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diff --git a/36905-0.txt b/36905-0.txt new file mode 100644 index 0000000..6df50a6 --- /dev/null +++ b/36905-0.txt @@ -0,0 +1,5972 @@ +The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schach von Wuthenow + Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + +Author: Theodor Fontane + +Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This +book was produced from scanned images of public domain +material from the Google Print project.) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Im Original fett gedruckter Text wurde mit ~ markiert. + ] + + + + +Schach von Wuthenow + + + + +Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage: + +~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. + +~Cécile.~ Roman. + +~Graf Petöfy.~ Roman. + +~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman. + +~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. + +~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870. + +~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise. + +~Frau Jenny Treibel.~ Roman. + +~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman. + +~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten. + +~Effi Briest.~ Roman. + +~Die Poggenpuhls.~ Erzählung. + +~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches. + +~Der Stechlin.~ Roman. + +~Aus England und Schottland.~ Reisebilder. + + +Gesammelte Romane und Erzählungen. + +Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters. + +=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. -- +Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. -- +~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. -- +~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~ +Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner +Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes +1870. + + + + + Schach von Wuthenow + + Erzählung + aus der Zeit des Regiments Gensdarmes + + von + Theodor Fontane + + Vierte Auflage. + + Berlin W + F. Fontane & Co. + 1901 + + + + + Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten. + + + + +Erstes Kapitel. + +Im Salon der Frau von Carayon. + + +In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und +ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige +Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des +Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte. +Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser +Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und +hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter +gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle, +dem dieser Platz in Wahrheit gebühre. + +Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite, +saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in +diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung +innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige +Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem +abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat +zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs +angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt +machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow. +Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße +weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner +Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem +Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde +sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich +immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr +Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens +in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein +Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm +der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche +sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die +feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte. + +Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher +beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht +nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich +wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als +»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte +diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was +man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch +beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick +zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte. + +»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort, +»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser +Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn +von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige, +was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander +von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie +nicht groß sind.« + +»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles +was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht +preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen +reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.« + +»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich +danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.« + +»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer +ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner +seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von +Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß +alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen +Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die +Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist +erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs +des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor +sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir +wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn +Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen +Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen +müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe +Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz +der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen +wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die +Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen +zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin +steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß +wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts; +der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade +für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht, +als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich +von der unangenehmen Seite.« + +Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen +worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu +dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß +ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie +sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle +man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der +Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um +seine frühere Schönheit gekommen war. + +Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er +es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte +nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum +lieben Sie sie.« + +»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.« + +»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück +könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller +Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die +glänzendste Kriegsgeschichte.« + +»Und wer rettete ....« + +»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar +Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt +ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der +Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht. +Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu +Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder +Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....« + +Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein +Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der +Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die +Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit +Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung. + +»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....« + +»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte +seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und +nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen, +daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen +Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den +Salon eingetreten sein müsse. + +»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue +Stürme ....« + +»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin +Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem +Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt +mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem +Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende. +Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem +Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde +getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die +Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf +selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den +Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden +konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im +Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.« + +»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich +machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man +weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der +wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß, +wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht +säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.« + +»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter +Anklage von Hochverrath und Krawall.« + +»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung +dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht +fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen, +als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum +politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber +=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich +sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von +Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den +Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere +Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist, +und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und +recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich, +gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen +Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch +keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus. +Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom +Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der +schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch +die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu +gemacht.« + +»Nein, diese Stimmung war da.« + +»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu +bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen +wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir +sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst +die Summe, so sind wir verloren.« + +»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen, +Herr von Bülow.« + +»Was ich beklage.« + +»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und +meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären +dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan +obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am +Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers +Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß +sich wieder auf sich selbst besinnen.« + +»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist +dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich, +das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich +frage Sie?« + +»Sie mißverstehen mich.« + +»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.« + +»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich +mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische +Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art +aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck +zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren +=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel +bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht= +gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes +und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist +=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer +Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges +Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.« + + + + +Zweites Kapitel. + +»Die Weihe der Kraft.« + + +Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit +anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach +und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht +Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und +nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen +Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns +zugewiesen.« + +»Also der Prinz,« sagte Alvensleben. + +»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist +eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert +haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es +geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen, +daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.« + +»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr +Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund +heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.« + +»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und +so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr +bedauert.« + +»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung +entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter +der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten +einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen +einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen +aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von +seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte +citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert +hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste +bedeutet.« + +»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die +den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,« +sagte Schach spitz. + +»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach, +auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie +bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich +vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu +=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht +das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene +Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde +Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas +Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines +Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in +Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch +über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er +will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote +mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder +dans le Néant_.« + +»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das +Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also +zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den +›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen +zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß +wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit +wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar +nicht gesehen zu haben.« + +»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit +nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten +Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines +Stückes beizuwohnen.« + +»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst +nicht länger mehr zu zweifeln ist.« + +»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens +alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.« + +»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das +Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des +Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am +räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt, +Iffland, ein Freimaurer.« + +»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,« +erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit +unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen +dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das +entscheidet.« + +»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt +Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?« + +Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, +meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem +Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer +Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle +Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin +Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein +lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies +ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu +mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen +Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator, +aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen +und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und +Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus +einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den +ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von +Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.« + +»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte. +Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in +seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart +strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.« + +»O, gewiß nicht,« lachte Sander. + +»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen +Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu +machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen +einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....« + +»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch. + +»Auch nicht Luthers!« + +»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....« + +»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie +mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel +anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der +Welt ihn halten können.« + +»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören,« +erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an +ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?« + +»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies +Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne, +die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer +Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther +herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, +und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne, daß ich die Tage +Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog +nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die +Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt; +jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er +schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so +müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und +warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es +sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder +unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._« + +»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns +Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden +gebracht habe.« + +»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf +die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle. +Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende +Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter +ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was +bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel +aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles. +Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet? +Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich +Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle +Moral, die den Satz erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden, +warum hat er nicht gefressen?‹« + +»Gut, gut. Aber Luther ....« + +»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die +Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es +dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat. +Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und +Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für +Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt, +wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden +und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir +den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias +Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht +ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr +als ich fassen kann.« + +»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn +uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und +wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei +=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber +Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der +eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du +könntest uns das ein' oder andere davon singen.« + +»Ich habe sie kaum durchgespielt.« + +»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität +ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches +poetisches Suchen und Tappen.« + +Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach +seinen Mitteln.« + +Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er +begleitete. + + Die Blüthe, sie schläft so leis und lind + Wohl in der Wiege von Schnee; + Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind + Du blühendes Kind« + Und das Kind es weint und verschläft sein Weh + Und hernieder steigen aus duftiger Höh + Die Schwestern und lieben und blühn + +Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr +Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,« +antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die +Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.« + + Und kommt der Mai dann wieder so lind, + Dann bricht er die Wiege von Schnee, + Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind + Du welkendes Kind.« + Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh + Und steigt hinauf in die leuchtende Höh + Wo strahlend die Brüderlein blühn. + +Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich +Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die +Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten. + +Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang +beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war +durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen +funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er +wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür +hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.« + +Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte. + +Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb +dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde. + + + + +Drittes Kapitel. + +Bei Sala Tarone. + + +Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der +Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links +einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert, +und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag +deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach, +allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und +Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern. + +»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch +einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die +Kehle zuschnürten.« + +»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies +dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen +stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da +schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite +sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf +öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als +Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt +hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten +ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer +in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der +Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das +Gefährliche der Passage kenntlich zu machen. + +»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander, +sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn +in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen +Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt +waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und +Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.« + +»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen +ein militärischer Verlag.« + +Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her, +und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür +gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht +nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte +mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große +Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller +»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an +niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas, +mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo +dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen +überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus +tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein +Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller +hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand. + +Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber +gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger +war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die +Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber +nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm +gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste, +was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind +Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches +verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen +mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die +Firma.« + +Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit +seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und +Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.« + +Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre +gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom +Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit +halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger +Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort +sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die +letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem +Anscheine nach, am besten kannte. + +»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?« + +»Gut. Sehr gut.« + +»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der +Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne +gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?« + +»Zu dienen, Herr Sander.« + +»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister +ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein +Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt. +Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht +Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich. +Besser ist besser.« + +Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien +die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen +schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen. + +»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie +Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde +bleiben. Und nun grüne Gläser.« + +Alvensleben lachte. »Grüne?« + +»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß +es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger +beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte +gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser +Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des +Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und +dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so +weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur +symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren +Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr +bedeuteten, als das Mahl selbst.« + +»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich +Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.« + +»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.« + +»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen +entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange +Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein +Ende ....« + +Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs, +eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der +längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen +stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede +beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen +kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war. +Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und +Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so +beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis, +bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten +hatte. + +Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst +als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf +all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den +Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz +nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck +schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange +flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich +lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den +Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe. +Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt. +Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.« + +»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn +neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht +bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am +Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.