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diff --git a/39043-h/39043-h.htm b/39043-h/39043-h.htm new file mode 100644 index 0000000..7255696 --- /dev/null +++ b/39043-h/39043-h.htm @@ -0,0 +1,5172 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Die Kakomonade</title> +<!-- AUTHOR="Simon Nicolas Henri Linguet" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } +h1 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 1%; page-break-before: always; } +h2 { text-align: center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; page-break-before:always; } +h3 { text-align: center; margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; } +p { + margin-left: 0; margin-right: 0; + margin-top: 0; margin-bottom: 0; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0; } + +div.poem { + margin-left: 2em; + text-align: left; + text-indent: 0; + margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +p.line2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; } + +p.address {text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%; } +p.footnote {text-indent: 0; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%;} +p.block {text-indent: 0; margin-left: 3em; } +p.block2 {text-indent: 0; margin-left: 6em; } +p.center { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 2%; margin-bottom: 0; } +p.caption { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;} +p.contents { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0; } +p.contents2 { text-indent: 0; text-align: center; margin-left: 2em; margin-top: 0; margin-bottom: 0; } + +p.first { text-indent: 0 } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} +span.sperr { letter-spacing:.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } +span.smaller { font-size:smaller; } +span.hidden { display: none; } +span.font80 { font-size: 80%; } + +.leftpic { + float: left; + clear: left; + padding-right: 0.3em; +} +.rightpic { + float: right; + clear: right; +} +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; } +.trnote ul li { list-style-type: none; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Die Kakomonade, by Simon Nicolas Henri Linguet + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Kakomonade + Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide + +Author: Simon Nicolas Henri Linguet + +Release Date: March 6, 2012 [EBook #39043] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAKOMONADE *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic" style="margin-bottom: 1%;"> +<img src="images/title.jpg" alt="Titel"/> +</div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote" style="page-break-before:always;"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1 style="page-break-before:always;"> +Die<br /> +Kakomonade<br /> +<br /> +<span style="font-size: smaller"> +ein Nachlaß<br /> +vom Doktor Panglos, +</span> +</h1> + +<p class="center" style="font-size: 110%"> +als ein Supplement<br /> +<br /> +des Kandide,<br /> +<br /> +von<br /> +<br /> +Linguet. +</p> + +<p class="center"> +<span style="border-top: 2px black solid"> +Nach der zweiten vermehrten Ausgabe übersetzt.</span> +</p> + +<p> </p> + +<p class="center"> +<span style="border-top: 2px black solid"> +Berlin, 1786.</span> +</p> +<p> </p> +<!-- page 000<i>i003 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1"> +Buchhändlernachricht.</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">E</span>s leben zwo berüchtigte Schwestern +in der Welt, welche mit voller +Gewalt auf derselben regieren. Man +ist gesinnet, von der Einen derselben +die Geschichte ihres Lebenslaufes hier +vorzulegen. Dem Leser wirds gar +nicht schwer fallen, zu errathen, wer +die sei, von der man spricht, sobald +er weis — was wir ihm eben sagen +— daß man jene, von der die Rede +nicht ist, nach unserer französischen +<!-- page 000</i>i004 --> +Mundart gemeinhin die petite vérole +nenne<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>1</sup>)</a>. +</p> + +<p>Diese nun hat sich vor undenklicher +Zeit in Europen ausgebreitet; +der andern aber gelang es nur erst +um viele Jahrhunderte später, in +diesem Welttheile festen Fuß zu fassen; +indessen mag man sie für Zwillingsschwestern +<!-- page 000<i>i005 --> +ansehen, und ihr Alter +beinah so weit hinaussetzen, als +das Alter der Welt. Es ist wahrscheinlich, +daß sie bei ihrer Geburt +zu einer Zeit mit Noe sich in das +Universum theilten. Die Eine nahm +die linke, die Andere die rechte Seite +desselben in ihren Besitz. Sie zogen +mit den Söhnen dieses Patriarchen +herum, und schlugen in Wüsten, denen +es an nichts, als an Bewohnern +fehlte, ihren Wohnsitz auf. +</p> + + +<p>Die Kleine nahm das größte +Stück für sich: Das ganze feste Land +des Alterthums ward ihr Reich; +Afrika, Asien, und Europa fielen +unter ihre Bothmässigkeit. Ihre +vornehmste Beschäfftigung war, die +<!-- page 000</i>i006 --> +Menschengestalten, die sich da befanden, +zu verderben; aber vorzüglich +übte sie sich in ewigen Kriegen gegen +die Schönheit. +</p> + +<p>Die Andere trieb Anfangs ihren +Ehrgeiz nicht so weit: sie begnügte +sich, den Zepter über Amerika zu führen: +Da pflegte sie des Umgangs mit +den Schlangen, und allem kriechenden +Ungeziefer, welche diesen schönen +Theil der Welt verheeren: allein der +Theil, auf welchen sie ihre Gewalt +ausbrechen ließ, war nicht das Gesicht; +sondern sie griff unmittelbar +das an, was die Schönheit nützlich, +oder schätzbar macht. +</p> +<!-- page 000<i>i007 --> + +<p>So lebten sie über fünf tausend +Jahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte. +Nur erst im fünfzehnten +Jahrhunderte kam sie die Lust an, +sich zu besuchen, da sie zu ihrer Reise +die spanischen Flotten sehr gemächlich +fanden. Sie mußten keine Ursache +gefunden haben, es sich gereuen +zu lassen: von dieser Zeit an scheinen +sie den Entschluß gefaßt zu haben, +sich nimmer wieder zu verlassen. Sie +verglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlich +anzulegen. Ohne Unterschied, +und ohne Eifersucht herrschen +sie nun beide zusammen über die vier +Theile dieser unteren Welt, wo, wie +es ein Haufen erlauchter Philosophen +beweist, alles gut ist. Der +Vergleich dieser beiden Schwestern +<!-- page 000</i>i008 --> +hat die Masse des allgemeinen Guten +um ein Ansehnliches vermehrt; ob +man gleich gestehen muß, daß einige +einzelne Uibel daraus erwuchsen. +</p> + +<p>Diese zu mildern, ja zum Theile +gar zu unterdrücken, scheint die +Absicht gewesen zu sein, welche sich +der Verfasser dieses Werkes durch +dasselbe zu erreichen bestrebet hat. +Wir glaubten wahrzunehmen, daß +er hierzu eben so sichre, als leichte +Mittel an die Hand gab; und man +wird sich von der Sache sogleich gute +Begriffe machen, sobald man wissen +wird, der Verfasser sei der Herr +Doktor Panglos, Feldprediger des +Freiherrn von Donnerstrunkshausen, +und Hofmeister des Kandide. +</p> +<!-- page 000<i>i009 --> + +<p>Seine Abentheuer sind Jedermann +bekannt, aber Niemand weis +Etwas von seinen Schriften. Man +weis, daß er eben sowohl, als sein +Zögling, auf den Befehl der heiligen +Hermandad den Staupbesen bekam, +und, was noch mehr ist, gehangen +wurde. Seine Unglücksfälle sind, +Dank sei es der Feder des berühmten +Herrn Ralph, seines Mitbruders in +der Metaphysik, zum Besitze der Unsterblichkeit +gelangt; hingegen zweifelte +man nicht, daß es ihm nicht am +Kützel, oder an der Zeit gefehlet habe<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>2</sup>)</a>, +ein Autor zu werden; dennoch +<!-- page 000</i>i010 --> +ist dieß eine unläugbare Wahrheit; +und hier theilen wir eine seiner Arbeiten +mit, die uns würdig genug schien, +die Aufmerksamkeit des Publikums +auf sich zu heften. +</p> + + +<p>Es hält schwer, ihren Zeitpunkt +genau zu bestimmen; unterdessen ist +es doch ziemlich wahrscheinlich, daß +sie der Doktor damal verfaßte, als +er sich bei dem Wiedertäufer Jakob +aufhielt<a href="#footnote-3" id="fnote-3"><sup>3</sup>)</a>. ohne Zweifel wars diese +heilsame Einsamkeit, wo Herr +Panglos sichs zum Geschäfte, machte, +<!-- page 000<i>i011 --> +über die Ursache nachzudenken, +von der er da die Wirkungen empfand. +Voll von seinem Gegenstande, +machte er sich das Vergnügen, +die treffenden Bemerkungen, die ihm +sein Zustand darboth, zu Papier zu +setzen. Er kam dabei, wie man weis, +um ein Aug, und um ein Ohr. Doch +rettete er sein Manuskript, und dieses +kostbare Stück Werk kam in der Folge +unter allen dem Stürmen, die das +Leben dieses großen Philosophen verfolgten, +mit heiler Haut davon. +</p> + + +<p>Diese Stürme waren mit der +Epoche, womit Herr Ralph seine +Geschichte beschließt, nicht, wie man +etwa denken konnte, vorüber. Die +mühsame Vereinigung, welche die +<!-- page 000</i>i012 --> +Noth unter allen Gefährten Kandidens +veranlaßt hatte, war von kurzer +Dauer. Die kluge Alte war das +Band der Gesellschaft: sie starb, und +das Gebäude, zu dem sie so viel beigetragen hatte, +zerfiel mit ihrem Tode. +</p> + +<p>Kunegunde, ihres guten Rathes +beraubt, begieng eine Thorheit auf +die andre. Die letzte davon war, daß +sie bei Barzellona mit einem Korsaren +auf dem mittelländischen Meere +kreuzen schiffte. Bald darauf machte +sich auch Kandide, bloß von Martinen +begleitet, unsichtbar, ohne Zweifel +nicht so viel, um seiner theuern +Hälfte wieder habhaft, als um des +Verdrusses, daß er sie geheurathet +hatte, los zu werden. +</p> +<!-- page 000<i>i013 --> + +<p>Der Bruder Giroflee gieng einige +Zeit vorher unter die Janitscharen. +Panglos reiste mit Paquetten +ab, um, falls er ihn treffen konnte, +seinem Zöglinge Trost einzusprechen. +Die kleine Mayerei blieb das Eigenthum +des einzigen Kakambo, der +zufolge des Kaim Akan von Konstantinopel, +nachher Oberrichter geworden +ist, aber trotz dieser Würde, sich +so gut, als seine Herrschaften, neuen +Unglücksfällen ausgesetzt fand. +</p> + +<p>Der Doktor, und seine Gefährtinn +bestanden ein klein griechisch Kaufmannsschiff, +um darauf nach Smirna +zu fahren, wo sie sich Rechnung +machten, einige Schiffe zu finden, um +nach Europa zu kommen, in der Hoffnung, +<!-- page 000</i>i014 --> +daß Kandide diese Strasse +eingeschlagen hätte. Unglücklicherweise +hatte an der Küste von Mar di +Marmora Paquette wieder Lebhaftigkeit, +und Farbe gewonnen. Der +Patron würdigte sie seiner Aufmerksamkeit. +Dieser eifrige Muselmann +fand sie weiß, wie eine Lilie, und +frisch wie eine Rose, und sah sie für +eine Zirkassierinn an, die aus irgend +einem Serrail entwischet wäre. Er +trug Bedenken, so viele Reize den +Unbeschnittenen zuzuführen. Statt +also, sie zu Smirna ans Land zu +setzen, führte er sie in Aegypten, wo +er sie um tausend Zekine an den Bascha +von Kairo verkaufte. +</p> +<!-- page 000<i>i015 --> + +<p>Mittels einer sehr sinnreichen, +und der Schule eines Leibnitz ganz +würdigen Verkleidung fand Panglos +den Weg, sie zu entführen. Sie +durchstrichen hierauf ganz Asien. Die +Kette ihrer Begebenheiten zog sie bis +nach China, wo sie Kunegundens +Bruder, Herrn Baron von Donnerstrunkshausen +wieder fanden. Der +war noch immer der alte Starrkopf, +der alte Jesuite. Er gab sich hier, +wie man im Verfolge dieses Werkes +sehn wird, mit dem Gewerbe nützlicher +Künste ab. Endlich trafen sie +nach einer Menge neuer Märsche, und +mehr, oder minder trauriger Trennungen +zu Paris wieder zusammen. +Paquette gab sich hier einen indianischen +Namen. Durch diesen Kniff, +<!-- page 000</i>i016 --> +und durch die Neugierde, die sie gegen +sich erregte, machte sie in kurzer +Zeit ihr Glück, trotz dem, daß +ihre Reisen sie etwas gebräunet +hatten. +</p> + +<p>In ihrem Glücke verlor sie Panglosen +nicht aus dem Gedächtnisse. +Sie gab ihm bis zu seinem Tode, der +sich den 11ten Dezember des vorigen +Jahres ereignete, seinen Unterhalt. +Er hatte ziemlich schnell das Französische +begriffen, und das Werk, das +wir hier herausgeben, selbst in diese +Sprache übersetzt. Er hat es, wie +man sehen wird, seiner Wohlthäterinn +zugeeignet, und diese hat uns +das Mannuskript davon mitgetheilt. +</p> +<!-- page 000<i>i017 --> + +<p>Man fand unter seinen Papieren +viele andere Bemerkungen, in sehr +guter Ordnung. Sie enthalten alle +seine Reisen von der ersten von Konstantinopel<a id="corr-1"></a> +aus angefangen. +</p> + +<p>Fräulein Paquette übernahm +selbst die Sorge, sie durch sichre Hände +an Herrn Ralph gelangen zu lassen; +und wir wissen ganz zuverläßlich, +daß dieser Gelehrte des Vorhabens +ist daraus einen Zweiten Theil +zur besten Welt zu verfassen, dessen +Ausgabe nicht lange ausbleiben wird. +Hierbei bedienen wir uns mit Vergnügen +der Gelegenheit, das Publikum +aus einem Irrthume zu ziehn. Man +hat bei einigen nachgedruckten Ausgaben +der besten Welt auf den Titel +<!-- page 000</i>i018 --> +gesetzt, daß Herr Ralph gestorben +wäre. Ja man führte sogar den Ort +und das Jahr dieses Vorfalls an, +der, wie man sagt, sich zu Minden +im Jahre Christi 1759. ergeben +hat. +</p> + +<p>Ohne Zweifel kömmt dieses Gerücht +von des Herrn Doktors Feinden +her. Sie gaben vor, er hätte +sein Leben auf einem Schlachtfelde geendigt, +gewiß nur, um verstehen zu +geben, daß er vor Furcht gestorben. +Diese Nachricht ist falsch. Der unsterbliche +Herr Ralph befindet sich, +zum Verdrusse seiner Neider, noch +bei den besten Kräften. Die Herausgabe +des zweiten Theils seines Werkes +wird davon eine Probe seyn. Um +<!-- page 000<i>i019 --> +ihn erscheinen zu lassen, erwartet er +nur noch die Landkarten, womit er +ihn versehen will; eine Vorsicht, deren +Außerachtlassung beim ersten Theile +er sehr bedauert. +</p> + +<p>Vom Verdienste des Doktor Panglos, +als Schriftstellers, wird das +Publikum das Urtheil sprechen. Wir +zweifeln nicht, daß man dieses Werk +seines Ruhmes würdig finden werde. +Was uns Anfangs befremdete, war +nur der Gegenstand desselben. Herr +Ralph nannte das Kind, das sein +Held aus seinen Versuchen in der Experimentalphisik +erhielt, ohne Umschnitte +beim rechten Namen. Allein +selbst dieser soll, nachdem er es im +Französischen zu einer vollständigen, +<!-- page 000</i>i020 --> +Kenntniß gebracht, und die Doppelsinnigkeiten, +und die falsche Delikatesse +dieser Sprache näher eingesehen +hatte, es, wie man uns versicherte, +nie gewagt haben, sich die Freiheit +seines Geschichtschreibers zu erlauben. +Er suchte Wendungen, und +gab seinem Buche den ehrbaren Namen, +den wir ihm hier beibehalten +haben. +</p> + +<p>Man kann sich einbilden, daß +diese Herabstimmung, ihm vieles kostete. +Wir haben in seinen Schriften +davon Proben gefunden. Er hatte +sogar gegen diese sogenannte Delikatesse +eine Abhandlung angefangen, +wobei wir sehr bedauern, daß er sie +nicht zu Ende bringen konnte. Der +<!-- page 000<i>i021 --> +Herr Doktor machte sich darinnen mit +einem seiner würdigen Nachdrucke gegen +diese lächerliche Wohlanständigkeit +auf, welche die Artigkeit mehr in +den Worten, als in den Dingen sucht, +und sich über Ausdrücke, aber nicht +über die Begriffe entrüstet. Er legte +lebhaft seine Befremdung an den +Tag, daß rechtschaffne Leute in Europa +sich nicht getrauen, eine Ursache, +von der sie alle Tage die Wirkung zu +befahren haben, bei ihrem Namen zu +nennen. Er sprach über diesen Gegenstand +als ein erfahrungsvoller +Philosoph, und als ein vollkommener +Leibnizianer. +</p> + +<p>Unterdessen wollen wir zur Rechtfertigung +der Franzosen, bemerken, +<!-- page 000</i>i022 --> +daß sie nicht die Einzigen sind, die sich +auf diese unvernünftige Gewissenhaftigkeit +etwas zu Gute thun können. +Die Italiäner haben beinahe die nämliche +Schwachheit: sie nennen die größere +Schwester der kleineren Pocke +mal Francese, obgleich sie unstreitig +weder an der Seine, noch an der +Rhone bürtig ist. Wahr ists, sie besucht +diese Flüsse öfters, und unterhält +sich vorzüglich mit den Nymphen, +die diese Gestade verschönern; aber +doch ist sie da nicht geboren, und die +wälsche Paraphrase ist weder richtig +an sich selbst, noch artig im Bezuge +auf die benachbarten Völker. +</p> + +<p>Die Spanier sollten mit dem Namen +und der Sache besser bekannt +seyn; indessen weichen sie dem Begriffe +<!-- page 000<i>i023 --> +davon so viel möglich aus. Sie +bezeichnen sie mit dem feinen Ausdrucke +purgacion. Wenn man daher +jenseits der Pyrenäen spricht: el +señor marqués, el señor conde, el +señor duque tiene las purgaciones, +so will dieß nicht sagen, daß +diese Herrn Arzneien eingenommen, +sondern daß sie ihrer sehr nöthig haben. +Diese kleine Untreuheit ist doch +verzeihlicher, als jene, deren man sich +im Lande des Vesuvs bedient. +</p> + +<p>Uibrigens ist diese abgeschmackte +Kleingeistigkeit nicht bei allen Völkern +die Folge eines vagen Vorurtheils, +wovon man nie versuchet hätte, einen +Grund anzugeben. Große Schriftsteller +haben sich bemühet, sie zu heben, +<!-- page 000</i>i024 --> +und sogar zu rechtfertigen. Unter +andern kann man hierüber den berühmten +Herrn Abbé Desfontaines +in seinem ein und sechzigsten Briefe +seiner Beobachtungen über die +Schriften unsrer Zeit anführen. +</p> + +<p>Der Herr Abbé untersucht sehr +sorgfältig, und mit all dem kritischen +Geiste, den er besaß, worinn die sogenannte +Keuschheit unsrer heut zu +tägigen Sprachen ihren Grund habe. +„Das Christenthum, und die +Moral der Europäer,“ sagt er, +„machen sie so gewissenhaft in ihren +Worten, da im Gegentheile das +Griechische und Latein, welches +von heidnischen Völkern gesprochen +wurde, weit freier ist.“ +</p> +<!-- page 000<i>i025 --> + +<p>Wir bitten den Herrn Abbé um +Vergebung; allein wir sind nicht seiner +Meinung; und was noch mehr +ist, wir haben so gar sehr gute Gründe, +es nicht zu seyn. +</p> + +<p>Der erste ist das Ansehn des +Herrn Panglos, der sich ganz öffentlich +für die entgegengesetzte Meinung +erklärt, wie man in der Sammlung +seiner Werke sehn wird, wenn +man anders jemal das Fragment, +von dem wir sprachen, darinnen mit +heraus giebt. Der zweite Grund ist +der, daß die Moral der Heiden nicht +lockerer war, als die unsrige. Die +wahren Begriffe von Schande, und +Ehre findet man eben sowohl in ihren +guten Schriften, als in unsern Kasuisten +<!-- page 000</i>i026 --> +entwickelt. Uiberdieß haben +die Moral und Religion nur auf +unsre Handlungen Einfluß. Es ist +ausgemacht, daß die Sprache nicht +ihr Gegenstand ist, oder daß sie wenigstens +sehr wenig darauf achten. +Gott selbst hat, wie bekannt, sich +gewürdigt, die hebräische Sprache +anzunehmen; und dennoch ist diese +unter allen Sprachen die unfläthigste, +will sagen, die einfacheste in ihren +Begriffen, und die nachdrücklichste +in ihren Ausdrücken. +</p> + +<p>Der Journalist denkt nicht, daß +die Väter der beiden Kirchen Eingebungen +vom heiligen Geiste hatten, +und wenigstens eben so gut, als wir, +in der christlichen Moral unterrichtet +<!-- page 000<i>i027 --> +wurden. Indessen erlaubten sie sich +doch, Zergliederungen zu machen, +denen das Geschraubte unserer Sprache +bei einer Uibersetzung den Schein +einer Unlauterkeit giebt, da sie doch +an sich selbst nichts mehr, als natürlich, +sind. Die Tugend zeigt sich in +ihren Schriften manchmal mit einer +Rüstung, wovor in den unsrigen das +Laster erröthen würde. Sollten sich +die Bürger in Paris, die sich in +Kupfer stechen lassen, darum getrauen, +zu glauben, über diese großen Männer +erhaben zu sein? +</p> + +<p>Sehen wir uns ja vor, die +scheinbare Grobheit der Alten, und +selbst der Heiden, zu verachten. Wir +haben einen heiligern Gottesdienst; +<!