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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:06:45 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Schach von Wuthenow
+ Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+Author: Theodor Fontane
+
+Release Date: July 30, 2011 [EBook #36905]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
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+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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+Schach von Wuthenow
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+Von ~Theodor Fontane~ erschienen in gleichem Verlage:
+
+~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft.
+
+~Cécile.~ Roman.
+
+~Graf Petöfy.~ Roman.
+
+~Irrungen Wirrungen.~ Berliner Roman.
+
+~Stine.~ Berliner Sitten-Roman.
+
+~Kriegsgefangen.~ Erlebtes 1870.
+
+~Aus den Tagen der Occupation.~ Eine Osterreise.
+
+~Frau Jenny Treibel.~ Roman.
+
+~Meine Kinderjahre.~ Autobiographischer Roman.
+
+~Von vor und nach der Reise.~ Plaudereien und kleine Geschichten.
+
+~Effi Briest.~ Roman.
+
+~Die Poggenpuhls.~ Erzählung.
+
+~Von Zwanzig bis Dreissig.~ Autobiographisches.
+
+~Der Stechlin.~ Roman.
+
+~Aus England und Schottland.~ Reisebilder.
+
+
+Gesammelte Romane und Erzählungen.
+
+Ausgabe in 12 Bänden mit dem Bilde des Dichters.
+
+=Inhalt=: ~L'Adultera.~ Roman aus der Berliner Gesellschaft. --
+Ellernklipp. Nach einem Harzer Kirchenbuch. -- ~Graf Petöfy.~ Roman. --
+~Unterm Birnbaum.~ Erzählung. -- ~Schach von Wuthenow.~ Erzählung. --
+~Grete Minde.~ Nach einer altmärkischen Chronik. -- ~Vor dem Sturm.~
+Roman aus dem Winter 1812 auf 13. -- ~Irrungen Wirrungen.~ Berliner
+Roman. -- ~Stine.~ Berliner Sitten-Roman. -- ~Kriegsgefangen.~ Erlebtes
+1870.
+
+
+
+
+ Schach von Wuthenow
+
+ Erzählung
+ aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
+
+ von
+ Theodor Fontane
+
+ Vierte Auflage.
+
+ Berlin W
+ F. Fontane & Co.
+ 1901
+
+
+
+
+ Alle Rechte, vor allem das der Uebersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Im Salon der Frau von Carayon.
+
+
+In dem Salon der in der Behrenstraße wohnenden Frau von Carayon und
+ihrer Tochter Victoire waren an ihrem gewöhnlichen Empfangsabend einige
+Freunde versammelt, aber freilich wenige nur, da die große Hitze des
+Tages auch die treuesten Anhänger des Zirkels ins Freie gelockt hatte.
+Von den Offizieren des Regiments Gensdarmes, die selten an einem dieser
+Abende fehlten, war nur einer erschienen, ein Herr von Alvensleben, und
+hatte neben der schönen Frau vom Hause Platz genommen unter
+gleichzeitigem scherzhaftem Bedauern darüber, daß gerade =der= fehle,
+dem dieser Platz in Wahrheit gebühre.
+
+Beiden gegenüber, an der der Mitte des Zimmers zugekehrten Tischseite,
+saßen zwei Herren in Civil, die, seit wenig Wochen erst heimisch in
+diesem Kreise, sich nichtsdestoweniger bereits eine dominirende Stellung
+innerhalb desselben errungen hatten. Am entschiedensten der um einige
+Jahre jüngere von beiden, ein ehemaliger Stabskapitän, der, nach einem
+abenteuernden Leben in England und den Unionsstaaten in die Heimat
+zurückgekehrt, allgemein als das Haupt jener militärischen Frondeurs
+angesehen wurde, die damals die politische Meinung der Hauptstadt
+machten, beziehungsweise terrorisirten. Sein Name war von Bülow.
+Nonchalance gehörte mit zur Genialität, und so focht er denn, beide Füße
+weit vorgestreckt und die linke Hand in der Hosentasche, mit seiner
+Rechten in der Luft umher, um durch lebhafte Gestikulationen seinem
+Kathedervortrage Nachdruck zu geben. Er konnte, wie seine Freunde
+sagten, nur sprechen um Vortrag zu halten, und -- er sprach eigentlich
+immer. Der starke Herr neben ihm war der Verleger seiner Schriften, Herr
+Daniel Sander, im Uebrigen aber sein vollkommener Widerpart, wenigstens
+in allem was Erscheinung anging. Ein schwarzer Vollbart umrahmte sein
+Gesicht, das ebensoviel Behagen wie Sarkasmus ausdrückte, während ihm
+der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+sein Embonpoint zusammenschnürte. Was den Gegensatz vollendete, war die
+feinste weiße Wäsche, worin Bülow keineswegs excellirte.
+
+Das Gespräch, das eben geführt wurde, schien sich um die kurz vorher
+beendete Haugwitzsche Mission zu drehen, die, nach Bülows Ansicht, nicht
+nur ein wünschenswerthes Einvernehmen zwischen Preußen und Frankreich
+wieder hergestellt, sondern uns auch den Besitz von Hannover noch als
+»Morgengabe« mit eingetragen habe. Frau von Carayon aber bemängelte
+diese »Morgengabe«, weil man nicht gut geben oder verschenken könne, was
+man nicht habe, bei welchem Worte die bis dahin unbemerkt am Theetisch
+beschäftigt gewesene Tochter Victoire der Mutter einen zärtlichen Blick
+zuwarf, während Alvensleben der schönen Frau die Hand küßte.
+
+»Ihrer Zustimmung, lieber Alvensleben,« nahm Frau von Carayon das Wort,
+»war ich sicher. Aber sehen Sie, wie minos- und rhadamantusartig unser
+Freund Bülow dasitzt. Er brütet mal wieder Sturm, Victoire, reiche Herrn
+von Bülow von den Karlsbader Oblaten. Es ist, glaub' ich, das Einzige,
+was er von Oesterreich gelten läßt. Inzwischen unterhält uns Herr Sander
+von unsern Fortschritten in der neuen Provinz. Ich fürchte nur, daß sie
+nicht groß sind.«
+
+»Oder sagen wir lieber, gar nicht existiren,« erwiderte Sander. »Alles
+was zum welfischen Löwen oder zum springenden Roß hält, will sich nicht
+preußisch regieren lassen. Und ich verdenk es Keinem. Für die Polen
+reichten wir allenfalls aus. Aber die Hannoveraner sind feine Leute.«
+
+»Ja, das sind sie,« bestätigte Frau von Carayon, während sie gleich
+danach hinzufügte: »Vielleicht auch etwas hochmüthig.«
+
+»Etwas!« lachte Bülow. »O, meine Gnädigste, wer doch allzeit einer
+ähnlichen Milde begegnete. Glauben Sie mir, ich kenne die Hannoveraner
+seit lange, hab ihnen in meiner Altmärker-Eigenschaft so zu sagen von
+Jugend auf über den Zaun gekuckt, und darf Ihnen danach versichern, daß
+alles das, was mir England so zuwider macht, in diesem welfischen
+Stammlande doppelt anzutreffen ist. Ich gönn' ihnen deshalb die
+Zuchtruthe, die wir ihnen bringen. Unsere preußische Wirthschaft ist
+erbärmlich, und Mirabeau hatte Recht, den gepriesenen Staat Friedrichs
+des Großen mit einer Frucht zu vergleichen, die schon faul sei, bevor
+sie noch reif geworden, aber faul oder nicht, =Eines= haben wir
+wenigstens: ein Gefühl davon, daß die Welt in diesen letzten funfzehn
+Jahren einen Schritt vorwärts gemacht hat, und daß sich die großen
+Geschicke derselben nicht nothwendig zwischen Nuthe und Notte vollziehen
+müssen. In Hannover aber glaubt man immer noch an eine Spezialaufgabe
+Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+der Stagnation, eine Brutstätte der Vorurtheile. =Wir= wissen
+wenigstens, daß wir nichts taugen, und in dieser Erkenntniß ist die
+Möglichkeit der Besserung gegeben. Im Einzelnen bleiben wir hinter ihnen
+zurück, zugegeben, aber im Ganzen sind wir ihnen voraus, und darin
+steckt ein Anspruch und ein Recht, die wir geltend machen müssen. Daß
+wir, trotz Sander, in Polen eigentlich gescheitert sind, beweist nichts;
+der Staat strengte sich nicht an und hielt seine Steuereinnehmer gerade
+für gut genug, um die Kultur nach Osten zu tragen. In soweit mit Recht,
+als selbst ein Steuereinnehmer die Ordnung vertritt, wenn auch freilich
+von der unangenehmen Seite.«
+
+Victoire, die von dem Augenblick an, wo Polen mit ins Gespräch gezogen
+worden war, ihren Platz am Theetisch aufgegeben hatte, drohte jetzt zu
+dem Sprecher hinüber und sagte: »Sie müssen wissen, Herr von Bülow, daß
+ich die Polen liebe, sogar _de tout mon coeur_.« Und dabei beugte sie
+sich aus dem Schatten in den Lichtschein der Lampe vor, in dessen Helle
+man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+Mutter geglichen haben mochte, durch zahlreiche Blatternarben aber um
+seine frühere Schönheit gekommen war.
+
+Jeder mußt' es sehen, und der Einzige, der es =nicht= sah, oder, wenn er
+es sah, als absolut gleichgültig betrachtete, war Bülow. Er wiederholte
+nur: »o ja, die Polen. Es sind die besten Mazurkatänzer, und darum
+lieben Sie sie.«
+
+»Nicht doch. Ich liebe sie, weil sie ritterlich und unglücklich sind.«
+
+»Auch das. Es läßt sich dergleichen sagen. Und um dies ihr Unglück
+könnte man sie beinah beneiden, denn es trägt ihnen die Sympathien aller
+Damenherzen ein. In Fraueneroberungen haben sie, von alter Zeit her, die
+glänzendste Kriegsgeschichte.«
+
+»Und wer rettete ....«
+
+»Sie kennen meine ketzerischen Ansichten über Rettungen. Und nun gar
+Wien! Es wurde gerettet. Allerdings. Aber wozu? Meine Phantasie schwelgt
+ordentlich in der Vorstellung, eine Favoritsultanin in der Krypta der
+Kapuziner stehen zu sehen. Vielleicht da, wo jetzt Maria Theresia steht.
+Etwas vom Islam ist bei diesen Hahndel- und Fasahndelmännern immer zu
+Hause gewesen, und Europa hätt' ein bischen mehr von Serail- oder
+Haremwirthschaft ohne großen Schaden ertragen ....«
+
+Ein eintretender Diener meldete den Rittmeister von Schach, und ein
+Schimmer freudiger Ueberraschung überflog beide Damen, als der
+Angemeldete gleich darnach eintrat. Er küßte der Frau von Carayon die
+Hand, verneigte sich gegen Victoire, und begrüßte dann Alvensleben mit
+Herzlichkeit, Bülow und Sander aber mit Zurückhaltung.
+
+»Ich fürchte, Herrn von Bülow unterbrochen zu haben ....«
+
+»Ein allerdings unvermeidlicher Fall,« antwortete Sander und rückte
+seinen Stuhl zur Seite. Man lachte, Bülow selbst stimmte mit ein, und
+nur an Schachs mehr als gewöhnlicher Zurückhaltung ließ sich erkennen,
+daß er entweder unter dem Eindruck eines ihm persönlich unangenehmen
+Ereignisses oder aber einer politisch unerfreulichen Nachricht in den
+Salon eingetreten sein müsse.
+
+»Was bringen Sie, lieber Schach? Sie sind präokkupirt. Sind neue
+Stürme ....«
+
+»Nicht =das=, gnädigste Frau, nicht das. Ich komme von der Gräfin
+Haugwitz, bei der ich um so häufiger verweile, je mehr ich mich von dem
+Grafen und seiner Politik zurückziehe. Die Gräfin weiß es und billigt
+mein Benehmen. Eben begannen wir ein Gespräch, als sich draußen vor dem
+Palais eine Volksmasse zu sammeln begann, erst Hunderte, dann Tausende.
+Dabei wuchs der Lärm und zuletzt ward ein Stein geworfen und flog an dem
+Tisch vorbei, daran wir saßen. Ein Haar breit und die Gräfin wurde
+getroffen. Wovon sie aber =wirklich= getroffen wurde, das waren die
+Worte, die Verwünschungen, die heraufklangen. Endlich erschien der Graf
+selbst. Er war vollkommen gefaßt und verleugnete keinen Augenblick den
+Kavalier. Es währte jedoch lang', eh' die Straße gesäubert werden
+konnte. Sind wir bereits dahin gekommen? Emeute, Krawall. Und das im
+Lande Preußen, unter den Augen Seiner Majestät.«
+
+»Und speziell =uns= wird man für diese Geschehnisse verantwortlich
+machen,« unterbrach Alvensleben, »speziell =uns= von den Gensdarmes. Man
+weiß, daß wir diese Liebedienerei gegen Frankreich mißbilligen, von der
+wir schließlich nichts haben als gestohlene Provinzen. Alle Welt weiß,
+wie wir dazu stehen, auch bei Hofe weiß man's, und man wird nicht
+säumen, =uns= diese Zusammenrottung in die Schuh zu schieben.«
+
+»Ein Anblick für Götter,« sagte Sander. »Das Regiment Gensdarmes unter
+Anklage von Hochverrath und Krawall.«
+
+»Und nicht mit Unrecht,« fuhr Bülow in jetzt wirklicher Erregung
+dazwischen. »Nicht mit Unrecht, sag' ich. Und das witzeln Sie nicht
+fort, Sander. Warum führen die Herren, die jeden Tag klüger sein wollen,
+als der König und seine Minister, warum führen sie diese Sprache? Warum
+politisiren sie? Ob eine Truppe politisiren darf, stehe dahin, aber
+=wenn= sie politisirt, so politisire sie wenigstens richtig. Endlich
+sind wir jetzt auf dem rechten Weg, endlich stehen wir da, wo wir von
+Anfang an hätten stehen sollen, endlich hat Seine Majestät den
+Vorstellungen der Vernunft Gehör gegeben und was geschieht? Unsere
+Herren Offiziere, deren drittes Wort der König und ihre Loyalität ist,
+und denen doch immer nur wohl wird, wenn es nach Rußland und Juchten und
+recht wenig nach Freiheit riecht, unsere Herren Offiziere, sag' ich,
+gefallen sich plötzlich in einer ebenso naiven wie gefährlichen
+Oppositionslust, und fordern durch ihr keckes Thun und ihre noch
+keckeren Worte den Zorn des kaum besänftigten Imperators heraus.
+Dergleichen verpflanzt sich dann leicht auf die Gasse. Die Herren vom
+Regiment Gensdarmes werden freilich den Stein nicht selber heben, der
+schließlich bis an den Theetisch der Gräfin fliegt, aber sie sind doch
+die moralischen Urheber dieses Krawalles, =sie= haben die Stimmung dazu
+gemacht.«
+
+»Nein, diese Stimmung war da.«
+
+»Gut. Vielleicht war sie da. Aber =wenn= sie da war, so galt es, sie zu
+bekämpfen, nicht aber sie zu nähren. Nähren wir sie, so beschleunigen
+wir unsern Untergang. Der Kaiser wartet nur auf eine Gelegenheit, wir
+sind mit vielen Posten in sein Schuldbuch eingetragen, und zählt er erst
+die Summe, so sind wir verloren.«
+
+»Glaub's nicht,« antwortete Schach. »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen,
+Herr von Bülow.«
+
+»Was ich beklage.«
+
+»Ich desto weniger. Es trifft sich bequem für Sie, daß Sie mich und
+meine Kameraden über Landes- und Königstreue belehren und aufklären
+dürfen, denn die Grundsätze, zu denen Sie sich bekennen, sind momentan
+obenauf. Wir stehen jetzt nach Ihrem Wunsch und allerhöchstem Willen am
+Tische Frankreichs und lesen die Brosamen auf, die von des Kaisers
+Tische fallen. Aber auf wie lange? Der Staat Friedrichs des Großen muß
+sich wieder auf sich selbst besinnen.«
+
+»So er's nur thäte,« replizirte Bülow. »Aber das versäumt er eben. Ist
+dies Schwanken, dies immer noch halbe Stehen zu Rußland und Oesterreich,
+das uns dem Empereur entfremdet, ist das Fridericianische Politik? Ich
+frage Sie?«
+
+»Sie mißverstehen mich.«
+
+»So bitt ich, mich aus dem Mißverständniß zu reißen.«
+
+»Was ich wenigstens versuchen will .... Uebrigens =wollen= Sie mich
+mißverstehen, Herr von Bülow. Ich bekämpfe nicht das französische
+Bündniß, weil es ein Bündniß ist, auch nicht =deshalb=, weil es nach Art
+aller Bündnisse darauf aus ist, unsere Kraft zu diesem oder jenem Zweck
+zu doubliren. O, nein; wie könnt' ich? Allianzen sind Mittel, deren
+=jede= Politik bedarf; auch der große König hat sich dieser Mittel
+bedient und innerhalb dieser Mittel beständig =gewechselt=. Aber =nicht=
+gewechselt hat er in seinem Endzweck. Dieser war unverrückt: ein starkes
+und selbstständiges Preußen. Und nun frag' ich Sie, Herr von Bülow, ist
+=das=, was uns Graf Haugwitz heimgebracht hat, und was sich Ihrer
+Zustimmung so sehr erfreut, ist =das= ein starkes und selbstständiges
+Preußen? Sie haben =mich= gefragt, nun frag ich =Sie=.«
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+»Die Weihe der Kraft.«
+
+
+Bülow, dessen Züge den Ausdruck einer äußersten Ueberheblichkeit
+anzunehmen begannen, wollte repliziren, aber Frau von Carayon unterbrach
+und sagte: »Lernen wir etwas aus der Politik unserer Tage: wo nicht
+Friede sein kann, da sei wenigstens Waffenstillstand. Auch hier .... Und
+nun rathen Sie, lieber Alvensleben, wer heute hier war, uns seinen
+Besuch zu machen? Eine Berühmtheit. Und von der Rahel Lewin uns
+zugewiesen.«
+
+»Also der Prinz,« sagte Alvensleben.
+
+»O nein, berühmter oder doch wenigstens tagesberühmter. Der Prinz ist
+eine etablirte Celebrität, und Celebritäten, die zehn Jahre gedauert
+haben, sind keine mehr .... Ich will Ihnen übrigens zu Hilfe kommen, es
+geht ins Litterarische hinüber, und so möcht' ich denn auch annehmen,
+daß uns Herr Sander das Räthsel lösen wird.«
+
+»Ich will es wenigstens versuchen, gnädigste Frau, wobei mir Ihr
+Zutrauen vielleicht eine gewisse Weihekraft, oder sagen wirs lieber rund
+heraus, eine gewisse ›Weihe der Kraft‹ verleihen wird.«
+
+»O vorzüglich. Ja, Zacharias Werner war hier. Leider waren wir aus, und
+so sind wir denn um den uns zugedachten Besuch gekommen. Ich hab es sehr
+bedauert.«
+
+»Sie sollten sich umgekehrt beglückwünschen, einer Enttäuschung
+entgangen zu sein,« nahm Bülow das Wort. »Es ist selten, daß die Dichter
+der Vorstellung entsprechen, die wir uns von ihnen machen. Wir erwarten
+einen Olympier, einen Nektar- und Ambrosiamann, und sehen statt dessen
+einen Gourmand einen Putenbraten verzehren; wir erwarten Mittheilungen
+aus seiner geheimsten Zwiesprach mit den Göttern und hören ihn von
+seinem letzten Orden erzählen oder wohl gar die allergnädigsten Worte
+citiren, die Serenissimus über das jüngste Kind seiner Muse geäußert
+hat. Vielleicht auch Serenissima, was immer das denkbar Albernste
+bedeutet.«
+
+»Aber doch schließlich nichts Alberneres, als das Urtheil solcher, die
+den Vorzug haben, in einem Stall oder einer Scheune geboren zu sein,«
+sagte Schach spitz.
+
+»Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern, mein sehr verehrter Herr von Schach,
+auch auf =diesem= Gebiete widersprechen. Der Unterschied, den Sie
+bezweifeln, ist wenigstens nach =meinen= Erfahrungen thatsächlich
+vorhanden, und zwar, wie Sie mir zu wiederholen gestatten wollen, zu
+=Nicht=-Gunsten von Serenissimus. In der Welt der kleinen Leute steht
+das Urtheil an und für sich nicht höher, aber die verlegene
+Bescheidenheit, darin sich's kleidet und das stotternde
+Schlechte-Gewissen, womit es zu Tage tritt, haben allemal etwas
+Versöhnendes. Und nun spricht der Fürst! Er ist der Gesetzgeber seines
+Landes in all und jedem, in Großem und Kleinem, also natürlich auch in
+Aestheticis. Wer über Leben und Tod entscheidet, sollte der nicht auch
+über ein Gedichtchen entscheiden können? Ah, bah! Er mag sprechen was er
+will, es sind immer Tafeln direkt vom Sinai. Ich habe solche zehn Gebote
+mehr als einmal verkünden hören und weiß seitdem was es heißt: _regarder
+dans le Néant_.«
+
+»Und doch stimm' ich der Mama bei,« bemerkte Victoire, der daran lag das
+Gespräch auf seinen Anfang, auf das Stück und seinen Dichter also
+zurückzuführen. »Es wäre mir wirklich eine Freude gewesen, den
+›tagesberühmten Herrn‹, wie Mama ihn einschränkend genannt hat, kennen
+zu lernen. Sie vergessen, Herr von Bülow, daß wir =Frauen= sind, und daß
+wir als solche ein Recht haben, neugierig zu sein. An einer Berühmtheit
+wenig Gefallen zu finden, ist schließlich immer noch besser, als sie gar
+nicht gesehen zu haben.«
+
+»Und wir werden ihn in der That nicht mehr sehen, in aller Bestimmtheit
+nicht,« fügte Frau von Carayon hinzu. »Er verläßt Berlin in den nächsten
+Tagen schon und war überhaupt nur hier, um den ersten Proben seines
+Stückes beizuwohnen.«
+
+»Was also heißt,« warf Alvensleben ein, »daß an der Aufführung selbst
+nicht länger mehr zu zweifeln ist.«
+
+»Ich glaube, nein. Man hat den Hof dafür zu gewinnen oder wenigstens
+alle beigebrachten Bedenken niederzuschlagen gewußt.«
+
+»Was ich unbegreiflich finde,« fuhr Alvensleben fort. »Ich habe das
+Stück gelesen. Er will Luther verherrlichen, und der Pferdefuß des
+Jesuitismus guckt überall unter dem schwarzen Doktormantel hervor. Am
+räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessirt,
+Iffland, ein Freimaurer.«
+
+»Woraus ich einfach schließen möchte, daß er die Hauptrolle hat,«
+erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit
+unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt gerathen und ziehen
+dann jedesmal den kürzeren. Er wird den Luther spielen wollen. Und das
+entscheidet.«
+
+»Ich bekenne, daß es mir widerstrebt,« sagte Victoire, »die Gestalt
+Luthers auf der Bühne zu sehen. Oder geh' ich darin zu weit?«
+
+Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+meine theuerste Victoire, gewiß nicht. Sie sprechen mir ganz aus dem
+Herzen. Es sind meine frühesten Erinnerungen, daß ich in unserer
+Dorfkirche saß, und mein alter Vater neben mir, der alle
+Gesangbuchsverse mitsang. Und links neben dem Altar da hing unser Martin
+Luther in ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein
+lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies
+ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu
+mir gepredigt hat als unser alter Kluckhuhn, der zwar dieselben hohen
+Backenknochen und dieselben weißen Päffchen hatte wie der Reformator,
+aber auch weiter nichts. Und diesen Gottesmann, nach dem wir uns nennen
+und unterscheiden, und zu dem ich nie anders als in Ehrfurcht und
+Andacht aufgeschaut habe, den will ich nicht aus den Koulissen oder aus
+einer Hinterthür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn giebt, den
+ich übrigens schätze, nicht blos als Künstler, sondern auch als Mann von
+Grundsätzen und guter preußischer Gesinnung.«
+
+»_Pectus facit oratorem_«, versicherte Sander, und Victoire jubelte.
+Bülow aber, der nicht gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in
+seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart
+strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.«
+
+»O, gewiß nicht,« lachte Sander.
+
+»Nur dagegen möcht' ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen
+Dissens irgendwie den Anwalt dieses pfäffischen Zacharias Werner zu
+machen gedächte, der mir in seinen mystisch-romantischen Tendenzen
+einfach zuwider ist. Ich bin Niemandes Anwalt ....«
+
+»Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch.
+
+»Auch nicht Luthers!«
+
+»Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ....«
+
+»Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie
+mir, Herr von Schach, auch =er= ist in der Decadence, wie so viel
+anderes mit ihm, und über ein Kleines wird keine Generalanwaltschaft der
+Welt ihn halten können.«
+
+»Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören,«
+erwiderte Schach. »Wollen uns die Herren Neuerer, und Herr von Bülow an
+ihrer Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?«
+
+»Es ist so. Sie treffen es. Uebrigens sind nicht =wir= es, die dies
+Episodenthum schaffen wollen. Dergleichen schafft nicht der Einzelne,
+die Geschichte schafft es. Und dabei wird sich ein wunderbarer
+Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther
+herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem Du umgehst,
+und ich will Dir sagen, wer Du bist.‹ Ich bekenne, daß ich die Tage
+Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog
+nach.‹ Ich überlass' es Ihnen, die Rollen dabei zu vertheilen. Die
+Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche werden nicht genugsam gewürdigt;
+jeder Staat ist in gewissem Sinne zugleich auch ein =Kirchenstaat=; er
+schließt eine Ehe mit der Kirche, und soll diese Ehe glücklich sein, so
+müssen beide zu einander passen. In Preußen passen sie zu einander. Und
+warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng gerathen sind. Es
+sind Kleinexistenzen, beide bestimmt in etwas Größerem auf- oder
+unterzugehen. Und zwar bald. _Hannibal ante portas._«
+
+»Ich glaubte Sie dahin verstanden zu haben,« erwiderte Schach, »daß uns
+Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden
+gebracht habe.«
+
+»Das hat er. Aber er kann unser Geschick nicht wenden, wenigstens auf
+die Dauer nicht. Dies Geschick heißt Einverleibung in das Universelle.
+Der nationale wie der konfessionelle Standpunkt sind hinschwindende
+Dinge, vor allem aber ist es der preußische Standpunkt und sein _alter
+ego_ der lutherische. Beide sind künstliche Größen. Ich frage, was
+bedeuten sie? welche Missionen erfüllen sie? Sie ziehen Wechsel
+aufeinander, sie sind sich gegenseitig Zweck und Aufgabe, das ist alles.
+Und das soll eine Weltrolle sein! Was hat Preußen der Welt geleistet?
+Was find' ich, wenn ich nachrechne? Die Großen Blauen König Friedrich
+Wilhelms I., den eisernen Ladestock, den Zopf, und jene wundervolle
+Moral, die den Satz erfunden hat, ›ich hab' ihn an die Krippe gebunden,
+warum hat er nicht gefressen?‹«
+
+»Gut, gut. Aber Luther ....«
+
+»Nun wohl denn, es geht eine Sage, daß mit dem Manne von Wittenberg die
+Freiheit in die Welt gekommen sei, und beschränkte Historiker haben es
+dem norddeutschen Volke so lange versichert, bis man's geglaubt hat.
+Aber was hat er denn in Wahrheit in die Welt gebracht? Unduldsamkeit und
+Hexenprozesse, Nüchternheit und Langeweile. Das ist kein Kitt für
+Jahrtausende. Jener Weltmonarchie, der nur noch die letzte Spitze fehlt,
+wird auch eine Weltkirche folgen, denn wie die kleinen Dinge sich finden
+und im Zusammenhange stehen, so die großen noch viel mehr. Ich werde mir
+den Bühnen-Luther nicht ansehen, weil er mir in dieses Herren Zacharias
+Werner Verzerrung einfach ein Ding ist, das mich ärgert; aber ihn nicht
+ansehen, weil es Anstoß gebe, weil es =Entheiligung= sei, das ist mehr
+als ich fassen kann.«
+
+»Und =wir=, lieber Bülow,« unterbrach Frau von Carayon, »wir werden ihn
+uns ansehen, =trotzdem= es uns Anstoß giebt. Victoire hat Recht, und
+wenn bei Iffland die Eitelkeit stärker sein darf als das Prinzip, so bei
+=uns= die Neugier. Ich hoffe, Herr von Schach und Sie, lieber
+Alvensleben, werden uns begleiten. Uebrigens sind ein paar der
+eingelegten Lieder nicht übel. Wir erhielten sie gestern. Victoire, Du
+könntest uns das ein' oder andere davon singen.«
+
+»Ich habe sie kaum durchgespielt.«
+
+»O, dann bitt' ich um so mehr,« bemerkte Schach. »Alle Salonvirtuosität
+ist mir verhaßt. Aber was ich in der Kunst liebe, das ist ein solches
+poetisches Suchen und Tappen.«
+
+Bülow lächelte vor sich hin und schien sagen zu wollen: »Ein jeder nach
+seinen Mitteln.«
+
+Schach aber führte Victoiren an das Klavier, und diese sang, während er
+begleitete.
+
+ Die Blüthe, sie schläft so leis und lind
+ Wohl in der Wiege von Schnee;
+ Einlullt sie der Winter »Schlaf ein geschwind
+ Du blühendes Kind«
+ Und das Kind es weint und verschläft sein Weh
+ Und hernieder steigen aus duftiger Höh
+ Die Schwestern und lieben und blühn
+
+Eine kleine Pause trat ein, und Frau von Carayon fragte: »Nun, Herr
+Sander, wie besteht es vor Ihrer Kritik?« »Es muß sehr schön sein,«
+antwortete dieser. »Ich versteh es nicht. Aber hören wir weiter. Die
+Blüthe, die vorläufig noch schläft, wird doch wohl mal erwachen.«
+
+ Und kommt der Mai dann wieder so lind,
+ Dann bricht er die Wiege von Schnee,
+ Er schüttelt die Blüthe »Wach auf geschwind
+ Du welkendes Kind.«
+ Und es hebt das Aeuglein, es thut ihm weh
+ Und steigt hinauf in die leuchtende Höh
+ Wo strahlend die Brüderlein blühn.
+
+Ein lebhafter Beifall blieb nicht aus. Aber er galt ausschließlich
+Victoiren und der Komposition, und als schließlich auch der Text an die
+Reihe kam, bekannte sich Alles zu Sanders ketzerischen Ansichten.
+
+Nur Bülow schwieg. Er hatte, wie die meisten mit Staatenuntergang
+beschäftigten Frondeurs, auch seine schwachen Seiten, und eine davon war
+durch das Lied getroffen worden. An dem halbumwölkten Himmel draußen
+funkelten ein paar Sterne, die Mondsichel stand dazwischen, und er
+wiederholte, während er durch die Scheiben der hohen Balkonthür
+hinaufblickte: »wo strahlend die Brüderlein blühn.«
+
+Wider Wissen und Willen, war er ein Kind seiner Zeit, und romantisirte.
+
+Noch ein zweites und drittes Lied wurde gesungen, aber das Urtheil blieb
+dasselbe. Dann trennte man sich zu nicht allzu später Stunde.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Bei Sala Tarone.
+
+
+Die Thurmuhren auf dem Gensdarmenmarkt schlugen elf, als die Gäste der
+Frau von Carayon auf die Behrenstraße hinaustraten und nach links
+einbiegend auf die Linden zuschritten. Der Mond hatte sich verschleiert,
+und die Regenfeuchte, die bereits in der Luft lag und auf Wetterumschlag
+deutete, that allen wohl. An der Ecke der Linden empfahl sich Schach,
+allerhand Dienstliches vorschützend, während Alvensleben, Bülow und
+Sander übereinkamen, noch eine Stunde zu plaudern.
+
+»Aber wo?« fragte Bülow, der im Ganzen nicht wählerisch war, aber doch
+einen Abscheu gegen Lokale hatte, darin ihm »Aufpasser und Kellner die
+Kehle zuschnürten.«
+
+»Aber wo?« wiederholte Sander. »Sieh, das Gute liegt so nah,« und wies
+dabei auf einen Eckladen, über dem in mäßig großen Buchstaben zu lesen
+stand: Italiener-, Wein- und Delikatessen-Handlung von Sala Tarone. Da
+schon geschlossen war, klopfte man an die Hausthür, an deren einer Seite
+sich ein Einschnitt mit einer Klappe befand. Und wirklich, gleich darauf
+öffnete sich's von innen, ein Kopf erschien am Kuckloch, und als
+Alvenslebens Uniform über den Charakter der etwas späten Gäste beruhigt
+hatte, drehte sich innen der Schlüssel im Schloß, und alle drei traten
+ein. Aber der Luftzug, der ging, löschte den Blaker aus, den der Küfer
+in Händen hielt, und nur eine ganz im Hintergrunde, dicht über der
+Hofthür schweelende Laterne, gab gerade noch Licht genug, um das
+Gefährliche der Passage kenntlich zu machen.
+
+»Ich bitte Sie, Bülow, was sagen Sie zu diesem Defilé,« brummte Sander,
+sich immer dünner machend, und wirklich hieß es auf der Hut sein, denn
+in Front der zu beiden Seiten liegenden Oel- und Weinfässer, standen
+Zitronen- und Apfelsinenkisten, deren Deckel nach vorn hin aufgeklappt
+waren. »Achtung,« sagte der Küfer. »Is hier allens voll Pinnen und
+Nägel. Habe mir gestern erst einen eingetreten.«
+
+»Also auch spanische Reiter .... O, Bülow! In solche Lage bringt einen
+ein militärischer Verlag.«
+
+Dieser Sandersche Schmerzensschrei stellte die Heiterkeit wieder her,
+und unter Tappen und Tasten war man endlich bis in die Nähe der Hofthür
+gekommen, wo, nach rechts hin, einige der Fässer weniger dicht
+nebeneinander lagen. Hier zwängte man sich denn auch durch, und gelangte
+mit Hülfe von vier oder fünf steilen Stufen in eine mäßig große
+Hinterstube, die gelb gestrichen und halb verblakt und nach Art aller
+»Frühstücksstuben« um Mitternacht am vollsten war. Ueberall, an
+niedrigen Panelen hin, standen lange, längst eingesessene Ledersophas,
+mit kleinen und großen Tischen davor, und nur =eine= Stelle war da, wo
+dieses Mobiliar fehlte. Hier stand vielmehr ein mit Kästen und Realen
+überbautes Pult, vor welchem einer der Repräsentanten der Firma tagaus
+tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+Wort) in einen unmittelbar neben dem Pult befindlichen Keller
+hinunterrief, dessen Fallthür immer offen stand.
+
+Unsere drei Freunde hatten in einer dem Kellerloch schräg gegenüber
+gelegenen Ecke Platz genommen, und Sander, der grad lange genug Verleger
+war, um sich auf lukullische Feinheiten zu verstehen, überflog eben die
+Wein- und Speisekarte. Diese war in russisch Leder gebunden, roch aber
+nach Hummer. Es schien nicht, daß unser Lukull gefunden hatte, was ihm
+gefiel; er schob also die Karte wieder fort und sagte: »Das Geringste,
+was ich von einem solchen hundstäglichen April erwarten kann, sind
+Maikräuter, _Asperula odorata Linnéi_. Denn ich hab auch Botanisches
+verlegt. Von dem Vorhandensein frischer Apfelsinen haben wir uns draußen
+mit Gefahr unseres Lebens überzeugt, und für den Mosel bürgt uns die
+Firma.«
+
+Der Herr am Pult rührte sich nicht, aber man sah deutlich, daß er mit
+seinem Rücken zustimmte, Bülow und Alvensleben thaten desgleichen, und
+Sander resolvirte kurz: »Also Maibowle.«
+
+Das Wort war absichtlich laut und mit der Betonung einer Ordre
+gesprochen worden, und im selben Augenblicke scholl es auch schon vom
+Drehstuhl her in das Kellerloch hinunter »Fritz!« Ein zunächst nur mit
+halber Figur aus der Versenkung auftauchender, dicker und kurzhalsiger
+Junge, wurde, wie wenn auf eine Feder gedrückt worden wäre, sofort
+sichtbar, übersprang diensteifrig, indem er die Hand aufsetzte, die
+letzten zwei, drei Stufen und stand im Nu vor Sander, den er, allem
+Anscheine nach, am besten kannte.