« + +»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort. +»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich +ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie +sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich +wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt +doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang +in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu +befragen.« + +»Wie das?« fragte Bülow. + +»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es +gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn +das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes, +glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._« + +»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.« + +»Sonst nicht gerade mein Fehler.« + +»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber +Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. +Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr +aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich +habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so +ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es +vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte +Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie +=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben +überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste +nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn +=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.« + +»Wie das?« + +»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter +gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter +scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt, +und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so +ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung +gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche, +von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und +würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder +auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter +vorzustellen.« + +»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.« + +»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu +behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu +sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach +nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie +Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein +absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies +Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch +macht.« + +»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu +besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie +hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre +Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=! +Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein +Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen +Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die +Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische +Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der +preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und +letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du +Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment +Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue +solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit +solcher Rodomontaden erkennen wird.« + +»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer +Besten.« + +»Um so schlimmer.« + +»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht +blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise. +Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.« + +»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für +ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife +Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin= +unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er +in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich +seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht +liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.« + +»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und +Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius +zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen, +besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche +Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die +Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und +Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser +Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und +Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der +Rittmeister von Schach, er lebe hoch.« + +»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die +ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen +Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!« + +»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät +getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun +Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche +arrangire.« + +»In besten Händen,« sagte Nostitz. + +Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte +vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter +im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits. + +»_Hâtez-vous._« + +Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und +auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen. + + + + +Viertes Kapitel. + +In Tempelhof. + + +Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben +Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen +hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern +den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter +einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und +Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit +abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten +Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit +erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder +Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben, +das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein +besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo +nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner +Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die +Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer +silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit +(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem +Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen +Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können. + +Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und +gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die +glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger +Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne +Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor +allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau +täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei. +Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen +wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug, +es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes +Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu +dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha +hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein +stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft, +der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von +Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer +einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer +ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches +in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit. + +Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide +Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war +weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte, +stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich +dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire +blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen +Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu +sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die +Charlottenstraße heraufkam. + +»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie +wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer +mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?« + +Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen +Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in +Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, +trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. +Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt. + +»An =Dich= Mama.« + +»Lies nur,« sagte diese. + +»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.« + +»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine +gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege +gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie +sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr +mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire +zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre +Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu +können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug +im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß +und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer +Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.« + +»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?« + +»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?« + +»Nun denn also ›ja‹.« + +Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt, +und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele +vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da, +so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.« + +Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so +vieldeutig,« sagte sie. + +»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.« + +»Nein; laß es nur.« + +Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom. + +Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama +nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten +solche Räthselsätze.« + +»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und +nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel, +auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht +sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch +verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen +Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er +liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr +werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im +französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du +siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der +Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich +mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel +Licht ist, ist viel Schatten.« + +Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst +es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen +überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich +liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das= +laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach +scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine +kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es +geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch? +Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.« + +Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des +verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für +allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise +zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um +drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch +eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige, +sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem +Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die +»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen +Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch +gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel, +und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten +Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt +hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so ›ich weiß +nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem +Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene +Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf +dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie +fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann, +wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach. +Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen +Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse +Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten +französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt +fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim +Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig +ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das +allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt +ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe. + +Das war das Tantchen, das eben eintrat. + +Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen, +herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr +Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu +lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte +sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann +denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die +Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel +königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der +»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre +waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein +für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte, +die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten +Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte +beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin +Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube +gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige +Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von +Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade +gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach +einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk +in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das +Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von +Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten +der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und +solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß +ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk +_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man +eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie +er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses +an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von +Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem +unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde. + +Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier -- +_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben -- +erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der +Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben, +beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren +im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und +Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die +nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen +Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde. + +»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.« + +»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese. + +»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt. +Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.« + +In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das +Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum +Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte +sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in +halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes +Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden +Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn +durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten +sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den +Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine +Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde +flatterten und klapperten. + +Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der +zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof +zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und +her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen +Dörfer. + +Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war, +ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es +nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide +Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie +durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen. + +»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht +unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?« + +Victoire schwieg. + +»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps +de Logis.« + +Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das= +nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt, +von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit +aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt +alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein +Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt +werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort +»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu +fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in +ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem +Grafen von der Mark errichtet worden sei?« + +Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne +zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben, +bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er +so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner +hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.« + +Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark +verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter« +geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren +wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also +lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende +grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten +Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von +Tempelhof ein. + +Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und +sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur +Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante +Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich +auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.« + +Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem +Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen +besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig +geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen +Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei, +so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße +verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der +hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es +auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem +Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und +zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der +Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und +Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der +Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von +rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die +Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde. + +Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch +=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und +jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche +zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante +Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete, +wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu +weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert +hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie +Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während +Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem +Staketenzaune saß, sah ihnen nach. + +»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte. + +Schach sah sie fragend an. + +»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante +Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.« + +»Wovon?« + +»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem +eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ›daß Sie +der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug +geben würden.‹ Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist +die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden +mich eifersüchtig machen.« + +Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen +richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste. +Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen +Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine +noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu +können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll +guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie +nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind +mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel, +espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz= +darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten +und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß +Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie +über mich üben.« + +Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau +leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie +den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen +verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung +heraus.« + +»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach +Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich +hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich +Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er +nur in Ihre Gesellschaft?« + +»Er ist der Schatten Bülows.« + +»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der +Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn +noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ›Sander, +wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau +herum.‹ Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein +Sancho Pansa ....« + +»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?« + +»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen +widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist +eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher +Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von +Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und +das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen +Eigenliebe.« + +»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich +fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.« + +»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe +haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft, +und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_. +Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht +hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer +Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft +unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also +sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ +die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum +Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich +anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber, +diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt +Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich +hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe, +wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen +Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als +Preußen auf den Schultern seiner Armee.« + +Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt +wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle +gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld +hin sich abzweigte. + +»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol +auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und +Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht +bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die +Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier +abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte +zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung +weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, +noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz +zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die +Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts +aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar +musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand. + +»Sieh, Victoire, das sind Binsen.« + +»Ja, liebe Tante.« + +»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als +kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf +einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen +konnte ....« + +»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man +zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.« + +»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_. +Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen +doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas +Kienenes.« + +»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie +widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, +in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber +sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen +Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der +bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine, +mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden +Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß +weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber +blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die +niedergehende Sonne sie blendete. + +»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire. + +»Ja,« sagte das Kind. + +»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns +die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die +Herrschaften da.« + +»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die +Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und +Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem +sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten. + +Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über +verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand +berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben +der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. +Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und +Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des +Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter +die Veilchen. + +Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf +dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch +und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg +standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und +zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend +zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen +Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind +gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der +katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben, +daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie +dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine +Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob +nicht vielleicht alte Grabsteine da wären? + +»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein +abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das +aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es +war ersichtlich ein Reiteroberst. + +»Und wer ist es?« fragte Schach. + +»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von +Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil +er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.« + +Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des +angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen +traf. + +»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt +auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß. +Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.« + +All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig +geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus +den Lebzeiten des Ritters wisse?« + +»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.« + +Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende +Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so +wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte +Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.« + +»Aber was denn, Kind?« + +»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß +die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das +Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte +Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater +erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch +mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über +Schmargendorf donnert.« + +»Wohl möglich.« + +»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr +die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General, +dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da +kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen +wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das +Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon +weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem +Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch +und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie +nachschlugen, da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten in Ehren halten +und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die +Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen +Pfeiler.« + +»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich +vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt, +»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.« +Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab, +und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem +Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu. + +Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte. + +»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine +Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im +›Nathan,‹ aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich +behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen +haben. Hab ich Recht?