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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:06:45 -0700 |
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Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + +Schach von Wuthenow + + + + +Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage: + +~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. + +~Cécile.~ Roman. + +~Graf Petöfy.~ Roman. + +~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman. + +~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. + +~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870. + +~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise. + +~Frau Jenny Treibel.~ Roman. + +~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman. + +~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten. + +~Effi Briest.~ Roman. + +~Die Poggenpuhls.~ Erzählung. + +~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches. + +~Der Stechlin.~ Roman. + +~Aus England und Schottland.~ Reisebilder. + + +Gesammelte Romane und Erzählungen. + +Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters. + +=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. -- +Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. -- +~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. -- +~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~ +Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner +Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes +1870. + + + + + Schach von Wuthenow + + Erzählung + aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + + von + Theodor Fontane + + Vierte Auflage. + + Berlin W + F. Fontane & Co. + 1901 + + + + + Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten. + + + + +Erstes Kapitel. + +Im Salon der Frau von Carayon. + + +In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und +ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige +Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des +Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte. +Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser +Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und +hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter +gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle, +dem dieser Platz in Wahrheit gebühre. + +Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite, +saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in +diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung +innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige +Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem +abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat +zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs +angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt +machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow. +Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße +weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner +Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem +Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde +sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich +immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr +Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens +in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein +Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm +der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche +sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die +feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte. + +Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher +beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht +nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich +wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als +»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte +diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was +man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch +beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick +zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte. + +»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort, +»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser +Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn +von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, +was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander +von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie +nicht groß sind.« + +»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles +was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht +preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen +reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.« + +»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich +danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.« + +»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer +ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner +seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von +Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß +alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen +Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die +Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist +erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs +des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor +sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir +wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn +Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen +Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen +müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe +Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz +der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen +wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die +Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen +zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin +steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß +wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts; +der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade +für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht, +als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich +von der unangenehmen Seite.« + +Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen +worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu +dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß +ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie +sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle +man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der +Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um +seine frühere Schönheit gekommen war. + +Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er +es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte +nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum +lieben Sie sie.« + +»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.« + +»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück +könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller +Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die +glänzendste Kriegsgeschichte.« + +»Und wer rettete ....« + +»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar +Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt +ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der +Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht. +Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu +Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder +Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....« + +Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein +Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der +Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die +Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit +Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung. + +»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....« + +»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte +seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und +nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen, +daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen +Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den +Salon eingetreten sein müsse. + +»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue +Stürme ....« + +»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin +Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem +Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt +mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem +Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende. +Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem +Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde +getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die +Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf +selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den +Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden +konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im +Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.« + +»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich +machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man +weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der +wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß, +wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht +säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.« + +»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter +Anklage von Hochverrath und Krawall.« + +»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung +dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht +fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen, +als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum +politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber +=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich +sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von +Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den +Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere +Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist, +und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und +recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich, +gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen +Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch +keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus. +Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom +Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der +schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch +die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu +gemacht.« + +»Nein, diese Stimmung war da.« + +»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu +bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen +wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir +sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst +die Summe, so sind wir verloren.« + +»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen, +Herr von Bülow.« + +»Was ich beklage.« + +»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und +meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären +dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan +obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am +Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers +Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß +sich wieder auf sich selbst besinnen.« + +»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist +dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich, +das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich +frage Sie?« + +»Sie mißverstehen mich.« + +»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.« + +»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich +mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische +Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art +aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck +zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren +=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel +bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht= +gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes +und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist +=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer +Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges +Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.« + + + + +Zweites Kapitel. + +»Die Weihe der Kraft.« + + +Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit +anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach +und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht +Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und +nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen +Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns +zugewiesen.« + +»Also der Prinz,« sagte Alvensleben. + +»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist +eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert +haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es +geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen, +daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.« + +»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr +Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund +heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.« + +»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und +so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr +bedauert.« + +»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung +entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter +der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten +einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen +einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen +aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von +seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte +citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert +hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste +bedeutet.« + +»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die +den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,« +sagte Schach spitz. + +»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach, +auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie +bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich +vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu +=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht +das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene +Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde +Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas +Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines +Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in +Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch +über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er +will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote +mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder +dans le Néant_.« + +»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das +Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also +zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den +›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen +zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß +wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit +wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar +nicht gesehen zu haben.« + +»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit +nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten +Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines +Stückes beizuwohnen.« + +»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst +nicht länger mehr zu zweifeln ist.« + +»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens +alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.« + +»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das +Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des +Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am +räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt, +Iffland, ein Freimaurer.« + +»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,« +erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit +unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen +dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das +entscheidet.« + +»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt +Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?« + +Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, +meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem +Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer +Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle +Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin +Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein +lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies +ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu +mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen +Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator, +aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen +und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und +Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus +einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den +ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von +Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.« + +»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte. +Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in +seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart +strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.« + +»O, gewiß nicht,« lachte Sander. + +»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen +Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu +machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen +einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....« + +»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch. + +»Auch nicht Luthers!« + +»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....« + +»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie +mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel +anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der +Welt ihn halten können.« + +»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören,« +erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an +ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?« + +»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies +Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne, +die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer +Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther +herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, +und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne, daß ich die Tage +Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog +nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die +Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt; +jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er +schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so +müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und +warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es +sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder +unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._« + +»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns +Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden +gebracht habe.« + +»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf +die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. +Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende +Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter +ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was +bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel +aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles. +Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet? +Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich +Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle +Moral, die den Satz erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden, +warum hat er nicht gefressen?‹« + +»Gut, gut. Aber Luther ....« + +»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die +Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es +dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat. +Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und +Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für +Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt, +wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden +und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir +den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias +Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht +ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr +als ich fassen kann.« + +»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn +uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und +wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei +=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber +Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der +eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du +könntest uns das ein' oder andere davon singen.« + +»Ich habe sie kaum durchgespielt.« + +»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität +ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches +poetisches Suchen und Tappen.« + +Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach +seinen Mitteln.« + +Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er +begleitete. + + Die Blüthe, sie schläft so leis und lind + Wohl in der Wiege von Schnee; + Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind + Du blühendes Kind« + Und das Kind es weint und verschläft sein Weh + Und hernieder steigen aus duftiger Höh + Die Schwestern und lieben und blühn + +Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr +Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,« +antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die +Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.« + + Und kommt der Mai dann wieder so lind, + Dann bricht er die Wiege von Schnee, + Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind + Du welkendes Kind.« + Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh + Und steigt hinauf in die leuchtende Höh + Wo strahlend die Brüderlein blühn. + +Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich +Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die +Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten. + +Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang +beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war +durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen +funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er +wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür +hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.« + +Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte. + +Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb +dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde. + + + + +Drittes Kapitel. + +Bei Sala Tarone. + + +Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der +Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links +einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, +und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag +deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, +allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und +Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern. + +»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch +einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die +Kehle zuschnürten.« + +»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies +dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen +stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da +schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite +sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf +öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als +Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt +hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten +ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer +in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der +Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das +Gefährliche der Passage kenntlich zu machen. + +»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander, +sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn +in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen +Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt +waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und +Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.« + +»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen +ein militärischer Verlag.« + +Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her, +und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür +gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht +nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte +mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große +Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller +»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an +niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas, +mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo +dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen +überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus +tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein +Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller +hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand. + +Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber +gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger +war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die +Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber +nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm +gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste, +was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind +Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches +verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen +mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die +Firma.« + +Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit +seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und +Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.« + +Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre +gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom +Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit +halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger +Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort +sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die +letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem +Anscheine nach, am besten kannte. + +»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?« + +»Gut. Sehr gut.« + +»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der +Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne +gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?« + +»Zu dienen, Herr Sander.« + +»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister +ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein +Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt. +Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht +Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich. +Besser ist besser.« + +Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien +die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen +schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen. + +»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie +Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde +bleiben. Und nun grüne Gläser.« + +Alvensleben lachte. »Grüne?« + +»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß +es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger +beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte +gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser +Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des +Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und +dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so +weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur +symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren +Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr +bedeuteten, als das Mahl selbst.« + +»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich +Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.« + +»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.« + +»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen +entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange +Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein +Ende ....« + +Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs, +eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der +längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen +stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede +beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen +kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war. +Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und +Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so +beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis, +bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten +hatte. + +Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst +als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf +all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den +Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz +nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck +schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange +flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich +lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den +Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe. +Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt. +Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.« + +»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn +neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht +bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am +Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.« + +»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort. +»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich +ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie +sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich +wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt +doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang +in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu +befragen.« + +»Wie das?« fragte Bülow. + +»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es +gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn +das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes, +glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._« + +»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.« + +»Sonst nicht gerade mein Fehler.« + +»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber +Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. +Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr +aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich +habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so +ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es +vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte +Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie +=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben +überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste +nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn +=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.« + +»Wie das?« + +»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter +gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter +scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt, +und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so +ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung +gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, +von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und +würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder +auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter +vorzustellen.« + +»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.« + +»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu +behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu +sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach +nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie +Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein +absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies +Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch +macht.« + +»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu +besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie +hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre +Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=! +Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein +Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen +Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die +Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische +Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der +preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und +letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du +Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment +Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue +solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit +solcher Rodomontaden erkennen wird.« + +»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer +Besten.« + +»Um so schlimmer.« + +»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht +blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise. +Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.« + +»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für +ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife +Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin= +unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er +in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich +seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht +liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.« + +»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und +Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius +zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen, +besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche +Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die +Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und +Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser +Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und +Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der +Rittmeister von Schach, er lebe hoch.« + +»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die +ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen +Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!« + +»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät +getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun +Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche +arrangire.« + +»In besten Händen,« sagte Nostitz. + +Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte +vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter +im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits. + +»_Hâtez-vous._« + +Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und +auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen. + + + + +Viertes Kapitel. + +In Tempelhof. + + +Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben +Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen +hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern +den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter +einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und +Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit +abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten +Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit +erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder +Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben, +das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein +besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo +nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner +Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die +Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer +silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit +(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem +Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen +Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können. + +Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und +gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die +glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger +Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne +Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor +allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau +täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei. +Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen +wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug, +es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes +Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu +dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha +hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein +stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, +der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von +Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer +einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer +ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches +in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit. + +Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide +Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war +weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte, +stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich +dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire +blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen +Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu +sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die +Charlottenstraße heraufkam. + +»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie +wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer +mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?« + +Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen +Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in +Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, +trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. +Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt. + +»An =Dich= Mama.« + +»Lies nur,« sagte diese. + +»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.« + +»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine +gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege +gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie +sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr +mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire +zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre +Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu +können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug +im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß +und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer +Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.« + +»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?« + +»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?« + +»Nun denn also ›ja‹.« + +Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt, +und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele +vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da, +so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.« + +Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so +vieldeutig,« sagte sie. + +»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.« + +»Nein; laß es nur.« + +Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom. + +Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama +nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten +solche Räthselsätze.« + +»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und +nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel, +auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht +sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch +verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen +Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er +liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr +werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im +französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du +siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der +Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich +mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel +Licht ist, ist viel Schatten.« + +Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst +es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen +überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich +liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das= +laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach +scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine +kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es +geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch? +Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.« + +Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des +verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für +allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise +zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um +drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch +eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige, +sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem +Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die +»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen +Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch +gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel, +und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten +Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt +hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so ›ich weiß +nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem +Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene +Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf +dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie +fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann, +wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach. +Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen +Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse +Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten +französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt +fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim +Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig +ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das +allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt +ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe. + +Das war das Tantchen, das eben eintrat. + +Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen, +herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr +Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu +lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte +sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann +denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die +Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel +königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der +»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre +waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein +für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte, +die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten +Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte +beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin +Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube +gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige +Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von +Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade +gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach +einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk +in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das +Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von +Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten +der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und +solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß +ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk +_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man +eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie +er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses +an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von +Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem +unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde. + +Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier -- +_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben -- +erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der +Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben, +beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren +im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und +Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die +nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen +Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde. + +»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.« + +»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese. + +»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt. +Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.« + +In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das +Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum +Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte +sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in +halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes +Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden +Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn +durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten +sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den +Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine +Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde +flatterten und klapperten. + +Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der +zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof +zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und +her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen +Dörfer. + +Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war, +ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es +nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide +Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie +durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen. + +»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht +unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?« + +Victoire schwieg. + +»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps +de Logis.« + +Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das= +nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt, +von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit +aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt +alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein +Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt +werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort +»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu +fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in +ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem +Grafen von der Mark errichtet worden sei?« + +Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne +zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben, +bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er +so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner +hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.« + +Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark +verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter« +geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren +wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also +lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende +grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten +Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von +Tempelhof ein. + +Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und +sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur +Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante +Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich +auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.« + +Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem +Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen +besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig +geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen +Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei, +so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße +verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der +hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es +auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem +Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und +zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der +Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und +Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der +Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von +rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die +Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde. + +Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch +=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und +jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche +zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante +Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete, +wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu +weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert +hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie +Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während +Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem +Staketenzaune saß, sah ihnen nach. + +»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte. + +Schach sah sie fragend an. + +»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante +Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.« + +»Wovon?« + +»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem +eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ›daß Sie +der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug +geben würden.‹ Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist +die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden +mich eifersüchtig machen.« + +Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen +richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste. +Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen +Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine +noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu +können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll +guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie +nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind +mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, +espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz= +darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten +und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß +Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie +über mich üben.« + +Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau +leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie +den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen +verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung +heraus.« + +»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach +Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich +hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich +Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er +nur in Ihre Gesellschaft?« + +»Er ist der Schatten Bülows.« + +»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der +Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn +noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ›Sander, +wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau +herum.‹ Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein +Sancho Pansa ....« + +»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?« + +»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen +widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist +eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher +Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von +Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und +das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen +Eigenliebe.« + +»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich +fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.« + +»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe +haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, +und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_. +Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht +hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer +Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft +unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also +sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ +die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum +Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich +anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, +diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt +Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich +hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe, +wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen +Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als +Preußen auf den Schultern seiner Armee.« + +Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt +wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle +gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld +hin sich abzweigte. + +»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol +auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und +Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht +bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die +Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier +abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte +zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung +weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, +noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz +zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die +Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts +aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar +musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand. + +»Sieh, Victoire, das sind Binsen.« + +»Ja, liebe Tante.« + +»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als +kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf +einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen +konnte ....« + +»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man +zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.« + +»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_. +Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen +doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas +Kienenes.« + +»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie +widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, +in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber +sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen +Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der +bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine, +mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden +Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß +weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber +blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die +niedergehende Sonne sie blendete. + +»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire. + +»Ja,« sagte das Kind. + +»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns +die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die +Herrschaften da.« + +»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die +Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und +Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem +sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten. + +Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über +verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand +berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben +der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. +Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und +Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des +Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter +die Veilchen. + +Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf +dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch +und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg +standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und +zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend +zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen +Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind +gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der +katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben, +daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie +dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine +Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob +nicht vielleicht alte Grabsteine da wären? + +»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein +abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das +aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es +war ersichtlich ein Reiteroberst. + +»Und wer ist es?« fragte Schach. + +»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von +Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil +er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.« + +Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des +angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen +traf. + +»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt +auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß. +Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.« + +All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig +geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus +den Lebzeiten des Ritters wisse?« + +»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.« + +Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende +Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so +wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte +Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.« + +»Aber was denn, Kind?« + +»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß +die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das +Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte +Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater +erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch +mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über +Schmargendorf donnert.« + +»Wohl möglich.« + +»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr +die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General, +dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da +kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen +wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das +Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon +weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem +Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch +und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie +nachschlugen, da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten in Ehren halten +und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die +Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen +Pfeiler.« + +»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich +vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, +»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.« +Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab, +und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem +Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu. + +Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte. + +»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine +Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im +›Nathan,‹ aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich +behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen +haben. Hab ich Recht?« + +»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr +Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen +wäre. + +»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah +ihn zutraulich und doch verlegen an. + +»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder +vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen +Namen: Achim von Haake.« + +»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?« + +»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen, +daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren +vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage +zurückreichen. So viel ist glaubhaft.« + +»Ich höre so gern von diesem Orden.« + +»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten +heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und +interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst, +Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber +groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu +geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld +voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal +aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem +Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden, +all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem +wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn +tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich +überwältigt seine Größe.« + +Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen, +einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein +mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's +vermocht als Templer zu leben und zu sterben?« + +»Ja.« + +»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die +Supra-Weste der Gensdarmes.« + +»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir, +es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.« + +»Um es zu halten?« + +Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter +werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem +Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen +des ›=Schönen=‹ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus +Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer +selbstisch ist, ist undankbar und treulos.« + +Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so +sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn= +gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu +d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und +doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden +war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus +gesprochen worden. + +Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach +hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide +versäumt hatten, zu warten. + +Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte +=diese= bis an das Gasthaus zurück. + +Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den +Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war +das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen +Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte. + +Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und +man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl +geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach +Nordwesten hin umgesprungen war. + +Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu +fahren.« + +Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während +jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte, +ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück. + +Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe +gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren +Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt. + + +Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._ + +Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob +ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die +mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der +Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen +Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig +vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist. +Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du +sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich +bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten +wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten +und Toiletten vergißt. + +Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein +Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert +Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat +könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann +immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und +davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich +sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen +bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien +und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du +mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer +neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen +Augenblick versagt geblieben ist. + +Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach +all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester +Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir +gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir +(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß +gehabt haben. + +Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte, +nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte, +weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in +unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie, +beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht +nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit +eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser +im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend +oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während +des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au +fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten +Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und +wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was +Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied +der Meinungen. + +Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow +anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser +Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn +schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht +fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn. +Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern +lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben +sollen, von denen man es am wenigsten begreift. + +Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon +zu erzählen. + +Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem +Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war +arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine +Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte. +Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als +das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort +und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das +rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht, +jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir +in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben, +und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und +führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir +ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der +Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir +wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete +auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das +Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute +versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte +mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit +=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner +Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm +unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein +spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er +ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor +niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches +Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht, +so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte +mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß +ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit +unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß +Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir +scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet +Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein +anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret, +imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir +=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so +würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm +hinein zu finden. + +Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich +meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die +beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich +empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm +dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei +fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt, +ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern +hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho +Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst, +und ich find es nicht übel. + +Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit +unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur. +Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen, +die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes +ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist +aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. +Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und +wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und +Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den +Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen +Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen +beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen, +und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, +schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette. +Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren +Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama +grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, +vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz= +Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte +=Victoire=. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Bei Prinz Louis. + + +An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette +von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße +gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis. + +Es lautete: + +»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und +dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der +Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach +ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer +Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter +Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem +Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im +Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.« + +Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und +Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am +rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die +Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens. +Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit +Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf +einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und +Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich +entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als +genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt +zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von +dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren +(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu +diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein +Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales +befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der +Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch, +auf die Bäume des Thiergartens. + +»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich +arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als +Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. ›_A la guerre, comme à la +guerre._‹ Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt, +respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde. +Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr +guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.« + +»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.« + +»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur +von jenem ›_laisser passer_,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller +gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie +Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß +Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.« + +»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die +Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen +aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas +Kluges?« + +»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig +ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige +thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er +will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. ›_Ah, ces Prussiens_‹ hieß +es, ›_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_‹. Da haben +Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von +einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so +müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns +Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein +Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der +Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.« + +»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers +ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und +versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten +lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den +uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und +mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben +freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit +überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von +jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.« + +»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm +außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er +eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater +war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben +diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch +noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei: +›_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_‹ oder ›_l'hirondelle =rase= +la surface des eaux_?‹ Und was antwortet er? ›Ich sehe keinen +Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater +und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.‹ In diesem Bonmot haben Sie +den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen +offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen +kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.« + +»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum +Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit +den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut, +denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen +das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften? +Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs +des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem +Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In +sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es; +aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen +können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und +wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. +Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. ›Er blies, und die Armada +zerstob in alle vier Winde.‹ _Afflavit Deus et dissipati sunt._« + +»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung +verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über +die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der +die Armada zerblies.« + +»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes +im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner +Armee steht?« + +»Ich hoffe, ja.« + +»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die ›propreste Armee‹, das ist +alles. Aber mit der ›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern +sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald +ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre +Leute‹ hieß es. ›Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber +beißen=‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter +und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und +Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit +und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. +Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche +Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen +Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die +erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den +Beinen gewonnen worden.« + +»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur, +lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für +allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in +der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er +selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille +sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der Feind wird marschiren und unsre Flanke +zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige +preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn +schlagen und vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht. Es ist +unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch +schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.« + +Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles +peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und +sagte: »Widerlegen Sie mich.« + +»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte +genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage +›was thut hier die =Mittelmäßigkeit=‹ in vorausberechnender Weise nicht +blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie +zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste +Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und +unverfälschten Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹, die gerade klug +genug sind, um von der Lust ›es auch einmal mit etwas Geistreichem zu +probiren‹, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am +leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode +mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte +der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in +dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in +jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, +die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.« + +»Ein Beispiel.« + +»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich +ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel +gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie +fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem +Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere +der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit +Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis +barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die +morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das +Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster +Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er +plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit +in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: ›In meinem +Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt +›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser +›Kobold und Teufelsküster‹ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies +Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe: +Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund +seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich +selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf +ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.« + +»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das +seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die +Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden +war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein +Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und +eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der +Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in +enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.« + +Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des +unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen +allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen +unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum +»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine +kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach, +als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als +ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens +sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und +dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die +jetzt sicherlich mitsprechen. ›Man soll seinem Feinde goldene Brücken +bauen‹, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein +Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt +schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt +man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die +Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen +Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und +erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus +dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene russische Muth einen vollen +Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei=‹.« + +Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz +trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm +zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde‹ +bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese +Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht +haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können. +Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.« + +»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und +doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?« + +»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner +Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt +ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das +überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der, +trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen +wird, behauptet geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die besten Menschen +die schlechteste Reputation haben müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte +Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn +den ›guten Friedrich‹ genannt hätte.« + +»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das +ist mir aus der Seele gesprochen.« + +Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow +in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind +solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis +an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen +war auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel haben solche +Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht +es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit +oder ohne Schlange.« + +»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch +Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.« + +»Wenigstens annähernd.« + +»Da wär ich doch neugierig.« + +»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers +in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun, +anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines +Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in +die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine +halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah +unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus +der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht +gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben +so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und +_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich +fünftens ›_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_‹. Wobei wohl +jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›_vrai +sentiment_‹ kennen zu lernen.« + + + + +Siebentes Kapitel. + +Ein neuer Gast. + + +All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der +denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté +céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor +her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm +wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren +erscheinen und gleich danach eintreten sah. + +»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard +que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an +Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen +zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine +Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti, +Montefiascone, Tokayer.« + +»Irgend einen Ungar.« + +»Herben?« + +Dussek lächelte. + +»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter +guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, +die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch +=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹ +selten eine Antwort schuldig.« + +»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der, +nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte. + +»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?« + +»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, ›die +ganze Stadt‹, so mein ich das Theater.« + +»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun +weiter.« + +»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und +Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem +Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das= +also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche +Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen ›_belles lettres et +beaux arts_.‹ Eine ›Huldigung der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber +eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.« + +»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber +da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der +Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist, +Thatsachen. Um was handelt es sich?« + +»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war, +=nicht= erhalten.« + +Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: +»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._« + +Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der +Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen, +Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen +wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum +überhaupt.« + +Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht, +lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?« + +»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche +Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir +freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden +mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an, +und die ›Weihe der Kraft‹, für deren Aufführung der Hof sich +interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit +geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es +energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch= +gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine +Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an +dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von +der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber +im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹« + +»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?« + +»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören. +Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das +Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger +Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild +sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein +oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache +vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an +diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen. +Neue Zeit und alte Vorurtheile.« + +»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß +Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das +das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und +stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen +neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und +eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit +schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das +Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen +alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer +Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden +ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung +einer wahren Epidemie ....« + +»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs +Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig +an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten +nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung +von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr +immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24 +Klassen wie das Linnésche System.« + +Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es +müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie +beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form +der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt +kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle +Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der, +wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres Thuns und Trachtens +durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt, +während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins +Schubfach und schrie: ›Da liege, bis du =schwarz= wirst.‹ Eine +Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.« + +»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen +gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe +den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,‹ gefällt mir +noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat. +Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu +wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral +Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter +aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof +von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir empfingen dieses +Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es, +nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der, +heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und +Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu +freuen versteht.« + +»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,« +erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, +lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel +nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.« + +Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick +einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der +Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf, +und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den +Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise, +deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen +worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, +flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt, +flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben +ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in +das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung +angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man +Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder +nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des +Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel +zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die +jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die +Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen. + +Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber +sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht +stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit +Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten +Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe. +Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau +von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach +begleitet.« + +»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt +öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von +beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt +sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich, +mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des +schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller +Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung +erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, +›voll erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und +zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als +auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf +Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und +dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein +Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber +gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß +Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten +Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein +Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber +Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts +für ungut; er ist Ihr Freund.« + +»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick +bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei +dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus +einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen +Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer +Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die +Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt +alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.« + +»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz, +»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. +_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen, +die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn +mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine +Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir +das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von +jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie +zerbrechen nie. ›_Comme un ange_‹, sagte der alte Graf Neale, der neben +mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach +als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die +Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.« + +»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder +erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig +angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den +Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser +Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur +Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen +Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage +wiederherzustellen scheint.« + +»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander. + +Alles lachte. + +»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone, +während er sich ironisch gegen Sander verbeugte. + +Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft +Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken +wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der +allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern, +die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter +unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich +persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will +also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_ +schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.« + +»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es +bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der +_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein +hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein +Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber +als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch, +Alvensleben?« + +Alvensleben bestätigte. + +Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen +liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer +lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich +wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei +vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten +Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr +gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig +rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit +erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese +hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage +weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind +auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage +den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.« + +Nostitz und Sander lächelten und nickten. + +»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ›was ist Schönheit?‹ +Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen +verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug +bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen +und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei +Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die +häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet, +=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch +liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die +Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine +schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und +nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel +tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die +lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie +kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und +nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté +du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener +Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit +höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon +als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten +Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar +Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon +bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und +unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine +Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her +gebührt. Das paradoxe ›_le laid c'est le beau_‹ hat seine vollkommne +Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem +anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre +meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir +zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale +captivirt zu sein.« + +Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen +Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die +Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber +Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen, +und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch +wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die +Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen. +Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von +Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie +Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.« + +Beide verneigten sich. + +»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es +persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen +einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten +geistigen Austausches entgegen.« + +Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden, +würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem +Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies +mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben +Lichte stehenden Horizont. + +Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen +flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen +standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die +Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß. + +Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war +der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah, +vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen +schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend +was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die +Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und +verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und +die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das +Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit. +Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und +reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte. + +»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der +Sinumbralampe.« + +»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek. + +»Und warum?« + +»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und ›_sine umbra_‹.« + +Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum +Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in +Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind +weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter +Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen +scheinen.« + +Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl +durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, +und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war. +Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er +seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden +wolle. + +Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen, +deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war. + + + + +Achtes Kapitel. + +Schach und Victoire. + + +Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde, +der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um +auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht +davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die +gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit +heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte, +daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit +beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten +wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, +immer noch die friedericianische war. + +In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war, +entgegen. + +Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der +Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom +Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten +sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren +Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die +Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den +heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war. +Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke, +früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und +zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein +stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während +von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde +flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld +beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten +englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete. + +Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange +vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten +Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre +Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps, +Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker +werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und +klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings +wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel +begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem +mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die +Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße +Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke +sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen +Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten +Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die +Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.