+
+»Sagen Sie, Fritz, wie verhält sich die Firma Sala Tarone zur Maibowle?«
+
+»Gut. Sehr gut.«
+
+»Aber wir haben erst April, und so sehr ich im allgemeinen der Mann der
+Surrogate bin, so hass' ich doch eins: die Toncabohne. Die Toncabohne
+gehört in die Schnupftabacksdose, nicht in die Maibowle. Verstanden?«
+
+»Zu dienen, Herr Sander.«
+
+»Gut denn. Also Maikräuter. Und nicht lange ziehen lassen. Waldmeister
+ist nicht Kamillenthee. Der Mosel, sagen wir ein Zeltlinger oder ein
+Brauneberger, wird langsam über die Büschel gegossen; das genügt.
+Apfelsinenschnitten als bloßes Ornament. Eine Scheibe zuviel macht
+Kopfweh. Und nicht zu süß, und eine Cliquot extra. Extra, sag ich.
+Besser ist besser.«
+
+Damit war die Bestellung beendet und ehe zehn Minuten um waren, erschien
+die Bowle, darauf nicht mehr als drei oder vier Waldmeisterblättchen
+schwammen, nur gerade genug, den Beweis der Aechtheit zu führen.
+
+»Sehen Sie, Fritz, das gefällt mir. Auf mancher Maibowle schwimmt es wie
+Entengrütze. Und das ist schrecklich. Ich denke wir werden Freunde
+bleiben. Und nun grüne Gläser.«
+
+Alvensleben lachte. »Grüne?«
+
+»Ja. Was sich dagegen sagen läßt, lieber Alvensleben, weiß ich und laß
+es gelten. Es ist in der That eine Frage, die mich seit länger
+beschäftigt, und die, neben anderen, in die Reihe jener Zwiespalte
+gehört, die sich, wir mögen es anfangen wie wir wollen, durch unser
+Leben hinziehen. Die Farbe des Weins geht verloren, aber die Farbe des
+Frühlings wird gewonnen, und mit ihr das festliche Gesammtkolorit. Und
+dies erscheint mir als der wichtigere Punkt. Unser Essen und Trinken, so
+weit es nicht der gemeinen Lebensnothdurft dient, muß mehr und mehr zur
+symbolischen Handlung werden, und ich begreife Zeiten des späteren
+Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschalen mehr
+bedeuteten, als das Mahl selbst.«
+
+»Wie gut Ihnen das kleidet, Sander,« lachte Bülow. »Und doch dank ich
+Gott, Ihre Kapaunenrechnung nicht bezahlen zu müssen.«
+
+»Die Sie schließlich =doch= bezahlen.«
+
+»Ah, das =erste= Mal, daß ich einen dankbaren Verleger in Ihnen
+entdecke. Stoßen wir an .... Aber alle Welt, da steigt ja der lange
+Nostitz aus der Versenkung. Sehen Sie, Sander, er nimmt gar kein
+Ende ....«
+
+Wirklich, es war Nostitz, der, unter Benutzung eines geheimen Eingangs,
+eben die Kellertreppe hinaufstolperte, Nostitz von den Gensdarmes, der
+längste Lieutenant der Armee, der, trotzdem er aus dem Sächsischen
+stammte, seiner sechs Fuß drei Zoll halber so ziemlich ohne Widerrede
+beim Elite-Regiment Gensdarmes eingestellt und mit einem verbliebenen
+kleinen Reste von Antagonismus mittlerweile längst fertig geworden war.
+Ein tollkühner Reiter und ein noch tollkühnerer Kour- und
+Schuldenmacher, war er seit lang ein Allerbeliebtester im Regiment, so
+beliebt, daß ihn sich der »Prinz«, der kein anderer war als Prinz Louis,
+bei Gelegenheit der vorjährigen Mobilisirung, zum Adjutanten erbeten
+hatte.
+
+Neugierig, woher er komme, stürmte man mit Fragen auf ihn ein, aber erst
+als er sich in dem Ledersopha zurecht gerückt hatte, gab er Antwort auf
+all das, was man ihn fragte. »Woher ich komme? Warum ich bei den
+Carayons geschwänzt habe? Nun, weil ich in Französisch-Buchholz
+nachsehen wollte, ob die Störche schon wieder da sind, ob der Kuckuck
+schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+flachsblonde Flechten hat, wie voriges Jahr. Ein reizendes Kind. Ich
+lasse mir immer die Kirche von ihr zeigen, und wir steigen dann in den
+Thurm hinauf, weil ich eine Passion für alte Glockeninschriften habe.
+Sie glauben gar nicht, was sich in solchem Thurme Alles entziffern läßt.
+Ich zähle das zu meinen glücklichsten und lehrreichsten Stunden.«
+
+»Und eine Blondine, sagten Sie. Dann freilich erklärt sich alles. Denn
+neben einer Prinzessin Flachshaar kann unser Fräulein Victoire nicht
+bestehn. Und nicht einmal die schöne Mama, die schön ist, aber doch am
+Ende brünett. Und blond geht immer vor schwarz.«
+
+»Ich möchte das nicht geradezu zum Axiom erheben,« fuhr Nostitz fort.
+»Es hängt doch alles noch von Nebenumständen ab, die hier freilich
+ebenfalls zu Gunsten meiner Freundin sprechen. Die schöne Mama, wie Sie
+sie nennen, wird siebenunddreißig, bei welcher Addition ich
+wahrscheinlich galant genug bin, ihr ihre vier Ehejahre =halb= statt
+doppelt zu rechnen. Aber das ist Schachs Sache, der über kurz oder lang
+in der Lage sein wird, ihren Taufschein um seine Geheimnisse zu
+befragen.«
+
+»Wie das?« fragte Bülow.
+
+»Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+gelehrte Militärs wären, für schlechte Beobachter sind. Ist Ihnen denn
+das Verhältniß zwischen Beiden entgangen? Ein ziemlich vorgeschrittenes,
+glaub' ich. _C'est le premier pas, qui coûte ...._«
+
+»Sie drücken sich etwas dunkel aus, Nostitz.«
+
+»Sonst nicht gerade mein Fehler.«
+
+»Ich meinerseits glaube Sie zu verstehen,« unterbrach Alvensleben. »Aber
+Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+Schach ist eine sehr eigenartige Natur, die, was man auch an ihr
+aussetzen mag, wenigstens manche psychologische Probleme stellt. Ich
+habe beispielsweise keinen Menschen kennen gelernt, bei dem alles so
+ganz und gar auf das Aesthetische zurückzuführen wäre, womit es
+vielleicht in einem gewissen Zusammenhange steht, daß er überspannte
+Vorstellungen von Intaktheit und Ehe hat. Wenigstens von einer Ehe, wie
+=er= sie zu schließen wünscht. Und so bin ich denn wie von meinem Leben
+überzeugt, er wird niemals eine Wittwe heirathen, auch die schönste
+nicht. Könnt' aber hierüber noch irgend ein Zweifel sein, so würd' ihn
+=ein= Umstand beseitigen, und dieser eine Umstand heißt: »=Victoire=.«
+
+»Wie das?«
+
+»Wie schon so mancher Heirathsplan an einer unrepräsentablen Mutter
+gescheitert ist, so würd' er hier an einer unrepräsentablen Tochter
+scheitern. Er fühlt sich durch ihre mangelnde Schönheit geradezu genirt,
+und erschrickt vor dem Gedanken, seine Normalität, wenn ich mich so
+ausdrücken darf, mit ihrer Unnormalität in irgend welche Verbindung
+gebracht zu sehen. Er ist krankhaft abhängig, abhängig bis zur Schwäche,
+von dem Urtheile der Menschen, speziell seiner Standesgenossen, und
+würde sich jederzeit außer Stande fühlen, irgend einer Prinzessin oder
+auch nur einer hochgestellten Dame, Victoiren als seine Tochter
+vorzustellen.«
+
+»Möglich. Aber dergleichen läßt sich vermeiden.«
+
+»Doch schwer. Sie zurückzusetzen, oder ganz einfach als Aschenbrödel zu
+behandeln, das widerstreitet seinem feinen Sinn, dazu hat er das Herz zu
+sehr auf dem rechten Fleck. Auch würde Frau von Carayon das einfach
+nicht dulden. Denn so gewiß sie Schach liebt, so gewiß liebt sie
+Victoire, ja, sie liebt diese noch um ein gut Theil =mehr=. Es ist ein
+absolut ideales Verhältniß zwischen Mutter und Tochter, und gerade dies
+Verhältniß ist es, was mir das Haus so werth gemacht hat und noch
+macht.«
+
+»Also begraben wir die Partie,« sagte Bülow. »Mir persönlich zu
+besondrer Genugthuung und Freude, denn ich schwärme für diese Frau. Sie
+hat den ganzen Zauber des Wahren und Natürlichen, und selbst ihre
+Schwächen sind reizend und liebenswürdig. Und daneben dieser =Schach=!
+Er mag seine Meriten haben, meinetwegen, aber mir ist er nichts als ein
+Pedant und Wichtigthuer, und zugleich die Verkörperung jener preußischen
+Beschränktheit, die nur drei Glaubensartikel hat: erstes Hauptstück »die
+Welt ruht nicht sichrer auf den Schultern des Atlas, als der preußische
+Staat auf den Schultern der preußischen Armee«, zweites Hauptstück »der
+preußische Infanterieangriff ist unwiderstehlich«, und drittens und
+letztens »eine Schlacht ist nie verloren, so lange das Regiment Garde du
+Corps nicht angegriffen hat«. Oder natürlich auch das Regiment
+Gensdarmes. Denn sie sind Geschwister, Zwillingsbrüder. Ich verabscheue
+solche Redensarten, und der Tag ist nahe, wo die Welt die Hohlheit
+solcher Rodomontaden erkennen wird.«
+
+»Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin einer unserer
+Besten.«
+
+»Um so schlimmer.«
+
+»Einer unsrer Besten, sag ich, und =wirklich= ein Guter. Er spielt nicht
+blos den Ritterlichen, er =ist= es auch. Natürlich auf seine Weise.
+Jedenfalls trägt er ein ehrliches Gesicht und keine Maske.«
+
+»Alvensleben hat Recht,« bestätigte Nostitz. »Ich habe nicht viel für
+ihn übrig, aber das ist wahr, alles an ihm ist echt, auch seine steife
+Vornehmheit, so langweilig und so beleidigend ich sie finde. Und =darin=
+unterscheidet er sich von uns. Er ist immer er selbst, gleichviel ob er
+in den Salon tritt, oder vorm Spiegel steht, oder beim Zubettegehn sich
+seine saffranfarbenen Nachthandschuh anzieht. Sander, der ihn nicht
+liebt, soll entscheiden und das letzte Wort über ihn haben.«
+
+»Es ist keine drei Tage,« hob dieser an, »daß ich in der Haude und
+Spenerschen gelesen, der Kaiser von Brasilien habe den Heiligen Antonius
+zum Obristlieutenant befördert und seinen Kriegsminister angewiesen,
+besagtem Heiligen die Löhnung bis auf Weiteres gut zu schreiben. Welche
+Gutschreibung mir einen noch größeren Eindruck gemacht hat, als die
+Beförderung. Aber gleichviel. In Tagen derartiger Ernennungen und
+Beförderungen wird es nicht auffallen, wenn ich die Gefühle dieser
+Stunde, zugleich aber den von mir geforderten Entscheid und
+Richterspruch, in die Worte zusammenfasse: Seine Majestät der
+Rittmeister von Schach, er lebe hoch.«
+
+»O, vorzüglich Sander,« sagte Bülow, »damit haben Sie's getroffen. Die
+ganze Lächerlichkeit auf einen Schlag. Der kleine Mann in den großen
+Stiefeln! Aber meinetwegen, er lebe!«
+
+»Da haben wir denn zum Ueberfluß auch noch die Sprache von »Sr. Majestät
+getreuster Opposition,« antwortete Sander und erhob sich. »Und nun
+Fritz, die Rechnung. Erlauben die Herren, daß ich das Geschäftliche
+arrangire.«
+
+»In besten Händen,« sagte Nostitz.
+
+Und fünf Minuten später traten alle wieder ins Freie. Der Staub wirbelte
+vom Thor her die Linden herauf, augenscheinlich war ein starkes Gewitter
+im Anzug, und die ersten großen Tropfen fielen bereits.
+
+»_Hâtez-vous._«
+
+Und Jeder folgte der Weisung und mühte sich, so rasch wie möglich und
+auf nächstem Wege seine Wohnung zu erreichen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+In Tempelhof.
+
+
+Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben
+Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen
+hatten. Beide liebten das Zimmer, und gaben ihm auf Kosten aller andern
+den Vorzug. Es hatte drei hohe Fenster, von denen die beiden unter
+einander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und
+Charlottenstraße sahen, während das dritte, thürartige, das ganze, breit
+abgestumpfte Eck einnahm, und auf einen mit einem vergoldeten
+Rokoko-Gitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit
+erlaubte, stand diese Balkonthür offen, und gestattete, von beinah jeder
+Stelle des Zimmers aus, einen Blick auf das benachbarte Straßentreiben,
+das, der aristokratischen Gegend unerachtet, zu mancher Zeit ein
+besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo
+nicht blos die berühmten alten Infanterieregimenter der Berliner
+Garnison, sondern, was für die Carayons wichtiger war, auch die
+Regimenter der Garde du Corps und Gensdarmes unter dem Klang ihrer
+silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit
+(wo sich dann selbstverständlich die Augen der Herrn Offiziers zu dem
+Balkon hinaufrichteten) hatte das Eckzimmer erst seinen eigentlichen
+Werth, und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können.
+
+Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und
+gemüthlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die
+glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger
+Tage des Hauses Carayon gesehen hatte, hier stand die malachitne
+Stutzuhr, ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradirte vor
+allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau
+täglich aufs Neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei.
+Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter über diesen
+wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug,
+es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrolirendes
+Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu
+dem Bilde des mit einem rothen Ordensband in ganzer Figur über dem Sopha
+hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein
+stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für Niemanden zweifelhaft,
+der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von
+Carayon war ein kleiner, schwarzer Koloniefranzose gewesen, der außer
+einigen in der Nähe von Bordeaux lebenden vornehmen Carayons und einer
+ihn mit Stolz erfüllenden Zugehörigkeit zur Legation, nichts Erhebliches
+in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit.
+
+Es schlug elf, erst draußen, dann in dem Eckzimmer, in welchem beide
+Damen an einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkonthür war
+weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte,
+stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich
+dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire
+blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schach'schen kleinen
+Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu
+sagen liebte, daß es die Schach'schen »Landesfarben« seien, die
+Charlottenstraße heraufkam.
+
+»O sieh nur,« sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie
+wichtig er wieder thut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt, und immer
+mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?«
+
+Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen
+Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in
+Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte,
+trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen.
+Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressirt.
+
+»An =Dich= Mama.«
+
+»Lies nur,« sagte diese.
+
+»Nein, Du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.«
+
+»Närrin,« lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: »Meine
+gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege
+gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt. Ich werde vier Uhr
+mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten, um Sie und Fräulein Victoire
+zu einer Spazierfahrt abzuholen. Ueber das Ziel erwarte ich Ihre
+Befehle. Wissen Sie doch wie glücklich ich bin, Ihnen gehorchen zu
+können. Bitte Bescheid durch den Ueberbringer. Er ist gerade firm genug
+im Deutschen, um ein »ja« oder »nein« nicht zu verwechseln. Unter Gruß
+und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire (die zu größerer
+Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt) Ihr Schach.«
+
+»Nun, Victoire, was lassen wir sagen ...?«
+
+»Aber Du kannst doch nicht ernsthaft fragen, Mama?«
+
+»Nun denn also ›ja‹.«
+
+Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt,
+und ihre Feder kritzelte: »Herzlichst acceptirt, trotzdem die Ziele
+vorläufig im Dunkeln bleiben. Aber ist der Entscheidungsmoment erst da,
+so wird er uns auch das Richtige wählen lassen.«
+
+Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort. »Es klingt so
+vieldeutig,« sagte sie.
+
+»So will ich ein bloßes Ja schreiben, und Du kontrasignirst.«
+
+»Nein; laß es nur.«
+
+Und Victoire schloß das Blatt, und gab es dem draußen wartenden Groom.
+
+Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte, fand sie die Mama
+nachdenklich. »Ich liebe solche Pikanterien nicht, und am wenigsten
+solche Räthselsätze.«
+
+»=Du= dürftest sie auch nicht schreiben. Aber ich? Ich darf alles. Und
+nun höre mich. Es muß etwas geschehen, Mama. Die Leute reden so viel,
+auch schon zu mir, und da Schach immer noch schweigt und Du nicht
+sprechen =darfst=, so muß =ich= es thun statt Eurer und Euch
+verheirathen. Alles in der Welt kehrt sich einmal um. Sonst verheirathen
+Mütter ihre Tochter, hier liegt es anders, und ich verheirathe Dich. Er
+liebt Dich und Du liebst ihn. In den Jahren seid ihr gleich, und ihr
+werdet das schönste Paar sein, das seit Menschengedenken im
+französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde. Du
+siehst, ich lasse Dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der
+Kirche die Wahl; mehr kann ich nicht thun in dieser Sache. Daß Du mich
+mit in die Ehe bringst, ist nicht gut, aber auch nicht schlimm. Wo viel
+Licht ist, ist viel Schatten.«
+
+Frau von Carayons Auge wurde feucht. »Ach meine süße Victoire, Du siehst
+es anders, als es liegt. Ich will Dich nicht mit Bekenntnissen
+überraschen, und in bloßen Andeutungen zu sprechen, wie Du gelegentlich
+liebst, widerstreitet mir. Ich mag auch nicht philosophiren. Aber =das=
+laß Dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was Ursach
+scheint, ist meist schon wieder Wirkung und Folge. Glaube mir, Deine
+kleine Hand wird das Band =nicht= knüpfen, das Du knüpfen möchtest. Es
+geht nicht, es kann nicht sein. Ich weiß es besser. Und warum auch?
+Zuletzt lieb' ich doch eigentlich nur =Dich=.«
+
+Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame, Schwester des
+verstorbenen Herrn von Carayon, unterbrochen, die jeden Dienstag ein für
+allemal zu Mittag geladen war, und unter »zu Mittag« pünktlicherweise
+zwölf Uhr verstand, trotzdem sie wußte, daß bei den Carayons erst um
+drei Uhr gegessen wurde. Tante =Marguerite=, das war ihr Name, war noch
+eine echte Koloniefranzösin, d. h. eine alte Dame, die das damalige,
+sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem
+Munde sprach, das ü dem i vorzog, entweder »Kürschen« aß, oder in die
+»Kürche« ging, und ihre Rede selbstverständlich mit französischen
+Einschiebseln und Anredefloskeln garnirte. Sauber und altmodisch
+gekleidet, trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel,
+und hatte jene halbe Verwachsenheit, die damals bei den alten
+Koloniedamen so allgemein war, daß Victoire einmal als Kind gefragt
+hatte: »Wie kommt es nur, liebe Mama, das fast alle Tanten so ›ich weiß
+nicht wie‹ sind?« Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht. Zu dem
+Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene
+Handschuhe, die sie ganz besonders in Ehren hielt, und immer erst auf
+dem obersten Treppenabsatz anzog. Ihre Mittheilungen, an denen sie's nie
+fehlen ließ, entbehrten all und jedes Interesses, am meisten aber dann,
+wenn sie, was sie sehr liebte, von hohen und höchsten Personen sprach.
+Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen
+Familie: _la petite princesse Charlotte, et la petite princesse
+Alexandrine_, die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten
+französischen Erzieherin sah, und mit denen sie sich derartig liirt
+fühlte, daß, als eines Tages die Brandenburger Thorwache beim
+Vorüberfahren von _la princesse Alexandrine_ versäumt hatte, rechtzeitig
+ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren, sie nicht nur das
+allgemeine Gefühl der Empörung theilte, sondern das Ereigniß überhaupt
+ansah, als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe.
+
+Das war das Tantchen, das eben eintrat.
+
+Frau von Carayon ging ihr entgegen und hieß sie herzlich willkommen,
+herzlicher als sonst wohl, und das einfach deshalb, weil durch ihr
+Erscheinen ein Gespräch unterbrochen worden war, das selbst fallen zu
+lassen, sie nicht mehr die Kraft gehabt hatte. Tante Marguerite fühlte
+sofort heraus, wie günstig heute die Dinge für sie lagen, und begann
+denn auch in demselben Augenblicke, wo sie sich gesetzt und die
+Seidenhandschuh in ihren Pompadour gesteckt hatte, sich dem hohen Adel
+königlicher Residenzien zuzuwenden, diesmal mit Umgehung der
+»Allerhöchsten Herrschaften«. Ihre Mittheilungen aus der Adelssphäre
+waren ihren Hofanekdoten in der Regel weit vorzuziehn, und hätten ein
+für allemal passiren können, wenn sie nicht die Schwäche gehabt hätte,
+die doch immerhin wichtige Personalfrage mit einer äußersten
+Geringschätzung zu behandeln. Mit andern Worten, sie verwechselte
+beständig die Namen, und wenn sie von einer Escapade der Baronin
+Stieglitz erzählte, so durfte man sicher sein, daß sie die Gräfin Taube
+gemeint hatte. Solche Neuigkeiten eröffneten denn auch das heutige
+Gespräch, Neuigkeiten, unter denen =die=, »daß der Rittmeister von
+Schenk vom Regiment Garde du Corps der Prinzessin von Croy eine Serenade
+gebracht habe« die weitaus wichtigste war, ganz besonders als sich nach
+einigem Hin- und Herfragen herausstellte, daß der Rittmeister von Schenk
+in den Rittmeister von Schach, das Regiment Garde du Corps in das
+Regiment Gensdarmes, und die Prinzessin von Croy in die Prinzessin von
+Carolath zu transponiren sei. Solche Richtigstellungen wurden von Seiten
+der Tante jedesmal ohne jede Spur von Verlegenheit entgegengenommen, und
+solche Verlegenheit kam ihr denn auch =heute= nicht, als ihr, zum Schluß
+ihrer Geschichte, mitgetheilt wurde, daß der Rittmeister von Schenk
+_alias_ Schach noch im Laufe dieses Nachmittags erwartet werde, da man
+eine Fahrt über Land mit ihm verabredet habe. Vollkommener Kavalier wie
+er sei, werde er sich sicherlich freuen, eine liebe Verwandte des Hauses
+an dieser Ausfahrt mit theilnehmen zu sehen. Eine Bemerkung, die von
+Tante Marguerite sehr wohlwollend aufgenommen und von einem
+unwillkürlichen Zupfen an ihrem Taftkleide begleitet wurde.
+
+Um Punkt drei war man zu Tische gegangen und um Punkt vier --
+_l'exactitude est la politesse des rois_, würde Bülow gesagt haben --
+erschien eine zurückgeschlagene Halbchaise vor der Thür in der
+Behrenstraße. Schach, der selbst fuhr, wollte die Zügel dem Groom geben,
+beide Carayons aber grüßten schon reisefertig vom Balkon her, und waren
+im nächsten Moment mit einer ganzen Ausstattung von Tüchern, Sonnen- und
+Regenschirmen unten am Wagenschlag. Mit ihnen auch Tante Marguerite, die
+nunmehr vorgestellt und von Schach mit einer ihm eigenthümlichen
+Mischung von Artigkeit und Grandezza begrüßt wurde.
+
+»Und nun das dunkle Ziel, Fräulein Victoire.«
+
+»Nehmen wir Tempelhof,« sagte diese.
+
+»Gut gewählt. Nur Pardon, es ist das undunkelste Ziel von der Welt.
+Namentlich heute. Sonne und wieder Sonne.«
+
+In raschem Trabe ging es, die Friedrichsstraße hinunter, erst auf das
+Rondel und das Hallesche Thor zu, bis der tiefe Sandweg, der zum
+Kreuzberg hinaufführte, zu langsamerem Fahren nöthigte. Schach glaubte
+sich entschuldigen zu müssen, aber Victoire, die rückwärts saß und in
+halber Wendung bequem mit ihm sprechen konnte, war, als echtes
+Stadtkind, aufrichtig entzückt über all und jedes, was sie zu beiden
+Seiten des Weges sah, und wurde nicht müde Fragen zu stellen und ihn
+durch das Interesse, das sie zeigte, zu beruhigen. Am meisten amüsirten
+sie die seltsam ausgestopften Alt-Weiber-Gestalten, die zwischen den
+Sträuchern und Gartenbeeten umher standen, und entweder eine
+Strohhutkiepe trugen oder mit ihren hundert Papilloten im Winde
+flatterten und klapperten.
+
+Endlich war man den Anhang hinauf, und über den festen Lehmweg hin, der
+zwischen den Pappeln lief, trabte man jetzt wieder rascher auf Tempelhof
+zu. Neben der Straße stiegen Drachen auf, Schwalben schossen hin und
+her, und am Horizonte blitzten die Kirchthürme der nächstgelegenen
+Dörfer.
+
+Tante Marguerite, die, bei dem Winde der ging, beständig bemüht war,
+ihren kleinen Mantelkragen in Ordnung zu halten, übernahm es
+nichtsdestoweniger den Führer zu machen, und setzte dabei beide
+Carayonsche Damen ebenso sehr durch ihre Namensverwechselungen, wie
+durch Entdeckung gar nicht vorhandener Aehnlichkeiten in Erstaunen.
+
+»Sieh, liebe Victoire, dieser Wülmersdörfer Kürchthürm! Aehnelt er nicht
+unsrer Dorotheenstädtschen Kürche?«
+
+Victoire schwieg.
+
+»Ich meine nicht um seiner Spitze, liebe Victoire, nein, um seinem Corps
+de Logis.«
+
+Beide Damen erschraken. Es geschah aber was gewöhnlich geschieht, =das=
+nämlich, das alles das was die Näherstehenden in Verlegenheit bringt,
+von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+aufgenommen wird. Und nun gar Schach! Er hatte viel zu lang in der Welt
+alter Prinzessinnen und Hofdamen gelebt, um noch durch irgend ein
+Dummheits- oder Nicht-Bildungszeichen in ein besondres Erstaunen gesetzt
+werden zu können. Er lächelte nur und benutzte das Wort
+»Dorotheenstädtische Kirche«, das gefallen war, um Frau von Carayon zu
+fragen »ob sie schon von dem Denkmal Kenntniß genommen habe, das in
+ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+Grafen von der Mark errichtet worden sei?«
+
+Mutter und Tochter verneinten. Tante Marguerite jedoch, die nicht gerne
+zugestand, etwas =nicht= zu wissen oder wohl gar nicht gesehen zu haben,
+bemerkte ganz ins allgemeine hin. »Ach, der liebe, kleine Prinz. Daß er
+so früh sterben mußte. Wie jämmerlich. Und ähnelte doch seiner
+hochseligen Frau Mutter um beiden Augen.«
+
+Einen Augenblick war es, als ob der in seinem Legitimitätsgefühle stark
+verletzte Schach antworten und den »von seiner hochseligen Mutter«
+geborenen »lieben kleinen Prinzen« aufs schmählichste dethronisiren
+wollte, rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee, wies also
+lieber um doch wenigstens etwas zu thun, auf das eben sichtbar werdende
+grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin, und bog im nächsten
+Augenblick in die große, mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von
+Tempelhof ein.
+
+Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus. Er gab dem Groom die Zügel und
+sprang ab, um den Damen beim Aussteigen behülflich zu sein. Aber nur
+Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hülfe dankbar an, während Tante
+Marguerite verbindlich ablehnte, »weil sie gefunden habe, daß man sich
+auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne.«
+
+Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt, und der von einem
+Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen
+besetzt. Das gab eine kleine Verlegenheit. Als man aber eben schlüssig
+geworden war, in dem Hintergarten, unter einem halboffenen
+Kegelbahnhäuschen, den Kaffee zu nehmen, ward einer der Ecktische frei,
+so daß man in Front des Hauses, mit dem Blick auf die Dorfstraße
+verbleiben konnte. Das geschah denn auch, und es traf sich, daß es der
+hübscheste Tisch war. Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf und wenn es
+auch, ein paar Spitzen abgerechnet, ihm vorläufig noch an allem
+Laubschmucke fehlte, so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und
+zwitscherten. Und nicht =das= blos sah man; Equipagen hielten in der
+Mitte der Dorfstraße, die Stadtkutscher plauderten, und Bauern und
+Knechte, die mit Pflug und Egge vom Felde herein kamen, zogen an der
+Wagenreihe vorüber. Zuletzt kam eine Heerde, die der Schäferspitz von
+rechts und links her zusammenhielt, und dazwischen hörte man die
+Betglocke, die läutete. Denn es war eben die sechste Stunde.
+
+Die Carayons, so verwöhnte Stadtkinder sie waren, oder vielleicht auch
+=weil= sie's waren, enthusiasmirten sich über all und jedes, und
+jubelten, als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche
+zur Sprache brachte. Sonnenuntergang sei die schönste Stunde. Tante
+Marguerite freilich, die sich »vor dem unvernünftigen Viehe« fürchtete,
+wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirth aufs eindringlichste versichert
+hatte, »daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche,« nahm sie
+Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+Schach und Frau von Carayon folgten. Alles, was noch an dem
+Staketenzaune saß, sah ihnen nach.
+
+»Es ist nichts so fein gesponnen,« sagte Frau von Carayon und lachte.
+
+Schach sah sie fragend an.
+
+»Ja lieber Freund, ich weiß alles. Und niemand Geringeres als Tante
+Marguerite hat uns heute Mittag davon erzählt.«
+
+»Wovon?«
+
+»Von der Serenade. Die Carolath ist eine Dame von Welt und vor allem
+eine Fürstin. Und Sie wissen doch, was Ihnen nachgesagt wird, ›daß Sie
+der garstigsten _princesse_ vor der schönsten _bourgeoise_ den Vorzug
+geben würden.‹ Jeder garstigen Prinzeß sag ich. Aber zum Ueberfluß ist
+die Carolath auch noch schön. _Un teint de lys et de rose._ Sie werden
+mich eifersüchtig machen.«
+
+Schach küßte der schönen Frau die Hand. »Tante Marguerite hat Ihnen
+richtig berichtet, und Sie sollen nun alles hören. Auch das Kleinste.
+Denn, wenn es mir, wie zugestanden, eine Freude gewährt, einen solchen
+Abend unter meinen Erlebnissen zu haben, so gewährt es mir doch eine
+noch größere Freude, mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu
+können. Ihre Plaisanterien, die so kritisch und doch zugleich so voll
+guten Herzens sind, machen mir erst alles lieb und werth. Lächeln Sie
+nicht. Ach daß ich Ihnen alles sagen könnte. Theure Josephine, Sie sind
+mir das Ideal einer Frau: klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel,
+espritvoll und doch ohne Mocquanterie. Die Huldigungen, die mein =Herz=
+darbringt, gelten nach wie vor nur Ihnen, Ihnen, der Liebenswürdigsten
+und Besten. Und das ist Ihr höchster Reiz, meine theure Freundin, daß
+Sie nicht einmal wissen, wie gut Sie sind, und welch stille Macht Sie
+über mich üben.«
+
+Er hatte fast mit Bewegung gesprochen, und das Auge der schönen Frau
+leuchtete, während ihre Hand in der seinen zitterte. Rasch aber nahm sie
+den scherzhaften Ton wieder auf und sagte: »Wie gut Sie zu sprechen
+verstehen. Wissen Sie wohl, so gut spricht man nur aus der Verschuldung
+heraus.«
+
+»Oder aus dem Herzen. Aber lassen wir's bei der Verschuldung, die nach
+Sühne verlangt. Und zunächst nach Beichte. Deshalb kam ich gestern. Ich
+hatte vergessen, daß Ihr Empfangsabend war, und erschrak fast, als ich
+Bülow sah, und diesen aufgedunsenen Roturier, den Sander. Wie kommt er
+nur in Ihre Gesellschaft?«
+
+»Er ist der Schatten Bülows.«
+
+»Ein sonderbarer Schatten, der dreimal schwerer wiegt als der
+Gegenstand, der ihn wirft. Ein wahres Mammuth. Nur seine Frau soll ihn
+noch übertreffen, weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte, ›Sander,
+wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe, gehe nur dreimal um seine Frau
+herum.‹ Und =dieser= Mann Bülows Schatten! Wenn Sie lieber sagten, sein
+Sancho Pansa ....«
+
+»So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote?«
+
+»Ja, meine Gnädigste .... Sie wissen, daß es mir im allgemeinen
+widersteht, zu medisiren, aber dies ist _au fond_ nicht medisiren, ist
+eher Schmeichelei. Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher
+Enthusiast, und nun frag ich Sie, theuerste Freundin, läßt sich von
+Bülow dasselbe sagen? Enthusiast! Er ist excentrisch, nichts weiter, und
+das Feuer, das in ihm brennt, ist einfach das einer infernalen
+Eigenliebe.«
+
+»Sie verkennen ihn, lieber Schach. Er ist verbittert, gewiß; aber ich
+fürchte, daß er ein Recht hat, es zu sein.«
+
+»Wer an krankhafter Ueberschätzung leidet, wird immer tausend Gründe
+haben, verbittert zu sein. Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft,
+und predigt die billigste der Weisheiten, die Weisheit _post festum_.
+Lächerlich. An allem, was uns das letzte Jahr an Demüthigungen gebracht
+hat, ist, wenn man ihn hört, nicht der Uebermuth oder die Kraft unserer
+Feinde schuld, o nein, dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft
+unschwer haben begegnen können, wenn man sich unsrer Talente, will also
+sagen, der Talente Bülows rechtzeitig versichert hätte. Das unterließ
+die Welt, und daran geht sie zu Grunde. So geht es endlos weiter. Darum
+Ulm und darum Austerlitz. Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen, sich
+anders zugetragen, wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber,
+diesem Engel der Finsterniß, der sich Bonaparte nennt, die Lichtgestalt
+Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre. Mir widerwärtig. Ich
+hasse solche Fanfaronaden. Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe,
+wie von lächerlichen Größen, ich aber halte zu dem fridericianischen
+Satze, daß die Welt nicht sicherer auf den Schultern des Atlas ruht, als
+Preußen auf den Schultern seiner Armee.«
+
+Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt
+wurde, war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle
+gekommen, von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld
+hin sich abzweigte.
+
+»Das ist die Kürche,« sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol
+auf ein neugedecktes Thurmdach, dessen Roth aus allerlei Gestrüpp und
+Gezweig hervorschimmerte. Victoire bestätigte, was sich ohnehin nicht
+bestreiten ließ, und wandte sich gleich danach nach rückwärts, um die
+Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen, ob man den hier
+abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle? Frau von Carayon nickte
+zustimmend, und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung
+weiter. Ueberall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier,
+noch ehe die Saat heraus war, schon ihr Furchennest gebaut hatten, ganz
+zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld, das bis an die
+Kirchhofsmauer lief, und, außer einer spärlichen Grasnarbe, nichts
+aufwies, als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar
+musizirte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand.
+
+»Sieh, Victoire, das sind Binsen.«
+
+»Ja, liebe Tante.«
+
+»Kannst Du Dir denken, _ma chère_, daß, als ich jung war, die Binsen als
+kleine Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf
+einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen
+konnte ....«
+
+»Gewiß,« sagte Victoire. »Jetzt nimmt man Wachsfädchen, die man
+zerschneidet, und in ein Kartenstückchen steckt.«
+
+»Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, _des joncs_.
+Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl' ich es Dir. Denn sie müssen
+doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas
+Kienenes.«
+
+»Es ist wohl möglich,« antwortete Victoire, die der Tante nie
+widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin,
+in dem das Musiziren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber
+sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen
+Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der
+bellend und beißend an der Kleinen empor sprang. Dabei warf die Kleine,
+mitten im Lauf, einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden
+Kirchenschlüssel in die Luft, und fing ihn so geschickt wieder auf, daß
+weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh thun konnte. Zuletzt aber
+blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen, weil die
+niedergehende Sonne sie blendete.
+
+»Bist Du die Küsterstochter?« fragte Victoire.
+
+»Ja,« sagte das Kind.
+
+»Dann bitte, gieb uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns
+die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die
+Herrschaften da.«
+
+»Gerne,« sagte das Kind und lief wieder vorauf, überkletterte die
+Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und
+Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem
+sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten.
+
+Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über
+verfallene Gräber weg, die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand
+berührt hatte; nirgends zeigte sich ein Blatt, und nur unmittelbar neben
+der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt.
+Victoire bückte sich, um hastig davon zu pflücken, und als Schach und
+Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des
+Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter
+die Veilchen.