« + +»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr +Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen +wäre. + +»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah +ihn zutraulich und doch verlegen an. + +»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder +vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen +Namen: Achim von Haake.« + +»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?« + +»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen, +daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren +vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage +zurückreichen. So viel ist glaubhaft.« + +»Ich höre so gern von diesem Orden.« + +»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten +heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und +interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst, +Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber +groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu +geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld +voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal +aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem +Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden, +all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem +wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn +tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich +überwältigt seine Größe.« + +Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen, +einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein +mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's +vermocht als Templer zu leben und zu sterben?« + +»Ja.« + +»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die +Supra-Weste der Gensdarmes.« + +»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir, +es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.« + +»Um es zu halten?« + +Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter +werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem +Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen +des ›=Schönen=‹ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus +Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer +selbstisch ist, ist undankbar und treulos.« + +Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so +sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn= +gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu +d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und +doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden +war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus +gesprochen worden. + +Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach +hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide +versäumt hatten, zu warten. + +Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte +=diese= bis an das Gasthaus zurück. + +Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den +Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war +das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen +Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte. + +Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und +man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl +geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach +Nordwesten hin umgesprungen war. + +Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu +fahren.« + +Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während +jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte, +ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück. + +Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe +gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren +Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor. + + + + +Fünftes Kapitel. + +Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt. + + +Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._ + +Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob +ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die +mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der +Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen +Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig +vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist. +Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du +sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich +bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten +wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten +und Toiletten vergißt. + +Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein +Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert +Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat +könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann +immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und +davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich +sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen +bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien +und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du +mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer +neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen +Augenblick versagt geblieben ist. + +Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach +all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester +Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir +gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir +(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß +gehabt haben. + +Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte, +nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte, +weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in +unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie, +beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht +nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit +eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser +im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend +oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während +des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au +fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten +Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und +wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was +Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied +der Meinungen. + +Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow +anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser +Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn +schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht +fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn. +Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern +lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben +sollen, von denen man es am wenigsten begreift. + +Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon +zu erzählen. + +Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem +Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war +arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine +Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte. +Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als +das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort +und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das +rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht, +jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir +in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben, +und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und +führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir +ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der +Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir +wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete +auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das +Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute +versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte +mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit +=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner +Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm +unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein +spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er +ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor +niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches +Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht, +so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte +mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß +ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit +unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß +Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir +scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet +Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein +anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret, +imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir +=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so +würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm +hinein zu finden. + +Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich +meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die +beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich +empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm +dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei +fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt, +ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern +hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho +Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst, +und ich find es nicht übel. + +Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit +unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur. +Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen, +die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes +ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist +aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. +Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und +wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und +Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den +Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen +Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen +beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen, +und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen, +schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette. +Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren +Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama +grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz, +vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz= +Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte +=Victoire=. + + + + +Sechstes Kapitel. + +Bei Prinz Louis. + + +An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette +von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße +gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis. + +Es lautete: + +»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und +dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der +Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach +ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer +Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter +Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem +Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im +Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.« + +Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und +Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am +rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die +Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens. +Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit +Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf +einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und +Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich +entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als +genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt +zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von +dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren +(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu +diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein +Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales +befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der +Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch, +auf die Bäume des Thiergartens. + +»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich +arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als +Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. ›_A la guerre, comme à la +guerre._‹ Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt, +respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde. +Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr +guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.« + +»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.« + +»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur +von jenem ›_laisser passer_,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller +gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie +Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß +Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.« + +»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die +Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen +aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas +Kluges?« + +»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig +ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige +thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er +will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. ›_Ah, ces Prussiens_‹ hieß +es, ›_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_‹. Da haben +Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von +einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so +müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns +Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein +Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der +Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.« + +»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers +ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und +versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten +lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den +uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und +mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben +freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit +überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von +jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.« + +»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm +außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er +eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater +war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben +diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch +noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei: +›_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_‹ oder ›_l'hirondelle =rase= +la surface des eaux_?‹ Und was antwortet er? ›Ich sehe keinen +Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater +und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.‹ In diesem Bonmot haben Sie +den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen +offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen +kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.« + +»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum +Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit +den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut, +denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen +das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften? +Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs +des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem +Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In +sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es; +aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen +können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und +wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. +Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. ›Er blies, und die Armada +zerstob in alle vier Winde.‹ _Afflavit Deus et dissipati sunt._« + +»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung +verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über +die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der +die Armada zerblies.« + +»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes +im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner +Armee steht?« + +»Ich hoffe, ja.« + +»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die ›propreste Armee‹, das ist +alles. Aber mit der ›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern +sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald +ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre +Leute‹ hieß es. ›Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber +beißen=‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter +und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und +Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit +und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. +Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche +Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen +Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die +erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den +Beinen gewonnen worden.« + +»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur, +lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für +allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in +der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er +selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille +sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der Feind wird marschiren und unsre Flanke +zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige +preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn +schlagen und vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht. Es ist +unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch +schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.« + +Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles +peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und +sagte: »Widerlegen Sie mich.« + +»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte +genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage +›was thut hier die =Mittelmäßigkeit=‹ in vorausberechnender Weise nicht +blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie +zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste +Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und +unverfälschten Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹, die gerade klug +genug sind, um von der Lust ›es auch einmal mit etwas Geistreichem zu +probiren‹, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am +leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode +mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte +der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in +dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in +jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, +die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.« + +»Ein Beispiel.« + +»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich +ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel +gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie +fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem +Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere +der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit +Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis +barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die +morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das +Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster +Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er +plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit +in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: ›In meinem +Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt +›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser +›Kobold und Teufelsküster‹ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies +Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe: +Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund +seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich +selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf +ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.« + +»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das +seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die +Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden +war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein +Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und +eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der +Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in +enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.« + +Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des +unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen +allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen +unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum +»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine +kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach, +als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als +ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens +sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und +dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die +jetzt sicherlich mitsprechen. ›Man soll seinem Feinde goldene Brücken +bauen‹, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein +Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt +schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt +man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die +Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen +Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und +erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus +dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene russische Muth einen vollen +Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei=‹.« + +Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz +trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm +zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde‹ +bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese +Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht +haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können. +Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.« + +»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und +doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?« + +»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner +Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt +ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das +überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der, +trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen +wird, behauptet geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die besten Menschen +die schlechteste Reputation haben müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte +Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn +den ›guten Friedrich‹ genannt hätte.« + +»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das +ist mir aus der Seele gesprochen.« + +Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow +in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind +solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis +an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen +war auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel haben solche +Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht +es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit +oder ohne Schlange.« + +»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch +Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.« + +»Wenigstens annähernd.« + +»Da wär ich doch neugierig.« + +»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers +in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun, +anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines +Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in +die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine +halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah +unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus +der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht +gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben +so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und +_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich +fünftens ›_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_‹. Wobei wohl +jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›_vrai +sentiment_‹ kennen zu lernen.« + + + + +Siebentes Kapitel. + +Ein neuer Gast. + + +All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der +denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté +céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor +her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm +wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren +erscheinen und gleich danach eintreten sah. + +»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard +que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an +Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen +zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine +Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti, +Montefiascone, Tokayer.« + +»Irgend einen Ungar.« + +»Herben?« + +Dussek lächelte. + +»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter +guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben, +die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch +=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹ +selten eine Antwort schuldig.« + +»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der, +nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte. + +»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?« + +»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, ›die +ganze Stadt‹, so mein ich das Theater.« + +»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun +weiter.« + +»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und +Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem +Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das= +also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche +Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen ›_belles lettres et +beaux arts_.‹ Eine ›Huldigung der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber +eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.« + +»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber +da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der +Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist, +Thatsachen. Um was handelt es sich?« + +»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war, +=nicht= erhalten.« + +Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: +»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._« + +Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der +Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen, +Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen +wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum +überhaupt.« + +Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht, +lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?« + +»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche +Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir +freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden +mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an, +und die ›Weihe der Kraft‹, für deren Aufführung der Hof sich +interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit +geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es +energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch= +gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine +Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an +dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von +der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber +im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹« + +»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?« + +»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören. +Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das +Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger +Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild +sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein +oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache +vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an +diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen. +Neue Zeit und alte Vorurtheile.« + +»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß +Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das +das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und +stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen +neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und +eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit +schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das +Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen +alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer +Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden +ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung +einer wahren Epidemie ....« + +»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs +Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig +an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten +nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung +von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr +immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24 +Klassen wie das Linnésche System.« + +Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es +müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie +beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form +der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt +kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle +Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der, +wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres Thuns und Trachtens +durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt, +während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins +Schubfach und schrie: ›Da liege, bis du =schwarz= wirst.‹ Eine +Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.