« + + * * * * * + +Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb +in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr, +ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr +als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von +wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, +Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer +Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen +mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu +lärmenden Demonstrationen geeignet war. + +Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen +Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den +sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke +nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich, +als sie von der Revue wieder zurückgekommen war. + +Es war ein Brief von Lisette. + +Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie +schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt +wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß, +mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben +schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du +Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber +lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen, +ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama +nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch +andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne +Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht +kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire, +hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen +wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich +ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die +durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen +Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall +überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder +Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen +lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das Ritterliche‹, +fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben +Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer +Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein +würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von +Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei +gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der +Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir +leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist +gleichgiltig.« + +Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich +leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie +großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.« + +Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen. + +In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein +zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten +es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine +Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den +Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu +thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten. + +»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.« + +»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein +prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch +ziemlich scharf ....« + +»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade +heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der +Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese +Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich +zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich +Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was +Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus +Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.« + +»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange, +nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer +Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn +Alvensleben schon gesprochen haben sollte.« + +»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama +für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.« + +»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an +Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim +Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom +Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen, +was vielleicht eine That war.« + +»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.« + +»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens +in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.« + +»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das +Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer +Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.« + +»Ich wüßte keine liebere Strafe.« + +»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....« + +»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie +Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine +Einladung überbringen.« + +»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen +werden.« + +»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire, +dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger +Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte +darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder, +wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem +Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler +Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend +zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein +Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos, +sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste +ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?« + +»Ja.« + +»Und ....« + +»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als +sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu +kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber +Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir +uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern +aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels +hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die +Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, +ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist +ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.« + +»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?« + +»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt: +›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der +Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu +haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten +vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und +Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man +mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine +Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.« + +Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über +sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder +Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein +aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer +trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten +Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte: +»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band +Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem +Dichter.« + +»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr= +interessirt.« + +»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?« + +»Mirabeau.« + +»Und warum =mehr=?« + +»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer +unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein +spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das +schöne Kind,‹ hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin, +hin wie .... wie ....« + +»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.« + +»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und +Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire +=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt +schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es +Wunderhold.« + +Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit +klang vor. + +»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen +nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, -- +=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von +Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist +das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn +durchleuchtet und verklärt.« + +Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost +schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre +Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen. + +»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst, +und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben +sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie, +fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und +Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich +demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für +allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja +Wunderhold!« + +Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es +sich in Trotz zu waffnen suchte. + +Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung. + + * * * * * + +Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire, +die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans +Fenster und sah auf die Straße. + +»Was erregt Dich?« + +»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.« + +»Du hörst zu fein.« + +Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen +der Frau von Carayon vor. + +»Verlassen Sie mich .... Bitte.« + +»Bis auf morgen.« + +Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von +Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer +und Korridor. + +Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs +her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das +Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die +Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften, +und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete. + +Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama. + +»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!« + +Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es +in ihm. »Das alte Lied.« + +Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen +Victoire. + +Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und +geräuschlos die Treppe hinunter. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Schach zieht sich zurück. + + +»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht. +Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's +zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens +Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte. +»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen +hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. +Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich +den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und +entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn +fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine +Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit +Blut. + +Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher +in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem +Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr +gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und +Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die +Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und +übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von +widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich +glücklichen und bangen Thränen auszuweinen. + +Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben +werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die +Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form, +denn er wußte, daß es so sein werde. + +Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber +und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er +kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von +Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen, +den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte, +war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen +wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem +Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück. + +Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut, +Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er +hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen +Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit +eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der +Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser +sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu +haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er +sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer +Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber +nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch +dem Stücke zu. + +»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon. + +»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden +spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine +Strapaze.« + +»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein +Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit +erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das +Stück.« + +»Es hat mich =nicht= befriedigt.« + +»Und warum nicht?« + +»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei +Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin +zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede +Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist +Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah +kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde +beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit +Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in +Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der +Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein +allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von +Anfang bis Ende.« + +»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?« + +»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für +Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine +war.« + +Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und +über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich +überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem +angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von +Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen +Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß +Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder +am Klavier begleiten durfte. + +All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang, +so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß +es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm +unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er +ging. + +Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von +dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und +so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie +mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war, +blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern. + +»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?« + +»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer +gereinigten Kürche.« + +»Welchen meinst Du, liebe Tante?« + +»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.« + +Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte, +dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also +z. B. in der Lehre vom Abendmahl.« + +»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne +Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre +_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=, +mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.« + +»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von +Carayon. + +»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort, +»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die +Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens +viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber +nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht +so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel +weiß ich auch.« + +Frau von Carayon lachte herzlich. + +»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich +ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und +den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll +auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es +habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.« + + + + +Zehntes Kapitel. + +»Es muß etwas geschehn.« + + +Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht +auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war, +war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause +Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des +Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich +mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten +abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß +Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe. + +Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher +sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte +sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz +spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog. +Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den +gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie +träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger +unglücklich. + +Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage +beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon +ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider= +einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin +an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von +Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte +spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und +Uebermuth. + +Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des +Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu +besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter +den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte, +kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung, +und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von +seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische +Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein +ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas +geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der +»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von +vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch +auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine +=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger +Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte. + +Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren, +waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen: +Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler, +Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und +nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines, +häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft +mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die +Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen +Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach +fehlte. + +»Wer präsidirt?« fragte Klitzing. + +»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der +kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.« + +»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch +Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. +Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang. + +»Rede halten: Assemblée nationale ....« + +Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem +ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch. + +»_Silentium, Silentium._« + +»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem +Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht +nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton= +gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas +geschehn!=« + +»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.« + +»Und neu geweiht durch die ›Weihe der Kraft‹, haben wir, dem alten +Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu +bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen. +Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet, +der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen +und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem +Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge +der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde +sich.« + +Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten. + +»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.« + +Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne +wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.« + +Alle sahen einander an, Einige lachten. + +»Im Juli?« + +»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und +über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste +Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges +bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, +während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel +oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem +Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.« + +Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich +durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und +beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten +Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also +Schlittenfahrt. Angenommen?« + +»Ja, ja.« + +»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?« + +»Schach.« + +»Er wird ablehnen.« + +»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als +einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie +kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich +eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und +sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen. +Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen +Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu +sein.« + +Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter +eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben. + +»Ah, _lupus in fabula_.« + +»Von Schach?« + +»Ja!« + +»Lesen, lesen!« + +Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz, +bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden +Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig, +auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und +war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt +worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und +diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein +Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und +so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder +wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für +einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in +eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch +nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber +durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und +jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin +nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr +Schach.« + +»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche +Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten +ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er +will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in +diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich +bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum +Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts +übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.« + +Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das +Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht +mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus +_Lutheri_ im Leibe.« + +Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er +das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz +wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich, +zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut +oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen +wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll, +ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in +falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz +aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche +lassen oder es fällt alles in den Brunnen.« + +Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine +kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb +von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich +für die Lutherrolle zu melden. + +Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn +Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg +den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, +die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial +eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet +fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf +seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine +Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem +noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt, +alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß +Nostitz die Sitzung. + +In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's +regnet?« + +»Es darf nicht regnen.« + +»Und was wird aus dem Salz?« + +»_C'est pour les domestiques._« + +»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet. + + + + +Elftes Kapitel. + +Die Schlittenfahrt. + + +Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen. +Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der +Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem +jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern +Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit +hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst +die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach +noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und +so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und +Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein. + +In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen +Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend +prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter +vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem +Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, +jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die +Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das +ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile. + +Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das +Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage +fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand, +erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des +Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im +Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit +Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande +war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend +und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß +Victoire sie fand. + +»Um Gotteswillen, Mama, was ist?« + +Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade +zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu +bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon +hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr +im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und +was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze, +johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf +Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als +Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und +auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt +erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte +sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es? +Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war +doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er +gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne +Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. +Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das +Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang +von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und +=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und +gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von +allem, an Liebe geglaubt hatte! + +»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und +wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen +konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der +Schwelle des Balkons nieder. + +Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das +Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen +wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und +als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen +wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie +der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken. +»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals +hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser +Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns +zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch .... +O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!« + +Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu. +Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an +dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische +Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht +wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an +der Decke zeigte. + +Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In +Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und +einer Aussprache mit dem geliebten Kinde. + +»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr. +Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist +denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich +weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es +ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen +schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre +Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.« + +Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von +Thränen entquoll ihrem Auge. + +»Beste Mutter!« + +Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Schach bei Frau von Carayon. + + +Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und +sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen +ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen, +Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art +aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und +einer untadligen Gesinnung.« + +In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der +alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.« + +Frau von Carayon nickte zustimmend. + +»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire. + +»Weil Du's geträumt?« + +»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit +weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er +erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine +Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer +intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung +des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt. +Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie +sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.« + +Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut, +viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die +Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer +wartete. + +Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand +zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen +verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf +einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein +Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz. + +»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in +Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen +gefunden hat oder nicht.« + +»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend, +und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.« + +»Ein Gefühl, das ich theile.« + +»So waren Sie nicht mit von der Partie?« + +»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu +müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure +Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und +seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch +heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut +mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?« + +»Zu Bett.« + +»Ich hoffe nichts Ernstliches.« + +»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem +sie gestern Abend befallen wurde.« + +»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem +Herzen.« + +»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem +Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die +Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß +an, ein Geheimniß, das Sie kennen.« + +Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen. + +»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine +Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah: +»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen +oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten +verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in +der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen +Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern +verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?« + +Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre +Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: +»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch +von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten, +daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das +Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens. +Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie +mich, wenn Sie können.« + +Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung +zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte. + +»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil +preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung +oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine= +(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder +heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt +der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.« + +Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu. +»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen +habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu +verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für +eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben= +Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will +sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück +ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in +einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie +lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so +bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu +willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich +erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, +und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten +Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu +bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen +oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um +Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des +Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen +zu sagen hatte.« + +Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu +sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben +seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich +nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher +bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon +jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den +Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen +langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine +gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er +sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen +Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter, +das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen +Glücks.« + +All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich +auch mit einer bemerkenswerthen Kühle. + +Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen, +sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war +weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg, +erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr +von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine +Person richtete. Daß Ihr ›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte +klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel, +mir genügt das ›Ja‹. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer +Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in +gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren +Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein +wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante +Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind +dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in +Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen +=mußte=.« + +Schach schwieg. + +»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden +wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die +Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.« + +Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach +in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen +gesprochen worden wäre. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +»_Le choix du Schach._« + + +In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging +alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden +konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags +an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth +schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst, +Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen +einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem +er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen +gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied +absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und +Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß +einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein, +und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese +letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten, +ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die +verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie +genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.« + +Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm +unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte. +Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich, +lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts +Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach, +aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder +hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer +bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück +ihrer Tochter sei. + +Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war +ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in +seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem +zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem +Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck +gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue +gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren +bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit +mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken +beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in +seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des +Prinzen, ich schwärme nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren +nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und +wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so +bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und +Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten +›Land-Ehe‹, die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem +wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich +quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe +Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue. +Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern= +Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit +demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt, +vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich +erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er +mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: ›wie mir's +gehe?‹ Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, was doch drei +Jahr aus einem Menschen machen können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht +werden es dreißig.« + +Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer +Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des +Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ +ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ Ich +entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde? +=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf. +Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich +will sie tragen.« + +Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons. + +Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem +Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten +Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß +auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau +von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach +zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach +drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das +junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines +Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire +nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren +Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und +freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht +gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und +konnte jeden Augenblick bezogen werden. + +Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag +über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die +vorausgegangen war. + +Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit +seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte +daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und +kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der +geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil +ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er +dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die +Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und +espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten +und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und +vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch +leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am +Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, +die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath +bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des +Lächerlichen =nicht= gescheitert. + +Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben. + +Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht +um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen +Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für +ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem +Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam +es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß +es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und +nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit +der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort, +ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und +empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff +und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein +erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der +persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an +der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des +Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm +Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der +persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in +allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend +anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe, +wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit +aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger +als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der +Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur +zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst +ein Genüge zu thun. + +Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es +war ihm, als würd er vom Schlage getroffen. + +Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder +vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht +abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. +Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe +wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache. + +Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine +gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die +Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um +hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden +aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte +nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene. +Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des +einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten, +als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich +großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen +stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen +»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge +herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem +Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig +normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben. + +Also eine Verschwörung. + +Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und +kehrte in seine Wohnung zurück. + +Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben +erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen +Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen, +schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge +nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen. +Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach +von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber +der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu +werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an +ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr +B.« + +Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte, +setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem +Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier, +fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich +mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand +zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren +drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir +erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles +gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine +Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz +R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und +stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird +mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen +sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es +nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig +hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen +beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde +schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich +Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen +Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das +Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht +verfehlen, und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. _Tout à vous. S._« + +In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow +ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen. +Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die +beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem +Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die +Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden, +trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß +es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter +zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen, +ohne dabei das Richtige zu treffen. + +Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel +blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische +=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von +ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale +nimmt. + +Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von +Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein +Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel +und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß +Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der +persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und +eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.« + +Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht. +Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm +auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde. + +So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen, +seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin +verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er +all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +In Wuthenow am See. + + +Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen +entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See +nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den +Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den +Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute +Brüllen einer Kuh. + +Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg +ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte. +Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren +Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein +alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage +durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene +Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige, +nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen +allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter +dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach +hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der +Schönheit des Bildes. + +Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem +flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem +danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben +Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus +seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der +Holzwandung umherschrammte. + +»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend, +begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf +die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen. + +Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach +stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen +der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es +lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb +verschlafene Stimme: »Wat is?« + +»Ich, Krist.« + +»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.« + +»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.« + +Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während +er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.« + +Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer, +während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en +beten.« + +Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und +hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig, +ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar +Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel +zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes +Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor +manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den +durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen +jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste +Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht +hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen. + +»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns +Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers +ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' +koam' künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' wat.‹ Awers as +de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se, +›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹« + +»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während +der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins +Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.« + +Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen +mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte +verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige +Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und +Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon +führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin +von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient +hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als +Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet +hatte, trat man ein. + +Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem +Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den +Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit +nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter +nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die +seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der +verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die +Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von +jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den +alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den +Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der +Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür +zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der +Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und +Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz. +In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine +stickige Schwüle. + +»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die +da.« + +»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?« + +»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.« + +»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih! +Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi. +›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn ümmer, ›ick gloob de Huut geit em +runner‹. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte: +›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹« + +Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff +er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, +der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das +sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten +herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das +Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von +guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als +er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er +gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen +Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten +Gruft der Familie standen. + +Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha. +»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält +er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es +brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun +gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht +wegtragen.« + +»Ih, se wihren doch nich ....« + +Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor +hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von +außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und +bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn. + +Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz, +empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und +kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein +unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts +helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück. +Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die +mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten, +hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur +über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen +Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich +überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren, +die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben +stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten. + +Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um +die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und +Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu +verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An +Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster +und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten. + +Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene +Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in +meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei +Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen. +Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte, +trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners +zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war, +war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger +Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines +wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch +erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer +volleren Zügen einsog. + +Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er +einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen +hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit +guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht +schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine +Viertelstunde vergangen. + +Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge +zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an +den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die +Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt +ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum +in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu +Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren +standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale +vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern +oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute +sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die +dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen +ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf +und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei +schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein, +es war erst zwei. + +Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter +fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des +Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun +sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und +Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur +ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese +stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal, +vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß +ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er +murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus! + +Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse +herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf +diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine +höchste Wonne gewesen. + +»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu, +der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends +schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg, +an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang +benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen +Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache +Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem +Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die +Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu +zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so +seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben +würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder +einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und +Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des +Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war +er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und +die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst +spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt +ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins +Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln +begann. + +Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er +schlief ein. + +Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die +Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er +nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft +ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle +zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete. + +Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower +Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im +Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See +warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die +Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach +vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl, +denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei +minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit +und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht. +Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so +sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in +einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen +Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte +deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen +Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je +comprends._« + +Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz +vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und +bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder +gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich +neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam. +Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette +fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse +hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter +Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste +Grünfutter zu bringen. + +»Tag, Mutter Kreepschen.« + +Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten +jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall +gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören +sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu +sehn. + +»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?« + +»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.« + +»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?« + +»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen. +Und der eine Fensterflügel war auf.« + +»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch +jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet +nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un +nich en Oog to.« + +»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und +ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr +mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.« + +»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst. +Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks; +man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie +schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp +hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch. +Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se +denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de +Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih. +Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl. +Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in. +Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un +ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.« + +Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles +darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher +Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum +herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die +Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte +den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu +freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei +kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs +darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_« +unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei +dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran, +während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand. +Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in +dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und +seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer, +und der Wagen hatte stille Tage. + +Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet +wurde »daß drüben alles klar sei.« + +Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager +so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und +ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und +Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller +Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später +erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen +Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner +Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf. + +»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.« + +»Justement sieben, junge Herr.« + +»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.« + +»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et +anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um +twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den +dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um +achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen +Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und +dat's ümmer um seb'n.« + +»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?« + +»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll +Bienengräber.« + +»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.« + +»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un +nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.« + +»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben +immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen +und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat, +mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen, +dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich +nicht aufpaßte.« + +»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.« + +Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und +versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen. + +Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln +schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über +seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür +zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die +Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes +fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen +Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit +Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt. + +Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es +läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter, +um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte +Bienengräber zu sagen habe.« + +Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung +heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war, +wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für +manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem +Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles +sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort +wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so +doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in +diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese +Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich +nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.« + +Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines +Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf. + +Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und +=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte. + +Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die +Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden +umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle +trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war +der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier +war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment +Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine +Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und +zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die +Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter. + +Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in +die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die +Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären +es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und +Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied +macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und +dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die +Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig +und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und +dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber +vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt +in einem fort: ›Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und meine +Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und +endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ an +der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹ heißt. Ein sonderbares +Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen, +malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht +fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und +zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine +Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie den +=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.‹ Oder soll ich +ihm geradezu sagen: ›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!« + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Die Schachs und die Carayons. + + +Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts +von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien +Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im +Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja +Karrikatüren erschienen sein?« + +Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen +zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire +fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren, +liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den +Gesprächsgegenstand fallen. + +Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott- +und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung +brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso +gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von +Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten +konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die +ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde +sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber +ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne +jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte +sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick +an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen +»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und +unschmeichelhaftesten Ausdrücken. + +Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend +noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich +Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft +peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und +empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit. + +»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich +freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von +Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft +blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr +Bild ein für allemal verdorben.« + +»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich +ablehnen sollte.« + +»Und weshalb?« + +»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte. +Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen +zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als +seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich +wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als +Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen‹.« + +»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.« + +»Aber nicht besser.« + +»Wer weiß.« + +»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon +einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon +hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.« + +»Seine Wuthenower Tage?« + +»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht +davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in +sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich +behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.« + +»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie +wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das +Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher +Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der +Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste +wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der +zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn +gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu +wollen. + +Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges +nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, +in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu +machen. Denn eine Flucht war es. + +Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht +oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig. + +»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird +eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du +wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr +nachgegeben hast, als recht und billig war.« + +Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen. + +»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist +eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends +überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er +will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen +oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten +verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel +besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz +Besondres in der Weltgeschichte zu halten.« + +»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs +sind doch =wirklich= eine alte Familie.« + +»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen +Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier +überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An +mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, +der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du +Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch +Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + +Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an. + +»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich +doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße +Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater +ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem +er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt +hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in +die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte +nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche +gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die +Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig +bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle +devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese= +Leute kennen!« + +»Aber, Mama ....« + +»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel +und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch +im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder +ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre +Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der +Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern +fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und +uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres +Königs gestimmt hatten.« + +Immer verwunderter folgte Victoire. + +»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von +Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich +weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen +derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von +alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an +den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine +lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen +die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und +eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an +ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie +hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, +dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und +endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause +versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die +schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen +Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn +haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn? +=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder +will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit +beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow +ist eine Lehmkathe.« + +»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern +Seite hin. Und da =find= ich es auch.« + +Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie +leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine +Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte +Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.« + +Victoire lächelte. + +»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest, +beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so +verarmt. Und auch er ....« + +Sie stockte. + +»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in +welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner +Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin, +davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen +Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu +verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain +er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er +hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir= +müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede +stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so +gewiß er =uns= demüthigen wollte.« + +Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer +zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb. + +»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein +Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für +einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine +Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre +Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner +Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in +Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für +morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese +Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh +nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige +Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu +geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht +sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, +die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis +auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + +Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der +Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen. + +Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Frau von Carayon und der alte Köckritz. + + +Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die +geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte +dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen. + +Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam +hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt. +Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront +vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht +stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich +herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege, +sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem +Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig +Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem +elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen +Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des +Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch +=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben +war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen. + +Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler« +ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier +mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn +in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder +verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags +darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben +habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher +Zurückgezogenheit zu verleben gedenke. + +Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen +Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit +Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als +Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann +versagen die Nerven. + +Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser +Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau +von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war +für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später +Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So +denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich +wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden +in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und +Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen, +die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis +sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges +Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden +Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in +den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener +erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und +um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem +Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner +halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig +herausgestellt hatte. + +»Wohin befehlen, gnädige Frau?« + +»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie +möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.« + +»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt +hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder +vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige +Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab +dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre, +zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren. + +In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische +Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man +nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen +einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und +niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke +der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von +Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem +Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg +abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem +aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich +geschmückten Hause hielt. + +»Wem gehört es?« + +»Dem König.« + +»Und wie heißt es?« + +»Das Marmor-Palais.« + +»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....« + +»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine +Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und +schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles +ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo +der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹ trank, den ihm der +Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder +vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das +Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den +Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht +sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von +der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der +Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis +an die Hüften oder noch weniger.« + +Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen +bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch +nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den +Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst +umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den +Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an +der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen +Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.« + +Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu +kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange. +Selbst was sie träumte, war hell und licht. + +Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte +Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der +Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte +sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern, +aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich +bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem +Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten +von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse +der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter +Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken +Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne +weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren. + +Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von +Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und +Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die +Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein +offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang +bildete. + +Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem +ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den +Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine, +sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr +peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um +nicht vor der Zeit gesehen zu werden. + +Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und +schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil +ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben. + +»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an +einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der +schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte. + +»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?« + +»Frau von Carayon.« + +Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr +General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.« + +Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von +dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu +seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen +Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen, +entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster +Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den +Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner +Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die +wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die +meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende= +Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur +freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener +sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen. + +General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im +Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen +Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach +hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein +eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen +Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die +geringste Bewegung wahrzunehmen war. + +Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte +sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst +einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles +leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und +jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in +ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte. + +Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll +zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste +Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät +nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen +pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt +nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine +Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen, +wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber +gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch +künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern +wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene +Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die +Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen +sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen. +Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein +starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen +wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen +hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst +so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem +schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es +für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft +halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer +schlechten _moralité_ zu opfern.« + +Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon, +mon cher General._« + +»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr, +=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner +Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen +oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie +vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in +wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der +Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist +er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein +Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so +delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes +Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich +seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt) +und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen +soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt +ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden, +und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben +diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen +wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch +geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder +herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte +seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem +Könige zu melden.« + +Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal +wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park +begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In +wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht. +Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.« + +Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür +unmittelbar in den Park hinaus. + +In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war, +hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der +Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von +Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke, +darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll +tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von +Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu +vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte +der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen. + +Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte. +Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte +bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in +deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf +einer Steinbank saß. + +Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr +ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie +niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr +aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl +bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...« + +Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm +entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen +Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter, +und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= +fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth .... +Und nun sprechen Sie.« + + + + +Siebzehntes Kapitel. + +Schach in Charlottenburg. + + +Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und +schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines +ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach +Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm +seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee, +links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht +von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem +Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu +versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen +erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters +ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß, +selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben. + +Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die +Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter +begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs +Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und +ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren +Sommerhäusern und Vorgärten ein. + +Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte +sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem +Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte, +bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz +den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach +Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten +Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen +schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen +Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I. +paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der +ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte. + +Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar +Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach +zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon; +fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir +verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken +bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau, +die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.« + +Schach verneigte sich. + +»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen +sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden, +findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache, +geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die= +verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath +mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen +und den Dienst quittiren wollen.« + +Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das +Schmerzlichste sein würde. + +»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß +geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die +Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die +Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben. +Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung +machen.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn; +Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank +Ihnen.« + +Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor +hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene +große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte. + +Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er +denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer +Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn +einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von +der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem +Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen +entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die +militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige +Schritte zurück. + +»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten +lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber +verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und +es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil +ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser +Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question +d'amour_.« + +»Majestät sind so gnädig.« + +»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der +König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen +hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz +eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme +mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde +diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht. +Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit +als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich, +belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt +worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und +Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus +allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige +Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch +verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei, +Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf +=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.« + +Schach schwieg. + +»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort, +»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen +nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so +versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung +gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins +Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum +etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung +dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt +erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden +doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein +geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen +Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun +eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine +Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so +lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart +ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer +Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen +lassen. Und nun Gott befohlen.« + +Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte; +Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah, +sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine +schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten. + +Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz +Baarsch folgte. + +Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn +nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt +worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein +Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu +machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle +seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig +entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon +in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum +Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich +in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor +sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von +heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum +ersten Male wieder leicht und frei. + +Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte +Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese +Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel +fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte: +»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?« + +»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig +sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.« + +»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe, +Baarsch?« + +»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!« + +»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?« + +»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....« + +»Wie das?« + +»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch= +nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.« + +»Aber woher wußtet Ihr denn davon?« + +»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die +Bilders kamen ....« + +»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der +Wette? Hoch?« + +»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor +jed' een.« + +»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die +Wette bezahlen.« + +Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les +pots cassés_.« + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Fata Morgana + + +Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb +er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen +Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein +Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn +heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin +ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche +Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon +gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich +beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese +neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die +länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine +Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er +hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu +zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch +und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit +auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.