-- page 000</i>i028 --> +aber unsre Sitten sind darum nicht +reiner. Lassen wir uns ja nicht den +dummen Stolz einkommen, zu glauben, +daß es die Erhabenheit unserer +Glaubenslehren sei, die der Freiheit +unserer Gespräche einen Zaum anlegt. +Man müßte erstaunen, wenn die Moral +Stärke genug hätte, die Sprache +zu reinigen, und dennoch nichts über +die Sitten vermöchte; daß es der Religion +gelungen habe, den wahren +Namen der Heldinn des Herrn Panglos +zu verbannen, daß sie aber +ihrem Laufe kein Hinderniß setzen +konnte. +</p> + +<p>Weit gefehlt, daß die Sittsamkeit +der kauderwälschen Europäer die +Frucht einer ächten Sittsamkeit wäre, +<!-- page 000<i>i029 --> +so ist sie vielmehr der Beweis einer +tiefen Verderbtheit. Man schont +der Ohren, weil man sonst nichts +mehr zu schonen übrig hat. Die heiligen +Väter, welche die Gottheit, +deren Geschichte wir bekannt machen, +nicht zu fürchten gehabt hätten, würden +sich erlaubet haben, von ihr ohne +Umschweife, und ohne Bedenklichkeiten +zu sprechen. Unsre Leute von +Welt, die fast unaufhörlich unter ihrem +Zepter stehn, zittern, wenn sie +nur ihren Namen hören; So, wie +die Einwohner von Siam es nicht +wagen, den Namen des Despoten +über die Zunge zu lassen, der sie mit +der unbeschränktesten Gewalt beherrschet. +</p> +<!-- page 000</i>i030 --> + +<p>Doch muß man, wenn man für +sie schreibt, auf diese alberne Delikatesse +Rücksicht nehmen. Man muß +einen Gegenstand, vor dessen nackten +Anblicke sie sich scheuen, mit einem +durchsichtigen Schleier überdecken. +Man muß sich zufrieden geben, die +furchtbare Macht, deren Thaten +man lesen wird, unter einem allegorischen +Namen aufzuführen. Diese +Nothwendigkeit wars, die den Herrn +Doktor veranlaßte, den geheimnißreichen +Ausdruck: Kakomonade +zu ersinnen. +</p> + +<p>Man erkennt daran den Eifer +des Lehrmeisters Kandidens für die +Lehre des größten Metaphysikers von +Deutschland. Das blosse Wort Monade, +<!-- page 000<i>i031 --> +erinnert uns auf den Ruhm +seines Erfinders zurück, und, wenn +der selige Liebhaber von Fräulein +Paquette auf den Gedanken fiel, es +mit dem Beiworte Kako, das, wie +man sieht, von dem Griechischen +κακος herkömmt, und soviel, als böse, +unbequem heißt, zu verbinden; so +ist dieß ein Merkmaal von dem Scharfsinne +seines Geistes, und von der +Richtigkeit seiner Urtheilskraft. In +der That ist auch von allen Leibnitzischen +Monaden keine lästiger, als +diese, und das Beiwort ist also mit +ganz vorzüglicher Richtigkeit ausgewählt. +</p> + +<p>NB. NB. Bei dieser zweiten +Ausgabe hat man dem Werke einen +<!-- page 000</i>i032 --> +Brief beigerückt, der sich auch unter +den Schriften des Herrn Doktors +vorgefunden hat, und über den nämlichen +Gegenstand lautet. Er ist ebenfalls +von eben den Absichten der +Menschlichkeit, und Wohlthätigkeit +ganz voll, und wir glaubten daher, +ihn dem Publikum nicht vorenthalten +zu dürfen. +</p> +<!-- page 001 --> + +<h1 class="chapter">Die Kakomonade.</h1> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2" style="page-break-before:avoid"> +Schreiben an Fräulein Therese Julie Klementine Paquette.</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">S</span>ie zwingen mich also, Fräulein, +und ich soll Sie durchaus verunsterblichen? +Sie wollen, meine Erkenntlichkeit +soll Ihren Namen auf die Nachwelt +übertragen? In einem dicken philosophischen +<!-- page 002 --> +Buche, gedruckt in unsern Tagen, haben +Sie gelesen, daß die Phrynen, und die +Aspasien ganz leicht die Sokraten, und +Platone aufwogen; und mit Rechte hat Ihnen +dieser artige Ausspruch Muth eingeflößt. +</p> + +<p>Wahrscheinlich war Aspasia nicht so +schön, als Sie, und Phryne hatte nicht +die Geschicklichkeit, die Grazie. Sie kehren +die Köpfe zu Paris, wie jene zu Athen oder +Theben, um; und also haben Sie Recht, sich +für eine Erbinn dieser berühmten Schönen zu +halten. Und sie verlangen den Besitz ihres +Ruhmes, wie ihrer Talente; ihres Rufes, +wie ihrer glücklichen Unternehmung für sich. +</p> + +<p>Die Eine derselben gab, wie man weis, +den Philosophen ihres Zeitalters Unterricht +in der Beredtsamkeit. Sie lehrte sie die +Kunst, mit Sanftheit den Geist der Menschen +zu regieren. Der berühmte Lehrmeister +<!-- page 003 --> +des Alcibiades studirte unter ihr, und +er schämte sich nicht zu gestehn, wie viel +Dank er ihr wisse. Sie wars, von welcher +Sokrates die erhabenen Lehren empfieng, +die er in der Folge mit so vieler Sorgfalt +seinem jungen Schüler einprägte. +</p> + +<p>Die Andere verlangte von ihren Liebhabern, +daß sie, wenn sie zu ihr kämen, ihr +einen harten Stein behändigten. Der war +das Zeichen, auf welches ihre Thüre sich öffnete. +Auch verwahrte sie, sagt man, sehr +sorgfältig die Modelle davon. Aus dieser +wunderbaren Sammlung ließ sie, zum Zeitvertreibe +in ihrem Alter, eine sehr hohe Pyramide +bauen, und die Reisenden haben dieses +Denkmaal mit Rechte unter die sieben +Weltwunder gezählet. +</p> + +<p>Sie, mein Fräulein, Sie gebrauchen +sich keiner Worte, um die Kunst zu lehren, +die Herzen zu besiegen. Wenn Sie diesen +<!-- page 004 --> +großen Unterricht ertheilen, so ertheilen +Sie ihn Ihren Gespielinnen, so ertheilen +Sie ihn durch Ihr Beispiel. Sie fordern +von denen, die es nach Ihrer Huld verlangt, +eben keinen Stein ab; nicht als ob Sie vielleicht +weniger, als eine andere, auf Pyramiden +achteten, oder als ob Sie weniger +Geschick besässen, eine zu errichten; nein, +sondern das Klima in Frankreich ist von jenem +in Griechenland verschieden. +</p> + +<p>Attika, und Beotien waren dürre und +unfruchtbare Länder, die Steine wuchsen da +im Uiberflusse. Ein artig Frauenzimmer +durfte nur die Hand ausstrecken, um welche +zu finden. Der Marmor dehnte sich, um +so zu sagen, demselben von selbst entgegen. +</p> + +<p>Sie leben in einem glücklicheren Erdstriche, +und dennoch haben Sie eben diese Vortheile +nicht. In Paris, und in dessen Umkreise +nehmen die Steine mit jedem Tage +<!-- page 005 --> +ab. Die Menge, welche man in den Palästen +dieser Hauptstadt täglich verbraucht, +macht die ganze Art dieser Naturprodukte +zu nichte. Brächte man ihrer nicht von Zeit +zu Zeit aus dem Schatze der Provinzen einige +dahin, so ist zu vermuthen, daß sich diese +Stadt derselben bald ganz beraubt sehen +würde. +</p> + +<p>Sie, mein Fräulein, halten sich weislich +an die allgemeinen, und unausweichlichen +Gesetze der Natur. Wie viele Andre +sind eigensinnig genug, hartnäckig gegen ihre +Schwäche zu kämpfen! Sie haben keine andere +Sorge, als wie Sie sich für dieselbe +entschädigen können. Gerne lassen Sie den +Männern den Stein nach, wenn Sie Ihnen +diesen nur mit recht viel Gold ersetzen. +</p> + +<p>Auch wissen Sie sich hierbey so zu nehmen, +daß Sie nie was verlieren. Man weis, +welche Kunst Sie gebrauchen, die Opfer, +<!-- page 006 --> +die man Ihnen macht, miteinander zu vereinbaren. +Niemanden ists unbekannt, mit +welcher Einsicht Sie die verschiedenen Gattungen +derselben zusammen auswählen. Sie +ahmen jenen geschickten Wirthen nach, die +aus mehrern mittelmäßigen Weinen ein vortrefliches +Getränke bereiten. +</p> + +<p>Sie mäßigen die Schwachheit eines +Parisers durch den Trotz eines Provenzalen, +und die Schaalheit eines Einwohners von +Marais durch den Saft eines Burgunders. +Sie verbinden den brausenden Schaum des +Champagners mit Amerika’s Wärme, und +die Dumpfheit des Deutschen mit der Feinheit +des Italiäners. Da Sie so die Fehler +jeder Nazion durch die Zumischung der entgegengesetzten +Tugenden verbessern, da Sie +die Ungeschmacktheit der Einen durch das Beißende +der Andern lindern, so sind Sie so +glücklich, sich eine Reihe höchst angenehmer +Lebenstage, und eine ununterbrochene +<!-- page 007 --> +Fortdauer von Vergnügungen zu verschaffen. +</p> + +<p>Ihre Bescheidenheit will der Nachwelt +die Denkmaale Ihrer Triumphe gerne schenken; +jedoch, müßte man die Anzahl all derer, +die Sie ihr noch hätten hinterlassen können +in die Rechnung bringen; so glaube ich, alle +Phrynen des Alterthtums würden sich nicht +beygehen lassen, Ihnen das Geringste streitig +zu machen; so viele Gründe also berechtigen +Sie, sich über die alten und neuen +Sokraten erhaben zu glauben! +</p> + +<p>Indessen muß man gestehen, dieser so +große Ruhm wird von einigen Ungemachen +etwas aufgewogen, und verliert von seinem +Glanze. Mit Vergnügen sehen Sie die Ankunft +der Schätze, die der Geiz den Bergen +der neuen Welt entwühlt, und welche die +Thorheit auf den Sopha’s von Europa zerstreuet, +bey sich. Eine Danae, öffnen Sie +<!-- page 008 --> +den Schooß diesem kostbaren Regen, dessen +Werth und Nutzen Ihnen so wohlbekannt +ist. +</p> + +<p>Unglücklicherweise macht er öfters in +der alten Welt gewisse Vollkommenheiten aufzusprossen, +welche die Natur bloß für die +neue bestimmet hatte. Die kostbare Pflanze +derselben brachte uns 1493. der Genueser +Christoph Kolombo mit dem Gold aus +San Domingo, und, wie wir wohl wissen, +seit dieser Zeit haben sie sich mit einer verwundernswürdigen +Fruchtbarkeit ausgebreitet. +</p> + +<p>Die jüngere von zwoen Schwestern, die +beynahe einerley Namen führen, scheint es +am weitesten gebracht zu haben. Seit fast +zweyhundert Jahren arbeitet sie ohne Unterlaß +an der Ausbreitung ihres Reiches; +und daß ihr alle Unternehmungen glückten, +hat sie vorzüglich ihrer verschwenderischen +<!-- page 009 --> +Freygebigkeit zu danken. Gleich den staatsklugen +Eroberern gewann sie eine Menge +Landes, weil sie mit ihren Geschenken nicht +haushälterisch war. +</p> + +<p>Nicht, als ob man im Grunde so erpicht +darauf wäre. Wenige Personen sind +aufgelegt, sie freywillig sich zu wünschen; +allein sie verbindet, wenn sie sie anbeut, damit +einen so verführerischen Reiz, daß die +mißtrauischsten Herzen manchmal genug zu +thun haben, sich dagegen zu verwahren. +Man empfängt sie, ohne es fast nur gewahr +zu werden; und was dabei das verdrießlichste +ist, wenn man sich damit beschwert fühlt, +so ist man nicht immer im Stande, sie sich +vom Halse zu schaffen. +</p> + +<p>Man bringt sie nicht einmal los, wenn +man ihren Kreislauf befördert. Sie haben +die Eigenschaft, sich zu vervielfältigen, ohne +die Quelle, aus der sie entsprungen sind, zu +<!-- page 010 --> +schwächen; gerade, wie eine brennende +Wachsterze tausend andere anzuzünden dienen +kann, ohne im mindesten von ihrem +Licht, und dem Feuer, das sie verzehrt, zu +verlieren. +</p> + +<p>Gewiß, mein Fräulein, ein schreckliches +Mißgeschick! Sie wünschten wohl, man +möchte ihm abhelfen können. Auch ich wünsch +es von ganzem Herzen. Suchen wir miteinander +die Mittel auf. Die Ehre davon will +ich Ihnen gerne lassen. +</p> + +<p>Die griechischen Lustmädchen zeichneten +sich, die Eine durch den Zauber ihres Verstandes, +die andre durch die Anmuth ihres +Tanzes, und diese durch ihre Schönheit aus. +Was Sie betrift, so wünsche ich, daß Sie +Ihren Namen durch der Menschheit geleistete +Dienste verewigen. Ihre Gefälligkeit gegen +sie, kennt man bereits zur Gnüge. Man +wird sich nicht befremden, daß Sie, zum Tempel +<!-- page 011 --> +des Ruhmes zu kommen, diesen Weg +gewählet haben. +</p> + +<p>Wie viel man nicht von dieser Menschheit +redet! Unsre philosophischen Tage geben ihr +ein so herrliches Licht! Sie sehen sie von Stockholm +bis Lissabon, von den Gränzen des +Mogol bis London sich mit so großem Glanz +entwickeln. Es sind nur eben sieben volle +Jahre, während deren wir uns mit aller nur +möglichen Artigkeit, und Leutseligleit herumgeschlagen +haben; und alle Menschen, +welche diese ganze Zeit hindurch in den Land- und +Seegefechten verstümmelt, erschossen, +gebraten, oder zermalmet worden, beliefen +sich doch nicht höher, als auf eine Million. +</p> + +<p>Die Krankheiten, Mühseligheiten, und +Siechenhäuser nahmen ihrer nicht mehr, als +zwo Millionen weg. Von Berlin an der +Spree bis Villa-Veilha, an den Gestaden +des Tagus, rechnet man nicht ganz zwanzig +<!-- page 012 --> +tausend Quadratmeilen, die in jedem Betrachte +mit fünfzehn oder zwanzig Millionen +zweifüssiger federloser Geschöpfe verwüstet, +und von Helden in Jammer oder Verzweiflung +gebracht worden sind. +</p> + +<p>Unsre Untersuchungen hätten in keiner +Zeit erscheinen können, wo die Menschheit +größere Fortschritte gemacht hätte. Unmöglich +hätte man dazu günstigere Umstände +wählen können. Eilen wir also, sie ans +Tageslicht zu bringen; warten wir nicht, bis +wieder die Barbarei zurückkehrt. Wollen +wir von ihren Rasereien gegen das Menschengeschlecht +aus dem Zustande urtheilen, +in dem es sich in einem erleuchteten, und +philosophischen Jahrhunderte befindet, so +würden wir Gefahr laufen, auf der Erde +keine Menschen mehr zu finden, die uns anhören +könnten. +</p> +<!-- page 013 --> + +<p>Vergeben Sie mir, Fräulein, wenn +ich in der Folge dieses Werkes mich nicht +mehr an Sie verwende. Sie sind es, denen +ich es zueigne; aber die Menschheit ists, der +sich es heilige. Ich hab es mit dem Unterrichte +der Völker, mit der Heilung der Menschen +von ihren Irrthümern zu thun. Es +kömmt darauf an, den Dienst der Venus zu +reinigen, die gefährliche Luft, die ihre +Tempel erfüllt, zu zerstreuen, und sogar ihre +Altäre zu säubern. +</p> + +<p>In der Behandlung der zur Erreichung +dieses Zweckes nöthigen Sühnopfer, werde +ich nicht mehr von Ihnen reden; aber denken +an Sie werd’ ich unaufhörlich. Ich +werde dem Anscheine nach Ihre Reize aus +dem Gesichte verlieren; aber mein Gegenstand +wird mich immer zur Gnüge auf dieselben +zurückführen. +</p> +<!-- page 014 --> + +<p>Ich will mit aller Bedachtsamkeit untersuchen, +welche Mittel uns zum Ziele führen +könnten, die Macht des Feindes, über +den wir uns beklagen, zu stürzen. Es wird +nicht übel gethan seyn, zuvor ein paar Worte +von seiner Natur und Geburt zu sagen. +Ich werde bis auf seinen Ursprung zurückgehn, +und einen Auszug seiner Geschichte +geben müssen. Die Medaillen dieser Begebenheit +bestehen noch; aber die Epoche derselben +scheint in Dunkel gehüllt. Es wäre +sehr nützlich, sehr rühmlich, wenn es uns, +sie festzusetzen, gelänge. +</p> + +<p>Uibrigens wird sie weder Befremden, +noch Furcht befallen bei dem Namen Kakomonade, +dessen ich mich bedient habe, um diese +grausame Feindinn umzukleiden, sie, die +ich mich nicht getrauet hätte, anders zu nennen. +Wahr ist es, dieses Wort ist ganz +griechisch; allein die Sache, die es bezeichnet, +ist ganz französisch, und also unseren +<!-- page 015 --> +Damen so wenig unverständlich, daß sie viel +mehr ein wichtiges Ingredienz guter Gesellschaften +ist. Uiber dieß sind Sie auch mit +Leibnitzens Sprache bekannt. Ich habe Sie +gelehrt, was in dem Verstande dieses unvergleichlichen +Mannes eine Monade sey. Von +Ihnen Ihrerseits habe ich gelernt, diesen +Namen durch das Beiwort Kako zu verlängern, +das ich ohne Sie nie erfunden hätte. +Sie werden mich also ohne Schwierigkeit +verstehn, und ich gehe ohne Besorgniß zur +Sache. +</p> +<!-- page 016 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Erstes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Von der Natur der Kakomonade.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">W</span>as ist die Kakomonade? Wo kömmt die +Kakomonade her? Zwo große, und erhabene +Fragen! Lange schon haben trefliche Gelehrte +die Tiefsinnigkeit, und den Nutzen derselben +gefühlet. Sie haben sich bestrebet, sie +aufzulösen. Vielleicht krönte ihre Bemühungen +noch kein sehr glänzender Erfolg; allein +wenigstens führten sie doch uns auf diese +Strasse. Nur an uns liegt es nun, auf ihren +Pfaden in dem Lande, das sie durchliefen, +fortzuwandeln, und, wenn wir können, +darinnen weiter zu gehen, als sie. +</p> +<!-- page 017 --> + +<p>Erste Beobachtungen haben sie gelehrt, +daß die Kakomonade ein Gift<a href="#footnote-4" id="fnote-4"><sup>4</sup>)</a> sey. Uiber +den Sinn dieses Wortes in dieser Anwendung +ist man nicht ganz einig. Allein, wo +man keine deutlichen Begriffe haben kann, +da ists bei allen Arten Wissenschaften viel, +daß man sich einen Ausdruck auffinde, der +nichts sagt. Man hat weit weniger Mühe, +ihn auf alle möglichen Sisteme passend zu +<!-- page 018 --> +machen, und daher ist die Kakomonade ein +Gift. +</p> + + +<p>Noch mehr: dieses Gift ist phlogistisch, +korrosiv, gerinnend, und fix<a href="#footnote-5" id="fnote-5"><sup>5</sup>)</a>. Phlogistisch, +denn es verursacht Entzündungen. +Als korrosiv greift es die Haut an, frißt sie +auf, und trennt ihren Zusammenhang. Als +gerinnend, stillt es den Lauf der Feuchtigkeiten, +welche die Natur zu freiem Umlaufe +bestimmet hatte. Endlich, weil es fix ist, +läßt, es sich so schwer vertreiben. Und dieß +ist die ganze Theorie von der Kakomonade, +von einem ihrer besten Historiker entwickelt. +Sie ist, wie man sieht, deutlich, bündig, +und faßlich. +</p> + +<p>Die Quacksalber mischten sich manche +mal ins Spiel, und gaben eine andre an. +<!-- page 019 --> +So erschien Anno 1727 ein sehr berühmter +zu Paris. Dieser behauptete, alle menschlichen +Schwachheiten, und die, mit denen +wirs zu thun haben, wie alle andere, würden +durch kleine Thierchen erzeugt, die sich +ins Blut eindrängen. Seinem Sisteme zufolge +war das, was wir Arzneimittel nennen, +ein Kompositum von andern kleinen +Thierchen, als unversöhnlichen Feinden der +ersten. Diese jagten ihre Gegner tapfer +fort. +</p> + + +<p>So war der Körper eines Kranken ein +Schlachtfeld, wo Wunder der Tapferkeit geschahen. +Das Fieber führte darauf seine leichten +Geschwader an; die Kakomonade ihre +gerinnende Infanterie. Bald sah man die +Fakultät heranrücken in schwerer Rüstung, +mit Bataillonen von Quecksilber, und Chinarinde. +Sie ließ die verschiedenen Korps +dieser fürchterlichen Miliz allmälig aufmarschiren. +Man schlug sich lange mit Lebhaftigkeit +<!-- page 020 --> +herum, bis die Thierchen der Chinarinde +über die des Fiebers die Oberhand erhielten, +oder bis die korrosiven Würmchen +durch die metallischen Insekten vertrieben +wurden, wenn anders nicht, welches zum +öftersten geschah, sich das Schlachtfeld selbst, +unter dem Drucke von so heftigen Gewaltthätigkeiten +erliegend, in die Erde versenkte, +welche Uiberwinder und Uiberwundene +sammt ihnen verschlang. +</p> + +<p>Hatte diese Idee keine Wahrheit zum +Grunde, so war sie wenigstens unterhaltlich. +Aber die Steifheit der regierenden Doktoren +hat sie verbannt. Entrüstet, daß sie sich +durch sie dahin gebracht sahen, nichts weiter, +als die Obersten über ein Regiment +Sensblätter und Rhabarbar zu sein, machten +sie allen diesen kleinen Armeen, die man +ihnen anzuführen gab, den Garaus. Sie +wollten lieber die Oberhäupter einiger blinden +Körperchen bleiben, als zahlreiche und +<!-- page 021 --> +beseelte Legionen kommandiren. Sie wollten +die Harmonie in den Feuchtigkeiten dem +Zufalle lieber mit ganz materiellen Werkzeugen, +als nach einer guten Ordnung, unter +einer Bedeckung von thätigen, wohldisziplinirten +Truppen einräumen. Heißt das +nicht, wie man ihnen vorwirft, die Unthätigkeit +der Bewegung, den Tod dem Leben +vorziehen? +</p> + +<p>Man kann dieses System nicht genug bedauern: +es hätte Gelegenheit zu den unterhaltendsten +Hypothesen gegeben. Die Metaphysik, +die Physik, die Philosophie und +Arzneykunde haben ungereimtere, aber keine +angenehmere aufzuweisen. Indessen muß +man sich über dessen Verlust eben wohl trösten, +und sich mit einer Menge grosser Männer +daran halten, nämlich, daß die Kakamonade +ein korrosives, gerinnendes, phlogistisches, +und fixes Gift sey. +</p> +<!