem ganz wirr im Kopf geworden war.</p>
+
+<p>Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben,
+<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+die er zu seiner Arbeit benötigte. Die beiden Reisenden
+begannen weiter zu spielen; der Kellner trat
+an ihren Tisch und sah zu.</p>
+
+<p>»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem,
+so laut, daß das Fräulein in der Kasse das Stück
+Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen ließ.
+»Kell&ndash;ner!«</p>
+
+<p>»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen
+Blick in den Bücherkasten; aber der war leer.
+Daher nahm er das befleckte gläserne Tintenfaß
+und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier
+verwahrt war, vom Büfett, denn er glaubte den
+nächsten Wunsch des Gastes erraten zu können.</p>
+
+<p>»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.</p>
+
+<p>»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und
+Papier?«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine
+Portion Salami, zwei Eier im Glas, Brot und
+eine Flasche Bier.«</p>
+
+<p>Der Kellner brachte das Verlangte, und eine
+Weile hindurch sah man von Stanislaus Demba
+nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus
+des Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem
+Bücherwall bald sichtbar wurde, bald verschwand.</p>
+
+<p>Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und
+befahl dem Kellner nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster
+alle geschlossen seien. Als Franz diesen
+Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine
+Pflicht, Herrn Demba beim Speisen ein wenig
+Gesellschaft zu leisten und ihn zu unterhalten.</p>
+
+<p>»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen
+kein Lüfterl,« begann er das Gespräch und deutete
+auf den Reisenden.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört,
+<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>
+als der Kellner in seine Nähe kam. Er
+ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte
+fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch
+zwei Brillengläser über den Lexikonband Löffelhuhn
+&ndash; Nebenniere hinweg wütend an.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie?«</p>
+
+<p>»Mußte leider die Fenster schließen, weil der
+Herr dort&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Der Kellner kam nicht weiter.</p>
+
+<p>»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen,
+was geht das mich an!« brüllte Demba. »Aber
+stören Sie mich nicht beim Essen!«</p>
+
+<p>Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und
+kam erst wieder hervor, als Stanislaus Demba
+»Zahlen!« rief.</p>
+
+<p>»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami,
+zwei Eier im Glas, eine Flasche Bier, &ndash;
+Brote? Zwei? Drei?«</p>
+
+<p>Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.</p>
+
+<p>»Drei Brote.«</p>
+
+<p>»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig,
+drei Kronen zweiundvierzig, bitte&nbsp;&ndash;.«</p>
+
+<p>Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte.
+Dort lagen drei Kronen und ein paar Nickelmünzen.</p>
+
+<p>Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er
+auf die Straße trat, wandte er den Kopf und sagte
+mit verdrießlicher Miene zum Kellner:</p>
+
+<p>»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation
+über den Stand des menschlichen Wissens
+am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben
+wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel
+Lärm in dem Lokal.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>8</h2>
+
+<p>Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie
+Stanislaus Demba schon im Wohnzimmer ungeduldig
+wartend.</p>
+
+<p>»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon
+lange hier?«</p>
+
+<p>»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet
+habe. Man läßt mich nicht eine Minute vor zwölf
+Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch
+zehn Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den
+Händen 'runter bekomm'. Jetzt hab' ich aber Zeit
+bis fast drei Uhr.«</p>
+
+<p>Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den
+grauen Schleier, den sie immer umnahm, wenn sie
+auf die Straße ging. Dann band sie sich die
+Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.</p>
+
+<p>»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. &ndash;
+Demba hatte seine Pelerine umbehalten.</p>
+
+<p>Demba schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.«</p>
+
+<p>»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht
+kalt. Heut kann man schon wieder im Freien sitzen.«</p>
+
+<p>»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank.
+Ich glaube, ich habe Fieber.«</p>
+
+<p>»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig
+klagenden Ton, in dem man Kinder bedauert und
+tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich
+»weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank,
+<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+hat Fieber. Armer Stanie.« Dann änderte sie den
+Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?«</p>
+
+<p>Demba schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:</p>
+
+<p>»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!«</p>
+
+<p>»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt.
+»Was fällt dir denn ein?«</p>
+
+<p>»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi
+Prokop aufmunternd.</p>
+
+<p>»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub'
+ich's, Stanie,« sagte Steffi lachend. »Sonst bist
+du doch immer bei Appetit. Wart', ich werd' gleich
+mal nachschauen.«</p>
+
+<p>Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand,
+um ihm den Puls zu fühlen. Sie fand die Hand
+jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten Augenblick
+einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte
+und sich an der Kommode festhalten mußte,
+um nicht zu fallen.</p>
+
+<p>Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie
+die Wand und ganz außer sich vor ihr.</p>
+
+<p>»Woher weißt du&nbsp;&ndash;?« zischte er mit einem feindseligen
+Blick auf Steffi. »Wer hat dir verraten,
+daß&nbsp;&ndash;?«</p>
+
+<p>»Was denn? Warum hast du mich gestoßen?
+Was ist dir denn, Stanie?«</p>
+
+<p>Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick
+an, atmete schwer und sprach kein Wort.</p>
+
+<p>»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte
+Steffi Prokop kläglich.</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du
+stößt mich!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich
+langsam. »Dann ist's gut. Ich dachte&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Was denn? Was dachtest du?«</p>
+
+<p>»Nichts. &ndash; Du siehst ja, daß ich krank bin.«
+Demba starrte schweigend auf die Tischplatte. Aus
+dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern
+und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum
+Mittagessen.</p>
+
+<p>Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm
+leicht auf Dembas Schulter.</p>
+
+<p>»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.«</p>
+
+<p>»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens.
+Morgen ist's vorüber &ndash; so oder so.«</p>
+
+<p>»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.«</p>
+
+<p>»Es ist nichts. Wirklich.«</p>
+
+<p>»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas
+Wichtiges, das du mir durchs Telephon nicht sagen
+konntest.«</p>
+
+<p>»Das ist längst nicht mehr wichtig.«</p>
+
+<p>»Was war es denn, Stanie?«</p>
+
+<p>»Ach nichts. &ndash; Daß ich morgen früh fortfahre.«</p>
+
+<p>»So? Wohin denn?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will.
+Ins Gebirge vielleicht oder nach Venedig.«</p>
+
+<p>»Mit der Sonja Hartmann fährst du?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Auf lange?«</p>
+
+<p>»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei
+Wochen oder auf drei.«</p>
+
+<p>»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch
+ja gestritten?«</p>
+
+<p>»Es ist alles wieder gut.«</p>
+
+<p>»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für
+den lustigen Roman bekommen, den du ins Polnische
+<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in
+dem gestanden ist: ›Ihre Tochter, Frau Gräfin,
+hat höchstens noch sechs Stunden zu leben, vielleicht
+sogar noch weniger.‹ Ich hab' damals so
+lachen müssen. &ndash; Hat man dir endlich das Geld
+geschickt? Nun? &ndash; Gib doch Antwort! An was
+hast du jetzt gedacht, Stanie?«</p>
+
+<p>Demba blickte zerstreut auf.</p>
+
+<p>»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon
+in Venedig?« fragte Steffi.</p>
+
+<p>»Nein. Bei dir.«</p>
+
+<p>»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz
+gut, daß du dir nichts aus mir machst. Ich bin
+dir zu jung und zu dumm und zu&nbsp;&ndash;« Steffi
+Prokop warf einen Blick in den Spiegel. Ihre
+rechte Wange war eine einzige tiefrote Feuernarbe.
+Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte
+ihre Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler
+Wiener Frauen Benzin auf die Kohlen im Herd
+geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind
+hatte sie hierbei auf dem Arm gehabt, und als
+das Feuer ihre Kleider ergriff, hatte auch Steffi
+ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das
+Feuermal entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals
+ging sie ohne Schleier auf die Gasse.</p>
+
+<p>»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr
+nicht so in die Luft.«</p>
+
+<p>»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich
+wieder gehen. Ich wollt nur schauen, wie es dir
+geht.«</p>
+
+<p>»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich.
+»Schau'n, wie mir's geht! wie wenn dich das
+interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir
+nicht immer: ›Kind‹. Ich bin sechzehn Jahre
+<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+alt. Mir kannst du alles erzählen. Ich weiß,
+dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein
+Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir
+schlecht geht, kommst du zu mir und starrst in die
+Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend
+bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du
+immer zu mir. Wie dir die Sonja den Brief
+geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher,
+wie du noch bei uns gewohnt hast, bist du auch
+zu mir gekommen, wenn dir in deinem Kabinett
+zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war
+immer geheizt. Und bist auf und ab gegangen
+und hast studiert oder aus den alten Griechen
+deklamiert, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la"><ins title="»Integer">Integer</ins> vitae &hellip;</span> &ndash; wie geht's weiter?«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Integer vitae scelerisque purus &ndash;</span>«, sagte
+Demba halb in Gedanken.</p>
+
+<p>»Ja &ndash; <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">lerisque purus</span>. So heißt's. Und ich
+bin im Winkel gesessen und hab' meine Schulaufgaben
+gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde
+&ndash; Wovon träumst du, Stanie? Du hörst
+mir gar nicht zu. Warum starrst du so auf den
+Tisch? Wovon träumst du, sag?'«</p>
+
+<p>»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise.
+»Sicher ist alles nur ein Traum. Ich liege zerschlagen
+und zerfetzt irgendwo in einem Spitalbett,
+und du und deine Stimme und das Zimmer
+da, ihr seid nur ein Fiebertraum der letzten Minuten.«</p>
+
+<p>»Stanie! Was ist das? Was redest du da?«</p>
+
+<p>»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein
+Rettungswagen durch die Straßen oder vielleicht
+lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem
+Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen
+<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+und kann nicht aufstehen und hab' die
+letzten Gesichte und Visionen&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst
+machen? Was ist geschehen?«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Integer vitae scelerisque purus &ndash;</span>«, sagte
+Demba leise.</p>
+
+<p>»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen?
+Jetzt mußt du mir's sagen!«</p>
+
+<p>»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba
+rasch.</p>
+
+<p>Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.</p>
+
+<p>»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's,
+Herr Demba? Gut immer, nicht? Steffi, ich
+wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr
+Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns?</p>
+
+<p>»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach
+dem Essen.«</p>
+
+<p>»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das
+Essen auf. Ich komm' dann hinein. Herr Demba
+und ich haben noch etwas zu besprechen.«</p>
+
+<p>»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop
+draußen und die Tür verschlossen war. »Ich
+hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß
+ich wieder ins Bureau.«</p>
+
+<p>Demba lachte verlegen auf.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen
+ist. Heute vormittag war ich zwar auch
+nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht
+einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und
+den Mut verloren, obwohl mir so ziemlich alles
+fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'. ›Angepackt‹
+ist übrigens sehr gut.« &ndash; Demba stieß ein
+kurzes, heiseres Lachen hervor. &ndash; »Manchmal ist
+die Sprache geradezu witzig. ›Angepackt‹ ist nämlich
+<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>
+wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also
+sagen wir: Angerührt&nbsp;&ndash;, nein, in die Hand genommen
+&ndash; auch nicht! Zum Kuckuck, alles was
+ich unternommen habe &ndash; so ist's richtig! Also
+alles, was ich unternommen habe, ist mir durch
+die Finger geglitten &ndash; hätt' ich jetzt wieder beinahe
+gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum
+Narren. Alles, was ich angepackt habe, ist mir
+durch die Finger geglitten. Ausgezeichnet. Wirklich,
+ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache.
+Aber es war doch nicht so, sondern ich wollte
+sagen: Alles, was ich unternommen habe, heut vormittag,
+ist mir mißglückt.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe dich nicht, Stanie.«</p>
+
+<p>»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut
+fehlgeschlagen. Aber ich hab' doch nicht den Mut
+verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin
+ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental.
+Nicht wahr? Ich will dir gestehen: Ich
+bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß
+zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut.
+Und eigentlich ohne Grund. Wirklich. So
+tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.«</p>
+
+<p>Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete
+ein paarmal verlegen und fuhr dann fort:</p>
+
+<p>»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem
+ich Vertrauen hab'. Du bist klug und mutig und
+verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war
+ich ein bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das
+war nur ein Schwächeanfall, und jetzt ist's vorüber.
+Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch
+nur soviel aus der ganzen Sache mache.«</p>
+
+<p>»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,«
+bat das geängstigte Mädchen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>Demba atmete schwer auf.</p>
+
+<p>»Ich bin nämlich&nbsp;&ndash;. Also kurz und gut: Die
+Polizei ist hinter mir her.«</p>
+
+<p>»Die Polizei!« &ndash; Steffi Prokop sprang auf.</p>
+
+<p>»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze
+Haus,« mahnte Demba.</p>
+
+<p>Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in
+ein leises, gehauchtes Flüstern.</p>
+
+<p>»Was hast du getan?«</p>
+
+<p>»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus
+Demba in gleichgültigem Ton. »Das kann ich
+nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich
+zu schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen.
+Mein Verstand und meine Logik billigen es. Nur
+die Polizei ist halt dagegen.«</p>
+
+<p>»Ein Verbrechen.«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus
+der Universitätsbibliothek einem Antiquitätenhändler
+verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur zwei.
+Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben.
+Schau mich doch nicht so entgeistert an.
+Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat es keinen
+Sinn, wenn ich weiter erzähle.«</p>
+
+<p>»Warum hast du das getan, Stanie!«</p>
+
+<p>»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie
+über die Idyllen des Calpurnius Siculus und
+seine <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hapax legomena</span> geschrieben. Eine Arbeit
+über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser
+Calpurnius Siculus verwendet, deren Bedeutung
+strittig ist und die in der übrigen römischen Literatur
+nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse
+Quellenwerke gebraucht. Ich bekam einiges aus
+der Universitätsbibliothek. Aber drei alte, wertvolle
+Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause
+<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
+geben. Ich brauchte sie aber, und so trug ich sie
+einfach unter dem Mantel fort.«</p>
+
+<p>»Und jetzt ist die Polizei&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über
+ein Jahr her. Und kein Hahn hat in der Universitätsbibliothek
+nach den Büchern gekräht. Vielleicht,
+wenn sie wieder jemand verlangen würde,
+dann vielleicht würde man ihr Fehlen bemerken.
+Aber ich war seit einem Jahrzehnt der erste, der
+sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter
+gesagt. Also diese drei Bücher habe
+ich fortgetragen. Meine Arbeit ist nach drei Monaten
+fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen
+Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel
+Beachtung gefunden. Eine große Diskussion hat
+sich über ein Wort, für das ich eine neue Deutung
+gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und
+bin angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften
+bekommen. Professor Haase in Erlangen und Professor
+Mayer in Graz haben meine Auffassung
+verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in
+Göttingen hat meine Untersuchung scharfsinnig genannt.
+Um ehrlich zu sein: Es war nicht eigentlich
+Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ.
+Es hat sich um Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache
+gehandelt. Aber meine Eltern und Ureltern
+sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig
+in solchen Dingen.</p>
+
+<p>»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten
+für Tinte, Feder und Papier gedeckt waren, und
+vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich während
+des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman,
+den ich übersetzt habe, trägt mir genau
+das Zwölffache. Dafür hab' ich die Bücher behalten.
+<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
+Wem hab' ich sie weggenommen? Sie
+wären nutzlos und verstaubt in einem dunklen
+Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und nur
+der Katalog hätte von ihnen gewußt.«</p>
+
+<p>»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte
+Steffi Prokop verzweifelt.</p>
+
+<p>»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes
+wäre, die macht mir keine Sorge, derentwegen wär'
+ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es nicht.
+So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir
+alles erzählen. Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.«</p>
+
+<p>Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans
+Fenster, blickte hinaus und pfiff leise vor sich hin.</p>
+
+<p>»Nun?« fragte Steffi Prokop.</p>
+
+<p>Er drehte sich um.</p>
+
+<p>»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die
+drei Bücher, richtig. Die beiden ersten hab' ich
+vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte Schulden.
+Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der
+Johannesgasse und in der Weihburggasse. Aber
+dort wollte man mir nichts dafür geben. Die
+Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie
+ungern ihr Geld an. Einer von ihnen wollte sie
+nach dem Gewicht kaufen.</p>
+
+<p>Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers
+in Heiligenstadt, eines Sonderlings, der
+halb Trödler, halb Sammler ist. Ich ging hin.
+Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das
+eine zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat
+später, als ich wieder Geld brauchte, bekam ich für
+das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren
+mehr wert, besonders das zweite, aber immerhin,
+die Preise waren annehmbar.</p>
+
+<p>Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es
+<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>
+war ein prachtvoller Druck, siebzehntes Jahrhundert,
+eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus
+der Offizin Enschede &amp; Söhne in Amsterdam mit
+Interpolationen, Glossen und Marginalien und
+einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern gezeichnet
+hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen
+und einer Elfenbeinschnitzerei verziert,
+die einen ziemlichen Wert besaßen.</p>
+
+<p>Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch
+nicht hergegeben, die ganze Zeit über und wenn
+ich noch so sehr in Geldnot war. Und in Geldverlegenheit
+war ich fast immer. Einmal im Jänner
+ist es mir so schlecht gegangen, daß ich in der
+strengsten Kälte meinen Winterrock ins Leihhaus
+tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht
+hergegeben.</p>
+
+<p>Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das
+muß ich dir auch erst wieder erzählen. Ich erzähle
+dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es tut
+mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der
+letzten Zeit öfters gestritten haben, die Sonja und
+ich, das weißt du. Es war nicht mehr ganz so
+wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung
+bei, ich wußte, daß Sonja manchmal ihre Launen
+hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie ruhig
+verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut.
+Kann mir dieser Weiner irgend etwas wegnehmen?
+&ndash; dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist ein
+aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein
+Wort oder einen Gedanken aus seinem Mund gehört,
+auf den einzugehen es sich verlohnt hätte.
+Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig.
+Ich dachte mir: sie mag selbst darauf kommen,
+wieviel der Kerl wert ist.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung.
+Sie war nicht zu Hause. Aber auf dem
+Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage
+die Quartierfrau. ›Ja, das Fräulein verreist.‹ ›So,‹
+sag' ich. ›Wohin denn?‹ Ja, das wisse sie nicht.
+Ich war ganz erstaunt. ›Für den Urlaub ist's ja
+noch viel zu früh,‹ denk' ich mir. Und außerdem
+hätt' sie mir doch was davon gesagt. Und wie ich
+mich im Zimmer umschau, seh' ich ein Schreibtischfach
+offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz
+obenauf von der Firma Cook &amp; Son.</p>
+
+<p>Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die
+beiden Fahrscheinhefte drin. Eines auf ihren Namen
+und eines auf: Georg Weiner, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">stud. jur.</span></p>
+
+<p>Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich
+glaub', so ist einem zumute, wenn man überfahren
+wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich
+aus der Wohnung hinausgekommen bin und die
+Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine halbe Stunde
+lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung
+liegen, herumgeirrt, wie ein Fremder und
+konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl ich in diesem
+Stadtteil wie zu Hause bin.</p>
+
+<p>Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden
+und hab' die Sonja gesucht. Zuerst im
+Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins Kaffeehaus,
+das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen
+hat. Ich hab' ihr das oft gesagt: eine Frau soll
+nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau soll
+man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem
+Herzen muß man an ihrer Tür läuten. Und
+dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen
+und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht
+die Treppe hinuntergeht, dann fühlt man
+<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>
+erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau, die man,
+so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus
+vorfindet, so sicher, wie den ›Simplizissimus‹
+oder das ›Tagblatt‹, die verliert an Wert und wird
+Alltag.</p>
+
+<p>Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen
+sie verkehrt. Zwischen neun und zehn ist sie meist
+im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein paar
+Malern und Architekten. Doch gestern war sie in
+keinem der vier Lokale. Aber ich traf einen ihrer
+Bureaukollegen, der wußte auch schon von ihrer
+Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem
+Weiner nach Venedig fahren will.</p>
+
+<p>Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer
+Wohnung, aber sie war noch immer nicht zu Hause.
+Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab
+gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde
+und sie noch immer nicht da war, sah ich ein, daß
+es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der Weiner
+hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße,
+dort hätte ich warten müssen.</p>
+
+<p>Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über
+die Sache ruhig nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe.
+An dem Georg Weiner selbst konnte
+sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er
+ist eine niedere Menschenform. Daß er manchmal
+Poker spielt, ist die einzige geistige Regung, die
+ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch
+da verliert er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber
+ich hab' immer, so oft ich ihm begegnet bin, schon
+vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist,
+immer hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken
+gehabt: ›Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen
+ganz menschenähnlichen Gang‹. Weißt du, nicht
+<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>
+aus Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt,
+daß er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte
+mir, das muß ihm doch große Mühe machen,
+warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf
+allen vieren? Also der Mandrill will mir jetzt die
+Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum Lachen.
+Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die
+Aussicht auf die Reise sein. Reisen machen, das
+ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte die
+Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig,
+sie ginge als Stewardeß auf ein Schiff,
+wenn man sie nähme, sie ginge als Lokomotivführer
+oder als Handgepäck, wenn es nicht anders
+zu machen ist. Ganz kindisch ist sie in diesen
+Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten, mit ihr
+zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert
+Kronen gehabt, die eine Reise gekostet hätt'. Der
+Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater ist ein
+Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war
+mir klar: wenn ich heute dreihundert Kronen aufbringe,
+so läßt sie den Weiner sofort stehen und
+fährt mit mir.«</p>
+
+<p>»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein
+Ernst?«</p>
+
+<p>»Natürlich.«</p>
+
+<p>»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie
+kannst du glauben, daß es sich ihr nur um Geld
+oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt.
+Sie hat ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba lachte.</p>
+
+<p>»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man
+sieht, daß du ihn nie gesehen hast.«</p>
+
+<p>»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie
+ein Kind. Frauen sind anders, als ihr Männer.
+<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
+Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber eine
+Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er
+bucklig ist oder entstellt oder dumm. Gerade, weil
+er so dumm ist, kann eine Frau einen Mann liebhaben.
+Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja
+mit dir fahren, und wenn du die Brieftasche voll
+Tausendguldennoten hast.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich
+besser. Und ich sag' dir, sie wird mit mir fahren.
+Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« &ndash;
+Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß
+seinen Triumph.</p>
+
+<p>»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte
+Steffi.</p>
+
+<p>»Jawohl.«</p>
+
+<p>»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop
+leise und verzagt. »Erzähl' weiter.«</p>
+
+<p>»Ja. &ndash; Also wie ich drüber nachdenk', woher
+ich das Geld nehmen soll, da ist mir das Buch
+eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht
+sechshundert oder achthundert Kronen.</p>
+
+<p>Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber
+nicht zu Bett gelegt. Ich bin die ganze Nacht aufgeblieben
+und hab' in dem Buch gelesen. Von
+jedem kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen.
+Mein Herz hing an dem Buch. Und
+heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt
+getragen.</p>
+
+<p>Der Händler wohnt in der Klettengasse 6.
+Man fährt durch die Heiligenstädter Straße, steigt
+bei der dritten Haltestelle aus, biegt in die erste
+Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier
+bis fünf Minuten zu gehen. Er wohnt in einem
+kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus mit einer ganz
+<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>
+schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon
+vorher dort gewesen war, fand ich es lange nicht,
+erst, als ich zum drittenmal vorüberging. Es
+muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein,
+denn die ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen,
+dumpfen Malzgeruch, den ich nicht vertragen
+kann. Er macht mich wütend.</p>
+
+<p>Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und
+hielt mir mit der Hand die Nase zu, denn der
+Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein
+und bis auf die Treppe.</p>
+
+<p>Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete
+noch einmal, und dann hörte ich Schritte und eine
+Stimme: ›Ja, ja. Ich komme schon.‹ Dann machte
+der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und
+schaute durch den Spalt. Er erkannte mich und
+nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein und er führte
+mich in sein Arbeitszimmer.</p>
+
+<p>Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum,
+den ich je gesehen habe. Schlafzimmer, Kontor,
+Museum, Magazin zu gleicher Zeit und scheinbar
+auch Atelier &ndash; der Kerl restauriert auch Bilder.
+Das edelste Kunstmobiliar und der erbärmlichste
+Trödel stehen wüst durcheinander. Zum Beispiel,
+da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock,
+mit wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine
+Kleider hat der Alte nicht in diesem Schrank, sondern
+in einem halbzerbrochenen, deckellosen Wäschekorb.
+Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und
+einem adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet
+gewesen sein muß, steht im Zimmer, aber sein Besitzer
+schläft auf einer schmutzigen, roten Matratze,
+die in einem Winkel auf <ins title="den">dem</ins> bloßen Erdboden
+liegt. Ein französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag
+<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+ist da, aber der Alte arbeitet an einem
+wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes, gläsernes
+Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und
+ein Haufen Papier und sein Geschäftsbuch, in das
+er die Ein- und Verkäufe einträgt. Und überall
+im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum
+und alte Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren.
+Auch ein ›Heiliges Grab‹ aus Ebenholz
+und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er
+billig gekauft haben und er möchte es wahrscheinlich
+rasch wieder verkaufen, denn er ist ein galizischer
+Jud und hat an dem ›Heiligen Grab‹ sicher
+keine rechte Freude.</p>
+
+<p>So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man
+bekommt das Gefühl der Nichtigkeit und Wertlosigkeit
+alles Sammelns. Es sind die schönsten,
+wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer
+trostlos aus, und das Loch einer siebenköpfigen
+Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist stilvoller.</p>
+
+<p>In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht
+viel und nimmt mir das Buch gleich aus der Hand.
+Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf, sieht's
+durch die Lupe an und fragt: ›Woher haben Sie
+das?‹ Ich sage: ›Aus einer Auktion.‹ Er nickt
+wieder, setzt sich und fängt an, in dem Buch zu
+studieren. Dann fragt er: ›Warum verkaufen Sie
+das Buch? Nur weil Sie brochen Geld?‹ Er
+fragt das mit so einem galizischen Akzent, ich kann
+aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die
+Leute. Ich überlegte rasch, daß er mir mehr bieten
+werde, wenn ich nicht als armer Teufel vor ihm
+dastehe und sag' deshalb: ›Nein. Mich freuen
+alte Drucke nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz
+auf die Keramik geworfen. Kacheln, wissen Sie?‹</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen.