« + +Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon +vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet. +Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu +begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr +Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch +=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen, +sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht +zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen +in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt +zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese +Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt, +jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen +gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder +einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene +Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie +dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen +und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft. + +Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie +ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth +auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte +vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles +was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war +doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo +Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit +einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den +Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach +bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle +geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen. + +Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire. +Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er +trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der +Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah +und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel, +er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten +Thränen das Auge der Mutter. + +Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach, +der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen +Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die +nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur +wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese +Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre +langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath +Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte +dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des +herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse +nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn +die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie +persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt -- +werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen +Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer +Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen +Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über +Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam +und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine +Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur +Seufzerbrücke erhoben werde. + +So ging das Geplauder, und so verging der Besuch. + +Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an +dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen +Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt +täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme +balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war. + +Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als +sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück +unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu +zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er +mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren +zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse, +daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden +würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei +dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung +gehabt, sich überraschen zu lassen.« + +Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante +Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um +so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der +Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau +von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und +Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig +fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach. +Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei +oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.« +Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber +auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze +Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in +Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo +die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber +ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig +wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und +während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne +sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme +säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand, +und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze +geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter +sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese +Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel! + +Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner +Schilderung. + +Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer +Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=. + + + + +Neunzehntes Kapitel. + +Die Hochzeit. + + +Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten +sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen +großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel +der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von +Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies +erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte +Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit +beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von +Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen +und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in +erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren +hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste +beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden, +weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei +Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war, +ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite +her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in +Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre. + +Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der +herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath +gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu +bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses, +dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und +zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen +Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich +aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den +»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich +begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der +Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an +der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich +schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid +und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen +=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen +mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt +geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte: +Tante Marguerite wünsche zu sprechen. + +Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann +ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer +anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath +hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, +das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war, +worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde, +die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber +als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste +bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen +Paares zu trinken.« + +Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft +entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen, +was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei +kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie +hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach +Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es +wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten +Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten +hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der +Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie +das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür +auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal +etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so +glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der +ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern +gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man +doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten +Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß +die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre. + +Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ +seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu +können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons +umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare +Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen +Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich +von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante +Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von +Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die +der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt +wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so +bedeutungsvoll.« + +Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar +nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand +des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender +Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach +sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus. + +In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern +begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine +zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der +Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.« + +Und sie ging ihm dahin vorauf. + +»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz +nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen +Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten +Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch +manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter +kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns +wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde +machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie, +lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr +nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung +ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von +Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.« + +Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und +tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam +aus dem zierlichen kleinen Löffel. + +»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen +wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war +in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr +als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen +Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit +Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich +habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und +habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_ +geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die +mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.« + +Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt +sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen +gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser +Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen +wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns +ohnehin schon vermißt haben.« + +Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours +à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend +aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.« + +Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und +sagte: »Nun, was war es?« + +»Eine Liebeserklärung.« + +»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr? +Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen +Tochter geben.« + +Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben +und Nostitz ihnen gesellten. + +In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob +er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er +sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor +hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire +war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein +halber Tagesschein flimmerte. + +»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging. + +Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte +leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?« + +Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks +=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder +hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und +küßte sie. + +»Auf Wiedersehn, Mirabelle.« + +Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel +die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter. + +Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener +sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an +diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres +bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die +Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß +von unten her verspürt worden wäre. + +»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_« + +»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter +Feldwebel.« + +»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like +shooting._« + +»Schuting? Na nu.« + +»_Yes; pistol-shooting ...._« + +Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs +Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem +Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, +ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der +Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das +Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und +jammerte: »_Heavens, he is dead._« + +Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine +Wohnung hinauf. + +Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil +er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine +diplomatische Natur wie alle Bauern. + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + +Bülow an Sander. + + +=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander, +auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger +Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich +die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine +Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu +schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne, +was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben +und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu +vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß +mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner +symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist +durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung, +ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und +Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und +Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen +unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer +Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur +noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein +wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge +vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich +die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder +mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod. + +Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das +dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹, eine +Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja, mir sind Wucherer empfohlen und +vorgestellt worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies beständige +Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt +und die richtige Ehre todt gemacht. + +All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der, +all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war. + +Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die +Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die +Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm +Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du +diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur +zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun +wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen +Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil, +noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er +flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's +handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch +oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren +glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in +eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er +flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn +schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster +König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam +fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den +Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal +Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen +Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten, +eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der +Verzweifelten: _un peu de poudre_. + +Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem +Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand +aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten +Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem +Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer +falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist +denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie +sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand +gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese +Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur +Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten +von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und +Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil +es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft und des Hofes war, von +Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein +Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles +Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod. + +Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem +Thema ›_Hannibal ante portas_‹ Aehnliches über meine Lippen kam? Schach +tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind +noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als +etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich= +da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller +Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins +zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=. + +=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben +über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an +frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter +geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche +Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber. +Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit +hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine +Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn +außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte, +vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Victoire von Schach an Lisette von Perbandt. + + +=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._ + +Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus +dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich +mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine +Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet. + +Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu +warten. + +Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und +glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du +hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann. + +»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest +vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette, +wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem +bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch +nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er +sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das +Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott +herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht +die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod +gegangen. + +So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch +ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen +ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem +andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich +erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott +zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte. +Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht +so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner +eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen +Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt, +=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte +durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den= +Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir +schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der +überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns +bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter +und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner +Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen +Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons +unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war +sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die +Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir +schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_ +vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben +nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht. + +Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und +empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber +schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und +Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche= +Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, +wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder +unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von +hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei; +zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt, +innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie +dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde +diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner +persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler +anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug +genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein +prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja, +hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder +Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir +ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen +wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes +Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt, +aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien. + +Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich +zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und +vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an +mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue +diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles +Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er +wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war. + +Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein, +meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und +vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat. +Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert, +und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die +blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir +auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben +meinem Glück. -- + +Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein +Wunder ist es mir erhalten geblieben. + +Und davon muß ich Dir erzählen. + +Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer +ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der +Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten +Rundbogenbau, wo sie den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, eine +hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von +Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von +unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, +noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den +Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar, +und der Dottore verkündigte sein ›_va bene_‹; die Wirthin aber lächelte, +wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte. + +Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon +hörte, zu all dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde mich vor der +›alten Kürche‹ warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß. + +Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll, +und kühl und schön. + +Sein Schönstes aber ist sein Name, der ›=Altar des Himmels=‹ bedeutet. +Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + + + +Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35 + + +Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die +litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf +dem Laufenden halten will, ist + +Das litterarische Echo + +Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde + +Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger= + +Dritter Jahrgang + +Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen + +Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe +aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen +Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu +erscheinenden Werken * Nachrichten + +In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner) +vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem +»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a. +heißt: + +»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel +zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu +verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes +zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der +vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine +unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen, +der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf +die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame +Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest +zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere +allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für +dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor +Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen +und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt, +zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes +vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und +die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß +unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe, +eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten, +will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses +Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges +Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen +werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft +an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. -- +Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor +allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres +Volkes, findet« u. s. w. + +Preis vierteljährlich Mark 3.-- + +Probenummern kostenfrei + +Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter + + + + +Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9. + +Werke von Theodor Fontane. + + +Gedichte. + +Sechste Auflage. + +=Mit einem Bildniß.= + +8o. 462 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Vor dem Sturm. + +Roman aus dem Winter +1812 auf 1813. + +Dritte, wohlfeile Volksausgabe in +1 Bande, 8o. 773 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Quitt. + +Roman. + +8o. 338 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Grete Minde. + +Nach einer altmärkischen Chronik. + +Zweite Auflage. + +kl. 8o. 154 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Unwiederbringlich. + +Roman. + +Dritte Auflage. + +8o. 343 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Ellernklipp. + +Nach einem Harzer Kirchenbuch. + +Zweite Auflage. + +8o. 190 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Wanderungen durch die Mark Brandenburg. + +4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~ + +~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.) + + II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.) + + III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam, + Brandenburg. (485 S.) + + IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.) + + +Fünf Schlösser. + +Altes und Neues aus Mark Brandenburg. + +8o. 468 Seiten. + +~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~ + +=Inhalt:= +Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden. + + +Christian Friedrich Scherenberg +und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860. + +8o. 260 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~ + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche + + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz + + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der + + räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + + Iffland ein Freimaurer.« + Iffland, ein Freimaurer.« + + Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + + tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange + + »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + + Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + + gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie + gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie + + von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + + ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + + wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + + Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du + + Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im + Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im + + Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + + jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + + der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit + der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit + + ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser + ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser + + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und + + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte: + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: + + im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹ + im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹« + + worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man, + worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, + + angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es + + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei + + Nostiz und Sander lächelten und nickten. + Nostitz und Sander lächelten und nickten. + + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl + + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der + + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser + + »Welchen meinst Du, liebe Tante.« + »Welchen meinst Du, liebe Tante?« + + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne + + Schlittenfahrt Angenommen?« + Schlittenfahrt. Angenommen?« + + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind + + Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. + + Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach + Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach + + nimmt + nimmt. + + Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + + ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹ + ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹« + + ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹ + ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹« + + Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=! + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + + »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein + »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein + + auf Mittwoch! Josephine von Carayon. + auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + + mon chèr General._« + mon cher General._« + + und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen ›daß Ehre‹ das + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das + + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B. + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns + überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns + + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.« + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen + Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen + + Nach einer altmärkischen Chronik + Nach einer altmärkischen Chronik. + + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~ + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + +***** This file should be named 36905-0.txt or 36905-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/36905-0.zip b/36905-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4eafcb3 --- /dev/null +++ b/36905-0.zip diff --git a/36905-8.txt b/36905-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c5c8db5 --- /dev/null +++ b/36905-8.txt @@ -0,0 +1,5972 @@ +The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schach von Wuthenow + Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + +Author: Theodor Fontane + +Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + +Schach von Wuthenow + + + + +Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage: + +~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. + +~Cécile.~ Roman. + +~Graf Petöfy.~ Roman. + +~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman. + +~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. + +~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870. + +~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise. + +~Frau Jenny Treibel.~ Roman. + +~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman. + +~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten. + +~Effi Briest.~ Roman. + +~Die Poggenpuhls.~ Erzählung. + +~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches. + +~Der Stechlin.~ Roman. + +~Aus England und Schottland.~ Reisebilder. + + +Gesammelte Romane und Erzählungen. + +Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters. + +=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. -- +Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. -- +~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. -- +~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~ +Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner +Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes +1870. + + + + + Schach von Wuthenow + + Erzählung + aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + + von + Theodor Fontane + + Vierte Auflage. + + Berlin W + F. Fontane & Co. + 1901 + + + + + Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten. + + + + +Erstes Kapitel. + +Im Salon der Frau von Carayon. + + +In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und +ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige +Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des +Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte. +Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser +Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und +hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter +gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle, +dem dieser Platz in Wahrheit gebühre. + +Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite, +saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in +diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung +innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige +Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem +abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat +zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs +angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt +machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow. +Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße +weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner +Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem +Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde +sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich +immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr +Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens +in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein +Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm +der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche +sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die +feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte. + +Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher +beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht +nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich +wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als +»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte +diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was +man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch +beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick +zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte. + +»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort, +»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser +Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn +von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, +was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander +von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie +nicht groß sind.« + +»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles +was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht +preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen +reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.« + +»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich +danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.« + +»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer +ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner +seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von +Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß +alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen +Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die +Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist +erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs +des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor +sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir +wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn +Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen +Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen +müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe +Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz +der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen +wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die +Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen +zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin +steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß +wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts; +der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade +für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht, +als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich +von der unangenehmen Seite.« + +Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen +worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu +dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß +ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie +sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle +man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der +Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um +seine frühere Schönheit gekommen war. + +Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er +es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte +nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum +lieben Sie sie.« + +»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.« + +»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück +könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller +Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die +glänzendste Kriegsgeschichte.« + +»Und wer rettete ....« + +»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar +Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt +ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der +Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht. +Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu +Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder +Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....« + +Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein +Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der +Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die +Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit +Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung. + +»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....« + +»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte +seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und +nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen, +daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen +Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den +Salon eingetreten sein müsse. + +»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue +Stürme ....« + +»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin +Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem +Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt +mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem +Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende. +Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem +Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde +getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die +Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf +selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den +Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden +konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im +Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.« + +»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich +machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man +weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der +wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß, +wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht +säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.« + +»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter +Anklage von Hochverrath und Krawall.« + +»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung +dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht +fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen, +als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum +politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber +=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich +sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von +Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den +Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere +Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist, +und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und +recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich, +gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen +Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch +keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus. +Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom +Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der +schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch +die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu +gemacht.« + +»Nein, diese Stimmung war da.« + +»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu +bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen +wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir +sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst +die Summe, so sind wir verloren.« + +»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen, +Herr von Bülow.« + +»Was ich beklage.« + +»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und +meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären +dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan +obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am +Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers +Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß +sich wieder auf sich selbst besinnen.« + +»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist +dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich, +das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich +frage Sie?« + +»Sie mißverstehen mich.« + +»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.« + +»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich +mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische +Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art +aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck +zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren +=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel +bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht= +gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes +und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist +=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer +Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges +Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.« + + + + +Zweites Kapitel. + +»Die Weihe der Kraft.« + + +Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit +anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach +und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht +Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und +nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen +Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns +zugewiesen.« + +»Also der Prinz,« sagte Alvensleben. + +»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist +eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert +haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es +geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen, +daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.« + +»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr +Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund +heraus, eine gewisse 'Weihe der Kraft' verleihen wird.« + +»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und +so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr +bedauert.« + +»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung +entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter +der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten +einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen +einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen +aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von +seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte +citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert +hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste +bedeutet.« + +»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die +den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,« +sagte Schach spitz. + +»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach, +auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie +bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich +vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu +=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht +das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene +Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde +Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas +Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines +Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in +Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch +über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er +will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote +mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder +dans le Néant_.« + +»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das +Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also +zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den +'tagesberühmten Herrn', wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen +zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß +wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit +wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar +nicht gesehen zu haben.« + +»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit +nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten +Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines +Stückes beizuwohnen.« + +»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst +nicht länger mehr zu zweifeln ist.« + +»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens +alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.« + +»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das +Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des +Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am +räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt, +Iffland, ein Freimaurer.« + +»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,« +erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit +unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen +dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das +entscheidet.« + +»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt +Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?« + +Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, +meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem +Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer +Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle +Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin +Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein +lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies +ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu +mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen +Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator, +aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen +und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und +Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus +einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den +ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von +Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.« + +»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte. +Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in +seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart +strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.« + +»O, gewiß nicht,« lachte Sander. + +»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen +Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu +machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen +einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....« + +»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch. + +»Auch nicht Luthers!« + +»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....« + +»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie +mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel +anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der +Welt ihn halten können.« + +»Ich habe Napoleon von einer 'Episode Preußen' sprechen hören,« +erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an +ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer 'Episode Luther' beglücken?« + +»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies +Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne, +die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer +Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther +herausstellen. Es heißt auch da wieder: 'Sage mir, mit wem Du umgehst, +und ich will Dir sagen, wer Du bist.' Ich bekenne, daß ich die Tage +Preußens gezählt glaube, und 'wenn der Mantel fällt, muß der Herzog +nach.' Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die +Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt; +jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er +schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so +müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und +warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es +sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder +unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._« + +»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns +Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden +gebracht habe.« + +»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf +die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. +Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende +Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter +ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was +bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel +aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles. +Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet? +Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich +Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle +Moral, die den Satz erfunden hat, 'ich hab' ihn an die Krippe gebunden, +warum hat er nicht gefressen?'« + +»Gut, gut. Aber Luther ....« + +»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die +Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es +dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat. +Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und +Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für +Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt, +wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden +und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir +den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias +Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht +ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr +als ich fassen kann.« + +»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn +uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und +wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei +=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber +Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der +eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du +könntest uns das ein' oder andere davon singen.« + +»Ich habe sie kaum durchgespielt.« + +»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität +ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches +poetisches Suchen und Tappen.« + +Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach +seinen Mitteln.« + +Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er +begleitete. + + Die Blüthe, sie schläft so leis und lind + Wohl in der Wiege von Schnee; + Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind + Du blühendes Kind« + Und das Kind es weint und verschläft sein Weh + Und hernieder steigen aus duftiger Höh + Die Schwestern und lieben und blühn + +Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr +Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,« +antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die +Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.« + + Und kommt der Mai dann wieder so lind, + Dann bricht er die Wiege von Schnee, + Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind + Du welkendes Kind.« + Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh + Und steigt hinauf in die leuchtende Höh + Wo strahlend die Brüderlein blühn. + +Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich +Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die +Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten. + +Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang +beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war +durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen +funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er +wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür +hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.« + +Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte. + +Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb +dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde. + + + + +Drittes Kapitel. + +Bei Sala Tarone. + + +Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der +Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links +einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, +und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag +deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, +allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und +Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern. + +»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch +einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die +Kehle zuschnürten.« + +»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies +dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen +stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da +schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite +sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf +öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als +Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt +hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten +ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer +in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der +Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das +Gefährliche der Passage kenntlich zu machen. + +»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander, +sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn +in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen +Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt +waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und +Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.« + +»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen +ein militärischer Verlag.« + +Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her, +und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür +gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht +nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte +mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große +Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller +»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an +niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas, +mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo +dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen +überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus +tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein +Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller +hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand. + +Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber +gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger +war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die +Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber +nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm +gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste, +was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind +Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches +verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen +mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die +Firma.« + +Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit +seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und +Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.« + +Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre +gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom +Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit +halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger +Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort +sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die +letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem +Anscheine nach, am besten kannte. + +»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?« + +»Gut. Sehr gut.« + +»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der +Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne +gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?« + +»Zu dienen, Herr Sander.« + +»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister +ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein +Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt. +Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht +Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich. +Besser ist besser.« + +Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien +die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen +schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen. + +»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie +Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde +bleiben. Und nun grüne Gläser.« + +Alvensleben lachte. »Grüne?« + +»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß +es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger +beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte +gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser +Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des +Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und +dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so +weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur +symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren +Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr +bedeuteten, als das Mahl selbst.« + +»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich +Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.« + +»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.« + +»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen +entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange +Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein +Ende ....« + +Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs, +eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der +längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen +stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede +beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen +kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war. +Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und +Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so +beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis, +bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten +hatte. + +Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst +als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf +all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den +Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz +nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck +schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange +flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich +lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den +Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe. +Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt. +Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.« + +»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn +neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht +bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am +Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.« + +»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort. +»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich +ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie +sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich +wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt +doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang +in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu +befragen.« + +»Wie das?« fragte Bülow. + +»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es +gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn +das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes, +glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._« + +»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.« + +»Sonst nicht gerade mein Fehler.« + +»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber +Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. +Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr +aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich +habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so +ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es +vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte +Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie +=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben +überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste +nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn +=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.« + +»Wie das?« + +»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter +gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter +scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt, +und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so +ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung +gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, +von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und +würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder +auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter +vorzustellen.« + +»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.« + +»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu +behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu +sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach +nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie +Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein +absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies +Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch +macht.« + +»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu +besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie +hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre +Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=! +Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein +Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen +Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die +Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische +Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der +preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und +letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du +Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment +Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue +solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit +solcher Rodomontaden erkennen wird.« + +»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer +Besten.« + +»Um so schlimmer.« + +»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht +blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise. +Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.« + +»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für +ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife +Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin= +unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er +in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich +seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht +liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.« + +»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und +Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius +zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen, +besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche +Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die +Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und +Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser +Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und +Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der +Rittmeister von Schach, er lebe hoch.« + +»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die +ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen +Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!« + +»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät +getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun +Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche +arrangire.« + +»In besten Händen,« sagte Nostitz. + +Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte +vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter +im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits. + +»_Hâtez-vous._« + +Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und +auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen. + + + + +Viertes Kapitel. + +In Tempelhof. + + +Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben +Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen +hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern +den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter +einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und +Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit +abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten +Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit +erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder +Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben, +das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein +besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo +nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner +Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die +Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer +silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit +(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem +Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen +Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können. + +Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und +gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die +glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger +Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne +Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor +allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau +täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei. +Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen +wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug, +es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes +Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu +dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha +hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein +stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, +der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von +Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer +einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer +ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches +in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit. + +Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide +Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war +weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte, +stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich +dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire +blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen +Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu +sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die +Charlottenstraße heraufkam. + +»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie +wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer +mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?« + +Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen +Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in +Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, +trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. +Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt. + +»An =Dich= Mama.« + +»Lies nur,« sagte diese. + +»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.« + +»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine +gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege +gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie +sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr +mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire +zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre +Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu +können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug +im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß +und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer +Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.« + +»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?« + +»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?« + +»Nun denn also 'ja'.« + +Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt, +und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele +vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da, +so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.« + +Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so +vieldeutig,« sagte sie. + +»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.« + +»Nein; laß es nur.« + +Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom. + +Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama +nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten +solche Räthselsätze.« + +»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und +nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel, +auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht +sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch +verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen +Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er +liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr +werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im +französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du +siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der +Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich +mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel +Licht ist, ist viel Schatten.« + +Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst +es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen +überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich +liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das= +laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach +scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine +kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es +geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch? +Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.« + +Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des +verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für +allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise +zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um +drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch +eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige, +sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem +Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die +»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen +Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch +gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel, +und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten +Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt +hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so 'ich weiß +nicht wie' sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem +Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene +Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf +dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie +fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann, +wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach. +Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen +Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse +Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten +französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt +fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim +Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig +ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das +allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt +ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe. + +Das war das Tantchen, das eben eintrat. + +Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen, +herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr +Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu +lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte +sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann +denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die +Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel +königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der +»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre +waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein +für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte, +die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten +Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte +beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin +Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube +gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige +Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von +Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade +gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach +einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk +in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das +Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von +Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten +der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und +solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß +ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk +_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man +eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie +er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses +an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von +Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem +unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde. + +Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier -- +_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben -- +erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der +Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben, +beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren +im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und +Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die +nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen +Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde. + +»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.« + +»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese. + +»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt. +Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.« + +In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das +Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum +Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte +sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in +halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes +Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden +Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn +durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten +sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den +Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine +Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde +flatterten und klapperten. + +Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der +zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof +zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und +her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen +Dörfer. + +Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war, +ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es +nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide +Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie +durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen. + +»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht +unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?« + +Victoire schwieg. + +»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps +de Logis.« + +Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das= +nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt, +von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit +aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt +alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein +Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt +werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort +»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu +fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in +ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem +Grafen von der Mark errichtet worden sei?« + +Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne +zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben, +bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er +so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner +hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.« + +Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark +verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter« +geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren +wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also +lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende +grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten +Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von +Tempelhof ein. + +Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und +sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur +Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante +Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich +auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.« + +Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem +Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen +besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig +geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen +Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei, +so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße +verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der +hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es +auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem +Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und +zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der +Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und +Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der +Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von +rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die +Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde. + +Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch +=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und +jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche +zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante +Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete, +wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu +weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert +hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie +Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während +Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem +Staketenzaune saß, sah ihnen nach. + +»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte. + +Schach sah sie fragend an. + +»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante +Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.« + +»Wovon?« + +»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem +eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, 'daß Sie +der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug +geben würden.' Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist +die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden +mich eifersüchtig machen.« + +Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen +richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste. +Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen +Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine +noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu +können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll +guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie +nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind +mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, +espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz= +darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten +und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß +Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie +über mich üben.« + +Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau +leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie +den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen +verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung +heraus.« + +»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach +Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich +hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich +Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er +nur in Ihre Gesellschaft?« + +»Er ist der Schatten Bülows.« + +»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der +Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn +noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, 'Sander, +wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau +herum.' Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein +Sancho Pansa ....« + +»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?« + +»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen +widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist +eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher +Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von +Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und +das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen +Eigenliebe.« + +»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich +fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.« + +»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe +haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, +und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_. +Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht +hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer +Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft +unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also +sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ +die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum +Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich +anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, +diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt +Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich +hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe, +wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen +Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als +Preußen auf den Schultern seiner Armee.« + +Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt +wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle +gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld +hin sich abzweigte. + +»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol +auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und +Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht +bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die +Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier +abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte +zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung +weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, +noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz +zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die +Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts +aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar +musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand. + +»Sieh, Victoire, das sind Binsen.« + +»Ja, liebe Tante.« + +»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als +kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf +einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen +konnte ....« + +»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man +zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.« + +»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_. +Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen +doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas +Kienenes.« + +»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie +widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, +in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber +sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen +Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der +bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine, +mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden +Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß +weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber +blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die +niedergehende Sonne sie blendete. + +»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire. + +»Ja,« sagte das Kind. + +»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns +die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die +Herrschaften da.« + +»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die +Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und +Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem +sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten. + +Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über +verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand +berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben +der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. +Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und +Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des +Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter +die Veilchen. + +Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf +dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch +und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg +standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und +zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend +zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen +Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind +gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der +katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben, +daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie +dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine +Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob +nicht vielleicht alte Grabsteine da wären? + +»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein +abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das +aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es +war ersichtlich ein Reiteroberst. + +»Und wer ist es?« fragte Schach. + +»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von +Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil +er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.« + +Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des +angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen +traf. + +»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt +auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß. +Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.« + +All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig +geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus +den Lebzeiten des Ritters wisse?« + +»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.« + +Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende +Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so +wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte +Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.« + +»Aber was denn, Kind?« + +»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß +die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das +Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte +Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater +erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch +mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über +Schmargendorf donnert.« + +»Wohl möglich.« + +»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr +die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General, +dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da +kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen +wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das +Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon +weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem +Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch +und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie +nachschlugen, da fanden sie: 'Du sollst Deinen Todten in Ehren halten +und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.' Und nun wußten sie, wer die +Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen +Pfeiler.« + +»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich +vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, +»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.« +Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab, +und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem +Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu. + +Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte. + +»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine +Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im +'Nathan,' aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich +behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen +haben. Hab ich Recht?« + +»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr +Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen +wäre. + +»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah +ihn zutraulich und doch verlegen an. + +»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder +vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen +Namen: Achim von Haake.« + +»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?« + +»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen, +daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren +vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage +zurückreichen. So viel ist glaubhaft.« + +»Ich höre so gern von diesem Orden.« + +»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten +heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und +interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst, +Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber +groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu +geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld +voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal +aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem +Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden, +all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem +wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn +tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich +überwältigt seine Größe.« + +Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen, +einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein +mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's +vermocht als Templer zu leben und zu sterben?« + +»Ja.« + +»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die +Supra-Weste der Gensdarmes.« + +»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir, +es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.« + +»Um es zu halten?« + +Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter +werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem +Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen +des '=Schönen=' führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus +Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer +selbstisch ist, ist undankbar und treulos.« + +Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so +sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn= +gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu +d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und +doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden +war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus +gesprochen worden. + +Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach +hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide +versäumt hatten, zu warten. + +Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte +=diese= bis an das Gasthaus zurück. + +Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den +Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war +das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen +Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte. + +Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und +man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl +geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach +Nordwesten hin umgesprungen war. + +Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu +fahren.« + +Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während +jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte, +ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück. + +Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe +gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren +Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt. + + +Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._ + +Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob +ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die +mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der +Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen +Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig +vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist. +Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du +sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich +bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten +wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten +und Toiletten vergißt. + +Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein +Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert +Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat +könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann +immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und +davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich +sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen +bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien +und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du +mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer +neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen +Augenblick versagt geblieben ist. + +Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach +all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester +Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir +gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir +(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß +gehabt haben. + +Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte, +nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte, +weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in +unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie, +beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht +nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit +eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser +im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend +oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während +des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au +fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten +Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und +wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was +Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied +der Meinungen. + +Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow +anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser +Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn +schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht +fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn. +Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern +lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben +sollen, von denen man es am wenigsten begreift. + +Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon +zu erzählen. + +Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem +Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war +arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine +Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte. +Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als +das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort +und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das +rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht, +jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir +in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben, +und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und +führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir +ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der +Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir +wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete +auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das +Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute +versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte +mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit +=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner +Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm +unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein +spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er +ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor +niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches +Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht, +so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte +mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß +ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit +unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß +Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir +scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet +Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein +anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret, +imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir +=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so +würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm +hinein zu finden. + +Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich +meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die +beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich +empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm +dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei +fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt, +ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern +hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho +Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst, +und ich find es nicht übel. + +Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit +unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur. +Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen, +die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes +ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist +aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. +Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und +wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und +Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den +Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen +Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen +beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen, +und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, +schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette. +Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren +Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama +grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, +vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz= +Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte +=Victoire=. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Bei Prinz Louis. + + +An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette +von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße +gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis. + +Es lautete: + +»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und +dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der +Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach +ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer +Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter +Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem +Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im +Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.« + +Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und +Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am +rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die +Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens. +Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit +Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf +einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und +Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich +entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als +genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt +zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von +dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren +(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu +diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein +Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales +befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der +Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch, +auf die Bäume des Thiergartens. + +»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich +arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als +Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. '_A la guerre, comme à la +guerre._' Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt, +respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde. +Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr +guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.« + +»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.« + +»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur +von jenem '_laisser passer_,' das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller +gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie +Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß +Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.« + +»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die +Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen +aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas +Kluges?« + +»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig +ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige +thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er +will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. '_Ah, ces Prussiens_' hieß +es, '_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_'. Da haben +Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von +einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so +müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns +Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein +Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der +Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.« + +»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers +ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und +versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten +lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den +uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und +mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben +freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit +überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von +jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.« + +»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm +außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er +eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater +war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben +diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch +noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei: +'_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_' oder '_l'hirondelle =rase= +la surface des eaux_?' Und was antwortet er? 'Ich sehe keinen +Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater +und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.' In diesem Bonmot haben Sie +den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen +offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen +kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.« + +»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum +Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit +den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut, +denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen +das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften? +Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs +des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem +Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In +sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es; +aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen +können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und +wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. +Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. 'Er blies, und die Armada +zerstob in alle vier Winde.' _Afflavit Deus et dissipati sunt._« + +»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung +verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über +die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der +die Armada zerblies.« + +»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes +im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner +Armee steht?« + +»Ich hoffe, ja.« + +»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die 'propreste Armee', das ist +alles. Aber mit der 'Propretät' gewinnt man keine Schlachten. Erinnern +sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald +ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? 'Propre +Leute' hieß es. 'Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber +beißen='. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter +und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und +Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit +und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. +Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche +Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen +Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die +erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den +Beinen gewonnen worden.« + +»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur, +lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für +allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in +der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er +selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille +sagte. 'Soldaten' hieß es, 'der Feind wird marschiren und unsre Flanke +zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige +preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn +schlagen und vernichten.' Und genau so verlief die Schlacht. Es ist +unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch +schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.« + +Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles +peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und +sagte: »Widerlegen Sie mich.« + +»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte +genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage +'was thut hier die =Mittelmäßigkeit=' in vorausberechnender Weise nicht +blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie +zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste +Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und +unverfälschten Stupidität. Aber jene 'Mittelklugen', die gerade klug +genug sind, um von der Lust 'es auch einmal mit etwas Geistreichem zu +probiren', angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am +leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode +mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte +der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in +dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in +jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, +die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.« + +»Ein Beispiel.« + +»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich +ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel +gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie +fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem +Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere +der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?' Und er befahl mit +Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis +barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die +morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das +Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster +Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er +plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit +in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: 'In meinem +Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt +'Genie' -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser +'Kobold und Teufelsküster' nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies +Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe: +Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund +seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich +selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf +ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.« + +»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das +seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die +Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden +war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein +Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und +eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der +Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in +enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.« + +Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des +unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen +allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen +unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum +»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine +kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach, +als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als +ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens +sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und +dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die +jetzt sicherlich mitsprechen. 'Man soll seinem Feinde goldene Brücken +bauen', sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein +Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt +schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt +man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die +Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen +Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und +erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus +dem Rechnungssatze: 'wenn der unterlegene russische Muth einen vollen +Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei='.« + +Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz +trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm +zuvor und bemerkte: »Gegen 'unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde' +bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese +Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht +haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können. +Er ist der 'gute Kaiser' und damit Basta.« + +»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und +doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?« + +»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner +Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt +ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das +überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der, +trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen +wird, behauptet geradezu, 'daß in unserm Zeitalter die besten Menschen +die schlechteste Reputation haben müßten'. Der gute Kaiser! Ich bitte +Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn +den 'guten Friedrich' genannt hätte.« + +»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das +ist mir aus der Seele gesprochen.« + +Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow +in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des 'guten' führen, sind +solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis +an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen +war auch ein sogenannter 'guter'. In der Regel haben solche +Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht +es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit +oder ohne Schlange.« + +»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch +Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.« + +»Wenigstens annähernd.« + +»Da wär ich doch neugierig.« + +»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers +in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun, +anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines +Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in +die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine +halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah +unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus +der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht +gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben +so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und +_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich +fünftens '_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_'. Wobei wohl +jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste '_vrai +sentiment_' kennen zu lernen.« + + + + +Siebentes Kapitel. + +Ein neuer Gast. + + +All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der +denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté +céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor +her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm +wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren +erscheinen und gleich danach eintreten sah. + +»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard +que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an +Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen +zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine +Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti, +Montefiascone, Tokayer.« + +»Irgend einen Ungar.« + +»Herben?« + +Dussek lächelte. + +»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter +guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, +die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch +=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage 'was Neues' +selten eine Antwort schuldig.« + +»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der, +nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte. + +»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?« + +»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, 'die +ganze Stadt', so mein ich das Theater.« + +»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun +weiter.« + +»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und +Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem +Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das= +also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche +Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen '_belles lettres et +beaux arts_.' Eine 'Huldigung der Künste' lasse man sich gefallen, aber +eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.« + +»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber +da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der +Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist, +Thatsachen. Um was handelt es sich?« + +»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war, +=nicht= erhalten.« + +Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: +»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._« + +Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der +Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen, +Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen +wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum +überhaupt.« + +Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht, +lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?« + +»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche +Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir +freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden +mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an, +und die 'Weihe der Kraft', für deren Aufführung der Hof sich +interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit +geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es +energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch= +gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine +Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an +dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von +der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber +im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'« + +»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?« + +»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören. +Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das +Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger +Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild +sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein +oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache +vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an +diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen. +Neue Zeit und alte Vorurtheile.« + +»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß +Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das +das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und +stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen +neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und +eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit +schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das +Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen +alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer +Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden +ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung +einer wahren Epidemie ....« + +»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs +Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig +an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten +nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung +von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr +immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24 +Klassen wie das Linnésche System.« + +Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es +müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie +beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form +der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt +kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle +Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der, +wie wenige, von dem 'Alles ist eitel' unsres Thuns und Trachtens +durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt, +während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins +Schubfach und schrie: 'Da liege, bis du =schwarz= wirst.' Eine +Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.« + +»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen +gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: 'ich gäbe +den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,' gefällt mir +noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat. +Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu +wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral +Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter +aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof +von Acre mit den Worten überreicht hatte: 'Wir empfingen dieses +Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es, +nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der, +heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.' Und ein Elender und +Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu +freuen versteht.« + +»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,« +erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, +lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel +nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.« + +Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick +einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der +Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf, +und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den +Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise, +deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen +worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, +flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt, +flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben +ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in +das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung +angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man +Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder +nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des +Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel +zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die +jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die +Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen. + +Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber +sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht +stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit +Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten +Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe. +Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau +von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach +begleitet.« + +»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt +öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von +beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt +sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich, +mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des +schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller +Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung +erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, +'voll erblühter', so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und +zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als +auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf +Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und +dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein +Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber +gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß +Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten +Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein +Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber +Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts +für ungut; er ist Ihr Freund.« + +»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick +bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei +dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus +einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen +Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer +Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die +Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt +alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.« + +»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz, +»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. +_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen, +die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn +mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine +Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir +das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von +jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie +zerbrechen nie. '_Comme un ange_', sagte der alte Graf Neale, der neben +mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach +als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die +Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.« + +»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder +erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig +angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den +Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser +Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur +Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen +Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage +wiederherzustellen scheint.« + +»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander. + +Alles lachte. + +»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone, +während er sich ironisch gegen Sander verbeugte. + +Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft +Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken +wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der +allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern, +die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter +unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich +persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will +also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_ +schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.« + +»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es +bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der +_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein +hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein +Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber +als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch, +Alvensleben?« + +Alvensleben bestätigte. + +Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen +liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer +lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich +wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei +vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten +Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr +gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig +rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit +erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese +hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage +weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind +auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage +den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.« + +Nostitz und Sander lächelten und nickten. + +»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole 'was ist Schönheit?' +Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen +verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug +bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen +und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei +Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die +häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet, +=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch +liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die +Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine +schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und +nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel +tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die +lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie +kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und +nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté +du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener +Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit +höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon +als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten +Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar +Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon +bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und +unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine +Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her +gebührt. Das paradoxe '_le laid c'est le beau_' hat seine vollkommne +Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem +anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre +meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir +zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale +captivirt zu sein.« + +Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen +Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die +Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber +Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen, +und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch +wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die +Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen. +Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von +Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie +Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.« + +Beide verneigten sich. + +»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es +persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen +einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten +geistigen Austausches entgegen.« + +Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden, +würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem +Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies +mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben +Lichte stehenden Horizont. + +Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen +flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen +standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die +Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß. + +Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war +der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah, +vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen +schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend +was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die +Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und +verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und +die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das +Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit. +Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und +reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte. + +»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der +Sinumbralampe.« + +»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek. + +»Und warum?« + +»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und '_sine umbra_'.« + +Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum +Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in +Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind +weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter +Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen +scheinen.« + +Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl +durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, +und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war. +Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er +seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden +wolle. + +Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen, +deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war. + + + + +Achtes Kapitel. + +Schach und Victoire. + + +Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde, +der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um +auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht +davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die +gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit +heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte, +daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit +beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten +wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, +immer noch die friedericianische war. + +In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war, +entgegen. + +Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der +Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom +Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten +sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren +Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die +Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den +heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war. +Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke, +früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und +zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein +stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während +von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde +flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld +beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten +englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete. + +Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange +vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten +Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre +Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps, +Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker +werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und +klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings +wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel +begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem +mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die +Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße +Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke +sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen +Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten +Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die +Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.« + + * * * * * + +Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb +in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr, +ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr +als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von +wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, +Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer +Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen +mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu +lärmenden Demonstrationen geeignet war. + +Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen +Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den +sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke +nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich, +als sie von der Revue wieder zurückgekommen war. + +Es war ein Brief von Lisette. + +Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie +schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt +wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß, +mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben +schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du +Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber +lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen, +ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama +nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch +andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne +Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht +kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire, +hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen +wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich +ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die +durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen +Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall +überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder +Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen +lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, 'ja, das Ritterliche', +fügst Du hinzu, 'sei so recht eigentlich seine Natur', und im selben +Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer +Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein +würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von +Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei +gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der +Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir +leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist +gleichgiltig.« + +Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich +leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie +großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.« + +Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen. + +In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein +zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten +es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine +Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den +Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu +thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten. + +»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.« + +»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein +prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch +ziemlich scharf ....« + +»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade +heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der +Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese +Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich +zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich +Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was +Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus +Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.« + +»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange, +nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer +Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn +Alvensleben schon gesprochen haben sollte.« + +»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama +für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.« + +»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an +Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim +Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom +Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen, +was vielleicht eine That war.« + +»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.« + +»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens +in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.« + +»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das +Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer +Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.« + +»Ich wüßte keine liebere Strafe.« + +»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....« + +»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie +Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine +Einladung überbringen.« + +»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen +werden.« + +»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire, +dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger +Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte +darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder, +wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem +Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler +Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend +zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein +Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos, +sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste +ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?« + +»Ja.« + +»Und ....« + +»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als +sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu +kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber +Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir +uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern +aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels +hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die +Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, +ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist +ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.« + +»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?« + +»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt: +'wem genommen wird, dem wird auch gegeben'. In meinem Falle liegt der +Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu +haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten +vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und +Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man +mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine +Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.« + +Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über +sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder +Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein +aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer +trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten +Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte: +»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band +Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem +Dichter.« + +»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr= +interessirt.« + +»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?« + +»Mirabeau.« + +»Und warum =mehr=?« + +»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer +unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein +spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. 'Ah, das +schöne Kind,' hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin, +hin wie .... wie ....« + +»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.« + +»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und +Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire +=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt +schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es +Wunderhold.« + +Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit +klang vor. + +»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen +nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, -- +=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von +Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist +das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn +durchleuchtet und verklärt.« + +Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost +schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre +Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen. + +»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst, +und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben +sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie, +fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und +Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich +demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für +allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja +Wunderhold!« + +Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es +sich in Trotz zu waffnen suchte. + +Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung. + + * * * * * + +Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire, +die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans +Fenster und sah auf die Straße. + +»Was erregt Dich?« + +»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.« + +»Du hörst zu fein.« + +Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen +der Frau von Carayon vor. + +»Verlassen Sie mich .... Bitte.« + +»Bis auf morgen.« + +Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von +Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer +und Korridor. + +Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs +her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das +Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die +Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften, +und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete. + +Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama. + +»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!« + +Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es +in ihm. »Das alte Lied.« + +Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen +Victoire. + +Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und +geräuschlos die Treppe hinunter. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Schach zieht sich zurück. + + +»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht. +Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's +zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens +Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte. +»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen +hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. +Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich +den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und +entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn +fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine +Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit +Blut. + +Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher +in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem +Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr +gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und +Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die +Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und +übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von +widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich +glücklichen und bangen Thränen auszuweinen. + +Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben +werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die +Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form, +denn er wußte, daß es so sein werde. + +Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber +und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er +kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von +Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen, +den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte, +war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen +wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem +Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück. + +Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut, +Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er +hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen +Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit +eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der +Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser +sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu +haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er +sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer +Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber +nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch +dem Stücke zu. + +»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon. + +»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden +spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine +Strapaze.« + +»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein +Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit +erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das +Stück.« + +»Es hat mich =nicht= befriedigt.« + +»Und warum nicht?« + +»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei +Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin +zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede +Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist +Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah +kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde +beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit +Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in +Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der +Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein +allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von +Anfang bis Ende.« + +»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?« + +»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für +Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine +war.« + +Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und +über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich +überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem +angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von +Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen +Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß +Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder +am Klavier begleiten durfte. + +All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang, +so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß +es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm +unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er +ging. + +Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von +dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und +so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie +mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war, +blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern. + +»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?« + +»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer +gereinigten Kürche.« + +»Welchen meinst Du, liebe Tante?« + +»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.« + +Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte, +dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also +z. B. in der Lehre vom Abendmahl.« + +»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne +Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre +_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=, +mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.« + +»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von +Carayon. + +»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort, +»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die +Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens +viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber +nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht +so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel +weiß ich auch.« + +Frau von Carayon lachte herzlich. + +»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich +ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und +den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll +auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es +habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.« + + + + +Zehntes Kapitel. + +»Es muß etwas geschehn.« + + +Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht +auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war, +war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause +Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des +Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich +mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten +abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß +Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe. + +Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher +sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte +sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz +spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog. +Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den +gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie +träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger +unglücklich. + +Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage +beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon +ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider= +einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin +an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von +Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte +spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und +Uebermuth. + +Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des +Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu +besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter +den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte, +kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung, +und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von +seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische +Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein +ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas +geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der +»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von +vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch +auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine +=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger +Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte. + +Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren, +waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen: +Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler, +Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und +nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines, +häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft +mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die +Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen +Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach +fehlte. + +»Wer präsidirt?« fragte Klitzing. + +»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der +kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.« + +»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch +Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. +Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang. + +»Rede halten: Assemblée nationale ....« + +Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem +ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch. + +»_Silentium, Silentium._« + +»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem +Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht +nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton= +gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas +geschehn!=« + +»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.« + +»Und neu geweiht durch die 'Weihe der Kraft', haben wir, dem alten +Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu +bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen. +Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet, +der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen +und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem +Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge +der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde +sich.« + +Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten. + +»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.« + +Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne +wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.« + +Alle sahen einander an, Einige lachten. + +»Im Juli?« + +»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und +über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste +Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges +bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, +während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel +oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem +Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.« + +Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich +durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und +beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten +Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also +Schlittenfahrt. Angenommen?« + +»Ja, ja.« + +»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?« + +»Schach.« + +»Er wird ablehnen.« + +»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als +einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie +kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich +eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und +sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen. +Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen +Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu +sein.« + +Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter +eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben. + +»Ah, _lupus in fabula_.« + +»Von Schach?« + +»Ja!« + +»Lesen, lesen!« + +Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz, +bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden +Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig, +auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und +war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt +worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und +diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein +Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und +so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder +wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für +einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in +eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch +nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber +durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und +jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin +nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr +Schach.« + +»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche +Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten +ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er +will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in +diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich +bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum +Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts +übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.« + +Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das +Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht +mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus +_Lutheri_ im Leibe.« + +Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er +das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz +wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich, +zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut +oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen +wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll, +ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in +falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz +aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche +lassen oder es fällt alles in den Brunnen.« + +Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine +kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb +von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich +für die Lutherrolle zu melden. + +Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn +Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg +den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, +die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial +eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet +fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf +seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine +Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem +noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt, +alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß +Nostitz die Sitzung. + +In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's +regnet?« + +»Es darf nicht regnen.« + +»Und was wird aus dem Salz?« + +»_C'est pour les domestiques._« + +»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet. + + + + +Elftes Kapitel. + +Die Schlittenfahrt. + + +Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen. +Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der +Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem +jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern +Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit +hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst +die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach +noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und +so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und +Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein. + +In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen +Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend +prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter +vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem +Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, +jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die +Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das +ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile. + +Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das +Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage +fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand, +erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des +Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im +Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit +Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande +war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend +und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß +Victoire sie fand. + +»Um Gotteswillen, Mama, was ist?« + +Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade +zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu +bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon +hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr +im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und +was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze, +johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf +Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als +Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und +auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt +erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte +sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es? +Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war +doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er +gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne +Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. +Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das +Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang +von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und +=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und +gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von +allem, an Liebe geglaubt hatte! + +»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und +wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen +konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der +Schwelle des Balkons nieder. + +Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das +Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen +wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und +als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen +wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie +der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken. +»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals +hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser +Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns +zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch .... +O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!« + +Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu. +Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an +dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische +Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht +wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an +der Decke zeigte. + +Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In +Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und +einer Aussprache mit dem geliebten Kinde. + +»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr. +Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist +denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich +weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es +ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen +schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre +Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.« + +Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von +Thränen entquoll ihrem Auge. + +»Beste Mutter!« + +Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Schach bei Frau von Carayon. + + +Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und +sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen +ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen, +Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art +aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und +einer untadligen Gesinnung.« + +In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der +alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.« + +Frau von Carayon nickte zustimmend. + +»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire. + +»Weil Du's geträumt?« + +»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit +weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er +erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine +Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer +intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung +des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt. +Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie +sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.« + +Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut, +viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die +Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer +wartete. + +Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand +zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen +verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf +einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein +Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz. + +»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in +Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen +gefunden hat oder nicht.« + +»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend, +und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.« + +»Ein Gefühl, das ich theile.« + +»So waren Sie nicht mit von der Partie?« + +»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu +müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure +Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und +seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch +heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut +mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?« + +»Zu Bett.« + +»Ich hoffe nichts Ernstliches.« + +»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem +sie gestern Abend befallen wurde.« + +»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem +Herzen.« + +»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem +Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die +Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß +an, ein Geheimniß, das Sie kennen.« + +Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen. + +»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine +Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah: +»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen +oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten +verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in +der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen +Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern +verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?« + +Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre +Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: +»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch +von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten, +daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das +Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens. +Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie +mich, wenn Sie können.« + +Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung +zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte. + +»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil +preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung +oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine= +(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder +heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt +der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.« + +Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu. +»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen +habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu +verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für +eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben= +Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will +sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück +ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in +einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie +lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so +bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu +willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich +erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, +und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten +Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu +bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen +oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um +Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des +Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen +zu sagen hatte.« + +Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu +sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben +seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich +nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher +bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon +jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den +Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen +langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine +gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er +sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen +Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter, +das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen +Glücks.« + +All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich +auch mit einer bemerkenswerthen Kühle. + +Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen, +sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war +weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg, +erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr +von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine +Person richtete. Daß Ihr 'ja' rückhaltloser und ungesuchter hätte +klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel, +mir genügt das 'Ja'. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer +Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in +gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren +Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein +wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante +Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind +dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in +Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen +=mußte=.« + +Schach schwieg. + +»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden +wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die +Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.« + +Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach +in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen +gesprochen worden wäre. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +»_Le choix du Schach._« + + +In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging +alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden +konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags +an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth +schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst, +Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen +einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem +er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen +gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied +absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und +Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß +einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein, +und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese +letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten, +ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die +verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie +genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.« + +Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm +unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte. +Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich, +lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts +Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach, +aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder +hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer +bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück +ihrer Tochter sei. + +Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war +ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in +seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem +zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem +Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck +gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue +gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren +bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit +mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken +beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in +seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des +Prinzen, ich schwärme nicht für 'Läuterungsprozesse', hinsichtlich deren +nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und +wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so +bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und +Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten +'Land-Ehe', die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem +wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich +quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe +Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue. +Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern= +Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit +demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt, +vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich +erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er +mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: 'wie mir's +gehe?' Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: 'O Gott, was doch drei +Jahr aus einem Menschen machen können.' Drei Jahr .... Und vielleicht +werden es dreißig.« + +Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer +Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des +Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ +ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, 'der Moment entscheidet.' Ich +entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde? +=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf. +Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich +will sie tragen.« + +Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons. + +Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem +Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten +Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß +auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau +von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach +zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach +drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das +junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines +Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire +nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren +Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und +freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht +gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und +konnte jeden Augenblick bezogen werden. + +Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag +über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die +vorausgegangen war. + +Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit +seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte +daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und +kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der +geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil +ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er +dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die +Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und +espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten +und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und +vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch +leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am +Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, +die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath +bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des +Lächerlichen =nicht= gescheitert. + +Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben. + +Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht +um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen +Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für +ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem +Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam +es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß +es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und +nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit +der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort, +ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und +empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff +und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein +erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der +persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an +der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des +Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm +Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der +persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in +allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend +anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe, +wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit +aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger +als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der +Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur +zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst +ein Genüge zu thun. + +Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es +war ihm, als würd er vom Schlage getroffen. + +Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder +vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht +abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. +Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe +wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache. + +Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine +gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die +Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um +hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden +aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte +nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene. +Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des +einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten, +als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich +großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen +stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen +»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge +herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem +Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig +normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben. + +Also eine Verschwörung. + +Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und +kehrte in seine Wohnung zurück. + +Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben +erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen +Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen, +schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge +nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen. +Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach +von Persien' einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber +der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu +werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an +ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr +B.« + +Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte, +setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem +Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier, +fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich +mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand +zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren +drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir +erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles +gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine +Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz +R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und +stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird +mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen +sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es +nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig +hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen +beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde +schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich +Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen +Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das +Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht +verfehlen, und nur auf das 'wie' haben wir zu warten. _Tout à vous. S._« + +In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow +ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen. +Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die +beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem +Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die +Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden, +trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß +es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter +zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen, +ohne dabei das Richtige zu treffen. + +Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel +blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische +=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von +ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale +nimmt. + +Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von +Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein +Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel +und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß +Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der +persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und +eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.« + +Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht. +Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm +auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde. + +So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen, +seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin +verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er +all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +In Wuthenow am See. + + +Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen +entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See +nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den +Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den +Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute +Brüllen einer Kuh. + +Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg +ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte. +Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren +Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein +alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage +durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene +Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige, +nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen +allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter +dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach +hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der +Schönheit des Bildes. + +Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem +flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem +danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben +Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus +seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der +Holzwandung umherschrammte. + +»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend, +begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf +die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen. + +Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach +stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen +der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es +lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb +verschlafene Stimme: »Wat is?« + +»Ich, Krist.« + +»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.« + +»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.« + +Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während +er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.« + +Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer, +während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en +beten.« + +Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und +hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig, +ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar +Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel +zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes +Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor +manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den +durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen +jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste +Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht +hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen. + +»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns +Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers +ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' +koam' künn'n. 'Jei, jei, Mutter,' seggt ick, 'dat bedüt' wat.' Awers as +de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? 'Wat sall et bedüden?' seggt se, +'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'« + +»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während +der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins +Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.« + +Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen +mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte +verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige +Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und +Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon +führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin +von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient +hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als +Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet +hatte, trat man ein. + +Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem +Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den +Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit +nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter +nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die +seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der +verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die +Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von +jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den +alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den +Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der +Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür +zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der +Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und +Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz. +In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine +stickige Schwüle. + +»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die +da.« + +»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?« + +»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.« + +»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih! +Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi. +'Jott, jnädge Herr,' seggt ick denn ümmer, 'ick gloob de Huut geit em +runner'. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte: +'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'« + +Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff +er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, +der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das +sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten +herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das +Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von +guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als +er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er +gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen +Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten +Gruft der Familie standen. + +Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha. +»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält +er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es +brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun +gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht +wegtragen.« + +»Ih, se wihren doch nich ....« + +Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor +hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von +außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und +bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn. + +Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz, +empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und +kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein +unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts +helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück. +Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die +mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten, +hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur +über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen +Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich +überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren, +die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben +stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten. + +Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um +die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und +Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu +verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An +Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster +und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten. + +Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene +Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in +meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei +Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen. +Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte, +trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners +zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war, +war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger +Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines +wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch +erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer +volleren Zügen einsog. + +Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er +einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen +hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit +guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht +schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine +Viertelstunde vergangen. + +Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge +zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an +den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die +Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt +ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum +in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu +Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren +standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale +vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern +oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute +sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die +dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen +ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf +und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei +schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein, +es war erst zwei. + +Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter +fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des +Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun +sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und +Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur +ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese +stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal, +vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß +ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er +murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus! + +Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse +herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf +diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine +höchste Wonne gewesen. + +»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu, +der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends +schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg, +an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang +benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen +Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache +Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem +Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die +Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu +zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so +seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben +würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder +einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und +Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des +Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war +er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und +die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst +spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt +ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins +Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln +begann. + +Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er +schlief ein. + +Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die +Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er +nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft +ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle +zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete. + +Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower +Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im +Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See +warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die +Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach +vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl, +denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei +minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit +und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht. +Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so +sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in +einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen +Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte +deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen +Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je +comprends._« + +Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz +vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und +bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder +gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich +neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam. +Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette +fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse +hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter +Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste +Grünfutter zu bringen. + +»Tag, Mutter Kreepschen.« + +Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten +jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall +gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören +sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu +sehn. + +»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?« + +»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.« + +»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?« + +»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen. +Und der eine Fensterflügel war auf.« + +»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch +jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet +nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un +nich en Oog to.« + +»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und +ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr +mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.« + +»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst. +Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks; +man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie +schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp +hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch. +Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se +denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de +Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih. +Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl. +Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in. +Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un +ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.« + +Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles +darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher +Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum +herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die +Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte +den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu +freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei +kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs +darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_« +unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei +dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran, +während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand. +Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in +dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und +seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer, +und der Wagen hatte stille Tage. + +Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet +wurde »daß drüben alles klar sei.« + +Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager +so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und +ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und +Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller +Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später +erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen +Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner +Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf. + +»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.« + +»Justement sieben, junge Herr.« + +»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.« + +»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et +anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um +twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den +dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um +achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen +Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und +dat's ümmer um seb'n.« + +»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?« + +»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll +Bienengräber.« + +»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.« + +»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un +nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.« + +»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben +immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen +und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat, +mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen, +dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich +nicht aufpaßte.« + +»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.« + +Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und +versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen. + +Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln +schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über +seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür +zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die +Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes +fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen +Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit +Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt. + +Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es +läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter, +um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte +Bienengräber zu sagen habe.« + +Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung +heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war, +wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für +manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem +Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles +sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort +wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so +doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in +diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese +Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich +nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.« + +Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines +Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf. + +Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und +=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte. + +Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die +Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden +umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle +trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war +der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier +war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment +Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine +Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und +zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die +Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter. + +Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in +die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die +Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären +es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und +Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied +macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und +dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die +Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig +und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und +dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber +vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt +in einem fort: 'Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.' Und meine +Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und +endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der 'ersten Station,' an +der ersten Station, die die 'stroherne Hochzeit' heißt. Ein sonderbares +Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen, +malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht +fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und +zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine +Konferenz mit dem Maler und sag ihm: 'Ich rechne darauf, daß Sie den +=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.' Oder soll ich +ihm geradezu sagen: 'machen Sie's gnädig'.... Nein, nein!« + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Die Schachs und die Carayons. + + +Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts +von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien +Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im +Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja +Karrikatüren erschienen sein?« + +Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen +zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire +fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren, +liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den +Gesprächsgegenstand fallen. + +Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott- +und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung +brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso +gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von +Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten +konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die +ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde +sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber +ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne +jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte +sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick +an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen +»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und +unschmeichelhaftesten Ausdrücken. + +Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend +noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich +Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft +peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und +empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit. + +»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich +freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von +Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft +blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr +Bild ein für allemal verdorben.« + +»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich +ablehnen sollte.« + +»Und weshalb?« + +»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte. +Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen +zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als +seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich +wieder zurief: 'Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als +Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen'.« + +»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.« + +»Aber nicht besser.« + +»Wer weiß.« + +»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon +einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon +hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.« + +»Seine Wuthenower Tage?« + +»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht +davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in +sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich +behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.« + +»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie +wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das +Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher +Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der +Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste +wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der +zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn +gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu +wollen. + +Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges +nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, +in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu +machen. Denn eine Flucht war es. + +Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht +oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig. + +»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird +eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du +wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr +nachgegeben hast, als recht und billig war.« + +Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen. + +»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist +eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends +überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er +will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen +oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten +verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel +besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz +Besondres in der Weltgeschichte zu halten.« + +»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs +sind doch =wirklich= eine alte Familie.« + +»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen +Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier +überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An +mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, +der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du +Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch +Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + +Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an. + +»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich +doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße +Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater +ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem +er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt +hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in +die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte +nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche +gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die +Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig +bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle +devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese= +Leute kennen!« + +»Aber, Mama ....« + +»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel +und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch +im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder +ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre +Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der +Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern +fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und +uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres +Königs gestimmt hatten.« + +Immer verwunderter folgte Victoire. + +»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von +Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich +weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen +derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von +alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an +den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine +lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen +die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und +eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an +ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie +hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, +dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und +endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause +versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die +schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen +Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn +haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn? +=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder +will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit +beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow +ist eine Lehmkathe.« + +»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern +Seite hin. Und da =find= ich es auch.« + +Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie +leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine +Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte +Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.« + +Victoire lächelte. + +»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest, +beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so +verarmt. Und auch er ....« + +Sie stockte. + +»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in +welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner +Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin, +davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen +Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu +verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain +er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er +hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir= +müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede +stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so +gewiß er =uns= demüthigen wollte.« + +Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer +zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb. + +»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein +Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für +einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine +Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre +Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner +Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in +Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für +morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese +Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh +nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige +Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu +geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht +sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, +die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis +auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + +Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der +Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen. + +Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Frau von Carayon und der alte Köckritz. + + +Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die +geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte +dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen. + +Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam +hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt. +Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront +vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht +stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich +herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege, +sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem +Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig +Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem +elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen +Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des +Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch +=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben +war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen. + +Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler« +ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier +mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn +in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder +verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags +darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben +habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher +Zurückgezogenheit zu verleben gedenke. + +Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen +Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit +Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als +Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann +versagen die Nerven. + +Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser +Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau +von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war +für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später +Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So +denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich +wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden +in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und +Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen, +die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis +sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges +Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden +Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in +den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener +erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und +um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem +Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner +halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig +herausgestellt hatte. + +»Wohin befehlen, gnädige Frau?« + +»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie +möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.« + +»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt +hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder +vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige +Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab +dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre, +zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren. + +In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische +Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man +nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen +einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und +niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke +der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von +Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem +Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg +abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem +aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich +geschmückten Hause hielt. + +»Wem gehört es?« + +»Dem König.« + +»Und wie heißt es?« + +»Das Marmor-Palais.« + +»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....« + +»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine +Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und +schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles +ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo +der gute gnädige Herr immer 'den Lebensgas' trank, den ihm der +Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder +vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das +Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den +Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht +sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von +der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der +Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis +an die Hüften oder noch weniger.« + +Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen +bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch +nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den +Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst +umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den +Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an +der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen +Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.« + +Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu +kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange. +Selbst was sie träumte, war hell und licht. + +Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte +Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der +Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte +sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern, +aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich +bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem +Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten +von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse +der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter +Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken +Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne +weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren. + +Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von +Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und +Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die +Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein +offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang +bildete. + +Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem +ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den +Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine, +sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr +peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um +nicht vor der Zeit gesehen zu werden. + +Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und +schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil +ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben. + +»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an +einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der +schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte. + +»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?« + +»Frau von Carayon.« + +Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr +General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.« + +Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von +dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu +seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen +Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen, +entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster +Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den +Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner +Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die +wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die +meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende= +Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur +freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener +sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen. + +General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im +Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen +Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach +hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein +eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen +Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die +geringste Bewegung wahrzunehmen war. + +Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte +sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst +einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles +leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und +jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in +ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte. + +Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll +zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste +Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät +nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen +pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt +nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine +Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen, +wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber +gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch +künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern +wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene +Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die +Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen +sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen. +Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein +starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen +wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen +hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst +so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem +schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es +für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft +halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer +schlechten _moralité_ zu opfern.« + +Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon, +mon cher General._« + +»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr, +=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner +Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen +oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie +vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in +wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der +Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist +er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein +Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so +delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes +Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich +seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt) +und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen +soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt +ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden, +und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben +diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen +wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch +geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder +herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte +seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem +Könige zu melden.« + +Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal +wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park +begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In +wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht. +Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.« + +Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür +unmittelbar in den Park hinaus. + +In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war, +hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der +Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von +Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke, +darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll +tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von +Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu +vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte +der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen. + +Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte. +Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte +bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in +deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf +einer Steinbank saß. + +Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr +ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie +niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr +aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl +bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...« + +Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm +entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen +Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter, +und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= +fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth .... +Und nun sprechen Sie.« + + + + +Siebzehntes Kapitel. + +Schach in Charlottenburg. + + +Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und +schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines +ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach +Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm +seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee, +links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht +von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem +Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu +versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen +erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters +ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß, +selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben. + +Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die +Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter +begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs +Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und +ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren +Sommerhäusern und Vorgärten ein. + +Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte +sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem +Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte, +bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz +den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach +Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten +Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen +schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen +Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I. +paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der +ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte. + +Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar +Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach +zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon; +fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir +verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken +bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau, +die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.« + +Schach verneigte sich. + +»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen +sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden, +findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache, +geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die= +verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath +mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen +und den Dienst quittiren wollen.« + +Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das +Schmerzlichste sein würde. + +»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß +geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die +Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die +Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben. +Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung +machen.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn; +Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank +Ihnen.« + +Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor +hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene +große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte. + +Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er +denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer +Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn +einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von +der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem +Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen +entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die +militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige +Schritte zurück. + +»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten +lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber +verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und +es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil +ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser +Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question +d'amour_.« + +»Majestät sind so gnädig.« + +»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der +König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen +hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz +eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme +mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde +diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht. +Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit +als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich, +belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt +worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und +Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus +allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige +Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch +verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei, +Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf +=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.« + +Schach schwieg. + +»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort, +»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen +nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so +versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung +gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins +Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum +etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung +dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt +erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden +doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein +geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen +Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun +eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine +Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so +lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart +ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer +Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen +lassen. Und nun Gott befohlen.« + +Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte; +Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah, +sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine +schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten. + +Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz +Baarsch folgte. + +Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn +nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt +worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein +Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu +machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle +seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig +entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon +in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum +Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich +in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor +sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von +heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum +ersten Male wieder leicht und frei. + +Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte +Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese +Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel +fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte: +»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?« + +»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig +sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.« + +»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe, +Baarsch?« + +»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!« + +»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?« + +»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....« + +»Wie das?« + +»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch= +nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.« + +»Aber woher wußtet Ihr denn davon?« + +»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die +Bilders kamen ....« + +»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der +Wette? Hoch?« + +»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor +jed' een.« + +»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die +Wette bezahlen.« + +Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les +pots cassés_.« + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Fata Morgana + + +Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb +er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen +Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein +Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn +heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin +ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche +Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon +gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich +beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese +neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die +länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine +Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er +hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu +zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch +und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit +auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.« + +Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon +vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet. +Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu +begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr +Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch +=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen, +sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht +zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen +in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt +zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese +Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt, +jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen +gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder +einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene +Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie +dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen +und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft. + +Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie +ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth +auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte +vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles +was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war +doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo +Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit +einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den +Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach +bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle +geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen. + +Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire. +Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er +trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der +Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah +und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel, +er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten +Thränen das Auge der Mutter. + +Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach, +der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen +Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die +nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur +wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese +Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre +langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath +Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte +dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des +herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse +nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn +die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie +persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt -- +werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen +Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer +Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen +Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über +Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam +und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine +Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur +Seufzerbrücke erhoben werde. + +So ging das Geplauder, und so verging der Besuch. + +Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an +dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen +Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt +täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme +balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war. + +Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als +sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück +unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu +zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er +mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren +zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse, +daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden +würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei +dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung +gehabt, sich überraschen zu lassen.« + +Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante +Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um +so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der +Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau +von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und +Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig +fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach. +Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei +oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.« +Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber +auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze +Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in +Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo +die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber +ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig +wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und +während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne +sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme +säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand, +und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze +geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter +sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese +Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel! + +Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner +Schilderung. + +Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer +Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=. + + + + +Neunzehntes Kapitel. + +Die Hochzeit. + + +Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten +sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen +großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel +der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von +Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies +erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte +Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit +beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von +Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen +und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in +erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren +hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste +beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden, +weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei +Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war, +ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite +her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in +Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre. + +Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der +herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath +gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu +bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses, +dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und +zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen +Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich +aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den +»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich +begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der +Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an +der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich +schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid +und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen +=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen +mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt +geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte: +Tante Marguerite wünsche zu sprechen. + +Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann +ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer +anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath +hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, +das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war, +worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde, +die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber +als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste +bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen +Paares zu trinken.« + +Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft +entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen, +was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei +kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie +hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach +Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es +wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten +Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten +hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der +Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie +das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür +auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal +etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so +glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der +ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern +gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man +doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten +Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß +die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre. + +Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ +seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu +können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons +umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare +Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen +Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich +von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante +Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von +Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die +der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt +wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so +bedeutungsvoll.« + +Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar +nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand +des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender +Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach +sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus. + +In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern +begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine +zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der +Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.« + +Und sie ging ihm dahin vorauf. + +»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz +nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen +Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten +Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch +manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter +kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns +wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde +machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie, +lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr +nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung +ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von +Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.« + +Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und +tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam +aus dem zierlichen kleinen Löffel. + +»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen +wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war +in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr +als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen +Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit +Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich +habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und +habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_ +geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die +mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.« + +Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt +sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen +gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser +Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen +wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns +ohnehin schon vermißt haben.« + +Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours +à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend +aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.« + +Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und +sagte: »Nun, was war es?« + +»Eine Liebeserklärung.« + +»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr? +Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen +Tochter geben.« + +Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben +und Nostitz ihnen gesellten. + +In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob +er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er +sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor +hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire +war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein +halber Tagesschein flimmerte. + +»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging. + +Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte +leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?« + +Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks +=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder +hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und +küßte sie. + +»Auf Wiedersehn, Mirabelle.« + +Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel +die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter. + +Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener +sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an +diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres +bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die +Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß +von unten her verspürt worden wäre. + +»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_« + +»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter +Feldwebel.« + +»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like +shooting._« + +»Schuting? Na nu.« + +»_Yes; pistol-shooting ...._« + +Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs +Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem +Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, +ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der +Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das +Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und +jammerte: »_Heavens, he is dead._« + +Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine +Wohnung hinauf. + +Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil +er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine +diplomatische Natur wie alle Bauern. + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + +Bülow an Sander. + + +=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander, +auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger +Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich +die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine +Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu +schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne, +was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben +und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu +vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß +mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner +symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist +durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung, +ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und +Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und +Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen +unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer +Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur +noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein +wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge +vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich +die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder +mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod. + +Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß 'Ehre' das +dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant 'auf Ehre', eine +Schimmelstute magnifique 'auf Ehre', ja, mir sind Wucherer empfohlen und +vorgestellt worden, die süperb 'auf Ehre' waren. Und dies beständige +Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt +und die richtige Ehre todt gemacht. + +All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der, +all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war. + +Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die +Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die +Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm +Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du +diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur +zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun +wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen +Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil, +noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er +flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's +handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch +oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren +glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in +eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er +flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn +schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster +König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam +fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den +Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal +Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen +Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten, +eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der +Verzweifelten: _un peu de poudre_. + +Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem +Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand +aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten +Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem +Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer +falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist +denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie +sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand +gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese +Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur +Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten +von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und +Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil +es gegen 'den Ton' der guten Gesellschaft und des Hofes war, von +Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein +Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles +Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod. + +Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem +Thema '_Hannibal ante portas_' Aehnliches über meine Lippen kam? Schach +tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind +noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als +etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich= +da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller +Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins +zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=. + +=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben +über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an +frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter +geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche +Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber. +Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit +hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine +Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn +außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte, +vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Victoire von Schach an Lisette von Perbandt. + + +=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._ + +Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus +dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich +mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine +Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet. + +Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu +warten. + +Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und +glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du +hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann. + +»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest +vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette, +wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem +bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch +nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er +sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das +Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott +herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht +die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod +gegangen. + +So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch +ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen +ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem +andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich +erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott +zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte. +Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht +so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner +eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen +Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt, +=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte +durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den= +Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir +schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der +überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns +bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter +und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner +Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen +Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons +unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war +sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die +Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir +schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_ +vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben +nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht. + +Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und +empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber +schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und +Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche= +Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, +wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder +unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von +hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei; +zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt, +innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie +dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde +diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner +persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler +anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug +genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein +prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja, +hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder +Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir +ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen +wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes +Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt, +aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien. + +Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich +zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und +vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an +mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue +diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles +Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er +wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war. + +Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein, +meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und +vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat. +Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert, +und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die +blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir +auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben +meinem Glück. -- + +Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein +Wunder ist es mir erhalten geblieben. + +Und davon muß ich Dir erzählen. + +Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer +ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der +Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten +Rundbogenbau, wo sie den 'Bambino,' das Christkind, aufbewahren, eine +hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von +Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von +unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, +noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den +Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar, +und der Dottore verkündigte sein '_va bene_'; die Wirthin aber lächelte, +wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte. + +Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon +hörte, zu all dem 'Aberglauben' sagen würde? Sie würde mich vor der +'alten Kürche' warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß. + +Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll, +und kühl und schön. + +Sein Schönstes aber ist sein Name, der '=Altar des Himmels=' bedeutet. +Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + + + +Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35 + + +Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die +litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf +dem Laufenden halten will, ist + +Das litterarische Echo + +Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde + +Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger= + +Dritter Jahrgang + +Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen + +Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe +aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen +Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu +erscheinenden Werken * Nachrichten + +In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner) +vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem +»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a. +heißt: + +»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel +zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu +verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes +zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der +vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine +unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen, +der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf +die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame +Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest +zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere +allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für +dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor +Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen +und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt, +zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes +vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und +die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß +unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe, +eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten, +will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses +Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges +Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen +werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft +an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. -- +Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor +allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres +Volkes, findet« u. s. w. + +Preis vierteljährlich Mark 3.-- + +Probenummern kostenfrei + +Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter + + + + +Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9. + +Werke von Theodor Fontane. + + +Gedichte. + +Sechste Auflage. + +=Mit einem Bildniß.= + +8o. 462 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Vor dem Sturm. + +Roman aus dem Winter +1812 auf 1813. + +Dritte, wohlfeile Volksausgabe in +1 Bande, 8o. 773 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Quitt. + +Roman. + +8o. 338 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Grete Minde. + +Nach einer altmärkischen Chronik. + +Zweite Auflage. + +kl. 8o. 154 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Unwiederbringlich. + +Roman. + +Dritte Auflage. + +8o. 343 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Ellernklipp. + +Nach einem Harzer Kirchenbuch. + +Zweite Auflage. + +8o. 190 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Wanderungen durch die Mark Brandenburg. + +4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~ + +~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.) + + II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.) + + III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam, + Brandenburg. (485 S.) + + IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.) + + +Fünf Schlösser. + +Altes und Neues aus Mark Brandenburg. + +8o. 468 Seiten. + +~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~ + +=Inhalt:= +Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden. + + +Christian Friedrich Scherenberg +und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860. + +8o. 260 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~ + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche + + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz + + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der + + räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + + Iffland ein Freimaurer.« + Iffland, ein Freimaurer.« + + Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + + tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange + + »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + + Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + + gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie + gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie + + von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + + ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + + wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + + Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du + + Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im + Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im + + Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + + jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + + der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit + der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?' Und er befahl mit + + 'Genie' -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser + 'Genie' -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser + + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und + + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte: + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: + + im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.' + im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'« + + worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man, + worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, + + angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es + + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei + + Nostiz und Sander lächelten und nickten. + Nostitz und Sander lächelten und nickten. + + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl + + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der + + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser + + »Welchen meinst Du, liebe Tante.« + »Welchen meinst Du, liebe Tante?« + + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne + + Schlittenfahrt Angenommen?« + Schlittenfahrt. Angenommen?« + + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind + + Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. + + Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach + Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach + + nimmt + nimmt. + + Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + + 'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.' + 'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'« + + 'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.' + 'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'« + + Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=! + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + + »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein + »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein + + auf Mittwoch! Josephine von Carayon. + auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + + mon chèr General._« + mon cher General._« + + und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen 'daß Ehre' das + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß 'Ehre' das + + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B. + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns + überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns + + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.« + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen + Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen + + Nach einer altmärkischen Chronik + Nach einer altmärkischen Chronik. + + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~ + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + +***** This file should be named 36905-8.txt or 36905-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. 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+ border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +.poetry +{ + text-align: left; +} + +.poetry .stanza +{ + margin: 1em 0; +} + +.poetry .line +{ + margin: 0; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; +} + +.poetry .indent2 +{ + margin-left: 1em; +} + +.drop-cap:first-letter +{ + font-size: 2.5em; + line-height: 0; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +p.werk +{ + font-size: larger; + margin-top: 2em; +} + +ol#wanderungen li +{ + list-style-type: upper-roman; + padding: 0.25em 0; +} + +#corrections +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +#corrections li +{ + margin: 0.5em 0.25em; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schach von Wuthenow + Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + +Author: Theodor Fontane + +Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der Originaltext erscheint beim Überfahren +mit der Maus.</span> Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen +Änderungen</a> findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> + +<p class="center page-break" style="font-size: large;">Schach von Wuthenow</p> + +<p class="center page-break">Von <b>Theodor Fontane</b> erschienen in gleichem Verlage:</p> + +<p class="no-indent"><b>L'Adultera.</b> Roman aus der Berliner Gesellschaft.</p> + +<p class="no-indent"><b>Cécile.</b> Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Graf Petöfy.</b> Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Irrungen Wirrungen.</b> Berliner Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Stine.</b> Berliner Sitten-Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Kriegsgefangen.</b> Erlebtes 1870.</p> + +<p class="no-indent"><b>Aus den Tagen der Occupation.</b> Eine Osterreise.</p> + +<p class="no-indent"><b>Frau Jenny Treibel.</b> Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Meine Kinderjahre.</b> Autobiographischer Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Von vor und nach der Reise.</b> Plaudereien und kleine +Geschichten.</p> + +<p class="no-indent"><b>Effi Briest.</b> Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Die Poggenpuhls.</b> Erzählung.</p> + +<p class="no-indent"><b>Von Zwanzig bis Dreissig.</b> Autobiographisches.</p> + +<p class="no-indent"><b>Der Stechlin.</b> Roman.</p> + +<p class="no-indent"><b>Aus England und Schottland.</b> Reisebilder.</p> + +<p class="center" style="font-size: large; margin-top: 3em;">Gesammelte Romane und Erzählungen.</p> + +<p class="center">Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters.</p> + +<p><span class="gesperrt">Inhalt</span>: <b>L'Adultera.</b> Roman aus der Berliner Gesellschaft. – +Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. – <b>Graf Petöfy.</b> Roman. +– <b>Unterm Birnbaum.</b> Erzählung. – <b>Schach von Wuthenow.</b> Erzählung. – +<b>Grete Minde.</b> Nach einer altmärkischen Chronik. – <b>Vor dem Sturm.</b> Roman +aus dem Winter 1812 auf 13. – <b>Irrungen Wirrungen.</b> Berliner Roman. – +<b>Stine.</b> Berliner Sitten-Roman. – <b>Kriegsgefangen.</b> Erlebtes 1870.</p> + +<h1>Schach von Wuthenow</h1> + +<p class="center" style="line-height: 1.6em;"><span class="gesperrt">Erzählung</span><br/> +aus der Zeit des Regiments Gensdarmes</p> + +<p class="center" style="line-height: 2em;"><small>von</small><br/> +<big>Theodor Fontane</big></p> + +<p class="center" style="margin: 2em auto;">Vierte Auflage.</p> + +<div class="figcenter"> +<img src="images/logo.png" width="120" height="134" alt=""/> +</div> + +<p class="center" style="line-height: 1.5em;">Berlin W<br/> +F. Fontane & Co.<br/> +1901</p> + +<p class="center page-break">Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, +vorbehalten.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>Erstes Kapitel.<br/> +<small>Im Salon der Frau von Carayon.</small></h2> + +<p class="drop-cap">In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden +Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire +waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend +einige Freunde versammelt, aber freilich wenige +nur, da die große Hitze des Tages auch die +treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt +hatte. Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, +die selten an einem dieser Abende fehlten, +war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, +und hatte neben der schönen Frau vom +Hause Platz genommen unter gleichzeitigem scherzhaftem +Bedauern darüber, daß gerade <em class="gesperrt">der</em> fehle, +dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.</p> + +<p>Beiden gegenüber, an der der Mitte des +Zimmers zugekehrten Tischseite, saßen zwei +Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst +<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a> +heimisch in diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger +bereits eine dominirende Stellung innerhalb +desselben errungen hatten. Am entschiedensten +der um einige Jahre jüngere von beiden, ein +ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem abenteuernden +Leben in England und den Unionsstaaten +in die Heimat zurückgekehrt, allgemein +als das Haupt jener militärischen Frondeurs +angesehen wurde, die damals die politische +Meinung der Hauptstadt machten, beziehungsweise +terrorisirten. Sein Name war von Bülow. +Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und +so focht er denn, beide Füße weit vorgestreckt +und die linke Hand in der Hosentasche, mit +seiner Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte +Gestikulationen seinem Kathedervortrage +Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde +sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und +– er sprach eigentlich immer. Der starke Herr +neben ihm war der Verleger seiner Schriften, +Herr Daniel Sander, im Uebrigen aber sein +vollkommener Widerpart, wenigstens in allem +was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart +umrahmte sein Gesicht, das ebensoviel Behagen +wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm +der in der Taille knapp anschließende Rock von +<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a> +<ins title="niederländischen">niederländischem</ins> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte. +Was den Gegensatz vollendete, war +die feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs +excellirte.</p> + +<p>Das Gespräch, das eben geführt wurde, +schien sich um die kurz vorher beendete Haugwitzsche +Mission zu drehen, die, nach Bülows +Ansicht, nicht nur ein wünschenswerthes Einvernehmen +zwischen Preußen und Frankreich wieder +hergestellt, sondern uns auch den Besitz von +Hannover noch als »Morgengabe« mit eingetragen +habe. Frau von Carayon aber bemängelte diese +»Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder +verschenken könne, was man nicht habe, bei +welchem Worte die bis dahin unbemerkt am +Theetisch beschäftigt gewesene Tochter Victoire +der Mutter einen zärtlichen Blick zuwarf, +während Alvensleben der schönen Frau die Hand +küßte.</p> + +<p>»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« +nahm Frau von Carayon das Wort, »war ich +sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig +unser Freund Bülow dasitzt. Er +brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn +von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, +glaub' ich, das Einzige, was er von Oesterreich +<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a> +gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr +Sander von unsern Fortschritten in der neuen +Provinz. Ich fürchte nur, daß sie nicht groß +sind.«</p> + +<p>»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« +erwiderte Sander. »Alles was zum welfischen +Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich +nicht preußisch regieren lassen. Und ich verdenk +es Keinem. Für die Polen reichten wir allenfalls +aus. Aber die Hannoveraner sind feine +Leute.«</p> + +<p>»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, +während sie gleich danach hinzufügte: »Vielleicht +auch etwas hochmüthig.«</p> + +<p>»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine +Gnädigste, wer doch allzeit einer ähnlichen Milde +begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner +seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft +so zu sagen von Jugend auf +über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach +versichern, daß alles das, was mir England so +zuwider macht, in diesem welfischen Stammlande +doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb +die Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere +preußische Wirthschaft ist erbärmlich, und Mirabeau +hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die +schon faul sei, bevor sie noch reif geworden, aber +faul oder nicht, <em class="gesperrt">Eines</em> haben wir wenigstens: +ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten +funfzehn Jahren einen Schritt vorwärts gemacht +hat, und daß sich die großen Geschicke derselben +nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen +müssen. In Hannover aber glaubt man +immer noch an eine Spezialaufgabe Kalenbergs +und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <ins title="et">est</ins> omen.</span> +Es ist der Sitz der Stagnation, eine Brutstätte +der Vorurtheile. <em class="gesperrt">Wir</em> wissen wenigstens, daß +wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist +die Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen +bleiben wir hinter ihnen zurück, zugegeben, +aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und +darin steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir +geltend machen müssen. Daß wir, trotz Sander, +in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts; +der Staat strengte sich nicht an und hielt seine +Steuereinnehmer gerade für gut genug, um die +Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit +Recht, als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung +vertritt, wenn auch freilich von der unangenehmen +Seite.«</p> + +<p>Victoire, die von dem Augenblick an, wo +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +Polen mit ins Gespräch gezogen worden war, +ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte +jetzt zu dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie +müssen wissen, Herr von Bülow, daß ich die +Polen liebe, sogar <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de tout mon coeur</span>.« Und +dabei beugte sie sich aus dem Schatten in den +Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle man +jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines +<ins title="Profil,">Profil</ins> einst dem der Mutter geglichen haben +mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um +seine frühere Schönheit gekommen war.</p> + +<p>Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der +es <em class="gesperrt">nicht</em> sah, oder, wenn er es sah, als absolut +gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte +nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten +Mazurkatänzer, und darum lieben Sie sie.«</p> + +<p>»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich +und unglücklich sind.«</p> + +<p>»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. +Und um dies ihr Unglück könnte man sie beinah +beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien +aller Damenherzen ein. In Fraueneroberungen +haben sie, von alter Zeit her, die glänzendste +Kriegsgeschichte.«</p> + +<p>»Und wer rettete ....«</p> + +<p>»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +über Rettungen. Und nun gar Wien! Es +wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine +Phantasie schwelgt ordentlich in der Vorstellung, +eine Favoritsultanin in der Krypta der Kapuziner +stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria +Theresia steht. Etwas vom Islam ist bei diesen +Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu Hause +gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von +Serail- oder Haremwirthschaft ohne großen +Schaden ertragen ....«</p> + +<p>Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister +von Schach, und ein Schimmer freudiger +Ueberraschung überflog beide Damen, als der +Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte +der Frau von Carayon die Hand, verneigte sich +gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben +mit Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit +Zurückhaltung.</p> + +<p>»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen +zu haben ....«</p> + +<p>»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete +Sander und rückte seinen Stuhl zur +Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit +ein, und nur an Schachs mehr als gewöhnlicher +Zurückhaltung ließ sich erkennen, daß er entweder +unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +Ereignisses oder aber einer politisch +unerfreulichen Nachricht in den Salon eingetreten +sein müsse.</p> + +<p>»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind +präokkupirt. Sind neue Stürme ....«</p> + +<p>»Nicht <em class="gesperrt">das</em>, gnädigste Frau, nicht das. Ich +komme von der Gräfin Haugwitz, bei der ich um +so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem +Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die +Gräfin weiß es und billigt mein Benehmen. +Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen +vor dem Palais eine Volksmasse zu sammeln +begann, erst Hunderte, dann Tausende. Dabei +wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen +und flog an dem Tisch vorbei, daran wir +saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde +getroffen. Wovon sie aber <em class="gesperrt">wirklich</em> getroffen +wurde, das waren die Worte, die Verwünschungen, +die heraufklangen. Endlich erschien der Graf +selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete +keinen Augenblick den Kavalier. Es +währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert +werden konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? +Emeute, Krawall. Und das im Lande +Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«</p> + +<p>»Und speziell <em class="gesperrt">uns</em> wird man für diese Geschehnisse +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +verantwortlich machen,« unterbrach +Alvensleben, »speziell <em class="gesperrt">uns</em> von den Gensdarmes. +Man weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen +Frankreich mißbilligen, von der wir schließlich +nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle +Welt weiß, wie wir dazu stehen, auch bei Hofe +weiß man's, und man wird nicht säumen, <em class="gesperrt">uns</em> +diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.«</p> + +<p>»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. +»Das Regiment Gensdarmes unter Anklage von +Hochverrath und Krawall.«</p> + +<p>»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in +jetzt wirklicher Erregung dazwischen. »Nicht mit +Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht +fort, Sander. Warum führen die Herren, die +jeden Tag klüger sein wollen, als der König und +seine Minister, warum führen sie diese Sprache? +Warum politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren +darf, stehe dahin, aber <em class="gesperrt">wenn</em> sie politisirt, +so politisire sie wenigstens richtig. Endlich sind +wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir +da, wo wir von Anfang an hätten stehen sollen, +endlich hat Seine Majestät den Vorstellungen +der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? +Unsere Herren Offiziere, deren drittes Wort der +König und ihre Loyalität ist, und denen doch +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland +und Juchten und recht wenig nach Freiheit riecht, +unsere Herren Offiziere, sag' ich, gefallen sich +plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen +Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes +Thun und ihre noch keckeren Worte den Zorn +des kaum besänftigten Imperators heraus. Dergleichen +verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. +Die Herren vom Regiment Gensdarmes werden +freilich den Stein nicht selber heben, der schließlich +bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie +sind doch die moralischen Urheber dieses Krawalles, +<em class="gesperrt">sie</em> haben die Stimmung dazu gemacht.«</p> + +<p>»Nein, diese Stimmung war da.«</p> + +<p>»Gut. Vielleicht war sie da. Aber <em class="gesperrt">wenn</em> +sie da war, so galt es, sie zu bekämpfen, nicht +aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen +wir unsern Untergang. Der Kaiser +wartet nur auf eine Gelegenheit, wir sind mit +vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, +und zählt er erst die Summe, so sind wir verloren.«</p> + +<p>»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich +vermag Ihnen nicht zu folgen, Herr von Bülow.«</p> + +<p>»Was ich beklage.«</p> + +<p>»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +für Sie, daß Sie mich und meine Kameraden +über Landes- und Königstreue belehren und aufklären +dürfen, denn die Grundsätze, zu denen +Sie sich bekennen, sind momentan obenauf. Wir +stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem +Willen am Tische Frankreichs und lesen die +Brosamen auf, die von des Kaisers Tische fallen. +Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs +des Großen muß sich wieder auf sich selbst besinnen.«</p> + +<p>»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. +»Aber das versäumt er eben. Ist dies Schwanken, +dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und +Oesterreich, das uns dem Empereur entfremdet, +ist das Fridericianische Politik? Ich frage Sie?«</p> + +<p>»Sie mißverstehen mich.«</p> + +<p>»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß +zu reißen.«</p> + +<p>»Was ich wenigstens versuchen will .... +Uebrigens <em class="gesperrt">wollen</em> Sie mich mißverstehen, Herr +von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische +Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht +<em class="gesperrt">deshalb</em>, weil es nach Art aller Bündnisse +darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder +jenem Zweck zu doubliren. O, nein; wie könnt' +ich? Allianzen sind Mittel, deren <em class="gesperrt">jede</em> Politik +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +bedarf; auch der große König hat sich dieser +Mittel bedient und innerhalb dieser Mittel beständig +<em class="gesperrt">gewechselt</em>. Aber <em class="gesperrt">nicht</em> gewechselt hat +er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: +ein starkes und selbstständiges Preußen. Und +nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist <em class="gesperrt">das</em>, +was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und +was sich Ihrer Zustimmung so sehr erfreut, ist +<em class="gesperrt">das</em> ein starkes und selbstständiges Preußen? +Sie haben <em class="gesperrt">mich</em> gefragt, nun frag ich <em class="gesperrt">Sie</em>.«</p> + +<h2>Zweites Kapitel.<br/> +<small>»Die Weihe der Kraft.«</small></h2> + +<p>Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer +äußersten Ueberheblichkeit anzunehmen begannen, +wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach +und sagte: »Lernen wir etwas aus der +Politik unserer Tage: wo nicht Friede sein kann, +da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... +Und nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer +heute hier war, uns seinen Besuch zu machen? +Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin +uns zugewiesen.«</p> + +<p>»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.</p> + +<p>»O nein, berühmter oder doch wenigstens +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +tagesberühmter. Der Prinz ist eine etablirte +Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert +haben, sind keine mehr .... Ich will +Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es geht ins +Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch +annehmen, daß uns Herr Sander das Räthsel +lösen wird.«</p> + +<p>»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste +Frau, wobei mir Ihr Zutrauen vielleicht eine +gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund +heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen +wird.«</p> + +<p>»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war +hier. Leider waren wir aus, und so sind wir +denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. +Ich hab es sehr bedauert.«</p> + +<p>»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, +einer Enttäuschung entgangen zu sein,« nahm +Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter +der Vorstellung entsprechen, die wir uns von +ihnen machen. Wir erwarten einen Olympier, +einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen +statt dessen einen Gourmand einen Putenbraten +verzehren; wir erwarten Mittheilungen aus seiner +geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören +ihn von seinem letzten Orden erzählen oder wohl +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +gar die allergnädigsten Worte citiren, die +Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse +geäußert hat. Vielleicht auch Serenissima, was +immer das denkbar Albernste bedeutet.«</p> + +<p>»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als +das Urtheil solcher, die den Vorzug haben, in +einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,« +sagte Schach spitz.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, +mein sehr verehrter Herr von Schach, auch auf +<em class="gesperrt">diesem</em> Gebiete widersprechen. Der Unterschied, +den Sie bezweifeln, ist wenigstens nach <em class="gesperrt">meinen</em> +Erfahrungen thatsächlich vorhanden, und zwar, +wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu +<em class="gesperrt">Nicht</em>-Gunsten von Serenissimus. In der Welt +der kleinen Leute steht das Urtheil an und für +sich nicht höher, aber die verlegene Bescheidenheit, +darin sich's kleidet und das stotternde Schlechte-Gewissen, +womit es zu Tage tritt, haben allemal +etwas Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! +Er ist der Gesetzgeber seines Landes in all und +jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch +in Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, +sollte der nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden +können? Ah, bah! Er mag sprechen +was er will, es sind immer Tafeln direkt vom +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +Sinai. Ich habe solche zehn Gebote mehr als +einmal verkünden hören und weiß seitdem was +es heißt: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">regarder dans le Néant</span>.«</p> + +<p>»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte +Victoire, der daran lag das Gespräch auf +seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter +also zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine +Freude gewesen, den ›tagesberühmten Herrn‹, wie +Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen zu +lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß +wir <em class="gesperrt">Frauen</em> sind, und daß wir als solche ein +Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit +wenig Gefallen zu finden, ist schließlich +immer noch besser, als sie gar nicht gesehen zu haben.«</p> + +<p>»Und wir werden ihn in der That nicht +mehr sehen, in aller Bestimmtheit nicht,« fügte +Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in +den nächsten Tagen schon und war überhaupt +nur hier, um den ersten Proben seines Stückes +beizuwohnen.«</p> + +<p>»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, +»daß an der Aufführung selbst nicht länger mehr +zu zweifeln ist.«</p> + +<p>»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür +zu gewinnen oder wenigstens alle beigebrachten +Bedenken niederzuschlagen gewußt.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben +fort. »Ich habe das Stück gelesen. Er +will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des +Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen +Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <ins title="aber aber">aber</ins> +ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt, +<ins title="Iffland">Iffland,</ins> ein Freimaurer.«</p> + +<p>»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er +die Hauptrolle hat,« erwiderte Sander. »Unsere +Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit +unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt +gerathen und ziehen dann jedesmal den kürzeren. +Er wird den Luther spielen wollen. Und das +entscheidet.«</p> + +<p>»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte +Victoire, »die Gestalt Luthers auf der Bühne zu +sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«</p> + +<p>Es war Alvensleben, an <ins title="dem">den</ins> sich die Frage +gerichtet hatte. »Zu weit? O, meine theuerste +Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz +aus dem Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, +daß ich in unserer Dorfkirche saß, +und mein alter Vater neben mir, der alle Gesangbuchsverse +mitsang. Und links neben dem Altar +da hing unser Martin Luther in ganzer Figur, +die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich +darf sagen, daß dies ernste Mannesgesicht an +manchem Sonntage besser und eindringlicher zu +mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der +zwar dieselben hohen Backenknochen und dieselben +weißen Päffchen hatte wie der Reformator, aber +auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, +nach dem wir uns nennen und unterscheiden, +und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und +Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus +den Koulissen oder aus einer Hinterthür treten +sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den +ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, +sondern auch als Mann von Grundsätzen und +guter preußischer Gesinnung.«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Pectus facit oratorem</span>«, versicherte Sander, +und Victoire jubelte. Bülow aber, der nicht gern +neue Götter neben sich duldete, warf sich in seinen +Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn +und seinen Spitzbart strich: »Es wird Sie nicht +überraschen, mich im Dissens zu finden.«</p> + +<p>»O, gewiß nicht,« lachte Sander.</p> + +<p>»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, +als ob ich durch einen solchen Dissens irgendwie +den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner +zu machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +Tendenzen einfach zuwider ist. Ich +bin Niemandes Anwalt ....«</p> + +<p>»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.</p> + +<p>»Auch nicht Luthers!«</p> + +<p>»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....«</p> + +<p>»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich +aufrichtend fort. »Glauben Sie mir, Herr von +Schach, auch <em class="gesperrt">er</em> ist in der Decadence, wie so viel +anderes mit ihm, und über ein Kleines wird +keine Generalanwaltschaft der Welt ihn halten +können.«</p> + +<p>»Ich habe Napoleon von einer ›Episode +Preußen‹ sprechen hören,« erwiderte Schach. +»Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von +Bülow an ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer +›Episode Luther‹ beglücken?«</p> + +<p>»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind +nicht <em class="gesperrt">wir</em> es, die dies Episodenthum schaffen wollen. +Dergleichen schafft nicht der Einzelne, die Geschichte +schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer +Zusammenhang zwischen der Episode Preußen +und der Episode Luther herausstellen. Es heißt +auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, +und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne, +daß ich die Tage Preußens gezählt glaube, +und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei +zu vertheilen. Die Zusammenhänge zwischen +Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt; +jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich +auch ein <em class="gesperrt">Kirchenstaat</em>; er schließt eine +Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich +sein, so müssen beide zu einander passen. In +Preußen passen sie zu einander. Und warum? +Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng +gerathen sind. Es sind Kleinexistenzen, beide +bestimmt in etwas Größerem auf- oder unterzugehen. +Und zwar bald. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hannibal ante portas.</span>«</p> + +<p>»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« +erwiderte Schach, »daß uns Graf Haugwitz nicht +den Untergang, wohl aber die Rettung und den +Frieden gebracht habe.«</p> + +<p>»Das hat er. Aber er kann unser Geschick +nicht wenden, wenigstens auf die Dauer nicht. +Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. +Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt +sind hinschwindende Dinge, vor allem aber ist es +der preußische Standpunkt und sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alter ego</span> +der lutherische. Beide sind künstliche Größen. +Ich frage, was bedeuten sie? welche Missionen +erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel aufeinander, sie +sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +alles. Und das soll eine Weltrolle sein! Was +hat Preußen der Welt geleistet? Was find' ich, +wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König +Friedrich Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den +Zopf, und jene wundervolle Moral, die den Satz +erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden, +warum hat er nicht gefressen?‹«</p> + +<p>»Gut, gut. Aber Luther ....«</p> + +<p>»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß +mit dem Manne von Wittenberg die Freiheit in +die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker +haben es dem norddeutschen Volke so lange versichert, +bis man's geglaubt hat. Aber was hat +er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? +Unduldsamkeit und Hexenprozesse, Nüchternheit +und Langeweile. Das ist kein Kitt für Jahrtausende. +Jener Weltmonarchie, der nur noch +die letzte Spitze fehlt, wird auch eine Weltkirche +folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden +und im Zusammenhange stehen, so die großen +noch viel mehr. Ich werde mir den Bühnen-Luther +nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren +Zacharias Werner Verzerrung einfach ein Ding +ist, das mich ärgert; aber ihn nicht ansehen, weil +es Anstoß gebe, weil es <em class="gesperrt">Entheiligung</em> sei, das +ist mehr als ich fassen kann.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>»Und <em class="gesperrt">wir</em>, lieber Bülow,« unterbrach Frau +von Carayon, »wir werden ihn uns ansehen, <em class="gesperrt">trotzdem</em> +es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, +und wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein +darf als das Prinzip, so bei <em class="gesperrt">uns</em> die Neugier. +Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber Alvensleben, +werden uns begleiten. Uebrigens sind ein +paar der eingelegten Lieder nicht übel. Wir +erhielten sie gestern. Victoire, Du könntest uns +das ein' oder andere davon singen.«</p> + +<p>»Ich habe sie kaum durchgespielt.«</p> + +<p>»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte +Schach. »Alle Salonvirtuosität ist mir verhaßt. +Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein +solches poetisches Suchen und Tappen.«</p> + +<p>Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen +zu wollen: »Ein jeder nach seinen Mitteln.«</p> + +<p>Schach aber führte Victoiren an das Klavier, +und diese sang, während er begleitete.</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="line">Die Blüthe, sie schläft so leis und lind<br/></div> +<div class="line">Wohl in der Wiege von Schnee;<br/></div> +<div class="line">Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind<br/></div> +<div class="line">Du blühendes Kind«<br/></div> +<div class="line">Und das Kind es weint und verschläft sein Weh<br/></div> +<div class="line">Und hernieder steigen aus duftiger Höh<br/></div> +<div class="line">Die Schwestern und lieben und blühn<br/></div> +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>Eine kleine Pause trat ein, und Frau von +Carayon fragte: »Nun, Herr Sander, wie besteht +es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,« +antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber +hören wir weiter. Die Blüthe, die vorläufig +noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.«</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="line indent2">Und kommt der Mai dann wieder so lind,<br/></div> +<div class="line">Dann bricht er die Wiege von Schnee,<br/></div> +<div class="line">Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind<br/></div> +<div class="line">Du welkendes Kind.«<br/></div> +<div class="line">Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh<br/></div> +<div class="line">Und steigt hinauf in die leuchtende Höh<br/></div> +<div class="line">Wo strahlend die Brüderlein blühn.<br/></div> +</div> +</div> + +<p>Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber +er galt ausschließlich Victoiren und der Komposition, +und als schließlich auch der Text an die +Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders +ketzerischen Ansichten.</p> + +<p>Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die +meisten mit Staatenuntergang beschäftigten +Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und +eine davon war durch das Lied getroffen worden. +An dem halbumwölkten Himmel draußen funkelten +ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, +und er wiederholte, während er durch die Scheiben +der hohen Balkonthür hinaufblickte: »wo strahlend +die Brüderlein blühn.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>Wider Wissen und Willen, war er ein Kind +seiner Zeit, und romantisirte.</p> + +<p>Noch ein zweites und drittes Lied wurde +gesungen, aber das Urtheil blieb dasselbe. Dann +trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.</p> + +<h2>Drittes Kapitel.<br/> +<small>Bei Sala Tarone.</small></h2> + +<p>Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt +schlugen elf, als die Gäste der Frau von Carayon +auf die Behrenstraße hinaustraten und nach +links einbiegend auf die Linden zuschritten. +Der Mond hatte sich verschleiert, und die Regenfeuchte, +die bereits in der Luft lag und auf +Wetterumschlag deutete, that allen wohl. An +der Ecke der Linden empfahl sich Schach, allerhand +Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, +Bülow und Sander übereinkamen, noch +eine Stunde zu plaudern.</p> + +<p>»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen +nicht wählerisch war, aber doch einen Abscheu +gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und +Kellner die Kehle zuschnürten.«</p> + +<p>»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, +das Gute liegt so nah,« und wies dabei auf +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben +zu lesen stand: Italiener-, Wein- und +Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da +schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, +an deren einer Seite sich ein Einschnitt +mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich +darauf öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien +am Kuckloch, und als Alvenslebens Uniform +über den Charakter der etwas späten Gäste +beruhigt hatte, drehte sich innen der Schlüssel +im Schloß, und alle drei traten ein. Aber der +Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den +der Küfer in Händen hielt, und nur eine +ganz im Hintergrunde, dicht über der Hofthür +schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, +um das Gefährliche der Passage kenntlich zu +machen.</p> + +<p>»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu +diesem Defilé,« brummte Sander, sich immer +dünner machend, und wirklich hieß es auf der +Hut sein, denn in Front der zu beiden Seiten +liegenden Oel- und Weinfässer, standen Zitronen- +und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin +aufgeklappt waren. »Achtung,« sagte der Küfer. +»Is hier allens voll Pinnen und Nägel. Habe +mir gestern erst einen eingetreten.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! +In solche Lage bringt einen ein militärischer +Verlag.«</p> + +<p>Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte +die Heiterkeit wieder her, und unter Tappen und +Tasten war man endlich bis in die Nähe der +Hofthür gekommen, wo, nach rechts hin, einige +der Fässer weniger dicht nebeneinander lagen. +Hier zwängte man sich denn auch durch, und +gelangte mit Hülfe von vier oder fünf steilen +Stufen in eine mäßig große Hinterstube, die +gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art +aller »Frühstücksstuben« um Mitternacht am +vollsten war. Ueberall, an niedrigen Panelen +hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas, +mit kleinen und großen Tischen davor, +und nur <em class="gesperrt">eine</em> Stelle war da, wo dieses Mobiliar +fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und +Realen überbautes Pult, vor welchem einer der +Repräsentanten der Firma tagaus tagein auf +einem <ins title="Drehschemmel">Drehschemel</ins> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich +nur ein Wort) in einen unmittelbar neben +dem Pult befindlichen Keller hinunterrief, dessen +Fallthür immer offen stand.</p> + +<p>Unsere drei Freunde hatten in einer dem +Kellerloch schräg gegenüber gelegenen Ecke Platz +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +genommen, und Sander, der grad lange genug +Verleger war, um sich auf lukullische Feinheiten +zu verstehen, überflog eben die Wein- und +Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, +roch aber nach Hummer. Es schien +nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm +gefiel; er schob also die Karte wieder fort und +sagte: »Das Geringste, was ich von einem solchen +hundstäglichen April erwarten kann, sind Maikräuter, +<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Asperula odorata Linnéi</span>. Denn ich +hab auch Botanisches verlegt. Von dem Vorhandensein +frischer Apfelsinen haben wir uns +draußen mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, +und für den Mosel bürgt uns die Firma.«</p> + +<p>Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber +man sah deutlich, daß er mit seinem Rücken zustimmte, +Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, +und Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.