« + +»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen +gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe +den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,‹ gefällt mir +noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat. +Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu +wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral +Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter +aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof +von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir empfingen dieses +Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es, +nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der, +heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und +Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu +freuen versteht.« + +»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,« +erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, +lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel +nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.« + +Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick +einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der +Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf, +und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den +Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise, +deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen +worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, +flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt, +flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben +ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in +das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung +angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man +Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder +nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des +Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel +zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die +jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die +Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen. + +Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber +sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht +stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit +Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten +Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe. +Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau +von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach +begleitet.« + +»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt +öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von +beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt +sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich, +mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des +schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller +Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung +erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage, +›voll erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und +zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als +auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf +Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und +dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein +Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber +gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß +Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten +Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein +Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber +Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts +für ungut; er ist Ihr Freund.« + +»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick +bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei +dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus +einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen +Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer +Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die +Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt +alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.« + +»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz, +»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können. +_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen, +die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn +mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine +Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir +das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von +jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie +zerbrechen nie. ›_Comme un ange_‹, sagte der alte Graf Neale, der neben +mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach +als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die +Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.« + +»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder +erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig +angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den +Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser +Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur +Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen +Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage +wiederherzustellen scheint.« + +»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander. + +Alles lachte. + +»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone, +während er sich ironisch gegen Sander verbeugte. + +Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft +Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken +wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der +allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern, +die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter +unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich +persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will +also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_ +schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.« + +»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es +bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der +_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein +hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein +Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber +als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch, +Alvensleben?« + +Alvensleben bestätigte. + +Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen +liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer +lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich +wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie +fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei +vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten +Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr +gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig +rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit +erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese +hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage +weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind +auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage +den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.« + +Nostitz und Sander lächelten und nickten. + +»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ›was ist Schönheit?‹ +Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen +verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug +bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen +und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei +Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die +häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet, +=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch +liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die +Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine +schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und +nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel +tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die +lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie +kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und +nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté +du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener +Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit +höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon +als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten +Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar +Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon +bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und +unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine +Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her +gebührt. Das paradoxe ›_le laid c'est le beau_‹ hat seine vollkommne +Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem +anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre +meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir +zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale +captivirt zu sein.« + +Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen +Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die +Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber +Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen, +und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch +wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die +Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen. +Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von +Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie +Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.« + +Beide verneigten sich. + +»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es +persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen +einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten +geistigen Austausches entgegen.« + +Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden, +würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem +Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies +mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben +Lichte stehenden Horizont. + +Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen +flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen +standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die +Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß. + +Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war +der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah, +vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen +schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend +was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die +Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und +verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und +die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das +Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit. +Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und +reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte. + +»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der +Sinumbralampe.« + +»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek. + +»Und warum?« + +»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und ›_sine umbra_‹.« + +Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum +Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in +Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind +weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter +Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen +scheinen.« + +Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl +durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung, +und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war. +Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er +seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden +wolle. + +Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen, +deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war. + + + + +Achtes Kapitel. + +Schach und Victoire. + + +Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde, +der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um +auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht +davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die +gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit +heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte, +daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit +beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten +wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging, +immer noch die friedericianische war. + +In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war, +entgegen. + +Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der +Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom +Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten +sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren +Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die +Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den +heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war. +Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke, +früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und +zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein +stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während +von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde +flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld +beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten +englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete. + +Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange +vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten +Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre +Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps, +Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker +werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und +klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings +wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel +begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem +mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die +Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße +Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke +sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen +Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten +Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die +Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.« + + * * * * * + +Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb +in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr, +ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr +als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von +wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau, +Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer +Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen +mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu +lärmenden Demonstrationen geeignet war. + +Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen +Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den +sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke +nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich, +als sie von der Revue wieder zurückgekommen war. + +Es war ein Brief von Lisette. + +Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie +schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt +wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß, +mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben +schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du +Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber +lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen, +ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama +nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch +andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne +Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht +kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire, +hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen +wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich +ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die +durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen +Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall +überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder +Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen +lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das Ritterliche‹, +fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben +Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer +Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein +würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von +Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei +gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der +Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir +leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist +gleichgiltig.« + +Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich +leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie +großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.« + +Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen. + +In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein +zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten +es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine +Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den +Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu +thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten. + +»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.« + +»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein +prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch +ziemlich scharf ....« + +»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade +heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der +Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese +Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich +zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich +Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was +Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus +Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.« + +»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange, +nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer +Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn +Alvensleben schon gesprochen haben sollte.« + +»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama +für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.« + +»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an +Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim +Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom +Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen, +was vielleicht eine That war.« + +»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.« + +»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens +in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.« + +»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das +Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer +Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.« + +»Ich wüßte keine liebere Strafe.« + +»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....« + +»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie +Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine +Einladung überbringen.« + +»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen +werden.« + +»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire, +dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger +Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte +darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder, +wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem +Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler +Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend +zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein +Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos, +sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste +ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?« + +»Ja.« + +»Und ....« + +»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als +sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu +kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber +Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir +uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern +aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels +hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die +Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft, +ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist +ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.« + +»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?« + +»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt: +›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der +Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu +haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten +vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und +Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man +mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine +Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.« + +Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über +sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder +Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein +aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer +trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten +Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte: +»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band +Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem +Dichter.« + +»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr= +interessirt.« + +»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?« + +»Mirabeau.« + +»Und warum =mehr=?« + +»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer +unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein +spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das +schöne Kind,‹ hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin, +hin wie .... wie ....« + +»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.« + +»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und +Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire +=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt +schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es +Wunderhold.« + +Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit +klang vor. + +»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen +nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, -- +=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von +Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist +das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn +durchleuchtet und verklärt.« + +Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost +schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre +Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen. + +»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst, +und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben +sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie, +fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und +Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich +demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für +allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja +Wunderhold!« + +Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es +sich in Trotz zu waffnen suchte. + +Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung. + + * * * * * + +Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire, +die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans +Fenster und sah auf die Straße. + +»Was erregt Dich?« + +»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.« + +»Du hörst zu fein.« + +Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen +der Frau von Carayon vor. + +»Verlassen Sie mich .... Bitte.« + +»Bis auf morgen.« + +Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von +Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer +und Korridor. + +Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs +her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das +Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die +Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften, +und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete. + +Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama. + +»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!« + +Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es +in ihm. »Das alte Lied.« + +Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen +Victoire. + +Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und +geräuschlos die Treppe hinunter. + + + + +Neuntes Kapitel. + +Schach zieht sich zurück. + + +»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht. +Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's +zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens +Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte. +»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen +hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. +Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich +den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und +entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn +fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine +Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit +Blut. + +Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher +in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem +Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr +gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und +Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die +Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und +übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von +widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich +glücklichen und bangen Thränen auszuweinen. + +Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben +werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die +Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form, +denn er wußte, daß es so sein werde. + +Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber +und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er +kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von +Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen, +den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte, +war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen +wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem +Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück. + +Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut, +Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er +hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen +Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit +eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der +Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser +sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu +haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er +sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer +Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber +nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch +dem Stücke zu. + +»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon. + +»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden +spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine +Strapaze.« + +»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein +Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit +erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das +Stück.« + +»Es hat mich =nicht= befriedigt.« + +»Und warum nicht?« + +»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei +Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin +zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede +Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist +Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah +kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde +beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit +Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in +Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der +Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein +allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von +Anfang bis Ende.« + +»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?« + +»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für +Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine +war.« + +Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und +über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich +überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem +angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von +Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen +Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß +Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder +am Klavier begleiten durfte. + +All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang, +so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß +es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm +unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er +ging. + +Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von +dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und +so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie +mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war, +blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern. + +»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?« + +»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer +gereinigten Kürche.« + +»Welchen meinst Du, liebe Tante?« + +»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.« + +Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte, +dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also +z. B. in der Lehre vom Abendmahl.« + +»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne +Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre +_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=, +mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.« + +»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von +Carayon. + +»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort, +»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die +Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens +viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber +nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht +so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel +weiß ich auch.« + +Frau von Carayon lachte herzlich. + +»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich +ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und +den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll +auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es +habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.