+
+Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf
+dem Schwellstein; als aber beide Paare heran waren, erhob sie sich rasch
+und trat, allen vorauf, in die Kirche, deren Chorstühle fast so schräg
+standen, wie die Grabkreuze draußen. Alles wirkte kümmerlich und
+zerfallen, der eben sinkende Sonnenball aber, der hinter den nach Abend
+zu gelegenen Fenstern stand, übergoß die Wände mit einem röthlichen
+Schimmer und erneuerte, für Augenblicke wenigstens, die längst blind
+gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der
+katholischen Zeit her, ihr Dasein fristeten. Es konnte nicht ausbleiben,
+daß das genferisch reformirte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie
+dieser »Götzen« ansichtig wurde, Schach aber, der unter seine
+Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob
+nicht vielleicht alte Grabsteine da wären?
+
+»Einer ist da,« sagte die Kleine. »Dieser hier,« und wies auf ein
+abgetretenes, aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild, das
+aufrecht in einen Pfeiler, dicht neben dem Altar, eingemauert war. Es
+war ersichtlich ein Reiteroberst.
+
+»Und wer ist es?« fragte Schach.
+
+»Ein Tempelritter,« erwiderte das Kind, »und hieß der Ritter von
+Tempelhof. Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen, weil
+er wollte, daß er ihm ähnlich werden sollte.«
+
+Hier nickte das Tantchen zustimmend, weil das Aehnlichkeitsbedürfniß des
+angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen
+traf.
+
+»Und er baute diese Kirche,« fuhr die Kleine fort, »und baute zuletzt
+auch das Dorf, und nannt es Tempelhof, weil er selber Tempelhof hieß.
+Und die Berliner sagen »Templow«. Aber es ist falsch.«
+
+All das nahmen die Damen in Andacht hin, und nur Schach, der neugierig
+geworden war, fragte weiter »ob sie nicht das ein oder andre noch aus
+den Lebzeiten des Ritters wisse?«
+
+»Nein, aus seinen Lebzeiten nicht. Aber nachher.«
+
+Alle horchten auf, am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende
+Tantchen, die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort: »Ob es alles so
+wahr ist, wie die Leute sagen, das weiß ich nicht. Aber der alte
+Kossäthe Maltusch hat es noch mit erlebt.«
+
+»Aber was denn, Kind?«
+
+»Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre, bis es ihn ärgerte, daß
+die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden, und ihm das
+Gesicht abschurrten, wenn sie zum Abendmahl gingen. Und der alte
+Maltusch, der jetzt ins neunzigste geht, hat mir und meinem Vater
+erzählt, er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört, daß es noch
+mitunter so gepoltert und gerollt hätte, wie wenn es drüben über
+Schmargendorf donnert.«
+
+»Wohl möglich.«
+
+»Aber sie verstanden nicht, was das Poltern und Rollen bedeutete,« fuhr
+die Kleine fort. »Und so ging es bis das Jahr, wo der russische General,
+dessen Namen ich immer vergesse, hier auf dem Tempelhofer Felde lag. Da
+kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen
+wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben. Und nahm auch schon das
+Kreidestück. Aber da sah er mit einem Male, daß die Zahlen schon
+weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem
+Bibelspruch, Kapitel und Vers, mit angeschrieben waren. Alles altmodisch
+und undeutlich, und nur so grade noch zu lesen. Und als sie
+nachschlugen, da fanden sie: ›Du sollst Deinen Todten in Ehren halten
+und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz.‹ Und nun wußten sie, wer die
+Zahlen geschrieben, und nahmen den Stein auf, und mauerten ihn in diesen
+Pfeiler.«
+
+»Ich finde doch,« sagte Tante Marguerite, die, je schrecklicher sie sich
+vor Gespenstern fürchtete, desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt,
+»ich finde doch, die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben thun.«
+Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab,
+und ging mit Frau von Carayon, die, was Gespensterfurcht anging, mit dem
+Tantchen wetteifern konnte, wieder dem Ausgange zu.
+
+Schach folgte mit Victoire, der er den Arm gereicht hatte.
+
+»War es wirklich ein Tempelritter?« fragte diese. »Meine
+Tempelritter-Kenntniß beschränkt sich freilich nur auf den =einen= im
+›Nathan,‹ aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht =zu= willkürlich
+behandelt hat, so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen
+haben. Hab ich Recht?«
+
+»=Immer= Recht, meine liebe Victoire.« Und der Ton dieser Worte traf ihr
+Herz und zitterte darin nach, ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen
+wäre.
+
+»Wohl. Aber wenn kein Templer, was =dann=?« fragte sie weiter und sah
+ihn zutraulich und doch verlegen an.
+
+»Ein Reiteroberst aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Oder
+vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin. Ich las sogar seinen
+Namen: Achim von Haake.«
+
+»So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen?«
+
+»Nicht eigentlich das, oder wenigstens nicht in allem. Es ist erwiesen,
+daß wir Templer in diesem Lande hatten, und die Kirche hier mit ihren
+vorgothischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage
+zurückreichen. So viel ist glaubhaft.«
+
+»Ich höre so gern von diesem Orden.«
+
+»Auch ich. Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten
+heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und
+interessanteste. Sie wissen, was ihm vorgeworfen wird: Götzendienst,
+Verleugnung Christi, Laster aller Art. Und ich fürchte mit Recht. Aber
+groß wie seine Schuld, so groß war auch seine Sühne, ganz dessen zu
+geschweigen, daß auch hier wieder der unschuldig Ueberlebende die Schuld
+voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte. Das Loos und Schicksal
+aller Erscheinungen, die sich, auch da noch wo sie fehlen und irren, dem
+Alltäglichen entziehn. Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden,
+all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet, schließlich in einem
+wiedergewonnenen Glorienschein zu Grunde gehen. Es war der Neid, der ihn
+tödtete, der Neid und der Eigennutz, und schuldig oder nicht, mich
+überwältigt seine Größe.«
+
+Victoire lächelte. »Wer Sie so hörte, lieber Schach, könnte meinen,
+einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen. Und doch war es ein
+mönchischer Orden, und mönchisch war auch sein Gelübde. Hätten Sie's
+vermocht als Templer zu leben und zu sterben?«
+
+»Ja.«
+
+»Vielleicht verlockt durch das Kleid, das noch kleidsamer war, als die
+Supra-Weste der Gensdarmes.«
+
+»Nicht durch das Kleid, Victoire. Sie verkennen mich. Glauben Sie mir,
+es lebt etwas in mir, das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt.«
+
+»Um es zu halten?«
+
+Aber eh er noch antworten konnte, fuhr sie rasch in wieder scherzhafter
+werdendem Tone fort: »Ich glaube Philipp le Bel hat den Orden auf dem
+Gewissen. Sonderbar, daß alle historischen Personen, die den Beinamen
+des ›=Schönen=‹ führen, mir unsympathisch sind. Und ich hoffe, nicht aus
+Neid. Aber die Schönheit, das muß wahr sein, macht selbstisch, und wer
+selbstisch ist, ist undankbar und treulos.«
+
+Schach suchte zu widerlegen. Er wußte, daß sich Victoirens Worte, so
+sehr sie Piquanterien und Andeutungen liebte, ganz unmöglich gegen =ihn=
+gerichtet haben konnten. Und darin traf er's auch. Es war alles nur _jeu
+d'esprit_, eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophiren. Und
+doch, alles was sie gesagt hatte, so gewiß es absichtslos gesagt worden
+war, so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus
+gesprochen worden.
+
+Als ihr Streit schwieg, hatte man den Dorfeingang erreicht, und Schach
+hielt, um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite, die sich beide
+versäumt hatten, zu warten.
+
+Als sie heran waren, bot er der Frau von Carayon den Arm, und führte
+=diese= bis an das Gasthaus zurück.
+
+Victoire sah ihnen betroffen nach, und sann nach über den Tausch, den
+Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte. »Was war
+das?« Und sie verfärbte sich, als sie sich, aus einem plötzlichen
+Argwohn heraus, die selbstgestellte Frage beantwortet hatte.
+
+Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr, und
+man gab es um so leichter und lieber auf, als es inzwischen kühl
+geworden und der Wind, der den ganzen Tag über geweht hatte, nach
+Nordwesten hin umgesprungen war.
+
+Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus, »um nicht gegen dem Winde zu
+fahren.«
+
+Niemand widersprach. So nahm sie denn den erbetenen Platz, und während
+jeder in Schweigen überdachte, was ihm der Nachmittag gebracht hatte,
+ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück.
+
+Diese lag schon in Dämmer als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe
+gekommen war und nur die beiden Gensdarmenthürme ragten noch mit ihren
+Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt.
+
+
+Berlin, den 3. Mai. _Ma chère Lisette._
+
+Wie froh war ich, endlich von Dir zu hören, und so Gutes. Nicht als ob
+ich es anders erwartet hätte; wenige Männer hab ich kennen gelernt, die
+mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen, wie der
+Deinige. Gesund, wohlwollend, anspruchslos, und von jenem schönen
+Wissens- und Bildungsmaß, das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig
+vermeidet. Wobei ein »Zuviel« das vielleicht noch gefährlichere ist.
+Denn junge Frauen sind nur zu geneigt, die Forderung zu stellen »Du
+sollst keine andren Götter haben neben mir.« Ich sehe das beinah täglich
+bei Rombergs, und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten
+wenig Dank, daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten
+und Toiletten vergißt.
+
+Was mir allein eine Sorge machte, war Deine neue masurische Heimat, ein
+Stück Land, das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert
+Seen und Sümpfen vorgestellt habe. Da dacht ich denn, diese neue Heimat
+könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen, das dann
+immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Thränen ist. Und
+davor, so hab ich mir sagen lassen, erschrecken die Männer. Aber ich
+sehe zu meiner herzlichen Freude, daß Du auch =dieser= Gefahr entgangen
+bist, und daß die Birken, die Dein Schloß umstehn, grüne Pfingstmaien
+und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+mir gelegentlich schreiben. Es gehört zu den Dingen, die mich immer
+neugierig gemacht haben, und die kennen zu lernen mir bis diesen
+Augenblick versagt geblieben ist.
+
+Und nun soll ich Dir über =uns= berichten. Du frägst theilnehmend nach
+all und jedem, und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester
+Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören. Ich könnte Dir
+gerade =davon= erzählen, denn es sind keine drei Tage, daß wir
+(wenigstens von diesen Verwechslungen) ein gerüttelt und geschüttelt Maß
+gehabt haben.
+
+Es war auf einer Spazierfahrt, die Herr von =Schach= mit uns machte,
+nach Tempelhof, und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte,
+weil es ihr Tag war. Du weißt, daß wir sie jeden Dienstag als Gast in
+unsrem Hause sehn. Sie war denn auch mit uns in der »Kürche«, wo sie,
+beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her, nicht
+nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang, sondern sich mit
+eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte, wie wenn dieser
+im Konsistorium säße. Und da leg ich denn (weil ich nun mal die Tugend
+oder Untugend habe, mir alles gleich leibhaftig vorzustellen) während
+des Schreibens die Feder hin, um mich erst herzlich auszulachen. _Au
+fond_ freilich ist es viel weniger lächerlich, als es im ersten
+Augenblick erscheint. Er hat etwas konsistorialräthlich Feierliches, und
+wenn mich nicht alles täuscht, so ist es gerade dies Feierliche, was
+Bülow so sehr gegen ihn einnimmt. Viel, viel mehr als der Unterschied
+der Meinungen.
+
+Und beinah klingt es, als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow
+anschlösse. Wirklich, wüßtest Du's nicht besser, Du würdest dieser
+Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können, wie sehr ich ihn
+schätze. Ja, mehr denn je, trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht
+fehlt. Aber in meiner Lage lernt man milde sein, sich trösten, verzeihn.
+Hätt ich es =nicht= gelernt, wie könnt ich leben, =ich=, die ich so gern
+lebe! Eine Schwäche, die (wie ich einmal gelesen) alle diejenigen haben
+sollen, von denen man es am wenigsten begreift.
+
+Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen, und es drängt mich, Dir davon
+zu erzählen.
+
+Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt. Als wir den Gang aus dem
+Dorf in die Kirche machten, führte Schach Mama. Nicht zufällig, es war
+arrangirt, und zwar durch =mich=. Ich ließ beide zurück, weil ich eine
+Aussprache (Du weißt =welche=) zwischen beiden herbeiführen wollte.
+Solche stillen Abende, wo man über Feld schreitet, und nichts hört als
+das Anschlagen der Abendglocke, heben uns über kleine Rücksichten fort
+und machen uns freier. Und sind wir erst =das=, so findet sich auch das
+rechte Wort. Was zwischen ihnen gesprochen wurde, weiß ich nicht,
+jedenfalls nicht =das=, was gesprochen werden sollte. Zuletzt traten wir
+in die Kirche, die vom Abendroth wie durchglüht war, alles gewann Leben,
+und es war unvergeßlich schön. Auf dem Heimwege tauschte Schach, und
+führte =mich=. Er sprach sehr anziehend, und in einem Tone, der mir
+ebenso wohlthat, als er mich überraschte. Jedes Wort ist mir noch in der
+Erinnerung geblieben, und giebt mir zu denken. Aber was geschah? Als wir
+wieder am Eingange des Dorfes waren, wurd er schweigsamer, und wartete
+auf die Mama. Dann bot er =ihr= den Arm, und so gingen sie durch das
+Dorf nach dem Gasthause zurück, wo die Wagen hielten und viele Leute
+versammelt waren. Es gab mir einen Stich durchs Herz, denn ich konnte
+mich des Gedankens nicht erwehren, daß es ihm peinlich gewesen sei, mit
+=mir= und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen. In seiner
+Eitelkeit, von der ich ihn nicht freisprechen kann, ist es ihm
+unmöglich, sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen, und ein
+spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche. So selbstbewußt er
+ist, so schwach und abhängig ist er in diesem =einen= Punkte. Vor
+niemandem in der Welt, auch vor der Mama nicht, würd ich ein solches
+Bekenntniß ablegen, aber =Dir= gegenüber mußt ich es. Hab ich Unrecht,
+so sage mir, daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe, so halte
+mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten, und sei versichert, daß
+ich sie mit dankbarem Auge lesen werde. Denn all seiner Eitelkeit
+unerachtet, schätz ich ihn wie keinen andern. Es ist ein Satz, daß
+Männer nicht eitel sein dürfen, weil Eitelkeit lächerlich mache. Mir
+scheint dies übertrieben. Ist aber der Satz dennoch richtig, so bedeutet
+Schach eine Ausnahme. Ich hasse das Wort »ritterlich« und habe doch kein
+anderes für ihn. =Eines= ist er vielleicht noch mehr, diskret,
+imponirend, oder doch voll natürlichen Ansehns, und sollte sich mir
+=das= erfüllen, was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche, so
+würd es mir nicht schwer werden, mich in eine Respektsstellung zu ihm
+hinein zu finden.
+
+Und dazu noch eins. Du hast ihn nie für sehr gescheidt gehalten, und ich
+meinerseits habe nur schüchtern widersprochen. Er hat aber doch die
+beste Gescheidtheit, die mittlere, dazu die des redlichen Mannes. Ich
+empfinde dies jedesmal, wenn er seine Fehde mit Bülow führt. So sehr ihm
+dieser überlegen ist, so sehr steht er doch hinter ihm zurück. Dabei
+fällt mir mitunter auf, wie der Groll, der sich in unserm Freunde regt,
+ihm eine gewisse Schlagfertigkeit, ja, selbst Esprit verleiht. Gestern
+hat er Sander, dessen Persönlichkeit Du kennst, den Bülowschen Sancho
+Pansa genannt. Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst,
+und ich find es nicht übel.
+
+Sanders Publikationen machen mehr von sich reden, denn je; die Zeit
+unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Litteratur.
+Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen,
+die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes
+ausgepriesen werden. Alles richtet sich gegen Oesterreich, und beweist
+aufs neue, daß wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf.
+Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen, wie er's nennt, und
+wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu, Kupferstichen und
+Rennpferden. Sein kleiner Groom wird immer kleiner. Was bei den
+Chinesinnen die kleinen Füße sind, sind bei den Grooms die kleinen
+Proportionen überhaupt. Ich meinerseits verhalte mich ablehnend gegen
+beide, ganz besonders aber gegen die chinesisch eingeschnürten Füßchen,
+und bin umgekehrt froh, in einem bequemen Pantoffel zu stecken. Führen,
+schwingen werd' ich ihn nie; das überlasse ich meiner theuren Lisette.
+Thu' es mit der Milde, die Dir eigen ist. Empfiehl mich Deinem theuren
+Manne, der nur den =einen= Fehler hat, Dich mir entführt zu haben. Mama
+grüßt und küßt ihren Liebling, ich aber lege Dir den Wunsch ans Herz,
+vergiß in der Fülle des Glücks, die Dir zu Theil wurde, nicht =ganz=
+Deine, wie Du weißt auf ein bloßes Pflichttheil des Glückes gesetzte
+=Victoire=.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Bei Prinz Louis.
+
+
+An demselben Abend, an dem Victoire von Carayon ihren Brief an Lisette
+von Perbandt schrieb, empfing Schach in seiner in der Wilhelmstraße
+gelegenen Wohnung ein Einladungsbillet von der Hand des Prinzen Louis.
+
+Es lautete:
+
+»Lieber Schach. Ich bin erst seit drei Tagen hier im Moabiter Land und
+dürste bereits nach Besuch und Gespräch. Eine Viertelmeile von der
+Hauptstadt, hat man schon die Hauptstadt nicht mehr und verlangt nach
+ihr. Darf ich für morgen auf Sie rechnen? Bülow und sein verlegerischer
+Anhang haben zugesagt, auch Massenbach und Phull. Also lauter
+Opposition, die mich erquickt, auch wenn ich sie bekämpfe. Von Ihrem
+Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+Interimsrock und um fünf Uhr. Ihr =Louis=, Prinz von Pr.«
+
+Um die festgesetzte Stunde fuhr Schach, nachdem er Alvensleben und
+Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+rechten Flußufer, umgeben von Wiesen und Werftweiden, und hatte die
+Front, über die Spree fort, auf die Westlisière des Thiergartens.
+Anfahrt und Aufgang waren von der Rückseite her. Eine breite, mit
+Teppich belegte Treppe führte bis auf ein Podium und von diesem auf
+einen Vorflur, auf dem die Gäste vom Prinzen empfangen wurden. Bülow und
+Sander waren bereits da, Massenbach und Phull dagegen hatten sich
+entschuldigen lassen. Schach war es zufrieden, fand schon Bülow mehr als
+genug, und trug kein Verlangen die Zahl der Genialitätsleute verstärkt
+zu sehen. Es war heller Tag noch, aber in dem Speisesaal, in den sie von
+dem Vestibul aus eintraten, brannten bereits die Lichter und waren
+(übrigens bei offenstehenden Fenstern) die Jalousien geschlossen. Zu
+diesem künstlich hergestellten Licht, in das sich von außen her ein
+Tagesschimmer mischte, stimmte das Feuer, in dem in der Mitte des Saales
+befindlichen Kamine. Vor eben diesem, ihm den Rücken zukehrend, saß der
+Prinz, und sah, zwischen den offenstehenden Jalousiebrettchen hindurch,
+auf die Bäume des Thiergartens.
+
+»Ich bitte fürlieb zu nehmen,« begann er, als die Tafelrunde sich
+arrangirt hatte. »Wir sind hier auf dem Lande, das muß als
+Entschuldigung dienen, für alles was fehlt. ›_A la guerre, comme à la
+guerre._‹ Massenbach, unser Gourmé, muß übrigens etwas derart geahnt,
+respektive gefürchtet haben. Was mich auch nicht überraschen würde.
+Heißt es doch, lieber Sander, Ihr guter Tisch habe mehr noch als Ihr
+guter Verlag die Freundschaft zwischen Ihnen besiegelt.«
+
+»Ein Satz, dem ich kaum zu widersprechen wage, Königliche Hoheit.«
+
+»Und doch =müßten= Sie's eigentlich. Ihr ganzer Verlag hat keine Spur
+von jenem ›_laisser passer_,‹ das das Vorrecht, ja, die Pflicht aller
+gesättigten Leute ist. Ihre Genies (Pardon, Bülow) schreiben alle wie
+Hungrige. Meinetwegen. Unsre Paradeleute geb ich Ihnen Preis, aber daß
+Sie mir auch die Oesterreicher so schlecht behandeln, das mißfällt mir.«
+
+»Bin =ich= es, Königliche Hoheit? Ich, für meine Person, habe nicht die
+Prätension höherer Strategie. Nebenher freilich, möcht ich, so zu sagen
+aus meinem Verlage heraus, die Frage stellen dürfen: »war Ulm etwas
+Kluges?«
+
+»Ach, mein lieber Sander, was ist klug? Wir Preußen bilden uns beständig
+ein, es zu sein; und wissen Sie, was Napoleon über unsre vorjährige
+thüringische Aufstellung gesagt hat? Nostitz, wiederholen Sie's!.... Er
+will nicht. Nun, so muß ich es selber thun. ›_Ah, ces Prussiens_‹ hieß
+es, ›_ils sont encore =plus= stupides, que les Autrichiens_‹. Da haben
+Sie Kritik über unsere vielgepriesene Klugheit, noch dazu Kritik von
+einer allerberufensten Seite her. Und hätt er's damit getroffen, so
+müßten wir uns schließlich zu dem Frieden noch beglückwünschen, den uns
+Haugwitz erschachert hat. Ja, erschachert. Erschachert, indem er für ein
+Mitbringsel unsre Ehre preisgab. Was sollen wir mit Hannover? Es ist der
+Brocken, an dem der preußische Adler ersticken wird.«
+
+»Ich habe zu der Schluck- und Verdauungskraft unsres preußischen Adlers
+ein besseres Vertrauen,« erwiderte Bülow. »Gerade =das= kann er und
+versteht er von alten Zeiten her. Indessen =darüber= mag sich streiten
+lassen; worüber sich aber =nicht= streiten läßt, das ist der Friede, den
+uns Haugwitz gebracht hat. Wir brauchen ihn wie das tägliche Brot und
+mußten ihn haben, so lieb uns unser Leben ist. Königliche Hoheit haben
+freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit
+überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von
+jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.«
+
+»Ah, Lombard! Den Lombard nehm ich nicht ernsthaft, und stell ihm
+außerdem noch in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er
+eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie wissen doch, sein Vater
+war =Friseur= und seiner Frau Vater ein =Barbier=. Und nun kommt eben
+diese Frau, die nicht nur eitel ist bis zum Närrischwerden, sondern auch
+noch schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei:
+›_L'hirondelle =frise= la surface des eaux_‹ oder ›_l'hirondelle =rase=
+la surface des eaux_?‹ Und was antwortet er? ›Ich sehe keinen
+Unterschied, meine Theure; _l'hirondelle =frise=_ huldigt =meinem= Vater
+und _l'hirondelle =rase=_ dem =Deinigen=.‹ In diesem Bonmot haben Sie
+den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen
+offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen
+kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.«
+
+»Vielleicht, daß sich ein Gleiches auch von Haugwitz sagen ließe, zum
+Guten wie zum Schlimmen. Und wirklich, ich geb Eurer Königlichen Hoheit
+den =Mann= preis. Aber =nicht= seine Politik. Seine Politik ist gut,
+denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen
+das besser als ich. Wie steht es denn in Wahrheit mit unsren Kräften?
+Wir leben von der Hand in den Mund und warum? weil der Staat Friedrichs
+des Großen nicht ein Land mit einer Armee, sondern eine Armee mit einem
+Lande ist. Unser Land ist nur Standquartier und Verpflegungsmagazin. In
+sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es;
+aber Kriege führen dürfen nur solche Länder, die Niederlagen ertragen
+können. Das können wir =nicht=. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und
+wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt.
+Ein Hauch kann uns tödten, gerad auch =uns=. ›Er blies, und die Armada
+zerstob in alle vier Winde.‹ _Afflavit Deus et dissipati sunt._«
+
+»Herr von Bülow,« unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung
+verzeihn. Er wird doch, denk ich, in dem Höllenbrodem, der jetzt über
+die Welt weht, nicht den Odem Gottes erkennen wollen, nicht =den=, der
+die Armada zerblies.«
+
+»=Doch=, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes
+im Spezialdienste des Protestantismus, oder gar Preußens und seiner
+Armee steht?«
+
+»Ich hoffe, ja.«
+
+»Und ich fürchte, =nein=. Wir haben die ›propreste Armee‹, das ist
+alles. Aber mit der ›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern
+sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald
+ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre
+Leute‹ hieß es. ›Da seh' er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, =aber
+beißen=‹. Ich fürchte, wir haben jetzt zu viel Lehwaldsche Regimenter
+und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und
+Spielerei geworden. Giebt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit
+und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen.
+Alles Unnatur. Selbst das Marschiren-können, diese ganz gewöhnliche
+Fähigkeit des Menschen, die Beine zu setzen, ist uns in dem ewigen
+Paradeschritt verloren gegangen. Und Marschiren-können ist jetzt die
+erste Bedingung des Erfolges. Alle modernen Schlachten sind mit den
+Beinen gewonnen worden.«
+
+»Und mit =Gold=,« unterbrach hier der Prinz. »Ihr großer Empereur,
+lieber Bülow, hat eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für
+allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in
+der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geöffnet? Er
+selber. Lesen Sie, was er unmittelbar vor der Austerlitzer Bataille
+sagte. ›Soldaten‹ hieß es, ›der Feind wird marschiren und unsre Flanke
+zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige
+preisgeben. Wir werden uns auf diese seine Flanke werfen, und ihn
+schlagen und vernichten.‹ Und genau so verlief die Schlacht. Es ist
+unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Oesterreicher auch
+schon ihren Schlachtplan errathen haben könnte.«
+
+Man schwieg. Da dies Schweigen aber dem lebhaften Prinzen um vieles
+peinlicher war als Widerspruch, so wandt er sich direkt an Bülow und
+sagte: »Widerlegen Sie mich.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte
+genau was geschehen werde, =konnt= es wissen, weil er sich die Frage
+›was thut hier die =Mittelmäßigkeit=‹ in vorausberechnender Weise nicht
+blos gestellt, sondern auch beantwortet hatte. Die höchste Dummheit, wie
+zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste
+Klugheit, -- das ist eine von den großen Seiten der echten und
+unverfälschten Stupidität. Aber jene ›Mittelklugen‹, die gerade klug
+genug sind, um von der Lust ›es auch einmal mit etwas Geistreichem zu
+probiren‹, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am
+leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode
+mitmachen und heute kopiren, was sie gestern sahn. Und das alles wußte
+der Kaiser. _Hic haeret._ Er hat sich nie glänzender bewährt, als in
+dieser Austerlitzer Aktion, auch im Nebensächlichen nicht, auch nicht in
+jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+die so recht eigentlich das Kennzeichen des Genies sind.«
+
+»Ein Beispiel.«
+
+»Eines für hundert. Als das Centrum schon durchbrochen war, hatte sich
+ein Theil der russischen Garde, vier Bataillone, nach ebenso viel
+gefrorenen Teichen hin zurückgezogen, und eine französische Batterie
+fuhr auf, um mit Kartätschen in die Bataillone hineinzufeuern. In diesem
+Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere
+der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit
+Vollkugeln auf das =Eis= zu schießen. Eine Minute später und das Eis
+barst und brach, und alle vier Bataillone gingen _en carré_ in die
+morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das
+Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen, es bei nächster
+Gelegenheit ebenso zu machen, aber wenn Kutusow auf Eis wartet, wird er
+plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Oesterreich-russische Tapferkeit
+in Ehren, nur nicht ihr Ingenium. Irgendwo heißt es: ›In meinem
+Wolfstornister, Regt sich des Teufels Küster, Ein =Kobold=, heißt
+›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+›Kobold und Teufelsküster‹ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies
+Manko zu kassiren, bedient man sich der alten, elenden Trostgründe:
+Bestechung und Verrätherei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund
+seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich =in sich
+selbst= zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf
+ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.«
+
+»Und wer wollt ihm darüber zürnen?« antwortete Schach. »Er that das
+seine, ja mehr. Als die Höhe schon verloren und doch andrerseits die
+Möglichkeit einer Wiederherstellung der Schlacht noch nicht geschwunden
+war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein
+Pferd ward ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg ein zweites, und
+eine halbe Stunde lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der
+Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in
+enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.«
+
+Der Prinz, der, bei der vorjährigen Berliner Anwesenheit des
+unausgesetzt als _deliciae generis humani_ gepriesenen Kaisers, keinen
+allzu günstigen Eindruck von ihm empfangen hatte, fand es einigermaßen
+unbequem, den »liebenswürdigsten der Menschen« auch noch zum
+»heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine
+kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir doch, lieber Schach,
+als ob Sie französischen Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als
+ihnen beizulegen =ist=. Die Franzosen sind kluge Leute. Je mehr Rühmens
+sie von ihrem Gegner machen, desto größer wird ihr eigner Ruhm, und
+dabei schweig ich noch von allen möglichen politischen Gründen, die
+jetzt sicherlich mitsprechen. ›Man soll seinem Feinde goldene Brücken
+bauen‹, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn, wer heute mein
+Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der That, es spukt
+schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin, so verhandelt
+man bereits über eine neue Theilung der Welt, will sagen über die
+Wiederherstellung eines morgenländischen und abendländischen
+Kaiserthums. Aber lassen wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und
+erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus
+dem Rechnungssatze: ›wenn der unterlegene russische Muth einen vollen
+Centner wog, so wog der siegreich französische natürlich =zwei=‹.«
+
+Schach, der, seit Kaiser Alexanders Besuch in Berlin, das Andreaskreuz
+trug, biß sich auf die Lippen und wollte repliziren. Aber Bülow kam ihm
+zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem Leibe erschossene Kaiserpferde‹
+bin ich überhaupt immer mißtrauisch. Und nun gar hier. All diese
+Lobeserhebungen müssen Seine Majestät sehr in Verlegenheit gebracht
+haben, denn es giebt ihrer zu viele, die das Gegentheil bezeugen können.
+Er ist der ›gute Kaiser‹ und damit Basta.«
+
+»Sie sprechen das so spöttisch, Herr von Bülow,« antwortete Schach. »Und
+doch frag ich Sie, giebt es einen schöneren Titel?«
+
+»O gewiß giebt es den. Ein =wirklich= großer Mann wird nicht um seiner
+Güte willen gefeiert und noch weniger danach benannt. Er wird umgekehrt
+ein Gegenstand beständiger Verleumdungen sein. Denn das Gemeine, das
+überall vorherrscht, liebt nur das, was ihm gleicht. Brenkenhof, der,
+trotz seiner Paradoxien, mehr gelesen werden sollte, als er gelesen
+wird, behauptet geradezu, ›daß in unserm Zeitalter die besten Menschen
+die schlechteste Reputation haben müßten‹. Der gute Kaiser! Ich bitte
+Sie. Welche Augen wohl König Friedrich gemacht haben würde, wenn man ihn
+den ›guten Friedrich‹ genannt hätte.«
+
+»Bravo, Bülow,« sagte der Prinz, und grüßte mit dem Glase hinüber. »Das
+ist mir aus der Seele gesprochen.«
+
+Aber es hätte dieses Zuspruches nicht bedurft. »Alle Könige,« fuhr Bülow
+in wachsendem Eifer fort, »die den Beinamen des ›guten‹ führen, sind
+solche, die das ihnen anvertraute Reich zu Grabe getragen oder doch bis
+an den Rand der Revolution gebracht haben. Der letzte König von Polen
+war auch ein sogenannter ›guter‹. In der Regel haben solche
+Fürstlichkeiten einen großen Harem und einen kleinen Verstand. Und geht
+es in den Krieg, so muß irgend eine Kleopatra mit ihnen, gleichviel mit
+oder ohne Schlange.«
+
+»Sie meinen doch nicht, Herr von Bülow,« entgegnete Schach, »durch
+Auslassungen wie =diese=, den Kaiser Alexander charakterisirt zu haben.«
+
+»Wenigstens annähernd.«
+
+»Da wär ich doch neugierig.«
+
+»Es ist zu diesem Behufe nur nöthig, sich den letzten Besuch des Kaisers
+in Berlin und Potsdam zurückzurufen. Um was handelte sich's? Nun,
+anerkanntermaßen um nichts Kleines und Alltägliches, um Abschluß eines
+Bündnisses auf Leben und Tod, und wirklich, bei Fackellicht trat man in
+die Gruft Friedrichs des Großen, um sich, über dem Sarge desselben, eine
+halbmystische Blutsfreundschaft zuzuschwören. Und was geschah
+unmittelbar danach? Ehe drei Tage vorüber waren, wußte man, daß der aus
+der Gruft Friedrichs des Großen glücklich wieder ans Tageslicht
+gestiegene Kaiser, die fünf anerkanntesten _beautés_ des Hofes in eben
+so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+_beauté triviale_, _beauté céleste_ und _beauté du diable_, und endlich
+fünftens ›_beauté, qui inspire seul du vrai sentiment_‹. Wobei wohl
+jeden die Neugier angewandelt haben mag, das Allerhöchste ›_vrai
+sentiment_‹ kennen zu lernen.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Ein neuer Gast.
+
+
+All diese Sprünge Bülows hatten die Heiterkeit des Prinzen erregt, der
+denn auch eben mit einem ihm bequem liegenden Capriccio über _beauté
+céleste_ und _beauté du diable_ beginnen wollte, als er, vom Korridor
+her, unter dem halbzurückgeschlagenen Portièrenteppich, einen ihm
+wohlbekannten kleinen Herrn von unverkennbaren Künstlerallüren
+erscheinen und gleich danach eintreten sah.
+
+»Ah, Dussek, das ist brav,« begrüßte ihn der Prinz. »_Mieux vaut tard
+que jamais._ Rücken Sie ein. Hier. Und nun bitt ich alles was an
+Süßigkeiten noch da ist, in den Bereich unsres Künstlerfreundes bringen
+zu wollen. Sie finden noch _tutti quanti_, lieber Dussek. Keine
+Einwendungen. Aber was trinken Sie? Sie haben die Wahl. Asti,
+Montefiascone, Tokayer.«
+
+»Irgend einen Ungar.«
+
+»Herben?«
+
+Dussek lächelte.
+
+»Thörichte Frage,« korrigirte sich der Prinz und fuhr in gesteigerter
+guter Laune fort: »Aber nun, Dussek, erzählen Sie. Theaterleute haben,
+die Tugend selber ausgenommen, allerlei Tugenden, und unter diesen auch
+=die= der Mittheilsamkeit. Sie bleiben einem auf die Frage ›was Neues‹
+selten eine Antwort schuldig.«
+
+»Und auch heute nicht, Königliche Hoheit,« antwortete Dussek, der,
+nachdem er genippt hatte, eben sein Bärtchen putzte.
+
+»Nun, so lassen Sie hören. Was schwimmt obenauf?«
+
+»Die ganze Stadt ist in Aufregung. Versteht sich, wenn ich sage, ›die
+ganze Stadt‹, so mein ich das Theater.«
+
+»Das Theater =ist= die Stadt. Sie sind also gerechtfertigt. Und nun
+weiter.«
+
+»Königliche Hoheit befehlen. Nun denn, wir sind in unsrem Haupt und
+Führer empfindlich gekränkt worden und haben denn auch aus eben diesem
+Grunde nicht viel weniger als eine kleine Theateremeute gehabt. =Das=
+also, hieß es, seien die neuen Zeiten, =das= sei das bürgerliche
+Regiment, =das= sei der Respekt vor den preußischen ›_belles lettres et
+beaux arts_.‹ Eine ›Huldigung der Künste‹ lasse man sich gefallen, aber
+eine Huldigung =gegen= die Künste, die sei so fern wie je.«
+
+»Lieber Dussek,« unterbrach der Prinz, »Ihre Reflexionen in Ehren. Aber
+da Sie gerade von Kunst sprechen, so muß ich Sie bitten, die Kunst der
+Retardirung nicht übertreiben zu wollen. Wenn es also möglich ist,
+Thatsachen. Um was handelt es sich?«
+
+»Iffland ist gescheitert. Er wird den Orden, von dem die Rede war,
+=nicht= erhalten.«
+
+Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+»_Parturiunt montes nascetur ridiculus mus._«
+
+Aber Dussek war in wirklicher Erregung, und diese wuchs noch unter der
+Heiterkeit seiner Zuhörer. Am meisten verdroß ihn Sander. »Sie lachen,
+Sander. Und doch trifft es in diesem Kreise nur Sie und mich. Denn gegen
+wen anders ist die Spitze gerichtet, als gegen das Bürgerthum
+überhaupt.«
+
+Der Prinz reichte dem Sprecher über den Tisch hin die Hand. »Recht,
+lieber Dussek. Ich liebe solch Eintreten. Erzählen Sie. Wie kam es?«
+
+»Vor allem ganz unerwartet. Wie ein Blitz aus heitrem Himmel. Königliche
+Hoheit wissen, daß seit lange von einer Dekorirung die Rede war, und wir
+freuten uns, alles Künstlerneides vergessend, als ob wir den Orden
+mitempfangen und mittragen sollten. In der That, alles ließ sich gut an,
+und die ›Weihe der Kraft‹, für deren Aufführung der Hof sich
+interessirt, sollte den Anstoß und zugleich die spezielle Gelegenheit
+geben. Iffland ist Maçon (auch =das= ließ uns hoffen), die Loge nahm es
+energisch in die Hand, und die Königin war gewonnen. Und nun =doch=
+gescheitert. Eine kleine Sache, werden Sie sagen; aber nein, meine
+Herren, es ist eine große Sache. Dergleichen ist immer der Strohhalm, an
+dem man sieht, woher der Wind weht. Und er weht bei uns nach wie vor von
+der alten Seite her. _Chi va piano va sano_, sagt das Sprüchwort. Aber
+im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹«
+
+»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert woran?«
+
+»An dem Einfluß der Hofgeneralität. Ich habe Rüchels Namen nennen hören.