«</p> + +<p>Das Wort war absichtlich laut und mit der +Betonung einer Ordre gesprochen worden, und +im selben Augenblicke scholl es auch schon vom +Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« +Ein zunächst nur mit halber Figur aus der Versenkung +auftauchender, dicker und kurzhalsiger +Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +worden wäre, sofort sichtbar, übersprang diensteifrig, +indem er die Hand aufsetzte, die letzten +zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, +den er, allem Anscheine nach, am besten kannte.</p> + +<p>»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die +Firma Sala Tarone zur Maibowle?«</p> + +<p>»Gut. Sehr gut.«</p> + +<p>»Aber wir haben erst April, und so sehr ich +im allgemeinen der Mann der Surrogate bin, +so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die +Toncabohne gehört in die Schnupftabacksdose, +nicht in die Maibowle. Verstanden?«</p> + +<p>»Zu dienen, Herr Sander.«</p> + +<p>»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht +lange ziehen lassen. Waldmeister ist nicht Kamillenthee. +Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder +ein Brauneberger, wird langsam über die Büschel +gegossen; das genügt. Apfelsinenschnitten als +bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht +Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot +extra. Extra, sag ich. Besser ist besser.«</p> + +<p>Damit war die Bestellung beendet und ehe +zehn Minuten um waren, erschien die Bowle, +darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen +schwammen, nur gerade genug, den Beweis +der Aechtheit zu führen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf +mancher Maibowle schwimmt es wie Entengrütze. +Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden +Freunde bleiben. Und nun grüne Gläser.«</p> + +<p>Alvensleben lachte. »Grüne?«</p> + +<p>»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber +Alvensleben, weiß ich und laß es gelten. Es +ist in der That eine Frage, die mich seit länger +beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe +jener Zwiespalte gehört, die sich, wir mögen es +anfangen wie wir wollen, durch unser Leben hinziehen. +Die Farbe des Weins geht verloren, +aber die Farbe des Frühlings wird gewonnen, +und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und +dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. +Unser Essen und Trinken, so weit es nicht der +gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und +mehr zur symbolischen Handlung werden, und ich +begreife Zeiten des späteren Mittelalters, in denen +der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr bedeuteten, +als das Mahl selbst.«</p> + +<p>»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte +Bülow. »Und doch dank ich Gott, Ihre Kapaunenrechnung +nicht bezahlen zu müssen.«</p> + +<p>»Die Sie schließlich <em class="gesperrt">doch</em> bezahlen.«</p> + +<p>»Ah, das <em class="gesperrt">erste</em> Mal, daß ich einen dankbaren +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +Verleger in Ihnen entdecke. Stoßen wir an .... +Aber alle Welt, da steigt ja der lange Nostitz +aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er +nimmt gar kein Ende ....«</p> + +<p>Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung +eines geheimen Eingangs, eben die Kellertreppe +hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, +der längste Lieutenant der Armee, der, +trotzdem er aus dem Sächsischen stammte, seiner +sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne +Widerrede beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt +und mit einem verbliebenen kleinen Reste +von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden +war. Ein tollkühner Reiter und ein +noch tollkühnerer Kour- und Schuldenmacher, war +er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, +so beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein +anderer war als Prinz Louis, bei Gelegenheit +der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten +erbeten hatte.</p> + +<p>Neugierig, woher er komme, stürmte man +mit Fragen auf ihn ein, aber erst als er sich in +dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort +auf all das, was man ihn fragte. »Woher +ich komme? Warum ich bei den Carayons geschwänzt +habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +nachsehen wollte, ob die Störche schon +wieder da sind, ob der Kuckuck schon wieder schreit, +und ob die <ins title="Schulmeisters Tochter">Schulmeisterstochter</ins> noch so lange +flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein +reizendes Kind. Ich lasse mir immer die Kirche +von ihr zeigen, und wir steigen dann in den +Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte +Glockeninschriften habe. Sie glauben gar nicht, +was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt. +Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten +Stunden.«</p> + +<p>»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann +freilich erklärt sich alles. Denn neben einer +Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire +nicht bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, +die schön ist, aber doch am Ende brünett. Und +blond geht immer vor schwarz.«</p> + +<p>»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom +erheben,« fuhr Nostitz fort. »Es hängt doch alles +noch von Nebenumständen ab, die hier freilich +ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. +Die schöne Mama, wie Sie sie nennen, wird +siebenunddreißig, bei welcher Addition ich wahrscheinlich +galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre +<em class="gesperrt">halb</em> statt doppelt zu rechnen. Aber das +ist Schachs Sache, der über kurz oder lang in der +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse +zu befragen.«</p> + +<p>»Wie das?« fragte Bülow.</p> + +<p>»Wie das?« wiederholte <ins title="Nostiz">Nostitz</ins>. »Was doch +die Gelehrten, und wenn es gelehrte Militärs +wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen +denn das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? +Ein ziemlich vorgeschrittenes, glaub' ich. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C'est +le premier pas, qui coûte ....</span>«</p> + +<p>»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«</p> + +<p>»Sonst nicht gerade mein Fehler.«</p> + +<p>»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« +unterbrach Alvensleben. »Aber Sie täuschen sich, +<ins title="Nostiz">Nostitz</ins>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. +Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was +man auch an ihr aussetzen mag, wenigstens manche +psychologische Probleme stellt. Ich habe beispielsweise +keinen Menschen kennen gelernt, bei dem +alles so ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen +wäre, womit es vielleicht in einem +gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte +Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. +Wenigstens von einer Ehe, wie <em class="gesperrt">er</em> sie zu schließen +wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem +Leben überzeugt, er wird niemals eine Wittwe +heirathen, auch die schönste nicht. Könnt' aber +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' +ihn <em class="gesperrt">ein</em> Umstand beseitigen, und dieser eine +Umstand heißt: »<em class="gesperrt">Victoire</em>.«</p> + +<p>»Wie das?«</p> + +<p>»Wie schon so mancher Heirathsplan an +einer unrepräsentablen Mutter gescheitert ist, so +würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter +scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde +Schönheit geradezu genirt, und erschrickt vor dem +Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so +ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend +welche Verbindung gebracht zu sehen. Er ist +krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, +von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner +Standesgenossen, und würde sich jederzeit außer +Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder auch +nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine +Tochter vorzustellen.«</p> + +<p>»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«</p> + +<p>»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz +einfach als Aschenbrödel zu behandeln, das widerstreitet +seinem feinen Sinn, dazu hat er das +Herz zu sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde +Frau von Carayon das einfach nicht dulden. Denn +so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil +<em class="gesperrt">mehr</em>. Es ist ein absolut ideales Verhältniß +zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies +Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth +gemacht hat und noch macht.«</p> + +<p>»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. +»Mir persönlich zu besondrer Genugthuung und +Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie +hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, +und selbst ihre Schwächen sind reizend +und liebenswürdig. Und daneben dieser <em class="gesperrt">Schach</em>! +Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber +mir ist er nichts als ein Pedant und Wichtigthuer, +und zugleich die Verkörperung jener preußischen +Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: +erstes Hauptstück »die Welt ruht nicht sichrer +auf den Schultern des Atlas, als der preußische +Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, +zweites Hauptstück »der preußische Infanterieangriff +ist unwiderstehlich«, und drittens und +letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange +das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen +hat«. Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes. +Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. +Ich verabscheue solche Redensarten, und +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit +solcher Rodomontaden erkennen wird.«</p> + +<p>»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er +ist immerhin einer unserer Besten.«</p> + +<p>»Um so schlimmer.«</p> + +<p>»Einer unsrer Besten, sag ich, und <em class="gesperrt">wirklich</em> +ein Guter. Er spielt nicht blos den Ritterlichen, +er <em class="gesperrt">ist</em> es auch. Natürlich auf seine Weise. +Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine +Maske.«</p> + +<p>»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. +»Ich habe nicht viel für ihn übrig, aber das ist +wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife +Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend +ich sie finde. Und <em class="gesperrt">darin</em> unterscheidet er sich +von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob +er in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, +oder beim Zubettegehn sich seine saffranfarbenen +Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht +liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über +ihn haben.«</p> + +<p>»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, +»daß ich in der Haude und Spenerschen gelesen, +der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen +Antonius zum Obristlieutenant befördert und +seinen Kriegsminister angewiesen, besagtem Heiligen +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. +Welche Gutschreibung mir einen noch größeren +Eindruck gemacht hat, als die Beförderung. Aber +gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen +und Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn +ich die Gefühle dieser Stunde, zugleich aber den +von mir geforderten Entscheid und Richterspruch, +in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät +der Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«</p> + +<p>»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, +»damit haben Sie's getroffen. Die ganze Lächerlichkeit +auf einen Schlag. Der kleine Mann +in den großen Stiefeln! Aber meinetwegen, er +lebe!«</p> + +<p>»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch +noch die Sprache von »Sr. Majestät getreuster +Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. +»Und nun Fritz, die Rechnung. Erlauben die +Herren, daß ich das Geschäftliche arrangire.«</p> + +<p>»In besten Händen,« sagte Nostitz.</p> + +<p>Und fünf Minuten später traten alle wieder +ins Freie. Der Staub wirbelte vom Thor her +die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes +Gewitter im Anzug, und die ersten großen Tropfen +fielen bereits.</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Hâtez-vous.</span>«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>Und Jeder folgte der Weisung und mühte +sich, so rasch wie möglich und auf nächstem Wege +seine Wohnung zu erreichen.</p> + +<h2>Viertes Kapitel.<br/> +<small>In Tempelhof.</small></h2> + +<p>Der nächste Morgen sah Frau von Carayon +und Tochter in demselben Eckzimmer, in dem sie +den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen +hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben +ihm auf Kosten aller andern den Vorzug. Es +hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden +unter einander im rechten Winkel stehenden auf +die Behren- und Charlottenstraße sahen, während +das dritte, thürartige, das ganze, breit abgestumpfte +Eck einnahm, und auf einen mit einem +vergoldeten Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon +hinausführte. Sobald es die Jahreszeit erlaubte, +stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von +beinah jeder Stelle des Zimmers aus, einen +Blick auf das benachbarte Straßentreiben, das, +der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher +Zeit ein besonders belebtes war, am meisten um +die Zeit der Frühjahrsparaden, wo nicht blos die +berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger +war, auch die Regimenter der Garde du +Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer +silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. +Bei solcher Gelegenheit (wo sich dann selbstverständlich +die Augen der Herrn Offiziers zu dem +Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst +seinen eigentlichen Werth, und hätte gegen kein +anderes vertauscht werden können.</p> + +<p>Aber es war auch an stillen Tagen ein +reizendes Zimmer, vornehm und gemüthlich zugleich. +Hier lag der türkische Teppich, der noch +die glänzenden, fast ein halbes Menschenalter +zurückliegenden Petersburger Tage des Hauses +Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne +Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, +und hier paradirte vor allem auch der große, +reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau +täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch +eine schöne Frau sei. Victoire ließ zwar keine +Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen +wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau +von Carayon war doch klug genug, es sich jeden +Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes +Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr +Blick in solchem Momente zu dem Bilde des mit +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +einem rothen Ordensband in ganzer Figur über +dem Sopha hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, +oder ob sich ihr ein stattlicheres Bild +vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, +der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen +kannte. Denn Herr von Carayon war +ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, +der außer einigen in der Nähe von Bordeaux +lebenden vornehmen Carayons und einer ihn mit +Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, +nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte. +Am wenigsten aber männliche Schönheit.</p> + +<p>Es schlug elf, erst draußen, dann in dem +Eckzimmer, in welchem beide Damen an einem +Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür +war weit auf, denn trotz des Regens, der +bis an den Morgen gedauert hatte, stand die +Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte +so ziemlich dieselbe Schwüle, die schon den Tag +vorher geherrscht hatte. Victoire blickte von +ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen +kleinen Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei +Farben am Hut, von denen sie zu sagen liebte, +daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, +die Charlottenstraße heraufkam.</p> + +<p>»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Schachs kleiner Ned. Und wie wichtig er wieder +thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und +immer mehr eine Puppe. Was er nur bringen +mag?«</p> + +<p>Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt +bleiben. Schon einen Augenblick später hörten +beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in +Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger +Tage miterlebt hatte, trat ein, um auf einem +silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. +Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon +adressirt.</p> + +<p>»An <em class="gesperrt">Dich</em> Mama.«</p> + +<p>»Lies nur,« sagte diese.</p> + +<p>»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor +Geheimnissen.«</p> + +<p>»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das +Billet und las: »Meine gnädigste Frau. Der +Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege +gebessert, sondern auch die <ins title="Luft,">Luft.</ins> Alles in allem +ein so schöner Tag, wie sie der April uns Hyperboreern +nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr +mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, +um Sie und Fräulein Victoire zu einer Spazierfahrt +abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich +Ihre Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich +<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a> +bin, Ihnen gehorchen zu können. Bitte Bescheid +durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug +im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu +verwechseln. Unter Gruß und Empfehlungen an +meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer +Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr +Schach.«</p> + +<p>»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«</p> + +<p>»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, +Mama?«</p> + +<p>»Nun denn also ›ja‹.«</p> + +<p>Victoire hatte sich mittlerweile bereits an +den Schreibtisch gesetzt, und ihre Feder kritzelte: +»Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele vorläufig +im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment +erst da, so wird er uns auch das Richtige +wählen lassen.«</p> + +<p>Frau von Carayon las über Victoires +Schulter fort. »Es klingt so vieldeutig,« sagte sie.</p> + +<p>»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und +Du kontrasignirst.«</p> + +<p>»Nein; laß es nur.«</p> + +<p>Und Victoire schloß das Blatt, und gab es +dem draußen wartenden Groom.</p> + +<p>Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, +fand sie die Mama nachdenklich. »Ich +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten +solche Räthselsätze.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Du</em> dürftest sie auch nicht schreiben. Aber +ich? Ich darf alles. Und nun höre mich. Es +muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden +so viel, auch schon zu mir, und da Schach immer +noch schweigt und Du nicht sprechen <em class="gesperrt">darfst</em>, so +muß <em class="gesperrt">ich</em> es thun statt Eurer und Euch verheirathen. +Alles in der Welt kehrt sich einmal +um. Sonst verheirathen Mütter ihre Tochter, +hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. +Er liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren +seid ihr gleich, und ihr werdet das schönste Paar +sein, das seit Menschengedenken im französischen +Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut +wurde. Du siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich +der Prediger und der Kirche die Wahl; +mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß +Du mich mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, +aber auch nicht schlimm. Wo viel Licht ist, ist +viel Schatten.«</p> + +<p>Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach +meine süße Victoire, Du siehst es anders, als es +liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen +überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, +wie Du gelegentlich liebst, widerstreitet mir. Ich +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +mag auch nicht philosophiren. Aber <em class="gesperrt">das</em> laß +Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, +und was Ursach scheint, ist meist schon wieder +Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine kleine +Hand wird das Band <em class="gesperrt">nicht</em> knüpfen, das Du +knüpfen möchtest. Es geht nicht, es kann nicht +sein. Ich weiß es besser. Und warum auch? +Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur <em class="gesperrt">Dich</em>.«</p> + +<p>Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen +einer alten Dame, Schwester des verstorbenen +Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden +Dienstag ein für allemal zu Mittag geladen war, +und unter »zu Mittag« pünktlicherweise zwölf +Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den +Carayons erst um drei Uhr gegessen wurde. +Tante <em class="gesperrt">Marguerite</em>, das war ihr Name, war +noch eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte +Dame, die das damalige, sich fast ausschließlich +im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem +Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder +»Kürschen« aß, oder in die »Kürche« ging, und +ihre Rede selbstverständlich mit französischen Einschiebseln +und Anredefloskeln garnirte. Sauber +und altmodisch gekleidet, trug sie Sommer und +Winter denselben kleinen Seidenmantel, und +hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a> +den alten Koloniedamen so allgemein war, daß +Victoire einmal als Kind gefragt hatte: »Wie +kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten +so ›ich weiß nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte +sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem Seidenmantel +Tante Margueritens gehörten auch noch +ein Paar seidene Handschuhe, die sie ganz besonders +in Ehren hielt, und immer erst auf +dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, +an denen sie's nie fehlen ließ, entbehrten +all und jedes Interesses, am meisten +aber dann, wenn sie, was sie sehr liebte, von +hohen und höchsten Personen sprach. Ihre Spezialität +waren die kleinen Prinzessinnen der +königlichen Familie: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la petite princesse Charlotte, +et la petite princesse Alexandrine</span>, die sie +gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten +französischen Erzieherin sah, und mit denen sie +sich derartig liirt fühlte, daß, als eines Tages +die Brandenburger Thorwache beim Vorüberfahren +von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la princesse Alexandrine</span> versäumt +hatte, rechtzeitig ins Gewehr zu treten und die +Trommel zu rühren, sie nicht nur das allgemeine +Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß +überhaupt ansah, als ob Berlin ein Erdbeben +gehabt habe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Das war das Tantchen, das eben eintrat.</p> + +<p>Frau von Carayon ging ihr entgegen und +hieß sie herzlich willkommen, herzlicher als sonst +wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr +Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden +war, das selbst fallen zu lassen, sie nicht mehr +die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite +fühlte sofort heraus, wie günstig heute die +Dinge für sie lagen, und begann denn auch in +demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die +Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt +hatte, sich dem hohen Adel königlicher Residenzien +zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der »Allerhöchsten +Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus +der Adelssphäre waren ihren Hofanekdoten in +der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein für +allemal passiren können, wenn sie nicht die +Schwäche gehabt hätte, die doch immerhin wichtige +Personalfrage mit einer äußersten Geringschätzung +zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte +beständig die Namen, und wenn sie von +einer Escapade der Baronin Stieglitz erzählte, +so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin +Taube gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten +denn auch das heutige Gespräch, Neuigkeiten, +unter denen <em class="gesperrt">die</em>, »daß der Rittmeister +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +von Schenk vom Regiment Garde du Corps der +Prinzessin von Croy eine Serenade gebracht habe« +die weitaus wichtigste war, ganz besonders als +sich nach einigem Hin- und Herfragen herausstellte, +daß der Rittmeister von Schenk in den +Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du +Corps in das Regiment Gensdarmes, und die +Prinzessin von Croy in die Prinzessin von Carolath +zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen +wurden von Seiten der Tante jedesmal ohne +jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, +und solche Verlegenheit kam ihr denn auch <em class="gesperrt">heute</em> +nicht, als ihr, zum Schluß ihrer Geschichte, mitgetheilt +wurde, daß der Rittmeister von Schenk +<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alias</span> Schach noch im Laufe dieses Nachmittags +erwartet werde, da man eine Fahrt über Land +mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier +wie er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine +liebe Verwandte des Hauses an dieser Ausfahrt +mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die +von Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen +und von einem unwillkürlichen Zupfen +an ihrem Taftkleide begleitet wurde.</p> + +<p>Um Punkt drei war man zu Tische gegangen +und um Punkt vier – <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'exactitude est la politesse +des rois</span>, würde Bülow gesagt haben – erschien +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür +in der Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, +wollte die Zügel dem Groom geben, beide Carayons +aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, +und waren im nächsten Moment mit einer ganzen +Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und Regenschirmen +unten am Wagenschlag. Mit ihnen +auch Tante Marguerite, die nunmehr vorgestellt +und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen +Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt +wurde.</p> + +<p>»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«</p> + +<p>»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.</p> + +<p>»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das +undunkelste Ziel von der Welt. Namentlich heute. +Sonne und wieder Sonne.«</p> + +<p>In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße +hinunter, erst auf das Rondel und das +Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der +zum Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem +Fahren nöthigte. Schach glaubte sich entschuldigen +zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und +in halber Wendung bequem mit ihm sprechen +konnte, war, als echtes Stadtkind, aufrichtig +entzückt über all und jedes, was sie zu beiden +Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +Fragen zu stellen und ihn durch das Interesse, +das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten +amüsirten sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, +die zwischen den Sträuchern und +Gartenbeeten umher standen, und entweder eine +Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert +Papilloten im Winde flatterten und klapperten.</p> + +<p>Endlich war man den Anhang hinauf, und +über den festen Lehmweg hin, der zwischen den +Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf +Tempelhof zu. Neben der Straße stiegen Drachen +auf, Schwalben schossen hin und her, und am +Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen +Dörfer.</p> + +<p>Tante Marguerite, die, bei dem Winde der +ging, beständig bemüht war, ihren kleinen Mantelkragen +in Ordnung zu halten, übernahm es +nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und +setzte dabei beide Carayonsche Damen ebenso sehr +durch ihre Namensverwechselungen, wie durch +Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten +in Erstaunen.</p> + +<p>»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer +Kürchthürm! Aehnelt er nicht unsrer Dorotheenstädtschen +Kürche?«</p> + +<p>Victoire schwieg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe +Victoire, nein, um seinem Corps de Logis.«</p> + +<p>Beide Damen erschraken. Es geschah aber +was gewöhnlich geschieht, <em class="gesperrt">das</em> nämlich, das alles +das was die Näherstehenden in Verlegenheit +bringt, von den <ins title="Fernenstehenden">Fernerstehenden</ins> entweder überhört +oder aber mit Gleichgültigkeit aufgenommen +wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu +lang in der Welt alter Prinzessinnen und Hofdamen +gelebt, um noch durch irgend ein Dummheits- +oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres +Erstaunen gesetzt werden zu können. Er lächelte +nur und benutzte das Wort »Dorotheenstädtische +Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon +zu fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß +genommen habe, das in ebengenannter Kirche, +<ins title="eitens">seitens</ins> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem +Grafen von der Mark errichtet worden sei?«</p> + +<p>Mutter und Tochter verneinten. Tante +Marguerite jedoch, die nicht gerne zugestand, +etwas <em class="gesperrt">nicht</em> zu wissen oder wohl gar nicht gesehen +zu haben, bemerkte ganz ins allgemeine +hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er so +früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und +ähnelte doch seiner hochseligen Frau Mutter um +beiden Augen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Einen Augenblick war es, als ob der in +seinem Legitimitätsgefühle stark verletzte Schach +antworten und den »von seiner hochseligen +Mutter« geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs +schmählichste dethronisiren wollte, rasch aber +übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies +also lieber um doch wenigstens etwas zu thun, +auf das eben sichtbar werdende grüne Kuppeldach +des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im +nächsten Augenblick in die große, mit alten Linden +bepflanzte Dorfgasse von Tempelhof ein.</p> + +<p>Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. +Er gab dem Groom die Zügel und sprang ab, +um den Damen beim Aussteigen behülflich zu +sein. Aber nur Frau von Carayon und Victoire +nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante +Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden +habe, daß man sich auf seinen eigenen +Händen immer am besten verlassen könne.«</p> + +<p>Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, +und der von einem Staketenzaun eingefaßte +Vorplatz war denn auch an allen seinen +Tischen besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. +Als man aber eben schlüssig geworden war, in +dem Hintergarten, unter einem halboffenen Kegelbahnhäuschen, +den Kaffee zu nehmen, ward einer +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +der Ecktische frei, so daß man in Front des +Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße verbleiben +konnte. Das geschah denn auch, und es +traf sich, daß es der hübscheste Tisch war. Aus +seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es +auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig +noch an allem Laubschmucke fehlte, so saßen +doch schon die Vögel in seinen Zweigen und +zwitscherten. Und nicht <em class="gesperrt">das</em> blos sah man; +Equipagen hielten in der Mitte der Dorfstraße, +die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und +Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde +herein kamen, zogen an der Wagenreihe vorüber. +Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von +rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen +hörte man die Betglocke, die läutete. Denn es +war eben die sechste Stunde.</p> + +<p>Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie +waren, oder vielleicht auch <em class="gesperrt">weil</em> sie's waren, +enthusiasmirten sich über all und jedes, und +jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in +die Tempelhofer Kirche zur Sprache brachte. +Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante +Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen +Viehe« fürchtete, wäre lieber am <ins title="Kaffetische">Kaffeetische</ins> +zurückgeblieben, als ihr aber der zu weiterer +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste +versichert hatte, »daß sie sich um den Bullen +nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <ins title="Victoriens">Victoirens</ins> +Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße +hinaus, während Schach und Frau von Carayon +folgten. Alles, was noch an dem Staketenzaune +saß, sah ihnen nach.</p> + +<p>»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte +Frau von Carayon und lachte.</p> + +<p>Schach sah sie fragend an.</p> + +<p>»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und +niemand Geringeres als Tante Marguerite hat +uns heute Mittag davon erzählt.«</p> + +<p>»Wovon?«</p> + +<p>»Von der Serenade. Die Carolath ist eine +Dame von Welt und vor allem eine Fürstin. +Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, +›daß Sie der garstigsten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">princesse</span> vor der schönsten +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bourgeoise</span> den Vorzug geben würden.‹ Jeder +garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß +ist die Carolath auch noch schön. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un teint de +lys et de rose.</span> Sie werden mich eifersüchtig +machen.«</p> + +<p>Schach küßte der schönen Frau die Hand. +»Tante Marguerite hat Ihnen richtig berichtet, +und Sie sollen nun alles hören. Auch das +<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a> +Kleinste. Denn, wenn es mir, wie zugestanden, +eine Freude gewährt, einen solchen Abend unter +meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir +doch eine noch größere Freude, mit meiner schönen +Freundin darüber plaudern zu können. Ihre +Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so +voll guten Herzens sind, machen mir erst alles +lieb und werth. Lächeln Sie nicht. Ach daß +ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, +Sie sind mir das Ideal einer Frau: klug und +doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, espritvoll +und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, +die mein <em class="gesperrt">Herz</em> darbringt, gelten nach wie vor +nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten und +Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine +theure Freundin, daß Sie nicht einmal wissen, +wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie über +mich üben.«</p> + +<p>Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und +das Auge der schönen Frau leuchtete, während +ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber +nahm sie den scherzhaften Ton wieder auf und +sagte: »Wie gut Sie zu sprechen verstehen. +Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus +der Verschuldung heraus.«</p> + +<p>»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +bei der Verschuldung, die nach Sühne verlangt. +Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich +gestern. Ich hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend +war, und erschrak fast, als ich Bülow sah, +und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. +Wie kommt er nur in Ihre Gesellschaft?«</p> + +<p>»Er ist der Schatten Bülows.«</p> + +<p>»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal +schwerer wiegt als der Gegenstand, der ihn wirft. +Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll +ihn noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch +erzählen hörte, ›Sander, wenn er seine Brunnenpromenade +vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau +herum.‹ Und <em class="gesperrt">dieser</em> Mann Bülows Schatten! +Wenn Sie lieber sagten, sein Sancho Pansa ....«</p> + +<p>»So nehmen Sie Bülow selbst als Don +Quixote?«</p> + +<p>»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß +es mir im allgemeinen widersteht, zu medisiren, +aber dies ist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span> nicht medisiren, ist eher +Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha +war ein ehrlicher Enthusiast, und nun frag ich +Sie, theuerste Freundin, läßt sich von Bülow +dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, +nichts weiter, und das Feuer, das in ihm brennt, +ist einfach das einer infernalen Eigenliebe.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist +verbittert, gewiß; aber ich fürchte, daß er ein +Recht hat, es zu sein.«</p> + +<p>»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, +wird immer tausend Gründe haben, verbittert +zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, +und predigt die billigste der Weisheiten, die +Weisheit <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">post festum</span>. Lächerlich. An allem, +was uns das letzte Jahr an Demüthigungen +gebracht hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der +Uebermuth oder die Kraft unserer Feinde schuld, +o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren +Kraft unschwer haben begegnen können, wenn +man sich unsrer Talente, will also sagen, der +Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das +unterließ die Welt, und daran geht sie zu Grunde. +So geht es endlos weiter. Darum Ulm und +darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen +gewonnen, sich anders zugetragen, wenn diesem +korsischen Thron- und Kronenräuber, diesem Engel +der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die +Lichtgestalt Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten +wäre. Mir widerwärtig. Ich hasse +solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig +und Hohenlohe, wie von lächerlichen +Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den +Schultern des Atlas ruht, als Preußen auf den +Schultern seiner Armee.«</p> + +<p>Während dieses Gespräch zwischen Schach +und Frau von Carayon geführt wurde, war das +ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle +gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein +frisch gepflügtes Ackerfeld hin sich abzweigte.</p> + +<p>»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen +und zeigte mit ihrem Parasol auf ein neugedecktes +Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp +und Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, +was sich ohnehin nicht bestreiten ließ, +und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um +die Mama durch eine Kopf- und Handbewegung +zu fragen, ob man den hier abzweigenden Fußpfad +einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte +zustimmend, und Tante und Nichte schritten in +der angedeuteten Richtung weiter. Ueberall aus +dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, +noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest +gebaut hatten, ganz zuletzt aber kam ein +Stück brachliegendes Feld, das bis an die Kirchhofsmauer +lief, und, außer einer spärlichen +Grasnarbe, nichts aufwies, als einen trichterförmigen +Tümpel, in dem ein Unkenpaar musizirte, +<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> +während der Rand des Tümpels in hohen Binsen +stand.</p> + +<p>»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«</p> + +<p>»Ja, liebe Tante.«</p> + +<p>»Kannst Du Dir denken, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ma chère</span>, daß, als +ich jung war, die Binsen als kleine Nachtlichter +gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig +auf einem Glase schwammen, wenn man krank +war oder auch bloß nicht schlafen konnte ....«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man +Wachsfädchen, die man zerschneidet, und in ein +Kartenstückchen steckt.«</p> + +<p>»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher +waren es Binsen, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">des joncs</span>. Und sie brannten +auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn +sie müssen doch ein natürliches Fett gehabt haben, +ich möchte sagen etwas Kienenes.«</p> + +<p>»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, +die der Tante nie widersprach, und horchte, +während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, in +dem das Musiziren der Unken immer lauter +wurde. Gleich danach aber sah sie, daß ein +halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im +vollen Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen +weißen Spitz sich neckte, der bellend und beißend +an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +Kleine, mitten im Lauf, einen an einem Strick +und einem Klöppel hängenden Kirchenschlüssel in +die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, +daß weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr +weh thun konnte. Zuletzt aber blieb sie stehn +und hielt die linke Hand vor die Augen, weil +die niedergehende Sonne sie blendete.</p> + +<p>»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.</p> + +<p>»Ja,« sagte das Kind.</p> + +<p>»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder +komm mit uns und schließ uns die Kirche wieder +auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die +Herrschaften da.«</p> + +<p>»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder +vorauf, überkletterte die Kirchhofsmauer und verschwand +alsbald hinter den Haselnuß- und Hagebuttensträuchern, +die hier so reichlich standen, daß +sie, trotzdem sie noch kahl waren, eine dichte Hecke +bildeten.</p> + +<p>Das Tantchen und Victoire folgten ihr und +stiegen langsam über verfallene Gräber weg, die +der Frühling noch nirgends mit seiner Hand berührt +hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und +nur unmittelbar neben der Kirche war eine +schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. +Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +und als Schach und Frau von Carayon im +nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg +des Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire +entgegen und gab der Mutter die Veilchen.</p> + +<p>Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen +und saß wartend auf dem Schwellstein; +als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich +rasch und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren +Chorstühle fast so schräg standen, wie die Grabkreuze +draußen. Alles wirkte kümmerlich und +zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der +hinter den nach Abend zu gelegenen Fenstern +stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen +Schimmer und erneuerte, für Augenblicke +wenigstens, die längst blind gewordene Vergoldung +der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der +katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es +konnte nicht ausbleiben, daß das genferisch reformirte +Tantchen aufrichtig erschrak, als sie dieser +»Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter +seine Liebhabereien auch die Genealogie zählte, +fragte bei der Kleinen an, ob nicht vielleicht alte +Grabsteine da wären?</p> + +<p>»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser +hier,« und wies auf ein abgetretenes, aber doch +noch deutlich erkennbares Steinbild, das aufrecht +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert +war. Es war ersichtlich ein Reiteroberst.</p> + +<p>»Und wer ist es?« fragte Schach.</p> + +<p>»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, +»und hieß der Ritter von Tempelhof. Und +diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten +machen, weil er wollte, daß er ihm ähnlich +werden sollte.«</p> + +<p>Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil +das Aehnlichkeitsbedürfniß des angeblichen Ritters +von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem +Herzen traf.</p> + +<p>»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine +fort, »und baute zuletzt auch das Dorf, und +nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof +hieß. Und die Berliner sagen »Templow«. +Aber es ist falsch.«</p> + +<p>All das nahmen die Damen in Andacht hin, +und nur Schach, der neugierig geworden war, +fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre +noch aus den Lebzeiten des Ritters wisse?«</p> + +<p>»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber +nachher.«</p> + +<p>Alle horchten auf, am meisten das sofort +einen leisen Grusel verspürende Tantchen, die +Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +»Ob es alles so wahr ist, wie die Leute sagen, +das weiß ich nicht. Aber der alte Kossäthe +Maltusch hat es noch mit erlebt.«</p> + +<p>»Aber was denn, Kind?«</p> + +<p>»Er lag hier vor dem Altar über hundert +Jahre, bis es ihn ärgerte, daß die Bauern und +Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, +und ihm das Gesicht abschurrten, wenn sie zum +Abendmahl gingen. Und der alte Maltusch, +der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem +Vater erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen +Ohren gehört, daß es noch mitunter so gepoltert +und gerollt hätte, wie wenn es drüben über +Schmargendorf donnert.«</p> + +<p>»Wohl möglich.«</p> + +<p>»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern +und Rollen bedeutete,« fuhr die Kleine fort. +»Und so ging es bis das Jahr, wo der russische +General, dessen Namen ich immer vergesse, hier +auf dem Tempelhofer Felde lag. Da kam einen +Sonnabend der vorige Küster und wollte die +Singezahlen wegwischen und neue für den Sonntag +anschreiben. Und nahm auch schon das +Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, +daß die Zahlen schon weggewischt und neue +Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben +waren. Alles altmodisch und undeutlich, und +nur so grade noch zu lesen. Und als sie nachschlugen, +da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten +in Ehren halten und ihn nicht schädigen an +seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die +Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, +und mauerten ihn in diesen Pfeiler.«</p> + +<p>»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, +die, je schrecklicher sie sich vor Gespenstern fürchtete, +desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, »ich +finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem +Aberglauben thun.« Und dabei wandte sie sich +ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab, +und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht +anging, mit dem Tantchen wetteifern +konnte, wieder dem Ausgange zu.</p> + +<p>Schach folgte mit Victoire, der er den Arm +gereicht hatte.</p> + +<p>»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte +diese. »Meine Tempelritter-Kenntniß beschränkt +sich freilich nur auf den <em class="gesperrt">einen</em> im ›Nathan,‹ +aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht +<em class="gesperrt">zu</em> willkürlich behandelt hat, so müssen die +Tempelritter durchaus anders ausgesehen haben. +Hab ich Recht?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>»<em class="gesperrt">Immer</em> Recht, meine liebe Victoire.« +Und der Ton dieser Worte traf ihr Herz und +zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen +bewußt gewesen wäre.</p> + +<p>»Wohl. Aber wenn kein Templer, was +<em class="gesperrt">dann</em>?« fragte sie weiter und sah ihn zutraulich +und doch verlegen an.</p> + +<p>»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen +Krieges. Oder vielleicht auch erst aus +den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen +Namen: Achim von Haake.«</p> + +<p>»So halten Sie die ganze Geschichte für ein +Märchen?«</p> + +<p>»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht +in allem. Es ist erwiesen, daß wir Templer in +diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren +vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene +Templertage zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«</p> + +<p>»Ich höre so gern von diesem Orden.«</p> + +<p>»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand +Gottes am schwersten heimgesucht worden und +eben deshalb auch der poetischste und interessanteste. +Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst, +Verleugnung Christi, Laster aller Art. +Und ich fürchte mit Recht. Aber groß wie seine +Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +zu geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig +Ueberlebende die Schuld voraufgegangener Geschlechter +zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal +aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie +fehlen und irren, dem Alltäglichen entziehn. +Und so sehen wir denn den schuldbeladenen +Orden, all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, +schließlich in einem wiedergewonnenen Glorienschein +zu Grunde gehen. Es war der Neid, der +ihn tödtete, der Neid und der Eigennutz, und +schuldig oder nicht, mich überwältigt seine Größe.«</p> + +<p>Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber +Schach, könnte meinen, einen nachgebornen Templer +in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein +mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein +Gelübde. Hätten Sie's vermocht als Templer +zu leben und zu sterben?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch +kleidsamer war, als die Supra-Weste der Gensdarmes.«</p> + +<p>»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen +mich. Glauben Sie mir, es lebt etwas +in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken +läßt.«</p> + +<p>»Um es zu halten?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie +rasch in wieder scherzhafter werdendem Tone +fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden +auf dem Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen +Personen, die den Beinamen des ›<em class="gesperrt">Schönen</em>‹ +führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, +nicht aus Neid. Aber die Schönheit, das muß +wahr sein, macht selbstisch, und wer selbstisch ist, +ist undankbar und treulos.«</p> + +<p>Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, +daß sich Victoirens Worte, so sehr sie Piquanterien +und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen +<em class="gesperrt">ihn</em> gerichtet haben konnten. Und darin traf +er's auch. Es war alles nur <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">jeu d'esprit</span>, eine +Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. +Und doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß +es absichtslos gesagt worden war, so gewiß war +es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus +gesprochen worden.</p> + +<p>Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang +erreicht, und Schach hielt, um auf Frau +von Carayon und Tante Marguerite, die sich +beide versäumt hatten, zu warten.</p> + +<p>Als sie heran waren, bot er der Frau von +Carayon den Arm, und führte <em class="gesperrt">diese</em> bis an das +Gasthaus zurück.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann +nach über den Tausch, den Schach mit keinem +Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was +war das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, +aus einem plötzlichen Argwohn heraus, die selbstgestellte +Frage beantwortet hatte.</p> + +<p>Von einem Wiederplatznehmen vor dem +Gasthause war keine Rede mehr, und man gab +es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen +kühl geworden und der Wind, der den ganzen +Tag über geweht hatte, nach Nordwesten hin +umgesprungen war.</p> + +<p>Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, +»um nicht gegen dem Winde zu fahren.«</p> + +<p>Niemand widersprach. So nahm sie denn +den erbetenen Platz, und während jeder in +Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag +gebracht hatte, ging es in immer rascherer Fahrt +wieder auf die Stadt zurück.</p> + +<p>Diese lag schon in Dämmer als man bis +an den Abhang der Kreuzberghöhe gekommen +war und nur die beiden Gensdarmenthürme +ragten noch mit ihren Kuppeln aus dem graublauen +Nebel empor.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>Fünftes Kapitel.<br/> +<small>Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.</small></h2> + +<p>Berlin, den 3. Mai. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma chère Lisette.</span></p> + +<p>Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, +und so Gutes. Nicht als ob ich es anders erwartet +hätte; wenige Männer hab ich kennen +gelernt, die mir so ganz eine Garantie des +Glückes zu bieten scheinen, wie der Deinige. +Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von +jenem schönen Wissens- und Bildungsmaß, das +ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig vermeidet. +Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch +gefährlichere ist. Denn junge Frauen sind nur +zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du sollst +keine andren Götter haben neben mir.« Ich +sehe das beinah täglich bei Rombergs, und Marie +weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten +wenig Dank, daß er über Politik und französische +Zeitungen die Visiten und Toiletten vergißt.</p> + +<p>Was mir allein eine Sorge machte, war +Deine neue masurische Heimat, ein Stück Land, +das ich mir immer als einen einzigen großen +Wald mit hundert Seen und Sümpfen vorgestellt +habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat +könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a> +versetzen, das dann immer der Anfang zu Heimweh +oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. +Und davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken +die Männer. Aber ich sehe zu meiner herzlichen +Freude, daß Du auch <em class="gesperrt">dieser</em> Gefahr entgangen +bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, +grüne Pfingstmaien und keine Trauerbirken +sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <ins title="muß">mußt</ins> Du +mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den +Dingen, die mich immer neugierig gemacht haben, +und die kennen zu lernen mir bis diesen Augenblick +versagt geblieben ist.</p> + +<p>Und nun soll ich Dir über <em class="gesperrt">uns</em> berichten. +Du frägst theilnehmend nach all und jedem, und +verlangst sogar von Tante Margueritens neuester +Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu +hören. Ich könnte Dir gerade <em class="gesperrt">davon</em> erzählen, +denn es sind keine drei Tage, daß wir (wenigstens +von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und +geschüttelt Maß gehabt haben.</p> + +<p>Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr +von <em class="gesperrt">Schach</em> mit uns machte, nach Tempelhof, +und zu der auch das Tantchen aufgefordert +werden mußte, weil es ihr Tag war. Du weißt, +daß wir sie jeden Dienstag als Gast in unsrem +Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +der »Kürche«, wo sie, beim Anblick einiger Heiligenbilder +aus der katholischen Zeit her, nicht nur +beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, +sondern sich mit eben diesem Anliegen auch regelmäßig +an Schach wandte, wie wenn dieser im +Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil +ich nun mal die Tugend oder Untugend habe, +mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während +des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich +auszulachen. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Au fond</span> freilich ist es viel weniger +lächerlich, als es im ersten Augenblick erscheint. +Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und +wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade +dies Feierliche, was Bülow so sehr gegen ihn +einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied +der Meinungen.</p> + +<p>Und beinah klingt es, als ob ich mich in +meiner Schilderung Bülow anschlösse. Wirklich, +wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser +Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen +können, wie sehr ich ihn schätze. Ja, mehr denn +je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht +fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde +sein, sich trösten, verzeihn. Hätt ich es <em class="gesperrt">nicht</em> +gelernt, wie könnt ich leben, <em class="gesperrt">ich</em>, die ich so +gern lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +gelesen) alle diejenigen haben sollen, von denen +man es am wenigsten begreift.</p> + +<p>Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, +und es drängt mich, Dir davon zu erzählen.</p> + +<p>Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. +Als wir den Gang aus dem Dorf in die Kirche +machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, +es war arrangirt, und zwar durch <em class="gesperrt">mich</em>. Ich +ließ beide zurück, weil ich eine Aussprache (Du +weißt <em class="gesperrt">welche</em>) zwischen beiden herbeiführen +wollte. Solche stillen Abende, wo man über +Feld schreitet, und nichts hört als das Anschlagen +der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten +fort und machen uns freier. Und sind wir erst +<em class="gesperrt">das</em>, so findet sich auch das rechte Wort. Was +zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht, +jedenfalls nicht <em class="gesperrt">das</em>, was gesprochen werden sollte. +Zuletzt traten wir in die Kirche, die vom Abendroth +wie durchglüht war, alles gewann Leben, und +es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege +tauschte Schach, und führte <em class="gesperrt">mich</em>. Er sprach +sehr anziehend, und in einem Tone, der mir +ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes +Wort ist mir noch in der Erinnerung geblieben, +und giebt mir zu denken. Aber was geschah? +Als wir wieder am Eingange des Dorfes waren, +<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a> +wurd er schweigsamer, und wartete auf die Mama. +Dann bot er <em class="gesperrt">ihr</em> den Arm, und so gingen sie +durch das Dorf nach dem Gasthause zurück, wo +die Wagen hielten und viele Leute versammelt +waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, +denn ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, +daß es ihm peinlich gewesen sei, mit <em class="gesperrt">mir</em> und +an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. +In seiner Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen +kann, ist es ihm unmöglich, sich über +das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein +spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. +So selbstbewußt er ist, so schwach und abhängig +ist er in diesem <em class="gesperrt">einen</em> Punkte. Vor niemandem +in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich +ein solches Bekenntniß ablegen, aber <em class="gesperrt">Dir</em> gegenüber +mußt ich es. Hab ich Unrecht, so sage mir, +daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, +so halte mir eine Strafpredigt in allerstrengsten +Worten, und sei versichert, daß ich sie mit dankbarem +Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit +unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. +Es ist ein Satz, daß Männer nicht eitel sein +dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir scheint +dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch +richtig, so bedeutet Schach eine Ausnahme. Ich +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein +anderes für ihn. <em class="gesperrt">Eines</em> ist er vielleicht noch +mehr, diskret, imponirend, oder doch voll natürlichen +Ansehns, und sollte sich mir <em class="gesperrt">das</em> erfüllen, +was ich um der Mama und auch um meinetwillen +wünsche, so würd es mir nicht schwer werden, +mich in eine Respektsstellung zu ihm hinein zu +finden.</p> + +<p>Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr +gescheidt gehalten, und ich meinerseits habe nur +schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die +beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen +Mannes. Ich empfinde dies jedesmal, wenn er +seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm +dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter +ihm zurück. Dabei fällt mir mitunter auf, wie +der Groll, der sich in unserm Freunde regt, ihm +eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit +verleiht. Gestern hat er Sander, dessen Persönlichkeit +Du kennst, den Bülowschen Sancho +Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen +ergeben sich von selbst, und ich find es nicht übel.</p> + +<p>Sanders Publikationen machen mehr von +sich reden, denn je; die Zeit unterstützt das +Interesse für eine lediglich polemische Litteratur. +Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach +<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a> +und Phull erschienen, die von den Eingeweihten +als etwas Besonderes und nie Dagewesenes +ausgepriesen werden. Alles richtet +sich gegen Oesterreich, und beweist aufs neue, +daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht +sorgen darf. Schach ist empört über dies anmaßliche +Besserwissen, wie er's nennt, und wendet +sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen +und Rennpferden. Sein kleiner Groom +wird immer kleiner. Was bei den Chinesinnen +die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die +kleinen Proportionen überhaupt. Ich meinerseits +verhalte mich ablehnend gegen beide, ganz besonders +aber gegen die chinesisch eingeschnürten +Füßchen, und bin umgekehrt froh, in einem +bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, schwingen +werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren +Lisette. Thu' es mit der Milde, die Dir eigen +ist. Empfiehl mich Deinem theuren Manne, der +nur den <em class="gesperrt">einen</em> Fehler hat, Dich mir entführt +zu haben. Mama grüßt und küßt ihren Liebling, +ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, vergiß +in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, +nicht <em class="gesperrt">ganz</em> Deine, wie Du weißt auf ein bloßes +Pflichttheil des Glückes gesetzte <em class="gesperrt">Victoire</em>.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>Sechstes Kapitel.<br/> +<small>Bei Prinz Louis.</small></h2> + +<p>An demselben Abend, an dem Victoire +von Carayon ihren Brief an Lisette von Perbandt +schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße +gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet +von der Hand des Prinzen Louis.</p> + +<p>Es lautete:</p> + +<p>»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei +Tagen hier im Moabiter Land und dürste bereits +nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile +von der Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt +nicht mehr und verlangt nach ihr. Darf +ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und +sein verlegerischer Anhang haben zugesagt, auch +Massenbach und Phull. Also lauter Opposition, +die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. +Von Ihrem Regiment werden Sie noch <ins title="Nostiz">Nostitz</ins> +und Alvensleben treffen. Im Interimsrock und +um fünf Uhr. Ihr <em class="gesperrt">Louis</em>, Prinz von Pr.«</p> + +<p>Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, +nachdem er Alvensleben und <ins title="Nostiz">Nostitz</ins> abgeholt +hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag +am rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und +Werftweiden, und hatte die Front, über die +<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a> +Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens. +Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite +her. Eine breite, mit Teppich belegte Treppe +führte bis auf ein Podium und von diesem auf +einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen +empfangen wurden. Bülow und Sander waren +bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten +sich entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, +fand schon Bülow mehr als genug, und trug kein +Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt +zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem +Speisesaal, in den sie von dem Vestibul aus +eintraten, brannten bereits die Lichter und waren +(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien +geschlossen. Zu diesem künstlich hergestellten Licht, +in das sich von außen her ein Tagesschimmer +mischte, stimmte das Feuer, in dem in der +Mitte des Saales befindlichen Kamine. Vor +eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß +der Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden +Jalousiebrettchen hindurch, auf die Bäume des +Thiergartens.</p> + +<p>»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, +als die Tafelrunde sich arrangirt hatte. »Wir +sind hier auf dem Lande, das muß als Entschuldigung +dienen, für alles was fehlt. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A la +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +guerre, comme à la guerre.</span>‹ Massenbach, unser +Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt, +respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht +überraschen würde. Heißt es doch, lieber Sander, +Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr guter +Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«</p> + +<p>»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen +wage, Königliche Hoheit.«</p> + +<p>»Und doch <em class="gesperrt">müßten</em> Sie's eigentlich. Ihr +ganzer Verlag hat keine Spur von jenem ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">laisser +passer</span>,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller +gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, +Bülow) schreiben alle wie Hungrige. Meinetwegen. +Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, +aber daß Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht +behandeln, das mißfällt mir.«</p> + +<p>»Bin <em class="gesperrt">ich</em> es, Königliche Hoheit? Ich, für +meine Person, habe nicht die Prätension höherer +Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu +sagen aus meinem Verlage heraus, die Frage +stellen dürfen: »war Ulm etwas Kluges?«</p> + +<p>»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? +Wir Preußen bilden uns beständig ein, es zu +sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre +vorjährige thüringische Aufstellung gesagt hat? +Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er will nicht. +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a> +Nun, so muß ich es selber thun. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, ces +Prussiens</span>‹ hieß es, ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ils sont encore <em class="gesperrt">plus</em> stupides, +que les Autrichiens</span>‹. Da haben Sie Kritik über +unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik +von einer allerberufensten Seite her. Und hätt +er's damit getroffen, so müßten wir uns schließlich +zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns +Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, +indem er für ein Mitbringsel unsre +Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? +Es ist der Brocken, an dem der preußische Adler +ersticken wird.«</p> + +<p>»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft +unsres preußischen Adlers ein besseres Vertrauen,« +erwiderte Bülow. »Gerade <em class="gesperrt">das</em> kann +er und versteht er von alten Zeiten her. Indessen +<em class="gesperrt">darüber</em> mag sich streiten lassen; worüber +sich aber <em class="gesperrt">nicht</em> streiten läßt, das ist der Friede, +den uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen +ihn wie das tägliche Brot und mußten ihn haben, +so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit +haben freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, +der mich insoweit überrascht, als dieser +Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von +jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen +gefunden hat.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht +ernsthaft, und stell ihm außerdem noch in Rechnung, +daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er +eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie +wissen doch, sein Vater war <em class="gesperrt">Friseur</em> und seiner +Frau Vater ein <em class="gesperrt">Barbier</em>. Und nun kommt +eben diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum +Närrischwerden, sondern auch noch schlechte französische +Verse macht, und fragt ihn, was schöner +sei: ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">L'hirondelle <em class="gesperrt">frise</em> la surface des eaux</span>‹ oder +›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">rase</em> la surface des eaux</span>?‹ Und was +antwortet er? ›Ich sehe keinen Unterschied, meine +Theure; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">frise</em></span> huldigt <em class="gesperrt">meinem</em> Vater +und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">rase</em></span> dem <em class="gesperrt">Deinigen</em>.‹ In +diesem Bonmot haben Sie den ganzen Lombard. +Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich +Ihnen offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage +nicht widerstehen kann. Er ist ein +Polisson, kein Charakter.«</p> + +<p>»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von +Haugwitz sagen ließe, zum Guten wie zum +Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen +Hoheit den <em class="gesperrt">Mann</em> preis. Aber <em class="gesperrt">nicht</em> seine +Politik. Seine Politik ist gut, denn sie rechnet mit +gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit +wissen das besser als ich. Wie steht es denn in +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +Wahrheit mit unsren Kräften? Wir leben von +der Hand in den Mund und warum? weil der +Staat Friedrichs des Großen nicht ein Land mit +einer Armee, sondern eine Armee mit einem +Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier +und Verpflegungsmagazin. In sich selber entbehrt +es aller großen Ressourcen. Siegen wir, +so geht es; aber Kriege führen dürfen nur solche +Länder, die Niederlagen ertragen können. Das +können wir <em class="gesperrt">nicht</em>. Ist die Armee hin, so ist +alles hin. Und wie schnell eine Armee hin sein +kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. Ein Hauch +kann uns tödten, gerad auch <em class="gesperrt">uns</em>. ›Er blies, +und die Armada zerstob in alle vier Winde.‹ +<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Afflavit Deus et dissipati sunt.</span>«</p> + +<p>»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, +»möge mir eine Bemerkung verzeihn. Er wird +doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt +über die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen +wollen, nicht <em class="gesperrt">den</em>, der die Armada zerblies.«</p> + +<p>»<em class="gesperrt">Doch</em>, Herr von Schach. Oder glauben Sie +wirklich, daß der Odem Gottes im Spezialdienste +des Protestantismus, oder gar Preußens und +seiner Armee steht?«</p> + +<p>»Ich hoffe, ja.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>»Und ich fürchte, <em class="gesperrt">nein</em>. Wir haben die +›propreste Armee‹, das ist alles. Aber mit der +›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern +sich Königliche Hoheit der Worte des +großen Königs, als General Lehwald ihm seine +dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? +›Propre Leute‹ hieß es. ›Da seh' er +meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, <em class="gesperrt">aber +beißen</em>‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel +Lehwaldsche Regimenter und zu wenig altenfritzige. +Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und +Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, +die, der großen Prallheit und Drallheit halber, +ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. +Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, +diese ganz gewöhnliche Fähigkeit des Menschen, +die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen +Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können +ist jetzt die erste Bedingung des Erfolges. +Alle modernen Schlachten sind mit den Beinen gewonnen +worden.«</p> + +<p>»Und mit <em class="gesperrt">Gold</em>,« unterbrach hier der Prinz. +»Ihr großer Empereur, lieber Bülow, hat eine +Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für allerkleinste. +Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein +Meister in der Kunst der Bestechung. Und wer +<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +hat uns die Augen darüber geöffnet? Er selber. +Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer +Bataille sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der +Feind wird marschiren und unsre Flanke zu gewinnen +suchen; bei dieser Marschbewegung aber +wird er die seinige preisgeben. Wir werden uns auf +diese seine Flanke werfen, und ihn schlagen und +vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht. +Es ist unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung +der Oesterreicher auch schon ihren +Schlachtplan errathen haben könnte.«</p> + +<p>Man schwieg. Da dies Schweigen aber +dem lebhaften Prinzen um vieles peinlicher war +als Widerspruch, so wandt er sich direkt an +Bülow und sagte: »Widerlegen Sie mich.«</p> + +<p>»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch +ich denn. Der Kaiser wußte genau was geschehen +werde, <em class="gesperrt">konnt</em> es wissen, weil er sich die Frage +›was thut hier die <em class="gesperrt">Mittelmäßigkeit</em>‹ in vorausberechnender +Weise nicht blos gestellt, sondern +auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, +wie zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung +wie die höchste Klugheit, – das ist +eine von den großen Seiten der echten und unverfälschten +Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹, +die gerade klug genug sind, um von der Lust ›es +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +auch einmal mit etwas Geistreichem zu probiren‹, +angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind +allemal am leichtesten zu berechnen. Und warum? +Weil sie jederzeit nur die Mode mitmachen und +heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das +alles wußte der Kaiser. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hic haeret.</span> Er hat +sich nie glänzender bewährt, als in dieser Austerlitzer +Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch +nicht in <ins title="jenem">jenen</ins> Impromptus und witzigen Einfällen +auf dem Gebiete des Grausigen, die so +recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«</p> + +<p>»Ein Beispiel.«</p> + +<p>»Eines für hundert. Als das Centrum +schon durchbrochen war, hatte sich ein Theil der +russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso +viel gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und +eine französische Batterie fuhr auf, um mit Kartätschen +in die Bataillone hineinzufeuern. In +diesem Augenblick erschien der Empereur. Er +überblickte sofort das Besondere der Lage. ›Wozu +hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><ins title="?">?‹</ins> Und er befahl +mit Vollkugeln auf das <em class="gesperrt">Eis</em> zu schießen. +Eine Minute später und das Eis barst und +brach, und alle vier Bataillone gingen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en carré</span> +in die morastige Tiefe. Solche vom Moment +eingegebenen Blitze hat nur immer das Genie. +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei +nächster Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn +Kutusow auf Eis wartet, wird er plötzlich in +Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische +Tapferkeit in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. +Irgendwo heißt es: ›In meinem Wolfstornister, +Regt sich des Teufels Küster, Ein <em class="gesperrt">Kobold</em>, +heißt ›Genie‹ – nun, in dem russisch-<ins title="östereichischen">österreichischen</ins> +Tornister ist dieser ›Kobold und Teufelsküster‹ +nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um +dies Manko zu kassiren, bedient man sich der +alten, elenden Trostgründe: Bestechung und Verrätherei. +Jedem Besiegten wird es schwer, den +Grund seiner Niederlagen an der einzig richtigen +Stelle, nämlich <em class="gesperrt">in sich selbst</em> zu suchen, und +auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf +ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten +Platz.«</p> + +<p>»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete +Schach. »Er that das seine, ja mehr. +Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits +die Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht +noch nicht geschwunden war, ging er klingenden +Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; +sein Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, +er bestieg ein zweites, und eine halbe Stunde +<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der +Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen +selbst haben es in enthusiastischen Ausdrücken +anerkannt.«</p> + +<p>Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner +Anwesenheit des unausgesetzt als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deliciae generis +humani</span> gepriesenen Kaisers, keinen allzu günstigen +Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen +unbequem, den »liebenswürdigsten der +Menschen« auch noch zum »heldischsten« erhoben +zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine +kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir +doch, lieber Schach, als ob Sie französischen +Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als +ihnen beizulegen <em class="gesperrt">ist</em>. Die Franzosen sind kluge +Leute. Je mehr Rühmens sie von ihrem Gegner +machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und +dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen +Gründen, die jetzt sicherlich mitsprechen. +›Man soll seinem Feinde goldene Brücken bauen‹, +sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, +wer heute mein Feind war, kann morgen mein +Verbündeter sein. Und in der That, es spukt +schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet +bin, so verhandelt man bereits über eine neue +Theilung der Welt, will sagen über die Wiederherstellung +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +eines morgenländischen und abendländischen +Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, +die noch in der Luft schweben, und erklären wir +uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber +einfach aus dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene +russische Muth einen vollen Centner wog, +so wog der siegreich französische natürlich <em class="gesperrt">zwei</em>‹.«</p> + +<p>Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch +in Berlin, das Andreaskreuz trug, biß sich auf +die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow +kam ihm zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem +Leibe erschossene Kaiserpferde‹ bin ich überhaupt +immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese +Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in +Verlegenheit gebracht haben, denn es giebt ihrer +zu viele, die das Gegentheil bezeugen können. +Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.«</p> + +<p>»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von +Bülow,« antwortete Schach. »Und doch frag ich +Sie, giebt es einen schöneren Titel?«</p> + +<p>»O gewiß giebt es den. Ein <em class="gesperrt">wirklich</em> +großer Mann wird nicht um seiner Güte willen +gefeiert und noch weniger danach benannt. Er +wird umgekehrt ein Gegenstand beständiger Verleumdungen +sein. Denn das Gemeine, das +überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. +<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +Brenkenhof, der, trotz seiner Paradoxien, mehr +gelesen werden sollte, als er gelesen wird, behauptet +geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die +besten Menschen die schlechteste Reputation haben +müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte Sie. +Welche Augen wohl König Friedrich gemacht +haben würde, wenn man ihn den ›guten Friedrich‹ +genannt hätte.«</p> + +<p>»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte +mit dem Glase hinüber. »Das ist mir aus der +Seele gesprochen.«</p> + +<p>Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. +»Alle Könige,« fuhr Bülow in wachsendem Eifer +fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind +solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe +getragen oder doch bis an den Rand der Revolution +gebracht haben. Der letzte König von Polen war +auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel +haben solche Fürstlichkeiten einen großen Harem +und einen kleinen Verstand. Und geht es in den +Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, +gleichviel mit oder ohne Schlange.«</p> + +<p>»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« +entgegnete Schach, »durch Auslassungen wie +<em class="gesperrt">diese</em>, den Kaiser Alexander charakterisirt zu +haben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>»Wenigstens annähernd.«</p> + +<p>»Da wär ich doch neugierig.«</p> + +<p>»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich +den letzten Besuch des Kaisers in Berlin und +Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? +Nun, anerkanntermaßen um nichts Kleines und +Alltägliches, um Abschluß eines Bündnisses auf +Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat +man in die Gruft Friedrichs des Großen, um +sich, über dem Sarge desselben, eine halbmystische +Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah +unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber +waren, wußte man, daß der aus der Gruft +Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht +gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beautés</span> des Hofes in eben so viele Schönheitskategorien +gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <ins title="coquettte">coquette</ins></span> und +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté triviale</span>, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté céleste</span> und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span>, +und endlich fünftens ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté, qui inspire seul du +vrai sentiment</span>‹. Wobei wohl jeden die Neugier +angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">vrai +sentiment</span>‹ kennen zu lernen.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Siebentes Kapitel.<br/> +<small>Ein neuer Gast.</small></h2> + +<p>All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit +des Prinzen erregt, der denn auch eben mit +einem ihm bequem liegenden Capriccio über <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté +céleste</span> und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> beginnen wollte, als +er, vom Korridor her, unter dem halbzurückgeschlagenen +Portièrenteppich, einen ihm wohlbekannten +kleinen Herrn von unverkennbaren +Künstlerallüren erscheinen und gleich danach eintreten +sah.</p> + +<p>»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn +der Prinz. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mieux vaut tard que jamais.</span> Rücken +Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an +Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres +Künstlerfreundes bringen zu wollen. Sie finden +noch <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">tutti quanti</span>, lieber Dussek. Keine Einwendungen. +Aber was trinken Sie? Sie haben +die Wahl. Asti, Montefiascone, Tokayer.«</p> + +<p>»Irgend einen Ungar.«</p> + +<p>»Herben?«</p> + +<p>Dussek lächelte.</p> + +<p>»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz +und fuhr in gesteigerter guter Laune fort: »Aber +nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, +<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a> +die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, +und unter diesen auch <em class="gesperrt">die</em> der Mittheilsamkeit. +Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹ +selten eine Antwort schuldig.«</p> + +<p>»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« +antwortete Dussek, der, nachdem er genippt hatte, +eben sein Bärtchen putzte.</p> + +<p>»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt +obenauf?«</p> + +<p>»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht +sich, wenn ich sage, ›die ganze Stadt‹, so mein +ich das Theater.«</p> + +<p>»Das Theater <em class="gesperrt">ist</em> die Stadt. Sie sind also +gerechtfertigt. Und nun weiter.«</p> + +<p>»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, +wir sind in unsrem Haupt und Führer empfindlich +gekränkt worden und haben denn auch aus eben +diesem Grunde nicht viel weniger als eine kleine +Theateremeute gehabt. <em class="gesperrt">Das</em> also, hieß es, seien +die neuen Zeiten, <em class="gesperrt">das</em> sei das bürgerliche +Regiment, <em class="gesperrt">das</em> sei der Respekt vor den preußischen +›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">belles lettres et beaux arts</span>.‹ Eine ›Huldigung +der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber eine +Huldigung <em class="gesperrt">gegen</em> die Künste, die sei so fern +wie je.«</p> + +<p>»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, +<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a> +»Ihre Reflexionen in Ehren. Aber da Sie +gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, +die Kunst der Retardirung nicht übertreiben zu +wollen. Wenn es also möglich ist, Thatsachen. +Um was handelt es sich?«</p> + +<p>»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, +von dem die Rede war, <em class="gesperrt">nicht</em> erhalten.«</p> + +<p>Alles lachte, Sander am herzlichsten, und +<ins title="Nostiz">Nostitz</ins> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur +ridiculus mus.</span>«</p> + +<p>Aber Dussek war in wirklicher Erregung, +und diese wuchs noch unter der Heiterkeit seiner +Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. +»Sie lachen, Sander. Und doch trifft es in +diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen +wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen +das Bürgerthum überhaupt.«</p> + +<p>Der Prinz reichte dem Sprecher über den +Tisch hin die Hand. »Recht, lieber Dussek. +Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie +kam es?«</p> + +<p>»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz +aus heitrem Himmel. Königliche Hoheit wissen, +daß seit lange von einer Dekorirung die Rede +war, und wir freuten uns, alles Künstlerneides +vergessend, als ob wir den Orden mitempfangen +<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> +und mittragen sollten. In der That, alles ließ +sich gut an, und die ›Weihe der Kraft‹, für deren +Aufführung der Hof sich interessirt, sollte den +Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit +geben. Iffland ist Maçon (auch <em class="gesperrt">das</em> ließ uns +hoffen), die Loge nahm es energisch in die Hand, +und die Königin war gewonnen. Und nun <em class="gesperrt">doch</em> +gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; +aber nein, meine Herren, es ist eine große +Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, +an dem man sieht, woher der Wind weht. Und +er weht bei uns nach wie vor von der alten +Seite her. <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Chi va piano va sano</span>, sagt das +Sprüchwort. Aber im Lande Preußen heißt es +›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<ins title="‹">‹«</ins></p> + +<p>»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert +woran?«</p> + +<p>»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich +habe Rüchels Namen nennen hören. Er hat den +Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie +niedrig das Histrionenthum immer und ewig in +der Welt gestanden habe, mit alleiniger Ausnahme +der neronischen Zeiten. Und <em class="gesperrt">die</em> könnten doch +kein Vorbild sein. Das half. Denn welcher +allerchristlichste König will Nero sein oder auch +nur seinen Namen hören. Und so wissen wir +<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +denn, daß die Sache vorläufig <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ad acta</span> verwiesen +ist. Die Königin ist chagrinirt, und an diesem +Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig +genügen lassen. Neue Zeit und alte Vorurtheile.«</p> + +<p>»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich +sehe zu meinem Bedauern, daß Ihre Reflexionen +Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens +ist das das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, +in denen wir stecken, und stecken selber +drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das +keinen neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, +sondern sich nur eitel und eifersüchtig in die +bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber +damit schaffen Sie's nicht. An die Stelle der +Eifersüchtelei, die jetzt das Herz unsres dritten +Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen +alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt +haben. Wer Gespenster wirklich ignorirt, +für den giebt es keine mehr, und wer Orden +ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. +Und dadurch an Ausrottung einer wahren +Epidemie ....«</p> + +<p>»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung +eines neuen Königreichs Utopien arbeitet,« unterbrach +Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig +an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +Richtung von Osten nach Westen immer weiter +wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung von +Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste +seh ich vielmehr immer neue Multiplikationen, +und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24 +Klassen wie das Linnésche System.«</p> + +<p>Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten +der Prinz. Es müsse durchaus etwas +in der menschlichen Natur stecken, das, wie beispielsweise +der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch +zu <em class="gesperrt">dieser</em> Form der Quincaillerie hingezogen +fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt kaum +einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie +werden doch alle Kalkreuth für einen klugen +Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der, +wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres +Thuns und Trachtens durchdrungen sein muß. +Und doch, als er den rothen Adler erhielt, während +er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn +wüthend ins Schubfach und schrie: ›Da liege, bis +du <em class="gesperrt">schwarz</em> wirst.‹ Eine Farbenänderung, die +sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«</p> + +<p>»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte +Bülow, »und offen gestanden, ein andrer +unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe +den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder +<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +los wäre,‹ gefällt mir noch besser. Uebrigens +bin ich minder streng, als es den Anschein hat. +Es giebt auch Auszeichnungen, die <em class="gesperrt">nicht</em> als Auszeichnung +ansehn zu wollen, einfach Beschränktheit +oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral Sidney +Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean +d'Acre und Verächter aller Orden, legte <em class="gesperrt">doch</em> +Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof +von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir +empfingen dieses Schaustück aus den Händen +König Richards Coeur de Lion, und geben es, +nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute +zurück, der, heldenmüthig wie er, unsre +Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und +Narr, setz ich hinzu, der sich einer <em class="gesperrt">solchen</em> Auszeichnung +<em class="gesperrt">nicht</em> zu freuen versteht.«</p> + +<p>»Schätze mich glücklich, ein solches Wort +aus Ihrem Munde zu hören,« erwiderte der +Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen +für Sie, lieber Bülow, und ist mir, Pardon, +ein neuer Beweis, daß der Teufel nicht halb so +schwarz ist, als er gemalt wird.«</p> + +<p>Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber +in eben diesem Augenblick einer der Diener an +ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der +Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, +<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +hob er die Tafel auf, und führte seine Gäste, +während er Bülows Arm nahm, auf den an den +Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau +und weiß gestreifte Marquise, deren Ringe lustig +im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen +worden, und unter ihren weit niederhängenden +<ins title="Frangen">Fransen</ins> hinweg, sah man, flußaufwärts, +auf die halb im Nebel liegenden Thürme +der Stadt, flußabwärts aber auf die Charlottenburger +Parkbäume, hinter deren eben ergrünendem +Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte +schweigend in das anmuthige Landschaftsbild hinaus, +und erst als die Dämmrung angebrochen und +eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, +nahm man Platz und setzte die holländischen +Pfeifen in Brand, unter denen jeder nach Gefallen +wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion +des Prinzen kannte, war phantasirend an dem +im Eßsaale stehenden Flügel zurückgeblieben, und +sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, +die jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden +Tischgenossen und ebenso die Lichtfunken, die von +Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.</p> + +<p>Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht +wieder aufgenommen, wohl aber sich der ersten +Veranlassung desselben, also Iffland und dem in +<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a> +Sicht stehenden neuen Schauspiele zugewandt, +bei welcher Gelegenheit Alvensleben bemerkte, +»daß er einige der in den Text eingestreuten +Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen +gelernt habe. Gemeinschaftlich mit Schach. Und +zwar im Salon der liebenswürdigen Frau von +Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe +gesungen und Schach begleitet.«</p> + +<p>»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. +»Ich höre keinen Namen jetzt öfter als <em class="gesperrt">den</em>. +Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon +früher von beiden Damen erzählt, und neuerdings +auch die Rahel. Alles vereinigt sich, mich neugierig +zu machen und Anknüpfungen zu suchen, +die sich, mein ich, unschwer werden finden lassen. +Entsinn ich mich doch des schönen Fräuleins vom +Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller +Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre +Schaustellung erwachsener und voll erblühter +Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, ›voll +erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That, +an keinem Ort und zu keiner Zeit hab ich je so +schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als auf +Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt +oder unbewußt auf Umsturz sinnenden Jugend, +alles, was heute noch herrscht, doppelt und dreifach +<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a> +anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, +ein Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht +mehr vorhanden ist. Aber gleichviel, meine Herren, +es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß +Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und +dieser interessanten Erscheinung in ihren Ursachen +nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein Thema +für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund +Buchholtz, lieber Sander, ist mir zu solchem +Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts +für ungut; er ist Ihr Freund.«</p> + +<p>»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß +ich nicht jeden Augenblick bereit wäre, ihn Euer +Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei +dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, +nicht bloß aus einem allerspeziellsten, +sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen +Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht +und Erfahrung Euer Königlichen Hoheit, eigentlich +am besten ohne Kinder bestehen, so die Freundschaften +am besten ohne Freunde. Die Surrogate +bedeuten überhaupt alles im Leben, und sind +recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«</p> + +<p>»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber +Sander,« entgegnete der Prinz, »daß Sie sich zu +solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. +<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mais révenons à notre belle Victoire.</span> Sie war +unter den jungen Damen, die durch lebende +Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, +wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine +Hebe dar, die dem Zeus eine Schale reichte. +Ja, so war es, und indem ich davon spreche, +tritt mir das Bild wieder deutlich vor die Seele. +Sie war kaum fünfzehn, und von jener Taille, +die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber +sie zerbrechen nie. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Comme un ange</span>‹, sagte der +alte Graf Neale, der neben mir stand, und mich +durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach +als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es +wäre mir eine Freude, die Bekanntschaft der +Damen erneuern zu können.«</p> + +<p>»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein +Victoire nicht wieder erkennen,« sagte Schach, +dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig +angenehm war. <ins title="Gleich">»Gleich</ins> nach dem Massowschen +Balle wurde sie von den Blattern befallen, und +nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser +Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, +aber es sind immer nur Momente, wo die seltene +Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen Schönheitsschleier +über sie wirft, und den Zauber ihrer +früheren Tage wiederherzustellen scheint.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>»Also <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">restitutio in integrum</span>,« sagte Sander.</p> + +<p>Alles lachte.</p> + +<p>»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete +Schach in einem spitzen Tone, während er sich +ironisch gegen Sander verbeugte.</p> + +<p>Der Prinz bemerkte die Verstimmung und +wollte sie coupiren. »Es hilft Ihnen nichts, +lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich +abschrecken wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte +Sie, was ist Schönheit? Einer der allervaguesten +Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien +erinnern, die wir in erster Reihe Sr. Majestät +dem Kaiser Alexander und in zweiter unsrem +Freunde Bülow verdanken? <em class="gesperrt">Alles ist schön</em> +und <em class="gesperrt">nichts</em>. Ich persönlich würde der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté +du diable</span> jederzeit den Vorzug geben, will also +sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der +des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ci-devant</span> schönen Fräuleins von Carayon +einigermaßen decken würde.«</p> + +<p>»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete +<ins title="Nostiz">Nostitz</ins>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft, +ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> an Fräulein Victoire wahrnehmen +würden. Das Fräulein hat einen +witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick +als ein Widerspruch erscheint, und doch keiner +<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a> +ist, unter allen Umständen aber als ihr charakteristischer +Zug gelten kann. Meinen Sie nicht +auch, Alvensleben?«</p> + +<p>Alvensleben bestätigte.</p> + +<p>Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren +in Fragen über die Maßen liebte, fuhr, indem +er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer +lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, +»witzig-elegisch; ich wüßte nicht, was einer +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> besser anstehn könnte. Sie +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <ins title="Herren">Herren.</ins> +Alles was Ihnen dabei vorschwebt, ist nur eine +Spielart der alleralltäglichsten Schönheitsform, der +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté coquette</span>: das Näschen ein wenig mehr +gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament +ein wenig rascher, die Manieren ein +wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit +erschöpfen Sie die höhere Form der <em class="gesperrt">beauté du +diable</em> keineswegs. Diese hat etwas Weltumfassendes, +das über eine bloße Teint- und +Rassenfrage weit hinausgeht. Ganz wie die +Katholische Kirche. Diese wie jene sind auf ein +Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in +<em class="gesperrt">unserer</em> Frage den Ausschlag giebt, heißt +Energie, Feuer, Leidenschaft.«</p> + +<p><ins title="Nostiz">Nostitz</ins> und Sander lächelten und nickten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und +wiederhole ›was ist Schönheit?‹ Schönheit, bah! +Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen +verzichtet werden, ihr Fehlen kann +sogar einen allerdirektesten Vorzug bedeuten. In +der That, lieber Schach, ich habe wunderbare +Niederlagen und noch wunderbarere Siege gesehn. +Es ist auch in der Liebe wie bei Morgarten und +Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen +und die häßlichen Bauern triumphiren. Glauben +Sie mir, das Herz entscheidet, <em class="gesperrt">nur</em> das Herz. +Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch +liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es +anders wäre. Gehen Sie die Reihe der eigenen +Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine +schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt +zu sehn! Und nicht etwa nach dem Satze +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">toujours perdrix</span>. O nein, es hat dies viel tiefre +Zusammenhänge. Das Langweiligste von der +Welt ist die lymphatisch-phlegmatische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté</span>, die +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté par excellence</span>. Sie kränkelt hier, sie +kränkelt da, ich will nicht sagen immer und nothwendig, +aber doch in der Mehrzahl der Fälle, +während meine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> die Trägerin +einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener +Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig +<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +ist mit höchstem Reiz. Und nun frag +ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon +als <em class="gesperrt">die</em> Natur, die durch die größten und gewaltigsten +Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer +gegangen ist. Ein paar Grübchen in der +Wange sind das Reizendste von der Welt, das +hat schon bei den Römern und Griechen gegolten, +und ich bin nicht ungalant und unlogisch genug, +um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und +eine Huldigung zu versagen, die der Einheit +oder dem Pärchen von Alters her gebührt. Das +paradoxe ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le laid c'est le beau</span>‹ hat seine vollkommne +Berechtigung, und es heißt nichts andres, +als daß sich hinter dem anscheinend Häßlichen +eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre +meine theure Pauline hier, wie sie's leider <em class="gesperrt">nicht</em> +ist, sie würde mir zustimmen, offen und nachdrücklich, +ohne durch persönliche Schicksale captivirt +zu sein.«</p> + +<p>Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß +er auf einen allseitigen Ausdruck des Bedauerns +wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die +Honneurs des Hauses machte, heute <em class="gesperrt">nicht</em> anwesend +zu sehn. Als aber Niemand das +Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns +die Frauen, und damit dem Wein und unsrem +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch +wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich +machen würde, die Carayon'schen Damen in dem +Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen. +Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem +Kreise der Frau von Carayon angehören, sich +zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie +Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«</p> + +<p>Beide verneigten sich.</p> + +<p>»Alles in allem wird es das Beste sein, +meine Freundin Pauline nimmt es persönlich in +die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen +Damen einen ersten Besuch machen, und ich sehe +Stunden eines angeregtesten geistigen Austausches +entgegen.