« + + + + +Zehntes Kapitel. + +»Es muß etwas geschehn.« + + +Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht +auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war, +war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause +Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des +Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich +mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten +abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß +Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe. + +Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher +sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte +sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz +spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog. +Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den +gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie +träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger +unglücklich. + +Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage +beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon +ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider= +einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin +an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von +Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte +spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und +Uebermuth. + +Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des +Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu +besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter +den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte, +kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung, +und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von +seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische +Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein +ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas +geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der +»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von +vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch +auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine +=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger +Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte. + +Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren, +waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen: +Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler, +Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und +nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines, +häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft +mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die +Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen +Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach +fehlte. + +»Wer präsidirt?« fragte Klitzing. + +»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der +kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.« + +»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch +Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz. +Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang. + +»Rede halten: Assemblée nationale ....« + +Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem +ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch. + +»_Silentium, Silentium._« + +»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem +Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht +nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton= +gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas +geschehn!=« + +»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.« + +»Und neu geweiht durch die ›Weihe der Kraft‹, haben wir, dem alten +Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu +bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen. +Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet, +der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen +und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem +Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge +der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde +sich.« + +Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten. + +»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.« + +Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne +wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.« + +Alle sahen einander an, Einige lachten. + +»Im Juli?« + +»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und +über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste +Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges +bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte, +während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel +oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem +Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.« + +Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich +durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und +beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten +Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also +Schlittenfahrt. Angenommen?« + +»Ja, ja.« + +»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?« + +»Schach.« + +»Er wird ablehnen.« + +»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als +einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie +kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich +eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und +sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen. +Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen +Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu +sein.« + +Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter +eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben. + +»Ah, _lupus in fabula_.« + +»Von Schach?« + +»Ja!« + +»Lesen, lesen!« + +Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz, +bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden +Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig, +auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und +war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt +worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und +diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein +Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und +so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder +wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für +einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in +eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch +nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber +durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und +jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin +nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr +Schach.« + +»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche +Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten +ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er +will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in +diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich +bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum +Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts +übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.« + +Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das +Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht +mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus +_Lutheri_ im Leibe.« + +Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er +das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz +wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich, +zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut +oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen +wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll, +ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in +falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz +aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche +lassen oder es fällt alles in den Brunnen.« + +Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine +kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb +von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich +für die Lutherrolle zu melden. + +Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn +Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg +den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe, +die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial +eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet +fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf +seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine +Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem +noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt, +alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß +Nostitz die Sitzung. + +In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's +regnet?« + +»Es darf nicht regnen.« + +»Und was wird aus dem Salz?« + +»_C'est pour les domestiques._« + +»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet. + + + + +Elftes Kapitel. + +Die Schlittenfahrt. + + +Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen. +Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der +Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem +jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern +Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit +hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst +die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach +noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und +so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und +Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein. + +In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen +Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend +prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter +vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem +Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu, +jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die +Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das +ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile. + +Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das +Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage +fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand, +erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des +Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im +Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit +Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande +war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend +und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß +Victoire sie fand. + +»Um Gotteswillen, Mama, was ist?« + +Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade +zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu +bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon +hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr +im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und +was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze, +johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf +Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als +Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und +auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt +erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte +sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es? +Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war +doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er +gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne +Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel. +Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das +Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang +von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und +=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und +gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von +allem, an Liebe geglaubt hatte! + +»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und +wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen +konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der +Schwelle des Balkons nieder. + +Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das +Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen +wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und +als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen +wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie +der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken. +»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals +hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser +Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns +zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch .... +O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!« + +Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu. +Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an +dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische +Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht +wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an +der Decke zeigte. + +Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In +Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und +einer Aussprache mit dem geliebten Kinde. + +»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr. +Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist +denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich +weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es +ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen +schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre +Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.« + +Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von +Thränen entquoll ihrem Auge. + +»Beste Mutter!« + +Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles. + + + + +Zwölftes Kapitel. + +Schach bei Frau von Carayon. + + +Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und +sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen +ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen, +Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art +aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und +einer untadligen Gesinnung.« + +In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der +alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.« + +Frau von Carayon nickte zustimmend. + +»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire. + +»Weil Du's geträumt?« + +»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit +weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er +erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine +Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer +intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung +des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt. +Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie +sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.« + +Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut, +viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die +Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer +wartete. + +Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand +zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen +verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf +einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein +Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz. + +»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in +Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen +gefunden hat oder nicht.« + +»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend, +und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.« + +»Ein Gefühl, das ich theile.« + +»So waren Sie nicht mit von der Partie?« + +»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu +müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure +Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und +seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch +heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut +mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?« + +»Zu Bett.« + +»Ich hoffe nichts Ernstliches.« + +»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem +sie gestern Abend befallen wurde.« + +»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem +Herzen.« + +»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem +Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die +Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß +an, ein Geheimniß, das Sie kennen.« + +Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen. + +»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine +Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah: +»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen +oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten +verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in +der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen +Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern +verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?« + +Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre +Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: +»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch +von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten, +daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das +Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens. +Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie +mich, wenn Sie können.« + +Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung +zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte. + +»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil +preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung +oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine= +(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder +heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt +der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.« + +Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu. +»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen +habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu +verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für +eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben= +Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will +sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück +ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in +einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie +lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so +bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu +willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich +erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen, +und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten +Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu +bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen +oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um +Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des +Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen +zu sagen hatte.« + +Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu +sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben +seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich +nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher +bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon +jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den +Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen +langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine +gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er +sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen +Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter, +das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen +Glücks.« + +All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich +auch mit einer bemerkenswerthen Kühle. + +Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen, +sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war +weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg, +erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr +von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine +Person richtete. Daß Ihr ›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte +klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel, +mir genügt das ›Ja‹. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer +Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in +gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren +Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein +wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante +Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind +dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in +Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen +=mußte=.« + +Schach schwieg. + +»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden +wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die +Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.« + +Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach +in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen +gesprochen worden wäre. + + + + +Dreizehntes Kapitel. + +»_Le choix du Schach._« + + +In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging +alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden +konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags +an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth +schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst, +Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen +einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem +er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen +gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied +absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und +Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß +einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein, +und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese +letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten, +ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die +verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie +genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.« + +Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm +unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte. +Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich, +lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts +Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach, +aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder +hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer +bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück +ihrer Tochter sei. + +Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war +ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in +seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem +zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem +Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck +gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue +gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren +bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit +mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken +beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in +seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des +Prinzen, ich schwärme nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren +nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und +wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so +bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und +Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten +›Land-Ehe‹, die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem +wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich +quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe +Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue. +Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern= +Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit +demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt, +vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich +erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er +mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: ›wie mir's +gehe?‹ Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, was doch drei +Jahr aus einem Menschen machen können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht +werden es dreißig.« + +Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer +Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des +Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ +ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ Ich +entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde? +=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf. +Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich +will sie tragen.« + +Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons. + +Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem +Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten +Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß +auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau +von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach +zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach +drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das +junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines +Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire +nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren +Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und +freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht +gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und +konnte jeden Augenblick bezogen werden. + +Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag +über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die +vorausgegangen war. + +Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit +seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte +daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und +kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der +geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil +ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er +dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die +Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und +espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten +und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und +vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch +leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am +Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, +die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath +bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des +Lächerlichen =nicht= gescheitert. + +Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben. + +Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht +um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen +Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für +ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem +Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam +es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß +es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und +nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit +der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort, +ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und +empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff +und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein +erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der +persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an +der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des +Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm +Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der +persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in +allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend +anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe, +wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit +aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger +als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der +Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur +zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst +ein Genüge zu thun. + +Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es +war ihm, als würd er vom Schlage getroffen. + +Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder +vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht +abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. +Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe +wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache. + +Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine +gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die +Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um +hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden +aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte +nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene. +Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des +einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten, +als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich +großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen +stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen +»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge +herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem +Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig +normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben. + +Also eine Verschwörung. + +Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und +kehrte in seine Wohnung zurück. + +Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben +erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen +Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen, +schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge +nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen. +Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach +von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber +der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu +werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an +ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr +B.