+Er hat den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das
+Histrionenthum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger
+Ausnahme der neronischen Zeiten. Und =die= könnten doch kein Vorbild
+sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein
+oder auch nur seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache
+vorläufig _ad acta_ verwiesen ist. Die Königin ist chagrinirt, und an
+diesem Allerhöchsten Chagrin müssen wir uns vorläufig genügen lassen.
+Neue Zeit und alte Vorurtheile.«
+
+»Lieber Kapellmeister,« sagte Bülow, »ich sehe zu meinem Bedauern, daß
+Ihre Reflexionen Ihren Empfindungen weit voraus sind. Uebrigens ist das
+das Allgemeine. Sie sprechen von Vorurtheilen, in denen wir stecken, und
+stecken selber drin. Sie, sammt Ihrem ganzen Bürgerthum, das keinen
+neuen freien Gesellschaftszustand schaffen, sondern sich nur eitel und
+eifersüchtig in die bevorzugten alten Klassen einreihen will. Aber damit
+schaffen Sie's nicht. An die Stelle der Eifersüchtelei, die jetzt das
+Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgiltigkeit gegen
+alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer
+Gespenster wirklich ignorirt, für den giebt es keine mehr, und wer Orden
+ignorirt, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung
+einer wahren Epidemie ....«
+
+»Wie Herr von Bülow umgekehrt an Errichtung eines neuen Königreichs
+Utopien arbeitet,« unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig
+an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten
+nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung
+von Westen nach Osten hin absterben wird. Im Geiste seh ich vielmehr
+immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordens-Flora mit 24
+Klassen wie das Linnésche System.«
+
+Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es
+müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie
+beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu =dieser= Form
+der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja,« so fuhr er fort, »es giebt
+kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle
+Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der,
+wie wenige, von dem ›Alles ist eitel‹ unsres Thuns und Trachtens
+durchdrungen sein muß. Und doch, als er den rothen Adler erhielt,
+während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wüthend ins
+Schubfach und schrie: ›Da liege, bis du =schwarz= wirst.‹ Eine
+Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.«
+
+»Es ist mit Kalkreuth ein eigen Ding,« erwiderte Bülow, »und offen
+gestanden, ein andrer unsrer Generäle, der gesagt haben soll: ›ich gäbe
+den schwarzen drum, wenn ich den rothen wieder los wäre,‹ gefällt mir
+noch besser. Uebrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat.
+Es giebt auch Auszeichnungen, die =nicht= als Auszeichnung ansehn zu
+wollen, einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral
+Sidney Smith, berühmter Vertheidiger von St. Jean d'Acre und Verächter
+aller Orden, legte =doch= Werth auf ein Schaustück, das ihm der Bischof
+von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir empfingen dieses
+Schaustück aus den Händen König Richards Coeur de Lion, und geben es,
+nach sechshundert Jahren, einem seiner Landsleute zurück, der,
+heldenmüthig wie er, unsre Stadt vertheidigt hat.‹ Und ein Elender und
+Narr, setz ich hinzu, der sich einer =solchen= Auszeichnung =nicht= zu
+freuen versteht.«
+
+»Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören,«
+erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie,
+lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel
+nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.«
+
+Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in eben diesem Augenblick
+einer der Diener an ihn heran trat und ihm zuflüsterte, daß der
+Rauchtisch arrangirt und der Kaffee servirt sei, hob er die Tafel auf,
+und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den
+Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise,
+deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen
+worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+flußaufwärts, auf die halb im Nebel liegenden Thürme der Stadt,
+flußabwärts aber auf die Charlottenburger Parkbäume, hinter deren eben
+ergrünendem Gezweige die Sonne niederging. Jeder blickte schweigend in
+das anmuthige Landschaftsbild hinaus, und erst als die Dämmrung
+angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man
+Platz und setzte die holländischen Pfeifen in Brand, unter denen jeder
+nach Gefallen wählte. Dussek allein, weil er die Musikpassion des
+Prinzen kannte, war phantasirend an dem im Eßsaale stehenden Flügel
+zurückgeblieben, und sah nur, wenn er den Kopf zur Seite wandte, die
+jetzt draußen wieder lebhafter plaudernden Tischgenossen und ebenso die
+Lichtfunken, die von Zeit zu Zeit aus ihren Thonpfeifen aufflogen.
+
+Das Gespräch hatte das Ordensthema nicht wieder aufgenommen, wohl aber
+sich der ersten Veranlassung desselben, also Iffland und dem in Sicht
+stehenden neuen Schauspiele zugewandt, bei welcher Gelegenheit
+Alvensleben bemerkte, »daß er einige der in den Text eingestreuten
+Gesangsstücke während dieser letzten Tage kennen gelernt habe.
+Gemeinschaftlich mit Schach. Und zwar im Salon der liebenswürdigen Frau
+von Carayon und ihrer Tochter Victoire. Diese habe gesungen und Schach
+begleitet.«
+
+»Die Carayons,« nahm der Prinz das Wort. »Ich höre keinen Namen jetzt
+öfter als =den=. Meine theure Freundin Pauline, hat mir schon früher von
+beiden Damen erzählt, und neuerdings auch die Rahel. Alles vereinigt
+sich, mich neugierig zu machen und Anknüpfungen zu suchen, die sich,
+mein ich, unschwer werden finden lassen. Entsinn ich mich doch des
+schönen Fräuleins vom Massowschen Kinderballe her, der, nach Art aller
+Kinderbälle, des Vorzugs genoß, eine ganz besondre Schaustellung
+erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein. Und wenn ich sage,
+›voll erblühter‹, so sag ich noch wenig. In der That, an keinem Ort und
+zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen, als
+auf Kinderbällen. Es ist, als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf
+Umsturz sinnenden Jugend, alles, was heute noch herrscht, doppelt und
+dreifach anspornte, sein Uebergewicht geltend zu machen, ein
+Uebergewicht, das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist. Aber
+gleichviel, meine Herren, es wird sich ein für allemal sagen lassen, daß
+Kinderbälle nur für Erwachsene da sind, und dieser interessanten
+Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen, wäre so recht eigentlich ein
+Thema für unsren Gentz. Ihr philosophischer Freund Buchholtz, lieber
+Sander, ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug. Uebrigens nichts
+für ungut; er ist Ihr Freund.«
+
+»Aber doch nicht so,« lachte Sander, »daß ich nicht jeden Augenblick
+bereit wäre, ihn Euer Königlichen Hoheit zu opfern. Und wie mir bei
+dieser Gelegenheit gestattet sein mag, hinzuzusetzen, nicht bloß aus
+einem allerspeziellsten, sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen
+Grunde. Denn wenn die Kinderbälle, nach Ansicht und Erfahrung Euer
+Königlichen Hoheit, eigentlich am besten ohne Kinder bestehen, so die
+Freundschaften am besten ohne Freunde. Die Surrogate bedeuten überhaupt
+alles im Leben, und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz.«
+
+»Es muß sehr gut mit Ihnen stehn, lieber Sander,« entgegnete der Prinz,
+»daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können.
+_Mais révenons à notre belle Victoire._ Sie war unter den jungen Damen,
+die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten, und stellte, wenn
+mich mein Gedächtniß nicht trügt, eine Hebe dar, die dem Zeus eine
+Schale reichte. Ja, so war es, und indem ich davon spreche, tritt mir
+das Bild wieder deutlich vor die Seele. Sie war kaum fünfzehn, und von
+jener Taille, die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint. Aber sie
+zerbrechen nie. ›_Comme un ange_‹, sagte der alte Graf Neale, der neben
+mir stand, und mich durch eine Begeisterung langweilte, die mir einfach
+als eine Karrikatur der meinigen erschien. Es wäre mir eine Freude, die
+Bekanntschaft der Damen erneuern zu können.«
+
+»Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wieder
+erkennen,« sagte Schach, dem der Ton, in dem der Prinz sprach, wenig
+angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+Blattern befallen, und nur wie durch ein Wunder gerettet. Ein gewisser
+Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben, aber es sind immer nur
+Momente, wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen
+Schönheitsschleier über sie wirft, und den Zauber ihrer früheren Tage
+wiederherzustellen scheint.«
+
+»Also _restitutio in integrum_,« sagte Sander.
+
+Alles lachte.
+
+»Wenn Sie so wollen, ja,« antwortete Schach in einem spitzen Tone,
+während er sich ironisch gegen Sander verbeugte.
+
+Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie coupiren. »Es hilft
+Ihnen nichts, lieber Schach. Sie sprechen, als ob Sie mich abschrecken
+wollten. Aber weit gefehlt. Ich bitte Sie, was ist Schönheit? Einer der
+allervaguesten Begriffe. Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern,
+die wir in erster Reihe Sr. Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter
+unsrem Freunde Bülow verdanken? =Alles ist schön= und =nichts=. Ich
+persönlich würde der _beauté du diable_ jederzeit den Vorzug geben, will
+also sagen einer Erscheinungsform, die sich mit der des _ci-devant_
+schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde.«
+
+»Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+bleibt mir doch zweifelhaft, ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der
+_beauté du diable_ an Fräulein Victoire wahrnehmen würden. Das Fräulein
+hat einen witzig-elegischen Ton, was auf den ersten Blick als ein
+Widerspruch erscheint, und doch keiner ist, unter allen Umständen aber
+als ihr charakteristischer Zug gelten kann. Meinen Sie nicht auch,
+Alvensleben?«
+
+Alvensleben bestätigte.
+
+Der Prinz indessen, der ein sich Einbohren in Fragen über die Maßen
+liebte, fuhr, indem er sich dieser Neigung auch heute hingab, immer
+lebhafter werdend fort: »Elegisch« sagen Sie, »witzig-elegisch; ich
+wüßte nicht, was einer _beauté du diable_ besser anstehn könnte. Sie
+fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+vorschwebt, ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten
+Schönheitsform, der _beauté coquette_: das Näschen ein wenig mehr
+gestubst, der Teint ein wenig dunkler, das Temperament ein wenig
+rascher, die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser. Aber damit
+erschöpfen Sie die höhere Form der =beauté du diable= keineswegs. Diese
+hat etwas Weltumfassendes, das über eine bloße Teint- und Rassenfrage
+weit hinausgeht. Ganz wie die Katholische Kirche. Diese wie jene sind
+auf ein Innerliches gestellt, und das Innerliche, das in =unserer= Frage
+den Ausschlag giebt, heißt Energie, Feuer, Leidenschaft.«
+
+Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+»Ja, meine Herren, ich gehe weiter und wiederhole ›was ist Schönheit?‹
+Schönheit, bah! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen
+verzichtet werden, ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug
+bedeuten. In der That, lieber Schach, ich habe wunderbare Niederlagen
+und noch wunderbarere Siege gesehn. Es ist auch in der Liebe wie bei
+Morgarten und Sempach, die schönen Ritter werden geschlagen und die
+häßlichen Bauern triumphiren. Glauben Sie mir, das Herz entscheidet,
+=nur= das Herz. Wer liebt, wer die Kraft der Liebe hat, ist auch
+liebenswürdig, und es wäre grausam, wenn es anders wäre. Gehen Sie die
+Reihe der eigenen Erfahrungen durch. Was ist alltäglicher, als eine
+schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn! Und
+nicht etwa nach dem Satze _toujours perdrix_. O nein, es hat dies viel
+tiefre Zusammenhänge. Das Langweiligste von der Welt ist die
+lymphatisch-phlegmatische _beauté_, die _beauté par excellence_. Sie
+kränkelt hier, sie kränkelt da, ich will nicht sagen immer und
+nothwendig, aber doch in der Mehrzahl der Fälle, während meine _beauté
+du diable_ die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist, jener
+Gesundheit, die zuletzt alles bedeutet und gleichwerthig ist mit
+höchstem Reiz. Und nun frag ich Sie, meine Herren, wer hätte mehr davon
+als =die= Natur, die durch die größten und gewaltigsten
+Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist. Ein paar
+Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt, das hat schon
+bei den Römern und Griechen gegolten, und ich bin nicht ungalant und
+unlogisch genug, um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine
+Huldigung zu versagen, die der Einheit oder dem Pärchen von Alters her
+gebührt. Das paradoxe ›_le laid c'est le beau_‹ hat seine vollkommne
+Berechtigung, und es heißt nichts andres, als daß sich hinter dem
+anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt. Wäre
+meine theure Pauline hier, wie sie's leider =nicht= ist, sie würde mir
+zustimmen, offen und nachdrücklich, ohne durch persönliche Schicksale
+captivirt zu sein.«
+
+Der Prinz schwieg. Es war ersichtlich, daß er auf einen allseitigen
+Ausdruck des Bedauerns wartete, Frau Pauline, die gelegentlich die
+Honneurs des Hauses machte, heute =nicht= anwesend zu sehn. Als aber
+Niemand das Schweigen brach, fuhr er fort: »Es fehlen uns die Frauen,
+und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum. Ich nehme meinen Wunsch
+wieder auf und wiederhole, daß es mich glücklich machen würde, die
+Carayon'schen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen.
+Ich zähle darauf, daß diejenigen Herren, die dem Kreise der Frau von
+Carayon angehören, sich zum Interpreten meiner Wünsche machen. Sie
+Schach, oder auch Sie, lieber Alvensleben.«
+
+Beide verneigten sich.
+
+»Alles in allem wird es das Beste sein, meine Freundin Pauline nimmt es
+persönlich in die Hand. Ich denke, sie wird den Carayon'schen Damen
+einen ersten Besuch machen, und ich sehe Stunden eines angeregtesten
+geistigen Austausches entgegen.«
+
+Die peinliche Stille, womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden,
+würde noch fühlbarer gewesen sein, wenn nicht Dussek in eben diesem
+Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre. »Wie schön,« rief er und wies
+mit der Hand auf den westlichen, bis hoch hinauf in einem glühgelben
+Lichte stehenden Horizont.
+
+Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten, und sahen
+flußabwärts in den Abendhimmel hinein. Vor dem gelben Lichtstreifen
+standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln und selbst die
+Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß.
+
+Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit. Am schönsten aber war
+der Anblick zahlloser Schwäne, die, während man in den Abendhimmel sah,
+vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen. Andre lagen
+schon in Front. Es war ersichtlich, daß die ganze Flottille durch irgend
+was bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte, denn sobald sie die
+Höhe derselben erreicht hatte, schwenkten sie wie militärisch ein und
+verlängerten die Front derer, die hier schon still und regungslos und
+die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen, wie vor Anker lagen. Nur das
+Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken. So verging eine geraume Zeit.
+Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons, und
+reckte den Hals, als ob er etwas sagen wollte.
+
+»Wem gilt es?« fragte Sander. »Dem Prinzen oder Dussek oder der
+Sinumbralampe.«
+
+»Natürlich dem Prinzen,« antwortete Dussek.
+
+»Und warum?«
+
+»Weil er nicht blos Prinz ist, sondern auch Dussek und ›_sine umbra_‹.«
+
+Alles lachte (der Prinz mit), während Sander allerförmlichst »zum
+Hofkapellmeister« gratulirte. »Und wenn unser Freund,« so schloß er, »in
+Zukunft wieder Strohhalme sammelt, um an ihnen zu sehen, »woher der Wind
+weht,« so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter
+Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurtheile zu kommen
+scheinen.«
+
+Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte, wieder in Bewegung,
+und segelte flußabwärts, wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war.
+Nur der Schwan, der den Obmann gemacht, erschien noch einmal, als ob er
+seinen Dank wiederholen und sich in ceremoniellster Weise verabschieden
+wolle.
+
+Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses, und folgte den übrigen,
+deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Schach und Victoire.
+
+
+Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen, daß in Berlin bekannt wurde,
+der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen, um
+auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten. Die Nachricht
+davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse, weil die
+gesammte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute, den Haugwitz mit
+heimgebracht hatte, sondern auch mehr und mehr der Ueberzeugung lebte,
+daß im Letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsere Sicherheit
+beziehungsweise unsre Rettung sein werde. Welch andre Kraft aber hatten
+wir als die Armee, die Armee, die, was Erscheinung und Schulung anging,
+immer noch die friedericianische war.
+
+In solcher Stimmung sah man dem Revuetage, der ein Sonnabend war,
+entgegen.
+
+Das Bild, das die Stadt vom frühen Morgen an darbot, entsprach der
+Aufregung, die herrschte. Tausende strömten hinaus, und bedeckten vom
+Halleschen Thor an die bergansteigende Straße, zu deren beiden Seiten
+sich die »Knapphänse«, diese bekannten Zivilmarketender, mit ihren
+Körben und Flaschen etablirt hatten. Bald danach erschienen auch die
+Equipagen der vornehmen Welt, unter diesen =die= Schachs, die für den
+heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war.
+Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke,
+früher Offizier, der, als naher Anverwandter Schachs, die Honneurs und
+zugleich den militärischen Interpreten machte. Frau von Carayon trug ein
+stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe, während
+von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde
+flatterte. Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld
+beider Damen, ganz besonders auch der ziemlich willkürlich accentuirten
+englischen Worte, die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete.
+
+Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden, aber lange
+vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen, altberühmten
+Infanterieregimenter Alt Larisch, von Arnim und Möllendorff, ihre
+Janitscharenmusik vorauf. Ihnen folgte die Kavallerie: Garde du Corps,
+Gensdarmes und Leibhusaren, bis ganz zuletzt in einer immer dicker
+werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und
+klapperten, die zum Theil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings
+wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten. Enthusiastischer Jubel
+begleitete den Anmarsch, und wahrlich, wer sie so heranziehen sah, dem
+mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen. Auch die
+Carayons theilten das allgemeine Gefühl, und nahmen es als bloße
+Verstimmung oder Altersängstlichkeit, als der alte Herr von der Recke
+sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte: »Prägen wir uns diesen
+Anblick ein, meine Damen. Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten
+Mannes, wir werden diese Pracht nicht wiedersehen. Es ist die
+Abschiedsrevue der friedericianischen Armee.«
+
+ * * * * *
+
+Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb
+in ihrer Wohnung zurück, als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr,
+ein Vergnügen, das sie jederzeit geliebt hatte, zu keiner Zeit aber mehr
+als damals, wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von
+wohlthuender politischer Emotion gesellte. Wallenstein, die Jungfrau,
+Tell erschienen gelegentlich, am häufigsten aber Holbergs »politischer
+Zinngießer«, der, wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen
+mochten, um ein Erhebliches besser als die hohe Schillersche Muse zu
+lärmenden Demonstrationen geeignet war.
+
+Victoire war allein. Ihr that die Ruhe wohl und in einen türkischen
+Shawl gehüllt, lag sie träumend auf dem Sopha, vor ihr ein Brief, den
+sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke
+nur flüchtig gelesen hatte. Desto langsamer und aufmerksamer freilich,
+als sie von der Revue wieder zurückgekommen war.
+
+Es war ein Brief von Lisette.
+
+Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand, und las eine Stelle, die sie
+schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte: ».... Du mußt
+wissen, meine liebe Victoire, daß ich, Pardon für dies offne Geständniß,
+mancher Aeußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben
+schenke. Du suchst Dich und mich zu täuschen, wenn Du schreibst, daß Du
+Dich in ein Respektsverhältniß zu S. hineindenkst. Er würde selber
+lächeln, wenn er davon hörte. Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen,
+ja, verzeihe, so piquirt werden konntest, als er den Arm Deiner Mama
+nahm, verräth Dich, und giebt mir allerlei zu denken, wie denn auch
+andres noch, was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst. Ich lerne
+Dich plötzlich von einer Seite kennen, von der ich Dich noch nicht
+kannte, von der argwöhnischen nämlich. Und nun, meine theure Victoire,
+hab ein freundliches Ohr für das, was ich Dir in Bezug auf diesen
+wichtigen Punkt zu sagen habe. Bin ich doch die ältere. Du darfst Dich
+ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben, die
+durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen. Und zu diesen
+Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich den Fall
+überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und entweder
+Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen =gegen= ihn fallen
+lassen mußt. Er sei Kavalier, schreibst Du mir, ›ja, das Ritterliche‹,
+fügst Du hinzu, ›sei so recht eigentlich seine Natur‹, und im selben
+Augenblicke, wo Du dies schreibst, bezichtigt ihn Dein Argwohn einer
+Handelsweise, die, träfe sie zu, das Unritterlichste von der Welt sein
+würde. Solche Widersprüche giebt es nicht. Man ist entweder ein Mann von
+Ehre, oder man ist es nicht. Im Uebrigen, meine theure Victoire, sei
+gutes Muthes, und halte Dich ein für allemal versichert, =Dir lügt der
+Spiegel=. Es ist nur =Eines=, um dessentwillen wir Frauen leben, wir
+leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber =wodurch= wir es gewinnen, ist
+gleichgiltig.«
+
+Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. »Es räth und tröstet sich
+leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles und nun ist sie
+großmüthig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.«
+
+Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.
+
+In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein
+zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten
+es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine
+Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Thür und sah auf den
+Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu
+thun sei, dann aber öffnete sie die Glasthür und bat ihn einzutreten.
+
+»Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.«
+
+»Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein
+prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch
+ziemlich scharf ....«
+
+»Und Sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade
+heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+Shawl (in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen) und diese
+Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich
+zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich
+Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was
+Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus
+Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.«
+
+»Die nun mein Erscheinen =doch= wiederum stört. Aber nicht auf lange,
+nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer
+Anfrage, mit der ich übrigens leichtmöglicherweise zu spät komme, wenn
+Alvensleben schon gesprochen haben sollte.«
+
+»Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama
+für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimniß zu behandeln.«
+
+»Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an
+Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim
+Prinzen, _cercle intime_, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom
+Theater (von was andrem sollt er) und brachte sogar Bülow zum Schweigen,
+was vielleicht eine That war.«
+
+»Aber Sie medisiren ja, lieber Schach.«
+
+»Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens
+in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.«
+
+»Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das
+Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer
+Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.«
+
+»Ich wüßte keine liebere Strafe.«
+
+»Sie nehmen es zu leicht .... Aber nun der Prinz ....«
+
+»Er will Sie sehen, =beide=, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie
+Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine
+Einladung überbringen.«
+
+»Der zu gehorchen, Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen
+werden.«
+
+»Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine theure Victoire,
+dies kaum im Ernste gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädger
+Herr, und ich lieb ihn _de tout mon coeur_. Es bedarf keiner Worte
+darüber. Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten, oder,
+wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen, ein Licht, das mit einem
+Räuber brennt. Alles in allem, er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler
+Fürstlichkeiten, in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend
+zu sein, oder es noch runder heraus zu sagen, er ist abwechselnd ein
+Helden- und ein Debauchenprinz. Dabei grundsatzlos und rücksichtslos,
+sogar ohne Rücksicht auf den Schein. Was vielleicht das Allerschlimmste
+ist. Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline?«
+
+»Ja.«
+
+»Und ....«
+
+»Ich billige sie nicht. Aber sie nicht billigen, ist etwas andres als
+sie verurtheilen. Mama hat mich gelehrt, mich über derlei Dinge nicht zu
+kümmern und zu grämen. Und hat sie nicht Recht? Ich frage Sie, lieber
+Schach, was würd aus uns, ganz speziell aus uns zwei Frauen, wenn wir
+uns innerhalb unsrer Umgangs- und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern
+aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels
+hin prüfen wollten? Etwa durch eine Wasser- und Feuerprobe. Die
+Gesellschaft ist souverän. Was sie gelten läßt, gilt, was sie verwirft,
+ist verwerflich. Außerdem liegt hier alles exzeptionell. Der Prinz ist
+ein Prinz, Frau von Carayon ist eine Wittwe, und ich .... bin ich.«
+
+»Und bei diesem Entscheide soll es bleiben, Victoire?«
+
+»Ja. Die Götter balanciren. Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt:
+›wem genommen wird, dem wird auch gegeben‹. In meinem Falle liegt der
+Tausch etwas schmerzlich, und ich wünschte wohl, ihn nicht gemacht zu
+haben. Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten
+vorüber, und freue mich meiner Freiheit. Wovor andre meines Alters und
+Geschlechts erschrecken, das darf ich. An dem Abende bei Massows, wo man
+mir zuerst huldigte, war ich, ohne mir dessen bewußt zu sein, eine
+Sklavin. Oder doch abhängig von hundert Dingen. Jetzt bin ich frei.«
+
+Schach sah verwundert auf die Sprecherin. Manches, was der Prinz über
+sie gesagt hatte, ging ihm durch den Kopf. Waren das Ueberzeugungen oder
+Einfälle? War es Fieber? Ihre Wangen hatten sich geröthet, und ein
+aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer
+trotzigen Entschlossenheit. Er versuchte jedoch sich in den leichten
+Ton, in dem ihr Gespräch begonnen hatte, zurückzufinden, und sagte:
+»Meine theure Victoire scherzt. Ich möchte wetten, es ist ein Band
+Rousseau, was da vor ihr liegt, und ihre Phantasie geht mit dem
+Dichter.«
+
+»Nein, es ist nicht Rousseau. Es ist ein anderer, der mich =mehr=
+interessirt.«
+
+»Und =wer=, wenn ich neugierig sein darf?«
+
+»Mirabeau.«
+
+»Und warum =mehr=?«
+
+»Weil er mir näher steht. Und das Allerpersönlichste bestimmt immer
+unser Urtheil. Oder doch fast immer. Er ist mein Gefährte, mein
+spezieller Leidensgenoß. Unter Schmeicheleien wuchs er auf. ›Ah, das
+schöne Kind,‹ hieß es tagein, tagaus. Und dann eines Tags war alles hin,
+hin wie .... wie ....«
+
+»Nein, Victoire, Sie sollen das Wort nicht aussprechen.«
+
+»Ich =will= es aber, und würde den Namen meines Gefährten und
+Leidensgenossen zu meinem =eigenen= machen, wenn ich es könnte. Victoire
+=Mirabeau= de Carayon, oder sagen wir Mirabelle de Carayon, das klingt
+schön und ungezwungen, und wenn ich's recht übersetze, so heißt es
+Wunderhold.«
+
+Und dabei lachte sie voll Uebermuth und Bitterkeit. Aber die Bitterkeit
+klang vor.
+
+»Sie dürfen =so= nicht lachen, Victoire, nicht =so=. Das kleidet Ihnen
+nicht, das verhäßlicht Sie. Ja, werfen Sie nur die Lippen, --
+=verhäßlicht= Sie. Der Prinz hatte doch Recht, als er enthusiastisch von
+Ihnen sprach. Armes Gesetz der Form und der Farbe. Was allein gilt, ist
+das ewig Eine, daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn
+durchleuchtet und verklärt.«
+
+Victoirens Lippen flogen, ihre Sicherheit verließ sie, und ein Frost
+schüttelte sie. Sie zog den Shawl höher hinauf, und Schach nahm ihre
+Hand, die eiskalt war, denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen.
+
+»Victoire, Sie thun sich Unrecht; Sie wüthen nutzlos gegen sich selbst,
+und sind um nichts besser als der Schwarzseher, der nach allem Trüben
+sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorüber sieht. Ich beschwöre Sie,
+fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und
+Liebe. War ich denn blind? In dem bittren Wort, in dem Sie sich
+demüthigen wollten, in eben diesem Worte haben Sie's getroffen, ein für
+allemal. Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen; ja Mirabelle, ja
+Wunderhold!«
+
+Ach, das waren die Worte, nach denen ihr Herz gebangt hatte, während es
+sich in Trotz zu waffnen suchte.
+
+Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung.
+
+ * * * * *
+
+Die Zimmeruhr schlug neun und die Thurmuhr draußen antwortete. Victoire,
+die den Schlägen gefolgt war, strich das Haar zurück und trat ans
+Fenster und sah auf die Straße.
+
+»Was erregt Dich?«
+
+»Ich meinte, daß ich den Wagen gehört hätte.«
+
+»Du hörst zu fein.«
+
+Aber sie schüttelte den Kopf, und im selben Augenblicke fuhr der Wagen
+der Frau von Carayon vor.
+
+»Verlassen Sie mich .... Bitte.«
+
+»Bis auf morgen.«
+
+Und ohne zu wissen, ob es ihm glücken werde, der Begegnung mit Frau von
+Carayon auszuweichen, empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer
+und Korridor.
+
+Alles war still und dunkel unten, und nur von der Mitte des Hausflurs
+her fiel ein Lichtschimmer bis in die Nähe der obersten Stufen. Aber das
+Glück war ihm hold. Ein breiter Pfeiler, der bis dicht an die
+Treppenbrüstung vorsprang, theilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften,
+und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete.
+
+Victoire stand in der Glasthür und empfing die Mama.
+
+»Du kommst so früh. Ach, und wie hab ich Dich erwartet!«
+
+Schach hörte jedes Wort. »Erst die Schuld und dann die Lüge,« klang es
+in ihm. »Das alte Lied.«
+
+Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen
+Victoire.
+
+Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und
+geräuschlos die Treppe hinunter.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Schach zieht sich zurück.
+
+
+»Bis auf morgen,« war Schachs Abschiedswort gewesen, aber er kam nicht.
+Auch am zweiten und dritten Tage nicht. Victoire suchte sich's
+zurechtzulegen, und wenn es nicht glücken wollte, nahm sie Lisettens
+Brief und las immer wieder die Stelle, die sie längst auswendig wußte.
+»Du darfst Dich, ein für allemal, nicht in ein Mißtrauen gegen Personen
+hineinleben, die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen.
+Und zu diesen Personen, mein ich, gehört Schach. Ich finde, je mehr ich
+den Fall überlege, daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst, und
+entweder Deine gute Meinung über S., oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn
+fallen lassen mußt.« Ja, Lisette hatte Recht und doch blieb ihr eine
+Furcht im Gemüthe. »Wenn doch alles nur ....« Und es übergoß sie mit
+Blut.
+
+Endlich am vierten Tage kam er. Aber es traf sich, daß sie kurz vorher
+in die Stadt gegangen war. Als sie zurückkehrte, hörte sie von seinem
+Besuch; er sei sehr liebenswürdig gewesen, habe zwei-, dreimal nach ihr
+gefragt, und ein Bouquet für sie zurückgelassen. Es waren Veilchen und
+Rosen, die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten. Victoire, während ihr die
+Mama von dem Besuche vorplauderte, bemühte sich, einen leichten und
+übermüthigen Ton anzuschlagen, aber ihr Herz war zu voll von
+widerstreitenden Gefühlen, und sie zog sich zurück, um sich in zugleich
+glücklichen und bangen Thränen auszuweinen.
+
+Inzwischen war der Tag herangekommen, wo die »Weihe der Kraft« gegeben
+werden sollte. Schach schickte seinen Diener und ließ anfragen, ob die
+Damen der Vorstellung beizuwohnen gedächten? Es war eine bloße Form,
+denn er wußte, daß es so sein werde.
+
+Im Theater waren alle Plätze besetzt. Schach saß den Carayons gegenüber
+und grüßte mit großer Artigkeit. Aber bei diesem Gruße blieb es, und er
+kam nicht in ihre Loge hinüber, eine Zurückhaltung, über die Frau von
+Carayon kaum weniger betroffen war, als Victoire. Der Streit indessen,
+den das hinsichtlich des Stücks in zwei Lager getheilte Publikum führte,
+war so heftig und aufregend, daß beide Damen ebenfalls mit hingerissen
+wurden und momentan wenigstens alles Persönliche vergaßen. Erst auf dem
+Heimweg kehrte die Verwunderung über Schachs Benehmen zurück.
+
+Am andern Vormittage ließ er sich melden. Frau von Carayon war erfreut,
+Victoire jedoch, die schärfer sah, empfand ein tiefes Unbehagen. Er
+hatte ganz ersichtlich diesen Tag abgewartet, um einen bequemen
+Plauderstoff zu haben und mit Hilfe desselben über die Peinlichkeit
+eines ersten Wiedersehens mit ihr leichter hinwegzukommen. Er küßte der
+Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+sein Bedauern auszusprechen, sie bei seinem letzten Besuche verfehlt zu
+haben. Man entfremde sich fast, anstatt sich fester anzugehören. Er
+sprach dies so, daß ihr ein Zweifel blieb, ob er es mit tieferer
+Bedeutung oder aus bloßer Verlegenheit gesagt habe. Sie sann darüber
+nach, aber ehe sie zum Abschluß kommen konnte, wandte sich das Gespräch
+dem Stücke zu.
+
+»Wie finden Sie's?« fragte Frau von Carayon.
+
+»Ich liebe nicht Komödien,« antwortete Schach, »die fünf Stunden
+spielen. Ich wünsche Vergnügen oder Erholung im Theater, aber keine
+Strapaze.«
+
+»Zugestanden. Aber dies ist etwas Aeußerliches, und beiläufig ein
+Mißstand, dem ehestens abgeholfen sein wird. Iffland selbst ist mit
+erheblichen Kürzungen einverstanden. Ich will Ihr Urtheil über das
+Stück.«
+
+»Es hat mich =nicht= befriedigt.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Weil es alles auf den Kopf stellt. =Solchen= Luther hat es Gott sei
+Dank nie gegeben, und wenn solcher je käme, so würd er uns einfach dahin
+zurückführen, von wo der echte Luther uns seinerzeit wegführte. Jede
+Zeile widerstreitet dem Geist und Jahrhundert der Reformation; alles ist
+Jesuitismus oder Mysticismus, und treibt ein unerlaubtes und beinah
+kindisches Spiel mit Wahrheit und Geschichte. Nichts paßt. Ich wurde
+beständig an das Bild Albrechts Dürers erinnert, wo Pilatus mit
+Pistolenhalftern reitet oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in
+Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der
+Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein
+allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von
+Anfang bis Ende.«
+
+»Gut. Das ist Luther. Aber ich wiederhole, das =Stück=?«
+
+»Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für
+Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine
+war.«
+
+Victoire senkte den Blick und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und
+über seinen _faux pas_ erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich
+überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem
+angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von
+Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen
+Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß
+Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder
+am Klavier begleiten durfte.
+
+All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang,
+so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß
+es nicht =die= Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm
+unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch bis er
+ging.
+
+Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von
+dem schönen Stücke gehört, »das so schön sei, wie noch gar keins,« und
+so wollte sie's gerne sehn. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie
+mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war,
+blieb auch noch Zeit daheim eine halbe Stunde zu plaudern.
+
+»Nun Tante Marguerite,« fragte Victoire, »wie hat es Dir gefallen?«
+
+»Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unsrer
+gereinigten Kürche.«
+
+»Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+»Nun =den= von der chrüstlichen Ehe.«
+
+Victoire zwang sich ernsthaft zu bleiben und sagte dann: »Ich dachte,
+dieser Hauptpunkt in unsrer Kirche läge doch noch in etwas andrem, also
+z. B. in der Lehre vom Abendmahl.«
+
+»O nein, meine liebe Victoire, =das= weiß ich ganz genau. Mit oder ohne
+Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsre
+_prédicateurs_ in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, =das=,
+mein Engelchen, ist von einer würklichen _importance_.«
+
+»Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz Recht,« sagte Frau von
+Carayon.
+
+»Und das ist es auch,« fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort,
+»was das Stück =will=, und was man um so deutlicher sieht, als die
+Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens
+viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber
+nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht
+so hübsch als =er=. Ja werde nur roth, meine liebe Victoire, so viel
+weiß ich auch.«
+
+Frau von Carayon lachte herzlich.