-- page 022 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Zweites Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Vom Ursprunge der Kakomonade.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">V</span>om Ursprunge der Kakomonade sind wir +nicht sowohl unterrichtet, wie von ihrer Natur: +die Wirkung kennen wir besser, als die +Ursache. So viel ist gewiß, daß jene heut zu +Tage nur das Resultat der Vergemeinschaftung +mit einer unbehutsamen, oder unglücklichen +Person ist. Den Keim davon bringen +wir nicht schon bey unserer Geburt mit. Die +Natur gab uns nur bloß das Vermögen, +ihn anzunehmen. +</p> + +<p>Dennoch muß sie sich einstens in dem ersten +Menschen, der sich davon ergriffen fühlte, +von selbst hervorgebracht haben. Daß +Gott, da er den Adam schuf, ihn nicht aus +<!-- page 023 --> +seiner Hand damit ausstattete, ist wohl außer +Zweifel. Das höchste Wesen bildete ihn +zur Zeugung, und gab ihm somit so gesunde, +so vollkommene Organe, als es seine Bettgenoßinn +nur wünschen konnte. +</p> + +<p>Trug sich dießfalls hierinn eine Veränderung +zu, so ists wahrscheinlich ein unglückliches +Individuum von seiner Nachkommenschaft, +das die Erstlinge derselben bekommen +haben wird. Aber was kann von dieser sonderbaren +Entwicklung die Ursache gewesen +seyn? Die Luft? die Nahrungsmittel? oder +der Mißbrauch des Vergnügens? +</p> + +<p>Das Klima derjenigen Länder, die man +für das Vaterland der Kakomonade ansieht, +ist nicht ungesünder, als das in den Gegenden, +wo sie sich nur durch den Vorschub der +Menschen eingeschlichen hat. Ihre Produkte, +weit gefehlt, daß sie gefährlich wären, so +sind sie für uns vielmehr sichere Hilfsmittel +<!-- page 024 --> +gegen manche Krankheit; und die Ausgelassenheit +ist nur eine Tochter der Prasserei und +des Reichthums. Nun wußte man von diesen +beiden Geißeln unseres Geschlechtes gewiß +nichts in jenem Lande, wo wir unsere Geißel +holten, welche in dem unsrigen oft auf sie +folgt, und sie bestrafet. +</p> + +<p>Dennoch sind diese drei Ursachen, die +einzigen, welche auf ihre Entstehung Einfluß +gehabt haben können. Jede derselben fand +warme Vertheidiger. Einige sagten, die Luft +allein sei genug gewesen, in der Insel Hispaniola +das Gift hervorzubringen, das heut +zu Tage in allen andern Ländern die Zeugungen +angreift; allein es ist einleuchtend, daß +sie sich geirret haben. +</p> + +<p>Seit zweyhundert Jahren, und darüber, +giebt die Erfahrung den Beweis, daß man +zu San Domingo diese Frucht nicht anders +ärnte, und säe, als wie in Frankreich. Sie +<!-- page 025 --> +wächst dort, wie hier, im Schooße des Vergnügens. +Man behält da ein freyes, reines +Blut, so lange man sich begnügt, frische Luft +zu schöpfen. Hätte diese ja was Pestisches +an sich, so würde sie es seit der Eroberung +den Europäern eben sowohl, als den Eingebohrnen +des Landes haben zu fühlen gegeben. +Dieß findet sich nicht, und also ist dieses Sistem +nicht anzunehmen. +</p> + +<p>Andere behaupteten, diese Eigenschaft +wäre ausschließlich den Menschenfressern vermöge +ihrer Nahrungsmittel gegeben, gleich +als ob das menschliche Fleisch schon von selbst +ein Gift wäre. Die Völker, welch dergleichen +minder höfliche Feyerlichkeiten halten, +sind viel seltener, als man sichs einbildet. +Uiberdies muß ihnen ihre Lebensart +viele Stärke, und hiemit Gesundheit geben. +Daher es denn sehr ungereimt ist, zu denken, +daß ihr Fleisch, wenn es durch den Magen +ihrer Feinde wandert, da die Kraft, sie zu vergiften, +annehmen könne. +</p> +<!-- page 026 --> + +<p>Zwar wäre dieses eine ziemlich erlaubte +Rache; allein, wenn man am Bratspieße +steckt, pflegt man sich nicht mehr zu rächen. +Sollte der Hinterschlägel eines Karaiben +den ehrlichen Leuten, die sich einander +damit beschenkten, Nachwehen haben +erregen können, so müßten nur die ihm benachbarten +Theile sich nicht in gutem Stand +befunden haben; ein Umstand, der, wie man +sieht, die Schwierigkeit nicht aufhebt. +</p> + +<p>Ein geschickter Arzt hat in einem dicken +Buche über diesen Gegenstand das dritte Sistem +ergriffen. Seiner Meinung nach ist es +das Uebermaaß der Vergnügungen in warmen +Ländern, und die wenige Wahl in den +zu derer Genuße geeigneten Augenblicken, +welche die Kakomonade auf der Welt eingeführet +haben. Er erzählt über diese Materie +sehr sonderbare Geschichten. +</p> +<!-- page 027 --> + +<p>„Die Weibsleute im Königreiche Melinda,“ +sagt er nach Tavernier, „sind einmal +im Monate so gefährlich, daß, wenn +ein Europäer das Unglück hat, sich an einem +Platze aufzuhalten, wo eines derselben in +dieser fatalen Zeit gepisset hat, er davon +das Fieber, Kopfschmerzen, und manchmal +die Pest bekommt.“ Ich gestehe, da ich +die Stelle las, wünschte ich von Herzensgrunde, +es möchte sich nie ein melindisches +Frauengimmer beigehen lassen, sich unter meinem +Fenster aufzuhalten. +</p> + +<p>Zum Glücke gesteht H. A., da er diesen +Zug anführt, selbst ein, daß er auf unsre Klima +nicht passet; dennoch beharret er nichts +destoweniger auf der Meinung, daß zwischen +dem Ursprunge der Kakomonade, und zwischen +dem pestischen Einflusse dieser gebräunten +zanguebarischen Schönheiten ein sehr genaues +Verhältniß Statt haben müße. Er besteht +hartnäckig auf der Behauptung, daß dieser +<!-- page 028 --> +der zureichende Grund des andern war. Man +kann auch in seinem Werke selbst sehen, mit +welcher Stärke und Bündigkeit er darüber +räsonnirt. +</p> + +<p>Nur ist es wunderbar, daß man durch +das Gebäude ähnlicher Sisteme dahin kommt, +die Kakomonade zu verbannen; wie wenn +die barbarischen Worte, mit denen man sie +erklärt, helle, und unbestreitbare Wahrheiten +bedeuteten. +</p> + +<p>Just so berechnet man die Finsternißen, +indem man die Planeten als kleine Theilchen +betrachtet, welche die Sonne ausschneuzte, +da zur Zeit der Schöpfung ein grosser Komet +an derselben sich rieb. So benützt man den +Kompaß durch die Erklärung der Abweichungen +seiner Nadel, die an einem Ende mit +dem Magnete bestrichen ist. So ermüdet man +nicht, in dem Magen einen guten Saft hervor +zu bringen, unter beständigem Streite, +<!-- page 029 --> +ob er durch Auflösung, oder Gährung, oder +Vertreibung entstehe. +</p> + +<p>Man muß es gestehen, wir haben leicht +machen. Die Fortschritte des menschlichen +Geistes in jeder Art stecken sich selber ihre +Gränzen aus: eine Wahrheit, über die sich +nicht streiten läßt. Allein so einleuchtend sie +ist, so muß mans nicht bey ihrer Erwägung +bewenden lassen; man muß nicht unterlassen, +in den Kalender zu sehn, wenn man den +Sonnenstand wissen will, und auf den Kompaß, +wenn man die Küsten aus dem Gesichte +verlohren hat. Man muß nicht anstehn, seinen +Magen zu füllen, wenn man hungerig +ist, und sich an die Zubereitung des Quecksilbers +zu wenden, wenn man einer Aehnlichkeit +zwischen unserm Klima, und jenem +von Amerika gewahr wird. +</p> +<!-- page 030 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Drittes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Ob wir das Recht haben, bei der Betrachtung +der Uebel, die uns die +Kakomonade verursacht, uns über +die Natur zu beklagen.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">W</span>enn ja irgend etwas dem Anscheine nach +den Menschen das Recht geben kann, über +die Natur zu murren, so ist es gewiß diese +Geißel, mit welcher sie sie schlägt. Sie hat +sie mit Vergnügungen vereinbart, von denen +sie die Fortdauer ihres Geschlechtes abhängen +läßt. An die Seite der größten aller Reizungen +hat sie die größte aller Gefahren gestellet. +So setzte sie uns auf den Zweiweg, +entweder ihre Absichten nicht zu erfüllen, +oder dafür, daß wir sie erfüllten, immer in +der Furcht zu sein, bestrafet zu werden. +</p> +<!-- page 031 --> + +<p>Bei den andern Empfindnissen hat sie +die Strafe wenigstens nur mit dem Uibermaaße +verbunden. Der Wein macht kein +Kopfweh, außer man trinket zuviel. Der +Magen leidet nicht, so lange man mäßig ißt. +Das Auge wird nicht verwundet, außer es +heftet den Blick an zu schimmernde Gegenstände. +</p> + +<p>Aber das nothwendigste, das schätzbarste +Sinnglied, das Sinnglied, welches dem +Menschen eines der Gerechtsame der Gottheit +mittheilt, dieß ist eben dasjenige, dessen +auch mäßiger Gebrauch die größte Reue, +und das empfindlichste Nachweh, verursachen +kann. Nur einen Augenblick braucht es, +um das ordentlichste Leben zu vergiften. +</p> + +<p>Das höchste Wesen, sagen die Dichter, +hat das Gute und Böse in zwoen Tonnen bei +sich. Aus diesen schöpft es mit vollen Händen, +so wie ihm die Laune kömmt, die Geschenke, +<!-- page 032 --> +die es unter unser kleines Ameisenhäufchen +austheilt. Die Kakomonade war +unstreitig mit von den Hefen in der Tonne +des Bösen; und an dem Tage, wo wir sie +erhielten, leerte Jupiter das eine seiner Fässer +aus. +</p> + +<p>Dennoch müssen wir, bevor wir gegen +die Natur Klage stellen, und sie ungerecht +nennen, einen Blick auf die Geschichte werfen. +Hätte diese zärtliche Mutter die Absicht +gehabt, uns die Geißel, über die wir seufzen, +zu ersparen; hätte sie sich bestrebt, sie +in einem kleinen Winkel eines unbekannten +Landes zu verbergen; hätte sie zwischen uns, +und dieses traurige Land fünfzehnhundert +Meilen stürmische Meere geworfen; hätte +sie sich Mühe gegeben, uns alle erdenklichen +Mittel, dahin zu kommen, zu entziehn; so +wären wir ihr für so weise, so liebvolle Vorsichten +unsre Dankbarkeit schuldig. +</p> +<!-- page 033 --> + +<p>Hätte in der Folge bloß unser unruhiger +Geist diese Vorsichten vereitelt; wären +wir mitten durch fast unüberwindliche Hindernisse +zu dem bittern Becher, der das Gift, +wovon sie uns abhielt, in sich schloß, eingedrungen; +wäre es wahr, daß, wir geeilet hätten, +darinnen unsere Lippen zu netzen, ungeachtet +aller der schrecklichen Gegenstände, +die uns davon hätten entfernen sollen; so +würde ganz gewiß von unserer Seite die Natur +keinen Vorwurf verdienen. +</p> + +<p>Wir allein würden strafbar seyn, daß +wir ihre Verordnungen verletzt hätten. Wir +würden billig gestrafet werden, daß wir ein +Geheimniß entdecket hätten, welches ihre +Nachsicht uns verbergen wollte. Dieß nun +wird uns die Geschichte lehren. Da werden +wir vielleicht die Rechtfertigung der Vorsehung +erblicken. +</p> +<!-- page 034 --> + +<p>Die Erzählung der Begebenheiten der +Vorzeit wird uns zeigen, wie sehr sie für +uns ob der Unglücksfälle besorgt war, die +uns nun drücken. Wir werden gezwungen +seyn, einzugestehn, daß, um uns so unglücklich +zu machen, als wir es sind, wir +sie in ihrem letzten Wehrplatze dazu nöthigen +mußten. Wir werden bekennen, daß ihre +Sorgfalt hinlänglich gewesen wäre, um unsere +Ruhe zu gründen, wenn nicht unsre +Vermessenheit in jeder Art weiter gienge, +als ihre Güte. +</p> +<!-- page 035 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Viertes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Ob die Alten die Kakomonade kannten?</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">M</span>an hat sich gewaltig ermüdet, die eigentliche +Epoche dieser Begebenheit aufzufinden. +Die Kakomonade hat in mehr als einem +Verstande die Geduld, und den Scharfsinn +der Kommentatoren auf die Probe gesetzt. +Einige davon eignen die Ehre, sie +auf uns gebracht zu haben, den Griechen +und Römern zu. Sie sehen sie in geraden +Linien aus Asien in Europa, von Athen +nach Rom, aus Wälschland in Frankreich +übergehn. +</p> + +<p>Sie legen ihr verschiedene Masken bei, +derer sie sich nach und nach bedient habe, bis +<!-- page 036 --> +sie auf diejenige kam, in der sie bei unsern +Tagen erscheint. Ihrem Sisteme zufolge +mußte sie sich bei dieser wohl befunden haben; +denn sie trägt sie schon in die dreihundert +Jahre, ohne daß sie zu abgenützt schiene. +Doch, man muß gestehn, daß diese +Meinung nicht zuzugeben sey. Man sieht +offenbar, daß die Alten, glücklicher und weiser, +als wir, oder wenigstens den Absichten +der Natur getreuer, nie die Strafe empfanden, +die wir erdulden. +</p> + +<p>Homer ist genau, sogar bis zu Kleinigkeiten. +Er brachte in sein Gedicht alles, was +er von der Medizin, Anatomie, Geographie, +und Physik wußte. Er berichtet uns, +daß man zu seiner Zeit ein Leckergetränk aus +in Wein geriebenem Käse machte. Er spricht +oft von der Venus. Er erzählt, wie sie +Diomedes mit einer Lanze tief verwundete. +Hätte er an dieser Göttinn das Geheimniß +gekannt, das sie seit dem in Amerika besaß; +<!-- page 037 --> +ohne Zweifel hätte er sie davon Gebrauch +machen lassen, um sich an dem Helden zu +rächen. Er hätte den Gott Merkur mit +seinen goldgeflügelten Füssen aufgeführt, wie +er sie mit der Heilung beschäftigte. +</p> + +<p>Diese Allegorie würde nicht die unsinnreicheste +seines Gedichtes gewesen seyn. Sie +wäre uns soviel richtiger gewesen, da Merkur +wirklich von der Gegenpartei der Venus +war. Kann man wohl glauben, daß +dieser göttliche Dichter die Gelegenheit versäumet +hätte, sie an den Ufern des Simois +Angesichte der Griechen und Trojaner +sich schlagen zu lassen? Wäre das nicht eben +der Fall gewesen, wo er hätte vorstellen +können, wie die Erde und das Meer in der +Erwartung des Erfolges erschüttert wären, +und die ganze Natur bei dem Anblicke eines +Kampfes sich theilte, der ihr Schicksal entscheiden +sollte? +</p> +<!-- page 038 --> + +<p>Wie Schade doch, daß nicht Homer +selbst in Person über diese Materie auf einer +der zykladischen Inseln Erfahrungen machen +konnte? Er hätte seine beiden Gedichte damit +bereichert. Madame Dacier wäre uns +erschöpflich gewesen, in ihren Noten über +diesen interessanten Gegenstand. Eine derlei +Erdichtung, in die Iliade verwebt, wäre für +die Kommentatoren der vorigen und künftigen +Jahrhunderte eine ewige Quelle von Zusätzen, +Anmerkungen, und lehrreichen Gezänken +geworden. +</p> + +<p>Es ist offenbar, daß es Homer angebracht +haben würde, wenn er es gekonnt hätte. +Hätten die Götter oder die Menschen +zu seiner Zeit die Kakomonade gekannt, so +würde er davon gesprochen haben. Sein +Stillschweigen ist ein unstreitiger Beweis, +daß bei der Belagerung Trojens, und lange +Zeit darnach, Venus noch unschuldig war: +sie ließ sich selbst verwunden, ohne wieder +zu verwunden. +</p> +<!-- page 039 --> + +<p>In den spätern Jahrhunderten lebten +Hyppokrates, und nach ihm Galen in eben +der Unwissenheit. Das Quecksilber schien +ihnen nur in Rücksicht seiner Schwere, und +seiner Flüssigkeit ihrer Aufmerksamkeit würdig. +Die Helden, derer Gesundheit sie zu +regieren hatten, waren nicht vernünftiger, +als die unsern. Sie waren eben so lustig, +eben so prächtig. Man hat uns das Detail +ihrer Thaten in jeder Art aufbewahret. Wir +wissen, wie sie ihre Liebesromane spielten, +und wie sie ihre eisernen Lanzen schwangen. +Aber wir sehen nicht, daß sie das andre Metall +gebrauchten, zu welchem unsere Krieger +so oft ihre Zuflucht nehmen. +</p> + +<p>Cäsar war ohne Widerspruch ein großer +Mann. Man nannte ihn den Ehemann +aller Weiber, und das Eheweib aller Männer. +Wären diese vorübergehenden Beilager +damal einem Ungefähr unterworfen gewesen; +kann man wohl glauben, daß man, nachdem +<!-- page 040 --> +er derselben so viele gefeyert hatte, gefunden +haben würde, daß er damit nichts anders, +als nur die fallende Sucht, gewonnen +habe? +</p> + +<p>Vom August sagt man wohl, daß er +sich oft vor dem Feuer frottiren ließ; dieses +könnte verdächtig scheinen. Aber es war ein +Striegel, womit man ihn frottirte; und der +ists nun nicht mehr. Er fand, wie Suetonius +sagt, kein anders Mittel, um seine +Gesundheit zu erhalten, und seine Haut zu +jücken. +</p> + +<p>Weder Tibor, noch Kaligula, noch +Nero, noch alle jene Wunder der Geilheit, +denen die Beherrscherinn der Nazionen so +lange unterworfen war, haben sich je des +Quecksilbers gebraucht. Man sieht keinen, +griechischen, oder römischen Dichter, seine +Kraft besingen. Sogar diejenigen, die sich +durch ihre Ausschweifungen verewiget haben, +<!-- page 041 --> +nennen keine Strafe, die mit ihren Unmäßigkeiten +verbunden gewesen wären. +</p> + +<p>Ovid, in seiner Kunst zu lieben, zeigt +alles an, was man von der Seite einer Buhlinn +zu fürchten haben kann, er spricht von +den Gefahren, die mit dem Umgange +mit einer herumstreifenden Schönen verknüpfet +sind. Ohne Zweifel war hier der Augenblick, +der Kakomonade, wenn sie auf ihn +gekommen war, eine Stelle einzuräumen. +Indessen sagt er kein Wort davon. +</p> + +<p>Horaz entrüstet sich über einen Knoblauch, +der ihn in die Zunge gebissen. Hätt’ +er wohl vergessen, in einer schönen Schreibart +eine Verwünschung auf das Quecksilber +zu machen, wenn er davon gejückt worden +wäre? Voll Nervigkeit, und ohne Umschweife +sagt er einem alten Mütterchen Grobheiten, +die sich die französische Politesse nicht +einmal zu Sinne kommen lassen kann; hätte +<!-- page 042 --> +er ihr nicht die Kakomonade angewünscht, +wenn sie zu seiner Zeit bei guten Gesellschaften +im Gebrauch gewesen wäre? +</p> + +<p>Eben das kann man von den Tibullen, +den Katullen, den Gallussen sagen, welche +die schädlichen Orte besangen, und besuchten, +und also ohne Zweifel die Gefahren derselben, +wenn sich deren gefunden hätten, beweinet +haben würden. Sie theilten in sanfter +Ruhe sich in die Gunstbezeugungen ihrer +Mätressen mit dem Publikum; und klagten +sie zuweilen über ihre Unbeständigkeit, so +kam es nicht daher, weil sie für sie unangenehme +Folgen gehabt hat. +</p> + +<p>Es ist daher klar, daß die Korinnen, +die Lesbien, die Lykorissen, sonst weit unter +den, * * * und den * * *, diesen dennoch +in einem Punkte überlegen waren. Es bedurfte +vielleicht nicht größerer Mühe, um +sie sich zu unterwerfen; aber gewiß weniger, +<!-- page 043 --> +um sie zu vergessen. Wenn man sich an ihre +Gunstbezeugungen erinnerte, so dachte man +nur an das Vergnügen, sie genossen zu haben. +Man suchte keine Spezifika auf, um +leichter das Gedächtniß zu verlieren, und +man sah keine heilreichen Geschöpfe mit +ihren Rezepten die Mauern Roms tapeziren. +</p> +<!-- page 044 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-7"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Fünftes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Ob Job mit der Kakomonade in +einem persönlichen Verhältnisse +stand?</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>a man dieser Heldinn die Ehre nicht zueignen +konnte, mit den Helden der weltlichen +Geschichte zu thun gehabt zu haben, so +gab man sich Mühe, sie dadurch zu entschädigen, +daß man sie unter die Helden der heiligen +Geschichte aufnahm. Ein erlauchter +Benediktiner verfaßte ihr einen sehr ehrwürdigen +Stammbaum. Er schreibt ihr eine +sehr nahe Verbindung mit dem berühmten +Job zu, und läßt in gerader Linie sie von +demselben absteigen. +</p> +<!