+Ich hätte ebensogut sagen können: Limousiner
+Email oder Satsumavasen oder andere Dinge,
+die ich nur aus den Museen und Ausstellungen
+kenne.</p>
+
+<p>Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb
+und wühlt eine Weile in den alten Kleidern
+herum. Dann bringt er eine alte persische Fayancefliese
+zum Vorschein: Einen Jäger auf einem
+Schimmel mit einem großen, blauen Turban auf
+dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er
+reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt
+die Beine so steif, als wüßte er ganz genau, daß
+er keine von den Tulpen zertreten dürfte.</p>
+
+<p>›Was wollen Sie dafür?‹ frag' ich ihn. Aber
+er macht nur eine abwehrende Bewegung mit der
+Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den
+Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen
+lassen. Er hat sofort erkannt, daß ich ein armer
+Teufel bin, der Geld ›brocht‹.</p>
+
+<p>Dann blättert er wieder in dem Buch und fragt:
+›Was wollen Sie dafür?‹</p>
+
+<p>›Sie müssen wissen, was es wert ist,‹ sag' ich.</p>
+
+<p>Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu
+und begann wieder in dem Buch zu blättern. Er
+trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem,
+daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch:
+manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht
+geht unter dem Mund gleich in den Hals über.
+Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner
+gehört zu diesen Menschen. Sie tragen entweder
+einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder,
+wenn sie glatt rasiert sind, dann sehen sie stupid
+aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen
+<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+der zweiten und dritten Eiszeit sollen die
+Menschen so ausgesehen haben. &ndash; Nein, das ist
+kein Witz, ich hab' das wirklich einmal in einem
+Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen.
+Mir sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und
+wie ich den Alten anschau', kommt mir der verrückte
+Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller
+dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt,
+daß sie zusammenstehen, und daß vielleicht der alte
+Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis
+ist und mir nur eine Bagatell für das Buch
+zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach
+Italien fahren kann.</p>
+
+<p>Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das
+sage. Ich wußte natürlich sehr gut, daß das Unsinn
+war, es war eben nur so ein Gedanke. Übrigens
+wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht.
+Er bot mir zweihundertunddreißig Kronen für das
+Buch und wir einigten uns auf zweihundertvierzig.
+Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt
+wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich
+die Sammler weit weniger für sie interessieren,
+als für andere Antiquitäten. Zweihundertundvierzig
+Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und
+ich war zufrieden.</p>
+
+<p>Er ging in das andre Zimmer, um das Geld
+zu holen, kam aber gleich wieder zurück und fing
+an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle
+von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und
+wühlte im Wäschekorb. Dann sagte er, er fände
+den Schlüssel zu der <ins title="Kasette">Kassette</ins> nicht, in der er sein
+Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes
+übrig, als einen Schlosser kommen zu lassen. Ich
+möge ein bißchen warten oder ich könne auch fortgehen
+<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+und in einer halben Stunde wiederkommen.
+Ich sagte, ich zöge vor, zu warten, aber er solle
+sich beeilen.</p>
+
+<p>Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich
+hörte ihn mit jemandem sprechen und gleich darauf
+kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren
+Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich
+um den Schlosser. Ich war ein Narr, daß
+ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich
+könne nicht warten und darauf bestanden hätte,
+das Geld sofort zu bekommen, wäre die Sache
+wahrscheinlich anders ausgegangen.</p>
+
+<p>Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen
+ein paar seiner Sachen: Einen <ins title="Senftigel">Senftiegel</ins>
+aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, eine
+Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes,
+altes Damennecessaire aus Karneol, das Scheren,
+Stichel und allerlei kosmetische Instrumente enthielt,
+auch einen Zirkel merkwürdigerweise, ich erinnere
+mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach,
+zu welchem Zweck eine kleine Modepuppe aus dem
+achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit sich geführt
+haben mochte. Ich mußte ziemlich lange
+warten, aber ich wurde nicht mißtrauisch. Das
+hängt damit zusammen, daß ich niemals auch nur
+eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen
+zu begehen. Was ich tat, ist so ganz unmerklich,
+so nach und nach ein Verbrechen geworden.
+Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek
+nach Hause genommen. Aber das war
+mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie
+ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos
+spielte, ich hatte es ja mit dem Vorsatz getan, das
+Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr
+<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
+brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir
+liegen gehabt, aber entliehene Bücher gibt man
+doch selten zurück; Bücher sind gleichsam vogelfrei.
+Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal
+mahnen und schließlich gibt er's auf, weil es ihm
+zu dumm wird, oder weil er's vergißt. Leute, die
+sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich auf
+die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand
+gemahnt, das Buch lag immer in meinem
+Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf
+einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum
+geworden. Mit dem besten Gewissen der Welt
+trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel
+hatte ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer
+betrügerischen Absicht, sondern eher so, wie
+man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers
+entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der
+alte Trödler muß aber doch Spuren des Bibliothekstempels
+mit der Lupe gefunden haben. Es
+kann auch sein, daß er schon bei dem Buch, das
+ich ihm ein paar Monate zuvor verkauft hatte,
+Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete,
+der Alte ging öffnen und kam mit zwei Männern
+ins Zimmer zurück. Er sagte: ›Das ist er‹ und
+deutete auf mich, und einer von den beiden legte
+mir die Hand auf die Schulter und sagte: ›Im
+Namen des Gesetzes.‹</p>
+
+<p>Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren
+Erschreckens gar nicht zurechtlegen, was mir da
+geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die Empfindung,
+daß der alte Jude mich übertölpelt hatte.
+Sein kinnloses Gesicht machte mich plötzlich toll
+vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden Händen
+in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich
+<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>
+augenblicklich auf mich und rissen mich zurück, und
+der eine von ihnen sagte:&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört
+drein, Steffi! Wenn ich ruhig bin, so kannst du
+auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache doch
+mir passiert und nicht dir. &ndash; Willst du, daß ich
+nicht weiter erzähl'? &ndash; Also.</p>
+
+<p>Wo war ich stehen geblieben? Ja. &ndash; Der eine
+der beiden Polizisten sagte: ›Sie, exzedieren Sie
+nicht und kommen Sie ruhig mit.‹ Und der
+andere sagte: ›Mir scheint, er will Handschellen.‹
+&ndash; Da ließ ich mich abführen.</p>
+
+<p>Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen,
+blickte ich zurück und sah den Trödler, der seelenruhig
+an seinem Tisch saß und weiterschrieb. Was
+mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese
+Gleichgültigkeit brachte mich aufs neue in Raserei.
+Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die beiden
+Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer
+Balgerei, zwei Sessel fielen um und die Glastür
+ging in Splitter. Aber sie waren zu zweit stärker
+als ich und wurden schließlich mit mir fertig.</p>
+
+<p>Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und
+führten mich die Treppe hinunter. Einer ging vor,
+einer hinter mir. Die Treppe war schmal und gewunden,
+und man mußte vorsichtig von Stufe zu
+Stufe gehen, da es in dem alten Haus ziemlich
+finster war. Plötzlich glitt der Mann, der hinter
+mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten
+Augenblick gab ich dem andern mit beiden Händen
+einen Stoß in den Rücken, daß er sieben oder
+acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich
+die Treppe hinauf. Ich weiß nicht, wie es kam,
+aber ich hatte sofort einen Vorsprung von einem
+<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
+ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten
+Stock und auf den Dachboden. Ich hatte durchaus
+keinen wirklichen Fluchtplan, keine eigentliche Absicht,
+keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt.
+Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los
+sein, einen anderen Gedanken hatte ich nicht.</p>
+
+<p>Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat
+ein, zog den Schlüssel ab und sperrte von innen zu.</p>
+
+<p>Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren
+jede in eine ebenso enge Kammer führte. Alle drei
+Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene
+Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte
+nach einem Versteck. Es gab ihrer mehrere, aber,
+wo immer ich mich verborgen hätte, in ein paar
+Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine
+Möglichkeit von hier zu entkommen und die beiden
+Polizisten arbeiteten schon an der Türe.</p>
+
+<p>Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über
+mich. Bis jetzt war ich unfähig gewesen, zu denken.
+Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir
+bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt.
+Ich bin vom Land, weißt du. Schon in der Stadt
+ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar
+nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und
+belauert werden. Werde aufstehen müssen, wenn
+man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn
+man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen
+und Antwort geben müssen, wenn man mich fragt.
+Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn es
+andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten
+zu lassen. Das ist nicht zu ertragen! Und gestern
+war ich noch frei, konnte machen, was mir beliebte,
+konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne
+schossen mir in diesem Augenblick durch den Kopf,
+<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+die ich jahrelang mit mir herumgeschleppt und niemals
+ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige
+Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch
+einen Strohhalm ausgetrunken hab', fiel mir wie
+eine brennende Sünde ein; es heißt, daß man
+davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals
+ausprobiert. Dann, was ich schon lange
+vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen
+auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen,
+was er treibt, wie er sein Brot verdient und wie
+sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute auf
+eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer
+warten und irgendein Mädchen mit einer tollen,
+erfundenen Geschichte erschrecken können, daß ich
+schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen
+hatte zuschauen wollen, &ndash; alles das
+schoß mir durch den Kopf, alles das hätte ich
+noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß,
+lächerliche Dinge, aber es war die Freiheit.
+Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all
+meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen
+war, es wurde mir deutlich, wie nie zuvor,
+was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt war
+ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die
+ich in der engen Dachkammer zwischen dem Gerümpel
+machte, waren meine letzten freien Schritte.
+Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit!
+Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir
+bersten vor dem einen Wunsch: Freiheit! Nur
+noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden
+Freiheit! Zwölf Stunden! &ndash; und dabei hörte ich
+die Polizisten am Türschloß arbeiten, gleich waren
+sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß ich,
+mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben
+<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
+&ndash; Sei ruhig, Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt
+gar keinen Sinn.</p>
+
+<p>Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein
+bißchen Rasen, blühende Fliederbüsche, ein paar
+Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder Stiefmütterchen
+oder Nelken. Und dazwischen ein Baum.
+Aus einem offenen Fenster tönte die Musik eines
+Grammophons: Prinz Eugenius, der edle Ritter.</p>
+
+<p>Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den
+Entschluß bei den Worten: Stadt und Festung
+Belgerad, bei ›Belgerad‹ wollte ich &ndash; wollte ich
+hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam
+›Belgerad‹ viel zu bald, und ich verschob es bis:
+›Brucken‹, ›er ließ schlagen eine Brucken.‹ Und im
+nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus
+bis: ›Hinüber rucken‹, ›hinüber‹, ja dabei blieb es,
+das war das richtige Stichwort, wie ein Kommando.
+Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne
+schien mir auf den Kopf, und ich schlürfte die
+letzten Sekunden mit Wollust, und dann kam's:
+Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den
+Halt, ich hörte noch, wie die Glocke vom Kirchturm
+her neun Uhr zu schlagen begann, und dann&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte
+Demba an der Schulter gepackt und starrte ihn
+mit aufgerissenen Augen an.</p>
+
+<p>»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«</p>
+
+<p>»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte
+das Mädchen, bleich vor Entsetzen.</p>
+
+<p>»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach
+hinunter, das weiß ich noch. Und dann schossen
+zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der Dachluke.
+Es war mir auch, als ob ich einen Schrei
+<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>
+hörte, und ich hatte im gleichen Augenblick
+einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlten
+Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich,
+vor vielen Jahren, als ich ein kleines Kind
+war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen
+lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb
+Angst, daß ich mir etwas tun würde, halb kindischen
+Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und
+das gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber
+gleich darauf verlor ich das Bewußtsein. Wahrscheinlich
+bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo
+angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht,
+oder an der Dachrinne.</p>
+
+<p>Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was
+geschehen war. Ich bemühte mich, zu denken. Es
+ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Es
+war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder.
+›Wer bin ich eigentlich?‹ fragte es in meinem Kopf.
+Nicht so deutlich, nicht so in Worten, wie ich es
+dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und
+Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in
+der wüsten Leere. Dann wußte ich wieder, wer
+ich war, und fragte mich nur: ›Wo bin ich denn?‹
+Und es kamen Antworten: ›Zu Hause in meinem
+Bett, der Miksch &ndash; das ist mein Zimmerkollege &ndash;
+wird gleich kommen, aufstehen!‹ Und dann wieder:
+Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz
+in der vorletzten Bank. Nein, wie kann einem
+das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im
+Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte
+ich alles ringsum mich her erkennen, das Buschwerk,
+den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis,
+ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den
+Senftiegel aus Kupferemail und an die beiden
+<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>
+Polizisten, und ich wußte plötzlich genau, was geschehen
+war und wo ich mich befand.</p>
+
+<p>Das Grammophon aber spielte noch immer, und
+noch immer hielt es bei: Hinüber rucken. Vom
+Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun
+Uhr. Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht
+und das Haschen nach Bewußtsein hatte zusammen
+nicht länger als zwei Sekunden gedauert.</p>
+
+<p>Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte
+trotzdem aufzustehen. Es ging. Neben mir lagen
+zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk
+des Nußbaums gefallen, und das hatte die
+Wucht des Sturzes gemildert. Ich versuchte zu
+gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen
+leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar
+Hautabschürfungen davongetragen.</p>
+
+<p>Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar.
+Niemand hatte mich gesehen. Nur eine Katz rannte
+in hastiger Flucht quer durch den Garten. Die
+beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch
+immer mit dem Türschloß der Dachkammer.</p>
+
+<p>Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel
+und mein Hut lagen neben mir auf der Erde.
+Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die merkwürdigerweise
+nicht zerbrochen war. Ich bemerkte,
+daß ich auf einen Sandhaufen gefallen war, und
+bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so gut
+ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und
+das offene Haustor hinaus, ohne einem Menschen
+zu begegnen, bog in die Gasse ein und war frei!«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam
+wieder nieder. Er blickte auf den Boden und
+dachte nach. Dann sagte er:</p>
+
+<p>»Bis auf die Handschellen.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>9</h2>
+
+<p>»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen.
+Das hab' ich dir doch gesagt, daß sie mir Handschellen
+angelegt haben, als ich zum zweitenmal
+auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem
+Zimmer an der Glastüre. Wie ich nun unten im
+Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar
+nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein,
+daß ich gefesselt war, auch nicht, als ich mir den
+Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte gehen,
+so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich
+konnte verschwinden. Das war alles, was ich
+fühlte.</p>
+
+<p>Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte
+gar nicht daran, die Hände zu verstecken, so unvorsichtig
+war ich, so leichtsinnig. So gering wertete
+ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte
+und die Gefahr, die in den Handschellen auf mich
+lauerte.</p>
+
+<p>Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch
+und hielt mir die Nase mit den Händen zu. Ich
+ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei
+und ein altes Weib schaute durch die geschlossenen
+Scheiben auf die Gasse. Mit einemmal bekam ihr
+Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie
+erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet
+und starrte mich an, sie vermochte nicht zu rufen
+<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+und nicht zu schreien. Da erschrak ich selber über
+dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und
+versteckte die Hände unter dem Mantel, den ich
+über den Arm gelegt trug. Dann bog ich um die
+Ecke.</p>
+
+<p>Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen,
+wechselte häufig die Richtung und war bald sicher,
+daß mich die beiden Polizeiagenten nicht mehr auffinden
+konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu
+Hilfe kam. Ich trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter
+Bezirk fortzukommen. Als ich an einem
+bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen
+und wollte ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig
+Heller, dachte ich mir, als Dank an die Vorsehung,
+weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick
+fiel mir ein: ›Das geht ja nicht. Ich verrate
+mich ja, wenn ich mit meinen Händen in die Tasche
+fahre.‹ Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon Dankworte
+und Segenswünsche hergeleiert, und war
+wahrscheinlich enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht
+helfen und blieb für ein paar im voraus erhaltene
+›Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr‹ in
+seiner Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen,
+fühlte ich zum erstenmal, daß die Handschellen mehr
+waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick,
+wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit
+bedeuteten: eine furchtbare, atemberaubende
+Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen
+würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte,
+der sich an Sindbad des Seefahrers Rücken hing.</p>
+
+<p>Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging
+rascher und kam auf einen Platz mit einer kleinen
+Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein Tramwaywagen.
+Ich stieg ein. Aber kaum war ich
+<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+oben, so kam mir auch schon der Gedanke: ›Lieber
+Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit meinen
+gefesselten Händen.‹ Zum Glück war der Wagen
+voll Menschen und der Schaffner stand noch ziemlich
+weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs mit,
+und als dann der Schaffner in meine Nähe kam,
+stieg ich aus, als hätte ich mein Fahrziel erreicht
+und ging zu Fuß bis zur nächsten Haltestelle. Das
+machte ich drei- oder viermal. Die Methode war
+gut, ich kam bald in eine ganz andere Gegend
+und war in Sicherheit.«</p>
+
+<p>»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?«
+fragte Steffi Prokop ängstlich.</p>
+
+<p>»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu
+machen, Kind. Wien ist groß. Und wenn ich den
+beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall
+doch in den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich
+gewiß nicht. Sie haben mich nur ganz kurze Zeit
+und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen.
+Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut
+und Mantel; die Pelerine ist, glaub' ich, eigens
+für Leute, die ihre Hände verstecken wollen, erfunden.
+&ndash; Und schließlich hab' ich mir heute den
+Schnurrbart englisch stutzen lassen. Ich sehe doch
+jetzt ganz anders aus als sonst, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja. Ein bißchen verändert.«</p>
+
+<p>»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt.
+»Es war übrigens nicht gar so einfach, das sich
+rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich hätte
+leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen <ins title="können">können.</ins>
+Ich war nämlich vorsichtig gewesen und hatte,
+bevor ich in den Laden ging, in einem Haustor
+das Geld aus der Tasche genommen. Während
+ich rasiert wurde, hielt ich die ganze Zeit über die
+<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
+fünfzig Heller in der Hand. Als ich fertig war,
+stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe
+abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit
+auf die Erde fallen. Der Gehilfe hebt es
+auf, und ich freue mich schon über meine gute
+Idee und will gehen, da sagt er:</p>
+
+<p>›Noch zehn Heller, bitte.‹</p>
+
+<p>›Wieso denn?‹ frag' ich.</p>
+
+<p>›Vierzig Heller macht's,‹ sagt der Gehilfe.</p>
+
+<p>›Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde
+gefallen.‹</p>
+
+<p>›Nein. Es waren dreißig,‹ sagt er und zeigt mir
+die offene Hand, da waren wirklich nur dreißig
+Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte sich auf
+dem Erdboden verlaufen. Ich sage: ›Zwanzig
+Heller müssen noch irgendwo auf der Erde liegen.‹
+Er bückte sich, und während er suchte und nicht
+auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus
+der Tasche nehmen und auf den Tisch legen. Aber
+zum Unglück geht gerade in diesem Augenblick die
+Tür auf und ein Herr kommt herein &ndash; ich konnte
+gerade noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen.
+Inzwischen hat der Friseurgehilfe das Suchen
+satt bekommen und sagt: ›Es liegt nichts da, der
+Herr muß sich irren.‹</p>
+
+<p>›Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt,
+suchen Sie nur,‹ so antwort' ich ihm.</p>
+
+<p>Aber er wollte nicht länger suchen. ›Dreißig
+Heller sind dem Herrn gefallen. Ich hab's ja gesehen.‹</p>
+
+<p>Ich war ganz verzweifelt. ›Es waren bestimmt
+fünfzig Heller,‹ wiederhole ich. ›Suchen Sie nur,
+es muß sich finden.‹ &ndash; Und jetzt mischt sich noch
+der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines
+<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+schäbigen Sechserls wegen warten zu müssen. Daß
+er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen, und
+in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag'
+ich: ›Haben Sie schon unter dem Kasten nachgeschaut?
+Dorthin ist es gerollt.‹ Der Friseur sieht
+nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das
+Geld liegt tatsächlich dort. &ndash; Ich bin dann rasch
+fortgegangen, aber mir war zumut, wie einem, den
+beinahe ein Auto überfahren hätt'. &ndash; Ich habe
+nie vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine
+Hände braucht. Viel öfter als das Gehirn, das
+kannst du mir glauben, Steffi.«</p>
+
+<p>»Und was wirst du jetzt tun?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte
+Aufgabe. Erstens muß ich mir zweihundert Kronen
+verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht, Steffi, das
+kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los
+werden, und das ist's, wobei du mir helfen sollst.«</p>
+
+<p>Steffi Prokop schwieg und dachte nach.</p>
+
+<p>»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein
+hab' ich alles gesagt. Du magst entscheiden, ob
+ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir
+alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst
+du mich frei?«</p>
+
+<p>Steffi Prokop schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Demba biß sich in die Lippen.</p>
+
+<p>»Du willst mir also nicht helfen?«</p>
+
+<p>»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen
+sehen!«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß
+ich unrecht habe, dann brauch' ich deine Hilfe
+nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich
+verurteilst?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi
+leise und bittend. »Eine Frau kann einen Mann
+liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er dumm
+ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß
+mich die Handschellen sehen.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel
+von Steffi fort. »Wozu?«</p>
+
+<p>»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie,
+wenn ich dir helfen soll.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür.</p>
+
+<p>»Es wird jemand kommen.«</p>
+
+<p>»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop.
+»Erst wenn sie mit dem Essen fertig sind, kommt
+der Vater herein und legt sich aufs Sofa. Laß
+doch sehen.«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd
+die Hände unter der Pelerine hervor.</p>
+
+<p>»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich
+für einen Verbrecher hältst oder nicht. Ich erkenne
+nur mich selbst als Richter über mich an,« sagte
+er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen
+Blick an, der seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.</p>
+
+<p>»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop
+leise.</p>
+
+<p>»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba
+und verbarg die Hände eilig wieder unter dem
+Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne
+Kette. Handschellen! Das klingt ganz anders,
+als es aussieht. So harmlos. Ich habe immer,
+wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt
+im Winter gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren.
+Es klingt hübsch: Handschellen. Und ist
+doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn
+Abner an den Händen hätt'.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi
+Prokop fest. »Es kann doch nicht schwer sein, die
+durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat einen
+Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine
+Feile holen.«</p>
+
+<p>Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren
+und einer kleineren. »Jetzt mußt du die Kette so
+straff halten, als du kannst. So ist's gut. Jetzt,
+rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile
+zu bearbeiten.</p>
+
+<p>»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn
+sie dich fänden,« fragte sie. »Du mußt die Hände
+ruhig halten, sonst geht es nicht.«</p>
+
+<p>»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort.</p>
+
+<p>»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken
+von der Arbeit auf.</p>
+
+<p>»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.«</p>
+
+<p>Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte
+sich mit wilder Energie, die Kette durchzufeilen;
+arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht müde.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche
+an der Sache. Dieses Mißverhältnis von Schuld
+und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre
+ununterbrochene Tortur.«</p>
+
+<p>»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut.
+Sie hören drinnen im Zimmer jedes Wort.«</p>
+
+<p>»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man
+muß die Sache bei ihrem Namen nennen. Gefängnis,
+das ist der letzte Rest der Tortur und ihr ärgster. Die
+kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben
+sind abgeschafft, aber die schlimmste aller
+Folterstrafen, den Kerker, haben wir behalten. Tag
+und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten werden,
+wie ein Tier im Käfig &ndash; ist das nicht Folter?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich
+nicht arbeiten.«</p>
+
+<p>»Ja, und die Menschen wissen das und gehen
+dennoch spazieren und ins Theater und essen und
+schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und
+keinem das Behagen und keinem den gesunden
+Schlaf, daß zur selben Zeit tausend andere die
+Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen
+es zustande brächten dieses Wort ›Zwei Jahre
+Kerker‹ bis auf den Grund nachzufühlen, bis ans
+Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor
+Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne
+und die Bastille ist nur einmal gestürmt worden.«</p>
+
+<p>»Aber es muß doch Strafe geben.«</p>
+
+<p>»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben.
+Hör' zu, Steffi, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen,
+aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe
+geben.«</p>
+
+<p>Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung,
+stammelnd, heiser und fanatisch fuhr er fort:</p>
+
+<p>»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz.
+Strafe ist der Notausgang, der gestürmt
+wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht.
+Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen,
+das geschieht und geschehen wird.«</p>
+
+<p>»Das versteh ich nicht, Stanie.«</p>
+
+<p>»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen,
+das ist die Ursache jeder geistigen Rückständigkeit.
+Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst Mittel
+gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig
+und aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir
+in allem, wenn wir Galgen und Kerker nicht hätten.
+Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und
+es gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst
+<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>
+keine Waffen mehr und es gäbe keine Meuchelmörder.
+Jeder hätte, was er braucht und was er
+sich ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal
+kommt mir der Gedanke: Wie gut es ist, daß
+Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir
+keine Ärzte, nur Richter.«</p>
+
+<p>»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.«</p>
+
+<p>»Immer muß ich an das kleine Mäderl der
+Frau denken, mit der ich Tür an Tür wohne.
+Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit
+der strafenden Themis. Seine Mutter ist mit ihm
+von der Elektrischen abgesprungen und gestürzt.
+Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten
+Wagens geraten, ein Bein ist ihm zermalmt
+worden und mußte ihm abgenommen werden. Beide
+sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter
+und Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch
+nicht genug. Jetzt kommt erst die Gerechtigkeit und
+die will strafen. Die Mutter wird wegen Fahrlässigkeit
+angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend
+Kronen Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe.
+Aber tausend Kronen hat sie. Die hatte sie für
+ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein
+Krüppel ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden,
+so will es die Gerechtigkeit. Das Kind muß hungern.
+Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter strafen!
+Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen
+Irrwahn ›Strafe‹ hätte ich mich in die Hände
+geben sollen? &ndash; Bist du jetzt endlich fertig, Steffi?«</p>
+
+<p>»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest.
+Es geht nicht, Stanie!« schluchzte Steffi und blickte
+hoffnungslos und verzweifelt auf Stanislaus
+Dembas unglückselige Hände.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>10</h2>
+
+<p>»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar,
+du weinst! Was ist dir denn geschehen?«</p>
+
+<p>Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer
+getreten, daß Demba nicht Zeit gefunden
+hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen.
+Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen
+und fand für den Augenblick unter der Tischplatte
+ein Notasyl für seine Hände.</p>
+
+<p>»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte
+sich Herr Prokop bei Demba.</p>
+
+<p>»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig.
+»Steffi weint, weil mein kleiner Hund überfahren
+worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah
+mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem
+Sofa näherte, von dem aus man unter die Tischplatte
+sehen konnte.</p>
+
+<p>»Überfahren?« fragte Prokop.</p>
+
+<p>»Ja. Von einem Fleischerwagen.« &ndash; Dembas
+Hände suchten Deckung hinter einer Stuhllehne
+zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop
+seinen Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach,
+und er vor ihm stehen blieb, eilig wieder
+unter die Tischplatte zurückziehen.</p>
+
+<p>»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen
+Hund haben, Herr Demba. Wie Sie noch
+bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch
+ganz genau, da haben Sie doch Hunde auf den
+<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+Tod nicht ausstehen können?« &ndash; Herr Prokop
+legte sich auf das Sofa.</p>
+
+<p>»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der
+Raum unter der Tischplatte erwies sich als ein
+Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.</p>
+
+<p>»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr
+Prokop wissen.</p>
+
+<p>»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern
+Sie sich denn nicht, ich hab' ihn doch mal hergebracht,«
+erzählte Demba und versuchte, die breite
+Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop
+zu bringen.</p>
+
+<p>»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop
+blies aus seiner Pfeife eine Rauchwolke in die
+Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind geheißen?«</p>
+
+<p>»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein
+anderer Name als der seines Feindes von heute
+morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine
+Pfeife aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt
+werden.</p>
+
+<p>»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer
+Name für einen Hund. Also selig im
+Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt
+hör' auf, zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist
+kalt geworden.« Er gähnte. Nach Tisch wurde
+er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn
+kein Bureau heut nachmittag?«</p>
+
+<p>Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und
+warf einen verstohlenen Blick auf Dembas Hände,
+die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die Pelerine
+zu verschwinden im Begriffe waren. Dann
+ging sie ins andere Zimmer. Die Tür blieb offen,
+und Geruch von gekochtem Rindfleisch und
+zerlassener Butter drang herein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei
+Nippes, die auf der Kommode standen. Den Gnomen
+mit dem weißen Patriarchenbart, der einen
+roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die
+Katzenfamilie aus Porzellan und das Araberzelt
+mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das Steffis
+Vater aus <ins title="Korksstöpseln">Korkstöpseln</ins> hergestellt hatte. Der
+alte Prokop liebte Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen,
+das ganz aus alten Zündhölzchenschachteln
+angefertigt war, befand sich auch im
+Zimmer und an der Wand hing ein Kaiserbild
+aus gebrauchten Briefmarken.</p>
+
+<p>»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl
+jetzt Herr Prokop. »Ich hab's auf dem Tisch
+stehen lassen.«</p>
+
+<p>Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas
+leer und legte die Pfeife fort. Dann drehte er
+sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar
+Minuten später war er eingeschlafen.</p>
+
+<p>Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu
+Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes
+willen, was machen wir jetzt!«</p>
+
+<p>»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine
+sechsundneunzigste Lüge seit heute morgen,« meinte
+Demba.</p>
+
+<p>Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.</p>
+
+<p>»So ein Unglück! So ein Unglück!«</p>
+
+<p>»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch.
+»Das hat gar keinen Sinn. Wir müssen es nochmals
+versuchen.«</p>
+
+<p>»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich
+hab' gefeilt und gerieben, bis ich nicht mehr hab'
+können, und die Kette ist genau so geblieben, wie
+<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>
+sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie
+muß aus einem besonderen Stahl sein. Was machen
+wir jetzt, Stanie?«</p>
+
+<p>»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du
+wirst deinen Vater aufwecken.« Stanislaus Demba
+versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd
+über Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich
+aus und komisch zugleich: Diese beiden Hände,
+die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel aneinandergespannt
+waren. Wie ein stummer, langweiliger
+Begleiter, der starrsinnig mitgeht und sich
+nicht abschütteln läßt &ndash; so war Stanislaus Dembas
+linke Hand.</p>
+
+<p>Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu
+weinen auf und sagte plötzlich:</p>
+
+<p>»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es
+muß ja aufzusperren gehen.«</p>
+
+<p>»Natürlich.«</p>
+
+<p>»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu
+Hause. Im Vorzimmer an der Wand hängt ein
+Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel
+drin. Einer wird doch passen! Wir müssen
+sie durchprobieren.«</p>
+
+<p>Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und
+legte sie geräuschlos einen neben den andern aufs
+Fensterbrett.</p>
+
+<p>Sie versuchte es mit dem ersten.</p>
+
+<p>»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben
+im Speisezimmer. Der taugt nicht. Der ist zu
+groß.«</p>
+
+<p>Sie griff nach dem zweiten.</p>
+
+<p>»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch
+zu groß. Der geht überhaupt nicht ins Schlüsselloch
+hinein. Wart' einmal, der vielleicht. Das ist
+<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre
+Ohrringe eingesperrt hat und ihre beiden Lose. &ndash;
+Auch nicht.«</p>
+
+<p>Sie versuchte es der Reihe nach mit allen
+Schlüsseln. Keiner paßte. Ein einziger ließ sich
+im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte
+trotzdem nicht aufspringen.</p>
+
+<p>Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff
+zögernd in die Schürzentasche und brachte noch
+einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.</p>
+
+<p>»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch.
+Weißt du, mein Tagebuch hat Schließen und läßt sich
+absperren. Ich glaub', der wird bestimmt passen.«</p>
+
+<p>»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«</p>
+
+<p>»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen.
+Siehst du &ndash; nein! Der paßt auch nicht. Er ist
+zu klein.«</p>
+
+<p>Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.</p>
+
+<p>»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«</p>
+
+<p>»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,«
+sagte Demba. »Vom Schlosser. Wir nehmen einen
+Wachsabdruck ab &ndash; wo bekommt man Wachs?«</p>
+
+<p>»Wachs hab' ich zu Hause.«</p>
+
+<p>»Wieso denn?«</p>
+
+<p>»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und
+Vögel und Ornamente auf Seidenbänder und
+Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der
+braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit
+der Farbe nicht in Berührung kommen sollen,
+kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes
+Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.«</p>
+
+<p>Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und
+machte Abdrücke beider Schlösser.</p>
+
+<p>»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte
+<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>
+Demba. »Aber du mußt vorsichtig sein und dir
+gut überlegen, was du sagst, damit er nicht Verdacht
+schöpft.«</p>
+
+<p>»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber
+von uns wohnt eine Familie, und der älteste
+Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte. Der
+ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser
+repariert. Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich
+werd' ihm sagen, daß ich den Schlüssel zu meinem
+Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann
+ich ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil
+Sachen drin stehen, die er nicht lesen darf. Deswegen
+hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, &ndash;
+werd' ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht
+schöpfen. &ndash; Also wart', ich geh' gleich hinüber.«</p>
+
+<p>Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam.
+Aber sie war rot im Gesicht vor Freude und ganz
+aufgeregt.</p>
+
+<p>»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er
+das Tagebuch haben wollen, er brauche es unbedingt,
+hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig
+den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über
+ihn im Tagebuch steht. Darum wollt' er's haben.
+Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr,
+wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den
+Schlüssel.«</p>
+
+<p>»Erst um acht Uhr?«</p>
+
+<p>»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So
+lange mußt du warten. Aber weißt du, was? Du
+bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen
+Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr
+komm' ich dann zu dir und bring' dir den Schlüssel.
+Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'.
+Wird mich jemand sehen?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>»Nein.«</p>
+
+<p>»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch
+einem Herrn zusammen.«</p>
+
+<p>»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im
+Dienst.«</p>
+
+<p>»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht.
+Ich war noch nie in deiner Wohnung. Sicher
+hast du ein großes Durcheinander. Ich werd'
+Ordnung machen. Früher, wie du bei uns gewohnt
+hast, hab' ich dir oft genug Ordnung gemacht
+auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach
+Hause gehen und warten, bis ich komme. Du
+darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst verrätst du
+dich. Versprich mir's, Stanie.«</p>
+
+<p>Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht
+von dem Gedanken, mit Geld den Rivalen
+aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber
+alle Klugheit und alle Vorsicht.</p>
+
+<p>»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann
+ich jetzt nicht. Jetzt ist der Miksch noch zu Hause.
+Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch inzwischen
+zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich
+muß mir das Geld beschaffen.«</p>
+
+<p>»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und
+nickte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut
+auf den Kopf, mit einer grotesk gleichmäßigen Bewegung
+beider Hände, die an die Darstellung auf
+Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte.
+Dann stand er auf.</p>
+
+<p>»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du
+solltest dich doch irgendwo einsperren und niemandem
+zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher
+Gefahr, wenn jemand entdeckt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa
+hatte der alte Prokop eine Bewegung gemacht.
+Beide horchten nach dem Sofa hin.</p>
+
+<p>»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.</p>
+
+<p>»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar
+nicht aufgewacht. Stanie, folg' mir! Wenn jemand
+sieht, daß du&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte
+Demba mit gedämpfter Stimme. »Siehst du, mit
+diesen Handschellen bin ich abseits der Welt. Ganz
+allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen.
+Wer nur einen Blick auf meine gefesselten
+Hände erhascht, der ist von dieser Sekunde an
+mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher
+der friedlichste Mensch war. Er fragt nicht,
+wer ich bin, er fragt nicht, was ich getan habe,
+er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler
+plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs
+oder ein Rehbock, könnte die Jagd nicht so unbarmherzig
+und nicht so wild sein, als wenn mein
+Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar
+würden.«</p>
+
+<p>»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja
+sagen.«</p>
+
+<p>»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich
+gehe ruhig und sicher zwischen Millionen Feinden
+hindurch, die mich nicht erkennen und spotte sie
+aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch
+verraten können. Da war ich ein Anfänger. Aber
+jetzt &ndash; du glaubst nicht, was für eine Routine
+ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen.
+Es tut mir beinahe leid, daß der Tanz nur bis
+heut abend dauert. Heut abend um acht, nicht
+wahr? Und jetzt leb' wohl.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.</p>
+
+<p>»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.</p>
+
+<p>»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die
+Treppe hinunter.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>11</h2>
+
+<p>Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten
+in der Eßlinggasse, kam ein wenig
+außer Atem in das Privatkontor ihres <ins title="Mannes">Mannes.</ins>
+Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil
+fallen, der, für Klienten bestimmt, neben dem
+Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß einen
+asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann
+ein paar Banknoten hin.</p>
+
+<p>»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen
+achtzig Kronen machen.«</p>
+
+<p>»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung
+der Villa ›Elfriede‹ in Neuwaldegg.
+Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage, herrlicher
+Park, zwei Minuten von der Elektrischen &ndash;
+geh' hin und biet' mit!«</p>
+
+<p>»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit.
+Ich weiß nicht, ob ich das Geld behalten soll oder
+nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs und
+Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und
+der Demba, denk' dir, will ihn nicht nehmen.«</p>
+
+<p>»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«</p>
+
+<p>»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt
+gebeten.«</p>
+
+<p>»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat
+streifte die Asche von seiner Zigarre ab.</p>
+
+<p>»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen
+ist. Also hör' zu. Vor einer Viertelstunde läutet's
+<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+und die Anna kommt herein: Gnädige Frau, der
+Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk'
+mir: was kann er denn jetzt nach zwei Uhr wollen,
+die Buben sind ja bis vier in der Schule, das
+weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet
+und so hab' ich ihm sagen lassen: er soll
+im Salon ein paar Minuten auf mich warten,
+ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen.
+Und wie ich mit der Köchin fertig war, bin ich
+hineingegangen.«</p>
+
+<p>Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause
+und stieß einen ihrer leichten Seufzer aus, der andeuten
+sollte, wie schwer geplagt sie durch die vielfachen
+Anforderungen des täglichen Lebens sei.
+Dann fuhr sie fort:</p>
+
+<p>»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und
+sieht genau so aus, wie das Stubenmädchen, wenn
+ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt, sie
+ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen,
+davon kann sie nicht lassen. Also der Demba sieht
+auch aus, wie wenn er etwas Verbotenes getan
+hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben
+Sie nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir
+noch: warum ist der Mensch so verlegen? Nicht
+im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«</p>
+
+<p>»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.</p>
+
+<p>»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich
+also und ich frag' ihn: ›Nun, Herr Demba? Was
+bringen Sie Neues?‹ Er sagt: ›Gnädige Frau,
+ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn
+Tage verreisen muß.‹ &ndash; ›Das ist aber sehr
+unangenehm,‹ sag' ich. ›Mitten im Schuljahr. Und
+vor der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht
+brauchen? Was ist es denn so Dringendes?‹ &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+›Wichtige Familienangelegenheiten,‹ sagt er. ›Und
+der Georg wird in den beiden nächsten Wochen
+keine Nachhilfe benötigen und der Erich erst recht
+nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen
+gut, und in der Mathematik, in der Georg ein
+bissel schwach ist, kommt die nächste Schularbeit
+ohnehin erst in vier Wochen.‹</p>
+
+<p>›Also bitte,‹ sag' ich. ›Wenn Sie glauben, daß
+die Buben Sie nicht brauchen &ndash; eventuell können
+Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie
+vertritt.‹</p>
+
+<p>›Das wird nicht nötig sein,‹ gibt er zur Antwort,
+›Aber ich möcht' die gnädige Frau bitten&nbsp;&ndash;‹ also
+kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute das
+Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also,
+weißt du, ich führ' mir das nicht gern ein, Vorschuß
+an den Hauslehrer, aber ich hab' doch gesagt:
+›Bitte, sehr gerne‹, weil er doch das Geld
+für die Reise braucht. Und ich greif nach dem
+Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen heraus.
+Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die
+Stunden für die Zeit, wo er verreist ist, muß
+ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber ich hab'
+mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik
+durchgebracht, wir haben keinen einzigen Tadelzettel
+mehr ins Haus bekommen, seit der Demba
+den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet
+mit jedem Heller, wozu soll ich ihm also die
+paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür.
+Hab' ich recht?«</p>
+
+<p>»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.</p>
+
+<p>»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem
+Geldtascherl und, wie ich es wieder einsteck', &ndash;
+auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen, brenzlichen
+<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+Geruch, und ich seh' mich um und frag' den
+Demba: ›Herr Demba, riechen Sie nichts?‹ Und
+er zieht auch die Luft durch die Nase ein und
+sagt:</p>
+
+<p>›Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.‹</p>
+
+<p>›Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,‹
+sag' ich, und in dem Moment seh' ich schon den
+Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den
+Mantel gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre
+angezündet gehabt, während er auf mich gewartet
+hat, und die hat er rasch unter den Mantel
+versteckt, wie er mich kommen gehört hat, warum,
+das weiß ich nicht. Anfänglich dacht' ich, er hätte
+sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel
+genommen, &ndash; du läßt es immer wieder
+offen im Zimmer stehen, Robert, ich hab' dir hundertmal
+gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen,
+die Anna hat einen Feuerwerker, da läßt
+sie doch sicher jeden Abend, wenn sie mit ihm ausgeht,
+zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt
+dir ja nichts sagen! Hab' ich recht?«</p>
+
+<p>»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.</p>
+
+<p>»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich
+eine von deinen Virginiern genommen und sie unter
+dem Mantel verstecken wollen, und darum war
+er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf'
+also: ›Herr Demba, Sie haben sich ein Loch in
+ihren Mantel gebrannt.‹ Der Demba springt auf
+und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es
+war aber gar keine Virginier, es war eine kleine,
+dicke, solche rauchst du doch gar nicht, die muß
+er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat
+er sie dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also
+kurz und gut, mit einem Wort, er läßt die Zigarre
+<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>
+fallen und sie liegt auf dem Teppich und qualmt,
+auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von
+der Tante Regine bekommen haben aus Revanche
+dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den Ehrenbeleidigungsprozeß
+gegen ihren Hausherrn geführt
+hast. Also auf den Teppich fällt die brennende
+Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber der
+Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das
+nichts anginge und sieht zu, wie sie mir ein Loch in
+den Teppich brennt und macht keine Miene, sie
+aufzuheben.</p>
+
+<p>Ich ruf: ›Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre
+Zigarre aufheben? Sie sehen doch, daß sie mir
+den Teppich ruiniert!‹ Der Demba wird feuerrot
+im Gesicht und furchtbar verlegen und hustet
+und stottert und bringt kein Wort heraus und
+endlich sagt er: ›Entschuldigen Sie, gnädige Frau,
+ich darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten,
+ich bekomm' sofort Blutsturz, wenn ich mich
+bücke, hat der Arzt gesagt.‹ &ndash; Hast du schon so
+etwas gehört? Was sagst du dazu?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Advokat sagte »hm« dazu.</p>
+
+<p>»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst
+die Zigarre aufgehoben, wenn sich der Herr Demba
+nicht bücken kann,« sagte Frau Dr. Hirsch mit bitterer
+Ironie und seufzte leicht auf. Es war der
+kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame
+anzusehen, daß das Aufheben der Zigarre für sie
+ein mit erheblichen Schwierigkeiten verbundenes
+Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.</p>
+
+<p>»Der Teppich war aber schon ganz versengt,«
+fuhr sie nach einer Weile fort, »und hatte einen
+großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war natürlich
+nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem
+<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a>
+Herrn Demba weiter zu unterhalten, das begreifst
+du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den
+Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was
+glaubst du, daß geschieht: Der Herr Demba nimmt
+das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage:
+›Also bitte, hier sind die achzig Kronen!‹ Er
+schüttelt den Kopf und macht ein so verzweifeltes
+und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder
+leid getan hat. ›Aber, Herr Demba!‹ sag' ich.
+›Sie werden mir doch nicht den Teppich bezahlen
+wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.‹
+Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ›Also,
+das ist doch lächerlich, so nehmen Sie doch das
+Geld,‹ sag' ich. &ndash; ›Nein. Ich kann das Geld leider
+nicht nehmen‹, gibt er zur Antwort und ist wieder
+blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn
+er das Geld absolut nicht nehmen will, weißt du,
+streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen
+werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab'
+ich recht? Ich sag' also: ›Herr Demba, wenn Sie
+mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es ist
+zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich&nbsp;&ndash;‹
+und will das Geld wieder einstecken. Und wie
+ich es in die Hand nehm', da schaut er mich so
+böse und wütend an, wie wenn er mich mit den
+Zähnen zerreißen wollt'. Ich bin direkt erschrocken,
+so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld liegen
+lassen. Und ich denk' mir: Was will der
+Mensch eigentlich? Will er das Geld oder will
+er es nicht? Auf einmal sagt er: ›Gnädige
+Frau! Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den
+Kopf? Sie haben doch einen Rechtsgelehrten im
+Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen,
+gehen Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und
+<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+tragen Sie ihm den verwickelten Rechtsfall vor.
+Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet
+bin, Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so
+werde ich das Geld ohne weiteres nehmen.‹</p>
+
+<p>›Gut,‹ sag' ich, nehm' das Geld zusammen und
+steck' es ein. Weißt du, ich werde es doch nicht
+auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten gehen
+fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn
+die Anna zu wissen, wieviel der Demba Gehalt
+bekommt? Hab' ich recht?«</p>
+
+<p>»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.</p>
+
+<p>»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich
+von dem Demba die achzig Kronen zahlen
+lassen?«</p>
+
+<p>»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet
+ist, uns den Schaden zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,«
+sagte der Advokat und strich sich den Bart.
+»Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren.
+Es ist merkwürdig, was für ein starkes
+Rechtsempfinden mitunter gerade bei Nichtjuristen
+zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«</p>
+
+<p>Als der Advokat in den Salon kam, traf er
+Herrn Demba, dem die Unterredung zu lange gedauert
+zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer
+war leer.</p>
+
+<p>Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.</p>
+
+<p>»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden
+nicht so groß, mit achtzig Kronen ist er weitaus
+überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz
+billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß
+deine Tante Regina mehr als dreißig Kronen für
+ein Geschenk ausgibt?«</p>
+
+<p>»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch
+<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+plötzlich auf und zeigte entgeistert auf einen Haufen
+zerbrochenen Porzellans, der unter dem Kaminsims
+auf dem Fußboden lag.</p>
+
+<p>Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an
+der Demba, erbittert darüber, daß es ihm nicht
+gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer
+zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und
+sie hatte nichts anderes verbrochen, als daß sie
+dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen
+großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>12</h2>
+
+<p>»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin.
+»Herr von Gegenbauer, so wachen's doch auf!
+Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«</p>
+
+<p>Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom
+Sofa, wurde aber sofort munter, als er von dem
+Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte
+in der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten
+gehabt und erwartete nun das Erscheinen
+der bekannten beiden Herrn mit den scharfgebügelten
+Hosenfalten.</p>
+
+<p>»Ein Herr oder zwei?«</p>
+
+<p>»Einer,« sagte die Wirtschafterin.</p>
+
+<p>»In Uniform oder in Zivil?«</p>
+
+<p>»In Zivil.«</p>
+
+<p>»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«</p>
+
+<p>»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster
+Überzeugung.</p>
+
+<p>Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und
+steckte den Kopf ins Wasser. Dann trocknete er
+sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie
+seinen Scheitel zurecht.</p>
+
+<p>»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten
+lassen.«</p>
+
+<p>Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen,
+stützte eine Hand auf die Tischplatte und
+verschaffte sich durch einen Blick in den Spiegel
+die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der
+<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+mit Überlegenheit und kühlem Gleichmut die Dinge
+an sich herantreten läßt.</p>
+
+<p>Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen
+verpufften in die Luft. Nur Stanislaus Demba
+war es, dem die Haushälterin die Zimmertür
+öffnete.</p>
+
+<p>»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer.
+»Ich war auf anderen Besuch gefaßt, auf einen
+weit weniger angenehmen.«</p>
+
+<p>»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.</p>
+
+<p>»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen.
+Setzen Sie sich doch, alter Freund.«</p>
+
+<p>Demba setzte sich.</p>
+
+<p>»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über
+unser Pech?« fragte Gegenbauer.</p>
+
+<p>»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer
+vor einem Vierteljahr bei seinem Rigorosum
+durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis
+freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt,
+und er gab viel auf Ahnungen, die ihn jedoch
+in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich
+gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung
+gehabt, was man eigentlich von ihm wissen wollte.
+Aber Demba, der ihn zur Prüfung vorbereitet
+hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld
+beigemessen haben und war Gegenbauer einige
+Monate hindurch beharrlich ausgewichen.</p>
+
+<p>»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte
+Gegenbauer den Kollegen. »Eine ganz neue Sorte
+hab' ich da: ›Phädra‹. Kosten Sie einmal, von
+der algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy
+hat sie mir aus Biskra mitgebracht. Mit Lebensgefahr
+hat sie sie über die Grenze geschmuggelt.
+Kosten Sie!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>»Nein. Danke,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was
+Sie von der Marke halten. Sie sind Kenner.«</p>
+
+<p>»Danke, ich rauche nicht.«</p>
+
+<p>»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer
+vierzig Stück im Tag verqualmt?«</p>
+
+<p>»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam
+sogleich einen grausamen Hustenanfall, an dem er
+unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten der
+Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten
+Stunde eines Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.</p>
+
+<p>»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.</p>
+
+<p>»Wer denn?« fragte Demba.</p>
+
+<p>»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer
+Tarockpartie zu mir kommen.«</p>
+
+<p>»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn
+wieder angestellt, heut nachts?«</p>
+
+<p>»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd'
+ich immer stössig. Das könnten die Leut' schon
+wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«</p>
+
+<p>Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen
+Herrn, sondern nur der Postbote, der einen Brief
+und eine Karte brachte.</p>
+
+<p>»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann
+zu lesen.</p>
+
+<p>Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke
+läutete, einen Feldzugsplan entworfen. Sich einfach
+von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er
+nicht. Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser
+Art über die Lippen gebracht. Nein. Das Geld
+mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt
+werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit
+Kollegienhefte geliehen. Vorlesungen, die Demba
+im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zu
+<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+Hause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen
+hatte. Sie stellten einen ziemlichen Wert dar und
+Demba hoffte zuversichtlich, daß Gegenbauer die
+Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen
+haben werde. Denn Gegenbauer war niemals
+im stande gewesen, Entliehenes aufzubewahren,
+dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er
+angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen.
+Darauf hatte Demba seinen Plan gegründet.</p>
+
+<p>»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer
+den Brief auf den Tisch warf, »ich bin nur
+gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte noch brauchen,
+die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.«</p>
+
+<p>»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut.</p>
+
+<p>»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische
+Kunstepos&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Gegenbauer dachte nach. »Vier braune Hefte und
+eines ohne Deckel?«</p>
+
+<p>»Ja. Das sind sie.«</p>
+
+<p>»Müssen Sie die unbedingt haben?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich
+wieder einen Schüler bekommen.«</p>
+
+<p>»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die
+hab' ich nämlich verbrannt.«</p>
+
+<p>Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten
+Ton, der ihm zu Gebote stand, schrie er:</p>
+
+<p>»Was sagen Sie? Verbrannt?«</p>
+
+<p>»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von
+Zerknirschung.</p>
+
+<p>»Es ist nicht möglich,« rief Demba.</p>
+
+<p>»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie
+an meinen Durchfall durchs Rigorosum erinnerte.
+Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte,
+hab' ich eingetrieben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba.</p>
+
+<p>»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest.
+»Haben Sie kein zweites Exemplar?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann
+wird er halt auch durchfliegen.«</p>
+
+<p>»Wer denn?«</p>
+
+<p>»Ihr neuer Schüler.«</p>
+
+<p>Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit
+für höchste Zeit, mit praktischen Vorschlägen
+hervorzutreten.</p>
+
+<p>»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich.</p>
+
+<p>»Wer?«</p>
+
+<p>»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es
+nicht her. Er will es nur verkaufen.«</p>
+
+<p>»Wieviel verlangt er?«</p>
+
+<p>»Siebzig Kronen.«</p>
+
+<p>»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben
+Sie das nicht gleich gesagt, Sie Unglückswurm.«
+Er zog seine Brieftasche.</p>
+
+<p>»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte
+Demba rasch.</p>
+
+<p>Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende
+Nähe.</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände.