+
+»Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich
+ein =sehr= angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und
+den aufrechtstehenden Ritter .... Und wißt Ihr denn, in Wülmersdorf soll
+auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und von wem ich es
+habe? Nun? Von _la petite Princesse Charlotte_.«
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+»Es muß etwas geschehn.«
+
+
+Die »Weihe der Kraft« wurde nach wie vor gegeben, und Berlin hörte nicht
+auf in zwei Lager getheilt zu sein. Alles was mystisch-romantisch war,
+war =für=, alles was freisinnig war, =gegen= das Stück. Selbst im Hause
+Carayon setzte sich diese Fehde fort, und während die Mama theils um des
+Hofes, theils um ihrer eignen »Gefühle« willen überschwänglich
+mitschwärmte, fühlte sich Victoire von diesen Sentimentalitäten
+abgestoßen. Sie fand alles unwahr und unecht, und versicherte, daß
+Schach in jedem seiner Worte Recht gehabt habe.
+
+Dieser kam jetzt von Zeit zu Zeit, aber doch immer nur, wenn er sicher
+sein durfte, Victoiren in Gesellschaft der Mutter zu treffen. Er bewegte
+sich wieder viel in den »großen Häusern,« und legte, wie Nostitz
+spottete, den Radziwills und Carolaths zu, was er den Carayons entzog.
+Auch Alvensleben scherzte darüber, und selbst Victoire versuchte, den
+gleichen Ton zu treffen. Aber ohne daß es ihr glücken wollte. Sie
+träumte so hin, und nur eigentlich traurig war sie nicht. Noch weniger
+unglücklich.
+
+Unter denen, die sich mit dem Stück, also mit der Tagesfrage
+beschäftigten, waren auch die Offiziere vom Regiment Gensdarmes, obschon
+ihnen nicht einfiel, sich ernsthaft auf ein =Für= oder =Wider=
+einzulassen. Sie sahen alles ausschließlich auf seine komische Seite hin
+an, und fanden in der Auflösung eines Nonnenklosters, in Katharina von
+Boras, »neunjähriger Pflegetochter« und endlich in dem beständig Flöte
+spielenden Luther, einen unerschöpflichen Stoff für ihren Spott und
+Uebermuth.
+
+Ihr Lieblingsversammlungsort in jenen Tagen war die Wachtstube des
+Regiments, wo die jüngeren Kameraden den dienstthuenden Offizier zu
+besuchen und sich bis in die Nacht hinein zu divertiren pflegten. Unter
+den Gesprächen, die man in Veranlassung der neuen Komödie hier führte,
+kamen Spöttereien wie die vorgenannten kaum noch von der Tagesordnung,
+und als einer der Kameraden daran erinnerte, daß das neuerdings von
+seiner früheren Höhe herabgestiegene Regiment eine Art patriotische
+Pflicht habe, sich mal wieder »als es selbst« zu zeigen, brach ein
+ungeheurer Jubel aus, an dessen Schluß alle einig waren, »daß etwas
+geschehen müsse.« Daß es sich dabei lediglich um eine Travestie der
+»Weihe der Kraft«, etwa durch eine Maskerade, handeln könne, stand von
+vornherein fest, und nur über das »wie« gingen die Meinungen noch
+auseinander. In Folge davon beschloß man, ein paar Tage später eine
+=neue= Zusammenkunft abzuhalten, in der nach Anhörung einiger
+Vorschläge, der eigentliche Plan fixirt werden sollte.
+
+Rasch hatte sich's herumgesprochen, und als Tag und Stunde da waren,
+waren einige zwanzig Kameraden in dem vorerwähnten Lokal erschienen:
+Itzenplitz, Jürgaß und Britzke, Billerbeck und Diricke, Graf Haeseler,
+Graf Herzberg, von Rochow, von Putlitz, ein Kracht, ein Klitzing, und
+nicht zum letzten ein schon älterer Lieutenant von Zieten, ein kleines,
+häßliches und säbelbeiniges Kerlchen, das durch entfernte Vetterschaft
+mit dem berühmten General und beinahe mehr noch durch eine keck in die
+Welt hineinkrähende Stimme zu balanciren wußte, was ihm an sonstigen
+Tugenden abging. Auch Nostitz und Alvensleben waren erschienen. Schach
+fehlte.
+
+»Wer präsidirt?« fragte Klitzing.
+
+»Nur zwei Möglichkeiten,« antwortete Diricke. »Der längste oder der
+kürzeste. Will also sagen, Nostitz oder Zieten.«
+
+»Nostitz, Nostitz,« riefen alle durcheinander, und der so durch
+Akklamation Gewählte nahm auf einem ausgebuchteten Gartenstuhle Platz.
+Flaschen und Gläser standen die lange Tafel entlang.
+
+»Rede halten: Assemblée nationale ....«
+
+Nostitz ließ den Lärm eine Weile dauern, und klopfte dann erst mit dem
+ihm als Zeichen seiner Würde zur Seite liegenden Pallasch auf den Tisch.
+
+»_Silentium, Silentium._«
+
+»Kameraden vom Regiment Gensdarmes, Erben eines alten Ruhmes auf dem
+Felde militärischer und gesellschaftlicher Ehre (denn wir haben nicht
+nur der Schlacht die Richtung, wir haben auch der Gesellschaft den =Ton=
+gegeben), Kameraden, sag ich, wir sind schlüssig geworden: =es muß etwas
+geschehn!=«
+
+»Ja, ja. Es muß etwas geschehn.«
+
+»Und neu geweiht durch die ›Weihe der Kraft‹, haben wir, dem alten
+Luther und uns selber zu Liebe, beschlossen, einen Aufzug zu
+bewerkstelligen, von dem die spätesten Geschlechter noch melden sollen.
+Es muß etwas Großes werden! Erinnern wir uns, wer nicht vorschreitet,
+der schreitet zurück. Ein Aufzug also. So viel steht fest. Aber Wesen
+und Charakter dieses Aufzuges bleibt noch zu fixiren, und zu diesem
+Behufe haben wir uns hier versammelt. Ich bin bereit, Ihre Vorschläge
+der Reihe nach entgegen zu nehmen. Wer Vorschläge zu machen hat, melde
+sich.«
+
+Unter denen, die sich meldeten, war auch Lieutenant von Zieten.
+
+»Ich gebe dem Lieutenant von Zieten das Wort.«
+
+Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+wiegte: »Was ich vorzuschlagen habe, heißt =Schlittenfahrt=.«
+
+Alle sahen einander an, Einige lachten.
+
+»Im Juli?«
+
+»Im Juli,« wiederholte Zieten. »Unter den Linden wird Salz gestreut, und
+über diesen Schnee hin, geht unsre Fahrt. Erst ein paar aufgelöste
+Nonnen; in dem großen Hauptschlitten aber, der die Mitte des Zuges
+bildet, paradiren Luther und sein Famulus, jeder mit einer Flöte,
+während Katharinchen auf der Pritsche reitet. _Ad libitum_ mit Fackel
+oder Schlittenpeitsche. Vorreiter eröffnen den Zug. Kostüme werden dem
+Theater entnommen oder angefertigt. Ich habe gesprochen.«
+
+Ein ungeheurer Lärm antwortete, bis der Ruhe gebietende Nostitz endlich
+durchdrang. »Ich nehme diesen Lärm einfach als Zustimmung, und
+beglückwünsche Kamerad Zieten, mit einem einzigen und ersten
+Meisterschuß gleich ins Schwarze getroffen zu haben. Also
+Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+»Ja, ja.«
+
+»So bleibt nur noch Rollenvertheilung. Wer giebt den Luther?«
+
+»Schach.«
+
+»Er wird ablehnen.«
+
+»Nicht doch,« krähte Zieten, der gegen den schönen, ihm bei mehr als
+einer Gelegenheit vorgezogenen Schach eine Spezialmalice hegte: »wie
+kann man Schach so verkennen! Ich kenn ihn besser. Er wird es freilich
+eine halbe Stunde lang beklagen, sich hohe Backenknochen auflegen und
+sein Normal-Oval in eine bäurische _tête carré_ verwandeln zu müssen.
+Aber schließlich wird er Eitelkeit gegen Eitelkeit setzen, und seinen
+Lohn darin finden, auf vierundzwanzig Stunden der Held des Tages zu
+sein.«
+
+Ehe Zieten noch ausgesprochen hatte, war von der Wache her ein Gefreiter
+eingetreten, um ein an Nostitz adressiertes Schreiben abzugeben.
+
+»Ah, _lupus in fabula_.«
+
+»Von Schach?«
+
+»Ja!«
+
+»Lesen, lesen!«
+
+Und Nostitz erbrach den Brief und las. »Ich bitte Sie, lieber Nostitz,
+bei der muthmaßlich in eben diesem Augenblicke stattfindenden
+Versammlung unsrer jungen Offiziere, meinen Vermittler und wenn nöthig,
+auch meinen Anwalt machen zu wollen. Ich habe das Zirkular erhalten, und
+war anfänglich gewillt zu kommen. Inzwischen aber ist mir mitgetheilt
+worden, um was es sich aller Wahrscheinlichkeit nach handeln wird, und
+diese Mittheilung hat meinen Entschluß geändert. Es ist Ihnen kein
+Geheimniß, daß all das, was man vorhat, meinem Gefühl widerstreitet, und
+so werden Sie sich mit Leichtigkeit herausrechnen können, wie viel oder
+wie wenig ich (dem schon ein =Bühnen=-Luther _contre coeur_ war) für
+einen Mummenschanz-Luther übrig habe. Daß wir diesen Mummenschanz in
+eine Zeit verlegen, die nicht einmal eine Fastnachtsfreiheit in Anspruch
+nehmen darf, bessert sicherlich nichts. Jüngeren Kameraden soll aber
+durch diese meine Stellung zur Sache kein Zwang auferlegt werden, und
+jedenfalls darf man sich meiner Diskretion versichert halten. Ich bin
+nicht das Gewissen des Regiments, noch weniger sein Aufpasser. Ihr
+Schach.«
+
+»Ich wußt es,« sagte Nostitz in aller Ruhe, während er das Schachsche
+Billet an dem ihm zunächst stehenden Lichte verbrannte. »Kamerad Zieten
+ist größer in Vorschlägen und Phantastik, als in Menschenkenntniß. Er
+will mir antworten, seh ich, aber ich kann ihm nicht nachgeben, denn in
+diesem Augenblicke heißt es ausschließlich: wer spielt den Luther? Ich
+bringe den Reformator unter den Hammer. Der Meistbietende hat ihn. Zum
+Ersten, Zweiten und zum .... Dritten. Niemand? So bleibt mir nichts
+übrig als Ernennung: Alvensleben, Sie.«
+
+Dieser schüttelte den Kopf. »Ich stehe dazu wie Schach; machen Sie das
+Spiel, ich bin kein Spielverderber, aber ich spiele persönlich nicht
+mit. Kann nicht und will nicht. Es steckt mir dazu zu viel Katechismus
+_Lutheri_ im Leibe.«
+
+Nostitz wollte nicht gleich nachgeben. »Alles zu seiner Zeit,« nahm er
+das Wort »und wenn der Ernst seinen Tag hat, so hat der Scherz
+wenigstens seine Stunde. Sie nehmen alles zu gewissenhaft, zu feierlich,
+zu pedantisch. Auch darin wie Schach. Keinerlei Ding ist an sich gut
+oder bös. Erinnern Sie sich, daß wir den alten Luther nicht verhöhnen
+wollen, im Gegentheil, wir wollen ihn rächen. Was verhöhnt werden soll,
+ist das =Stück=, ist die Lutherkarrikatur, ist der Reformator in
+falschem Licht und an falscher Stelle. Wir sind Strafgericht, Instanz
+aller oberster Sittlichkeit. Thun Sie's. Sie dürfen uns nicht im Stiche
+lassen oder es fällt alles in den Brunnen.«
+
+Andere sprachen in gleichem Sinn. Aber Alvensleben blieb fest, und eine
+kleine Verstimmung schwand erst, als sich unerwartet (und eben deshalb
+von allgemeinstem Jubel begrüßt) der junge Graf Herzberg erhob, um sich
+für die Lutherrolle zu melden.
+
+Alles was danach noch zu ordnen war, ordnete sich rasch, und ehe zehn
+Minuten um waren, waren bereits die Hauptrollen vertheilt: Graf Herzberg
+den Luther, Diricke den Famulus, Nostitz, wegen seiner kolossalen Größe,
+die Katharina von Bora. Der Rest wurde einfach als Nonnenmaterial
+eingeschrieben, und nur Zieten, dem man sich besonders verpflichtet
+fühlte, rückte zur Aebtissin auf. Er erklärte denn auch sofort, auf
+seinem Schlittensitz ein »_jeu_ entriren« oder mit dem Klostervogt eine
+Partie Mariage spielen zu wollen. Ein neuer Jubel brach aus, und nachdem
+noch in aller Kürze der nächste Montag für die Maskerade festgesetzt,
+alles Ausplaudern aber aufs strengste verboten worden war, schloß
+Nostitz die Sitzung.
+
+In der Thür drehte sich Diricke noch einmal um, und fragte: »Aber wenn's
+regnet?«
+
+»Es darf nicht regnen.«
+
+»Und was wird aus dem Salz?«
+
+»_C'est pour les domestiques._«
+
+»_Et pour la canaille_,« schloß der jüngste Cornet.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+
+Die Schlittenfahrt.
+
+
+Schweigen war gelobt worden, und es blieb auch wirklich verschwiegen.
+Ein vielleicht einzig dastehender Fall. Wohl erzählte man sich in der
+Stadt, daß die Gensdarmes »etwas vorhätten« und mal wieder über einem
+jener tollen Streiche brüteten, um derentwillen sie vor andern
+Regimentern einen Ruf hatten, aber man erfuhr weder worauf die Tollheit
+hinauslaufen werde, noch auch für welchen Tag sie geplant sei. Selbst
+die Carayonschen Damen, an deren letztem Empfangsabende weder Schach
+noch Alvensleben erschienen waren, waren ohne Mittheilung geblieben, und
+so brach denn die berühmte »Sommer-Schlittenfahrt« über Näher- und
+Fernerstehende gleichmäßig überraschend herein.
+
+In einem der in der Nähe der Mittel- und Dorotheenstraße gelegenen
+Stallgebäude hatte man sich bei Dunkelwerden versammelt, und ein Dutzend
+prachtvoll gekleideter und von Fackelträgern begleiteter Vorreiter
+vorauf, ganz also wie Zieten es proponirt hatte, schoß man mit dem
+Glockenschlage neun an dem Akademiegebäude vorüber auf die Linden zu,
+jagte weiter abwärts erst in die Wilhelms-, dann aber umkehrend in die
+Behren- und Charlottenstraße hinein und wiederholte diese Fahrt um das
+ebenbezeichnete Linden-Quarré herum in einer immer gesteigerten Eile.
+
+Als der Zug das =erste= Mal an dem Carayonschen Hause vorüberkam und das
+Licht der vorausreitenden Fackeln grell in alle Scheiben der Bel-Etage
+fiel, eilte Frau von Carayon, die sich zufällig allein befand,
+erschreckt ans Fenster und sah auf die Straße hinaus. Aber statt des
+Rufes »Feuer«, den sie zu hören erwartete, hörte sie nur, wie mitten im
+Winter, ein Knallen großer Hetz- und Schlittenpeitschen mit
+Schellengeläut dazwischen, und ehe sie sich zurecht zu finden im Stande
+war, war alles schon wieder vorüber und ließ sie verwirrt und fragend
+und in einer halben Betäubung zurück. In solchem Zustande war es, daß
+Victoire sie fand.
+
+»Um Gotteswillen, Mama, was ist?«
+
+Aber ehe Frau von Carayon antworten konnte, war die Spitze der Maskerade
+zum =zweiten= Male heran, und Mutter und Tochter, die jetzt rasch und zu
+bessrer Orientirung von ihrem Eckzimmer aus auf den Balkon
+hinausgetreten waren, waren von diesem Augenblick an nicht länger mehr
+im Zweifel, was das Ganze bedeute. Verhöhnung, gleichviel auf wen und
+was. Erst unzüchtige Nonnen, mit einer Hexe von Aebtissin an der Spitze,
+johlend, trinkend und Karte spielend, und in der Mitte des Zuges ein auf
+Rollen laufender und in der Fülle seiner Vergoldung augenscheinlich als
+Triumphwagen gedachter Hauptschlitten, in dem Luther sammt Famulus und
+auf der Pritsche Katharina von Bora saß. An der riesigen Gestalt
+erkannten sie Nostitz. Aber wer war =der= auf dem Vordersitz? fragte
+sich Victoire. Wer verbarg sich hinter dieser Luther-Maske? War =er= es?
+Nein, es war unmöglich. Und doch, auch wenn er es =nicht= war, er war
+doch immer ein Mitschuldiger in diesem widerlichen Spiele, das er
+gutgeheißen oder wenigstens nicht gehindert hatte. Welche verkommne
+Welt, wie pietätlos, wie baar aller Schicklichkeit! Wie schaal und ekel.
+Ein Gefühl unendlichen Wehs ergriff sie, das Schöne verzerrt und das
+Reine durch den Schlamm gezogen zu sehen. Und warum? Um einen Tag lang
+von sich reden zu machen, um einer kleinlichen Eitelkeit willen. Und
+=das= war die Sphäre, darin sie gedacht und gelacht, und gelebt und
+gewebt, und darin sie nach Liebe verlangt, und ach, das Schlimmste von
+allem, an Liebe geglaubt hatte!
+
+»Laß uns gehen,« sagte sie, während sie den Arm der Mutter nahm, und
+wandte sich, um in das Zimmer zurückzukehren. Aber ehe sie's erreichen
+konnte, wurde sie wie von einer Ohnmacht überrascht und sank auf der
+Schwelle des Balkons nieder.
+
+Die Mama zog die Klingel, Beate kam, und beide trugen sie bis an das
+Sopha, wo sie gleich danach von einem heftigen Brustkrampfe befallen
+wurde. Sie schluchzte, richtete sich auf, sank wieder in die Kissen, und
+als die Mutter ihr Stirn und Schläfe mit kölnischem Wasser waschen
+wollte, stieß sie sie heftig zurück. Aber im nächsten Augenblick riß sie
+der Mama das Flacon aus der Hand und goß es sich über Hals und Nacken.
+»Ich bin mir zuwider, zuwider wie die Welt. In meiner Krankheit damals
+hab ich Gott um mein Leben gebeten .... Aber wir =sollen= nicht um unser
+Leben bitten .... Gott weiß am besten, was uns frommt. Und wenn er uns
+zu sich hinaufziehen will, so sollen wir nicht bitten: laß uns noch ....
+O, wie schmerzlich ich das fühle! Nun leb ich .... Aber wie, wie!«
+
+Frau von Carayon kniete neben dem Sopha nieder und sprach ihr zu.
+Denselben Augenblick aber schoß der Schlittenzug zum =dritten= Mal an
+dem Hause vorüber, und wieder war es, als ob sich schwarze phantastische
+Gestalten in dem glührothen Scheine jagten und haschten. »Ist es nicht
+wie die Hölle?« sagte Victoire, während sie nach dem Schattenspiel an
+der Decke zeigte.
+
+Frau von Carayon schickte Beaten, um den Arzt rufen zu lassen. In
+Wahrheit aber lag ihr weniger an dem Arzt, als an einem Alleinsein und
+einer Aussprache mit dem geliebten Kinde.
+
+»Was ist Dir? Und wie Du nur fliegst und zitterst. Und siehst so starr.
+Ich erkenne meine heitre Victoire nicht mehr. Ueberlege, Kind, was ist
+denn geschehen? Ein toller Streich mehr, einer unter vielen, und ich
+weiß Zeiten, wo Du diesen Uebermuth mehr belacht als beklagt hättest. Es
+ist etwas andres, was Dich quält und drückt; ich seh es seit Tagen
+schon. Aber Du verschweigst mir's, Du hast ein Geheimniß. Ich beschwöre
+Dich, Victoire, sprich. Du darfst es. Es sei, was es sei.«
+
+Victoire schlang ihren Arm um Frau von Carayons Hals, und ein Strom von
+Thränen entquoll ihrem Auge.
+
+»Beste Mutter!«
+
+Und sie zog sie fester an sich, und küßte sie und beichtete ihr alles.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+Schach bei Frau von Carayon.
+
+
+Am andern Vormittage saß Frau von Carayon am Bette der Tochter und
+sagte, während diese zärtlich und mit einem wiedergewonnenen
+ruhig-glücklichen Ausdruck zu der Mutter aufblickte: »Habe Vertrauen,
+Kind. Ich kenn ihn so lange Zeit. Er ist schwach und eitel nach Art
+aller schönen Männer, aber von einem nicht gewöhnlichen Rechtsgefühl und
+einer untadligen Gesinnung.«
+
+In diesem Augenblicke wurde Rittmeister von Schach gemeldet, und der
+alte Jannasch setzte hinzu, »daß er ihn in den Salon geführt habe.«
+
+Frau von Carayon nickte zustimmend.
+
+»Ich wußte, das er kommen würde,« sagte Victoire.
+
+»Weil Du's geträumt?«
+
+»Nein, nicht geträumt; ich beobachte nur und rechne. Seit einiger Zeit
+weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er
+erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine
+Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer
+intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung
+des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt.
+Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie
+sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.«
+
+Frau von Carayon war bewegt. »Ach, meine süße Victoire, Du bist zu gut,
+viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.« Und sie streichelte die
+Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer
+wartete.
+
+Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich ihr die Hand
+zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen
+verändert. Sie wies mit einem Ceremoniell, das ihr sonst fremd war, auf
+einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein
+Fußkissen heran, und nahm ihrerseits auf dem Sopha Platz.
+
+»Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in
+Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor Ihren Augen
+gefunden hat oder nicht.«
+
+»Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend,
+und Victoire fühlte sich beinah widerwärtig davon berührt.«
+
+»Ein Gefühl, das ich theile.«
+
+»So waren Sie nicht mit von der Partie?«
+
+»Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu
+müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine theure
+Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und
+seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch
+heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut
+mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?«
+
+»Zu Bett.«
+
+»Ich hoffe nichts Ernstliches.«
+
+»Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem
+sie gestern Abend befallen wurde.«
+
+»Muthmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem
+Herzen.«
+
+»Und doch bin ich eben dieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem
+Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die
+Zunge; sie brach ihr langes Schweigen, und vertraute mir ein Geheimniß
+an, ein Geheimniß, das Sie kennen.«
+
+Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.
+
+»Lieber Schach,« fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine
+Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich aber fest ansah:
+»lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen
+oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten
+verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in
+der Welt gelebt, kenne die Welt, und habe manches an meinem eignen
+Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern
+verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor =Ihnen=?«
+
+Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre
+Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu:
+»Freilich es giebt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch
+von der Linken, die nicht wissen soll was die Rechte thut, dahin deuten,
+daß das Heute nicht wissen soll, was das Gestern that. Oder wohl gar das
+Vorgestern! Ich aber gehöre nicht zu diesen Virtuosinnen des Vergessens.
+Ich leugne nichts, will es nicht, mag es nicht. Und nun verurtheilen Sie
+mich, wenn Sie können.«
+
+Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung
+zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte.
+
+»Lieber Schach,« fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urtheil
+preis. Aber wenn ich mich auch bedingungslos einer jeden Vertheidigung
+oder Anwaltschaft für Josephine von Carayon enthalte, für =Josephine=
+(Verzeihung, Sie haben eben selbst den alten Namen wieder
+heraufbeschworen) so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt
+der =Frau= von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.«
+
+Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht zu.
+»Noch einen Augenblick. Ich werde gleich gesagt haben, was ich zu sagen
+habe. Victoire hat mich gebeten, über =alles= zu schweigen, nichts zu
+verrathen, auch =Ihnen= nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für
+eine halbe Schuld (und ich rechne hoch, wenn ich von einer =halben=
+Schuld spreche) will sie die =ganze= tragen, auch vor der Welt, und will
+sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück
+ein Glück erziehen. Sie gefällt sich in dem Hochgefühl des Opfers, in
+einem süßen Hinsterben für =den=, den sie liebt, und für =das=, was sie
+lieben =wird=. Aber so schwach ich in meiner Liebe zu Victoire bin, so
+bin ich doch nicht schwach genug, ihr in dieser Großmuthskomödie zu
+willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich
+erfülle, deren Gesetzen ich mich unterwerfe; daraufhin bin ich erzogen,
+und ich habe nicht Lust, einer Opfermarotte meiner einzig geliebten
+Tochter zur Liebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu
+bringen. Mit andern Worten, ich habe nicht Lust ins Kloster zu gehen
+oder die dem Irdischen entrückte Säulenheilige zu spielen, auch nicht um
+Victoirens willen. Und so muß ich denn auf Legitimisirung des
+Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen
+zu sagen hatte.«
+
+Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte sich wieder zu
+sammeln, erwiderte, »daß er wohl wisse, wie jegliches Ding im Leben
+seine natürliche Konsequenz habe. Und solcher Konsequenz gedenk er sich
+nicht zu entziehen. Wenn ihm =das=, was er jetzt wisse, bereits früher
+bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon
+jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den
+Wunsch gehabt, unverheirathet zu bleiben, und von einer solchen
+langgehegten Vorstellung Abschied zu nehmen, schaffe momentan eine
+gewisse Verwirrung. Aber er fühle mit nicht mindrer Gewißheit, daß er
+sich zu dem Tage zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen
+Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter,
+das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen
+Glücks.«
+
+All dies wurde sehr artig und verbindlich gesprochen, aber doch zugleich
+auch mit einer bemerkenswerthen Kühle.
+
+Dies empfand Frau von Carayon in einer ihr nicht nur schmerzlichen,
+sondern sie geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war
+weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg,
+erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Worte, Herr
+von Schach, ganz besonders auch für =das=, was sich darin an meine
+Person richtete. Daß Ihr ›ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte
+klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,
+mir genügt das ›Ja‹. Denn wonach dürst ich denn am Ende? Nach einer
+Trauung im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in
+gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren
+Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten -- denn ein
+wenig prinzeßlich werden wir's doch wohl halten müssen, schon um Tante
+Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Thun und Lassen, in
+Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen, was geschehen
+=mußte=.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Ich nehme vorläufig ein stilles Verlöbniß an. Ueber alles andre werden
+wir uns leicht verständigen. Wenn es sein muß, schriftlich. Aber die
+Kranke wartet jetzt auf mich, und so verzeihen Sie.«
+
+Frau von Carayon erhob sich und gleich danach verabschiedete sich Schach
+in aller Förmlichkeit, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen
+gesprochen worden wäre.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+»_Le choix du Schach._«
+
+
+In beinah offner Gegnerschaft hatte man sich getrennt. Aber es ging
+alles besser, als nach dieser gereizten Unterhaltung erwartet werden
+konnte, wozu sehr wesentlich ein Brief beitrug, den Schach andern Tags
+an Frau von Carayon schrieb. Er bekannte sich darin in allem Freimuth
+schuldig, schützte, wie schon während des Gesprächs selbst,
+Ueberraschung und Verwirrung vor, und traf in allen diesen Erklärungen
+einen wärmeren Ton, eine herzlichere Sprache. Ja, sein Rechtsgefühl, dem
+er ein Genüge thun wollte, ließ ihn vielleicht mehr sagen, als zu sagen
+gut und klug war. Er sprach von seiner Liebe zu Victoiren und vermied
+absichtlich oder zufällig all jene Versicherungen von Respekt und
+Werthschätzung, die so bitter wehe thun, wo das einfache Geständniß
+einer herzlichen Neigung gefordert wird. Victoire sog jedes Wort ein,
+und als die Mama schließlich den Brief aus der Hand legte, sah diese
+letztre nicht ohne Bewegung, wie zwei Minuten Glück ausgereicht hatten,
+ihrem armen Kinde die Hoffnung, und =mit= dieser Hoffnung auch die
+verlorene Frische zurückzugeben. Die Kranke strahlte, fühlte sich wie
+genesen, und Frau von Carayon sagte: »wie hübsch Du bist, Victoire.«
+
+Schach empfing am selben Tage noch ein Antwortsbillet, das ihm
+unumwunden die herzliche Freude seiner alten Freundin ausdrückte.
+Manches Bittre, was sie gesagt habe, mög er vergessen; sie habe sich,
+lebhaft wie sie sei, hinreißen lassen. Im Uebrigen sei noch nichts
+Ernstliches und Erhebliches versäumt, und wenn, dem Sprichworte nach,
+aus Freude Leid erblühe, so kehre sich's auch wohl um. Sie sehe wieder
+hell in die Zukunft und hoffe wieder. Was sie persönlich zum Opfer
+bringe, bringe sie gern, wenn dies Opfer die Bedingung für das Glück
+ihrer Tochter sei.
+
+Schach, als er das Billet gelesen, wog es hin und her, und war
+ersichtlich von einer gemischten Empfindung. Er hatte sich, als er in
+seinem Briefe von Victoire sprach, einem ihr nicht leicht von irgendwem
+zu versagenden, freundlich-herzlichen Gefühl überlassen, und diesem
+Gefühle (dessen entsann er sich) einen besonders lebhaften Ausdruck
+gegeben. Aber das, woran ihn das Billet seiner Freundin jetzt aufs neue
+gemahnte, das war =mehr=, das hieß einfach Hochzeit, Ehe, Worte, deren
+bloßer Klang ihn von alter Zeit her erschreckte. Hochzeit! Und Hochzeit
+mit =wem=? Mit einer Schönheit, die, wie der Prinz sich auszudrücken
+beliebt hatte, »durch ein Fegefeuer gegangen war.« »Aber,« so fuhr er in
+seinem Selbstgespräche fort, »ich stehe nicht auf dem Standpunkte des
+Prinzen, ich schwärme nicht für ›Läuterungsprozesse‹, hinsichtlich deren
+nicht feststeht, ob der Verlust nicht größer ist als der Gewinn, und
+wenn ich mich auch persönlich zu diesem Standpunkte bekehren könnte, so
+bekehr ich doch nicht die Welt .... Ich bin rettungslos dem Spott und
+Witz der Kameraden verfallen, und das Ridikül einer allerglücklichsten
+›Land-Ehe‹, die wie das Veilchen im Verborgenen blüht, liegt in einem
+wahren Musterexemplare vor mir. Ich sehe genau, wie's kommt: ich
+quittire den Dienst, übernehme wieder Wuthenow, ackre, meliorire, ziehe
+Raps oder Rübsen, und befleißige mich einer allerehelichsten Treue.
+Welch Leben, welche Zukunft! An =einem= Sonntage Predigt, am =andern=
+Evangelium oder Epistel, und dazwischen Whist _en trois_, immer mit
+demselben Pastor. Und dann kommt einmal ein Prinz in die nächste Stadt,
+vielleicht Prinz Louis in Person, und wechselt die Pferde, während ich
+erschienen bin um am Thor oder am Gasthof ihm aufzuwarten. Und er
+mustert mich und meinen altmodischen Rock und frägt mich: ›wie mir's
+gehe?‹ Und dabei drückt jede seiner Mienen aus: ›O Gott, was doch drei
+Jahr aus einem Menschen machen können.‹ Drei Jahr .... Und vielleicht
+werden es dreißig.«
+
+Er war in seinem Zimmer auf und abgegangen, und blieb vor einer
+Spiegelkonsole stehen, auf der der Brief lag, den er während des
+Sprechens bei Seite gelegt hatte. Zwei, drei mal hob er ihn auf und ließ
+ihn wieder fallen. »Mein Schicksal. Ja, ›der Moment entscheidet.‹ Ich
+entsinne mich noch, so schrieb sie damals. Wußte sie, was kommen würde?
+=Wollte= sie's? O pfui, Schach, verunglimpfe nicht das süße Geschöpf.
+Alle Schuld liegt bei =Dir=. Deine =Schuld= ist Dein Schicksal. Und ich
+will sie tragen.«
+
+Er klingelte, gab dem Diener einige Weisungen, und ging zu den Carayons.
+
+Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem
+Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten
+Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß
+auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau
+von Carayon getrübt hätte, besprachen beide was zu thun sei. Schach
+zeigte sich einverstanden mit allem: in einer Woche Verlobung, und nach
+drei Wochen die Hochzeit. Unmittelbar nach der Hochzeit aber sollte das
+junge Paar eine Reise nach Italien antreten, und nicht vor Ablauf eines
+Jahres in die Heimath zurückkehren, Schach nach der Hauptstadt, Victoire
+nach Wuthenow, dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren
+Besuche her, (als Schachs Mutter noch lebte) in dankbarer und
+freundlicher Erinnerung war. Und war auch das =Gut= inzwischen in Pacht
+gegeben, so war doch noch das =Schloß= da, stand frei zur Verfügung, und
+konnte jeden Augenblick bezogen werden.
+
+Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+über dem Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübniß die
+vorausgegangen war.
+
+Auch Schach legte sich's zurecht. Italien wiederzusehen, war ihm seit
+seinem ersten, erst um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte
+daselbst, ein brennender Wunsch geblieben; =der= erfüllte sich nun, und
+kehrten sie dann zurück, so ließ sich ohne Schwierigkeit auch aus der
+geplanten doppelten Wirthschaftsführung allerlei Nutzen und Vortheil
+ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er
+dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die
+Felder und plauderten. O, sie plauderte ja so gut, und war einfach und
+espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten
+und dritten, je nun, da hatte sich's verblutet, da war es todt und
+vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch
+leichter. Und dann hielt man seinen Einzug in das Eckhaus am
+Wilhelmsplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse,
+die doch schließlich nicht blos seine, sondern auch =ihre= Heimath
+bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des
+Lächerlichen =nicht= gescheitert.
+
+Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben.
+
+Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht
+um, als ihm ein Brief mit voller Titelaufschrift und einem großen rothen
+Siegel ins Haus geschickt wurde. Den ersten Augenblick hielt er's für
+ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem
+Oeffnen, um die Vorfreude der Erwartung nicht abzukürzen. Aber woher kam
+es? von wem? Er prüfte neugierig das Siegel und erkannte nun leicht, daß
+es überhaupt kein Siegel, sondern ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und
+nun erbrach er's und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radirte Skizze mit
+der Unterschrift: _Le choix du Schach_. Er wiederholte sich das Wort,
+ohne sich in ihm oder dem Bilde selbst zurecht finden zu können und
+empfand nur ganz allgemein und aufs Unbestimmte hin etwas von Angriff
+und Gefahr. Und wirklich, als er sich orientirt hatte, sah er, daß sein
+erstes Gefühl ein richtiges gewesen war. Unter einem Thronhimmel saß der
+persische Schach, erkennbar an seiner hohen Lammfellmütze, während an
+der untersten Thronstufe zwei weibliche Gestalten standen und des
+Augenblicks harrten, wo der von seiner Höhe her kalt und vornehm
+Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der
+persische Schach aber war einfach =unser= Schach und zwar in
+allerfrappantester Porträtähnlichkeit, während die beiden ihn fragend
+anblickenden, und um vieles flüchtiger skizzirten Frauenköpfe,
+wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit
+aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger
+als eine Karrikatur. Sein Verhältniß zu den Carayons hatte sich in der
+Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur
+zu viel hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst
+ein Genüge zu thun.
+
+Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf, und es
+war ihm, als würd er vom Schlage getroffen.
+
+Einem natürlichen Verlangen nach Luft und Bewegung folgend, oder
+vielleicht auch von der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht
+abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+Begegnungen und Geplauder sollten ihn zerstreuen, ihm seine Ruhe
+wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache.
+
+Die Frische draußen that ihm wohl; er athmete freier und hatte seine
+gute Laune fast schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmsplatz her die
+Linden einbiegend, auf die schattigere Seite der Straße hinüberging, um
+hier ein paar Bekannte, die des Wegs kamen, anzusprechen. Sie vermieden
+aber ein Gespräch und wurden sichtlich verlegen. Auch Zieten kam, grüßte
+nonchalant und wenn nicht alles täuschte sogar mit hämischer Miene.
+Schach sah ihm nach, und sann und überlegte noch, was die Suffisance des
+einen und die verlegenen Gesichter der andern bedeutet haben mochten,
+als er, einige Hundert Schritte weiter aufwärts, einer ungewöhnlich
+großen Menschenmenge gewahr wurde, die vor einem kleinen Bilderladen
+stand. Einige lachten, andre schwatzten, alle jedoch schienen zu fragen
+»was es eigentlich sei?« Schach ging im Bogen um die Zuschauermenge
+herum, warf einen Blick über ihre Köpfe weg, und wußte genug. An dem
+Mittelfenster hing dieselbe Karrikatur, und der absichtlich niedrig
+normirte Preis war mit Rothstift groß darunter geschrieben.
+
+Also eine Verschwörung.
+
+Schach hatte nicht die Kraft mehr seinen Spaziergang fortzusetzen, und
+kehrte in seine Wohnung zurück.