-- page 045 --> + +<p>Ohne Zweifel würde man nicht erwartet +haben, diesen Zug seiner Erudizion in einem +Kommentar über die Bibel zu finden. +Indeß, da der Jünger des heiligen Benedikt +so eine Materie in einem ganz zur Erbauung +bestimmten Buche ohne Skrupel behandeln +konnte; muß man mirs erlauben, in dem +meinigen seine Schlüsse auseinander zu setzen. +Wenn so ein Gegenstand unter seiner Feder, +und an der Stelle, wohin er ihn setzte, kein +Skandal verursachet hat, muß man sich nicht +befremden, ihn hier zu erblicken, wo er sich +viel natürlicher findet. +</p> + +<p>Der gelehrte Bruder Dom Calmet also, +setzte in die Reihe der Ahnen der Kakomonade +den tugendhaften Job, der sie seiner +Seits von seiner Frau hatte, und die sie +ohne Zweifel vom Teufel bekommen haben +mochte. Aber wahrhaftig, es wäre wirklich +genug für einen so heiligen Mann, daß er +eine so böse Frau gehabt hat; wozu die Vermuthung, +<!-- page 046 --> +daß er über die Verhöhnungen +von ihr auch noch ein ander Ding empfieng? +</p> + +<p>Es ist wahr, er saß auf einem Misthaufen, +und fühlte sich seine Säfte nicht recht +in Ordnung. Er sagt selbst, sein Fleisch wäre +mit Geschwären bedeckt, seine Haut wäre ganz +ausgedörret, sein Blut wäre geronnen wie +Käse; welches nach Hrn. A. — — — — +mit den drei Hauptsimptomen übereinkömmt, +von welchen er uns seine Beschreibung gemacht +hat. +</p> + +<p>Wahr ist auch, daß, um den Job zu +trösten, drei von seinen Freunden sieben Tage +und sieben Nächte lang, ohne nur ein +Wort zu sprechen, bei ihm blieben. +</p> + +<p>Wahr ist ferner, daß nach diesem langen +Stillschweigen Eliphaz, einer von ihnen +durch Seitenwendungen seinen lieben Freund +beschuldigt, er habe sich der Ungerechtigkeit +<!-- page 047 --> +ergeben, und den Schmerzen gesäet, dessen +Frucht er nun ärnte. Er wirft ihm in figürlichen +Ausdrücken vor, er habe Häuser von Koth +geliebt, derer Grundfesten nichts taugten, +und habe da etwas sehr dem Aussatz ähnliches +erbeutet. +</p> + +<p>Unterdessen erweist dies alles noch nicht, +daß der Teufel vor vier tausend Jahren nach +Amerika reiste, sich da ein Körnchen von der +Kakomonade zu holen, um damit einen armen +Tropf van Kaldäer zu inokuliren. Man +sieht wohl, daß die Krankheit desselben korrosiv, +phlogistisch und koagulirend war; aber +es ist ja doch nicht ausgemacht, daß diese drei +Eigenschaften ausschließlich nur mit einer einzigen +Art Mißbehagens verknüpft sind. +</p> + +<p>Würde wohl der Geschichtschreiber Jobs +vergessen haben, vom Gifte zu sprechen, +wenn ers damit zu thun gehabt hätte? Würde +er nicht den Standpunkt der Krankheit angezeigt +<!-- page 048 --> +haben? Er berichtet uns, daß der +Leidende seine Wunden mit Scherben trocknete. +Ich berufe mich auf alle, welche zu unsern +Zeiten ihre eigene Erfahrung in derlei +Fällen aufgekläret hat, ob sie sich je beygehen +ließen, so eine Scharpie zu brauchen. +</p> + +<p>Ueber dieß scheint es nicht, daß sich Job +der Bestrafung, von der die Rede ist, ausgesetzt +habe. Seine innigsten Freunde, nachdem +sie ihm allerley Unbilden gesagt, und +ihren stummen Trost gegeben hatten, gestehen +ein, daß er mit unverheuratheten Frauenzimmern +wenig zu schaffen hatte: Viduas dimisisti +vacuas; woraus erhellet, daß er ein +behutsamer Mann war. +</p> + +<p>Er selbst ruft auf: wo ist die Zeit, da +ich meine Füße wusch? wo ich über mein +Haupt meine Leuchte setzte? wo die Jugend, +wenn sie mich sah, vor Schaam sich verbarg? +Wo die Greise vor Verwunderung stehen blieben? +<!-- page 049 --> +Hat sich da mein Herz um ein Weib +betrogen; habe ich getrachtet, mich in eine +Thüre zu schleichen, die meinem Freunde +gehörte; so möge meine Gattinn die — — +— eines andern werden; mögen alle meine +Nachbarn — — — — ! — Wahrlich! das +ist gar nicht die Sprache eines Ausschweiflings, +der verdient hätte, an den Schätzen +von Amerika Theil zu haben. +</p> + +<p>Was den Kommentator hintergangen +haben kann, mag dieses seyn, daß dieses Muster +der Geduld bekennt, daß die Fäulniß sein +Vater, und die Würmer seine Mutter, und +seine Schwester seyn. Der gelehrte Benediktiner +glaubte vermuthlich, die Kakomonade +konnte in so einer Familie wohl an ihrem +Platze stehn. Allein das ist nur eine +Wahrscheinlichkeit; und sie ist nicht wichtig +genug, uns zu bestimmen, daß wir denken +sollten, Job habe sich jemal in dem Falle befunden, +der Flüßigkeiten des Barometers +zu bedürfen. +</p> +<!-- page 050 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-8"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Sechstes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Ob der Aussatz mit der Kakomonade +einerlei Ding gewesen?</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">L</span>eute, welche in der Geschichte der Kreuzzüge +sehr bewandert sind, weil sie sahen, +mit welcher Hitze diese ungestümmen Krieger +auf dem Schutte von Jerusalem die Töchter +der Sarazenen geschändet haben, und über +dieß ungehalten über den Anblick, daß das +Reich der Kakomonade so beschränkt seyn sollte, +kamen auf den Gedanken, ihr zum Wohnplatze +Palestinen anzuweisen. Sie wollten +sie mit dem Aussatze vermengen, der, wie +man weis, der ganze Nutzen war, den man +aus den auferbäulichen, aber grausamen +Feldzügen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts +davon trug. +</p> +<!-- page 051 --> + +<p>Der Aussatz war eine kleine Unpäßlichkeit, +die sich über die Haut verbreitete. Er +veränderte ihre Farbe, ohne doch Narben +nachzulassen. Er übersäete die Außenseite des +Leibes mit grossen Blasen, die in der That +so weiß waren, wie der schönste Alabaster, +die aber nur ein heftiges Jücken, und eine +starke Begierde verursachten sich zu kratzen. +</p> + +<p>Er war weder unter den Griechen, noch +unter den Römern, weder bei den Galliern, +noch Deutschen, weder bei den Asiaten, +Persern, Siriern &c. bekannt; sondern er +scheint eine ausschließlich eigene Krankheit in +Palestina gewesen zu seyn. Die Einwohner +dieses Landes allein sind es, welche die Natur +selbst mit diesem Vorzuge ausgestattet hatte, +wobei sie ihnen zugleich das Vermögen +ließ, ihn den vorwitzigen Proseliten, so, wie +die Beschneidung, mitzutheilen. +</p> +<!-- page 052 --> + +<p>Die Juden hatten schon die Gewohnheit, +unter beständigem Kratzen, in die verschiedenen +Gegenden der Welt herum handeln zu +gehen; allein sie scheinen nichts außer ihren +Waaren unterlassen zu haben. Sie waren +schon damal eben so säuisch, eben solche Wucherer, +eben so verachtet, wie sie es heutiges +Tages sind. Sie waren die einzigen, denen die +Religion aus der Reinlichkeit eine Pflicht +machte. Sie waren die einzigen, die sie vernachläßigten; +und nur bey ihnen allein auch +fand man Menschen, welche mit weissen Flecken, +die den Kützel reizten, überdecket +waren. +</p> + +<p>Entgegengesetzte Sitten sicherten die +Fremden vor den Folgen, welche ein ordentlicher +Umgang mit dieser Nation haben könnte<a id="corr-2"></a>; +Die Römer verbrannten den Tempel, +erwürgten die Priester, schleiften Jerusalem, +und hatten dennoch keinen Theil an diesem +Jucken: der häufige Gebrauch des Bades, +<!-- page 053 --> +und die Reinlichkeit, auf welche sie grosse Stücken +hielten, verwahrte sie davor. +</p> + +<p>Sie giengen nach Europa damal über, +als unsere Vorfahren sich im Jordan zu waschen +giengen. Sie giengen bei dem Oelberge +sich die Brust zu schlagen. Sie blieben kurze +Zeit, aber doch lange genug, um so gut, +als die Kinder Israel, sich kratzen zu lernen. +Sie kamen nach Frankreich zurück ganz bedeckt +mit Palmen und Aussatz. +</p> + +<p>Da sie viel schwitzten, sich selten badeten, +und ihre Oekonomie ihnen nicht erlaubte, +öfters ihre grobtüchenen Kleider zu waschen, +so übermachten sie auf lange Zeit ihrer +Nachkommenschaft die Gewohnheit, einen +milchfärbigen Grind an der Haut zu tragen, +und ihn fein manierlich mit den Fingerspitzen +zu kratzen. Dieß war damal der Wohlstand +der Leute von feinerer Welt, wie heut zu +Tage einen Taback zu präsentiren, oder mit +den Stockquästchen zu spielen. +</p> +<!-- page 054 --> + +<p>Der allgemein gewordene Gebrauch der +Leinwand machte, daß diese kostbare Gewohnheit +verschwand. Sie erneuert sich nur noch +an gewissen vorübergehenden Ungemächlichkeiten<a id="corr-3"></a>, +wie zum Beispiel in der P — — — +der<a id="corr-4"></a> grössern Gattung. Man könnte sie sehr +billig für einen Abkömmling, oder wenigstens +für eine sehr nahe Verwandte des Aussatzes +halten. Und hiermit ists alles, was uns die +Geschichte von dieser Krankheit, welche die +Kreuzzüge in Europa so empor gebracht haben, +berichtet. +</p> + +<p>Nach den Merkmalen, die sie karakterisiren, +kann man sie durchaus mit der Kakomonade +nicht vermengen. Die weissen Flecken, das +Jucken begleiten diese nicht; und es scheint +auch nicht, daß sie sie je begleitet haben. Wenn +diese einiges Jucken verursacht, so ists innerlich, +und ein wenig an den Lenden; zeigt sie +sich von außen, und nimmt eine Farbe an, +so weiß man zur Genüge, daß es nicht die ihrer +<!-- page 055 --> +Wesenheit nach der Jungferschaft geheiligte +Weiße ist. +</p> + +<p>Weiter, so griff der Aussatz nicht die +Erzeugung an. Wenn er ihr nicht günstig +war, so ist wenigstens gewiß, daß er ihr keinen +Schaden that. Es scheint sogar, daß er +die Zeugungsorgane stärkte. Es gab in dieser +Zeit Frauen, die es nach jenen der Aussätzigen +lüsterte, und man sah sich das Sprichwort +bewähren, das Sprichwort: Unglück +ist doch zu etwas gut. +</p> + +<p>Man liest in einem gereimten Gedichte +des zwölften Jahrhunderts diese zween +Verse: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Felix, atque ortu vere dicenda beato,</p> +<p class="line">Vivere quæ potuit leproso juncta marito.</p> +</div> + +<p class="noindent">Indessen das Gesetz verordnete, diese armen +Leute aus ihrem Hause zu jagen, bestrebte +sich so die Natur, ihnen die Mittel zu bieten, +<!-- page 056 --> +wie sie da mit Ehren bleiben konnten. +Dieß ist nicht das einzigemal, wo die Gesetze +und die Natur sich mit einander im Widerspruche +fanden. +</p> + +<p>Ein sehr berühmter Arzt hat durch einen +schönen Schluß erwiesen, daß von dem Aussatze +diese Wirkung nothwendig erfolgen müsse. +Die Kakomonade hat diesen Vortheil bei +weitem nicht. Man kann also schließen, daß +sie miteinander nichts gemein haben. +</p> + +<p>Die einzige Aehnlichkeit, die ich an ihnen +sehe, ist, daß sie alle beide nach eben so +ungerechten, als blutigen Feldzügen in Europa +überpflanzet worden sind. Die Kreuzzüge, +und die Verheerung der Insel Hispaniola +sind die Epochen der zwoen größten Plagen, +mit denen das Menschengeschlecht seit +der Erbsünde her in Europa heimgesucht worden +ist. Es scheint, ob hätte die Natur den +Ländern, die wir usurpiren wollten, vorsetzlich +<!-- page 057 --> +um uns zu strafen etwas mitgetheilet, +womit sie das Blut ihrer unbarmherzigen Eroberer +anpesten sollten. +</p> + +<p>Dennoch wird uns dieß Beispiel nicht +bessern. Man spricht von unentdeckten Ländern, +von neuen noch unbekannten Welten +an der Süderseite. Der Geiz ist auf dieses +ihm so schmeichelhafte Gerücht schon aufgewacht. +Man hat sich gewagt, sie zu suchen. +Die Nebel, und vielleicht das Mitleid der +Vorsicht haben uns ihnen bisher entzogen. +Man darf alles welten; wenn wir sie je entdecken, +so führen wir dort unsere Habsucht, +und unsere Grausamkeit ein, und sie beschenken +uns zur Wiedervergeltung mit einer dritten +Plage, womit wir sehr sorgfältiglich unser +Klima zu bereichern suchen werden. +</p> + +<p>Dem sei, wie ihm wolle; aus dem Vorhergehenden +sieht man übrigens, daß die Kakomonade +in Rücksicht unser kein gar grosses +<!-- page 058 --> +Alterthum hat. Wie sehr man sich auch bestrebt, +die Ehre ihrer Geburt den frühern Jahrhunderten +zuzueignen; so setzen sich Vernunft und +Wahrheit dagegen. Alle Vernünfteleien, und +alle Erzählungen in dieser Hinsicht sind falsch. +Keine ist gegründet, außer derjenigen, welche +die Rückkunft des Christophorus Kolumbus +in Europa als den Zeitpunkt angiebt, +in welchem die Vergnügungen der Liebe da +gefährlich zu werden begannen. +</p> +<!-- page 059 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-9"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Siebentes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Ob gewisse Vorschriften, die eine große +Königinn einem ordentlichen +Hause gab, die vorstehende Behauptung +über die Epoche der +Kakomonade umstossen können?</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">B</span>ei der Unternehmung dieses wahrheitvollen +Werkes machte ich mir die genaueste +Aufrichtigkeit zum Gesetze. Daher muß ich +selbst jene Dinge anführen, die meinem Sisteme +entgegen zu stehen scheinen. Nun +scheint dieß durch gewisse Vorschriften erschüttert, +die um das Ende des vierzehnten +Jahrhunderts von einer großen tugendvollen +Königinn einem erbaulichen Hause gegeben +worden sind. Ich hielt für gut, sie +<!-- page 060 --> +vollständig anzuführen, damit jene, die etwa +versucht werden möchten, sie zu lesen, +sich desto besser unterrichten könnten. +</p> + +<h3 class="sub">Vorschriften, welche die Königinn +Johanna die Erste, Königinn +beider Sizilien, und Gräfinn von +Provence einem Mädchenkloster +zu Avignon gegeben hat.</h3> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>m Jahre tausend dreihundert sieben und +vierzig hat unsere gute Königinn Johanna +erlaubet, in Avignon ein B — — — zu erbauen. +Sie will nicht, daß alle galanten +Weibsleute sich in der Stadt ausbreiten; sondern +sie befiehlt, sich in dem Hause verschlossen +in halten, und, um kennbar zu seyn, auf +<!-- page 061 --> +der linken Achsel ein rothes Nestel zu tragen. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Item: Wenn einem Mädchen eine +Schwachheit zustieß, und sie sich mehrere erlauben +will, so soll der erste Gerichtsdiener +sie, unter dem Arme bei dem Schlage der +Trommel mit dem rothen Nestel auf der +Achsel, durch die Stadt führen, und sie zu +den übrigen in das Haus einquartiren; Er +soll ihr verbieten, sich außer dem Hause in +der Stadt sehen zu lassen, unter der Strafe, +daß sie das erstemal heimlich gepeitscht, +das zweitemal öffentlich gepeitscht, und auf +den Schub gegeben werden würde. +</p> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Unsere gute Königinn befiehlt, das +Haus soll in der Gasse der gebrochenen Brücke, +nahe am Kloster der Augustinerbrüder +<!-- page 062 --> +bis zum steinernen Thore erbauet werden, +und an der nämlichen Seite eine Thüre haben, +wo Jedermann hindurchgehen, die +man aber doch mit einem Schlüssel versperren, +könne, damit die Jugend die Mädchen +nicht zu besuchen vermöge, außer mit der Erlaubniß +der Äbtissinn, oder Vorsteherinn, die +alle Jahre durch die Bürgermeister ernennt +werden soll. Sie soll die Jugend ermahnen, +kein Aufsehens zu machen, und die Mädchen +nicht zu kränken. Sonst würde sie, bei der +mindesten Klage, die sich gegen sie erheben +würde, mit dem Schritte aus dem Haufe, +durch den Gerichtsdiener in Verhaft geführet +werden. +</p> + +<h3 class="no">4.</h3> + +<p class="noindent">Die Königinn will, daß alle Sonnabende +die Superiorinn, und ein von den +Bürgermeistern abgeschickter Barbier alle +Mädchen, die sich in dem B — — — befinden +<!-- page 063 --> +werden, visitiren soll; und findet +sich eine darunter, für welche dieß Metier +verdrüßliche Folgen gehabt hat; so soll diese +von den andern abgesondert, sie soll in einem +abgelegenen Orte eingewohnt werden, +damit Niemand zu ihr könne, und man +bei der Jugend gewisse Zufälle verhüte. +</p> + +<h3 class="no">5.</h3> + +<p class="noindent">Item: So sich ein Mädchen fände, +das schwanger würde, da soll die Vorsteherinn +wachen, daß sie ihre Frucht nicht abtreibe; +auch soll sie die Bürgermeister davon +berichten, damit sie das Kind versorgen. +</p> + +<h3 class="no">6.</h3> + +<p class="noindent">Item: Die Vorsteherinn soll am Charfreitag, +und Charsamstag, wie auch an dem +glorreichen heiligen Ostertag Niemanden +den Eintritt in das Haus gestatten, bei +<!-- page 064 --> +Strafe der Kassazion, und öffentlichen Stäupung. +</p> + +<h3 class="no">7.</h3> + +<p class="noindent">Item: Die Königinn will, daß die +Mädchen alle unter einander ohne Zänkereien +und ohne Eifersucht leben; daß sie sich +nichts entwenden, und sich nicht raufen, +sondern sich wie Schwestern lieben sollen. +So eine Klage entsteht, so hat die Vorsteherinn +sie unter sich zu vergleichen, und sie +sollen schuldig seyn, auf ihren Ausspruch +sich zu beruhigen. +</p> + +<h3 class="no">8.</h3> + +<p class="noindent">Item: So ein Mädchen einen Diebstahl +begangen hat, da soll die Vorsteherinn +sie das Gestohlene in Güte zurückgeben heißen. +Sollte sich die Diebinn der Zurückgabe +weigern, so wird sie das erstemal von einem +Gerichtsdiener auf einem Zimmer, im +<!-- page 065 --> +Rückfalle aber durch den Scharfrichter in der +ganzen Stadt gestäupet werden. +</p> + +<h3 class="no">9.</h3> + +<p class="noindent">Item: Die Vorsteherinn soll keinen Juden +annehmen. Im Falle sich einer fände, +der sich durch List hineinstähle, und mit einem +der Mädchen bekannt wäre, der soll +eingezogen, und dann öffentlich durch die +Stadt gepeitschet werden. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Wenn man den letzten Artikel liest, +so kann man nicht genug die Delikatesse des +Sammlers der Gesetze bewundern. Er +wollte die ungläubigen Juden eines Hilfsmittels +berauben, welches für die gläubigen +Christen bereitet war. Vielleicht wollte +er diese verirrten Unglücklichen wie wilde +Thiere behandeln, die man mit Hunger +<!-- page 066 --> +und Durst bändiget. Das wäre ein seltsamer +Weg, sie in den Schooß der Kirche zu +führen. Doch, man weis es ja; es gab +Jahrhunderte, wo man allerhand Wege einschlug, +um das Herz des Menschen zu unterjochen. +</p> + +<p>Wie Johanna diese so nützliche Einrichtung +machte, mochte sie beiläufig drei und zwanzig +Jahre haben. Vielleicht wird man schwer +glauben wollen, daß eine Prinzessinn von +diesem Alter darauf bedacht gewesen sey, +sich zur Gesetzgeberinn einer derlei Stiftung +zu machen. Aber, wenn man dabei bedenkt, +daß diese schöne Königinn damal schon einen +Ehemann, der ihr mißfiel, aufhängen ließ; +daß sie dreien anderen, derer sie nach und +nach müde ward, das nämliche Schicksal +bestimmte; daß sie in der großen, Kunst, +sich so von eckelhaften Männern zu befreien, +keine ihres Gleichen hatte, als die Königinn +Maria Stuard, deren Tod den Umstehenden +<!-- page 067 --> +Thränen erzwang, und die ganze Christenheit +auferbaute: — so wird man weniger +erstaunen, daß sich Johanna so frühzeitig +mit den Vergnügungen ihrer Unterthanen +beschäfftigt habe. +</p> + +<p>Uibrigens waren die Gesetze, denen sie +die Werkzeuge derselben unterwarf, sehr weise; +und es wäre zu wünschen, daß man sie +überall annähme, und daß unter andern die +Visitation nicht vergessen würde. Denn die +menschliche Schwachheit scheint einmal doch +von den Fürsten einige Nachsicht, besonders +aber ihre Aufmerksamkeit auf die Erleichterung, +die man ihr bereitet, zu erheischen. +Und sie sind auch im Gewissen verbunden, +sorgfältig zu wachen, um bei der Jugend gewisse +Zufälle zu verhüten. +</p> + +<p>Diese Untersuchung scheint dem, was +ich bisher gesagt, zu widersprechen, und die +Epoche der Kakomonade früher anzusetzen. +<!