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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:06:45 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:06:45 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schach von Wuthenow
+ Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
+
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+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
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+ ]
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+Schach von Wuthenow
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+Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage:
+
+~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft.
+
+~Cécile.~ Roman.
+
+~Graf Petöfy.~ Roman.
+
+~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman.
+
+~Stine.~ Berliner Sitten-Roman.
+
+~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870.
+
+~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise.
+
+~Frau Jenny Treibel.~ Roman.
+
+~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman.
+
+~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten.
+
+~Effi Briest.~ Roman.
+
+~Die Poggenpuhls.~ Erzählung.
+
+~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches.
+
+~Der Stechlin.~ Roman.
+
+~Aus England und Schottland.~ Reisebilder.
+
+
+Gesammelte Romane und Erzählungen.
+
+Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters.
+
+=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. --
+Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. --
+~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. --
+~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~
+Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner
+Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes
+1870.
+
+
+
+
+ Schach von Wuthenow
+
+ Erzählung
+ aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+ von
+ Theodor Fontane
+
+ Vierte Auflage.
+
+ Berlin W
+ F. Fontane & Co.
+ 1901
+
+
+
+
+ Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im Salon der Frau von Carayon.
+
+
+In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und
+ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige
+Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des
+Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
+Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser
+Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und
+hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter
+gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle,
+dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.
+
+Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite,
+saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in
+diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung
+innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige
+Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem
+abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat
+zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs
+angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt
+machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow.
+Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße
+weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
+Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem
+Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
+sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich
+immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr
+Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens
+in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein
+Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm
+der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die
+feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte.
+
+Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher
+beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht
+nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich
+wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als
+»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte
+diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was
+man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch
+beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick
+zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte.
+
+»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort,
+»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
+Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn
+von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige,
+was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander
+von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie
+nicht groß sind.«
+
+»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles
+was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht
+preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen
+reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.«
+
+»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich
+danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.«
+
+»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer
+ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner
+seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von
+Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß
+alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen
+Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die
+Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist
+erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs
+des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor
+sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir
+wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn
+Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen
+Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen
+müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe
+Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen
+wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die
+Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen
+zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin
+steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß
+wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
+der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade
+für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht,
+als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich
+von der unangenehmen Seite.«
+
+Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen
+worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu
+dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß
+ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie
+sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle
+man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um
+seine frühere Schönheit gekommen war.
+
+Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er
+es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte
+nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum
+lieben Sie sie.«
+
+»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.«
+
+»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück
+könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller
+Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die
+glänzendste Kriegsgeschichte.«
+
+»Und wer rettete ....«
+
+»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar
+Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
+ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der
+Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht.
+Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu
+Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder
+Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....«
+
+Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein
+Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der
+Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die
+Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit
+Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung.
+
+»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....«
+
+»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte
+seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und
+nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen,
+daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen
+Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den
+Salon eingetreten sein müsse.
+
+»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue
+Stürme ....«
+
+»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin
+Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem
+Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt
+mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem
+Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende.
+Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem
+Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde
+getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die
+Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf
+selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den
+Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden
+konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
+Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«
+
+»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich
+machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man
+weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der
+wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß,
+wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht
+säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.«
+
+»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter
+Anklage von Hochverrath und Krawall.«
+
+»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung
+dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht
+fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen,
+als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum
+politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber
+=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich
+sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von
+Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den
+Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere
+Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist,
+und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und
+recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich,
+gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen
+Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch
+keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus.
+Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom
+Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der
+schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch
+die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu
+gemacht.«
+
+»Nein, diese Stimmung war da.«
+
+»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu
+bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen
+wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir
+sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst
+die Summe, so sind wir verloren.«
+
+»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen,
+Herr von Bülow.«
+
+»Was ich beklage.«
+
+»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und
+meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären
+dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan
+obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am
+Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers
+Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß
+sich wieder auf sich selbst besinnen.«
+
+»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist
+dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich,
+das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich
+frage Sie?«
+
+»Sie mißverstehen mich.«
+
+»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.«
+
+»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich
+mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische
+Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art
+aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck
+zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren
+=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel
+bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht=
+gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes
+und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist
+=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer
+Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges
+Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.«
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+»Die Weihe der Kraft.«
+
+
+Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit
+anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach
+und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht
+Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und
+nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen
+Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns
+zugewiesen.«
+
+»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.
+
+»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist
+eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert
+haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es
+geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen,
+daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.«
+
+»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr
+Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund
+heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.«
+
+»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und
+so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr
+bedauert.«
+
+»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung
+entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter
+der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten
+einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen
+einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen
+aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von
+seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte
+citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert
+hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
+bedeutet.«
+
+»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die
+den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,«
+sagte Schach spitz.
+
+»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,
+auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie
+bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich
+vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu
+=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht
+das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene
+Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde
+Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas
+Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines
+Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in
+Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch
+über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er
+will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote
+mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder
+dans le Néant_.«
+
+»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das
+Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also
+zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den
+›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen
+zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß
+wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit
+wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar
+nicht gesehen zu haben.«
+
+»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit
+nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten
+Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines
+Stückes beizuwohnen.«
+
+»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst
+nicht länger mehr zu zweifeln ist.«
+
+»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens
+alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.«
+
+»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das
+Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des
+Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am
+räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt,
+Iffland, ein Freimaurer.«
+
+»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,«
+erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit
+unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen
+dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das
+entscheidet.«
+
+»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt
+Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«
+
+Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem
+Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer
+Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle
+Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin
+Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein
+lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies
+ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu
+mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen
+Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator,
+aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen
+und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und
+Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus
+einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den
+ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von
+Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.«
+
+»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte.
+Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in
+seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart
+strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.«
+
+»O, gewiß nicht,« lachte Sander.
+
+»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen
+Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu
+machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen
+einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....«
+
+»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.
+
+»Auch nicht Luthers!«
+
+»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....«
+
+»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie
+mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel
+anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der
+Welt ihn halten können.«
+
+»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören,«
+erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an
+ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?«
+
+»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies
+Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne,
+die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer
+Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther
+herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst,
+und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne, daß ich die Tage
+Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog
+nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die
+Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt;
+jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er
+schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so
+müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und
+warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es
+sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder
+unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._«
+
+»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns
+Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden
+gebracht habe.«
+
+»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf
+die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle.
+Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende
+Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter
+ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was
+bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel
+aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles.
+Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet?
+Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich
+Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle
+Moral, die den Satz erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden,
+warum hat er nicht gefressen?‹«
+
+»Gut, gut. Aber Luther ....«
+
+»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die
+Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es
+dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat.
+Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und
+Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für
+Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt,
+wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
+und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir
+den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias
+Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht
+ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr
+als ich fassen kann.«
+
+»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn
+uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und
+wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei
+=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber
+Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der
+eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du
+könntest uns das ein' oder andere davon singen.«
+
+»Ich habe sie kaum durchgespielt.«
+
+»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität
+ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches
+poetisches Suchen und Tappen.«
+
+Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach
+seinen Mitteln.«
+
+Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er
+begleitete.
+
+ Die Blüthe, sie schläft so leis und lind
+ Wohl in der Wiege von Schnee;
+ Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind
+ Du blühendes Kind«
+ Und das Kind es weint und verschläft sein Weh
+ Und hernieder steigen aus duftiger Höh
+ Die Schwestern und lieben und blühn
+
+Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr
+Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,«
+antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die
+Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.«
+
+ Und kommt der Mai dann wieder so lind,
+ Dann bricht er die Wiege von Schnee,
+ Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind
+ Du welkendes Kind.«
+ Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh
+ Und steigt hinauf in die leuchtende Höh
+ Wo strahlend die Brüderlein blühn.
+
+Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich
+Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die
+Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.
+
+Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang
+beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war
+durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen
+funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er
+wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür
+hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.«
+
+Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte.
+
+Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb
+dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Bei Sala Tarone.
+
+
+Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der
+Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links
+einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert,
+und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag
+deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach,
+allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und
+Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.
+
+»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch
+einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die
+Kehle zuschnürten.«
+
+»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies
+dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen
+stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da
+schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite
+sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf
+öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als
+Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt
+hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten
+ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer
+in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der
+Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das
+Gefährliche der Passage kenntlich zu machen.
+
+»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander,
+sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn
+in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen
+Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt
+waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und
+Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.«
+
+»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen
+ein militärischer Verlag.«
+
+Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her,
+und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür
+gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht
+nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte
+mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große
+Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller
+»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an
+niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas,
+mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo
+dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen
+überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus
+tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller
+hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand.
+
+Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber
+gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger
+war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die
+Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber
+nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm
+gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste,
+was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind
+Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches
+verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen
+mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die
+Firma.«
+
+Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit
+seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und
+Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.«
+
+Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre
+gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom
+Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit
+halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger
+Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort
+sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die
+letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem
+Anscheine nach, am besten kannte.
+
+»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?«
+
+»Gut. Sehr gut.«
+
+»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der
+Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne
+gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?«
+
+»Zu dienen, Herr Sander.«
+
+»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister
+ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein
+Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt.
+Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht
+Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich.
+Besser ist besser.«
+
+Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien
+die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen
+schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen.
+
+»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie
+Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde
+bleiben. Und nun grüne Gläser.«
+
+Alvensleben lachte. »Grüne?«
+
+»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß
+es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger
+beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte
+gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser
+Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des
+Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und
+dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so
+weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur
+symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren
+Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr
+bedeuteten, als das Mahl selbst.«
+
+»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich
+Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.«
+
+»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.«
+
+»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen
+entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange
+Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein
+Ende ....«
+
+Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs,
+eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der
+längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen
+stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede
+beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen
+kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war.
+Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und
+Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so
+beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis,
+bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten
+hatte.
+
+Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst
+als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf
+all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den
+Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz
+nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck
+schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich
+lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den
+Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe.
+Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt.
+Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.«
+
+»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn
+neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht
+bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am
+Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.«
+
+»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort.
+»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich
+ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie
+sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich
+wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt
+doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang
+in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu
+befragen.«
+
+»Wie das?« fragte Bülow.
+
+»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn
+das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes,
+glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._«
+
+»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«
+
+»Sonst nicht gerade mein Fehler.«
+
+»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber
+Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr
+aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich
+habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so
+ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es
+vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte
+Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie
+=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben
+überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste
+nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn
+=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.«
+
+»Wie das?«
+
+»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter
+gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter
+scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt,
+und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so
+ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung
+gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche,
+von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und
+würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder
+auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter
+vorzustellen.«
+
+»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«
+
+»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu
+behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu
+sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach
+nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie
+Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein
+absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies
+Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch
+macht.«
+
+»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu
+besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie
+hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre
+Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=!
+Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein
+Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen
+Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die
+Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische
+Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der
+preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und
+letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du
+Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment
+Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue
+solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit
+solcher Rodomontaden erkennen wird.«
+
+»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer
+Besten.«
+
+»Um so schlimmer.«
+
+»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht
+blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise.
+Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.«
+
+»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für
+ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife
+Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin=
+unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er
+in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich
+seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht
+liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.«
+
+»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und
+Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius
+zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen,
+besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche
+Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die
+Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und
+Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser
+Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und
+Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der
+Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«
+
+»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die
+ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen
+Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!«
+
+»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät
+getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun
+Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche
+arrangire.«
+
+»In besten Händen,« sagte Nostitz.
+
+Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte
+vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter
+im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits.
+
+»_Hâtez-vous._«
+
+Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und
+auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+In Tempelhof.
+
+
+Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben
+Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
+hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern
+den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter
+einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und
+Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit
+abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten
+Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit
+erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder
+Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben,
+das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein
+besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo
+nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner
+Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die
+Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer
+silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit
+(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem
+Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen
+Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können.
+
+Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und
+gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die
+glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger
+Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne
+Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor
+allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau
+täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei.
+Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen
+wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug,
+es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes
+Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu
+dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha
+hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein
+stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft,
+der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von
+Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer
+einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer
+ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches
+in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit.
+
+Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide
+Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war
+weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte,
+stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich
+dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire
+blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen
+Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu
+sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die
+Charlottenstraße heraufkam.
+
+»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie
+wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer
+mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?«
+
+Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen
+Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in
+Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte,
+trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen.
+Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt.
+
+»An =Dich= Mama.«
+
+»Lies nur,« sagte diese.
+
+»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.«
+
+»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine
+gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege
+gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr
+mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire
+zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre
+Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu
+können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug
+im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß
+und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer
+Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.«
+
+»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«
+
+»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?«
+
+»Nun denn also ›ja‹.«
+
+Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt,
+und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele
+vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da,
+so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.«
+
+Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so
+vieldeutig,« sagte sie.
+
+»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.«
+
+»Nein; laß es nur.«
+
+Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom.
+
+Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama
+nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten
+solche Räthselsätze.«
+
+»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und
+nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel,
+auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht
+sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch
+verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen
+Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er
+liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr
+werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im
+französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du
+siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der
+Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich
+mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel
+Licht ist, ist viel Schatten.«
+
+Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst
+es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
+überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich
+liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das=
+laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
+scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine
+kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es
+geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch?
+Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.«
+
+Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
+verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
+allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise
+zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um
+drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch
+eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige,
+sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
+Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die
+»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen
+Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch
+gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel,
+und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
+Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt
+hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so ›ich weiß
+nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
+Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene
+Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf
+dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie
+fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann,
+wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach.
+Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen
+Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
+Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
+französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt
+fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim
+Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig
+ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das
+allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt
+ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.
+
+Das war das Tantchen, das eben eintrat.
+
+Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen,
+herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
+Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu
+lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte
+sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann
+denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
+Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel
+königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der
+»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre
+waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein
+für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte,
+die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten
+Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
+beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin
+Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube
+gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige
+Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von
+Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
+gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach
+einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk
+in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das
+Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von
+Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten
+der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und
+solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß
+ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk
+_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man
+eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie
+er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses
+an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von
+Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem
+unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.
+
+Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier --
+_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben --
+erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der
+Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben,
+beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren
+im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und
+Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die
+nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen
+Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde.
+
+»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«
+
+»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.
+
+»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
+Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.«
+
+In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das
+Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum
+Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte
+sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in
+halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes
+Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden
+Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn
+durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten
+sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den
+Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
+Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
+flatterten und klapperten.
+
+Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der
+zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
+zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und
+her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen
+Dörfer.
+
+Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war,
+ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es
+nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide
+Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie
+durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.
+
+»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht
+unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?«
+
+Victoire schwieg.
+
+»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps
+de Logis.«
+
+Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das=
+nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt,
+von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt
+alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein
+Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt
+werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort
+»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu
+fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in
+ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+Grafen von der Mark errichtet worden sei?«
+
+Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
+zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
+bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er
+so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner
+hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.«
+
+Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark
+verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter«
+geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren
+wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also
+lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende
+grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten
+Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von
+Tempelhof ein.
+
+Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und
+sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur
+Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
+Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich
+auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.«
+
+Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem
+Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen
+besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig
+geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen
+Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei,
+so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße
+verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der
+hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
+auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem
+Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
+zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der
+Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
+Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der
+Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von
+rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die
+Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde.
+
+Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch
+=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und
+jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche
+zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante
+Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete,
+wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert
+hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie
+Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem
+Staketenzaune saß, sah ihnen nach.
+
+»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte.
+
+Schach sah sie fragend an.
+
+»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante
+Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.«
+
+»Wovon?«
+
+»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem
+eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ›daß Sie
+der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug
+geben würden.‹ Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist
+die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden
+mich eifersüchtig machen.«
+
+Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen
+richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste.
+Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen
+Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine
+noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu
+können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll
+guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie
+nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind
+mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel,
+espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz=
+darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten
+und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß
+Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie
+über mich üben.«
+
+Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau
+leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie
+den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen
+verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung
+heraus.«
+
+»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
+Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
+hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich
+Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er
+nur in Ihre Gesellschaft?«
+
+»Er ist der Schatten Bülows.«
+
+»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der
+Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn
+noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ›Sander,
+wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
+herum.‹ Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein
+Sancho Pansa ....«
+
+»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?«
+
+»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen
+widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist
+eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
+Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von
+Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und
+das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen
+Eigenliebe.«
+
+»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich
+fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.«
+
+»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe
+haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
+und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_.
+Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht
+hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer
+Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft
+unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also
+sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ
+die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum
+Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich
+anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber,
+diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt
+Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich
+hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe,
+wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen
+Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als
+Preußen auf den Schultern seiner Armee.«
+
+Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt
+wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
+gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld
+hin sich abzweigte.
+
+»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol
+auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und
+Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht
+bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die
+Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier
+abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
+zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung
+weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
+noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz
+zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die
+Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts
+aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar
+musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand.
+
+»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«
+
+»Ja, liebe Tante.«
+
+»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als
+kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf
+einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen
+konnte ....«
+
+»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man
+zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.«
+
+»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_.
+Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen
+doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas
+Kienenes.«
+
+»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie
+widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin,
+in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber
+sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen
+Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der
+bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine,
+mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden
+Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß
+weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber
+blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die
+niedergehende Sonne sie blendete.
+
+»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.
+
+»Ja,« sagte das Kind.
+
+»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns
+die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die
+Herrschaften da.«
+
+»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die
+Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und
+Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem
+sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.
+
+Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über
+verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand
+berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben
+der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt.
+Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und
+Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des
+Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter
+die Veilchen.
+
+Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf
+dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch
+und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg
+standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und
+zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend
+zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen
+Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind
+gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
+katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben,
+daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie
+dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
+Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob
+nicht vielleicht alte Grabsteine da wären?
+
+»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein
+abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das
+aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
+war ersichtlich ein Reiteroberst.
+
+»Und wer ist es?« fragte Schach.
+
+»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von
+Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil
+er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.«
+
+Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des
+angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen
+traf.
+
+»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt
+auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß.
+Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.«
+
+All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
+geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus
+den Lebzeiten des Ritters wisse?«
+
+»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.«
+
+Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende
+Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so
+wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte
+Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.«
+
+»Aber was denn, Kind?«
+
+»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß
+die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
+Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte
+Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater
+erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch
+mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
+Schmargendorf donnert.«
+
+»Wohl möglich.«
+
+»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr
+die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
+dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da
+kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen
+wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das
+Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon
+weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
+Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch
+und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie
+nachschlugen, da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
+und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die
+Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen
+Pfeiler.«
+
+»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich
+vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt,
+»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.«
+Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
+und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem
+Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.
+
+Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.
+
+»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine
+Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im
+›Nathan,‹ aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich
+behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen
+haben. Hab ich Recht?«
+
+»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr
+Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen
+wäre.
+
+»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah
+ihn zutraulich und doch verlegen an.
+
+»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder
+vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
+Namen: Achim von Haake.«
+
+»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?«
+
+»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen,
+daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
+vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage
+zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«
+
+»Ich höre so gern von diesem Orden.«
+
+»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten
+heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und
+interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,
+Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber
+groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu
+geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld
+voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal
+aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem
+Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden,
+all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem
+wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn
+tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich
+überwältigt seine Größe.«
+
+Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen,
+einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein
+mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's
+vermocht als Templer zu leben und zu sterben?«
+
+»Ja.«
+
+»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die
+Supra-Weste der Gensdarmes.«
+
+»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir,
+es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.«
+
+»Um es zu halten?«
+
+Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter
+werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem
+Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen
+des ›=Schönen=‹ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus
+Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer
+selbstisch ist, ist undankbar und treulos.«
+
+Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so
+sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn=
+gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu
+d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und
+doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden
+war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus
+gesprochen worden.
+
+Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach
+hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide
+versäumt hatten, zu warten.
+
+Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte
+=diese= bis an das Gasthaus zurück.
+
+Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den
+Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war
+das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen
+Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.
+
+Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und
+man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl
+geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach
+Nordwesten hin umgesprungen war.
+
+Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu
+fahren.«
+
+Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während
+jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,
+ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück.
+
+Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe
+gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren
+Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.
+
+
+Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._
+
+Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob
+ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die
+mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der
+Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen
+Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig
+vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist.
+Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du
+sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich
+bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten
+wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten
+und Toiletten vergißt.
+
+Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein
+Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert
+Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat
+könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann
+immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und
+davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich
+sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen
+bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien
+und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer
+neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen
+Augenblick versagt geblieben ist.
+
+Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach
+all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester
+Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir
+gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir
+(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß
+gehabt haben.
+
+Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte,
+nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte,
+weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in
+unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie,
+beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht
+nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit
+eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser
+im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend
+oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während
+des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au
+fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten
+Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und
+wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was
+Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied
+der Meinungen.
+
+Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow
+anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser
+Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn
+schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht
+fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn.
+Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern
+lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben
+sollen, von denen man es am wenigsten begreift.
+
+Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon
+zu erzählen.
+
+Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem
+Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war
+arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine
+Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte.
+Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als
+das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort
+und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das
+rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht,
+jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir
+in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben,
+und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und
+führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir
+ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der
+Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir
+wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete
+auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das
+Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute
+versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte
+mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit
+=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner
+Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm
+unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein
+spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er
+ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor
+niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches
+Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht,
+so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte
+mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß
+ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit
+unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß
+Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir
+scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet
+Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein
+anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret,
+imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir
+=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so
+würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm
+hinein zu finden.
+
+Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich
+meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die
+beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich
+empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm
+dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei
+fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt,
+ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern
+hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho
+Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst,
+und ich find es nicht übel.
+
+Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit
+unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur.
+Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen,
+die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes
+ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist
+aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf.
+Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und
+wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und
+Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den
+Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen
+Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen
+beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen,
+und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen,
+schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette.
+Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren
+Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama
+grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,
+vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz=
+Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte
+=Victoire=.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Bei Prinz Louis.
+
+
+An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette
+von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße
+gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.
+
+Es lautete:
+
+»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und
+dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der
+Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach
+ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer
+Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter
+Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem
+Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.«
+
+Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und
+Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die
+Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens.
+Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit
+Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf
+einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und
+Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich
+entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als
+genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt
+zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von
+dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren
+(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu
+diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein
+Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales
+befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der
+Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch,
+auf die Bäume des Thiergartens.
+
+»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich
+arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als
+Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. ›_A la guerre, comme à la
+guerre._‹ Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt,
+respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde.
+Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr
+guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«
+
+»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.«
+
+»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur
+von jenem ›_laisser passer_,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller
+gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie
+Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß
+Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.«
+
+»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die
+Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen
+aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas
+Kluges?«
+
+»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig
+ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige
+thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er
+will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. ›_Ah, ces Prussiens_‹ hieß
+es, ›_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_‹. Da haben
+Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von
+einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so
+müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns
+Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein
+Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der
+Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.«
+
+»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers
+ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und
+versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten
+lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den
+uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und
+mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben
+freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit
+überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von
+jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.«
+
+»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm
+außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er
+eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater
+war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben
+diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch
+noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei:
+›_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_‹ oder ›_l'hirondelle =rase=
+la surface des eaux_?‹ Und was antwortet er? ›Ich sehe keinen
+Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater
+und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.‹ In diesem Bonmot haben Sie
+den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen
+offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen
+kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.«
+
+»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum
+Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit
+den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut,
+denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen
+das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften?
+Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs
+des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem
+Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In
+sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es;
+aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen
+können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und
+wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt.
+Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. ›Er blies, und die Armada
+zerstob in alle vier Winde.‹ _Afflavit Deus et dissipati sunt._«
+
+»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung
+verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über
+die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der
+die Armada zerblies.«
+
+»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes
+im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner
+Armee steht?«
+
+»Ich hoffe, ja.«
+
+»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die ›propreste Armee‹, das ist
+alles. Aber mit der ›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern
+sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald
+ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre
+Leute‹ hieß es. ›Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber
+beißen=‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter
+und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
+Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit
+und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.
+Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche
+Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen
+Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die
+erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den
+Beinen gewonnen worden.«
+
+»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur,
+lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für
+allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in
+der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er
+selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille
+sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der Feind wird marschiren und unsre Flanke
+zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige
+preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn
+schlagen und vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht. Es ist
+unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch
+schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.«
+
+Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles
+peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und
+sagte: »Widerlegen Sie mich.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte
+genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage
+›was thut hier die =Mittelmäßigkeit=‹ in vorausberechnender Weise nicht
+blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie
+zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste
+Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und
+unverfälschten Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹, die gerade klug
+genug sind, um von der Lust ›es auch einmal mit etwas Geistreichem zu
+probiren‹, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am
+leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode
+mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte
+der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in
+dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in
+jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«
+
+»Ein Beispiel.«
+
+»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich
+ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel
+gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie
+fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem
+Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere
+der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit
+Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis
+barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die
+morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das
+Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster
+Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er
+plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit
+in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: ›In meinem
+Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt
+›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+›Kobold und Teufelsküster‹ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies
+Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe:
+Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund
+seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich
+selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf
+ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.«
+
+»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das
+seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die
+Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden
+war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein
+Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und
+eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der
+Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in
+enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.«
+
+Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des
+unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen
+allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen
+unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum
+»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine
+kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach,
+als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
+ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens
+sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und
+dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die
+jetzt sicherlich mitsprechen. ›Man soll seinem Feinde goldene Brücken
+bauen‹, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein
+Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt
+schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt
+man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die
+Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen
+Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
+erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus
+dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene russische Muth einen vollen
+Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei=‹.«
+
+Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz
+trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm
+zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde‹
+bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese
+Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht
+haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können.
+Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.«
+
+»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und
+doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?«
+
+»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner
+Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
+ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das
+überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der,
+trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen
+wird, behauptet geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die besten Menschen
+die schlechteste Reputation haben müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte
+Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn
+den ›guten Friedrich‹ genannt hätte.«
+
+»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das
+ist mir aus der Seele gesprochen.«
+
+Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow
+in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind
+solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis
+an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen
+war auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel haben solche
+Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht
+es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit
+oder ohne Schlange.«
+
+»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch
+Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.«
+
+»Wenigstens annähernd.«
+
+»Da wär ich doch neugierig.«
+
+»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers
+in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun,
+anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines
+Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in
+die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine
+halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah
+unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus
+der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht
+gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben
+so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich
+fünftens ›_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_‹. Wobei wohl
+jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›_vrai
+sentiment_‹ kennen zu lernen.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein neuer Gast.
+
+
+All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der
+denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté
+céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor
+her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm
+wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren
+erscheinen und gleich danach eintreten sah.
+
+»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard
+que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
+Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen
+zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine
+Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
+Montefiascone, Tokayer.«
+
+»Irgend einen Ungar.«
+
+»Herben?«
+
+Dussek lächelte.
+
+»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter
+guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben,
+die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch
+=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹
+selten eine Antwort schuldig.«
+
+»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der,
+nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.
+
+»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?«
+
+»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, ›die
+ganze Stadt‹, so mein ich das Theater.«
+
+»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun
+weiter.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und
+Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem
+Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das=
+also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche
+Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen ›_belles lettres et
+beaux arts_.‹ Eine ›Huldigung der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber
+eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.«
+
+»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber
+da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der
+Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist,
+Thatsachen. Um was handelt es sich?«
+
+»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war,
+=nicht= erhalten.«
+
+Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._«
+
+Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der
+Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen,
+Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
+wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum
+überhaupt.«
+
+Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht,
+lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?«
+
+»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche
+Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir
+freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden
+mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an,
+und die ›Weihe der Kraft‹, für deren Aufführung der Hof sich
+interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit
+geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es
+energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch=
+gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine
+Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an
+dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von
+der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber
+im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹«
+
+»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?«
+
+»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören.
+Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
+Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger
+Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild
+sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein
+oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache
+vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an
+diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen.
+Neue Zeit und alte Vorurtheile.«
+
+»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß
+Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das
+das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und
+stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen
+neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
+eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit
+schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das
+Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen
+alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer
+Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden
+ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung
+einer wahren Epidemie ....«
+
+»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs
+Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig
+an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten
+nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung
+von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
+immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24
+Klassen wie das Linnésche System.«
+
+Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es
+müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie
+beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form
+der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt
+kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle
+Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der,
+wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres Thuns und Trachtens
+durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,
+während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins
+Schubfach und schrie: ›Da liege, bis du =schwarz= wirst.‹ Eine
+Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«
+
+»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen
+gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe
+den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,‹ gefällt mir
+noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
+Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu
+wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral
+Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter
+aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof
+von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir empfingen dieses
+Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es,
+nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der,
+heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und
+Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu
+freuen versteht.«
+
+»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,«
+erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie,
+lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel
+nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.«
+
+Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick
+einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der
+Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf,
+und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den
+Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise,
+deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
+worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt,
+flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben
+ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in
+das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung
+angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man
+Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
+nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des
+Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel
+zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die
+jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die
+Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.
+
+Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber
+sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
+stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit
+Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten
+Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe.
+Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau
+von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach
+begleitet.«
+
+»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt
+öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von
+beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt
+sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich,
+mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
+schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
+Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung
+erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage,
+›voll erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und
+zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als
+auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf
+Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und
+dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein
+Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber
+gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß
+Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten
+Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein
+Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber
+Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts
+für ungut; er ist Ihr Freund.«
+
+»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick
+bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
+dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus
+einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
+Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer
+Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die
+Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt
+alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«
+
+»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz,
+»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.
+_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen,
+die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn
+mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine
+Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir
+das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von
+jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie
+zerbrechen nie. ›_Comme un ange_‹, sagte der alte Graf Neale, der neben
+mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
+als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die
+Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.«
+
+»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder
+erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
+angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
+Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur
+Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen
+Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage
+wiederherzustellen scheint.«
+
+»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander.
+
+Alles lachte.
+
+»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone,
+während er sich ironisch gegen Sander verbeugte.
+
+Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft
+Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken
+wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der
+allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern,
+die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter
+unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich
+persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will
+also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_
+schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«
+
+»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der
+_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein
+hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein
+Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber
+als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch,
+Alvensleben?«
+
+Alvensleben bestätigte.
+
+Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen
+liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
+lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich
+wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten
+Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr
+gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig
+rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit
+erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese
+hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage
+weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind
+auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage
+den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.«
+
+Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ›was ist Schönheit?‹
+Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen
+verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug
+bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen
+und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei
+Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die
+häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet,
+=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
+liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die
+Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine
+schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und
+nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel
+tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die
+lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie
+kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und
+nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté
+du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
+Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit
+höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon
+als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten
+Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar
+Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon
+bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
+unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine
+Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her
+gebührt. Das paradoxe ›_le laid c'est le beau_‹ hat seine vollkommne
+Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem
+anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre
+meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir
+zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale
+captivirt zu sein.«
+
+Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen
+Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
+Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber
+Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen,
+und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
+wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die
+Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
+Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von
+Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie
+Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«
+
+Beide verneigten sich.
+
+»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es
+persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen
+einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten
+geistigen Austausches entgegen.«
+
+Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden,
+würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem
+Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies
+mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben
+Lichte stehenden Horizont.
+
+Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen
+flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
+standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die
+Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.
+
+Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war
+der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah,
+vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen
+schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend
+was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die
+Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und
+verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und
+die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das
+Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit.
+Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und
+reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.
+
+»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der
+Sinumbralampe.«
+
+»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.
+
+»Und warum?«
+
+»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und ›_sine umbra_‹.«
+
+Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum
+Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in
+Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind
+weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
+Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen
+scheinen.«
+
+Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung,
+und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war.
+Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er
+seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
+wolle.
+
+Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen,
+deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Schach und Victoire.
+
+
+Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde,
+der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um
+auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht
+davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die
+gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit
+heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte,
+daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit
+beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten
+wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,
+immer noch die friedericianische war.
+
+In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,
+entgegen.
+
+Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der
+Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom
+Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten
+sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren
+Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die
+Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den
+heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war.
+Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke,
+früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und
+zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein
+stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während
+von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde
+flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld
+beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten
+englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.
+
+Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange
+vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten
+Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre
+Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,
+Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker
+werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und
+klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings
+wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel
+begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem
+mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die
+Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße
+Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke
+sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen
+Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten
+Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die
+Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.«
+
+ * * * * *
+
+Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb
+in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr,
+ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr
+als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von
+wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau,
+Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer
+Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen
+mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu
+lärmenden Demonstrationen geeignet war.
+
+Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen
+Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den
+sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke
+nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich,
+als sie von der Revue wieder zurückgekommen war.
+
+Es war ein Brief von Lisette.
+
+Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie
+schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt
+wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß,
+mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben
+schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du
+Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber
+lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen,
+ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama
+nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch
+andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne
+Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht
+kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire,
+hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen
+wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich
+ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die
+durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen
+Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall
+überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder
+Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen
+lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das Ritterliche‹,
+fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben
+Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer
+Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein
+würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von
+Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei
+gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der
+Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir
+leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist
+gleichgiltig.«
+
+Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich
+leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie
+großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.«
+
+Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.
+
+In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein
+zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten
+es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine
+Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den
+Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu
+thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.
+
+»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«
+
+»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein
+prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch
+ziemlich scharf ....«
+
+»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade
+heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese
+Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich
+zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich
+Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was
+Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus
+Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«
+
+»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange,
+nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer
+Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn
+Alvensleben schon gesprochen haben sollte.«
+
+»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama
+für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«
+
+»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an
+Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim
+Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom
+Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen,
+was vielleicht eine That war.«
+
+»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«
+
+»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens
+in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.«
+
+»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das
+Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer
+Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«
+
+»Ich wüßte keine liebere Strafe.«
+
+»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....«
+
+»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie
+Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine
+Einladung überbringen.«
+
+»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen
+werden.«
+
+»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire,
+dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger
+Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte
+darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder,
+wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem
+Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler
+Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend
+zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein
+Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos,
+sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste
+ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ....«
+
+»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als
+sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu
+kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber
+Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir
+uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern
+aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels
+hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die
+Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft,
+ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist
+ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«
+
+»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«
+
+»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:
+›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der
+Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu
+haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten
+vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und
+Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man
+mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine
+Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«
+
+Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über
+sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder
+Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein
+aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer
+trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten
+Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte:
+»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band
+Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem
+Dichter.«
+
+»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr=
+interessirt.«
+
+»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?«
+
+»Mirabeau.«
+
+»Und warum =mehr=?«
+
+»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer
+unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein
+spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das
+schöne Kind,‹ hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin,
+hin wie .... wie ....«
+
+»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.«
+
+»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und
+Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire
+=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt
+schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es
+Wunderhold.«
+
+Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit
+klang vor.
+
+»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen
+nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, --
+=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von
+Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist
+das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn
+durchleuchtet und verklärt.«
+
+Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost
+schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre
+Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.
+
+»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst,
+und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben
+sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie,
+fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und
+Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
+demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für
+allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja
+Wunderhold!«
+
+Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es
+sich in Trotz zu waffnen suchte.
+
+Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.
+
+ * * * * *
+
+Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire,
+die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans
+Fenster und sah auf die Straße.
+
+»Was erregt Dich?«
+
+»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«
+
+»Du hörst zu fein.«
+
+Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen
+der Frau von Carayon vor.
+
+»Verlassen Sie mich .... Bitte.«
+
+»Bis auf morgen.«
+
+Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von
+Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer
+und Korridor.
+
+Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs
+her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das
+Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die
+Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften,
+und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete.
+
+Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama.
+
+»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!«
+
+Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es
+in ihm. »Das alte Lied.«
+
+Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen
+Victoire.
+
+Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und
+geräuschlos die Treppe hinunter.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Schach zieht sich zurück.
+
+
+»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.
+Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's
+zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens
+Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.
+»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen
+hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen.
+Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich
+den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und
+entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn
+fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine
+Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit
+Blut.
+
+Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher
+in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem
+Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr
+gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und
+Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die
+Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und
+übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von
+widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich
+glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.
+
+Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben
+werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die
+Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form,
+denn er wußte, daß es so sein werde.
+
+Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber
+und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er
+kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von
+Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen,
+den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte,
+war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen
+wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem
+Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück.
+
+Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,
+Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er
+hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen
+Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit
+eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der
+Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu
+haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er
+sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer
+Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber
+nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch
+dem Stücke zu.
+
+»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.
+
+»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden
+spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine
+Strapaze.«
+
+»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein
+Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit
+erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das
+Stück.«
+
+»Es hat mich =nicht= befriedigt.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei
+Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin
+zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede
+Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist
+Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah
+kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde
+beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit
+Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in
+Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der
+Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein
+allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von
+Anfang bis Ende.«
+
+»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?«
+
+»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für
+Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine
+war.«
+
+Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und
+über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich
+überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem
+angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von
+Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen
+Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß
+Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder
+am Klavier begleiten durfte.
+
+All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang,
+so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß
+es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm
+unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er
+ging.
+
+Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von
+dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und
+so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie
+mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war,
+blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.
+
+»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?«
+
+»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer
+gereinigten Kürche.«
+
+»Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.«
+
+Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte,
+dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also
+z. B. in der Lehre vom Abendmahl.«
+
+»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne
+Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre
+_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=,
+mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.«
+
+»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von
+Carayon.
+
+»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort,
+»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die
+Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens
+viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber
+nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht
+so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel
+weiß ich auch.«
+
+Frau von Carayon lachte herzlich.
+
+»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich
+ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und
+den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll
+auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es
+habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+»Es muß etwas geschehn.«
+
+
+Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht
+auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war,
+war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause
+Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des
+Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich
+mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten
+abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß
+Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.
+
+Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher
+sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte
+sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz
+spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.
+Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den
+gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie
+träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger
+unglücklich.
+
+Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage
+beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon
+ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider=
+einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin
+an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von
+Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte
+spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und
+Uebermuth.
+
+Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des
+Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu
+besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter
+den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte,
+kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
+und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von
+seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische
+Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein
+ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas
+geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der
+»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von
+vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch
+auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine
+=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger
+Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.
+
+Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,
+waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:
+Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler,
+Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und
+nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines,
+häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft
+mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die
+Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen
+Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach
+fehlte.
+
+»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.
+
+»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der
+kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.«
+
+»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch
+Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.
+Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang.
+
+»Rede halten: Assemblée nationale ....«
+
+Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem
+ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.
+
+»_Silentium, Silentium._«
+
+»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem
+Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht
+nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton=
+gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas
+geschehn!=«
+
+»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«
+
+»Und neu geweiht durch die ›Weihe der Kraft‹, haben wir, dem alten
+Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu
+bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen.
+Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,
+der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen
+und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem
+Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge
+der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde
+sich.«
+
+Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.
+
+»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.«
+
+Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.«
+
+Alle sahen einander an, Einige lachten.
+
+»Im Juli?«
+
+»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und
+über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste
+Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges
+bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte,
+während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel
+oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem
+Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.«
+
+Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich
+durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und
+beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten
+Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also
+Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+»Ja, ja.«
+
+»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?«
+
+»Schach.«
+
+»Er wird ablehnen.«
+
+»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als
+einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie
+kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich
+eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und
+sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen.
+Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen
+Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu
+sein.«
+
+Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter
+eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.
+
+»Ah, _lupus in fabula_.«
+
+»Von Schach?«
+
+»Ja!«
+
+»Lesen, lesen!«
+
+Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz,
+bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden
+Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig,
+auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und
+war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt
+worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und
+diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein
+Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und
+so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder
+wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für
+einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in
+eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch
+nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber
+durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und
+jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin
+nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr
+Schach.«
+
+»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche
+Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten
+ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er
+will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in
+diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich
+bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum
+Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts
+übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.«
+
+Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das
+Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht
+mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus
+_Lutheri_ im Leibe.«
+
+Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er
+das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz
+wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich,
+zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut
+oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen
+wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll,
+ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in
+falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz
+aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche
+lassen oder es fällt alles in den Brunnen.«
+
+Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine
+kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb
+von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich
+für die Lutherrolle zu melden.
+
+Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn
+Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg
+den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe,
+die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial
+eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
+fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf
+seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine
+Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem
+noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt,
+alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß
+Nostitz die Sitzung.
+
+In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's
+regnet?«
+
+»Es darf nicht regnen.«
+
+»Und was wird aus dem Salz?«
+
+»_C'est pour les domestiques._«
+
+»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Die Schlittenfahrt.
+
+
+Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen.
+Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der
+Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem
+jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern
+Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit
+hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst
+die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach
+noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und
+so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und
+Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein.
+
+In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen
+Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
+prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter
+vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem
+Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu,
+jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die
+Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das
+ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile.
+
+Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das
+Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage
+fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand,
+erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des
+Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im
+Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit
+Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande
+war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend
+und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß
+Victoire sie fand.
+
+»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«
+
+Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade
+zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu
+bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon
+hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr
+im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und
+was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze,
+johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf
+Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als
+Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und
+auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt
+erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte
+sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es?
+Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war
+doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er
+gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne
+Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel.
+Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das
+Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang
+von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und
+=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und
+gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von
+allem, an Liebe geglaubt hatte!
+
+»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und
+wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen
+konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der
+Schwelle des Balkons nieder.
+
+Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das
+Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen
+wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und
+als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen
+wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie
+der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken.
+»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals
+hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser
+Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns
+zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch ....
+O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«
+
+Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.
+Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an
+dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische
+Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht
+wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an
+der Decke zeigte.
+
+Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In
+Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und
+einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.
+
+»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr.
+Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist
+denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich
+weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es
+ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen
+schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre
+Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.«
+
+Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von
+Thränen entquoll ihrem Auge.
+
+»Beste Mutter!«
+
+Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Schach bei Frau von Carayon.
+
+
+Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und
+sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen
+ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen,
+Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art
+aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und
+einer untadligen Gesinnung.«
+
+In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der
+alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.«
+
+Frau von Carayon nickte zustimmend.
+
+»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire.
+
+»Weil Du's geträumt?«
+
+»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit
+weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er
+erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine
+Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer
+intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung
+des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt.
+Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie
+sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.«
+
+Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut,
+viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die
+Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer
+wartete.
+
+Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand
+zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen
+verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf
+einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein
+Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.
+
+»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in
+Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen
+gefunden hat oder nicht.«
+
+»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend,
+und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«
+
+»Ein Gefühl, das ich theile.«
+
+»So waren Sie nicht mit von der Partie?«
+
+»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu
+müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure
+Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und
+seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch
+heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut
+mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?«
+
+»Zu Bett.«
+
+»Ich hoffe nichts Ernstliches.«
+
+»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem
+sie gestern Abend befallen wurde.«
+
+»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem
+Herzen.«
+
+»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem
+Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die
+Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß
+an, ein Geheimniß, das Sie kennen.«
+
+Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.
+
+»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine
+Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:
+»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen
+oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten
+verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in
+der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen
+Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern
+verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?«
+
+Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre
+Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu:
+»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch
+von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten,
+daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das
+Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens.
+Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie
+mich, wenn Sie können.«
+
+Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung
+zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte.
+
+»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil
+preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung
+oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine=
+(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder
+heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt
+der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.«
+
+Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu.
+»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen
+habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu
+verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für
+eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben=
+Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will
+sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück
+ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in
+einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie
+lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so
+bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu
+willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich
+erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen,
+und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten
+Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu
+bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen
+oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um
+Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des
+Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen
+zu sagen hatte.«
+
+Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu
+sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben
+seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich
+nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher
+bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon
+jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den
+Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen
+langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine
+gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er
+sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen
+Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter,
+das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen
+Glücks.«
+
+All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich
+auch mit einer bemerkenswerthen Kühle.
+
+Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen,
+sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war
+weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg,
+erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr
+von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine
+Person richtete. Daß Ihr ›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte
+klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,
+mir genügt das ›Ja‹. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer
+Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in
+gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
+Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein
+wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante
+Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in
+Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen
+=mußte=.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden
+wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die
+Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.«
+
+Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach
+in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen
+gesprochen worden wäre.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+»_Le choix du Schach._«
+
+
+In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging
+alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden
+konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags
+an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth
+schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst,
+Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen
+einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem
+er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen
+gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied
+absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und
+Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß
+einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein,
+und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese
+letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten,
+ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die
+verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie
+genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«
+
+Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm
+unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte.
+Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich,
+lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts
+Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach,
+aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder
+hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer
+bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück
+ihrer Tochter sei.
+
+Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war
+ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in
+seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem
+zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem
+Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck
+gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue
+gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren
+bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit
+mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken
+beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in
+seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des
+Prinzen, ich schwärme nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren
+nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und
+wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so
+bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und
+Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten
+›Land-Ehe‹, die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem
+wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich
+quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe
+Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue.
+Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern=
+Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit
+demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt,
+vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich
+erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er
+mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: ›wie mir's
+gehe?‹ Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, was doch drei
+Jahr aus einem Menschen machen können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht
+werden es dreißig.«
+
+Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer
+Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des
+Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ
+ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ Ich
+entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde?
+=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf.
+Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich
+will sie tragen.«
+
+Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.
+
+Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem
+Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten
+Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß
+auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau
+von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach
+zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach
+drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das
+junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines
+Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire
+nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren
+Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und
+freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht
+gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und
+konnte jeden Augenblick bezogen werden.
+
+Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die
+vorausgegangen war.
+
+Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit
+seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte
+daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und
+kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der
+geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil
+ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er
+dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die
+Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und
+espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten
+und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und
+vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch
+leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am
+Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse,
+die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath
+bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des
+Lächerlichen =nicht= gescheitert.
+
+Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.
+
+Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht
+um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen
+Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für
+ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem
+Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam
+es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß
+es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und
+nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit
+der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort,
+ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und
+empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff
+und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein
+erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der
+persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an
+der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des
+Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm
+Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der
+persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in
+allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend
+anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe,
+wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit
+aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger
+als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der
+Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur
+zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst
+ein Genüge zu thun.
+
+Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es
+war ihm, als würd er vom Schlage getroffen.
+
+Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder
+vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht
+abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe
+wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache.
+
+Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine
+gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die
+Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um
+hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden
+aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte
+nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene.
+Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des
+einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,
+als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich
+großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen
+stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen
+»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge
+herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem
+Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig
+normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben.
+
+Also eine Verschwörung.
+
+Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und
+kehrte in seine Wohnung zurück.
+
+Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben
+erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen
+Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen,
+schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge
+nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen.
+Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber
+der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu
+werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an
+ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr
+B.«
+
+Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte,
+setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem
+Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier,
+fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich
+mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand
+zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren
+drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir
+erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles
+gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine
+Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz
+R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und
+stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird
+mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen
+sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es
+nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig
+hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen
+beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde
+schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich
+Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen
+Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das
+Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht
+verfehlen, und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. _Tout à vous. S._«
+
+In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow
+ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.
+Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die
+beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem
+Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die
+Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden,
+trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß
+es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter
+zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen,
+ohne dabei das Richtige zu treffen.
+
+Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel
+blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische
+=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von
+ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale
+nimmt.
+
+Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von
+Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein
+Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel
+und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß
+Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der
+persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und
+eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.«
+
+Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht.
+Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm
+auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde.
+
+So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,
+seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin
+verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er
+all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+In Wuthenow am See.
+
+
+Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen
+entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See
+nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den
+Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute
+Brüllen einer Kuh.
+
+Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg
+ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte.
+Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren
+Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein
+alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage
+durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene
+Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige,
+nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen
+allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter
+dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach
+hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
+Schönheit des Bildes.
+
+Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem
+flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem
+danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben
+Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus
+seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der
+Holzwandung umherschrammte.
+
+»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,
+begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf
+die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.
+
+Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach
+stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen
+der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es
+lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb
+verschlafene Stimme: »Wat is?«
+
+»Ich, Krist.«
+
+»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«
+
+»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.«
+
+Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während
+er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«
+
+Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,
+während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en
+beten.«
+
+Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und
+hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig,
+ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar
+Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel
+zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes
+Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor
+manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den
+durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen
+jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste
+Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht
+hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.
+
+»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns
+Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers
+ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn'
+koam' künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' wat.‹ Awers as
+de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se,
+›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹«
+
+»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während
+der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins
+Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.«
+
+Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen
+mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte
+verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige
+Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und
+Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon
+führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin
+von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient
+hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als
+Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet
+hatte, trat man ein.
+
+Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem
+Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den
+Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit
+nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter
+nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die
+seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der
+verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die
+Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von
+jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den
+alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den
+Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der
+Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür
+zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der
+Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und
+Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz.
+In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine
+stickige Schwüle.
+
+»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die
+da.«
+
+»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?«
+
+»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«
+
+»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih!
+Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi.
+›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn ümmer, ›ick gloob de Huut geit em
+runner‹. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte:
+›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹«
+
+Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff
+er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,
+der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das
+sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten
+herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das
+Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von
+guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als
+er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er
+gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen
+Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten
+Gruft der Familie standen.
+
+Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.
+»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält
+er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es
+brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun
+gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht
+wegtragen.«
+
+»Ih, se wihren doch nich ....«
+
+Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor
+hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von
+außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und
+bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn.
+
+Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz,
+empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und
+kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein
+unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts
+helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück.
+Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die
+mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten,
+hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur
+über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen
+Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich
+überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,
+die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben
+stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.
+
+Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um
+die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
+Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu
+verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An
+Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster
+und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.
+
+Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene
+Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in
+meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei
+Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen.
+Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,
+trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners
+zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war,
+war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger
+Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines
+wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch
+erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer
+volleren Zügen einsog.
+
+Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er
+einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen
+hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit
+guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht
+schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine
+Viertelstunde vergangen.
+
+Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge
+zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an
+den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die
+Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt
+ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum
+in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu
+Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren
+standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale
+vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern
+oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute
+sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die
+dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen
+ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf
+und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei
+schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein,
+es war erst zwei.
+
+Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter
+fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des
+Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
+sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und
+Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur
+ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
+stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal,
+vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß
+ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er
+murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!
+
+Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse
+herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf
+diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine
+höchste Wonne gewesen.
+
+»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu,
+der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends
+schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg,
+an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang
+benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen
+Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache
+Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem
+Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die
+Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu
+zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so
+seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
+würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder
+einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und
+Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des
+Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war
+er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und
+die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst
+spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt
+ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
+Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln
+begann.
+
+Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er
+schlief ein.
+
+Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die
+Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er
+nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft
+ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle
+zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete.
+
+Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
+Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im
+Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die
+Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach
+vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl,
+denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei
+minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit
+und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht.
+Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so
+sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in
+einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen
+Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte
+deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen
+Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je
+comprends._«
+
+Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
+vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
+bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder
+gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich
+neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam.
+Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
+fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse
+hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
+Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
+Grünfutter zu bringen.
+
+»Tag, Mutter Kreepschen.«
+
+Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
+jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall
+gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören
+sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu
+sehn.
+
+»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?«
+
+»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«
+
+»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«
+
+»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
+Und der eine Fensterflügel war auf.«
+
+»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch
+jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet
+nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un
+nich en Oog to.«
+
+»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
+ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
+mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«
+
+»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst.
+Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
+man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie
+schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
+hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch.
+Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
+denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de
+Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
+Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl.
+Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in.
+Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un
+ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.«
+
+Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
+darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher
+Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum
+herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die
+Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte
+den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
+freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei
+kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs
+darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_«
+unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei
+dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran,
+während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand.
+Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in
+dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und
+seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer,
+und der Wagen hatte stille Tage.
+
+Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
+wurde »daß drüben alles klar sei.«
+
+Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager
+so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und
+ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und
+Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller
+Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später
+erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen
+Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner
+Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf.
+
+»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.«
+
+»Justement sieben, junge Herr.«
+
+»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.«
+
+»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et
+anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um
+twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den
+dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um
+achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
+Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und
+dat's ümmer um seb'n.«
+
+»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«
+
+»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll
+Bienengräber.«
+
+»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.«
+
+»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un
+nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.«
+
+»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
+immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen
+und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat,
+mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen,
+dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich
+nicht aufpaßte.«
+
+»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.«
+
+Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und
+versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.
+
+Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln
+schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über
+seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür
+zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die
+Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes
+fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen
+Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit
+Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt.
+
+Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es
+läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter,
+um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte
+Bienengräber zu sagen habe.«
+
+Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
+heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war,
+wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für
+manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem
+Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles
+sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort
+wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so
+doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in
+diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese
+Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
+nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«
+
+Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines
+Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf.
+
+Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und
+=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.
+
+Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
+Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
+umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle
+trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war
+der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier
+war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment
+Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine
+Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
+zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die
+Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter.
+
+Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in
+die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die
+Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären
+es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
+Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied
+macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und
+dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die
+Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig
+und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und
+dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber
+vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt
+in einem fort: ›Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und meine
+Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und
+endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ an
+der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹ heißt. Ein sonderbares
+Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
+malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht
+fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und
+zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine
+Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie den
+=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.‹ Oder soll ich
+ihm geradezu sagen: ›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!«
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Die Schachs und die Carayons.
+
+
+Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
+von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien
+Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im
+Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja
+Karrikatüren erschienen sein?«
+
+Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
+zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire
+fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren,
+liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den
+Gesprächsgegenstand fallen.
+
+Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott-
+und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
+brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso
+gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von
+Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten
+konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
+ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde
+sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
+ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne
+jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
+sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick
+an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen
+»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und
+unschmeichelhaftesten Ausdrücken.
+
+Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend
+noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich
+Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
+peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und
+empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.
+
+»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich
+freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von
+Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft
+blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr
+Bild ein für allemal verdorben.«
+
+»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
+ablehnen sollte.«
+
+»Und weshalb?«
+
+»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte.
+Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen
+zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als
+seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich
+wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als
+Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen‹.«
+
+»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«
+
+»Aber nicht besser.«
+
+»Wer weiß.«
+
+»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon
+einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon
+hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«
+
+»Seine Wuthenower Tage?«
+
+»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
+davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in
+sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich
+behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
+
+»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie
+wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
+Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
+Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der
+Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste
+wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
+zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn
+gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu
+wollen.
+
+Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
+nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten,
+in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu
+machen. Denn eine Flucht war es.
+
+Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
+oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
+
+»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird
+eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du
+wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr
+nachgegeben hast, als recht und billig war.«
+
+Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
+
+»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist
+eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends
+überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er
+will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
+oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten
+verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel
+besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz
+Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
+
+»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs
+sind doch =wirklich= eine alte Familie.«
+
+»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen
+Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier
+überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An
+mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter,
+der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du
+Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch
+Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
+
+»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich
+doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße
+Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater
+ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem
+er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt
+hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in
+die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte
+nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche
+gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die
+Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig
+bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
+devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese=
+Leute kennen!«
+
+»Aber, Mama ....«
+
+»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel
+und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch
+im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder
+ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre
+Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der
+Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern
+fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und
+uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres
+Königs gestimmt hatten.«
+
+Immer verwunderter folgte Victoire.
+
+»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von
+Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich
+weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen
+derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von
+alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an
+den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine
+lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
+die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und
+eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an
+ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie
+hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte,
+dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und
+endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause
+versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die
+schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen
+Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
+haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn?
+=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder
+will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit
+beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow
+ist eine Lehmkathe.«
+
+»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
+Seite hin. Und da =find= ich es auch.«
+
+Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie
+leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine
+Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte
+Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.«
+
+Victoire lächelte.
+
+»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,
+beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so
+verarmt. Und auch er ....«
+
+Sie stockte.
+
+»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in
+welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
+Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin,
+davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen
+Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu
+verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain
+er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er
+hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir=
+müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede
+stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so
+gewiß er =uns= demüthigen wollte.«
+
+Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer
+zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.
+
+»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für
+einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine
+Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre
+Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner
+Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in
+Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für
+morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese
+Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh
+nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige
+Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu
+geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht
+sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse,
+die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis
+auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der
+Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.
+
+Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Frau von Carayon und der alte Köckritz.
+
+
+Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die
+geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte
+dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.
+
+Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam
+hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt.
+Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront
+vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht
+stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich
+herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege,
+sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem
+Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig
+Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem
+elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen
+Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des
+Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch
+=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben
+war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen.
+
+Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler«
+ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier
+mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn
+in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder
+verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags
+darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben
+habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher
+Zurückgezogenheit zu verleben gedenke.
+
+Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen
+Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit
+Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als
+Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann
+versagen die Nerven.
+
+Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser
+Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau
+von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war
+für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später
+Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So
+denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich
+wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden
+in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und
+Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen,
+die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis
+sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges
+Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden
+Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in
+den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener
+erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und
+um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem
+Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner
+halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig
+herausgestellt hatte.
+
+»Wohin befehlen, gnädige Frau?«
+
+»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie
+möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.«
+
+»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt
+hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder
+vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige
+Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab
+dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre,
+zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren.
+
+In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische
+Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man
+nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen
+einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und
+niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke
+der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von
+Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem
+Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg
+abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem
+aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich
+geschmückten Hause hielt.
+
+»Wem gehört es?«
+
+»Dem König.«
+
+»Und wie heißt es?«
+
+»Das Marmor-Palais.«
+
+»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....«
+
+»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine
+Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und
+schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles
+ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo
+der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹ trank, den ihm der
+Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder
+vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das
+Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den
+Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht
+sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von
+der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der
+Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis
+an die Hüften oder noch weniger.«
+
+Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen
+bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch
+nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den
+Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst
+umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den
+Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an
+der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen
+Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.«
+
+Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu
+kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange.
+Selbst was sie träumte, war hell und licht.
+
+Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte
+Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der
+Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte
+sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern,
+aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich
+bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem
+Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten
+von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse
+der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter
+Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken
+Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne
+weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren.
+
+Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von
+Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und
+Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die
+Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein
+offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang
+bildete.
+
+Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem
+ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den
+Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine,
+sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr
+peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um
+nicht vor der Zeit gesehen zu werden.
+
+Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und
+schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil
+ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben.
+
+»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an
+einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der
+schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.
+
+»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?«
+
+»Frau von Carayon.«
+
+Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr
+General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.«
+
+Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von
+dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu
+seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen
+Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen,
+entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster
+Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den
+Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner
+Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die
+wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die
+meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende=
+Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
+freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener
+sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen.
+
+General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im
+Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen
+Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach
+hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein
+eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen
+Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die
+geringste Bewegung wahrzunehmen war.
+
+Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte
+sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst
+einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles
+leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und
+jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in
+ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.
+
+Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll
+zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste
+Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät
+nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen
+pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt
+nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine
+Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen,
+wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber
+gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch
+künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern
+wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene
+Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die
+Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen
+sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen.
+Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein
+starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen
+wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen
+hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst
+so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem
+schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es
+für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft
+halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer
+schlechten _moralité_ zu opfern.«
+
+Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon,
+mon cher General._«
+
+»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr,
+=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner
+Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen
+oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie
+vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in
+wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der
+Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist
+er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein
+Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so
+delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes
+Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich
+seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt)
+und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen
+soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt
+ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden,
+und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben
+diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen
+wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch
+geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder
+herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte
+seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem
+Könige zu melden.«
+
+Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal
+wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park
+begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In
+wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht.
+Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.«
+
+Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür
+unmittelbar in den Park hinaus.
+
+In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war,
+hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der
+Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von
+Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke,
+darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll
+tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von
+Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu
+vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte
+der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen.
+
+Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte.
+Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte
+bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in
+deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf
+einer Steinbank saß.
+
+Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr
+ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie
+niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr
+aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl
+bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...«
+
+Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm
+entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen
+Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter,
+und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth ....
+Und nun sprechen Sie.«
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Schach in Charlottenburg.
+
+
+Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und
+schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines
+ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach
+Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm
+seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee,
+links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht
+von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem
+Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu
+versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen
+erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters
+ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß,
+selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben.
+
+Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die
+Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter
+begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs
+Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und
+ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren
+Sommerhäusern und Vorgärten ein.
+
+Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte
+sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem
+Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte,
+bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz
+den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach
+Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten
+Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen
+schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen
+Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I.
+paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der
+ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte.
+
+Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar
+Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach
+zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon;
+fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir
+verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken
+bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau,
+die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.«
+
+Schach verneigte sich.
+
+»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen
+sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden,
+findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache,
+geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die=
+verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath
+mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen
+und den Dienst quittiren wollen.«
+
+Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das
+Schmerzlichste sein würde.
+
+»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß
+geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die
+Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die
+Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben.
+Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung
+machen.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn;
+Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank
+Ihnen.«
+
+Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor
+hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene
+große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte.
+
+Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er
+denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
+Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn
+einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von
+der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem
+Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen
+entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die
+militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige
+Schritte zurück.
+
+»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten
+lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber
+verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und
+es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil
+ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser
+Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question
+d'amour_.«
+
+»Majestät sind so gnädig.«
+
+»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der
+König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen
+hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz
+eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme
+mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde
+diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht.
+Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit
+als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich,
+belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt
+worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und
+Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus
+allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige
+Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch
+verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei,
+Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf
+=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort,
+»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen
+nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so
+versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung
+gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins
+Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum
+etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung
+dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt
+erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden
+doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein
+geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen
+Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun
+eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine
+Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so
+lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart
+ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer
+Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen
+lassen. Und nun Gott befohlen.«
+
+Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte;
+Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah,
+sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine
+schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.
+
+Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz
+Baarsch folgte.
+
+Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn
+nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt
+worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein
+Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu
+machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle
+seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig
+entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon
+in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum
+Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich
+in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor
+sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von
+heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum
+ersten Male wieder leicht und frei.
+
+Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte
+Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese
+Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel
+fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte:
+»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig
+sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.«
+
+»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe,
+Baarsch?«
+
+»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«
+
+»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....«
+
+»Wie das?«
+
+»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch=
+nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.«
+
+»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«
+
+»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die
+Bilders kamen ....«
+
+»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der
+Wette? Hoch?«
+
+»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor
+jed' een.«
+
+»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die
+Wette bezahlen.«
+
+Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les
+pots cassés_.«
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Fata Morgana
+
+
+Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb
+er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen
+Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein
+Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn
+heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin
+ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche
+Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon
+gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich
+beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese
+neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die
+länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine
+Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er
+hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu
+zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch
+und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit
+auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«
+
+Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon
+vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet.
+Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu
+begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr
+Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch
+=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen,
+sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht
+zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen
+in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt
+zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese
+Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt,
+jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
+gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder
+einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene
+Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie
+dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen
+und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft.
+
+Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie
+ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth
+auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte
+vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles
+was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war
+doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo
+Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit
+einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den
+Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach
+bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle
+geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.
+
+Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire.
+Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er
+trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der
+Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah
+und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,
+er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten
+Thränen das Auge der Mutter.
+
+Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach,
+der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen
+Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die
+nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur
+wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese
+Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre
+langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath
+Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte
+dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des
+herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse
+nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn
+die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie
+persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt --
+werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen
+Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer
+Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen
+Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über
+Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam
+und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine
+Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur
+Seufzerbrücke erhoben werde.
+
+So ging das Geplauder, und so verging der Besuch.
+
+Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an
+dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen
+Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt
+täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme
+balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.
+
+Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als
+sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück
+unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu
+zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er
+mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren
+zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse,
+daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden
+würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei
+dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung
+gehabt, sich überraschen zu lassen.«
+
+Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante
+Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um
+so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der
+Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau
+von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und
+Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig
+fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach.
+Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei
+oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.«
+Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber
+auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze
+Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in
+Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo
+die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber
+ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig
+wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und
+während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne
+sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme
+säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand,
+und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze
+geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter
+sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese
+Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel!
+
+Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner
+Schilderung.
+
+Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer
+Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Die Hochzeit.
+
+
+Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten
+sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen
+großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel
+der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von
+Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies
+erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte
+Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit
+beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von
+Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen
+und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in
+erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren
+hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste
+beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden,
+weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei
+Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war,
+ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite
+her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in
+Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre.
+
+Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der
+herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath
+gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu
+bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses,
+dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und
+zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen
+Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich
+aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den
+»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich
+begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der
+Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an
+der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich
+schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid
+und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen
+=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen
+mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt
+geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte:
+Tante Marguerite wünsche zu sprechen.
+
+Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann
+ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer
+anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath
+hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth,
+das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war,
+worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde,
+die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber
+als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste
+bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen
+Paares zu trinken.«
+
+Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft
+entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen,
+was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei
+kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie
+hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
+Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es
+wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten
+Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten
+hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der
+Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie
+das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür
+auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal
+etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so
+glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der
+ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern
+gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man
+doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten
+Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß
+die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre.
+
+Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ
+seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu
+können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons
+umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare
+Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen
+Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich
+von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante
+Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von
+Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die
+der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt
+wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so
+bedeutungsvoll.«
+
+Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar
+nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand
+des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender
+Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach
+sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus.
+
+In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern
+begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine
+zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der
+Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.«
+
+Und sie ging ihm dahin vorauf.
+
+»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz
+nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen
+Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten
+Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch
+manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter
+kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns
+wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde
+machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie,
+lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr
+nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung
+ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von
+Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.«
+
+Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und
+tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam
+aus dem zierlichen kleinen Löffel.
+
+»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen
+wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war
+in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr
+als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen
+Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit
+Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich
+habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und
+habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_
+geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die
+mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.«
+
+Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt
+sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen
+gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser
+Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen
+wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
+ohnehin schon vermißt haben.«
+
+Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours
+à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend
+aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.«
+
+Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und
+sagte: »Nun, was war es?«
+
+»Eine Liebeserklärung.«
+
+»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr?
+Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen
+Tochter geben.«
+
+Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben
+und Nostitz ihnen gesellten.
+
+In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob
+er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er
+sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor
+hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire
+war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein
+halber Tagesschein flimmerte.
+
+»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging.
+
+Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte
+leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«
+
+Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks
+=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder
+hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und
+küßte sie.
+
+»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«
+
+Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel
+die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter.
+
+Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener
+sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an
+diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres
+bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die
+Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß
+von unten her verspürt worden wäre.
+
+»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_«
+
+»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter
+Feldwebel.«
+
+»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like
+shooting._«
+
+»Schuting? Na nu.«
+
+»_Yes; pistol-shooting ...._«
+
+Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs
+Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem
+Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag,
+ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der
+Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das
+Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und
+jammerte: »_Heavens, he is dead._«
+
+Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine
+Wohnung hinauf.
+
+Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil
+er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine
+diplomatische Natur wie alle Bauern.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+Bülow an Sander.
+
+
+=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander,
+auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger
+Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich
+die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine
+Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu
+schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,
+was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben
+und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu
+vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß
+mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner
+symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist
+durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
+ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und
+Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und
+Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen
+unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer
+Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur
+noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein
+wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge
+vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich
+die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder
+mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod.
+
+Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das
+dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹, eine
+Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja, mir sind Wucherer empfohlen und
+vorgestellt worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies beständige
+Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt
+und die richtige Ehre todt gemacht.
+
+All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der,
+all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war.
+
+Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die
+Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die
+Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm
+Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du
+diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur
+zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun
+wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen
+Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil,
+noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er
+flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's
+handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch
+oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren
+glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in
+eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er
+flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn
+schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster
+König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam
+fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den
+Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal
+Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen
+Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten,
+eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der
+Verzweifelten: _un peu de poudre_.
+
+Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem
+Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand
+aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten
+Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem
+Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer
+falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist
+denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie
+sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand
+gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese
+Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur
+Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten
+von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und
+Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil
+es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft und des Hofes war, von
+Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein
+Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles
+Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod.
+
+Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem
+Thema ›_Hannibal ante portas_‹ Aehnliches über meine Lippen kam? Schach
+tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind
+noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als
+etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich=
+da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller
+Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins
+zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=.
+
+=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben
+über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an
+frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter
+geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche
+Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber.
+Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit
+hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine
+Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn
+außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte,
+vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.
+
+
+=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._
+
+Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus
+dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich
+mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine
+Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet.
+
+Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu
+warten.
+
+Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und
+glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du
+hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann.
+
+»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest
+vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette,
+wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem
+bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch
+nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er
+sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das
+Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott
+herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht
+die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod
+gegangen.
+
+So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch
+ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen
+ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem
+andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich
+erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott
+zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte.
+Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht
+so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner
+eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen
+Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt,
+=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte
+durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den=
+Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir
+schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der
+überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter
+und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner
+Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen
+Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons
+unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war
+sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die
+Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir
+schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_
+vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben
+nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht.
+
+Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und
+empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber
+schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und
+Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche=
+Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich,
+wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder
+unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von
+hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei;
+zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt,
+innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie
+dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde
+diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner
+persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler
+anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug
+genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein
+prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja,
+hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder
+Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir
+ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen
+wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes
+Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt,
+aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien.
+
+Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich
+zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und
+vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an
+mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue
+diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles
+Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er
+wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.
+
+Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein,
+meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und
+vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat.
+Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert,
+und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die
+blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir
+auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben
+meinem Glück. --
+
+Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein
+Wunder ist es mir erhalten geblieben.
+
+Und davon muß ich Dir erzählen.
+
+Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer
+ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der
+Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten
+Rundbogenbau, wo sie den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, eine
+hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von
+Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von
+unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit,
+noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den
+Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar,
+und der Dottore verkündigte sein ›_va bene_‹; die Wirthin aber lächelte,
+wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte.
+
+Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon
+hörte, zu all dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde mich vor der
+›alten Kürche‹ warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß.
+
+Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll,
+und kühl und schön.
+
+Sein Schönstes aber ist sein Name, der ›=Altar des Himmels=‹ bedeutet.
+Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+
+
+
+Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35
+
+
+Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die
+litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf
+dem Laufenden halten will, ist
+
+Das litterarische Echo
+
+Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde
+
+Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger=
+
+Dritter Jahrgang
+
+Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen
+
+Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe
+aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen
+Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu
+erscheinenden Werken * Nachrichten
+
+In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner)
+vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem
+»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a.
+heißt:
+
+»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel
+zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu
+verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes
+zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der
+vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine
+unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen,
+der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf
+die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame
+Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest
+zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere
+allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für
+dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor
+Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt,
+zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes
+vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und
+die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß
+unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe,
+eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten,
+will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses
+Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges
+Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen
+werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft
+an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. --
+Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor
+allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres
+Volkes, findet« u. s. w.
+
+Preis vierteljährlich Mark 3.--
+
+Probenummern kostenfrei
+
+Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter
+
+
+
+
+Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9.
+
+Werke von Theodor Fontane.
+
+
+Gedichte.
+
+Sechste Auflage.
+
+=Mit einem Bildniß.=
+
+8o. 462 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Vor dem Sturm.
+
+Roman aus dem Winter
+1812 auf 1813.
+
+Dritte, wohlfeile Volksausgabe in
+1 Bande, 8o. 773 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Quitt.
+
+Roman.
+
+8o. 338 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Grete Minde.
+
+Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+Zweite Auflage.
+
+kl. 8o. 154 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Unwiederbringlich.
+
+Roman.
+
+Dritte Auflage.
+
+8o. 343 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Ellernklipp.
+
+Nach einem Harzer Kirchenbuch.
+
+Zweite Auflage.
+
+8o. 190 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
+
+4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~
+
+~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.)
+
+ II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.)
+
+ III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam,
+ Brandenburg. (485 S.)
+
+ IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.)
+
+
+Fünf Schlösser.
+
+Altes und Neues aus Mark Brandenburg.
+
+8o. 468 Seiten.
+
+~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~
+
+=Inhalt:=
+Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden.
+
+
+Christian Friedrich Scherenberg
+und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.
+
+8o. 260 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+
+ räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+ räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+
+ Iffland ein Freimaurer.«
+ Iffland, ein Freimaurer.«
+
+ Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+ Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+
+ tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+ tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+
+ »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+ »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+
+ Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+ Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+
+ gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+ gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+
+ von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+ von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+
+ ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+ ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+
+ wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+ wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+
+ Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+ Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+
+ Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im
+ Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+
+ Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+ Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+
+ jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+ jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+
+ der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit
+ der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit
+
+ ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser
+ ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte:
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+
+ im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹
+ im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹«
+
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man,
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+
+ angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+ angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+
+ Nostiz und Sander lächelten und nickten.
+ Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante.«
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+
+ Schlittenfahrt Angenommen?«
+ Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+
+ Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+ Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+
+ Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+ Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+
+ nimmt
+ nimmt.
+
+ Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+ Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+
+ ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹
+ ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹«
+
+ ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹
+ ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹«
+
+ Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+ Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+ mon chèr General._«
+ mon cher General._«
+
+ und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+ und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen ›daß Ehre‹ das
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das
+
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.«
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+ Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen
+ Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+
+ Nach einer altmärkischen Chronik
+ Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
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+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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@@ -0,0 +1,5972 @@
+The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schach von Wuthenow
+ Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
+
+
+
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+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
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+ ]
+
+
+
+
+Schach von Wuthenow
+
+
+
+
+Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage:
+
+~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft.
+
+~Cécile.~ Roman.
+
+~Graf Petöfy.~ Roman.
+
+~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman.
+
+~Stine.~ Berliner Sitten-Roman.
+
+~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870.
+
+~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise.
+
+~Frau Jenny Treibel.~ Roman.
+
+~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman.
+
+~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten.
+
+~Effi Briest.~ Roman.
+
+~Die Poggenpuhls.~ Erzählung.
+
+~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches.
+
+~Der Stechlin.~ Roman.
+
+~Aus England und Schottland.~ Reisebilder.
+
+
+Gesammelte Romane und Erzählungen.
+
+Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters.
+
+=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. --
+Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. --
+~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. --
+~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~
+Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner
+Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes
+1870.
+
+
+
+
+ Schach von Wuthenow
+
+ Erzählung
+ aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+ von
+ Theodor Fontane
+
+ Vierte Auflage.
+
+ Berlin W
+ F. Fontane & Co.
+ 1901
+
+
+
+
+ Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im Salon der Frau von Carayon.
+
+
+In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und
+ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige
+Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des
+Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
+Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser
+Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und
+hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter
+gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle,
+dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.
+
+Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite,
+saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in
+diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung
+innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige
+Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem
+abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat
+zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs
+angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt
+machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow.
+Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße
+weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
+Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem
+Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
+sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich
+immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr
+Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens
+in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein
+Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm
+der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die
+feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte.
+
+Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher
+beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht
+nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich
+wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als
+»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte
+diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was
+man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch
+beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick
+zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte.
+
+»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort,
+»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
+Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn
+von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige,
+was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander
+von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie
+nicht groß sind.«
+
+»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles
+was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht
+preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen
+reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.«
+
+»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich
+danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.«
+
+»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer
+ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner
+seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von
+Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß
+alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen
+Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die
+Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist
+erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs
+des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor
+sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir
+wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn
+Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen
+Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen
+müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe
+Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen
+wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die
+Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen
+zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin
+steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß
+wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
+der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade
+für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht,
+als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich
+von der unangenehmen Seite.«
+
+Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen
+worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu
+dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß
+ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie
+sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle
+man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um
+seine frühere Schönheit gekommen war.
+
+Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er
+es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte
+nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum
+lieben Sie sie.«
+
+»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.«
+
+»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück
+könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller
+Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die
+glänzendste Kriegsgeschichte.«
+
+»Und wer rettete ....«
+
+»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar
+Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
+ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der
+Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht.
+Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu
+Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder
+Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....«
+
+Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein
+Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der
+Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die
+Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit
+Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung.
+
+»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....«
+
+»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte
+seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und
+nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen,
+daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen
+Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den
+Salon eingetreten sein müsse.
+
+»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue
+Stürme ....«
+
+»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin
+Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem
+Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt
+mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem
+Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende.
+Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem
+Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde
+getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die
+Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf
+selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den
+Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden
+konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
+Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«
+
+»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich
+machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man
+weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der
+wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß,
+wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht
+säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.«
+
+»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter
+Anklage von Hochverrath und Krawall.«
+
+»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung
+dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht
+fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen,
+als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum
+politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber
+=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich
+sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von
+Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den
+Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere
+Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist,
+und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und
+recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich,
+gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen
+Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch
+keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus.
+Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom
+Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der
+schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch
+die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu
+gemacht.«
+
+»Nein, diese Stimmung war da.«
+
+»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu
+bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen
+wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir
+sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst
+die Summe, so sind wir verloren.«
+
+»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen,
+Herr von Bülow.«
+
+»Was ich beklage.«
+
+»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und
+meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären
+dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan
+obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am
+Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers
+Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß
+sich wieder auf sich selbst besinnen.«
+
+»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist
+dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich,
+das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich
+frage Sie?«
+
+»Sie mißverstehen mich.«
+
+»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.«
+
+»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich
+mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische
+Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art
+aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck
+zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren
+=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel
+bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht=
+gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes
+und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist
+=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer
+Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges
+Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.«
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+»Die Weihe der Kraft.«
+
+
+Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit
+anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach
+und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht
+Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und
+nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen
+Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns
+zugewiesen.«
+
+»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.
+
+»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist
+eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert
+haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es
+geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen,
+daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.«
+
+»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr
+Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund
+heraus, eine gewisse 'Weihe der Kraft' verleihen wird.«
+
+»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und
+so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr
+bedauert.«
+
+»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung
+entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter
+der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten
+einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen
+einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen
+aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von
+seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte
+citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert
+hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
+bedeutet.«
+
+»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die
+den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,«
+sagte Schach spitz.
+
+»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,
+auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie
+bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich
+vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu
+=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht
+das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene
+Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde
+Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas
+Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines
+Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in
+Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch
+über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er
+will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote
+mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder
+dans le Néant_.«
+
+»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das
+Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also
+zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den
+'tagesberühmten Herrn', wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen
+zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß
+wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit
+wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar
+nicht gesehen zu haben.«
+
+»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit
+nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten
+Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines
+Stückes beizuwohnen.«
+
+»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst
+nicht länger mehr zu zweifeln ist.«
+
+»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens
+alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.«
+
+»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das
+Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des
+Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am
+räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt,
+Iffland, ein Freimaurer.«
+
+»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,«
+erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit
+unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen
+dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das
+entscheidet.«
+
+»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt
+Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«
+
+Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem
+Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer
+Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle
+Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin
+Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein
+lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies
+ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu
+mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen
+Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator,
+aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen
+und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und
+Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus
+einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den
+ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von
+Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.«
+
+»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte.
+Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in
+seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart
+strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.«
+
+»O, gewiß nicht,« lachte Sander.
+
+»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen
+Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu
+machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen
+einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....«
+
+»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.
+
+»Auch nicht Luthers!«
+
+»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....«
+
+»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie
+mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel
+anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der
+Welt ihn halten können.«
+
+»Ich habe Napoleon von einer 'Episode Preußen' sprechen hören,«
+erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an
+ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer 'Episode Luther' beglücken?«
+
+»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies
+Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne,
+die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer
+Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther
+herausstellen. Es heißt auch da wieder: 'Sage mir, mit wem Du umgehst,
+und ich will Dir sagen, wer Du bist.' Ich bekenne, daß ich die Tage
+Preußens gezählt glaube, und 'wenn der Mantel fällt, muß der Herzog
+nach.' Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die
+Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt;
+jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er
+schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so
+müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und
+warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es
+sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder
+unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._«
+
+»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns
+Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden
+gebracht habe.«
+
+»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf
+die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle.
+Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende
+Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter
+ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was
+bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel
+aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles.
+Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet?
+Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich
+Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle
+Moral, die den Satz erfunden hat, 'ich hab' ihn an die Krippe gebunden,
+warum hat er nicht gefressen?'«
+
+»Gut, gut. Aber Luther ....«
+
+»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die
+Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es
+dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat.
+Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und
+Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für
+Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt,
+wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
+und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir
+den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias
+Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht
+ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr
+als ich fassen kann.«
+
+»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn
+uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und
+wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei
+=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber
+Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der
+eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du
+könntest uns das ein' oder andere davon singen.«
+
+»Ich habe sie kaum durchgespielt.«
+
+»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität
+ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches
+poetisches Suchen und Tappen.«
+
+Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach
+seinen Mitteln.«
+
+Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er
+begleitete.
+
+ Die Blüthe, sie schläft so leis und lind
+ Wohl in der Wiege von Schnee;
+ Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind
+ Du blühendes Kind«
+ Und das Kind es weint und verschläft sein Weh
+ Und hernieder steigen aus duftiger Höh
+ Die Schwestern und lieben und blühn
+
+Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr
+Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,«
+antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die
+Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.«
+
+ Und kommt der Mai dann wieder so lind,
+ Dann bricht er die Wiege von Schnee,
+ Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind
+ Du welkendes Kind.«
+ Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh
+ Und steigt hinauf in die leuchtende Höh
+ Wo strahlend die Brüderlein blühn.
+
+Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich
+Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die
+Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.
+
+Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang
+beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war
+durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen
+funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er
+wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür
+hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.«
+
+Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte.
+
+Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb
+dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Bei Sala Tarone.
+
+
+Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der
+Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links
+einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert,
+und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag
+deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach,
+allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und
+Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.
+
+»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch
+einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die
+Kehle zuschnürten.«
+
+»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies
+dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen
+stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da
+schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite
+sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf
+öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als
+Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt
+hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten
+ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer
+in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der
+Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das
+Gefährliche der Passage kenntlich zu machen.
+
+»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander,
+sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn
+in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen
+Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt
+waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und
+Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.«
+
+»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen
+ein militärischer Verlag.«
+
+Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her,
+und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür
+gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht
+nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte
+mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große
+Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller
+»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an
+niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas,
+mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo
+dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen
+überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus
+tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller
+hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand.
+
+Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber
+gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger
+war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die
+Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber
+nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm
+gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste,
+was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind
+Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches
+verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen
+mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die
+Firma.«
+
+Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit
+seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und
+Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.«
+
+Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre
+gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom
+Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit
+halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger
+Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort
+sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die
+letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem
+Anscheine nach, am besten kannte.
+
+»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?«
+
+»Gut. Sehr gut.«
+
+»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der
+Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne
+gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?«
+
+»Zu dienen, Herr Sander.«
+
+»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister
+ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein
+Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt.
+Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht
+Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich.
+Besser ist besser.«
+
+Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien
+die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen
+schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen.
+
+»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie
+Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde
+bleiben. Und nun grüne Gläser.«
+
+Alvensleben lachte. »Grüne?«
+
+»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß
+es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger
+beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte
+gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser
+Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des
+Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und
+dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so
+weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur
+symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren
+Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr
+bedeuteten, als das Mahl selbst.«
+
+»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich
+Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.«
+
+»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.«
+
+»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen
+entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange
+Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein
+Ende ....«
+
+Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs,
+eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der
+längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen
+stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede
+beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen
+kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war.
+Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und
+Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so
+beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis,
+bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten
+hatte.
+
+Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst
+als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf
+all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den
+Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz
+nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck
+schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich
+lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den
+Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe.
+Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt.
+Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.«
+
+»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn
+neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht
+bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am
+Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.«
+
+»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort.
+»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich
+ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie
+sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich
+wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt
+doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang
+in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu
+befragen.«
+
+»Wie das?« fragte Bülow.
+
+»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn
+das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes,
+glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._«
+
+»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«
+
+»Sonst nicht gerade mein Fehler.«
+
+»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber
+Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr
+aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich
+habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so
+ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es
+vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte
+Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie
+=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben
+überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste
+nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn
+=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.«
+
+»Wie das?«
+
+»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter
+gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter
+scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt,
+und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so
+ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung
+gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche,
+von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und
+würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder
+auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter
+vorzustellen.«
+
+»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«
+
+»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu
+behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu
+sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach
+nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie
+Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein
+absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies
+Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch
+macht.«
+
+»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu
+besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie
+hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre
+Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=!
+Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein
+Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen
+Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die
+Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische
+Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der
+preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und
+letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du
+Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment
+Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue
+solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit
+solcher Rodomontaden erkennen wird.«
+
+»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer
+Besten.«
+
+»Um so schlimmer.«
+
+»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht
+blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise.
+Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.«
+
+»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für
+ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife
+Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin=
+unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er
+in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich
+seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht
+liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.«
+
+»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und
+Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius
+zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen,
+besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche
+Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die
+Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und
+Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser
+Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und
+Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der
+Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«
+
+»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die
+ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen
+Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!«
+
+»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät
+getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun
+Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche
+arrangire.«
+
+»In besten Händen,« sagte Nostitz.
+
+Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte
+vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter
+im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits.
+
+»_Hâtez-vous._«
+
+Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und
+auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+In Tempelhof.
+
+
+Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben
+Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
+hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern
+den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter
+einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und
+Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit
+abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten
+Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit
+erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder
+Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben,
+das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein
+besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo
+nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner
+Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die
+Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer
+silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit
+(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem
+Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen
+Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können.
+
+Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und
+gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die
+glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger
+Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne
+Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor
+allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau
+täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei.
+Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen
+wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug,
+es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes
+Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu
+dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha
+hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein
+stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft,
+der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von
+Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer
+einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer
+ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches
+in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit.
+
+Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide
+Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war
+weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte,
+stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich
+dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire
+blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen
+Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu
+sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die
+Charlottenstraße heraufkam.
+
+»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie
+wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer
+mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?«
+
+Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen
+Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in
+Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte,
+trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen.
+Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt.
+
+»An =Dich= Mama.«
+
+»Lies nur,« sagte diese.
+
+»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.«
+
+»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine
+gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege
+gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr
+mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire
+zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre
+Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu
+können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug
+im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß
+und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer
+Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.«
+
+»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«
+
+»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?«
+
+»Nun denn also 'ja'.«
+
+Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt,
+und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele
+vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da,
+so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.«
+
+Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so
+vieldeutig,« sagte sie.
+
+»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.«
+
+»Nein; laß es nur.«
+
+Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom.
+
+Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama
+nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten
+solche Räthselsätze.«
+
+»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und
+nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel,
+auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht
+sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch
+verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen
+Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er
+liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr
+werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im
+französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du
+siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der
+Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich
+mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel
+Licht ist, ist viel Schatten.«
+
+Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst
+es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
+überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich
+liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das=
+laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
+scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine
+kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es
+geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch?
+Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.«
+
+Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
+verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
+allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise
+zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um
+drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch
+eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige,
+sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
+Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die
+»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen
+Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch
+gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel,
+und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
+Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt
+hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so 'ich weiß
+nicht wie' sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
+Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene
+Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf
+dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie
+fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann,
+wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach.
+Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen
+Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
+Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
+französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt
+fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim
+Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig
+ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das
+allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt
+ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.
+
+Das war das Tantchen, das eben eintrat.
+
+Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen,
+herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
+Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu
+lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte
+sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann
+denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
+Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel
+königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der
+»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre
+waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein
+für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte,
+die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten
+Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
+beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin
+Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube
+gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige
+Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von
+Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
+gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach
+einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk
+in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das
+Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von
+Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten
+der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und
+solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß
+ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk
+_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man
+eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie
+er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses
+an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von
+Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem
+unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.
+
+Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier --
+_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben --
+erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der
+Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben,
+beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren
+im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und
+Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die
+nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen
+Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde.
+
+»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«
+
+»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.
+
+»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
+Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.«
+
+In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das
+Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum
+Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte
+sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in
+halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes
+Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden
+Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn
+durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten
+sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den
+Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
+Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
+flatterten und klapperten.
+
+Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der
+zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
+zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und
+her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen
+Dörfer.
+
+Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war,
+ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es
+nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide
+Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie
+durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.
+
+»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht
+unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?«
+
+Victoire schwieg.
+
+»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps
+de Logis.«
+
+Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das=
+nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt,
+von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt
+alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein
+Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt
+werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort
+»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu
+fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in
+ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+Grafen von der Mark errichtet worden sei?«
+
+Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
+zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
+bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er
+so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner
+hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.«
+
+Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark
+verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter«
+geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren
+wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also
+lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende
+grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten
+Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von
+Tempelhof ein.
+
+Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und
+sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur
+Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
+Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich
+auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.«
+
+Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem
+Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen
+besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig
+geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen
+Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei,
+so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße
+verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der
+hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
+auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem
+Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
+zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der
+Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
+Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der
+Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von
+rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die
+Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde.
+
+Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch
+=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und
+jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche
+zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante
+Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete,
+wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert
+hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie
+Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem
+Staketenzaune saß, sah ihnen nach.
+
+»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte.
+
+Schach sah sie fragend an.
+
+»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante
+Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.«
+
+»Wovon?«
+
+»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem
+eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, 'daß Sie
+der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug
+geben würden.' Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist
+die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden
+mich eifersüchtig machen.«
+
+Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen
+richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste.
+Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen
+Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine
+noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu
+können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll
+guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie
+nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind
+mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel,
+espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz=
+darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten
+und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß
+Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie
+über mich üben.«
+
+Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau
+leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie
+den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen
+verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung
+heraus.«
+
+»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
+Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
+hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich
+Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er
+nur in Ihre Gesellschaft?«
+
+»Er ist der Schatten Bülows.«
+
+»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der
+Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn
+noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, 'Sander,
+wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
+herum.' Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein
+Sancho Pansa ....«
+
+»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?«
+
+»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen
+widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist
+eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
+Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von
+Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und
+das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen
+Eigenliebe.«
+
+»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich
+fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.«
+
+»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe
+haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
+und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_.
+Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht
+hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer
+Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft
+unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also
+sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ
+die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum
+Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich
+anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber,
+diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt
+Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich
+hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe,
+wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen
+Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als
+Preußen auf den Schultern seiner Armee.«
+
+Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt
+wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
+gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld
+hin sich abzweigte.
+
+»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol
+auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und
+Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht
+bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die
+Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier
+abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
+zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung
+weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
+noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz
+zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die
+Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts
+aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar
+musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand.
+
+»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«
+
+»Ja, liebe Tante.«
+
+»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als
+kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf
+einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen
+konnte ....«
+
+»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man
+zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.«
+
+»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_.
+Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen
+doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas
+Kienenes.«
+
+»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie
+widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin,
+in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber
+sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen
+Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der
+bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine,
+mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden
+Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß
+weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber
+blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die
+niedergehende Sonne sie blendete.
+
+»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.
+
+»Ja,« sagte das Kind.
+
+»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns
+die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die
+Herrschaften da.«
+
+»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die
+Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und
+Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem
+sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.
+
+Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über
+verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand
+berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben
+der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt.
+Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und
+Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des
+Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter
+die Veilchen.
+
+Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf
+dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch
+und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg
+standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und
+zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend
+zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen
+Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind
+gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
+katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben,
+daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie
+dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
+Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob
+nicht vielleicht alte Grabsteine da wären?
+
+»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein
+abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das
+aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
+war ersichtlich ein Reiteroberst.
+
+»Und wer ist es?« fragte Schach.
+
+»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von
+Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil
+er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.«
+
+Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des
+angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen
+traf.
+
+»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt
+auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß.
+Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.«
+
+All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
+geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus
+den Lebzeiten des Ritters wisse?«
+
+»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.«
+
+Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende
+Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so
+wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte
+Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.«
+
+»Aber was denn, Kind?«
+
+»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß
+die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
+Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte
+Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater
+erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch
+mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
+Schmargendorf donnert.«
+
+»Wohl möglich.«
+
+»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr
+die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
+dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da
+kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen
+wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das
+Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon
+weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
+Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch
+und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie
+nachschlugen, da fanden sie: 'Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
+und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.' Und nun wußten sie, wer die
+Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen
+Pfeiler.«
+
+»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich
+vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt,
+»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.«
+Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
+und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem
+Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.
+
+Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.
+
+»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine
+Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im
+'Nathan,' aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich
+behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen
+haben. Hab ich Recht?«
+
+»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr
+Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen
+wäre.
+
+»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah
+ihn zutraulich und doch verlegen an.
+
+»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder
+vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
+Namen: Achim von Haake.«
+
+»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?«
+
+»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen,
+daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
+vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage
+zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«
+
+»Ich höre so gern von diesem Orden.«
+
+»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten
+heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und
+interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,
+Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber
+groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu
+geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld
+voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal
+aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem
+Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden,
+all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem
+wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn
+tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich
+überwältigt seine Größe.«
+
+Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen,
+einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein
+mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's
+vermocht als Templer zu leben und zu sterben?«
+
+»Ja.«
+
+»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die
+Supra-Weste der Gensdarmes.«
+
+»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir,
+es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.«
+
+»Um es zu halten?«
+
+Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter
+werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem
+Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen
+des '=Schönen=' führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus
+Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer
+selbstisch ist, ist undankbar und treulos.«
+
+Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so
+sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn=
+gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu
+d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und
+doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden
+war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus
+gesprochen worden.
+
+Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach
+hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide
+versäumt hatten, zu warten.
+
+Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte
+=diese= bis an das Gasthaus zurück.
+
+Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den
+Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war
+das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen
+Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.
+
+Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und
+man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl
+geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach
+Nordwesten hin umgesprungen war.
+
+Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu
+fahren.«
+
+Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während
+jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,
+ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück.
+
+Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe
+gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren
+Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.
+
+
+Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._
+
+Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob
+ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die
+mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der
+Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen
+Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig
+vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist.
+Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du
+sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich
+bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten
+wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten
+und Toiletten vergißt.
+
+Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein
+Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert
+Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat
+könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann
+immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und
+davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich
+sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen
+bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien
+und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer
+neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen
+Augenblick versagt geblieben ist.
+
+Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach
+all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester
+Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir
+gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir
+(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß
+gehabt haben.
+
+Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte,
+nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte,
+weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in
+unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie,
+beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht
+nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit
+eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser
+im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend
+oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während
+des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au
+fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten
+Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und
+wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was
+Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied
+der Meinungen.
+
+Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow
+anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser
+Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn
+schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht
+fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn.
+Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern
+lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben
+sollen, von denen man es am wenigsten begreift.
+
+Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon
+zu erzählen.
+
+Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem
+Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war
+arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine
+Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte.
+Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als
+das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort
+und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das
+rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht,
+jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir
+in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben,
+und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und
+führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir
+ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der
+Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir
+wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete
+auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das
+Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute
+versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte
+mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit
+=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner
+Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm
+unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein
+spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er
+ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor
+niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches
+Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht,
+so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte
+mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß
+ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit
+unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß
+Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir
+scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet
+Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein
+anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret,
+imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir
+=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so
+würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm
+hinein zu finden.
+
+Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich
+meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die
+beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich
+empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm
+dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei
+fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt,
+ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern
+hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho
+Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst,
+und ich find es nicht übel.
+
+Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit
+unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur.
+Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen,
+die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes
+ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist
+aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf.
+Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und
+wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und
+Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den
+Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen
+Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen
+beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen,
+und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen,
+schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette.
+Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren
+Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama
+grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,
+vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz=
+Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte
+=Victoire=.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Bei Prinz Louis.
+
+
+An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette
+von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße
+gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.
+
+Es lautete:
+
+»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und
+dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der
+Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach
+ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer
+Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter
+Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem
+Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.«
+
+Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und
+Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die
+Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens.
+Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit
+Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf
+einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und
+Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich
+entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als
+genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt
+zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von
+dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren
+(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu
+diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein
+Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales
+befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der
+Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch,
+auf die Bäume des Thiergartens.
+
+»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich
+arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als
+Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. '_A la guerre, comme à la
+guerre._' Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt,
+respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde.
+Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr
+guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«
+
+»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.«
+
+»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur
+von jenem '_laisser passer_,' das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller
+gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie
+Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß
+Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.«
+
+»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die
+Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen
+aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas
+Kluges?«
+
+»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig
+ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige
+thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er
+will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. '_Ah, ces Prussiens_' hieß
+es, '_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_'. Da haben
+Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von
+einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so
+müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns
+Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein
+Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der
+Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.«
+
+»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers
+ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und
+versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten
+lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den
+uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und
+mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben
+freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit
+überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von
+jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.«
+
+»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm
+außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er
+eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater
+war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben
+diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch
+noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei:
+'_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_' oder '_l'hirondelle =rase=
+la surface des eaux_?' Und was antwortet er? 'Ich sehe keinen
+Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater
+und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.' In diesem Bonmot haben Sie
+den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen
+offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen
+kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.«
+
+»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum
+Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit
+den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut,
+denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen
+das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften?
+Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs
+des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem
+Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In
+sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es;
+aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen
+können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und
+wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt.
+Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. 'Er blies, und die Armada
+zerstob in alle vier Winde.' _Afflavit Deus et dissipati sunt._«
+
+»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung
+verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über
+die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der
+die Armada zerblies.«
+
+»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes
+im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner
+Armee steht?«
+
+»Ich hoffe, ja.«
+
+»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die 'propreste Armee', das ist
+alles. Aber mit der 'Propretät' gewinnt man keine Schlachten. Erinnern
+sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald
+ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? 'Propre
+Leute' hieß es. 'Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber
+beißen='. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter
+und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
+Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit
+und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.
+Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche
+Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen
+Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die
+erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den
+Beinen gewonnen worden.«
+
+»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur,
+lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für
+allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in
+der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er
+selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille
+sagte. 'Soldaten' hieß es, 'der Feind wird marschiren und unsre Flanke
+zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige
+preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn
+schlagen und vernichten.' Und genau so verlief die Schlacht. Es ist
+unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch
+schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.«
+
+Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles
+peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und
+sagte: »Widerlegen Sie mich.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte
+genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage
+'was thut hier die =Mittelmäßigkeit=' in vorausberechnender Weise nicht
+blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie
+zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste
+Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und
+unverfälschten Stupidität. Aber jene 'Mittelklugen', die gerade klug
+genug sind, um von der Lust 'es auch einmal mit etwas Geistreichem zu
+probiren', angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am
+leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode
+mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte
+der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in
+dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in
+jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«
+
+»Ein Beispiel.«
+
+»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich
+ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel
+gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie
+fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem
+Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere
+der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?' Und er befahl mit
+Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis
+barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die
+morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das
+Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster
+Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er
+plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit
+in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: 'In meinem
+Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt
+'Genie' -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+'Kobold und Teufelsküster' nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies
+Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe:
+Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund
+seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich
+selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf
+ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.«
+
+»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das
+seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die
+Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden
+war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein
+Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und
+eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der
+Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in
+enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.«
+
+Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des
+unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen
+allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen
+unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum
+»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine
+kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach,
+als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
+ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens
+sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und
+dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die
+jetzt sicherlich mitsprechen. 'Man soll seinem Feinde goldene Brücken
+bauen', sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein
+Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt
+schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt
+man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die
+Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen
+Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
+erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus
+dem Rechnungssatze: 'wenn der unterlegene russische Muth einen vollen
+Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei='.«
+
+Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz
+trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm
+zuvor und bemerkte: »Gegen 'unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde'
+bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese
+Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht
+haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können.
+Er ist der 'gute Kaiser' und damit Basta.«
+
+»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und
+doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?«
+
+»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner
+Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
+ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das
+überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der,
+trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen
+wird, behauptet geradezu, 'daß in unserm Zeitalter die besten Menschen
+die schlechteste Reputation haben müßten'. Der gute Kaiser! Ich bitte
+Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn
+den 'guten Friedrich' genannt hätte.«
+
+»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das
+ist mir aus der Seele gesprochen.«
+
+Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow
+in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des 'guten' führen, sind
+solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis
+an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen
+war auch ein sogenannter 'guter'. In der Regel haben solche
+Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht
+es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit
+oder ohne Schlange.«
+
+»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch
+Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.«
+
+»Wenigstens annähernd.«
+
+»Da wär ich doch neugierig.«
+
+»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers
+in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun,
+anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines
+Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in
+die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine
+halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah
+unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus
+der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht
+gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben
+so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich
+fünftens '_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_'. Wobei wohl
+jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste '_vrai
+sentiment_' kennen zu lernen.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein neuer Gast.
+
+
+All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der
+denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté
+céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor
+her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm
+wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren
+erscheinen und gleich danach eintreten sah.
+
+»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard
+que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
+Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen
+zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine
+Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
+Montefiascone, Tokayer.«
+
+»Irgend einen Ungar.«
+
+»Herben?«
+
+Dussek lächelte.
+
+»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter
+guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben,
+die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch
+=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage 'was Neues'
+selten eine Antwort schuldig.«
+
+»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der,
+nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.
+
+»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?«
+
+»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, 'die
+ganze Stadt', so mein ich das Theater.«
+
+»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun
+weiter.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und
+Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem
+Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das=
+also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche
+Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen '_belles lettres et
+beaux arts_.' Eine 'Huldigung der Künste' lasse man sich gefallen, aber
+eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.«
+
+»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber
+da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der
+Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist,
+Thatsachen. Um was handelt es sich?«
+
+»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war,
+=nicht= erhalten.«
+
+Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._«
+
+Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der
+Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen,
+Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
+wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum
+überhaupt.«
+
+Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht,
+lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?«
+
+»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche
+Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir
+freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden
+mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an,
+und die 'Weihe der Kraft', für deren Aufführung der Hof sich
+interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit
+geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es
+energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch=
+gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine
+Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an
+dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von
+der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber
+im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'«
+
+»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?«
+
+»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören.
+Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
+Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger
+Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild
+sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein
+oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache
+vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an
+diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen.
+Neue Zeit und alte Vorurtheile.«
+
+»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß
+Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das
+das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und
+stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen
+neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
+eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit
+schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das
+Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen
+alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer
+Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden
+ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung
+einer wahren Epidemie ....«
+
+»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs
+Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig
+an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten
+nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung
+von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
+immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24
+Klassen wie das Linnésche System.«
+
+Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es
+müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie
+beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form
+der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt
+kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle
+Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der,
+wie wenige, von dem 'Alles ist eitel' unsres Thuns und Trachtens
+durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,
+während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins
+Schubfach und schrie: 'Da liege, bis du =schwarz= wirst.' Eine
+Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«
+
+»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen
+gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: 'ich gäbe
+den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,' gefällt mir
+noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
+Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu
+wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral
+Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter
+aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof
+von Acre mit den Worten überreicht hatte: 'Wir empfingen dieses
+Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es,
+nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der,
+heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.' Und ein Elender und
+Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu
+freuen versteht.«
+
+»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,«
+erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie,
+lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel
+nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.«
+
+Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick
+einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der
+Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf,
+und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den
+Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise,
+deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
+worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt,
+flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben
+ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in
+das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung
+angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man
+Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
+nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des
+Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel
+zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die
+jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die
+Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.
+
+Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber
+sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
+stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit
+Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten
+Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe.
+Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau
+von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach
+begleitet.«
+
+»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt
+öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von
+beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt
+sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich,
+mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
+schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
+Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung
+erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage,
+'voll erblühter', so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und
+zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als
+auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf
+Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und
+dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein
+Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber
+gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß
+Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten
+Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein
+Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber
+Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts
+für ungut; er ist Ihr Freund.«
+
+»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick
+bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
+dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus
+einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
+Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer
+Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die
+Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt
+alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«
+
+»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz,
+»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.
+_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen,
+die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn
+mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine
+Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir
+das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von
+jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie
+zerbrechen nie. '_Comme un ange_', sagte der alte Graf Neale, der neben
+mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
+als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die
+Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.«
+
+»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder
+erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
+angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
+Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur
+Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen
+Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage
+wiederherzustellen scheint.«
+
+»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander.
+
+Alles lachte.
+
+»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone,
+während er sich ironisch gegen Sander verbeugte.
+
+Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft
+Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken
+wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der
+allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern,
+die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter
+unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich
+persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will
+also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_
+schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«
+
+»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der
+_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein
+hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein
+Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber
+als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch,
+Alvensleben?«
+
+Alvensleben bestätigte.
+
+Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen
+liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
+lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich
+wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten
+Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr
+gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig
+rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit
+erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese
+hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage
+weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind
+auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage
+den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.«
+
+Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole 'was ist Schönheit?'
+Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen
+verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug
+bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen
+und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei
+Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die
+häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet,
+=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
+liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die
+Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine
+schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und
+nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel
+tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die
+lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie
+kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und
+nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté
+du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
+Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit
+höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon
+als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten
+Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar
+Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon
+bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
+unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine
+Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her
+gebührt. Das paradoxe '_le laid c'est le beau_' hat seine vollkommne
+Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem
+anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre
+meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir
+zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale
+captivirt zu sein.«
+
+Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen
+Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
+Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber
+Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen,
+und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
+wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die
+Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
+Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von
+Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie
+Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«
+
+Beide verneigten sich.
+
+»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es
+persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen
+einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten
+geistigen Austausches entgegen.«
+
+Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden,
+würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem
+Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies
+mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben
+Lichte stehenden Horizont.
+
+Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen
+flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
+standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die
+Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.
+
+Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war
+der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah,
+vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen
+schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend
+was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die
+Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und
+verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und
+die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das
+Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit.
+Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und
+reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.
+
+»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der
+Sinumbralampe.«
+
+»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.
+
+»Und warum?«
+
+»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und '_sine umbra_'.«
+
+Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum
+Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in
+Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind
+weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
+Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen
+scheinen.«
+
+Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung,
+und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war.
+Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er
+seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
+wolle.
+
+Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen,
+deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Schach und Victoire.
+
+
+Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde,
+der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um
+auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht
+davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die
+gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit
+heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte,
+daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit
+beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten
+wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,
+immer noch die friedericianische war.
+
+In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,
+entgegen.
+
+Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der
+Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom
+Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten
+sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren
+Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die
+Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den
+heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war.
+Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke,
+früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und
+zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein
+stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während
+von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde
+flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld
+beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten
+englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.
+
+Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange
+vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten
+Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre
+Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,
+Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker
+werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und
+klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings
+wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel
+begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem
+mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die
+Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße
+Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke
+sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen
+Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten
+Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die
+Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.«
+
+ * * * * *
+
+Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb
+in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr,
+ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr
+als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von
+wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau,
+Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer
+Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen
+mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu
+lärmenden Demonstrationen geeignet war.
+
+Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen
+Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den
+sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke
+nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich,
+als sie von der Revue wieder zurückgekommen war.
+
+Es war ein Brief von Lisette.
+
+Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie
+schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt
+wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß,
+mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben
+schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du
+Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber
+lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen,
+ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama
+nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch
+andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne
+Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht
+kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire,
+hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen
+wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich
+ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die
+durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen
+Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall
+überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder
+Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen
+lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, 'ja, das Ritterliche',
+fügst Du hinzu, 'sei so recht eigentlich seine Natur', und im selben
+Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer
+Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein
+würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von
+Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei
+gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der
+Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir
+leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist
+gleichgiltig.«
+
+Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich
+leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie
+großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.«
+
+Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.
+
+In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein
+zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten
+es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine
+Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den
+Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu
+thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.