+Die Hefte kann ich Ihnen nicht herzaubern. Also
+nehmen Sie das Geld.«</p>
+
+<p>»Auf keinen Fall.«</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.«</p>
+
+<p>»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze
+Ihnen doch nur Ihren Verlust.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und
+geben Sie mir dann die Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße,
+elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken,
+daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen
+und das Geld wieder einstecken könnte.</p>
+
+<p>»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das
+mit ihm aus,« sagte Gegenbauer.</p>
+
+<p>Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er
+schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Es läutete.</p>
+
+<p>»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie,
+Demba, Ihr Feingefühl in allen Ehren, aber ich
+kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen machen.«
+Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß
+die Banknoten darin und stopfte es in die
+Tasche, die in Dembas Pelerine einladend offen
+stand.</p>
+
+<p>»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben.
+Machen Sie jetzt damit, was Sie wollen.«</p>
+
+<p>Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das
+Geld befand sich in seiner Tasche. Er hatte keine
+seiner Hände hervorziehen müssen, um es in Empfang
+zu nehmen. Und nun war es an der Zeit,
+an einen geordneten Rückzug zu denken.</p>
+
+<p>»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin
+und legte die Visitkarte auf den Tisch.
+»Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich
+Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer.
+»Ich lasse die Herren bitten.«</p>
+
+<p>»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba
+eilig. »Ich danke Ihnen bestens, die Sache ist in
+Ordnung.«</p>
+
+<p>»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut.
+»Lassen Sie sich wieder mal bei mir blicken.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>Und Demba verließ, die Beute in der Tasche,
+die Wohnung, an zwei unnahbaren Herren im
+Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in
+düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.</p>
+
+<p>Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen.
+Und ganz ohne Mühe, ganz programmäßig
+beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen!
+Demba fühlte im Gehen, wie bei jedem
+Schritt das Kuvert, das den Schatz enthielt, in
+der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen!
+Das war zwar nur ein Bruchteil dessen,
+was er brauchte. Aber er hatte sich bewiesen, daß
+man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben.
+&ndash; Es ist nicht leicht, &ndash; dachte Demba, &ndash;
+aber es geht. Es geht! Er mußte an einen Menschen
+denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche,
+den er einmal sich rühmen gehört hatte: ›Heut hab'
+ich, ohne eine Hand zu rühren, fünfhundert Kronen
+verdient!‹ Ohne eine Hand zu rühren! Welch
+eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch
+das Geld in die Hand genommen, die Brieftasche
+aus der Tasche gezogen, die Banknoten zusammengefaltet
+und in die Tasche geschoben. Dann die
+Quittung unterschrieben und dem Geschäftsfreund
+die Hand geschüttelt. Und das alles nannte der
+Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich.
+Wenn er eine Ahnung hätte, wie schwer das in
+Wirklichkeit ist: Geld erwerben, ohne die Hände
+zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig
+nicht. Man muß die Menschen durch List,
+durch Überlegenheit des Geistes, durch volle Ausnützung
+der Situation, durch die Macht des Willens,
+durch die Gewalt des Auges zwingen, das
+zu tun, was man von ihnen erwartet. So wie
+<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>
+ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das
+Geld aufzudrängen, das ich nicht nehmen konnte.</p>
+
+<p>Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber
+gingen und lachte leise in sich hinein. Wenn
+einer von diesen vielen Menschen Augen hätte, die
+meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte
+Dame mit dem eleganten Seidenschirm etwa. Nein,
+die wäre auch dann nicht gefährlich. Die würde sich
+schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem
+Schreck zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen.
+Aber der Herr dort, der sieht energisch aus.
+Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort
+auf mich losgehen. Ich würde trachten, ihm
+rasch aus den Augen zu kommen, aber er würde
+schreien: Aufhalten! Aufhalten!</p>
+
+<p>Wie sich im Nu das Straßenbild verändern
+würde. Dieser Tumult! Alle wären sie sofort
+hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie
+in Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es
+gegen einen geht, dem die Hände gefesselt sind.
+Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort
+vom Bock herunterspringen und mit der Peitsche
+auf mich losgehen. Und der Mann im Wagen,
+ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei
+sein wollen, so etwas läßt man sich nicht entgehen.
+Und der Bäckerjunge wird mit seinem leeren Korb
+nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem
+Geigenkasten und der Dienstmann dort wird
+mir ein Bein stellen, wenn ich an ihm vorbeilauf',
+die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn
+sie die Handschellen an meinen Händen sieht.
+Und ich hab' nur einen einzigen Menschen, der zu
+mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi.
+Nein. Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling.
+<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+Der Narr hilft mir, ohne es zu wissen. Vielleicht
+schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn denke,
+den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen
+wird. Und noch einen dritten Verbündeten hab'
+ich. Den besten: Die alte, brave Pelerine. Die
+beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe.
+Niemand sieht mich.</p>
+
+<p>Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er
+aussieht mit seinem dünnen, braunen Backenbart.
+Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den
+Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische
+hineinfährt und kein Fiaker in einen Möbelwagen.
+Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der nur
+einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde &ndash; ich
+wäre verloren. Aber er merkt nichts. Er kann
+nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe
+an ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken
+lesen könnte! Man sollte nur Gedankenleser und
+Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés
+gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig.
+Irgend jemand sollte im Reichsrat den
+Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist
+Se. Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion
+die Weisung ergehen zu lassen, daß künftighin
+tunlichst&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Sie, Herr!«</p>
+
+<p>Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war
+ihm, als hätte er einen Schlag vor die Brust
+bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz
+pochte. Die Knie zitterten ihm. Langsam nur
+vermochte er sich zu fassen. &ndash; Ach Gott, wie
+man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der
+Wachmann hat ja gar nicht mich gemeint ›Sie,
+Herr!‹ hat er gerufen, und ich hab' das gleich auf
+<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>
+mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat.
+Wahrscheinlich&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.</p>
+
+<p>Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem
+Ruck, als ob er zu Stein erstarrt wäre. Das
+Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen
+aneinander und das Herz pochte ihm bis zum
+Hals hinauf. &ndash; Nein. Täuschung war nicht möglich.
+Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und
+jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam
+auf ihn zu&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht,
+erwartete Stanislaus Demba das Ende seiner
+Freiheit.</p>
+
+<p>Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und
+maß ihn mit den Augen und eine Sekunde lang
+sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß.
+Demba fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen
+werde. Und jetzt, jetzt kam's.</p>
+
+<p>»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der
+Wachmann höflich.</p>
+
+<p>Demba verstand nicht gleich.</p>
+
+<p>»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der
+Wachmann.</p>
+
+<p>Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen
+konnte er nicht, er schüttelte nur den Kopf.</p>
+
+<p>»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?«
+fragte der Wachmann nochmals.</p>
+
+<p>Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen
+des Polizisten, aber es gelang ihm nicht, einen
+Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß
+er wieder atmen konnte und sog in langem Zug
+die Luft ein. Irgendein schwerer Druck löste sich
+und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt dämmerte
+<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>
+es ihm auf, daß das Kuvert in den Händen
+des Polizisten das Geld, sein Geld enthielt,
+daß er es verloren hatte, und daß er es zurückhaben
+müsse.</p>
+
+<p>»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber
+im gleichen Augenblick stieg ihm ein furchtbares
+Bedenken auf.</p>
+
+<p>Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das
+Kuvert geschickt und nonchalant mit den Fingerspitzen
+fassen, dem Wachmann wird das vielleicht
+gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache
+ja nicht zu Ende! Um Gotteswillen, dann mußte
+er mit ins Kommissariat, mußte seinen Namen
+nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben,
+und auf dem Tisch des Polizeikommissärs
+lag vielleicht schon die Personsbeschreibung. Der
+<ins title="Polzeibericht">Polizeibericht</ins> von heute morgen: Junger, etwa
+fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den
+besseren Ständen angehörend, groß, kräftig, rötlicher
+Schnurrbart, &ndash; und der Kommissär faßt
+mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die
+Personsbeschreibung, sieht mich wieder an&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er
+verleugnete sein Geld.</p>
+
+<p>»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten
+und gab sich Mühe, daß seine Stimme nicht
+allzusehr zitterte.</p>
+
+<p>»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche
+gefallen?« fragte der Wachmann erstaunt.</p>
+
+<p>»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert.
+»Dann kann es nur der Herr drüben verloren
+haben.«</p>
+
+<p>Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor
+<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>
+Stanislaus Demba die Straße überquert hatte
+und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes
+stand.</p>
+
+<p>Der Wachmann salutierte und der Herr vor
+dem Schaufenster zog höflich seinen englischen, steifen
+Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin
+und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte
+ihn mit Aufmerksamkeit an. Dann sah Demba,
+wie der elegante Herr die Silberkrücke seines Malagarohres
+an den Arm hängte, dem Wachmann das
+Kuvert aus der Hand nahm und die Banknoten
+zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch
+aus der Tasche hervorholte, die Banknoten
+sorgfältig hineinlegte und das Buch in seiner Brusttasche
+verwahrte.</p>
+
+<p>Und wie er dann dankend den Hut zog und
+sich gemessenen Schrittes entfernte.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a>13</h2>
+
+<p>Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große
+Herrenmodewarengeschäft auf dem Graben ein und
+ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen.
+Er prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke
+mit Sorgfalt und Kennerschaft, warf die Bemerkung
+hin, daß er sich die Auswahl größer vorgestellt
+habe und daß man etwas wirklich Neues und
+zugleich Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr
+zu sehen bekäme und entschied sich schließlich für
+eine orangefarbene Krawatte aus schwerer, schillernder
+Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher
+in anderen Geschäften erstandenen Stücken, in
+Seidenpapier einschlagen ließ.</p>
+
+<p>Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat
+er auf die Straße. Es war das dritte Geschäft
+dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag
+mit seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber
+nicht glauben, daß er einen besonders dringenden
+Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein,
+Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung
+von fast sechshundert Krawatten in allen Ausführungen
+und Farbennuancen, in der alle Formen,
+von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu
+den Exemplaren von der feurigen Farbenpracht
+eines Topaskolibris vertreten waren. Aber eine
+Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines
+schön ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag,
+drängte ihn immer wieder zu neuen Ankäufen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro
+anzündete, konnte er feststellen, daß seine elegante
+Erscheinung und sein distinguiertes Auftreten berechtigtes
+Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen
+Eindruck schien er aber auf einen jungen Mann
+gemacht zu haben, der unweit von ihm auf dem
+Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener
+Bewunderung betrachtete. Stumme Ovationen
+dieser Art waren Herrn Kallisthenes Skuludis
+nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in
+solch naiver Form zu äußern pflegten. Er war
+es gewöhnt, daß die lässig-charmante Art, wie er
+beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den
+Stock in den Fingern hielt, schon nach kurzer
+Zeit &ndash; Herr Kallisthenes Skuludis verweilte überall
+nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen&nbsp;&ndash;,
+von den Elegants der Stadt kopiert
+wurde, und daß die vornehm zerstreute Geste, mit
+der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und
+in Brand steckte, in den Salons der großen Welt
+immer vorbildlich wirkte.</p>
+
+<p>Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken
+Gefühl für gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht,
+und der junge Mensch dort schien seinem
+ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören
+oder nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis
+bewegte. Dieser setzte daher, ohne Stanislaus
+Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang
+fort, denn unter den Eigenschaften, die ihm die
+Sympathien der guten Gesellschaft von Paris,
+Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert
+hatten, war seine vornehme Zurückhaltung sicherlich
+eine der hervorstechendsten.</p>
+
+<p>Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage
+<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+eines Blumengeschäftes, nahm in einem Delikatessenladen
+eine kleine Erfrischung und überquerte
+sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen,
+die er, er wußte nicht mehr recht woher, wahrscheinlich
+von einer Schiffsreise im Mittelmeer her
+kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm
+Stanislaus Demba von neuem auf, der ein paar
+Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber
+lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis
+besaß ein vorzügliches Personengedächtnis &ndash; das
+erforderte sein Beruf &ndash; und er erkannte sofort
+den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem
+Krawattengeschäft stumme Huldigungen erwiesen
+hatte.</p>
+
+<p>Er verabschiedete sich von der Dame und betrat
+einen Friseursalon. Rasiert und mit frischgezogenem
+Scheitel trat er nach einer Viertelstunde auf die
+Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete,
+war wieder Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber
+ein wenig zu Mißtrauen. Er dachte immer
+gleich an einen Detektiv &ndash; das brachte sein Beruf
+mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus
+Demba allerdings nicht aus. Dennoch wollte
+Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person,
+das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag
+legte, nicht recht behagen. Er fand, daß Wien im
+Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt sei,
+ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene
+Fremde wie ein Meerwunder angestaunt
+wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang,
+indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses
+an einem der Tische niederließ.</p>
+
+<p>Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu
+überlegen. Im nächsten Augenblick trat er an
+Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis,
+Platz nehmen zu dürfen.</p>
+
+<p>Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich
+unangenehm berührt. Es waren ja noch mehrere
+Tische frei, und er legte besonderen Wert
+darauf, seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit
+nehmen zu können. Neue Bekanntschaften
+pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und
+anderen belebten Orten anzuknüpfen &ndash; und das
+auch nur, weil es sein Beruf erforderte.</p>
+
+<p>»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte
+er darum zu Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut
+sein, wenn wir die Erledigung unserer Angelegenheit
+nicht länger aufschieben,« sagte Demba und
+setzte sich.</p>
+
+<p>Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet
+an.</p>
+
+<p>»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher
+in Ordnung bringen sollten,« wiederholte Demba.</p>
+
+<p>Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis
+einen anheimelnden Klang. Er faßte sein
+Gegenüber genauer ins Auge.</p>
+
+<p>»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen
+Unternehmungen Sie Interesse haben?«
+fragte er.</p>
+
+<p>»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba.
+»Bis hieher bin ich Ihnen nachgegangen. Erst
+hier war es mir möglich, Sie unauffällig und
+unter vier Augen zu sprechen.«</p>
+
+<p>»Unauffällig« und »unter vier Augen« &ndash; diese
+beiden Worte machten auf Herrn Skuludis einen
+<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>
+guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber
+als einen Mann von Diskretion, und Diskretion
+ging Herrn Skuludis über alles &ndash; das lag im
+Wesen seines Berufes begründet.</p>
+
+<p>»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?«
+fragte Demba.</p>
+
+<p>»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem
+Kopf. Jetzt ging ihm ein Licht auf.</p>
+
+<p>Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße
+eine Unterredung sehr delikater Natur mit einem befreundeten
+Juwelenhändler gehabt, dem er Schmuckstücke
+jener Art, die man nur ungern dem grellen
+Licht des Tages aussetzt, zum Kaufe angeboten
+hatte. Die Verhandlungen hatten sich jedoch unglücklicherweise
+zerschlagen, und Skuludis hatte sich
+entfernt, nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz
+und die Gewinnsucht des Händlers fallen zu
+lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der
+Mann einen seiner Angestellten mit der Aufgabe
+betraut hatte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren,
+und die Verbindung bei Gelegenheit von
+neuem anzuknüpfen.</p>
+
+<p>»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr
+Skuludis.</p>
+
+<p>»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.«</p>
+
+<p>»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch
+nicht völlig erledigt ist?«</p>
+
+<p>»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba
+grimmig.</p>
+
+<p>»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs
+dringend,« meinte Herr Skuludis.</p>
+
+<p>»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig.</p>
+
+<p>»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage.
+Ich mußte Geld haben, und das wollte man
+<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>
+sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse
+gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.«</p>
+
+<p>»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,«
+sagte Demba erfreut.</p>
+
+<p>»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere
+Angebote einholen,« erklärte Herr Skuludis.</p>
+
+<p>»Das verstehe ich nicht.«</p>
+
+<p>Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes
+Notizbuch, und legte mit der ihm eigenen eleganten
+Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen
+dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf
+den Kaffeehaustisch.</p>
+
+<p>»In diesem Kuvert befinden sich achthundert
+Kronen. Ein glattes Geschäft. Sie sehen, die
+Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen wollte,
+war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von
+welchem Chef, welcher Verlegenheit und welchem
+Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit
+seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der
+Seite an. Daß in dem Kuvert jetzt achthundert
+Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit
+Verwunderung.</p>
+
+<p>»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,«
+wiederholte Herr Skuludis.</p>
+
+<p>»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem
+Kuvert sind siebzig Kronen. Nicht mehr und nicht
+weniger.«</p>
+
+<p>Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis
+aufs höchste. Er war zwar abergläubisch, aber
+daß dem Angestellten eines Hehlers aus der Praterstraße
+übernatürliche Kräfte zu Gebote standen &ndash;
+diese Erfahrung warf ihn aus seinem seelischen
+Gleichgewicht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in
+ziemlich unsicherem Ton.</p>
+
+<p>»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das
+werd' ich doch wissen,« zischte Demba über den
+Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte
+haben, mir das Geld zurückzugeben.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis.</p>
+
+<p>»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los.
+»Nun, Sie werden mich gleich verstehen. Sie
+haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von
+einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm,
+Sie hätten es verloren. Verstehen Sie mich
+jetzt?«</p>
+
+<p>Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe
+rascher Auffassungskraft in hohem Grade. Blitzschnell
+fand er sich in die geänderte Situation.
+Er erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen
+war, einen Unberufenen Einblick in seine
+Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte
+aber im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest,
+daß er vorsichtig genug gewesen war, keinen Namen
+zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur
+in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das
+gab ihm seine Sicherheit wieder. Vor allem galt
+es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch ein
+Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt
+hatte. Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen,
+ehe er über seine weitere Taktik schlüssig wurde.</p>
+
+<p>»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten
+spielen?« fragte er und nickte Demba vertraulich
+zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation und
+die Situation ist klar.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Was</em> soll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba.</p>
+
+<p>Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes
+<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>
+Skuludis über den Tisch und begann, überlegen
+lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er suchte
+Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene
+Legitimationskarte <ins title="der">des</ins> Detektivs vermutete.</p>
+
+<p>Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen
+Mantel in Ruhe!« rief er drohend.</p>
+
+<p>»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?«
+riet Herr Skuludis und arbeitete an dem
+obersten von Dembas Mantelknöpfen.</p>
+
+<p>»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte
+Demba und rückte von Herrn Skuludis fort.</p>
+
+<p>Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm
+sich kein Polizeiagent.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er.</p>
+
+<p>»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben,
+will ich zurück. Seit einer Stunde gehe ich Ihnen
+auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld zurückzubekommen.
+Oder glauben Sie, daß es mich
+interessiert hat, zu erfahren, bei wem Sie Ihre
+Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen, und
+mit welchen Kokotten Sie verkehren?«</p>
+
+<p>Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner
+Betrüger, der zufällig Zeuge jenes Vorfalles gewesen
+war und dies ausnützen wollte, um einen
+Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte,
+wie er ihn loswerden könnte.</p>
+
+<p>»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige
+Weise in den Besitz dieses Geldes gekommen bin?«
+fragte er in scharfem Ton.</p>
+
+<p>Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl,
+das behaupte ich,« gab er ebenso scharf zurück.</p>
+
+<p>»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen
+gehört.«</p>
+
+<p>»Jawohl. Es gehört mir.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a>»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den
+ungeklärten Fall dem nächsten Wachmann vorzutragen,«
+sagte Herr Skuludis mit verbindlichem
+Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die
+Verhandlungen an einem toten Punkt angelangt
+seien.</p>
+
+<p>»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr
+gegen seine Überzeugung.</p>
+
+<p>Also doch ein Detektiv &ndash; dachte Herr Skuludis.
+Mit seiner Drohung war es ihm keineswegs ernst.
+Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur geringen
+Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache
+zu schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter
+den Funktionären der Polizei etliche gute Bekannte
+&ndash; das brachte sein Beruf mit sich&nbsp;&ndash;, denen seine
+Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes
+Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in
+seiner Rocktasche zwei goldene Uhren, ein Anhängsel,
+zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe
+&ndash; kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen
+des Eilzugs Wien-Budapest &ndash; bei sich,
+deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine
+Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion
+wäre ihm im höchsten Grade ungelegen gekommen.</p>
+
+<p>»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine
+Zeche boshafterweise mit einer der Banknoten aus
+dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche erhoben
+hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba
+den denkbar schlechtesten Eindruck und versetzte ihn
+in hellen Ärger.</p>
+
+<p>»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen
+gekommen zu sein,« bemerkte er bissig.</p>
+
+<p>Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung
+<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>
+mit Schmerz, daß Demba nicht die Umgangsformen
+der großen Welt besaß. Aber Ruhe und Selbstbeherrschung
+gehörten zu seinem Berufe, und er
+begnügte sich, seinen Gegner mit einem verächtlichen
+Blick zu messen.</p>
+
+<p>Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber
+beide Herren schlugen ganz von selbst eine Richtung
+ein, in der auf tausend Schritte Entfernung
+weit und breit kein Wachmann zu sehen war.
+Und beide spähten, gänzlich unabhängig voneinander,
+nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen
+Situation eine neue Wendung zu geben. Herr
+Skuludis studierte mit Aufmerksamkeit die vielfachen
+Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens,
+während Demba, um sich einen guten Abgang zu
+sichern, die Vorteile erwog, die ein dem Gegner
+unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.</p>
+
+<p>Herr Skuludis war es, der auch hier wieder
+seine Entschlossenheit und seine Neigung zu rascher
+Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen versah,
+hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische
+Tramway geschwungen. Er befand sich bereits in
+voller Fahrt, als Demba sein Verschwinden bemerkte.</p>
+
+<p>Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft.
+Dann begriff er: Herr Skuludis gab seine Sache
+verloren, und diese Flucht bedeutete den moralischen
+Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance,
+die siebzig Kronen zurückzuerlangen, stieg.</p>
+
+<p>Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine
+triumphierend-höhnische Grimasse, zu der sich Herr
+Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ, spornte
+Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte,
+zu höchster Kraftleistung an. Wütend keuchte
+<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a>
+er hinter dem Wagen her. Er kam ihm näher.
+Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis
+auf Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei
+Passanten zusammen, rannte weiter und holte den
+Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden
+lang mit ihm Schritt, und dann sprang er, als
+der Wagen in einer Kurve sein Tempo verlangsamte,
+mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett
+und stand oben &ndash; erschöpft, mit pfeifendem Atem,
+nach Luft schnappend, und dennoch siegreich und
+triumphierend.</p>
+
+<p>Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen,
+beschämt und grenzenlos verlegen anzutreffen.
+Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand, sah
+er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen
+Ausdruck angenommen hatte. Nicht Angst, nicht
+Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu lesen,
+sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung
+malte sich in Herrn Skuludis Zügen.
+Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit
+der ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich
+wie ein steinerner Apoll, starr vor Staunen auf
+Dembas Hände.</p>
+
+<p>Auf die Hände! Auf Dembas Hände!</p>
+
+<p>Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange
+des Tramwaywagens verfangen, seine Hände
+waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen
+Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis
+lag offen.</p>
+
+<p>Aber nur einen Augenblick lang. Und von all
+den Menschen, die dichtgedrängt den Wagen füllten,
+hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände gesehen.</p>
+
+<p>Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba
+und Skuludis, vom Wagen abgesprungen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a>Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer
+wußte sein Geheimnis, und diesem einen galt es
+zu entkommen.</p>
+
+<p>Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll,
+ohne sich umzusehen. Und Herr Skuludis,
+eifrig winkend, gestikulierend und rufend,
+hinter ihm her.</p>
+
+<p>Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung
+durch einen Sprung auf einen Autoomnibus zu
+entziehen.</p>
+
+<p>Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd
+und mit Bedauern nach. Auf einen
+Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht
+einlassen. Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose,
+überstürzte Flucht. Seine anfängliche Abneigung
+gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen.
+Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden.
+Wie gerne wäre er ihm mit Rat und
+Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den
+begabten, jungen Anfänger in seiner Zunft erkannt,
+der, weiß Gott auf welche Art in eine mißliche
+Situation geraten war.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>14</h2>
+
+<p>Stanislaus Demba verließ den Omnibus und
+ging langsam die Mariahilferstraße hinunter. Er
+überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht nicht.
+Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten
+Stunden. Da kann ich doch nicht gut schon jetzt
+um einen Vorschuß bitten. Außerdem, sie sind
+kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso
+wie seine Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt
+hab', &ndash; es waren ohnehin nur fünfundfünfzig
+Kronen für sechs Stunden in der Woche&nbsp;&ndash;,
+haben sie mir fünf Kronen heruntergehandelt.
+Wenn einmal an einem Feiertag eine Lektion ausfällt,
+oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's
+ab. Und dabei sind es vermögende Leute. Er ist
+Prokurist in einer Regenschirmfabrik und sie hat
+einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten muß
+ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie
+so um den Sechsten herum mit dem Geld herausrücken.
+Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie
+schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.</p>
+
+<p>Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das
+Geld ohne weiteres. Das sind vornehme und feine
+Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur
+eine Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld.
+Freilich, wenn ich sag', daß ich jetzt vierzehn Tage
+ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht sein.
+Der Junge steht miserabel in Geographie und
+<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+Physik. Da muß ich einen zwingenden Grund
+für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der
+den Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir
+schon einer einfallen, ich hab' ja noch fünf Minuten
+zu gehen.</p>
+
+<p>Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten
+Stock eines neuen Hauses. Neben dem Haustor
+über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R.
+Becker, ordiniert von zwei bis fünf.</p>
+
+<p>Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern
+stieg langsam die Treppe hinauf. Als er
+das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er stehen.
+Ein Gedanke war ihm gekommen.</p>
+
+<p>Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer.
+Kein Mensch war zu sehen.</p>
+
+<p>Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine
+Rocktasche und zog ein Taschentuch hervor. Dabei
+fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche,
+und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben.
+In diesem Augenblick stieg der Lift lautlos an ihm
+vorbei in die Höhe.</p>
+
+<p>Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den
+Mantel. Erschrocken blickte er dem Aufzug nach.
+Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas,
+sah er zu seiner Befriedigung. Der Insasse
+konnte unmöglich die Handschellen gesehen haben.</p>
+
+<p>Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer
+wieder hinunter. Demba wartete, bis die Wohnungstür
+im dritten Stock geöffnet und wieder
+geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug
+sein. So, und nun&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die
+Treppe herunterkommen. Wieder verbarg Demba
+die Hände. Und wie langsam das ging! Eine
+<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+alte Dame, die sich auf den Arm ihres Stubenmädchens
+stützte. Und just neben Demba blieb sie
+stehen und ruhte aus. &ndash; Jetzt ging sie wieder.
+Endlich. Aber da kam schon wieder wer anderer
+die Treppe herauf!</p>
+
+<p>Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt
+brachte. Sie legte eine Zeitung vor die Tür des
+zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten
+Stock hinauf.</p>
+
+<p>Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts
+machen, da heißt's einfach warten&nbsp;&ndash;, dachte
+Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung
+hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen
+Füßen lag, las gleichgültig eine in großen Lettern
+gedruckte Aufschrift: ›Rücktritt des ungarischen Ministerpräsidenten‹,
+und plötzlich durchfuhr es ihn,
+ob nicht schon&nbsp;&ndash;. Wie, wenn schon etwas in
+den Abendblättern steht von meiner Flucht durchs
+Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht
+darin, alles ganz genau, ›der Täter entzog sich der
+Verhaftung durch einen verwegenen Sprung aus
+dem Dachbodenfenster in den Hof‹, steht vielleicht
+drinn, und ›anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei
+ist dem Flüchtling auf der Spur.‹ &ndash; Oder
+vielleicht steht gar dort: ›Der Verdacht der Täterschaft
+lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D.,
+Universitätshörer. Seine Verhaftung steht unmittelbar
+bevor.‹</p>
+
+<p>Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete
+Demba, bis die Zeitungsausträgerin die Treppe
+wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er die Zeitung
+vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er
+sie.</p>
+
+<p>Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter
+<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>
+den Lokalnotizen muß es stehen. Da sind sie.
+Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.</p>
+
+<p>Musikalischer Zapfenstreich. &ndash; Die Generalversammlung
+des niederösterreichischen Jagdverbands
+auf Dienstag, den einundzwanzigsten, verschoben.
+&ndash; Filmbrand auf der Straße. &ndash; Oberinspektor
+Hlawatschek gestorben. &ndash; Ein seltenes Jubiläum.
+&ndash; Ein Selbstmordversuch, halt. Was ist das?
+<ins title="›Die">Die</ins> Gattin des Realschulprofessors Ernest W.,
+Frau Kamilla W., hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße
+gelegenen Wohnung Veronal&nbsp;&ndash;,
+nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte
+der städtischen Straßenbahnen. &ndash; Die Tat einer
+Mutter. &ndash; Schluß.</p>
+
+<p>Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich.
+Das hätt' ich mir gleich denken können. Wenn
+die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich nicht
+mit der Veröffentlichung. Lustig. &ndash; Demba faltete
+die Zeitung zusammen und legte sie vorsichtig
+zurück auf die Türschwelle.</p>
+
+<p>Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete
+es, faltete es zusammen, daß es aussah, wie
+eine Kompresse und schlang es dann viermal um
+seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar
+blieben. Er fand zwei Sicherheitsnadeln in
+seiner Pelerine, mit denen er den Notverband befestigte,
+eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn
+man die Knöchel aneinandergefesselt hat. &ndash; So,
+jetzt war er fertig.</p>
+
+<p>Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der
+Hand. Ein ausgezeichneter Einfall. &ndash; Demba
+beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten
+Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte
+er, trat vor die Fensterscheibe und machte Verbeugungen
+<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>
+gegen sein Spiegelbild. »Meine Anerkennung!
+Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand
+drücke. Wie? Sie wünschen es nicht? Ich soll
+acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte
+sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade!
+Hätte Ihnen gern die Hand geschüttelt für die
+wirklich vorzügliche Idee!«</p>
+
+<p>Demba verbeugte sich nochmals und lachte in
+sich hinein. Ein Messenger Boy, der mit einem
+Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte,
+blieb stehen und blickte Demba verwundert an.</p>
+
+<p>»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba
+und stieg die Treppe hinauf. &ndash; »Jetzt sieht jeder
+sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen kann.
+Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab'
+ich eine Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage
+lang nicht komme. Mit schweren Brandwunden
+an den Händen kann ich keine Stunden geben.
+Das kann niemand von mir verlangen. Die Frau
+eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte man
+meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!«</p>
+
+<p>Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen
+öffnete.</p>
+
+<p>»Ist die gnädige Frau zu Hause?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Und der Herr Dozent?«</p>
+
+<p>»Der ordiniert.«</p>
+
+<p>Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.</p>
+
+<p>Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen
+die Zeitschriften.</p>
+
+<p>»Wann kommt die gnädige Frau zurück?«</p>
+
+<p>»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es
+wissen.« Das Stubenmädchen ging in Elly Beckers
+<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a>
+Zimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und
+die hellen Stimmen lachender Mädchen.</p>
+
+<p>Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus.
+Sie war stark kurzsichtig und beguckte Demba durch
+ihr Lorgnon.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die
+Mama? Sie ist Besorgungen machen gegangen.«</p>
+
+<p>»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich
+hätte dringend mit ihr zu sprechen. Wird die Frau
+Mama lange ausbleiben?«</p>
+
+<p>»Regnet es schon draußen?« fragte Elly.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne.
+Wollen Sie nicht inzwischen zu uns hereinkommen?«</p>
+
+<p>»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.«</p>
+
+<p>»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.«</p>
+
+<p>»Ich bin gar nicht danach angezogen.«</p>
+
+<p>»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür.
+»Noch ein Besuch!« rief sie hinein.</p>
+
+<p>»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen
+Mädchen.</p>
+
+<p>»Leider nein,« sagte Demba in der Tür.</p>
+
+<p>»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird
+er uns etwas,« sagte Elly und stellte vor. »Doktor
+Stanislaus Demba. &ndash; Meine Freundin Viky,
+meine Freundin Anny.«</p>
+
+<p>Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen
+entzückt zu sein, Stanislaus Demba kennen
+gelernt zu haben, der allerdings in seiner alten,
+vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt
+hatte, eine unmögliche Figur machte. Viky,
+ein hochaufgeschossener Backfisch mit kurzem, in der
+Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßung
+<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>
+nur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein
+kleines, mageres Mädchen mit Sommersprossen und
+einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr Klavierspiel.
+Demba nahm auf dem Sofa Platz, und
+schien das abweisende Benehmen der beiden jungen
+Mädchen nicht zu merken oder nicht zu beachten.</p>
+
+<p>Die Tochter des Hauses hingegen empfand die
+Notwendigkeit, die Stimmung zugunsten Dembas
+zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre
+Freundin Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte:
+»Wenn er deklamiert, ficht er mit beiden Armen
+herum. Gib acht, das wird ein Spaß.«</p>
+
+<p>Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig.
+Sein Unbehagen erhöhte sich, als das Stubenmädchen
+Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse
+Tee vor ihn hinstellte. Er blickte bald den Tee,
+bald den Sandwichesteller an und wußte nicht,
+was mit den Dingen beginnen. Zudem begann
+jetzt Elly ihn zum Zugreifen aufzumuntern.</p>
+
+<p>»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba.
+Und warum legen Sie nicht ab?«</p>
+
+<p>Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf
+die Tragfähigkeit seines ausgezeichneten Einfalles
+zu machen.</p>
+
+<p>»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es
+wäre kein angenehmer Anblick für Sie.«</p>
+
+<p>»Warum denn?«</p>
+
+<p>»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf
+bandagiert. Ich habe Brandwunden auf beiden
+Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.«</p>
+
+<p>»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«</p>
+
+<p>»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem
+Fenstervorhang mit der Kerze zu nahe gekommen,
+und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir
+<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+haben die brennenden Stücke mit den Händen losgerissen,
+und dabei hab' ich mir die Brandwunden
+zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit
+dem Taschentuch umwickelte Hand vorsichtig unter
+dem Mantel hervor.</p>
+
+<p>»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!«
+rief Elly ängstlich. »Warten Sie, ich werde Sie
+bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.«</p>
+
+<p>Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es
+Demba vor den Mund und ließ ihn abbeißen.</p>
+
+<p>Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit
+gefunden hatte, etwas zu sich zu nehmen, und das
+nur in aller Hast und bedrückt und behindert durch
+das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit
+Appetit und empfand lebhafte Genugtuung über
+den Erfolg seines Experiments. Als ihm die Tochter
+des Hauses auch eine Zigarette in den Mund
+steckte, fühlte er sich geradezu wohl. Er hatte, ein
+starker Raucher, den gewohnten Genuß den ganzen
+Tag über schwer entbehrt.</p>
+
+<p>»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly.</p>
+
+<p>»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh.
+Sie mußten durch den Druck der Stahlringe wundgerieben
+sein. Auch in den geschwollenen Fingern
+fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten
+hundert Nadelspitzen in seinem Fleisch. Ein dumpfer
+Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an
+die Schultern.</p>
+
+<p>Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten
+Demba mit Interesse. Auch das Stubenmädchen,
+das den Tisch abräumte, warf mitleidige
+Blicke auf die verbundene Hand.</p>
+
+<p>Anny näherte ihre Brille dem Verband.</p>
+
+<p>»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen
+und verzog das Gesicht, als wäre ihm eine Mücke
+ins Auge geflogen.</p>
+
+<p>»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und
+rückte ihre Brille zurecht.</p>
+
+<p>Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete,
+daß er im Notfall in zwei Sätzen draußen
+sein konnte.</p>
+
+<p>»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny
+mit Bestimmtheit.</p>
+
+<p>»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung.</p>
+
+<p>»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir
+müssen Sie keine Märchen erzählen. Mein Bruder
+ist nämlich grüner Alemane.«</p>
+
+<p>»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur
+Brandwunden,« versicherte Demba.</p>
+
+<p>»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt
+haben,« meinte Viky ironisch.</p>
+
+<p>»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen
+Miene eines Fechtmeisters.</p>
+
+<p>»Eine Sext,« erklärte Demba.</p>
+
+<p>»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei
+wie aus einem Mund.</p>
+
+<p>»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden.
+Ich bin ein Opfer des Leichtsinns meines
+Zimmerkollegen.«</p>
+
+<p>»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen.</p>
+
+<p>»Wer denn? Miksch?«</p>
+
+<p>»Der <ins title="Leichsinn">Leichtsinn</ins> Ihres Zimmerkollegen.«</p>
+
+<p>Alle drei begannen zu lachen.</p>
+
+<p>»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly.</p>
+
+<p>»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der
+›jugendliche Leichtsinn‹ hat er doch gesagt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly.
+»Erzählen Sie! Fangen Sie an. Wir hören alle zu.
+Also: So stand ich und so führt ich meine Klinge&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat,
+mit seiner Person beschäftigte. Er versuchte das
+Gespräch auf das Duell im allgemeinen hinüberzulenken.
+Viky gab die Erklärung ab, daß das
+Duell vom Standpunkt eines Menschen des zwanzigsten
+Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, aber
+schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das
+zu, meinte aber, man müsse die Mensuren als
+Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren Zweck.
+Anny erzählte eine längere Geschichte von einem
+Bekannten, der an einem einzigen Tag drei Gegner
+abgeführt hätte, und ließ durchblicken, daß sie selbst
+der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei.
+Sie nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers
+und wollte wissen, ob Demba ihn kenne.</p>
+
+<p>Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys
+Hilfe die Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt
+ein paar Bissen von einem mit stark gewürzten
+Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er
+plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit,
+daß die Aufmerksamkeit aller drei Mädchen
+durch einen Fächer mit zahllosen Unterschriften,
+Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte,
+in Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit
+den Händen an ein Wasserglas heranzupürschen,
+als die Türe aufgestoßen wurde und ein Bernhardiner
+ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes
+Fell schüttelte und von Anny, Viky und
+Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich darauf kam
+das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit,
+daß die gnädige Frau nach Hause gekommen sei.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem
+Wohltätigkeitssinn. Sie war teils Vorstandsdame,
+teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine,
+versammelte mehrmals im Monat
+eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen, Vorbesprechungen
+und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung
+und hatte die Gewohnheit, von jedem ihrer
+Spaziergänge kleine Straßenhausierer und bettelnde
+Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst
+durch eine mit Gründlichkeit vorgenommene Reinigung
+eingeschüchtert und dann durch Kaffee, Obst
+und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch
+heute standen zwei kleine Buben mit ängstlichen
+Gesichtern im Vorzimmer in der Nähe der Tür.
+Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie
+noch in den Händen. Ein drittes Kind wurde
+offenbar gerade gesäubert, denn aus der Küche
+kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten
+der Köchin.</p>
+
+<p>Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen,
+saß in ihrem Zimmer und trank Tee, als Demba
+eintrat.</p>
+
+<p>»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine,
+bewegliche Dame Demba entgegen. »Das Stubenmädchen
+hat mir schon erzählt &ndash; was ist denn
+eigentlich geschehen?«</p>
+
+<p>»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.«
+Demba erzählte seinen Roman von der Kerze und
+dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein
+paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben
+hinzu und lieferte die genaue Beschreibung eines
+Strohsessels, der gleichfalls Feuer gefangen hatte.
+Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit
+Gefahr des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich
+<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a>
+des Feuers in Sicherheit gebracht hätte, hinzuzudichten,
+sah aber schließlich davon ab, um seiner
+Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen
+Einschlag zu geben.</p>
+
+<p>»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit
+möglich ist?« sagte Frau Dr. Becker. »Sie können
+wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen
+sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«</p>
+
+<p>Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte
+er seine Hand zur Hälfte aus dem Mantel hervor.</p>
+
+<p>Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen.
+»Aber ist denn das ein Verband?« rief
+sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt
+gemacht haben!«</p>
+
+<p>»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt.
+Er ist Mediziner.« Demba sah mit Verdruß,
+daß seine Idee, sich Verletzungen an den
+Händen anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche
+gewesen war. Alle Welt beschäftigte sich jetzt
+ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch
+ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit
+hatte verschaffen wollen.</p>
+
+<p>»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu
+meinem Mann hinüber und lassen sich einen anständigen
+Verband machen,« entschied Frau Dr. Becker.</p>
+
+<p>Demba wurde bleich wie Käse.</p>
+
+<p>»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch
+nicht&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser
+machen wird, als Ihr Herr Kollege?«</p>
+
+<p>Demba wand sich auf seinem Sessel.</p>
+
+<p>»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht
+die Zeit des Herrn Dozenten&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau des
+<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+Arztes. »In zwei Minuten ist mein Mann damit
+fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.«</p>
+
+<p>Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das
+ihr Zimmer mit dem Ordinationsraum ihres Mannes
+und mit der Küche verband.</p>
+
+<p>»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den
+Herrn Demba. Bitte, nimm ihn gleich vor. Er
+hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen.
+&ndash; Ja. &ndash; Also er kommt gleich.« &ndash; Sie legte das
+Hörrohr fort. »So, Herr Demba.«</p>
+
+<p>»Ich bin eigentlich nur gekommen&nbsp;&ndash;«; Demba
+schluckte und suchte nach Worten. »Ich wollte Sie
+bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein Monatssalär
+schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist,
+weil ja&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte
+ein wenig nach, und griff dann wieder nach dem
+Hörrohr.</p>
+
+<p>»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba
+seinen Monatsgehalt, wenn er kommt. Achtzig
+Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie
+nicht bei der Hand.«</p>
+
+<p>Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba
+das Zimmer.</p>
+
+<p>Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern.
+Das eine hatte die Vorhölle des Gewaschenwerdens
+bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot in
+der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der
+kleine Bub neben ihm horchte unruhig nach der
+Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an ihn
+kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden
+Bündel Schuhriemen vom Fußboden auf, öffnete
+rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem
+Staub.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.</p>
+
+<p>Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten
+Stockwerk blieb Demba stehen, riß das Taschentuch
+von der Hand herunter und versuchte, es
+in die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht
+gleich gelang, schleuderte er es mit einem Fluch
+zu Boden.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>15</h2>
+
+<p>Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte
+nicht lang' warten müssen. Es regnete in Strömen,
+und früher als sonst fanden sich die andern zu der
+allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen
+reservierten Zimmer des Café Turf, in das
+man durch eine sorgfältig verhängte und von einem
+Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen.</p>
+
+<p>Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der
+tags zuvor geschworen hatte, daß er sich heute zum
+letztenmal mit dieser Bande von Bauernfängern
+an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende,
+der immer bei Geld und doch seit zwei
+Jahren stellungslos war. Der Kellner aus dem
+Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die
+Woche über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien
+Abend hier verspielte. Die Frau Suschitzky,
+die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der Gegend
+zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern
+überall bekannt und jetzt zur Vermietung ungenierter
+Absteigequartiere übergegangen war, aber
+auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten
+nicht durchaus ablehnend gegenüberstand. Der
+Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt wurde &ndash;
+ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte
+seine Spielverluste durchaus nicht in der Haltung
+eines Großfürsten. Der Rechnungsfeldwebel, der
+<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
+in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, wenn
+statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«,
+der auf die Frage, für welches Blatt er
+arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur Antwort
+gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der
+mit seinem Hund und seiner Freundin erschien,
+dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin
+ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um
+sie dann beide im Eifer des Spieles gänzlich zu
+vergessen; und schließlich Hübel, der halbverbummelte
+Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam,
+der schon lange nicht mehr Doktor war.</p>
+
+<p>Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich
+wieder einmal. Zu Beginn des Spieles hatte
+er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der Brieftasche
+genommen und als Betriebskapital vor sich
+auf den Tisch gelegt, eine lächerlich geringe Summe
+für eine Partie, in der er dem Gewinner dreifaches
+Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld
+will ich heut sechshundert Kronen gewinnen,« hatte
+er zu Beginn der Partie mit aufreizender Offenheit
+gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel
+hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das
+muß ich wieder hereinbringen.« Und jetzt, während
+des Spiels, fragte er, so oft er den Einsatz
+der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß
+ich heut sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen
+Sie, meine Herren! Setzen! Setzen! In dem Tempo
+komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«</p>
+
+<p>Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky
+kochten vor Wut, denn Dr. Rübsam gewann wirklich.
+Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie
+und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch
+weg und brachte sie in seiner Tasche in Sicherheit.
+<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
+Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine Aktentasche,
+ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit
+halber abgelegt hatte, seine Zigarre
+und eine goldene Uhr, auf die er hin und wieder
+einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er
+spielen, nicht eine Minute länger. Um acht Uhr
+abends mußte er »zur Sitzung«, hatte er gesagt.
+Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen
+Termin zu setzen. Er entging auf diese Art dem
+Drängen nach Revanche, bei der er das gewonnene
+Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise
+nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich
+gleichzeitig den Herzenstönen der Frau Suschitzky,
+die ihm immer nach der Partie mit beweglichen
+Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.</p>
+
+<p>An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand.
+Seit seiner Verurteilung, die ihn den Doktorgrad
+und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet
+hatte &ndash; er hatte an einem seiner Klienten
+Erpressungen begangen&nbsp;&ndash;, lebte er von seinen und
+anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug er
+nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu
+den Kosten seiner Lebenshaltung trugen nun Staat
+und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: der Sparkassenbeamte
+lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse
+ab; die Unterstützungen, die der Reisende
+von der Mutter seiner Frau erhielt, fanden auf
+dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den
+Weg in Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die
+zahlreichen Nebeneinkünfte des Rechnungsfeldwebels
+und die Steuern, die Frau Suschitzky der
+genußfrohen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Jeunesse <ins title="doreé">dorée</ins></span> der Leopoldstadt auferlegte.
+Staat und Ärar, Kommerz und Lebewelt
+<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a>
+wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam
+eine standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.</p>
+
+<p>Die Dominosteine klapperten, die wütend auf
+den Tisch geschleuderten Silbergulden klirrten, der
+Regen schlug an die Scheiben, und von den Überziehern
+und Schirmen an der Wand floß das
+Regenwasser in dünnen Bächen, die sich auf dem
+Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. Rübsam
+machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein
+höchst zufriedenes Gesicht. Die Stimmung gegen
+ihn wurde immer gereizter, aber zu den sechshundert
+Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer
+häufiger auf seine goldene Uhr.</p>
+
+<p>Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.</p>
+
+<p>»Herr Doktor werden verlangt.«</p>
+
+<p>»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die
+Dominosteine austeilte, waren Störungen während
+seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.</p>
+
+<p>»Nein. Herr Doktor Hübel.«</p>
+
+<p>Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen
+Zehnkronenschein zwischen den Fingern, und überlegte
+gerade, ob er diesen letzten Rest seiner Barschaft
+auf einmal riskieren sollte.</p>
+
+<p>»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut.</p>
+
+<p>»Ja. Der Herr wartet draußen.«</p>
+
+<p>»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,«
+entschied er auf alle Fälle.</p>
+
+<p>»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor
+hier sind!«</p>
+
+<p>»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen
+hinaus.</p>
+
+<p>Richtig. Da stand Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohne
+<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
+großen Enthusiasmus. »Woher weißt du, daß ich
+hier bin?«</p>
+
+<p>»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort.
+Ich dachte mir, daß ich dich hier finden werde.«</p>
+
+<p>»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber
+gib dich um Gottes willen keinen übertriebenen
+Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte Zehnkronennote.
+»Siehst du, so seh' ich aus. Das ist
+alles, was ich habe.«</p>
+
+<p>Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch
+für heute das Geld versprochen!«</p>
+
+<p>»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen,
+eh' ich mich zum Spielen niedersetzte. Jetzt hat
+mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier
+gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,«
+erklärte Hübel mit einem schwachen Versuch, die
+Sache ins Scherzhafte zu ziehen.</p>
+
+<p>»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba
+und bekam einen starren Blick.</p>
+
+<p>»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?«
+fragte Hübel zerknirscht.</p>
+
+<p>»Vierzig Kronen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe
+Pech gehabt. Nimm auf jeden Fall diese zehn
+Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser
+schwere Granat, auch oder ein anderer von den
+Galeristen drin.«</p>
+
+<p>Soweit verstand Demba das Rotwelsch der
+Bukispieler, um zu wissen, daß unter »Granat« ein
+Halsabschneider und unter den »Galeristen« Spielratten
+von Beruf zu verstehen waren.</p>
+
+<p>Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld
+nicht. »Was mach' ich mit zehn Kronen!« sagte er
+bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>Hübel wußte keinen Rat.</p>
+
+<p>»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas
+ausleihen?« fragte Demba mit einem Blick auf
+die Tür.</p>
+
+<p>»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit
+der Hand. »Da kennst du diese Leute schlecht.
+Hier borgt keiner dem andern.«</p>
+
+<p>»Was jetzt?« fragte Demba ratlos.</p>
+
+<p>»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal
+mit dem Buki. Vielleicht hast du mehr Glück
+als ich.«</p>
+
+<p>Demba schüttelte heftig den Kopf.</p>
+
+<p>»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte
+Hübel. »Da können aus zehn Kronen leicht hundert
+werden und auch noch mehr.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten
+an.«</p>
+
+<p>»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen
+gespielt, du Ignorant.«</p>
+
+<p>»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte
+Demba.</p>
+
+<p>»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm
+Hübel eifrig. »Gewöhnliches Domino. Das kennst
+du doch. Nur daß man auf die vier Spieler setzen
+kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht
+mitspielen, du brauchst bloß zu setzen.«</p>
+
+<p>Demba war unentschlossen.</p>
+
+<p>»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen,
+ohne einen Finger zu rühren,« erzählte
+Hübel.</p>
+
+<p>Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den
+Ausschlag.</p>
+
+<p>»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das
+Spiel anschauen wollen,« meinte Demba.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur
+Tür hinein.</p>
+
+<p>Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich
+wenig Beachtung. Fremde Gesichter wurden
+zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen,
+da aber Demba von Hübel eingeführt wurde, gab
+es keine Schwierigkeiten. Die Aufnahmeformalitäten
+waren von sehr einfacher Art und vollzogen
+sich glatt:</p>
+
+<p>»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam.</p>
+
+<p>Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen,
+daß Demba Geld genug habe. »Wie Mist,« setzte
+er hinzu.</p>
+
+<p>»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die
+Sache war erledigt.</p>
+
+<p>»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie
+in diesem Augenblick der Postbeamte, der zum viertenmal
+seinen Einsatz verloren hatte und nun, da
+er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war.</p>
+
+<p>»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr.
+Rübsam vergnügt und strich das Geld ein. »Setzen,
+meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht
+flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba
+zu und fragte: »Haben Sie schon eingekocht, junger
+Mann?«</p>
+
+<p>Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art
+Unbehagen, daß Zeige- und Mittelfinger an des
+Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.</p>
+
+<p>»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der
+Herr Doktor,« erklärte Hübel. »Auf wen soll ich
+setzen?«</p>
+
+<p>»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch
+immer voll Schauer auf des Doktors Finger, die
+ihn ängstigten und erschreckten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>»Alles auf einmal?«</p>
+
+<p>»Ja. Setz' alles auf einmal.«</p>
+
+<p>Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch.
+Die nahmen am Spiel nicht teil. Jede Reihe
+repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den
+Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite
+und dritte Reihe, und hatte damit auf den Sieg
+»Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der diesen
+Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel
+verdankte, die ihm auf den Wangen und auf dem
+Kinn standen. Das Spiel nahm seinen Anfang,
+und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner
+Spannung mit dem ersten Stein.</p>
+
+<p>Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen,
+was mit seinem Geld geschah. Er suchte irgend
+etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen und
+nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes
+Blatt. Aber nur eine Nummer der »Österreichischen
+Kaffeesiederzeitung« hing an der Wand.
+Und die begann Demba zu lesen.</p>
+
+<p>Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig
+grüne Stühle für einen Gasthausgarten
+bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte
+ein zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein
+anderer zu vergeben. Kristalleis! Hunderttausend
+Papierservietten! Zigarrenanzünder! Praktisch!
+Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte
+ein jeder verdienen, alles schrie, alles drängte sich
+vor, die Welt war ein großer, runder, grünüberzogener
+Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von
+Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld
+flatterte, hinter jedem Gulden, der durch die
+Welt rollte, waren schon tausend gierige Hände
+her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten
+<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>
+Fingern, die dennoch zu greifen verstanden, wie
+Polypenarme, &ndash; und in all dem Wirrsal von Hast,
+Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte
+er, Demba, sich unterfangen, seine Hände schüchtern
+nach seinem Teil auszustrecken, nach einer
+armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend
+andere geballte Fäuste rauften, die ihn fortstießen
+und beiseite drängten. Und Demba wurde plötzlich
+mutlos und verzagt und gab seine Sache auf,
+und wollte sich voll Scham über seinen kläglichen
+Versuch heimlich zur Tür hinausschleichen.</p>
+
+<p>Da kam vom Spieltisch her mit einem Male
+Lärm und Geschrei. Die Suschitzky nannte einen
+von den Spielern einen ordinären Gauner, der
+dem Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur
+rief: »Jetzt versteh' ich alles!« »Semmelbrösel«
+zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich
+endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner,
+hielt Geld in der Hand und sagte:</p>
+
+<p>»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du
+hast gewonnen.«</p>
+
+<p>»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.</p>
+
+<p>»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.«</p>
+
+<p>Demba schwieg.</p>
+
+<p>»Was jetzt?« fragte Hübel.</p>
+
+<p>»Weiter setzen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Alles?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam.
+»Ruhe!« sekundierte ihm Hübel. Der Lärm verstummte
+nach und nach, nur Frau Suschitzky erging
+sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen,
+aber das Spiel nahm seinen Fortgang.</p>
+
+<p>Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen.
+<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
+Er starrte in die Zeitung, las Worte und Zeilen,
+ohne sie zu verstehen, und horchte nach dem Spieltisch
+hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende
+schlürfte geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee,
+und die Frau Suschitzky sagte plötzlich ernst und
+feierlich wie ein Gebet:</p>
+
+<p>»Hallum-Drallum.«</p>
+
+<p>»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der
+Postbeamte. »Sind denn auf beiden Seiten acht?
+Rechts ist doch sieben!«</p>
+
+<p>Wer ist das: Hallum-Drallum? &ndash; fragte sich
+Demba seltsam erregt. Wer ist das: Hallum-Drallum?
+&ndash; bohrte es ihm quälend im Hirn. Und
+plötzlich wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren.
+Und das Bild eines kleinen, dickbäuchigen Mannes
+formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit
+fahlem Gesicht, das über und über mit gelben
+Pickeln übersäet war, mit wulstigen Lippen und
+glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt
+stand er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener
+Zopf hing ihm in den Nacken &ndash; Hallum-Drallum,
+der Kriegsgott der Tataren &ndash; nein!
+Der Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten,
+die andern dort, da stand er, und blickte ihn grinsend
+an und gröhlte: Du willst mein Geld, du
+Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis?
+Gartenstühle? Papierservietten? Nichts? Gar
+nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke dich, du
+Zwerg! Tiefer! Tiefer!</p>
+
+<p>Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes
+willen gehorsam, tief und demütig, vor der
+leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als
+sein eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen
+gelblich-fahlen Stücks Tapete.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem
+Augenblick, und sofort brach ein Lärm los, alles
+schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit gellender
+Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen
+nicht an die Reihe!«</p>
+
+<p>»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug
+mit der Faust auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Aber der Doktor hat doch ›weiter‹ gesagt,«
+jammerte der Kellner.</p>
+
+<p>»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte.</p>
+
+<p>»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt:
+Betrug? Ich verliere doch auch mein Geld!«</p>
+
+<p>Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn
+am Ärmel und sagte:</p>
+
+<p>»Du hast zum zweitenmal gewonnen.«</p>
+
+<p>»So?« &ndash; Demba war nicht überrascht und nicht
+erstaunt.</p>
+
+<p>»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?«</p>
+
+<p>»Ja,« nickte Demba.</p>
+
+<p>»Wieviel?«</p>
+
+<p>»Alles.«</p>
+
+<p>»Bist du toll?« fragte Hübel.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Du hasardierst!«</p>
+
+<p>»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.«</p>
+
+<p>»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander
+wirst du nicht gewinnen.«</p>
+
+<p>Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht
+und der Enttäuschung war vorüber. Ein
+neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden
+gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der
+Hand über den kahlen Schädel: Er hatte in der
+letzten Partie mehr als die Hälfte seiner Barschaft
+verloren.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a>»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas
+Geld.</p>
+
+<p>»Bleibt liegen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam.
+»Sprechen Sie gefälligst deutsch!«</p>
+
+<p>»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel.</p>
+
+<p>»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich
+wollt' nur wissen&nbsp;&ndash;« Er legte einen Stein in die
+Mitte des Tisches und das Spiel begann.</p>
+
+<p>»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und
+schob ihren Stein an.</p>
+
+<p>»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug
+auf seinen Vorrat an Dominosteinen.</p>
+
+<p>Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba
+gespannt und voll Erregung zu.</p>
+
+<p>Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in
+den Spalt zwischen zwei Reihen Dominosteinen.
+Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er zweihundertundsiebzig
+Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes
+Papier, das durch hundert schmutziger Hände
+gegangen war, und dennoch &ndash; Proteus Geld! &ndash;
+jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt
+standen und es gierig mit den Augen verschlangen,
+erschien es in einer anderen lockenden
+Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte
+Nacht, für den zweiten war es die längst schon
+fällige Wohnungsmiete. Für den dort hieß es:
+Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch.
+Der wieder wird es Nacht für Nacht in
+die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da wird es
+verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die
+vergräbt es unter dem Strohsack ihres Bettes
+&ndash; und für ihn, für Demba, was war es für
+ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen.
+<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a>
+An altersgraue Türme wollte er denken, an Domportale
+und steinerne Engel, die Geige oder Laute
+spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen
+Stadt, durch die er Arm in Arm mit Sonja
+ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder wollte
+ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme,
+nicht die Geige spielenden Engel. Alles blieb farblos
+und verschwommen und zerfloß in nichts. Dafür
+kamen andere Visionen, &ndash; die Gespenster der
+Wünsche, der Begierden, der Hoffnungen der Anderen
+nahmen in seinem Gehirn Gestalt an. Dr.
+Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei
+dicken Weibern vor Champagnerflaschen. Ein leeres
+Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel stand
+darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem
+Raum war für die Lust der ganzen Stadt, und
+die Suschitzky holte verstohlen unter der Matratze
+Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte
+Teller aus Steingut mit Brot, Wurst und Käse
+vor sich auf einem ungedeckten Tisch und schlang
+mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf
+Stück hinunter. Und als die Wünsche und Begierden
+der anderen vor Dembas Augen grelles
+Leben gewannen und die seinen nicht, da begann
+er um sein Geld zu zittern und zu bangen, und es
+wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß es verspielt
+war und daß es in diesem Augenblicke schon
+nicht mehr ihm gehörte, sondern dem Rübsam oder
+der Suschitzky.</p>
+
+<p>»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die
+Suschitzky stieß im gleichen Moment ein Wehgeschrei
+aus:</p>
+
+<p>»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei
+Steinen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a>»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der
+Kellner triumphierend und setzte seine zwei Steine
+an, einen rechts und einen links. »Den für Sonntag
+und den für Montag! Ich bin aus!«</p>
+
+<p>»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen.
+Zweihundertsiebzig Kronen!« schrie Hübel Demba
+in die Ohren.</p>
+
+<p>Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.</p>
+
+<p>»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter
+Stimme und griff in die Tasche.</p>
+
+<p>»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel.</p>
+
+<p>»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent.</p>
+
+<p>»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt'
+sie schon,« sagte der Reisende.</p>
+
+<p>»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr
+sich mit der Hand über den kahlen Schädel. »Aber
+die Bank wird dann ein anderer übernehmen müssen.
+Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.«</p>
+
+<p>Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.</p>
+
+<p>»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin
+fertig mit meinem Geld. Außer, einer der Herren
+ist so gut und leiht mir hundert Kronen.«</p>
+
+<p>Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese
+Zumutung.</p>
+
+<p>»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte
+Dr. Rübsam, der jetzt unbedingt weiterspielen wollte,
+aufgeregt. »Meine Uhr ist unter Brüdern&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber
+nicht auf dem Sessel, auf den er sie gelegt hatte.</p>
+
+<p>»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös
+in alle Taschen und rückte den Sessel zur Seite.</p>
+
+<p>»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,«
+<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a>
+sagte er dann, indem er gewaltsam seine Unruhe
+zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte, keine
+Scherze.«</p>
+
+<p>Er blickte sich um und sah erregt von einem zum
+andern.</p>
+
+<p>»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als
+er keine Antwort bekam. »Da vertrag' ich keine
+Witze. Die Uhr will ich sofort wieder haben.«</p>
+
+<p>»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte.</p>
+
+<p>»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,«
+erklärte der Redakteur.</p>
+
+<p>»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr
+haben,« rief der Feldwebel.</p>
+
+<p>»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel.</p>
+
+<p>»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie
+werden sie eingesteckt haben,« riet der Häuseragent.</p>
+
+<p>Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im
+Gesicht vor Angst, alle seine Taschen um, leuchtete
+dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch,
+fand auch da nichts und gab das Suchen auf.</p>
+
+<p>»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky.</p>
+
+<p>Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und
+erklärte:</p>
+
+<p>»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht
+meine Uhr wieder da ist. Das möcht' ich doch
+sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten
+Tag&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!«
+rief der Redakteur. »Das haben Sie doch gesehen,
+Doktor?«</p>
+
+<p>»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam
+wütend. »Jetzt geht mir keiner hinaus!«</p>
+
+<p>»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a>»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier,
+so lange, bis ich meine Uhr wieder hab'.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen
+hab'?« protestierte der Sparkassenbeamte.</p>
+
+<p>»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel.
+»Es liegt ja allen daran, festzustellen, daß unter
+uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns
+einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen
+lassen. Ich bitte,« schrie er laut in das
+Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für
+niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst
+will den Anfang machen.«</p>
+
+<p>Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen
+um. Dr. Rübsam untersuchte ihn. Nicht allzu
+sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht:
+Die Suschitzky war einmal während des Spieles
+längere Zeit hinter ihm gestanden.</p>
+
+<p>All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba
+nicht beachtet und nicht gehört. Auf dem Spieltisch,
+auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt
+eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld
+dazu, zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten
+ihm. Wie eine Katze strich Demba um den
+Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das
+Geld in seine Hände und in seine Tasche kam!
+Den günstigen Augenblick abpassen und blitzschnell
+danach langen &ndash; es sah so leicht aus und dennoch!
+Demba wagte es nicht.</p>
+
+<p>Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe,
+und die Untersuchung seiner Taschen förderte ein
+Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader
+Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und
+eine Broschüre: »Die Kunst zu plaudern und ein
+Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam »Semmelbrösel«,
+<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a>
+der Kellner, daran, aber nur ein halbes
+Dutzend Photographien in Kabinettformat, die ihn
+selbst Arm in Arm mit einer ältlichen, sehr verliebt
+dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht. Und
+jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.</p>
+
+<p>»Darf ich bitten?« fragte er höflich.</p>
+
+<p>Demba fuhr zusammen. »Was wollen <ins title="Sie?»">Sie?«</ins></p>
+
+<p>»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam.
+»Ich bin selbstverständlich vollkommen überzeugt
+&ndash; aber&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich
+über die Störung. Ihm war gerade in diesem
+Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu
+bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das
+Geld vorläufig zu sich zu stecken, und das Weitere
+würde sich dann leicht finden.</p>
+
+<p>»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,«
+sagte Dr. Rübsam. »Wie gesagt, es liegt
+mir fern, irgendwie &ndash; aber&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden
+zu haben.</p>
+
+<p>»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von
+meinem Mantel&nbsp;&ndash;?«</p>
+
+<p>»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam
+wurde ungeduldig.</p>
+
+<p>»Ausgeschlossen,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam.
+»Sie wollen nicht?«</p>
+
+<p>»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in
+Ruhe.«</p>
+
+<p>»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte.</p>
+
+<p>»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen.</p>
+
+<p>»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende
+fest.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a>»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam.</p>
+
+<p>»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?«</p>
+
+<p>»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt.</p>
+
+<p>»Die Uhr des Herrn Doktor.«</p>
+
+<p>»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre
+Uhr genommen habe?« rief Demba entsetzt.</p>
+
+<p>»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in
+nicht sehr überzeugtem Ton. »Ein Scherz vielleicht,
+dachte ich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba.</p>
+
+<p>»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.«</p>
+
+<p>»Nein,« stieß Demba hervor.</p>
+
+<p>»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität.
+Alle Herren werden sich&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner
+hilfeflehend an.</p>
+
+<p>»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht.
+Dann weiß ich, was ich zu tun habe.«</p>
+
+<p>Er drehte Demba den Rücken und näherte sich
+dem Tisch.</p>
+
+<p>»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz
+ruhig. »Wozu?«</p>
+
+<p>Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des
+Geldes, das auf dem Tisch lag, versichert.</p>
+
+<p>Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in
+Dr. Rübsams Händen sah. Die Wut der Verzweiflung
+kam mit einem Mal über ihn. Nein.
+Es durfte nicht sein! Es konnte nicht sein, daß
+der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt &ndash; sich
+auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm
+das Geld entreißen! Die Ketten mußten zerrissen
+werden! Auch Eisen ist nicht unbezwingbar, auch
+Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen
+Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten,
+<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a>
+die Muskeln dehnten sich, die Adern schwollen, in
+höchster Not wurden seine Hände zu zwei Giganten,
+die sich empörten, die Kette knirschte&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das Eisen hielt.</p>
+
+<p>»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen.
+Helf', was helfen kann,« sagte Dr. Rübsam und
+schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas
+Geld in seine Tasche. »Ich kann nicht anders.
+Not bricht Eisen.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a>16</h2>
+
+<p>Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt,
+gestrandet, um das Geld geprellt und um die letzte
+Hoffnung betrogen.</p>
+
+<p>Es regnete. Er verspürte brennenden Durst
+und die Hände schmerzten ihn, die Knöchel vor
+allem und die Finger. Er war mutlos und so
+müde, daß er keinen anderen Wunsch mehr hatte,
+als endlich zu Hause zu sein, um den Kopf unter
+der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken
+und zu schlafen.</p>
+
+<p>Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum
+Trotz um des Geldes willen in den Wirbel des
+Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte
+ihn ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn
+wie eine hilflose Nußschale hin und her geschleudert,
+und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab
+den Kampf auf und wollte schlafen.</p>
+
+<p>»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf
+den Tisch lege, dann magst du in Gottes Namen
+mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am
+Morgen gesagt. Und so weit war es nun. Er
+hatte das Geld nicht, und er wollte keinen Versuch
+mehr machen, es zu erlangen.</p>
+
+<p>»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich
+selbst und zuckte die Achseln. »Ich halte sie nicht.
+Bis heute abend um acht Uhr ist sie verpflichtet,
+auf mich zu warten. Länger nicht. <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Fair play.</span>
+<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a>
+Ich habe getan, was ich konnte, aber ich habe keinen
+Erfolg gehabt. Eine straffe Organisation
+tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger
+Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist
+es ausgemacht und ich halte mein Wort. <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Fair
+play.</span>«</p>
+
+<p>Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba
+bei dem Worte ›<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">fair play</span>‹ und er nahm im Gehen
+die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an,
+der eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen,
+Ehrenschulden von beträchtlicher Höhe zu
+begleichen.</p>
+
+<p>»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich
+ja glücklicherweise desinteressiert,« sagte Demba leise
+und beflügelte seine Schritte. »Völlig desinteressiert.«
+Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es
+nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,«
+sagte er und bekam den Gesichtsausdruck eines
+gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame Erklärung
+von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen
+und brachte durch eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren
+Gegner zur Kenntnis, daß er an dem weiteren
+Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.</p>
+
+<p>»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er
+nochmals, denn er konnte sich von diesem Worte
+nicht losreißen, das die merkwürdige Fähigkeit zu
+besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden
+Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es
+beinahe zustande, ohne eine Spur von Haß, Zorn
+und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann
+morgen mit einem Anderen fortfahren und
+daß er selbst allein zurückbleiben werde.</p>
+
+<p>»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und
+nun heißt es eben die Konsequenzen ziehen,« versicherte
+<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a>
+er sich selbst. Er blieb an einer Auslage stehen
+und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt
+dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und
+zu Allem entschlossen die Konsequenzen zog.</p>
+
+<p>»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so
+ausgemacht,« sagte er und suchte sich selbst die
+Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände
+beizubringen. Und der Dienstmann an der
+Straßenecke, der Geschäftsdiener, der eben den
+Rolladen herunterließ und das Dienstmädchen, das
+mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie
+alle blickten verwundert der seltsamen Figur nach,
+die mit gesenktem Kopf, achselzuckend und sich selbst
+eifrig zuredend durch die Straßen eilte.</p>
+
+<p>»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb
+stehen. »Wohin geh ich denn? Es ist Zeit, nach
+Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein.
+Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr.
+Steffi wird bald kommen, und ich werde endlich
+die Handschellen los.«</p>
+
+<p>Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er
+sah wirklich nicht ein, warum er sich durch diesen
+Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem kürzesten
+Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser
+Herr Weiner gerade in der Liechtensteinstraße
+wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen
+Umweg zu machen. Jede Minute war kostbar.</p>
+
+<p>Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte
+sich fest in seinen Mantel. Es dunkelte und die
+flackernden Gasflammen spiegelten sich in den Regenlachen.</p>
+
+<p>»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert
+in dieser Sache,« erzählte sich Demba und
+trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit,
+<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a>
+daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese
+Redewendung tat ihm auf seltsame Weise wohl.
+Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch
+berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht
+verborgen hinter all den tönenden Worten lagen:
+Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.</p>
+
+<p>Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung
+lag, blieb er stehen und stellte fest, daß das
+Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon erleuchtet
+war.</p>
+
+<p>»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er
+ist zu Hause, und sie ist bei ihm. Was ist weiter
+dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit
+zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin
+anderweitig präokkupiert.«</p>
+
+<p>Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das
+Aufflammen eines hilflosen Zornes und dann einen
+leise bohrenden Schmerz. Mit starren Augen
+blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er
+überwand dieses Gefühl und flüchtete sich in den
+Schutz der schön klingenden Worte, die seinen
+Schmerz betäuben sollten.</p>
+
+<p>»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise
+geordnet,« murmelte er. »Wir werden im besten
+Einvernehmen auseinander gehen.«</p>
+
+<p>Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder
+stehen.</p>
+
+<p>»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch.
+Morgensonne, Ausblick auf den Liechtensteinpark.
+Das ist alles, was über den Fall zu sagen wäre.
+Sonst ist ja nichts festzustellen. Also &ndash; Allons!«</p>
+
+<p>Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum
+Fenster hinauf.</p>
+
+<p>Ȇbrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb
+<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a>
+acht. Steffi kann noch nicht bei mir sein. Ob
+ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen stehe,
+ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er
+nochmals mit Nachdruck, und der Klang dieses
+Wortes gab ihm bei sich das Air eines kühlen
+Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des
+Außenstehenden zu betrachten vermochte. »Sie ist
+bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür interessiere,
+so ist es nicht viel anders, als wenn ich
+im Theater auf die Bühne sehe. Eine Angelegenheit
+zwischen fremden Menschen. Es mag amüsant
+sein oder auch langweilig, &ndash; keinesfalls ist es
+sehr wichtig. Man könnte beinahe&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen
+Augenblick lang still und begann dann wild und
+ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und
+brauste es und ein würgender Schreck nahm ihm
+den Atem.</p>
+
+<p>Dort oben im Fenster war mit einem Male
+das Licht erloschen.</p>
+
+<p>In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.</p>
+
+<p>Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!</p>
+
+<p>Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes
+brach in Scherben zusammen.</p>
+
+<p>Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in
+den Armen Georg Weiners. Sie war es, die das
+Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm.
+Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben,
+von der die Welt nichts wissen sollte. Stummes
+Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das
+war es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete.
+Und Demba stand unten kläglich im Stich gelassen
+von den glatten Worten, mit denen er sich wider
+<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a>
+Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu
+Boden fielen, wie welkes Laub. Verzweifelt, tief
+unglücklich, zitternd vor Leid und Haß, von Neid
+geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba
+auf der Straße.</p>
+
+<p>Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte
+nicht in seinen Armen liegen! Sie sollten nicht
+glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba und
+der ganzen Welt verbergen könnten.</p>
+
+<p>Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er
+oben tun und was er sagen würde. Die Türe aufreißen
+wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf,
+wie eine Anklage, wie eine Drohung, wie ein
+Alarmruf im Zimmer stehen.</p>
+
+<p>Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten
+Fäusten und dennoch: das Herz voll Angst &ndash; so
+ging er auf das Haustor los.</p>
+
+<p>Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus
+dem Haustor auf die Straße. Es war Georg
+Weiner, und er war allein.</p>
+
+<p>Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach
+rechts und nach links, die Straße hinauf und hinab,
+und winkte einen Wagen herbei.</p>
+
+<p>Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen
+in höchster Verwunderung an. Dann atmete er
+sehr erleichtert auf.</p>
+
+<p>Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen.
+Nein. Sonja war nicht bei ihm gewesen.
+Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt
+im Dunkeln. Nur weil er weggegangen war,
+hatte Weiner das Licht in seinem Zimmer ausgelöscht.</p>
+
+<p>Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie
+morgen wieder kommen! Daran war nichts gelegen.
+<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a>
+Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da
+Demba in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt
+hatte, nicht oben gewesen war, das machte Demba
+glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts
+nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß
+Georg Weiner seine Wohnung verließ, das machte
+Demba dankbar und zufrieden.</p>
+
+<p>Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte
+er nochmals, sich hinter das Rüstzeug der
+schönen Redensarten zu flüchten. Aber die glatten
+Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft
+verloren.</p>
+
+<p>Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht
+nach Hause gehen. Einmal mußte er sie noch sehen,
+bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr gegenübersitzen,
+sie ansehen, sie sprechen und lachen hören
+und stummen Abschied von ihr nehmen.</p>
+
+<p>Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen
+und stieg ein. Er schien es eilig zu haben.</p>
+
+<p>&ndash;&nbsp;Wahrscheinlich fährt er zu ihr, &ndash; dachte
+Demba. &ndash; Und jetzt wird er mir sagen müssen,
+wo sie zu finden ist.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba
+und trat aus dem Dunkel hervor.</p>
+
+<p>Georg Weiner wandte sich um.</p>
+
+<p>»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.</p>
+
+<p>»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.</p>
+
+<p>»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.</p>
+
+<p>»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort,
+nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Passabel.«</p>
+
+<p>»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte
+Demba eifrig. »Es ist möglich, daß ich auch hin
+komme.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a>17</h2>
+
+<p>Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung,
+als er die Türe öffnete. Er hatte sich in dem
+dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte,
+um in das Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein
+schmerzhaft an einem Stuhle angestoßen.
+Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der
+offenen Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten
+und Überröcken beladenen Kleiderständer, stehen.</p>
+
+<p>Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht
+blendete ihn, dennoch sah Demba sofort, daß Sonja
+nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen
+saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten
+Wochen fast immer beisammen gewesen war. Die beiden
+jungen Mädchen waren Schauspielschülerinnen.
+Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein vierschrötiger
+Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen
+Bulldogge und einem Durchzieher auf der linken
+Wange. Er hatte ein scharfes, durchdringendes
+Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang,
+man war versucht, eilig beiseite zu springen, so oft
+er zu reden anfing. An der andern Seite des
+Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine
+Wolke von Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges,
+nichtssagendes Lächeln auf den Lippen, zu Dembas
+großem Ärger Emil Horvath.</p>
+
+<p>Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath
+dachte. Manchmal, wenn er bei Beckers seine Lektionen
+<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a>
+gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte,
+ins Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd
+zu, wie Demba den Buben die unregelmäßigen
+Verba erklärte und ging dann mit überlegenem
+Lächeln wieder hinaus. Unverschämt! Er kam
+herein, reichte den Buben, ohne Demba zu beachten,
+die Hand, zog den einen am Ohr, gab
+dem andern einen Klaps, fragte, ob »die Ella«
+zu Hause sei &ndash; »die Ella!« Einfach »die Ella«
+nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer
+&ndash; dem wird Herr Horvath doch nicht die
+Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal,
+siebzig Kronen monatlich und die Jause, der ist
+Luft für Herrn Horvath. Was ist der Herr
+Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent
+in der Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter
+nichts. Kein Hochschulstudium, keine Staatsprüfung,
+nun also! Und reicht mir nicht die
+Hand, woher denn. Unter seiner Würde! Demba
+spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu Kopf
+stieg.</p>
+
+<p>Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig,
+freundlich, zuvorkommend sein, sich nichts anmerken
+lassen von seinem Ärger. Was ging ihn
+Horvath an? Nichts. Demba hatte sich seinen
+Plan zurecht gelegt. Er wollte sich zu den jungen
+Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit
+ihnen. Wollte an der Unterhaltung teilnehmen,
+witzige Anekdoten erzählen, amüsant sein, den jungen
+Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; und
+wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen
+Gast in angeregter Unterhaltung im Kreise
+ihrer Freunde finden.</p>
+
+<p>Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem
+<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a>
+Kleiderständer hervor und verbeugte sich nach allen
+Seiten.</p>
+
+<p>»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den
+Damen!« Er näherte sich dem Tisch in der Haltung
+eines geschmeidigen Weltmannes und unwiderstehlichen
+Charmeurs. »Wünsch' guten Abend
+den Herrschaften, ich habe die Ehre.«</p>
+
+<p>Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und
+sahen verwundert Demba an, der in kotbespritzten
+Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser
+triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war
+nicht mehr unter sich. Die beiden Damen blickten
+von der Speisekarte auf und betrachteten Demba
+mit neugierigen Augen.</p>
+
+<p>»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie
+kommen Sie her?«</p>
+
+<p>»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung
+gesucht,« sagte Demba leichthin. »Ein bißchen
+unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es
+erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«</p>
+
+<p>»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und
+Demba ließ sich, nachdem er eine Weile unschlüssig
+umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt
+am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete,
+räusperte sich und drehte sich dann mit seinem
+Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.</p>
+
+<p>»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er
+ungeniert.</p>
+
+<p>»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,«
+gab Weiner leise zurück.</p>
+
+<p>»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann
+und trank sein Bierglas leer.</p>
+
+<p>Demba hatte die beiden flüstern gehört und
+wurde blutrot. Er wußte ganz genau, wovon jetzt
+<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a>
+die Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe
+und daß sie nichts von ihm wissen wolle, hatte
+der Weiner dem andern natürlich anvertraut und
+darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein,
+diese Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen
+sei, durfte er keinesfalls aufkommen lassen.
+Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort
+auf das Entschiedenste entgegengetreten werden.
+Sonjas wegen? Lächerlich! Davon kann doch
+wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr
+Weiner! Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin
+übrigens erfreut, Sie hier zu treffen, lieber
+Horvath&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Demba erhob sich.</p>
+
+<p>»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe
+viel von diesem Gasthaus gehört, es soll ja
+eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er zu
+Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden
+Redewendungen, deren er sich zu bedienen pflegte,
+wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach.
+»Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu
+speisen. Jawohl, beruflich gezwungen,« erklärte
+er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit
+Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite
+Widerspruch. »Küche und Keller dieses Etablissements
+werden allerorts gelobt. Genießt in der
+Tat ein vorzügliches <ins title="Renomnee">Renommee</ins>,« versicherte er
+dem Dr. Fuhrmann.</p>
+
+<p>Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde,
+dann Demba an, schüttelte den Kopf und vertiefte
+sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und
+Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß
+erwidern sollten und lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen
+kicherten in ihre Teller hinein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a>Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt,
+alle Anwesenden davon zu überzeugen, daß er
+durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des
+guten Essens halber hergekommen sei. Er bestand
+darauf, die Sache allen klarzumachen und redete
+eigensinnig weiter.</p>
+
+<p>»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der
+Wirt bietet, bildet seit Wochen überall das Tagesgespräch.
+Von allen Seiten hört man nur Lob über&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm
+und hielt ihm die Speisekarte hin.</p>
+
+<p>»Speisen gefällig?«</p>
+
+<p>»Später! Später!« stotterte Demba in höchster
+Verlegenheit und warf einen erschrockenen Blick
+auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich
+pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.«</p>
+
+<p>Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich
+über die Dringlichkeit der Erfindung eines elektrischen
+Hebekrans nach, der die Speisen unter
+völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller
+in den Mund befördern sollte.</p>
+
+<p>»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte
+der Kellner.</p>
+
+<p>Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich.
+Die Zunge klebte ihm am Gaumen und die
+Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur
+einen Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen
+Schluck! Aber es ging ja nicht, die Leute dort
+sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den
+er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der
+hatte ein volles Bierglas mit den Zähnen erfaßt
+und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne
+einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganz
+<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a>
+deutlich vor Augen, er erinnerte sich sogar an den
+Applaus. Händeklatschen in allen Rängen, bravo,
+bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen
+sollte. Vielleicht einen Scherz vorgeben, eine
+Wette &ndash; »erlauben Sie, daß ich ihnen ein kleines
+Kunststück vorführe, meine Herrschaften, &ndash; ein
+Kunststück mit einem vollen Bierglas &ndash; sehen Sie:
+so.« &ndash; Bravo, bravo, bravo! Alles applaudiert.</p>
+
+<p>Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und
+der Durst war unerträglich. Hilfesuchend blickte
+er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein
+Glas zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer.
+Wie gut es ihm schmeckte. Ein alter Couleur.
+Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit
+ausgetrockneter Kehle.</p>
+
+<p>Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.</p>
+
+<p>Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen!
+Ein so einfacher Gedanke! Und den ganzen
+Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen!</p>
+
+<p>»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein
+Glas Bier mit einem Strohhalm darin.«</p>
+
+<p>»Wie, bitte?«</p>
+
+<p>»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!«
+rief Demba und wurde ganz erbost, weil der
+Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen
+Sie und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun
+ja, als ob noch nie zuvor jemand ein Glas Bier
+mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!«</p>
+
+<p>Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte
+das Bier mit der resignierten Miene eines Mannes,
+der an die absonderlichsten Launen seiner Mitmenschen
+gewöhnt ist und den nichts mehr wundert.</p>
+
+<p>Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich
+zurecht und begann an dem Strohhalm zu saugen.
+<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a>
+Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und feuchtete
+ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen
+Zügen, setzte ab und trank wieder. Bravo, bravo,
+bravo! Er applaudierte sich selbst, als wäre er
+der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.</p>
+
+<p>»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl
+er dem Kellner ganz heiser vor Durst und
+vor Erregung.</p>
+
+<p>Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas
+sonderbare Art zu trinken aufmerksam geworden.
+Die beiden Mädchen flüsterten miteinander, kicherten,
+stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf
+den seltsamen Zecher.</p>
+
+<p>Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte
+Demba spöttisch lächelnd an und fragte:</p>
+
+<p>»Demba! Was treiben Sie da?«</p>
+
+<p>»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr.
+Fuhrmann ironisch.</p>
+
+<p>Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund
+fallen. Jetzt war es Zeit, für seine Sache einzustehen.
+Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er
+Schaum, den er nicht wegwischen konnte.</p>
+
+<p>»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton.
+»Das ist durchaus nicht originell. Die Herren
+haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich
+wohl annehmen, daß keiner der Herren jemals in
+Paris war.« Er verzog hochmütig und indigniert
+das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu tun
+hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.</p>
+
+<p>»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei
+Jahre in Paris gelebt, aber das habe ich noch
+niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm
+trinkt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a>Demba fand es für geraten, den Schauplatz
+dieses sonderbaren Brauches schleunigst zu wechseln.</p>
+
+<p>»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen
+Sie schön an, wenn Sie dort versuchen wollten,
+Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es
+verstößt geradezu gegen den guten Ton, das Glas
+direkt an den Mund zu setzen!«</p>
+
+<p>Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen
+genug zu sein. Es konnte ja ganz gut einer von
+den Leuten dort gewesen sein. Das eine von den
+Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen
+Haaren beinahe aus, wie eine Russin. Kurz entschlossen
+verlegte er die seltsame Zeremonie des
+Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine
+Gegend, die ganz sicher außerhalb des Bereiches
+einer Kontrolle lag.</p>
+
+<p>»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,«
+erklärte er. »In Bagdad und Damaskus können
+Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen
+Araber dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen
+Strohhalm trinken.«</p>
+
+<p>Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen
+von der Wahrheit seiner Behauptung. Kampflustig
+blickte er von einem zum andern, bereit, mit
+jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern
+wagen sollte. In seinem Geiste sah er wahrhaftig
+einen Türken, der den Turban auf dem Kopfe in
+seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des
+Tschibuks beschaulich einen Strohhalm schmauchte.</p>
+
+<p>»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!«
+sagte Horvath lachend. »Ethnographie: Nicht
+genügend.«</p>
+
+<p>Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf
+brachte Demba aufs äußerste in Harnisch. Er
+<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a>
+blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen
+feindselig an und sagte giftig:</p>
+
+<p>»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein
+fremdes Zimmer kommt. Verstanden? Merken
+Sie sich das.«</p>
+
+<p>»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt.</p>
+
+<p>Demba erschrak! Was hatte er denn schon
+wieder angestellt. Er hatte doch den Vorsatz gefaßt
+gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig
+zu sein, um die Sympathien aller Anwesenden für
+sich zu gewinnen. Und jetzt hatte er Horvath gegen
+sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie
+ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt
+und aus jedem Gespräche ausgeschaltet
+vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit
+wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen.</p>
+
+<p>Er stand auf.</p>
+
+<p>»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich
+muß Sie um Entschuldigung bitten. Meine Bemerkung
+hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den
+Kellner war sie gerichtet.«</p>
+
+<p>Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht
+durch Horvaths suffisantes Lächeln. Die
+Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich.
+Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der
+Zigarettenrauch reizte zum Husten. Demba drehte
+sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner;
+aber der war nicht mehr im Zimmer.</p>
+
+<p>»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser
+Kellner hat!« ereiferte sich Demba. »Es wundert
+mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt
+niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er
+überhaupt, eben war er ja noch da.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a>Das Bier, das Demba durch den Strohhalm
+eingesogen hatte, begann zu wirken. Das Blut
+pochte ihm in den Schläfen und er verspürte
+einen leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit
+im Magen. Er mußte sich setzen.</p>
+
+<p>Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba
+sprach in seiner Verwirrung unaufhaltsam weiter.</p>
+
+<p>»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich
+bezogen, Herr Horvath. Ein Mißverständnis.
+Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba
+verstummte sofort.</p>
+
+<p>»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut
+und deutete mit seinem Zeigefinger auf die Stirn.</p>
+
+<p>»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner.</p>
+
+<p>»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der
+beiden Mädchen ängstlich.</p>
+
+<p>»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner.</p>
+
+<p>»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte
+Horvath.</p>
+
+<p>»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte
+Weiner.</p>
+
+<p>Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder
+auf ihn gemünzt. »Muß jeden Augenblick kommen,«
+hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen.
+Ich bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja
+kommt? Bin ich ihretwegen hier? Sehr gut!
+Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige
+Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht?
+Aber Sie sind im Irrtum, Herr Weiner. Sie befinden
+sich in einem großen Irrtum. Ganz andere
+Gründe führen mich hierher. Triftige Gründe.
+Eine ganze Reihe triftiger Gründe. Muß den
+Herren doch sagen, was für wichtige Gründe&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a>Demba räusperte sich.</p>
+
+<p>»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier
+treffen,« sagte er. »Komme sonst selten hierher.
+Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso ich
+heute hier bin.«</p>
+
+<p>Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf.
+Weiner nahm die Zigarre aus dem Mund und
+sah Demba an. Horvath lächelte.</p>
+
+<p>»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste
+Weise. Ich hatte besondere Gründe, gerade heute
+hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine ganze
+Reihe sehr wichtiger Gründe.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.</p>
+
+<p>»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete,
+um Zeit zu gewinnen, und dachte nach. Aber nicht
+ein einziger der Gründe verschiedener Art wollte
+ihm in seiner Bedrängnis einfallen.</p>
+
+<p>»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach
+nicht in Betracht kommen konnte. Dieses da
+empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen
+seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle
+Beteiligten leicht zu erreichen.« &ndash; Demba atmete
+auf. Jetzt war ihm endlich etwas eingefallen.</p>
+
+<p>»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer
+sehr delikaten Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll.
+»Eine Ehrenaffäre, Sie werden es ja
+schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache.
+Verflucht ernst! Die Herren sollten eigentlich schon
+da sein. Offiziere von den Einundzwanziger-Jägern.«</p>
+
+<p>Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur
+Türe.</p>
+
+<p>»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herren
+<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a>
+nach mir gefragt? Nach Herrn Demba. Stanislaus
+Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant
+mit grünen Aufschlägen.«</p>
+
+<p>Der Kellner wußte von nichts.</p>
+
+<p>»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich
+erstaunt, enttäuscht und verdrießlich, weil die Herren
+noch nicht da waren. »Das wundert mich. Offiziere
+pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.«</p>
+
+<p>Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der
+Tür und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.
+Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß
+sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit
+zu Rate zu ziehen.</p>
+
+<p>»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf
+die Herren zu warten?« fragte er.</p>
+
+<p>»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann
+grob und las in seiner Zeitung weiter.</p>
+
+<p>»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf.
+Jetzt, da er sich plötzlich und höchst unerwarteterweise
+im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war
+er nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung
+auf sich sitzen zu lassen. Er trat an Dr.
+Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur
+Rede:</p>
+
+<p>»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung
+zu ersuchen.«</p>
+
+<p>»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren
+Rausch aus!« brüllte ihn Dr. Fuhrmann an.
+»Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich
+sehen, der sich durch Sie vertreten läßt.«</p>
+
+<p>Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz
+zurück. Betäubt, müde und mit schwerem Kopf
+brütete er vor sich hin.</p>
+
+<p>Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken.
+<a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a>
+Hatte es ihm gerade heraus ins Gesicht gesagt.
+Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum
+an und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut
+von der Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken.
+Müßte erst bewiesen werden, verehrter
+Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn
+mir ein Urteil in dieser Sache gütigst gestattet
+ist &ndash; bin bei Gott noch niemals so nüchtern gewesen,
+wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh'
+alles ganz genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen
+sofort beweisen. Eine Fliege hat sich auf Ihren
+Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts
+entgeht mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort
+ist Weiners Überzieher, aus der Tasche schaut die
+Zeitung heraus, &ndash; zweimal gefaltet &ndash; sehe alles.
+Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben,
+Herr Horvath &ndash; paßt sich nicht in Damengesellschaft
+&ndash; sehe alles. Müßte doch erst wohl bewiesen
+werden. Muß die Herren doch drüber
+aufklären. Betrunken! Werde einmal rückhaltlos
+meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter
+Herr! Was reden Sie da, verehrter Herr!
+Betrunken! Da muß ich denn doch&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Demba stand auf und ging auf den Nebentisch
+zu. Er zielte haarscharf auf die rechte Tischecke,
+setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete
+wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.</p>
+
+<p>»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in
+der Lektüre störe,« begann er und beugte sich zu
+Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in
+der Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes.
+Militärischer Zapfenstreich. Ein seltenes
+Jubiläum. Ein Selbstmord in der Babenbergerstraße.
+&ndash; Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen.
+<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a>
+Steht aber doch nicht alles in der Zeitung.« &ndash;
+Demba lachte gut gelaunt in sich hinein. Der
+Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung
+stand, machte ihm großen Spaß.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr.
+Fuhrmann.</p>
+
+<p>»Möchte Ihnen nur sagen&nbsp;&ndash;,« erklärte Demba.
+Er räusperte sich und begann von neuem: »Ich
+lege Wert auf die Feststellung&nbsp;&ndash;.« &ndash; Die Übelkeit
+im Magen machte sich wieder fühlbar. Er
+verspürte ein Sausen in den Ohren, einen Druck
+in den Schläfen und die Gasrohre schwankten
+auf beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand,
+daß er nicht sicher genug stand und lehnte sich
+kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt
+war ihm besser.</p>
+
+<p>»Möchte nur <ins title="festellen">feststellen</ins>&nbsp;&ndash;,« begann Demba nochmals,
+aber da gab der Sessel nach und stürzte
+um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel
+zu Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen,
+ein Notizbuch, eine Spule Zwirn, ein kleiner
+Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei
+Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich
+über den Fußboden.</p>
+
+<p>Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten.
+Er fand einen Rückhalt an der <ins title="masiven">massiven</ins>
+Tischplatte. &ndash; Betrunken? Unsinn. Er sah alles;
+er beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das
+Fünfkronenstück war hinter den Kleiderständer gerollt.</p>
+
+<p>»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden
+noch das ganze Zimmer demolieren.«</p>
+
+<p>»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren
+Rausch aus, hab' ich Ihnen gesagt!« rief Dr. Fuhrmann.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a>»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin.</p>
+
+<p>Weiner und Horvath waren aufgesprungen und
+begannen die Dinge auf dem Fußboden aufzulesen.
+Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit
+nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu
+und steuerte unaufhörlich nützliche Winke bei.</p>
+
+<p>»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer
+gerollt,« sagte er. »Und dort liegt der
+Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« &ndash;
+Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen,
+nichts war ihm entgangen.</p>
+
+<p>Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft
+an.</p>
+
+<p>»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie
+er wütend. »Schmeißt alles auf die Erde und
+steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich plage.«</p>
+
+<p>Er trat hart an Demba heran.</p>
+
+<p>»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben,
+die Sie hinuntergeworfen haben. Aber
+rasch!«</p>
+
+<p>Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte
+sich die Sache jedoch und richtete sich wieder
+auf.</p>
+
+<p>»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath.</p>
+
+<p>Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er.
+»Lieber nicht.« Er fand es höchst unbillig, solche
+Dinge von ihm zu verlangen.</p>
+
+<p>Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.</p>
+
+<p>»Das ist doch &ndash; das geht denn doch über die
+Hutschnur. Emil, worauf wartest du? Hau' ihm
+doch das Glas an den Schädel.«</p>
+
+<p>Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann
+vorwurfsvoll an.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a>Weiner lächelte amüsiert.</p>
+
+<p>»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,«
+sagte Horvath. »Provozieren lassen wir uns nicht.
+Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die
+Sachen nicht alle aufgehoben haben, so&nbsp;&ndash;! Das
+Weitere werden Sie sehen.«</p>
+
+<p>»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon
+selbst auf,« bat das junge Mädchen, dem die
+Sachen gehörten, ängstlich.</p>
+
+<p>»Eins,« sagte Horvath.</p>
+
+<p>Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und
+ging unsicheren Schritts an seinen Tisch zurück.</p>
+
+<p>»Zwei,« zählte Horvath.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba.
+»Lassen Sie mich doch in Ruhe.«</p>
+
+<p>»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu
+Ende. Er griff nach seinem Weinglas und schüttete
+den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben
+Sie.«</p>
+
+<p>Die Mädchen schrieen auf.</p>
+
+<p>Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß,
+der Wein strömte über sein Gesicht und blendete
+ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich
+und furchtbar zugleich.</p>
+
+<p>Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern
+gemacht. Er sah alles ganz klar. Eine brennende
+Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan,
+was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen!
+Wie hatte er denen dort den Narren
+abgeben können und den Hanswurst den ganzen
+Abend hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt,
+wie einen Hund behandelt, und er hatte es geduldet,
+um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er da,
+allen zum Gelächter.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a>Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut,
+alle Enttäuschung, die er den ganzen Tag hindurch
+stumm hinunter gewürgt hatte, &ndash; das alles kam
+jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien
+dort an die Gurgel.</p>
+
+<p>Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten
+sie. Nun sollten sie seine Fäuste spüren. Weiner
+zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann der
+andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann
+Horvath.</p>
+
+<p>Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor
+Zorn und Scham und Reue und hatte nur den
+einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen
+zu erwürgen.</p>
+
+<p>Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend
+die Zähne zusammen. Seine Hände waren gefesselt!
+Seine Hände waren wertlos. Seine Hände
+mußten versteckt und verborgen bleiben.</p>
+
+<p>Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.</p>
+
+<p>Gott gab sie ihm.</p>
+
+<p>Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn,
+zitternd vor Rachgier, knirschend vor Mordlust und
+dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum Gespött.
+Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals,
+schüttelten sich vor Lachen über seinen hilflosen
+Zorn.</p>
+
+<p>Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß
+zurückzustehen, sein Weinglas in die Hand genommen
+und rief:</p>
+
+<p>»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!«</p>
+
+<p>Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas
+helle Stimme:</p>
+
+<p>»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht!
+Er hat einen Revolver in der Hand!«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a>18</h2>
+
+<p>Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen
+Zimmer. Der Betrunkene hatte einen Revolver.
+In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß
+war der Schreck, so groß die Verwirrung, daß
+keiner zur Tür hinausfand. Weiner ließ das
+Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein
+ergoß sich auf den Fußboden. Horvath rannte
+in kopfloser Flucht an Sonja an, stolperte und
+warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf
+ihn fiel, blieb er sogleich wie gebannt stehen und
+gab jeden Gedanken an Entkommen auf. Die
+beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische
+geflüchtet und starrten, eng aneinander gepreßt,
+voll Entsetzen hinter den Falten des Fenstervorhanges
+hervor auf Demba, der in der Mitte des
+Zimmers stand, stumm, drohend und zur furchtbaren
+Tat entschlossen.</p>
+
+<p>»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll.
+Sie zitterte für das Leben Weiners.</p>
+
+<p>Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen
+machte ihn noch furchtbarer. Doch in Wirklichkeit
+blickte er mit einem Gemisch von Staunen und
+Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff.
+Warum schrie Sonja? Und was trieben die anderen?
+Wollten sie sich über ihn lustig machen? War das
+alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen,
+die man eben noch mit ihm getrieben hatte?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a>Er stand, regte sich nicht und wartete.</p>
+
+<p>»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den
+Revolver weg!« bat Sonja mit verstörtem Gesicht.</p>
+
+<p>Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja
+auf den Gedanken, daß er einen Revolver habe?
+War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.</p>
+
+<p>Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf
+nicht ganz verloren hatte. Er stellte sich, als sähe
+er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos
+und unbefangen, trank gemächlich seinen Wein
+aus und griff nach seinem Hut.</p>
+
+<p>»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in
+gleichgültig klingendem Ton vor. »Auf was warten
+wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« &ndash;
+Er wollte zur Tür.</p>
+
+<p>»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft
+und erst nach einigem Zögern. Denn natürlich,
+jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt
+werden sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen,
+so wie vorhin. Demba reute es, daß er »zurück«
+gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.</p>
+
+<p>Aber nein! Keiner lacht. Und &ndash; wie sonderbar
+&ndash; der Mensch dort gehorcht. Er bleibt stehen.
+Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein Hund,
+dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er
+hat Angst vor der Waffe, vor dem scharfgeladenen,
+sechsläufigen Revolver.</p>
+
+<p>Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht,
+schlau eingefädelt, damit sie mich wieder
+zu ihrem Narren machen und verlachen können.
+Oder nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische
+machen so entsetzte Augen, das kann doch
+nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert,
+ja, die Hände zittern ihm.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a>Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann
+vor ihm zitterte, verwirrte Demba mehr noch als
+die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und verstrickte
+sich in den Gedanken, daß er eine Waffe
+schußbereit in Händen hielt, und erprobte, zögernd
+vorerst und ängstlich, die Gewalt, die ihm über
+die anderen gegeben war.</p>
+
+<p>Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem
+Fuß an den Schildpattkamm und den zerbrochenen
+Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und
+sein Mißfallen erregten.</p>
+
+<p>»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll
+jetzt ich bis drei zählen?«</p>
+
+<p>Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit
+herbei und beeilten sich, die Gegenstände, die auf
+dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch
+Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen.
+Demba war betrunken und hatte einen Revolver.
+Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als
+alles tun, was er verlangte, und wäre es das
+Tollste. Und abzuwarten, ob sich Gelegenheit bot,
+ihn unschädlich zu machen.</p>
+
+<p>Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte
+er Genugtuung, volle Genugtuung für die schmähliche
+Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden
+war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten
+und zu verstecken suchten! Das Bewußtsein seiner
+Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung
+in seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen
+wollte er das Leben schenken. Er begnadigte
+sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen
+hatte, der sollte seiner Waffe nicht entgehen, dem
+sollte alles Bücken und Ducken nicht helfen, der
+kam jetzt an die Reihe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a>»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die
+nichts Gutes verhieß.</p>
+
+<p>Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort,
+auf dem Erdboden nach Kupferkreuzern und Bleistiften
+zu suchen.</p>
+
+<p>»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall,
+als er sah, daß Weiner nicht hören wollte.</p>
+
+<p>Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba
+mit stumpfen Augen an. Er sah voll Entsetzen,
+wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte,
+blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten.
+Er stand und wartete, wie der Verurteilte
+den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle holt.</p>
+
+<p>Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem
+Freund zu Hilfe zu kommen.</p>
+
+<p>»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!«</p>
+
+<p>Aber schon stand Demba vor ihr.</p>
+
+<p>»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Sonja verstummte. Demba drehte sich um und
+ging auf Weiner los.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt
+und machte einen Schritt zurück. »Lassen
+Sie mich hinaus.«</p>
+
+<p>»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,«
+sagte Demba.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne
+Sie ja kaum!« zeterte Weiner.</p>
+
+<p>»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?«
+brach Demba los. Sein Gesicht war verzerrt,
+Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn
+in Aufruhr gebracht.</p>
+
+<p>»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will
+ich wissen!«</p>
+
+<p>Und Weiner, der die Mündung des Revolvers
+<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a>
+gegen seinen Leib gerichtet fühlte, &ndash; nur eines
+Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel
+bohrte sich in seine Brust, &ndash; Weiner, der sah, daß
+in diesem Augenblick sein Leben völlig in die Hand
+eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um sich zu
+retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und
+gab sie, ohne zu zaudern, Dembas rasender Rachgier
+preis.</p>
+
+<p>»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief
+er. »Nur du bist an allem schuld. Hundertmal
+hab' ich dir gesagt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.</p>
+
+<p>»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich
+wußte bis gestern nachts gar nicht, wie Sie mit
+ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon
+gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr
+oder nicht, Sonja?«</p>
+
+<p>Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der
+fürchtete, daß Demba seinen Beteuerungen keinen
+Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.</p>
+
+<p>»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber
+sie hat mich zehnmal im Tag angerufen. Sie hat
+mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen
+zwölf Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.«</p>
+
+<p>Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen
+und blickte zu Boden. Weiner sah mit angstvoll
+irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber
+Dembas Gesicht hatte einen unerbittlichen und
+grausamen Ausdruck bekommen. Ekel und Verachtung
+waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen,
+den Feigling niederzuschießen um dessentwillen,
+was er da sprach.</p>
+
+<p>»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die
+Nähe der Gefahr fühlte. »Hast du mich nicht
+<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a>
+Tag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll,
+vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität
+gekommen, wenn ich in der Vorlesung war?
+Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.«</p>
+
+<p>»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid
+mit Sonja, die stumm dastand und Weiners
+Vorwürfe über sich ergehen ließ.</p>
+
+<p>Aber Weiner war nicht zu halten.</p>
+
+<p>»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht
+nachgegangen auf Schritt und Tritt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind
+wir fertig miteinander.«</p>
+
+<p>»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,«
+schrie Weiner erbost, und seine Stimme überschlug
+sich. »Und jetzt&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Und jetzt &ndash; da hast du dein Geld zurück.«
+Sonja riß ihr grünes Krokodilledertäschchen auf
+und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes Heftchen
+in Weiners Gesicht.</p>
+
+<p>»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling!
+Du Feigling! Pfui, du Feigling.«</p>
+
+<p>Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig
+fiel zu Boden. Und in diesem Augenblick war es
+Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes
+von seinem Herzen löste.</p>
+
+<p>Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen
+gehetzt und getrieben, dieses Heft in seine
+Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen
+und fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag
+hatte ihn die Furcht gefoltert, daß er zu spät kommen,
+daß dieses Heft ihm Sonja entführen werde.
+Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser
+Jagd hinter dem Gelde hergewesen, das ihm helfen
+sollte, dieses Heft zu erobern und zu vernichten.