-- page 068 --> +Wenn man schon seit dem vierzehnten Jahrhunderte +mit den öffentlichen Lustmädchen +sich in Acht nehmen mußte, so folgt daraus, +daß auch ihre Waare schon eine koagulirende +oder korrosive Wirkung an sich hatte. Und +so könnte man vermuthen, daß sie schon seit +jener Zeit der Unbequemlichkeit unterworfen +waren, die hier der Gegenstand unsrer tiefsinnigsten +Untersuchungen sind. +</p> + +<p>Unterdessen sieht man, wenn man es +recht erwägt, daß aus diesem Zuge der Geschichte +sich gegen meine Grundsätze kein +Widerspruch ergiebt. Bürge dafür ist +mir der hochgelehrte Arzt, der mir einen +Theil der seltsamen Bemerkungen an die +Hand gab, mit denen mein Buch bereichert +ist. Er beweiset bis zur Evidenz, daß der +vierte Artikel der Königinn Johanna jene, +die mit mir gleich denken, nicht aus der +Fassung bringen darf. Vor dem fünfzehnten +Jahrhundert konnten die Gegenstände +<!-- page 069 --> +der Zärtlichkeit dieser schönen Königinn andern +Ungemachen ausgesetzt seyn, als diejenigen +sind, die durch eine unbekannte Ursache +auf San Domingo hervorgebracht wurden. +</p> + +<p>Man weis zur Gnüge, daß auch noch +in unsern Tagen die Kakomonade nicht die +einzige gefährliche Macht ist, welche an solchen +Orten, wie jene waren, die die Gräfinn +von Avignon in ihren Schutz nahm, +herrschet. Nichts also kann die Feste meiner +Grundsätze erschüttern. Es ist evident, +daß bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts +die Vergnügungen wenig ansteckend +waren. Man konnte sich ihnen noch ohne +viele Furcht überlassen, als ein Italiäner es +für gut fand, die Kakomonade Europen, +und durch Europen der ganzen Welt mitzutheilen. +</p> +<!-- page 070 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-10"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Achtes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Einführung der Kakomonade in Europa, +und in Frankreich.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>reihundert Jahre sind es, daß uns ein +Genueser das Glück verschaffte, Amerika zu +kennen. Man ist nicht im Stande, sich genug +bei den Vortheilen aufzuhalten, die uns +daraus zugeflossen sind. Diese Entdeckung +brachte uns das Vergnügen zu Wege, auf unsern +Kleidern Tressen zu tragen, und um das +Dreifache mehr für das Brod — zu bezahlen. +Seit diesem glücklichen Augenblicke +ists, daß unsre Frauenzimmer Papageien, +und unsre Matrosen den Scharbock haben. +Seit dieser Zeit fand man sich in Europa in +den Stand gesetzt, Jahr für Jahr nach allen +Regeln zweimal hundert tausend Menschen +<!-- page 071 --> +zu erwürgen, anstatt, daß zuvor die durch +das Kriegs- und Völkerrecht gesetzgekräftigten +Massakres sich höchstens auf beiläufig +sechzig tausend beliefen. +</p> + +<p>Das erste Schiff, welches so, mit den +Produkten der neuen Welt befrachtet, in +Spanien anlandete, erregte da ein allgemeines +Erstaunen. Man ward nicht müde, die +Helden zu bewundern, welche so weit her, +und mitten durch so große Gefahren, neue +Quellen für die Glückseligkeit des Menschengeschlechtes +geholet hatten. Man ward entzückt, +da man die Frucht ihrer Arbeiten erblickte. +</p> + +<p>Auf dem Verdecke, und an den für das +Auge angenehmsten Orten nahm man kurze +Gewänder von rothen Federn wahr, die mit +dem Blute der Indianer gemalet waren; +Ohrringe, an denen die Spitzen der Ohren +hiengen, von denen man sie abgerissen hatte; +<!-- page 072 --> +Ringe, die man sammt den Fingern +ihrer vormaligen Besitzer mit übergeführet +hatte; goldne Nasenringe sammt den Nasen, +die lange Zeit damit sich gebrüstet hatten. +</p> + +<p>Die Argonauten des sechszehnten Jahrhunderts +pochten mehr auf Muth, als auf +Geduld, um sich desto geschwinder den +Schmuck der Karaiben zuzueignen, raubten +sie mit einem den Schmuck, und den Theil +des Körpers, an dem er befestiget war, ab. +Alles, was die Ehre hatte, mit Golde bedeckt +zu seyn, blieb sammt seiner Zierde unter +den Händen der Sieger. Dieß geschah, +um die Zeit zu ersparen, mit welcher die +Eroberer aller Jahrhunderte gewaltig geizten. +Diese Oekonomie both eine überflüssige +Ladung für ein Schiff, das nach Spanien +kam, um da die Beute aus einem andern +Welttheile auszukramen. +</p> +<!-- page 073 --> + +<p>Während dieses Schauspiel alle Augen +auf sich zog, ward man der Kakomonade, +die hinter so vielen kostbaren Gepäcken verborgen +lag, nicht gewahr. Sie machte sich +fertig, festen Fuß zu fassen, und wählte sich +schon ihre Wohnungen mitten unter dem +Haufen, der sie umgab. Sie hatte sich bald +ausgeschifft, und folgte dem Christoph und +Martin Kolumbus bis nach Hofe, wo eine +tugendhafte Königinn, Namens Isabelle, +den Thron besaß, von dem sie so eben ihren +Bruder herabgestossen hatte. +</p> + +<p>Diese weise Prinzessinn mit ihrem Gemahle, +dem aufrichtigen, großmüthigen +Ferdinand dem Katholischen, hatte dem Könige +von Neapel, ihrem Blutsfreunde geschworen, +ihn zu beschützen. In der Folge +fanden sie, daß es edler, anständiger, und +gerechter wäre, ihn auszuplündern. Sie +ließen also zu Barzellona zu diesem Felszuge +ihre Trouppen die Schiffe besteigen. +</p> +<!-- page 074 --> + +<p>Die Trouppen giengen unter Seegel +mit einer ganz neuen Gattung von Provisionen. +Einen Hauptartikel davon machte +die Kakomonade, ob sie gleich in die Verzeichnisse +der Proviantmeister nicht eingetragen +war. Sie reiste zu gleicher Zeit mit der +Armee. In Italien, dessen Landesgebräuche +ihr nicht günstig waren, machte sie Anfangs +schlechte Progressen. Aber zu ihrem +Glücke hatte sich Karl der Achte in den Kopf +gesetzt, den heiligen Vater Alexander den +Sechsten zu Rom zu besuchen. +</p> + +<p>Jedermann weis, wie unnütz, und +prächtig dieser Feldzug war. Die französischen +Ritter entwickelten da den wunderbarsten +und fruchtlosesten Heldenmuth. Reißenden +Fluges brachten sie Mailand, Florenz, +Rom, Neapel, und die Kakomonade +an sich; aber von allen Eroberungen, +war diese letzte, die sie am liebsten aufgegeben +hätten, die einzige, die ihnen blieb. +<!-- page 075 --> +Bei ihrer Heimkehr, überpflanzten sie sie in +ihr Vaterland, wo die französische Galanterie +sie mit allen Ehren empfieng; und dieß +war beinah der einzige Nutzen, der unsern +Verfahren aus einem so herrlichen Feldzuge +zufloß. +</p> +<!-- page 076 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-11"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Neuntes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Verschiedene Reisen der Kakomonade.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ndessen die alte Bewohnerinn von Amerika +sich so unter dem Gefolge einer Menge +wackerer Krieger den Eingang in Frankreich +öfnete; entwischte sie von Zeit zu Zeit, um +auch in den übrigen Theilen der Erde Kolonien +anzulegen. Sie schwamm die Rhone +hinunter um in der Themse zu ankern. Sie +maß die Pireneen zurück, um queer durch Spanien +in Portugal zu eilen. Sie schifte sich +zu Lisabon ein, um von Goa Besitz zu nehmen, +den sie gemeinschaftlich mit der heiligen +Inquisition noch behauptet. +</p> + +<p>Von Kadix reiste sie nach Fez in Mauritanien +mit einigen Juden oder Mahometanern, +<!-- page 077 --> +welche der religiose Ferdinand, der +Katholische in seinem Reiche nicht dulden +wollte. Sie drang mitten durch die Sandberge +von Afrika bis zur Zone torrida ein. +Sie wagte sich ohne Furcht unter jene schrecklichen +Weiber der melindischen Küste. Sie +breitete sich aus von dem Ursprunge des Senegal +an bis zur Kafferei, und von Monomotapa +bis an die Mündung des Nil. Sie +wurzelte überall mit den Jesuiten, die dem +ungeachtet nicht ihre eifrigsten Missionarien +waren. Unermüdet, wie sie, aber in einer +andern Art, faßte sie geschwinder als sie in +den beträchtlichsten Wechselstuben Fuß. Sie +hinterließ einsichtige Faktoren, die sichs angelegen +hielten, die Anzahl ihrer lockeren +Gesellen zu vermehren. +</p> + +<p>Mit mehr Bequemlichkeit begab sie sich +durch Marseille nach Syrien und Aegypten. +Sie durchsuchte<a id="corr-5"></a> die morgenländischen Handelsplätze. +Die eisernen Gitter am Serail machten +<!-- page 078 --> +sie knirschen vor Zorn. Röthe überzog +ihr das Gesicht bei dem Anblicke von einem +Haufen Menschengestalten, die, nicht nur unfähig +sie mitzutheilen, sie nicht einmal anzunehmen +im Stande waren. Unterdessen fand +sie doch mittels der miethbaren Zirkassierinnen, +die hier nicht seltner, als anderswo +sind, und mit denen das Gesetz Mahomets +den Umgang den Unbeschnittenen eben sowohl +als den Gläubigen gestattet, einen Eingang +bis zu den<a id="corr-6"></a> stolzen Muselmännern von der +Sekte Omars. +</p> + +<p>Liebreich übersetzten sie diese zu den Ketzern +von der Sekte des Aly, welche sie führten +zu den Unterthanen des Mogul, die da +anbeten den Brama und den Visthnu, welche +sich Mühe gaben, sie mit Binsen zu versehen, +um sie nach Makao und Nangazoni +zu den Theologen des Fo und des Kaka zu +übersetzen. +</p> +<!-- page 079 --> + +<p>Auf ihrem Wege stieß sie an die Küste +von Malabar. Sie nahm in den Philippinen +und Moluken unter dem Schatten der Ananas +und Kokusbäume Erfrischungen zu sich. +Sie nährte sich da von Mußkatnißen, und +Zimmet. Nachdem sie so die Ende der Welt +durchwandert hatte, betrachtete sie mit Bewunderung +den weiten Bezirk ihrer Macht. +</p> + +<p>Es giebt, sagte sie mit Entzücken, rothe +und erzfärbige, milch- und pomeranzenfärbige, +aschgraue und kohlschwarze Menschen, +und all das gehört mein. +</p> + +<p>Man findet ihrer, die mit dem Safte +von Trauben, von Aepfeln oder von Gerste, +der durch die Gährung sauerte, sich berauschen; +andere, die mit eben diesem Safte, +den sie durch das Feuer distilliren, sich leckerhaft +vergiften; andere die einen braunen, +und ungesunden Staub in die Nase stopfen; +andere, die mit Baumblättern Kalk fressen; +<!-- page 080 --> +andere, die ihre Nachbarn stäupen, oder erwürgen +lassen; und all das gehört mein. +</p> + +<p>Man sieht Weibsleute, die sich kaleinirtes +Bley über das Gesicht schmieren; andre, +die sich die Wangen, oder Arme mit Indigo, +färben; andere, die ihren Hals zeigen; +andere, die nichts, als allein ihren Hintern +bloß tragen; andere, die sich parfümiren, +und frisiren, um Liebhaber an sich zu locken; +andere, die dieselben, wenn sie sich zu gewissen +Zeiten bei ihnen aufhalten, mit der Pest +beschenken; und all das gehört mein. +</p> + +<p>O tapfrer und berühmter Christoph Kolumbus! +o ihr meine getreuen, und vielgeliebten +Kastilianer! ewiger Segen sey mit +euch, die ihr mein Geschlecht, wie den Sand +am Meere, und meine Nachkommenschaft +wie die Sterne am Himmel vermehret habt. +Mögen die Schätze, des Potosi für euch so +unerschöpflich werden, wie die meinigen! +<!-- page 081 --> +möchtet ihr unaufhörlich eben so die Stützen +meines Reiches seyn können, wie ihr die ersten +Verbreiter desselben waret! +</p> + +<p>Nachdem sie sich so von ihrer Dankbarkeit, +und von ihren Eroberungen Rechenschaft +gegeben hatte, begab sich die Kakomonade +auf den Weg, um neue zu machen, oder +um die alten fester zu gründen; Das Fuhrwerk, +dessen sie sich bediente, war sanft. +Kein Wunder, daß sie nach so langwierigen, +und so schnellen Reisen dennoch +im Stande war, nach Frankreich zurückzukommen, +das sie zum Mittelpunkte ihres +Reiches bestimmet zu haben schien. +</p> + +<p>Man muß nicht vergessen, daß sie bey +jeder ihrer Wanderschaften die Kleidungsart, +und den Namen der Nation annahm, +von welcher sie abreisete. In Frankreich war +sie eine Neapolitanerinn, zu Neapel und Madrid +eine Französin, zu Lisabon eine Kastilianerinn, +<!-- page 082 --> +zu Nangazaqui eine Portugiesinn, +zu Ispahan eine Türkinn, und zu Konstantinopel<a href="#footnote-6" id="fnote-6"><sup>6</sup>)</a> +wieder eine Französinn. Vielleicht +<!-- page 083 --> +giebt es nichts so schönes, als der Anblick ist, +wie sie über Gebirge und Meere setzte, sich +vom Adamspik auf die Spitzen des Imaus +schwang, und von den Ufern von Kalifornien +nach Madagaskar flog. Wir glaubten, +daß dieses Schauspiel wenigstens sein Kapitel +verdiente. +</p> + +<!-- page 084 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-12"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Zehntes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Von dem Ursprunge der Perücken.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">W</span>ir sahen die Kakomonade durch eine schöne +Pforte in Frankreich eingehn. Sie säumte +nicht, der ganzen Nation Beweise ihrer +Dankbarkeit zu geben. Sie breitete sich daselbst +bis zum Uebermaaß aus. Wenn man +den Geschichtbüchern der damaligen Zeit +Glauben beimessen will, so nahm sie F — — +E — — — sich zur Seite auf den Thron. +Es kostete ihn nur fünfhundert Thaler, sein +Zäpflein, und die Haare. Doch fand er bald +Ersatz für sein Leisereden, und um sich das +Haupt wohl zu bedecken. +</p> + +<p>Die erfinderischen Köpfe, womit Frankreich +von jeher angefüllt war, litten es nicht +<!-- page 085 --> +lange, daß ihr König so weit gebracht seyn +sollte, keine andere Koeffüre, außer einer +Schafmütze zu haben. Sie machten bald eine +weit edlere, deren Stof vom Menschen selbst +genommen war. Geschickte Hände verfertigten +jene sinnreichen Zöpfe, welche dem +Werke der Natur nachahmend die schmucklose +Glatze einer Hirnschaale mit einem Walde +von Haaren besetzen, die sie selber nicht +hervorgebracht hat. +</p> + +<p>Es hat Jemand gesagt, wenn ein König +einäugig wäre, so könnte unter den Hofleuten +leicht die Mode aufkommen, nur ein +Aug zu tragen. Das Beispiel F — E — +war nicht so schwer, nachzuahmen. Er hatte +das Vergnügen, seine Unterthanen in +die Wette ihm folgen zu sehn. Wenige Zeit +darauf sah man von der Rhone an bis zur +Maas keine andern, als falsche Haare, und +vernahm keine anderen, als erstickte Stimmen. +</p> +<!-- page 086 --> + +<p>Seit dem hatten wir Könige, welche +ihr Zäpflein nicht verloren, und derer Stimmen +sich wieder eingefunden haben; dennoch +sind die Perücken ungeachtet aller Verfolgung +der Geistlichkeit geblieben. Diese hoch- und +wohlehrwürdigen Glieder der Kirche schienen +lange Zeit über die Unanständigkeit, welche +sie hervorgebracht hat, entrüstet. Sie untersagten +allen ihren Dienern den Gebrauch +derselben, und es ist noch nicht lange, daß +ein kahlköpfiger Priester nur mit vieler Mühe +von seinem Erzbischofe die Erlaubniß erhielt, +sich dieses Hilfsmittels, das erfahrnern +Personen noch verdächtig scheinen kann, +unschuldig zu gebrauchen. +</p> + +<p>Die Noth hat in der Folge die Laien +nachsichtiger gemacht; allein die Mönche haben +den nicht gar ehrsamen Ursprung der Perücken +nicht vergessen. Sie sind noch itzt aus +allen Klöstern verbannt, oder wenigstens +doch aus jenen, die da einen großen Geruch +<!-- page 087 --> +von Regelmässigkeit von sich geben +wollen. +</p> + +<p>Die Karmeliter, die sich wegen ihres +Standes, und aus freier Willkühr der +Keuschheit weihn, duldeten unter sich nicht +einen Haarschmuck, der seinen Ursprung nicht +ihr zu danken hat. Die Kapuziner, zufrieden, +natürliche Haare in ihrem Gesichte zu +tragen, achteten nicht darauf, sich erborgte +auf den Kopf zu pflanzen. Die andern Mendikanten, +der Mässigkeit, und ihrer Regel +getreu, wie die Franziskaner, oder der Nettigkeit +ergeben, wie die Baarfüsser &c. wollten +ein Gut nicht haben, von dem der große +heilige Franz nie etwas gewußt hat. +</p> + +<p>Vielleicht fürchteten sie, der Gebrauch +desselben möchte den Verdacht erregen, als +hätten sie ebenfalls Wundmaalen von einer +andern Art, als jene ihres verehrungswürdigen +Patriarchen waren. Vielleicht auch schreckte +<!-- page 088 --> +sie der Gebrauch des Kammes ab, dessen +ein geschorener Kopf entübriget ist. Wenigstens +ist gewiß, daß sie ohne alle Unruhe +kunstverständige Barbierer bei den Bäurinnen +in den Dörfern die Schur vornehmen +sehn; und wenn sie diese allein, oder abseits +antreffen, so sind es niemal Haare, was sie +sich von ihnen erbitten wollen. +</p> + +<p>Indessen war diese ausgemachte Verachtung +dennoch ihrem Gegenstande nicht schädlich. +Die Perücken, durch ein königliches +Bedürfniß veranlaßt, scheinen dadurch in +den Augen der europäischen Nazionen nur +veredelt worden zu seyn. Lange Zeit maß +man ihr Volumen nach der Würde, oder +Fähigkeit des Gegenstandes ab, welcher sich +damit schmücken sollte. Vorzüglich bei Hofe +schätzte man diese Art, den Werth der Menschen +zu bestimmen, hoch. Man konnte versichert +seyn, daß eine Masse Haare von drei +Schuhen in das Gevierte ein erhabneres +<!-- page 089 --> +Verdienst ankündigte, als dasjenige war, +das nur eine Masse von zween Schuhen bestimmte. +</p> + +<p>Diese Zeit war die Zeit unsrer Herrlichkeit. +Es scheint, als wäre die Ehre unsrer +gegenwärtigen Reiche, gleich der Stärke +Samsons, mit geheimnißreichen Zöpfen verbunden +gewesen, vor denen das Schwert +Ehrfurcht haben sollte. Wir haben gestattet, +daß die unheilige Scheere der Philistäer sie +berührte. Die Mode, als eine zweite Dalila, +legte ihre Hand an die erhabenen Hüllen, +welche den Augen des gemeinen Mannes +die Weisheit, und den Tiefsinn der Bemerkungen +unsrer Väter entzogen. +</p> + +<p>Man weis auch, was daraus entstanden +ist. Nach dieser fatalen Operazion wachten +unsre itzigen Völker auf ohne Stärke, und +ohne Herzhaftigkeit. Seit dem die kleinen +Perücken auf den Köpfen sitzen, brachten sie +<!-- page 090 --> +denselben nur kleine Einsichten hervor. +Die leichten Haaraufsätze ließen die Substanz +evaporiren, welche zuvor die weiten Hauptdecken +da nährten. Von der Zeit an haben +sich unsre Gehirnchen volatilisirt, so wie sich +bei ungeschickten Distillirern die Geister flüssiger +Körper zerstreuen, wenn der Helm und +die Distillirflasche nicht recht wohl verpichet +sind. +</p> + +<p>Das Gebieth der Perücken hat sich also +vermindert; aber die Macht ihrer Mutter +hat es sich nicht. Mit jedem Tage sieht man +noch ihre Fortschritte sich vermehren. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt,</p> +<p class="line2">Erkennet ihre Macht;</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt,</p> +<p class="line2">Wo der des Königs wacht.</p> +</div> +<!-- page 091 --> + +<p class="noindent">Aus dem Vorhergesagten sieht man, daß die +Kakomonade ein gemeinschaftlicher Feind ist, +wider den man sich zu vereinigen hat. Sie +macht sich gleich feindlich an den Szepter, +und an den Hirtenstab. Der Szepter und +der Hirtenstab also müssen gleich eifrig zusammen +stehn, sie aus dem Felde zu schlagen. +Zu diesem Endzwecke hat man schon +verschiedene Mittel versucht, aber alle wenig +wirksam, alle unzureichend. +</p> +<!-- page 092 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-13"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Eilftes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Hilfsmittel, derer man sich gegen die +Anfälle der Kakomonade bedient. +Warum nicht die Aerzte den +Kampf mit ihr wagen?</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>ie Geschichte erzählt, daß bei der ersten +Schlacht zwischen den Römern und Griechen, +diese, da sie die Sieger blieben, sich zur Unterhaltung +mit der Untersuchung der Wunden +beschäftigten, welche ihre Kriegsgenossen, +die im Gemenge umgekommen waren, +empfangen hatten. Sie entdeckten gespaltene +Köpfe, abgehauene Arme, und an Brust, +und Rücken durchschossene Körper. Die +Geschichte setzt hinzu, daß so, wie ihre Waffen +sie nur etwas aufritzten, sie den Gedanken +<!