+
+»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«
+
+»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein
+prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch
+ziemlich scharf ....«
+
+»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade
+heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese
+Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich
+zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich
+Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was
+Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus
+Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«
+
+»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange,
+nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer
+Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn
+Alvensleben schon gesprochen haben sollte.«
+
+»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama
+für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«
+
+»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an
+Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim
+Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom
+Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen,
+was vielleicht eine That war.«
+
+»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«
+
+»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens
+in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.«
+
+»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das
+Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer
+Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«
+
+»Ich wüßte keine liebere Strafe.«
+
+»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....«
+
+»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie
+Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine
+Einladung überbringen.«
+
+»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen
+werden.«
+
+»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire,
+dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger
+Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte
+darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder,
+wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem
+Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler
+Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend
+zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein
+Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos,
+sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste
+ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ....«
+
+»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als
+sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu
+kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber
+Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir
+uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern
+aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels
+hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die
+Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft,
+ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist
+ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«
+
+»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«
+
+»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:
+'wem genommen wird, dem wird auch gegeben'. In meinem Falle liegt der
+Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu
+haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten
+vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und
+Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man
+mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine
+Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«
+
+Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über
+sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder
+Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein
+aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer
+trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten
+Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte:
+»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band
+Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem
+Dichter.«
+
+»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr=
+interessirt.«
+
+»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?«
+
+»Mirabeau.«
+
+»Und warum =mehr=?«
+
+»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer
+unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein
+spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. 'Ah, das
+schöne Kind,' hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin,
+hin wie .... wie ....«
+
+»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.«
+
+»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und
+Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire
+=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt
+schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es
+Wunderhold.«
+
+Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit
+klang vor.
+
+»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen
+nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, --
+=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von
+Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist
+das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn
+durchleuchtet und verklärt.«
+
+Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost
+schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre
+Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.
+
+»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst,
+und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben
+sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie,
+fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und
+Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
+demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für
+allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja
+Wunderhold!«
+
+Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es
+sich in Trotz zu waffnen suchte.
+
+Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.
+
+ * * * * *
+
+Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire,
+die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans
+Fenster und sah auf die Straße.
+
+»Was erregt Dich?«
+
+»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«
+
+»Du hörst zu fein.«
+
+Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen
+der Frau von Carayon vor.
+
+»Verlassen Sie mich .... Bitte.«
+
+»Bis auf morgen.«
+
+Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von
+Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer
+und Korridor.
+
+Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs
+her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das
+Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die
+Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften,
+und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete.
+
+Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama.
+
+»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!«
+
+Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es
+in ihm. »Das alte Lied.«
+
+Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen
+Victoire.
+
+Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und
+geräuschlos die Treppe hinunter.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Schach zieht sich zurück.
+
+
+»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.
+Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's
+zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens
+Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.
+»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen
+hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen.
+Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich
+den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und
+entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn
+fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine
+Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit
+Blut.
+
+Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher
+in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem
+Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr
+gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und
+Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die
+Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und
+übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von
+widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich
+glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.
+
+Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben
+werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die
+Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form,
+denn er wußte, daß es so sein werde.
+
+Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber
+und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er
+kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von
+Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen,
+den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte,
+war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen
+wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem
+Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück.
+
+Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,
+Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er
+hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen
+Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit
+eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der
+Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu
+haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er
+sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer
+Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber
+nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch
+dem Stücke zu.
+
+»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.
+
+»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden
+spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine
+Strapaze.«
+
+»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein
+Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit
+erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das
+Stück.«
+
+»Es hat mich =nicht= befriedigt.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei
+Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin
+zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede
+Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist
+Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah
+kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde
+beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit
+Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in
+Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der
+Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein
+allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von
+Anfang bis Ende.«
+
+»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?«
+
+»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für
+Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine
+war.«
+
+Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und
+über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich
+überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem
+angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von
+Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen
+Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß
+Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder
+am Klavier begleiten durfte.
+
+All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang,
+so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß
+es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm
+unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er
+ging.
+
+Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von
+dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und
+so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie
+mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war,
+blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.
+
+»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?«
+
+»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer
+gereinigten Kürche.«
+
+»Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.«
+
+Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte,
+dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also
+z. B. in der Lehre vom Abendmahl.«
+
+»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne
+Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre
+_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=,
+mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.«
+
+»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von
+Carayon.
+
+»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort,
+»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die
+Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens
+viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber
+nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht
+so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel
+weiß ich auch.«
+
+Frau von Carayon lachte herzlich.
+
+»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich
+ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und
+den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll
+auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es
+habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+»Es muß etwas geschehn.«
+
+
+Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht
+auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war,
+war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause
+Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des
+Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich
+mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten
+abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß
+Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.
+
+Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher
+sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte
+sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz
+spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.
+Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den
+gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie
+träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger
+unglücklich.
+
+Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage
+beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon
+ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider=
+einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin
+an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von
+Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte
+spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und
+Uebermuth.
+
+Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des
+Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu
+besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter
+den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte,
+kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
+und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von
+seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische
+Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein
+ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas
+geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der
+»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von
+vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch
+auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine
+=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger
+Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.
+
+Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,
+waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:
+Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler,
+Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und
+nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines,
+häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft
+mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die
+Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen
+Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach
+fehlte.
+
+»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.
+
+»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der
+kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.«
+
+»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch
+Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.
+Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang.
+
+»Rede halten: Assemblée nationale ....«
+
+Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem
+ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.
+
+»_Silentium, Silentium._«
+
+»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem
+Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht
+nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton=
+gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas
+geschehn!=«
+
+»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«
+
+»Und neu geweiht durch die 'Weihe der Kraft', haben wir, dem alten
+Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu
+bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen.
+Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,
+der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen
+und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem
+Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge
+der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde
+sich.«
+
+Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.
+
+»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.«
+
+Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.«
+
+Alle sahen einander an, Einige lachten.
+
+»Im Juli?«
+
+»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und
+über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste
+Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges
+bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte,
+während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel
+oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem
+Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.«
+
+Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich
+durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und
+beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten
+Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also
+Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+»Ja, ja.«
+
+»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?«
+
+»Schach.«
+
+»Er wird ablehnen.«
+
+»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als
+einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie
+kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich
+eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und
+sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen.
+Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen
+Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu
+sein.«
+
+Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter
+eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.
+
+»Ah, _lupus in fabula_.«
+
+»Von Schach?«
+
+»Ja!«
+
+»Lesen, lesen!«
+
+Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz,
+bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden
+Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig,
+auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und
+war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt
+worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und
+diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein
+Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und
+so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder
+wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für
+einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in
+eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch
+nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber
+durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und
+jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin
+nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr
+Schach.«
+
+»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche
+Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten
+ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er
+will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in
+diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich
+bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum
+Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts
+übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.«
+
+Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das
+Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht
+mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus
+_Lutheri_ im Leibe.«
+
+Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er
+das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz
+wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich,
+zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut
+oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen
+wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll,
+ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in
+falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz
+aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche
+lassen oder es fällt alles in den Brunnen.«
+
+Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine
+kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb
+von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich
+für die Lutherrolle zu melden.
+
+Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn
+Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg
+den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe,
+die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial
+eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
+fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf
+seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine
+Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem
+noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt,
+alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß
+Nostitz die Sitzung.
+
+In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's
+regnet?«
+
+»Es darf nicht regnen.«
+
+»Und was wird aus dem Salz?«
+
+»_C'est pour les domestiques._«
+
+»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Die Schlittenfahrt.
+
+
+Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen.
+Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der
+Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem
+jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern
+Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit
+hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst
+die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach
+noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und
+so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und
+Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein.
+
+In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen
+Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
+prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter
+vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem
+Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu,
+jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die
+Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das
+ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile.
+
+Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das
+Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage
+fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand,
+erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des
+Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im
+Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit
+Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande
+war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend
+und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß
+Victoire sie fand.
+
+»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«
+
+Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade
+zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu
+bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon
+hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr
+im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und
+was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze,
+johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf
+Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als
+Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und
+auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt
+erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte
+sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es?
+Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war
+doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er
+gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne
+Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel.
+Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das
+Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang
+von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und
+=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und
+gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von
+allem, an Liebe geglaubt hatte!
+
+»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und
+wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen
+konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der
+Schwelle des Balkons nieder.
+
+Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das
+Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen
+wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und
+als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen
+wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie
+der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken.
+»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals
+hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser
+Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns
+zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch ....
+O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«
+
+Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.
+Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an
+dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische
+Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht
+wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an
+der Decke zeigte.
+
+Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In
+Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und
+einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.
+
+»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr.
+Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist
+denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich
+weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es
+ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen
+schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre
+Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.«
+
+Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von
+Thränen entquoll ihrem Auge.
+
+»Beste Mutter!«
+
+Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Schach bei Frau von Carayon.
+
+
+Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und
+sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen
+ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen,
+Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art
+aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und
+einer untadligen Gesinnung.«
+
+In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der
+alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.«
+
+Frau von Carayon nickte zustimmend.
+
+»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire.
+
+»Weil Du's geträumt?«
+
+»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit
+weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er
+erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine
+Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer
+intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung
+des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt.
+Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie
+sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.«
+
+Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut,
+viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die
+Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer
+wartete.
+
+Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand
+zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen
+verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf
+einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein
+Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.
+
+»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in
+Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen
+gefunden hat oder nicht.«
+
+»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend,
+und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«
+
+»Ein Gefühl, das ich theile.«
+
+»So waren Sie nicht mit von der Partie?«
+
+»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu
+müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure
+Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und
+seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch
+heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut
+mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?«
+
+»Zu Bett.«
+
+»Ich hoffe nichts Ernstliches.«
+
+»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem
+sie gestern Abend befallen wurde.«
+
+»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem
+Herzen.«
+
+»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem
+Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die
+Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß
+an, ein Geheimniß, das Sie kennen.«
+
+Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.
+
+»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine
+Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:
+»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen
+oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten
+verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in
+der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen
+Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern
+verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?«
+
+Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre
+Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu:
+»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch
+von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten,
+daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das
+Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens.
+Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie
+mich, wenn Sie können.«
+
+Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung
+zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte.
+
+»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil
+preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung
+oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine=
+(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder
+heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt
+der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.«
+
+Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu.
+»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen
+habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu
+verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für
+eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben=
+Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will
+sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück
+ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in
+einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie
+lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so
+bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu
+willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich
+erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen,
+und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten
+Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu
+bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen
+oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um
+Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des
+Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen
+zu sagen hatte.«
+
+Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu
+sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben
+seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich
+nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher
+bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon
+jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den
+Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen
+langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine
+gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er
+sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen
+Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter,
+das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen
+Glücks.«
+
+All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich
+auch mit einer bemerkenswerthen Kühle.
+
+Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen,
+sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war
+weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg,
+erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr
+von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine
+Person richtete. Daß Ihr 'ja' rückhaltloser und ungesuchter hätte
+klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,
+mir genügt das 'Ja'. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer
+Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in
+gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
+Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein
+wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante
+Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in
+Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen
+=mußte=.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden
+wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die
+Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.«
+
+Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach
+in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen
+gesprochen worden wäre.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+»_Le choix du Schach._«
+
+
+In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging
+alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden
+konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags
+an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth
+schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst,
+Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen
+einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem
+er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen
+gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied
+absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und
+Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß
+einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein,
+und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese
+letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten,
+ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die
+verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie
+genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«
+
+Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm
+unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte.
+Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich,
+lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts
+Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach,
+aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder
+hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer
+bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück
+ihrer Tochter sei.
+
+Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war
+ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in
+seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem
+zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem
+Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck
+gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue
+gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren
+bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit
+mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken
+beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in
+seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des
+Prinzen, ich schwärme nicht für 'Läuterungsprozesse', hinsichtlich deren
+nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und
+wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so
+bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und
+Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten
+'Land-Ehe', die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem
+wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich
+quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe
+Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue.
+Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern=
+Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit
+demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt,
+vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich
+erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er
+mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: 'wie mir's
+gehe?' Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: 'O Gott, was doch drei
+Jahr aus einem Menschen machen können.' Drei Jahr .... Und vielleicht
+werden es dreißig.«
+
+Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer
+Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des
+Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ
+ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, 'der Moment entscheidet.' Ich
+entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde?
+=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf.
+Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich
+will sie tragen.«
+
+Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.
+
+Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem
+Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten
+Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß
+auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau
+von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach
+zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach
+drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das
+junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines
+Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire
+nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren
+Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und
+freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht
+gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und
+konnte jeden Augenblick bezogen werden.
+
+Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die
+vorausgegangen war.
+
+Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit
+seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte
+daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und
+kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der
+geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil
+ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er
+dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die
+Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und
+espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten
+und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und
+vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch
+leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am
+Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse,
+die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath
+bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des
+Lächerlichen =nicht= gescheitert.
+
+Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.
+
+Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht
+um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen
+Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für
+ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem
+Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam
+es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß
+es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und
+nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit
+der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort,
+ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und
+empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff
+und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein
+erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der
+persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an
+der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des
+Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm
+Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der
+persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in
+allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend
+anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe,
+wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit
+aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger
+als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der
+Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur
+zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst
+ein Genüge zu thun.
+
+Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es
+war ihm, als würd er vom Schlage getroffen.
+
+Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder
+vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht
+abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe
+wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache.
+
+Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine
+gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die
+Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um
+hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden
+aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte
+nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene.
+Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des
+einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,
+als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich
+großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen
+stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen
+»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge
+herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem
+Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig
+normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben.
+
+Also eine Verschwörung.
+
+Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und
+kehrte in seine Wohnung zurück.
+
+Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben
+erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen
+Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen,
+schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge
+nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen.
+Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach
+von Persien' einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber
+der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu
+werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an
+ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr
+B.«
+
+Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte,
+setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem
+Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier,
+fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich
+mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand
+zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren
+drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir
+erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles
+gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine
+Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz
+R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und
+stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird
+mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen
+sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es
+nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig
+hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen
+beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde
+schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich
+Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen
+Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das
+Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht
+verfehlen, und nur auf das 'wie' haben wir zu warten. _Tout à vous. S._«
+
+In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow
+ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.
+Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die
+beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem
+Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die
+Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden,
+trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß
+es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter
+zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen,
+ohne dabei das Richtige zu treffen.
+
+Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel
+blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische
+=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von
+ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale
+nimmt.
+
+Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von
+Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein
+Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel
+und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß
+Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der
+persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und
+eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.«
+
+Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht.
+Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm
+auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde.
+
+So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,
+seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin
+verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er
+all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+In Wuthenow am See.
+
+
+Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen
+entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See
+nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den
+Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute
+Brüllen einer Kuh.
+
+Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg
+ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte.
+Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren
+Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein
+alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage
+durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene
+Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige,
+nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen
+allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter
+dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach
+hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
+Schönheit des Bildes.
+
+Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem
+flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem
+danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben
+Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus
+seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der
+Holzwandung umherschrammte.
+
+»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,
+begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf
+die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.
+
+Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach
+stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen
+der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es
+lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb
+verschlafene Stimme: »Wat is?«
+
+»Ich, Krist.«
+
+»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«
+
+»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.«
+
+Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während
+er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«
+
+Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,
+während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en
+beten.«
+
+Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und
+hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig,
+ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar
+Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel
+zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes
+Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor
+manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den
+durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen
+jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste
+Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht
+hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.
+
+»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns
+Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers
+ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn'
+koam' künn'n. 'Jei, jei, Mutter,' seggt ick, 'dat bedüt' wat.' Awers as
+de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? 'Wat sall et bedüden?' seggt se,
+'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'«
+
+»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während
+der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins
+Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.«
+
+Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen
+mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte
+verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige
+Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und
+Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon
+führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin
+von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient
+hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als
+Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet
+hatte, trat man ein.
+
+Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem
+Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den
+Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit
+nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter
+nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die
+seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der
+verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die
+Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von
+jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den
+alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den
+Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der
+Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür
+zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der
+Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und
+Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz.
+In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine
+stickige Schwüle.
+
+»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die
+da.«
+
+»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?«
+
+»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«
+
+»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih!
+Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi.
+'Jott, jnädge Herr,' seggt ick denn ümmer, 'ick gloob de Huut geit em
+runner'. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte:
+'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'«
+
+Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff
+er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,
+der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das
+sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten
+herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das
+Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von
+guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als
+er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er
+gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen
+Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten
+Gruft der Familie standen.
+
+Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.
+»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält
+er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es
+brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun
+gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht
+wegtragen.«
+
+»Ih, se wihren doch nich ....«
+
+Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor
+hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von
+außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und
+bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn.
+
+Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz,
+empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und
+kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein
+unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts
+helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück.
+Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die
+mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten,
+hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur
+über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen
+Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich
+überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,
+die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben
+stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.
+
+Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um
+die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
+Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu
+verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An
+Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster
+und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.
+
+Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene
+Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in
+meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei
+Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen.
+Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,
+trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners
+zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war,
+war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger
+Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines
+wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch
+erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer
+volleren Zügen einsog.
+
+Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er
+einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen
+hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit
+guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht
+schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine
+Viertelstunde vergangen.
+
+Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge
+zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an
+den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die
+Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt
+ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum
+in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu
+Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren
+standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale
+vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern
+oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute
+sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die
+dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen
+ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf
+und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei
+schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein,
+es war erst zwei.
+
+Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter
+fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des
+Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
+sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und
+Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur
+ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
+stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal,
+vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß
+ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er
+murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!
+
+Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse
+herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf
+diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine
+höchste Wonne gewesen.
+
+»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu,
+der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends
+schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg,
+an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang
+benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen
+Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache
+Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem
+Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die
+Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu
+zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so
+seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
+würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder
+einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und
+Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des
+Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war
+er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und
+die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst
+spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt
+ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
+Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln
+begann.
+
+Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er
+schlief ein.
+
+Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die
+Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er
+nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft
+ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle
+zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete.
+
+Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
+Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im
+Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die
+Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach
+vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl,
+denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei
+minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit
+und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht.
+Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so
+sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in
+einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen
+Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte
+deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen
+Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je
+comprends._«
+
+Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
+vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
+bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder
+gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich
+neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam.
+Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
+fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse
+hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
+Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
+Grünfutter zu bringen.
+
+»Tag, Mutter Kreepschen.«
+
+Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
+jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall
+gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören
+sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu
+sehn.
+
+»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?«
+
+»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«
+
+»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«
+
+»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
+Und der eine Fensterflügel war auf.«
+
+»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch
+jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet
+nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un
+nich en Oog to.«
+
+»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
+ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
+mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«
+
+»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst.
+Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
+man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie
+schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
+hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch.
+Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
+denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de
+Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
+Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl.
+Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in.
+Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un
+ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.«
+
+Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
+darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher
+Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum
+herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die
+Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte
+den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
+freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei
+kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs
+darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_«
+unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei
+dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran,
+während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand.
+Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in
+dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und
+seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer,
+und der Wagen hatte stille Tage.
+
+Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
+wurde »daß drüben alles klar sei.«
+
+Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager
+so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und
+ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und
+Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller
+Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später
+erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen
+Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner
+Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf.
+
+»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.«
+
+»Justement sieben, junge Herr.«
+
+»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.«
+
+»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et
+anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um
+twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den
+dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um
+achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
+Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und
+dat's ümmer um seb'n.«
+
+»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«
+
+»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll
+Bienengräber.«
+
+»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.«
+
+»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un
+nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.«
+
+»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
+immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen
+und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat,
+mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen,
+dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich
+nicht aufpaßte.«
+
+»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.«
+
+Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und
+versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.
+
+Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln
+schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über
+seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür
+zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die
+Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes
+fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen
+Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit
+Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt.
+
+Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es
+läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter,
+um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte
+Bienengräber zu sagen habe.«
+
+Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
+heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war,
+wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für
+manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem
+Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles
+sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort
+wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so
+doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in
+diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese
+Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
+nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«
+
+Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines
+Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf.
+
+Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und
+=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.
+
+Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
+Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
+umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle
+trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war
+der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier
+war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment
+Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine
+Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
+zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die
+Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter.
+
+Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in
+die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die
+Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären
+es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
+Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied
+macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und
+dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die
+Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig
+und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und
+dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber
+vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt
+in einem fort: 'Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.' Und meine
+Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und
+endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der 'ersten Station,' an
+der ersten Station, die die 'stroherne Hochzeit' heißt. Ein sonderbares
+Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
+malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht
+fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und
+zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine
+Konferenz mit dem Maler und sag ihm: 'Ich rechne darauf, daß Sie den
+=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.' Oder soll ich
+ihm geradezu sagen: 'machen Sie's gnädig'.... Nein, nein!«
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Die Schachs und die Carayons.
+
+
+Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
+von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien
+Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im
+Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja
+Karrikatüren erschienen sein?«
+
+Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
+zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire
+fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren,
+liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den
+Gesprächsgegenstand fallen.
+
+Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott-
+und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
+brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso
+gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von
+Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten
+konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
+ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde
+sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
+ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne
+jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
+sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick
+an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen
+»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und
+unschmeichelhaftesten Ausdrücken.
+
+Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend
+noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich
+Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
+peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und
+empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.
+
+»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich
+freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von
+Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft
+blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr
+Bild ein für allemal verdorben.«
+
+»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
+ablehnen sollte.«
+
+»Und weshalb?«
+
+»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte.
+Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen
+zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als
+seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich
+wieder zurief: 'Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als
+Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen'.«
+
+»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«
+
+»Aber nicht besser.«
+
+»Wer weiß.«
+
+»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon
+einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon
+hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«
+
+»Seine Wuthenower Tage?«
+
+»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
+davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in
+sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich
+behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
+
+»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie
+wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
+Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
+Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der
+Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste
+wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
+zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn
+gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu
+wollen.
+
+Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
+nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten,
+in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu
+machen. Denn eine Flucht war es.
+
+Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
+oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
+
+»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird
+eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du
+wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr
+nachgegeben hast, als recht und billig war.«
+
+Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
+
+»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist
+eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends
+überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er
+will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
+oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten
+verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel
+besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz
+Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
+
+»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs
+sind doch =wirklich= eine alte Familie.«
+
+»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen
+Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier
+überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An
+mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter,
+der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du
+Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch
+Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
+
+»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich
+doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße
+Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater
+ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem
+er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt
+hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in
+die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte
+nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche
+gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die
+Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig
+bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
+devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese=
+Leute kennen!«
+
+»Aber, Mama ....«
+
+»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel
+und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch
+im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder
+ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre
+Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der
+Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern
+fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und
+uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres
+Königs gestimmt hatten.«
+
+Immer verwunderter folgte Victoire.
+
+»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von
+Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich
+weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen
+derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von
+alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an
+den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine
+lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
+die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und
+eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an
+ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie
+hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte,
+dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und
+endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause
+versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die
+schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen
+Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
+haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn?
+=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder
+will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit
+beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow
+ist eine Lehmkathe.«
+
+»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
+Seite hin. Und da =find= ich es auch.«
+
+Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie
+leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine
+Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte
+Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.«
+
+Victoire lächelte.
+
+»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,
+beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so
+verarmt. Und auch er ....«
+
+Sie stockte.
+
+»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in
+welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
+Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin,
+davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen
+Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu
+verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain
+er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er
+hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir=
+müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede
+stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so
+gewiß er =uns= demüthigen wollte.«
+
+Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer
+zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.
+
+»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für
+einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine
+Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre
+Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner
+Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in
+Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für
+morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese
+Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh
+nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige
+Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu
+geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht
+sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse,
+die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis
+auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der
+Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.
+
+Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Frau von Carayon und der alte Köckritz.
+
+
+Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die
+geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte
+dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.
+
+Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam
+hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt.
+Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront
+vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht
+stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich
+herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege,
+sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem
+Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig
+Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem
+elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen
+Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des
+Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch
+=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben
+war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen.
+
+Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler«
+ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier
+mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn
+in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder
+verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags
+darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben
+habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher
+Zurückgezogenheit zu verleben gedenke.
+
+Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen
+Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit
+Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als
+Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann
+versagen die Nerven.
+
+Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser
+Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau
+von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war
+für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später
+Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So
+denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich
+wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden
+in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und
+Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen,
+die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis
+sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges
+Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden
+Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in
+den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener
+erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und
+um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem
+Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner
+halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig
+herausgestellt hatte.
+
+»Wohin befehlen, gnädige Frau?«
+
+»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie
+möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.«
+
+»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt
+hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder
+vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige
+Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab
+dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre,
+zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren.
+
+In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische
+Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man
+nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen
+einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und
+niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke
+der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von
+Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem
+Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg
+abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem
+aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich
+geschmückten Hause hielt.
+
+»Wem gehört es?«
+
+»Dem König.«
+
+»Und wie heißt es?«
+
+»Das Marmor-Palais.«
+
+»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....«
+
+»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine
+Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und
+schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles
+ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo
+der gute gnädige Herr immer 'den Lebensgas' trank, den ihm der
+Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder
+vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das
+Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den
+Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht
+sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von
+der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der
+Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis
+an die Hüften oder noch weniger.«
+
+Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen
+bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch
+nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den
+Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst
+umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den
+Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an
+der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen
+Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.«
+
+Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu
+kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange.
+Selbst was sie träumte, war hell und licht.
+
+Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte
+Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der
+Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte
+sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern,
+aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich
+bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem
+Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten
+von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse
+der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter
+Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken
+Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne
+weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren.
+
+Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von
+Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und
+Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die
+Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein
+offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang
+bildete.
+
+Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem
+ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den
+Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine,
+sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr
+peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um
+nicht vor der Zeit gesehen zu werden.
+
+Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und
+schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil
+ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben.
+
+»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an
+einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der
+schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.
+
+»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?«
+
+»Frau von Carayon.«
+
+Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr
+General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.«
+
+Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von
+dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu
+seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen
+Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen,
+entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster
+Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den
+Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner
+Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die
+wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die
+meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende=
+Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
+freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener
+sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen.
+
+General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im
+Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen
+Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach
+hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein
+eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen
+Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die
+geringste Bewegung wahrzunehmen war.
+
+Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte
+sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst
+einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles
+leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und
+jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in
+ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.
+
+Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll
+zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste
+Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät
+nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen
+pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt
+nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine
+Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen,
+wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber
+gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch
+künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern
+wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene
+Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die
+Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen
+sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen.
+Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein
+starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen
+wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen
+hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst
+so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem
+schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es
+für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft
+halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer
+schlechten _moralité_ zu opfern.«
+
+Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon,
+mon cher General._«
+
+»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr,
+=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner
+Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen
+oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie
+vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in
+wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der
+Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist
+er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein
+Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so
+delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes
+Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich
+seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt)
+und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen
+soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt
+ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden,
+und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben
+diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen
+wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch
+geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder
+herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte
+seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem
+Könige zu melden.«
+
+Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal
+wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park
+begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In
+wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht.
+Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.«
+
+Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür
+unmittelbar in den Park hinaus.
+
+In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war,
+hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der
+Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von
+Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke,
+darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll
+tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von
+Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu
+vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte
+der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen.
+
+Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte.
+Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte
+bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in
+deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf
+einer Steinbank saß.
+
+Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr
+ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie
+niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr
+aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl
+bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...«
+
+Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm
+entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen
+Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter,
+und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth ....
+Und nun sprechen Sie.«
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Schach in Charlottenburg.
+
+
+Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und
+schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines
+ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach
+Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm
+seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee,
+links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht
+von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem
+Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu
+versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen
+erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters
+ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß,
+selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben.
+
+Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die
+Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter
+begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs
+Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und
+ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren
+Sommerhäusern und Vorgärten ein.
+
+Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte
+sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem
+Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte,
+bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz
+den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach
+Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten
+Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen
+schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen
+Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I.
+paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der
+ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte.
+
+Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar
+Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach
+zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon;
+fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir
+verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken
+bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau,
+die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.«
+
+Schach verneigte sich.
+
+»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen
+sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden,
+findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache,
+geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die=
+verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath
+mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen
+und den Dienst quittiren wollen.«
+
+Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das
+Schmerzlichste sein würde.
+
+»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß
+geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die
+Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die
+Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben.
+Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung
+machen.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn;
+Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank
+Ihnen.«
+
+Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor
+hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene
+große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte.
+
+Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er
+denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
+Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn
+einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von
+der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem
+Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen
+entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die
+militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige
+Schritte zurück.
+
+»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten
+lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber
+verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und
+es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil
+ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser
+Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question
+d'amour_.«
+
+»Majestät sind so gnädig.«
+
+»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der
+König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen
+hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz
+eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme
+mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde
+diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht.
+Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit
+als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich,
+belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt
+worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und
+Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus
+allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige
+Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch
+verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei,
+Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf
+=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort,
+»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen
+nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so
+versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung
+gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins
+Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum
+etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung
+dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt
+erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden
+doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein
+geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen
+Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun
+eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine
+Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so
+lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart
+ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer
+Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen
+lassen. Und nun Gott befohlen.«
+
+Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte;
+Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah,
+sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine
+schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.
+
+Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz
+Baarsch folgte.
+
+Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn
+nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt
+worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein
+Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu
+machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle
+seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig
+entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon
+in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum
+Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich
+in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor
+sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von
+heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum
+ersten Male wieder leicht und frei.
+
+Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte
+Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese
+Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel
+fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte:
+»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig
+sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.«
+
+»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe,
+Baarsch?«
+
+»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«
+
+»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....«
+
+»Wie das?«
+
+»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch=
+nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.«
+
+»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«
+
+»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die
+Bilders kamen ....«
+
+»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der
+Wette? Hoch?«
+
+»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor
+jed' een.«
+
+»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die
+Wette bezahlen.«
+
+Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les
+pots cassés_.«
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Fata Morgana
+
+
+Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb
+er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen
+Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein
+Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn
+heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin
+ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche
+Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon
+gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich
+beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese
+neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die
+länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine
+Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er
+hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu
+zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch
+und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit
+auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«
+
+Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon
+vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet.
+Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu
+begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr
+Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch
+=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen,
+sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht
+zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen
+in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt
+zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese
+Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt,
+jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
+gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder
+einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene
+Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie
+dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen
+und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft.
+
+Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie
+ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth
+auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte
+vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles
+was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war
+doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo
+Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit
+einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den
+Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach
+bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle
+geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.
+
+Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire.
+Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er
+trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der
+Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah
+und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,
+er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten
+Thränen das Auge der Mutter.
+
+Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach,
+der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen
+Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die
+nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur
+wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese
+Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre
+langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath
+Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte
+dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des
+herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse
+nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn
+die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie
+persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt --
+werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen
+Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer
+Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen
+Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über
+Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam
+und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine
+Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur
+Seufzerbrücke erhoben werde.
+
+So ging das Geplauder, und so verging der Besuch.
+
+Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an
+dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen
+Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt
+täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme
+balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.
+
+Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als
+sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück
+unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu
+zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er
+mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren
+zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse,
+daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden
+würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei
+dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung
+gehabt, sich überraschen zu lassen.«
+
+Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante
+Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um
+so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der
+Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau
+von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und
+Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig
+fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach.
+Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei
+oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.«
+Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber
+auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze
+Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in
+Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo
+die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber
+ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig
+wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und
+während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne
+sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme
+säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand,
+und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze
+geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter
+sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese
+Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel!
+
+Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner
+Schilderung.
+
+Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer
+Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Die Hochzeit.
+
+
+Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten
+sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen
+großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel
+der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von
+Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies
+erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte
+Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit
+beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von
+Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen
+und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in
+erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren
+hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste
+beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden,
+weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei
+Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war,
+ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite
+her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in
+Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre.
+
+Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der
+herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath
+gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu
+bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses,
+dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und
+zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen
+Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich
+aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den
+»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich
+begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der
+Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an
+der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich
+schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid
+und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen
+=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen
+mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt
+geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte:
+Tante Marguerite wünsche zu sprechen.
+
+Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann
+ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer
+anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath
+hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth,
+das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war,
+worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde,
+die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber
+als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste
+bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen
+Paares zu trinken.«
+
+Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft
+entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen,
+was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei
+kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie
+hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
+Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es
+wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten
+Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten
+hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der
+Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie
+das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür
+auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal
+etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so
+glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der
+ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern
+gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man
+doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten
+Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß
+die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre.
+
+Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ
+seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu
+können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons
+umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare
+Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen
+Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich
+von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante
+Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von
+Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die
+der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt
+wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so
+bedeutungsvoll.«
+
+Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar
+nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand
+des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender
+Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach
+sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus.
+
+In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern
+begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine
+zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der
+Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.«
+
+Und sie ging ihm dahin vorauf.
+
+»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz
+nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen
+Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten
+Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch
+manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter
+kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns
+wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde
+machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie,
+lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr
+nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung
+ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von
+Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.«
+
+Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und
+tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam
+aus dem zierlichen kleinen Löffel.
+
+»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen
+wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war
+in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr
+als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen
+Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit
+Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich
+habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und
+habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_
+geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die
+mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.«
+
+Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt
+sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen
+gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser
+Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen
+wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
+ohnehin schon vermißt haben.«
+
+Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours
+à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend
+aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.«
+
+Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und
+sagte: »Nun, was war es?«
+
+»Eine Liebeserklärung.«
+
+»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr?
+Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen
+Tochter geben.«
+
+Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben
+und Nostitz ihnen gesellten.
+
+In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob
+er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er
+sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor
+hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire
+war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein
+halber Tagesschein flimmerte.
+
+»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging.
+
+Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte
+leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«
+
+Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks
+=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder
+hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und
+küßte sie.
+
+»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«
+
+Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel
+die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter.
+
+Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener
+sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an
+diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres
+bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die
+Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß
+von unten her verspürt worden wäre.
+
+»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_«
+
+»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter
+Feldwebel.«
+
+»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like
+shooting._«
+
+»Schuting? Na nu.«
+
+»_Yes; pistol-shooting ...._«
+
+Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs
+Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem
+Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag,
+ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der
+Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das
+Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und
+jammerte: »_Heavens, he is dead._«
+
+Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine
+Wohnung hinauf.
+
+Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil
+er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine
+diplomatische Natur wie alle Bauern.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+Bülow an Sander.
+
+
+=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander,
+auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger
+Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich
+die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine
+Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu
+schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,
+was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben
+und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu
+vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß
+mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner
+symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist
+durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
+ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und
+Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und
+Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen
+unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer
+Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur
+noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein
+wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge
+vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich
+die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder
+mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod.
+
+Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß 'Ehre' das
+dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant 'auf Ehre', eine
+Schimmelstute magnifique 'auf Ehre', ja, mir sind Wucherer empfohlen und
+vorgestellt worden, die süperb 'auf Ehre' waren. Und dies beständige
+Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt
+und die richtige Ehre todt gemacht.
+
+All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der,
+all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war.
+
+Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die
+Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die
+Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm
+Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du
+diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur
+zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun
+wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen
+Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil,
+noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er
+flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's
+handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch
+oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren
+glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in
+eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er
+flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn
+schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster
+König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam
+fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den
+Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal
+Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen
+Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten,
+eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der
+Verzweifelten: _un peu de poudre_.
+
+Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem
+Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand
+aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten
+Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem
+Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer
+falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist
+denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie
+sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand
+gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese
+Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur
+Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten
+von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und
+Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil
+es gegen 'den Ton' der guten Gesellschaft und des Hofes war, von
+Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein
+Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles
+Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod.
+
+Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem
+Thema '_Hannibal ante portas_' Aehnliches über meine Lippen kam? Schach
+tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind
+noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als
+etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich=
+da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller
+Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins
+zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=.
+
+=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben
+über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an
+frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter
+geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche
+Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber.
+Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit
+hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine
+Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn
+außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte,
+vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.
+
+
+=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._
+
+Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus
+dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich
+mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine
+Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet.
+
+Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu
+warten.
+
+Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und
+glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du
+hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann.
+
+»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest
+vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette,
+wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem
+bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch
+nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er
+sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das
+Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott
+herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht
+die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod
+gegangen.
+
+So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch
+ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen
+ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem
+andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich
+erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott
+zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte.
+Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht
+so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner
+eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen
+Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt,
+=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte
+durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den=
+Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir
+schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der
+überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter
+und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner
+Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen
+Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons
+unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war
+sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die
+Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir
+schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_
+vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben
+nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht.
+
+Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und
+empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber
+schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und
+Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche=
+Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich,
+wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder
+unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von
+hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei;
+zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt,
+innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie
+dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde
+diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner
+persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler
+anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug
+genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein
+prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja,
+hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder
+Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir
+ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen
+wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes
+Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt,
+aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien.
+
+Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich
+zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und
+vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an
+mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue
+diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles
+Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er
+wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.
+
+Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein,
+meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und
+vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat.
+Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert,
+und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die
+blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir
+auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben
+meinem Glück. --
+
+Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein
+Wunder ist es mir erhalten geblieben.
+
+Und davon muß ich Dir erzählen.
+
+Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer
+ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der
+Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten
+Rundbogenbau, wo sie den 'Bambino,' das Christkind, aufbewahren, eine
+hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von
+Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von
+unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit,
+noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den
+Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar,
+und der Dottore verkündigte sein '_va bene_'; die Wirthin aber lächelte,
+wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte.
+
+Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon
+hörte, zu all dem 'Aberglauben' sagen würde? Sie würde mich vor der
+'alten Kürche' warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß.
+
+Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll,
+und kühl und schön.
+
+Sein Schönstes aber ist sein Name, der '=Altar des Himmels=' bedeutet.
+Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+
+
+
+Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35
+
+
+Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die
+litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf
+dem Laufenden halten will, ist
+
+Das litterarische Echo
+
+Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde
+
+Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger=
+
+Dritter Jahrgang
+
+Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen
+
+Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe
+aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen
+Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu
+erscheinenden Werken * Nachrichten
+
+In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner)
+vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem
+»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a.
+heißt:
+
+»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel
+zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu
+verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes
+zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der
+vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine
+unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen,
+der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf
+die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame
+Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest
+zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere
+allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für
+dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor
+Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt,
+zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes
+vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und
+die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß
+unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe,
+eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten,
+will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses
+Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges
+Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen
+werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft
+an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. --
+Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor
+allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres
+Volkes, findet« u. s. w.
+
+Preis vierteljährlich Mark 3.--
+
+Probenummern kostenfrei
+
+Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter
+
+
+
+
+Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9.
+
+Werke von Theodor Fontane.
+
+
+Gedichte.
+
+Sechste Auflage.
+
+=Mit einem Bildniß.=
+
+8o. 462 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Vor dem Sturm.
+
+Roman aus dem Winter
+1812 auf 1813.
+
+Dritte, wohlfeile Volksausgabe in
+1 Bande, 8o. 773 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Quitt.
+
+Roman.
+
+8o. 338 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Grete Minde.
+
+Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+Zweite Auflage.
+
+kl. 8o. 154 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Unwiederbringlich.
+
+Roman.
+
+Dritte Auflage.
+
+8o. 343 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Ellernklipp.
+
+Nach einem Harzer Kirchenbuch.
+
+Zweite Auflage.
+
+8o. 190 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
+
+4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~
+
+~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.)
+
+ II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.)
+
+ III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam,
+ Brandenburg. (485 S.)
+
+ IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.)
+
+
+Fünf Schlösser.
+
+Altes und Neues aus Mark Brandenburg.
+
+8o. 468 Seiten.
+
+~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~
+
+=Inhalt:=
+Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden.
+
+
+Christian Friedrich Scherenberg
+und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.
+
+8o. 260 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+
+ räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+ räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+
+ Iffland ein Freimaurer.«
+ Iffland, ein Freimaurer.«
+
+ Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+ Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+
+ tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+ tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+
+ »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+ »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+
+ Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+ Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+
+ gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+ gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+
+ von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+ von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+
+ ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+ ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+
+ wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+ wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+
+ Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+ Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+
+ Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im
+ Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+
+ Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+ Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+
+ jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+ jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+
+ der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit
+ der Lage. 'Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?' Und er befahl mit
+
+ 'Genie' -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser
+ 'Genie' -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte:
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+
+ im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'
+ im Lande Preußen heißt es '_pianissimo_.'«
+
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man,
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+
+ angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+ angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+
+ Nostiz und Sander lächelten und nickten.
+ Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante.«
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+
+ Schlittenfahrt Angenommen?«
+ Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+
+ Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+ Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+
+ Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach
+ Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen 'Schach
+
+ nimmt
+ nimmt.
+
+ Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+ Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+
+ 'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'
+ 'Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.'«
+
+ 'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'
+ 'Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.'«
+
+ Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+ Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+ mon chèr General._«
+ mon cher General._«
+
+ und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+ und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen 'daß Ehre' das
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß 'Ehre' das
+
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.«
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+ Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen
+ Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+
+ Nach einer altmärkischen Chronik
+ Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
+***** This file should be named 36905-8.txt or 36905-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+your equipment.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,8415 @@
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+</style>
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+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schach von Wuthenow
+ Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der Originaltext erscheint beim Überfahren
+mit der Maus.</span> Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen
+Änderungen</a> findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: large;">Schach von Wuthenow</p>
+
+<p class="center page-break">Von <b>Theodor Fontane</b> erschienen in gleichem Verlage:</p>
+
+<p class="no-indent"><b>L'Adultera.</b> Roman aus der Berliner Gesellschaft.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Cécile.</b> Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Graf Petöfy.</b> Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Irrungen Wirrungen.</b> Berliner Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Stine.</b> Berliner Sitten-Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Kriegsgefangen.</b> Erlebtes 1870.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Aus den Tagen der Occupation.</b> Eine Osterreise.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Frau Jenny Treibel.</b> Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Meine Kinderjahre.</b> Autobiographischer Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Von vor und nach der Reise.</b> Plaudereien und kleine
+Geschichten.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Effi Briest.</b> Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Die Poggenpuhls.</b> Erzählung.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Von Zwanzig bis Dreissig.</b> Autobiographisches.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Der Stechlin.</b> Roman.</p>
+
+<p class="no-indent"><b>Aus England und Schottland.</b> Reisebilder.</p>
+
+<p class="center" style="font-size: large; margin-top: 3em;">Gesammelte Romane und Erzählungen.</p>
+
+<p class="center">Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Inhalt</span>: <b>L'Adultera.</b> Roman aus der Berliner Gesellschaft. &ndash;
+Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. &ndash; <b>Graf Petöfy.</b> Roman.
+&ndash; <b>Unterm Birnbaum.</b> Erzählung. &ndash; <b>Schach von Wuthenow.</b> Erzählung. &ndash;
+<b>Grete Minde.</b> Nach einer altmärkischen Chronik. &ndash; <b>Vor dem Sturm.</b> Roman
+aus dem Winter 1812 auf 13. &ndash; <b>Irrungen Wirrungen.</b> Berliner Roman. &ndash;
+<b>Stine.</b> Berliner Sitten-Roman. &ndash; <b>Kriegsgefangen.</b> Erlebtes 1870.</p>
+
+<h1>Schach von Wuthenow</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.6em;"><span class="gesperrt">Erzählung</span><br/>
+aus der Zeit des Regiments Gensdarmes</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 2em;"><small>von</small><br/>
+<big>Theodor Fontane</big></p>
+
+<p class="center" style="margin: 2em auto;">Vierte Auflage.</p>
+
+<div class="figcenter">
+<img src="images/logo.png" width="120" height="134" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em;">Berlin W<br/>
+F. Fontane &amp; Co.<br/>
+1901</p>
+
+<p class="center page-break">Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung,
+vorbehalten.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>Erstes Kapitel.<br/>
+<small>Im Salon der Frau von Carayon.</small></h2>
+
+<p class="drop-cap">In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden
+Frau von Carayon und ihrer Tochter Victoire
+waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend
+einige Freunde versammelt, aber freilich wenige
+nur, da die große Hitze des Tages auch die
+treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt
+hatte. Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes,
+die selten an einem dieser Abende fehlten,
+war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben,
+und hatte neben der schönen Frau vom
+Hause Platz genommen unter gleichzeitigem scherzhaftem
+Bedauern darüber, daß gerade <em class="gesperrt">der</em> fehle,
+dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.</p>
+
+<p>Beiden gegenüber, an der der Mitte des
+Zimmers zugekehrten Tischseite, saßen zwei
+Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst
+<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a>
+heimisch in diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger
+bereits eine dominirende Stellung innerhalb
+desselben errungen hatten. Am entschiedensten
+der um einige Jahre jüngere von beiden, ein
+ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem abenteuernden
+Leben in England und den Unionsstaaten
+in die Heimat zurückgekehrt, allgemein
+als das Haupt jener militärischen Frondeurs
+angesehen wurde, die damals die politische
+Meinung der Hauptstadt machten, beziehungsweise
+terrorisirten. Sein Name war von Bülow.
+Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und
+so focht er denn, beide Füße weit vorgestreckt
+und die linke Hand in der Hosentasche, mit
+seiner Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte
+Gestikulationen seinem Kathedervortrage
+Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
+sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und
+&ndash; er sprach eigentlich immer. Der starke Herr
+neben ihm war der Verleger seiner Schriften,
+Herr Daniel Sander, im Uebrigen aber sein
+vollkommener Widerpart, wenigstens in allem
+was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart
+umrahmte sein Gesicht, das ebensoviel Behagen
+wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm
+der in der Taille knapp anschließende Rock von
+<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>
+<ins title="niederländischen">niederländischem</ins> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte.
+Was den Gegensatz vollendete, war
+die feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs
+excellirte.</p>
+
+<p>Das Gespräch, das eben geführt wurde,
+schien sich um die kurz vorher beendete Haugwitzsche
+Mission zu drehen, die, nach Bülows
+Ansicht, nicht nur ein wünschenswerthes Einvernehmen
+zwischen Preußen und Frankreich wieder
+hergestellt, sondern uns auch den Besitz von
+Hannover noch als »Morgengabe« mit eingetragen
+habe. Frau von Carayon aber bemängelte diese
+»Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder
+verschenken könne, was man nicht habe, bei
+welchem Worte die bis dahin unbemerkt am
+Theetisch beschäftigt gewesene Tochter Victoire
+der Mutter einen zärtlichen Blick zuwarf,
+während Alvensleben der schönen Frau die Hand
+küßte.</p>
+
+<p>»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,«
+nahm Frau von Carayon das Wort, »war ich
+sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig
+unser Freund Bülow dasitzt. Er
+brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn
+von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist,
+glaub' ich, das Einzige, was er von Oesterreich
+<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr
+Sander von unsern Fortschritten in der neuen
+Provinz. Ich fürchte nur, daß sie nicht groß
+sind.«</p>
+
+<p>»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,«
+erwiderte Sander. »Alles was zum welfischen
+Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich
+nicht preußisch regieren lassen. Und ich verdenk
+es Keinem. Für die Polen reichten wir allenfalls
+aus. Aber die Hannoveraner sind feine
+Leute.«</p>
+
+<p>»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon,
+während sie gleich danach hinzufügte: »Vielleicht
+auch etwas hochmüthig.«</p>
+
+<p>»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine
+Gnädigste, wer doch allzeit einer ähnlichen Milde
+begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner
+seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft
+so zu sagen von Jugend auf
+über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach
+versichern, daß alles das, was mir England so
+zuwider macht, in diesem welfischen Stammlande
+doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb
+die Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere
+preußische Wirthschaft ist erbärmlich, und Mirabeau
+hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs
+<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>
+des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die
+schon faul sei, bevor sie noch reif geworden, aber
+faul oder nicht, <em class="gesperrt">Eines</em> haben wir wenigstens:
+ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten
+funfzehn Jahren einen Schritt vorwärts gemacht
+hat, und daß sich die großen Geschicke derselben
+nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen
+müssen. In Hannover aber glaubt man
+immer noch an eine Spezialaufgabe Kalenbergs
+und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <ins title="et">est</ins> omen.</span>
+Es ist der Sitz der Stagnation, eine Brutstätte
+der Vorurtheile. <em class="gesperrt">Wir</em> wissen wenigstens, daß
+wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist
+die Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen
+bleiben wir hinter ihnen zurück, zugegeben,
+aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und
+darin steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir
+geltend machen müssen. Daß wir, trotz Sander,
+in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
+der Staat strengte sich nicht an und hielt seine
+Steuereinnehmer gerade für gut genug, um die
+Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit
+Recht, als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung
+vertritt, wenn auch freilich von der unangenehmen
+Seite.«</p>
+
+<p>Victoire, die von dem Augenblick an, wo
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+Polen mit ins Gespräch gezogen worden war,
+ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte
+jetzt zu dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie
+müssen wissen, Herr von Bülow, daß ich die
+Polen liebe, sogar <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de tout mon coeur</span>.« Und
+dabei beugte sie sich aus dem Schatten in den
+Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle man
+jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines
+<ins title="Profil,">Profil</ins> einst dem der Mutter geglichen haben
+mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um
+seine frühere Schönheit gekommen war.</p>
+
+<p>Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der
+es <em class="gesperrt">nicht</em> sah, oder, wenn er es sah, als absolut
+gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte
+nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten
+Mazurkatänzer, und darum lieben Sie sie.«</p>
+
+<p>»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich
+und unglücklich sind.«</p>
+
+<p>»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen.
+Und um dies ihr Unglück könnte man sie beinah
+beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien
+aller Damenherzen ein. In Fraueneroberungen
+haben sie, von alter Zeit her, die glänzendste
+Kriegsgeschichte.«</p>
+
+<p>»Und wer rettete&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+über Rettungen. Und nun gar Wien! Es
+wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine
+Phantasie schwelgt ordentlich in der Vorstellung,
+eine Favoritsultanin in der Krypta der Kapuziner
+stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria
+Theresia steht. Etwas vom Islam ist bei diesen
+Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu Hause
+gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von
+Serail- oder Haremwirthschaft ohne großen
+Schaden ertragen&nbsp;....«</p>
+
+<p>Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister
+von Schach, und ein Schimmer freudiger
+Ueberraschung überflog beide Damen, als der
+Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte
+der Frau von Carayon die Hand, verneigte sich
+gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben
+mit Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit
+Zurückhaltung.</p>
+
+<p>»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen
+zu haben&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete
+Sander und rückte seinen Stuhl zur
+Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit
+ein, und nur an Schachs mehr als gewöhnlicher
+Zurückhaltung ließ sich erkennen, daß er entweder
+unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+Ereignisses oder aber einer politisch
+unerfreulichen Nachricht in den Salon eingetreten
+sein müsse.</p>
+
+<p>»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind
+präokkupirt. Sind neue Stürme&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Nicht <em class="gesperrt">das</em>, gnädigste Frau, nicht das. Ich
+komme von der Gräfin Haugwitz, bei der ich um
+so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem
+Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die
+Gräfin weiß es und billigt mein Benehmen.
+Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen
+vor dem Palais eine Volksmasse zu sammeln
+begann, erst Hunderte, dann Tausende. Dabei
+wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen
+und flog an dem Tisch vorbei, daran wir
+saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde
+getroffen. Wovon sie aber <em class="gesperrt">wirklich</em> getroffen
+wurde, das waren die Worte, die Verwünschungen,
+die heraufklangen. Endlich erschien der Graf
+selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete
+keinen Augenblick den Kavalier. Es
+währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert
+werden konnte. Sind wir bereits dahin gekommen?
+Emeute, Krawall. Und das im Lande
+Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«</p>
+
+<p>»Und speziell <em class="gesperrt">uns</em> wird man für diese Geschehnisse
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+verantwortlich machen,« unterbrach
+Alvensleben, »speziell <em class="gesperrt">uns</em> von den Gensdarmes.
+Man weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen
+Frankreich mißbilligen, von der wir schließlich
+nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle
+Welt weiß, wie wir dazu stehen, auch bei Hofe
+weiß man's, und man wird nicht säumen, <em class="gesperrt">uns</em>
+diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.«</p>
+
+<p>»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander.
+»Das Regiment Gensdarmes unter Anklage von
+Hochverrath und Krawall.«</p>
+
+<p>»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in
+jetzt wirklicher Erregung dazwischen. »Nicht mit
+Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht
+fort, Sander. Warum führen die Herren, die
+jeden Tag klüger sein wollen, als der König und
+seine Minister, warum führen sie diese Sprache?
+Warum politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren
+darf, stehe dahin, aber <em class="gesperrt">wenn</em> sie politisirt,
+so politisire sie wenigstens richtig. Endlich sind
+wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir
+da, wo wir von Anfang an hätten stehen sollen,
+endlich hat Seine Majestät den Vorstellungen
+der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht?
+Unsere Herren Offiziere, deren drittes Wort der
+König und ihre Loyalität ist, und denen doch
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland
+und Juchten und recht wenig nach Freiheit riecht,
+unsere Herren Offiziere, sag' ich, gefallen sich
+plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen
+Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes
+Thun und ihre noch keckeren Worte den Zorn
+des kaum besänftigten Imperators heraus. Dergleichen
+verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse.
+Die Herren vom Regiment Gensdarmes werden
+freilich den Stein nicht selber heben, der schließlich
+bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie
+sind doch die moralischen Urheber dieses Krawalles,
+<em class="gesperrt">sie</em> haben die Stimmung dazu gemacht.«</p>
+
+<p>»Nein, diese Stimmung war da.«</p>
+
+<p>»Gut. Vielleicht war sie da. Aber <em class="gesperrt">wenn</em>
+sie da war, so galt es, sie zu bekämpfen, nicht
+aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen
+wir unsern Untergang. Der Kaiser
+wartet nur auf eine Gelegenheit, wir sind mit
+vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen,
+und zählt er erst die Summe, so sind wir verloren.«</p>
+
+<p>»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich
+vermag Ihnen nicht zu folgen, Herr von Bülow.«</p>
+
+<p>»Was ich beklage.«</p>
+
+<p>»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+für Sie, daß Sie mich und meine Kameraden
+über Landes- und Königstreue belehren und aufklären
+dürfen, denn die Grundsätze, zu denen
+Sie sich bekennen, sind momentan obenauf. Wir
+stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem
+Willen am Tische Frankreichs und lesen die
+Brosamen auf, die von des Kaisers Tische fallen.
+Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs
+des Großen muß sich wieder auf sich selbst besinnen.«</p>
+
+<p>»So er's nur thäte,« replizirte Bülow.
+»Aber das versäumt er eben. Ist dies Schwanken,
+dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und
+Oesterreich, das uns dem Empereur entfremdet,
+ist das Fridericianische Politik? Ich frage Sie?«</p>
+
+<p>»Sie mißverstehen mich.«</p>
+
+<p>»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß
+zu reißen.«</p>
+
+<p>»Was ich wenigstens versuchen will ....
+Uebrigens <em class="gesperrt">wollen</em> Sie mich mißverstehen, Herr
+von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische
+Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht
+<em class="gesperrt">deshalb</em>, weil es nach Art aller Bündnisse
+darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder
+jenem Zweck zu doubliren. O, nein; wie könnt'
+ich? Allianzen sind Mittel, deren <em class="gesperrt">jede</em> Politik
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+bedarf; auch der große König hat sich dieser
+Mittel bedient und innerhalb dieser Mittel beständig
+<em class="gesperrt">gewechselt</em>. Aber <em class="gesperrt">nicht</em> gewechselt hat
+er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt:
+ein starkes und selbstständiges Preußen. Und
+nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist <em class="gesperrt">das</em>,
+was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und
+was sich Ihrer Zustimmung so sehr erfreut, ist
+<em class="gesperrt">das</em> ein starkes und selbstständiges Preußen?
+Sie haben <em class="gesperrt">mich</em> gefragt, nun frag ich <em class="gesperrt">Sie</em>.«</p>
+
+<h2>Zweites Kapitel.<br/>
+<small>»Die Weihe der Kraft.«</small></h2>
+
+<p>Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer
+äußersten Ueberheblichkeit anzunehmen begannen,
+wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach
+und sagte: »Lernen wir etwas aus der
+Politik unserer Tage: wo nicht Friede sein kann,
+da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier ....
+Und nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer
+heute hier war, uns seinen Besuch zu machen?
+Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin
+uns zugewiesen.«</p>
+
+<p>»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.</p>
+
+<p>»O nein, berühmter oder doch wenigstens
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+tagesberühmter. Der Prinz ist eine etablirte
+Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert
+haben, sind keine mehr .... Ich will
+Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es geht ins
+Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch
+annehmen, daß uns Herr Sander das Räthsel
+lösen wird.«</p>
+
+<p>»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste
+Frau, wobei mir Ihr Zutrauen vielleicht eine
+gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund
+heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen
+wird.«</p>
+
+<p>»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war
+hier. Leider waren wir aus, und so sind wir
+denn um den uns zugedachten Besuch gekommen.
+Ich hab es sehr bedauert.«</p>
+
+<p>»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen,
+einer Enttäuschung entgangen zu sein,« nahm
+Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter
+der Vorstellung entsprechen, die wir uns von
+ihnen machen. Wir erwarten einen Olympier,
+einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen
+statt dessen einen Gourmand einen Putenbraten
+verzehren; wir erwarten Mittheilungen aus seiner
+geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören
+ihn von seinem letzten Orden erzählen oder wohl
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+gar die allergnädigsten Worte citiren, die
+Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse
+geäußert hat. Vielleicht auch Serenissima, was
+immer das denkbar Albernste bedeutet.«</p>
+
+<p>»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als
+das Urtheil solcher, die den Vorzug haben, in
+einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,«
+sagte Schach spitz.</p>
+
+<p>»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern,
+mein sehr verehrter Herr von Schach, auch auf
+<em class="gesperrt">diesem</em> Gebiete widersprechen. Der Unterschied,
+den Sie bezweifeln, ist wenigstens nach <em class="gesperrt">meinen</em>
+Erfahrungen thatsächlich vorhanden, und zwar,
+wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu
+<em class="gesperrt">Nicht</em>-Gunsten von Serenissimus. In der Welt
+der kleinen Leute steht das Urtheil an und für
+sich nicht höher, aber die verlegene Bescheidenheit,
+darin sich's kleidet und das stotternde Schlechte-Gewissen,
+womit es zu Tage tritt, haben allemal
+etwas Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst!
+Er ist der Gesetzgeber seines Landes in all und
+jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch
+in Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet,
+sollte der nicht auch über ein Gedichtchen entscheiden
+können? Ah, bah! Er mag sprechen
+was er will, es sind immer Tafeln direkt vom
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Sinai. Ich habe solche zehn Gebote mehr als
+einmal verkünden hören und weiß seitdem was
+es heißt: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">regarder dans le Néant</span>.«</p>
+
+<p>»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte
+Victoire, der daran lag das Gespräch auf
+seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter
+also zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine
+Freude gewesen, den ›tagesberühmten Herrn‹, wie
+Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen zu
+lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß
+wir <em class="gesperrt">Frauen</em> sind, und daß wir als solche ein
+Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit
+wenig Gefallen zu finden, ist schließlich
+immer noch besser, als sie gar nicht gesehen zu haben.«</p>
+
+<p>»Und wir werden ihn in der That nicht
+mehr sehen, in aller Bestimmtheit nicht,« fügte
+Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in
+den nächsten Tagen schon und war überhaupt
+nur hier, um den ersten Proben seines Stückes
+beizuwohnen.«</p>
+
+<p>»Was also heißt,« warf Alvensleben ein,
+»daß an der Aufführung selbst nicht länger mehr
+zu zweifeln ist.«</p>
+
+<p>»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür
+zu gewinnen oder wenigstens alle beigebrachten
+Bedenken niederzuschlagen gewußt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben
+fort. »Ich habe das Stück gelesen. Er
+will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des
+Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen
+Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <ins title="aber aber">aber</ins>
+ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt,
+<ins title="Iffland">Iffland,</ins> ein Freimaurer.«</p>
+
+<p>»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er
+die Hauptrolle hat,« erwiderte Sander. »Unsere
+Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit
+unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt
+gerathen und ziehen dann jedesmal den kürzeren.
+Er wird den Luther spielen wollen. Und das
+entscheidet.«</p>
+
+<p>»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte
+Victoire, »die Gestalt Luthers auf der Bühne zu
+sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«</p>
+
+<p>Es war Alvensleben, an <ins title="dem">den</ins> sich die Frage
+gerichtet hatte. »Zu weit? O, meine theuerste
+Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz
+aus dem Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen,
+daß ich in unserer Dorfkirche saß,
+und mein alter Vater neben mir, der alle Gesangbuchsverse
+mitsang. Und links neben dem Altar
+da hing unser Martin Luther in ganzer Figur,
+die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich
+darf sagen, daß dies ernste Mannesgesicht an
+manchem Sonntage besser und eindringlicher zu
+mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der
+zwar dieselben hohen Backenknochen und dieselben
+weißen Päffchen hatte wie der Reformator, aber
+auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann,
+nach dem wir uns nennen und unterscheiden,
+und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und
+Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus
+den Koulissen oder aus einer Hinterthür treten
+sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den
+ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler,
+sondern auch als Mann von Grundsätzen und
+guter preußischer Gesinnung.«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Pectus facit oratorem</span>«, versicherte Sander,
+und Victoire jubelte. Bülow aber, der nicht gern
+neue Götter neben sich duldete, warf sich in seinen
+Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn
+und seinen Spitzbart strich: »Es wird Sie nicht
+überraschen, mich im Dissens zu finden.«</p>
+
+<p>»O, gewiß nicht,« lachte Sander.</p>
+
+<p>»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren,
+als ob ich durch einen solchen Dissens irgendwie
+den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner
+zu machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+Tendenzen einfach zuwider ist. Ich
+bin Niemandes Anwalt&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.</p>
+
+<p>»Auch nicht Luthers!«</p>
+
+<p>»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich
+aufrichtend fort. »Glauben Sie mir, Herr von
+Schach, auch <em class="gesperrt">er</em> ist in der Decadence, wie so viel
+anderes mit ihm, und über ein Kleines wird
+keine Generalanwaltschaft der Welt ihn halten
+können.«</p>
+
+<p>»Ich habe Napoleon von einer ›Episode
+Preußen‹ sprechen hören,« erwiderte Schach.
+»Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von
+Bülow an ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer
+›Episode Luther‹ beglücken?«</p>
+
+<p>»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind
+nicht <em class="gesperrt">wir</em> es, die dies Episodenthum schaffen wollen.
+Dergleichen schafft nicht der Einzelne, die Geschichte
+schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer
+Zusammenhang zwischen der Episode Preußen
+und der Episode Luther herausstellen. Es heißt
+auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst,
+und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne,
+daß ich die Tage Preußens gezählt glaube,
+und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei
+zu vertheilen. Die Zusammenhänge zwischen
+Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt;
+jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich
+auch ein <em class="gesperrt">Kirchenstaat</em>; er schließt eine
+Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich
+sein, so müssen beide zu einander passen. In
+Preußen passen sie zu einander. Und warum?
+Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng
+gerathen sind. Es sind Kleinexistenzen, beide
+bestimmt in etwas Größerem auf- oder unterzugehen.
+Und zwar bald. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hannibal ante portas.</span>«</p>
+
+<p>»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,«
+erwiderte Schach, »daß uns Graf Haugwitz nicht
+den Untergang, wohl aber die Rettung und den
+Frieden gebracht habe.«</p>
+
+<p>»Das hat er. Aber er kann unser Geschick
+nicht wenden, wenigstens auf die Dauer nicht.
+Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle.
+Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt
+sind hinschwindende Dinge, vor allem aber ist es
+der preußische Standpunkt und sein <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alter ego</span>
+der lutherische. Beide sind künstliche Größen.
+Ich frage, was bedeuten sie? welche Missionen
+erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel aufeinander, sie
+sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+alles. Und das soll eine Weltrolle sein! Was
+hat Preußen der Welt geleistet? Was find' ich,
+wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König
+Friedrich Wilhelms&nbsp;I., den eisernen Ladestock, den
+Zopf, und jene wundervolle Moral, die den Satz
+erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden,
+warum hat er nicht gefressen?‹«</p>
+
+<p>»Gut, gut. Aber Luther&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß
+mit dem Manne von Wittenberg die Freiheit in
+die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker
+haben es dem norddeutschen Volke so lange versichert,
+bis man's geglaubt hat. Aber was hat
+er denn in Wahrheit in die Welt gebracht?
+Unduldsamkeit und Hexenprozesse, Nüchternheit
+und Langeweile. Das ist kein Kitt für Jahrtausende.
+Jener Weltmonarchie, der nur noch
+die letzte Spitze fehlt, wird auch eine Weltkirche
+folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
+und im Zusammenhange stehen, so die großen
+noch viel mehr. Ich werde mir den Bühnen-Luther
+nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren
+Zacharias Werner Verzerrung einfach ein Ding
+ist, das mich ärgert; aber ihn nicht ansehen, weil
+es Anstoß gebe, weil es <em class="gesperrt">Entheiligung</em> sei, das
+ist mehr als ich fassen kann.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>»Und <em class="gesperrt">wir</em>, lieber Bülow,« unterbrach Frau
+von Carayon, »wir werden ihn uns ansehen, <em class="gesperrt">trotzdem</em>
+es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht,
+und wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein
+darf als das Prinzip, so bei <em class="gesperrt">uns</em> die Neugier.
+Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber Alvensleben,
+werden uns begleiten. Uebrigens sind ein
+paar der eingelegten Lieder nicht übel. Wir
+erhielten sie gestern. Victoire, Du könntest uns
+das ein' oder andere davon singen.«</p>
+
+<p>»Ich habe sie kaum durchgespielt.«</p>
+
+<p>»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte
+Schach. »Alle Salonvirtuosität ist mir verhaßt.
+Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein
+solches poetisches Suchen und Tappen.«</p>
+
+<p>Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen
+zu wollen: »Ein jeder nach seinen Mitteln.«</p>
+
+<p>Schach aber führte Victoiren an das Klavier,
+und diese sang, während er begleitete.</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Die Blüthe, sie schläft so leis und lind<br/></div>
+<div class="line">Wohl in der Wiege von Schnee;<br/></div>
+<div class="line">Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind<br/></div>
+<div class="line">Du blühendes Kind«<br/></div>
+<div class="line">Und das Kind es weint und verschläft sein Weh<br/></div>
+<div class="line">Und hernieder steigen aus duftiger Höh<br/></div>
+<div class="line">Die Schwestern und lieben und blühn<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>Eine kleine Pause trat ein, und Frau von
+Carayon fragte: »Nun, Herr Sander, wie besteht
+es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,«
+antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber
+hören wir weiter. Die Blüthe, die vorläufig
+noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.«</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line indent2">Und kommt der Mai dann wieder so lind,<br/></div>
+<div class="line">Dann bricht er die Wiege von Schnee,<br/></div>
+<div class="line">Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind<br/></div>
+<div class="line">Du welkendes Kind.«<br/></div>
+<div class="line">Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh<br/></div>
+<div class="line">Und steigt hinauf in die leuchtende Höh<br/></div>
+<div class="line">Wo strahlend die Brüderlein blühn.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber
+er galt ausschließlich Victoiren und der Komposition,
+und als schließlich auch der Text an die
+Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders
+ketzerischen Ansichten.</p>
+
+<p>Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die
+meisten mit Staatenuntergang beschäftigten
+Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und
+eine davon war durch das Lied getroffen worden.
+An dem halbumwölkten Himmel draußen funkelten
+ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen,
+und er wiederholte, während er durch die Scheiben
+der hohen Balkonthür hinaufblickte: »wo strahlend
+die Brüderlein blühn.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>Wider Wissen und Willen, war er ein Kind
+seiner Zeit, und romantisirte.</p>
+
+<p>Noch ein zweites und drittes Lied wurde
+gesungen, aber das Urtheil blieb dasselbe. Dann
+trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.</p>
+
+<h2>Drittes Kapitel.<br/>
+<small>Bei Sala Tarone.</small></h2>
+
+<p>Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt
+schlugen elf, als die Gäste der Frau von Carayon
+auf die Behrenstraße hinaustraten und nach
+links einbiegend auf die Linden zuschritten.
+Der Mond hatte sich verschleiert, und die Regenfeuchte,
+die bereits in der Luft lag und auf
+Wetterumschlag deutete, that allen wohl. An
+der Ecke der Linden empfahl sich Schach, allerhand
+Dienstliches vorschützend, während Alvensleben,
+Bülow und Sander übereinkamen, noch
+eine Stunde zu plaudern.</p>
+
+<p>»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen
+nicht wählerisch war, aber doch einen Abscheu
+gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und
+Kellner die Kehle zuschnürten.«</p>
+
+<p>»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh,
+das Gute liegt so nah,« und wies dabei auf
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben
+zu lesen stand: Italiener-, Wein- und
+Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da
+schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür,
+an deren einer Seite sich ein Einschnitt
+mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich
+darauf öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien
+am Kuckloch, und als Alvenslebens Uniform
+über den Charakter der etwas späten Gäste
+beruhigt hatte, drehte sich innen der Schlüssel
+im Schloß, und alle drei traten ein. Aber der
+Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den
+der Küfer in Händen hielt, und nur eine
+ganz im Hintergrunde, dicht über der Hofthür
+schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug,
+um das Gefährliche der Passage kenntlich zu
+machen.</p>
+
+<p>»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu
+diesem Defilé,« brummte Sander, sich immer
+dünner machend, und wirklich hieß es auf der
+Hut sein, denn in Front der zu beiden Seiten
+liegenden Oel- und Weinfässer, standen Zitronen-
+und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin
+aufgeklappt waren. »Achtung,« sagte der Küfer.
+»Is hier allens voll Pinnen und Nägel. Habe
+mir gestern erst einen eingetreten.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow!
+In solche Lage bringt einen ein militärischer
+Verlag.«</p>
+
+<p>Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte
+die Heiterkeit wieder her, und unter Tappen und
+Tasten war man endlich bis in die Nähe der
+Hofthür gekommen, wo, nach rechts hin, einige
+der Fässer weniger dicht nebeneinander lagen.
+Hier zwängte man sich denn auch durch, und
+gelangte mit Hülfe von vier oder fünf steilen
+Stufen in eine mäßig große Hinterstube, die
+gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art
+aller »Frühstücksstuben« um Mitternacht am
+vollsten war. Ueberall, an niedrigen Panelen
+hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas,
+mit kleinen und großen Tischen davor,
+und nur <em class="gesperrt">eine</em> Stelle war da, wo dieses Mobiliar
+fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und
+Realen überbautes Pult, vor welchem einer der
+Repräsentanten der Firma tagaus tagein auf
+einem <ins title="Drehschemmel">Drehschemel</ins> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich
+nur ein Wort) in einen unmittelbar neben
+dem Pult befindlichen Keller hinunterrief, dessen
+Fallthür immer offen stand.</p>
+
+<p>Unsere drei Freunde hatten in einer dem
+Kellerloch schräg gegenüber gelegenen Ecke Platz
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+genommen, und Sander, der grad lange genug
+Verleger war, um sich auf lukullische Feinheiten
+zu verstehen, überflog eben die Wein- und
+Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden,
+roch aber nach Hummer. Es schien
+nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm
+gefiel; er schob also die Karte wieder fort und
+sagte: »Das Geringste, was ich von einem solchen
+hundstäglichen April erwarten kann, sind Maikräuter,
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Asperula odorata Linnéi</span>. Denn ich
+hab auch Botanisches verlegt. Von dem Vorhandensein
+frischer Apfelsinen haben wir uns
+draußen mit Gefahr unseres Lebens überzeugt,
+und für den Mosel bürgt uns die Firma.«</p>
+
+<p>Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber
+man sah deutlich, daß er mit seinem Rücken zustimmte,
+Bülow und Alvensleben thaten desgleichen,
+und Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.«</p>
+
+<p>Das Wort war absichtlich laut und mit der
+Betonung einer Ordre gesprochen worden, und
+im selben Augenblicke scholl es auch schon vom
+Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!«
+Ein zunächst nur mit halber Figur aus der Versenkung
+auftauchender, dicker und kurzhalsiger
+Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+worden wäre, sofort sichtbar, übersprang diensteifrig,
+indem er die Hand aufsetzte, die letzten
+zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander,
+den er, allem Anscheine nach, am besten kannte.</p>
+
+<p>»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die
+Firma Sala Tarone zur Maibowle?«</p>
+
+<p>»Gut. Sehr gut.«</p>
+
+<p>»Aber wir haben erst April, und so sehr ich
+im allgemeinen der Mann der Surrogate bin,
+so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die
+Toncabohne gehört in die Schnupftabacksdose,
+nicht in die Maibowle. Verstanden?«</p>
+
+<p>»Zu dienen, Herr Sander.«</p>
+
+<p>»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht
+lange ziehen lassen. Waldmeister ist nicht Kamillenthee.
+Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder
+ein Brauneberger, wird langsam über die Büschel
+gegossen; das genügt. Apfelsinenschnitten als
+bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht
+Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot
+extra. Extra, sag ich. Besser ist besser.«</p>
+
+<p>Damit war die Bestellung beendet und ehe
+zehn Minuten um waren, erschien die Bowle,
+darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen
+schwammen, nur gerade genug, den Beweis
+der Aechtheit zu führen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf
+mancher Maibowle schwimmt es wie Entengrütze.
+Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden
+Freunde bleiben. Und nun grüne Gläser.«</p>
+
+<p>Alvensleben lachte. »Grüne?«</p>
+
+<p>»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber
+Alvensleben, weiß ich und laß es gelten. Es
+ist in der That eine Frage, die mich seit länger
+beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe
+jener Zwiespalte gehört, die sich, wir mögen es
+anfangen wie wir wollen, durch unser Leben hinziehen.
+Die Farbe des Weins geht verloren,
+aber die Farbe des Frühlings wird gewonnen,
+und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und
+dies erscheint mir als der wichtigere Punkt.
+Unser Essen und Trinken, so weit es nicht der
+gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und
+mehr zur symbolischen Handlung werden, und ich
+begreife Zeiten des späteren Mittelalters, in denen
+der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr bedeuteten,
+als das Mahl selbst.«</p>
+
+<p>»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte
+Bülow. »Und doch dank ich Gott, Ihre Kapaunenrechnung
+nicht bezahlen zu müssen.«</p>
+
+<p>»Die Sie schließlich <em class="gesperrt">doch</em> bezahlen.«</p>
+
+<p>»Ah, das <em class="gesperrt">erste</em> Mal, daß ich einen dankbaren
+<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+Verleger in Ihnen entdecke. Stoßen wir an ....
+Aber alle Welt, da steigt ja der lange Nostitz
+aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er
+nimmt gar kein Ende&nbsp;....«</p>
+
+<p>Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung
+eines geheimen Eingangs, eben die Kellertreppe
+hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes,
+der längste Lieutenant der Armee, der,
+trotzdem er aus dem Sächsischen stammte, seiner
+sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne
+Widerrede beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt
+und mit einem verbliebenen kleinen Reste
+von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden
+war. Ein tollkühner Reiter und ein
+noch tollkühnerer Kour- und Schuldenmacher, war
+er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment,
+so beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein
+anderer war als Prinz Louis, bei Gelegenheit
+der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten
+erbeten hatte.</p>
+
+<p>Neugierig, woher er komme, stürmte man
+mit Fragen auf ihn ein, aber erst als er sich in
+dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort
+auf all das, was man ihn fragte. »Woher
+ich komme? Warum ich bei den Carayons geschwänzt
+habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+nachsehen wollte, ob die Störche schon
+wieder da sind, ob der Kuckuck schon wieder schreit,
+und ob die <ins title="Schulmeisters Tochter">Schulmeisterstochter</ins> noch so lange
+flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein
+reizendes Kind. Ich lasse mir immer die Kirche
+von ihr zeigen, und wir steigen dann in den
+Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte
+Glockeninschriften habe. Sie glauben gar nicht,
+was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt.
+Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten
+Stunden.«</p>
+
+<p>»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann
+freilich erklärt sich alles. Denn neben einer
+Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire
+nicht bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama,
+die schön ist, aber doch am Ende brünett. Und
+blond geht immer vor schwarz.«</p>
+
+<p>»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom
+erheben,« fuhr Nostitz fort. »Es hängt doch alles
+noch von Nebenumständen ab, die hier freilich
+ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen.
+Die schöne Mama, wie Sie sie nennen, wird
+siebenunddreißig, bei welcher Addition ich wahrscheinlich
+galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre
+<em class="gesperrt">halb</em> statt doppelt zu rechnen. Aber das
+ist Schachs Sache, der über kurz oder lang in der
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse
+zu befragen.«</p>
+
+<p>»Wie das?« fragte Bülow.</p>
+
+<p>»Wie das?« wiederholte <ins title="Nostiz">Nostitz</ins>. »Was doch
+die Gelehrten, und wenn es gelehrte Militärs
+wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen
+denn das Verhältniß zwischen Beiden entgangen?
+Ein ziemlich vorgeschrittenes, glaub' ich. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C'est
+le premier pas, qui coûte ....</span>«</p>
+
+<p>»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«</p>
+
+<p>»Sonst nicht gerade mein Fehler.«</p>
+
+<p>»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,«
+unterbrach Alvensleben. »Aber Sie täuschen sich,
+<ins title="Nostiz">Nostitz</ins>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was
+man auch an ihr aussetzen mag, wenigstens manche
+psychologische Probleme stellt. Ich habe beispielsweise
+keinen Menschen kennen gelernt, bei dem
+alles so ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen
+wäre, womit es vielleicht in einem
+gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte
+Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat.
+Wenigstens von einer Ehe, wie <em class="gesperrt">er</em> sie zu schließen
+wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem
+Leben überzeugt, er wird niemals eine Wittwe
+heirathen, auch die schönste nicht. Könnt' aber
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd'
+ihn <em class="gesperrt">ein</em> Umstand beseitigen, und dieser eine
+Umstand heißt: »<em class="gesperrt">Victoire</em>.«</p>
+
+<p>»Wie das?«</p>
+
+<p>»Wie schon so mancher Heirathsplan an
+einer unrepräsentablen Mutter gescheitert ist, so
+würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter
+scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde
+Schönheit geradezu genirt, und erschrickt vor dem
+Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so
+ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend
+welche Verbindung gebracht zu sehen. Er ist
+krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche,
+von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner
+Standesgenossen, und würde sich jederzeit außer
+Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder auch
+nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine
+Tochter vorzustellen.«</p>
+
+<p>»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«</p>
+
+<p>»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz
+einfach als Aschenbrödel zu behandeln, das widerstreitet
+seinem feinen Sinn, dazu hat er das
+Herz zu sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde
+Frau von Carayon das einfach nicht dulden. Denn
+so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil
+<em class="gesperrt">mehr</em>. Es ist ein absolut ideales Verhältniß
+zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies
+Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth
+gemacht hat und noch macht.«</p>
+
+<p>»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow.
+»Mir persönlich zu besondrer Genugthuung und
+Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie
+hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen,
+und selbst ihre Schwächen sind reizend
+und liebenswürdig. Und daneben dieser <em class="gesperrt">Schach</em>!
+Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber
+mir ist er nichts als ein Pedant und Wichtigthuer,
+und zugleich die Verkörperung jener preußischen
+Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat:
+erstes Hauptstück »die Welt ruht nicht sichrer
+auf den Schultern des Atlas, als der preußische
+Staat auf den Schultern der preußischen Armee«,
+zweites Hauptstück »der preußische Infanterieangriff
+ist unwiderstehlich«, und drittens und
+letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange
+das Regiment Garde du Corps nicht angegriffen
+hat«. Oder natürlich auch das Regiment Gensdarmes.
+Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder.
+Ich verabscheue solche Redensarten, und
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit
+solcher Rodomontaden erkennen wird.«</p>
+
+<p>»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er
+ist immerhin einer unserer Besten.«</p>
+
+<p>»Um so schlimmer.«</p>
+
+<p>»Einer unsrer Besten, sag ich, und <em class="gesperrt">wirklich</em>
+ein Guter. Er spielt nicht blos den Ritterlichen,
+er <em class="gesperrt">ist</em> es auch. Natürlich auf seine Weise.
+Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine
+Maske.«</p>
+
+<p>»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz.
+»Ich habe nicht viel für ihn übrig, aber das ist
+wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife
+Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend
+ich sie finde. Und <em class="gesperrt">darin</em> unterscheidet er sich
+von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob
+er in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht,
+oder beim Zubettegehn sich seine saffranfarbenen
+Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht
+liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über
+ihn haben.«</p>
+
+<p>»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an,
+»daß ich in der Haude und Spenerschen gelesen,
+der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen
+Antonius zum Obristlieutenant befördert und
+seinen Kriegsminister angewiesen, besagtem Heiligen
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben.
+Welche Gutschreibung mir einen noch größeren
+Eindruck gemacht hat, als die Beförderung. Aber
+gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen
+und Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn
+ich die Gefühle dieser Stunde, zugleich aber den
+von mir geforderten Entscheid und Richterspruch,
+in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät
+der Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«</p>
+
+<p>»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow,
+»damit haben Sie's getroffen. Die ganze Lächerlichkeit
+auf einen Schlag. Der kleine Mann
+in den großen Stiefeln! Aber meinetwegen, er
+lebe!«</p>
+
+<p>»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch
+noch die Sprache von »Sr. Majestät getreuster
+Opposition,« antwortete Sander und erhob sich.
+»Und nun Fritz, die Rechnung. Erlauben die
+Herren, daß ich das Geschäftliche arrangire.«</p>
+
+<p>»In besten Händen,« sagte Nostitz.</p>
+
+<p>Und fünf Minuten später traten alle wieder
+ins Freie. Der Staub wirbelte vom Thor her
+die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes
+Gewitter im Anzug, und die ersten großen Tropfen
+fielen bereits.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Hâtez-vous.</span>«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>Und Jeder folgte der Weisung und mühte
+sich, so rasch wie möglich und auf nächstem Wege
+seine Wohnung zu erreichen.</p>
+
+<h2>Viertes Kapitel.<br/>
+<small>In Tempelhof.</small></h2>
+
+<p>Der nächste Morgen sah Frau von Carayon
+und Tochter in demselben Eckzimmer, in dem sie
+den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
+hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben
+ihm auf Kosten aller andern den Vorzug. Es
+hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden
+unter einander im rechten Winkel stehenden auf
+die Behren- und Charlottenstraße sahen, während
+das dritte, thürartige, das ganze, breit abgestumpfte
+Eck einnahm, und auf einen mit einem
+vergoldeten Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon
+hinausführte. Sobald es die Jahreszeit erlaubte,
+stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von
+beinah jeder Stelle des Zimmers aus, einen
+Blick auf das benachbarte Straßentreiben, das,
+der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher
+Zeit ein besonders belebtes war, am meisten um
+die Zeit der Frühjahrsparaden, wo nicht blos die
+berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger
+war, auch die Regimenter der Garde du
+Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer
+silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen.
+Bei solcher Gelegenheit (wo sich dann selbstverständlich
+die Augen der Herrn Offiziers zu dem
+Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst
+seinen eigentlichen Werth, und hätte gegen kein
+anderes vertauscht werden können.</p>
+
+<p>Aber es war auch an stillen Tagen ein
+reizendes Zimmer, vornehm und gemüthlich zugleich.
+Hier lag der türkische Teppich, der noch
+die glänzenden, fast ein halbes Menschenalter
+zurückliegenden Petersburger Tage des Hauses
+Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne
+Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina,
+und hier paradirte vor allem auch der große,
+reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau
+täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch
+eine schöne Frau sei. Victoire ließ zwar keine
+Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen
+wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau
+von Carayon war doch klug genug, es sich jeden
+Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes
+Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr
+Blick in solchem Momente zu dem Bilde des mit
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+einem rothen Ordensband in ganzer Figur über
+dem Sopha hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt,
+oder ob sich ihr ein stattlicheres Bild
+vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft,
+der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen
+kannte. Denn Herr von Carayon war
+ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen,
+der außer einigen in der Nähe von Bordeaux
+lebenden vornehmen Carayons und einer ihn mit
+Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation,
+nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte.
+Am wenigsten aber männliche Schönheit.</p>
+
+<p>Es schlug elf, erst draußen, dann in dem
+Eckzimmer, in welchem beide Damen an einem
+Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür
+war weit auf, denn trotz des Regens, der
+bis an den Morgen gedauert hatte, stand die
+Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte
+so ziemlich dieselbe Schwüle, die schon den Tag
+vorher geherrscht hatte. Victoire blickte von
+ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen
+kleinen Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei
+Farben am Hut, von denen sie zu sagen liebte,
+daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien,
+die Charlottenstraße heraufkam.</p>
+
+<p>»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+Schachs kleiner Ned. Und wie wichtig er wieder
+thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und
+immer mehr eine Puppe. Was er nur bringen
+mag?«</p>
+
+<p>Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt
+bleiben. Schon einen Augenblick später hörten
+beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in
+Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger
+Tage miterlebt hatte, trat ein, um auf einem
+silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen.
+Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon
+adressirt.</p>
+
+<p>»An <em class="gesperrt">Dich</em> Mama.«</p>
+
+<p>»Lies nur,« sagte diese.</p>
+
+<p>»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor
+Geheimnissen.«</p>
+
+<p>»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das
+Billet und las: »Meine gnädigste Frau. Der
+Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege
+gebessert, sondern auch die <ins title="Luft,">Luft.</ins> Alles in allem
+ein so schöner Tag, wie sie der April uns Hyperboreern
+nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr
+mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten,
+um Sie und Fräulein Victoire zu einer Spazierfahrt
+abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich
+Ihre Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich
+<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>
+bin, Ihnen gehorchen zu können. Bitte Bescheid
+durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug
+im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu
+verwechseln. Unter Gruß und Empfehlungen an
+meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer
+Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr
+Schach.«</p>
+
+<p>»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«</p>
+
+<p>»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen,
+Mama?«</p>
+
+<p>»Nun denn also ›ja‹.«</p>
+
+<p>Victoire hatte sich mittlerweile bereits an
+den Schreibtisch gesetzt, und ihre Feder kritzelte:
+»Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele vorläufig
+im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment
+erst da, so wird er uns auch das Richtige
+wählen lassen.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon las über Victoires
+Schulter fort. »Es klingt so vieldeutig,« sagte sie.</p>
+
+<p>»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und
+Du kontrasignirst.«</p>
+
+<p>»Nein; laß es nur.«</p>
+
+<p>Und Victoire schloß das Blatt, und gab es
+dem draußen wartenden Groom.</p>
+
+<p>Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte,
+fand sie die Mama nachdenklich. »Ich
+<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>
+liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten
+solche Räthselsätze.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Du</em> dürftest sie auch nicht schreiben. Aber
+ich? Ich darf alles. Und nun höre mich. Es
+muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden
+so viel, auch schon zu mir, und da Schach immer
+noch schweigt und Du nicht sprechen <em class="gesperrt">darfst</em>, so
+muß <em class="gesperrt">ich</em> es thun statt Eurer und Euch verheirathen.
+Alles in der Welt kehrt sich einmal
+um. Sonst verheirathen Mütter ihre Tochter,
+hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich.
+Er liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren
+seid ihr gleich, und ihr werdet das schönste Paar
+sein, das seit Menschengedenken im französischen
+Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut
+wurde. Du siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich
+der Prediger und der Kirche die Wahl;
+mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß
+Du mich mit in die Ehe bringst, ist nicht gut,
+aber auch nicht schlimm. Wo viel Licht ist, ist
+viel Schatten.«</p>
+
+<p>Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach
+meine süße Victoire, Du siehst es anders, als es
+liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
+überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen,
+wie Du gelegentlich liebst, widerstreitet mir. Ich
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>
+mag auch nicht philosophiren. Aber <em class="gesperrt">das</em> laß
+Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns,
+und was Ursach scheint, ist meist schon wieder
+Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine kleine
+Hand wird das Band <em class="gesperrt">nicht</em> knüpfen, das Du
+knüpfen möchtest. Es geht nicht, es kann nicht
+sein. Ich weiß es besser. Und warum auch?
+Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur <em class="gesperrt">Dich</em>.«</p>
+
+<p>Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen
+einer alten Dame, Schwester des verstorbenen
+Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden
+Dienstag ein für allemal zu Mittag geladen war,
+und unter »zu Mittag« pünktlicherweise zwölf
+Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den
+Carayons erst um drei Uhr gegessen wurde.
+Tante <em class="gesperrt">Marguerite</em>, das war ihr Name, war
+noch eine echte Koloniefranzösin, d.&nbsp;h. eine alte
+Dame, die das damalige, sich fast ausschließlich
+im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
+Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder
+»Kürschen« aß, oder in die »Kürche« ging, und
+ihre Rede selbstverständlich mit französischen Einschiebseln
+und Anredefloskeln garnirte. Sauber
+und altmodisch gekleidet, trug sie Sommer und
+Winter denselben kleinen Seidenmantel, und
+hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei
+<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
+den alten Koloniedamen so allgemein war, daß
+Victoire einmal als Kind gefragt hatte: »Wie
+kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten
+so ›ich weiß nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte
+sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem Seidenmantel
+Tante Margueritens gehörten auch noch
+ein Paar seidene Handschuhe, die sie ganz besonders
+in Ehren hielt, und immer erst auf
+dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen,
+an denen sie's nie fehlen ließ, entbehrten
+all und jedes Interesses, am meisten
+aber dann, wenn sie, was sie sehr liebte, von
+hohen und höchsten Personen sprach. Ihre Spezialität
+waren die kleinen Prinzessinnen der
+königlichen Familie: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la petite princesse Charlotte,
+et la petite princesse Alexandrine</span>, die sie
+gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
+französischen Erzieherin sah, und mit denen sie
+sich derartig liirt fühlte, daß, als eines Tages
+die Brandenburger Thorwache beim Vorüberfahren
+von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la princesse Alexandrine</span> versäumt
+hatte, rechtzeitig ins Gewehr zu treten und die
+Trommel zu rühren, sie nicht nur das allgemeine
+Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß
+überhaupt ansah, als ob Berlin ein Erdbeben
+gehabt habe.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Das war das Tantchen, das eben eintrat.</p>
+
+<p>Frau von Carayon ging ihr entgegen und
+hieß sie herzlich willkommen, herzlicher als sonst
+wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
+Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden
+war, das selbst fallen zu lassen, sie nicht mehr
+die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite
+fühlte sofort heraus, wie günstig heute die
+Dinge für sie lagen, und begann denn auch in
+demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
+Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt
+hatte, sich dem hohen Adel königlicher Residenzien
+zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der »Allerhöchsten
+Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus
+der Adelssphäre waren ihren Hofanekdoten in
+der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein für
+allemal passiren können, wenn sie nicht die
+Schwäche gehabt hätte, die doch immerhin wichtige
+Personalfrage mit einer äußersten Geringschätzung
+zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
+beständig die Namen, und wenn sie von
+einer Escapade der Baronin Stieglitz erzählte,
+so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin
+Taube gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten
+denn auch das heutige Gespräch, Neuigkeiten,
+unter denen <em class="gesperrt">die</em>, »daß der Rittmeister
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+von Schenk vom Regiment Garde du Corps der
+Prinzessin von Croy eine Serenade gebracht habe«
+die weitaus wichtigste war, ganz besonders als
+sich nach einigem Hin- und Herfragen herausstellte,
+daß der Rittmeister von Schenk in den
+Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du
+Corps in das Regiment Gensdarmes, und die
+Prinzessin von Croy in die Prinzessin von Carolath
+zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen
+wurden von Seiten der Tante jedesmal ohne
+jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen,
+und solche Verlegenheit kam ihr denn auch <em class="gesperrt">heute</em>
+nicht, als ihr, zum Schluß ihrer Geschichte, mitgetheilt
+wurde, daß der Rittmeister von Schenk
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">alias</span> Schach noch im Laufe dieses Nachmittags
+erwartet werde, da man eine Fahrt über Land
+mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier
+wie er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine
+liebe Verwandte des Hauses an dieser Ausfahrt
+mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die
+von Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen
+und von einem unwillkürlichen Zupfen
+an ihrem Taftkleide begleitet wurde.</p>
+
+<p>Um Punkt drei war man zu Tische gegangen
+und um Punkt vier &ndash; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'exactitude est la politesse
+des rois</span>, würde Bülow gesagt haben &ndash; erschien
+<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>
+eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür
+in der Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr,
+wollte die Zügel dem Groom geben, beide Carayons
+aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her,
+und waren im nächsten Moment mit einer ganzen
+Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und Regenschirmen
+unten am Wagenschlag. Mit ihnen
+auch Tante Marguerite, die nunmehr vorgestellt
+und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen
+Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt
+wurde.</p>
+
+<p>»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«</p>
+
+<p>»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.</p>
+
+<p>»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das
+undunkelste Ziel von der Welt. Namentlich heute.
+Sonne und wieder Sonne.«</p>
+
+<p>In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße
+hinunter, erst auf das Rondel und das
+Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der
+zum Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem
+Fahren nöthigte. Schach glaubte sich entschuldigen
+zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und
+in halber Wendung bequem mit ihm sprechen
+konnte, war, als echtes Stadtkind, aufrichtig
+entzückt über all und jedes, was sie zu beiden
+Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde
+<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+Fragen zu stellen und ihn durch das Interesse,
+das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten
+amüsirten sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten,
+die zwischen den Sträuchern und
+Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
+Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert
+Papilloten im Winde flatterten und klapperten.</p>
+
+<p>Endlich war man den Anhang hinauf, und
+über den festen Lehmweg hin, der zwischen den
+Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf
+Tempelhof zu. Neben der Straße stiegen Drachen
+auf, Schwalben schossen hin und her, und am
+Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen
+Dörfer.</p>
+
+<p>Tante Marguerite, die, bei dem Winde der
+ging, beständig bemüht war, ihren kleinen Mantelkragen
+in Ordnung zu halten, übernahm es
+nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und
+setzte dabei beide Carayonsche Damen ebenso sehr
+durch ihre Namensverwechselungen, wie durch
+Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten
+in Erstaunen.</p>
+
+<p>»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer
+Kürchthürm! Aehnelt er nicht unsrer Dorotheenstädtschen
+Kürche?«</p>
+
+<p>Victoire schwieg.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe
+Victoire, nein, um seinem Corps de Logis.«</p>
+
+<p>Beide Damen erschraken. Es geschah aber
+was gewöhnlich geschieht, <em class="gesperrt">das</em> nämlich, das alles
+das was die Näherstehenden in Verlegenheit
+bringt, von den <ins title="Fernenstehenden">Fernerstehenden</ins> entweder überhört
+oder aber mit Gleichgültigkeit aufgenommen
+wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu
+lang in der Welt alter Prinzessinnen und Hofdamen
+gelebt, um noch durch irgend ein Dummheits-
+oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres
+Erstaunen gesetzt werden zu können. Er lächelte
+nur und benutzte das Wort »Dorotheenstädtische
+Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon
+zu fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß
+genommen habe, das in ebengenannter Kirche,
+<ins title="eitens">seitens</ins> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+Grafen von der Mark errichtet worden sei?«</p>
+
+<p>Mutter und Tochter verneinten. Tante
+Marguerite jedoch, die nicht gerne zugestand,
+etwas <em class="gesperrt">nicht</em> zu wissen oder wohl gar nicht gesehen
+zu haben, bemerkte ganz ins allgemeine
+hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er so
+früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und
+ähnelte doch seiner hochseligen Frau Mutter um
+beiden Augen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Einen Augenblick war es, als ob der in
+seinem Legitimitätsgefühle stark verletzte Schach
+antworten und den »von seiner hochseligen
+Mutter« geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs
+schmählichste dethronisiren wollte, rasch aber
+übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies
+also lieber um doch wenigstens etwas zu thun,
+auf das eben sichtbar werdende grüne Kuppeldach
+des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im
+nächsten Augenblick in die große, mit alten Linden
+bepflanzte Dorfgasse von Tempelhof ein.</p>
+
+<p>Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus.
+Er gab dem Groom die Zügel und sprang ab,
+um den Damen beim Aussteigen behülflich zu
+sein. Aber nur Frau von Carayon und Victoire
+nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
+Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden
+habe, daß man sich auf seinen eigenen
+Händen immer am besten verlassen könne.«</p>
+
+<p>Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt,
+und der von einem Staketenzaun eingefaßte
+Vorplatz war denn auch an allen seinen
+Tischen besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit.
+Als man aber eben schlüssig geworden war, in
+dem Hintergarten, unter einem halboffenen Kegelbahnhäuschen,
+den Kaffee zu nehmen, ward einer
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+der Ecktische frei, so daß man in Front des
+Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße verbleiben
+konnte. Das geschah denn auch, und es
+traf sich, daß es der hübscheste Tisch war. Aus
+seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
+auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig
+noch an allem Laubschmucke fehlte, so saßen
+doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
+zwitscherten. Und nicht <em class="gesperrt">das</em> blos sah man;
+Equipagen hielten in der Mitte der Dorfstraße,
+die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
+Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde
+herein kamen, zogen an der Wagenreihe vorüber.
+Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von
+rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen
+hörte man die Betglocke, die läutete. Denn es
+war eben die sechste Stunde.</p>
+
+<p>Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie
+waren, oder vielleicht auch <em class="gesperrt">weil</em> sie's waren,
+enthusiasmirten sich über all und jedes, und
+jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in
+die Tempelhofer Kirche zur Sprache brachte.
+Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante
+Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen
+Viehe« fürchtete, wäre lieber am <ins title="Kaffetische">Kaffeetische</ins>
+zurückgeblieben, als ihr aber der zu weiterer
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste
+versichert hatte, »daß sie sich um den Bullen
+nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <ins title="Victoriens">Victoirens</ins>
+Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße
+hinaus, während Schach und Frau von Carayon
+folgten. Alles, was noch an dem Staketenzaune
+saß, sah ihnen nach.</p>
+
+<p>»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte
+Frau von Carayon und lachte.</p>
+
+<p>Schach sah sie fragend an.</p>
+
+<p>»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und
+niemand Geringeres als Tante Marguerite hat
+uns heute Mittag davon erzählt.«</p>
+
+<p>»Wovon?«</p>
+
+<p>»Von der Serenade. Die Carolath ist eine
+Dame von Welt und vor allem eine Fürstin.
+Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird,
+›daß Sie der garstigsten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">princesse</span> vor der schönsten
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">bourgeoise</span> den Vorzug geben würden.‹ Jeder
+garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß
+ist die Carolath auch noch schön. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Un teint de
+lys et de rose.</span> Sie werden mich eifersüchtig
+machen.«</p>
+
+<p>Schach küßte der schönen Frau die Hand.
+»Tante Marguerite hat Ihnen richtig berichtet,
+und Sie sollen nun alles hören. Auch das
+<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>
+Kleinste. Denn, wenn es mir, wie zugestanden,
+eine Freude gewährt, einen solchen Abend unter
+meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir
+doch eine noch größere Freude, mit meiner schönen
+Freundin darüber plaudern zu können. Ihre
+Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so
+voll guten Herzens sind, machen mir erst alles
+lieb und werth. Lächeln Sie nicht. Ach daß
+ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine,
+Sie sind mir das Ideal einer Frau: klug und
+doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, espritvoll
+und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen,
+die mein <em class="gesperrt">Herz</em> darbringt, gelten nach wie vor
+nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten und
+Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine
+theure Freundin, daß Sie nicht einmal wissen,
+wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie über
+mich üben.«</p>
+
+<p>Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und
+das Auge der schönen Frau leuchtete, während
+ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber
+nahm sie den scherzhaften Ton wieder auf und
+sagte: »Wie gut Sie zu sprechen verstehen.
+Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus
+der Verschuldung heraus.«</p>
+
+<p>»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+bei der Verschuldung, die nach Sühne verlangt.
+Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich
+gestern. Ich hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend
+war, und erschrak fast, als ich Bülow sah,
+und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander.
+Wie kommt er nur in Ihre Gesellschaft?«</p>
+
+<p>»Er ist der Schatten Bülows.«</p>
+
+<p>»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal
+schwerer wiegt als der Gegenstand, der ihn wirft.
+Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll
+ihn noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch
+erzählen hörte, ›Sander, wenn er seine Brunnenpromenade
+vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
+herum.‹ Und <em class="gesperrt">dieser</em> Mann Bülows Schatten!
+Wenn Sie lieber sagten, sein Sancho Pansa&nbsp;....«</p>
+
+<p>»So nehmen Sie Bülow selbst als Don
+Quixote?«</p>
+
+<p>»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß
+es mir im allgemeinen widersteht, zu medisiren,
+aber dies ist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au fond</span> nicht medisiren, ist eher
+Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha
+war ein ehrlicher Enthusiast, und nun frag ich
+Sie, theuerste Freundin, läßt sich von Bülow
+dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch,
+nichts weiter, und das Feuer, das in ihm brennt,
+ist einfach das einer infernalen Eigenliebe.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist
+verbittert, gewiß; aber ich fürchte, daß er ein
+Recht hat, es zu sein.«</p>
+
+<p>»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet,
+wird immer tausend Gründe haben, verbittert
+zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
+und predigt die billigste der Weisheiten, die
+Weisheit <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">post festum</span>. Lächerlich. An allem,
+was uns das letzte Jahr an Demüthigungen
+gebracht hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der
+Uebermuth oder die Kraft unserer Feinde schuld,
+o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren
+Kraft unschwer haben begegnen können, wenn
+man sich unsrer Talente, will also sagen, der
+Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das
+unterließ die Welt, und daran geht sie zu Grunde.
+So geht es endlos weiter. Darum Ulm und
+darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen
+gewonnen, sich anders zugetragen, wenn diesem
+korsischen Thron- und Kronenräuber, diesem Engel
+der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die
+Lichtgestalt Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten
+wäre. Mir widerwärtig. Ich hasse
+solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig
+und Hohenlohe, wie von lächerlichen
+Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>
+Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den
+Schultern des Atlas ruht, als Preußen auf den
+Schultern seiner Armee.«</p>
+
+<p>Während dieses Gespräch zwischen Schach
+und Frau von Carayon geführt wurde, war das
+ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
+gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein
+frisch gepflügtes Ackerfeld hin sich abzweigte.</p>
+
+<p>»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen
+und zeigte mit ihrem Parasol auf ein neugedecktes
+Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp
+und Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte,
+was sich ohnehin nicht bestreiten ließ,
+und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um
+die Mama durch eine Kopf- und Handbewegung
+zu fragen, ob man den hier abzweigenden Fußpfad
+einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
+zustimmend, und Tante und Nichte schritten in
+der angedeuteten Richtung weiter. Ueberall aus
+dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
+noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest
+gebaut hatten, ganz zuletzt aber kam ein
+Stück brachliegendes Feld, das bis an die Kirchhofsmauer
+lief, und, außer einer spärlichen
+Grasnarbe, nichts aufwies, als einen trichterförmigen
+Tümpel, in dem ein Unkenpaar musizirte,
+<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+während der Rand des Tümpels in hohen Binsen
+stand.</p>
+
+<p>»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«</p>
+
+<p>»Ja, liebe Tante.«</p>
+
+<p>»Kannst Du Dir denken, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ma chère</span>, daß, als
+ich jung war, die Binsen als kleine Nachtlichter
+gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig
+auf einem Glase schwammen, wenn man krank
+war oder auch bloß nicht schlafen konnte&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man
+Wachsfädchen, die man zerschneidet, und in ein
+Kartenstückchen steckt.«</p>
+
+<p>»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher
+waren es Binsen, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">des joncs</span>. Und sie brannten
+auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn
+sie müssen doch ein natürliches Fett gehabt haben,
+ich möchte sagen etwas Kienenes.«</p>
+
+<p>»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire,
+die der Tante nie widersprach, und horchte,
+während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, in
+dem das Musiziren der Unken immer lauter
+wurde. Gleich danach aber sah sie, daß ein
+halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im
+vollen Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen
+weißen Spitz sich neckte, der bellend und beißend
+an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+Kleine, mitten im Lauf, einen an einem Strick
+und einem Klöppel hängenden Kirchenschlüssel in
+die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf,
+daß weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr
+weh thun konnte. Zuletzt aber blieb sie stehn
+und hielt die linke Hand vor die Augen, weil
+die niedergehende Sonne sie blendete.</p>
+
+<p>»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte das Kind.</p>
+
+<p>»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder
+komm mit uns und schließ uns die Kirche wieder
+auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die
+Herrschaften da.«</p>
+
+<p>»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder
+vorauf, überkletterte die Kirchhofsmauer und verschwand
+alsbald hinter den Haselnuß- und Hagebuttensträuchern,
+die hier so reichlich standen, daß
+sie, trotzdem sie noch kahl waren, eine dichte Hecke
+bildeten.</p>
+
+<p>Das Tantchen und Victoire folgten ihr und
+stiegen langsam über verfallene Gräber weg, die
+der Frühling noch nirgends mit seiner Hand berührt
+hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und
+nur unmittelbar neben der Kirche war eine
+schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt.
+Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken,
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>
+und als Schach und Frau von Carayon im
+nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg
+des Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire
+entgegen und gab der Mutter die Veilchen.</p>
+
+<p>Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen
+und saß wartend auf dem Schwellstein;
+als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich
+rasch und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren
+Chorstühle fast so schräg standen, wie die Grabkreuze
+draußen. Alles wirkte kümmerlich und
+zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der
+hinter den nach Abend zu gelegenen Fenstern
+stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen
+Schimmer und erneuerte, für Augenblicke
+wenigstens, die längst blind gewordene Vergoldung
+der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
+katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es
+konnte nicht ausbleiben, daß das genferisch reformirte
+Tantchen aufrichtig erschrak, als sie dieser
+»Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter
+seine Liebhabereien auch die Genealogie zählte,
+fragte bei der Kleinen an, ob nicht vielleicht alte
+Grabsteine da wären?</p>
+
+<p>»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser
+hier,« und wies auf ein abgetretenes, aber doch
+noch deutlich erkennbares Steinbild, das aufrecht
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert
+war. Es war ersichtlich ein Reiteroberst.</p>
+
+<p>»Und wer ist es?« fragte Schach.</p>
+
+<p>»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind,
+»und hieß der Ritter von Tempelhof. Und
+diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten
+machen, weil er wollte, daß er ihm ähnlich
+werden sollte.«</p>
+
+<p>Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil
+das Aehnlichkeitsbedürfniß des angeblichen Ritters
+von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem
+Herzen traf.</p>
+
+<p>»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine
+fort, »und baute zuletzt auch das Dorf, und
+nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof
+hieß. Und die Berliner sagen »Templow«.
+Aber es ist falsch.«</p>
+
+<p>All das nahmen die Damen in Andacht hin,
+und nur Schach, der neugierig geworden war,
+fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre
+noch aus den Lebzeiten des Ritters wisse?«</p>
+
+<p>»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber
+nachher.«</p>
+
+<p>Alle horchten auf, am meisten das sofort
+einen leisen Grusel verspürende Tantchen, die
+Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort:
+<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+»Ob es alles so wahr ist, wie die Leute sagen,
+das weiß ich nicht. Aber der alte Kossäthe
+Maltusch hat es noch mit erlebt.«</p>
+
+<p>»Aber was denn, Kind?«</p>
+
+<p>»Er lag hier vor dem Altar über hundert
+Jahre, bis es ihn ärgerte, daß die Bauern und
+Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden,
+und ihm das Gesicht abschurrten, wenn sie zum
+Abendmahl gingen. Und der alte Maltusch,
+der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem
+Vater erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen
+Ohren gehört, daß es noch mitunter so gepoltert
+und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
+Schmargendorf donnert.«</p>
+
+<p>»Wohl möglich.«</p>
+
+<p>»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern
+und Rollen bedeutete,« fuhr die Kleine fort.