+
+Um Mittag empfing Sander ein Billet von Bülow: »Lieber Sander. Eben
+erhalte ich eine Karrikatur, die man auf Schach und die Carayonschen
+Damen gemacht hat. Im Zweifel darüber, ob Sie dieselbe schon kennen,
+schließ ich sie diesen Zeilen bei. Bitte, suchen Sie dem Ursprunge
+nachzugehn. Sie wissen ja alles, und hören das Berliner Gras wachsen.
+Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+von Persien‹ einigermaßen verdient (denn er ist wirklich so was), aber
+der Carayons halber. Die liebenswürdige Victoire! So blosgestellt zu
+werden. Alles Schlechte nehmen wir uns von den Franzosen an, und an
+ihrem Guten, wohin auch die Gentilezza gehört, gehen wir vorüber. Ihr
+B.«
+
+Sander warf nur einen flüchtigen Blick auf das Bild, das er kannte,
+setzte sich an sein Pult und antwortete: »_Mon Général!_ Ich brauche dem
+Ursprunge nicht nachzugehen, er ist =mir= nachgegangen. Vor etwa vier,
+fünf Tagen erschien ein Herr in meinen Kontor und befragte mich, ob ich
+mich dazu verstehen würde, den Vertrieb einiger Zeichnungen in die Hand
+zu nehmen. Als ich sah, um was es sich handelte, lehnte ich ab. Es waren
+drei Blätter, darunter auch _le choix du Schach_. Der bei mir
+erschienene Herr gerirte sich als ein Fremder, aber er sprach, alles
+gekünstelten Radebrechens unerachtet, das Deutsche so gut, daß ich seine
+Fremdheit für eine bloße Maske halten mußte. Personen aus dem Prinz
+R.schen Kreise, nehmen Anstoß an seinem Gelieble mit der Prinzessin, und
+stecken vermuthlich dahinter. Irr ich aber in dieser Annahme, so wird
+mit einer Art von Sicherheit auf Kameraden seines Regiments zu schließen
+sein. Er ist nichts weniger als beliebt, wer den Aparten spielt, ist es
+nie. Die Sache möchte hingehn, wenn nicht, wie Sie sehr richtig
+hervorheben, die Carayons mit hineingezogen wären. Um =ihret=willen
+beklag ich den Streich, dessen Gehässigkeit sich in diesem =einem= Bilde
+schwerlich erschöpft haben wird. Auch die beiden andern, deren ich
+Eingangs erwähnte, werden muthmaßlich folgen. Alles in diesem anonymen
+Angriff ist klug berechnet, und klug berechnet ist auch der Einfall, das
+Gift nicht gleich auf einmal zu geben. Es wird seine Wirkung nicht
+verfehlen, und nur auf das ›wie‹ haben wir zu warten. _Tout à vous. S._«
+
+In der That, die Besorgniß, die Sander in diesen Zeilen an Bülow
+ausgesprochen hatte, sollte sich nur als zu gerechtfertigt erweisen.
+Intermittirend wie das Fieber, erschienen in zweitägigen Pausen auch die
+beiden andern Blätter, und wurden, wie das erste, von jedem
+Vorübergehenden gekauft oder wenigstens begafft und besprochen. Die
+Frage Schach-Carayon war über Nacht zu einer _cause celèbre_ geworden,
+trotzdem das neubegierige Publikum nur die Hälfte wußte. Schach, so hieß
+es, habe sich von der schönen Mutter ab- und der unschönen Tochter
+zugewandt. Ueber das Motiv erging man sich in allerlei Muthmaßungen,
+ohne dabei das Richtige zu treffen.
+
+Schach empfing auch die beiden andern Blätter unter Kouvert. Das Siegel
+blieb dasselbe. Blatt 2 hieß »_la gazza ladra_« oder die »diebische
+=Schach=-Elster,« und stellte eine Elster dar, die, zwei Ringe von
+ungleichem Werthe musternd, den unscheinbareren aus der Schmuckschale
+nimmt.
+
+Am weitaus verletzendsten aber berührte das den Salon der Frau von
+Carayon als Szenerie nehmende dritte Blatt. Auf dem Tische stand ein
+Schachbrett, dessen Figuren, wie nach einem verloren gegangenen Spiel
+und wie um die Niederlage zu besiegeln, umgeworfen waren. Daneben saß
+Victoire, gut getroffen, und ihr zu Füßen kniete Schach, wieder in der
+persischen Mütze des ersten Bildes. Aber diesmal bezipfelt und
+eingedrückt. Und darunter stand: »Schach -- matt.«
+
+Der Zweck dieser wiederholten Angriffe wurde nur =zu= gut erreicht.
+Schach ließ sich krank melden, sah niemand und bat um Urlaub, der ihm
+auch umgehend von seinem Chef, dem Obersten von Schwerin, gewährt wurde.
+
+So kam es, daß er am selben Tag, an dem, nach gegenseitigem Abkommen,
+seine Verlobung mit Victoire veröffentlicht werden sollte, Berlin
+verließ. Er ging auf sein Gut, ohne sich von den Carayons (deren Haus er
+all die Zeit über nicht betreten hatte) verabschiedet zu haben.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+In Wuthenow am See.
+
+
+Es schlug Mitternacht, als Schach in Wuthenow eintraf, an dessen
+entgegengesetzter Seite das auf einem Hügel erbaute, den Ruppiner See
+nach rechts und links hin überblickende =Schloß= Wuthenow lag. In den
+Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+Ställen her hörte man noch das Stampfen eines Pferds oder das halblaute
+Brüllen einer Kuh.
+
+Schach passirte das Dorf und bog am Ausgang in einen schmalen Feldweg
+ein, der, allmählich ansteigend, auf den Schloßhügel hinauf führte.
+Rechts lagen die Bäume des Außenparks, links eine gemähte Wiese, deren
+Heugeruch die Luft erfüllte. Das Schloß selbst aber war nichts als ein
+alter, weißgetünchter und von einer schwarzgetheerten Balkenlage
+durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die »verstorbene
+Gnädige«, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige,
+nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse, das Ansehen
+allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter
+dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach
+hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der
+Schönheit des Bildes.
+
+Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtsthor zu, das sich in einem
+flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem
+danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben
+Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wüthend aus
+seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der
+Holzwandung umherschrammte.
+
+»Kusch Dich, Hektor.« Und das Thier, die Stimme seines Herrn erkennend,
+begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln, und abwechselnd auf
+die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.
+
+Vor dem Gesindehause stand ein Wallnußbaum mit weitem Gezweige. Schach
+stieg ab, schlang den Zügel um den Ast, und klopfte halblaut an einen
+der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es
+lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb
+verschlafene Stimme: »Wat is?«
+
+»Ich, Krist.«
+
+»Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.«
+
+»Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.«
+
+Schach hörte jedes Wort und rief gutmüthig in die Stube hinein, während
+er den nur angelegten Laden halb öffnete: »Laß Dir Zeit, Alter.«
+
+Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus, und sagte nur immer,
+während er hin und her suchte: »Glieks, junge Herr, glieks. Man noch en
+beten.«
+
+Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen, und
+hörte, daß eine Laternenthür auf- und wieder zugeknipst wurde. Richtig,
+ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar
+Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel
+zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes
+Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte vor
+manchem Jahr und Tag, als der alte »Gnädge-Herr« gestorben war, den
+durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen
+jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste
+Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den See gemacht
+hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.
+
+»Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns
+Baarsch'en o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers
+ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn'
+koam' künn'n. ›Jei, jei, Mutter,‹ seggt ick, ›dat bedüt' wat.‹ Awers as
+de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? ›Wat sall et bedüden?‹ seggt se,
+›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹«
+
+»Ja, ja,« sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während
+der Alte die kleine Thür aufschloß, die von der Giebelseite her ins
+Schloß führte. »Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.«
+
+Krist that wie sein junger Herr ihm geheißen, und beide gingen nun einen
+mit Fliesen gedeckten schmalen Korridor entlang. Erst in der Mitte
+verbreiterte sich dieser und bildete nach links hin eine geräumige
+Treppenhalle, während nach rechts hin eine mit Goldleisten und
+Rokokoverzierungen reich ausgelegte Doppelthür in einen Gartensalon
+führte, der als Wohn- und Empfangszimmer der verstorbenen Frau Generalin
+von Schach, einer sehr vornehmen und sehr stolzen alten Dame gedient
+hatte. Hierher richteten sich denn auch die Schritte beider, und als
+Krist die halb verquollene Thür nicht ohne Müh und Anstrengung geöffnet
+hatte, trat man ein.
+
+Unter dem Vielen, was an Kunst- und Erinnerungsgegenständen in diesem
+Gartensalon umherstand, war auch ein bronzener Doppelleuchter, den
+Schach selber, vor drei Jahren erst, von seiner italienischen Reise mit
+nach Hause gebracht und seiner Mutter verehrt hatte. Diesen Leuchter
+nahm jetzt Krist vom Kamin und zündete die beiden Wachslichter an, die
+seit lange schon in den Leuchtertellern steckten, und ihrerzeit der
+verstorbenen Gnädigen zum Siegeln ihrer Briefe gedient hatten. Die
+Gnädige selbst aber war erst seit einem Jahre todt, und da Schach, von
+jener Zeit an, nicht wieder hier gewesen war, so hatte noch alles den
+alten Platz. Ein paar kleine Sophas standen wie früher an den
+Schmalseiten einander gegenüber, während zwei größere die Mitte der
+Längswand einnahmen und nichts als die vergoldete Rokoko-Doppelthür
+zwischen sich hatten. Auch der runde Rosenholztisch (ein Stolz der
+Generalin) und die große Marmorschale, darin alabasterne Weintrauben und
+Orangen und ein Pinienapfel lagen, standen unverändert an ihrem Platz.
+In dem ganzen Zimmer aber, das seit lange nicht gelüftet war, war eine
+stickige Schwüle.
+
+»Mach ein Fenster auf,« sagte Schach. »Und dann gieb mir eine Decke. Die
+da.«
+
+»Wullen's sich denn =hier= hen leggen, junge Herr?«
+
+»Ja, Krist. Ich habe schon schlechter gelegen.«
+
+»Ick weet. Jott, wenn de oll jnädge Herr uns =doa=vunn vertellen deih!
+Uemmer so platsch in'n Kalkmodder 'rin. Nei, nei, dat wihr nix för mi.
+›Jott, jnädge Herr,‹ seggt ick denn ümmer, ›ick gloob de Huut geit em
+runner‹. Awers denn lachte joa de oll jnädge Herr ümmer, un seggte:
+›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹«
+
+Während der Alte noch so sprach und vergangener Zeiten gedachte, griff
+er zugleich doch nach einem breiten, aus Rohr geflochtenen Ausklopfer,
+der in einer Kaminecke stand, und versuchte damit das eine Sopha, das
+sich Schach als Lagerstätt ausgewählt hatte, wenigstens aus dem Gröbsten
+herauszubringen. Aber der dichte Staub, der aufstieg, zeigte nur das
+Vergebliche solcher Bemühungen, und Schach sagte mit einem Anfluge von
+guter Laune: »Störe den Staub nicht in seinem Frieden.« Und erst als
+er's gesprochen hatte, fiel ihm der Doppelsinn darin auf, und er
+gedachte der Eltern, die drunten in der Dorfkirche in großen
+Kupfersärgen und mit einem aufgelötheten Kruzifix darauf in der alten
+Gruft der Familie standen.
+
+Aber er hing dem Bilde nicht weiter nach und warf sich aufs Sopha.
+»Meinem Schimmel gieb ein Stück Brod und einen Eimer Wasser; dann hält
+er aus bis morgen. Und nun stelle das Licht ans Fenster und laß es
+brennen .... Nein, nicht da, nicht ans offene; an das daneben. Und nun
+gute Nacht, Krist. Und schließe von außen zu, daß sie mich nicht
+wegtragen.«
+
+»Ih, se wihren doch nich ....«
+
+Und Schach hörte bald darnach die Pantinen, wie sie den Korridor
+hinunterklappten. Ehe Krist aber die Giebelthür noch erreicht, und von
+außen her zugeschlossen haben konnte, legte sich's schon schwer und
+bleiern auf seines Herrn überreiztes Gehirn.
+
+Freilich nicht auf lang. Aller auf ihm lastenden Schwere zum Trotz,
+empfand er deutlich, daß etwas über ihn hinsumme, ihn streife und
+kitzle, und als ein sich Drehen und Wenden und selbst ein
+unwillkürliches und halbverschlafenes Umherschlagen mit der Hand nichts
+helfen wollte, riß er sich endlich auf und zwang sich ins Wachen zurück.
+Und nun sah er, was es war. Die beiden eben verschweelenden Lichter, die
+mit ihrem Qualme die schon stickige Luft noch stickiger gemacht hatten,
+hatten allerlei Gethier vom Garten her in das Zimmer gelockt, und nur
+über Art und Beschaffenheit desselben war noch ein Zweifel. Einen
+Augenblicke dacht er an Fledermäuse; sehr bald aber mußt er sich
+überzeugen, daß es einfach riesige Motten und Nachtschmetterlinge waren,
+die zu ganzen Dutzenden in dem Saale hin und her flogen, an die Scheiben
+stießen und vergeblich das offene Fenster wieder zu finden suchten.
+
+Er raffte nun die Decke zusammen und schlug mehrmals durch die Luft, um
+die Störenfriede wieder hinauszujagen. Aber das unter diesem Jagen und
+Schlagen immer nur ängstlicher werdende Geziefer schien sich zu
+verdoppeln und summte nur dichter und lauter als vorher um ihn herum. An
+Schlaf war nicht mehr zu denken, und so trat er denn ans offene Fenster
+und sprang hinaus, um, draußen umhergehend, den Morgen abzuwarten.
+
+Er sah nach der Uhr. Halb zwei. Die dicht vor dem Salon gelegene
+Gartenanlage bestand aus einem Rondeel mit Sonnenuhr, um das herum, in
+meist dreieckigen und von Buchsbaum eingefaßten Beeten, allerlei
+Sommerblumen blühten: Reseda und Rittersporn und Lilien und Levkojen.
+Man sah leicht, daß eine ordnende Hand hier neuerdings gefehlt hatte,
+trotzdem Krist zu seinen vielfachen Aemtern auch das eines Gärtners
+zählte; die Zeit indeß, die seit dem Tode der Gnädigen vergangen war,
+war andrerseits eine viel zu kurze noch, um schon zu vollständiger
+Verwilderung geführt zu haben. Alles hatte nur erst den Charakter eines
+wuchernden Blühens angenommen, und ein schwerer und doch zugleich auch
+erquicklicher Levkojenduft lag über den Beeten, den Schach in immer
+volleren Zügen einsog.
+
+Er umschritt das Rondeel, einmal, zehnmal, und balancirte, während er
+einen Fuß vor den andern setzte, zwischen den nur handbreiten Stegen
+hin. Er wollte dabei seine Geschicklichkeit proben und die Zeit mit
+guter Manier hinter sich bringen. Aber diese Zeit wollte nicht
+schwinden, und als er wieder nach der Uhr sah, war erst eine
+Viertelstunde vergangen.
+
+Er gab nun die Blumen auf und schritt auf einen der beiden Laubengänge
+zu, die den großen Parkgarten flankirten und von der Höhe bis fast an
+den Fuß des Schloßhügels herniederstiegen. An mancher Stelle waren die
+Gänge nach obenhin überwachsen, an andern aber offen, und es unterhielt
+ihn eine Weile den abwechselnd zwischen Dunkel und Licht liegenden Raum
+in Schritten auszumessen. Ein paarmal erweiterte sich der Gang zu
+Nischen und Tempelrundungen, in denen allerhand Sandsteinfiguren
+standen: Götter und Göttinnen, an denen er früher viele hundertmale
+vorübergegangen war, ohne sich auch nur im geringsten um sie zu kümmern
+oder ihrer Bedeutung nachzuforschen; heut aber blieb er stehn und freute
+sich besonders aller derer, denen die Köpfe fehlten, weil sie die
+dunkelsten und unverständlichsten waren, und sich am schwersten errathen
+ließen. Endlich war er den Laubengang hinunter, stieg ihn wieder hinauf
+und wieder hinunter und stand nun am Dorfausgang und hörte daß es zwei
+schlug. Oder bedeuteten die beiden Schläge halb? War es halb drei? Nein,
+es war erst zwei.
+
+Er gab es auf, das Auf und Nieder seiner Promenade noch weiter
+fortzusetzen und beschrieb lieber einen Halbkreis um den Fuß des
+Schloßhügels herum, bis er in Front des Schlosses selber war. Und nun
+sah er hinauf, und sah die große Terrasse, die von Orangeriekübeln und
+Cypressenpyramiden eingefaßt, bis dicht an den See hinunterführte. Nur
+ein schmal Stück Wiese lag noch dazwischen, und auf eben dieser Wiese
+stand eine uralte Eiche, deren Schatten Schach jetzt umschritt, einmal,
+vielemal, als würd er in ihrem Bann gehalten. Es war ersichtlich, daß
+ihn der Kreis, in dem er ging, an einen andern Kreis gemahnte, denn er
+murmelte vor sich hin: könnt' ich heraus!
+
+Das Wasser, das hier so verhältnißmäßig nah an die Schloßterrasse
+herantrat, war ein bloßer todter Arm des Sees, nicht der See selbst. Auf
+diesen See hinauszufahren aber war in seinen Knabenjahren immer seine
+höchste Wonne gewesen.
+
+»Ist ein Boot da, so fahr ich.« Und er schritt auf den Schilfgürtel zu,
+der die tief einmündende Bucht von drei Seiten her einfaßte. Nirgends
+schien ein Zugang. Schließlich indeß fand er einen überwachsenen Steg,
+an dessen Ende das große Sommerboot lag, das seine Mama viele Jahre lang
+benutzt hatte, wenn sie nach Karwe hinüberfuhr, um den Knesebecks einen
+Besuch zu machen. Auch Ruder und Stangen fanden sich, während der flache
+Boden des Boots, um einen trockenen Fuß zu haben, mit hochaufgeschüttetem
+Binsenstroh überdeckt war. Schach sprang hinein, löste die
+Kette vom Pflock und stieß ab. Irgend welche Ruderkünste zu
+zeigen war ihm vor der Hand noch unmöglich, denn das Wasser war so
+seicht und schmal, daß er bei jedem Schlage das Schilf getroffen haben
+würde. Bald aber verbreiterte sichs und er konnte nun die Ruder
+einlegen. Eine tiefe Stille herrschte; der Tag war noch nicht wach, und
+Schach hörte nichts als ein leises Wehen und Rauschen und den Ton des
+Wassers, das sich glucksend an dem Schilfgürtel brach. Endlich aber war
+er in dem großen und eigentlichen See, durch den der Rhin fließt, und
+die Stelle, wo der Strom ging, ließ sich an einem Gekräusel der sonst
+spiegelglatten Fläche deutlich erkennen. In diese Strömung bog er jetzt
+ein, gab dem Boote die rechte Richtung, legte sich und die Ruder ins
+Binsenstroh und fühlte sofort, wie das Treiben und ein leises Schaukeln
+begann.
+
+Immer blasser wurden die Sterne, der Himmel röthete sich im Osten und er
+schlief ein.
+
+Als er erwachte, war das mit dem Strom gehende Boot schon weit über die
+Stelle hinaus, wo der todte Arm des Sees nach Wuthenow hin abbog. Er
+nahm also die Ruder wieder in die Hand und legte sich mit aller Kraft
+ein, um aus der Strömung heraus und an die verpaßte Stelle
+zurückzukommen, und freute sich der Anstrengung die es ihn kostete.
+
+Der Tag war inzwischen angebrochen. Ueber dem First des Wuthenower
+Herrenhauses hing die Sonne, während drüben am andern Ufer die Wolken im
+Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+warfen. Auf dem See selbst aber begann es sich zu regen, und ein die
+Morgenbrise benutzender Torfkahn glitt mit ausgespanntem Segel an Schach
+vorüber. Ein Frösteln überlief diesen. Aber dies Frösteln that ihm wohl,
+denn er fühlte deutlich, wie der Druck, der auf ihm lastete, sich dabei
+minderte. »Nahm er es nicht zu schwer? Was war es denn am Ende? Bosheit
+und Uebelwollen. Und wer kann sich =dem= entziehn! Es kommt und geht.
+Eine Woche noch, und die Bosheit hat sich ausgelebt.« Aber während er so
+sich tröstete, zogen auch wieder andre Bilder herauf, und er sah sich in
+einem Kutschwagen bei den prinzlichen Herrschaften vorfahren, um ihnen
+Victoire von Carayon als seine Braut vorzustellen. Und er hörte
+deutlich, wie die alte Prinzeß Ferdinand ihrer Tochter, der schönen
+Radziwill, zuflüsterte: »_Est-elle riche?_« »_Sans doute._« »_Ah, je
+comprends._«
+
+Unter so wechselnden Bildern und Betrachtungen bog er wieder in die kurz
+vorher so stille Bucht ein, in deren Schilf jetzt ein buntes und
+bewegtes Leben herrschte. Die darin nistenden Vögel kreischten oder
+gurrten, ein paar Kibitze flogen auf, und eine Wildente, die sich
+neugierig umsah, tauchte nieder, als das Boot plötzlich in Sicht kam.
+Eine Minute später, und Schach hielt wieder am Steg, schlang die Kette
+fest um den Pflock, und stieg unter Vermeidung jedes Umwegs die Terrasse
+hinauf, auf deren oberstem Absatz er Krists Frau, der alten Mutter
+Kreepschen begegnete, die schon auf war, um ihrer Ziege das erste
+Grünfutter zu bringen.
+
+»Tag, Mutter Kreepschen.«
+
+Die Alte schrak zusammen, ihren drinnen im Gartensalon vermutheten
+jungen Herrn (um dessentwillen sie die Hühner nicht aus dem Stall
+gelassen hatte, bloß damit ihr Gackern ihn nicht im Schlafe stören
+sollte) jetzt von der Frontseite des Schlosses her auf sich zukommen zu
+sehn.
+
+»Jott, junge Herr. Wo kümmen's denn her?«
+
+»Ich konnte nicht schlafen, Mutter Kreepschen.«
+
+»Wat wihr denn los? Hätt et wedder spökt?«
+
+»Beinah. Mücken und Motten waren's. Ich hatte das Licht brennen lassen.
+Und der eine Fensterflügel war auf.«
+
+»Awers worümm hebbens denn dat Licht nich utpuust? Dat weet doch
+jed-een, wo Licht is, doa sinn ook ümmer Gnitzen un Motten. Ick weet
+nich! Un mien oll Kreepsch, he woahrd ook ümmer dümmscher. Jei, jei. Un
+nich en Oog to.«
+
+»Doch, Mutter Kreepschen. Ich habe geschlafen, im Boot, und ganz gut und
+ganz fest. Aber jetzt frier ich. Und wenns Feuer brennt, dann bringt Ihr
+mir wohl was Warmes. Nicht wahr? 'Ne Suppe oder 'nen Kaffee.«
+
+»Jott, et brennt joa all lang, junge Herr; Füer is ümmer dat ihrst.
+Versteiht sich, versteiht sich, wat Warm's. Un ick bring et ook glieks;
+man blot de oll Zick, de geiht för. Se jloben joar nich, junge Herr, wie
+schabernacksch so'n oll' Zick' is. De weet, as ob se 'ne Uhr in'n Kopp
+hätt, ob et feif is o'r söss. Un wenn't söss is, denn wohrd se falsch.
+Un kumm ick denn un will ehr melken, joa, wat jloben se woll, wat se
+denn deiht? Denn stött se mi. Un ümmer hier in't Krüz, dicht bi de
+Hüft'. Un worümm? Wiel se weet, dat ick doa miene Wehdag hebben deih.
+Awers nu kummen's man ihrst in uns Stuw, un setten sich en beten dahl.
+Mien oll Kreepsch is joa nu groad bie't Pierd und schütt't em wat in.
+Awers keen Viertelstunn mihr, junge Herr, denn hebben's ehren Koffe. Un
+ook wat dato. De oll Semmelfru von Herzberg wihr joa all hier.«
+
+Unter diesen Worten war Schach in Kreepschens gute Stube getreten. Alles
+darin war sauber und rein, nur die Luft nicht. Ein eigenthümlicher
+Geruch herrschte vor, der von einem Pfeffer- und Koriander-Mixtum
+herrührte, das die Kreepschen als Mottenvertreibungsmittel in die
+Sophaecken gesteckt hatte. Schach öffnete deshalb das Fenster, kettelte
+den Haken ein, und war nun erst im Stande, sich all der Kleinigkeiten zu
+freun, die die »gute Stube« schmückten. Ueber dem Sopha hingen zwei
+kleine Kalenderbildchen, Anekdoten aus dem Leben des Großen Königs
+darstellend, »Du, du« stand unter dem einen, und »_Bon soir, Messieurs_«
+unter dem andern. Um die Bilderchen und ihre Goldborte herum hingen zwei
+dicke Immortellenkränze mit schwarzen und weißen Schleifen daran,
+während auf dem kleinen, niedrigen Ofen eine Vase mit Zittergras stand.
+Das Hauptschmuckstück aber war ein Schilderhäuschen mit rothem Dach, in
+dem früher, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein Eichkätzchen gehaust und
+seinen Futterwagen an der Kette herangezogen hatte. Jetzt war es leer,
+und der Wagen hatte stille Tage.
+
+Schach war eben mit seiner Musterung fertig, als ihm auch schon gemeldet
+wurde »daß drüben alles klar sei.«
+
+Und wirklich, als er in den Gartensalon eintrat, der ihm ein Nachtlager
+so beharrlich verweigert hatte, war er überrascht, was Ordnungssinn und
+ein paar freundliche Hände mittlerweile daraus gemacht hatten. Thür und
+Fenster standen auf, die Morgensonne füllte den Raum mit Licht und aller
+Staub war von Tisch und Sopha verschwunden. Einen Augenblick später
+erschien auch schon Krists Frau mit dem Kaffee, die Semmeln in einen
+Korb gelegt, und als Schach eben den Deckel von der kleinen Meißner
+Kanne heben wollte, klangen vom Dorfe her die Kirchenglocken herauf.
+
+»Was ist denn =das=?« fragte Schach. »Es kann ja kaum sieben sein.«
+
+»Justement sieben, junge Herr.«
+
+»Aber sonst war es doch erst um elf. Und um zwölfe dann Predigt.«
+
+»Joa, so wihr et. Awers nu nich mihr. Un ümmer den dritt'n Sünndag is et
+anners. Twee Sünndag', wenn de Radenslebensche kümmt, denn is't um
+twölwen, wiel he joa ihrst in Radensleben preestern deiht, awers den
+dritten Sünndag, wenn de oll Ruppinsche röwer kümmt, denn is et all um
+achten. Un ümmer, wenn uns oll Kriwitz von sine Thurmluk' ut unsen
+Ollschen von dröwen abstötten seiht, denn treckt he joa sien Klock. Und
+dat's ümmer um seb'n.«
+
+»Wie heißt denn jetzt der Ruppinsche?«
+
+»Na, wie sall he heten? He heet ümmer noch so. Is joa ümmer noch de oll
+Bienengräber.«
+
+»Bei dem bin ich ja eingesegnet. War immer ein sehr guter Mann.«
+
+»Joa, dat is he. Man blot, he hett keene Teihn mihr, ook nich een', un
+nu brummelt un mummelt he ümmerto, un keen Minsch versteiht em.«
+
+»Das ist gewiß nicht so schlimm, Mutter Kreepschen. Aber die Leute haben
+immer was auszusetzen. Und nun gar erst die Bauern! Ich will hingehen
+und mal wieder nachsehen, was mir der alte Bienengräber zu sagen hat,
+mir und den andern. Hat er denn noch in seiner Stube das große Hufeisen,
+dran ein Zehnpfundgewicht hing? Das hab ich mir immer angesehn, wenn ich
+nicht aufpaßte.«
+
+»Dat woahrd he woll noch hebben. De Jungens passen joa all nich upp.«
+
+Und nun ging sie, um ihren jungen Herrn nicht länger zu stören, und
+versprach ihm ein Gesangbuch zu bringen.
+
+Schach hatte guten Appetit und ließ sich die Herzberger Semmeln
+schmecken. Denn seit er Berlin verlassen, war noch kein Bissen über
+seine Lippen gekommen. Endlich aber stand er auf, um in die Gartenthür
+zu treten und sah von hier aus über das Rondeel und die
+Buchsbaumrabatten und weiter dahinter über die Baumwipfel des Parkes
+fort, bis sein Auge schließlich auf einem sonnenbeschienenen
+Storchenpaar ausruhte, das unten, am Fuße des Hügels, über eine mit
+Ampfer und Ranunkel roth und gelb gemusterte Wiese hinschritt.
+
+Er verfiel im Anblicke dieses Bildes in allerlei Betrachtungen; aber es
+läutete gerade zum dritten Mal, und so ging er denn ins Dorf hinunter,
+um, von dem herrschaftlichen Chorstuhl aus zu hören, »was ihm der alte
+Bienengräber zu sagen habe.«
+
+Bienengräber sprach gut genug, so recht aus dem Herzen und der Erfahrung
+heraus, und als der letzte Vers gesungen und die Kirche wieder leer war,
+wollte Schach auch wirklich in die Sakristei gehen, dem Alten danken für
+manches gute Wort aus längst vergangener Zeit her, und ihn in seinem
+Boot über den See hin zurückbegleiten. Unterwegs aber wollt er ihm alles
+sagen, ihm beichten, und seinen Rath erbitten. Er würde schon Antwort
+wissen. Das Alter sei allemal weise, und wenn nicht von Weisheits-, so
+doch bloß schon von Alters wegen. »Aber,« unterbrach er sich mitten in
+diesem Vorsatze, »was soll mir schließlich seine Antwort? hab ich diese
+Antwort nicht schon vorweg? hab ich sie nicht in mir selbst? Kenn ich
+nicht die Gebote? Was mir fehlt, ist bloß die Lust, ihnen zu gehorchen.«
+
+Und während er so vor sich hinredete, ließ er den Plan eines
+Zwiegesprächs fallen, und stieg den Schloßberg wieder hinauf.
+
+Er hatte von dem Gottesdienst in der Kirche nichts abgehandelt, und
+=doch= schlug es erst zehn, als er wieder oben anlangte.
+
+Hier ging er jetzt durch alle Zimmer, einmal, zweimal, und sah sich die
+Bilder aller der Schachs an, die zerstreut und in Gruppen an den Wänden
+umherhingen. Alle waren in hohen Stellungen in der Armee gewesen, alle
+trugen sie den Schwarzen Adler oder den Pour le Merite. =Das= hier war
+der General, der bei Malplaquet die große Redoute nahm, und =das= hier
+war das Bild seines eigenen Großvaters, des Obersten im Regiment
+Itzenplitz, der den Hochkirchner Kirchhof mit vierhundert Mann eine
+Stunde lang gehalten hatte. Schließlich fiel er, zerhauen und
+zerschossen, wie alle die, die mit ihm waren. Und dazwischen hingen die
+Frauen, einige schön, am schönsten aber seine Mutter.
+
+Als er wieder in dem Gartensalon war, schlug es zwölf. Er warf sich in
+die Sopha-Ecke, legte die Hand über Aug und Stirn und zählte die
+Schläge. »Zwölf. Jetzt bin ich zwölf Stunden hier, und mir ist als wären
+es zwölf Jahre .... Wie wird es sein? Alltags die Kreepschen, und
+Sonntags Bienengräber oder der Radenslebensche, was keinen Unterschied
+macht. Einer wie der andre. Gute Leute, versteht sich, alle gut .... Und
+dann geh ich mit Victoire durch den Garten, und aus dem Park auf die
+Wiese, dieselbe Wiese, die wir vom Schloß aus immer und ewig und ewig
+und immer sehn, und auf der der Ampfer und die Ranunkeln blühn. Und
+dazwischen spazieren die Störche. Vielleicht sind wir allein; aber
+vielleicht läuft auch ein kleiner Dreijähriger neben uns her und singt
+in einem fort: ›Adebaar, Du Bester, bring mir eine Schwester.‹ Und meine
+Schloßherrin erröthet und wünscht sich das Schwesterchen =auch=. Und
+endlich sind elf Jahre herum, und wir halten an der ›ersten Station,‹ an
+der ersten Station, die die ›stroherne Hochzeit‹ heißt. Ein sonderbares
+Wort. Und dann ist auch allmählich die Zeit da, sich malen zu lassen,
+malen zu lassen für die Galerie. Denn wir dürfen doch am Ende nicht
+fehlen! Und zwischen die Generäle rück ich dann als Rittmeister ein, und
+zwischen die schönen Frauen kommt Victoire. Vorher aber hab ich eine
+Konferenz mit dem Maler und sag ihm: ›Ich rechne darauf, daß Sie den
+=Ausdruck= zu treffen wissen. Die Seele macht ähnlich.‹ Oder soll ich
+ihm geradezu sagen: ›machen Sie's gnädig‹.... Nein, nein!«
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+Die Schachs und die Carayons.
+
+
+Was immer geschieht, geschah auch diesmal: die Carayons erfuhren nichts
+von dem, was die halbe Stadt wußte. Dienstag, wie gewöhnlich, erschien
+Tante Marguerite, fand Victoiren »um dem Kinn etwas spitz« und warf im
+Laufe der Tischunterhaltung hin: »Wißt Ihr denn schon, es sollen ja
+Karrikatüren erschienen sein?«
+
+Aber dabei blieb es, da Tante Marguerite jenen alten Gesellschaftsdamen
+zuzählte, die nur immer von allem »gehört haben«, und als Victoire
+fragte: »=was= denn, liebe Tante?« wiederholte sie nur: »Karrikatüren,
+liebes Kind. Ich weiß es ganz genau.« Und damit ließ man den
+Gesprächsgegenstand fallen.
+
+Es war gewiß ein Glück für Mutter und Tochter, daß sie von den Spott-
+und Zerrbildern, deren Gegenstand sie waren, nichts in Erfahrung
+brachten; aber für den =Dritt=betheiligten, für Schach, war es ebenso
+gewiß ein Unglück und eine Quelle neuer Zerwürfnisse. Hätte Frau von
+Carayon, als deren schönster Herzenszug ein tiefes Mitgefühl gelten
+konnte, nur die kleinste Vorstellung von all dem Leid gehabt, das, die
+ganze Zeit über, über ihren Freund ausgeschüttet worden war, so würde
+sie von der ihm gestellten Forderung zwar nicht Abstand genommen, aber
+ihm doch Aufschub gewährt und Trost und Theilnahme gespendet haben; ohne
+jede Kenntniß jedoch von dem, was inzwischen vorgefallen war, aigrirte
+sie sich gegen Schach immer mehr und erging sich von dem Augenblick
+an, wo sie von seinem Rückzug nach Wuthenow erfuhr, über seinen
+»Wort- und Treubruch«, als den sie's ansah, in den heftigsten und
+unschmeichelhaftesten Ausdrücken.
+
+Es war sehr bald, daß sie von diesem Rückzuge hörte. Denselben Abend
+noch, an dem Schach seinen Urlaub angetreten hatte, ließ sich
+Alvensleben bei den Carayons melden. Victoire, der jede Gesellschaft
+peinlich war, zog sich zurück, Frau von Carayon aber ließ bitten und
+empfing ihn mit besondrer Herzlichkeit.
+
+»Daß ich Ihnen sagen könnte, lieber Alvensleben, wie sehr ich mich
+freue, Sie nach so vielen Wochen einmal wieder zu sehen. Eine Welt von
+Dingen hat sich seitdem zugetragen. Und ein Glück, daß Sie standhaft
+blieben, als man Ihnen den Luther aufzwingen wollte. Das hätte mir Ihr
+Bild ein für allemal verdorben.«
+
+»Und doch, meine Gnädigste, schwankt' ich einen Augenblick, ob ich
+ablehnen sollte.«
+
+»Und weshalb?«
+
+»Weil unser beiderseitiger Freund unmittelbar =vor=her abgelehnt hatte.
+Nachgerade widersteht es mir, immer wieder und wieder in seine Fußtapfen
+zu treten. Giebt es ihrer doch ohnehin schon genug, die mich einfach als
+seinen Abklatsch bezeichnen, an der Spitze Zieten, der mir erst neulich
+wieder zurief: ›Hüten Sie sich, Alvensleben, daß Sie nicht als
+Schach II. in die Rang- und Quartierliste kommen‹.«
+
+»Was nicht zu befürchten steht. Sie sind eben doch anders.«
+
+»Aber nicht besser.«
+
+»Wer weiß.«
+
+»Ein Zweifel, der mich aus dem Munde meiner schönen Frau von Carayon
+einigermaßen überrascht, und unsrem verwöhnten Freunde, wenn er davon
+hörte, seine Wuthenower Tage vielleicht verleiden würde.«
+
+»Seine Wuthenower Tage?«
+
+»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht
+davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in
+sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich
+behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
+
+»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie
+wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das
+Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher
+Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der
+Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste
+wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der
+zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn
+gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu
+wollen.