+<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a>
+Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke,
+vor ihm versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und
+jetzt, am Abend, da er sich mutlos und mit leeren
+Händen, ein Geschlagener und Besiegter, hierhergeschlichen
+hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt
+und gefürchtet hatte, am Boden, wertloses
+Papier, das er mit dem Fuße beiseite stoßen konnte.
+Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte
+erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch
+gewünscht hatte, ohne Mühe, ohne Kampf hatte
+er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem
+Mantel versteckt hatte.</p>
+
+<p>Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen
+zu machen, trat Sonja zu ihm. Denn, zwiespältig
+in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen,
+weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen,
+sondern um ihretwillen rasend geworden
+und bereit war, einen Mord zu begehen.</p>
+
+<p>»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise.
+»Ja, du hast recht gehabt: Er ist nichts wert.
+Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch
+ab.« &ndash; Sie nahm eine Serviette vom Tisch und
+wischte ihm den Wein aus dem Gesicht.</p>
+
+<p>Demba sah Sonja an und wunderte sich über
+alle Maßen. Was war in ihn gefahren gewesen
+daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch
+den Tag gerast war, daß er gelogen, gestohlen
+und gebettelt hatte um ihretwillen? Sie stand vor
+ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn fröhlich
+oder traurig machen konnte, sie war sein, aber
+er fühlte nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe
+des Besitzes, nicht die Angst, sie zu verlieren.</p>
+
+<p>Er war ihrer satt.</p>
+
+<p>Was wollte er noch hier? Was hatte er hier
+<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a>
+noch zu suchen? Er wandte sich zum Gehen und
+konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht
+gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches
+Tier. Aber der Haß lebte, der ließ sich nicht
+verscharren, der war groß und mächtig und zwang
+ihn, seine Rache zu vollenden.</p>
+
+<p>Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten
+vermeinte, hatte ihn zu ihrem Sklaven gemacht.
+Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die
+Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht
+frei. Sollte er gehen und denen dort ihr Leben
+schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus war,
+ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor?
+Nein, sie sollten nicht lachen. Keiner durfte lebendig
+aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah sich im
+Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei
+hintreten und Schuß auf Schuß in totenblasse
+Gesichter feuern.</p>
+
+<p>Er beugte sich über den Tisch.</p>
+
+<p>»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe
+den Herren fünf Minuten Zeit,« sagte er, und
+seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer
+Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor
+der Furchtbarkeit des Augenblicks über den Rücken
+lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem Gutdünken.«</p>
+
+<p>»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen
+Sie tun?« rief Horvath.</p>
+
+<p>»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure,
+ich werde erwartet,« sagte Demba und wurde
+sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine
+Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte.
+»Nein. Hinaus dürfen Sie nicht. Zurück!« befahl
+er. »Oder ich schieße!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a>Die drei standen starr und unbeweglich. Der
+Trunkene machte Ernst. Es gab keine Rettung
+vor dem geladenen Revolver. Sie standen und
+wagten sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen
+sangen und die Uhr tickte und ihre Zeiger krochen
+ohne Erbarmen dem Ziele zu.</p>
+
+<p>Demba blickte von einem zum andern, prüfte,
+auf wen er zuerst anlegen sollte, es war Zeit, die
+Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich
+für Horvath.</p>
+
+<p>Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie
+hatte er ihn leiden mögen. In seinem Innern
+begann er mit Horvath noch einen letzten Zank
+auszutragen. Dieser hochnasige Flegel! Ist die
+Elli zu Hause? Nein, die Elli ist nicht zu Hause,
+aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben
+mich wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt &ndash;
+halb neun&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen.</p>
+
+<p>Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer
+getreten.</p>
+
+<p>Demba drehte sich um.</p>
+
+<p>»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und
+sprang ihm an die Gurgel.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a>19</h2>
+
+<p>»Ich hab' ihn!«</p>
+
+<p>»Halten Sie fest!«</p>
+
+<p>»Die Hände! Packen Sie seine Hände!« schrie
+Weiner dem Kellner zu.</p>
+
+<p>»Lassen Sie los!« brüllte Demba auf und wehrte
+sich wie ein Wütender gegen die Arme, die ihn
+umklammert hielten.</p>
+
+<p>»Geben Sie acht! Er schießt!«</p>
+
+<p>»Er hat einen Revolver!«</p>
+
+<p>»Den Arm! Weiner, pack' den Arm!«</p>
+
+<p>»Achtung!«</p>
+
+<p>Demba war es gelungen, sich loszureißen. Er
+teilte nach allen Seiten Stöße und Fußtritte aus
+und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem
+Kopf gegen den Kellner.</p>
+
+<p>»Festhalten! Festhalten.«</p>
+
+<p>»Ich hab' ihn!«</p>
+
+<p>»Doktor! Packen Sie seine Beine!«</p>
+
+<p>»Loslassen!« tobte Demba und stieß mit dem
+Fuß aus.</p>
+
+<p>»Ich bin getroffen!« heulte Weiner und fiel in
+einen Sessel.</p>
+
+<p>Die beiden Theaterschülerinnen kreischten laut
+auf und hielten die Hände vor das Gesicht. Sonja
+stand schon bei Weiner.</p>
+
+<p>»Georg! Was ist dir geschehen?« schrie sie angstvoll.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a>»Ich bin getroffen! Hilfe!« ächzte Weiner.</p>
+
+<p>»Wo? Um Gottes willen!« &ndash; Alle Feindschaft
+war vergessen und Sonja mühte sich totenblaß vor
+Schrecken um den wimmernden Weiner.</p>
+
+<p>»Lassen Sie los! Ich ersticke!« keuchte Demba;
+der Kellner preßte ihm mit beiden Händen den
+Hals zusammen.</p>
+
+<p>»Den Revolver fort!« befahl Dr. Fuhrmann.</p>
+
+<p>»Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hände!« schrie
+Horvath triumphierend.</p>
+
+<p>»Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm!«
+gurgelte Demba, blaurot im Gesicht.</p>
+
+<p>»Ich hab' den Revolver.«</p>
+
+<p>»Achtung! Er ist geladen.«</p>
+
+<p>»Vorsicht! Er geht los!«</p>
+
+<p>Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf.</p>
+
+<p>Dann stieß Demba einen Schrei aus. Horvath
+hatte ihm die Hände im Gelenk gedreht.</p>
+
+<p>»Da ist er.« Und Horvath brachte triumphierend
+Dembas Hände unter dem Mantel hervor, zwei
+unselige, hilflose, jammervolle Hände, mit Ketten
+kläglich aneinander gefesselt.</p>
+
+<p>Einen Augenblick lang war alles starr.</p>
+
+<p>Dann gelang es Demba, sich loszureißen.</p>
+
+<p>Er blickte wild um sich, stöhnte leise, schöpfte
+tief Atem und rannte zur Tür hinaus.</p>
+
+<p>Ein paar Sekunden lang hörte man ihn im
+Dunkeln zwischen Stühlen, Tischen und den leeren
+Kleiderständern poltern.</p>
+
+<p>Dann krachte eine Tür und alles war ruhig.</p>
+
+<p>Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache
+wiedergewann.</p>
+
+<p>»Was war das?« fragte er, noch immer außer
+Atem.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a>»Habt Ihr das gesehen&nbsp;&ndash;?« keuchte Horvath,
+erschöpft von der Anstrengung des Ringkampfes.</p>
+
+<p>»Der muß wo aus'kommen sein,« sagte kopfschüttelnd
+der Kellner.</p>
+
+<p>»Wir müssen ihm nach,« rief Dr. Fuhrmann.</p>
+
+<p>»Zur Polizei! Zur Polizei!« schrie Weiner und
+rieb sich sein Schienbein.</p>
+
+<p>Der Gedanke, daß sie sich alle von einem Schatten,
+einer Lüge, dem Phantom einer Waffe hatten betrügen
+und in Furcht setzen lassen, brachte sie in
+Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden
+auf und wischte sorgfältig den Staub von seinen
+Seiten.</p>
+
+<p>»Es ist am besten, wir gehen aufs nächste Kommissariat,«
+sagte Dr. Fuhrmann entschlossen. »Weiß
+vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?«</p>
+
+<p>»Ich,« sagte Sonja mit harter Stimme und sie
+nahm das höhnische Lächeln, die spöttischen Blicke
+und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu
+verraten. »Ich weiß, wo er wohnt.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a>20</h2>
+
+<p>Stanislaus Demba kam langsam die Treppe
+herauf. Vor der Wohnungstür stand Steffi Prokop
+und wartete im Dunkeln.</p>
+
+<p>»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß
+du doch kommst! Endlich! Endlich! Es ist gleich
+neun Uhr. So spät!«</p>
+
+<p>»Wartest du lang?«</p>
+
+<p>»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da,
+deine Hausfrau hat ihm die Tür aufgemacht. Ich
+habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat
+mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht,
+ich glaube, für dich.«</p>
+
+<p>»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine
+Nachricht mehr von der Welt unten.</p>
+
+<p>»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.</p>
+
+<p>»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten
+Rocktasche und sperr' auf. Aber leise &ndash; leise!
+Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen
+bin.«</p>
+
+<p>Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte
+die Tür und zog den Schlüssel ab.</p>
+
+<p>»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo
+ist dein Freund, nicht zu Hause? Wart', ich werde
+Licht machen.«</p>
+
+<p>»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich
+meine Wirtsfrau herein. Dort die Kerze auf dem
+Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du
+den Schlüssel?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a>»Ja. &ndash; Ich glaube.«</p>
+
+<p>»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«</p>
+
+<p>»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den
+Schlüssel,« sagte Steffi. »Gib mir die Hände
+her. Schau, da liegt der Brief.«</p>
+
+<p>Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war
+von Hübel. Er enthielt die Mitteilung, daß Dr.
+Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei
+der Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um
+Entschuldigung und stellte das Geld zurück, zweihundertsiebzig
+Kronen. Hiervon habe er, Hübel,
+sich erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten
+Dank und bestimmt am nächsten Ersten.</p>
+
+<p>Demba warf den Brief und die Banknoten auf
+die Tischplatte. Was war ihm jetzt das Geld!
+Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter.
+Es kam zu spät.</p>
+
+<p>»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach
+Hause,« drängte Steffi Prokop. »Gib die Hände
+her, ich will versuchen, ob der Schlüssel sperrt.«</p>
+
+<p>»<ins title="Versuchen?">Versuchen?«</ins> fragte Demba.</p>
+
+<p>»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,«
+sagte Steffi und holte den Schlüssel hervor. »Ich
+brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den
+Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.</p>
+
+<p>»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch.
+»Was wirst du machen mit dem vielen Geld?«</p>
+
+<p>»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt
+zu spät.«</p>
+
+<p>»Zu spät? Warum?«</p>
+
+<p>»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde.
+»Der Schlüssel kommt zurecht. Gebe Gott, daß
+ich im rechten Augenblick die Hände frei bekomme.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a>Steffi blickte unruhig auf.</p>
+
+<p>»Im rechten Augenblick?« fragte sie.</p>
+
+<p>»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.</p>
+
+<p>»Wer denn, Stanie, wer denn?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«</p>
+
+<p>»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«</p>
+
+<p>»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst.
+Wenn die Handschellen fort sind, fürcht' ich die
+Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben.
+Die Handschellen müssen fort!«</p>
+
+<p>»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte
+Steffi. »Die Handschellen müssen fort! Die Handschellen
+müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er
+ist zu groß.«</p>
+
+<p>»Wer? Der Schlüssel?« &ndash; Demba fuhr erschrocken
+auf.</p>
+
+<p>»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich
+Angst gehabt.« Sie ließ die Hände in den Schoß
+sinken und blickte hilfesuchend in Dembas Gesicht.</p>
+
+<p>»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.</p>
+
+<p>»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den
+Augen um Verzeihung bittend. »Dieser dumme
+Mensch!«</p>
+
+<p>»Was ist denn geschehen?«</p>
+
+<p>»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag,
+während ich im Bureau war, ist der Schlosserjunge
+zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der
+Bub von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen
+Wachsabdruck verloren hätte und die Mutter solle
+ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel
+öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen
+Schlüssel zu meinem Tagebuch gemacht!«</p>
+
+<p>»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.</p>
+
+<p>»Stanie! Was werden wir tun?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a>»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba
+mit einem Seufzer.</p>
+
+<p>»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen,
+ich mein's mit dir gut. Schau, wär' es nicht am
+besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles,
+was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine
+ganz leichte Strafe, ein paar Wochen, zwei oder
+drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du hinauskommst,
+bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist
+du frei! Frei, Stanie&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus
+Demba.</p>
+
+<p>»Bis auf die Handschellen?«</p>
+
+<p>»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die
+behält ein jeder, der aus dem Kerker kommt. Weißt
+du's nicht, Steffi? Strafen werden von der
+Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer
+aus dem Kerker kommt, der muß seine Hände
+verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er
+kann keinem Menschen mehr frei und offen die
+Hand reichen, er muß mit ängstlich versteckten
+Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich
+heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem
+Mantel &ndash; horch! Da sind sie schon.«</p>
+
+<p>Es hatte geläutet.</p>
+
+<p>Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um
+Dembas Hals.</p>
+
+<p>»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier
+finden, Stanie, wenn sie mich hier finden!«</p>
+
+<p>Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung
+wurde geöffnet. Männerschritte, zwei harte Schläge
+an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes,
+öffnen Sie!«</p>
+
+<p>»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a>Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs
+Fenster und löschte die Kerze aus. Aber es wurde
+nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes
+Dämmerlicht.</p>
+
+<p>»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der
+Dachkammer am Fenster stand, hab' ich an dich
+gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war
+bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich
+hab' mir gewünscht, daß du bei mir sein sollst,
+wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich bin
+nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen.
+Jetzt wollte ich, du wärest weit fort von hier.«</p>
+
+<p>Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild
+sank, als hätte sie auf dieses Wort gewartet, in
+sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich
+und verflog in nichts.</p>
+
+<p>Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte
+Instrumente arbeiteten an der Holzfüllung der Tür.</p>
+
+<p>»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht
+die Freiheit nicht glücklich, Steffi. Nur müde.«</p>
+
+<p>Es kam keine Antwort.</p>
+
+<p>»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder
+Fiber meines Körpers, Steffi. Aber ich bin nur
+müde geworden und jetzt will ich nur noch eines:
+Ausruhen.«</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>»Wo bist du, <ins title="Steffi?">Steffi?«</ins></p>
+
+<p>Stille.</p>
+
+<p>Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.</p>
+
+<p>Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an
+das Balkenwerk des Dachbodens. Er machte zwei
+Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten
+Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine
+und fiel auf einen Strohsack. Die staubgesättigte
+<a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a>
+Luft der engen Kammer legte sich ihm
+drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und
+trat an die Dachlucke.</p>
+
+<p>Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der
+furchtbare Malzgeruch hierher? Eine Turmuhr
+schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo
+bin ich? Wo war ich? Wie lange steh' ich schon
+hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf
+Stunden? Zwölf Sekunden?</p>
+
+<p>Die Tür springt auf. Ein Grammophon in
+der Ferne spielt den »Prinz Eugen«. &ndash; Jetzt &ndash;
+das Schieferdach glänzt so fröhlich in der Morgensonne
+&ndash; zwei Schwalben schießen erschreckt aus
+ihren Nestern &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;
+&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash;</p>
+
+<p>Als die beiden Polizisten &ndash; kurz nach neun Uhr
+morgens &ndash; den Hof des Trödlerhauses in der
+Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus
+Demba.</p>
+
+<p>Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte,
+aufzustehen. Er wollte fort, rasch um die
+Ecke biegen, in die Freiheit&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren
+zerschmettert und aus einer Wunde am Hinterkopf
+floß Blut.</p>
+
+<p>Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten.
+Seine Augen irrten ruhelos durch die Straßen
+der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze,
+tauchten unter in der brausenden Wirrnis des
+Daseins, stürmten Treppen hinauf und hinunter,
+glitten durch Zimmer und durch Spelunken, klammerten
+sich noch einmal an das rastlose Leben des
+ewig bewegten Tages, spielten, bettelten, rauften
+um Geld und um Liebe, kosteten zum <ins title="letzenmal">letztenmal</ins>
+<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a>
+von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung,
+wurden sehr müde und fielen zu.</p>
+
+<p>Die Handschellen waren durch die Gewalt des
+Sturzes zerbrochen. Und Dembas Hände, die Hände,
+die sich in Angst versteckt, in Groll empört, im
+Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt,
+die in ihrem Versteck stumm in Leidenschaft gezittert,
+in Verzweiflung mit dem Schicksal gehadert, in
+Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, &ndash; Stanislaus
+Dembas Hände waren endlich frei.</p>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: large;"><a name="schriften">Leo Perutz</a></p>
+
+<p class="center" style="font-size: x-large;">Die dritte Kugel</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4em;">Roman. 5. Auflage<br/>
+Geheftet 5&nbsp;M., gebunden 8&nbsp;M.</p>
+
+<p class="no-indent"><span class="gesperrt">Kölnische Zeitung</span>: Das in bewegter Handlung, die doch
+nicht grob nach alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt,
+sich aufbauende Werk ist geradezu meisterhaft im
+Sinne der dargestellten Zeit empfunden. Reiche kulturgeschichtliche
+Studien sind künstlerisch lebensvoll verarbeitet, an
+keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung geltend,
+&hellip; kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein
+solches für Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück.</p>
+
+<p class="no-indent"><span class="gesperrt">Wiener Allgemeine Zeitung</span>: In schlaflosen Nächten,
+die einem dieser Krieg so freigebig und überreichlich beschert,
+mag unter tausend wichtigen und unwichtigen Fragen, die
+einen bedrängen und für die man doch nie eine Antwort gewußt,
+auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das Buch dann
+beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?&hellip;
+Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende &ndash; aber das Buch
+ist schon da. Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben,
+ist ein neuer, ein unbekannter Mann und heißt
+Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht, das einen überrennt,
+das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um
+den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt
+nicht mehr losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst
+damit zu Ende ist. Und das ist das Beste, was man dem
+Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann geschrieben
+hat, das auch einer neuen Zeit angehört &hellip; Kein
+Buch für Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das
+im ganzen deutschen Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande
+wäre.</p>
+
+<p class="center">Außerdem erschien:</p>
+
+<p class="center" style="font-size: large;">Leo Perutz und Paul Frank</p>
+
+<p class="center" style="font-size: x-large;">Das Mangobaumwunder</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4em;">Eine unglaubwürdige Geschichte<br/>
+11. Auflage. Geheftet 4&nbsp;M., gebunden 7&nbsp;M.</p>
+
+<p class="no-indent"><span class="gesperrt">Zeit im Bild, Berlin</span>: »Das Mangobaumwunder« gehört
+zu jenen Büchern, die man in einem Zuge bis zu Ende lesen
+muß. Die Grundidee der Erzählung ist konsequent, geist-
+und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser verstehen es
+meisterlich, unsere Spannung und unser &hellip; Gruseln ununterbrochen
+wachzuhalten.</p>
+
+<p class="center">Verlag von Albert Langen in München</p>
+
+<p class="center" style="font-size: smaller;">Druck von Hesse &amp; Becker in Leipzig.<br/>
+Einbände von E.&nbsp;A. Enders in Leipzig.</p>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_37">Seite 37</a>:<br/>
+Wie schauerlich die leeren <span class="correction">Armel</span> herunterhingen.<br/>
+Wie schauerlich die leeren <span class="correction">Ärmel</span> herunterhingen.
+</li>
+<li><a href="#Page_39">Seite 39</a>:<br/>
+diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub <span class="correction">iu</span><br/>
+diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub <span class="correction">in</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_43">Seite 43</a>:<br/>
+das <span class="correction">Rundereisebillett</span> zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien<br/>
+das <span class="correction">Rundreisebillett</span> zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien
+</li>
+<li><a href="#Page_43">Seite 43</a>:<br/>
+unterbrechen und eine Besteigung des <span class="correction">Sonnwendeines</span><br/>
+unterbrechen und eine Besteigung des <span class="correction">Sonnwendsteines</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_43">Seite 43</a>:<br/>
+unternehmen. Für die Besichtigung <span class="correction">Laistbachs</span><br/>
+unternehmen. Für die Besichtigung <span class="correction">Laibachs</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_45">Seite 45</a>:<br/>
+egal sein. <span class="correction">Uberhaupt</span> heiß' ich für Sie: Fräulein<br/>
+egal sein. <span class="correction">Überhaupt</span> heiß' ich für Sie: Fräulein
+</li>
+<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/>
+kommen sollte, so rufen Sie mich im <span class="correction">Cafè</span><br/>
+kommen sollte, so rufen Sie mich im <span class="correction">Café</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_49">Seite 49</a>:<br/>
+Café <span class="correction">Sistinia</span> und ausgerechnet den Neuhäusl<br/>
+Café <span class="correction">Sistiana</span> und ausgerechnet den Neuhäusl
+</li>
+<li><a href="#Page_56">Seite 56</a>:<br/>
+an. »<span class="correction">Ubrigens</span> war ich bei meiner Tante, die<br/>
+an. »<span class="correction">Übrigens</span> war ich bei meiner Tante, die
+</li>
+<li><a href="#Page_79">Seite 79</a>:<br/>
+»Es tut mir leid um die <span class="correction">Wohnung,</span> sagte Eisner<br/>
+»Es tut mir leid um die <span class="correction">Wohnung,«</span> sagte Eisner
+</li>
+<li><a href="#Page_94">Seite 94</a>:<br/>
+deklamiert, <span class="correction">»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Integer</span></span> <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">vitae &hellip;</span> &ndash; wie geht's weiter?«<br/>
+deklamiert, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la"><span class="correction">Integer</span> vitae &hellip;</span> &ndash; wie geht's weiter?«
+</li>
+<li><a href="#Page_105">Seite 105</a>:<br/>
+die in einem Winkel auf <span class="correction">den</span> bloßen Erdboden<br/>
+die in einem Winkel auf <span class="correction">dem</span> bloßen Erdboden
+</li>
+<li><a href="#Page_108">Seite 108</a>:<br/>
+den Schlüssel zu der <span class="correction">Kasette</span> nicht, in der er sein<br/>
+den Schlüssel zu der <span class="correction">Kassette</span> nicht, in der er sein
+</li>
+<li><a href="#Page_109">Seite 109</a>:<br/>
+ein paar seiner Sachen: Einen <span class="correction">Senftigel</span><br/>
+ein paar seiner Sachen: Einen <span class="correction">Senftiegel</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_119">Seite 119</a>:<br/>
+leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen <span class="correction">können</span><br/>
+leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen <span class="correction">können.</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_128">Seite 128</a>:<br/>
+Vater aus <span class="correction">Korksstöpseln</span> hergestellt hatte. Der<br/>
+Vater aus <span class="correction">Korkstöpseln</span> hergestellt hatte. Der
+</li>
+<li><a href="#Page_135">Seite 135</a>:<br/>
+außer Atem in das Privatkontor ihres <span class="correction">Mannes</span><br/>
+außer Atem in das Privatkontor ihres <span class="correction">Mannes.</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_153">Seite 153</a>:<br/>
+<span class="correction">Polzeibericht</span> von heute morgen: Junger, etwa<br/>
+<span class="correction">Polizeibericht</span> von heute morgen: Junger, etwa
+</li>
+<li><a href="#Page_162">Seite 162</a>:<br/>
+Legitimationskarte <span class="correction">der</span> Detektivs vermutete.<br/>
+Legitimationskarte <span class="correction">des</span> Detektivs vermutete.
+</li>
+<li><a href="#Page_170">Seite 170</a>:<br/>
+<span class="correction">›Die</span> Gattin des Realschulprofessors Ernest W.,<br/>
+<span class="correction">Die</span> Gattin des Realschulprofessors Ernest W.,
+</li>
+<li><a href="#Page_175">Seite 175</a>:<br/>
+»Der <span class="correction">Leichsinn</span> Ihres Zimmerkollegen.«<br/>
+»Der <span class="correction">Leichtsinn</span> Ihres Zimmerkollegen.«
+</li>
+<li><a href="#Page_183">Seite 183</a>:<br/>
+genußfrohen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Jeunesse <span class="correction">doreé</span></span> der Leopoldstadt auferlegte.<br/>
+genußfrohen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Jeunesse <span class="correction">dorée</span></span> der Leopoldstadt auferlegte.
+</li>
+<li><a href="#Page_197">Seite 197</a>:<br/>
+Demba fuhr zusammen. »Was wollen <span class="correction">Sie?»</span><br/>
+Demba fuhr zusammen. »Was wollen <span class="correction">Sie?«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_210">Seite 210</a>:<br/>
+Tat ein vorzügliches <span class="correction">Renomnee</span>,« versicherte er<br/>
+Tat ein vorzügliches <span class="correction">Renommee</span>,« versicherte er
+</li>
+<li><a href="#Page_220">Seite 220</a>:<br/>
+»Möchte nur <span class="correction">festellen</span>&nbsp;&ndash;,« begann Demba nochmals,<br/>
+»Möchte nur <span class="correction">feststellen</span>&nbsp;&ndash;,« begann Demba nochmals,
+</li>
+<li><a href="#Page_220">Seite 220</a>:<br/>
+Er fand einen Rückhalt an der <span class="correction">masiven</span><br/>
+Er fand einen Rückhalt an der <span class="correction">massiven</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_237">Seite 237</a>:<br/>
+»<span class="correction">Versuchen?</span> fragte Demba.<br/>
+»<span class="correction">Versuchen?«</span> fragte Demba.
+</li>
+<li><a href="#Page_240">Seite 240</a>:<br/>
+»Wo bist du, <span class="correction">Steffi?</span><br/>
+»Wo bist du, <span class="correction">Steffi?«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_241">Seite 241</a>:<br/>
+um Geld und um Liebe, kosteten zum <span class="correction">letzenmal</span><br/>
+um Geld und um Liebe, kosteten zum <span class="correction">letztenmal</span>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zwischen neun und neun, by Leo Perutz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZWISCHEN NEUN UND NEUN ***
+
+***** This file should be named 36901-h.htm or 36901-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36901/
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>