« + +Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte, +setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem +Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier, +fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich +mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand +zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren +drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir +erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles +gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine +Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz +R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und +stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird +mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen +sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es +nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig +hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen +beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde +schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich +Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen +Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das +Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht +verfehlen, und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. _Tout à vous. S._« + +In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow +ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen. +Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die +beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem +Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die +Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden, +trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß +es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter +zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen, +ohne dabei das Richtige zu treffen. + +Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel +blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische +=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von +ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale +nimmt. + +Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von +Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein +Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel +und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß +Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der +persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und +eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.« + +Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht. +Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm +auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde. + +So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen, +seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin +verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er +all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben. + + + + +Vierzehntes Kapitel. + +In Wuthenow am See. + + +Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen +entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See +nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den +Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den +Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute +Brüllen einer Kuh. + +Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg +ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte. +Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren +Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein +alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage +durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene +Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige, +nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen +allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter +dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach +hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der +Schönheit des Bildes. + +Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem +flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem +danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben +Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus +seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der +Holzwandung umherschrammte. + +»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend, +begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf +die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen. + +Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach +stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen +der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es +lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb +verschlafene Stimme: »Wat is?« + +»Ich, Krist.« + +»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.« + +»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.« + +Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während +er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.« + +Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer, +während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en +beten.« + +Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und +hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig, +ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar +Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel +zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes +Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor +manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den +durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen +jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste +Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht +hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen. + +»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns +Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers +ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' +koam' künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' wat.‹ Awers as +de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se, +›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹« + +»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während +der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins +Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.« + +Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen +mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte +verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige +Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und +Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon +führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin +von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient +hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als +Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet +hatte, trat man ein. + +Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem +Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den +Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit +nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter +nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die +seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der +verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die +Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von +jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den +alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den +Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der +Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür +zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der +Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und +Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz. +In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine +stickige Schwüle. + +»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die +da.« + +»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?« + +»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.« + +»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih! +Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi. +›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn ümmer, ›ick gloob de Huut geit em +runner‹. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte: +›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹« + +Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff +er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer, +der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das +sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten +herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das +Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von +guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als +er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er +gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen +Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten +Gruft der Familie standen. + +Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha. +»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält +er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es +brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun +gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht +wegtragen.« + +»Ih, se wihren doch nich ....« + +Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor +hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von +außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und +bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn. + +Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz, +empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und +kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein +unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts +helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück. +Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die +mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten, +hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur +über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen +Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich +überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren, +die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben +stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten. + +Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um +die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und +Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu +verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An +Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster +und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten. + +Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene +Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in +meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei +Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen. +Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte, +trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners +zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war, +war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger +Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines +wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch +erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer +volleren Zügen einsog. + +Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er +einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen +hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit +guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht +schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine +Viertelstunde vergangen. + +Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge +zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an +den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die +Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt +ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum +in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu +Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren +standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale +vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern +oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute +sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die +dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen +ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf +und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei +schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein, +es war erst zwei. + +Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter +fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des +Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun +sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und +Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur +ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese +stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal, +vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß +ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er +murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus! + +Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse +herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf +diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine +höchste Wonne gewesen. + +»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu, +der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends +schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg, +an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang +benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen +Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache +Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem +Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die +Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu +zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so +seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben +würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder +einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und +Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des +Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war +er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und +die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst +spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt +ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins +Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln +begann. + +Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er +schlief ein. + +Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die +Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er +nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft +ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle +zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete. + +Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower +Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im +Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See +warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die +Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach +vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl, +denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei +minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit +und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht. +Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so +sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in +einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen +Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte +deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen +Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je +comprends._« + +Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz +vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und +bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder +gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich +neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam. +Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette +fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse +hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter +Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste +Grünfutter zu bringen. + +»Tag, Mutter Kreepschen.« + +Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten +jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall +gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören +sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu +sehn. + +»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?« + +»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.« + +»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?« + +»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen. +Und der eine Fensterflügel war auf.« + +»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch +jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet +nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un +nich en Oog to.« + +»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und +ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr +mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.« + +»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst. +Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks; +man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie +schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp +hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch. +Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se +denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de +Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih. +Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl. +Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in. +Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un +ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.« + +Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles +darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher +Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum +herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die +Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte +den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu +freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei +kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs +darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_« +unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei +dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran, +während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand. +Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in +dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und +seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer, +und der Wagen hatte stille Tage. + +Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet +wurde »daß drüben alles klar sei.« + +Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager +so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und +ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und +Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller +Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später +erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen +Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner +Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf. + +»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.« + +»Justement sieben, junge Herr.« + +»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.« + +»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et +anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um +twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den +dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um +achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen +Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und +dat's ümmer um seb'n.« + +»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?« + +»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll +Bienengräber.« + +»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.« + +»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un +nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.« + +»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben +immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen +und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat, +mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen, +dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich +nicht aufpaßte.« + +»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.« + +Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und +versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen. + +Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln +schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über +seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür +zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die +Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes +fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen +Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit +Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt. + +Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es +läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter, +um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte +Bienengräber zu sagen habe.« + +Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung +heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war, +wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für +manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem +Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles +sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort +wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so +doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in +diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese +Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich +nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.« + +Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines +Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf. + +Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und +=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte. + +Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die +Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden +umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle +trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war +der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier +war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment +Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine +Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und +zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die +Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter. + +Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in +die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die +Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären +es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und +Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied +macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und +dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die +Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig +und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und +dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber +vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt +in einem fort: ›Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und meine +Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und +endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ an +der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹ heißt. Ein sonderbares +Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen, +malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht +fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und +zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine +Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie den +=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.‹ Oder soll ich +ihm geradezu sagen: ›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!« + + + + +Fünfzehntes Kapitel. + +Die Schachs und die Carayons. + + +Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts +von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien +Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im +Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja +Karrikatüren erschienen sein?« + +Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen +zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire +fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren, +liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den +Gesprächsgegenstand fallen. + +Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott- +und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung +brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso +gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von +Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten +konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die +ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde +sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber +ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne +jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte +sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick +an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen +»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und +unschmeichelhaftesten Ausdrücken. + +Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend +noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich +Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft +peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und +empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit. + +»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich +freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von +Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft +blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr +Bild ein für allemal verdorben.« + +»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich +ablehnen sollte.« + +»Und weshalb?« + +»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte. +Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen +zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als +seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich +wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als +Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen‹.« + +»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.« + +»Aber nicht besser.« + +»Wer weiß.« + +»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon +einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon +hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.« + +»Seine Wuthenower Tage?« + +»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht +davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in +sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich +behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.« + +»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie +wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das +Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher +Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der +Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste +wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der +zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn +gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu +wollen. + +Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges +nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, +in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu +machen. Denn eine Flucht war es. + +Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht +oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig. + +»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird +eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du +wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr +nachgegeben hast, als recht und billig war.« + +Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen. + +»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist +eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends +überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er +will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen +oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten +verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel +besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz +Besondres in der Weltgeschichte zu halten.« + +»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs +sind doch =wirklich= eine alte Familie.« + +»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen +Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier +überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An +mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, +der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du +Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch +Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + +Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an. + +»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich +doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße +Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater +ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem +er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt +hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in +die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte +nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche +gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die +Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig +bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle +devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese= +Leute kennen!« + +»Aber, Mama ....« + +»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel +und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch +im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder +ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre +Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der +Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern +fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und +uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres +Königs gestimmt hatten.« + +Immer verwunderter folgte Victoire. + +»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von +Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich +weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen +derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von +alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an +den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine +lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen +die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und +eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an +ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie +hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, +dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und +endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause +versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die +schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen +Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn +haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn? +=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder +will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit +beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow +ist eine Lehmkathe.