+
+Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges
+nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten,
+in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu
+machen. Denn eine Flucht war es.
+
+Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht
+oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
+
+»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird
+eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du
+wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr
+nachgegeben hast, als recht und billig war.«
+
+Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
+
+»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist
+eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends
+überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er
+will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen
+oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten
+verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel
+besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz
+Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
+
+»Und thut damit nicht mehr, als was =alle= thun .... Und die Schachs
+sind doch =wirklich= eine alte Familie.«
+
+»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen
+Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier
+überall. Aber was soll =uns= das? Oder zum wenigsten was soll es =Dir=? An
+mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter,
+der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du
+Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch
+Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
+
+»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich
+doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße
+Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater
+ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem
+er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt
+hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in
+die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte
+nicht und =will= sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche
+gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die
+Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig
+bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle
+devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich =diese=
+Leute kennen!«
+
+»Aber, Mama ....«
+
+»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel
+und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch
+im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder
+ging. _Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon!_ Sie hatten ihre
+Schlösser, beiläufig =wirkliche= Schlösser, so blos armselig an der
+Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern
+fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und
+uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres
+Königs gestimmt hatten.«
+
+Immer verwunderter folgte Victoire.
+
+»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von
+Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von =heute=. Denn ich
+weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen
+derer, die schon gestern da waren, gleichviel =wie=. Nein, ich will von
+alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an
+den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine
+lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen
+die Carayons, _ces pauvres et malheureux Carayon_, mit vor Jerusalem und
+eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an
+ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie
+hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte,
+dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und
+endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause
+versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die
+schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen
+Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn
+haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn?
+=Unsrer= will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder
+will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit
+beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow
+ist eine Lehmkathe.«
+
+»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern
+Seite hin. Und da =find= ich es auch.«
+
+Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie
+leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine
+Mama. Und nur =Eines= ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte
+Dich =auch= lieben! Schon um Deiner Demuth willen.«
+
+Victoire lächelte.
+
+»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest,
+beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du =bist= nicht so
+verarmt. Und auch er ....«
+
+Sie stockte.
+
+»Sieh, Du warst ein schönes Kind, und Alvensleben hat mir erzählt, in
+welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von Deiner
+Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe. Das ist nicht hin,
+davon blieb Dir, und jeder muß es finden, der ihm liebevoll in Deinen
+Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu
+verpflichtet ist, so ist =er='s! Aber er sträubt sich, denn so hautain
+er ist, so konventionell ist er. Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er
+hört auf das, was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut (=wir=
+müssen's), so heiß ich das Feigheit und _lâcheté_. Aber er soll mir Rede
+stehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demüthigen, so
+gewiß er =uns= demüthigen wollte.«
+
+Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer
+zurück, setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb.
+
+»Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für
+einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich habe keine
+Veranlassung, Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre
+Berechtigung dazu zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte =das= meiner
+Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir denn, Ihnen in
+Erinnerung zu bringen, daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses, für
+morgen, Sonntag, zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese
+Veröffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis Mittwoch früh
+nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre, durchaus selbstständige
+Schritte. So sehr dies meiner Natur widerspricht (Victoirens ganz zu
+geschweigen, die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht
+sein würde, mich daran zu hindern), so lassen mir doch die Verhältnisse,
+die Sie, das Mindeste zu sagen, nur zu gut kennen, keine Wahl. Also bis
+auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der
+Weisung, sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen.
+
+Auf Antwort zu warten, war ihm eigens untersagt worden.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel.
+
+Frau von Carayon und der alte Köckritz.
+
+
+Der Mittwoch kam und ging, ohne daß ein Brief Schachs oder gar die
+geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre. Frau von Carayon hatte
+dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen darauf hin getroffen.
+
+Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause, der sie nach Potsdam
+hinüber führen sollte, wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt.
+Sie hatte vor, einen Fußfall zu thun, ihm den ihr widerfahrenen Affront
+vorzustellen und seinen Beistand anzurufen. Daß es in des Königs Macht
+stehen werde, diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich
+herbeizuführen, war ihr außer Zweifel. Auch über die Mittel und Wege,
+sich Sr. Majestät zu nähern, hatte sie nachgedacht, und mit gutem
+Erfolge. Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz, der vor dreißig
+Jahren und länger, als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän, in ihrem
+elterlichen Hause verkehrt und der »kleinen Josephine«, dem allgemeinen
+Verzuge, manche Bonbonnière geschenkt hatte. Der war jetzt Liebling des
+Königs, einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung, und durch
+=ihn=, zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben
+war, hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen.
+
+Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben, stieg im »Einsiedler«
+ab, ordnete ihre Toilette, und begab sich sofort ins Schloß. Aber hier
+mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn
+in Erfahrung bringen, daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder
+verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin, die Tags
+darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke, nach =Paretz= begeben
+habe, wo man, frei vom Zwange des Hofes, eine Woche lang in glücklicher
+Zurückgezogenheit zu verleben gedenke.
+
+Das war nun freilich eine böse Nachricht. Wer sich zu einem peinlichen
+Gange (und wenn es der »hochnothpeinlichste« wäre) anschickt und mit
+Sehnsucht auf das Schreckensende wartet, für den ist nichts härter als
+Vertagung. Nur rasch, rasch! Eine kurze Strecke geht es, aber dann
+versagen die Nerven.
+
+Schweren Herzens, und geängstigt durch die Vorstellung, daß ihr dieser
+Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute, kehrte Frau
+von Carayon in das Gasthaus zurück. An eine Fahrt nach Paretz hinaus war
+für heute nicht mehr zu denken, um so weniger, als zu so später
+Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte. So
+denn also warten bis morgen! Sie nahm ein kleines Diner, setzte sich
+wenigstens zu Tisch, und schien entschlossen, die langen langen Stunden
+in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen. Aber die Gedanken und
+Bilder, die vor ihr aufstiegen und vor allem die feierlichen Ansprachen,
+die sie sich zum hundertsten Male wiederholte, so lange wiederholte, bis
+sie zuletzt fühlte, sie werde, wenn der Augenblick da sei, kein einziges
+Wort hervorbringen können, -- alles das gab ihr zuletzt den gesunden
+Entschluß ein, sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in
+den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren. Ein Lohndiener
+erschien denn auch, um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen, und
+um die sechste Stunde hielt eine mittel-elegante Miethschaise vor dem
+Gasthause, da sich das von Berlin her benutzte Gefährt, nach seiner
+halbtägigen Anstrengung im Sommersand, als durchaus ruhebedürftig
+herausgestellt hatte.
+
+»Wohin befehlen, gnädige Frau?«
+
+»Ich überlaß es Ihnen. Nur keine Schlösser, oder doch so wenig wie
+möglich; aber Park und Garten, und Wasser und Wiesen.«
+
+»_Ah, je comprends_,« radebrechte der Lohndiener, der sich daran gewöhnt
+hatte, seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen, oder
+vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige
+Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte. »_Je comprends._« Und er gab
+dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre,
+zunächst in den »Neuen Garten« zu fahren.
+
+In dem »Neuen Garten« war es wie todt, und eine dunkle, melancholische
+Cypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Endlich lenkte man
+nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein, dessen
+einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und
+niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten. In dem Gitterwerke
+der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne. Frau von
+Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid, und fühlte sich dem
+Zauber derselben erst wieder entrissen, als der Wagen aus dem Uferweg
+abermals in den großen Mittelgang einbog, und gleich danach vor einem
+aus Backstein aufgeführten, im Uebrigen aber mit Gold und Marmor reich
+geschmückten Hause hielt.
+
+»Wem gehört es?«
+
+»Dem König.«
+
+»Und wie heißt es?«
+
+»Das Marmor-Palais.«
+
+»Ah das Marmor-Palais. Das ist also das Palais ....«
+
+»Zu dienen, gnädige Frau. Das ist das Palais, in dem weiland Seine
+Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und
+schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag. Und steht auch noch alles
+ebenso, wies damals gestanden hat. Ich kenne das Zimmer ganz genau, wo
+der gute gnädige Herr immer ›den Lebensgas‹ trank, den ihm der
+Geheimrath Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder
+vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase. Wollen die gnädige Frau das
+Zimmer sehn? Es ist freilich schon spät. Aber ich kenne den
+Kammerdiener, und er thut es, denk ich, auf meinen Empfehl .... versteht
+sich .... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer, worin sich eine Figur von
+der Frau Rietz oder wie manche sagen von der Mamsell Encken oder der
+Gräfin Lichtenau befindet, das heißt, nur eine kleine Figur, so bloß bis
+an die Hüften oder noch weniger.«
+
+Frau von Carayon dankte. Sie war bei dem Gange, der ihr für morgen
+bevorstand, nicht in der Laune, das Allerheiligste der Rietz oder auch
+nur ihre Porträtbüste kennen lernen zu wollen. Sie sprach also den
+Wunsch aus, immer weiter in den Park hineinzufahren, und ließ erst
+umkehren, als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den
+Abend ankündigte. Wirklich, es schlug neun, als man auf der Rückfahrt an
+der Garnisonkirche vorüberkam, und ehe noch das Glockenspiel seinen
+Choral ausgespielt hatte, hielt der Wagen wieder vor dem »Einsiedler.«
+
+Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Muth zurückgegeben. Dazu
+kam eine wohlthuende Müdigkeit, und sie schlief besser als seit lange.
+Selbst was sie träumte, war hell und licht.
+
+Am andern Morgen erschien, wie verabredet, ihre nun wieder ausgeruhte
+Berliner Equipage vor dem Hotel; da sie jedoch allen Grund hatte, der
+Kenntniß und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen, engagirte
+sie, wie zur Aushilfe, denselben Lohndiener wieder, der sich gestern,
+aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet, so vorzüglich
+bewährt hatte. Das gelang ihm denn auch heute wieder. Er wußte von jedem
+Dorf und Lustschloß, an dem man vorüber kam, zu berichten, am meisten
+von Marquardt, aus dessen Parke, zu wenigstens vorübergehendem Interesse
+der Frau von Carayon, jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte, darin unter
+Zuthun und Anleitung des Generals von Bischofswerder, dem »dicken
+Könige« (wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne
+weiteres ausdrückte) die Geister erschienen waren.
+
+Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die »Wublitz«, einen von
+Mummeln überblühten Havelarm zu passiren, dann folgten Aecker und
+Wiesengründe, die hoch in Gras und Blumen standen, und ehe noch die
+Mittagsstunde heran war, war ein Brückensteg und alsbald auch ein
+offenstehendes Gitterthor erreicht, das den Paretzer Parkeingang
+bildete.
+
+Frau von Carayon, die sich ganz als Bittstellerin empfand, ließ in dem
+ihr eigenen, feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus, um den
+Rest des Weges zu Fuß zu machen. Es war nur eine kleine,
+sonnenbeschienene Strecke noch, aber gerade das Sonnenlicht war ihr
+peinlich, und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin, um
+nicht vor der Zeit gesehen zu werden.
+
+Endlich indeß war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und
+schritt sie tapfer hinauf. Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Theil
+ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben.
+
+»Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen,« wandte sie sich an
+einen im Vestibül anwesenden Lakaien, der sich gleich beim Eintritt der
+schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte.
+
+»Wen hab ich dem Herrn General zu melden?«
+
+»Frau von Carayon.«
+
+Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr
+General lasse bitten in das Vorzimmer einzutreten.«
+
+Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von
+dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu
+seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen
+Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen,
+entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster
+Handbewegung Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen hatte so sehr den
+Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden, daß die Frage nach seiner
+Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete. Namentlich für solche, die
+wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die
+meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine =wohlwollende=
+Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur
+freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener
+sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen.
+
+General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im
+Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen
+Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll, während nach
+hinten ein kleiner sauber behandelter Zopf fiel. Dieser schien ein
+eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen
+Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die
+geringste Bewegung wahrzunehmen war.
+
+Frau von Carayon, ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen, erheiterte
+sich doch offenbar an diesem eigenthümlich neckischen Spiel, und erst
+einmal ins Heitre gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles
+leichter und bezwingbarer, und befähigte sie, mit Freimuth über all und
+jedes zu sprechen, auch über =das=, was man als den »delikaten Punkt« in
+ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte.
+
+Der General hatte nicht nur aufmerksam, sondern auch theilnahmevoll
+zugehört und sagte, als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste
+Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen Seine Majestät
+nicht zu hören liebt, weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen
+pflege, wohlverstanden so lange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt
+nichts zu bessern ist. Hier aber =ist= zu bessern, und ich würde meine
+Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen,
+wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder da Sie selber
+gekommen sind Ihre Sache vorzutragen, Sie, meine gnädigste Frau, durch
+künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern
+wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene
+Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre, wo von alter Zeit her die
+Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen
+sind, der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen.
+Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr, der ein
+starkes Gefühl für das =Ebenmäßige= des Rechts und eben deshalb einen
+wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle =die=jenigen
+hat, die sich, wie manche Herren Offiziers, insonderheit aber die sonst
+so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes, aus einem
+schlechten Dünkel allerlei Narrethei zu permittiren geneigt sind, und es
+für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft
+halten, das Glück und den Ruf Andrer ihrem Uebermuth und ihrer
+schlechten _moralité_ zu opfern.«
+
+Frau von Carayons Augen füllten sich mit Thränen. »_Que vous êtes bon,
+mon cher General._«
+
+»Nicht ich, meine theure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr,
+=der= ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner
+Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen schlimmen
+oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben. Denn wie Sie
+vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in
+wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der
+Freude des Wiedersehns, =des=halb befindet er sich hier, =des=halb ist
+er hierher gegangen nach Paretz. Und nun läuft ihm in dies Idyll ein
+Rechtsfall und eine Streitsache nach. Und eine Streitsache von so
+delikater Natur. Ja, wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes
+Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich
+seines Liebesglückes freuen (Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt)
+und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen
+soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt
+ihn. Aber er ist zu gütig, um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden,
+und treffen wir's nur einigermaßen leidlich, so müssen wir uns aus eben
+diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vortheil zu ziehen
+wissen. Denn das eigne Glück, das er erwartet, wird ihn nur noch
+geneigter machen als sonst, das getrübte Glück andrer wieder
+herzustellen. Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte
+seines Herzens. Und so geh ich denn, meine theure Frau, Sie bei dem
+Könige zu melden.«
+
+Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne, wandte sich noch einmal
+wieder und setzte hinzu: »Irr ich nicht, so hat er sich eben in den Park
+begeben. Ich kenne seinen Lieblingsplatz. Lassen Sie mich also sehen. In
+wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort, ob er Sie hören will oder nicht.
+Und nun noch einmal, seien Sie gutes Muthes. Sie dürfen es.«
+
+Und damit nahm er Hut und Stock, und trat durch eine kleine Seitenthür
+unmittelbar in den Park hinaus.
+
+In dem Empfangszimmer, in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war,
+hingen allerlei Buntdruckbilder, wie sie damals von England her in der
+Mode waren: Engelsköpfe von Josua Reynolds, Landschaften von
+Gainsborough, auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke,
+darunter eine büßende Magdalena. War es die von Corregio? Das wundervoll
+tiefblau getönte Tuch, das die Büßende halb verhüllte, fesselte Frau von
+Carayons Aufmerksamkeit, und sie trat heran, um sich über den Maler zu
+vergewissern. Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte, kehrte
+der alte General zurück, und bat seinen Schützling ihm zu folgen.
+
+Und so traten sie denn in den Park, drin eine tiefe Stille herrschte.
+Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte
+bis an eine künstliche, von Moos und Epheu überwachsene Felswand, in
+deren Front (der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben) der König auf
+einer Steinbank saß.
+
+Er erhob sich, als er die schöne Frau sich nähern sah, und trat ihr
+ernst und freundlich entgegen. Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie
+niederlassen, der König aber litt es nicht, nahm sie vielmehr
+aufrichtend bei der Hand, und sagte: »Frau von Carayon? Mir sehr wohl
+bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ...«
+
+Er schwieg einen Augenblick, entweder in Verlegenheit über das ihm
+entschlüpfte letzte Wort, oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen
+Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter,
+und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+fatal .... Aber bitte .... sich setzen, meine Gnädigste .... Muth ....
+Und nun sprechen Sie.«
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel.
+
+Schach in Charlottenburg.
+
+
+Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen, und
+schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines
+ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Kabinetsschreibens nach
+Charlottenburg hinaus, wohin inzwischen der Hof übersiedelt war. Er nahm
+seinen Weg durchs Brandenburger Thor und die große Thiergartenallee,
+links hinter ihm Ordonnanz Baarsch, ein mit einem ganzen Linsengericht
+von Sommersprossen überdeckter Rothkopf mit übrigens noch rötherem
+Backenbart, auf welchen rothen und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu
+versichern pflegte, »daß man auch =diesen= Baarsch an seinen Flossen
+erkennen könne.« Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters
+ehemaliger Spielgefährte, war er diesem und allem, was Schach hieß,
+selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben.
+
+Es war vier Uhr Nachmittags und der Verkehr nicht groß, trotzdem die
+Sonne schien und ein erquickender Wind wehte. Nur wenige Reiter
+begegneten ihnen, unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs
+Regiment. Schach erwiderte ihren Gruß, passirte den Landwehrgraben und
+ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren
+Sommerhäusern und Vorgärten ein.
+
+Am türkischen Zelt, das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte, wollte
+sein Pferd einbiegen; zwang er es aber weiter und hielt erst bei dem
+Morellischen Kaffeehause, das ihm heute für den Gang, den er vorhatte,
+bequemer gelegen war. Er schwang sich aus dem Sattel, gab der Ordonnanz
+den Zügel und ging ohne Versäumniß auf das Schloß zu. Hier trat er nach
+Passirung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten
+Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen
+schmalen Korridor ein, an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen
+Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I.
+paradirten. Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener, der
+ihn, nach vorgängiger Meldung, in das Arbeitskabinet des Königs führte.
+
+Dieser stand an einem Pult, auf dem Karten ausgebreitet lagen, ein paar
+Pläne der Austerlitzer Schlacht. Er wandte sich sofort, trat auf Schach
+zu, und sagte: »Habe Sie rufen lassen, lieber Schach .... Die Carayon;
+fatale Sache. Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter; mir
+verhaßt; auch meine Verirrungen. Aber in Verirrungen nicht stecken
+bleiben; wieder gut machen. Uebrigens nicht recht begreife. Schöne Frau,
+die Mutter; mir =sehr= gefallen; kluge Frau.«
+
+Schach verneigte sich.
+
+»Und die Tochter! Weiß wohl, weiß; armes Kind .... Aber _enfin_, müssen
+sie doch charmant gefunden haben. Und was man einmal charmant gefunden,
+findet man, wenn man nur will, auch wieder. Aber das ist =Ihre= Sache,
+geht mich nichts an. Was mich angeht, das ist die _honnêteté_. =Die=
+verlang ich und um dieser _honnêteté_ willen verlang ich Ihre Heirath
+mit dem Fräulein von Carayon. Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen
+und den Dienst quittiren wollen.«
+
+Schach schwieg, verrieth aber durch Haltung und Miene, daß ihm dies das
+Schmerzlichste sein würde.
+
+»Nun denn bleiben also; schöner Mann; liebe das. Aber Remedur muß
+geschafft werden, und bald, und gleich. Uebrigens alte Familie, die
+Carayons, und wird Ihren Fräulein Töchtern (Pardon, lieber Schach) die
+Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben.
+Abgemacht also. Rechne darauf, dringe darauf. Und werden mir Meldung
+machen.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Und noch eines; habe mit der Königin darüber gesprochen; will Sie sehn;
+Frauenlaune. Werden sie drüben in der Orangerie treffen .... Dank
+Ihnen.«
+
+Schach war gnädig entlassen, verbeugte sich und ging den Korridor
+hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene
+große Glas- und Gewächshaus zu, von dem der König gesprochen hatte.
+
+Die Königin aber war noch nicht da, vielleicht noch im Park. So trat er
+denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer
+Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab, von denen ihn
+einige faunartig anzulächeln schienen. Endlich sah er die Königin von
+der Fährbrücke her auf sich zukommen, eine Hofdame mit ihr, allem
+Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck. Er ging beiden Damen
+entgegen, und trat in gemessener Entfernung bei Seite, um die
+militärischen Honneurs zu machen. Das Hoffräulein aber blieb um einige
+Schritte zurück.
+
+»Ich freue mich Sie zu sehen, Herr von Schach. Sie kommen vom Könige.«
+
+»Zu Befehl, Ew. Majestät.«
+
+»Es ist etwas gewagt,« fuhr die Königin fort, »daß ich Sie habe bitten
+lassen. Aber der König, der anfänglich dagegen war und mich darüber
+verspottete, hat es schließlich gestattet. Ich bin eben eine Frau, und
+es wäre hart, wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte, nur weil
+ich eine =Königin= bin. Als Frau aber interessirt mich alles, was unser
+Geschlecht angeht, und was ging uns näher an als eine solche _question
+d'amour_.«
+
+»Majestät sind so gnädig.«
+
+»Nicht gegen Sie, lieber Schach. Es ist um des Fräuleins willen .... Der
+König hat mir alles erzählt, und Köckritz hat von dem Seinen
+hinzugethan. Es war denselben Tag, als ich von Pyrmont wieder in Paretz
+eintraf, und ich kann Ihnen kaum aussprechen, wie groß meine Theilnahme
+mit dem Fräulein war. Und nun wollen Sie, gerade =Sie=, dem lieben Kinde
+diese Theilnahme versagen und mit dieser Theilnahme zugleich sein Recht.
+Das ist unmöglich. Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit
+als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden. Und dabei, denk ich,
+belassen wir's. Ich habe von den Spottbildern gehört, die publizirt
+worden sind, und diese Bilder, so nehm ich an, haben Sie verwirrt und
+Ihnen Ihr ruhiges Urtheil genommen. Ich begreife das, weiß ich doch aus
+allereigenster Erfahrung, wie weh dergleichen thut und wie der giftige
+Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüthe verwundet, sondern auch
+verwandelt und =nicht= verwandelt zum Besseren. Aber wie dem auch sei,
+Sie mußten sich auf sich selbst besinnen, und damit zugleich auch auf
+=das=, was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern.«
+
+Schach schwieg.
+
+»Und Sie =werden= es,« fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort,
+»und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen. Es kann Ihnen
+nicht schwer werden, denn selbst aus der Anklage gegen Sie, so
+versicherte mir der König, habe noch immer ein Ton der Zuneigung
+gesprochen. Seien Sie dessen gedenk, wenn Ihr Entschluß je wieder ins
+Schwanken kommen sollte, was ich nicht fürchte. Wüßt ich doch kaum
+etwas, was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre, wie die Schlichtung
+dieses Streits und der Bund zweier Herzen, die mir für einander bestimmt
+erscheinen. Auch durch eine recht eigentliche Liebe. Denn Sie werden
+doch, hoff ich, nicht in Abrede stellen wollen, daß es ein
+geheimnißvoller Zug war, was Sie zu diesem lieben und einst so schönen
+Kinde hinführte. Das Gegentheil anzunehmen, widerstreitet mir. Und nun
+eilen Sie heim, und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich. Meine
+Wünsche begleiten Sie, Sie =Beide=. Sie werden sich zurückziehen, so
+lang es die Verhältnisse gebieten; unter allen Umständen aber erwart
+ich, daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden, und den Namen Ihrer
+Königin als erste Taufpathin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen
+lassen. Und nun Gott befohlen.«
+
+Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte;
+Schach aber, als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah,
+sah, wie beide Damen in einem Seitenweg einbogen und auf eine
+schattigere, mehr der Spree zu gelegene Parthie des Parkes zuschritten.
+
+Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel; Ordonnanz
+Baarsch folgte.
+
+Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn
+nicht verfehlt; trotzdem war er nur getroffen, in nichts aber umgestimmt
+worden. Er wußte, was er dem König schuldig sei: =Gehorsam=! Aber sein
+Herz widerstritt, und so galt es denn für ihn, etwas ausfindig zu
+machen, was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte, was dem Befehle
+seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig
+entsprach. Und dafür gab es nur =einen= Weg. Ein Gedanke, den er schon
+in Wuthenow gefaßt hatte, kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum
+Entschluß, und je fester er ihn werden fühlte, desto mehr fand er sich
+in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück. »Leben,« sprach er vor
+sich hin. »Was ist leben? Eine Frage von Minuten, eine Differenz von
+heut auf morgen.« Und er fühlte sich, nach Tagen schweren Druckes, zum
+ersten Male wieder leicht und frei.
+
+Als er, heimreitend, bis an die Wegstelle gekommen war, wo eine alte
+Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte, bog er in diese
+Allee ein, winkte Baarsch an sich heran und sagte, während er den Zügel
+fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte:
+»Sage Baarsch, was hältst Du eigentlich von heirathen?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, wat soll ich davon halten? Mein Vater selig
+sagte man ümmer: heirathen is gut, aber nich heirathen is noch besser.«
+
+»Ja, das mag er wohl gesagt haben. Aber wenn =ich= nun heirathe,
+Baarsch?«
+
+»Ach, Herr Rittmeister werden doch nich!«
+
+»Ja wer weiß .... Ist es denn ein solches Malheur?«
+
+»Jott, Herr Rittmeister, vor =Ihnen= grade nich, aber vor =mir= ....«
+
+»Wie das?«
+
+»Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett't hab, es würd' =doch=
+nichts. Un wer verliert, muß die ganze Corporalschaft freihalten.«
+
+»Aber woher wußtet Ihr denn davon?«
+
+»I Jott, des munkelt ja nu all lang. Un wie nu vorige Woch ooch noch die
+Bilders kamen ....«
+
+»Ah, so .... Nu sage, Baarsch, wie steht es denn eigentlich mit der
+Wette? Hoch?«
+
+»I nu, 's jeht, Herr Rittmeister. 'Ne Cottbusser un'n Kümmel. Aber vor
+jed' een.«
+
+»Nu, Baarsch, Du sollst dabei nicht zu Schaden kommen. Ich werde die
+Wette bezahlen.«
+
+Und danach schwieg er und murmelte nur noch vor sich hin »_et payer les
+pots cassés_.«
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel.
+
+Fata Morgana
+
+
+Schach war zu guter Stunde wieder heim, und noch denselben Abend schrieb
+er ein Billet an Frau von Carayon, in dem er in anscheinend aufrichtigen
+Worten um seines Benehmens willen um Entschuldigung bat. Ein
+Kabinetsschreiben, das er vorgestern in Wuthenow empfangen habe, hab ihn
+heute Nachmittag nach Charlottenburg hinausgeführt, wo König und Königin
+ihn an =das=, was seine Pflicht sei, gemahnt hätten. Er bedaure, solche
+Mahnung verschuldet zu haben, finde den Schritt, den Frau von Carayon
+gethan, gerechtfertigt, und bäte morgen im Laufe des Vormittags sich
+beiden Damen vorstellen zu dürfen, um ihnen sein Bedauern über diese
+neuen Versäumnisse persönlich zu wiederholen. In einer Nachschrift, die
+länger als der Brief selbst war, war hinzugefügt, »daß er durch eine
+Krisis gegangen sei; diese Krisis aber liege jetzt hinter ihm, und er
+hoffe sagen zu dürfen, ein Grund an ihm oder seinem Rechtsgefühle zu
+zweifeln, werde =nicht= wiederkehren. Er lebe nur noch dem einen Wunsch
+und Gedanken, alles was geschehen sei, durch Gesetzlichkeit
+auszugleichen. Ueber ein Mehr leg er sich vorläufig Schweigen auf.«
+
+Dies Billet, das der kleine Groom überbrachte, wurde, trotz der schon
+vorgerückten Stunde, von Frau von Carayon auf der Stelle beantwortet.
+Sie freue sich, in seinen Zeilen einer so versöhnlichen Sprache zu
+begegnen. Ueber alles, was seinem Briefe nach als ein nunmehr
+Zurückliegendes anzusehen sei, werd es am besten sein zu schweigen; auch
+=sie= fühle, daß sie ruhiger und rücksichtsvoller hätte handeln sollen,
+sie habe sich hinreißen lassen, und nur das =Eine= werd ihr vielleicht
+zur Entschuldigung dienen dürfen, daß sie von jenen hämischen Angriffen
+in Wort und Bild, die sein Benehmen im Laufe der letzten Woche bestimmt
+zu haben schienen, erst seit zwei Tagen Kenntniß habe. Hätte sie diese
+Kenntniß früher gehabt, so würde sie vieles milder beurtheilt,
+jedenfalls aber eine abwartende Haltung ihm und seinem Schweigen
+gegenüber eingenommen haben. Sie hoffe jetzt, daß alles wieder
+einklingen werde. Victoirens große Liebe (nur zu groß) und seine eigene
+Gesinnung, die, wie sie sich überzeugt halte, wohl schwanken aber nie
+dauernd erschüttert werden könne, gäben ihr die Gewähr einer friedlichen
+und wenn ihre Bitten Erhörung fänden auch einer glücklichen Zukunft.
+
+Am andern Vormittage wurde Schach bei Frau von Carayon gemeldet. Sie
+ging ihm entgegen, und das sich sofort entspinnende Gespräch verrieth
+auf beiden Seiten weniger Verlegenheit, als nach dem Vorgefallenen hätte
+vorausgesetzt werden sollen. Und doch erklärte sich's auch wieder. Alles
+was geschehen war, so schmerzlich es hüben und drüben berührt hatte, war
+doch schließlich von jeder der beiden Parteien verstanden worden, und wo
+Verständniß ist, ist auch Verzeihung oder wenigstens die Möglichkeit
+einer solchen. Alles hatte sich in natürlicher Konsequenz aus den
+Verhältnissen heraus entwickelt, und weder die Flucht, die Schach
+bewerkstelligt, noch die Klage, die Frau von Carayon an oberster Stelle
+geführt hatte, hatten Uebelwollen oder Gehässigkeit ausdrücken sollen.
+
+Als das Gespräch einen Augenblick zu stocken begann, erschien Victoire.
+Sie sah sehr gut aus, nicht abgehärmt, vielmehr frischer als sonst. Er
+trat ihr entgegen, nicht kalt und ceremoniös, sondern herzlich, und der
+Ausdruck einer innigen und aufrichtigen Theilnahme, womit er auf sie sah
+und ihr die Hand reichte, besiegelte den Frieden. Es war kein Zweifel,
+er war ergriffen, und während Victoire vor Freude strahlte, füllten
+Thränen das Auge der Mutter.
+
+Es war der beste Moment, das Eisen zu schmieden. Sie bat also Schach,
+der sich schon erhoben hatte, seinen Platz noch einmal auf einen kurzen
+Augenblick einnehmen zu wollen, um gemeinschaftlich mit ihm die
+nöthigsten Festsetzungen zu treffen. Was sie zu sagen habe, seien nur
+wenige Worte. So viel sei gewiß, Zeit sei versäumt worden, und diese
+Versäumniß wieder einzubringen, empfehle sich wohl zunächst. Ihre
+langjährige freundschaftliche Beziehung zum alten Konsistorialrath
+Bocquet, der sie selber getraut und Victoiren eingesegnet habe, böte
+dazu die beste Gelegenheit. Es werde leicht sein, an die Stelle des
+herkömmlichen dreimaligen Aufgebots ein einmaliges zu setzen; das müsse
+nächsten Sonntag geschehen, und am Freitage der nächsten Woche -- denn
+die Freitage, die gemeinhin für Unglückstage gölten, hätte sie
+persönlich von der durchaus entgegengesetzten Seite kennen gelernt --
+werde dann die Hochzeit zu folgen haben. Und zwar in ihrer eignen
+Wohnung, da sie Hochzeiten in einem Hotel oder Gasthause von ganzer
+Seele hasse. Was dann weiter zu geschehen habe, das stehe bei dem jungen
+Paare; sie sei neugierig, ob Venedig über Wuthenow oder Wuthenow über
+Venedig den Sieg davon tragen werde. Die Lagunen hätten sie gemeinsam
+und die Gondel auch, und nur um Eines müsse sie bitten, daß der kleine
+Brückensteg unterm Schilf, an dem die Gondel liege, nie zur
+Seufzerbrücke erhoben werde.
+
+So ging das Geplauder, und so verging der Besuch.
+
+Am Sonntage, wie verabredet, erfolgte das Aufgebot, und der Freitag, an
+dem die Hochzeit stattfinden sollte, rückte heran. Alles im Carayonschen
+Hause war Aufregung, am aufgeregtesten Tante Marguerite, die jetzt
+täglich erschien, und durch ihre naive Glückseligkeit alles Unbequeme
+balancirte, das sonst unzertrennlich von ihrem Erscheinen war.
+
+Abends kam Schach. Er war heitrer und in seinem Urtheile milder als
+sonst, und vermied nur in ebenso bemerkenswerther wie zum Glück
+unbemerkt bleibender Weise von der Hochzeit und den Vorbereitungen dazu
+zu sprechen. Wurd er gefragt, ob er dies oder jenes wünsche, so bat er
+mit einer Art von Empressement, »ganz nach eigenem Dafürhalten verfahren
+zu wollen; er kenne den Takt und guten Geschmack der Damen und wisse,
+daß ohne sein Rathen und Zuthun alles am besten entschieden werden
+würde; wenn ihm dabei manches dunkel und geheimnißvoll bleibe, so sei
+dies ein Vortheil mehr für ihn, hab er doch von Jugend auf eine Neigung
+gehabt, sich überraschen zu lassen.«
+
+Unter solchen Ausflüchten entzog er sich jedem Geplauder, das, wie Tante
+Marguerite sich ausdrückte, »den Ehrentag _en vue_ hatte,« war aber um
+so plauderhafter, wenn das Gespräch auf die Reisetage =nach= der
+Hochzeit hinüberlenkte. Denn Venedig, aller halben Widerrede der Frau
+von Carayon zum Trotz, hatte doch schließlich über Wuthenow gesiegt, und
+Schach, wenn die Rede darauf kam, hing mit einer ihm sonst völlig
+fremden Phantastik allen erdenklichen Reiseplänen und Reisebildern nach.
+Er wollte nach Sizilien hinüber und die Sireneninseln passiren, »ob frei
+oder an den Mast gebunden, überlaß er Victoiren und ihrem Vertrauen.«
+Und dann wollten sie nach Malta. Nicht um Maltas willen, o nein. Aber
+auf dem Wege dahin, sei die Stelle, wo der geheimnißvolle schwarze
+Welttheil in Luftbildern und Spiegelungen ein allererstes Mal zu dem in
+Nebel und Schnee gebornen Hyperboreer spräche. =Das= sei die Stelle, wo
+die bilderreiche Fee wohne, die =stumme= Sirene, die mit dem Zauber
+ihrer Farbe fast noch verführerischer locke, als die singende. Beständig
+wechselnd seien die Scenen und Gestalten ihrer _Laterna magica_, und
+während eben noch ein ermüdeter Zug über den gelben Sand ziehe, dehne
+sichs plötzlich wie grüne Triften und unter der schattengebenden Palme
+säße die Schaar der Männer, die Köpfe gebeugt und alle Pfeifen in Brand,
+und schwarz und braune Mädchen, ihre Flechten gelöst und wie zum Tanze
+geschürzt, erhüben die Becken und schlügen das Tambourin. Und mitunter
+sei's, als lach es. Und dann schwieg es und schwänd es wieder. Und diese
+Spiegelung aus der geheimnißvollen Ferne, =das= sei das Ziel!
+
+Und Victoire jubelte, hingerissen von der Lebhaftigkeit seiner
+Schilderung.
+
+Aber im selben Augenblick überkam es sie bang und düster, und in ihrer
+Seele rief eine Stimme: =Fata Morgana=.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel.
+
+Die Hochzeit.