+»Und so ging es bis das Jahr, wo der russische
+General, dessen Namen ich immer vergesse, hier
+auf dem Tempelhofer Felde lag. Da kam einen
+Sonnabend der vorige Küster und wollte die
+Singezahlen wegwischen und neue für den Sonntag
+anschreiben. Und nahm auch schon das
+Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male,
+daß die Zahlen schon weggewischt und neue
+Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben
+waren. Alles altmodisch und undeutlich, und
+nur so grade noch zu lesen. Und als sie nachschlugen,
+da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten
+in Ehren halten und ihn nicht schädigen an
+seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die
+Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf,
+und mauerten ihn in diesen Pfeiler.«</p>
+
+<p>»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite,
+die, je schrecklicher sie sich vor Gespenstern fürchtete,
+desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, »ich
+finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem
+Aberglauben thun.« Und dabei wandte sie sich
+ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
+und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht
+anging, mit dem Tantchen wetteifern
+konnte, wieder dem Ausgange zu.</p>
+
+<p>Schach folgte mit Victoire, der er den Arm
+gereicht hatte.</p>
+
+<p>»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte
+diese. »Meine Tempelritter-Kenntniß beschränkt
+sich freilich nur auf den <em class="gesperrt">einen</em> im ›Nathan,‹
+aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht
+<em class="gesperrt">zu</em> willkürlich behandelt hat, so müssen die
+Tempelritter durchaus anders ausgesehen haben.
+Hab ich Recht?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>»<em class="gesperrt">Immer</em> Recht, meine liebe Victoire.«
+Und der Ton dieser Worte traf ihr Herz und
+zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen
+bewußt gewesen wäre.</p>
+
+<p>»Wohl. Aber wenn kein Templer, was
+<em class="gesperrt">dann</em>?« fragte sie weiter und sah ihn zutraulich
+und doch verlegen an.</p>
+
+<p>»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen
+Krieges. Oder vielleicht auch erst aus
+den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
+Namen: Achim von Haake.«</p>
+
+<p>»So halten Sie die ganze Geschichte für ein
+Märchen?«</p>
+
+<p>»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht
+in allem. Es ist erwiesen, daß wir Templer in
+diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
+vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene
+Templertage zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«</p>
+
+<p>»Ich höre so gern von diesem Orden.«</p>
+
+<p>»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand
+Gottes am schwersten heimgesucht worden und
+eben deshalb auch der poetischste und interessanteste.
+Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,
+Verleugnung Christi, Laster aller Art.
+Und ich fürchte mit Recht. Aber groß wie seine
+Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+zu geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig
+Ueberlebende die Schuld voraufgegangener Geschlechter
+zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal
+aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie
+fehlen und irren, dem Alltäglichen entziehn.
+Und so sehen wir denn den schuldbeladenen
+Orden, all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet,
+schließlich in einem wiedergewonnenen Glorienschein
+zu Grunde gehen. Es war der Neid, der
+ihn tödtete, der Neid und der Eigennutz, und
+schuldig oder nicht, mich überwältigt seine Größe.«</p>
+
+<p>Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber
+Schach, könnte meinen, einen nachgebornen Templer
+in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein
+mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein
+Gelübde. Hätten Sie's vermocht als Templer
+zu leben und zu sterben?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch
+kleidsamer war, als die Supra-Weste der Gensdarmes.«</p>
+
+<p>»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen
+mich. Glauben Sie mir, es lebt etwas
+in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken
+läßt.«</p>
+
+<p>»Um es zu halten?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie
+rasch in wieder scherzhafter werdendem Tone
+fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden
+auf dem Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen
+Personen, die den Beinamen des ›<em class="gesperrt">Schönen</em>‹
+führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe,
+nicht aus Neid. Aber die Schönheit, das muß
+wahr sein, macht selbstisch, und wer selbstisch ist,
+ist undankbar und treulos.«</p>
+
+<p>Schach suchte zu widerlegen. Er wußte,
+daß sich Victoirens Worte, so sehr sie Piquanterien
+und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen
+<em class="gesperrt">ihn</em> gerichtet haben konnten. Und darin traf
+er's auch. Es war alles nur <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">jeu d'esprit</span>, eine
+Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren.
+Und doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß
+es absichtslos gesagt worden war, so gewiß war
+es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus
+gesprochen worden.</p>
+
+<p>Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang
+erreicht, und Schach hielt, um auf Frau
+von Carayon und Tante Marguerite, die sich
+beide versäumt hatten, zu warten.</p>
+
+<p>Als sie heran waren, bot er der Frau von
+Carayon den Arm, und führte <em class="gesperrt">diese</em> bis an das
+Gasthaus zurück.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann
+nach über den Tausch, den Schach mit keinem
+Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was
+war das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich,
+aus einem plötzlichen Argwohn heraus, die selbstgestellte
+Frage beantwortet hatte.</p>
+
+<p>Von einem Wiederplatznehmen vor dem
+Gasthause war keine Rede mehr, und man gab
+es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen
+kühl geworden und der Wind, der den ganzen
+Tag über geweht hatte, nach Nordwesten hin
+umgesprungen war.</p>
+
+<p>Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus,
+»um nicht gegen dem Winde zu fahren.«</p>
+
+<p>Niemand widersprach. So nahm sie denn
+den erbetenen Platz, und während jeder in
+Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag
+gebracht hatte, ging es in immer rascherer Fahrt
+wieder auf die Stadt zurück.</p>
+
+<p>Diese lag schon in Dämmer als man bis
+an den Abhang der Kreuzberghöhe gekommen
+war und nur die beiden Gensdarmenthürme
+ragten noch mit ihren Kuppeln aus dem graublauen
+Nebel empor.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>Fünftes Kapitel.<br/>
+<small>Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.</small></h2>
+
+<p>Berlin, den 3. Mai. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma chère Lisette.</span></p>
+
+<p>Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören,
+und so Gutes. Nicht als ob ich es anders erwartet
+hätte; wenige Männer hab ich kennen
+gelernt, die mir so ganz eine Garantie des
+Glückes zu bieten scheinen, wie der Deinige.
+Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von
+jenem schönen Wissens- und Bildungsmaß, das
+ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig vermeidet.
+Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch
+gefährlichere ist. Denn junge Frauen sind nur
+zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du sollst
+keine andren Götter haben neben mir.« Ich
+sehe das beinah täglich bei Rombergs, und Marie
+weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten
+wenig Dank, daß er über Politik und französische
+Zeitungen die Visiten und Toiletten vergißt.</p>
+
+<p>Was mir allein eine Sorge machte, war
+Deine neue masurische Heimat, ein Stück Land,
+das ich mir immer als einen einzigen großen
+Wald mit hundert Seen und Sümpfen vorgestellt
+habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat
+könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
+versetzen, das dann immer der Anfang zu Heimweh
+oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist.
+Und davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken
+die Männer. Aber ich sehe zu meiner herzlichen
+Freude, daß Du auch <em class="gesperrt">dieser</em> Gefahr entgangen
+bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn,
+grüne Pfingstmaien und keine Trauerbirken
+sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <ins title="muß">mußt</ins> Du
+mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den
+Dingen, die mich immer neugierig gemacht haben,
+und die kennen zu lernen mir bis diesen Augenblick
+versagt geblieben ist.</p>
+
+<p>Und nun soll ich Dir über <em class="gesperrt">uns</em> berichten.
+Du frägst theilnehmend nach all und jedem, und
+verlangst sogar von Tante Margueritens neuester
+Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu
+hören. Ich könnte Dir gerade <em class="gesperrt">davon</em> erzählen,
+denn es sind keine drei Tage, daß wir (wenigstens
+von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und
+geschüttelt Maß gehabt haben.</p>
+
+<p>Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr
+von <em class="gesperrt">Schach</em> mit uns machte, nach Tempelhof,
+und zu der auch das Tantchen aufgefordert
+werden mußte, weil es ihr Tag war. Du weißt,
+daß wir sie jeden Dienstag als Gast in unsrem
+Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in
+<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+der »Kürche«, wo sie, beim Anblick einiger Heiligenbilder
+aus der katholischen Zeit her, nicht nur
+beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang,
+sondern sich mit eben diesem Anliegen auch regelmäßig
+an Schach wandte, wie wenn dieser im
+Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil
+ich nun mal die Tugend oder Untugend habe,
+mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während
+des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich
+auszulachen. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Au fond</span> freilich ist es viel weniger
+lächerlich, als es im ersten Augenblick erscheint.
+Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und
+wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade
+dies Feierliche, was Bülow so sehr gegen ihn
+einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied
+der Meinungen.</p>
+
+<p>Und beinah klingt es, als ob ich mich in
+meiner Schilderung Bülow anschlösse. Wirklich,
+wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser
+Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen
+können, wie sehr ich ihn schätze. Ja, mehr denn
+je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht
+fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde
+sein, sich trösten, verzeihn. Hätt ich es <em class="gesperrt">nicht</em>
+gelernt, wie könnt ich leben, <em class="gesperrt">ich</em>, die ich so
+gern lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal
+<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>
+gelesen) alle diejenigen haben sollen, von denen
+man es am wenigsten begreift.</p>
+
+<p>Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen,
+und es drängt mich, Dir davon zu erzählen.</p>
+
+<p>Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt.
+Als wir den Gang aus dem Dorf in die Kirche
+machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig,
+es war arrangirt, und zwar durch <em class="gesperrt">mich</em>. Ich
+ließ beide zurück, weil ich eine Aussprache (Du
+weißt <em class="gesperrt">welche</em>) zwischen beiden herbeiführen
+wollte. Solche stillen Abende, wo man über
+Feld schreitet, und nichts hört als das Anschlagen
+der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten
+fort und machen uns freier. Und sind wir erst
+<em class="gesperrt">das</em>, so findet sich auch das rechte Wort. Was
+zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht,
+jedenfalls nicht <em class="gesperrt">das</em>, was gesprochen werden sollte.
+Zuletzt traten wir in die Kirche, die vom Abendroth
+wie durchglüht war, alles gewann Leben, und
+es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege
+tauschte Schach, und führte <em class="gesperrt">mich</em>. Er sprach
+sehr anziehend, und in einem Tone, der mir
+ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes
+Wort ist mir noch in der Erinnerung geblieben,
+und giebt mir zu denken. Aber was geschah?
+Als wir wieder am Eingange des Dorfes waren,
+<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>
+wurd er schweigsamer, und wartete auf die Mama.
+Dann bot er <em class="gesperrt">ihr</em> den Arm, und so gingen sie
+durch das Dorf nach dem Gasthause zurück, wo
+die Wagen hielten und viele Leute versammelt
+waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz,
+denn ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren,
+daß es ihm peinlich gewesen sei, mit <em class="gesperrt">mir</em> und
+an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen.
+In seiner Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen
+kann, ist es ihm unmöglich, sich über
+das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein
+spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche.
+So selbstbewußt er ist, so schwach und abhängig
+ist er in diesem <em class="gesperrt">einen</em> Punkte. Vor niemandem
+in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich
+ein solches Bekenntniß ablegen, aber <em class="gesperrt">Dir</em> gegenüber
+mußt ich es. Hab ich Unrecht, so sage mir,
+daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe,
+so halte mir eine Strafpredigt in allerstrengsten
+Worten, und sei versichert, daß ich sie mit dankbarem
+Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit
+unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern.
+Es ist ein Satz, daß Männer nicht eitel sein
+dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir scheint
+dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch
+richtig, so bedeutet Schach eine Ausnahme. Ich
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>
+hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein
+anderes für ihn. <em class="gesperrt">Eines</em> ist er vielleicht noch
+mehr, diskret, imponirend, oder doch voll natürlichen
+Ansehns, und sollte sich mir <em class="gesperrt">das</em> erfüllen,
+was ich um der Mama und auch um meinetwillen
+wünsche, so würd es mir nicht schwer werden,
+mich in eine Respektsstellung zu ihm hinein zu
+finden.</p>
+
+<p>Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr
+gescheidt gehalten, und ich meinerseits habe nur
+schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die
+beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen
+Mannes. Ich empfinde dies jedesmal, wenn er
+seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm
+dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter
+ihm zurück. Dabei fällt mir mitunter auf, wie
+der Groll, der sich in unserm Freunde regt, ihm
+eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit
+verleiht. Gestern hat er Sander, dessen Persönlichkeit
+Du kennst, den Bülowschen Sancho
+Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen
+ergeben sich von selbst, und ich find es nicht übel.</p>
+
+<p>Sanders Publikationen machen mehr von
+sich reden, denn je; die Zeit unterstützt das
+Interesse für eine lediglich polemische Litteratur.
+Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach
+<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>
+und Phull erschienen, die von den Eingeweihten
+als etwas Besonderes und nie Dagewesenes
+ausgepriesen werden. Alles richtet
+sich gegen Oesterreich, und beweist aufs neue,
+daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht
+sorgen darf. Schach ist empört über dies anmaßliche
+Besserwissen, wie er's nennt, und wendet
+sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen
+und Rennpferden. Sein kleiner Groom
+wird immer kleiner. Was bei den Chinesinnen
+die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die
+kleinen Proportionen überhaupt. Ich meinerseits
+verhalte mich ablehnend gegen beide, ganz besonders
+aber gegen die chinesisch eingeschnürten
+Füßchen, und bin umgekehrt froh, in einem
+bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, schwingen
+werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren
+Lisette. Thu' es mit der Milde, die Dir eigen
+ist. Empfiehl mich Deinem theuren Manne, der
+nur den <em class="gesperrt">einen</em> Fehler hat, Dich mir entführt
+zu haben. Mama grüßt und küßt ihren Liebling,
+ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, vergiß
+in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde,
+nicht <em class="gesperrt">ganz</em> Deine, wie Du weißt auf ein bloßes
+Pflichttheil des Glückes gesetzte <em class="gesperrt">Victoire</em>.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>Sechstes Kapitel.<br/>
+<small>Bei Prinz Louis.</small></h2>
+
+<p>An demselben Abend, an dem Victoire
+von Carayon ihren Brief an Lisette von Perbandt
+schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße
+gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet
+von der Hand des Prinzen Louis.</p>
+
+<p>Es lautete:</p>
+
+<p>»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei
+Tagen hier im Moabiter Land und dürste bereits
+nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile
+von der Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt
+nicht mehr und verlangt nach ihr. Darf
+ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und
+sein verlegerischer Anhang haben zugesagt, auch
+Massenbach und Phull. Also lauter Opposition,
+die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe.
+Von Ihrem Regiment werden Sie noch <ins title="Nostiz">Nostitz</ins>
+und Alvensleben treffen. Im Interimsrock und
+um fünf Uhr. Ihr <em class="gesperrt">Louis</em>, Prinz von Pr.«</p>
+
+<p>Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach,
+nachdem er Alvensleben und <ins title="Nostiz">Nostitz</ins> abgeholt
+hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag
+am rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und
+Werftweiden, und hatte die Front, über die
+<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
+Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens.
+Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite
+her. Eine breite, mit Teppich belegte Treppe
+führte bis auf ein Podium und von diesem auf
+einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen
+empfangen wurden. Bülow und Sander waren
+bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten
+sich entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden,
+fand schon Bülow mehr als genug, und trug kein
+Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt
+zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem
+Speisesaal, in den sie von dem Vestibul aus
+eintraten, brannten bereits die Lichter und waren
+(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien
+geschlossen. Zu diesem künstlich hergestellten Licht,
+in das sich von außen her ein Tagesschimmer
+mischte, stimmte das Feuer, in dem in der
+Mitte des Saales befindlichen Kamine. Vor
+eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß
+der Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden
+Jalousiebrettchen hindurch, auf die Bäume des
+Thiergartens.</p>
+
+<p>»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er,
+als die Tafelrunde sich arrangirt hatte. »Wir
+sind hier auf dem Lande, das muß als Entschuldigung
+dienen, für alles was fehlt. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A la
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+guerre, comme à la guerre.</span>‹ Massenbach, unser
+Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt,
+respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht
+überraschen würde. Heißt es doch, lieber Sander,
+Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr guter
+Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«</p>
+
+<p>»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen
+wage, Königliche Hoheit.«</p>
+
+<p>»Und doch <em class="gesperrt">müßten</em> Sie's eigentlich. Ihr
+ganzer Verlag hat keine Spur von jenem ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">laisser
+passer</span>,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller
+gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon,
+Bülow) schreiben alle wie Hungrige. Meinetwegen.
+Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis,
+aber daß Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht
+behandeln, das mißfällt mir.«</p>
+
+<p>»Bin <em class="gesperrt">ich</em> es, Königliche Hoheit? Ich, für
+meine Person, habe nicht die Prätension höherer
+Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu
+sagen aus meinem Verlage heraus, die Frage
+stellen dürfen: »war Ulm etwas Kluges?«</p>
+
+<p>»Ach, mein lieber Sander, was ist klug?
+Wir Preußen bilden uns beständig ein, es zu
+sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre
+vorjährige thüringische Aufstellung gesagt hat?
+Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er will nicht.
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>
+Nun, so muß ich es selber thun. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, ces
+Prussiens</span>‹ hieß es, ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ils sont encore <em class="gesperrt">plus</em> stupides,
+que les Autrichiens</span>‹. Da haben Sie Kritik über
+unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik
+von einer allerberufensten Seite her. Und hätt
+er's damit getroffen, so müßten wir uns schließlich
+zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns
+Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert,
+indem er für ein Mitbringsel unsre
+Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover?
+Es ist der Brocken, an dem der preußische Adler
+ersticken wird.«</p>
+
+<p>»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft
+unsres preußischen Adlers ein besseres Vertrauen,«
+erwiderte Bülow. »Gerade <em class="gesperrt">das</em> kann
+er und versteht er von alten Zeiten her. Indessen
+<em class="gesperrt">darüber</em> mag sich streiten lassen; worüber
+sich aber <em class="gesperrt">nicht</em> streiten läßt, das ist der Friede,
+den uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen
+ihn wie das tägliche Brot und mußten ihn haben,
+so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit
+haben freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz,
+der mich insoweit überrascht, als dieser
+Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von
+jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen
+gefunden hat.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht
+ernsthaft, und stell ihm außerdem noch in Rechnung,
+daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er
+eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie
+wissen doch, sein Vater war <em class="gesperrt">Friseur</em> und seiner
+Frau Vater ein <em class="gesperrt">Barbier</em>. Und nun kommt
+eben diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum
+Närrischwerden, sondern auch noch schlechte französische
+Verse macht, und fragt ihn, was schöner
+sei: ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">L'hirondelle <em class="gesperrt">frise</em> la surface des eaux</span>‹ oder
+›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">rase</em> la surface des eaux</span>?‹ Und was
+antwortet er? ›Ich sehe keinen Unterschied, meine
+Theure; <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">frise</em></span> huldigt <em class="gesperrt">meinem</em> Vater
+und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'hirondelle <em class="gesperrt">rase</em></span> dem <em class="gesperrt">Deinigen</em>.‹ In
+diesem Bonmot haben Sie den ganzen Lombard.
+Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich
+Ihnen offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage
+nicht widerstehen kann. Er ist ein
+Polisson, kein Charakter.«</p>
+
+<p>»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von
+Haugwitz sagen ließe, zum Guten wie zum
+Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen
+Hoheit den <em class="gesperrt">Mann</em> preis. Aber <em class="gesperrt">nicht</em> seine
+Politik. Seine Politik ist gut, denn sie rechnet mit
+gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit
+wissen das besser als ich. Wie steht es denn in
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+Wahrheit mit unsren Kräften? Wir leben von
+der Hand in den Mund und warum? weil der
+Staat Friedrichs des Großen nicht ein Land mit
+einer Armee, sondern eine Armee mit einem
+Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier
+und Verpflegungsmagazin. In sich selber entbehrt
+es aller großen Ressourcen. Siegen wir,
+so geht es; aber Kriege führen dürfen nur solche
+Länder, die Niederlagen ertragen können. Das
+können wir <em class="gesperrt">nicht</em>. Ist die Armee hin, so ist
+alles hin. Und wie schnell eine Armee hin sein
+kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. Ein Hauch
+kann uns tödten, gerad auch <em class="gesperrt">uns</em>. ›Er blies,
+und die Armada zerstob in alle vier Winde.‹
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Afflavit Deus et dissipati sunt.</span>«</p>
+
+<p>»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach,
+»möge mir eine Bemerkung verzeihn. Er wird
+doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt
+über die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen
+wollen, nicht <em class="gesperrt">den</em>, der die Armada zerblies.«</p>
+
+<p>»<em class="gesperrt">Doch</em>, Herr von Schach. Oder glauben Sie
+wirklich, daß der Odem Gottes im Spezialdienste
+des Protestantismus, oder gar Preußens und
+seiner Armee steht?«</p>
+
+<p>»Ich hoffe, ja.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>»Und ich fürchte, <em class="gesperrt">nein</em>. Wir haben die
+›propreste Armee‹, das ist alles. Aber mit der
+›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern
+sich Königliche Hoheit der Worte des
+großen Königs, als General Lehwald ihm seine
+dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte?
+›Propre Leute‹ hieß es. ›Da seh' er
+meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, <em class="gesperrt">aber
+beißen</em>‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel
+Lehwaldsche Regimenter und zu wenig altenfritzige.
+Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
+Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere,
+die, der großen Prallheit und Drallheit halber,
+ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.
+Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können,
+diese ganz gewöhnliche Fähigkeit des Menschen,
+die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen
+Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können
+ist jetzt die erste Bedingung des Erfolges.
+Alle modernen Schlachten sind mit den Beinen gewonnen
+worden.«</p>
+
+<p>»Und mit <em class="gesperrt">Gold</em>,« unterbrach hier der Prinz.
+»Ihr großer Empereur, lieber Bülow, hat eine
+Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für allerkleinste.
+Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein
+Meister in der Kunst der Bestechung. Und wer
+<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
+hat uns die Augen darüber geöffnet? Er selber.
+Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer
+Bataille sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der
+Feind wird marschiren und unsre Flanke zu gewinnen
+suchen; bei dieser Marschbewegung aber
+wird er die seinige preisgeben. Wir werden uns auf
+diese seine Flanke werfen, und ihn schlagen und
+vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht.
+Es ist unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung
+der Oesterreicher auch schon ihren
+Schlachtplan errathen haben könnte.«</p>
+
+<p>Man schwieg. Da dies Schweigen aber
+dem lebhaften Prinzen um vieles peinlicher war
+als Widerspruch, so wandt er sich direkt an
+Bülow und sagte: »Widerlegen Sie mich.«</p>
+
+<p>»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch
+ich denn. Der Kaiser wußte genau was geschehen
+werde, <em class="gesperrt">konnt</em> es wissen, weil er sich die Frage
+›was thut hier die <em class="gesperrt">Mittelmäßigkeit</em>‹ in vorausberechnender
+Weise nicht blos gestellt, sondern
+auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit,
+wie zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung
+wie die höchste Klugheit, &ndash; das ist
+eine von den großen Seiten der echten und unverfälschten
+Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹,
+die gerade klug genug sind, um von der Lust ›es
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+auch einmal mit etwas Geistreichem zu probiren‹,
+angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind
+allemal am leichtesten zu berechnen. Und warum?
+Weil sie jederzeit nur die Mode mitmachen und
+heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das
+alles wußte der Kaiser. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hic haeret.</span> Er hat
+sich nie glänzender bewährt, als in dieser Austerlitzer
+Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch
+nicht in <ins title="jenem">jenen</ins> Impromptus und witzigen Einfällen
+auf dem Gebiete des Grausigen, die so
+recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«</p>
+
+<p>»Ein Beispiel.«</p>
+
+<p>»Eines für hundert. Als das Centrum
+schon durchbrochen war, hatte sich ein Theil der
+russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso
+viel gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und
+eine französische Batterie fuhr auf, um mit Kartätschen
+in die Bataillone hineinzufeuern. In
+diesem Augenblick erschien der Empereur. Er
+überblickte sofort das Besondere der Lage. ›Wozu
+hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><ins title="?">?‹</ins> Und er befahl
+mit Vollkugeln auf das <em class="gesperrt">Eis</em> zu schießen.
+Eine Minute später und das Eis barst und
+brach, und alle vier Bataillone gingen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en carré</span>
+in die morastige Tiefe. Solche vom Moment
+eingegebenen Blitze hat nur immer das Genie.
+<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei
+nächster Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn
+Kutusow auf Eis wartet, wird er plötzlich in
+Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische
+Tapferkeit in Ehren, nur nicht ihr Ingenium.
+Irgendwo heißt es: ›In meinem Wolfstornister,
+Regt sich des Teufels Küster, Ein <em class="gesperrt">Kobold</em>,
+heißt ›Genie‹ &ndash; nun, in dem russisch-<ins title="östereichischen">österreichischen</ins>
+Tornister ist dieser ›Kobold und Teufelsküster‹
+nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um
+dies Manko zu kassiren, bedient man sich der
+alten, elenden Trostgründe: Bestechung und Verrätherei.
+Jedem Besiegten wird es schwer, den
+Grund seiner Niederlagen an der einzig richtigen
+Stelle, nämlich <em class="gesperrt">in sich selbst</em> zu suchen, und
+auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf
+ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten
+Platz.«</p>
+
+<p>»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete
+Schach. »Er that das seine, ja mehr.
+Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits
+die Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht
+noch nicht geschwunden war, ging er klingenden
+Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor;
+sein Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen,
+er bestieg ein zweites, und eine halbe Stunde
+<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>
+lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der
+Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen
+selbst haben es in enthusiastischen Ausdrücken
+anerkannt.«</p>
+
+<p>Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner
+Anwesenheit des unausgesetzt als <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">deliciae generis
+humani</span> gepriesenen Kaisers, keinen allzu günstigen
+Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen
+unbequem, den »liebenswürdigsten der
+Menschen« auch noch zum »heldischsten« erhoben
+zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine
+kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir
+doch, lieber Schach, als ob Sie französischen
+Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
+ihnen beizulegen <em class="gesperrt">ist</em>. Die Franzosen sind kluge
+Leute. Je mehr Rühmens sie von ihrem Gegner
+machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und
+dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen
+Gründen, die jetzt sicherlich mitsprechen.
+›Man soll seinem Feinde goldene Brücken bauen‹,
+sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn,
+wer heute mein Feind war, kann morgen mein
+Verbündeter sein. Und in der That, es spukt
+schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet
+bin, so verhandelt man bereits über eine neue
+Theilung der Welt, will sagen über die Wiederherstellung
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+eines morgenländischen und abendländischen
+Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge,
+die noch in der Luft schweben, und erklären wir
+uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber
+einfach aus dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene
+russische Muth einen vollen Centner wog,
+so wog der siegreich französische natürlich <em class="gesperrt">zwei</em>‹.«</p>
+
+<p>Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch
+in Berlin, das Andreaskreuz trug, biß sich auf
+die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow
+kam ihm zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem
+Leibe erschossene Kaiserpferde‹ bin ich überhaupt
+immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese
+Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in
+Verlegenheit gebracht haben, denn es giebt ihrer
+zu viele, die das Gegentheil bezeugen können.
+Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.«</p>
+
+<p>»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von
+Bülow,« antwortete Schach. »Und doch frag ich
+Sie, giebt es einen schöneren Titel?«</p>
+
+<p>»O gewiß giebt es den. Ein <em class="gesperrt">wirklich</em>
+großer Mann wird nicht um seiner Güte willen
+gefeiert und noch weniger danach benannt. Er
+wird umgekehrt ein Gegenstand beständiger Verleumdungen
+sein. Denn das Gemeine, das
+überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht.
+<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>
+Brenkenhof, der, trotz seiner Paradoxien, mehr
+gelesen werden sollte, als er gelesen wird, behauptet
+geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die
+besten Menschen die schlechteste Reputation haben
+müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte Sie.
+Welche Augen wohl König Friedrich gemacht
+haben würde, wenn man ihn den ›guten Friedrich‹
+genannt hätte.«</p>
+
+<p>»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte
+mit dem Glase hinüber. »Das ist mir aus der
+Seele gesprochen.«</p>
+
+<p>Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft.
+»Alle Könige,« fuhr Bülow in wachsendem Eifer
+fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind
+solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe
+getragen oder doch bis an den Rand der Revolution
+gebracht haben. Der letzte König von Polen war
+auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel
+haben solche Fürstlichkeiten einen großen Harem
+und einen kleinen Verstand. Und geht es in den
+Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen,
+gleichviel mit oder ohne Schlange.«</p>
+
+<p>»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,«
+entgegnete Schach, »durch Auslassungen wie
+<em class="gesperrt">diese</em>, den Kaiser Alexander charakterisirt zu
+haben.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>»Wenigstens annähernd.«</p>
+
+<p>»Da wär ich doch neugierig.«</p>
+
+<p>»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich
+den letzten Besuch des Kaisers in Berlin und
+Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's?
+Nun, anerkanntermaßen um nichts Kleines und
+Alltägliches, um Abschluß eines Bündnisses auf
+Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat
+man in die Gruft Friedrichs des Großen, um
+sich, über dem Sarge desselben, eine halbmystische
+Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah
+unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber
+waren, wußte man, daß der aus der Gruft
+Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht
+gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beautés</span> des Hofes in eben so viele Schönheitskategorien
+gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <ins title="coquettte">coquette</ins></span> und
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté triviale</span>, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté céleste</span> und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span>,
+und endlich fünftens ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté, qui inspire seul du
+vrai sentiment</span>‹. Wobei wohl jeden die Neugier
+angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">vrai
+sentiment</span>‹ kennen zu lernen.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Siebentes Kapitel.<br/>
+<small>Ein neuer Gast.</small></h2>
+
+<p>All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit
+des Prinzen erregt, der denn auch eben mit
+einem ihm bequem liegenden Capriccio über <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté
+céleste</span> und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> beginnen wollte, als
+er, vom Korridor her, unter dem halbzurückgeschlagenen
+Portièrenteppich, einen ihm wohlbekannten
+kleinen Herrn von unverkennbaren
+Künstlerallüren erscheinen und gleich danach eintreten
+sah.</p>
+
+<p>»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn
+der Prinz. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mieux vaut tard que jamais.</span> Rücken
+Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
+Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres
+Künstlerfreundes bringen zu wollen. Sie finden
+noch <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">tutti quanti</span>, lieber Dussek. Keine Einwendungen.
+Aber was trinken Sie? Sie haben
+die Wahl. Asti, Montefiascone, Tokayer.«</p>
+
+<p>»Irgend einen Ungar.«</p>
+
+<p>»Herben?«</p>
+
+<p>Dussek lächelte.</p>
+
+<p>»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz
+und fuhr in gesteigerter guter Laune fort: »Aber
+nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben,
+<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden,
+und unter diesen auch <em class="gesperrt">die</em> der Mittheilsamkeit.
+Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹
+selten eine Antwort schuldig.«</p>
+
+<p>»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,«
+antwortete Dussek, der, nachdem er genippt hatte,
+eben sein Bärtchen putzte.</p>
+
+<p>»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt
+obenauf?«</p>
+
+<p>»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht
+sich, wenn ich sage, ›die ganze Stadt‹, so mein
+ich das Theater.«</p>
+
+<p>»Das Theater <em class="gesperrt">ist</em> die Stadt. Sie sind also
+gerechtfertigt. Und nun weiter.«</p>
+
+<p>»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn,
+wir sind in unsrem Haupt und Führer empfindlich
+gekränkt worden und haben denn auch aus eben
+diesem Grunde nicht viel weniger als eine kleine
+Theateremeute gehabt. <em class="gesperrt">Das</em> also, hieß es, seien
+die neuen Zeiten, <em class="gesperrt">das</em> sei das bürgerliche
+Regiment, <em class="gesperrt">das</em> sei der Respekt vor den preußischen
+›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">belles lettres et beaux arts</span>.‹ Eine ›Huldigung
+der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber eine
+Huldigung <em class="gesperrt">gegen</em> die Künste, die sei so fern
+wie je.«</p>
+
+<p>»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz,
+<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>
+»Ihre Reflexionen in Ehren. Aber da Sie
+gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten,
+die Kunst der Retardirung nicht übertreiben zu
+wollen. Wenn es also möglich ist, Thatsachen.
+Um was handelt es sich?«</p>
+
+<p>»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden,
+von dem die Rede war, <em class="gesperrt">nicht</em> erhalten.«</p>
+
+<p>Alles lachte, Sander am herzlichsten, und
+<ins title="Nostiz">Nostitz</ins> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur
+ridiculus mus.</span>«</p>
+
+<p>Aber Dussek war in wirklicher Erregung,
+und diese wuchs noch unter der Heiterkeit seiner
+Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander.
+»Sie lachen, Sander. Und doch trifft es in
+diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
+wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen
+das Bürgerthum überhaupt.«</p>
+
+<p>Der Prinz reichte dem Sprecher über den
+Tisch hin die Hand. »Recht, lieber Dussek.
+Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie
+kam es?«</p>
+
+<p>»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz
+aus heitrem Himmel. Königliche Hoheit wissen,
+daß seit lange von einer Dekorirung die Rede
+war, und wir freuten uns, alles Künstlerneides
+vergessend, als ob wir den Orden mitempfangen
+<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>
+und mittragen sollten. In der That, alles ließ
+sich gut an, und die ›Weihe der Kraft‹, für deren
+Aufführung der Hof sich interessirt, sollte den
+Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit
+geben. Iffland ist Maçon (auch <em class="gesperrt">das</em> ließ uns
+hoffen), die Loge nahm es energisch in die Hand,
+und die Königin war gewonnen. Und nun <em class="gesperrt">doch</em>
+gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen;
+aber nein, meine Herren, es ist eine große
+Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm,
+an dem man sieht, woher der Wind weht. Und
+er weht bei uns nach wie vor von der alten
+Seite her. <span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">Chi va piano va sano</span>, sagt das
+Sprüchwort. Aber im Lande Preußen heißt es
+›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<ins title="‹">‹«</ins></p>
+
+<p>»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert
+woran?«</p>
+
+<p>»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich
+habe Rüchels Namen nennen hören. Er hat den
+Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie
+niedrig das Histrionenthum immer und ewig in
+der Welt gestanden habe, mit alleiniger Ausnahme
+der neronischen Zeiten. Und <em class="gesperrt">die</em> könnten doch
+kein Vorbild sein. Das half. Denn welcher
+allerchristlichste König will Nero sein oder auch
+nur seinen Namen hören. Und so wissen wir
+<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+denn, daß die Sache vorläufig <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">ad acta</span> verwiesen
+ist. Die Königin ist chagrinirt, und an diesem
+Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig
+genügen lassen. Neue Zeit und alte Vorurtheile.«</p>
+
+<p>»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich
+sehe zu meinem Bedauern, daß Ihre Reflexionen
+Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens
+ist das das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen,
+in denen wir stecken, und stecken selber
+drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das
+keinen neuen freien Gesellschaftszustand schaffen,
+sondern sich nur eitel und eifersüchtig in die
+bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber
+damit schaffen Sie's nicht. An die Stelle der
+Eifersüchtelei, die jetzt das Herz unsres dritten
+Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen
+alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt
+haben. Wer Gespenster wirklich ignorirt,
+für den giebt es keine mehr, und wer Orden
+ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung.
+Und dadurch an Ausrottung einer wahren
+Epidemie&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung
+eines neuen Königreichs Utopien arbeitet,« unterbrach
+Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig
+an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der
+<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
+Richtung von Osten nach Westen immer weiter
+wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung von
+Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste
+seh ich vielmehr immer neue Multiplikationen,
+und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24
+Klassen wie das Linnésche System.«</p>
+
+<p>Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten
+der Prinz. Es müsse durchaus etwas
+in der menschlichen Natur stecken, das, wie beispielsweise
+der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch
+zu <em class="gesperrt">dieser</em> Form der Quincaillerie hingezogen
+fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt kaum
+einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie
+werden doch alle Kalkreuth für einen klugen
+Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der,
+wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres
+Thuns und Trachtens durchdrungen sein muß.
+Und doch, als er den rothen Adler erhielt, während
+er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn
+wüthend ins Schubfach und schrie: ›Da liege, bis
+du <em class="gesperrt">schwarz</em> wirst.‹ Eine Farbenänderung, die
+sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«</p>
+
+<p>»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte
+Bülow, »und offen gestanden, ein andrer
+unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe
+den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder
+<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+los wäre,‹ gefällt mir noch besser. Uebrigens
+bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
+Es giebt auch Auszeichnungen, die <em class="gesperrt">nicht</em> als Auszeichnung
+ansehn zu wollen, einfach Beschränktheit
+oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral Sidney
+Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean
+d'Acre und Verächter aller Orden, legte <em class="gesperrt">doch</em>
+Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof
+von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir
+empfingen dieses Schaustück aus den Händen
+König Richards Coeur de Lion, und geben es,
+nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute
+zurück, der, heldenmüthig wie er, unsre
+Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und
+Narr, setz ich hinzu, der sich einer <em class="gesperrt">solchen</em> Auszeichnung
+<em class="gesperrt">nicht</em> zu freuen versteht.«</p>
+
+<p>»Schätze mich glücklich, ein solches Wort
+aus Ihrem Munde zu hören,« erwiderte der
+Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen
+für Sie, lieber Bülow, und ist mir, Pardon,
+ein neuer Beweis, daß der Teufel nicht halb so
+schwarz ist, als er gemalt wird.«</p>
+
+<p>Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber
+in eben diesem Augenblick einer der Diener an
+ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der
+Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei,
+<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+hob er die Tafel auf, und führte seine Gäste,
+während er Bülows Arm nahm, auf den an den
+Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau
+und weiß gestreifte Marquise, deren Ringe lustig
+im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
+worden, und unter ihren weit niederhängenden
+<ins title="Frangen">Fransen</ins> hinweg, sah man, flußaufwärts,
+auf die halb im Nebel liegenden Thürme
+der Stadt, flußabwärts aber auf die Charlottenburger
+Parkbäume, hinter deren eben ergrünendem
+Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte
+schweigend in das anmuthige Landschaftsbild hinaus,
+und erst als die Dämmrung angebrochen und
+eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war,
+nahm man Platz und setzte die holländischen
+Pfeifen in Brand, unter denen jeder nach Gefallen
+wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion
+des Prinzen kannte, war phantasirend an dem
+im Eßsaale stehenden Flügel zurückgeblieben, und
+sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte,
+die jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden
+Tischgenossen und ebenso die Lichtfunken, die von
+Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.</p>
+
+<p>Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht
+wieder aufgenommen, wohl aber sich der ersten
+Veranlassung desselben, also Iffland und dem in
+<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+Sicht stehenden neuen Schauspiele zugewandt,
+bei welcher Gelegenheit Alvensleben bemerkte,
+»daß er einige der in den Text eingestreuten
+Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen
+gelernt habe. Gemeinschaftlich mit Schach. Und
+zwar im Salon der liebenswürdigen Frau von
+Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe
+gesungen und Schach begleitet.«</p>
+
+<p>»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort.
+»Ich höre keinen Namen jetzt öfter als <em class="gesperrt">den</em>.
+Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon
+früher von beiden Damen erzählt, und neuerdings
+auch die Rahel. Alles vereinigt sich, mich neugierig
+zu machen und Anknüpfungen zu suchen,
+die sich, mein ich, unschwer werden finden lassen.
+Entsinn ich mich doch des schönen Fräuleins vom
+Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
+Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre
+Schaustellung erwachsener und voll erblühter
+Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, ›voll
+erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That,
+an keinem Ort und zu keiner Zeit hab ich je so
+schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als auf
+Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt
+oder unbewußt auf Umsturz sinnenden Jugend,
+alles, was heute noch herrscht, doppelt und dreifach
+<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>
+anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen,
+ein Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht
+mehr vorhanden ist. Aber gleichviel, meine Herren,
+es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß
+Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und
+dieser interessanten Erscheinung in ihren Ursachen
+nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein Thema
+für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund
+Buchholtz, lieber Sander, ist mir zu solchem
+Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts
+für ungut; er ist Ihr Freund.«</p>
+
+<p>»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß
+ich nicht jeden Augenblick bereit wäre, ihn Euer
+Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
+dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen,
+nicht bloß aus einem allerspeziellsten,
+sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
+Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht
+und Erfahrung Euer Königlichen Hoheit, eigentlich
+am besten ohne Kinder bestehen, so die Freundschaften
+am besten ohne Freunde. Die Surrogate
+bedeuten überhaupt alles im Leben, und sind
+recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«</p>
+
+<p>»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber
+Sander,« entgegnete der Prinz, »daß Sie sich zu
+solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.
+<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mais révenons à notre belle Victoire.</span> Sie war
+unter den jungen Damen, die durch lebende
+Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte,
+wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine
+Hebe dar, die dem Zeus eine Schale reichte.
+Ja, so war es, und indem ich davon spreche,
+tritt mir das Bild wieder deutlich vor die Seele.
+Sie war kaum fünfzehn, und von jener Taille,
+die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber
+sie zerbrechen nie. ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Comme un ange</span>‹, sagte der
+alte Graf Neale, der neben mir stand, und mich
+durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
+als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es
+wäre mir eine Freude, die Bekanntschaft der
+Damen erneuern zu können.«</p>
+
+<p>»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein
+Victoire nicht wieder erkennen,« sagte Schach,
+dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
+angenehm war. <ins title="Gleich">»Gleich</ins> nach dem Massowschen
+Balle wurde sie von den Blattern befallen, und
+nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
+Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben,
+aber es sind immer nur Momente, wo die seltene
+Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen Schönheitsschleier
+über sie wirft, und den Zauber ihrer
+früheren Tage wiederherzustellen scheint.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>»Also <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">restitutio in integrum</span>,« sagte Sander.</p>
+
+<p>Alles lachte.</p>
+
+<p>»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete
+Schach in einem spitzen Tone, während er sich
+ironisch gegen Sander verbeugte.</p>
+
+<p>Der Prinz bemerkte die Verstimmung und
+wollte sie coupiren. »Es hilft Ihnen nichts,
+lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich
+abschrecken wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte
+Sie, was ist Schönheit? Einer der allervaguesten
+Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien
+erinnern, die wir in erster Reihe Sr. Majestät
+dem Kaiser Alexander und in zweiter unsrem
+Freunde Bülow verdanken? <em class="gesperrt">Alles ist schön</em>
+und <em class="gesperrt">nichts</em>. Ich persönlich würde der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté
+du diable</span> jederzeit den Vorzug geben, will also
+sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der
+des <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ci-devant</span> schönen Fräuleins von Carayon
+einigermaßen decken würde.«</p>
+
+<p>»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete
+<ins title="Nostiz">Nostitz</ins>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft,
+ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> an Fräulein Victoire wahrnehmen
+würden. Das Fräulein hat einen
+witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick
+als ein Widerspruch erscheint, und doch keiner
+<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
+ist, unter allen Umständen aber als ihr charakteristischer
+Zug gelten kann. Meinen Sie nicht
+auch, Alvensleben?«</p>
+
+<p>Alvensleben bestätigte.</p>
+
+<p>Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren
+in Fragen über die Maßen liebte, fuhr, indem
+er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
+lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie,
+»witzig-elegisch; ich wüßte nicht, was einer
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> besser anstehn könnte. Sie
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <ins title="Herren">Herren.</ins>
+Alles was Ihnen dabei vorschwebt, ist nur eine
+Spielart der alleralltäglichsten Schönheitsform, der
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté coquette</span>: das Näschen ein wenig mehr
+gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament
+ein wenig rascher, die Manieren ein
+wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit
+erschöpfen Sie die höhere Form der <em class="gesperrt">beauté du
+diable</em> keineswegs. Diese hat etwas Weltumfassendes,
+das über eine bloße Teint- und
+Rassenfrage weit hinausgeht. Ganz wie die
+Katholische Kirche. Diese wie jene sind auf ein
+Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in
+<em class="gesperrt">unserer</em> Frage den Ausschlag giebt, heißt
+Energie, Feuer, Leidenschaft.«</p>
+
+<p><ins title="Nostiz">Nostitz</ins> und Sander lächelten und nickten.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und
+wiederhole ›was ist Schönheit?‹ Schönheit, bah!
+Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen
+verzichtet werden, ihr Fehlen kann
+sogar einen allerdirektesten Vorzug bedeuten. In
+der That, lieber Schach, ich habe wunderbare
+Niederlagen und noch wunderbarere Siege gesehn.
+Es ist auch in der Liebe wie bei Morgarten und
+Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen
+und die häßlichen Bauern triumphiren. Glauben
+Sie mir, das Herz entscheidet, <em class="gesperrt">nur</em> das Herz.
+Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
+liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es
+anders wäre. Gehen Sie die Reihe der eigenen
+Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine
+schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt
+zu sehn! Und nicht etwa nach dem Satze
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">toujours perdrix</span>. O nein, es hat dies viel tiefre
+Zusammenhänge. Das Langweiligste von der
+Welt ist die lymphatisch-phlegmatische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté</span>, die
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté par excellence</span>. Sie kränkelt hier, sie
+kränkelt da, ich will nicht sagen immer und nothwendig,
+aber doch in der Mehrzahl der Fälle,
+während meine <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du diable</span> die Trägerin
+einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
+Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig
+<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>
+ist mit höchstem Reiz. Und nun frag
+ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon
+als <em class="gesperrt">die</em> Natur, die durch die größten und gewaltigsten
+Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer
+gegangen ist. Ein paar Grübchen in der
+Wange sind das Reizendste von der Welt, das
+hat schon bei den Römern und Griechen gegolten,
+und ich bin nicht ungalant und unlogisch genug,
+um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und
+eine Huldigung zu versagen, die der Einheit
+oder dem Pärchen von Alters her gebührt. Das
+paradoxe ›<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le laid c'est le beau</span>‹ hat seine vollkommne
+Berechtigung, und es heißt nichts andres,
+als daß sich hinter dem anscheinend Häßlichen
+eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre
+meine theure Pauline hier, wie sie's leider <em class="gesperrt">nicht</em>
+ist, sie würde mir zustimmen, offen und nachdrücklich,
+ohne durch persönliche Schicksale captivirt
+zu sein.«</p>
+
+<p>Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß
+er auf einen allseitigen Ausdruck des Bedauerns
+wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
+Honneurs des Hauses machte, heute <em class="gesperrt">nicht</em> anwesend
+zu sehn. Als aber Niemand das
+Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns
+die Frauen, und damit dem Wein und unsrem
+<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>
+Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
+wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich
+machen würde, die Carayon'schen Damen in dem
+Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
+Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem
+Kreise der Frau von Carayon angehören, sich
+zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie
+Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«</p>
+
+<p>Beide verneigten sich.</p>
+
+<p>»Alles in allem wird es das Beste sein,
+meine Freundin Pauline nimmt es persönlich in
+die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen
+Damen einen ersten Besuch machen, und ich sehe
+Stunden eines angeregtesten geistigen Austausches
+entgegen.«</p>
+
+<p>Die peinliche Stille, womit auch diese
+Schlußworte hingenommen wurden, würde noch
+fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in
+eben diesem Moment auf den Balkon hinausgetreten
+wäre. »Wie schön,« rief er und wies
+mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf
+in einem glühgelben Lichte stehenden Horizont.</p>
+
+<p>Alle waren mit ihm an die Brüstung des
+Balkons getreten, und sahen flußabwärts in den
+Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
+standen schwarz und schweigend die hohen
+<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>
+Pappeln und selbst die Schloßkuppel wirkte nur
+noch als Schattenriß.</p>
+
+<p>Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit.
+Am schönsten aber war der Anblick zahlloser
+Schwäne, die, während man in den Abendhimmel
+sah, vom Charlottenburger Park her in
+langer Reihe herankamen. Andre lagen schon in
+Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille
+durch irgend was bis in die Nähe der Villa
+gelockt sein mußte, denn sobald sie die Höhe derselben
+erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch
+ein und verlängerten die Front derer, die hier
+schon still und regungslos und die Schnäbel
+unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker
+lagen. Nur das Rohr bewegte sich leis in ihrem
+Rücken. So verging eine geraume Zeit. Endlich
+aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des
+Balkons, und reckte den Hals, als ob er etwas
+sagen wollte.</p>
+
+<p>»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem
+Prinzen oder Dussek oder der Sinumbralampe.«</p>
+
+<p>»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.</p>
+
+<p>»Und warum?«</p>
+
+<p>»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch
+Dussek und ›<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">sine umbra</span>‹.«</p>
+
+<p>Alles lachte (der Prinz mit), während Sander
+<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
+allerförmlichst »zum Hofkapellmeister« gratulirte.
+»Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in
+Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an
+ihnen zu sehen, »woher der Wind weht,« so wird
+dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
+Traditionen und nicht mehr aus dem
+Lande der Vorurtheile zu kommen scheinen.«</p>
+
+<p>Als Sander noch so sprach, setzte sich die
+<ins title="Schwanenflotille">Schwanenflottille</ins>, die wohl durch die Dusseksche
+Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung,
+und segelte flußabwärts, wie sie bis
+dahin flußaufwärts gekommen war. Nur der
+Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch
+einmal, als ob er seinen Dank wiederholen und
+sich in ceremoniellster Weise verabschieden wolle.</p>
+
+<p>Dann aber nahm auch er die Mitte des
+Flusses, und folgte den übrigen, deren Tête
+schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden
+war.</p>
+
+<h2>Achtes Kapitel.<br/>
+<small>Schach und Victoire.</small></h2>
+
+<p>Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen,
+daß in Berlin bekannt wurde, der König werde
+noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen,
+<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>
+um auf dem Tempelhofer Felde eine
+große Revue zu halten. Die Nachricht davon
+weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse,
+weil die gesammte Bevölkerung nicht nur
+dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit heimgebracht
+hatte, sondern auch mehr und mehr der
+Ueberzeugung lebte, daß im Letzten immer nur
+unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit beziehungsweise
+unsre Rettung sein werde. Welch
+andre Kraft aber hatten wir als die Armee, die
+Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,
+immer noch die friedericianische war.</p>
+
+<p>In solcher Stimmung sah man dem Revuetage,
+der ein Sonnabend war, entgegen.</p>
+
+<p>Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen
+an darbot, entsprach der Aufregung, die herrschte.
+Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom
+Halleschen Thor an die bergansteigende Straße,
+zu deren beiden Seiten sich die »Knapphänse«,
+diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren
+Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald
+danach erschienen auch die Equipagen der vornehmen
+Welt, unter diesen <em class="gesperrt">die</em> Schachs, die für
+den heutigen Tag den Carayonschen Damen zur
+Disposition gestellt worden war. Im selben
+Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr
+<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+von der Recke, früher Offizier, der, als naher
+Anverwandter Schachs, die Honneurs und zugleich
+den militärischen Interpreten machte. Frau
+von Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid
+und eine Mantille von gleicher Farbe, während
+von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein
+blauer Schleier im Winde flatterte. Neben dem
+Kutscher saß der Groom und erfreute sich der
+Huld beider Damen, ganz besonders auch der
+ziemlich willkürlich accentuirten englischen Worte,
+die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.</p>
+
+<p>Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs
+angemeldet worden, aber lange vorher schon erschienen
+die zur Revue befohlenen, altberühmten
+Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim
+und Möllendorff, ihre Janitscharenmusik vorauf.
+Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,
+Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt
+in einer immer dicker werdenden Staubwolke die
+Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und
+klapperten, die zum Theil schon bei Prag und
+Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und
+Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer
+Jubel begleitete den Anmarsch, und wahrlich,
+wer sie so heranziehen sah, dem mußte das Herz
+in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen.
+<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>
+Auch die Carayons theilten das allgemeine Gefühl,
+und nahmen es als bloße Verstimmung oder
+Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke
+sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte:
+»Prägen wir uns diesen Anblick ein, meine
+Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung
+eines alten Mannes, wir werden diese Pracht
+nicht wiedersehen. Es ist die Abschiedsrevue der
+friedericianischen Armee.«</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer
+Felde leicht erkältet und blieb in ihrer Wohnung
+zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel
+fuhr, ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt
+hatte, zu keiner Zeit aber mehr als damals, wo
+sich zu der künstlerischen Anregung auch noch
+etwas von wohlthuender politischer Emotion
+gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, Tell erschienen
+gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs
+»politischer Zinngießer«, der, wie Publikum und
+Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten, um ein
+Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse
+zu lärmenden Demonstrationen geeignet war.</p>
+
+<p>Victoire war allein. Ihr that die Ruhe
+wohl und in einen türkischen Shawl gehüllt, lag
+sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief,
+<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+den sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt
+empfangen und in jenem Augenblicke nur flüchtig
+gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer
+freilich, als sie von der Revue wieder zurückgekommen
+war.</p>
+
+<p>Es war ein Brief von Lisette.</p>
+
+<p>Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand,
+und las eine Stelle, die sie schon vorher mit
+einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: »....&nbsp;Du
+mußt wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon
+für dies offne Geständniß, mancher Aeußerung
+in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben
+schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen,
+wenn Du schreibst, daß Du Dich in ein Respektsverhältniß
+zu S. hineindenkst. Er würde selber
+lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich
+plötzlich so verletzt fühlen, ja, verzeihe, so piquirt
+werden konntest, als er den Arm Deiner Mama
+nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu
+denken, wie denn auch andres noch, was Du
+speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich
+lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen, von
+der ich Dich noch nicht kannte, von der argwöhnischen
+nämlich. Und nun, meine theure
+Victoire, hab ein freundliches Ohr für das, was
+ich Dir in Bezug auf diesen wichtigen Punkt zu
+<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst
+Dich ein für allemal nicht in ein Mißtrauen
+gegen Personen hineinleben, die durchaus den
+entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und
+zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach.
+Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß
+Du ganz einfach vor einer Alternative stehst,
+und entweder Deine gute Meinung über S.,
+oder aber Dein Mißtrauen <em class="gesperrt">gegen</em> ihn fallen
+lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir,
+›ja, das Ritterliche‹, fügst Du hinzu, ›sei so
+recht eigentlich seine Natur‹, und im selben
+Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn
+Dein Argwohn einer Handelsweise, die, träfe sie
+zu, das Unritterlichste von der Welt sein würde.
+Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist
+entweder ein Mann von Ehre, oder man ist es
+nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei
+gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal
+versichert, <em class="gesperrt">Dir lügt der Spiegel</em>. Es ist nur
+<em class="gesperrt">Eines</em>, um dessentwillen wir Frauen leben, wir
+leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber
+<em class="gesperrt">wodurch</em> wir es gewinnen, ist gleichgiltig.«</p>
+
+<p>Victoire faltete das Blatt wieder zusammen.
+»Es räth und tröstet sich leicht aus einem vollen
+Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie großmüthig.
+<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
+Arme Worte, die von des Reichen
+Tische fallen.«</p>
+
+<p>Und sie bedeckte beide Augen mit ihren
+Händen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick hörte sie die Klingel
+gehen, und gleich danach ein zweites Mal, ohne
+daß jemand von der Dienerschaft gekommen
+wäre. Hatten es Beate und der alte Jannasch
+überhört? Oder waren sie fort? Eine Neugier
+überkam sie. Sie ging also leise bis an die
+Thür und sah auf den Vorflur hinaus. Es war
+Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu
+thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und
+bat ihn einzutreten.</p>
+
+<p>»Sie klingelten so leise. Beate wird es
+überhört haben.«</p>
+
+<p>»Ich komme nur, um nach dem Befinden
+der Damen zu fragen. Es war ein prächtiges
+Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind
+ging doch ziemlich scharf&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern.
+Ich fiebre, nicht gerade heftig, aber wenigstens
+<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <ins title="mußte">mußte.</ins> Der
+Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln
+zu dürfen) und diese Tisane, von der Beate
+wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich
+<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>
+zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama
+wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten. Aber
+Sie kennen ihre Passion für alles, was Schauspiel
+heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich
+auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe,
+mich verlangte nach Ruhe.«</p>
+
+<p>»Die nun mein Erscheinen <em class="gesperrt">doch</em> wiederum
+stört. Aber nicht auf lange, nur gerade lange
+genug, um mich eines Auftrags zu entledigen,
+einer Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise
+zu spät komme, wenn Alvensleben schon
+gesprochen haben sollte.«</p>
+
+<p>»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es
+nicht Dinge sind, die Mama für gut befunden
+hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«</p>
+
+<p>»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn
+es ist ein Auftrag, der sich an Mutter und
+Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner
+beim Prinzen, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cercle intime</span>, zuletzt natürlich auch
+Dussek. Er sprach vom Theater (von was
+andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum
+Schweigen, was vielleicht eine That war.«</p>
+
+<p>»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«</p>
+
+<p>»Ich verkehre lange genug im Salon der
+Frau von Carayon, um wenigstens in den Elementen
+dieser Kunst unterrichtet zu sein.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien.
+Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der
+Mama bringen. Und wenigstens der Tortur
+einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«</p>
+
+<p>»Ich wüßte keine liebere Strafe.«</p>
+
+<p>»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der
+Prinz&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Er will Sie sehen, <em class="gesperrt">beide</em>, Mutter und
+Tochter. Frau Pauline, die, wie Sie vielleicht
+wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen
+eine Einladung überbringen.«</p>
+
+<p>»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich
+zu besondrer Ehre rechnen werden.«</p>
+
+<p>»Was mich nicht wenig überrascht. Und
+Sie können, meine theure Victoire, dies kaum
+im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir
+ein gnädger Herr, und ich lieb ihn <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">de tout mon
+coeur</span>. Es bedarf keiner Worte darüber. Aber
+er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten,
+oder, wenn Sie mir den Vergleich gestatten
+wollen, ein Licht, das mit einem Räuber brennt.
+Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug
+so vieler Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern
+gleich hervorragend zu sein, oder es
+noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd
+ein Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei
+<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+grundsatzlos und rücksichtslos, sogar ohne Rücksicht
+auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste
+ist. Sie kennen seine Beziehungen zu
+Frau Pauline?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen,
+ist etwas andres als sie verurtheilen. Mama
+hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu
+kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht
+Recht? Ich frage Sie, lieber Schach, was würd
+aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen,
+wenn wir uns innerhalb unsrer Umgangs- und
+Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen
+und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit
+ihres Wandels hin prüfen wollten? Etwa durch
+eine Wasser- und Feuerprobe. Die Gesellschaft
+ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie
+verwirft, ist verwerflich. Außerdem liegt hier
+alles exzeptionell. Der Prinz ist ein Prinz,
+Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich ....
+bin ich.«</p>
+
+<p>»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben,
+Victoire?«</p>
+
+<p>»Ja. Die Götter balanciren. Und wie
+mir Lisette Perbandt eben schreibt: ›wem genommen
+<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
+wird, dem wird auch gegeben‹. In
+meinem Falle liegt der Tausch etwas schmerzlich,
+und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu
+haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an
+dem eingetauschten Guten vorüber, und freue
+mich meiner Freiheit. Wovor andre meines
+Alters und Geschlechts erschrecken, das darf ich.
+An dem Abende bei Massows, wo man mir zuerst
+huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein,
+eine Sklavin. Oder doch abhängig von hundert
+Dingen. Jetzt bin ich frei.«</p>
+
+<p>Schach sah verwundert auf die Sprecherin.
+Manches, was der Prinz über sie gesagt hatte,
+ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen
+oder Einfälle? War es Fieber? Ihre
+Wangen hatten sich geröthet, und ein aufblitzendes
+Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck
+einer trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte
+jedoch sich in den leichten Ton, in dem ihr
+Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und
+sagte: »Meine theure Victoire scherzt. Ich
+möchte wetten, es ist ein Band Rousseau, was
+da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit
+dem Dichter.«</p>
+
+<p>»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein
+anderer, der mich <em class="gesperrt">mehr</em> interessirt.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>»Und <em class="gesperrt">wer</em>, wenn ich neugierig sein darf?«</p>
+
+<p>»Mirabeau.«</p>
+
+<p>»Und warum <em class="gesperrt">mehr</em>?«</p>
+
+<p>»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste
+bestimmt immer unser Urtheil. Oder
+doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein
+spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien
+wuchs er auf. ›Ah, das schöne Kind,‹ hieß es
+tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles
+hin, hin wie .... wie&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht
+aussprechen.«</p>
+
+<p>»Ich <em class="gesperrt">will</em> es aber, und würde den Namen
+meines Gefährten und Leidensgenossen zu meinem
+<em class="gesperrt">eigenen</em> machen, wenn ich es könnte. Victoire
+<em class="gesperrt">Mirabeau</em> de Carayon, oder sagen wir Mirabelle
+de Carayon, das klingt schön und ungezwungen,
+und wenn ich's recht übersetze, so heißt
+es Wunderhold.«</p>
+
+<p>Und dabei lachte sie voll Uebermuth und
+Bitterkeit. Aber die Bitterkeit klang vor.</p>
+
+<p>»Sie dürfen <em class="gesperrt">so</em> nicht lachen, Victoire, nicht
+<em class="gesperrt">so</em>. Das kleidet Ihnen nicht, das verhäßlicht
+Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, &ndash; <em class="gesperrt">verhäßlicht</em>
+Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als
+er enthusiastisch von Ihnen sprach. Armes Gesetz
+<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>
+der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist
+das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper
+schafft oder ihn durchleuchtet und verklärt.«</p>
+
+<p>Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit
+verließ sie, und ein Frost schüttelte sie. Sie zog
+den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre
+Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte
+nach ihrem Herzen.</p>
+
+<p>»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie
+wüthen nutzlos gegen sich selbst, und sind um
+nichts besser als der Schwarzseher, der nach
+allem Trüben sucht und an Gottes hellem
+Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie,
+fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr
+Anrecht auf Leben und Liebe. War ich denn
+blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
+demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben
+Sie's getroffen, ein für allemal. Alles ist
+Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle,
+ja Wunderhold!«</p>
+
+<p>Ach, das waren die Worte, nach denen ihr
+Herz gebangt hatte, während es sich in Trotz zu
+waffnen suchte.</p>
+
+<p>Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg
+in einer süßen Betäubung.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr
+draußen antwortete. Victoire, die den Schlägen
+gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans
+Fenster und sah auf die Straße.</p>
+
+<p>»Was erregt Dich?«</p>
+
+<p>»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«</p>
+
+<p>»Du hörst zu fein.«</p>
+
+<p>Aber sie schüttelte den Kopf, und im
+selben Augenblicke fuhr der Wagen der Frau
+von Carayon vor.</p>
+
+<p>»Verlassen Sie mich .... Bitte.«</p>
+
+<p>»Bis auf morgen.«</p>
+
+<p>Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken
+werde, der Begegnung mit Frau von Carayon
+auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte
+durch Vorzimmer und Korridor.</p>
+
+<p>Alles war still und dunkel unten, und nur
+von der Mitte des Hausflurs her fiel ein Lichtschimmer
+bis in die Nähe der obersten Stufen.
+Aber das Glück war ihm hold. Ein breiter
+Pfeiler, der bis dicht an die Treppenbrüstung
+vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei
+Hälften, und hinter diesen Pfeiler trat er und
+wartete.</p>
+
+<p>Victoire stand in der Glasthür und empfing
+die Mama.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich
+Dich erwartet!«</p>
+
+<p>Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld
+und dann die Lüge,« klang es in ihm. »Das
+alte Lied.«</p>
+
+<p>Aber die Spitze seiner Worte richtete sich
+gegen ihn und nicht gegen Victoire.</p>
+
+<p>Dann trat er aus seinem Versteck hervor
+und schritt rasch und geräuschlos die Treppe
+hinunter.</p>
+
+<h2>Neuntes Kapitel.<br/>
+<small>Schach zieht sich zurück.</small></h2>
+
+<p>»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort
+gewesen, aber er kam nicht. Auch am
+zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte
+sich's zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken
+wollte, nahm sie Lisettens Brief und las immer
+wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.
+»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein
+Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die durchaus
+den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen.
+Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach.
+Ich finde, je mehr ich den Fall überlege, daß Du
+ganz einfach vor einer Alternative stehst, und
+<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+entweder Deine gute Meinung über S., oder
+aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallen lassen
+mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb
+ihr eine Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles
+nur&nbsp;....« Und es übergoß sie mit Blut.</p>
+
+<p>Endlich am vierten Tage kam er. Aber es
+traf sich, daß sie kurz vorher in die Stadt gegangen
+war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von
+seinem Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen,
+habe zwei-, dreimal nach ihr gefragt, und ein
+Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren
+Veilchen und Rosen, die das Zimmer mit ihrem
+Dufte füllten. Victoire, während ihr die Mama
+von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen
+leichten und übermüthigen Ton anzuschlagen, aber
+ihr Herz war zu voll von widerstreitenden Gefühlen,
+und sie zog sich zurück, um sich in zugleich
+glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.</p>
+
+<p>Inzwischen war der Tag herangekommen,
+wo die »Weihe der Kraft« gegeben werden sollte.
+Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen,
+ob die Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten?
+Es war eine bloße Form, denn er
+wußte, daß es so sein werde.</p>
+
+<p>Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach
+saß den Carayons gegenüber und grüßte mit
+<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
+großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb
+es, und er kam nicht in ihre Loge hinüber, eine
+Zurückhaltung, über die Frau von Carayon kaum
+weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit
+indessen, den das hinsichtlich des Stücks in zwei
+Lager getheilte Publikum führte, war so heftig
+und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit
+hingerissen wurden und momentan wenigstens
+alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem Heimweg
+kehrte die Verwunderung über Schachs
+Benehmen zurück.</p>
+
+<p>Am andern Vormittage ließ er sich melden.
+Frau von Carayon war erfreut, Victoire jedoch,
+die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen.
+Er hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet,
+um einen bequemen Plauderstoff zu haben und
+mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit eines
+ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen.
+Er küßte der Frau von Carayon die
+Hand und wandte sich dann gegen <ins title="Victoiren">Victoire</ins>, um
+dieser sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem
+letzten Besuche verfehlt zu haben. Man entfremde
+sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er
+sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er
+es mit tieferer Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit
+gesagt habe. Sie sann darüber nach,
+<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte
+sich das Gespräch dem Stücke zu.</p>
+
+<p>»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.</p>
+
+<p>»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete
+Schach, »die fünf Stunden spielen. Ich wünsche
+Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine
+Strapaze.«</p>
+
+<p>»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches,
+und beiläufig ein Mißstand, dem ehestens
+abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit erheblichen
+Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr
+Urtheil über das Stück.«</p>
+
+<p>»Es hat mich <em class="gesperrt">nicht</em> befriedigt.«</p>
+
+<p>»Und warum nicht?«</p>
+
+<p>»Weil es alles auf den Kopf stellt. <em class="gesperrt">Solchen</em>
+Luther hat es Gott sei Dank nie gegeben, und
+wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin
+zurückführen, von wo der echte Luther uns
+seinerzeit wegführte. Jede Zeile widerstreitet dem
+Geist und Jahrhundert der Reformation; alles
+ist Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein
+unerlaubtes und beinah kindisches Spiel mit
+Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich
+wurde beständig an das Bild Albrechts Dürers
+erinnert, wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet
+oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in Soest,
+<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+wo statt des Osterlamms ein westfälischer
+Schinken in der Schüssel liegt. In diesem seinwollenden
+Lutherstück aber liegt ein allerpfäffischster
+Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus
+von Anfang bis Ende.«</p>
+
+<p>»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole,
+das <em class="gesperrt">Stück</em>?«</p>
+
+<p>»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet
+nichts. Oder soll ich mich für Katharina von
+Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich
+keine war.«</p>
+
+<p>Victoire senkte den Blick und ihre Hand
+zitterte. Schach sah es, und über seinen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux
+pas</span> erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich
+überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet
+werde, von einem angekündigten Proteste
+der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von Iffland,
+vom Dichter selbst, und schloß endlich mit
+einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten
+Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß Fräulein
+Victoire noch den Abend in Erinnerung
+habe, wo er diese Lieder am Klavier begleiten
+durfte.</p>
+
+<p>All dies wurde sehr freundlich gesprochen,
+aber so freundlich es klang, so fremd klang es
+auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus,
+<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>
+daß es nicht <em class="gesperrt">die</em> Sprache war, die sie fordern
+durfte. Sie war bemüht, ihm unbefangen
+zu antworten, aber es blieb ein äußerliches
+Gespräch bis er ging.</p>
+
+<p>Den Tag nach diesem Besuche kam Tante
+Marguerite. Sie hatte bei Hofe von dem
+schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie
+noch gar keins,« und so wollte sie's gerne sehn.
+Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm
+sie mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich
+sehr gekürzt worden war, blieb auch noch Zeit
+daheim eine halbe Stunde zu plaudern.</p>
+
+<p>»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire,
+»wie hat es Dir gefallen?«</p>
+
+<p>»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch
+den Hauptpunkt in unsrer gereinigten Kürche.«</p>
+
+<p>»Welchen meinst Du, liebe <ins title="Tante.">Tante?</ins>«</p>
+
+<p>»Nun <em class="gesperrt">den</em> von der chrüstlichen Ehe.«</p>
+
+<p>Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und
+sagte dann: »Ich dachte, dieser Hauptpunkt in
+unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem,
+also z.&nbsp;B. in der Lehre vom Abendmahl.«</p>
+
+<p>»O nein, meine liebe Victoire, <em class="gesperrt">das</em> weiß
+ich ganz genau. Mit oder ohne Wein, das
+macht keinen so großen Unterschied; aber ob
+unsre <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">prédicateurs</span> in einer sittlich getrauten Ehe
+<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>
+leben oder nicht, <em class="gesperrt">das</em>, mein Engelchen, ist von
+einer würklichen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">importance</span>.«</p>
+
+<p>»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz
+Recht,« sagte Frau von Carayon.</p>
+
+<p>»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles
+Erwarten Belobigte fort, »was das Stück <em class="gesperrt">will</em>,
+und was man um so deutlicher sieht, als die
+Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist.
+Oder doch zum wenigstens viel hübscher, als sie
+würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber
+nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher
+Mann, und lange nicht so hübsch als <em class="gesperrt">er</em>. Ja
+werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel
+weiß ich auch.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon lachte herzlich.</p>
+
+<p>»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister
+von Schach ist würklich ein <em class="gesperrt">sehr</em> angenehmer
+Mann, und ich denke noch ümmer an
+Tempelhof und den aufrechtstehenden Ritter ....
+Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll auch
+einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und
+von wem ich es habe? Nun? Von <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">la petite
+Princesse Charlotte</span>.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>Zehntes Kapitel.<br/>
+<small>»Es muß etwas geschehn.«</small></h2>
+
+<p>Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor
+gegeben, und Berlin hörte nicht auf in zwei
+Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch
+war, war <em class="gesperrt">für</em>, alles was freisinnig
+war, <em class="gesperrt">gegen</em> das Stück. Selbst im Hause
+Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während
+die Mama theils um des Hofes, theils um ihrer
+eignen »Gefühle« willen überschwänglich mitschwärmte,
+fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten
+abgestoßen. Sie fand alles unwahr
+und unecht, und versicherte, daß Schach in jedem
+seiner Worte Recht gehabt habe.</p>
+
+<p>Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber
+doch immer nur, wenn er sicher sein durfte, Victoiren
+in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er
+bewegte sich wieder viel in den »großen Häusern,«
+und legte, wie Nostitz spottete, den Radziwills
+und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.
+Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst
+Victoire versuchte, den gleichen Ton zu treffen.
+Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie
+träumte so hin, und nur eigentlich traurig war
+sie nicht. Noch weniger unglücklich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>Unter denen, die sich mit dem Stück, also
+mit der Tagesfrage beschäftigten, waren auch die
+Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon
+ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein <em class="gesperrt">Für</em>
+oder <em class="gesperrt">Wider</em> einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich
+auf seine komische Seite hin an, und
+fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters,
+in Katharina von Boras, »neunjähriger Pflegetochter«
+und endlich in dem beständig Flöte
+spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff
+für ihren Spott und Uebermuth.</p>
+
+<p>Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen
+Tagen war die Wachtstube des Regiments, wo
+die jüngeren Kameraden den dienstthuenden
+Offizier zu besuchen und sich bis in die Nacht
+hinein zu divertiren pflegten. Unter den Gesprächen,
+die man in Veranlassung der neuen
+Komödie hier führte, kamen Spöttereien wie die
+vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
+und als einer der Kameraden daran erinnerte,
+daß das neuerdings von seiner früheren Höhe
+herabgestiegene Regiment eine Art patriotische
+Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu
+zeigen, brach ein ungeheurer Jubel aus, an
+dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas geschehen
+müsse.« Daß es sich dabei lediglich um
+<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+eine Travestie der »Weihe der Kraft«, etwa
+durch eine Maskerade, handeln könne, stand von
+vornherein fest, und nur über das »wie« gingen
+die Meinungen noch auseinander. In Folge
+davon beschloß man, ein paar Tage später eine
+<em class="gesperrt">neue</em> Zusammenkunft abzuhalten, in der nach
+Anhörung einiger Vorschläge, der eigentliche Plan
+fixirt werden sollte.</p>
+
+<p>Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als
+Tag und Stunde da waren, waren einige zwanzig
+Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:
+Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck
+und Diricke, Graf Haeseler, Graf Herzberg,
+von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing,
+und nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant
+von Zieten, ein kleines, häßliches und säbelbeiniges
+Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft
+mit dem berühmten General und beinahe mehr
+noch durch eine keck in die Welt hineinkrähende
+Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen
+Tugenden abging. Auch Nostitz und
+Alvensleben waren erschienen. Schach fehlte.</p>
+
+<p>»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.</p>
+
+<p>»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke.
+»Der längste oder der kürzeste. Will also sagen,
+Nostitz oder Zieten.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander,
+und der so durch Akklamation Gewählte nahm
+auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.
+Flaschen und Gläser standen die lange Tafel
+entlang.</p>
+
+<p>»Rede halten: Assemblée nationale&nbsp;....«</p>
+
+<p>Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern,
+und klopfte dann erst mit dem ihm als Zeichen
+seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf
+den Tisch.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Silentium, Silentium.</span>«</p>
+
+<p>»Kameraden vom Regiment Gensdarmes,
+Erben eines alten Ruhmes auf dem Felde
+militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir
+haben nicht nur der Schlacht die Richtung, wir haben
+auch der Gesellschaft den <em class="gesperrt">Ton</em> gegeben), Kameraden,
+sag ich, wir sind schlüssig geworden: <em class="gesperrt">es
+muß etwas geschehn!</em>«</p>
+
+<p>»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«</p>
+
+<p>»Und neu geweiht durch die ›Weihe der
+Kraft‹, haben wir, dem alten Luther und uns
+selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu bewerkstelligen,
+von dem die spätesten Geschlechter
+noch melden sollen. Es muß etwas Großes
+werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,
+der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So
+<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>
+viel steht fest. Aber Wesen und Charakter dieses
+Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem
+Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin
+bereit, Ihre Vorschläge der Reihe nach entgegen
+zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat,
+melde sich.«</p>
+
+<p>Unter denen, die sich meldeten, war auch
+Lieutenant von Zieten.</p>
+
+<p>»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das
+Wort.«</p>
+
+<p>Dieser erhob sich und sagte, während er sich
+leicht auf der <ins title="Stuhllene">Stuhllehne</ins> wiegte: »Was ich vorzuschlagen
+habe, heißt <em class="gesperrt">Schlittenfahrt</em>.«</p>
+
+<p>Alle sahen einander an, Einige lachten.</p>
+
+<p>»Im Juli?«</p>
+
+<p>»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter
+den Linden wird Salz gestreut, und über diesen
+Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar
+aufgelöste Nonnen; in dem großen Hauptschlitten
+aber, der die Mitte des Zuges bildet, paradiren
+Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte,
+während Katharinchen auf der Pritsche reitet.
+<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Ad libitum</span> mit Fackel oder Schlittenpeitsche.
+Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden
+dem Theater entnommen oder angefertigt. Ich
+habe gesprochen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der
+Ruhe gebietende Nostitz endlich durchdrang. »Ich
+nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und
+beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem
+einzigen und ersten Meisterschuß gleich ins Schwarze
+getroffen zu haben. Also <ins title="Schlittenfahrt">Schlittenfahrt.</ins> Angenommen?«</p>
+
+<p>»Ja, ja.«</p>
+
+<p>»So bleibt nur noch Rollenvertheilung.
+Wer giebt den Luther?«</p>
+
+<p>»Schach.«</p>
+
+<p>»Er wird ablehnen.«</p>
+
+<p>»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den
+schönen, ihm bei mehr als einer Gelegenheit vorgezogenen
+Schach eine Spezialmalice hegte: »wie
+kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn
+besser. Er wird es freilich eine halbe Stunde
+lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen
+und sein Normal-Oval in eine bäurische <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">tête
+carré</span> verwandeln zu müssen. Aber schließlich
+wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen
+Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden
+der Held des Tages zu sein.«</p>
+
+<p>Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war
+von der Wache her ein Gefreiter eingetreten, um
+ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>»Ah, <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">lupus in fabula</span>.«</p>
+
+<p>»Von Schach?«</p>
+
+<p>»Ja!«</p>
+
+<p>»Lesen, lesen!«</p>
+
+<p>Und Nostitz erbrach den Brief und las.
+»Ich bitte Sie, lieber Nostitz, bei der muthmaßlich
+in eben diesem Augenblicke stattfindenden Versammlung
+unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler
+und wenn nöthig, auch meinen Anwalt
+machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten,
+und war anfänglich gewillt zu kommen.
+Inzwischen aber ist mir mitgetheilt worden, um
+was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln
+wird, und diese Mittheilung hat meinen Entschluß
+geändert. Es ist Ihnen kein Geheimniß, daß all
+das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet,
+und so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen
+können, wie viel oder wie wenig ich (dem
+schon ein <em class="gesperrt">Bühnen</em>-Luther <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">contre coeur</span> war) für
+einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß
+wir diesen Mummenschanz in eine Zeit verlegen,
+die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch
+nehmen darf, bessert sicherlich nichts.
+Jüngeren Kameraden soll aber durch diese meine
+Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden,
+und jedenfalls darf man sich meiner Diskretion
+<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+versichert halten. Ich bin nicht das Gewissen
+des Regiments, noch weniger sein Aufpasser.
+Ihr Schach.«</p>
+
+<p>»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe,
+während er das Schachsche Billet an dem ihm
+zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad
+Zieten ist größer in Vorschlägen und Phantastik,
+als in Menschenkenntniß. Er will mir antworten,
+seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn
+in diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer
+spielt den Luther? Ich bringe den Reformator
+unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn.
+Zum Ersten, Zweiten und zum .... Dritten.
+Niemand? So bleibt mir nichts übrig als Ernennung:
+Alvensleben, Sie.«</p>
+
+<p>Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu
+wie Schach; machen Sie das Spiel, ich bin kein
+Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht
+mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir
+dazu zu viel Katechismus <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Lutheri</span> im Leibe.«</p>
+
+<p>Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles
+zu seiner Zeit,« nahm er das Wort »und wenn
+der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz
+wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu
+gewissenhaft, zu feierlich, zu pedantisch. Auch
+darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich
+<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>
+gut oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den
+alten Luther nicht verhöhnen wollen, im Gegentheil,
+wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden
+soll, ist das <em class="gesperrt">Stück</em>, ist die Lutherkarrikatur, ist
+der Reformator in falschem Licht und an falscher
+Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz aller
+oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen
+uns nicht im Stiche lassen oder es fällt alles in
+den Brunnen.«</p>
+
+<p>Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber
+Alvensleben blieb fest, und eine kleine Verstimmung
+schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb
+von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge
+Graf Herzberg erhob, um sich für die Lutherrolle
+zu melden.</p>
+
+<p>Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete
+sich rasch, und ehe zehn Minuten um waren,
+waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf
+Herzberg den Luther, Diricke den Famulus,
+Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, die
+Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach
+als Nonnenmaterial eingeschrieben, und nur
+Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
+fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn
+auch sofort, auf seinem Schlittensitz ein »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">jeu</span>
+entriren« oder mit dem Klostervogt eine Partie
+<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel
+brach aus, und nachdem noch in aller Kürze der
+nächste Montag für die Maskerade festgesetzt,
+alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten
+worden war, schloß Nostitz die Sitzung.</p>
+
+<p>In der Thür drehte sich Diricke noch einmal
+um, und fragte: »Aber wenn's regnet?«</p>
+
+<p>»Es darf nicht regnen.«</p>
+
+<p>»Und was wird aus dem Salz?«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">C'est pour les domestiques.</span>«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Et pour la canaille</span>,« schloß der jüngste
+Cornet.</p>
+
+<h2>Elftes Kapitel.<br/>
+<small>Die Schlittenfahrt.</small></h2>
+
+<p>Schweigen war gelobt worden, und es blieb
+auch wirklich verschwiegen. Ein vielleicht einzig
+dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der
+Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten«
+und mal wieder über einem jener tollen Streiche
+brüteten, um derentwillen sie vor andern Regimentern
+einen Ruf hatten, aber man erfuhr
+weder worauf die Tollheit hinauslaufen werde,
+noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst
+die Carayonschen Damen, an deren letztem
+<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+Empfangsabende weder Schach noch Alvensleben
+erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben,
+und so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt«
+über Näher- und Fernerstehende
+gleichmäßig überraschend herein.</p>
+
+<p>In einem der in der Nähe der Mittel- und
+Dorotheenstraße gelegenen Stallgebäude hatte
+man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein
+Dutzend prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern
+begleiteter Vorreiter vorauf, ganz also
+wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit
+dem Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude
+vorüber auf die Linden zu, jagte weiter abwärts
+erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend
+in die Behren- und Charlottenstraße hinein
+und wiederholte diese Fahrt um das ebenbezeichnete
+Linden-Quarré herum in einer immer
+gesteigerten Eile.</p>
+
+<p>Als der Zug das <em class="gesperrt">erste</em> Mal an dem
+Carayonschen Hause vorüberkam und das Licht
+der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben
+der Bel-Etage fiel, eilte Frau von Carayon, die
+sich zufällig allein befand, erschreckt ans Fenster
+und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des
+Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte
+sie nur, wie mitten im Winter, ein Knallen
+<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit Schellengeläut
+dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu
+finden im Stande war, war alles schon wieder
+vorüber und ließ sie verwirrt und fragend und
+in einer halben Betäubung zurück. In solchem
+Zustande war es, daß Victoire sie fand.</p>
+
+<p>»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«</p>
+
+<p>Aber ehe Frau von Carayon antworten
+konnte, war die Spitze der Maskerade zum
+<em class="gesperrt">zweiten</em> Male heran, und Mutter und Tochter,
+die jetzt rasch und zu bessrer Orientirung von
+ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon hinausgetreten
+waren, waren von diesem Augenblick an
+nicht länger mehr im Zweifel, was das Ganze
+bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und
+was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe
+von Aebtissin an der Spitze, johlend, trinkend
+und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges
+ein auf Rollen laufender und in der Fülle seiner
+Vergoldung augenscheinlich als Triumphwagen
+gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt
+Famulus und auf der Pritsche Katharina von
+Bora saß. An der riesigen Gestalt erkannten sie
+Nostitz. Aber wer war <em class="gesperrt">der</em> auf dem Vordersitz?
+fragte sich Victoire. Wer verbarg sich hinter
+dieser Luther-Maske? War <em class="gesperrt">er</em> es? Nein, es
+<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+war unmöglich. Und doch, auch wenn er es
+<em class="gesperrt">nicht</em> war, er war doch immer ein Mitschuldiger
+in diesem widerlichen Spiele, das er gutgeheißen
+oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche
+verkommne Welt, wie pietätlos, wie baar aller
+Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. Ein Gefühl
+unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt
+und das Reine durch den Schlamm gezogen zu
+sehen. Und warum? Um einen Tag lang von
+sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit
+willen. Und <em class="gesperrt">das</em> war die Sphäre, darin sie
+gedacht und gelacht, und gelebt und gewebt, und
+darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das
+Schlimmste von allem, an Liebe geglaubt hatte!</p>
+
+<p>»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den
+Arm der Mutter nahm, und wandte sich, um in
+das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen
+konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht
+überrascht und sank auf der Schwelle des Balkons
+nieder.</p>
+
+<p>Die Mama zog die Klingel, Beate kam,
+und beide trugen sie bis an das Sopha, wo sie
+gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe
+befallen wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf,
+sank wieder in die Kissen, und als die Mutter
+ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser
+<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+waschen wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber
+im nächsten Augenblick riß sie der Mama das
+Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals
+und Nacken. »Ich bin mir zuwider, zuwider wie
+die Welt. In meiner Krankheit damals hab ich
+Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir
+<em class="gesperrt">sollen</em> nicht um unser Leben bitten .... Gott
+weiß am besten, was uns frommt. Und wenn
+er uns zu sich hinaufziehen will, so sollen wir
+nicht bitten: laß uns noch .... O, wie schmerzlich
+ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«</p>
+
+<p>Frau von Carayon kniete neben dem Sopha
+nieder und sprach ihr zu. Denselben Augenblick
+aber schoß der Schlittenzug zum <em class="gesperrt">dritten</em> Mal
+an dem Hause vorüber, und wieder war es, als
+ob sich schwarze phantastische Gestalten in dem
+glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist
+es nicht wie die Hölle?« sagte Victoire, während
+sie nach dem Schattenspiel an der Decke
+zeigte.</p>
+
+<p>Frau von Carayon schickte Beaten, um den
+Arzt rufen zu lassen. In Wahrheit aber lag
+ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein
+und einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.</p>
+
+<p>»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst
+und zitterst. Und siehst so starr. Ich erkenne
+<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>
+meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege,
+Kind, was ist denn geschehen? Ein toller Streich
+mehr, einer unter vielen, und ich weiß Zeiten,
+wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt
+hättest. Es ist etwas andres, was Dich
+quält und drückt; ich seh es seit Tagen schon.
+Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß.
+Ich beschwöre Dich, Victoire, sprich.
+Du darfst es. Es sei, was es sei.«</p>
+
+<p>Victoire schlang ihren Arm um Frau von
+Carayons Hals, und ein Strom von Thränen
+entquoll ihrem Auge.</p>
+
+<p>»Beste Mutter!«</p>
+
+<p>Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie
+und beichtete ihr alles.</p>
+
+<h2>Zwölftes Kapitel.<br/>
+<small>Schach bei Frau von Carayon.</small></h2>
+
+<p>Am andern Vormittage saß Frau von Carayon
+am Bette der Tochter und sagte, während
+diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen
+ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte:
+»Habe Vertrauen, Kind. Ich kenn ihn
+so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach
+Art aller schönen Männer, aber von einem nicht
+<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a>
+gewöhnlichen Rechtsgefühl und einer untadligen
+Gesinnung.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblicke wurde Rittmeister
+von Schach gemeldet, und der alte Jannasch
+setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt
+habe.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon nickte zustimmend.</p>
+
+<p>»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte
+Victoire.</p>
+
+<p>»Weil Du's geträumt?«</p>
+
+<p>»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur
+und rechne. Seit einiger Zeit weiß ich im
+voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit
+er erscheinen wird. Er kommt immer,
+wenn etwas geschehen ist oder eine Neuigkeit
+vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er
+geht einer intimen Unterhaltung mit mir aus
+dem Wege. So kam er nach der Aufführung
+des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung
+der Schlittenfahrt. Ich bin doch begierig,
+ob er mit dabei war. War er's, so sag
+ihm, wie sehr es mich verletzt hat. Oder sag es
+lieber nicht.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine
+süße Victoire, Du bist zu gut, viel zu gut. Er
+verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die
+<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+Tochter und ging über den Korridor fort in den
+Salon, wo Schach ihrer wartete.</p>
+
+<p>Dieser schien weniger befangen als sonst
+und verbeugte sich ihr die Hand zu küssen, was
+sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr
+Benehmen verändert. Sie wies mit einem
+Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf einen
+der zur Seite stehenden japanischen Stühle,
+schob sich ein Fußkissen heran, und nahm ihrerseits
+auf dem Sopha Platz.</p>
+
+<p>»Ich komme, nach dem Befinden der Damen
+zu fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen,
+ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren
+Augen gefunden hat oder nicht.«</p>
+
+<p>»Offen gestanden, nein. Ich, für meine
+Person, fand es wenig passend, und Victoire
+fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«</p>
+
+<p>»Ein Gefühl, das ich theile.«</p>
+
+<p>»So waren Sie nicht mit von der Partie?«</p>
+
+<p>»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich,
+es noch erst versichern zu müssen. Sie kennen
+ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure
+Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir
+zuerst über das Stück und seinen Verfasser
+sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso
+noch heut. Ernste Dinge fordern auch eine
+<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+ernste Behandlung, und es freut mich aufrichtig,
+Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie
+zu Haus?«</p>
+
+<p>»Zu Bett.«</p>
+
+<p>»Ich hoffe nichts Ernstliches.«</p>
+
+<p>»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines
+Brust- und Weinkrampfes, von dem sie gestern
+Abend befallen wurde.«</p>
+
+<p>»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit.
+Ich beklag es von ganzem Herzen.«</p>
+
+<p>»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu
+Danke verpflichtet. In dem Degoût über die
+Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste
+sich ihr die Zunge; sie brach ihr langes Schweigen,
+und vertraute mir ein Geheimniß an, ein Geheimniß,
+das Sie kennen.«</p>
+
+<p>Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war
+wie mit Blut übergossen.</p>
+
+<p>»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon
+fort, während sie jetzt seine Hand nahm und ihn
+aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:
+»lieber Schach, ich bin nicht albern genug,
+Ihnen eine Szene zu machen oder gar eine
+Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die
+mir am meisten verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei.
+Ich habe von Jugend auf in der
+<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>
+Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches
+an meinem eignen Herzen erfahren. Und wär
+ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern
+verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor
+<em class="gesperrt">Ihnen</em>?«</p>
+
+<p>Sie schwieg einen Augenblick, während sie
+mit ihrem Battisttuch ihre Stirn berührte.
+Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte
+hinzu: »Freilich es giebt ihrer, und nun gar
+unter uns Frauen, die den Spruch von der
+Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut,
+dahin deuten, daß das Heute nicht wissen soll,
+was das Gestern that. Oder wohl gar das
+Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen
+Virtuosinnen des Vergessens. Ich leugne nichts,
+will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen
+Sie mich, wenn Sie können.«</p>
+
+<p>Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach,
+und seine ganze Haltung zeigte, welche Gewalt
+sie noch immer über ihn ausübte.</p>
+
+<p>»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen,
+ich gebe mich Ihrem Urtheil preis. Aber wenn
+ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung
+oder Anwaltschaft für Josephine
+von Carayon enthalte, für <em class="gesperrt">Josephine</em> (Verzeihung,
+Sie haben eben selbst den alten
+<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+Namen wieder heraufbeschworen) so darf ich doch
+nicht darauf verzichten, der Anwalt der <em class="gesperrt">Frau</em>
+von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres
+Namens.«</p>
+
+<p>Es schien, daß Schach unterbrechen wollte.
+Sie ließ es aber nicht zu. »Noch einen Augenblick.
+Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu
+sagen habe. Victoire hat mich gebeten, über
+<em class="gesperrt">alles</em> zu schweigen, nichts zu verrathen, auch
+<em class="gesperrt">Ihnen</em> nicht, und nichts zu verlangen. Zur
+Sühne für eine halbe Schuld (und ich rechne
+hoch, wenn ich von einer <em class="gesperrt">halben</em> Schuld spreche)
+will sie die <em class="gesperrt">ganze</em> tragen, auch vor der Welt,
+und will sich in jenem romantischen Zuge, der
+ihr eigen ist, aus ihrem Unglück ein Glück erziehen.
+Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des
+Opfers, in einem süßen Hinsterben für <em class="gesperrt">den</em>,
+den sie liebt, und für <em class="gesperrt">das</em>, was sie lieben <em class="gesperrt">wird</em>.
+Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire
+bin, so bin ich doch nicht schwach genug, ihr in
+dieser Großmuthskomödie zu willen zu sein. Ich
+gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen
+ich erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe;
+daraufhin bin ich erzogen, und ich habe nicht
+Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten
+Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung
+<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+mit zum Opfer zu bringen. Mit andern
+Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen
+oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige
+zu spielen, auch nicht um Victoirens willen.
+Und so muß ich denn auf Legitimisirung des
+Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister,
+war es, was ich Ihnen zu sagen hatte.«</p>
+
+<p>Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden
+hatte sich wieder zu sammeln, erwiderte, »daß
+er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben seine
+natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz
+gedenk er sich nicht zu entziehen. Wenn
+ihm <em class="gesperrt">das</em>, was er jetzt wisse, bereits früher bekannt
+geworden sei, würd er um eben die Schritte,
+die Frau von Carayon jetzt fordere, seinerseits
+aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den
+Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und
+von einer solchen langgehegten Vorstellung Abschied
+zu nehmen, schaffe momentan eine gewisse
+Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer
+Gewißheit, daß er sich zu dem Tage zu beglückwünschen
+habe, der binnen kurzem diesen Wechsel
+in sein Leben bringen werde. Victoire sei der
+Mutter Tochter, das sei die beste Gewähr
+seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen
+Glücks.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>All dies wurde sehr artig und verbindlich
+gesprochen, aber doch zugleich auch mit einer bemerkenswerthen
+Kühle.</p>
+
+<p>Dies empfand Frau von Carayon in einer
+ihr nicht nur schmerzlichen, sondern sie geradezu
+verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte,
+war weder die Sprache der Liebe noch der Schuld,
+und als Schach schwieg, erwiderte sie spitz: »Ich
+bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr
+von Schach, ganz besonders auch für <em class="gesperrt">das</em>, was
+sich darin an meine Person richtete. Daß Ihr
+›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen
+können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen.
+Aber gleichviel, mir genügt das ›Ja‹. Denn
+wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer
+Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich
+will mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn,
+der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
+Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband
+zerschnitten &ndash; denn ein wenig prinzeßlich werden
+wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante
+Margueritens willen &ndash; nun so geb ich Ihnen
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><ins title="charte">carte</ins> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei
+wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen,
+in Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen,
+was geschehen <em class="gesperrt">mußte</em>.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>Schach schwieg.</p>
+
+<p>»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß
+an. Ueber alles andre werden wir uns leicht
+verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich.
+Aber die Kranke wartet jetzt auf mich, und so
+verzeihen Sie.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon erhob sich und gleich
+danach verabschiedete sich Schach in aller Förmlichkeit,
+ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen
+gesprochen worden wäre.</p>
+
+<h2>Dreizehntes Kapitel.<br/>
+<small>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le choix du Schach.</span>«</small></h2>
+
+<p>In beinah offner Gegnerschaft hatte man
+sich getrennt. Aber es ging alles besser, als
+nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet
+werden konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief
+beitrug, den Schach andern Tags an Frau von
+Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in
+allem Freimuth schuldig, schützte, wie schon während
+des Gesprächs selbst, Ueberraschung und
+Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen
+einen wärmeren Ton, eine herzlichere
+Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem er ein
+<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>
+Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr
+sagen, als zu sagen gut und klug war. Er
+sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied
+absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen
+von Respekt und Werthschätzung, die so
+bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß
+einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire
+sog jedes Wort ein, und als die Mama schließlich
+den Brief aus der Hand legte, sah diese letztre
+nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück
+ausgereicht hatten, ihrem armen Kinde die Hoffnung,
+und <em class="gesperrt">mit</em> dieser Hoffnung auch die verlorene
+Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte,
+fühlte sich wie genesen, und Frau von Carayon
+sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«</p>
+
+<p>Schach empfing am selben Tage noch ein
+Antwortsbillet, das ihm unumwunden die herzliche
+Freude seiner alten Freundin ausdrückte.
+Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er
+vergessen; sie habe sich, lebhaft wie sie sei, hinreißen
+lassen. Im Uebrigen sei noch nichts Ernstliches
+und Erhebliches versäumt, und wenn,
+dem Sprichworte nach, aus Freude Leid erblühe,
+so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder
+hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie
+persönlich zum Opfer bringe, bringe sie gern,
+<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
+wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück
+ihrer Tochter sei.</p>
+
+<p>Schach, als er das Billet gelesen, wog es
+hin und her, und war ersichtlich von einer gemischten
+Empfindung. Er hatte sich, als er in
+seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr
+nicht leicht von irgendwem zu versagenden,
+freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem
+Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders
+lebhaften Ausdruck gegeben. Aber das, woran
+ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue gemahnte,
+das war <em class="gesperrt">mehr</em>, das hieß einfach Hochzeit,
+Ehe, Worte, deren bloßer Klang ihn von alter
+Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit mit
+<em class="gesperrt">wem</em>? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz
+sich auszudrücken beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer
+gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in
+seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf
+dem Standpunkte des Prinzen, ich schwärme
+nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren
+nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als
+der Gewinn, und wenn ich mich auch persönlich
+zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so bekehr
+ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos
+dem Spott und Witz der Kameraden verfallen,
+und das Ridikül einer allerglücklichsten ›Land-Ehe‹,
+<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>
+die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt
+in einem wahren Musterexemplare vor mir. Ich
+sehe genau, wie's kommt: ich quittire den Dienst,
+übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire,
+ziehe Raps oder Rübsen, und befleißige mich
+einer allerehelichsten Treue. Welch Leben, welche
+Zukunft! An <em class="gesperrt">einem</em> Sonntage Predigt, am
+<em class="gesperrt">andern</em> Evangelium oder Epistel, und dazwischen
+Whist <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en trois</span>, immer mit demselben Pastor.
+Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste
+Stadt, vielleicht Prinz Louis in Person, und
+wechselt die Pferde, während ich erschienen bin
+um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten.
+Und er mustert mich und meinen altmodischen
+Rock und frägt mich: ›wie mir's gehe?‹ Und
+dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott,
+was doch drei Jahr aus einem Menschen machen
+können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht werden
+es dreißig.«</p>
+
+<p>Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen,
+und blieb vor einer Spiegelkonsole stehen,
+auf der der Brief lag, den er während des
+Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei
+mal hob er ihn auf und ließ ihn wieder fallen.
+»Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹
+Ich entsinne mich noch, so schrieb sie damals.
+<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+Wußte sie, was kommen würde? <em class="gesperrt">Wollte</em> sie's?
+O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße
+Geschöpf. Alle Schuld liegt bei <em class="gesperrt">Dir</em>. Deine
+<em class="gesperrt">Schuld</em> ist Dein Schicksal. Und ich will sie
+tragen.«</p>
+
+<p>Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen,
+und ging zu den Carayons.</p>
+
+<p>Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch,
+das er geführt, von dem Drucke, der
+auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine
+Sprache der alten Freundin gegenüber war jetzt
+natürlich, beinah herzlich, und ohne daß auch nur
+eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen
+der Frau von Carayon getrübt hätte,
+besprachen beide was zu thun sei. Schach zeigte
+sich einverstanden mit allem: in einer Woche
+Verlobung, und nach drei Wochen die Hochzeit.
+Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das
+junge Paar eine Reise nach Italien antreten,
+und nicht vor Ablauf eines Jahres in die Heimath
+zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire
+nach Wuthenow, dem alten Familiengute,
+das ihr, von einem früheren Besuche her, (als
+Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und
+freundlicher Erinnerung war. Und war auch
+das <em class="gesperrt">Gut</em> inzwischen in Pacht gegeben, so war
+<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>
+doch noch das <em class="gesperrt">Schloß</em> da, stand frei zur Verfügung,
+und konnte jeden Augenblick bezogen
+werden.</p>
+
+<p>Nach Festsetzungen wie <ins title="diese">diesen</ins>, trennte man
+sich. Ein Sonnenschein lag über dem Hause
+Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß
+die vorausgegangen war.</p>
+
+<p>Auch Schach legte sich's zurecht. Italien
+wiederzusehen, war ihm seit seinem ersten, erst
+um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte
+daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; <em class="gesperrt">der</em>
+erfüllte sich nun, und kehrten sie dann zurück,
+so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der
+geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei
+Nutzen und Vortheil ziehen. Victoire hing an
+Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm
+er dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber.
+Und dann gingen sie durch die Felder und plauderten.
+O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und
+espritvoll zugleich. Und nach abermals einem
+Jahr, oder einem zweiten und dritten, je nun,
+da hatte sich's verblutet, da war es todt und vergessen.
+Die Welt vergißt so leicht, und die
+Gesellschaft noch leichter. Und dann hielt man
+seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmsplatz
+und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse,
+<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>
+die doch schließlich nicht blos seine,
+sondern auch <em class="gesperrt">ihre</em> Heimath bedeuteten. Alles
+war überstanden und das Lebensschiff an der
+Klippe des Lächerlichen <em class="gesperrt">nicht</em> gescheitert.</p>
+
+<p>Armer Schach! Es war anders in den
+Sternen geschrieben.</p>
+
+<p>Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige
+vergehen sollte, war noch nicht um, als ihm ein
+Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen
+rothen Siegel ins Haus geschickt wurde. Den
+ersten Augenblick hielt er's für ein amtliches
+Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte
+mit dem Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung
+nicht abzukürzen. Aber woher kam es? von
+wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte
+nun leicht, daß es überhaupt kein Siegel,
+sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar.
+Und nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen,
+eine radirte Skizze mit der Unterschrift:
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le choix du Schach</span>. Er wiederholte sich das
+Wort, ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst
+zurecht finden zu können und empfand nur ganz
+allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von
+Angriff und Gefahr. Und wirklich, als er sich
+orientirt hatte, sah er, daß sein erstes Gefühl
+ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel
+<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>
+saß der persische Schach, erkennbar an
+seiner hohen Lammfellmütze, während an der
+untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten
+standen und des Augenblicks harrten, wo der von
+seiner Höhe her kalt und vornehm Dreinschauende
+seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde.
+Der persische Schach aber war einfach <em class="gesperrt">unser</em>
+Schach und zwar in allerfrappantester Porträtähnlichkeit,
+während die beiden ihn fragend anblickenden,
+und um vieles flüchtiger skizzirten
+Frauenköpfe, wenigstens ähnlich genug waren,
+um Frau von Carayon und Victoire mit aller
+Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr
+und nicht weniger als eine Karrikatur. Sein
+Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der
+Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider
+und Gegner, deren er nur zu viel hatte, hatte
+die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst
+ein Genüge zu thun.</p>
+
+<p>Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles
+Blut stieg ihm zu Kopf, und es war ihm, als
+würd er vom Schlage getroffen.</p>
+
+<p>Einem natürlichen Verlangen nach Luft und
+Bewegung folgend, oder vielleicht auch von der
+Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht
+abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um
+<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a>
+einen Spaziergang zu <ins title="machen">machen.</ins> Begegnungen
+und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine
+Ruhe wiedergeben. Was war es denn schließlich?
+Ein kleinlicher Akt der Rache.</p>
+
+<p>Die Frische draußen that ihm wohl; er
+athmete freier und hatte seine gute Laune fast
+schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz
+her die Linden einbiegend, auf die schattigere
+Seite der Straße hinüberging, um hier ein paar
+Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen.
+Sie vermieden aber ein Gespräch und wurden
+sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte
+nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar
+mit hämischer Miene. Schach sah ihm nach, und
+sann und überlegte noch, was die Suffisance
+des einen und die verlegenen Gesichter der andern
+bedeutet haben mochten, als er, einige Hundert
+Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich
+großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor
+einem kleinen Bilderladen stand. Einige lachten,
+andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen
+»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen
+um die Zuschauermenge herum, warf einen Blick
+über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An
+dem Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und
+<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>
+der absichtlich niedrig normirte Preis war mit
+Rothstift groß darunter geschrieben.</p>
+
+<p>Also eine Verschwörung.</p>
+
+<p>Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen
+Spaziergang fortzusetzen, und kehrte in seine
+Wohnung zurück.</p>
+
+<p>Um Mittag empfing Sander ein Billet von
+Bülow: »Lieber Sander. Eben erhalte ich eine
+Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen
+Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber,
+ob Sie dieselbe schon kennen, schließ ich sie diesen
+Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge
+nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das
+Berliner Gras wachsen. Ich <ins title="meinseits">meinerseits</ins> bin empört.
+<em class="gesperrt">Nicht</em> Schachs halber, der diesen ›Schach
+von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist
+wirklich so was), aber der Carayons halber.
+Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu
+werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von
+den Franzosen an, und an ihrem Guten, wohin
+auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber.
+Ihr B.«</p>
+
+<p>Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf
+das Bild, das er kannte, setzte sich an sein Pult
+und antwortete: »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Mon Général!</span> Ich brauche
+dem Ursprunge nicht nachzugehen, er ist <em class="gesperrt">mir</em>
+<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+nachgegangen. Vor etwa vier, fünf Tagen
+erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte
+mich, ob ich mich dazu verstehen würde, den Vertrieb
+einiger Zeichnungen in die Hand zu nehmen.
+Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich
+ab. Es waren drei Blätter, darunter auch <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">le
+choix du Schach</span>. Der bei mir erschienene Herr
+gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach,
+alles gekünstelten Radebrechens unerachtet, das
+Deutsche so gut, daß ich seine Fremdheit für
+eine bloße Maske halten mußte. Personen aus
+dem Prinz R.schen Kreise, nehmen Anstoß an
+seinem Gelieble mit der Prinzessin, und stecken
+vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser
+Annahme, so wird mit einer Art von Sicherheit
+auf Kameraden seines Regiments zu schließen
+sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den
+Aparten spielt, ist es nie. Die Sache möchte
+hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig hervorheben,
+die Carayons mit hineingezogen wären.
+Um <em class="gesperrt">ihret</em>willen beklag ich den Streich, dessen
+Gehässigkeit sich in diesem <em class="gesperrt">einem</em> Bilde schwerlich
+erschöpft haben wird. Auch die beiden andern,
+deren ich Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich
+folgen. Alles in diesem anonymen Angriff ist
+klug berechnet, und klug berechnet ist auch der
+<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>
+Einfall, das Gift nicht gleich auf einmal zu
+geben. Es wird seine Wirkung nicht verfehlen,
+und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten.
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Tout à vous. S.</span>«</p>
+
+<p>In der That, die Besorgniß, die Sander
+in diesen Zeilen an Bülow ausgesprochen hatte,
+sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.
+Intermittirend wie das Fieber, erschienen in
+zweitägigen Pausen auch die beiden andern
+Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem
+Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft
+und besprochen. Die Frage Schach-Carayon war
+über Nacht zu einer <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">cause celèbre</span> geworden,
+trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte
+wußte. Schach, so hieß es, habe sich von der
+schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter
+zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich
+in allerlei Muthmaßungen, ohne dabei das Richtige
+zu treffen.</p>
+
+<p>Schach empfing auch die beiden andern
+Blätter unter Kouvert. Das Siegel blieb dasselbe.