«</p> + +<p>Die peinliche Stille, womit auch diese +Schlußworte hingenommen wurden, würde noch +fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in +eben diesem Moment auf den Balkon hinausgetreten +wäre. »Wie schön,« rief er und wies +mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf +in einem glühgelben Lichte stehenden Horizont.</p> + +<p>Alle waren mit ihm an die Brüstung des +Balkons getreten, und sahen flußabwärts in den +Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen +standen schwarz und schweigend die hohen +<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a> +Pappeln und selbst die Schloßkuppel wirkte nur +noch als Schattenriß.</p> + +<p>Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. +Am schönsten aber war der Anblick zahlloser +Schwäne, die, während man in den Abendhimmel +sah, vom Charlottenburger Park her in +langer Reihe herankamen. Andre lagen schon in +Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille +durch irgend was bis in die Nähe der Villa +gelockt sein mußte, denn sobald sie die Höhe derselben +erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch +ein und verlängerten die Front derer, die hier +schon still und regungslos und die Schnäbel +unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker +lagen. Nur das Rohr bewegte sich leis in ihrem +Rücken. So verging eine geraume Zeit. Endlich +aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des +Balkons, und reckte den Hals, als ob er etwas +sagen wollte.</p> + +<p>»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem +Prinzen oder Dussek oder der Sinumbralampe.«</p> + +<p>»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.</p> + +<p>»Und warum?«</p> + +<p>»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch +Dussek und ›<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sine umbra</span>‹.«</p> + +<p>Alles lachte (der Prinz mit), während Sander +<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> +allerförmlichst »zum Hofkapellmeister« gratulirte. +»Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in +Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an +ihnen zu sehen, »woher der Wind weht,« so wird +dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter +Traditionen und nicht mehr aus dem +Lande der Vorurtheile zu kommen scheinen.«</p> + +<p>Als Sander noch so sprach, setzte sich die +<ins title="Schwanenflotille">Schwanenflottille</ins>, die wohl durch die Dusseksche +Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, +und segelte flußabwärts, wie sie bis +dahin flußaufwärts gekommen war. Nur der +Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch +einmal, als ob er seinen Dank wiederholen und +sich in ceremoniellster Weise verabschieden wolle.</p> + +<p>Dann aber nahm auch er die Mitte des +Flusses, und folgte den übrigen, deren Tête +schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden +war.</p> + +<h2>Achtes Kapitel.<br/> +<small>Schach und Victoire.</small></h2> + +<p>Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, +daß in Berlin bekannt wurde, der König werde +noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, +<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a> +um auf dem Tempelhofer Felde eine +große Revue zu halten. Die Nachricht davon +weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, +weil die gesammte Bevölkerung nicht nur +dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit heimgebracht +hatte, sondern auch mehr und mehr der +Ueberzeugung lebte, daß im Letzten immer nur +unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit beziehungsweise +unsre Rettung sein werde. Welch +andre Kraft aber hatten wir als die Armee, die +Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, +immer noch die friedericianische war.</p> + +<p>In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, +der ein Sonnabend war, entgegen.</p> + +<p>Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen +an darbot, entsprach der Aufregung, die herrschte. +Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom +Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, +zu deren beiden Seiten sich die »Knapphänse«, +diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren +Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald +danach erschienen auch die Equipagen der vornehmen +Welt, unter diesen <em class="gesperrt">die</em> Schachs, die für +den heutigen Tag den Carayonschen Damen zur +Disposition gestellt worden war. Im selben +Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +von der Recke, früher Offizier, der, als naher +Anverwandter Schachs, die Honneurs und zugleich +den militärischen Interpreten machte. Frau +von Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid +und eine Mantille von gleicher Farbe, während +von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein +blauer Schleier im Winde flatterte. Neben dem +Kutscher saß der Groom und erfreute sich der +Huld beider Damen, ganz besonders auch der +ziemlich willkürlich accentuirten englischen Worte, +die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.</p> + +<p>Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs +angemeldet worden, aber lange vorher schon erschienen +die zur Revue befohlenen, altberühmten +Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim +und Möllendorff, ihre Janitscharenmusik vorauf. +Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps, +Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt +in einer immer dicker werdenden Staubwolke die +Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und +klapperten, die zum Theil schon bei Prag und +Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und +Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer +Jubel begleitete den Anmarsch, und wahrlich, +wer sie so heranziehen sah, dem mußte das Herz +in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +Auch die Carayons theilten das allgemeine Gefühl, +und nahmen es als bloße Verstimmung oder +Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke +sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: +»Prägen wir uns diesen Anblick ein, meine +Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung +eines alten Mannes, wir werden diese Pracht +nicht wiedersehen. Es ist die Abschiedsrevue der +friedericianischen Armee.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer +Felde leicht erkältet und blieb in ihrer Wohnung +zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel +fuhr, ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt +hatte, zu keiner Zeit aber mehr als damals, wo +sich zu der künstlerischen Anregung auch noch +etwas von wohlthuender politischer Emotion +gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, Tell erschienen +gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs +»politischer Zinngießer«, der, wie Publikum und +Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten, um ein +Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse +zu lärmenden Demonstrationen geeignet war.</p> + +<p>Victoire war allein. Ihr that die Ruhe +wohl und in einen türkischen Shawl gehüllt, lag +sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, +<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +den sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt +empfangen und in jenem Augenblicke nur flüchtig +gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer +freilich, als sie von der Revue wieder zurückgekommen +war.</p> + +<p>Es war ein Brief von Lisette.</p> + +<p>Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, +und las eine Stelle, die sie schon vorher mit +einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du +mußt wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon +für dies offne Geständniß, mancher Aeußerung +in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben +schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, +wenn Du schreibst, daß Du Dich in ein Respektsverhältniß +zu S. hineindenkst. Er würde selber +lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich +plötzlich so verletzt fühlen, ja, verzeihe, so piquirt +werden konntest, als er den Arm Deiner Mama +nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu +denken, wie denn auch andres noch, was Du +speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich +lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen, von +der ich Dich noch nicht kannte, von der argwöhnischen +nämlich. Und nun, meine theure +Victoire, hab ein freundliches Ohr für das, was +ich Dir in Bezug auf diesen wichtigen Punkt zu +<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a> +sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst +Dich ein für allemal nicht in ein Mißtrauen +gegen Personen hineinleben, die durchaus den +entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und +zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. +Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß +Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, +und entweder Deine gute Meinung über S., +oder aber Dein Mißtrauen <em class="gesperrt">gegen</em> ihn fallen +lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, +›ja, das Ritterliche‹, fügst Du hinzu, ›sei so +recht eigentlich seine Natur‹, und im selben +Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn +Dein Argwohn einer Handelsweise, die, träfe sie +zu, das Unritterlichste von der Welt sein würde. +Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist +entweder ein Mann von Ehre, oder man ist es +nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei +gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal +versichert, <em class="gesperrt">Dir lügt der Spiegel</em>. Es ist nur +<em class="gesperrt">Eines</em>, um dessentwillen wir Frauen leben, wir +leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber +<em class="gesperrt">wodurch</em> wir es gewinnen, ist gleichgiltig.«</p> + +<p>Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. +»Es räth und tröstet sich leicht aus einem vollen +Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie großmüthig. +<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a> +Arme Worte, die von des Reichen +Tische fallen.«</p> + +<p>Und sie bedeckte beide Augen mit ihren +Händen.</p> + +<p>In diesem Augenblick hörte sie die Klingel +gehen, und gleich danach ein zweites Mal, ohne +daß jemand von der Dienerschaft gekommen +wäre. Hatten es Beate und der alte Jannasch +überhört? Oder waren sie fort? Eine Neugier +überkam sie. Sie ging also leise bis an die +Thür und sah auf den Vorflur hinaus. Es war +Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu +thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und +bat ihn einzutreten.</p> + +<p>»Sie klingelten so leise. Beate wird es +überhört haben.«</p> + +<p>»Ich komme nur, um nach dem Befinden +der Damen zu fragen. Es war ein prächtiges +Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind +ging doch ziemlich scharf ....«</p> + +<p>»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. +Ich fiebre, nicht gerade heftig, aber wenigstens +<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <ins title="mußte">mußte.</ins> Der +Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln +zu dürfen) und diese Tisane, von der Beate +wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama +wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten. Aber +Sie kennen ihre Passion für alles, was Schauspiel +heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich +auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, +mich verlangte nach Ruhe.«</p> + +<p>»Die nun mein Erscheinen <em class="gesperrt">doch</em> wiederum +stört. Aber nicht auf lange, nur gerade lange +genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, +einer Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise +zu spät komme, wenn Alvensleben schon +gesprochen haben sollte.«</p> + +<p>»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es +nicht Dinge sind, die Mama für gut befunden +hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«</p> + +<p>»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn +es ist ein Auftrag, der sich an Mutter und +Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner +beim Prinzen, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cercle intime</span>, zuletzt natürlich auch +Dussek. Er sprach vom Theater (von was +andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum +Schweigen, was vielleicht eine That war.«</p> + +<p>»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«</p> + +<p>»Ich verkehre lange genug im Salon der +Frau von Carayon, um wenigstens in den Elementen +dieser Kunst unterrichtet zu sein.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. +Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der +Mama bringen. Und wenigstens der Tortur +einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«</p> + +<p>»Ich wüßte keine liebere Strafe.«</p> + +<p>»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der +Prinz ....«</p> + +<p>»Er will Sie sehen, <em class="gesperrt">beide</em>, Mutter und +Tochter. Frau Pauline, die, wie Sie vielleicht +wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen +eine Einladung überbringen.«</p> + +<p>»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich +zu besondrer Ehre rechnen werden.«</p> + +<p>»Was mich nicht wenig überrascht. Und +Sie können, meine theure Victoire, dies kaum +im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir +ein gnädger Herr, und ich lieb ihn <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de tout mon +coeur</span>. Es bedarf keiner Worte darüber. Aber +er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, +oder, wenn Sie mir den Vergleich gestatten +wollen, ein Licht, das mit einem Räuber brennt. +Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug +so vieler Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern +gleich hervorragend zu sein, oder es +noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd +ein Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +grundsatzlos und rücksichtslos, sogar ohne Rücksicht +auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste +ist. Sie kennen seine Beziehungen zu +Frau Pauline?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und ....«</p> + +<p>»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, +ist etwas andres als sie verurtheilen. Mama +hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu +kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht +Recht? Ich frage Sie, lieber Schach, was würd +aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, +wenn wir uns innerhalb unsrer Umgangs- und +Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen +und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit +ihres Wandels hin prüfen wollten? Etwa durch +eine Wasser- und Feuerprobe. Die Gesellschaft +ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie +verwirft, ist verwerflich. Außerdem liegt hier +alles exzeptionell. Der Prinz ist ein Prinz, +Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... +bin ich.«</p> + +<p>»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, +Victoire?«</p> + +<p>»Ja. Die Götter balanciren. Und wie +mir Lisette Perbandt eben schreibt: ›wem genommen +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +wird, dem wird auch gegeben‹. In +meinem Falle liegt der Tausch etwas schmerzlich, +und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu +haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an +dem eingetauschten Guten vorüber, und freue +mich meiner Freiheit. Wovor andre meines +Alters und Geschlechts erschrecken, das darf ich. +An dem Abende bei Massows, wo man mir zuerst +huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, +eine Sklavin. Oder doch abhängig von hundert +Dingen. Jetzt bin ich frei.«</p> + +<p>Schach sah verwundert auf die Sprecherin. +Manches, was der Prinz über sie gesagt hatte, +ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen +oder Einfälle? War es Fieber? Ihre +Wangen hatten sich geröthet, und ein aufblitzendes +Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck +einer trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte +jedoch sich in den leichten Ton, in dem ihr +Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und +sagte: »Meine theure Victoire scherzt. Ich +möchte wetten, es ist ein Band Rousseau, was +da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit +dem Dichter.«</p> + +<p>»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein +anderer, der mich <em class="gesperrt">mehr</em> interessirt.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>»Und <em class="gesperrt">wer</em>, wenn ich neugierig sein darf?«</p> + +<p>»Mirabeau.«</p> + +<p>»Und warum <em class="gesperrt">mehr</em>?«</p> + +<p>»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste +bestimmt immer unser Urtheil. Oder +doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein +spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien +wuchs er auf. ›Ah, das schöne Kind,‹ hieß es +tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles +hin, hin wie .... wie ....«</p> + +<p>»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht +aussprechen.«</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> es aber, und würde den Namen +meines Gefährten und Leidensgenossen zu meinem +<em class="gesperrt">eigenen</em> machen, wenn ich es könnte. Victoire +<em class="gesperrt">Mirabeau</em> de Carayon, oder sagen wir Mirabelle +de Carayon, das klingt schön und ungezwungen, +und wenn ich's recht übersetze, so heißt +es Wunderhold.«</p> + +<p>Und dabei lachte sie voll Uebermuth und +Bitterkeit. Aber die Bitterkeit klang vor.</p> + +<p>»Sie dürfen <em class="gesperrt">so</em> nicht lachen, Victoire, nicht +<em class="gesperrt">so</em>. Das kleidet Ihnen nicht, das verhäßlicht +Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, – <em class="gesperrt">verhäßlicht</em> +Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als +er enthusiastisch von Ihnen sprach. Armes Gesetz +<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> +der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist +das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper +schafft oder ihn durchleuchtet und verklärt.«</p> + +<p>Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit +verließ sie, und ein Frost schüttelte sie. Sie zog +den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre +Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte +nach ihrem Herzen.</p> + +<p>»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie +wüthen nutzlos gegen sich selbst, und sind um +nichts besser als der Schwarzseher, der nach +allem Trüben sucht und an Gottes hellem +Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie, +fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr +Anrecht auf Leben und Liebe. War ich denn +blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich +demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben +Sie's getroffen, ein für allemal. Alles ist +Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, +ja Wunderhold!«</p> + +<p>Ach, das waren die Worte, nach denen ihr +Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu +waffnen suchte.</p> + +<p>Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg +in einer süßen Betäubung.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr +draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen +gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans +Fenster und sah auf die Straße.</p> + +<p>»Was erregt Dich?«</p> + +<p>»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«</p> + +<p>»Du hörst zu fein.«</p> + +<p>Aber sie schüttelte den Kopf, und im +selben Augenblicke fuhr der Wagen der Frau +von Carayon vor.</p> + +<p>»Verlassen Sie mich .... Bitte.«</p> + +<p>»Bis auf morgen.«</p> + +<p>Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken +werde, der Begegnung mit Frau von Carayon +auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte +durch Vorzimmer und Korridor.</p> + +<p>Alles war still und dunkel unten, und nur +von der Mitte des Hausflurs her fiel ein Lichtschimmer +bis in die Nähe der obersten Stufen. +Aber das Glück war ihm hold. Ein breiter +Pfeiler, der bis dicht an die Treppenbrüstung +vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei +Hälften, und hinter diesen Pfeiler trat er und +wartete.</p> + +<p>Victoire stand in der Glasthür und empfing +die Mama.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich +Dich erwartet!«</p> + +<p>Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld +und dann die Lüge,« klang es in ihm. »Das +alte Lied.«</p> + +<p>Aber die Spitze seiner Worte richtete sich +gegen ihn und nicht gegen Victoire.</p> + +<p>Dann trat er aus seinem Versteck hervor +und schritt rasch und geräuschlos die Treppe +hinunter.</p> + +<h2>Neuntes Kapitel.<br/> +<small>Schach zieht sich zurück.</small></h2> + +<p>»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort +gewesen, aber er kam nicht. Auch am +zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte +sich's zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken +wollte, nahm sie Lisettens Brief und las immer +wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte. +»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein +Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus +den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. +Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. +Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß Du +ganz einfach vor einer Alternative stehst, und +<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +entweder Deine gute Meinung über S., oder +aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallen lassen +mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb +ihr eine Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles +nur ....« Und es übergoß sie mit Blut.</p> + +<p>Endlich am vierten Tage kam er. Aber es +traf sich, daß sie kurz vorher in die Stadt gegangen +war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von +seinem Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, +habe zwei-, dreimal nach ihr gefragt, und ein +Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren +Veilchen und Rosen, die das Zimmer mit ihrem +Dufte füllten. Victoire, während ihr die Mama +von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen +leichten und übermüthigen Ton anzuschlagen, aber +ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen, +und sie zog sich zurück, um sich in zugleich +glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.</p> + +<p>Inzwischen war der Tag herangekommen, +wo die »Weihe der Kraft« gegeben werden sollte. +Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, +ob die Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? +Es war eine bloße Form, denn er +wußte, daß es so sein werde.</p> + +<p>Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach +saß den Carayons gegenüber und grüßte mit +<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a> +großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb +es, und er kam nicht in ihre Loge hinüber, eine +Zurückhaltung, über die Frau von Carayon kaum +weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit +indessen, den das hinsichtlich des Stücks in zwei +Lager getheilte Publikum führte, war so heftig +und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit +hingerissen wurden und momentan wenigstens +alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem Heimweg +kehrte die Verwunderung über Schachs +Benehmen zurück.</p> + +<p>Am andern Vormittage ließ er sich melden. +Frau von Carayon war erfreut, Victoire jedoch, +die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. +Er hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, +um einen bequemen Plauderstoff zu haben und +mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit eines +ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. +Er küßte der Frau von Carayon die +Hand und wandte sich dann gegen <ins title="Victoiren">Victoire</ins>, um +dieser sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem +letzten Besuche verfehlt zu haben. Man entfremde +sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er +sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er +es mit tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit +gesagt habe. Sie sann darüber nach, +<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a> +aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte +sich das Gespräch dem Stücke zu.</p> + +<p>»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.</p> + +<p>»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete +Schach, »die fünf Stunden spielen. Ich wünsche +Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine +Strapaze.«</p> + +<p>»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, +und beiläufig ein Mißstand, dem ehestens +abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit erheblichen +Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr +Urtheil über das Stück.«</p> + +<p>»Es hat mich <em class="gesperrt">nicht</em> befriedigt.«</p> + +<p>»Und warum nicht?«</p> + +<p>»Weil es alles auf den Kopf stellt. <em class="gesperrt">Solchen</em> +Luther hat es Gott sei Dank nie gegeben, und +wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin +zurückführen, von wo der echte Luther uns +seinerzeit wegführte. Jede Zeile widerstreitet dem +Geist und Jahrhundert der Reformation; alles +ist Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein +unerlaubtes und beinah kindisches Spiel mit +Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich +wurde beständig an das Bild Albrechts Dürers +erinnert, wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet +oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in Soest, +<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +wo statt des Osterlamms ein westfälischer +Schinken in der Schüssel liegt. In diesem seinwollenden +Lutherstück aber liegt ein allerpfäffischster +Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus +von Anfang bis Ende.«</p> + +<p>»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, +das <em class="gesperrt">Stück</em>?«</p> + +<p>»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet +nichts. Oder soll ich mich für Katharina von +Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich +keine war.«</p> + +<p>Victoire senkte den Blick und ihre Hand +zitterte. Schach sah es, und über seinen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux +pas</span> erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich +überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet +werde, von einem angekündigten Proteste +der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von Iffland, +vom Dichter selbst, und schloß endlich mit +einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten +Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß Fräulein +Victoire noch den Abend in Erinnerung +habe, wo er diese Lieder am Klavier begleiten +durfte.</p> + +<p>All dies wurde sehr freundlich gesprochen, +aber so freundlich es klang, so fremd klang es +auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, +<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a> +daß es nicht <em class="gesperrt">die</em> Sprache war, die sie fordern +durfte. Sie war bemüht, ihm unbefangen +zu antworten, aber es blieb ein äußerliches +Gespräch bis er ging.</p> + +<p>Den Tag nach diesem Besuche kam Tante +Marguerite. Sie hatte bei Hofe von dem +schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie +noch gar keins,« und so wollte sie's gerne sehn. +Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm +sie mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich +sehr gekürzt worden war, blieb auch noch Zeit +daheim eine halbe Stunde zu plaudern.</p> + +<p>»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, +»wie hat es Dir gefallen?«</p> + +<p>»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch +den Hauptpunkt in unsrer gereinigten Kürche.«</p> + +<p>»Welchen meinst Du, liebe <ins title="Tante.">Tante?</ins>«</p> + +<p>»Nun <em class="gesperrt">den</em> von der chrüstlichen Ehe.«</p> + +<p>Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und +sagte dann: »Ich dachte, dieser Hauptpunkt in +unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, +also z. B. in der Lehre vom Abendmahl.«</p> + +<p>»O nein, meine liebe Victoire, <em class="gesperrt">das</em> weiß +ich ganz genau. Mit oder ohne Wein, das +macht keinen so großen Unterschied; aber ob +unsre <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">prédicateurs</span> in einer sittlich getrauten Ehe +<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> +leben oder nicht, <em class="gesperrt">das</em>, mein Engelchen, ist von +einer würklichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">importance</span>.«</p> + +<p>»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz +Recht,« sagte Frau von Carayon.</p> + +<p>»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles +Erwarten Belobigte fort, »was das Stück <em class="gesperrt">will</em>, +und was man um so deutlicher sieht, als die +Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. +Oder doch zum wenigstens viel hübscher, als sie +würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber +nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher +Mann, und lange nicht so hübsch als <em class="gesperrt">er</em>. Ja +werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel +weiß ich auch.«</p> + +<p>Frau von Carayon lachte herzlich.</p> + +<p>»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister +von Schach ist würklich ein <em class="gesperrt">sehr</em> angenehmer +Mann, und ich denke noch ümmer an +Tempelhof und den aufrechtstehenden Ritter .... +Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll auch +einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und +von wem ich es habe? Nun? Von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la petite +Princesse Charlotte</span>.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>Zehntes Kapitel.<br/> +<small>»Es muß etwas geschehn.«</small></h2> + +<p>Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor +gegeben, und Berlin hörte nicht auf in zwei +Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch +war, war <em class="gesperrt">für</em>, alles was freisinnig +war, <em class="gesperrt">gegen</em> das Stück. Selbst im Hause +Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während +die Mama theils um des Hofes, theils um ihrer +eignen »Gefühle« willen überschwänglich mitschwärmte, +fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten +abgestoßen. Sie fand alles unwahr +und unecht, und versicherte, daß Schach in jedem +seiner Worte Recht gehabt habe.</p> + +<p>Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber +doch immer nur, wenn er sicher sein durfte, Victoiren +in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er +bewegte sich wieder viel in den »großen Häusern,« +und legte, wie Nostitz spottete, den Radziwills +und Carolaths zu, was er den Carayons entzog. +Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst +Victoire versuchte, den gleichen Ton zu treffen. +Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie +träumte so hin, und nur eigentlich traurig war +sie nicht. Noch weniger unglücklich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>Unter denen, die sich mit dem Stück, also +mit der Tagesfrage beschäftigten, waren auch die +Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon +ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein <em class="gesperrt">Für</em> +oder <em class="gesperrt">Wider</em> einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich +auf seine komische Seite hin an, und +fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, +in Katharina von Boras, »neunjähriger Pflegetochter« +und endlich in dem beständig Flöte +spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff +für ihren Spott und Uebermuth.</p> + +<p>Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen +Tagen war die Wachtstube des Regiments, wo +die jüngeren Kameraden den dienstthuenden +Offizier zu besuchen und sich bis in die Nacht +hinein zu divertiren pflegten. Unter den Gesprächen, +die man in Veranlassung der neuen +Komödie hier führte, kamen Spöttereien wie die +vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung, +und als einer der Kameraden daran erinnerte, +daß das neuerdings von seiner früheren Höhe +herabgestiegene Regiment eine Art patriotische +Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu +zeigen, brach ein ungeheurer Jubel aus, an +dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas geschehen +müsse.« Daß es sich dabei lediglich um +<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +eine Travestie der »Weihe der Kraft«, etwa +durch eine Maskerade, handeln könne, stand von +vornherein fest, und nur über das »wie« gingen +die Meinungen noch auseinander. In Folge +davon beschloß man, ein paar Tage später eine +<em class="gesperrt">neue</em> Zusammenkunft abzuhalten, in der nach +Anhörung einiger Vorschläge, der eigentliche Plan +fixirt werden sollte.</p> + +<p>Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als +Tag und Stunde da waren, waren einige zwanzig +Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen: +Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck +und Diricke, Graf Haeseler, Graf Herzberg, +von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, +und nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant +von Zieten, ein kleines, häßliches und säbelbeiniges +Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft +mit dem berühmten General und beinahe mehr +noch durch eine keck in die Welt hineinkrähende +Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen +Tugenden abging. Auch Nostitz und +Alvensleben waren erschienen. Schach fehlte.</p> + +<p>»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.</p> + +<p>»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. +»Der längste oder der kürzeste. Will also sagen, +Nostitz oder Zieten.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, +und der so durch Akklamation Gewählte nahm +auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. +Flaschen und Gläser standen die lange Tafel +entlang.</p> + +<p>»Rede halten: Assemblée nationale ....«</p> + +<p>Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, +und klopfte dann erst mit dem ihm als Zeichen +seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf +den Tisch.</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Silentium, Silentium.</span>«</p> + +<p>»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, +Erben eines alten Ruhmes auf dem Felde +militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir +haben nicht nur der Schlacht die Richtung, wir haben +auch der Gesellschaft den <em class="gesperrt">Ton</em> gegeben), Kameraden, +sag ich, wir sind schlüssig geworden: <em class="gesperrt">es +muß etwas geschehn!</em>«</p> + +<p>»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«</p> + +<p>»Und neu geweiht durch die ›Weihe der +Kraft‹, haben wir, dem alten Luther und uns +selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu bewerkstelligen, +von dem die spätesten Geschlechter +noch melden sollen. Es muß etwas Großes +werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet, +der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So +<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a> +viel steht fest. Aber Wesen und Charakter dieses +Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem +Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin +bereit, Ihre Vorschläge der Reihe nach entgegen +zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, +melde sich.«</p> + +<p>Unter denen, die sich meldeten, war auch +Lieutenant von Zieten.</p> + +<p>»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das +Wort.«</p> + +<p>Dieser erhob sich und sagte, während er sich +leicht auf der <ins title="Stuhllene">Stuhllehne</ins> wiegte: »Was ich vorzuschlagen +habe, heißt <em class="gesperrt">Schlittenfahrt</em>.«</p> + +<p>Alle sahen einander an, Einige lachten.</p> + +<p>»Im Juli?«</p> + +<p>»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter +den Linden wird Salz gestreut, und über diesen +Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar +aufgelöste Nonnen; in dem großen Hauptschlitten +aber, der die Mitte des Zuges bildet, paradiren +Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, +während Katharinchen auf der Pritsche reitet. +<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Ad libitum</span> mit Fackel oder Schlittenpeitsche. +Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden +dem Theater entnommen oder angefertigt. Ich +habe gesprochen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der +Ruhe gebietende Nostitz endlich durchdrang. »Ich +nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und +beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem +einzigen und ersten Meisterschuß gleich ins Schwarze +getroffen zu haben. Also <ins title="Schlittenfahrt">Schlittenfahrt.</ins> Angenommen?«</p> + +<p>»Ja, ja.«</p> + +<p>»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. +Wer giebt den Luther?«</p> + +<p>»Schach.«</p> + +<p>»Er wird ablehnen.«</p> + +<p>»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den +schönen, ihm bei mehr als einer Gelegenheit vorgezogenen +Schach eine Spezialmalice hegte: »wie +kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn +besser. Er wird es freilich eine halbe Stunde +lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen +und sein Normal-Oval in eine bäurische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">tête +carré</span> verwandeln zu müssen. Aber schließlich +wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen +Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden +der Held des Tages zu sein.«</p> + +<p>Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war +von der Wache her ein Gefreiter eingetreten, um +ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>»Ah, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">lupus in fabula</span>.«</p> + +<p>»Von Schach?«</p> + +<p>»Ja!«</p> + +<p>»Lesen, lesen!«</p> + +<p>Und Nostitz erbrach den Brief und las. +»Ich bitte Sie, lieber Nostitz, bei der muthmaßlich +in eben diesem Augenblicke stattfindenden Versammlung +unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler +und wenn nöthig, auch meinen Anwalt +machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, +und war anfänglich gewillt zu kommen. +Inzwischen aber ist mir mitgetheilt worden, um +was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln +wird, und diese Mittheilung hat meinen Entschluß +geändert. Es ist Ihnen kein Geheimniß, daß all +das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, +und so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen +können, wie viel oder wie wenig ich (dem +schon ein <em class="gesperrt">Bühnen</em>-Luther <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">contre coeur</span> war) für +einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß +wir diesen Mummenschanz in eine Zeit verlegen, +die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch +nehmen darf, bessert sicherlich nichts. +Jüngeren Kameraden soll aber durch diese meine +Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, +und jedenfalls darf man sich meiner Diskretion +<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +versichert halten. Ich bin nicht das Gewissen +des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. +Ihr Schach.«</p> + +<p>»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, +während er das Schachsche Billet an dem ihm +zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad +Zieten ist größer in Vorschlägen und Phantastik, +als in Menschenkenntniß. Er will mir antworten, +seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn +in diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer +spielt den Luther? Ich bringe den Reformator +unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. +Zum Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. +Niemand? So bleibt mir nichts übrig als Ernennung: +Alvensleben, Sie.«</p> + +<p>Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu +wie Schach; machen Sie das Spiel, ich bin kein +Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht +mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir +dazu zu viel Katechismus <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Lutheri</span> im Leibe.«</p> + +<p>Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles +zu seiner Zeit,« nahm er das Wort »und wenn +der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz +wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu +gewissenhaft, zu feierlich, zu pedantisch. Auch +darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich +<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +gut oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den +alten Luther nicht verhöhnen wollen, im Gegentheil, +wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden +soll, ist das <em class="gesperrt">Stück</em>, ist die Lutherkarrikatur, ist +der Reformator in falschem Licht und an falscher +Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz aller +oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen +uns nicht im Stiche lassen oder es fällt alles in +den Brunnen.«</p> + +<p>Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber +Alvensleben blieb fest, und eine kleine Verstimmung +schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb +von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge +Graf Herzberg erhob, um sich für die Lutherrolle +zu melden.</p> + +<p>Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete +sich rasch, und ehe zehn Minuten um waren, +waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf +Herzberg den Luther, Diricke den Famulus, +Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, die +Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach +als Nonnenmaterial eingeschrieben, und nur +Zieten, dem man sich besonders verpflichtet +fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn +auch sofort, auf seinem Schlittensitz ein »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">jeu</span> +entriren« oder mit dem Klostervogt eine Partie +<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel +brach aus, und nachdem noch in aller Kürze der +nächste Montag für die Maskerade festgesetzt, +alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten +worden war, schloß Nostitz die Sitzung.</p> + +<p>In der Thür drehte sich Diricke noch einmal +um, und fragte: »Aber wenn's regnet?«</p> + +<p>»Es darf nicht regnen.«</p> + +<p>»Und was wird aus dem Salz?«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C'est pour les domestiques.</span>«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Et pour la canaille</span>,« schloß der jüngste +Cornet.</p> + +<h2>Elftes Kapitel.<br/> +<small>Die Schlittenfahrt.</small></h2> + +<p>Schweigen war gelobt worden, und es blieb +auch wirklich verschwiegen. Ein vielleicht einzig +dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der +Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« +und mal wieder über einem jener tollen Streiche +brüteten, um derentwillen sie vor andern Regimentern +einen Ruf hatten, aber man erfuhr +weder worauf die Tollheit hinauslaufen werde, +noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst +die Carayonschen Damen, an deren letztem +<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +Empfangsabende weder Schach noch Alvensleben +erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, +und so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« +über Näher- und Fernerstehende +gleichmäßig überraschend herein.</p> + +<p>In einem der in der Nähe der Mittel- und +Dorotheenstraße gelegenen Stallgebäude hatte +man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein +Dutzend prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern +begleiteter Vorreiter vorauf, ganz also +wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit +dem Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude +vorüber auf die Linden zu, jagte weiter abwärts +erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend +in die Behren- und Charlottenstraße hinein +und wiederholte diese Fahrt um das ebenbezeichnete +Linden-Quarré herum in einer immer +gesteigerten Eile.</p> + +<p>Als der Zug das <em class="gesperrt">erste</em> Mal an dem +Carayonschen Hause vorüberkam und das Licht +der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben +der Bel-Etage fiel, eilte Frau von Carayon, die +sich zufällig allein befand, erschreckt ans Fenster +und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des +Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte +sie nur, wie mitten im Winter, ein Knallen +<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit Schellengeläut +dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu +finden im Stande war, war alles schon wieder +vorüber und ließ sie verwirrt und fragend und +in einer halben Betäubung zurück. In solchem +Zustande war es, daß Victoire sie fand.</p> + +<p>»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«</p> + +<p>Aber ehe Frau von Carayon antworten +konnte, war die Spitze der Maskerade zum +<em class="gesperrt">zweiten</em> Male heran, und Mutter und Tochter, +die jetzt rasch und zu bessrer Orientirung von +ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon hinausgetreten +waren, waren von diesem Augenblick an +nicht länger mehr im Zweifel, was das Ganze +bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und +was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe +von Aebtissin an der Spitze, johlend, trinkend +und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges +ein auf Rollen laufender und in der Fülle seiner +Vergoldung augenscheinlich als Triumphwagen +gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt +Famulus und auf der Pritsche Katharina von +Bora saß. An der riesigen Gestalt erkannten sie +Nostitz. Aber wer war <em class="gesperrt">der</em> auf dem Vordersitz? +fragte sich Victoire. Wer verbarg sich hinter +dieser Luther-Maske? War <em class="gesperrt">er</em> es? Nein, es +<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +war unmöglich. Und doch, auch wenn er es +<em class="gesperrt">nicht</em> war, er war doch immer ein Mitschuldiger +in diesem widerlichen Spiele, das er gutgeheißen +oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche +verkommne Welt, wie pietätlos, wie baar aller +Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. Ein Gefühl +unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt +und das Reine durch den Schlamm gezogen zu +sehen. Und warum? Um einen Tag lang von +sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit +willen. Und <em class="gesperrt">das</em> war die Sphäre, darin sie +gedacht und gelacht, und gelebt und gewebt, und +darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das +Schlimmste von allem, an Liebe geglaubt hatte!</p> + +<p>»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den +Arm der Mutter nahm, und wandte sich, um in +das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen +konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht +überrascht und sank auf der Schwelle des Balkons +nieder.</p> + +<p>Die Mama zog die Klingel, Beate kam, +und beide trugen sie bis an das Sopha, wo sie +gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe +befallen wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, +sank wieder in die Kissen, und als die Mutter +ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser +<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +waschen wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber +im nächsten Augenblick riß sie der Mama das +Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals +und Nacken. »Ich bin mir zuwider, zuwider wie +die Welt. In meiner Krankheit damals hab ich +Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir +<em class="gesperrt">sollen</em> nicht um unser Leben bitten .... Gott +weiß am besten, was uns frommt. Und wenn +er uns zu sich hinaufziehen will, so sollen wir +nicht bitten: laß uns noch .... O, wie schmerzlich +ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«</p> + +<p>Frau von Carayon kniete neben dem Sopha +nieder und sprach ihr zu. Denselben Augenblick +aber schoß der Schlittenzug zum <em class="gesperrt">dritten</em> Mal +an dem Hause vorüber, und wieder war es, als +ob sich schwarze phantastische Gestalten in dem +glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist +es nicht wie die Hölle?« sagte Victoire, während +sie nach dem Schattenspiel an der Decke +zeigte.</p> + +<p>Frau von Carayon schickte Beaten, um den +Arzt rufen zu lassen. In Wahrheit aber lag +ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein +und einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.</p> + +<p>»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst +und zitterst. Und siehst so starr. Ich erkenne +<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a> +meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, +Kind, was ist denn geschehen? Ein toller Streich +mehr, einer unter vielen, und ich weiß Zeiten, +wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt +hättest. Es ist etwas andres, was Dich +quält und drückt; ich seh es seit Tagen schon. +Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. +Ich beschwöre Dich, Victoire, sprich. +Du darfst es. Es sei, was es sei.«</p> + +<p>Victoire schlang ihren Arm um Frau von +Carayons Hals, und ein Strom von Thränen +entquoll ihrem Auge.</p> + +<p>»Beste Mutter!«</p> + +<p>Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie +und beichtete ihr alles.</p> + +<h2>Zwölftes Kapitel.<br/> +<small>Schach bei Frau von Carayon.</small></h2> + +<p>Am andern Vormittage saß Frau von Carayon +am Bette der Tochter und sagte, während +diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen +ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: +»Habe Vertrauen, Kind. Ich kenn ihn +so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach +Art aller schönen Männer, aber von einem nicht +<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> +gewöhnlichen Rechtsgefühl und einer untadligen +Gesinnung.«</p> + +<p>In diesem Augenblicke wurde Rittmeister +von Schach gemeldet, und der alte Jannasch +setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt +habe.«</p> + +<p>Frau von Carayon nickte zustimmend.</p> + +<p>»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte +Victoire.</p> + +<p>»Weil Du's geträumt?«</p> + +<p>»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur +und rechne. Seit einiger Zeit weiß ich im +voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit +er erscheinen wird. Er kommt immer, +wenn etwas geschehen ist oder eine Neuigkeit +vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er +geht einer intimen Unterhaltung mit mir aus +dem Wege. So kam er nach der Aufführung +des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung +der Schlittenfahrt. Ich bin doch begierig, +ob er mit dabei war. War er's, so sag +ihm, wie sehr es mich verletzt hat. Oder sag es +lieber nicht.«</p> + +<p>Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine +süße Victoire, Du bist zu gut, viel zu gut. Er +verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die +<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +Tochter und ging über den Korridor fort in den +Salon, wo Schach ihrer wartete.</p> + +<p>Dieser schien weniger befangen als sonst +und verbeugte sich ihr die Hand zu küssen, was +sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr +Benehmen verändert. Sie wies mit einem +Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf einen +der zur Seite stehenden japanischen Stühle, +schob sich ein Fußkissen heran, und nahm ihrerseits +auf dem Sopha Platz.</p> + +<p>»Ich komme, nach dem Befinden der Damen +zu fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen, +ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren +Augen gefunden hat oder nicht.«</p> + +<p>»Offen gestanden, nein. Ich, für meine +Person, fand es wenig passend, und Victoire +fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«</p> + +<p>»Ein Gefühl, das ich theile.«</p> + +<p>»So waren Sie nicht mit von der Partie?«</p> + +<p>»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, +es noch erst versichern zu müssen. Sie kennen +ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure +Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir +zuerst über das Stück und seinen Verfasser +sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso +noch heut. Ernste Dinge fordern auch eine +<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +ernste Behandlung, und es freut mich aufrichtig, +Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie +zu Haus?«</p> + +<p>»Zu Bett.«</p> + +<p>»Ich hoffe nichts Ernstliches.«</p> + +<p>»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines +Brust- und Weinkrampfes, von dem sie gestern +Abend befallen wurde.«</p> + +<p>»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. +Ich beklag es von ganzem Herzen.«</p> + +<p>»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu +Danke verpflichtet. In dem Degoût über die +Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste +sich ihr die Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, +und vertraute mir ein Geheimniß an, ein Geheimniß, +das Sie kennen.«</p> + +<p>Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war +wie mit Blut übergossen.</p> + +<p>»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon +fort, während sie jetzt seine Hand nahm und ihn +aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah: +»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, +Ihnen eine Szene zu machen oder gar eine +Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die +mir am meisten verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. +Ich habe von Jugend auf in der +<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a> +Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches +an meinem eignen Herzen erfahren. Und wär +ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern +verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor +<em class="gesperrt">Ihnen</em>?«</p> + +<p>Sie schwieg einen Augenblick, während sie +mit ihrem Battisttuch ihre Stirn berührte. +Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte +hinzu: »Freilich es giebt ihrer, und nun gar +unter uns Frauen, die den Spruch von der +Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, +dahin deuten, daß das Heute nicht wissen soll, +was das Gestern that. Oder wohl gar das +Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen +Virtuosinnen des Vergessens. Ich leugne nichts, +will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen +Sie mich, wenn Sie können.«</p> + +<p>Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, +und seine ganze Haltung zeigte, welche Gewalt +sie noch immer über ihn ausübte.</p> + +<p>»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, +ich gebe mich Ihrem Urtheil preis. Aber wenn +ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung +oder Anwaltschaft für Josephine +von Carayon enthalte, für <em class="gesperrt">Josephine</em> (Verzeihung, +Sie haben eben selbst den alten +<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +Namen wieder heraufbeschworen) so darf ich doch +nicht darauf verzichten, der Anwalt der <em class="gesperrt">Frau</em> +von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres +Namens.«</p> + +<p>Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. +Sie ließ es aber nicht zu. »Noch einen Augenblick. +Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu +sagen habe. Victoire hat mich gebeten, über +<em class="gesperrt">alles</em> zu schweigen, nichts zu verrathen, auch +<em class="gesperrt">Ihnen</em> nicht, und nichts zu verlangen. Zur +Sühne für eine halbe Schuld (und ich rechne +hoch, wenn ich von einer <em class="gesperrt">halben</em> Schuld spreche) +will sie die <em class="gesperrt">ganze</em> tragen, auch vor der Welt, +und will sich in jenem romantischen Zuge, der +ihr eigen ist, aus ihrem Unglück ein Glück erziehen. +Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des +Opfers, in einem süßen Hinsterben für <em class="gesperrt">den</em>, +den sie liebt, und für <em class="gesperrt">das</em>, was sie lieben <em class="gesperrt">wird</em>. +Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire +bin, so bin ich doch nicht schwach genug, ihr in +dieser Großmuthskomödie zu willen zu sein. Ich +gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen +ich erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; +daraufhin bin ich erzogen, und ich habe nicht +Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten +Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung +<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +mit zum Opfer zu bringen. Mit andern +Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen +oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige +zu spielen, auch nicht um Victoirens willen. +Und so muß ich denn auf Legitimisirung des +Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, +war es, was ich Ihnen zu sagen hatte.«</p> + +<p>Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden +hatte sich wieder zu sammeln, erwiderte, »daß +er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben seine +natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz +gedenk er sich nicht zu entziehen. Wenn +ihm <em class="gesperrt">das</em>, was er jetzt wisse, bereits früher bekannt +geworden sei, würd er um eben die Schritte, +die Frau von Carayon jetzt fordere, seinerseits +aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den +Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und +von einer solchen langgehegten Vorstellung Abschied +zu nehmen, schaffe momentan eine gewisse +Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer +Gewißheit, daß er sich zu dem Tage zu beglückwünschen +habe, der binnen kurzem diesen Wechsel +in sein Leben bringen werde. Victoire sei der +Mutter Tochter, das sei die beste Gewähr +seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen +Glücks.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>All dies wurde sehr artig und verbindlich +gesprochen, aber doch zugleich auch mit einer bemerkenswerthen +Kühle.</p> + +<p>Dies empfand Frau von Carayon in einer +ihr nicht nur schmerzlichen, sondern sie geradezu +verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, +war weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, +und als Schach schwieg, erwiderte sie spitz: »Ich +bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr +von Schach, ganz besonders auch für <em class="gesperrt">das</em>, was +sich darin an meine Person richtete. Daß Ihr +›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen +können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. +Aber gleichviel, mir genügt das ›Ja‹. Denn +wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer +Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich +will mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn, +der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren +Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband +zerschnitten – denn ein wenig prinzeßlich werden +wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante +Margueritens willen – nun so geb ich Ihnen +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><ins title="charte">carte</ins> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei +wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, +in Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, +was geschehen <em class="gesperrt">mußte</em>.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>Schach schwieg.</p> + +<p>»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß +an. Ueber alles andre werden wir uns leicht +verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. +Aber die Kranke wartet jetzt auf mich, und so +verzeihen Sie.«</p> + +<p>Frau von Carayon erhob sich und gleich +danach verabschiedete sich Schach in aller Förmlichkeit, +ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen +gesprochen worden wäre.</p> + +<h2>Dreizehntes Kapitel.<br/> +<small>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le choix du Schach.</span>«</small></h2> + +<p>In beinah offner Gegnerschaft hatte man +sich getrennt. Aber es ging alles besser, als +nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet +werden konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief +beitrug, den Schach andern Tags an Frau von +Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in +allem Freimuth schuldig, schützte, wie schon während +des Gesprächs selbst, Ueberraschung und +Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen +einen wärmeren Ton, eine herzlichere +Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem er ein +<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr +sagen, als zu sagen gut und klug war. Er +sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied +absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen +von Respekt und Werthschätzung, die so +bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß +einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire +sog jedes Wort ein, und als die Mama schließlich +den Brief aus der Hand legte, sah diese letztre +nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück +ausgereicht hatten, ihrem armen Kinde die Hoffnung, +und <em class="gesperrt">mit</em> dieser Hoffnung auch die verlorene +Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, +fühlte sich wie genesen, und Frau von Carayon +sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«</p> + +<p>Schach empfing am selben Tage noch ein +Antwortsbillet, das ihm unumwunden die herzliche +Freude seiner alten Freundin ausdrückte. +Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er +vergessen; sie habe sich, lebhaft wie sie sei, hinreißen +lassen. Im Uebrigen sei noch nichts Ernstliches +und Erhebliches versäumt, und wenn, +dem Sprichworte nach, aus Freude Leid erblühe, +so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder +hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie +persönlich zum Opfer bringe, bringe sie gern, +<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a> +wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück +ihrer Tochter sei.</p> + +<p>Schach, als er das Billet gelesen, wog es +hin und her, und war ersichtlich von einer gemischten +Empfindung. Er hatte sich, als er in +seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr +nicht leicht von irgendwem zu versagenden, +freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem +Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders +lebhaften Ausdruck gegeben. Aber das, woran +ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue gemahnte, +das war <em class="gesperrt">mehr</em>, das hieß einfach Hochzeit, +Ehe, Worte, deren bloßer Klang ihn von alter +Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit mit +<em class="gesperrt">wem</em>? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz +sich auszudrücken beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer +gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in +seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf +dem Standpunkte des Prinzen, ich schwärme +nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren +nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als +der Gewinn, und wenn ich mich auch persönlich +zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so bekehr +ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos +dem Spott und Witz der Kameraden verfallen, +und das Ridikül einer allerglücklichsten ›Land-Ehe‹, +<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a> +die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt +in einem wahren Musterexemplare vor mir. Ich +sehe genau, wie's kommt: ich quittire den Dienst, +übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, +ziehe Raps oder Rübsen, und befleißige mich +einer allerehelichsten Treue. Welch Leben, welche +Zukunft! An <em class="gesperrt">einem</em> Sonntage Predigt, am +<em class="gesperrt">andern</em> Evangelium oder Epistel, und dazwischen +Whist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en trois</span>, immer mit demselben Pastor. +Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste +Stadt, vielleicht Prinz Louis in Person, und +wechselt die Pferde, während ich erschienen bin +um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. +Und er mustert mich und meinen altmodischen +Rock und frägt mich: ›wie mir's gehe?‹ Und +dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, +was doch drei Jahr aus einem Menschen machen +können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht werden +es dreißig.«</p> + +<p>Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, +und blieb vor einer Spiegelkonsole stehen, +auf der der Brief lag, den er während des +Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei +mal hob er ihn auf und ließ ihn wieder fallen. +»Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ +Ich entsinne mich noch, so schrieb sie damals. +<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +Wußte sie, was kommen würde? <em class="gesperrt">Wollte</em> sie's? +O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße +Geschöpf. Alle Schuld liegt bei <em class="gesperrt">Dir</em>. Deine +<em class="gesperrt">Schuld</em> ist Dein Schicksal. Und ich will sie +tragen.«</p> + +<p>Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, +und ging zu den Carayons.</p> + +<p>Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, +das er geführt, von dem Drucke, der +auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine +Sprache der alten Freundin gegenüber war jetzt +natürlich, beinah herzlich, und ohne daß auch nur +eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen +der Frau von Carayon getrübt hätte, +besprachen beide was zu thun sei. Schach zeigte +sich einverstanden mit allem: in einer Woche +Verlobung, und nach drei Wochen die Hochzeit. +Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das +junge Paar eine Reise nach Italien antreten, +und nicht vor Ablauf eines Jahres in die Heimath +zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire +nach Wuthenow, dem alten Familiengute, +das ihr, von einem früheren Besuche her, (als +Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und +freundlicher Erinnerung war. Und war auch +das <em class="gesperrt">Gut</em> inzwischen in Pacht gegeben, so war +<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a> +doch noch das <em class="gesperrt">Schloß</em> da, stand frei zur Verfügung, +und konnte jeden Augenblick bezogen +werden.</p> + +<p>Nach Festsetzungen wie <ins title="diese">diesen</ins>, trennte man +sich. Ein Sonnenschein lag über dem Hause +Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß +die vorausgegangen war.</p> + +<p>Auch Schach legte sich's zurecht. Italien +wiederzusehen, war ihm seit seinem ersten, erst +um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte +daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; <em class="gesperrt">der</em> +erfüllte sich nun, und kehrten sie dann zurück, +so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der +geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei +Nutzen und Vortheil ziehen. Victoire hing an +Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm +er dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. +Und dann gingen sie durch die Felder und plauderten. +O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und +espritvoll zugleich. Und nach abermals einem +Jahr, oder einem zweiten und dritten, je nun, +da hatte sich's verblutet, da war es todt und vergessen. +Die Welt vergißt so leicht, und die +Gesellschaft noch leichter. Und dann hielt man +seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmsplatz +und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, +<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a> +die doch schließlich nicht blos seine, +sondern auch <em class="gesperrt">ihre</em> Heimath bedeuteten. Alles +war überstanden und das Lebensschiff an der +Klippe des Lächerlichen <em class="gesperrt">nicht</em> gescheitert.</p> + +<p>Armer Schach! Es war anders in den +Sternen geschrieben.</p> + +<p>Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige +vergehen sollte, war noch nicht um, als ihm ein +Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen +rothen Siegel ins Haus geschickt wurde. Den +ersten Augenblick hielt er's für ein amtliches +Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte +mit dem Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung +nicht abzukürzen. Aber woher kam es? von +wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte +nun leicht, daß es überhaupt kein Siegel, +sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. +Und nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, +eine radirte Skizze mit der Unterschrift: +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le choix du Schach</span>. Er wiederholte sich das +Wort, ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst +zurecht finden zu können und empfand nur ganz +allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von +Angriff und Gefahr. Und wirklich, als er sich +orientirt hatte, sah er, daß sein erstes Gefühl +ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel +<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a> +saß der persische Schach, erkennbar an +seiner hohen Lammfellmütze, während an der +untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten +standen und des Augenblicks harrten, wo der von +seiner Höhe her kalt und vornehm Dreinschauende +seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. +Der persische Schach aber war einfach <em class="gesperrt">unser</em> +Schach und zwar in allerfrappantester Porträtähnlichkeit, +während die beiden ihn fragend anblickenden, +und um vieles flüchtiger skizzirten +Frauenköpfe, wenigstens ähnlich genug waren, +um Frau von Carayon und Victoire mit aller +Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr +und nicht weniger als eine Karrikatur. Sein +Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der +Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider +und Gegner, deren er nur zu viel hatte, hatte +die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst +ein Genüge zu thun.</p> + +<p>Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles +Blut stieg ihm zu Kopf, und es war ihm, als +würd er vom Schlage getroffen.</p> + +<p>Einem natürlichen Verlangen nach Luft und +Bewegung folgend, oder vielleicht auch von der +Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht +abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um +<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a> +einen Spaziergang zu <ins title="machen">machen.</ins> Begegnungen +und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine +Ruhe wiedergeben. Was war es denn schließlich? +Ein kleinlicher Akt der Rache.</p> + +<p>Die Frische draußen that ihm wohl; er +athmete freier und hatte seine gute Laune fast +schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz +her die Linden einbiegend, auf die schattigere +Seite der Straße hinüberging, um hier ein paar +Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. +Sie vermieden aber ein Gespräch und wurden +sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte +nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar +mit hämischer Miene. Schach sah ihm nach, und +sann und überlegte noch, was die Suffisance +des einen und die verlegenen Gesichter der andern +bedeutet haben mochten, als er, einige Hundert +Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich +großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor +einem kleinen Bilderladen stand. Einige lachten, +andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen +»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen +um die Zuschauermenge herum, warf einen Blick +über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An +dem Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und +<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a> +der absichtlich niedrig normirte Preis war mit +Rothstift groß darunter geschrieben.</p> + +<p>Also eine Verschwörung.</p> + +<p>Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen +Spaziergang fortzusetzen, und kehrte in seine +Wohnung zurück.</p> + +<p>Um Mittag empfing Sander ein Billet von +Bülow: »Lieber Sander. Eben erhalte ich eine +Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen +Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, +ob Sie dieselbe schon kennen, schließ ich sie diesen +Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge +nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das +Berliner Gras wachsen. Ich <ins title="meinseits">meinerseits</ins> bin empört. +<em class="gesperrt">Nicht</em> Schachs halber, der diesen ›Schach +von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist +wirklich so was), aber der Carayons halber. +Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu +werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von +den Franzosen an, und an ihrem Guten, wohin +auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. +Ihr B.«</p> + +<p>Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf +das Bild, das er kannte, setzte sich an sein Pult +und antwortete: »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mon Général!</span> Ich brauche +dem Ursprunge nicht nachzugehen, er ist <em class="gesperrt">mir</em> +<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a> +nachgegangen. Vor etwa vier, fünf Tagen +erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte +mich, ob ich mich dazu verstehen würde, den Vertrieb +einiger Zeichnungen in die Hand zu nehmen. +Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich +ab. Es waren drei Blätter, darunter auch <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le +choix du Schach</span>. Der bei mir erschienene Herr +gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, +alles gekünstelten Radebrechens unerachtet, das +Deutsche so gut, daß ich seine Fremdheit für +eine bloße Maske halten mußte. Personen aus +dem Prinz R.schen Kreise, nehmen Anstoß an +seinem Gelieble mit der Prinzessin, und stecken +vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser +Annahme, so wird mit einer Art von Sicherheit +auf Kameraden seines Regiments zu schließen +sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den +Aparten spielt, ist es nie. Die Sache möchte +hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig hervorheben, +die Carayons mit hineingezogen wären. +Um <em class="gesperrt">ihret</em>willen beklag ich den Streich, dessen +Gehässigkeit sich in diesem <em class="gesperrt">einem</em> Bilde schwerlich +erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, +deren ich Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich +folgen. Alles in diesem anonymen Angriff ist +klug berechnet, und klug berechnet ist auch der +<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a> +Einfall, das Gift nicht gleich auf einmal zu +geben. Es wird seine Wirkung nicht verfehlen, +und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Tout à vous. S.</span>«</p> + +<p>In der That, die Besorgniß, die Sander +in diesen Zeilen an Bülow ausgesprochen hatte, +sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen. +Intermittirend wie das Fieber, erschienen in +zweitägigen Pausen auch die beiden andern +Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem +Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft +und besprochen. Die Frage Schach-Carayon war +über Nacht zu einer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cause celèbre</span> geworden, +trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte +wußte. Schach, so hieß es, habe sich von der +schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter +zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich +in allerlei Muthmaßungen, ohne dabei das Richtige +zu treffen.</p> + +<p>Schach empfing auch die beiden andern +Blätter unter Kouvert. Das Siegel blieb dasselbe. +Blatt 2 hieß »<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">la gazza ladra</span>« oder die +»diebische <em class="gesperrt">Schach</em>-Elster,« und stellte eine Elster +dar, die, zwei Ringe von ungleichem Werthe +musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale +<ins title="nimmt">nimmt.</ins></p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>Am weitaus verletzendsten aber berührte das +den Salon der Frau von Carayon als Szenerie +nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein +Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren +gegangenen Spiel und wie um die Niederlage +zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben +saß Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen +kniete Schach, wieder in der persischen Mütze des +ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt. +Und darunter stand: »Schach – matt.«</p> + +<p>Der Zweck dieser wiederholten Angriffe +wurde nur <em class="gesperrt">zu</em> gut erreicht. Schach ließ sich krank +melden, sah niemand und bat um Urlaub, der +ihm auch umgehend von seinem Chef, dem +Obersten von Schwerin, gewährt wurde.</p> + +<p>So kam es, daß er am selben Tag, an dem, +nach gegenseitigem Abkommen, seine Verlobung +mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin +verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von +den Carayons (deren Haus er all die Zeit über +nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>Vierzehntes Kapitel.<br/> +<small>In Wuthenow am See.</small></h2> + +<p>Es schlug Mitternacht, als Schach in +Wuthenow eintraf, an dessen entgegengesetzter +Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner +See nach rechts und links hin überblickende +<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <ins title="und und">und</ins> +Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, +und nur aus den Ställen her hörte man noch +das Stampfen eines Pferds oder das halblaute +Brüllen einer Kuh.</p> + +<p>Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang +in einen schmalen Feldweg ein, der, allmählich +ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf +führte. Rechts lagen die Bäume des Außenparks, +links eine gemähte Wiese, deren Heugeruch die +Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts +als ein alter, weißgetünchter und von einer +schwarzgetheerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau, +dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene +Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen +Blitzableiter und eine prächtige, nach dem Muster +von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen +allernüchternster Tagtäglichkeit genommen +hatte. Jetzt freilich, unter dem Sternenschein, +<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a> +lag alles da wie das Schloß im Märchen, und +Schach hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich +betroffen von der Schönheit des Bildes.</p> + +<p>Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor +zu, das sich in einem flachen Bogen +zwischen dem Giebel des Schlosses und einem +danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof +her vernahm er im selben Augenblick ein Bellen +und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend +aus seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach +rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte.</p> + +<p>»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die +Stimme seines Herrn erkennend, begann jetzt vor +Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd +auf die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.</p> + +<p>Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum +mit weitem Gezweige. Schach stieg ab, +schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut +an einen der Fensterläden. Aber erst als er das +zweite Mal gepocht hatte, wurd es lebendig +drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine +halb verschlafene Stimme: »Wat is?«</p> + +<p>»Ich, Krist.«</p> + +<p>»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach +flink.«</p> + +<p>Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig +in die Stube hinein, während er den nur angelegten +Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«</p> + +<p>Aber der Alte war schon aus dem Bette +heraus, und sagte nur immer, während er hin +und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. +Man noch en beten.«</p> + +<p>Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen +Schwefelfaden brennen, und hörte, daß eine +Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. +Richtig, ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die +Scheiben, und ein paar Holzpantinen klappten +über den Lehmflur hin. Und nun wurde der +Riegel zurückgeschoben, und Krist, der in aller +Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen +hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte +vor manchem Jahr und Tag, als der alte +»Gnädge-Herr« gestorben war, den durch diesen +Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf +seinen jungen Herrn übertragen wollen, aber +dieser, der mit Krist das erste Wasserhuhn geschossen +und die erste Bootfahrt über den See +gemacht hatte, hatte von dem neuen Titel nichts +wissen wollen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a>»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch +ümmer ihrst, o'r schicken uns Baarsch'en o'r den +kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. +Awers ick wußt' et joa, as de Poggen hüt +Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' koam' +künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' +wat.‹ Awers as de Fruenslüd' sinn! Wat seggt +se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se, ›Regen +bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' +Tüffeln <ins title="bruken't.‹">bruken't.‹«</ins></p> + +<p>»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem +Ohr hingehört hatte, während der Alte die kleine +Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins +Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber +geh nur vorauf.«</p> + +<p>Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, +und beide gingen nun einen mit Fliesen gedeckten +schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte +verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin +eine geräumige Treppenhalle, während nach rechts +hin eine mit Goldleisten und Rokokoverzierungen +reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon +führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der +verstorbenen Frau Generalin von Schach, einer +sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame +gedient hatte. Hierher richteten sich denn auch +<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a> +die Schritte beider, und als Krist die halb verquollene +Thür nicht ohne Müh und Anstrengung +geöffnet hatte, trat man ein.</p> + +<p>Unter dem Vielen, was an Kunst- und +Erinnerungsgegenständen in diesem Gartensalon +umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, +den Schach selber, vor drei Jahren erst, +von seiner italienischen Reise mit nach Hause +gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen +Leuchter nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete +die beiden Wachslichter an, die seit lange schon +in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der +verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe +gedient hatten. Die Gnädige selbst aber war +erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von +jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so +hatte noch alles den alten Platz. Ein paar kleine +Sophas standen wie früher an den Schmalseiten +einander gegenüber, während zwei größere die +Mitte der Längswand einnahmen und nichts als +die vergoldete Rokoko-Doppelthür zwischen sich +hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz +der Generalin) und die große Marmorschale, +darin alabasterne Weintrauben und Orangen +und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert +an ihrem Platz. In dem ganzen Zimmer aber, +<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a> +das seit lange nicht gelüftet war, war eine stickige +Schwüle.</p> + +<p>»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und +dann gieb mir eine Decke. Die da.«</p> + +<p>»Wullen's sich denn <em class="gesperrt">hier</em> hen leggen, junge +Herr?«</p> + +<p>»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«</p> + +<p>»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr +uns <em class="gesperrt">doa</em>vunn vertellen deih! Uemmer so platsch +in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix +för mi. ›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn +ümmer, ›ick gloob de Huut geit em runner‹. +Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, +un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <ins title="fast.‹">fast.‹«</ins></p> + +<p>Während der Alte noch so sprach und vergangener +Zeiten gedachte, griff er zugleich doch +nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, +der in einer Kaminecke stand, und versuchte +damit das eine Sopha, das sich Schach als +Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem +Gröbsten herauszubringen. Aber der dichte +Staub, der aufstieg, zeigte nur das Vergebliche +solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem +Anfluge von guter Laune: »Störe den Staub +nicht in seinem Frieden.« Und erst als er's gesprochen +hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin +<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> +auf, und er gedachte der Eltern, die drunten in +der Dorfkirche in großen Kupfersärgen und mit +einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten +Gruft der Familie standen.</p> + +<p>Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach +und warf sich aufs Sopha. »Meinem Schimmel +gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; +dann hält er aus bis morgen. Und nun stelle +das Licht ans Fenster und laß es brennen .... +Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. +Und nun gute Nacht, Krist. Und schließe von +außen zu, daß sie mich nicht wegtragen.«</p> + +<p>»Ih, se wihren doch nich ....«</p> + +<p>Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, +wie sie den Korridor hinunterklappten. Ehe Krist +aber die Giebelthür noch erreicht, und von außen +her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon +schwer und bleiern auf seines Herrn überreiztes +Gehirn.</p> + +<p>Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm +lastenden Schwere zum Trotz, empfand er deutlich, +daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und +kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und +selbst ein unwillkürliches und halbverschlafenes +Umherschlagen mit der Hand nichts helfen wollte, +riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen +<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a> +zurück. Und nun sah er, was es war. Die +beiden eben verschweelenden Lichter, die mit ihrem +Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht +hatten, hatten allerlei Gethier vom Garten +her in das Zimmer gelockt, und nur über Art +und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. +Einen Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr +bald aber mußt er sich überzeugen, daß es einfach +riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren, +die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und +her flogen, an die Scheiben stießen und vergeblich +das offene Fenster wieder zu finden suchten.</p> + +<p>Er raffte nun die Decke zusammen und schlug +mehrmals durch die Luft, um die Störenfriede +wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem +Jagen und Schlagen immer nur ängstlicher werdende +Geziefer schien sich zu verdoppeln und summte +nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. +An Schlaf war nicht mehr zu denken, und so +trat er denn ans offene Fenster und sprang +hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen +abzuwarten.</p> + +<p>Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die +dicht vor dem Salon gelegene Gartenanlage bestand +aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um +das herum, in meist dreieckigen und von Buchsbaum +<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a> +eingefaßten Beeten, allerlei Sommerblumen +blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und +Levkojen. Man sah leicht, daß eine ordnende +Hand hier neuerdings gefehlt hatte, trotzdem +Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines +Gärtners zählte; die Zeit indeß, die seit dem +Tode der Gnädigen vergangen war, war andrerseits +eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger +Verwilderung geführt zu haben. Alles +hatte nur erst den Charakter eines wuchernden +Blühens angenommen, und ein schwerer und doch +zugleich auch erquicklicher Levkojenduft lag über +den Beeten, den Schach in immer volleren Zügen +einsog.</p> + +<p>Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, +und balancirte, während er einen Fuß vor den +andern setzte, zwischen den nur handbreiten +Stegen hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit +proben und die Zeit mit guter Manier hinter sich +bringen. Aber diese Zeit wollte nicht schwinden, +und als er wieder nach der Uhr sah, war erst +eine Viertelstunde vergangen.</p> + +<p>Er gab nun die Blumen auf und schritt auf +einen der beiden Laubengänge zu, die den großen +Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast +an den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. +<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a> +An mancher Stelle waren die Gänge nach obenhin +überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt +ihn eine Weile den abwechselnd zwischen +Dunkel und Licht liegenden Raum in Schritten +auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der +Gang zu Nischen und Tempelrundungen, in denen +allerhand Sandsteinfiguren standen: Götter und +Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale +vorübergegangen war, ohne sich auch nur im +geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung +nachzuforschen; heut aber blieb er stehn +und freute sich besonders aller derer, denen die +Köpfe fehlten, weil sie die dunkelsten und unverständlichsten +waren, und sich am schwersten errathen +ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, +stieg ihn wieder hinauf und wieder hinunter und +stand nun am Dorfausgang und hörte daß es +zwei schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge +halb? War es halb drei? Nein, es war erst zwei.</p> + +<p>Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner +Promenade noch weiter fortzusetzen und beschrieb +lieber einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels +herum, bis er in Front des Schlosses +selber war. Und nun sah er hinauf, und sah die +große Terrasse, die von Orangeriekübeln und +Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den +<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a> +See hinunterführte. Nur ein schmal Stück Wiese +lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese +stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach +jetzt umschritt, einmal, vielemal, als würd er in +ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß +ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern +Kreis gemahnte, denn er murmelte vor sich hin: +könnt' ich heraus!</p> + +<p>Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig +nah an die Schloßterrasse herantrat, war ein +bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. +Auf diesen See hinauszufahren aber war in +seinen Knabenjahren immer seine höchste Wonne +gewesen.</p> + +<p>»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er +schritt auf den Schilfgürtel zu, der die tief einmündende +Bucht von drei Seiten her einfaßte. +Nirgends schien ein Zugang. Schließlich indeß +fand er einen überwachsenen Steg, an dessen +Ende das große Sommerboot lag, das seine +Mama viele Jahre lang benutzt hatte, wenn sie +nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen +Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen +fanden sich, während der flache Boden des Boots, +um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem +Binsenstroh überdeckt war. Schach +<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a> +sprang hinein, löste die Kette vom Pflock und +stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu zeigen +war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das +Wasser war so seicht und schmal, daß er bei jedem +Schlage das Schilf getroffen haben würde. Bald +aber verbreiterte sichs und er konnte nun die +Ruder einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der +Tag war noch nicht wach, und Schach hörte nichts +als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton +des Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel +brach. Endlich aber war er in dem großen +und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, +und die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an +einem Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche +deutlich erkennen. In diese Strömung bog er +jetzt ein, gab dem Boote die rechte Richtung, +legte sich und die Ruder ins Binsenstroh und +fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises +Schaukeln begann.</p> + +<p>Immer blasser wurden die Sterne, der +Himmel röthete sich im Osten und er schlief ein.</p> + +<p>Als er erwachte, war das mit dem Strom +gehende Boot schon weit über die Stelle hinaus, +wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow +hin abbog. Er nahm also die Ruder wieder in +die Hand und legte sich mit aller Kraft ein, um +<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a> +aus der Strömung heraus und an die verpaßte +Stelle zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung +die es ihn kostete.</p> + +<p>Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber +dem First des Wuthenower Herrenhauses hing +die Sonne, während drüben am andern Ufer die +Wolken im <ins title="Wiederschein">Widerschein</ins> glühten und die Waldstreifen +ihren Schatten in den See warfen. Auf +dem See selbst aber begann es sich zu regen, +und ein die Morgenbrise benutzender Torfkahn +glitt mit ausgespanntem Segel an Schach vorüber. +Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln +that ihm wohl, denn er fühlte deutlich, wie der +Druck, der auf ihm lastete, sich dabei minderte. +»Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn +am Ende? Bosheit und Uebelwollen. Und wer +kann sich <em class="gesperrt">dem</em> entziehn! Es kommt und geht. +Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« +Aber während er so sich tröstete, zogen +auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich +in einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften +vorfahren, um ihnen Victoire von +Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er +hörte deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer +Tochter, der schönen Radziwill, zuflüsterte: »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Est-elle +riche?</span>« »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Sans doute.</span>« »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, je comprends.</span>«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen +bog er wieder in die kurz vorher so stille +Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und +bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden +Vögel kreischten oder gurrten, ein paar Kibitze +flogen auf, und eine Wildente, die sich neugierig +umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in +Sicht kam. Eine Minute später, und Schach +hielt wieder am Steg, schlang die Kette fest um +den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes +Umwegs die Terrasse hinauf, auf deren oberstem +Absatz er Krists Frau, der alten Mutter +Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer +Ziege das erste Grünfutter zu bringen.</p> + +<p>»Tag, Mutter Kreepschen.«</p> + +<p>Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen +im Gartensalon vermutheten jungen Herrn (um +dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall +gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht +im Schlafe stören sollte) jetzt von der Frontseite +des Schlosses her auf sich zukommen zu sehn.</p> + +<p>»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn +her?«</p> + +<p>»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«</p> + +<p>»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«</p> + +<p>»Beinah. Mücken und Motten waren's. +<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a> +Ich hatte das Licht brennen lassen. Und der +eine Fensterflügel war auf.«</p> + +<p>»Awers worümm hebbens denn dat Licht +nich utpuust? Dat weet doch jed-een, wo Licht +is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. +Ick weet nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd +ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un nich en +Oog to.«</p> + +<p>»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, +im Boot, und ganz gut und ganz fest. +Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, +dann bringt Ihr mir wohl was Warmes. Nicht +wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«</p> + +<p>»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; +Füer is ümmer dat ihrst. Versteiht sich, versteiht +sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks; +man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben +joar nich, junge Herr, wie schabernacksch so'n oll' +Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp +hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, +denn wohrd se falsch. Un kumm ick denn un +will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se +denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier +in't Krüz, dicht bi de Hüft'. Un worümm? +Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben +deih. Awers nu kummen's man ihrst in uns +<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a> +Stuw, un setten sich en beten dahl. Mien oll +Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't +em wat in. Awers keen Viertelstunn mihr, junge +Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un ook wat +dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr +joa all hier.«</p> + +<p>Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens +gute Stube getreten. Alles darin war sauber +und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher +Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- +und Koriander-Mixtum herrührte, das die Kreepschen +als Mottenvertreibungsmittel in die Sophaecken +gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das +Fenster, kettelte den Haken ein, und war nun +erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu +freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber +dem Sopha hingen zwei kleine Kalenderbildchen, +Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs +darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, +und »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Bon soir, Messieurs</span>« unter dem andern. +Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum +hingen zwei dicke Immortellenkränze mit schwarzen +und weißen Schleifen daran, während auf dem +kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras +stand. Das Hauptschmuckstück aber war ein +Schilderhäuschen mit rothem Dach, in dem früher, +<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a> +aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust +und seinen Futterwagen an der Kette +herangezogen hatte. Jetzt war es leer, und der +Wagen hatte stille Tage.</p> + +<p>Schach war eben mit seiner Musterung +fertig, als ihm auch schon gemeldet wurde »daß +drüben alles klar sei.«</p> + +<p>Und wirklich, als er in den Gartensalon +eintrat, der ihm ein Nachtlager so beharrlich verweigert +hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn +und ein paar freundliche Hände mittlerweile +daraus gemacht hatten. Thür und Fenster standen +auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht +und aller Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. +Einen Augenblick später erschien auch +schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln +in einen Korb gelegt, und als Schach eben den +Deckel von der kleinen Meißner Kanne heben +wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken +herauf.</p> + +<p>»Was ist denn <em class="gesperrt">das</em>?« fragte Schach. »Es +kann ja kaum sieben sein.«</p> + +<p>»Justement sieben, junge Herr.«</p> + +<p>»Aber sonst war es doch erst um elf. Und +um zwölfe dann Predigt.«</p> + +<p>»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. +<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a> +Un ümmer den dritt'n Sünndag is et anners. +Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, +denn is't um twölwen, wiel he joa ihrst in +Radensleben preestern deiht, awers den dritten +Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, +denn is et all um achten. Un ümmer, wenn +uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen +Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt +he joa sien Klock. Und dat's ümmer um seb'n.«</p> + +<p>»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«</p> + +<p>»Na, wie sall he heten? He heet ümmer +noch so. Is joa ümmer noch de oll Bienengräber.«</p> + +<p>»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer +ein sehr guter Mann.«</p> + +<p>»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene +Teihn mihr, ook nich een', un nu brummelt un +mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht +em.«</p> + +<p>»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter +Kreepschen. Aber die Leute haben immer was +auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich +will hingehen und mal wieder nachsehen, was +mir der alte Bienengräber zu sagen hat, mir und +den andern. Hat er denn noch in seiner Stube +das große Hufeisen, dran ein Zehnpfundgewicht +<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a> +hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn +ich nicht aufpaßte.«</p> + +<p>»Dat woahrd he woll noch hebben. De +Jungens passen joa all nich upp.«</p> + +<p>Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn +nicht länger zu stören, und versprach ihm ein +Gesangbuch zu bringen.</p> + +<p>Schach hatte guten Appetit und ließ sich die +Herzberger Semmeln schmecken. Denn seit er +Berlin verlassen, war noch kein Bissen über seine +Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, +um in die Gartenthür zu treten und sah von +hier aus über das Rondeel und die Buchsbaumrabatten +und weiter dahinter über die Baumwipfel +des Parkes fort, bis sein Auge schließlich +auf einem sonnenbeschienenen Storchenpaar ausruhte, +das unten, am Fuße des Hügels, über +eine mit Ampfer und Ranunkel roth und gelb +gemusterte Wiese hinschritt.</p> + +<p>Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in +allerlei Betrachtungen; aber es läutete gerade +zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf +hinunter, um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl +aus zu hören, »was ihm der alte Bienengräber +zu sagen habe.«</p> + +<p>Bienengräber sprach gut genug, so recht aus +<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a> +dem Herzen und der Erfahrung heraus, und als +der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder +leer war, wollte Schach auch wirklich in die +Sakristei gehen, dem Alten danken für manches +gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und +ihn in seinem Boot über den See hin zurückbegleiten. +Unterwegs aber wollt er ihm alles +sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. +Er würde schon Antwort wissen. Das Alter sei +allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, +so doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« +unterbrach er sich mitten in diesem Vorsatze, +»was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich +diese Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie +nicht in mir selbst? Kenn ich nicht die Gebote? +Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«</p> + +<p>Und während er so vor sich hinredete, ließ +er den Plan eines Zwiegesprächs fallen, und stieg +den Schloßberg wieder hinauf.</p> + +<p>Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche +nichts abgehandelt, und <em class="gesperrt">doch</em> schlug es erst zehn, +als er wieder oben anlangte.</p> + +<p>Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, +zweimal, und sah sich die Bilder aller der Schachs +an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden +<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a> +umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen +in der Armee gewesen, alle trugen sie den +Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. +<em class="gesperrt">Das</em> hier war der General, der bei Malplaquet +die große Redoute nahm, und <em class="gesperrt">das</em> hier war das +Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im +Regiment Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof +mit vierhundert Mann eine Stunde lang +gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und +zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und +dazwischen hingen die Frauen, einige schön, am +schönsten aber seine Mutter.