« + +»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern +Seite hin. Und da =find= ich es auch.« + +Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie +leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine +Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte +Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.« + +Victoire lächelte. + +»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest, +beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so +verarmt. Und auch er ....« + +Sie stockte. + +»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in +welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner +Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin, +davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen +Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu +verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain +er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er +hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir= +müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede +stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so +gewiß er =uns= demüthigen wollte.« + +Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer +zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb. + +»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein +Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für +einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine +Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre +Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner +Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in +Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für +morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese +Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh +nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige +Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu +geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht +sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse, +die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis +auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + +Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der +Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen. + +Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden. + + + + +Sechzehntes Kapitel. + +Frau von Carayon und der alte Köckritz. + + +Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die +geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte +dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen. + +Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam +hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt. +Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront +vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht +stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich +herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege, +sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem +Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig +Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem +elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen +Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des +Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch +=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben +war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen. + +Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler« +ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier +mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn +in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder +verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags +darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben +habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher +Zurückgezogenheit zu verleben gedenke. + +Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen +Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit +Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als +Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann +versagen die Nerven. + +Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser +Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau +von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war +für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später +Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So +denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich +wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden +in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und +Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen, +die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis +sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges +Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden +Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in +den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener +erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und +um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem +Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner +halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig +herausgestellt hatte. + +»Wohin befehlen, gnädige Frau?« + +»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie +möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.« + +»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt +hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder +vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige +Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab +dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre, +zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren. + +In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische +Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man +nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen +einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und +niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke +der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von +Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem +Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg +abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem +aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich +geschmückten Hause hielt. + +»Wem gehört es?« + +»Dem König.« + +»Und wie heißt es?« + +»Das Marmor-Palais.« + +»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....« + +»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine +Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und +schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles +ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo +der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹ trank, den ihm der +Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder +vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das +Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den +Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht +sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von +der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der +Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis +an die Hüften oder noch weniger.« + +Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen +bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch +nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den +Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst +umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den +Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an +der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen +Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.« + +Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu +kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange. +Selbst was sie träumte, war hell und licht. + +Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte +Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der +Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte +sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern, +aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich +bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem +Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten +von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse +der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter +Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken +Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne +weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren. + +Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von +Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und +Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die +Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein +offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang +bildete. + +Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem +ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den +Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine, +sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr +peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um +nicht vor der Zeit gesehen zu werden. + +Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und +schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil +ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben. + +»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an +einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der +schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte. + +»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?« + +»Frau von Carayon.« + +Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr +General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.« + +Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von +dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu +seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen +Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen, +entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster +Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den +Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner +Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die +wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die +meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende= +Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur +freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener +sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen. + +General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im +Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen +Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach +hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein +eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen +Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die +geringste Bewegung wahrzunehmen war. + +Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte +sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst +einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles +leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und +jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in +ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte. + +Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll +zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste +Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät +nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen +pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt +nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine +Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen, +wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber +gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch +künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern +wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene +Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die +Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen +sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen. +Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein +starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen +wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen +hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst +so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem +schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es +für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft +halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer +schlechten _moralité_ zu opfern.« + +Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon, +mon cher General._« + +»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr, +=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner +Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen +oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie +vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in +wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der +Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist +er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein +Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so +delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes +Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich +seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt) +und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen +soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt +ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden, +und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben +diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen +wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch +geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder +herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte +seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem +Könige zu melden.« + +Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal +wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park +begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In +wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht. +Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.« + +Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür +unmittelbar in den Park hinaus. + +In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war, +hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der +Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von +Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke, +darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll +tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von +Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu +vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte +der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen. + +Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte. +Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte +bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in +deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf +einer Steinbank saß. + +Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr +ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie +niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr +aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl +bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...« + +Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm +entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen +Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter, +und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= +fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth .... +Und nun sprechen Sie.« + + + + +Siebzehntes Kapitel. + +Schach in Charlottenburg. + + +Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und +schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines +ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach +Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm +seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee, +links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht +von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem +Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu +versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen +erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters +ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß, +selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben. + +Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die +Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter +begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs +Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und +ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren +Sommerhäusern und Vorgärten ein. + +Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte +sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem +Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte, +bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz +den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach +Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten +Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen +schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen +Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I. +paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der +ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte. + +Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar +Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach +zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon; +fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir +verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken +bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau, +die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.« + +Schach verneigte sich. + +»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen +sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden, +findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache, +geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die= +verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath +mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen +und den Dienst quittiren wollen.« + +Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das +Schmerzlichste sein würde. + +»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß +geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die +Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die +Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben. +Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung +machen.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn; +Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank +Ihnen.« + +Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor +hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene +große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte. + +Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er +denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer +Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn +einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von +der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem +Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen +entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die +militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige +Schritte zurück. + +»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.« + +»Zu Befehl, Ew. Majestät.« + +»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten +lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber +verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und +es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil +ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser +Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question +d'amour_.« + +»Majestät sind so gnädig.« + +»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der +König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen +hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz +eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme +mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde +diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht. +Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit +als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich, +belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt +worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und +Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus +allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige +Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch +verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei, +Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf +=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.« + +Schach schwieg. + +»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort, +»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen +nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so +versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung +gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins +Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum +etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung +dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt +erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden +doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein +geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen +Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun +eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine +Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so +lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart +ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer +Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen +lassen. Und nun Gott befohlen.« + +Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte; +Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah, +sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine +schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten. + +Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz +Baarsch folgte. + +Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn +nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt +worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein +Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu +machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle +seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig +entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon +in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum +Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich +in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor +sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von +heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum +ersten Male wieder leicht und frei. + +Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte +Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese +Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel +fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte: +»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?« + +»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig +sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.« + +»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe, +Baarsch?« + +»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!« + +»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?« + +»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....« + +»Wie das?« + +»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch= +nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.« + +»Aber woher wußtet Ihr denn davon?« + +»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die +Bilders kamen ....« + +»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der +Wette? Hoch?« + +»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor +jed' een.« + +»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die +Wette bezahlen.« + +Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les +pots cassés_.« + + + + +Achtzehntes Kapitel. + +Fata Morgana + + +Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb +er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen +Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein +Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn +heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin +ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche +Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon +gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich +beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese +neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die +länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine +Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er +hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu +zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch +und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit +auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.« + +Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon +vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet. +Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu +begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr +Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch +=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen, +sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht +zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen +in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt +zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese +Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt, +jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen +gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder +einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene +Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie +dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen +und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft. + +Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie +ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth +auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte +vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles +was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war +doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo +Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit +einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den +Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach +bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle +geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen. + +Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire. +Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er +trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der +Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah +und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel, +er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten +Thränen das Auge der Mutter. + +Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach, +der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen +Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die +nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur +wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese +Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre +langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath +Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte +dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des +herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse +nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn +die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie +persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt -- +werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen +Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer +Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen +Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über +Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam +und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine +Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur +Seufzerbrücke erhoben werde. + +So ging das Geplauder, und so verging der Besuch. + +Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an +dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen +Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt +täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme +balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war. + +Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als +sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück +unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu +zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er +mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren +zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse, +daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden +würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei +dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung +gehabt, sich überraschen zu lassen.« + +Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante +Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um +so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der +Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau +von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und +Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig +fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach. +Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei +oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.