+Blatt 2 hieß »<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">la gazza ladra</span>« oder die
+»diebische <em class="gesperrt">Schach</em>-Elster,« und stellte eine Elster
+dar, die, zwei Ringe von ungleichem Werthe
+musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale
+<ins title="nimmt">nimmt.</ins></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>Am weitaus verletzendsten aber berührte das
+den Salon der Frau von Carayon als Szenerie
+nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein
+Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren
+gegangenen Spiel und wie um die Niederlage
+zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben
+saß Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen
+kniete Schach, wieder in der persischen Mütze des
+ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und eingedrückt.
+Und darunter stand: »Schach &ndash; matt.«</p>
+
+<p>Der Zweck dieser wiederholten Angriffe
+wurde nur <em class="gesperrt">zu</em> gut erreicht. Schach ließ sich krank
+melden, sah niemand und bat um Urlaub, der
+ihm auch umgehend von seinem Chef, dem
+Obersten von Schwerin, gewährt wurde.</p>
+
+<p>So kam es, daß er am selben Tag, an dem,
+nach gegenseitigem Abkommen, seine Verlobung
+mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin
+verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von
+den Carayons (deren Haus er all die Zeit über
+nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>Vierzehntes Kapitel.<br/>
+<small>In Wuthenow am See.</small></h2>
+
+<p>Es schlug Mitternacht, als Schach in
+Wuthenow eintraf, an dessen entgegengesetzter
+Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner
+See nach rechts und links hin überblickende
+<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <ins title="und und">und</ins>
+Hütten war alles längst in tiefem Schlaf,
+und nur aus den Ställen her hörte man noch
+das Stampfen eines Pferds oder das halblaute
+Brüllen einer Kuh.</p>
+
+<p>Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang
+in einen schmalen Feldweg ein, der, allmählich
+ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf
+führte. Rechts lagen die Bäume des Außenparks,
+links eine gemähte Wiese, deren Heugeruch die
+Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts
+als ein alter, weißgetünchter und von einer
+schwarzgetheerten Balkenlage durchzogener Fachwerkbau,
+dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene
+Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen
+Blitzableiter und eine prächtige, nach dem Muster
+von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen
+allernüchternster Tagtäglichkeit genommen
+hatte. Jetzt freilich, unter dem Sternenschein,
+<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>
+lag alles da wie das Schloß im Märchen, und
+Schach hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich
+betroffen von der Schönheit des Bildes.</p>
+
+<p>Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor
+zu, das sich in einem flachen Bogen
+zwischen dem Giebel des Schlosses und einem
+danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof
+her vernahm er im selben Augenblick ein Bellen
+und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend
+aus seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach
+rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte.</p>
+
+<p>»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die
+Stimme seines Herrn erkennend, begann jetzt vor
+Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd
+auf die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.</p>
+
+<p>Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum
+mit weitem Gezweige. Schach stieg ab,
+schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut
+an einen der Fensterläden. Aber erst als er das
+zweite Mal gepocht hatte, wurd es lebendig
+drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine
+halb verschlafene Stimme: »Wat is?«</p>
+
+<p>»Ich, Krist.«</p>
+
+<p>»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach
+flink.«</p>
+
+<p>Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig
+in die Stube hinein, während er den nur angelegten
+Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«</p>
+
+<p>Aber der Alte war schon aus dem Bette
+heraus, und sagte nur immer, während er hin
+und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks.
+Man noch en beten.«</p>
+
+<p>Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen
+Schwefelfaden brennen, und hörte, daß eine
+Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde.
+Richtig, ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die
+Scheiben, und ein paar Holzpantinen klappten
+über den Lehmflur hin. Und nun wurde der
+Riegel zurückgeschoben, und Krist, der in aller
+Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen
+hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte
+vor manchem Jahr und Tag, als der alte
+»Gnädge-Herr« gestorben war, den durch diesen
+Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf
+seinen jungen Herrn übertragen wollen, aber
+dieser, der mit Krist das erste Wasserhuhn geschossen
+und die erste Bootfahrt über den See
+gemacht hatte, hatte von dem neuen Titel nichts
+wissen wollen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a>»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch
+ümmer ihrst, o'r schicken uns Baarsch'en o'r den
+kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich.
+Awers ick wußt' et joa, as de Poggen hüt
+Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' koam'
+künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt'
+wat.‹ Awers as de Fruenslüd' sinn! Wat seggt
+se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se, ›Regen
+bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns'
+Tüffeln <ins title="bruken't.‹">bruken't.‹«</ins></p>
+
+<p>»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem
+Ohr hingehört hatte, während der Alte die kleine
+Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins
+Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber
+geh nur vorauf.«</p>
+
+<p>Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen,
+und beide gingen nun einen mit Fliesen gedeckten
+schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte
+verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin
+eine geräumige Treppenhalle, während nach rechts
+hin eine mit Goldleisten und Rokokoverzierungen
+reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon
+führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der
+verstorbenen Frau Generalin von Schach, einer
+sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame
+gedient hatte. Hierher richteten sich denn auch
+<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>
+die Schritte beider, und als Krist die halb verquollene
+Thür nicht ohne Müh und Anstrengung
+geöffnet hatte, trat man ein.</p>
+
+<p>Unter dem Vielen, was an Kunst- und
+Erinnerungsgegenständen in diesem Gartensalon
+umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter,
+den Schach selber, vor drei Jahren erst,
+von seiner italienischen Reise mit nach Hause
+gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen
+Leuchter nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete
+die beiden Wachslichter an, die seit lange schon
+in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der
+verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe
+gedient hatten. Die Gnädige selbst aber war
+erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von
+jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so
+hatte noch alles den alten Platz. Ein paar kleine
+Sophas standen wie früher an den Schmalseiten
+einander gegenüber, während zwei größere die
+Mitte der Längswand einnahmen und nichts als
+die vergoldete Rokoko-Doppelthür zwischen sich
+hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz
+der Generalin) und die große Marmorschale,
+darin alabasterne Weintrauben und Orangen
+und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert
+an ihrem Platz. In dem ganzen Zimmer aber,
+<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a>
+das seit lange nicht gelüftet war, war eine stickige
+Schwüle.</p>
+
+<p>»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und
+dann gieb mir eine Decke. Die da.«</p>
+
+<p>»Wullen's sich denn <em class="gesperrt">hier</em> hen leggen, junge
+Herr?«</p>
+
+<p>»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«</p>
+
+<p>»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr
+uns <em class="gesperrt">doa</em>vunn vertellen deih! Uemmer so platsch
+in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix
+för mi. ›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn
+ümmer, ›ick gloob de Huut geit em runner‹.
+Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer,
+un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <ins title="fast.‹">fast.‹«</ins></p>
+
+<p>Während der Alte noch so sprach und vergangener
+Zeiten gedachte, griff er zugleich doch
+nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,
+der in einer Kaminecke stand, und versuchte
+damit das eine Sopha, das sich Schach als
+Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem
+Gröbsten herauszubringen. Aber der dichte
+Staub, der aufstieg, zeigte nur das Vergebliche
+solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem
+Anfluge von guter Laune: »Störe den Staub
+nicht in seinem Frieden.« Und erst als er's gesprochen
+hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin
+<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a>
+auf, und er gedachte der Eltern, die drunten in
+der Dorfkirche in großen Kupfersärgen und mit
+einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten
+Gruft der Familie standen.</p>
+
+<p>Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach
+und warf sich aufs Sopha. »Meinem Schimmel
+gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser;
+dann hält er aus bis morgen. Und nun stelle
+das Licht ans Fenster und laß es brennen ....
+Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben.
+Und nun gute Nacht, Krist. Und schließe von
+außen zu, daß sie mich nicht wegtragen.«</p>
+
+<p>»Ih, se wihren doch nich&nbsp;....«</p>
+
+<p>Und Schach hörte bald darnach die Pantinen,
+wie sie den Korridor hinunterklappten. Ehe Krist
+aber die Giebelthür noch erreicht, und von außen
+her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon
+schwer und bleiern auf seines Herrn überreiztes
+Gehirn.</p>
+
+<p>Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm
+lastenden Schwere zum Trotz, empfand er deutlich,
+daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und
+kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und
+selbst ein unwillkürliches und halbverschlafenes
+Umherschlagen mit der Hand nichts helfen wollte,
+riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen
+<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>
+zurück. Und nun sah er, was es war. Die
+beiden eben verschweelenden Lichter, die mit ihrem
+Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht
+hatten, hatten allerlei Gethier vom Garten
+her in das Zimmer gelockt, und nur über Art
+und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel.
+Einen Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr
+bald aber mußt er sich überzeugen, daß es einfach
+riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,
+die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und
+her flogen, an die Scheiben stießen und vergeblich
+das offene Fenster wieder zu finden suchten.</p>
+
+<p>Er raffte nun die Decke zusammen und schlug
+mehrmals durch die Luft, um die Störenfriede
+wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem
+Jagen und Schlagen immer nur ängstlicher werdende
+Geziefer schien sich zu verdoppeln und summte
+nur dichter und lauter als vorher um ihn herum.
+An Schlaf war nicht mehr zu denken, und so
+trat er denn ans offene Fenster und sprang
+hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen
+abzuwarten.</p>
+
+<p>Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die
+dicht vor dem Salon gelegene Gartenanlage bestand
+aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um
+das herum, in meist dreieckigen und von Buchsbaum
+<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+eingefaßten Beeten, allerlei Sommerblumen
+blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und
+Levkojen. Man sah leicht, daß eine ordnende
+Hand hier neuerdings gefehlt hatte, trotzdem
+Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines
+Gärtners zählte; die Zeit indeß, die seit dem
+Tode der Gnädigen vergangen war, war andrerseits
+eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger
+Verwilderung geführt zu haben. Alles
+hatte nur erst den Charakter eines wuchernden
+Blühens angenommen, und ein schwerer und doch
+zugleich auch erquicklicher Levkojenduft lag über
+den Beeten, den Schach in immer volleren Zügen
+einsog.</p>
+
+<p>Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal,
+und balancirte, während er einen Fuß vor den
+andern setzte, zwischen den nur handbreiten
+Stegen hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit
+proben und die Zeit mit guter Manier hinter sich
+bringen. Aber diese Zeit wollte nicht schwinden,
+und als er wieder nach der Uhr sah, war erst
+eine Viertelstunde vergangen.</p>
+
+<p>Er gab nun die Blumen auf und schritt auf
+einen der beiden Laubengänge zu, die den großen
+Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast
+an den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen.
+<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+An mancher Stelle waren die Gänge nach obenhin
+überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt
+ihn eine Weile den abwechselnd zwischen
+Dunkel und Licht liegenden Raum in Schritten
+auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der
+Gang zu Nischen und Tempelrundungen, in denen
+allerhand Sandsteinfiguren standen: Götter und
+Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale
+vorübergegangen war, ohne sich auch nur im
+geringsten um sie zu kümmern oder ihrer Bedeutung
+nachzuforschen; heut aber blieb er stehn
+und freute sich besonders aller derer, denen die
+Köpfe fehlten, weil sie die dunkelsten und unverständlichsten
+waren, und sich am schwersten errathen
+ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter,
+stieg ihn wieder hinauf und wieder hinunter und
+stand nun am Dorfausgang und hörte daß es
+zwei schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge
+halb? War es halb drei? Nein, es war erst zwei.</p>
+
+<p>Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner
+Promenade noch weiter fortzusetzen und beschrieb
+lieber einen Halbkreis um den Fuß des Schloßhügels
+herum, bis er in Front des Schlosses
+selber war. Und nun sah er hinauf, und sah die
+große Terrasse, die von Orangeriekübeln und
+Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den
+<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>
+See hinunterführte. Nur ein schmal Stück Wiese
+lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
+stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach
+jetzt umschritt, einmal, vielemal, als würd er in
+ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß
+ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern
+Kreis gemahnte, denn er murmelte vor sich hin:
+könnt' ich heraus!</p>
+
+<p>Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig
+nah an die Schloßterrasse herantrat, war ein
+bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst.
+Auf diesen See hinauszufahren aber war in
+seinen Knabenjahren immer seine höchste Wonne
+gewesen.</p>
+
+<p>»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er
+schritt auf den Schilfgürtel zu, der die tief einmündende
+Bucht von drei Seiten her einfaßte.
+Nirgends schien ein Zugang. Schließlich indeß
+fand er einen überwachsenen Steg, an dessen
+Ende das große Sommerboot lag, das seine
+Mama viele Jahre lang benutzt hatte, wenn sie
+nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen
+Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen
+fanden sich, während der flache Boden des Boots,
+um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem
+Binsenstroh überdeckt war. Schach
+<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>
+sprang hinein, löste die Kette vom Pflock und
+stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu zeigen
+war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das
+Wasser war so seicht und schmal, daß er bei jedem
+Schlage das Schilf getroffen haben würde. Bald
+aber verbreiterte sichs und er konnte nun die
+Ruder einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der
+Tag war noch nicht wach, und Schach hörte nichts
+als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton
+des Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel
+brach. Endlich aber war er in dem großen
+und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt,
+und die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an
+einem Gekräusel der sonst spiegelglatten Fläche
+deutlich erkennen. In diese Strömung bog er
+jetzt ein, gab dem Boote die rechte Richtung,
+legte sich und die Ruder ins Binsenstroh und
+fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises
+Schaukeln begann.</p>
+
+<p>Immer blasser wurden die Sterne, der
+Himmel röthete sich im Osten und er schlief ein.</p>
+
+<p>Als er erwachte, war das mit dem Strom
+gehende Boot schon weit über die Stelle hinaus,
+wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow
+hin abbog. Er nahm also die Ruder wieder in
+die Hand und legte sich mit aller Kraft ein, um
+<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a>
+aus der Strömung heraus und an die verpaßte
+Stelle zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung
+die es ihn kostete.</p>
+
+<p>Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber
+dem First des Wuthenower Herrenhauses hing
+die Sonne, während drüben am andern Ufer die
+Wolken im <ins title="Wiederschein">Widerschein</ins> glühten und die Waldstreifen
+ihren Schatten in den See warfen. Auf
+dem See selbst aber begann es sich zu regen,
+und ein die Morgenbrise benutzender Torfkahn
+glitt mit ausgespanntem Segel an Schach vorüber.
+Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln
+that ihm wohl, denn er fühlte deutlich, wie der
+Druck, der auf ihm lastete, sich dabei minderte.
+»Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn
+am Ende? Bosheit und Uebelwollen. Und wer
+kann sich <em class="gesperrt">dem</em> entziehn! Es kommt und geht.
+Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.«
+Aber während er so sich tröstete, zogen
+auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich
+in einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften
+vorfahren, um ihnen Victoire von
+Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er
+hörte deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer
+Tochter, der schönen Radziwill, zuflüsterte: »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Est-elle
+riche?</span>« »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Sans doute.</span>« »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, je comprends.</span>«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen
+bog er wieder in die kurz vorher so stille
+Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
+bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden
+Vögel kreischten oder gurrten, ein paar Kibitze
+flogen auf, und eine Wildente, die sich neugierig
+umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in
+Sicht kam. Eine Minute später, und Schach
+hielt wieder am Steg, schlang die Kette fest um
+den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes
+Umwegs die Terrasse hinauf, auf deren oberstem
+Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
+Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer
+Ziege das erste Grünfutter zu bringen.</p>
+
+<p>»Tag, Mutter Kreepschen.«</p>
+
+<p>Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen
+im Gartensalon vermutheten jungen Herrn (um
+dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall
+gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht
+im Schlafe stören sollte) jetzt von der Frontseite
+des Schlosses her auf sich zukommen zu sehn.</p>
+
+<p>»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn
+her?«</p>
+
+<p>»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«</p>
+
+<p>»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«</p>
+
+<p>»Beinah. Mücken und Motten waren's.
+<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+Ich hatte das Licht brennen lassen. Und der
+eine Fensterflügel war auf.«</p>
+
+<p>»Awers worümm hebbens denn dat Licht
+nich utpuust? Dat weet doch jed-een, wo Licht
+is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten.
+Ick weet nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd
+ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un nich en
+Oog to.«</p>
+
+<p>»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen,
+im Boot, und ganz gut und ganz fest.
+Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt,
+dann bringt Ihr mir wohl was Warmes. Nicht
+wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«</p>
+
+<p>»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr;
+Füer is ümmer dat ihrst. Versteiht sich, versteiht
+sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
+man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben
+joar nich, junge Herr, wie schabernacksch so'n oll'
+Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
+hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is,
+denn wohrd se falsch. Un kumm ick denn un
+will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
+denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier
+in't Krüz, dicht bi de Hüft'. Un worümm?
+Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben
+deih. Awers nu kummen's man ihrst in uns
+<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
+Stuw, un setten sich en beten dahl. Mien oll
+Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't
+em wat in. Awers keen Viertelstunn mihr, junge
+Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un ook wat
+dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr
+joa all hier.«</p>
+
+<p>Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens
+gute Stube getreten. Alles darin war sauber
+und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher
+Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer-
+und Koriander-Mixtum herrührte, das die Kreepschen
+als Mottenvertreibungsmittel in die Sophaecken
+gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das
+Fenster, kettelte den Haken ein, und war nun
+erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
+freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber
+dem Sopha hingen zwei kleine Kalenderbildchen,
+Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs
+darstellend, »Du, du« stand unter dem einen,
+und »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Bon soir, Messieurs</span>« unter dem andern.
+Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum
+hingen zwei dicke Immortellenkränze mit schwarzen
+und weißen Schleifen daran, während auf dem
+kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras
+stand. Das Hauptschmuckstück aber war ein
+Schilderhäuschen mit rothem Dach, in dem früher,
+<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>
+aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust
+und seinen Futterwagen an der Kette
+herangezogen hatte. Jetzt war es leer, und der
+Wagen hatte stille Tage.</p>
+
+<p>Schach war eben mit seiner Musterung
+fertig, als ihm auch schon gemeldet wurde »daß
+drüben alles klar sei.«</p>
+
+<p>Und wirklich, als er in den Gartensalon
+eintrat, der ihm ein Nachtlager so beharrlich verweigert
+hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn
+und ein paar freundliche Hände mittlerweile
+daraus gemacht hatten. Thür und Fenster standen
+auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht
+und aller Staub war von Tisch und Sopha verschwunden.
+Einen Augenblick später erschien auch
+schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln
+in einen Korb gelegt, und als Schach eben den
+Deckel von der kleinen Meißner Kanne heben
+wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken
+herauf.</p>
+
+<p>»Was ist denn <em class="gesperrt">das</em>?« fragte Schach. »Es
+kann ja kaum sieben sein.«</p>
+
+<p>»Justement sieben, junge Herr.«</p>
+
+<p>»Aber sonst war es doch erst um elf. Und
+um zwölfe dann Predigt.«</p>
+
+<p>»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr.
+<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>
+Un ümmer den dritt'n Sünndag is et anners.
+Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt,
+denn is't um twölwen, wiel he joa ihrst in
+Radensleben preestern deiht, awers den dritten
+Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt,
+denn is et all um achten. Un ümmer, wenn
+uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
+Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt
+he joa sien Klock. Und dat's ümmer um seb'n.«</p>
+
+<p>»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«</p>
+
+<p>»Na, wie sall he heten? He heet ümmer
+noch so. Is joa ümmer noch de oll Bienengräber.«</p>
+
+<p>»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer
+ein sehr guter Mann.«</p>
+
+<p>»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene
+Teihn mihr, ook nich een', un nu brummelt un
+mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht
+em.«</p>
+
+<p>»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter
+Kreepschen. Aber die Leute haben immer was
+auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich
+will hingehen und mal wieder nachsehen, was
+mir der alte Bienengräber zu sagen hat, mir und
+den andern. Hat er denn noch in seiner Stube
+das große Hufeisen, dran ein Zehnpfundgewicht
+<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a>
+hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn
+ich nicht aufpaßte.«</p>
+
+<p>»Dat woahrd he woll noch hebben. De
+Jungens passen joa all nich upp.«</p>
+
+<p>Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn
+nicht länger zu stören, und versprach ihm ein
+Gesangbuch zu bringen.</p>
+
+<p>Schach hatte guten Appetit und ließ sich die
+Herzberger Semmeln schmecken. Denn seit er
+Berlin verlassen, war noch kein Bissen über seine
+Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf,
+um in die Gartenthür zu treten und sah von
+hier aus über das Rondeel und die Buchsbaumrabatten
+und weiter dahinter über die Baumwipfel
+des Parkes fort, bis sein Auge schließlich
+auf einem sonnenbeschienenen Storchenpaar ausruhte,
+das unten, am Fuße des Hügels, über
+eine mit Ampfer und Ranunkel roth und gelb
+gemusterte Wiese hinschritt.</p>
+
+<p>Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in
+allerlei Betrachtungen; aber es läutete gerade
+zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf
+hinunter, um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl
+aus zu hören, »was ihm der alte Bienengräber
+zu sagen habe.«</p>
+
+<p>Bienengräber sprach gut genug, so recht aus
+<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+dem Herzen und der Erfahrung heraus, und als
+der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder
+leer war, wollte Schach auch wirklich in die
+Sakristei gehen, dem Alten danken für manches
+gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und
+ihn in seinem Boot über den See hin zurückbegleiten.
+Unterwegs aber wollt er ihm alles
+sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten.
+Er würde schon Antwort wissen. Das Alter sei
+allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-,
+so doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,«
+unterbrach er sich mitten in diesem Vorsatze,
+»was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich
+diese Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie
+nicht in mir selbst? Kenn ich nicht die Gebote?
+Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«</p>
+
+<p>Und während er so vor sich hinredete, ließ
+er den Plan eines Zwiegesprächs fallen, und stieg
+den Schloßberg wieder hinauf.</p>
+
+<p>Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche
+nichts abgehandelt, und <em class="gesperrt">doch</em> schlug es erst zehn,
+als er wieder oben anlangte.</p>
+
+<p>Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal,
+zweimal, und sah sich die Bilder aller der Schachs
+an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
+<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>
+umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen
+in der Armee gewesen, alle trugen sie den
+Schwarzen Adler oder den Pour le Merite.
+<em class="gesperrt">Das</em> hier war der General, der bei Malplaquet
+die große Redoute nahm, und <em class="gesperrt">das</em> hier war das
+Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im
+Regiment Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof
+mit vierhundert Mann eine Stunde lang
+gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
+zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und
+dazwischen hingen die Frauen, einige schön, am
+schönsten aber seine Mutter.</p>
+
+<p>Als er wieder in dem Gartensalon war,
+schlug es zwölf. Er warf sich in die Sopha-Ecke,
+legte die Hand über Aug und Stirn und zählte
+die Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden
+hier, und mir ist als wären es zwölf Jahre ....
+Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
+Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche,
+was keinen Unterschied macht. Einer wie der
+andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut ....
+Und dann geh ich mit Victoire durch den Garten,
+und aus dem Park auf die Wiese, dieselbe Wiese,
+die wir vom Schloß aus immer und ewig und
+ewig und immer sehn, und auf der der Ampfer
+und die Ranunkeln blühn. Und dazwischen
+<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>
+spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein;
+aber vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger
+neben uns her und singt in einem fort: ›Adebaar,
+Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und
+meine Schloßherrin erröthet und wünscht sich das
+Schwesterchen <em class="gesperrt">auch</em>. Und endlich sind elf Jahre
+herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹
+an der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹
+heißt. Ein sonderbares Wort. Und dann ist
+auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
+malen zu lassen für die Galerie. Denn wir
+dürfen doch am Ende nicht fehlen! Und zwischen
+die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein,
+und zwischen die schönen Frauen kommt Victoire.
+Vorher aber hab ich eine Konferenz mit dem
+Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie
+den <em class="gesperrt">Ausdruck</em> zu treffen wissen. Die Seele
+macht ähnlich.‹ Oder soll ich ihm geradezu sagen:
+›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!«</p>
+
+<h2>Fünfzehntes Kapitel.<br/>
+<small>Die Schachs und die Carayons.</small></h2>
+
+<p>Was immer geschieht, geschah auch diesmal:
+die Carayons erfuhren nichts von dem, was die
+halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich,
+<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
+erschien Tante Marguerite, fand Victoiren »um
+dem Kinn etwas spitz« und warf im Laufe der
+Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es
+sollen ja Karrikatüren erschienen sein?«</p>
+
+<p>Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite
+jenen alten Gesellschaftsdamen zuzählte, die nur
+immer von allem »gehört haben«, und als
+Victoire fragte: »<em class="gesperrt">was</em> denn, liebe Tante?«
+wiederholte sie nur: »Karrikatüren, liebes Kind.
+Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man
+den Gesprächsgegenstand fallen.</p>
+
+<p>Es war gewiß ein Glück für Mutter und
+Tochter, daß sie von den Spott- und Zerrbildern,
+deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
+brachten; aber für den <em class="gesperrt">Dritt</em>betheiligten, für
+Schach, war es ebenso gewiß ein Unglück und
+eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau
+von Carayon, als deren schönster Herzenszug ein
+tiefes Mitgefühl gelten konnte, nur die kleinste
+Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
+ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet
+worden war, so würde sie von der ihm gestellten
+Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
+ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme
+gespendet haben; ohne jede Kenntniß jedoch
+von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
+<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
+sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich
+von dem Augenblick an, wo sie von seinem Rückzug
+nach Wuthenow erfuhr, über seinen »Wort-
+und Treubruch«, als den sie's ansah, in den
+heftigsten und unschmeichelhaftesten Ausdrücken.</p>
+
+<p>Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge
+hörte. Denselben Abend noch, an dem
+Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich
+Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire,
+der jede Gesellschaft peinlich war, zog sich zurück,
+Frau von Carayon aber ließ bitten und empfing
+ihn mit besondrer Herzlichkeit.</p>
+
+<p>»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber
+Alvensleben, wie sehr ich mich freue, Sie nach
+so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine
+Welt von Dingen hat sich seitdem zugetragen.
+Und ein Glück, daß Sie standhaft blieben, als
+man Ihnen den Luther aufzwingen wollte.
+Das hätte mir Ihr Bild ein für allemal verdorben.«</p>
+
+<p>»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich
+einen Augenblick, ob ich ablehnen sollte.«</p>
+
+<p>»Und weshalb?«</p>
+
+<p>»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar
+<em class="gesperrt">vor</em>her abgelehnt hatte. Nachgerade widersteht
+es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen
+<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a>
+zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin
+schon genug, die mich einfach als seinen Abklatsch
+bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst
+neulich wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben,
+daß Sie nicht als Schach&nbsp;II. in die Rang-
+und Quartierliste kommen‹.«</p>
+
+<p>»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind
+eben doch anders.«</p>
+
+<p>»Aber nicht besser.«</p>
+
+<p>»Wer weiß.«</p>
+
+<p>»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde
+meiner schönen Frau von Carayon einigermaßen
+überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde,
+wenn er davon hörte, seine Wuthenower Tage
+vielleicht verleiden würde.«</p>
+
+<p>»Seine Wuthenower Tage?«</p>
+
+<p>»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem
+Urlaub. Und Sie wissen nicht davon? Er wird
+sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von
+Ihnen in sein altes Seeschloß zurückgezogen
+haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß es
+halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«</p>
+
+<p>»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft,
+wie Sie wissen.« Sie wollte mehr sagen,
+aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
+Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen,
+<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
+bei welcher Gelegenheit Alvensleben zu
+seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der
+Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der
+Bilder, nicht das Geringste wußte. Wirklich, es
+war der Frau von Carayon auch in der zwischenliegenden
+halben Woche nicht einen Augenblick in
+den Sinn gekommen, etwas Näheres über das
+von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen.</p>
+
+<p>Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau
+von Carayon, alles Zwanges nunmehr los und
+ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten,
+in Victoirens Zimmer, um ihr die
+Mittheilung von Schachs Flucht zu machen.
+Denn eine Flucht war es.</p>
+
+<p>Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es
+nun ihre Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt
+ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb
+ruhig.</p>
+
+<p>»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein
+Brief von ihm wird eintreffen und über alles
+Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du
+wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner
+Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast,
+als recht und billig war.«</p>
+
+<p>Aber Frau von Carayon wollte sich nicht
+umstimmen lassen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind
+warst. Nur zur gut. Er ist eitel und hochfahrend,
+und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends
+überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins
+Ridiküle. Glaube mir, er will Einfluß haben
+und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
+oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was
+mich aber am meisten verdrießt, ist das, er hat
+sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel besonnen,
+und fängt an sein Schach- oder Schachenthum
+für etwas ganz Besondres in der Weltgeschichte
+zu halten.«</p>
+
+<p>»Und thut damit nicht mehr, als was <em class="gesperrt">alle</em>
+thun .... Und die Schachs sind doch <em class="gesperrt">wirklich</em>
+eine alte Familie.«</p>
+
+<p>»Daran mag er denken und das Pfauenrad
+schlagen, wenn er über seinen Wuthenower
+Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt
+es hier überall. Aber was soll <em class="gesperrt">uns</em> das? Oder
+zum wenigsten was soll es <em class="gesperrt">Dir</em>? An mir hätt
+er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter,
+der kleinen Roturière, den Rücken
+kehren können. Aber Du Victoire, Du; Du bist
+nicht blos meine Tochter, Du bist auch Deines
+Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><ins title="!">!«</ins></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>Victoire sah die Mama mit einem Anfluge
+schelmischer Verwunderung an.</p>
+
+<p>»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble
+Dir's nicht. Hast Du mich doch selber oft genug
+über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße
+Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute
+bitt ich Deinem Vater ab und dank ihm von
+Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit
+dem er mich zur Verzweiflung gebracht und aus
+seiner Nähe hinweg gelangweilt hat, eine willkommene
+Waffe gegen diesen mir unerträglichen
+Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach!
+Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht
+und <em class="gesperrt">will</em> sie nicht kennen, aber ich wette diese
+meine Broche gegen eine Stecknadel, daß Du,
+wenn Du das ganze Geschlecht auf die Tenne
+wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß
+nichts übrig bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend
+Obersten und Rittmeister, alle devotest erstorben
+und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich <em class="gesperrt">diese</em>
+Leute kennen!«</p>
+
+<p>»Aber, Mama&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre
+Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal
+an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger
+noch im Havelberger Dom ist je geläutet
+<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>
+worden, wenn einer von ihnen kam oder ging.
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!</span>
+Sie hatten ihre Schlösser, beiläufig <em class="gesperrt">wirkliche</em>
+Schlösser, so blos armselig an der Gironde hin,
+waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche
+Vettern fielen unter der Guillotine, weil sie
+treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert
+durch das Geschrei des Berges für das Leben
+ihres Königs gestimmt hatten.«</p>
+
+<p>Immer verwunderter folgte Victoire.</p>
+
+<p>»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich
+will nicht von Jüngstgeschehenem sprechen, will
+nicht sprechen von <em class="gesperrt">heute</em>. Denn ich weiß wohl,
+das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in
+den Augen derer, die schon gestern da waren,
+gleichviel <em class="gesperrt">wie</em>. Nein, ich will von alten Zeiten
+sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins
+Land und an den Ruppiner See kam, und einen
+Wall und Graben zog, und eine lateinische Messe
+hörte, von der er nichts verstand. Eben damals
+zogen die Carayons, <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">ces pauvres et malheureux
+Carayon</span>, mit vor Jerusalem und eroberten es
+und befreiten es. Und als sie heimkamen, da
+kamen Sänger an ihren Hof, und sie sangen selbst,
+und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch
+Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan
+<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>
+vermählte, dessen erlauchter Bruder Großprior
+des hohen Ordens vom Spital und endlich König
+von Cypern war, da waren wir mit einem
+Königshause versippt und verschwägert, mit den
+Lusignans, aus deren großem Hause die schöne
+Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank
+unprosaischen Angedenkens. Und von uns Carayons,
+die wir ganz andere Dinge gesehn haben,
+will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig
+zurückziehn? <em class="gesperrt">Unsrer</em> will er sich schämen? Er,
+Schach. Will er es als Schach, oder will er es
+als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist
+es denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock
+mit einem rothen Kragen, und Wuthenow ist eine
+Lehmkathe.«</p>
+
+<p>»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht.
+Ich such es nach einer andern Seite hin. Und
+da <em class="gesperrt">find</em> ich es auch.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon beugte sich zu Victoire
+nieder und küßte sie leidenschaftlich. »Ach, wie
+gut Du bist, viel viel besser, als Deine Mama.
+Und nur <em class="gesperrt">Eines</em> ist gut an ihr, daß sie Dich
+liebt. Er aber sollte Dich <em class="gesperrt">auch</em> lieben! Schon
+um Deiner Demuth willen.«</p>
+
+<p>Victoire lächelte.</p>
+
+<p>»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt
+<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
+und ausgeschieden seiest, beherrscht Dich
+mit der Macht einer fixen Idee. Du <em class="gesperrt">bist</em> nicht
+so verarmt. Und auch er&nbsp;....«</p>
+
+<p>Sie stockte.</p>
+
+<p>»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und
+Alvensleben hat mir erzählt, in welch enthusiastischen
+Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
+Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen
+habe. Das ist nicht hin, davon blieb Dir, und
+jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen
+Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat.
+Und wenn wer dazu verpflichtet ist, so ist <em class="gesperrt">er</em>'s!
+Aber er sträubt sich, denn so hautain er ist, so
+konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker.
+Er hört auf das, was die Leute sagen,
+und wenn das ein Mann thut (<em class="gesperrt">wir</em> müssen's),
+so heiß ich das Feigheit und <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">lâcheté</span>. Aber er
+soll mir Rede stehn. Ich habe meinen Plan
+jetzt fertig und will ihn demüthigen, so gewiß
+er <em class="gesperrt">uns</em> demüthigen wollte.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon kehrte nach diesem
+Zwiegespräch in das Eckzimmer zurück, setzte sich
+an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.</p>
+
+<p>»Einer Mittheilung Herrn von <ins title="Alvensleben">Alvenslebens</ins>
+entnehme ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute,
+Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für
+<a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>
+einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden
+haben. Ich habe keine Veranlassung, Ihnen
+diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre
+Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem
+Rechte <em class="gesperrt">das</em> meiner Tochter gegenüberstellen.
+Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in Erinnerung
+zu bringen, daß die Veröffentlichung
+des Verlöbnisses, für morgen, Sonntag, zwischen
+uns verabredet worden ist. Auf diese Veröffentlichung
+besteh ich auch heute noch. Ist sie bis
+Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerseits
+andre, durchaus selbstständige Schritte. So sehr
+dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz
+zu geschweigen, die von diesem meinem Schreiben
+nichts weiß und nur bemüht sein würde, mich
+daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse,
+die Sie, das Mindeste zu sagen, nur
+zu gut kennen, keine Wahl. Also bis auf Mittwoch!
+Josephine von <ins title="Carayon.">Carayon.«</ins></p>
+
+<p>Sie siegelte den Brief und übergab ihn
+persönlich einem Boten mit der Weisung, sich
+bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den
+Weg zu machen.</p>
+
+<p>Auf Antwort zu warten, war ihm eigens
+untersagt worden.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a>Sechzehntes Kapitel.<br/>
+<small>Frau von Carayon und der alte Köckritz.</small></h2>
+
+<p>Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein
+Brief Schachs oder gar die geforderte Verlobungsankündigung
+erschienen wäre. Frau von
+Carayon hatte dies nicht anders erwartet und
+ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.</p>
+
+<p>Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor
+ihrem Hause, der sie nach Potsdam hinüber
+führen sollte, wo sich der König seit einigen
+Wochen aufhielt. Sie hatte vor, einen Fußfall
+zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront vorzustellen
+und seinen Beistand anzurufen. Daß
+es in des Königs Macht stehen werde, diesen
+Beistand zu gewähren und einen Ausgleich herbeizuführen,
+war ihr außer Zweifel. Auch über
+die Mittel und Wege, sich Sr. Majestät zu
+nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem
+Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten
+von Köckritz, der vor dreißig Jahren und länger,
+als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in
+ihrem elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen
+Josephine«, dem allgemeinen Verzuge, manche
+Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt
+Liebling des Königs, einflußreichste Person seiner
+<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a>
+nächsten Umgebung, und durch <em class="gesperrt">ihn</em>, zu dem sie
+wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben
+war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten
+zu dürfen.</p>
+
+<p>Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon
+drüben, stieg im »Einsiedler« ab, ordnete
+ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß.
+Aber hier mußte sie von einem zufällig die
+Freitreppe herabkommenden Kammerherrn in
+Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam
+bereits wieder verlassen und sich zur Begrüßung
+Ihrer Majestät der Königin, die Tags darauf
+aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach
+<em class="gesperrt">Paretz</em> begeben habe, wo man, frei vom Zwange
+des Hofes, eine Woche lang in glücklicher Zurückgezogenheit
+zu verleben gedenke.</p>
+
+<p>Das war nun freilich eine böse Nachricht.
+Wer sich zu einem peinlichen Gange (und wenn
+es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und
+mit Sehnsucht auf das Schreckensende wartet,
+für den ist nichts härter als Vertagung. Nur
+rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber
+dann versagen die Nerven.</p>
+
+<p>Schweren Herzens, und geängstigt durch die
+Vorstellung, daß ihr dieser Fehlschlag vielleicht
+einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau
+<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a>
+von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine
+Fahrt nach Paretz hinaus war für heute nicht
+mehr zu denken, um so weniger, als zu so später
+Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten
+werden konnte. So denn also warten bis
+morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich
+wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die
+langen langen Stunden in Einsamkeit auf ihrem
+Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und
+Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die
+feierlichen Ansprachen, die sie sich zum hundertsten
+Male wiederholte, so lange wiederholte, bis sie
+zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick
+da sei, kein einziges Wort hervorbringen können, &ndash;
+alles das gab ihr zuletzt den gesunden Entschluß
+ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen
+und in den Straßen und Umgebungen
+der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener erschien
+denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung
+zu stellen, und um die sechste Stunde hielt
+eine mittel-elegante Miethschaise vor dem Gasthause,
+da sich das von Berlin her benutzte
+Gefährt, nach seiner halbtägigen Anstrengung
+im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig
+herausgestellt hatte.</p>
+
+<p>»Wohin befehlen, gnädige Frau?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a>»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine
+Schlösser, oder doch so wenig wie möglich; aber
+Park und Garten, und Wasser und Wiesen.«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ah, je comprends</span>,« radebrechte der Lohndiener,
+der sich daran gewöhnt hatte, seine
+Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu
+nehmen, oder vielleicht auch dem französischen
+Namen der Frau von Carayon einige Berücksichtigung
+schuldig zu sein glaubte. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Je comprends.</span>«
+Und er gab dem in einem alten Tressenhut auf
+dem Bock sitzenden Kutscher Ordre, zunächst in
+den »Neuen Garten« zu fahren.</p>
+
+<p>In dem »Neuen Garten« war es wie todt,
+und eine dunkle, melancholische Cypressenallee
+schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich
+lenkte man nach rechts hin in einen neben einem
+See hinlaufenden Weg ein, dessen einreihig gepflanzte
+Bäume mit ihrem weit ausgestreckten
+und niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel
+berührten. In dem Gitterwerke der Blätter
+aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne.
+Frau von Carayon vergaß über diese Schönheit
+all ihr Leid, und fühlte sich dem Zauber derselben
+erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem
+Uferweg abermals in den großen Mittelgang
+einbog, und gleich danach vor einem aus Backstein
+<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a>
+aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold
+und Marmor reich geschmückten Hause hielt.</p>
+
+<p>»Wem gehört es?«</p>
+
+<p>»Dem König.«</p>
+
+<p>»Und wie heißt es?«</p>
+
+<p>»Das Marmor-Palais.«</p>
+
+<p>»Ah das Marmor-Palais. Das ist also
+das Palais&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das
+Palais, in dem weiland Seine Majestät König
+Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und
+schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und
+steht auch noch alles ebenso, wies damals gestanden
+hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau,
+wo der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹
+trank, den ihm der Geheimrath Hufeland
+in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ
+oder vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase.
+Wollen die gnädige Frau das Zimmer sehn? Es
+ist freilich schon spät. Aber ich kenne den
+Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf
+meinen Empfehl .... versteht sich .... Und ist
+auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine
+Figur von der Frau Rietz oder wie manche
+sagen von der Mamsell Encken oder der Gräfin
+Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine
+<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a>
+Figur, so bloß bis an die Hüften oder noch
+weniger.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon dankte. Sie war bei
+dem Gange, der ihr für morgen bevorstand, nicht
+in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder
+auch nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu
+wollen. Sie sprach also den Wunsch aus, immer
+weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst
+umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein
+kühlerer Luftton den Abend ankündigte. Wirklich,
+es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an
+der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das
+Glockenspiel seinen Choral ausgespielt hatte, hielt
+der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.«</p>
+
+<p>Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren
+Muth zurückgegeben. Dazu kam eine wohlthuende
+Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange.
+Selbst was sie träumte, war hell und licht.</p>
+
+<p>Am andern Morgen erschien, wie verabredet,
+ihre nun wieder ausgeruhte Berliner Equipage
+vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte,
+der Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers
+zu mißtrauen, engagirte sie, wie zur Aushilfe,
+denselben Lohndiener wieder, der sich gestern,
+aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet,
+so vorzüglich bewährt hatte. Das gelang
+<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a>
+ihm denn auch heute wieder. Er wußte von
+jedem Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber
+kam, zu berichten, am meisten von Marquardt,
+aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem
+Interesse der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen
+hervorschimmerte, darin unter Zuthun
+und Anleitung des Generals von Bischofswerder,
+dem »dicken Könige« (wie sich der immer konfidentieller
+werdende Cicerone jetzt ohne weiteres
+ausdrückte) die Geister erschienen waren.</p>
+
+<p>Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte
+man die »Wublitz«, einen von Mummeln überblühten
+Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker
+und Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen
+standen, und ehe noch die Mittagsstunde heran
+war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein
+offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer
+Parkeingang bildete.</p>
+
+<p>Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin
+empfand, ließ in dem ihr eigenen, feinen
+Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus,
+um den Rest des Weges zu Fuß zu machen.
+Es war nur eine kleine, sonnenbeschienene Strecke
+noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr peinlich,
+und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen
+hin, um nicht vor der Zeit gesehen zu werden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a>Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen
+des Schlosses heran und schritt sie tapfer
+hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen
+Theil ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben.</p>
+
+<p>»Ich wünschte den General von Köckritz zu
+sprechen,« wandte sie sich an einen im Vestibül
+anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt
+der schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.</p>
+
+<p>»Wen hab ich dem Herrn General zu
+melden?«</p>
+
+<p>»Frau von Carayon.«</p>
+
+<p>Der Lakai verneigte sich und kam mit der
+Antwort zurück: »Der Herr General lasse bitten
+in das Vorzimmer einzutreten.«</p>
+
+<p>Frau von Carayon hatte nicht lange zu
+warten. General von Köckritz, von dem die
+Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen
+Liebe zu seinem Könige keine weitere Passion
+als eine Pfeife Tabak und einen Rubber Whist
+habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her
+entgegen, entsann sich sofort der alten Zeit und
+bat sie mit verbindlichster Handbewegung Platz
+zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr
+den Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden,
+daß die Frage nach seiner Klugheit
+<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a>
+nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich
+für solche, die wie Frau von Carayon mit einem
+Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die
+meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß
+eine <em class="gesperrt">wohlwollende</em> Fürstenumgebung einer
+geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
+freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht
+auch Staatsdiener sein und nicht mitbestimmen
+und mitregieren wollen.</p>
+
+<p>General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß
+ihn Frau von Carayon im Profil hatte. Sein
+Kopf steckte halb in einem überaus hohen und
+steifen Uniformkragen, aus dem nach vorn hin
+ein Jabot quoll, während nach hinten ein kleiner
+sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein
+eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht
+und mit einer gewissen Koketterie hin und her,
+auch wenn an dem Manne selbst nicht die geringste
+Bewegung wahrzunehmen war.</p>
+
+<p>Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer
+Lage zu vergessen, erheiterte sich doch offenbar
+an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und
+erst einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr
+das, was ihr oblag, um vieles leichter und
+bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth
+über all und jedes zu sprechen, auch über <em class="gesperrt">das</em>,
+<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a>
+was man als den »delikaten Punkt« in ihrer
+oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.</p>
+
+<p>Der General hatte nicht nur aufmerksam,
+sondern auch theilnahmevoll zugehört und sagte,
+als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine
+gnädigste Frau, das sind sehr fatale Sachen,
+Sachen, von denen Seine Majestät nicht zu
+hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber
+zu schweigen pflege, wohlverstanden so lange nicht
+Abhilfe zu schaffen und überhaupt nichts zu bessern
+ist. Hier aber <em class="gesperrt">ist</em> zu bessern, und ich würde
+meine Pflicht versäumen und Seiner Majestät
+einen schlechten Dienst erweisen, wenn ich ihm
+einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder
+da Sie selber gekommen sind Ihre Sache vorzutragen,
+Sie, meine gnädigste Frau, durch künstlich
+erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage
+behindern wollte. Denn solche Schwierigkeiten
+sind allemalen erfundene Schwierigkeiten in einem
+Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die
+Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes
+wollen und nicht gesonnen sind, der Forderung
+eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu
+gehen. Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster
+König und Herr, der ein starkes Gefühl
+für das <em class="gesperrt">Ebenmäßige</em> des Rechts und eben
+<a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a>
+deshalb einen wahren Widerwillen und rechten
+Herzensabscheu gegen alle <em class="gesperrt">die</em>jenigen hat, die
+sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit
+aber die sonst so braven und tapfren Offiziers
+von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem
+schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren
+geneigt sind, und es für angemessen und löblich
+oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft
+halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem
+Uebermuth und ihrer schlechten <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">moralité</span> zu
+opfern.«</p>
+
+<p>Frau von Carayons Augen füllten sich mit
+Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <ins title="chèr">cher</ins>
+General.</span>«</p>
+
+<p>»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein
+Allergnädigster König und Herr, <em class="gesperrt">der</em> ist gut.
+Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser
+seiner Herzensgüte bald in Händen halten,
+trotzdem wir heut einen schlimmen oder sagen
+wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn
+wie Sie vielleicht schon in Erfahrung gebracht
+haben, der König erwartet in wenig Stunden
+die Königin zurück, um nicht gestört zu werden
+in der Freude des Wiedersehns, <em class="gesperrt">des</em>halb befindet
+er sich hier, <em class="gesperrt">des</em>halb ist er hierher gegangen nach
+Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein
+<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a>
+Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine
+Streitsache von so delikater Natur. Ja, wirklich
+ein Schabernack ist es und ein rechtes Schnippchen,
+das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt.
+Er will sich seines Liebesglückes freuen (Sie
+wissen, wie sehr er die Königin liebt) und in
+demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück
+bringen soll, hört er eine Geschichte von
+unglücklicher Liebe. Das verstimmt ihn. Aber
+er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht
+Herr zu werden, und treffen wir's nur einigermaßen
+leidlich, so müssen wir uns aus eben
+diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen
+Vortheil zu ziehen wissen. Denn das eigne Glück,
+das er erwartet, wird ihn nur noch geneigter
+machen als sonst, das getrübte Glück andrer
+wieder herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem
+Rechtsgefühl und in der Güte seines Herzens.
+Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie
+bei dem Könige zu melden.«</p>
+
+<p>Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne,
+wandte sich noch einmal wieder und setzte hinzu:
+»Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park
+begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen
+Sie mich also sehen. In wenig Minuten bring
+ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder
+<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a>
+nicht. Und nun noch einmal, seien Sie gutes
+Muthes. Sie dürfen es.«</p>
+
+<p>Und damit nahm er Hut und Stock, und
+trat durch eine kleine Seitenthür unmittelbar in
+den Park hinaus.</p>
+
+<p>In dem Empfangszimmer, in dem Frau
+von Carayon zurückgeblieben war, hingen allerlei
+Buntdruckbilder, wie sie damals von England her
+in der Mode waren: Engelsköpfe von Josua
+Reynolds, Landschaften von Gainsborough, auch
+ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke,
+darunter eine büßende Magdalena. War es die
+von Corregio? Das wundervoll tiefblau getönte
+Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte
+Frau von Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat
+heran, um sich über den Maler zu vergewissern.
+Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte,
+kehrte der alte General zurück, und bat seinen
+Schützling ihm zu folgen.</p>
+
+<p>Und so traten sie denn in den Park, drin
+eine tiefe Stille herrschte. Zwischen Birken und
+Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und
+führte bis an eine künstliche, von Moos und
+Epheu überwachsene Felswand, in deren Front
+(der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der
+König auf einer Steinbank saß.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a>Er erhob sich, als er die schöne Frau sich
+nähern sah, und trat ihr ernst und freundlich
+entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein
+Knie niederlassen, der König aber litt es nicht,
+nahm sie vielmehr aufrichtend bei der Hand, und
+sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl bekannt
+... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ...
+Damals&nbsp;...«</p>
+
+<p>Er schwieg einen Augenblick, entweder in
+Verlegenheit über das ihm entschlüpfte letzte
+Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen
+Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd
+vor ihm stehenden Mutter, und fuhr dann fort:
+»<ins title="Köckeritz">Köckritz</ins> mir eben Andeutungen gemacht ....
+<em class="gesperrt">Sehr</em> fatal .... Aber bitte .... sich setzen,
+meine Gnädigste .... Muth .... Und nun
+sprechen Sie.«</p>
+
+<h2>Siebzehntes Kapitel.<br/>
+<small>Schach in Charlottenburg.</small></h2>
+
+<p>Eine Woche später hatten König und
+Königin Paretz wieder verlassen, und schon am
+Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung
+eines ihm in Schloß Wuthenow übergebenen
+Kabinetsschreibens nach Charlottenburg
+<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a>
+hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt
+war. Er nahm seinen Weg durchs Brandenburger
+Thor und die große Thiergartenallee,
+links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit
+einem ganzen Linsengericht von Sommersprossen
+überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem
+Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden
+Bart hin Zieten zu versichern pflegte,
+»daß man auch <em class="gesperrt">diesen</em> Baarsch an seinen
+Flossen erkennen könne.« Wuthenower Kind
+und seines Gutsherrn und Rittmeisters ehemaliger
+Spielgefährte, war er diesem und allem, was
+Schach hieß, selbstverständlich in unbedingten
+Treuen ergeben.</p>
+
+<p>Es war vier Uhr Nachmittags und der
+Verkehr nicht groß, trotzdem die Sonne schien
+und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige
+Reiter begegneten ihnen, unter diesen auch ein
+paar Offiziere von Schachs Regiment. Schach
+erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben
+und ritt bald danach in die breite Charlottenburger
+Hauptstraße mit ihren Sommerhäusern
+und Vorgärten ein.</p>
+
+<p>Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein
+Ziel zu sein pflegte, wollte sein Pferd einbiegen;
+zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem
+<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a>
+Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den
+Gang, den er vorhatte, bequemer gelegen war.
+Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz
+den Zügel und ging ohne Versäumniß
+auf das Schloß zu. Hier trat er nach Passirung
+eines öden und von der Julisonne längst verbrannten
+Grasvierecks erst in ein geräumiges
+Treppenhaus und bald danach in einen schmalen
+Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend
+überlebensgroßen Porträts die glotzäugigen
+blauen Riesen König Friedrich Wilhelms&nbsp;I.
+paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf
+er einen Kammerdiener, der ihn, nach vorgängiger
+Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte.</p>
+
+<p>Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten
+ausgebreitet lagen, ein paar Pläne der Austerlitzer
+Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf
+Schach zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen,
+lieber Schach .... Die Carayon; fatale Sache.
+Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter;
+mir verhaßt; auch meine Verirrungen.
+Aber in Verirrungen nicht stecken bleiben; wieder
+gut machen. Uebrigens nicht recht begreife.
+Schöne Frau, die Mutter; mir <em class="gesperrt">sehr</em> gefallen;
+kluge Frau.«</p>
+
+<p>Schach verneigte sich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a>»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes
+Kind .... Aber <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">enfin</span>, müssen sie doch charmant
+gefunden haben. Und was man einmal charmant
+gefunden, findet man, wenn man nur will, auch
+wieder. Aber das ist <em class="gesperrt">Ihre</em> Sache, geht mich
+nichts an. Was mich angeht, das ist die <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span>.
+<em class="gesperrt">Die</em> verlang ich und um dieser <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">honnêteté</span> willen
+verlang ich Ihre Heirath mit dem Fräulein
+von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren
+Abschied nehmen und den Dienst quittiren wollen.«</p>
+
+<p>Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung
+und Miene, daß ihm dies das Schmerzlichste
+sein würde.</p>
+
+<p>»Nun denn bleiben also; schöner Mann;
+liebe das. Aber Remedur muß geschafft werden,
+und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie,
+die Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern
+(Pardon, lieber Schach) die Stiftsanwartschaft
+auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben.
+Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf.
+Und werden mir Meldung machen.«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, Ew. Majestät.«</p>
+
+<p>»Und noch eines; habe mit der Königin
+darüber gesprochen; will Sie sehn; Frauenlaune.
+Werden sie drüben in der Orangerie treffen ....
+Dank Ihnen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a>Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich
+und ging den Korridor hinunter auf das am
+entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene
+große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der
+König gesprochen hatte.</p>
+
+<p>Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht
+noch im Park. So trat er denn in diesen hinaus
+und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
+Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und
+ab, von denen ihn einige faunartig anzulächeln
+schienen. Endlich sah er die Königin von der
+Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame
+mit ihr, allem Anscheine nach das jüngere
+Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen
+entgegen, und trat in gemessener Entfernung
+bei Seite, um die militärischen Honneurs zu
+machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige
+Schritte zurück.</p>
+
+<p>»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von
+Schach. Sie kommen vom Könige.«</p>
+
+<p>»Zu Befehl, Ew. Majestät.«</p>
+
+<p>»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin
+fort, »daß ich Sie habe bitten lassen. Aber der
+König, der anfänglich dagegen war und mich
+darüber verspottete, hat es schließlich gestattet.