-- page 093 --> +nicht aushalten konnten, sich mit Leuten +zu schlagen, die solche Hiebe austheilten. +Der bloße Anblick eines italiänischen +Säbels machte in der Folge sie zittern; und +dieser Schrecken, trug nicht wenig bei, ganz +Griechenland der Macht der Römer unterwürfig +zu machen. +</p> + +<p>Man kann sagen, daß es bei der Ankunft +unsrer Reisenden das nämliche Bewandniß +hatte. Die Doktoren hatten sich +mit den Bürgerinnen unsrer Himmelsstriche +vertraut. Sie kurirten ohne Anstand die +Unverdaulichkeiten, die Fieber, und andere +Krankheiten, welche durch unsere Wehen +ihre Glücksgüter befestigten. Aber das Vertrauen +auf ihre Kunst fiel bei dem Anblicke +eines Gesichtes, wovon Hyppokrates keine +Züge anatomirt hatte. Bei der Herannäherung +dieses furchtbaren und unbekannten +Feindes sah man sie die Flucht ergreifen. +</p> +<!-- page 094 --> + +<p>Es ist wahr; ihre Gegenwart kündigte +sich durch etwas schreckliche Zeichen an. Man +ließ seine Nase im Schnupftuche zurück. Man +spuckte seine Zunge aus, und die Drüsen, +die sie stärken. Wenn man einen Stein +werfen wollte, so erstaunte man, daß man +seinen Arm hinweggeschleudert habe. Man +fand sich ganz in den Zustand der Wächter +des Serails versetzt, denen die Vorsicht der +Türken das Vermögen nimmt, auch nur den +Schatten eines Verdachts erregen zu können. +Man sah eine so schreckliche neue Erscheinung +als die stärkste Waffe des Todes an. Man +überredete sich, das Menschengeschlecht sei +durch diese neue Art, mit der es angegriffen +wurde, seinem Untergange nahe gebracht. +</p> + +<p>Um das Maaß der Furcht vollzufüllen, +bildete man sich ein, sie wäre so ansteckend +als die Pest. Man wußte nicht, daß es nur +eine Art gäbe, sich ihr auszusetzen, und daß +<!-- page 095 --> +man immer die Freiheit hätte, sich davor zu +verwahren. Das Mißtrauen war in die ganze +Gesellschaft verbreitet. Jeder zitterte für +seine Person. Unbarmherzig entfernte man +sich von den Unglücklichen, die damit geschlagen +schienen. Gleichzeitige Schriftsteller +gestehen, daß viele davon, welche man aus +allgemeiner Furcht verlassen hatte, in der +Tiefe der Wälder zu Grunde giengen. +</p> + +<p>In dieser allgemeinen Beklommenheit +verlor die Fakultät ihren Kopf, Eskulap, +aus seiner Fassung gebracht, hörte auf, Orakelsprüche +zu geben. Das war keiner jener +Augenblicke mehr, wo mit lauem Wasser, +und einem Strome von Beredtsamkeit ein +Doktor aus der Kraft der Natur sich seine +Ehre machen konnte. Hier blieb sie in der +Unthätigkeit; sie wurde auf der Stelle überwältigt. +Mit großem Geschrei rief sie die +Kunst zu Hilfe, und die betroffene, gedemüthigte +Kunst konnte nur ihr unnützes Mitleid +<!-- page 096 --> +an sie verschwendet. Es fiel ihr gar +nicht ein, eine Gegnerinn zu verfolgen, die +sie sich nicht einmal zu besichtigen wagte. +</p> + +<p>Unterdessen wurde mit der Zeit durch +die Gewohnheit ans Schauspiel sein Eindruck +vermindert. Leute ohne Namen, Scharlatane, +frecher, oder gewinnsüchtiger, als die +Doktoren, fanden sich zu einem Kampfe ein, +dessen Sieg sie treflich bereichern müßte. +Für den Erfolg konnten sie nicht stehen, aber +wenigstens brachten sie doch die Hofnung +aufs Geld. +</p> + +<p>Man machte Versuche; man wagte Eintrichterungen +von Säften; man erholte sich +bei chymischen Zubereitungen Raths; man +zog China und Amerika zur Steuer; man +bannte den Hyppokrates ins Leben; dennoch +erhielt man keine Kenntnisse, und zankte sich +schon mit vieler Hitze über die Mittel, sich +dieselben zu verschaffen. +</p> +<!-- page 097 --> + +<p>Endlich kam bei dieser Gelegenheit, wie +bei allen andern, das Ungefähr der Wissenschaft +zu Hilfe. Man hatte eine flüßige +Materie unter den Händen, weiß wie Silber, +und schwerer, als es; aber bekannt, +durch ihre Eigenschaft, sich an die andern +Metalle anzuhängen, und selbst unter die +Metalle gerechnet, ohne daß man viel wußte, +warum. Niemand konnte sich einfallen +lassen, daß dieß mit Fette abgetrieben, und +auf die Haut gelegt, oder mit andern Ingredienzien, +die seine Wirksamkeit mäßigen +konnten, vermischt, und zu trinken gegeben, +den glücklichen Erfolg haben sollte, diese +Fremdlinginn, deren Aufenthalt ihren Gastfreunden +so verderblich war, zur Flucht zu +zwingen. +</p> + +<p>Wirklich behauptet man, daß manche +sehr erfahrne Araber in einigen Umständen +sich dessen schon bedienet haben. Sie brauchen +es, sagt man, um die Läuse zu tödten, +<!-- page 098 --> +um die Zittermaale zu vertreiben, um das +Jücken, und andre Krankheiten der Haut +zu stillen. Aber in Europa wußte man von +ihrer Methode nichts. Und hätten auch +Avicenna, oder Serapion davon geredet, so +wars darum unsern Vorfahren um nichts +leichter zu errathen, daß das, was gegen +die Läuse gut war, es auch gegen die Kakomonade +sey. Was man übrigens Gewisses +weis, ist, daß die Entdeckung davon gemacht +wurde, daß man sie annahm, und daß sie +von glücklichem Erfolge war. +</p> + +<p>Der Ruf davon säumte nicht, sich zu +verbreiten. Von allen Seiten nützte man +es. Das Sonderbare dabei war, daß sich +die Fakultät mit all ihrer Macht dagegen +setzte. Es war nicht ihr Wille, daß man +ein Hilfsmittel suchte. Sie schien nach ihrer +Gewohnheit nur dazu mit Muthe gewaffnet, +um das Gefundene zu bekämpfen. Ganz +Europa erscholl von den Deklamazionen gegen +<!-- page 099 --> +dieses nützliche Fluidum, das sie bloß in +die Barometres verbannet wissen wollte. Es +stand nicht bei ihr, daß sich nicht die Obrigkeit +ins Mittel legte, um den Gebrauch davon +zu verbieten. +</p> + +<p>So sah man die Brechmittel heftig von +den Vorfahren derjenigen verschrien, die sie +heut zu Tage verordnen. So donnerte man +mit der größten Entrüstung wider die Chinarinde, +wider die Ipekakuana &c. auf eben +jenen Lehrstühlen, wo man itzt ihre Heilkräfte +mit Enthusiasmus zergliedert. So +fand in unsern Tagen unter Leuten, die für +weise gelten, die Inokulazion unversöhnliche +Feinde. Zu Doktoren angenommene +Aerzte haben eine Schrift unterzeichnet, wo +man sagt, man sollte die Fremden auf ihre +eigene Gefahr die Probe damit machen +lassen. +<!-- page 100 --> +Schwerlich vielleicht würde man treffendere +Beispiele von Inkonsequenzen anführen +können, zu denen Leidenschaft und Stützköpfigkeit +sogar unterrichtete Leute bringen +können. Die Mode und Meinung sind in +allen Dingen die Königinnen der Welt; aber +das Quecksilber hatte durch seine Nützlichkeit +gewiß nicht verdient, ihrer Kaprize unterworfen +zu werden. +</p> + +<p>Man bestritt es nicht lange. Bald +darauf, nachdem man versucht hatte, ihm +den Stab zu brechen, sah man sich genötiget, +es zu gebrauchen. Die Fakultät, von dessen +Beistand versichert, wollte sich nun wieder +den Unglücklichen nahen, an denen sie auf +gewisse Art zur Verrätherinn geworden war. +Aber der Platz war erobert. Eine Nebenbuhlerinn, +von ihr lange Zeit verachtet, +hatte sich des Augenblicks ihres Schreckens +bemächtigt. +</p> +<!-- page 101 --> + +<p>Da die Zeichen des Unglücks, dem man +abhelfen sollte, sich von Aussen zeigten, und +die herrschende Fakultät sie zu fürchten schien, +so hatte eine andre, minder furchtsame, und +thätigere Fakultät sie sich zugeeignet. Diese +war die Erste, die mit einiger Methode den +Gebrauch des flüssigen Silbers wagte, das, +in den Händen der Empiriker, vielleicht eben +so viel böse, als gute Wirkungen machte. +Sie bemeisterte sich des Zutrauens des Publikums; +und als die andern, von ihrem +Schrecken zurückgekommen, einen Posten, +mit dem sie schalten zu können glaubten, +wieder einnehmen wollten, waren ihre Bemühungen +darum vergeblich. +</p> + +<p>Eine Miene, reicher als die von Peru, +öffnete sich hier. Die Usurpatoren behielten +bis auf den heutigen Tag das Recht, beinah +allein daran zu arbeiten. Die herrschenden +Doktoren sehen sich mit Verdruß von der +Quelle so vieler Reichthümer ausgeschlossen. +<!-- page 102 --> +Oft versuchen sies, sich dazu hinein zu stehlen; +aber man gestattet ihnen nicht, die kostbare +Komposizion zu verfertigen; welche die +Fremde ihres Thrones beraubt, und das +Geld der Kranken an sich zieht. Man erlaubt +ihnen bloß nur, über die Theorie zu +räsoniren, die nichts einbringt; nur am Einfahrt +der Mine läßt man sie landen. Man +gestattet ihnen, die Arbeiten, wenn sie es +können, aufzuklären; aber das Graben darinnen, +das allein nur Gewinnst trägt, ist +ihnen gänzlich untersagt. +</p> + +<h3 class="sub">Nachricht +der Verleger zum folgenden Kapitel.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">W</span>ir ersuchen delikate Augen vorläufig, das ganze +folgende Kapitel zu überschlagen, obgleich es +das lehrreichste im ganzen Werke ist. Ungeachtet +der Begierde, die Herr Panglos hatte, die Sache +<!-- page 103 --> +auf eine ehrbare Art zu verschleyern, so ist +es ihm vermuthlich nicht möglich gewesen, sie in +diesem Dialoge zu mildern, wo er uns das Gespräch +der redenden Personen anführt. Er würde +gegen die Wahrscheinlichkeit und Wahrheit verstossen +haben, wenn er an ihren Ausdrücken etwas +geändert hätte. Dennoch muß man darum +nicht glauben, daß sie empörend seyn. Sie haben +nur die in einer ähnlichen Materie unvermeidliche +Energie. Sies sind mit all der Behutsamkeit behandelt, +welche man von den zween erlauchten +Männern, die auf dem Schauplatz erscheinen, erwarten +kann. +</p> +<!-- page 104 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-14"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Zwölftes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Dialog zwischen einem Mandarin, +und dem Herrn Baron von Donnerstrunkshausen, +über den Gebrauch +des Quecksilbers in dem +Falle, von dem die Rede ist.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Metal, von dem so eben die Rede +war, ist unstreitig der einzige Damm, den +man den Einbrüchen der Kakomonade mit Nutzen +entgegen setzen kann. Es begnügt sich +sogar nicht damit, daß es ihre weitern Umsichgriffe +hemmt, sondern es dringt bis zu +ihrer Quelle ein. Es greift sie an, drängt, +und entwurzelt sie. Deßwegen ist es auch bei +weitem dem Golde vorzuziehn, das nicht +allein die Krankheiten nicht heilt, sondern +<!-- page 105 --> +im Gegentheile die Leichtigkeit vermehret, +sie alle an sich zu bringen. +</p> + +<p>Wenn man die Augen auf den folgenden +kurzen Dialog wirft, wird man einen Begriff sowohl +von seiner Wirksamkeit, als von den +verschiedenen Arten, es zu zubereiten, und +von ihren Folgen haben. Zween Männer +führen das Gespräch. Der Eine davon ist +eine von den litterarischen Magistratspersonen, +die man in China Kolaos nennt, und +die sich die Europäer, ohne davon den zureichenden +Grund zu wissen, beifallen ließen, +Mandarine zu nennen. Der zweite ist +der Sohn meines nochgeehrten Herrn, des +Herrn Baron von Donnerstrunkshausen. Ich +hatte das Vergnügen, ihn zu Peking wieder +anzutreffen, im Jahre unser Heils 1761. +Er fieng da an zu Würden zu steigen. Er +hatte mit einem Mandarin vom dritten +Range folgende Unterredung gepflogen, und +die Güte, sie mir mitzutheilen. +</p> +<!-- page 106 --> + +<p>Der Mandarin. — Guten Tag, Eure +Hochwürden. Ich ließ mich in meiner lakirten, +unausgezierten Sänfte hieherbringen. +Ich habe nur bloß dreißig Reuter bei +mir, und achtzehn Tambours. Haben Sie +mich entschuldigt darüber, ich wünschte Sie +inkognito zu sehen. +</p> + +<p>Der Baron. Wären wir wohl so glücklich, +Eurer Excellenz dienen zu können? +</p> + +<p>Mandarin. Ja, Sie können mir einen +großen Gefallen thun. +</p> + +<p>Baron. Wollten Dieselben in der pneumatischen +Maschine eine Katze den Geist aufgeben, +oder mit der elektrischen Nadel den +Donner ableiten sehn? +</p> + +<p>Mandarin. Nein, das führte mich nicht +her. +</p> +<!-- page 107 --> + +<p>Baron. Wollten Dieselben einiger Ballen +roher Seide, einiges alten Porzellan +los werden, und sie nach Europa schicken? +Es ist hohe Zeit, Eure Excellenz; ich möchte +es rathen. Sie werden bald im Preise +fallen, seit dem erfahrne Chimisten dieses +Geheimniß entdecket haben. +</p> + +<p>Mandarin. Das kümmert mich gar +nicht. +</p> + +<p>Baron. Wollten Sie etwa zur Beichte +gehn, und auf die Fürbitte des heiligen +Ignazius von Lojola, des seligen Franziskus +Regis, des großen heiligen Franziskus +von Gonzaga, der sich eine feuchte Leinwand +auf die Brust legte, damit ihm von der Liebe +Gottes sein Herz nicht in Flammen gerieth, +Verzeihung Ihrer Sünden erhalten? +</p> + +<p>Mandarin. Ei mein! Von all dem will +ich nichts. Sie sollen mich bloß nur lehren, +<!-- page 108 --> +was für eines Geheimnisses Sie in den andern +Ländern sich bedienen, wenn Sie die +— — — — haben. +</p> + +<p>Baron. Ach! ach! Eure Excellenz — +Wir! — Die? — — — Pfuy doch! — +</p> + +<p>Mandarin. Meiner Treue, Eure Hochwürden, +ich habe sie, ich, — wie ich mit Ihnen +rede. Nichts desto weniger habe ich alle meine +Prüfungen mit Ehren bestanden. Ich +ward bei dem grossen Konkurse im ersten Jahre +der Regierung Fontchins aufgenommen. +Ich führe den Pinsel so gut als Einer im +Kaiserthume: der Schönheit meiner Schrift +bin ich meine Stelle schuldig, und doch habe +ich die — — — — Warum sollten nicht auch +sie sie zuweilen haben? +</p> + +<p>Baron. Aber Eure Excellenz vergessen, +was für ein Kleid ich zu tragen die Ehre habe. +Man hat uns wohl in einigen Orten +<!-- page 109 --> +vorgeworfen, daß wir dem Menschen viele +Uibel zufügen; aber eines zu vertrauten Umganges +mit den Frauenzimmern hat man uns +nie geziehen. +</p> + +<p>Mandarin. Bei, meiner Seele! desto +besser für sie! Daß ich nicht auch immer so +klug war! So fände ich mich nicht in der +Verlegenheit, die mir itzt die Ehre Ihrer Gegenwart +verschaffet. Auf dem letzten Schiffe, +das Ihnen Purpurtücher, Rosenkränze, +Uhren, und Orgeln brachte, fand sich ein +sehr schönes Frauenzimmer. Haben Sie +nicht von ihr reden gehört? +</p> + +<p>Baron. Kein Wort. Wir kümmern +uns um so Neuigkeiten nicht. Es maskirt +sich der Teufel, Eure Excellenz, in dergleichen +Gesichter. +</p> + +<p>Mandarin. Mag seyn, aber da ist er +trefflich verkappt. In dem Augenblicke der +<!-- page 110 --> +Ausschiffung befand ich mich eben am Borde. +Ich sah dieses Frauenzimmer aus der Chalouppe +steigen. Sie hatte so ein schön +Stümpfnäschen! Ihre Augenlieder schloß +sie mit so viel Anmuth! Ihr Mund war so +schön gespalten, zog sich so angenehm durchschnitten +von einem Ohre zum andern! Und +einen Fuß, einen Fuß, Eure Hochwürden! +— Mein Daumen hätte ihren ganzen Pantoffel +ausgefüllt. Ich zweifle, ob man vom +Flusse der Unmöglichkeit an, bis zum Flusse +der Vergessenheit, je etwas schöners gesehen +habe. +</p> + +<p>Baron. Dennoch geht der Raum zwischen +diesen beiden Flüssen ziemlich in die +Länge. +</p> + +<p>Mandarin. Macht nichts. Wie ich +diesen kleinen Fuß sah, bewunderte ich die +Oekonomie der Natur. Welche Wonnen, +sagte ich bei mir selbst, wenn an allen +<!-- page 111 --> +Theilen die Verhältnisse genau beobachtet +sind! +</p> + +<p>Ich wurde bald gewahr, daß die Natur +dem Falle unterworfen sey, sich zu vergessen, +und ich wollte wünschen, ich hätte außer +über diesen Punkt, keine Erfahrung gemacht. +Die schöne Fremde wurde von einem Bootsknechte +gehohnneckt. So bald sie wußte, +ich sey der Gouverneur, bath sie mich um +Rache. Ich schlug ihr Bedingnisse vor; sie +nahm sie an. Ich ließ den Bootsknecht abstrafen. +Ich hielt mich für den glücklichsten +Menschen. Der arme Teufel hatte die +P — — —, und ich, geistlicher Vater, +ich bekam noch viel was ärgers. +</p> + +<p>Baron. Gott straft Eure Excellenz. Er +will nicht, daß man sich gegen das Weibsvolk +zu gefällig erzeige. Er hat gesagt: Non +moechaberis, und Sie leiden billig — — +</p> +<!-- page 112 --> + +<p>Mandarin. Ich weis nicht, geistlicher +Herr, ob es Gott ist, der mich krank gemacht +hat; aber das seh ich wohl, daß Menschen +mich gesund machen müssen. Unsere +Aerzte wollen mich nicht annehmen; man +sagt, Sie seyn sehr geschickt; Sind Sie es bis +auf den Grad, daß Sie mir ein Mittel hierinn +verrathen können? Ich nehme Ihnen sechs +und dreißig Dutzend Rosenkränze ab, und +gebe Ihnen hundert Pfunde Thee Peko, der +noch nicht gesotten worden seyn soll. +</p> + +<p>Baron. Gut, wollen sehn. Ob wir +gleich den Krankheiten wenig unterworfen +sind, so haben wir doch immer allerhand +Mittel bei uns, so, wie eine Menge anderer +Dinge, die wir für uns nicht brauchen, +sondern nur andern zukommen lassen. Hier +kommts nur darauf an, daß wir eine Heilungsart +wählen. +</p> +<!-- page 113 --> + +<p>Mandarin. Mir scheint aber, es wäre +die bekannteste, und beste anzunehmen. +</p> + +<p>Baron. Das ist bald gesagt; aber halten +Sie die Wahl für eben so leicht! Von +allen Arten, die ich kenne, ist keine einzige, +die nicht durch große Namen, durch starke +Beispiele, und durch schöne Schlüsse unterstützt, +und bestritten wäre. +</p> + +<p>Mandarin. Die Namen, und Schlüsse +sind nichts. Man muß sich nur an die Beispiele +halten. +</p> + +<p>Baron. Ja in China. Aber es giebt +Länder, wo man ganz anders denkt. Wenn +etwas nur halbwegs nützlich scheint, so fragt +man sogleich, von wenn das herrühre. Daraus +zieht man denn in der Folge durch eine +Kette von Schlüssen den Beweis, daß es +böse sey; Und giebt man dessen Güte zu, +so geschieht es immer so spät, als möglich. +<!-- page 114 --> +— Nun, nach welcher Art wollen Sie +sich behandeln lassen? Durch Frikzionen? +</p> + +<p>Mandarin. Was verstehn Sie dadurch? +</p> + +<p>Baron. Ich nehme ein wenig von jener +Salbe, die man das Neapolitanum nennt. +Sie besteht aus Fette, und Merkurius. +Damit reibe ich Ihnen alle Tage einen gewissen +Theil des Leibes. Nach vierzig Tagen +werden sie sich mit einer ölichten Rinde +überzogen finden, von der Ferse an bis über +die Achsel, und vom Schulterbeine bis an +die Fingerspitzen. Sie werden fett, stinkend, +sich selbst unerträglich seyn. +</p> + +<p>Mandarin. Aber doch endlich genesen? +</p> + +<p>Baron. Man darf es hoffen. +</p> +<!-- page 115 --> + +<p>Mandarin. Ist keine Inkonvenienz dabei +zu fürchten? +</p> + +<p>Baron. Sie vergeben. Ihr Kopf wird +ungeheuer anschwellen; ihre Zähne werden +locker werden, und vielleicht ausfallen. Ihr +Zahnfleisch und die Gurgel werden voll Geschwäre +seyn. Sie werden eine schreckliche +Menge Speichel von sich geben. Sie können +dabei um ein Aug, um einen Arm, um +ein Bein, oder um das Zäpflein<a href="#footnote-7" id="fnote-7"><sup>7</sup>)</a> kommen, +wie der höchstheilige König F — — E — — +glorreichen Andenkens, und viele andere, +die, bei weniger Ruhm, kein besseres Glück +genossen. +</p> + +<p>Mandarin. Lieber Pater! Ich bedanke +mich für die Frikzionen. +</p> + +<!-- page 116 --> + +<p>Baron. Man könnte sie mäßigen, und +sie ihnen nur verlöschend beibringen. Man +müßte Sie immer frottiren, aber sparsamer. +Sie müßten mir manchmal Milch nehmen, +um die Wirkung des Merkurs, wenn sie zu +stark wäre, aufzuhalten. Sie werden weniger, +spucken, weniger geschwellen, weniger +stinken. Dieß ist bequemer. +</p> + +<p>Mandarin. In eine Gefahr dabei? +</p> + +<p>Baron. Die größte wäre, daß Sie +nicht gesund würden. +</p> + +<p>Mandarin. Oh! oh! +</p> + +<p>Baron. Ohne Widerspruch. Je sanfter +die Arztnei seyn wird, desto weniger +wird sie wirken. Die wohlthätigen Kügelchen +werden in die vom Gifte schwangern +Theile nicht so tief eindringen können. Dieses +darf nur ein wenig überflüssig seyn, so +<!