« +Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber +auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze +Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in +Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo +die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber +ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig +wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und +während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne +sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme +säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand, +und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze +geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter +sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese +Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel! + +Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner +Schilderung. + +Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer +Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=. + + + + +Neunzehntes Kapitel. + +Die Hochzeit. + + +Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten +sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen +großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel +der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von +Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies +erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte +Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit +beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von +Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen +und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in +erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren +hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste +beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden, +weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei +Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war, +ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite +her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in +Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre. + +Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der +herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath +gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu +bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses, +dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und +zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen +Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich +aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den +»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich +begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der +Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an +der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich +schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid +und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen +=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen +mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt +geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte: +Tante Marguerite wünsche zu sprechen. + +Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann +ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer +anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath +hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth, +das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war, +worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde, +die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber +als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste +bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen +Paares zu trinken.« + +Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft +entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen, +was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei +kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie +hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach +Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es +wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten +Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten +hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der +Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie +das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür +auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal +etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so +glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der +ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern +gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man +doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten +Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß +die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre. + +Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ +seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu +können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons +umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare +Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen +Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich +von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante +Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von +Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die +der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt +wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so +bedeutungsvoll.« + +Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar +nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand +des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender +Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach +sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus. + +In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern +begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine +zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der +Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.« + +Und sie ging ihm dahin vorauf. + +»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz +nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen +Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten +Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch +manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter +kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns +wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde +machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie, +lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr +nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung +ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von +Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.« + +Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und +tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam +aus dem zierlichen kleinen Löffel. + +»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen +wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war +in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr +als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen +Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit +Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich +habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und +habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_ +geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die +mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.« + +Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt +sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen +gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser +Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen +wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns +ohnehin schon vermißt haben.« + +Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours +à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend +aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.« + +Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und +sagte: »Nun, was war es?« + +»Eine Liebeserklärung.« + +»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr? +Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen +Tochter geben.« + +Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben +und Nostitz ihnen gesellten. + +In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob +er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er +sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor +hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire +war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein +halber Tagesschein flimmerte. + +»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging. + +Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte +leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?« + +Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks +=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder +hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und +küßte sie. + +»Auf Wiedersehn, Mirabelle.« + +Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel +die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter. + +Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener +sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an +diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres +bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die +Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß +von unten her verspürt worden wäre. + +»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_« + +»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter +Feldwebel.« + +»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like +shooting._« + +»Schuting? Na nu.« + +»_Yes; pistol-shooting ...._« + +Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs +Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem +Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag, +ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der +Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das +Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und +jammerte: »_Heavens, he is dead._« + +Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine +Wohnung hinauf. + +Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil +er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine +diplomatische Natur wie alle Bauern. + + + + +Zwanzigstes Kapitel. + +Bülow an Sander. + + +=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander, +auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger +Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich +die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine +Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu +schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne, +was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben +und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu +vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß +mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner +symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist +durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung, +ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und +Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und +Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen +unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer +Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur +noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein +wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge +vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich +die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder +mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod. + +Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das +dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹, eine +Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja, mir sind Wucherer empfohlen und +vorgestellt worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies beständige +Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt +und die richtige Ehre todt gemacht. + +All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der, +all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war. + +Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die +Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die +Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm +Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du +diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur +zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun +wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen +Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil, +noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er +flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's +handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch +oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren +glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in +eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er +flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn +schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster +König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam +fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den +Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal +Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen +Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten, +eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der +Verzweifelten: _un peu de poudre_. + +Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem +Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand +aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten +Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem +Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer +falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist +denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie +sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand +gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese +Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur +Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten +von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und +Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil +es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft und des Hofes war, von +Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein +Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles +Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod. + +Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem +Thema ›_Hannibal ante portas_‹ Aehnliches über meine Lippen kam? Schach +tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind +noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als +etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich= +da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller +Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins +zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=. + +=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben +über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an +frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter +geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche +Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber. +Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit +hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine +Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn +außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte, +vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + + + +Einundzwanzigstes Kapitel. + +Victoire von Schach an Lisette von Perbandt. + + +=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._ + +Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus +dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich +mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine +Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet. + +Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu +warten. + +Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und +glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du +hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann. + +»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest +vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette, +wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem +bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch +nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er +sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das +Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott +herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht +die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod +gegangen. + +So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch +ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen +ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem +andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich +erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott +zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte. +Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht +so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner +eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen +Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt, +=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte +durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den= +Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir +schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der +überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns +bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter +und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner +Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen +Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons +unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war +sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die +Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir +schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_ +vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben +nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht. + +Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und +empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber +schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und +Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche= +Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, +wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder +unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von +hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei; +zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt, +innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie +dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde +diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner +persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler +anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug +genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein +prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja, +hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder +Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir +ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen +wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes +Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt, +aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien. + +Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich +zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und +vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an +mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue +diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles +Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er +wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war. + +Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein, +meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und +vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat. +Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert, +und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die +blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir +auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben +meinem Glück. -- + +Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein +Wunder ist es mir erhalten geblieben. + +Und davon muß ich Dir erzählen. + +Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer +ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der +Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten +Rundbogenbau, wo sie den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, eine +hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von +Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von +unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit, +noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den +Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar, +und der Dottore verkündigte sein ›_va bene_‹; die Wirthin aber lächelte, +wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte. + +Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon +hörte, zu all dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde mich vor der +›alten Kürche‹ warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß. + +Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll, +und kühl und schön. + +Sein Schönstes aber ist sein Name, der ›=Altar des Himmels=‹ bedeutet. +Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + + + +Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35 + + +Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die +litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf +dem Laufenden halten will, ist + +Das litterarische Echo + +Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde + +Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger= + +Dritter Jahrgang + +Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen + +Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe +aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen +Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu +erscheinenden Werken * Nachrichten + +In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner) +vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem +»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a. +heißt: + +»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel +zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu +verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes +zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der +vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine +unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen, +der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf +die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame +Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest +zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere +allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für +dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor +Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen +und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt, +zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes +vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und +die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß +unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe, +eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten, +will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses +Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges +Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen +werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft +an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. -- +Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor +allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres +Volkes, findet« u. s. w. + +Preis vierteljährlich Mark 3.-- + +Probenummern kostenfrei + +Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter + + + + +Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9. + +Werke von Theodor Fontane. + + +Gedichte. + +Sechste Auflage. + +=Mit einem Bildniß.= + +8o. 462 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Vor dem Sturm. + +Roman aus dem Winter +1812 auf 1813. + +Dritte, wohlfeile Volksausgabe in +1 Bande, 8o. 773 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Quitt. + +Roman. + +8o. 338 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in +Leinw. 6 M.~ + + +Grete Minde. + +Nach einer altmärkischen Chronik. + +Zweite Auflage. + +kl. 8o. 154 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Unwiederbringlich. + +Roman. + +Dritte Auflage. + +8o. 343 Seiten. + +~Preis brosch. 4 M., geb. in +Leinw. 5 M.~ + + +Ellernklipp. + +Nach einem Harzer Kirchenbuch. + +Zweite Auflage. + +8o. 190 Seiten. + +~Preis brosch. 3 M., geb. in +Leinw. 4 M.~ + + +Wanderungen durch die Mark Brandenburg. + +4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~ + +~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.) + + II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.) + + III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam, + Brandenburg. (485 S.) + + IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.) + + +Fünf Schlösser. + +Altes und Neues aus Mark Brandenburg. + +8o. 468 Seiten. + +~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~ + +=Inhalt:= +Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden. + + +Christian Friedrich Scherenberg +und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860. + +8o. 260 Seiten. + +~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~ + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche + der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche + + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz + Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz + + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der + man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der + + räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür + + Iffland ein Freimaurer.« + Iffland, ein Freimaurer.« + + Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O, + + tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein + + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange + schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange + + »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es + + Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen. + + gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie + gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie + + von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit + + ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem + + wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu + + Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während + + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du + und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du + + Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im + Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im + + Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am + + jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen, + + der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit + der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit + + ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser + ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser + + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und + so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und + + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte: + Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte: + + im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹ + im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹« + + worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man, + worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man, + + angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den + + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es + »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es + + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei + fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei + + Nostiz und Sander lächelten und nickten. + Nostitz und Sander lächelten und nickten. + + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl + Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl + + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der + heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der + + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser + Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser + + »Welchen meinst Du, liebe Tante.« + »Welchen meinst Du, liebe Tante?« + + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene + Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne + + Schlittenfahrt Angenommen?« + Schlittenfahrt. Angenommen?« + + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind + Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind + + Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag + + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen + abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen. + + Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach + Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach + + nimmt + nimmt. + + Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den + + ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹ + ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹« + + ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹ + ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹« + + Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See + + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=! + Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!« + + »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein + »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein + + auf Mittwoch! Josephine von Carayon. + auf Mittwoch! Josephine von Carayon.« + + mon chèr General._« + mon cher General._« + + und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr= + + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen ›daß Ehre‹ das + Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das + + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B. + vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.« + + überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns + überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns + + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.« + Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf. + + Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen + Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen + + Nach einer altmärkischen Chronik + Nach einer altmärkischen Chronik. + + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~ + ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~ + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW *** + +***** This file should be named 36905-0.txt or 36905-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/9/0/36905/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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