+Ich bin eben eine Frau, und es wäre hart, wenn
+<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a>
+ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte,
+nur weil ich eine <em class="gesperrt">Königin</em> bin. Als Frau aber
+interessirt mich alles, was unser Geschlecht angeht,
+und was ging uns näher an als eine solche
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">question d'amour</span>.«</p>
+
+<p>»Majestät sind so gnädig.«</p>
+
+<p>»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um
+des Fräuleins willen .... Der König hat mir
+alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen
+hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich
+von Pyrmont wieder in Paretz eintraf, und ich
+kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine
+Theilnahme mit dem Fräulein war. Und nun
+wollen Sie, gerade <em class="gesperrt">Sie</em>, dem lieben Kinde diese
+Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme
+zugleich sein Recht. Das ist unmöglich. Ich
+kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit
+als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden.
+Und dabei, denk ich, belassen wir's. Ich habe
+von den Spottbildern gehört, die publizirt
+worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an,
+haben Sie verwirrt und Ihnen Ihr ruhiges
+Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich
+doch aus allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen
+thut und wie der giftige Pfeil uns nicht
+bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern
+<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a>
+auch verwandelt und <em class="gesperrt">nicht</em> verwandelt zum
+Besseren. Aber wie dem auch sei, Sie mußten
+sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich
+auch auf <em class="gesperrt">das</em>, was Pflicht und Ehre von Ihnen
+fordern.«</p>
+
+<p>Schach schwieg.</p>
+
+<p>»Und Sie <em class="gesperrt">werden</em> es,« fuhr die Königin
+immer lebhafter werdend fort, »und werden sich
+als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es
+kann Ihnen nicht schwer werden, denn selbst aus
+der Anklage gegen Sie, so versicherte mir der
+König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung
+gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr
+Entschluß je wieder ins Schwanken kommen sollte,
+was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum etwas,
+was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie
+die Schlichtung dieses Streits und der Bund
+zweier Herzen, die mir für einander bestimmt
+erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche
+Liebe. Denn Sie werden doch, hoff ich, nicht in
+Abrede stellen wollen, daß es ein geheimnißvoller
+Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so
+schönen Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen,
+widerstreitet mir. Und nun eilen Sie
+heim, und machen Sie glücklich und werden Sie
+glücklich. Meine Wünsche begleiten Sie, Sie
+<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a>
+<em class="gesperrt">Beide</em>. Sie werden sich zurückziehen, so lang
+es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen
+aber erwart ich, daß Sie mir Ihre
+Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer
+Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower
+Kirchenbuch eintragen lassen. Und nun
+Gott befohlen.«</p>
+
+<p>Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung
+begleiteten diese Worte; Schach aber, als er sich
+kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah,
+sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen
+und auf eine schattigere, mehr der Spree
+zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.</p>
+
+<p>Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder
+im Sattel; Ordonnanz Baarsch folgte.</p>
+
+<p>Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten
+eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt; trotzdem
+war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt
+worden. Er wußte, was er dem König schuldig
+sei: <em class="gesperrt">Gehorsam</em>! Aber sein Herz widerstritt, und
+so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu
+machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich
+vereinigte, was dem Befehle seines Königs und
+dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig
+entsprach. Und dafür gab es nur <em class="gesperrt">einen</em> Weg.
+Ein Gedanke, den er schon in Wuthenow gefaßt
+<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a>
+hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum
+Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte,
+desto mehr fand er sich in seine frühere gute
+Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er
+vor sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von
+Minuten, eine Differenz von heut auf morgen.«
+Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes,
+zum ersten Male wieder leicht und frei.</p>
+
+<p>Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle
+gekommen war, wo eine alte Kastanienallee nach
+dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in
+diese Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und
+sagte, während er den Zügel fallen ließ und die linke
+Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte: »Sage
+Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«</p>
+
+<p>»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon
+halten? Mein Vater selig sagte man ümmer:
+heirathen is gut, aber nich heirathen is noch
+besser.«</p>
+
+<p>»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber
+wenn <em class="gesperrt">ich</em> nun heirathe, Baarsch?«</p>
+
+<p>»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«</p>
+
+<p>»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches
+Malheur?«</p>
+
+<p>»Jott, Herr Rittmeister, vor <em class="gesperrt">Ihnen</em> grade
+nich, aber vor <em class="gesperrt">mir</em>&nbsp;....«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a>»Wie das?«</p>
+
+<p>»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't
+hab, es würd' <em class="gesperrt">doch</em> nichts. Un wer verliert, muß
+die ganze Corporalschaft freihalten.«</p>
+
+<p>»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«</p>
+
+<p>»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un
+wie nu vorige Woch ooch noch die Bilders
+kamen&nbsp;....«</p>
+
+<p>»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es
+denn eigentlich mit der Wette? Hoch?«</p>
+
+<p>»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser
+un'n Kümmel. Aber vor jed' een.«</p>
+
+<p>»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu
+Schaden kommen. Ich werde die Wette bezahlen.«</p>
+
+<p>Und danach schwieg er und murmelte nur
+noch vor sich hin »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">et payer les pots cassés</span>.«</p>
+
+<h2>Achtzehntes Kapitel.<br/>
+<small>Fata Morgana</small></h2>
+
+<p>Schach war zu guter Stunde wieder heim,
+und noch denselben Abend schrieb er ein Billet
+an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend
+aufrichtigen Worten um seines Benehmens willen
+um Entschuldigung bat. Ein Kabinetsschreiben,
+das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe,
+<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a>
+hab ihn heute Nachmittag nach Charlottenburg
+hinausgeführt, wo König und Königin ihn an
+<em class="gesperrt">das</em>, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er
+bedaure, solche Mahnung verschuldet zu haben,
+finde den Schritt, den Frau von Carayon gethan,
+gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des
+Vormittags sich beiden Damen vorstellen zu
+dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese neuen
+Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer
+Nachschrift, die länger als der Brief selbst war,
+war hinzugefügt, »daß er durch eine Krisis gegangen
+sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter
+ihm, und er hoffe sagen zu dürfen, ein Grund
+an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu zweifeln,
+werde <em class="gesperrt">nicht</em> wiederkehren. Er lebe nur noch dem
+einen Wunsch und Gedanken, alles was geschehen
+sei, durch Gesetzlichkeit auszugleichen. Ueber ein
+Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«</p>
+
+<p>Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte,
+wurde, trotz der schon vorgerückten
+Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle
+beantwortet. Sie freue sich, in seinen Zeilen
+einer so versöhnlichen Sprache zu begegnen.
+Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein
+nunmehr Zurückliegendes anzusehen sei, werd es
+am besten sein zu schweigen; auch <em class="gesperrt">sie</em> fühle, daß
+<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a>
+sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln
+sollen, sie habe sich hinreißen lassen, und nur
+das <em class="gesperrt">Eine</em> werd ihr vielleicht zur Entschuldigung
+dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen
+in Wort und Bild, die sein Benehmen
+im Laufe der letzten Woche bestimmt zu haben
+schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe.
+Hätte sie diese Kenntniß früher gehabt, so würde
+sie vieles milder beurtheilt, jedenfalls aber eine
+abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
+gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt,
+daß alles wieder einklingen werde. Victoirens
+große Liebe (nur zu groß) und seine eigene Gesinnung,
+die, wie sie sich überzeugt halte, wohl
+schwanken aber nie dauernd erschüttert werden
+könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen
+und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch
+einer glücklichen Zukunft.</p>
+
+<p>Am andern Vormittage wurde Schach bei
+Frau von Carayon gemeldet. Sie ging ihm
+entgegen, und das sich sofort entspinnende
+Gespräch verrieth auf beiden Seiten weniger
+Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte
+vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte
+sich's auch wieder. Alles was geschehen war, so
+schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte,
+<a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a>
+war doch schließlich von jeder der beiden Parteien
+verstanden worden, und wo Verständniß ist, ist
+auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit
+einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher
+Konsequenz aus den Verhältnissen heraus entwickelt,
+und weder die Flucht, die Schach bewerkstelligt,
+noch die Klage, die Frau von Carayon
+an oberster Stelle geführt hatte, hatten Uebelwollen
+oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.</p>
+
+<p>Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken
+begann, erschien Victoire. Sie sah sehr gut aus,
+nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er
+trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös,
+sondern herzlich, und der Ausdruck einer innigen
+und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie
+sah und ihr die Hand reichte, besiegelte den
+Frieden. Es war kein Zweifel, er war ergriffen,
+und während Victoire vor Freude strahlte, füllten
+Thränen das Auge der Mutter.</p>
+
+<p>Es war der beste Moment, das Eisen zu
+schmieden. Sie bat also Schach, der sich schon
+erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen
+kurzen Augenblick einnehmen zu wollen, um
+gemeinschaftlich mit ihm die nöthigsten Festsetzungen
+zu treffen. Was sie zu sagen habe,
+seien nur wenige Worte. So viel sei gewiß,
+<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a>
+Zeit sei versäumt worden, und diese Versäumniß
+wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst.
+Ihre langjährige freundschaftliche Beziehung zum
+alten Konsistorialrath Bocquet, der sie selber
+getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte
+dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein,
+an die Stelle des herkömmlichen dreimaligen
+Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse
+nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage
+der nächsten Woche &ndash; denn die Freitage, die
+gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie
+persönlich von der durchaus entgegengesetzten
+Seite kennen gelernt &ndash; werde dann die Hochzeit
+zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen
+Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder
+Gasthause von ganzer Seele hasse. Was dann
+weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem
+jungen Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über
+Wuthenow oder Wuthenow über Venedig den
+Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten
+sie gemeinsam und die Gondel auch, und nur
+um Eines müsse sie bitten, daß der kleine
+Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel
+liege, nie zur Seufzerbrücke erhoben werde.</p>
+
+<p>So ging das Geplauder, und so verging der
+Besuch.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a>Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das
+Aufgebot, und der Freitag, an dem die Hochzeit
+stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen
+Hause war Aufregung, am aufgeregtesten
+Tante Marguerite, die jetzt täglich erschien, und
+durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme
+balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem
+Erscheinen war.</p>
+
+<p>Abends kam Schach. Er war heitrer und
+in seinem Urtheile milder als sonst, und vermied
+nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück
+unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und
+den Vorbereitungen dazu zu sprechen. Wurd er
+gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er
+mit einer Art von Empressement, »ganz nach
+eigenem Dafürhalten verfahren zu wollen; er
+kenne den Takt und guten Geschmack der Damen
+und wisse, daß ohne sein Rathen und Zuthun
+alles am besten entschieden werden würde; wenn
+ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll
+bleibe, so sei dies ein Vortheil mehr für ihn, hab
+er doch von Jugend auf eine Neigung gehabt,
+sich überraschen zu lassen.«</p>
+
+<p>Unter solchen Ausflüchten entzog er sich
+jedem Geplauder, das, wie Tante Marguerite
+sich ausdrückte, »den Ehrentag <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en vue</span> hatte,«
+<a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a>
+war aber um so plauderhafter, wenn das Gespräch
+auf die Reisetage <em class="gesperrt">nach</em> der Hochzeit hinüberlenkte.
+Denn Venedig, aller halben Widerrede
+der Frau von Carayon zum Trotz, hatte doch
+schließlich über Wuthenow gesiegt, und Schach,
+wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm
+sonst völlig fremden Phantastik allen erdenklichen
+Reiseplänen und Reisebildern nach. Er wollte
+nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln
+passiren, »ob frei oder an den Mast gebunden,
+überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.«
+Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um
+Maltas willen, o nein. Aber auf dem Wege
+dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle
+schwarze Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen
+ein allererstes Mal zu dem in Nebel und Schnee
+gebornen Hyperboreer spräche. <em class="gesperrt">Das</em> sei die
+Stelle, wo die bilderreiche Fee wohne, die
+<em class="gesperrt">stumme</em> Sirene, die mit dem Zauber ihrer
+Farbe fast noch verführerischer locke, als die
+singende. Beständig wechselnd seien die Scenen
+und Gestalten ihrer <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Laterna magica</span>, und während
+eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben
+Sand ziehe, dehne sichs plötzlich wie grüne
+Triften und unter der schattengebenden Palme
+säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt
+<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a>
+und alle Pfeifen in Brand, und schwarz und
+braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie
+zum Tanze geschürzt, erhüben die Becken und
+schlügen das Tambourin. Und mitunter sei's,
+als lach es. Und dann schwieg es und schwänd
+es wieder. Und diese Spiegelung aus der geheimnißvollen
+Ferne, <em class="gesperrt">das</em> sei das Ziel!</p>
+
+<p>Und Victoire jubelte, hingerissen von der
+Lebhaftigkeit seiner Schilderung.</p>
+
+<p>Aber im selben Augenblick überkam es sie
+bang und düster, und in ihrer Seele rief eine
+Stimme: <em class="gesperrt">Fata Morgana</em>.</p>
+
+<h2>Neunzehntes Kapitel.<br/>
+<small>Die Hochzeit.</small></h2>
+
+<p>Die Trauung hatte stattgefunden und um
+die vierte Stunde versammelten sich die zur
+Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus
+gelegenen großen Eßsaale, der für gewöhnlich als
+ein bloßes unbequemes Anhängsel der Carayonschen
+Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe
+von Jahren heute zum erstenmale wieder in
+Gebrauch genommen wurde. Dies erschien
+thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große
+war. Der alte Konsistorialrath Bocquet hatte
+<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a>
+sich bewegen lassen, dem Mahle mit beizuwohnen,
+und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der
+Frau von Carayon; unter den anderweit Geladenen
+aber waren, außer dem Tantchen und einigen
+alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit
+her, in erster Reihe Nostitz, Alvensleben und
+Sander zu nennen. Auf letzteren hatte Schach,
+aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste
+beobachteten Indifferenz unerachtet,
+mit besonderem Nachdruck bestanden, weil ihm
+inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben
+bei Gelegenheit des Verlagsantrages der drei
+Bilder bekannt geworden war, ein Benehmen,
+das er um so höher anschlug, als er es von
+<em class="gesperrt">dieser</em> Seite her nicht erwartet hatte. Bülow,
+Schachs alter Gegner, war nicht mehr in Berlin,
+und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen
+wäre.</p>
+
+<p>Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten
+Trinkspruch in der herkömmlichen Feierlichkeit;
+als indessen der alte Konsistorialrath gesprochen
+und in einem dreigetheilten und als »historischer
+Rückblick« zu bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen
+Generalfinanzpächterhauses, dann der
+Trauung der Frau von Carayon und drittens
+(und zwar unter Citirung des ihr mit auf den
+<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a>
+Lebensweg gegebenen Bibelspruches) der Konfirmation
+Victoirens gedacht, endlich aber mit
+einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis
+auf den »egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle
+Nähe man sich begeben wolle« geschlossen
+hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung
+der Stimmung gegeben. Alles gab sich
+einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an der
+sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten,
+als sich schließlich auch das zu Ehren des Tages
+in einem grasgrünen Seidenkleid und einem
+hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen
+erhob, um einen <em class="gesperrt">zweiten</em> Toast auf das Brautpaar
+auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen
+mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war
+eine Zeitlang unbemerkt geblieben, und kam erst
+zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte:
+Tante Marguerite wünsche zu sprechen.</p>
+
+<p>Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen
+der Zustimmung, und begann ihre Rede mit viel
+mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer anfänglichen
+Schüchternheit erwarten durfte. »Der
+Herr Konsistorialrath hat so schön und so lange
+gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth,
+das über dem Felde geht und Aehren sammelt,
+was auch der Text war, worüber am letzten
+<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a>
+Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt
+wurde, die wieder sehr leer war, ich glaube nicht
+mehr als ölf oder zwölf. Aber als Tante der
+lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl
+die älteste bin, erheb ich dieses Glas, um noch
+einmal auf dem Wohle des jungen Paares zu
+trinken.«</p>
+
+<p>Und danach setzte sie sich wieder, um die
+Huldigungen der Gesellschaft entgegenzunehmen.
+Schach versuchte der alten Dame die Hand zu
+küssen, was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens
+Umarmung mit allerlei kleinen Liebkosungen
+und zugleich mit der Versicherung erwiderte:
+»sie hab es alles vorher gewußt, von
+dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
+Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht
+hätten. Denn sie hab es wohl gesehen,
+daß Victoire neben dem großen für die Mama
+bestimmten Veilchenstrauß auch noch einen kleinen
+Strauß in der Hand gehalten hätte, den habe sie
+dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach,
+in der Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber
+als er dann gekommen sei, habe sie das kleine
+Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht
+neben der Thür auf ein Kindergrab gefallen,
+was immer etwas bedeute, und auch <em class="gesperrt">dies</em>mal
+<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a>
+etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen
+dem Aberglauben sei, so glaube sie doch an
+Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond.
+Und der ganze Nachmittag stehe noch so deutlich
+vor ihr, als wär es gestern gewesen, und wenn
+manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte
+man doch auch seine zwei gesunden Augen, und
+wisse recht gut wo die besten Kürschen hingen.«
+In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr,
+ohne daß die Bedeutung desselben dadurch klarer
+geworden wäre.</p>
+
+<p>Nach Tante Margueritens Toast löste sich
+die Tafelreihe; jeder verließ seinen Platz, um
+abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben
+zu können, und als bald danach auch die großen
+Jostyschen Devisenbonbons umhergereicht und
+allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe
+wunderbare Fee, Selbst dein Wehe thut nicht
+weh«, aller kleinen und undeutlichen Schrift unerachtet,
+entziffert und verlesen worden waren,
+erhob man sich von der Tafel. Alvensleben
+führte Frau von Carayon, Sander Tante Marguerite,
+bei welcher Gelegenheit, und zwar über
+das Ruth-Thema, von Seiten Sanders allerlei
+kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die
+der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren,
+<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a>
+als der Kaffee servirt wurde, zuflüsterte: »Charmanter
+Herr. Und so galant. Und so bedeutungsvoll.«</p>
+
+<p>Schach sprach viel mit Sander, erkundigte
+sich nach Bülow, »der ihm zwar nie sympathisch,
+aber trotz all seiner Schrullen immer ein
+Gegenstand des Interesses gewesen sei« und bat
+Sander, ihm, bei sich darbietender Gelegenheit,
+dies ausdrücken zu wollen. In allem was er
+sagte, sprach sich Freundlichkeit und ein Hang
+nach Versöhnung aus.</p>
+
+<p>In diesem Hange nach Versöhnung stand
+er aber nicht allein da, sondern begegnete sich
+darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese
+persönlich eine zweite Tasse präsentirte, sagte
+sie, während er den Zucker aus der Schale
+nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im
+Nebenzimmer.«</p>
+
+<p>Und sie ging ihm dahin vorauf.</p>
+
+<p>»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem
+großgeblümten Kanapee Platz nehmend, von dem
+aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür
+einen Blick auf das Eckzimmer hin frei
+hatten, »es sind dies unsere letzten Minuten,
+und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander
+nehmen, noch manches von der Seele heruntersprechen.
+<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a>
+Ich will nicht mit meinem Alter
+kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit,
+und wer weiß, ob wir uns wiedersehen. Ueber
+Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine
+trübe Stunde machen: sie liebt Sie zu sehr, um
+es zu können oder zu wollen. Und Sie, lieber
+Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen.
+Sie werden ihr nicht wehe thun, diesem süßen
+Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung ist.
+Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein
+Versprechen von Ihnen. Ich weiß im Voraus,
+ich hab es.«</p>
+
+<p>Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon
+diese Worte sprach, und tröpfelte, während
+er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee
+langsam aus dem zierlichen kleinen Löffel.</p>
+
+<p>»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr
+sie fort, »mein Vertrauen wieder. Aber dies
+Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach,
+war in Tagen, die nun glücklicher Weise
+hinter uns liegen, um vieles mehr als ich es
+für möglich gehalten hätte, von mir gewichen,
+und in diesen Tagen hab ich harte Worte gegen
+Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit Victoiren
+sprach, und noch härtere, wenn ich mit
+mir allein war. Ich habe Sie kleinlich und
+<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a>
+hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und
+habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit
+und der <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">lâcheté</span> geziehen. Und das
+beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung,
+die mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen
+konnte.«</p>
+
+<p>Sie schwieg einen Augenblick. Aber als
+Schach antworten wollte, litt sie's nicht und
+sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in
+jenen Tagen gesagt und gedacht habe, bedrückte
+mich, und verlangte nach dieser Beichte. Nun
+erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich
+kann Ihnen wieder frei ins Auge sehen. Aber
+nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
+ohnehin schon vermißt haben.«</p>
+
+<p>Und sie nahm seinen Arm und scherzte:
+»Nicht wahr? <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">On revient toujours à ses premiers
+amours.</span> Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend
+aussprechen kann, und in einem Momente reiner
+und ganzer Freude.«</p>
+
+<p>Victoire trat Schach und ihrer Mama von
+dem Eckzimmer her entgegen, und sagte: »Nun,
+was war es?«</p>
+
+<p>»Eine Liebeserklärung.«</p>
+
+<p>»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß
+wir morgen reisen. Nicht wahr? Ich möchte
+<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a>
+der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen
+Tochter geben.«</p>
+
+<p>Und Mutter und Tochter nahmen auf dem
+Sopha Platz, wo sich Alvensleben und Nostitz ihnen
+gesellten.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wurde Schach der
+Wagen gemeldet, und es war als ob er sich bei
+dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon
+sah es auch. Er sammelte sich aber rasch wieder,
+empfahl sich, und trat in den Korridor hinaus,
+wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf
+ihn wartete. Victoire war ihm bis an die
+Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof
+her ein halber Tagesschein flimmerte.</p>
+
+<p>»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte
+sich und ging.</p>
+
+<p>Aber Victoire beugte sich weit über das
+Geländer vor und wiederholte leise: »Bis auf
+morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«</p>
+
+<p>Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme
+verfehlte seines Eindrucks <em class="gesperrt">nicht</em>, auch in <em class="gesperrt">diesem</em>
+Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder
+hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen
+wolle für immer, und küßte sie.</p>
+
+<p>»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«</p>
+
+<p>Und nachhorchend hörte sie noch seinen
+<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a>
+Schritt auf dem Flur. Dann fiel die Hausthür
+ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße
+hinunter.</p>
+
+<p>Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch
+und der Groom, von denen jener sich's eigens
+ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn
+an diesem seinem Ehrentage fahren zu
+dürfen. Was denn auch ohne weiteres bewilligt
+worden war. Als der Wagen aus der Behren-
+in die Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck
+oder Schlag, ohne daß ein Stoß von unten her
+verspürt worden wäre.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Damm</span>,« sagte Groom. »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">What's that?</span>«</p>
+
+<p>»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener?
+En Steen is et; en doter Feldwebel.«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Oh no</span>, Baarsch. Nich <span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">stone. 't was
+something .... dear me .... like shooting.</span>«</p>
+
+<p>»Schuting? Na nu.«</p>
+
+<p>»<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Yes; pistol-shooting&nbsp;....</span>«</p>
+
+<p>Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende,
+denn der Wagen hielt vor Schachs Wohnung,
+und der Groom sprang in Angst und Eile vom
+Bock, um seinem Herrn beim Aussteigen behilflich
+zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, ein dichter
+Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß
+aufrecht in der Ecke, nur wenig zurückgelehnt.
+<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a>
+Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das
+Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag
+wieder ins Schloß und jammerte: »<span class="antiqua" lang="en" xml:lang="en">Heavens, he
+is dead.</span>«</p>
+
+<p>Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so
+trugen sie den Todten in seine Wohnung hinauf.</p>
+
+<p>Baarsch fluchte und flennte, und schob alles
+auf die »Menschheit«, weil er's aufs Heirathen
+zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war
+eine diplomatische Natur wie alle Bauern.</p>
+
+<h2>Zwanzigstes Kapitel.<br/>
+<small>Bülow an Sander.</small></h2>
+
+<p><span class="gesperrt">Königsberg</span>, 14. Sept. 1806. »....&nbsp;Sie
+schreiben mir, lieber Sander, auch von Schach.
+Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger
+Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt,
+aber erst Ihrem Briefe verdank ich die Aufklärung,
+so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen
+meine Neigung (und dieser folg ich auch heut),
+aus dem Einzelnen aufs Ganze zu schließen,
+aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen
+aufs Einzelne, was mit dem Generalisiren zusammenhängt.
+Es mag das sein Mißliches haben
+und mich oft zu weit führen. Indessen wenn
+<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a>
+jemals eine Berechtigung dazu vorlag, so hier,
+und speziell <em class="gesperrt">Sie</em> werden es begreiflich finden,
+daß mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom
+ist, um eben seiner symptomatischen Bedeutung
+willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist durchaus
+Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler
+Begrenzung, ein in seinen Ursachen ganz abnormer
+Fall, der sich in dieser Art und Weise nur in
+Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt-
+und Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus,
+immer nur in den Reihen unsrer nachgeborenen
+fridericianischen Armee zutragen konnte, einer
+Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel,
+und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat
+&ndash; ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein
+wird. Der große König hat diesen schlimmen
+Zustand der Dinge vorbereitet, aber daß er <em class="gesperrt">so</em>
+schlimm werden konnte, dazu mußten sich die
+großen Königsaugen erst schließen, vor denen
+bekanntermaßen jeder mehr erbangte, als vor
+Schlacht und Tod.</p>
+
+<p>Ich habe lange genug dieser Armee angehört,
+um zu wissen <ins title="›daß Ehre‹">daß ›Ehre‹</ins> das dritte Wort in
+ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹,
+eine Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja,
+mir sind Wucherer empfohlen und vorgestellt
+<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a>
+worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies
+beständige Sprechen von Ehre, von einer falschen
+Ehre, hat die Begriffe verwirrt und die richtige
+Ehre todt gemacht.</p>
+
+<p>All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall,
+in Schach selbst, der, all seiner Fehler
+unerachtet, immer noch einer der besten war.</p>
+
+<p>Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in
+einem adligen Hause; die Mutter gefällt ihm,
+und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch
+die Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr
+wahrscheinlich, weil ihm Prinz Louis eine halbe
+Woche vorher einen Vortrag über »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté du
+diable</span>« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt
+ihm, und die Natur zieht ihre Konsequenzen.
+Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre
+nun wohl einfacher und natürlicher gewesen, als
+Ausgleich durch einen Eheschluß, durch eine Verbindung,
+die weder gegen den äußeren Vortheil,
+noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte.
+Was aber geschieht? Er flieht nach Wuthenow,
+einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's
+handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange
+hat, als gerade modisch oder herkömmlich ist,
+und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren
+glatten und wie mit Schachtelhalm polirten
+<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a>
+Schach auf vier Wochen in eine von seinen
+Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können.
+Er flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht
+und Wort, und als ihn schließlich, um ihn selber
+sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster König
+und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und
+strikten Gehorsam fordert, da gehorcht er, aber
+nur, um im Momente des Gehorchens den Gehorsam
+in einer allerbrüskesten Weise zu brechen.
+Er kann nun mal Zietens spöttischen Blick nicht
+ertragen, noch viel weniger einen neuen Ansturm
+von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch
+einen Schatten, eine Erbsenblase, greift er zu
+dem alten Auskunftsmittel der Verzweifelten:
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">un peu de poudre</span>.</p>
+
+<p>Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre.
+Sie macht uns abhängig von dem Schwankendsten
+und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf
+Triebsand aufgebauten Urtheile der Gesellschaft,
+und veranlaßt uns, die heiligsten Gebote, die
+schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem
+Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und
+diesem Kultus einer falschen Ehre, die nichts ist
+als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist denn auch
+Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen.
+Erinnern Sie sich dieser Worte. Wir haben wie
+<a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a>
+Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt,
+um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber
+diese Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als
+es mit der Mingdynastie zur Neige ging und die
+siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten
+von Peking eingedrungen waren, erschienen
+immer noch Boten und Abgesandte, die dem
+Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten,
+weil es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft
+und des Hofes war, von Niederlagen zu sprechen.
+O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war
+ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt.
+Und warum? weil alles Geschraubte zur Lüge
+führt und alle Lüge zum Tod.</p>
+
+<p>Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von
+Carayons Salon, wo bei dem Thema ›<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Hannibal
+ante portas</span>‹ Aehnliches über meine Lippen kam?
+Schach tadelte mich damals als unpatriotisch.
+Unpatriotisch! Die Warner sind noch immer bei
+diesem Namen genannt worden. Und nun! Was
+ich damals als etwas blos Wahrscheinliches vor
+Augen hatte, jetzt ist es <em class="gesperrt">thatsächlich</em> da. Der
+Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht
+in aller Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden
+an derselben Welt des Scheins zu Grunde gehn, an
+der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr <em class="gesperrt">Bülow</em>.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Dohna (früher bei der Garde
+du Corps), mit dem ich eben über die Schachsche
+Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich
+an frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte.
+Schach habe die Mutter geliebt, was ihn, in
+einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche
+Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben
+Sie mir doch darüber. Ich persönlich find es
+pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit
+hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten,
+und seine Vorstellungen von Ehre (hier
+ausnahmsweise die richtige) würden ihn außerdem,
+wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen
+hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <ins title="B.">B.«</ins></p>
+
+<h2>Einundzwanzigstes Kapitel.<br/>
+<small>Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.</small></h2>
+
+<p><span class="gesperrt">Rom</span>, 18. August 1807. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Ma chère Lisette.</span></p>
+
+<p>Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich
+war über so liebe Zeilen! Aus dem Elend des
+Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus,
+hast Du mich mit Zeichen alter, unveränderter
+Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse
+nicht zum Ueblen gedeutet.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a>Mama wollte mehr als einmal schreiben,
+aber ich selber bat sie, damit zu warten.</p>
+
+<p>Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil
+an meinem Schicksal und glaubst, der Zeitpunkt
+sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen.
+Und Du hast Recht. Ich will es thun, so gut
+ich's kann.</p>
+
+<p>»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und
+setzest hinzu: »Du stündest vor einem Räthsel,
+das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe
+Lisette, wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein
+Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt,
+und in die letzten und geheimsten Triebfedern
+andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise
+hineinzublicken, ist uns versagt. Er sei,
+so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen,
+und ich, das Mindeste zu sagen, die nicht-schöne
+Victoire, &ndash; das habe den Spott herausgefordert,
+und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe
+er nicht die Kraft gehabt. Und so sei er denn
+aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen.</p>
+
+<p>So sagt die Welt, und in vielem wird
+es zutreffen. Schrieb er mir doch ähnliches und
+verklagte sich darüber. Aber wie die Welt
+strenger gewesen ist, als nöthig, so vielleicht auch
+er selbst. Ich seh es in einem andern Licht.
+<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a>
+Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt
+schließlich erlahmt und erlischt, und war im
+Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott zu
+bekämpfen, im Fall er <em class="gesperrt">nicht</em> erlahmen und <em class="gesperrt">nicht</em>
+erlöschen wollte. Nein, er fürchtete sich nicht
+vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht so, wie
+vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die
+die Stimme seiner eigensten und innersten Natur
+war, rief ihm beständig zu, daß er diesen Kampf
+<em class="gesperrt">umsonst</em> kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich
+gegen die Welt, <em class="gesperrt">nicht</em> siegreich gegen sich
+selber sein würde. <em class="gesperrt">Das</em> war es. Er gehörte
+durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen
+gelernt habe, zu <em class="gesperrt">den</em> Männern, die <em class="gesperrt">nicht</em> für
+die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir schon,
+bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge
+nach Tempelhof, der überhaupt in mehr als einer
+Beziehung <ins title="ein">einen</ins> Wendepunkt für uns bedeutete.
+Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über
+Ordensritter und Ordensregeln, und der ungesucht
+ernste Ton, mit dem er, trotz meiner Neckereien,
+den Gegenstand behandelte, zeigte mir
+deutlich, welchen Idealen er nachhing. Und
+unter diesen Idealen &ndash; all seiner Liaisons unerachtet,
+oder vielleicht auch um dieser Liaisons
+willen &ndash; war sicherlich <em class="gesperrt">nicht</em> die Ehe. Noch
+<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a>
+jetzt darf ich Dir versichern, und die Sehnsucht
+meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß,
+daß es mir schwer, ja fast unmöglich ist,
+ihn mir <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">au sein de sa famille</span> vorzustellen. Ein
+Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich
+eben nicht als Ehemann denken. Und Schach auch
+nicht.</p>
+
+<p>Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches
+muß er selber gedacht und empfunden haben,
+wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe
+darüber schwieg. Er war seiner ganzen Natur
+nach auf Repräsentation und Geltendmachung
+einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr
+<em class="gesperrt">äußerliche</em> Dinge, woraus Du sehen magst,
+daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, wenn ich
+ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder
+und wieder unterliegen sah, so fühlt ich nur zu
+deutlich, daß er weder ein Mann von hervorragender
+geistiger Bedeutung, noch von superiorem
+Charakter sei; zugegeben das alles; und doch
+war er andererseits durchaus befähigt, innerhalb
+enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen.
+Er war wie dazu bestimmt, der Halbgott eines
+prinzlichen Hofes zu sein, und würde diese Bestimmung,
+Du darfst darüber nicht lachen, nicht
+bloß zu seiner persönlichen Freude, sondern auch
+<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a>
+zum Glück und Segen andrer, ja vieler anderer,
+erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch,
+und auch klug genug, um immer das Gute zu
+wollen. An dieser Laufbahn als ein prinzlicher
+Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert,
+ja, hätt ihn, bei meinen anspruchslosen
+Gewohnheiten, aus all und jeder Karrière herausgerissen
+und ihn nach Wuthenow hingezwungen,
+um mit mir ein Spargelbeet anzulegen oder der
+Kluckhenne die Küchelchen wegzunehmen. Davor
+erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes
+Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf
+ein großes gestellt, aber doch auf ein solches, das
+<em class="gesperrt">ihm</em> als groß erschien.</p>
+
+<p>Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen.
+Ich hab' ihm, ich zögre fast es
+niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und
+vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich
+seine letzten, an mich gerichteten Zeilen, so wär
+es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue diesem
+süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und
+Mitgefühl, und alles Weh, was er mir bereitet
+hat, durch sein Leben und sein Sterben, er wollt
+es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.</p>
+
+<p>Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend
+mich dieses Wort ansieht! Nein, meine liebe
+<a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a>
+Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt,
+und vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu
+haben, was das Leben hat. Und nun hab ich es
+gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert,
+und alles Weh in Wonne verkehrt. Da
+liegt das Kind und schlägt eben die blauen
+Augen auf. <em class="gesperrt">Seine</em> Augen. Nein, Lisette,
+viel Schweres ist mir auferlegt worden, aber es
+federt leicht in die Luft, gewogen neben meinem
+Glück.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis
+auf den Tod, und nur durch ein Wunder ist es
+mir erhalten geblieben.</p>
+
+<p>Und davon muß ich Dir erzählen.</p>
+
+<p>Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging
+ich mit unserer Wirthin (einer ächten alten
+Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte)
+nach der Kirche Araceli hinauf, einem neben dem
+Kapitol gelegenen alten Rundbogenbau, wo sie
+den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren,
+eine hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen
+und einem ganzen Diadem von Ringen, wie sie
+dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe
+willen, von unzähligen Müttern verehrt worden
+sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, noch eh
+ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses
+<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a>
+Zutrauen muß den Bambino gerührt haben.
+Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar,
+und der Dottore verkündigte sein ›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">va bene</span>‹; die
+Wirthin aber lächelte, wie wenn sie selber das
+Wunder verrichtet hätte.</p>
+
+<p>Und dabei kommt mir die Frage, was wohl
+Tante Marguerite, wenn sie davon hörte, zu all
+dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde
+mich vor der ›alten Kürche‹ warnen, und mit
+<em class="gesperrt">mehr</em> Grund, als sie weiß.</p>
+
+<p>Denn nicht nur <em class="gesperrt">alt</em> ist Araceli, sondern
+auch trostreich und labevoll, und kühl und schön.</p>
+
+<p>Sein Schönstes aber ist sein Name, der
+›<em class="gesperrt">Altar des Himmels</em>‹ bedeutet. Und auf
+diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines
+Dankes <ins title="auf.«">auf.</ins></p>
+
+<h2><a name="werbung">Verlag von F. Fontane &amp; Co. &ndash; Berlin W 35</a></h2>
+
+<div class="center">
+<p>Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die
+litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf
+dem Laufenden halten will, ist</p>
+
+<p><big style="font-size: 2.5em;">Das litterarische Echo</big></p>
+
+<p><b>Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde</b></p>
+
+<p>Herausgeber: Dr. <span class="gesperrt">Josef Ettlinger</span></p>
+
+<p>Dritter Jahrgang</p>
+
+<p>Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen</p>
+</div>
+
+<p class="no-indent">Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe
+aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen
+Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus
+neu erscheinenden Werken * Nachrichten</p>
+
+<p>In der »<b>Zeitschrift f. deutschen Unterricht</b>« (Leipzig, B.&nbsp;G. Teubner)
+vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. <b>Dr. Otto Lyon</b> dem
+»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u.&nbsp;a. heißt:</p>
+
+<p>»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel zusammenzufassen
+und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu verschaffen,
+dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes zu überschauen und
+mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der vorliegenden neuen
+Zeitschrift. <b>Daß eine solche Zeitschrift eine unbedingte Notwendigkeit für
+unsere Zeit ist</b>, wird jeder zugestehen, der mit uns der Meinung ist, daß in
+unserem Zeitalter nur das Volk auf die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt,
+das durch das gemeinsame Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung
+fest zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere allerwichtigste
+Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für dessen Litteratur <b>nachdrücklich
+zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <ins title="gigerlhafte">gigerlhafter</ins>
+Verblödung, die uns leider in den Straßen und Gesellschaftssälen unserer
+Hauptstädte schon vielfach entgegentritt, zu bewahren. Eines fehlt gerade den
+maßgebenden Kreisen unseres Volkes vielfach noch in großem Maße: Die
+Fähigkeit litterarisch zu genießen und die zu litterarischem Genuß drängende
+Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß unser Volk seinem größten Teile nach erst
+erzogen werden, die Aufgabe, eine solche Erziehung anzubahnen und in die
+rechten Formen zu leiten, will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen.
+Ich glaube, dieses Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein
+geistiges Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen
+werden. Und <b>jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft
+an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten</b>. &ndash;
+Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die <b>weiteste Verbreitung vor allem
+auch in Lehrer- und Schulkreisen</b>, den berufenen Erziehern unseres Volkes,
+findet« u.&nbsp;s.&nbsp;w.</p>
+
+<div class="center">
+<p><big>Preis vierteljährlich Mark 3.&ndash;</big></p>
+
+<p><small>Probenummern kostenfrei</small></p>
+
+<p>Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter</p>
+</div>
+
+<h2>Verlag von <b>Wilhelm Hertz</b> in Berlin W 9.<br/>
+<small>Werke von Theodor Fontane.</small></h2>
+
+<div class="center">
+<p class="werk">Gedichte.</p>
+
+<p>Sechste Auflage.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Mit einem Bildniß.</em></p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 462 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Vor dem Sturm.</p>
+
+<p>Roman aus dem Winter
+1812 auf 1813.</p>
+
+<p>Dritte, wohlfeile Volksausgabe in
+1 Bande, 8<sup>o</sup>. 773 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Quitt.</p>
+
+<p>Roman.</p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 338 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Grete Minde.</p>
+
+<p>Nach einer altmärkischen <ins title="Chronik">Chronik.</ins></p>
+
+<p>Zweite Auflage.</p>
+
+<p>kl. 8<sup>o</sup>. 154 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Unwiederbringlich.</p>
+
+<p>Roman.</p>
+
+<p>Dritte Auflage.</p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 343 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Ellernklipp.</p>
+
+<p>Nach einem Harzer Kirchenbuch.</p>
+
+<p>Zweite Auflage.</p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 190 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.</b></p>
+
+<p class="werk">Wanderungen durch die Mark Brandenburg.</p>
+
+<p>4 Bände. <b>Wohlfeile Ausgabe.</b></p>
+
+<p><b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <ins title="Mk.">M.</ins></b></p>
+</div>
+
+<ol id="wanderungen">
+<li><b>Die Grafschaft Ruppin.</b> (559&nbsp;S.)</li>
+<li><b>Das Oderland.</b> Barnim-Lebus. (506&nbsp;S.)</li>
+<li><b>Havelland.</b> Die Landschaft um Spandau, Potsdam,
+Brandenburg. (485&nbsp;S.)</li>
+<li><b>Spreeland.</b> Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459&nbsp;S.)</li>
+</ol>
+
+<div class="center">
+<p class="werk">Fünf Schlösser.</p>
+
+<p>Altes und Neues aus Mark Brandenburg.</p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 468 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20&nbsp;Pf.</b></p>
+
+<p><span class="gesperrt">Inhalt</span>:
+Quitzöwel. &ndash; Plaue a.&nbsp;B. &ndash; Hoppenrade. &ndash; Liebenberg. &ndash; Dreilinden.</p>
+
+<p class="werk">Christian Friedrich Scherenberg<br/>
+und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.</p>
+
+<p>8<sup>o</sup>. 260 Seiten.</p>
+
+<p><b>Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20&nbsp;Pf.</b></p>
+</div>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_3">Seite 3</a>:<br/>
+<span class="correction">niederländischen</span> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte.<br/>
+<span class="correction">niederländischem</span> Tuche sein Embonpoint zusammenschnürte.
+</li>
+<li><a href="#Page_5">Seite 5</a>:<br/>
+und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <span class="correction">et</span> omen.</span><br/>
+und der Lüneburger Haide. <span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Nomen <span class="correction">est</span> omen.</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_6">Seite 6</a>:<br/>
+<span class="correction">Profil,</span> einst dem der Mutter geglichen haben<br/>
+<span class="correction">Profil</span> einst dem der Mutter geglichen haben
+</li>
+<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/>
+Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <span class="correction">aber aber</span><br/>
+Doktormantel hervor. Am räthselhaftesten <span class="correction">aber</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/>
+<span class="correction">Iffland</span> ein Freimaurer.«<br/>
+<span class="correction">Iffland,</span> ein Freimaurer.«
+</li>
+<li><a href="#Page_16">Seite 16</a>:<br/>
+Es war Alvensleben, an <span class="correction">dem</span> sich die Frage<br/>
+Es war Alvensleben, an <span class="correction">den</span> sich die Frage
+</li>
+<li><a href="#Page_25">Seite 25</a>:<br/>
+einem <span class="correction">Drehschemmel</span> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich<br/>
+einem <span class="correction">Drehschemel</span> ritt, und seine Befehle (gewöhnlich
+</li>
+<li><a href="#Page_30">Seite 30</a>:<br/>
+und ob die <span class="correction">Schulmeisters Tochter</span> noch so lange<br/>
+und ob die <span class="correction">Schulmeisterstochter</span> noch so lange
+</li>
+<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/>
+»Wie das?« wiederholte <span class="correction">Nostiz</span>. »Was doch<br/>
+»Wie das?« wiederholte <span class="correction">Nostitz</span>. »Was doch
+</li>
+<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/>
+<span class="correction">Nostiz</span>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.<br/>
+<span class="correction">Nostitz</span>, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+</li>
+<li><a href="#Page_39">Seite 39</a>:<br/>
+gebessert, sondern auch die <span class="correction">Luft,</span> Alles in allem<br/>
+gebessert, sondern auch die <span class="correction">Luft.</span> Alles in allem
+</li>
+<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/>
+bringt, von den <span class="correction">Fernenstehenden</span> entweder überhört<br/>
+bringt, von den <span class="correction">Fernerstehenden</span> entweder überhört
+</li>
+<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/>
+<span class="correction">eitens</span> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem<br/>
+<span class="correction">seitens</span> des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+</li>
+<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/>
+Viehe« fürchtete, wäre lieber am <span class="correction">Kaffetische</span><br/>
+Viehe« fürchtete, wäre lieber am <span class="correction">Kaffeetische</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_51">Seite 51</a>:<br/>
+nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <span class="correction">Victoriens</span><br/>
+nicht zu fürchten brauche,« nahm sie <span class="correction">Victoirens</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_67">Seite 67</a>:<br/>
+sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <span class="correction">muß</span> Du<br/>
+sind. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">A propos</span> über das Birkenwasser <span class="correction">mußt</span> Du
+</li>
+<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/>
+Von Ihrem Regiment werden Sie noch <span class="correction">Nostiz</span><br/>
+Von Ihrem Regiment werden Sie noch <span class="correction">Nostitz</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/>
+nachdem er Alvensleben und <span class="correction">Nostiz</span> abgeholt<br/>
+nachdem er Alvensleben und <span class="correction">Nostitz</span> abgeholt
+</li>
+<li><a href="#Page_81">Seite 81</a>:<br/>
+nicht in <span class="correction">jenem</span> Impromptus und witzigen Einfällen<br/>
+nicht in <span class="correction">jenen</span> Impromptus und witzigen Einfällen
+</li>
+<li><a href="#Page_81">Seite 81</a>:<br/>
+hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><span class="correction">?</span> Und er befahl<br/>
+hier ein sich Abmühen <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en détail</span><span class="correction">?‹</span> Und er befahl
+</li>
+<li><a href="#Page_82">Seite 82</a>:<br/>
+heißt ›Genie‹ &ndash; nun, in dem russisch-<span class="correction">östereichischen</span><br/>
+heißt ›Genie‹ &ndash; nun, in dem russisch-<span class="correction">österreichischen</span>
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+<li><a href="#Page_86">Seite 86</a>:<br/>
+gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <span class="correction">coquettte</span></span> und<br/>
+gebracht habe: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">beauté <span class="correction">coquette</span></span> und
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+<li><a href="#Page_89">Seite 89</a>:<br/>
+<span class="correction">Nostiz</span> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur</span><br/>
+<span class="correction">Nostitz</span> skandirte: »<span class="antiqua" lang="la" xml:lang="la">Parturiunt montes nascetur</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_90">Seite 90</a>:<br/>
+›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<span class="correction">‹</span><br/>
+›<span class="antiqua" lang="it" xml:lang="it">pianissimo</span>.<span class="correction">‹«</span>
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+<li><a href="#Page_94">Seite 94</a>:<br/>
+<span class="correction">Frangen</span> hinweg, sah man, flußaufwärts,<br/>
+<span class="correction">Fransen</span> hinweg, sah man, flußaufwärts,
+</li>
+<li><a href="#Page_97">Seite 97</a>:<br/>
+angenehm war. <span class="correction">Gleich</span> nach dem Massowschen<br/>
+angenehm war. <span class="correction">»Gleich</span> nach dem Massowschen
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+<li><a href="#Page_98">Seite 98</a>:<br/>
+<span class="correction">Nostiz</span>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft,<br/>
+<span class="correction">Nostitz</span>, »aber es bleibt mir doch zweifelhaft,
+</li>
+<li><a href="#Page_99">Seite 99</a>:<br/>
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <span class="correction">Herren</span><br/>
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine <span class="correction">Herren.</span>
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+<li><a href="#Page_99">Seite 99</a>:<br/>
+<span class="correction">Nostiz</span> und Sander lächelten und nickten.<br/>
+<span class="correction">Nostitz</span> und Sander lächelten und nickten.
+</li>
+<li><a href="#Page_104">Seite 104</a>:<br/>
+<span class="correction">Schwanenflotille</span>, die wohl durch die Dusseksche<br/>
+<span class="correction">Schwanenflottille</span>, die wohl durch die Dusseksche
+</li>
+<li><a href="#Page_110">Seite 110</a>:<br/>
+<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <span class="correction">mußte</span> Der<br/>
+<em class="gesperrt">so</em>, daß ich das Theater aufgeben <span class="correction">mußte.</span> Der
+</li>
+<li><a href="#Page_120">Seite 120</a>:<br/>
+Hand und wandte sich dann gegen <span class="correction">Victoiren</span>, um<br/>
+Hand und wandte sich dann gegen <span class="correction">Victoire</span>, um
+</li>
+<li><a href="#Page_123">Seite 123</a>:<br/>
+»Welchen meinst Du, liebe <span class="correction">Tante.</span>«<br/>
+»Welchen meinst Du, liebe <span class="correction">Tante?</span>«
+</li>
+<li><a href="#Page_129">Seite 129</a>:<br/>
+leicht auf der <span class="correction">Stuhllene</span> wiegte: »Was ich vorzuschlagen<br/>
+leicht auf der <span class="correction">Stuhllehne</span> wiegte: »Was ich vorzuschlagen
+</li>
+<li><a href="#Page_130">Seite 130</a>:<br/>
+getroffen zu haben. Also <span class="correction">Schlittenfahrt</span> Angenommen?«<br/>
+getroffen zu haben. Also <span class="correction">Schlittenfahrt.</span> Angenommen?«
+</li>
+<li><a href="#Page_146">Seite 146</a>:<br/>
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><span class="correction">charte</span> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei<br/>
+<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr"><span class="correction">carte</span> blanche</span>, Sie sind dann wieder frei, frei
+</li>
+<li><a href="#Page_152">Seite 152</a>:<br/>
+Nach Festsetzungen wie <span class="correction">diese</span>, trennte man<br/>
+Nach Festsetzungen wie <span class="correction">diesen</span>, trennte man
+</li>
+<li><a href="#Page_155">Seite 155</a>:<br/>
+einen Spaziergang zu <span class="correction">machen</span> Begegnungen<br/>
+einen Spaziergang zu <span class="correction">machen.</span> Begegnungen
+</li>
+<li><a href="#Page_156">Seite 156</a>:<br/>
+Berliner Gras wachsen. Ich <span class="correction">meinseits</span> bin empört.<br/>
+Berliner Gras wachsen. Ich <span class="correction">meinerseits</span> bin empört.
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+<li><a href="#Page_158">Seite 158</a>:<br/>
+<span class="correction">nimmt</span><br/>
+<span class="correction">nimmt.</span>
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+<li><a href="#Page_160">Seite 160</a>:<br/>
+<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <span class="correction">und und</span><br/>
+<em class="gesperrt">Schloß</em> Wuthenow lag. In den Häusern <span class="correction">und</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_163">Seite 163</a>:<br/>
+Tüffeln <span class="correction">bruken't.‹</span><br/>
+Tüffeln <span class="correction">bruken't.‹«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_165">Seite 165</a>:<br/>
+un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <span class="correction">fast.‹</span><br/>
+un seggte: ›Nei, Krist, <em class="gesperrt">uns'</em> Huut sitt <span class="correction">fast.‹«</span>
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+<li><a href="#Page_172">Seite 172</a>:<br/>
+Wolken im <span class="correction">Wiederschein</span> glühten und die Waldstreifen<br/>
+Wolken im <span class="correction">Widerschein</span> glühten und die Waldstreifen
+</li>
+<li><a href="#Page_186">Seite 186</a>:<br/>
+Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><span class="correction">!</span><br/>
+Vaters Tochter, Du bist eine <em class="gesperrt">Carayon</em><span class="correction">!«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_190">Seite 190</a>:<br/>
+»Einer Mittheilung Herrn von <span class="correction">Alvensleben</span><br/>
+»Einer Mittheilung Herrn von <span class="correction">Alvenslebens</span>
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+<li><a href="#Page_191">Seite 191</a>:<br/>
+Josephine von <span class="correction">Carayon.</span><br/>
+Josephine von <span class="correction">Carayon.«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_202">Seite 202</a>:<br/>
+Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <span class="correction">chèr</span></span><br/>
+Thränen. »<span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Que vous êtes bon, mon <span class="correction">cher</span></span>
+</li>
+<li><a href="#Page_205">Seite 205</a>:<br/>
+»<span class="correction">Köckeritz</span> mir eben Andeutungen gemacht ....<br/>
+»<span class="correction">Köckritz</span> mir eben Andeutungen gemacht ....
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+<li><a href="#Page_232">Seite 232</a>:<br/>
+um zu wissen <span class="correction">›daß Ehre‹</span> das dritte Wort in<br/>
+um zu wissen <span class="correction">daß ›Ehre‹</span> das dritte Wort in
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+<li><a href="#Page_236">Seite 236</a>:<br/>
+hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <span class="correction">B.</span><br/>
+hätte, vor jedem <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">faux pas</span> gesichert haben. <span class="correction">B.«</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_238">Seite 238</a>:<br/>
+Beziehung <span class="correction">ein</span> Wendepunkt für uns bedeutete.<br/>
+Beziehung <span class="correction">einen</span> Wendepunkt für uns bedeutete.
+</li>
+<li><a href="#Page_242">Seite 242</a>:<br/>
+Dankes <span class="correction">auf.«</span><br/>
+Dankes <span class="correction">auf.</span>
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+<li><a href="#Page_242">Seite 242</a>:<br/>
+<b>zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <span class="correction">gigerlhafte</span><br/>
+<b>zu interessieren</b> und so unser Volk vor Verflachung und <span class="correction">gigerlhafter</span>
+</li>
+<li><a href="#werbung">Verlagswerbung</a>:<br/>
+Nach einer altmärkischen <span class="correction">Chronik</span><br/>
+Nach einer altmärkischen <span class="correction">Chronik.</span>
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+<li><a href="#werbung">Verlagswerbung</a>:<br/>
+<b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <span class="correction">Mk.</span></b><br/>
+<b>Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 <span class="correction">M.</span></b>
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+</ul>
+</div>
+
+
+
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+
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+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
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+
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+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
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+Literary Archive Foundation
+
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
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+
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