-- page 117 --> +wird genug davon zurücke bleiben, um Sie +bald noch ärger zuzurichten, als Sie es sind. +Fünf oder sechs Jahre nach einigen leichten +Tagen werden Sie sich neuerdings krank +befinden, wie ein sehr geschickter Professor +der Beredtsamkeit an der Universität zu Paris +sich irgendwo ausdrückt. +</p> + +<p>Mandarin. Das ist traurig! Ach, mein +Freund! wer hätte dieß bei dem Anblicke eines +so kleinen Fusses gesagt? +</p> + +<p>Baron. Reden Sie von ihm nichts Böses: +nicht er wars, der Sie verwundet hat. +— Uibrigens verzweifeln sie nicht. Sie +könnten auch versuchen, sich zu räuchern. +</p> + +<p>Mandarin. Wie geschieht dieß? +</p> + +<p>Baron. Sie müßten sich ganz nackt in +eine Schachtel von Tannenholz setzen, die +wohl verschlossen würde, und wo Ihnen nur +<!-- page 118 --> +der Kopf heraus stünde. Unter das Gesäß +würde Ihnen eine Glutpfanne mit lebendigen +Kohlen und Merkurius darauf gesetzt. +Diese durch das Feuer volatilisirte, und +durch die Maschine, und einen sie überdeckenden +großen Mantel rund um Sie zurückgehaltene +Flüssigkeit würde Ihnen nach und +nach in die Poros eindringen. Sie würden +sehr schwitzen, und vielleicht würden Sie +sich endlich geheilet finden. Man weis Leute, +denen diese Methode zu Statten kam. +</p> + +<p>Mandarin. Mir behagt sie nicht. — — +Aber es ist doch sonderbar: Sie sind so ein +geschickter Mann, und alle Ihre Geheimnisse +laufen darauf hinaus, Einem den Kopf +geschwollen zu machen, oder nur eine ungewisse +Genesung zu verschaffen, oder eine +Glutpfanne unter den Arsch zu setzen. +</p> + +<p>Baron. Halten Sie, ich bin noch nicht +fertig. Man könnte Ihnen Panaces, und +<!-- page 119 --> +verschiedene Mineralien brauchen; man könnte +Ihnen einen aufgelösten Merkur, oder +Gold- und Silbertinkturen geben. Dieß +alles habe ich nicht: aber unser Bruder +Apotheker wird Ihnen die Sache machen, +wenn Sie wollen. +</p> + +<p>Mandarin. Ei zum Plunder lassen +Sie das, was man thun könnte, bei Seite, +und sagen Sie mir, was ich thun soll. +</p> + +<p>Baron. Wollen Sie sich mir vertrauen? +Sie sehen dieses kleine rothe Schächtelchen<a id="corr-7"></a>; +an Ihrer Stelle würde ich mich an dieses +halten. +</p> + +<p>Mandarin. Es sind eine Menge graue +Kügelchen darinnen. Wie heißen Sie die? +</p> + +<p>Baron. In Europa nennt man sie Kaiserpillen. +Herr Kaiser ist ein deutscher Praktikus, +und mein Landsmann, der eine ganz +<!-- page 120 --> +neue Komposition gegen die Krankheit, über +die Sie sich beklagen, erfunden hat. Glauben +Sie mir, und brauchen Sie sein Rezept. +Ich will Ihnen dazu die Anleitung geben, +und Sie werden sicher genesen. +</p> + +<p>Mandarin. Sind Sie dessen auch gewiß? +</p> + +<p>Baron. So gewiß, daß ich die hundert +Pfunde Thee nur erst nach Ihrer Herstellung +verlange. +</p> + +<p>Mandarin. Ich verlasse mich auf Ihr +Wort. Ich will mich an die rothen Schächtelchen +halten. Wohlan, ich will meine +Kur auf der Stelle anfangen. Sie haben +von meiner Erkenntlichkeit Alles zu erwarten. +</p> +<!-- page 121 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-15"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Dreizehntes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Erstaunliche Progressen der Kakomonade. +Mittel, sich ihrer zu entledigen.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">M</span>an hat hier oben gesehen, daß die Gesellen +Seiner Hochwürden des Herrn Baron +von Donnerstrunkshausen, das Geheimniß +und den Namen des Herrn Kaiser mit dem +Blitzpulver, den Agnus Dei, und den Bataverthränen +bis in China brachten. Man +hörte ihn in wenig Worten diesen so berufenen +Pillen ihre Lobrede halten, und seinem +Proseliten ihren Gebrauch anempfehlen. +Dieß scheint ein Bißchen demjenigen zu widersprechen, +was wir im zehnten Kapitel +sagten. Da findet man, daß alle ersonnenen +<!-- page 122 --> +Hilfsmittel sehr wenig ergiebig, und +unzureichend seyn. +</p> + +<p>Allein wir sprachen von ihrer Unzureichlichkeit +in Rücksicht des Menschengeschlechts +im Allgemeinen, in Rücksicht der Totalität +der Zufälle, die sie im Allgemeinen, und +nicht im Bezuge auf jedes einzle Individuum, +zu fürchten haben. Gewiß ists, daß +man so glücklich war, die Partikuliers wieder +herzustellen. Man wäscht sie von dem +Unrath, den sie unvorsichtig an sich gezogen +haben, ab; man nimmt ihnen, was sie bekamen; +man giebt ihnen wieder, was sie +verloren, sogar die Unschuld beinah, die, +gleich der Gelegenheit, nur von vorne behaaret +ist, und die man, wenn man sie einmal +entwischen ließ, nicht mehr erhaschet. +</p> + +<p>Aber das menschliche Geschlecht wird +darum nicht weniger angegriffen. Die Kakomonade, +der Hyder in der Fabel gleich, +<!-- page 123 --> +verlor kaum einen Kopf, als sie dafür schon +andre zehn erhält. Unterdessen, als hundert +Kranke sich bemühen, ihrer los zu werden, +so suchen sie tausend begierig auf, so, daß, +trotz den Fluthen von Quecksilber, mit denen +man Europa überschwemmt, die Nothwendigkeit +seines Gebrauchs mit jedem Tage +dringender, und empfindlicher wird. Man +wird nie so glücklich seyn, sich davon zu befreien, +außer das Ungeheuer, das uns das +Eingeweid auffrißt, wird mit Einem Streiche +zermalmet. Sie ist, wie wir sagten, +eine Hyder, die sich eben durch ihren Verlust +vervielfältigt. Um sie auszurotten, muß +man mit einemmale alle ihre Köpfe abhauen. +Um sie zu hindern, nachzuwachsen, muß +man auf der Stelle Schwert und Feuer dagegen +brauchen. +</p> + +<p>Die Regierungen werden, so bald sie +das Herz haben werden, es zu wollen, Herkulesse +werden, im Stande, diese heroische, +<!-- page 124 --> +und heilsame Operation auszuführen. Hierzu +wird es von ihrer Seite nur darauf ankommen, +Vorsichten, die man für diesen +Gegenstand schon lange getroffen hat, und +die durch die Einstimmigkeit der alten Völker +in viel minder wichtigen Gelegenheiten +autorisirt worden sind, wieder zu erneuern +und vorzüglich auf ihre Ausführung zu wachen. +</p> + +<p>Die Aussätzigen bei den Juden waren +aus dem Umkreise der Städte verbannt. Todesgefahr +drohete denjenigen, die es wagten, +sich hinein zu begeben. Man nahm ihnen +die Verwaltung der Geschäfte ab. Man +sonderte sie von der menschlichen Gesellschaft +aus; und ob es gleich ein Vorzug ihres +Staates war, das Band der Ehe, wie mans +gesehen hat, fester zu knüpfen, so foderte +man doch, daß sie ihre Gaben, und ihr Jücken +weiter tragen sollen. +</p> +<!-- page 125 --> + +<p>Diese weise Politik ward in der Folge +in allen Ländern, denen ihre Erhaltung nahe +gieng, nachgeahmet. Selbst in Frankreich +gebrauchte man sich ihrer Anfangs gegen +den Aussatz, als es diesem gefiel, von +den Gestaden des todten an die des mittelländischen +Meeres zu übersiedeln, und er +sich vom Jordan an die Seine begeben hatte. +Man dachte ihrer auch in der Folge bei der +ersten Ausschiffung seiner Nebenbuhlerinn +aus Amerika. Die unermüdlichen Obrigkeiten, +welche für die Ruhe, und Sicherheit +der Bewohner von Paris Sorge tragen, +ließen gegen dieses Erzeugniß von St. Domingo +die strengsten Verordnungen ergehn. +Sie verbothen die Uibermachung desselben +in das Innere der Stadt, und suchten die +schleunige Ausfuhr damit zu erleichtern. Vor +dem Jahre 1498. findet man Polizeiverordnungen, +die diesen Gegenstand zum Ziele +haben. +</p> +<!-- page 126 --> + +<p>Sie gebieten allen Personen, welche eines +Verständnisses mit der Prinzessin von +Amerika verdächtig sind, jedermann, wer es +immer sey, der sich durch ihre Listen überraschen +ließ, binnen vier und zwanzig Stunden +Paris zu verlassen bei Strafe des +Strangs. Man berichtet, daß sich bei dem +Thore, bei welchen ihnen geboten wäre, hinauszugehn, +Austheiler finden werden mit +dem Auftrage, Jedermann vier Pariser +Sols zu reichen, um sie wegen der Reisekosten +zu entschädigen. Selbst die Reichen, +und die Eingebornen des Lands werden von +den Strassen ausgeschlossen unter der Strafe, +wenn sie betreten würden, in den Fluß +geworfen zu werden<a href="#footnote-8" id="fnote-8"><sup>8</sup>)</a>. Man sperrt sie, wenn +sie Häuser haben, darinnen, und wenn sie +keine Häuser haben, in öffentlichen, zu diesem +<!-- page 127 --> +Gebrauche bestimmten Gebäuden ein. Man +übernimmt die Last, sie mit Lebensmitteln, +und mit allem Beistande zu versehen, den +ihr Zustand fordert, bis sie das Joch der +Feindinn abgeschworen haben, und sich in +einem Stande befinden, in der Gesellschaft +auftreten zu können, ohne zu erröthen, oder +ihr Unruhe zu machen. +</p> + + +<p>Das sind die Verordnungen, die man, +doch mit einigen Modifikazionen, wieder in +den Schwang zu bringen eilen muß. Es ist +sehr wohl gethan, daß man alle jene, die, +nach einer bestimmten, zu den Reinigungen +einberaumten Zeitfrist, mit Unreinigkeit zu +erscheinen wagen werden, mit dem Strange +bestraft. Aber genug wär es nicht, wenn +man ihnen vier Parisersols zu ihrer Reise +geben wollte. Alles, was man damit gewinnen +würde, wäre, daß sie die Kakomonade +Jeder in seinem Lande zu pflanzen abgeschickt +würden. Sie würde sich da vervielfältigen, +<!-- page 128 --> +wenn das Land ihrer Verbreitung +nur ein wenig günstig wäre. Die Früchte +davon würde man sehr bald in einem +Schwalle gegen die Hauptstadt zurückfließen +sehn. +</p> + +<p>Es ist also nicht damit gethan, daß man +die Unterthanen der Fremden ausjagt. Man +thut viel sicherer, und viel vernünftiger, +wenn man sie dieser lästigen Unterthänigkeit +entreißt. Man muß ihnen Freistätten eröffnen, +wo sie sich ohne Zwang in Freiheit +sehen können, und wo die Leichtigkeit, ihre +Bande zu zerbrechen, in ihnen hierzu das +Verlangen erwecket. Man muß in jeder +Stadt, oder in, jedem Flecken, einen beträchtlichen +Ort, ein Haus errichten, wo +jeder Büsser, er sey wer er wolle, aufgenommen, +und zur Busse zugelassen werden +könne. Man muß da die Freiheit haben, +zu zahlen, oder nicht zu zahlen, bekannt, +oder unbekannt zu bleiben. Man muß den +<!-- page 129 --> +Eintritt darein allen Leuten, von allen Altern +und Ständen, sogar in Masken, wenn +sich solche darstellen, gestatten. Da es im +Wesentlichen nicht das Gesicht ist, das der +Hilfe bedarf, so erhellet, daß die Krankenwärter, +um denen, die ihren Beistand suchen, +zu helfen, ihre Gesichter nicht zu kennen +brauchen. +</p> +<!-- page 130 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-16"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Vierzehntes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Antwort auf einige Einwürfe, die +man gegen die Mittel, die Kakomonade +zu unterdrücken, machen könnte.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">O</span>hne Zweifel wird man gegen diese Einrichtung +Lärmen erheben. Man wird sagen, +zu einer Zeit, wo der Staat kein Gold hat, +um seine Bedürfnisse zu bestreiten, könnte +er für diese seine Glieder unmöglich so das +Quecksilber verschwenden. Die so reden +möchten, wären wohl ziemlich grausame Politiker, +oder Räsonneurs, die von der ächten +Oekonomie ziemlich schlecht unterrichtet +wären. +</p> +<!-- page 131 --> + +<p>Wenn zu Marseille die Pest wäre, würde +wohl die Dürftigkeit des Staats hindern, +Trouppen marschiren zu lassen? Würde man +kein Geld finden, das man dahin senden +könnte, entweder der Stadt zu Hilfe zu +kommen, oder die Gemeinschaft mit ihr +abzuschneiden? Nun ist die Kakomonade +aber wirklich noch viel schlimmer, als die +Pest. +</p> + +<p>Diese greift nur das gegenwärtige Geschlecht +an; jene vernichtet, oder entächtet +wenigstens fast immer sich auch die zukünftigen +Geschlechter. Die Eine nimmt einen +schrecklichen Anfang; die Klugheit kann sich +davor verwahren; man hat gewisse Vorsichten, +um sie abzuhalten. Die andere ist immer +vom Vergnügen begleitet; sie macht ihren +Anfang mit der Verblendung der Klugheit, +und ihr Ende mit ihrem Untergange. +Sie hat also viel mehr Leichtigkeit, sich auszubreiten. +Sie zieht viel traurigere Folgen +<!-- page 132 --> +nach sich. Sie heischt daher von den Regierungen +eine viel größere Sorgfalt. +</p> + +<p>Diese Sorgfalt würde eben nicht so kostspielig +seyn, als man sich einbildet. Erstlich +hat man die Aussätzigenhäuser der Alten, +von denen man die Stiftungen, und das +Bauwerk zu diesem nützlichen Gegenstande +annehmen könnte. Dieß hieße den Sinn +der Stifter befolgen. Die Kakomonade hat +die Stelle des Aussatzes angenommen. Sie +muß die Früchte dieses reichen Nachlasses +beziehen. Man kann ihr ihre Ansprüche +nicht streitig machen. +</p> + +<p>Uiberdieß, wer zweifelt, daß bei dem +ersten Gerüchte von diesem Vorschlage nicht +das allgemeine Mitleid erwachen werde? +Wie viele Fürsten der Kirche, wie viele +wachsame Hirten, würden sich mit einem +uneigennützigen Eifer bestreben, eine Zufluchtsstätte +gegen Uibel zu schaffen, worunter +<!-- page 133 --> +sie leiden, sobald ihre Schäflein davon +angegriffen sind? Wie viele andächtige +Schwestern würden nicht ihrem Beispiele +folgen! Mit welcher Beredtsamkeit würden +nicht die Direktoren die Nothwendigkeit predigen, +Einrichtungen zu vervielfältigen, die +bestimmet sind, Schwachheiten zu verbergen, +oder die Kraft wieder in den Stand zu setzen, +ohne Gefahr ihres Gleichen hervorzubringen! +Gewiß ists, diese Zufluchtsörter würden in +kurzer Zeit, so wie die volkreichsten, auch +die begütertsten Häuser im ganzen Königreiche +seyn. Sie würden bald der bequemste +Stappelort seyn, um das Joch der Kakomonade +abzulegen, so wie L — — — bisher +der sicherste gewesen ist, sich dasselbe aufzubürden. +</p> + +<p>Die Leichtigkeit des ersten Verfahrens +würde die Weigerung, sich dahin zu verstehen +zum Verbrechen machen. Die Gerechtigkeit +würde nur nach aller Billigkeit handeln, wenn +<!-- page 134 --> +sie gegen jene, die davon überwiesen wären, +die Todesstrafe verhängte. Unterdessen giebt +es zarte Herzen, bei denen die Sanftmuth +in Schwachheit übergeht. Sie werden sich +über diese strenge Verordnung entrüsten, sie +werden zwischen der Strafe und dem Verbrechen +kein Verhältniß sehen. +</p> + +<p>Es ist so süß, so natürlich, werden sie +sagen, die Gefahren zu wagen, derer Folge +sie ist. Sollt es gerecht seyn, den Irrthum +eines Augenblicks mit einer so schmählichen +Züchtigung zu ahnden? Sollte man sich entschließen +können, gegen ein vernünftiges +Wesen den Tod zu verhängen, weil es seines +Lebens nicht ordentlich genoß? Was +man ihnen antworten könnte, ist dieses. +</p> + +<p>Ich gebe Ihnen zu, meine Herrn! mein +Rath mag strenge scheinen. Aber untersuchen +Sie, was unter Ihren Augen vorgeht. +Wer sind jene Armseligen, die sie dort mit +<!-- page 135 --> +den rothen Kappen auf den Galeeren sehn? +Wer sind jene, derer Hinrichtung so viel +Volks auf den freyen Platz spornt? Unter +ihnen befinden sich Leute, die Schwärzer, +Betrüger waren. Das Gesetz waffnet sich +mit einer unbeugsamen Schärfe, und verurtheilt +sie ohne Barmherzigkeit! +</p> + +<p>Nun ich bitte Sie, giebt es wohl eine +schrecklichere Schwärzerei, als die Kakomonade? +Kann man die Einführung ihrer +Geschenke mit der Einführung eines Holländertobaks +oder Spaniols in Vergleichung ziehen? +Die Kutzenelle, so roth sie ist, kann +sie die Vergleichung mit gewissen Purpurknöpfchen +ertragen, welche die Ehrbarkeit +nicht nennen läßt. +</p> + +<p>Wenn Sie ohne Anstand arme Leute, +die Ihnen für wohlfeilen Preis weis nicht +welch braunen, gelben, oder feuerfarbenen +Staub brachten, rudern lassen, hängen und +<!-- page 136 --> +rädern; was sind Sie wohl denen schuldig, +welche sich erdreusten, die Quelle der Vergnügungen +zu vergiften? Was werden Sie jenen +Frevlern nicht anthun, die es wagen, +in das Heiligthum der Wohllust Betrübnis, +und Thränen in die Wohnung der Freude zu +bringen? +</p> + +<p>Die aufgeklärte Menschheit gebietet ohne +Zweifel ihre Bestrafung zum Wohle der +leidenden Menschheit. Man muß alle ohne +zu schwanken eine bestimmte Zeit festsetzen, +nach welcher Niemand mehr angenommen +werde, der sich angiebt, mit einem Ungemache +behaftet zu seyn, wovon er sich wird +haben entledigen können. Man muß die +Kakomonade wie eine ausländische Waare +ansehen, und die, bei denen sie gefunden +wird, ohne Barmherzigkeit konfisziren. +</p> +<!-- page 137 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-17"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Fünfzehntes Kapitel.</h2> + +<h3 class="sub">Nöthige Vorsichten gegen die Wiederkunft +der Kakomonade, und +Schluß des Werks.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ber auch damit wär es nicht gethan, daß +man die verdächtigen Wirkungen hemmte. +Man müßte auch Vorkehrungen treffen, ihren +Eingang zu verhindern. Man müßte +Amtsstuben, Gerichtsdiener, und Wächter +haben, die über Paquette, wo diese traurige +Gattung Kontrebandwaaren sich verbergen +läßt, zu wachen hätten; und für dieß habe +ich gesorgt. +</p> + +<p>Der durch seine große Nase berufene +Kaiser Heliogabal oder Elagabal, sagt man, +habe einen Frauenzimmersenat errichtet. +<!-- page 138 --> +Diese erlauchte Gesellschaft hatte über alle +weiblichen Angelegenheiten zu richten. Vor +ihr brachte man all die kleinen Zänkereien, +die häuslichen Klätschereien, die Uiberwerfungen +der Verliebten an. Sie gab auch den Ausschlag +über die Moden, den Haarputz, und +den Anzug von allen Arten. Diese Politik, +wünschte ich, sollte man in Paris, in ganz +Frankreich, ja sogar in ganz Europa nachahmen +können. +</p> + +<p>Uiberall hat man da einen Haufen Wachen +aufgestellt, um für die Vortheile der +Pächter die Aufsicht zu tragen. Man erblicket +Ketten von Aufsehern, die sich von allen Seiten +die Hände reichen, am die Betrüger hindann +zu halten, und ihre Schlauigkeit zu überlisten. +Es besteht das innigste Band unter +den Rotten, welche die Grenzen und die +reichen Gesellschaften beschützen, die im Mittelpunkte +die Früchte ihrer Sorgen ärnten. +Könnte man diese Polizei nicht auch bei der +<!-- page 139 --> +Einrichtung, von der hier die Rede ist, sich +zum Muster nehmen? +</p> + +<p>Man bildete in den Hauptstädten Büreaux +von einer Anzahl unterrichteter Mädchen, +die im * * * sich Erfahrungen gesammelt +hätten. Sie wären weder die drei Grazien, +noch die neun Musen. So könnte man sie +aus vierzig, wie die Academie Française, +oder aus sechzig, wie die allgemeine Pachtung, +zusammensetzen. Den Eintritt dazu +hätten nur die besten Erfahrungen. Die Geübtesten +in den Geschäften des Magazins, +die Vertrautesten mit den Kennzeichen des +Betrugs, und also die bei allem Scharfsinne +der Schleichhändler Geschicktesten, sie +zu entdecken. +</p> + +<p>Nach Art dieses Hauptamts bildete man +sonderheitliche in den Städten der Provinz, +und auf allen Strassen; welches zwischen dem +Haupte und den Gliedern eine eben so nützliche +<!-- page 140 --> +als lehrreiche Korrespondenz unterhalten +würde. Diese fruchtbaren Versammlungen +hielten alle Tage des Morgens und Abends +ihre Sitzungen. Jeder Fremde, der an der +Gränze ankommt, wäre gehalten, da seinen +Ausweis zu machen. +</p> + +<p>Hier würde er ohne Schonung untersuchet. +Man würde ihm nach seinem Zustande, +einen Geleitsbrief ausfertigen, oder die verbotene +Waare unter Siegel verzeichnen, damit +man nicht eher davon Gebrauch machen +könne, bis sie im Rekonwaleszentenhause, +wohin sie abgegeben würde, ausgeräuchert +wäre. +</p> + +<p>Von dieser Zeremonie wäre das schöne +Geschlecht nicht ausgenommen. Anfangs +würde sie lästig scheinen; man würde sich +aber bald daran gewöhnen. Hat man sich +doch gewöhnt, vor jedem Thore grobe, und +manchmal treulose Hände ins Felleisen spazieren, +<!