</p> + +<p>Als er wieder in dem Gartensalon war, +schlug es zwölf. Er warf sich in die Sopha-Ecke, +legte die Hand über Aug und Stirn und zählte +die Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden +hier, und mir ist als wären es zwölf Jahre .... +Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und +Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, +was keinen Unterschied macht. Einer wie der +andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... +Und dann geh ich mit Victoire durch den Garten, +und aus dem Park auf die Wiese, dieselbe Wiese, +die wir vom Schloß aus immer und ewig und +ewig und immer sehn, und auf der der Ampfer +und die Ranunkeln blühn. Und dazwischen +<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a> +spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; +aber vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger +neben uns her und singt in einem fort: ›Adebaar, +Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und +meine Schloßherrin erröthet und wünscht sich das +Schwesterchen <em class="gesperrt">auch</em>. Und endlich sind elf Jahre +herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ +an der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹ +heißt. Ein sonderbares Wort. Und dann ist +auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen, +malen zu lassen für die Galerie. Denn wir +dürfen doch am Ende nicht fehlen! Und zwischen +die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, +und zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. +Vorher aber hab ich eine Konferenz mit dem +Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie +den <em class="gesperrt">Ausdruck</em> zu treffen wissen. Die Seele +macht ähnlich.‹ Oder soll ich ihm geradezu sagen: +›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!«</p> + +<h2>Fünfzehntes Kapitel.<br/> +<small>Die Schachs und die Carayons.</small></h2> + +<p>Was immer geschieht, geschah auch diesmal: +die Carayons erfuhren nichts von dem, was die +halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, +<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a> +erschien Tante Marguerite, fand Victoiren »um +dem Kinn etwas spitz« und warf im Laufe der +Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es +sollen ja Karrikatüren erschienen sein?«</p> + +<p>Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite +jenen alten Gesellschaftsdamen zuzählte, die nur +immer von allem »gehört haben«, und als +Victoire fragte: »<em class="gesperrt">was</em> denn, liebe Tante?« +wiederholte sie nur: »Karrikatüren, liebes Kind. +Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man +den Gesprächsgegenstand fallen.</p> + +<p>Es war gewiß ein Glück für Mutter und +Tochter, daß sie von den Spott- und Zerrbildern, +deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung +brachten; aber für den <em class="gesperrt">Dritt</em>betheiligten, für +Schach, war es ebenso gewiß ein Unglück und +eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau +von Carayon, als deren schönster Herzenszug ein +tiefes Mitgefühl gelten konnte, nur die kleinste +Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die +ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet +worden war, so würde sie von der ihm gestellten +Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber +ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme +gespendet haben; ohne jede Kenntniß jedoch +von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte +<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a> +sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich +von dem Augenblick an, wo sie von seinem Rückzug +nach Wuthenow erfuhr, über seinen »Wort- +und Treubruch«, als den sie's ansah, in den +heftigsten und unschmeichelhaftesten Ausdrücken.</p> + +<p>Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge +hörte. Denselben Abend noch, an dem +Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich +Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, +der jede Gesellschaft peinlich war, zog sich zurück, +Frau von Carayon aber ließ bitten und empfing +ihn mit besondrer Herzlichkeit.</p> + +<p>»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber +Alvensleben, wie sehr ich mich freue, Sie nach +so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine +Welt von Dingen hat sich seitdem zugetragen. +Und ein Glück, daß Sie standhaft blieben, als +man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. +Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal verdorben.«</p> + +<p>»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich +einen Augenblick, ob ich ablehnen sollte.«</p> + +<p>»Und weshalb?«</p> + +<p>»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar +<em class="gesperrt">vor</em>her abgelehnt hatte. Nachgerade widersteht +es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen +<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a> +zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin +schon genug, die mich einfach als seinen Abklatsch +bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst +neulich wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben, +daß Sie nicht als Schach II. in die Rang- +und Quartierliste kommen‹.«</p> + +<p>»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind +eben doch anders.«</p> + +<p>»Aber nicht besser.«</p> + +<p>»Wer weiß.«</p> + +<p>»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde +meiner schönen Frau von Carayon einigermaßen +überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, +wenn er davon hörte, seine Wuthenower Tage +vielleicht verleiden würde.«</p> + +<p>»Seine Wuthenower Tage?«</p> + +<p>»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem +Urlaub. Und Sie wissen nicht davon? Er wird +sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von +Ihnen in sein altes Seeschloß zurückgezogen +haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß es +halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«</p> + +<p>»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, +wie Sie wissen.« Sie wollte mehr sagen, +aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das +Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, +<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a> +bei welcher Gelegenheit Alvensleben zu +seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der +Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der +Bilder, nicht das Geringste wußte. Wirklich, es +war der Frau von Carayon auch in der zwischenliegenden +halben Woche nicht einen Augenblick in +den Sinn gekommen, etwas Näheres über das +von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen.</p> + +<p>Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau +von Carayon, alles Zwanges nunmehr los und +ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, +in Victoirens Zimmer, um ihr die +Mittheilung von Schachs Flucht zu machen. +Denn eine Flucht war es.</p> + +<p>Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es +nun ihre Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt +ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb +ruhig.</p> + +<p>»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein +Brief von ihm wird eintreffen und über alles +Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du +wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner +Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast, +als recht und billig war.«</p> + +<p>Aber Frau von Carayon wollte sich nicht +umstimmen lassen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind +warst. Nur zur gut. Er ist eitel und hochfahrend, +und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends +überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins +Ridiküle. Glaube mir, er will Einfluß haben +und zieht sich im Stillen irgend einen politischen +oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was +mich aber am meisten verdrießt, ist das, er hat +sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel besonnen, +und fängt an sein Schach- oder Schachenthum +für etwas ganz Besondres in der Weltgeschichte +zu halten.«</p> + +<p>»Und thut damit nicht mehr, als was <em class="gesperrt">alle</em> +thun .... Und die Schachs sind doch <em class="gesperrt">wirklich</em> +eine alte Familie.«</p> + +<p>»Daran mag er denken und das Pfauenrad +schlagen, wenn er über seinen Wuthenower +Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt +es hier überall. Aber was soll <em class="gesperrt">uns</em> das? Oder +zum wenigsten was soll es <em class="gesperrt">Dir</em>? An mir hätt +er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, +der kleinen Roturière, den Rücken +kehren können. Aber Du Victoire, Du; Du bist +nicht blos meine Tochter, Du bist auch Deines +Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><ins title="!">!«</ins></p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>Victoire sah die Mama mit einem Anfluge +schelmischer Verwunderung an.</p> + +<p>»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble +Dir's nicht. Hast Du mich doch selber oft genug +über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße +Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute +bitt ich Deinem Vater ab und dank ihm von +Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit +dem er mich zur Verzweiflung gebracht und aus +seiner Nähe hinweg gelangweilt hat, eine willkommene +Waffe gegen diesen mir unerträglichen +Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach! +Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht +und <em class="gesperrt">will</em> sie nicht kennen, aber ich wette diese +meine Broche gegen eine Stecknadel, daß Du, +wenn Du das ganze Geschlecht auf die Tenne +wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß +nichts übrig bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend +Obersten und Rittmeister, alle devotest erstorben +und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich <em class="gesperrt">diese</em> +Leute kennen!«</p> + +<p>»Aber, Mama ....«</p> + +<p>»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre +Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal +an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger +noch im Havelberger Dom ist je geläutet +<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a> +worden, wenn einer von ihnen kam oder ging. +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!</span> +Sie hatten ihre Schlösser, beiläufig <em class="gesperrt">wirkliche</em> +Schlösser, so blos armselig an der Gironde hin, +waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche +Vettern fielen unter der Guillotine, weil sie +treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert +durch das Geschrei des Berges für das Leben +ihres Königs gestimmt hatten.«</p> + +<p>Immer verwunderter folgte Victoire.</p> + +<p>»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich +will nicht von Jüngstgeschehenem sprechen, will +nicht sprechen von <em class="gesperrt">heute</em>. Denn ich weiß wohl, +das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in +den Augen derer, die schon gestern da waren, +gleichviel <em class="gesperrt">wie</em>. Nein, ich will von alten Zeiten +sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins +Land und an den Ruppiner See kam, und einen +Wall und Graben zog, und eine lateinische Messe +hörte, von der er nichts verstand. Eben damals +zogen die Carayons, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ces pauvres et malheureux +Carayon</span>, mit vor Jerusalem und eroberten es +und befreiten es. Und als sie heimkamen, da +kamen Sänger an ihren Hof, und sie sangen selbst, +und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch +Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan +<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a> +vermählte, dessen erlauchter Bruder Großprior +des hohen Ordens vom Spital und endlich König +von Cypern war, da waren wir mit einem +Königshause versippt und verschwägert, mit den +Lusignans, aus deren großem Hause die schöne +Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank +unprosaischen Angedenkens. Und von uns Carayons, +die wir ganz andere Dinge gesehn haben, +will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig +zurückziehn? <em class="gesperrt">Unsrer</em> will er sich schämen? Er, +Schach. Will er es als Schach, oder will er es +als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist +es denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock +mit einem rothen Kragen, und Wuthenow ist eine +Lehmkathe.«</p> + +<p>»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. +Ich such es nach einer andern Seite hin. Und +da <em class="gesperrt">find</em> ich es auch.«</p> + +<p>Frau von Carayon beugte sich zu Victoire +nieder und küßte sie leidenschaftlich. »Ach, wie +gut Du bist, viel viel besser, als Deine Mama. +Und nur <em class="gesperrt">Eines</em> ist gut an ihr, daß sie Dich +liebt. Er aber sollte Dich <em class="gesperrt">auch</em> lieben! Schon +um Deiner Demuth willen.«</p> + +<p>Victoire lächelte.</p> + +<p>»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt +<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a> +und ausgeschieden seiest, beherrscht Dich +mit der Macht einer fixen Idee. Du <em class="gesperrt">bist</em> nicht +so verarmt. Und auch er ....«</p> + +<p>Sie stockte.</p> + +<p>»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und +Alvensleben hat mir erzählt, in welch enthusiastischen +Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner +Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen +habe. Das ist nicht hin, davon blieb Dir, und +jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen +Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. +Und wenn wer dazu verpflichtet ist, so ist <em class="gesperrt">er</em>'s! +Aber er sträubt sich, denn so hautain er ist, so +konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. +Er hört auf das, was die Leute sagen, +und wenn das ein Mann thut (<em class="gesperrt">wir</em> müssen's), +so heiß ich das Feigheit und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">lâcheté</span>. Aber er +soll mir Rede stehn. Ich habe meinen Plan +jetzt fertig und will ihn demüthigen, so gewiß +er <em class="gesperrt">uns</em> demüthigen wollte.«</p> + +<p>Frau von Carayon kehrte nach diesem +Zwiegespräch in das Eckzimmer zurück, setzte sich +an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.</p> + +<p>»Einer Mittheilung Herrn von <ins title="Alvensleben">Alvenslebens</ins> +entnehme ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute, +Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für +<a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a> +einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden +haben. Ich habe keine Veranlassung, Ihnen +diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre +Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem +Rechte <em class="gesperrt">das</em> meiner Tochter gegenüberstellen. +Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in Erinnerung +zu bringen, daß die Veröffentlichung +des Verlöbnisses, für morgen, Sonntag, zwischen +uns verabredet worden ist. Auf diese Veröffentlichung +besteh ich auch heute noch. Ist sie bis +Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerseits +andre, durchaus selbstständige Schritte. So sehr +dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz +zu geschweigen, die von diesem meinem Schreiben +nichts weiß und nur bemüht sein würde, mich +daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, +die Sie, das Mindeste zu sagen, nur +zu gut kennen, keine Wahl. Also bis auf Mittwoch! +Josephine von <ins title="Carayon.">Carayon.«</ins></p> + +<p>Sie siegelte den Brief und übergab ihn +persönlich einem Boten mit der Weisung, sich +bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den +Weg zu machen.</p> + +<p>Auf Antwort zu warten, war ihm eigens +untersagt worden.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a>Sechzehntes Kapitel.<br/> +<small>Frau von Carayon und der alte Köckritz.</small></h2> + +<p>Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein +Brief Schachs oder gar die geforderte Verlobungsankündigung +erschienen wäre. Frau von +Carayon hatte dies nicht anders erwartet und +ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.</p> + +<p>Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor +ihrem Hause, der sie nach Potsdam hinüber +führen sollte, wo sich der König seit einigen +Wochen aufhielt. Sie hatte vor, einen Fußfall +zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront vorzustellen +und seinen Beistand anzurufen. Daß +es in des Königs Macht stehen werde, diesen +Beistand zu gewähren und einen Ausgleich herbeizuführen, +war ihr außer Zweifel. Auch über +die Mittel und Wege, sich Sr. Majestät zu +nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem +Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten +von Köckritz, der vor dreißig Jahren und länger, +als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in +ihrem elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen +Josephine«, dem allgemeinen Verzuge, manche +Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt +Liebling des Königs, einflußreichste Person seiner +<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a> +nächsten Umgebung, und durch <em class="gesperrt">ihn</em>, zu dem sie +wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben +war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten +zu dürfen.</p> + +<p>Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon +drüben, stieg im »Einsiedler« ab, ordnete +ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. +Aber hier mußte sie von einem zufällig die +Freitreppe herabkommenden Kammerherrn in +Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam +bereits wieder verlassen und sich zur Begrüßung +Ihrer Majestät der Königin, die Tags darauf +aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach +<em class="gesperrt">Paretz</em> begeben habe, wo man, frei vom Zwange +des Hofes, eine Woche lang in glücklicher Zurückgezogenheit +zu verleben gedenke.</p> + +<p>Das war nun freilich eine böse Nachricht. +Wer sich zu einem peinlichen Gange (und wenn +es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und +mit Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, +für den ist nichts härter als Vertagung. Nur +rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber +dann versagen die Nerven.</p> + +<p>Schweren Herzens, und geängstigt durch die +Vorstellung, daß ihr dieser Fehlschlag vielleicht +einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau +<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a> +von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine +Fahrt nach Paretz hinaus war für heute nicht +mehr zu denken, um so weniger, als zu so später +Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten +werden konnte. So denn also warten bis +morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich +wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die +langen langen Stunden in Einsamkeit auf ihrem +Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und +Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die +feierlichen Ansprachen, die sie sich zum hundertsten +Male wiederholte, so lange wiederholte, bis sie +zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick +da sei, kein einziges Wort hervorbringen können, – +alles das gab ihr zuletzt den gesunden Entschluß +ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen +und in den Straßen und Umgebungen +der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener erschien +denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung +zu stellen, und um die sechste Stunde hielt +eine mittel-elegante Miethschaise vor dem Gasthause, +da sich das von Berlin her benutzte +Gefährt, nach seiner halbtägigen Anstrengung +im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig +herausgestellt hatte.</p> + +<p>»Wohin befehlen, gnädige Frau?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a>»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine +Schlösser, oder doch so wenig wie möglich; aber +Park und Garten, und Wasser und Wiesen.«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, je comprends</span>,« radebrechte der Lohndiener, +der sich daran gewöhnt hatte, seine +Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu +nehmen, oder vielleicht auch dem französischen +Namen der Frau von Carayon einige Berücksichtigung +schuldig zu sein glaubte. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je comprends.</span>« +Und er gab dem in einem alten Tressenhut auf +dem Bock sitzenden Kutscher Ordre, zunächst in +den »Neuen Garten« zu fahren.</p> + +<p>In dem »Neuen Garten« war es wie todt, +und eine dunkle, melancholische Cypressenallee +schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich +lenkte man nach rechts hin in einen neben einem +See hinlaufenden Weg ein, dessen einreihig gepflanzte +Bäume mit ihrem weit ausgestreckten +und niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel +berührten. In dem Gitterwerke der Blätter +aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. +Frau von Carayon vergaß über diese Schönheit +all ihr Leid, und fühlte sich dem Zauber derselben +erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem +Uferweg abermals in den großen Mittelgang +einbog, und gleich danach vor einem aus Backstein +<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a> +aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold +und Marmor reich geschmückten Hause hielt.</p> + +<p>»Wem gehört es?«</p> + +<p>»Dem König.«</p> + +<p>»Und wie heißt es?«</p> + +<p>»Das Marmor-Palais.«</p> + +<p>»Ah das Marmor-Palais. Das ist also +das Palais ....«</p> + +<p>»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das +Palais, in dem weiland Seine Majestät König +Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und +schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und +steht auch noch alles ebenso, wies damals gestanden +hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, +wo der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹ +trank, den ihm der Geheimrath Hufeland +in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ +oder vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. +Wollen die gnädige Frau das Zimmer sehn? Es +ist freilich schon spät. Aber ich kenne den +Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf +meinen Empfehl .... versteht sich .... Und ist +auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine +Figur von der Frau Rietz oder wie manche +sagen von der Mamsell Encken oder der Gräfin +Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine +<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a> +Figur, so bloß bis an die Hüften oder noch +weniger.«</p> + +<p>Frau von Carayon dankte. Sie war bei +dem Gange, der ihr für morgen bevorstand, nicht +in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder +auch nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu +wollen. Sie sprach also den Wunsch aus, immer +weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst +umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein +kühlerer Luftton den Abend ankündigte. Wirklich, +es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an +der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das +Glockenspiel seinen Choral ausgespielt hatte, hielt +der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.«</p> + +<p>Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren +Muth zurückgegeben. Dazu kam eine wohlthuende +Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange. +Selbst was sie träumte, war hell und licht.</p> + +<p>Am andern Morgen erschien, wie verabredet, +ihre nun wieder ausgeruhte Berliner Equipage +vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, +der Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers +zu mißtrauen, engagirte sie, wie zur Aushilfe, +denselben Lohndiener wieder, der sich gestern, +aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, +so vorzüglich bewährt hatte. Das gelang +<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a> +ihm denn auch heute wieder. Er wußte von +jedem Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber +kam, zu berichten, am meisten von Marquardt, +aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem +Interesse der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen +hervorschimmerte, darin unter Zuthun +und Anleitung des Generals von Bischofswerder, +dem »dicken Könige« (wie sich der immer konfidentieller +werdende Cicerone jetzt ohne weiteres +ausdrückte) die Geister erschienen waren.</p> + +<p>Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte +man die »Wublitz«, einen von Mummeln überblühten +Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker +und Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen +standen, und ehe noch die Mittagsstunde heran +war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein +offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer +Parkeingang bildete.</p> + +<p>Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin +empfand, ließ in dem ihr eigenen, feinen +Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, +um den Rest des Weges zu Fuß zu machen. +Es war nur eine kleine, sonnenbeschienene Strecke +noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr peinlich, +und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen +hin, um nicht vor der Zeit gesehen zu werden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a>Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen +des Schlosses heran und schritt sie tapfer +hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen +Theil ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben.</p> + +<p>»Ich wünschte den General von Köckritz zu +sprechen,« wandte sie sich an einen im Vestibül +anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt +der schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.</p> + +<p>»Wen hab ich dem Herrn General zu +melden?«</p> + +<p>»Frau von Carayon.«</p> + +<p>Der Lakai verneigte sich und kam mit der +Antwort zurück: »Der Herr General lasse bitten +in das Vorzimmer einzutreten.«</p> + +<p>Frau von Carayon hatte nicht lange zu +warten. General von Köckritz, von dem die +Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen +Liebe zu seinem Könige keine weitere Passion +als eine Pfeife Tabak und einen Rubber Whist +habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her +entgegen, entsann sich sofort der alten Zeit und +bat sie mit verbindlichster Handbewegung Platz +zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr +den Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, +daß die Frage nach seiner Klugheit +<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a> +nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich +für solche, die wie Frau von Carayon mit einem +Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die +meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß +eine <em class="gesperrt">wohlwollende</em> Fürstenumgebung einer +geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur +freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht +auch Staatsdiener sein und nicht mitbestimmen +und mitregieren wollen.</p> + +<p>General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß +ihn Frau von Carayon im Profil hatte. Sein +Kopf steckte halb in einem überaus hohen und +steifen Uniformkragen, aus dem nach vorn hin +ein Jabot quoll, während nach hinten ein kleiner +sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein +eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht +und mit einer gewissen Koketterie hin und her, +auch wenn an dem Manne selbst nicht die geringste +Bewegung wahrzunehmen war.</p> + +<p>Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer +Lage zu vergessen, erheiterte sich doch offenbar +an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und +erst einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr +das, was ihr oblag, um vieles leichter und +bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth +über all und jedes zu sprechen, auch über <em class="gesperrt">das</em>, +<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a> +was man als den »delikaten Punkt« in ihrer +oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.</p> + +<p>Der General hatte nicht nur aufmerksam, +sondern auch theilnahmevoll zugehört und sagte, +als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine +gnädigste Frau, das sind sehr fatale Sachen, +Sachen, von denen Seine Majestät nicht zu +hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber +zu schweigen pflege, wohlverstanden so lange nicht +Abhilfe zu schaffen und überhaupt nichts zu bessern +ist. Hier aber <em class="gesperrt">ist</em> zu bessern, und ich würde +meine Pflicht versäumen und Seiner Majestät +einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich ihm +einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder +da Sie selber gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, +Sie, meine gnädigste Frau, durch künstlich +erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage +behindern wollte. Denn solche Schwierigkeiten +sind allemalen erfundene Schwierigkeiten in einem +Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die +Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes +wollen und nicht gesonnen sind, der Forderung +eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu +gehen. Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster +König und Herr, der ein starkes Gefühl +für das <em class="gesperrt">Ebenmäßige</em> des Rechts und eben +<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a> +deshalb einen wahren Widerwillen und rechten +Herzensabscheu gegen alle <em class="gesperrt">die</em>jenigen hat, die +sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit +aber die sonst so braven und tapfren Offiziers +von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem +schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren +geneigt sind, und es für angemessen und löblich +oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft +halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem +Uebermuth und ihrer schlechten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">moralité</span> zu +opfern.«</p> + +<p>Frau von Carayons Augen füllten sich mit +Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <ins title="chèr">cher</ins> +General.</span>«</p> + +<p>»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein +Allergnädigster König und Herr, <em class="gesperrt">der</em> ist gut. +Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser +seiner Herzensgüte bald in Händen halten, +trotzdem wir heut einen schlimmen oder sagen +wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn +wie Sie vielleicht schon in Erfahrung gebracht +haben, der König erwartet in wenig Stunden +die Königin zurück, um nicht gestört zu werden +in der Freude des Wiedersehns, <em class="gesperrt">des</em>halb befindet +er sich hier, <em class="gesperrt">des</em>halb ist er hierher gegangen nach +Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein +<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a> +Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine +Streitsache von so delikater Natur. Ja, wirklich +ein Schabernack ist es und ein rechtes Schnippchen, +das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. +Er will sich seines Liebesglückes freuen (Sie +wissen, wie sehr er die Königin liebt) und in +demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück +bringen soll, hört er eine Geschichte von +unglücklicher Liebe. Das verstimmt ihn. Aber +er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht +Herr zu werden, und treffen wir's nur einigermaßen +leidlich, so müssen wir uns aus eben +diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen +Vortheil zu ziehen wissen. Denn das eigne Glück, +das er erwartet, wird ihn nur noch geneigter +machen als sonst, das getrübte Glück andrer +wieder herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem +Rechtsgefühl und in der Güte seines Herzens. +Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie +bei dem Könige zu melden.«</p> + +<p>Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, +wandte sich noch einmal wieder und setzte hinzu: +»Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park +begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen +Sie mich also sehen. In wenig Minuten bring +ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder +<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a> +nicht. Und nun noch einmal, seien Sie gutes +Muthes. Sie dürfen es.«</p> + +<p>Und damit nahm er Hut und Stock, und +trat durch eine kleine Seitenthür unmittelbar in +den Park hinaus.</p> + +<p>In dem Empfangszimmer, in dem Frau +von Carayon zurückgeblieben war, hingen allerlei +Buntdruckbilder, wie sie damals von England her +in der Mode waren: Engelsköpfe von Josua +Reynolds, Landschaften von Gainsborough, auch +ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke, +darunter eine büßende Magdalena. War es die +von Corregio? Das wundervoll tiefblau getönte +Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte +Frau von Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat +heran, um sich über den Maler zu vergewissern. +Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, +kehrte der alte General zurück, und bat seinen +Schützling ihm zu folgen.</p> + +<p>Und so traten sie denn in den Park, drin +eine tiefe Stille herrschte. Zwischen Birken und +Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und +führte bis an eine künstliche, von Moos und +Epheu überwachsene Felswand, in deren Front +(der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der +König auf einer Steinbank saß.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a>Er erhob sich, als er die schöne Frau sich +nähern sah, und trat ihr ernst und freundlich +entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein +Knie niederlassen, der König aber litt es nicht, +nahm sie vielmehr aufrichtend bei der Hand, und +sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl bekannt +... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... +Damals ...«</p> + +<p>Er schwieg einen Augenblick, entweder in +Verlegenheit über das ihm entschlüpfte letzte +Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen +Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd +vor ihm stehenden Mutter, und fuhr dann fort: +»<ins title="Köckeritz">Köckritz</ins> mir eben Andeutungen gemacht .... +<em class="gesperrt">Sehr</em> fatal .... Aber bitte .... sich setzen, +meine Gnädigste .... Muth .... Und nun +sprechen Sie.«</p> + +<h2>Siebzehntes Kapitel.<br/> +<small>Schach in Charlottenburg.</small></h2> + +<p>Eine Woche später hatten König und +Königin Paretz wieder verlassen, und schon am +Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung +eines ihm in Schloß Wuthenow übergebenen +Kabinetsschreibens nach Charlottenburg +<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a> +hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt +war. Er nahm seinen Weg durchs Brandenburger +Thor und die große Thiergartenallee, +links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit +einem ganzen Linsengericht von Sommersprossen +überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem +Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden +Bart hin Zieten zu versichern pflegte, +»daß man auch <em class="gesperrt">diesen</em> Baarsch an seinen +Flossen erkennen könne.« Wuthenower Kind +und seines Gutsherrn und Rittmeisters ehemaliger +Spielgefährte, war er diesem und allem, was +Schach hieß, selbstverständlich in unbedingten +Treuen ergeben.</p> + +<p>Es war vier Uhr Nachmittags und der +Verkehr nicht groß, trotzdem die Sonne schien +und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige +Reiter begegneten ihnen, unter diesen auch ein +paar Offiziere von Schachs Regiment. Schach +erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben +und ritt bald danach in die breite Charlottenburger +Hauptstraße mit ihren Sommerhäusern +und Vorgärten ein.</p> + +<p>Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein +Ziel zu sein pflegte, wollte sein Pferd einbiegen; +zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem +<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a> +Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den +Gang, den er vorhatte, bequemer gelegen war. +Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz +den Zügel und ging ohne Versäumniß +auf das Schloß zu. Hier trat er nach Passirung +eines öden und von der Julisonne längst verbrannten +Grasvierecks erst in ein geräumiges +Treppenhaus und bald danach in einen schmalen +Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend +überlebensgroßen Porträts die glotzäugigen +blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I. +paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf +er einen Kammerdiener, der ihn, nach vorgängiger +Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte.</p> + +<p>Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten +ausgebreitet lagen, ein paar Pläne der Austerlitzer +Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf +Schach zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, +lieber Schach .... Die Carayon; fatale Sache. +Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; +mir verhaßt; auch meine Verirrungen. +Aber in Verirrungen nicht stecken bleiben; wieder +gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. +Schöne Frau, die Mutter; mir <em class="gesperrt">sehr</em> gefallen; +kluge Frau.«</p> + +<p>Schach verneigte sich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a>»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes +Kind .... Aber <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">enfin</span>, müssen sie doch charmant +gefunden haben. Und was man einmal charmant +gefunden, findet man, wenn man nur will, auch +wieder. Aber das ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Sache, geht mich +nichts an. Was mich angeht, das ist die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span>. +<em class="gesperrt">Die</em> verlang ich und um dieser <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span> willen +verlang ich Ihre Heirath mit dem Fräulein +von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren +Abschied nehmen und den Dienst quittiren wollen.«</p> + +<p>Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung +und Miene, daß ihm dies das Schmerzlichste +sein würde.</p> + +<p>»Nun denn bleiben also; schöner Mann; +liebe das. Aber Remedur muß geschafft werden, +und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, +die Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern +(Pardon, lieber Schach) die Stiftsanwartschaft +auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben. +Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. +Und werden mir Meldung machen.«</p> + +<p>»Zu Befehl, Ew. Majestät.«</p> + +<p>»Und noch eines; habe mit der Königin +darüber gesprochen; will Sie sehn; Frauenlaune. +Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... +Dank Ihnen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a>Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich +und ging den Korridor hinunter auf das am +entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene +große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der +König gesprochen hatte.</p> + +<p>Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht +noch im Park. So trat er denn in diesen hinaus +und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer +Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und +ab, von denen ihn einige faunartig anzulächeln +schienen. Endlich sah er die Königin von der +Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame +mit ihr, allem Anscheine nach das jüngere +Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen +entgegen, und trat in gemessener Entfernung +bei Seite, um die militärischen Honneurs zu +machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige +Schritte zurück.</p> + +<p>»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von +Schach. Sie kommen vom Könige.«</p> + +<p>»Zu Befehl, Ew. Majestät.«</p> + +<p>»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin +fort, »daß ich Sie habe bitten lassen. Aber der +König, der anfänglich dagegen war und mich +darüber verspottete, hat es schließlich gestattet. +Ich bin eben eine Frau, und es wäre hart, wenn +<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a> +ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, +nur weil ich eine <em class="gesperrt">Königin</em> bin. Als Frau aber +interessirt mich alles, was unser Geschlecht angeht, +und was ging uns näher an als eine solche +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">question d'amour</span>.«</p> + +<p>»Majestät sind so gnädig.«</p> + +<p>»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um +des Fräuleins willen .... Der König hat mir +alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen +hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich +von Pyrmont wieder in Paretz eintraf, und ich +kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine +Theilnahme mit dem Fräulein war. Und nun +wollen Sie, gerade <em class="gesperrt">Sie</em>, dem lieben Kinde diese +Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme +zugleich sein Recht. Das ist unmöglich. Ich +kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit +als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. +Und dabei, denk ich, belassen wir's. Ich habe +von den Spottbildern gehört, die publizirt +worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, +haben Sie verwirrt und Ihnen Ihr ruhiges +Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich +doch aus allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen +thut und wie der giftige Pfeil uns nicht +bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern +<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a> +auch verwandelt und <em class="gesperrt">nicht</em> verwandelt zum +Besseren. Aber wie dem auch sei, Sie mußten +sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich +auch auf <em class="gesperrt">das</em>, was Pflicht und Ehre von Ihnen +fordern.«</p> + +<p>Schach schwieg.</p> + +<p>»Und Sie <em class="gesperrt">werden</em> es,« fuhr die Königin +immer lebhafter werdend fort, »und werden sich +als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es +kann Ihnen nicht schwer werden, denn selbst aus +der Anklage gegen Sie, so versicherte mir der +König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung +gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr +Entschluß je wieder ins Schwanken kommen sollte, +was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum etwas, +was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie +die Schlichtung dieses Streits und der Bund +zweier Herzen, die mir für einander bestimmt +erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche +Liebe. Denn Sie werden doch, hoff ich, nicht in +Abrede stellen wollen, daß es ein geheimnißvoller +Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so +schönen Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, +widerstreitet mir. Und nun eilen Sie +heim, und machen Sie glücklich und werden Sie +glücklich. Meine Wünsche begleiten Sie, Sie +<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a> +<em class="gesperrt">Beide</em>. Sie werden sich zurückziehen, so lang +es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen +aber erwart ich, daß Sie mir Ihre +Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer +Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower +Kirchenbuch eintragen lassen. Und nun +Gott befohlen.«</p> + +<p>Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung +begleiteten diese Worte; Schach aber, als er sich +kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah, +sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen +und auf eine schattigere, mehr der Spree +zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.</p> + +<p>Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder +im Sattel; Ordonnanz Baarsch folgte.</p> + +<p>Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten +eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem +war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt +worden. Er wußte, was er dem König schuldig +sei: <em class="gesperrt">Gehorsam</em>! Aber sein Herz widerstritt, und +so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu +machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich +vereinigte, was dem Befehle seines Königs und +dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig +entsprach. Und dafür gab es nur <em class="gesperrt">einen</em> Weg. +Ein Gedanke, den er schon in Wuthenow gefaßt +<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a> +hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum +Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, +desto mehr fand er sich in seine frühere gute +Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er +vor sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von +Minuten, eine Differenz von heut auf morgen.« +Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, +zum ersten Male wieder leicht und frei.</p> + +<p>Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle +gekommen war, wo eine alte Kastanienallee nach +dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in +diese Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und +sagte, während er den Zügel fallen ließ und die linke +Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte: »Sage +Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«</p> + +<p>»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon +halten? Mein Vater selig sagte man ümmer: +heirathen is gut, aber nich heirathen is noch +besser.«</p> + +<p>»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber +wenn <em class="gesperrt">ich</em> nun heirathe, Baarsch?«</p> + +<p>»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«</p> + +<p>»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches +Malheur?«</p> + +<p>»Jott, Herr Rittmeister, vor <em class="gesperrt">Ihnen</em> grade +nich, aber vor <em class="gesperrt">mir</em> ....«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a>»Wie das?«</p> + +<p>»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't +hab, es würd' <em class="gesperrt">doch</em> nichts. Un wer verliert, muß +die ganze Corporalschaft freihalten.«</p> + +<p>»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«</p> + +<p>»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un +wie nu vorige Woch ooch noch die Bilders +kamen ....«</p> + +<p>»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es +denn eigentlich mit der Wette? Hoch?«</p> + +<p>»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser +un'n Kümmel. Aber vor jed' een.«</p> + +<p>»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu +Schaden kommen. Ich werde die Wette bezahlen.«</p> + +<p>Und danach schwieg er und murmelte nur +noch vor sich hin »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et payer les pots cassés</span>.«</p> + +<h2>Achtzehntes Kapitel.<br/> +<small>Fata Morgana</small></h2> + +<p>Schach war zu guter Stunde wieder heim, +und noch denselben Abend schrieb er ein Billet +an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend +aufrichtigen Worten um seines Benehmens willen +um Entschuldigung bat. Ein Kabinetsschreiben, +das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, +<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a> +hab ihn heute Nachmittag nach Charlottenburg +hinausgeführt, wo König und Königin ihn an +<em class="gesperrt">das</em>, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er +bedaure, solche Mahnung verschuldet zu haben, +finde den Schritt, den Frau von Carayon gethan, +gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des +Vormittags sich beiden Damen vorstellen zu +dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese neuen +Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer +Nachschrift, die länger als der Brief selbst war, +war hinzugefügt, »daß er durch eine Krisis gegangen +sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter +ihm, und er hoffe sagen zu dürfen, ein Grund +an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu zweifeln, +werde <em class="gesperrt">nicht</em> wiederkehren. Er lebe nur noch dem +einen Wunsch und Gedanken, alles was geschehen +sei, durch Gesetzlichkeit auszugleichen. Ueber ein +Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«</p> + +<p>Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, +wurde, trotz der schon vorgerückten +Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle +beantwortet. Sie freue sich, in seinen Zeilen +einer so versöhnlichen Sprache zu begegnen. +Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein +nunmehr Zurückliegendes anzusehen sei, werd es +am besten sein zu schweigen; auch <em class="gesperrt">sie</em> fühle, daß +<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a> +sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln +sollen, sie habe sich hinreißen lassen, und nur +das <em class="gesperrt">Eine</em> werd ihr vielleicht zur Entschuldigung +dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen +in Wort und Bild, die sein Benehmen +im Laufe der letzten Woche bestimmt zu haben +schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. +Hätte sie diese Kenntniß früher gehabt, so würde +sie vieles milder beurtheilt, jedenfalls aber eine +abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen +gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, +daß alles wieder einklingen werde. Victoirens +große Liebe (nur zu groß) und seine eigene Gesinnung, +die, wie sie sich überzeugt halte, wohl +schwanken aber nie dauernd erschüttert werden +könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen +und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch +einer glücklichen Zukunft.</p> + +<p>Am andern Vormittage wurde Schach bei +Frau von Carayon gemeldet. Sie ging ihm +entgegen, und das sich sofort entspinnende +Gespräch verrieth auf beiden Seiten weniger +Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte +vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte +sich's auch wieder. Alles was geschehen war, so +schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, +<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a> +war doch schließlich von jeder der beiden Parteien +verstanden worden, und wo Verständniß ist, ist +auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit +einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher +Konsequenz aus den Verhältnissen heraus entwickelt, +und weder die Flucht, die Schach bewerkstelligt, +noch die Klage, die Frau von Carayon +an oberster Stelle geführt hatte, hatten Uebelwollen +oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.</p> + +<p>Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken +begann, erschien Victoire. Sie sah sehr gut aus, +nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er +trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, +sondern herzlich, und der Ausdruck einer innigen +und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie +sah und ihr die Hand reichte, besiegelte den +Frieden. Es war kein Zweifel, er war ergriffen, +und während Victoire vor Freude strahlte, füllten +Thränen das Auge der Mutter.</p> + +<p>Es war der beste Moment, das Eisen zu +schmieden. Sie bat also Schach, der sich schon +erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen +kurzen Augenblick einnehmen zu wollen, um +gemeinschaftlich mit ihm die nöthigsten Festsetzungen +zu treffen. Was sie zu sagen habe, +seien nur wenige Worte. So viel sei gewiß, +<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a> +Zeit sei versäumt worden, und diese Versäumniß +wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. +Ihre langjährige freundschaftliche Beziehung zum +alten Konsistorialrath Bocquet, der sie selber +getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte +dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, +an die Stelle des herkömmlichen dreimaligen +Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse +nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage +der nächsten Woche – denn die Freitage, die +gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie +persönlich von der durchaus entgegengesetzten +Seite kennen gelernt – werde dann die Hochzeit +zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen +Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder +Gasthause von ganzer Seele hasse. Was dann +weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem +jungen Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über +Wuthenow oder Wuthenow über Venedig den +Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten +sie gemeinsam und die Gondel auch, und nur +um Eines müsse sie bitten, daß der kleine +Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel +liege, nie zur Seufzerbrücke erhoben werde.</p> + +<p>So ging das Geplauder, und so verging der +Besuch.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a>Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das +Aufgebot, und der Freitag, an dem die Hochzeit +stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen +Hause war Aufregung, am aufgeregtesten +Tante Marguerite, die jetzt täglich erschien, und +durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme +balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem +Erscheinen war.</p> + +<p>Abends kam Schach. Er war heitrer und +in seinem Urtheile milder als sonst, und vermied +nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück +unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und +den Vorbereitungen dazu zu sprechen. Wurd er +gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er +mit einer Art von Empressement, »ganz nach +eigenem Dafürhalten verfahren zu wollen; er +kenne den Takt und guten Geschmack der Damen +und wisse, daß ohne sein Rathen und Zuthun +alles am besten entschieden werden würde; wenn +ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll +bleibe, so sei dies ein Vortheil mehr für ihn, hab +er doch von Jugend auf eine Neigung gehabt, +sich überraschen zu lassen.«</p> + +<p>Unter solchen Ausflüchten entzog er sich +jedem Geplauder, das, wie Tante Marguerite +sich ausdrückte, »den Ehrentag <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en vue</span> hatte,« +<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a> +war aber um so plauderhafter, wenn das Gespräch +auf die Reisetage <em class="gesperrt">nach</em> der Hochzeit hinüberlenkte. +Denn Venedig, aller halben Widerrede +der Frau von Carayon zum Trotz, hatte doch +schließlich über Wuthenow gesiegt, und Schach, +wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm +sonst völlig fremden Phantastik allen erdenklichen +Reiseplänen und Reisebildern nach. Er wollte +nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln +passiren, »ob frei oder an den Mast gebunden, +überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.« +Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um +Maltas willen, o nein. Aber auf dem Wege +dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle +schwarze Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen +ein allererstes Mal zu dem in Nebel und Schnee +gebornen Hyperboreer spräche. <em class="gesperrt">Das</em> sei die +Stelle, wo die bilderreiche Fee wohne, die +<em class="gesperrt">stumme</em> Sirene, die mit dem Zauber ihrer +Farbe fast noch verführerischer locke, als die +singende. Beständig wechselnd seien die Scenen +und Gestalten ihrer <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Laterna magica</span>, und während +eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben +Sand ziehe, dehne sichs plötzlich wie grüne +Triften und unter der schattengebenden Palme +säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt +<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a> +und alle Pfeifen in Brand, und schwarz und +braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie +zum Tanze geschürzt, erhüben die Becken und +schlügen das Tambourin. Und mitunter sei's, +als lach es. Und dann schwieg es und schwänd +es wieder. Und diese Spiegelung aus der geheimnißvollen +Ferne, <em class="gesperrt">das</em> sei das Ziel!</p> + +<p>Und Victoire jubelte, hingerissen von der +Lebhaftigkeit seiner Schilderung.</p> + +<p>Aber im selben Augenblick überkam es sie +bang und düster, und in ihrer Seele rief eine +Stimme: <em class="gesperrt">Fata Morgana</em>.</p> + +<h2>Neunzehntes Kapitel.<br/> +<small>Die Hochzeit.</small></h2> + +<p>Die Trauung hatte stattgefunden und um +die vierte Stunde versammelten sich die zur +Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus +gelegenen großen Eßsaale, der für gewöhnlich als +ein bloßes unbequemes Anhängsel der Carayonschen +Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe +von Jahren heute zum erstenmale wieder in +Gebrauch genommen wurde. Dies erschien +thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große +war. Der alte Konsistorialrath Bocquet hatte +<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a> +sich bewegen lassen, dem Mahle mit beizuwohnen, +und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der +Frau von Carayon; unter den anderweit Geladenen +aber waren, außer dem Tantchen und einigen +alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit +her, in erster Reihe Nostitz, Alvensleben und +Sander zu nennen. Auf letzteren hatte Schach, +aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste +beobachteten Indifferenz unerachtet, +mit besonderem Nachdruck bestanden, weil ihm +inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben +bei Gelegenheit des Verlagsantrages der drei +Bilder bekannt geworden war, ein Benehmen, +das er um so höher anschlug, als er es von +<em class="gesperrt">dieser</em> Seite her nicht erwartet hatte. Bülow, +Schachs alter Gegner, war nicht mehr in Berlin, +und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen +wäre.</p> + +<p>Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten +Trinkspruch in der herkömmlichen Feierlichkeit; +als indessen der alte Konsistorialrath gesprochen +und in einem dreigetheilten und als »historischer +Rückblick« zu bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen +Generalfinanzpächterhauses, dann der +Trauung der Frau von Carayon und drittens +(und zwar unter Citirung des ihr mit auf den +<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a> +Lebensweg gegebenen Bibelspruches) der Konfirmation +Victoirens gedacht, endlich aber mit +einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis +auf den »egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle +Nähe man sich begeben wolle« geschlossen +hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung +der Stimmung gegeben. Alles gab sich +einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an der +sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, +als sich schließlich auch das zu Ehren des Tages +in einem grasgrünen Seidenkleid und einem +hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen +erhob, um einen <em class="gesperrt">zweiten</em> Toast auf das Brautpaar +auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen +mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war +eine Zeitlang unbemerkt geblieben, und kam erst +zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte: +Tante Marguerite wünsche zu sprechen.</p> + +<p>Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen +der Zustimmung, und begann ihre Rede mit viel +mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer anfänglichen +Schüchternheit erwarten durfte. »Der +Herr Konsistorialrath hat so schön und so lange +gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, +das über dem Felde geht und Aehren sammelt, +was auch der Text war, worüber am letzten +<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a> +Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt +wurde, die wieder sehr leer war, ich glaube nicht +mehr als ölf oder zwölf. Aber als Tante der +lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl +die älteste bin, erheb ich dieses Glas, um noch +einmal auf dem Wohle des jungen Paares zu +trinken.«</p> + +<p>Und danach setzte sie sich wieder, um die +Huldigungen der Gesellschaft entgegenzunehmen. +Schach versuchte der alten Dame die Hand zu +küssen, was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens +Umarmung mit allerlei kleinen Liebkosungen +und zugleich mit der Versicherung erwiderte: +»sie hab es alles vorher gewußt, von +dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach +Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht +hätten. Denn sie hab es wohl gesehen, +daß Victoire neben dem großen für die Mama +bestimmten Veilchenstrauß auch noch einen kleinen +Strauß in der Hand gehalten hätte, den habe sie +dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, +in der Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber +als er dann gekommen sei, habe sie das kleine +Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht +neben der Thür auf ein Kindergrab gefallen, +was immer etwas bedeute, und auch <em class="gesperrt">dies</em>mal +<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a> +etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen +dem Aberglauben sei, so glaube sie doch an +Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. +Und der ganze Nachmittag stehe noch so deutlich +vor ihr, als wär es gestern gewesen, und wenn +manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte +man doch auch seine zwei gesunden Augen, und +wisse recht gut wo die besten Kürschen hingen.« +In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, +ohne daß die Bedeutung desselben dadurch klarer +geworden wäre.</p> + +<p>Nach Tante Margueritens Toast löste sich +die Tafelreihe; jeder verließ seinen Platz, um +abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben +zu können, und als bald danach auch die großen +Jostyschen Devisenbonbons umhergereicht und +allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe +wunderbare Fee, Selbst dein Wehe thut nicht +weh«, aller kleinen und undeutlichen Schrift unerachtet, +entziffert und verlesen worden waren, +erhob man sich von der Tafel. Alvensleben +führte Frau von Carayon, Sander Tante Marguerite, +bei welcher Gelegenheit, und zwar über +das Ruth-Thema, von Seiten Sanders allerlei +kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die +der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, +<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a> +als der Kaffee servirt wurde, zuflüsterte: »Charmanter +Herr. Und so galant. Und so bedeutungsvoll.«</p> + +<p>Schach sprach viel mit Sander, erkundigte +sich nach Bülow, »der ihm zwar nie sympathisch, +aber trotz all seiner Schrullen immer ein +Gegenstand des Interesses gewesen sei« und bat +Sander, ihm, bei sich darbietender Gelegenheit, +dies ausdrücken zu wollen. In allem was er +sagte, sprach sich Freundlichkeit und ein Hang +nach Versöhnung aus.</p> + +<p>In diesem Hange nach Versöhnung stand +er aber nicht allein da, sondern begegnete sich +darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese +persönlich eine zweite Tasse präsentirte, sagte +sie, während er den Zucker aus der Schale +nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im +Nebenzimmer.«</p> + +<p>Und sie ging ihm dahin vorauf.</p> + +<p>»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem +großgeblümten Kanapee Platz nehmend, von dem +aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür +einen Blick auf das Eckzimmer hin frei +hatten, »es sind dies unsere letzten Minuten, +und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander +nehmen, noch manches von der Seele heruntersprechen. +<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a> +Ich will nicht mit meinem Alter +kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, +und wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Ueber +Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine +trübe Stunde machen: sie liebt Sie zu sehr, um +es zu können oder zu wollen. Und Sie, lieber +Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. +Sie werden ihr nicht wehe thun, diesem süßen +Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung ist. +Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein +Versprechen von Ihnen. Ich weiß im Voraus, +ich hab es.«</p> + +<p>Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon +diese Worte sprach, und tröpfelte, während +er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee +langsam aus dem zierlichen kleinen Löffel.</p> + +<p>»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr +sie fort, »mein Vertrauen wieder. Aber dies +Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, +war in Tagen, die nun glücklicher Weise +hinter uns liegen, um vieles mehr als ich es +für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, +und in diesen Tagen hab ich harte Worte gegen +Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit Victoiren +sprach, und noch härtere, wenn ich mit +mir allein war. Ich habe Sie kleinlich und +<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a> +hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und +habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit +und der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">lâcheté</span> geziehen. Und das +beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, +die mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen +konnte.«</p> + +<p>Sie schwieg einen Augenblick. Aber als +Schach antworten wollte, litt sie's nicht und +sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in +jenen Tagen gesagt und gedacht habe, bedrückte +mich, und verlangte nach dieser Beichte. Nun +erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich +kann Ihnen wieder frei ins Auge sehen. Aber +nun genug. Kommen Sie. Man wird uns +ohnehin schon vermißt haben.«</p> + +<p>Und sie nahm seinen Arm und scherzte: +»Nicht wahr? <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">On revient toujours à ses premiers +amours.</span> Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend +aussprechen kann, und in einem Momente reiner +und ganzer Freude.«</p> + +<p>Victoire trat Schach und ihrer Mama von +dem Eckzimmer her entgegen, und sagte: »Nun, +was war es?«</p> + +<p>»Eine Liebeserklärung.«</p> + +<p>»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß +wir morgen reisen. Nicht wahr? Ich möchte +<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a> +der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen +Tochter geben.«</p> + +<p>Und Mutter und Tochter nahmen auf dem +Sopha Platz, wo sich Alvensleben und Nostitz ihnen +gesellten.</p> + +<p>In diesem Augenblick wurde Schach der +Wagen gemeldet, und es war als ob er sich bei +dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon +sah es auch. Er sammelte sich aber rasch wieder, +empfahl sich, und trat in den Korridor hinaus, +wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf +ihn wartete. Victoire war ihm bis an die +Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof +her ein halber Tagesschein flimmerte.</p> + +<p>»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte +sich und ging.</p> + +<p>Aber Victoire beugte sich weit über das +Geländer vor und wiederholte leise: »Bis auf +morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«</p> + +<p>Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme +verfehlte seines Eindrucks <em class="gesperrt">nicht</em>, auch in <em class="gesperrt">diesem</em> +Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder +hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen +wolle für immer, und küßte sie.</p> + +<p>»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«</p> + +<p>Und nachhorchend hörte sie noch seinen +<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a> +Schritt auf dem Flur. Dann fiel die Hausthür +ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße +hinunter.</p> + +<p>Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch +und der Groom, von denen jener sich's eigens +ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn +an diesem seinem Ehrentage fahren zu +dürfen. Was denn auch ohne weiteres bewilligt +worden war. Als der Wagen aus der Behren- +in die Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck +oder Schlag, ohne daß ein Stoß von unten her +verspürt worden wäre.</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Damm</span>,« sagte Groom. »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">What's that?</span>«</p> + +<p>»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? +En Steen is et; en doter Feldwebel.«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Oh no</span>, Baarsch. Nich <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">stone. 't was +something .... dear me .... like shooting.</span>«</p> + +<p>»Schuting? Na nu.«</p> + +<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Yes; pistol-shooting ....</span>«</p> + +<p>Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, +denn der Wagen hielt vor Schachs Wohnung, +und der Groom sprang in Angst und Eile vom +Bock, um seinem Herrn beim Aussteigen behilflich +zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, ein dichter +Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß +aufrecht in der Ecke, nur wenig zurückgelehnt. +<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a> +Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das +Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag +wieder ins Schloß und jammerte: »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Heavens, he +is dead.</span>«</p> + +<p>Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so +trugen sie den Todten in seine Wohnung hinauf.</p> + +<p>Baarsch fluchte und flennte, und schob alles +auf die »Menschheit«, weil er's aufs Heirathen +zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war +eine diplomatische Natur wie alle Bauern.</p> + +<h2>Zwanzigstes Kapitel.<br/> +<small>Bülow an Sander.</small></h2> + +<p><span class="gesperrt">Königsberg</span>, 14. Sept. 1806. ».... Sie +schreiben mir, lieber Sander, auch von Schach. +Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger +Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, +aber erst Ihrem Briefe verdank ich die Aufklärung, +so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen +meine Neigung (und dieser folg ich auch heut), +aus dem Einzelnen aufs Ganze zu schließen, +aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen +aufs Einzelne, was mit dem Generalisiren zusammenhängt. +Es mag das sein Mißliches haben +und mich oft zu weit führen. Indessen wenn +<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a> +jemals eine Berechtigung dazu vorlag, so hier, +und speziell <em class="gesperrt">Sie</em> werden es begreiflich finden, +daß mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom +ist, um eben seiner symptomatischen Bedeutung +willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist durchaus +Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler +Begrenzung, ein in seinen Ursachen ganz abnormer +Fall, der sich in dieser Art und Weise nur in +Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- +und Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, +immer nur in den Reihen unsrer nachgeborenen +fridericianischen Armee zutragen konnte, einer +Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, +und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat +– ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein +wird. Der große König hat diesen schlimmen +Zustand der Dinge vorbereitet, aber daß er <em class="gesperrt">so</em> +schlimm werden konnte, dazu mußten sich die +großen Königsaugen erst schließen, vor denen +bekanntermaßen jeder mehr erbangte, als vor +Schlacht und Tod.</p> + +<p>Ich habe lange genug dieser Armee angehört, +um zu wissen <ins title="›daß Ehre‹">daß ›Ehre‹</ins> das dritte Wort in +ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹, +eine Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja, +mir sind Wucherer empfohlen und vorgestellt +<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a> +worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies +beständige Sprechen von Ehre, von einer falschen +Ehre, hat die Begriffe verwirrt und die richtige +Ehre todt gemacht.</p> + +<p>All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, +in Schach selbst, der, all seiner Fehler +unerachtet, immer noch einer der besten war.</p> + +<p>Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in +einem adligen Hause; die Mutter gefällt ihm, +und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch +die Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr +wahrscheinlich, weil ihm Prinz Louis eine halbe +Woche vorher einen Vortrag über »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du +diable</span>« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt +ihm, und die Natur zieht ihre Konsequenzen. +Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre +nun wohl einfacher und natürlicher gewesen, als +Ausgleich durch einen Eheschluß, durch eine Verbindung, +die weder gegen den äußeren Vortheil, +noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. +Was aber geschieht? Er flieht nach Wuthenow, +einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's +handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange +hat, als gerade modisch oder herkömmlich ist, +und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren +glatten und wie mit Schachtelhalm polirten +<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a> +Schach auf vier Wochen in eine von seinen +Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. +Er flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht +und Wort, und als ihn schließlich, um ihn selber +sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster König +und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und +strikten Gehorsam fordert, da gehorcht er, aber +nur, um im Momente des Gehorchens den Gehorsam +in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. +Er kann nun mal Zietens spöttischen Blick nicht +ertragen, noch viel weniger einen neuen Ansturm +von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch +einen Schatten, eine Erbsenblase, greift er zu +dem alten Auskunftsmittel der Verzweifelten: +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">un peu de poudre</span>.</p> + +<p>Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. +Sie macht uns abhängig von dem Schwankendsten +und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf +Triebsand aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, +und veranlaßt uns, die heiligsten Gebote, die +schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem +Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und +diesem Kultus einer falschen Ehre, die nichts ist +als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist denn auch +Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. +Erinnern Sie sich dieser Worte. Wir haben wie +<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a> +Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt, +um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber +diese Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als +es mit der Mingdynastie zur Neige ging und die +siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten +von Peking eingedrungen waren, erschienen +immer noch Boten und Abgesandte, die dem +Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, +weil es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft +und des Hofes war, von Niederlagen zu sprechen. +O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war +ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. +Und warum? weil alles Geschraubte zur Lüge +führt und alle Lüge zum Tod.</p> + +<p>Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von +Carayons Salon, wo bei dem Thema ›<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hannibal +ante portas</span>‹ Aehnliches über meine Lippen kam? +Schach tadelte mich damals als unpatriotisch. +Unpatriotisch! Die Warner sind noch immer bei +diesem Namen genannt worden. Und nun! Was +ich damals als etwas blos Wahrscheinliches vor +Augen hatte, jetzt ist es <em class="gesperrt">thatsächlich</em> da. Der +Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht +in aller Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden +an derselben Welt des Scheins zu Grunde gehn, an +der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr <em class="gesperrt">Bülow</em>.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Dohna (früher bei der Garde +du Corps), mit dem ich eben über die Schachsche +Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich +an frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. +Schach habe die Mutter geliebt, was ihn, in +einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche +Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben +Sie mir doch darüber. Ich persönlich find es +pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit +hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, +und seine Vorstellungen von Ehre (hier +ausnahmsweise die richtige) würden ihn außerdem, +wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen +hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <ins title="B.">B.«</ins></p> + +<h2>Einundzwanzigstes Kapitel.<br/> +<small>Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.</small></h2> + +<p><span class="gesperrt">Rom</span>, 18. August 1807. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma chère Lisette.</span></p> + +<p>Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich +war über so liebe Zeilen! Aus dem Elend des +Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, +hast Du mich mit Zeichen alter, unveränderter +Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse +nicht zum Ueblen gedeutet.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a>Mama wollte mehr als einmal schreiben, +aber ich selber bat sie, damit zu warten.</p> + +<p>Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil +an meinem Schicksal und glaubst, der Zeitpunkt +sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. +Und Du hast Recht. Ich will es thun, so gut +ich's kann.</p> + +<p>»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und +setzest hinzu: »Du stündest vor einem Räthsel, +das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe +Lisette, wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein +Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt, +und in die letzten und geheimsten Triebfedern +andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise +hineinzublicken, ist uns versagt. Er sei, +so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, +und ich, das Mindeste zu sagen, die nicht-schöne +Victoire, – das habe den Spott herausgefordert, +und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe +er nicht die Kraft gehabt. Und so sei er denn +aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen.</p> + +<p>So sagt die Welt, und in vielem wird +es zutreffen. Schrieb er mir doch ähnliches und +verklagte sich darüber. Aber wie die Welt +strenger gewesen ist, als nöthig, so vielleicht auch +er selbst. Ich seh es in einem andern Licht. +<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a> +Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt +schließlich erlahmt und erlischt, und war im +Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott zu +bekämpfen, im Fall er <em class="gesperrt">nicht</em> erlahmen und <em class="gesperrt">nicht</em> +erlöschen wollte. Nein, er fürchtete sich nicht +vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht so, wie +vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die +die Stimme seiner eigensten und innersten Natur +war, rief ihm beständig zu, daß er diesen Kampf +<em class="gesperrt">umsonst</em> kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich +gegen die Welt, <em class="gesperrt">nicht</em> siegreich gegen sich +selber sein würde. <em class="gesperrt">Das</em> war es. Er gehörte +durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen +gelernt habe, zu <em class="gesperrt">den</em> Männern, die <em class="gesperrt">nicht</em> für +die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir schon, +bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge +nach Tempelhof, der überhaupt in mehr als einer +Beziehung <ins title="ein">einen</ins> Wendepunkt für uns bedeutete. +Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über +Ordensritter und Ordensregeln, und der ungesucht +ernste Ton, mit dem er, trotz meiner Neckereien, +den Gegenstand behandelte, zeigte mir +deutlich, welchen Idealen er nachhing. Und +unter diesen Idealen – all seiner Liaisons unerachtet, +oder vielleicht auch um dieser Liaisons +willen – war sicherlich <em class="gesperrt">nicht</em> die Ehe. Noch +<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a> +jetzt darf ich Dir versichern, und die Sehnsucht +meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, +daß es mir schwer, ja fast unmöglich ist, +ihn mir <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au sein de sa famille</span> vorzustellen. Ein +Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich +eben nicht als Ehemann denken. Und Schach auch +nicht.</p> + +<p>Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches +muß er selber gedacht und empfunden haben, +wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe +darüber schwieg. Er war seiner ganzen Natur +nach auf Repräsentation und Geltendmachung +einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr +<em class="gesperrt">äußerliche</em> Dinge, woraus Du sehen magst, +daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, wenn ich +ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder +und wieder unterliegen sah, so fühlt ich nur zu +deutlich, daß er weder ein Mann von hervorragender +geistiger Bedeutung, noch von superiorem +Charakter sei; zugegeben das alles; und doch +war er andererseits durchaus befähigt, innerhalb +enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. +Er war wie dazu bestimmt, der Halbgott eines +prinzlichen Hofes zu sein, und würde diese Bestimmung, +Du darfst darüber nicht lachen, nicht +bloß zu seiner persönlichen Freude, sondern auch +<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a> +zum Glück und Segen andrer, ja vieler anderer, +erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, +und auch klug genug, um immer das Gute zu +wollen. An dieser Laufbahn als ein prinzlicher +Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, +ja, hätt ihn, bei meinen anspruchslosen +Gewohnheiten, aus all und jeder Karrière herausgerissen +und ihn nach Wuthenow hingezwungen, +um mit mir ein Spargelbeet anzulegen oder der +Kluckhenne die Küchelchen wegzunehmen. Davor +erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes +Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf +ein großes gestellt, aber doch auf ein solches, das +<em class="gesperrt">ihm</em> als groß erschien.</p> + +<p>Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. +Ich hab' ihm, ich zögre fast es +niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und +vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich +seine letzten, an mich gerichteten Zeilen, so wär +es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue diesem +süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und +Mitgefühl, und alles Weh, was er mir bereitet +hat, durch sein Leben und sein Sterben, er wollt +es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.</p> + +<p>Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend +mich dieses Wort ansieht! Nein, meine liebe +<a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a> +Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, +und vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu +haben, was das Leben hat. Und nun hab ich es +gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert, +und alles Weh in Wonne verkehrt. Da +liegt das Kind und schlägt eben die blauen +Augen auf. <em class="gesperrt">Seine</em> Augen. Nein, Lisette, +viel Schweres ist mir auferlegt worden, aber es +federt leicht in die Luft, gewogen neben meinem +Glück. –</p> + +<p>Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis +auf den Tod, und nur durch ein Wunder ist es +mir erhalten geblieben.</p> + +<p>Und davon muß ich Dir erzählen.</p> + +<p>Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging +ich mit unserer Wirthin (einer ächten alten +Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) +nach der Kirche Araceli hinauf, einem neben dem +Kapitol gelegenen alten Rundbogenbau, wo sie +den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, +eine hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen +und einem ganzen Diadem von Ringen, wie sie +dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe +willen, von unzähligen Müttern verehrt worden +sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, noch eh +ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses +<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a> +Zutrauen muß den Bambino gerührt haben. +Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar, +und der Dottore verkündigte sein ›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">va bene</span>‹; die +Wirthin aber lächelte, wie wenn sie selber das +Wunder verrichtet hätte.</p> + +<p>Und dabei kommt mir die Frage, was wohl +Tante Marguerite, wenn sie davon hörte, zu all +dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde +mich vor der ›alten Kürche‹ warnen, und mit +<em class="gesperrt">mehr</em> Grund, als sie weiß.</p> + +<p>Denn nicht nur <em class="gesperrt">alt</em> ist Araceli, sondern +auch trostreich und labevoll, und kühl und schön.</p> + +<p>Sein Schönstes aber ist sein Name, der +›<em class="gesperrt">Altar des Himmels</em>‹ bedeutet. Und auf +diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines +Dankes <ins title="auf.«">auf.</ins></p> + +<h2><a name="werbung">Verlag von F. Fontane & Co. – Berlin W 35</a></h2> + +<div class="center"> +<p>Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die +litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf +dem Laufenden halten will, ist</p> + +<p><big style="font-size: 2.5em;">Das litterarische Echo</big></p> + +<p><b>Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde</b></p> + +<p>Herausgeber: Dr. <span class="gesperrt">Josef Ettlinger</span></p> + +<p>Dritter Jahrgang</p> + +<p>Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen</p> +</div> + +<p class="no-indent">Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe +aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen +Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus +neu erscheinenden Werken * Nachrichten</p> + +<p>In der »<b>Zeitschrift f. deutschen Unterricht</b>« (Leipzig, B. G. Teubner) +vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. <b>Dr. Otto Lyon</b> dem +»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a. heißt:</p> + +<p>»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel zusammenzufassen +und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu verschaffen, +dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes zu überschauen und +mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der vorliegenden neuen +Zeitschrift. <b>Daß eine solche Zeitschrift eine unbedingte Notwendigkeit für +unsere Zeit ist</b>, wird jeder zugestehen, der mit uns der Meinung ist, daß in +unserem Zeitalter nur das Volk auf die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, +das durch das gemeinsame Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung +fest zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere allerwichtigste +Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für dessen Litteratur <b>nachdrücklich +zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <ins title="gigerlhafte">gigerlhafter</ins> +Verblödung, die uns leider in den Straßen und Gesellschaftssälen unserer +Hauptstädte schon vielfach entgegentritt, zu bewahren. Eines fehlt gerade den +maßgebenden Kreisen unseres Volkes vielfach noch in großem Maße: Die +Fähigkeit litterarisch zu genießen und die zu litterarischem Genuß drängende +Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß unser Volk seinem größten Teile nach erst +erzogen werden, die Aufgabe, eine solche Erziehung anzubahnen und in die +rechten Formen zu leiten, will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. +Ich glaube, dieses Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein +geistiges Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen +werden. Und <b>jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft +an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten</b>. – +Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die <b>weiteste Verbreitung vor allem +auch in Lehrer- und Schulkreisen</b>, den berufenen Erziehern unseres Volkes, +findet« u. s. w.</p> + +<div class="center"> +<p><big>Preis vierteljährlich Mark 3.–</big></p> + +<p><small>Probenummern kostenfrei</small></p> + +<p>Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter</p> +</div> + +<h2>Verlag von <b>Wilhelm Hertz</b> in Berlin W 9.<br/> +<small>Werke von Theodor Fontane.</small></h2> + +<div class="center"> +<p class="werk">Gedichte.</p> + +<p>Sechste Auflage.</p> + +<p><em class="gesperrt">Mit einem Bildniß.</em></p> + +<p>8<sup>o</sup>. 462 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.</b></p> + +<p class="werk">Vor dem Sturm.</p> + +<p>Roman aus dem Winter +1812 auf 1813.</p> + +<p>Dritte, wohlfeile Volksausgabe in +1 Bande, 8<sup>o</sup>. 773 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.</b></p> + +<p class="werk">Quitt.</p> + +<p>Roman.</p> + +<p>8<sup>o</sup>. 338 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.</b></p> + +<p class="werk">Grete Minde.</p> + +<p>Nach einer altmärkischen <ins title="Chronik">Chronik.</ins></p> + +<p>Zweite Auflage.</p> + +<p>kl. 8<sup>o</sup>. 154 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.</b></p> + +<p class="werk">Unwiederbringlich.</p> + +<p>Roman.</p> + +<p>Dritte Auflage.</p> + +<p>8<sup>o</sup>. 343 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.</b></p> + +<p class="werk">Ellernklipp.</p> + +<p>Nach einem Harzer Kirchenbuch.</p> + +<p>Zweite Auflage.</p> + +<p>8<sup>o</sup>. 190 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.</b></p> + +<p class="werk">Wanderungen durch die Mark Brandenburg.</p> + +<p>4 Bände. <b>Wohlfeile Ausgabe.</b></p> + +<p><b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <ins title="Mk.">M.</ins></b></p> +</div> + +<ol id="wanderungen"> +<li><b>Die Grafschaft Ruppin.</b> (559 S.)</li> +<li><b>Das Oderland.</b> Barnim-Lebus. (506 S.)</li> +<li><b>Havelland.</b> Die Landschaft um Spandau, Potsdam, +Brandenburg. (485 S.)</li> +<li><b>Spreeland.</b> Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.)</li> +</ol> + +<div class="center"> +<p class="werk">Fünf Schlösser.</p> + +<p>Altes und Neues aus Mark Brandenburg.</p> + +<p>8<sup>o</sup>. 468 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.</b></p> + +<p><span class="gesperrt">Inhalt</span>: +Quitzöwel. – Plaue a. B. – Hoppenrade. – Liebenberg. – Dreilinden.</p> + +<p class="werk">Christian Friedrich Scherenberg<br/> +und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.</p> + +<p>8<sup>o</sup>. 260 Seiten.</p> + +<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.</b></p> +</div> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_3">Seite 3</a>:<br/> +<span class="correction">niederländischen</span> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte.<br/> +<span class="correction">niederländischem</span> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte. +</li> +<li><a href="#Page_5">Seite 5</a>:<br/> +und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <span class="correction">et</span> omen.</span><br/> +und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <span class="correction">est</span> omen.</span> +</li> +<li><a href="#Page_6">Seite 6</a>:<br/> +<span class="correction">Profil,</span> einst dem der Mutter geglichen haben<br/> +<span class="correction">Profil</span> einst dem der Mutter geglichen haben +</li> +<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/> +Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <span class="correction">aber aber</span><br/> +Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <span class="correction">aber</span> +</li> +<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/> +<span class="correction">Iffland</span> ein Freimaurer.«<br/> +<span class="correction">Iffland,</span> ein Freimaurer.« +</li> +<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/> +Es war Alvensleben, an <span class="correction">dem</span> sich die Frage<br/> +Es war Alvensleben, an <span class="correction">den</span> sich die Frage +</li> +<li><a href="#Page_25">Seite 25</a>:<br/> +einem <span class="correction">Drehschemmel</span> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich<br/> +einem <span class="correction">Drehschemel</span> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich +</li> +<li><a href="#Page_30">Seite 30</a>:<br/> +und ob die <span class="correction">Schulmeisters Tochter</span> noch so lange<br/> +und ob die <span class="correction">Schulmeisterstochter</span> noch so lange +</li> +<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/> +»Wie das?« wiederholte <span class="correction">Nostiz</span>. »Was doch<br/> +»Wie das?« wiederholte <span class="correction">Nostitz</span>. »Was doch +</li> +<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/> +<span class="correction">Nostiz</span>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.<br/> +<span class="correction">Nostitz</span>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. +</li> +<li><a href="#Page_39">Seite 39</a>:<br/> +gebessert, sondern auch die <span class="correction">Luft,</span> Alles in allem<br/> +gebessert, sondern auch die <span class="correction">Luft.</span> Alles in allem +</li> +<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/> +bringt, von den <span class="correction">Fernenstehenden</span> entweder überhört<br/> +bringt, von den <span class="correction">Fernerstehenden</span> entweder überhört +</li> +<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/> +<span class="correction">eitens</span> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem<br/> +<span class="correction">seitens</span> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem +</li> +<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/> +Viehe« fürchtete, wäre lieber am <span class="correction">Kaffetische</span><br/> +Viehe« fürchtete, wäre lieber am <span class="correction">Kaffeetische</span> +</li> +<li><a href="#Page_51">Seite 51</a>:<br/> +nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <span class="correction">Victoriens</span><br/> +nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <span class="correction">Victoirens</span> +</li> +<li><a href="#Page_67">Seite 67</a>:<br/> +sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <span class="correction">muß</span> Du<br/> +sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <span class="correction">mußt</span> Du +</li> +<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/> +Von Ihrem Regiment werden Sie noch <span class="correction">Nostiz</span><br/> +Von Ihrem Regiment werden Sie noch <span class="correction">Nostitz</span> +</li> +<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/> +nachdem er Alvensleben und <span class="correction">Nostiz</span> abgeholt<br/> +nachdem er Alvensleben und <span class="correction">Nostitz</span> abgeholt +</li> +<li><a href="#Page_81">Seite 81</a>:<br/> +nicht in <span class="correction">jenem</span> Impromptus und witzigen Einfällen<br/> +nicht in <span class="correction">jenen</span> Impromptus und witzigen Einfällen +</li> +<li><a href="#Page_81">Seite 81</a>:<br/> +hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><span class="correction">?</span> Und er befahl<br/> +hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><span class="correction">?‹</span> Und er befahl +</li> +<li><a href="#Page_82">Seite 82</a>:<br/> +heißt ›Genie‹ – nun, in dem russisch-<span class="correction">östereichischen</span><br/> +heißt ›Genie‹ – nun, in dem russisch-<span class="correction">österreichischen</span> +</li> +<li><a href="#Page_86">Seite 86</a>:<br/> +gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <span class="correction">coquettte</span></span> und<br/> +gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <span class="correction">coquette</span></span> und +</li> +<li><a href="#Page_89">Seite 89</a>:<br/> +<span class="correction">Nostiz</span> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur</span><br/> +<span class="correction">Nostitz</span> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur</span> +</li> +<li><a href="#Page_90">Seite 90</a>:<br/> +›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<span class="correction">‹</span><br/> +›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<span class="correction">‹«</span> +</li> +<li><a href="#Page_94">Seite 94</a>:<br/> +<span class="correction">Frangen</span> hinweg, sah man, flußaufwärts,<br/> +<span class="correction">Fransen</span> hinweg, sah man, flußaufwärts, +</li> +<li><a href="#Page_97">Seite 97</a>:<br/> +angenehm war. <span class="correction">Gleich</span> nach dem Massowschen<br/> +angenehm war. <span class="correction">»Gleich</span> nach dem Massowschen +</li> +<li><a href="#Page_98">Seite 98</a>:<br/> +<span class="correction">Nostiz</span>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft,<br/> +<span class="correction">Nostitz</span>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft, +</li> +<li><a href="#Page_99">Seite 99</a>:<br/> +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <span class="correction">Herren</span><br/> +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <span class="correction">Herren.</span> +</li> +<li><a href="#Page_99">Seite 99</a>:<br/> +<span class="correction">Nostiz</span> und Sander lächelten und nickten.<br/> +<span class="correction">Nostitz</span> und Sander lächelten und nickten. +</li> +<li><a href="#Page_104">Seite 104</a>:<br/> +<span class="correction">Schwanenflotille</span>, die wohl durch die Dusseksche<br/> +<span class="correction">Schwanenflottille</span>, die wohl durch die Dusseksche +</li> +<li><a href="#Page_110">Seite 110</a>:<br/> +<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <span class="correction">mußte</span> Der<br/> +<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <span class="correction">mußte.</span> Der +</li> +<li><a href="#Page_120">Seite 120</a>:<br/> +Hand und wandte sich dann gegen <span class="correction">Victoiren</span>, um<br/> +Hand und wandte sich dann gegen <span class="correction">Victoire</span>, um +</li> +<li><a href="#Page_123">Seite 123</a>:<br/> +»Welchen meinst Du, liebe <span class="correction">Tante.</span>«<br/> +»Welchen meinst Du, liebe <span class="correction">Tante?</span>« +</li> +<li><a href="#Page_129">Seite 129</a>:<br/> +leicht auf der <span class="correction">Stuhllene</span> wiegte: »Was ich vorzuschlagen<br/> +leicht auf der <span class="correction">Stuhllehne</span> wiegte: »Was ich vorzuschlagen +</li> +<li><a href="#Page_130">Seite 130</a>:<br/> +getroffen zu haben. Also <span class="correction">Schlittenfahrt</span> Angenommen?«<br/> +getroffen zu haben. Also <span class="correction">Schlittenfahrt.</span> Angenommen?« +</li> +<li><a href="#Page_146">Seite 146</a>:<br/> +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><span class="correction">charte</span> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei<br/> +<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><span class="correction">carte</span> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei +</li> +<li><a href="#Page_152">Seite 152</a>:<br/> +Nach Festsetzungen wie <span class="correction">diese</span>, trennte man<br/> +Nach Festsetzungen wie <span class="correction">diesen</span>, trennte man +</li> +<li><a href="#Page_155">Seite 155</a>:<br/> +einen Spaziergang zu <span class="correction">machen</span> Begegnungen<br/> +einen Spaziergang zu <span class="correction">machen.</span> Begegnungen +</li> +<li><a href="#Page_156">Seite 156</a>:<br/> +Berliner Gras wachsen. Ich <span class="correction">meinseits</span> bin empört.<br/> +Berliner Gras wachsen. Ich <span class="correction">meinerseits</span> bin empört. +</li> +<li><a href="#Page_158">Seite 158</a>:<br/> +<span class="correction">nimmt</span><br/> +<span class="correction">nimmt.</span> +</li> +<li><a href="#Page_160">Seite 160</a>:<br/> +<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <span class="correction">und und</span><br/> +<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <span class="correction">und</span> +</li> +<li><a href="#Page_163">Seite 163</a>:<br/> +Tüffeln <span class="correction">bruken't.‹</span><br/> +Tüffeln <span class="correction">bruken't.‹«</span> +</li> +<li><a href="#Page_165">Seite 165</a>:<br/> +un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <span class="correction">fast.‹</span><br/> +un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <span class="correction">fast.‹«</span> +</li> +<li><a href="#Page_172">Seite 172</a>:<br/> +Wolken im <span class="correction">Wiederschein</span> glühten und die Waldstreifen<br/> +Wolken im <span class="correction">Widerschein</span> glühten und die Waldstreifen +</li> +<li><a href="#Page_186">Seite 186</a>:<br/> +Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><span class="correction">!</span><br/> +Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><span class="correction">!«</span> +</li> +<li><a href="#Page_190">Seite 190</a>:<br/> +»Einer Mittheilung Herrn von <span class="correction">Alvensleben</span><br/> +»Einer Mittheilung Herrn von <span class="correction">Alvenslebens</span> +</li> +<li><a href="#Page_191">Seite 191</a>:<br/> +Josephine von <span class="correction">Carayon.</span><br/> +Josephine von <span class="correction">Carayon.«</span> +</li> +<li><a href="#Page_202">Seite 202</a>:<br/> +Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <span class="correction">chèr</span></span><br/> +Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <span class="correction">cher</span></span> +</li> +<li><a href="#Page_205">Seite 205</a>:<br/> +»<span class="correction">Köckeritz</span> mir eben Andeutungen gemacht ....<br/> +»<span class="correction">Köckritz</span> mir eben Andeutungen gemacht .... +</li> +<li><a href="#Page_232">Seite 232</a>:<br/> +um zu wissen <span class="correction">›daß Ehre‹</span> das dritte Wort in<br/> +um zu wissen <span class="correction">daß ›Ehre‹</span> das dritte Wort in +</li> +<li><a href="#Page_236">Seite 236</a>:<br/> +hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <span class="correction">B.</span><br/> +hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <span class="correction">B.«</span> +</li> +<li><a href="#Page_238">Seite 238</a>:<br/> +Beziehung <span class="correction">ein</span> Wendepunkt für uns bedeutete.<br/> +Beziehung <span class="correction">einen</span> Wendepunkt für uns bedeutete. +</li> +<li><a href="#Page_242">Seite 242</a>:<br/> +Dankes <span class="correction">auf.«</span><br/> +Dankes <span class="correction">auf.</span> +</li> +<li><a href="#Page_242">Seite 242</a>:<br/> +<b>zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <span class="correction">gigerlhafte</span><br/> +<b>zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <span class="correction">gigerlhafter</span> +</li> +<li><a href="#werbung">Verlagswerbung</a>:<br/> +Nach einer altmärkischen <span class="correction">Chronik</span><br/> +Nach einer altmärkischen <span class="correction">Chronik.</span> +</li> +<li><a href="#werbung">Verlagswerbung</a>:<br/> +<b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <span class="correction">Mk.</span></b><br/> +<b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <span class="correction">M.</span></b> +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + +***** This file should be named 36905-h.htm or 36905-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/36905-h/images/logo.png b/36905-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a33d70d --- /dev/null +++ b/36905-h/images/logo.png diff --git a/36905-h/images/title-page.jpg b/36905-h/images/title-page.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..76ae54f --- /dev/null +++ b/36905-h/images/title-page.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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