+
+
+Die Trauung hatte stattgefunden und um die vierte Stunde versammelten
+sich die zur Hochzeit Geladenen in dem nach dem Hofe hinaus gelegenen
+großen Eßsaale, der für gewöhnlich als ein bloßes unbequemes Anhängsel
+der Carayonschen Wohnung angesehen und seit einer ganzen Reihe von
+Jahren heute zum erstenmale wieder in Gebrauch genommen wurde. Dies
+erschien thunlich, trotzdem die Zahl der Gäste keine große war. Der alte
+Konsistorialrath Bocquet hatte sich bewegen lassen, dem Mahle mit
+beizuwohnen, und saß, dem Brautpaare gegenüber, neben der Frau von
+Carayon; unter den anderweit Geladenen aber waren, außer dem Tantchen
+und einigen alten Freunden aus der Generalfinanzpächterzeit her, in
+erster Reihe Nostitz, Alvensleben und Sander zu nennen. Auf letzteren
+hatte Schach, aller sonstigen, auch bei Feststellung der Einladungsliste
+beobachteten Indifferenz unerachtet, mit besonderem Nachdruck bestanden,
+weil ihm inzwischen das rücksichtsvolle Benehmen desselben bei
+Gelegenheit des Verlagsantrages der drei Bilder bekannt geworden war,
+ein Benehmen, das er um so höher anschlug, als er es von =dieser= Seite
+her nicht erwartet hatte. Bülow, Schachs alter Gegner, war nicht mehr in
+Berlin, und hätte wohl auch gefehlt, wenn er noch dagewesen wäre.
+
+Die Tafelstimmung verharrte bis zum ersten Trinkspruch in der
+herkömmlichen Feierlichkeit; als indessen der alte Konsistorialrath
+gesprochen und in einem dreigetheilten und als »historischer Rückblick« zu
+bezeichnenden Toast, erst des großväterlichen Generalfinanzpächterhauses,
+dann der Trauung der Frau von Carayon und drittens (und
+zwar unter Citirung des ihr mit auf den Lebensweg gegebenen
+Bibelspruches) der Konfirmation Victoirens gedacht, endlich
+aber mit einem halb ehrbaren, halb scherzhaften Hinweis auf den
+»egyptischen Wundervogel, in dessen verheißungsvolle Nähe man sich
+begeben wolle« geschlossen hatte, war das Zeichen zu einer Wandlung der
+Stimmung gegeben. Alles gab sich einer ungezwungenen Heiterkeit hin, an
+der sogar Victoire theilnahm, und nicht zum wenigsten, als sich
+schließlich auch das zu Ehren des Tages in einem grasgrünen Seidenkleid
+und einem hohen Schildpattkamme erschienene Tantchen erhob, um einen
+=zweiten= Toast auf das Brautpaar auszubringen. Ihr verschämtes Klopfen
+mit dem Dessertmesser an die Wasserkaraffe war eine Zeitlang unbemerkt
+geblieben, und kam erst zur Geltung, als Frau von Carayon erklärte:
+Tante Marguerite wünsche zu sprechen.
+
+Diese verneigte sich denn auch zum Zeichen der Zustimmung, und begann
+ihre Rede mit viel mehr Selbstbewußtsein, als man nach ihrer
+anfänglichen Schüchternheit erwarten durfte. »Der Herr Konsistorialrath
+hat so schön und so lange gesprochen, und ich ähnle nur dem Weibe Ruth,
+das über dem Felde geht und Aehren sammelt, was auch der Text war,
+worüber am letzten Sonntag in der kleinen Melonenkürche gepredigt wurde,
+die wieder sehr leer war, ich glaube nicht mehr als ölf oder zwölf. Aber
+als Tante der lieben Braut, in welcher Beziehung ich wohl die älteste
+bin, erheb ich dieses Glas, um noch einmal auf dem Wohle des jungen
+Paares zu trinken.«
+
+Und danach setzte sie sich wieder, um die Huldigungen der Gesellschaft
+entgegenzunehmen. Schach versuchte der alten Dame die Hand zu küssen,
+was sie jedoch wehrte, wogegen sie Victoirens Umarmung mit allerlei
+kleinen Liebkosungen und zugleich mit der Versicherung erwiderte: »sie
+hab es alles vorher gewußt, von dem Nachmittag an, wo sie die Fahrt nach
+Tempelhof und den Gang nach der Kürche gemacht hätten. Denn sie hab es
+wohl gesehen, daß Victoire neben dem großen für die Mama bestimmten
+Veilchenstrauß auch noch einen kleinen Strauß in der Hand gehalten
+hätte, den habe sie dem lieben Bräutigam, dem Herrn von Schach, in der
+Kürchenthüre präsentiren wollen. Aber als er dann gekommen sei, habe sie
+das kleine Bouquet wieder weggeworfen, und es sei dicht neben der Thür
+auf ein Kindergrab gefallen, was immer etwas bedeute, und auch =dies=mal
+etwas bedeutet habe. Denn so sehr sie gegen dem Aberglauben sei, so
+glaube sie doch an Sympathie, natürlich bei abnehmendem Mond. Und der
+ganze Nachmittag stehe noch so deutlich vor ihr, als wär es gestern
+gewesen, und wenn manche so thäten, als wisse man nichts, so hätte man
+doch auch seine zwei gesunden Augen, und wisse recht gut wo die besten
+Kürschen hingen.« In diesen Satz vertiefte sie sich immer mehr, ohne daß
+die Bedeutung desselben dadurch klarer geworden wäre.
+
+Nach Tante Margueritens Toast löste sich die Tafelreihe; jeder verließ
+seinen Platz, um abwechselnd hier oder dort eine Gastrolle geben zu
+können, und als bald danach auch die großen Jostyschen Devisenbonbons
+umhergereicht und allerlei Sprüche wie beispielsweise »Liebe wunderbare
+Fee, Selbst dein Wehe thut nicht weh«, aller kleinen und undeutlichen
+Schrift unerachtet, entziffert und verlesen worden waren, erhob man sich
+von der Tafel. Alvensleben führte Frau von Carayon, Sander Tante
+Marguerite, bei welcher Gelegenheit, und zwar über das Ruth-Thema, von
+Seiten Sanders allerlei kleine Neckereien verübt wurden, Neckereien, die
+der Tante so sehr gefielen, daß sie Victoiren, als der Kaffee servirt
+wurde, zuflüsterte: »Charmanter Herr. Und so galant. Und so
+bedeutungsvoll.«
+
+Schach sprach viel mit Sander, erkundigte sich nach Bülow, »der ihm zwar
+nie sympathisch, aber trotz all seiner Schrullen immer ein Gegenstand
+des Interesses gewesen sei« und bat Sander, ihm, bei sich darbietender
+Gelegenheit, dies ausdrücken zu wollen. In allem was er sagte, sprach
+sich Freundlichkeit und ein Hang nach Versöhnung aus.
+
+In diesem Hange nach Versöhnung stand er aber nicht allein da, sondern
+begegnete sich darin mit Frau von Carayon. Als ihm diese persönlich eine
+zweite Tasse präsentirte, sagte sie, während er den Zucker aus der
+Schale nahm: »Auf ein Wort, lieber Schach. Aber im Nebenzimmer.«
+
+Und sie ging ihm dahin vorauf.
+
+»Lieber Schach,« begann sie, hier auf einem großgeblümten Kanapee Platz
+nehmend, von dem aus beide mit Hilfe der offenstehenden Flügelthür einen
+Blick auf das Eckzimmer hin frei hatten, »es sind dies unsere letzten
+Minuten, und ich möchte mir, ehe wir Abschied von einander nehmen, noch
+manches von der Seele heruntersprechen. Ich will nicht mit meinem Alter
+kokettiren, aber ein Jahr ist eine lange Zeit, und wer weiß, ob wir uns
+wiedersehen. Ueber Victoire kein Wort. Sie wird Ihnen keine trübe Stunde
+machen: sie liebt Sie zu sehr, um es zu können oder zu wollen. Und Sie,
+lieber Schach, werden sich dieser Liebe würdig zeigen. Sie werden ihr
+nicht wehe thun, diesem süßen Geschöpf, das nur Demuth und Hingebung
+ist. Es ist unmöglich. Und so verlang ich denn kein Versprechen von
+Ihnen. Ich weiß im Voraus, ich hab es.«
+
+Schach sah vor sich hin, als Frau von Carayon diese Worte sprach, und
+tröpfelte, während er die Tasse mit der Linken hielt, den Kaffee langsam
+aus dem zierlichen kleinen Löffel.
+
+»Ich habe seit unsrer Versöhnung,« fuhr sie fort, »mein Vertrauen
+wieder. Aber dies Vertrauen, wie mein Brief Ihnen schon aussprach, war
+in Tagen, die nun glücklicher Weise hinter uns liegen, um vieles mehr
+als ich es für möglich gehalten hätte, von mir gewichen, und in diesen
+Tagen hab ich harte Worte gegen Sie gebraucht, harte Worte, wenn ich mit
+Victoiren sprach, und noch härtere, wenn ich mit mir allein war. Ich
+habe Sie kleinlich und hochmüthig, eitel und bestimmbar gescholten, und
+habe Sie, was das Schlimmste war, der Undankbarkeit und der _lâcheté_
+geziehen. Und das beklag ich jetzt, und schäme mich einer Stimmung, die
+mich unsre Vergangenheit so vergessen lassen konnte.«
+
+Sie schwieg einen Augenblick. Aber als Schach antworten wollte, litt
+sie's nicht und sagte: »Nur ein Wort noch. Alles was ich in jenen Tagen
+gesagt und gedacht habe, bedrückte mich, und verlangte nach dieser
+Beichte. Nun erst ist alles wieder klar zwischen uns, und ich kann Ihnen
+wieder frei ins Auge sehen. Aber nun genug. Kommen Sie. Man wird uns
+ohnehin schon vermißt haben.«
+
+Und sie nahm seinen Arm und scherzte: »Nicht wahr? _On revient toujours
+à ses premiers amours._ Und ein Glück, daß ich es Ihnen lachend
+aussprechen kann, und in einem Momente reiner und ganzer Freude.«
+
+Victoire trat Schach und ihrer Mama von dem Eckzimmer her entgegen, und
+sagte: »Nun, was war es?«
+
+»Eine Liebeserklärung.«
+
+»Ich dacht es. Und ein Glück, Schach, daß wir morgen reisen. Nicht wahr?
+Ich möchte der Welt um keinen Preis das Bild einer eifersüchtigen
+Tochter geben.«
+
+Und Mutter und Tochter nahmen auf dem Sopha Platz, wo sich Alvensleben
+und Nostitz ihnen gesellten.
+
+In diesem Augenblick wurde Schach der Wagen gemeldet, und es war als ob
+er sich bei dieser Meldung verfärbe. Frau von Carayon sah es auch. Er
+sammelte sich aber rasch wieder, empfahl sich, und trat in den Korridor
+hinaus, wo der kleine Groom mit Mantel und Hut auf ihn wartete. Victoire
+war ihm bis an die Treppe hinaus gefolgt, auf der noch vom Hof her ein
+halber Tagesschein flimmerte.
+
+»Bis auf morgen,« sagte Schach, und trennte sich und ging.
+
+Aber Victoire beugte sich weit über das Geländer vor und wiederholte
+leise: »Bis auf morgen. Hörst Du?.... Wo sind wir morgen?«
+
+Und siehe, der süße Klang ihrer Stimme verfehlte seines Eindrucks
+=nicht=, auch in =diesem= Augenblicke nicht. Er sprang die Stufen wieder
+hinauf, umarmte sie, wie wenn er Abschied nehmen wolle für immer, und
+küßte sie.
+
+»Auf Wiedersehn, Mirabelle.«
+
+Und nachhorchend hörte sie noch seinen Schritt auf dem Flur. Dann fiel
+die Hausthür ins Schloß, und der Wagen rollte die Straße hinunter.
+
+Auf dem Bocke saßen Ordonnanz Baarsch und der Groom, von denen jener
+sich's eigens ausbedungen hatte, seinen Rittmeister und Gutsherrn an
+diesem seinem Ehrentage fahren zu dürfen. Was denn auch ohne weiteres
+bewilligt worden war. Als der Wagen aus der Behren- in die
+Wilhelmsstraße einbog, gab es einen Ruck oder Schlag, ohne daß ein Stoß
+von unten her verspürt worden wäre.
+
+»_Damm_,« sagte Groom. »_What's that?_«
+
+»Wat et is? Wat soll et sind, Kleener? En Steen is et; en doter
+Feldwebel.«
+
+»_Oh no_, Baarsch. Nich _stone. 't was something .... dear me .... like
+shooting._«
+
+»Schuting? Na nu.«
+
+»_Yes; pistol-shooting ...._«
+
+Aber der Satz kam nicht mehr zu Ende, denn der Wagen hielt vor Schachs
+Wohnung, und der Groom sprang in Angst und Eile vom Bock, um seinem
+Herrn beim Aussteigen behilflich zu sein. Er öffnete den Wagenschlag,
+ein dichter Qualm schlug ihm entgegen, und Schach saß aufrecht in der
+Ecke, nur wenig zurückgelehnt. Auf dem Teppich zu seinen Füßen lag das
+Pistol. Entsetzt warf der Kleine den Schlag wieder ins Schloß und
+jammerte: »_Heavens, he is dead._«
+
+Die Wirthsleute wurden alarmirt, und so trugen sie den Todten in seine
+Wohnung hinauf.
+
+Baarsch fluchte und flennte, und schob alles auf die »Menschheit«, weil
+er's aufs Heirathen zu schieben nicht den Muth hatte. Denn er war eine
+diplomatische Natur wie alle Bauern.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel.
+
+Bülow an Sander.
+
+
+=Königsberg=, 14. Sept. 1806. ».... Sie schreiben mir, lieber Sander,
+auch von Schach. Das rein Thatsächliche wußt ich schon, die Königsberger
+Zeitung hatte der Sache kurz erwähnt, aber erst Ihrem Briefe verdank ich
+die Aufklärung, so weit sie gegeben werden kann. Sie kennen meine
+Neigung (und dieser folg ich auch heut), aus dem Einzelnen aufs Ganze zu
+schließen, aber freilich auch umgekehrt aus dem Ganzen aufs Einzelne,
+was mit dem Generalisiren zusammenhängt. Es mag das sein Mißliches haben
+und mich oft zu weit führen. Indessen wenn jemals eine Berechtigung dazu
+vorlag, so hier, und speziell =Sie= werden es begreiflich finden, daß
+mich dieser Schach-Fall, der nur ein Symptom ist, um eben seiner
+symptomatischen Bedeutung willen aufs ernsteste beschäftigt. Er ist
+durchaus Zeiterscheinung, aber wohlverstanden mit lokaler Begrenzung,
+ein in seinen Ursachen ganz abnormer Fall, der sich in dieser Art und
+Weise nur in Seiner Königlichen Majestät von Preußen Haupt- und
+Residenzstadt, oder, wenn über diese hinaus, immer nur in den Reihen
+unsrer nachgeborenen fridericianischen Armee zutragen konnte, einer
+Armee, die statt der Ehre nur noch den Dünkel, und statt der Seele nur
+noch ein Uhrwerk hat -- ein Uhrwerk, das bald genug abgelaufen sein
+wird. Der große König hat diesen schlimmen Zustand der Dinge
+vorbereitet, aber daß er =so= schlimm werden konnte, dazu mußten sich
+die großen Königsaugen erst schließen, vor denen bekanntermaßen jeder
+mehr erbangte, als vor Schlacht und Tod.
+
+Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das
+dritte Wort in ihr ist; eine Tänzerin ist charmant ›auf Ehre‹, eine
+Schimmelstute magnifique ›auf Ehre‹, ja, mir sind Wucherer empfohlen und
+vorgestellt worden, die süperb ›auf Ehre‹ waren. Und dies beständige
+Sprechen von Ehre, von einer falschen Ehre, hat die Begriffe verwirrt
+und die richtige Ehre todt gemacht.
+
+All das spiegelt sich auch in diesem Schach-Fall, in Schach selbst, der,
+all seiner Fehler unerachtet, immer noch einer der besten war.
+
+Wie lag es denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die
+Mutter gefällt ihm, und an einem schönen Maitage gefällt ihm auch die
+Tochter, vielleicht, oder sagen wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm
+Prinz Louis eine halbe Woche vorher einen Vortrag über »_beauté du
+diable_« gehalten hat. Aber gleichviel, sie gefällt ihm, und die Natur
+zieht ihre Konsequenzen. Was, unter so gegebenen Verhältnissen, wäre nun
+wohl einfacher und natürlicher gewesen, als Ausgleich durch einen
+Eheschluß, durch eine Verbindung, die weder gegen den äußeren Vortheil,
+noch gegen irgend ein Vorurtheil verstoßen hätte. Was aber geschieht? Er
+flieht nach Wuthenow, einfach weil das holde Geschöpf, um das sich's
+handelt, ein paar Grübchen mehr in der Wange hat, als gerade modisch
+oder herkömmlich ist, und weil diese »paar Grübchen zuviel« unsren
+glatten und wie mit Schachtelhalm polirten Schach auf vier Wochen in
+eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können. Er
+flieht also, sag ich, löst sich feige von Pflicht und Wort, und als ihn
+schließlich, um ihn selber sprechen zu lassen, sein »Allergnädigster
+König und Herr« an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam
+fordert, da gehorcht er, aber nur, um im Momente des Gehorchens den
+Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen. Er kann nun mal
+Zietens spöttischen Blick nicht ertragen, noch viel weniger einen neuen
+Ansturm von Karrikaturen, und in Angst gesetzt durch einen Schatten,
+eine Erbsenblase, greift er zu dem alten Auskunftsmittel der
+Verzweifelten: _un peu de poudre_.
+
+Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre. Sie macht uns abhängig von dem
+Schwankendsten und Willkürlichsten, was es giebt, von dem auf Triebsand
+aufgebauten Urtheile der Gesellschaft, und veranlaßt uns, die heiligsten
+Gebote, die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem
+Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen. Und diesem Kultus einer
+falschen Ehre, die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit, ist
+denn auch Schach erlegen, und Größeres als er wird folgen. Erinnern Sie
+sich dieser Worte. Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand
+gesteckt, um nicht zu hören und nicht zu sehen. Aber diese
+Straußenvorsicht hat noch nie gerettet. Als es mit der Mingdynastie zur
+Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten
+von Peking eingedrungen waren, erschienen immer noch Boten und
+Abgesandte, die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten, weil
+es gegen ›den Ton‹ der guten Gesellschaft und des Hofes war, von
+Niederlagen zu sprechen. O, dieser gute Ton! Eine Stunde später war ein
+Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt. Und warum? weil alles
+Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod.
+
+Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon, wo bei dem
+Thema ›_Hannibal ante portas_‹ Aehnliches über meine Lippen kam? Schach
+tadelte mich damals als unpatriotisch. Unpatriotisch! Die Warner sind
+noch immer bei diesem Namen genannt worden. Und nun! Was ich damals als
+etwas blos Wahrscheinliches vor Augen hatte, jetzt ist es =thatsächlich=
+da. Der Krieg ist erklärt. Und was das bedeutet, steht in aller
+Deutlichkeit vor meiner Seele. Wir werden an derselben Welt des Scheins
+zu Grunde gehn, an der Schach zu Grunde gegangen ist. Ihr =Bülow=.
+
+=Nachschrift.= Dohna (früher bei der Garde du Corps), mit dem ich eben
+über die Schachsche Sache gesprochen habe, hat eine Lesart, die mich an
+frühere Nostitzsche Mittheilungen erinnerte. Schach habe die Mutter
+geliebt, was ihn, in einer Ehe mit der Tochter, in seltsam peinliche
+Herzenskonflikte geführt haben würde. Schreiben Sie mir doch darüber.
+Ich persönlich find es pikant, aber nicht zutreffend. Schachs Eitelkeit
+hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten, und seine
+Vorstellungen von Ehre (hier ausnahmsweise die richtige) würden ihn
+außerdem, wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte,
+vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+Victoire von Schach an Lisette von Perbandt.
+
+
+=Rom=, 18. August 1807. _Ma chère Lisette._
+
+Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus
+dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich
+mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine
+Versäumnisse nicht zum Ueblen gedeutet.
+
+Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu
+warten.
+
+Ach, meine theure Lisette, Du nimmst Theil an meinem Schicksal und
+glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du
+hast Recht. Ich will es thun, so gut ich's kann.
+
+»Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest
+vor einem Räthsel, das sich Dir nicht lösen wolle.« Meine liebe Lisette,
+wie lösen sich die Räthsel? Nie. Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem
+bleibt, und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch
+nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt. Er
+sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das
+Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire, -- das habe den Spott
+herausgefordert, und diesem Spotte Trotz zu bieten, dazu habe er nicht
+die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod
+gegangen.
+
+So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch
+ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen
+ist, als nöthig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es in einem
+andern Licht. Er wußte sehr wohl, daß aller Spott der Welt schließlich
+erlahmt und erlischt, und war im Uebrigen auch Manns genug, diesen Spott
+zu bekämpfen, im Fall er =nicht= erlahmen und =nicht= erlöschen wollte.
+Nein, er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf, oder wenigstens nicht
+so, wie vermuthet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner
+eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen
+Kampf =umsonst= kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt,
+=nicht= siegreich gegen sich selber sein würde. =Das= war es. Er gehörte
+durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennen gelernt habe, zu =den=
+Männern, die =nicht= für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir
+schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der
+überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter
+und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner
+Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen
+Idealen er nachhing. Und unter diesen Idealen -- all seiner Liaisons
+unerachtet, oder vielleicht auch um dieser Liaisons willen -- war
+sicherlich =nicht= die Ehe. Noch jetzt darf ich Dir versichern, und die
+Sehnsucht meines Herzens ändert nichts an dieser Erkenntniß, daß es mir
+schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir _au sein de sa famille_
+vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben
+nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht.
+
+Da hast Du mein Bekenntniß, und ähnliches muß er selber gedacht und
+empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber
+schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und
+Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr =äußerliche=
+Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich,
+wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow immer wieder und wieder
+unterliegen sah, so fühlt ich nur zu deutlich, daß er weder ein Mann von
+hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei;
+zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt,
+innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und zu herrschen. Er war wie
+dazu bestimmt, der Halbgott eines prinzlichen Hofes zu sein, und würde
+diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner
+persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen andrer, ja vieler
+anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch, und auch klug
+genug, um immer das Gute zu wollen. An dieser Laufbahn als ein
+prinzlicher Liebling und Plenipotentiaire, hätt ich ihn verhindert, ja,
+hätt ihn, bei meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder
+Karrière herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen, um mit mir
+ein Spargelbeet anzulegen oder der Kluckhenne die Küchelchen
+wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes
+Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt,
+aber doch auf ein solches, das =ihm= als groß erschien.
+
+Ueber meine Nichtschönheit wär er hinweggekommen. Ich hab' ihm, ich
+zögre fast es niederzuschreiben, nicht eigentlich mißfallen, und
+vielleicht hat er mich wirklich geliebt. Befrag ich seine letzten, an
+mich gerichteten Zeilen, so wär es in Wahrheit so. Doch ich mißtraue
+diesem süßen Wort. Denn er war voll Weichheit und Mitgefühl, und alles
+Weh, was er mir bereitet hat, durch sein Leben und sein Sterben, er
+wollt es ausgleichen, so weit es auszugleichen war.
+
+Alles Weh! Ach wie so fremd und strafend mich dieses Wort ansieht! Nein,
+meine liebe Lisette, nichts von Weh. Ich hatte früh resignirt, und
+vermeinte kein Anrecht an jenes Schönste zu haben, was das Leben hat.
+Und nun hab ich es gehabt. Liebe. Wie mich das erhebt und durchzittert,
+und alles Weh in Wonne verkehrt. Da liegt das Kind und schlägt eben die
+blauen Augen auf. =Seine= Augen. Nein, Lisette, viel Schweres ist mir
+auferlegt worden, aber es federt leicht in die Luft, gewogen neben
+meinem Glück. --
+
+Das Kleine, Dein Pathchen, war krank bis auf den Tod, und nur durch ein
+Wunder ist es mir erhalten geblieben.
+
+Und davon muß ich Dir erzählen.
+
+Als der Arzt nicht mehr Hülfe wußte, ging ich mit unserer Wirthin (einer
+ächten alten Römerin in ihrem Stolz und ihrer Herzensgüte) nach der
+Kirche Araceli hinauf, einem neben dem Kapitol gelegenen alten
+Rundbogenbau, wo sie den ›Bambino,‹ das Christkind, aufbewahren, eine
+hölzerne Wickelpuppe mit großen Glasaugen und einem ganzen Diadem von
+Ringen, wie sie dem Christkind, um seiner gespendeten Hülfe willen, von
+unzähligen Müttern verehrt worden sind. Ich bracht ihm einen Ring mit,
+noch eh ich seiner Fürsprache sicher war, und dieses Zutrauen muß den
+Bambino gerührt haben. Denn sieh, er half. Eine Krisis kam unmittelbar,
+und der Dottore verkündigte sein ›_va bene_‹; die Wirthin aber lächelte,
+wie wenn sie selber das Wunder verrichtet hätte.
+
+Und dabei kommt mir die Frage, was wohl Tante Marguerite, wenn sie davon
+hörte, zu all dem ›Aberglauben‹ sagen würde? Sie würde mich vor der
+›alten Kürche‹ warnen, und mit =mehr= Grund, als sie weiß.
+
+Denn nicht nur =alt= ist Araceli, sondern auch trostreich und labevoll,
+und kühl und schön.
+
+Sein Schönstes aber ist sein Name, der ›=Altar des Himmels=‹ bedeutet.
+Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+
+
+
+Verlag von F. Fontane & Co. -- Berlin W 35
+
+
+Unentbehrlich für jeden Gebildeten, der sich über die
+litterarische Bewegung des In- und Auslandes auf
+dem Laufenden halten will, ist
+
+Das litterarische Echo
+
+Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde
+
+Herausgeber: Dr. =Josef Ettlinger=
+
+Dritter Jahrgang
+
+Sammel-Organ für alle litterarischen Interessen
+
+Essais, Biographien, Kritiken aus angesehenen Federn * Litteraturbriefe
+aus allen Kulturländern * Gedrängte Revue der in- und ausländischen
+Zeitschriften * Vollständige Bibliographie * Porträts * Proben aus neu
+erscheinenden Werken * Nachrichten
+
+In der »~Zeitschrift f. deutschen Unterricht~« (Leipzig, B. G. Teubner)
+vom Februar 1899 widmete deren Herausgeber Prof. ~Dr. Otto Lyon~ dem
+»Litt. Echo« eine dritthalb Seiten lange Besprechung, in der es u. a.
+heißt:
+
+»Das gesamte litterarische Leben unserer Nation wie in einem Spiegel
+zusammenzufassen und den Litteraturfreunden so die Möglichkeit zu
+verschaffen, dieses eigenartige und intime geistige Leben unseres Volkes
+zu überschauen und mit lebendigem Anteil zu verfolgen, ist der Zweck der
+vorliegenden neuen Zeitschrift. ~Daß eine solche Zeitschrift eine
+unbedingte Notwendigkeit für unsere Zeit ist~, wird jeder zugestehen,
+der mit uns der Meinung ist, daß in unserem Zeitalter nur das Volk auf
+die Dauer lebens- und leistungsfähig bleibt, das durch das gemeinsame
+Bindemittel einer tiefgehenden litterarischen Bildung fest
+zusammengekittet wird ... darum ist es heute vielleicht unsere
+allerwichtigste Aufgabe, die Kreise der Gebildeten unseres Volkes für
+dessen Litteratur ~nachdrücklich zu interessieren~ und so unser Volk vor
+Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+und Gesellschaftssälen unserer Hauptstädte schon vielfach entgegentritt,
+zu bewahren. Eines fehlt gerade den maßgebenden Kreisen unseres Volkes
+vielfach noch in großem Maße: Die Fähigkeit litterarisch zu genießen und
+die zu litterarischem Genuß drängende Eß- oder Trinklust. Zu dieser muß
+unser Volk seinem größten Teile nach erst erzogen werden, die Aufgabe,
+eine solche Erziehung anzubahnen und in die rechten Formen zu leiten,
+will die vorliegende Zeitschrift zu lösen versuchen. Ich glaube, dieses
+Ziel ist so hoch und groß, daß alle, die unser Volk und sein geistiges
+Leben lieben, sich freudig in den Dienst dieses reinen Strebens stellen
+werden. Und ~jeder, der zur Verbreitung dieser Zeitung beiträgt, hilft
+an der Erreichung des weitgesteckten Zieles thatkräftig mitarbeiten~. --
+Und diese Zeitschrift verdient es, daß sie die ~weiteste Verbreitung vor
+allem auch in Lehrer- und Schulkreisen~, den berufenen Erziehern unseres
+Volkes, findet« u. s. w.
+
+Preis vierteljährlich Mark 3.--
+
+Probenummern kostenfrei
+
+Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter
+
+
+
+
+Verlag von ~Wilhelm Hertz~ in Berlin W 9.
+
+Werke von Theodor Fontane.
+
+
+Gedichte.
+
+Sechste Auflage.
+
+=Mit einem Bildniß.=
+
+8o. 462 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Vor dem Sturm.
+
+Roman aus dem Winter
+1812 auf 1813.
+
+Dritte, wohlfeile Volksausgabe in
+1 Bande, 8o. 773 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Quitt.
+
+Roman.
+
+8o. 338 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in
+Leinw. 6 M.~
+
+
+Grete Minde.
+
+Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+Zweite Auflage.
+
+kl. 8o. 154 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Unwiederbringlich.
+
+Roman.
+
+Dritte Auflage.
+
+8o. 343 Seiten.
+
+~Preis brosch. 4 M., geb. in
+Leinw. 5 M.~
+
+
+Ellernklipp.
+
+Nach einem Harzer Kirchenbuch.
+
+Zweite Auflage.
+
+8o. 190 Seiten.
+
+~Preis brosch. 3 M., geb. in
+Leinw. 4 M.~
+
+
+Wanderungen durch die Mark Brandenburg.
+
+4 Bände. ~Wohlfeile Ausgabe.~
+
+~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ I. ~Die Grafschaft Ruppin.~ (559 S.)
+
+ II. ~Das Oderland.~ Barnim-Lebus. (506 S.)
+
+ III. ~Havelland.~ Die Landschaft um Spandau, Potsdam,
+ Brandenburg. (485 S.)
+
+ IV. ~Spreeland.~ Beeskow-Storkow u. Barnim-Teltow. (459 S.)
+
+
+Fünf Schlösser.
+
+Altes und Neues aus Mark Brandenburg.
+
+8o. 468 Seiten.
+
+~Preis brosch. 7 M., geb. in Leinw. 8 M. 20 Pf.~
+
+=Inhalt:=
+Quitzöwel. -- Plaue a. B. -- Hoppenrade. -- Liebenberg. -- Dreilinden.
+
+
+Christian Friedrich Scherenberg
+und das litterarische Berlin von 1840 bis 1860.
+
+8o. 260 Seiten.
+
+~Preis brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M. 20 Pf.~
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischen Tuche
+ der in der Taille knapp anschließende Rock von niederländischem Tuche
+
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen et omen._ Es ist der Sitz
+ Kalenbergs und der Lüneburger Haide. _Nomen est omen._ Es ist der Sitz
+
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil, einst dem der
+ man jetzt deutlich erkennen konnte, daß ihr feines Profil einst dem der
+
+ räthselhaftesten aber aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+ räthselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür
+
+ Iffland ein Freimaurer.«
+ Iffland, ein Freimaurer.«
+
+ Es war Alvensleben, an dem sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+ Es war Alvensleben, an den sich die Frage gerichtet hatte. »Zu weit? O,
+
+ tagein auf einem Drehschemmel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+ tagein auf einem Drehschemel ritt, und seine Befehle (gewöhnlich nur ein
+
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisters Tochter noch so lange
+ schon wieder schreit, und ob die Schulmeisterstochter noch so lange
+
+ »Wie das?« wiederholte Nostiz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+ »Wie das?« wiederholte Nostitz. »Was doch die Gelehrten, und wenn es
+
+ Sie täuschen sich, Nostiz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+ Sie täuschen sich, Nostitz, wenn Sie daraus auf eine Partie schließen.
+
+ gebessert, sondern auch die Luft, Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+ gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner Tag, wie
+
+ von den Fernenstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+ von den Fernerstehenden entweder überhört oder aber mit Gleichgültigkeit
+
+ ebengenannter Kirche, eitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+ ebengenannter Kirche, seitens des hochseligen Königs seinem Sohne, dem
+
+ wäre lieber am Kaffetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+ wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben, als ihr aber der zu
+
+ Victoriens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+ Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus, während
+
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser muß Du
+ und keine Trauerbirken sind. _A propos_ über das Birkenwasser mußt Du
+
+ Regiment werden Sie noch Nostiz und Alvensleben treffen. Im
+ Regiment werden Sie noch Nostitz und Alvensleben treffen. Im
+
+ Nostiz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+ Nostitz abgeholt hatte, vor der prinzlichen Villa vor. Diese lag am
+
+ jenem Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+ jenen Impromptus und witzigen Einfällen auf dem Gebiete des Grausigen,
+
+ der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_? Und er befahl mit
+ der Lage. ›Wozu hier ein sich Abmühen _en détail_?‹ Und er befahl mit
+
+ ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-östereichischen Tornister ist dieser
+ ›Genie‹ -- nun, in dem russisch-österreichischen Tornister ist dieser
+
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquettte_ und
+ so viele Schönheitskategorien gebracht habe: _beauté coquette_ und
+
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostiz skandirte:
+ Alles lachte, Sander am herzlichsten, und Nostitz skandirte:
+
+ im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹
+ im Lande Preußen heißt es ›_pianissimo_.‹«
+
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Frangen hinweg, sah man,
+ worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg, sah man,
+
+ angenehm war. Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+ angenehm war. »Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den
+
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostiz, »aber es
+ »Königliche Hoheit halten zu Gnaden,« entgegnete Nostitz, »aber es
+
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren Alles was Ihnen dabei
+ fassen den Begriff offenbar zu eng, meine Herren. Alles was Ihnen dabei
+
+ Nostiz und Sander lächelten und nickten.
+ Nostitz und Sander lächelten und nickten.
+
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflotille, die wohl
+ Als Sander noch so sprach, setzte sich die Schwanenflottille, die wohl
+
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte Der
+ heftig, aber wenigstens =so=, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der
+
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoiren, um dieser
+ Frau von Carayon die Hand und wandte sich dann gegen Victoire, um dieser
+
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante.«
+ »Welchen meinst Du, liebe Tante?«
+
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllene
+ Dieser erhob sich und sagte, während er sich leicht auf der Stuhllehne
+
+ Schlittenfahrt Angenommen?«
+ Schlittenfahrt. Angenommen?«
+
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _charte blanche_, Sie sind
+ Margueritens willen -- nun so geb ich Ihnen _carte blanche_, Sie sind
+
+ Nach Festsetzungen wie diese, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+ Nach Festsetzungen wie diesen, trennte man sich. Ein Sonnenschein lag
+
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen
+ abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang zu machen.
+
+ Ich meinseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+ Ich meinerseits bin empört. =Nicht= Schachs halber, der diesen ›Schach
+
+ nimmt
+ nimmt.
+
+ Häusern und und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+ Häusern und Hütten war alles längst in tiefem Schlaf, und nur aus den
+
+ ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹
+ ›Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‹«
+
+ ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹
+ ›Nei, Krist, =uns'= Huut sitt fast.‹«
+
+ Wiederschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+ Widerschein glühten und die Waldstreifen ihren Schatten in den See
+
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!
+ Deines Vaters Tochter, Du bist eine =Carayon=!«
+
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvensleben entnehme ich, daß Sie, mein
+ »Einer Mittheilung Herrn von Alvenslebens entnehme ich, daß Sie, mein
+
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.
+ auf Mittwoch! Josephine von Carayon.«
+
+ mon chèr General._«
+ mon cher General._«
+
+ und fuhr dann fort: »Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+ und fuhr dann fort: »Köckritz mir eben Andeutungen gemacht .... =Sehr=
+
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen ›daß Ehre‹ das
+ Ich habe lange genug dieser Armee angehört, um zu wissen daß ›Ehre‹ das
+
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.
+ vor jedem _faux pas_ gesichert haben. B.«
+
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung ein Wendepunkt für uns
+ überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns
+
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.«
+ Und auf diesem Altar steigt tagtäglich das Opfer meines Dankes auf.
+
+ Verflachung und gigerlhafte Verblödung, die uns leider in den Straßen
+ Verflachung und gigerlhafter Verblödung, die uns leider in den Straßen
+
+ Nach einer altmärkischen Chronik
+ Nach einer altmärkischen Chronik.
+
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 Mk.~
+ ~Jeder Band brosch. 5 M., geb. in Leinw. 6 M.~
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schach von Wuthenow, by Theodor Fontane
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHACH VON WUTHENOW ***
+
+***** This file should be named 36905-0.txt or 36905-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This
+book was produced from scanned images of public domain
+material from the Google Print project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
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+keeping this work in the same format with its attached full Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
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+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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