-- page 141 --> +alles darinn umkehren, und was da +verschlossen war, oft unwiederbringlich verderben +zu sehn. Es würde nicht lange brauchen, +um sich zu gewöhnen, linke Hände zu +fühlen, die eine lange Uibung abgerichtet +hätte, noch dazu ihre Berührungen angenehm +zu machen. +</p> + +<p>Es ist anzumerken, daß man durch eine +solche Zusammensetzung eines Amtes von aufgeklärten, +und dafür bekannten Frauenzimmern +den Ungemächlichkeiten vorbeugen würde, +die aus jeder andern Administrazion entstünden. +Kein Frauenzimmer dürfte sich schämen, +der Untersuchung von Personen ihres +Geschlechts zu unterliegen; und man würde +keine Mannsperson finden, die sich weigern +möchte, sich vor den Augen eines von seiner +Erfahrung so berufenen Tribunals zu produziren. +Es fände sich also ganz keine Schwierigkeit. +Die Schamhaftigkeit, und Gesundheit +der beyden Geschlechte wäre dadurch in +<!-- page 142 --> +Sicherheit vor den Anstössigkeiten, die das +eine kühn, oder das andere schüchtern machen +könnten. +</p> + +<p>Das ist also der Entwurf meines Projektes. +Ich unterziehe es den Einsichten der +Politiker, die in unserm philosophischen Jahrhunderte +so zahlreich geworden sind. Ich +kann versichern, daß ich einzig das allgemeine +Beste und das Wohl der ganzen Welt, die +mein Vaterland geworden ist, zum Augenmerke +hatte. Ich wünsche, daß er unter die Hände von +Leuten komme, die an der gehörigen Stelle sitzen; +wünsche, daß ihr persönliches Interesse sie +bestimme, sich seiner anzunehmen, und dem +allgemeinen Frommen Hand zu bieten. +</p> + +<p>Was Sie betrifft, mein Fräulein, wenn +man ihn je annimmt, so wird man nie vergessen, +daß es Ihr Namen war, unter welchem +er zum erstenmal erschien. Ganz Paris +wird Sie laut zur Annahme einer Stelle +<!-- page 143 --> +auffodern, deren Ihre Bemühungen sie schon +so würdig machten. Mit einer unnennbaren +Freude werde ich an der Spitze des erlauchten +Senats, wovon ich den Plan entwarf, +Sie glänzen sehn. Sie werden die Aufseherinn +von den Waffen Zylherens, und die +Wegweiserinn des Amors werden. Sie +werden die Jugend lehren, ohne Gefahr auf +dem stürmischen Ozean der Vergnügungen +zu segeln, indem Sie ihr mit der Geschicklichkeit, +die ihnen die Erfahrung giebt, das +Steuerruder lenken. Sie werden ihr zeigen +den Klippen auszuweichen, die Ihres Gleichen, +wie ein großer Mann sagt, oft durch +ihre Schiffbrüche bezeichnet haben. +</p> +<!-- page 144 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-18"> +<span class="centerpic"><img src="images/ornament.jpg" alt="Ornament" /></span> +Ein Brief +als ein +Supplement +zu diesem Werke.</h2> + +<p class="address">An M. L. A * * *.</p> + +<h3 class="sub">Uiber die Ursachen, die zu der schrecklichen +Vermehrung der Kakomonade +beitragen.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">B</span>isher, lieber Freund, hab ich nur gescherzet. +Lachend schrieb ich die Geschichte +von einer der größten Geißeln des menschlichen +Geschlechtes. Es ist sehr seltsam, daß +die Gewohnheit es nur den Aerzten erlaubt, +davon ernsthaft zu reden, und daß, in der +feineren Welt, die üble Laune nicht die Wirkung +<!-- page 145 --> +einer Ursache sein kann, die doch so sehr +dazu gemacht ist, sie hervor zubringen. +</p> + +<p>Sehr zuverlässig ist dieß die Folge jenes +seltsamen Durcheinanders, den man in unsern +Sitten und Gewohnheiten wahrnimmt. +Sobald Jemanden das Fieber befällt, sobald +er schlecht geschlafen hat, oder einen Abend +nicht mit der gewöhnlichen Leichtigkeit ausspuckt; +gleich sind mit dem nächsten Morgen +die Bedienten von allen vier Winden in Bewegung; +sein Thürepocher kommt nimmer +zur Ruhe, und sein Portier hat nicht Worte +genug, für all die höflichen Bothen, die aus +ganz Paris ihn zu fragen kommen, wie der +Herr diese Nacht sich befunden habe. +</p> + +<p>Ward nun aber der nämliche Mensch +das Spiel einer jungen Spitzbübinn, — und +ach! wie viel giebt es ihrer! — Bleiben ihm +nagende Erinnerungen eines zärtlichen Rendezvous; +sieht er sich bei dem Abschiede aus den +<!-- page 146 --> +Armen der Venus gezwungen, einen Gott +um Hilfe zu flehen, der bei den Alten die +Gnaden der Göttinn austheilte, der aber +bei uns zu nichts weiter dient, als sie uns +aus dem Gedächtnisse zu bringen; da sieht +man ihn ohne alle Unruhe erbleichen, abzehren, +und versiechen. Er muß die Sorgfalt, +die er für seine Gesundheit trägt, verbergen, +gerade als ob es eine böse Handlung wäre; und +wenn irgend ein besonderer Freund ihn von Zeit +zu Zeit befragt, so geschieht dieß immer mit +einem spöttischen Mitleid, das ihn noch mehr +demüthigt, als selbst sein Zustand. +</p> + +<p>Ja, wird man sagen, das ist eine Frucht +der Ausgelassenheit. Die Schande ist ein +heilsamer Wermuth, den die Wohlanständigkeit +in dieselbe gießt, um sie den Unvorsichtigen, +die versucht werden, sie zu pflücken, +zu verleiden. Dieser scheinbare Widerspruch +ist ein Zug der Weisheit. Man +hat große Ursache, Krankheiten, die eine +<!-- page 147 --> +unzertrennliche Folge der Schwachheiten +der Natur sind, zu bemitleiden; aber auch +nur Verachtung gegen diejenigen blicken zu +lassen, die einen Mißbrauch ihrer Gutthaten +verkünden. +</p> + +<p>Ach! lassen Sie uns, mein lieber +Freund, diesem Gegenstande nicht ins Innre +dringen. Diese Frucht ist eine Geburt +der Ausgelassenheit, ich wills glauben, aber +sie muß dem Hundszahne gleichen, und +überall ohne Unterschied wachsen, wie dieses +Kraut, in einem bösen Erdreich sowohl, +als in einem guten. Man ärntet sie an so +vielen Orten, die das Wappen der Tugend +führen, daß man wahrhaftig auf nichts +schwören darf; und vorzüglich an derlei +Plätzen sind die Schilde betrügerisch. La +Fontaine sagte: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Unterm Jungfern-Unterröckchen kann</p> +<p class="line2">Eben so viel Schönheit wohnen,</p> +</div> +<!-- page 148 --> +<div class="poem"> +<p class="line">Als so mancher gute Ehemann</p> +<p class="line2">Findet unterm Hemde bei Madonnen.</p> +</div> + +<p class="noindent">Aber gestehn Sie es nur ein, daß es, wenigstens +in unsern Tagen, nicht die Schönheit +allein ist, die da allenthalben so gleich +ausgetheilt wohnt; und daß die Ungemächlichkeiten, +die sie furchtbar machen, mit +nicht weniger Gleichheit ausgetheilet sind. +</p> + +<p>Doch, das befremdet mich nicht, sondern, +worüber ich mich wundere, was ich +nicht begreife, ist die Sicherheit, mit welcher +wir mitten unter so vielen Gefahren leben. +Offenbar sehn wir die Kakomonade mit den +nämlichen Augen an, wie die angesteckten +Dünste zu Paris, die man daüberall einathmet, +und an die man sich, trotz ihrer Anpestung, +gewöhnet: allein zwischen ihnen beiden +herrscht ein himmelweiter Unterschied. +</p> + +<p>Wenigstens trägt die Polizei doch einige +Sorge, um das letztere zu mindern: Man +<!-- page 149 --> +kehrt die Gassen: man schafft den Mist weg; +die Arbeit eines Tages macht das verschwinden, +was die Verzehrung eines Tages von +Unreinigkeiten hinterlassen hat. Aber ists +mit dem andern Gegenstande auch so? Leider! +nein. In Rücksicht desselben trägt man +entweder gar keine Sorge, oder die, die man +dafür hat, ist so schwach, daß sie, anstatt +dem Uibel abzuhelfen, nicht einmal im Stande +ist, seinen weitern Umsichgriffen Einhalt +zu thun. +</p> + +<p>Unterdessen ist es hohe Zeit, daß die +Regierungen aus der Lethargie, worinn sie +über diesen Artikel zu liegen scheinen, erwachen. +Mit welcher Ruhe sehn sie nicht +das Uibel sich reißend um sie her verbreiten! +Die Bevölkerung, von dieser Pest +bis auf die Wurzeln angegriffen, verwelkt und +vertrocknet. Man kann es merken, wie +das menschliche Geschlecht an Anzahl und +Stärke abnimmt, Uiberall findet man unzählige +<!-- page 150 --> +Menschen, mit denen es soweit kam, +daß sie die traurigen Gedenkzeichen von den +Graden ihrer Prüfung, die sie seit ihrer Kindheit +gleich den Metallen durchwandelten, welche +die Chemie, so bald sie aus dem Schmelztigel +kommen, durch gewaltsame Operazionen +entnaturt, ihr ganzes Leben hindurch behalten. +</p> + +<p>So lange die Krankheit nur in den +Städten herumgieng, war diese Nachlässigkeit +noch einiger Maaßen zu entschuldigen. +Aufgeklärte Politiker konnten weniger davor +erschrecken, so lange sie nur müssigen Güterbesitzern, +oder unarbeitsamen Bürgern drohte. +Vieleicht dürfte man sich noch itzt nicht +sehr entrüsten, wenn sie sich inner die Mauern +der Städte beschränkte, wenn sie sich begnügte, +daselbst die Ausschweifungen einer +herabgewürdigten Jugend, oder eines schwärmerischen +Alters zu strafen. Sie griffe dann +nur Menschen an, die dieses Namens nicht +<!-- page 151 --> +werth sind, und dieß wäre für das menschliche +Geschlecht ein kleiner Verlust. +</p> + +<p>Aber zum Unglücke bindet sie sich hieran +nicht; und fällt sehr oft in die Dörfer hinaus. +Da greift sie unsern armen Stamm +unter dem Strohdach an, das doch noch etwas +seinen Adel, und seine Kraft erhält. +Sie findet keine Schwierigkeit, sich da niederzulassen. +Die Unwissenheit, und vor allen +die Armuth erleichtern die Gefälligkeiten, +durch die sie sich fortpflanzt, und verbannen +hiemit die Mittel, die sie unterdrücken könnten. +</p> + +<p>Die Zeit ist vorbei, wo man das Land +als den Freiort der Unschuld, als die Zufluchtsstätte +schuldloser Ergötzungen ansehn konnte. +Mit Rechte lobten unsre alten Dichter seine +Schönheiten, und Annehmlichkeiten; sie +rühmten die Sicherheit der Wälder, die es +umgeben; das Grün der Matten, die es +<!-- page 152 --> +schmücken; die Klarheit der Gewässer, die +es befeuchten, die Blüthe der Nymphen, die +es verschönern. Die unsrigen sieht man so +was nicht mehr thun. +</p> + +<p>Nicht, als ob wir nicht auch noch Wälder, +Gewässer, Matten, und Nymphen hätten: +aber bei uns ists keine Diana mehr, die +in unsern Wäldern jaget; keine Venus mehr, +die sich in unsern Bächen bespiegelt; keine +Flora, die in ihrem Laufe auf dem Grase +ausglitscht. Die Stelle dieser Göttinnen hat +die Kakomonade eingenommen. Alles, was +vormals diente, die Vergnügungen, zu umschleiern, +und zu vergrößern, dient nun unter +ihren Händen zu nichts mehr, als nur +die Gelegenheiten zur Reue zu vermehren; +und wenn noch ein kühner Faun es wagt, +die Schäferinnen ins Gehölze zu verfolgen, +so fühlt er sich bald mit einer ganz andern +Wunde geschlagen, als wie sie Amors Pfeile +schlugen. +</p> +<!-- page 153 --> + +<p>Welche Macht könnte doch eine so traurige +Metamorphose in Gegenden verursachen, +die von dem Verderbnisse so entfernt +sind? Wie kann da jenes der Schein der Tugend +verhüllen, was anderswo nur die Folge +der Ausgelassenheit ist? Wie geht es doch +zu, daß oft die Simplizität selber denen gefährlich +wird, die sich schmeicheln, sie zu +mißbrauchen? Man kann hiervon drei sehr +dunkle, aber sehr wirksame Ursachen angeben, +welche die Hauptbeweggründe der Verwüstung +sind, welche die Kakomonade auf dem +Lande hervorbringt. +</p> + +<p>Die erste davon ist jene ungeheure Anzahl +Kinder, die mit jedem Tage aus den +großen Städten fortziehn, um sich auf viele +Meilen in die Runde, auszubreiten. Sie begehren +da von ihnen gemietheten Nährmüttern +jenen Beistand, den ihnen die Eltern, +von denen sie das Leben haben, versagen. +Dieß ist oft ein Glück für sie. Sie würden +<!-- page 154 --> +das Leben, das sie erst empfiengen, bald verlieren, +wenn man sie nicht hurtig aus dem +angepesteten Schoosse entfernte, in welchem +sie es schöpften: aber dieses Glück wird sehr +traurig für den mitleidigen Schooß derjenigen, +die sich würdigen, sie zu sich aufzunehmen. +</p> + +<p>Für die Milch, die sie daraus saugen, +strömen sie das Gift darein, vor dem sie +ihre Unschuld nicht retten konnte. Mit diesem +Augenblicke wird die eheliche Zärtlichkeit +ein Netz, worinn der Gatte sehr bald +sich fängt. Er wird zum Zeitvertreibe mit +einer Seuche behaftet, die er nicht fürchten +konnte, da sie für ihn mitten in den Armen +der Weisheit, und der Fruchtbarkeit entsproß. +Wenn sich die Merkmaale davon sehen +lassen, so hält die Schamhaftigkeit öfters +ihre Entdeckung zurück, und fast immer steht +die Dürftigkeit der Abhilfe derselben im Wege. +Die Nothwendigkeit einer mühsamen +<!-- page 155 --> +Arbeit vermehret und verschlimmert die +Symptomen derselben. Die Schwachheit, +die die Einen mit sich bringen, macht, daß +die Früchte der andern nicht hinreichen werden. +Die Bedürfnisse vervielfältigen sich nach +dem Maaße, nach welchem die Kräfte sich +verlieren; endlich, wenn die armselige Familie +eine Zeitlang in Elend und Verzweiflung +geschmachtet hat, erwartet sie in irgend +einem Siechenhause ihre Vernichtung. +</p> + +<p>Nicht ein Zug ist hier übertrieben, sondern +es ist dieß ein sehr wahres, ein sehr lebhaftes +Gemälde von dem, was sich alle Tage +um uns herum zuträgt. Man findet keinen +Dorfpriester, keinen Landjunker in den +Provinzen, der nicht die Wahrheit davon erkennte. +Dieß ist die Gestalt der ersten Quelle +der Entvölkerung der Dörfer, welche die +Krankheit, von der hier die Rede ist, verursacht. +</p> +<!-- page 156 --> + +<p>Doch, es sind es nicht die Kinder in der +Wiege allein, durch die sie sich da einschleicht. +Auch jene parfümirten Puppen, jene fünf +und zwanzigjährigen Greise, welche ein +grausames Loos bei Zeiten reich, und zu +müssigen Herren gemacht hat, müssen ihr +mittelbar zu ihren Absichten dienen. Sie +führen öfters die Langeweile, die sie aufzehrt, +die Eckelhaftigkeit, die ihnen das +Herz abdrückt, auf ihren Landgütern mit +sich spazieren. Aus Furcht, sie möchten in +diesem neuen Aufenthalte sich selbst gelassen +sein, sind sie sehr besorgt, all den Prunk, +und Firlefanz des Luxus, der sie in den +Städten, aus denen sie sich flüchten, tödtet, +mit sich dahin nachzuschleppen. +</p> + +<p>Ein zahlreicher Hofstaat, eine prächtige +Equipage ist ihr Geleite bis in die Mitte der +ländlichen Einfalt. Es gefällt ihnen, ihre +groben, und verbordirten Bedienten, die +sie schlecht bedienen, mitten unter demüthigen, +<!-- page 157 --> +und mit Kütteln angethanen Landleuten, +die sich nur von ferne sie anzublicken, getrauen, +glänzen zu sehn. Es ist ihnen lieb, +in den Vorzimmern ihrer Lustschlösser mehr +unnütze Thunichtse zu zählen, als sie arbeitsame +Unterthanen auf dem Felde haben. +</p> + +<p>Dieses lächerliche Großthun, dieser unerträgliche +Stolz wäre doch noch ein leidliches +Uibel, wenn es nichts weiter schadete, +als die Kleingeistigteit des Ortsherrn zu +nähren. Aber was ihn erst wirklich schrecklich +macht, ist dieß, daß er die Zügellosigkeit +der Bedienten begünstigt, und die Folgen +davon ins Unendliche vermehret. Die +Kakomonade macht sie zu neuen Prometheussen, +die sie mit ihrer Fackel bewaffnet; auf +ihren Befehl ziehn sie aus, die Bildsäulen, +womit das Land erfüllet ist, mit einer verderblichen +Flamme zu beleben, die sie nicht +von den Strahlen der Sonne entwendet +haben. +</p> +<!-- page 158 --> + +<p>Die drei Viertheile der Menschen, die +sich bei uns zur Dienstbarkeit verschreiben, +sind durch ihren Stand Müssiggänger, und +aus Noth Hagestolze. Eine vollkommene +Unabhänglichkeit ist das erste Bedingniß, +welches der Luxus fordert, um sie zu den +Würden der Livree zuzulassen, und er +macht diese Forderung nur, um sie sich selbst +zum Opfer zu bringen. Er will die Herrschaft +über seine Unterthanen mit Niemandem +theilen. Er macht Ansprüche über Sklaven +zu gebieten, die außer ihm keinen Herrn +haben sollen. Er meint sich hierdurch Unruhen +zu ersparen. Er bildet sich ein, sich +dadurch eines hurtigern Dienstes, einer genaueren +Treue zu versichern. +</p> + +<p>Ich weis nicht, ob er es damit wohl +macht; was ich gewiß weis, ist, daß dieser +Haufen arbeitloser, einsamer Bedienten, +überall, wo er sie nur zu finden glaubt, Gesellschaften +aufsucht. Ihr Temperament treibt +<!-- page 159 --> +sie zu lebhaften Vergnügungen, und ihr Anzug +bringt sie in Gesellschaften, wo ihnen +diese leicht gemacht werden. Von dieser +Seite der Wonnen des Ehestandes beraubt, +von der andern zur Ausübung seiner Geschäffte +eingeladen, überlassen sie sich einem +Umgange, der ihnen seine Vergnügungen +gewährt, ohne seine Beschwerden zu haben. +In diesem schändlichen Mißbrauche der Kräfte +der Natur folgen sie den Absichten, und +oft dem Beispiele ihrer Herren. +</p> + +<p>Ihr gegenwärtiges Bedürfnis macht sie +taub für die Folgen der Zukunft. Man +weis, was man, von der Gattung Weibsleute, +auf die sie sich beschränken müssen, zu +erwarten hat, und in kurzer Seit erlangen +sie die Erfahrung davon. Dadurch werden +sie kecker, so, wie ein Mensch, dessen Kleid +schon einmal durchnäßt ist, sich desto weniger +gegen den Regen sperret. Die Kraft ihrer +Jugend erhält sie eine Zeitlang. Die +<!-- page 160 --> +Schuldigkeit, vor der Herrschaft zu erscheinen, +oder gar die Mittellosigkeit, wehrt es +ihnen, auf ihre Heilung zu denken. Sie +müssen ihrem Herrn überall, wo es seine +Kaprize immer hin will, folgen, und man +stellt sich auf seinen Wink, es mag um den +Körper stehn, wie es wolle. So ist indessen +der Trupp beschaffen, mit welchem der +Reiche sich brüstet, auf seiner Herrschaft zu +erscheinen, wenn er sich würdigt, sie mit +seiner Gegenwart zu beehren. +</p> + +<p>Ist er nun einmal auf dem Dorfe, so +sind seine Bedienten, in der Kleidung oft +besser bestellt, als er, Leute von Wichtigkeit. +Ihre Borden werden nun ein Ehrenzeichen. +Sie behaupten unter diesen Leuten +ohne Widerspruch den vornehmsten Rang, +und ziehen alle Augen auf sich. Das Prächtige +ihres Anzugs, ihr Bau, der Vorrang, +den sie über die Landleute affektiren, +unterwirft ihnen sehr bald die Mädchen +<!-- page 161 --> +auf dem Lande, die auf alles aufmerksam +sind. +</p> + +<p>Und dann wehe der Tugend, die sich +mit einem Bißchen Reiz, und Anmuth waffnet; +wehe der Unschuld, welche die Jugend +schmücket, und welche die Grazien dieses +Alters vielmehr schwächen, als beschützen! +Wie bald ist sie verführt, und vergiftet! +Die ihrer genoß, — nichts bleibt der Unglücklichen, +außer ein unaustilgbarer Jammer, +und schändliche Schmerzen. Ihr Ende +ist — sie bringt, oft ohne es selbst zu +wissen, dem Hymen Blumen zu, die auf +ihrem Erdreiche nicht wachsen sollten, und +die die Liebe auf ewig verbannen, und es +ist noch ein Glück; wenn sie der Versuchung +nicht nachgiebt, in die Stadt zu ziehn, um +mit den Reizen, die sie zu Grunde gerichtet +haben, ein Gewerbe zu treiben, und die +Folgen ihrer Schwachheit mit dem Publikum +zu theilen! +</p> +<!-- page 162 --> + +<p>So arbeiten denn ungeheure Armeen, +unter der Uniforme der Sklaverei, daran, +in den Schlund der Hauptstädte das Gift, +das darinnen gähret, zurück zu gießen, und +in diesem Geschäfte muß man ihnen noch eine +andere Klasse von Sklaven beigesellen, +die an sich selbst edler, obgleich in der Sache +selbst sehr wenig in Betrachtung gezogen +sind; jene Automaten muß man ihnen zugesellen, +die mit zu dem Machwerk eines so +genannten Regimentes gehören, und derer +Ressorts, wenn sie einmal zugenommen haben, +ihnen eine ziemliche Geschicklichkeit geben, +eine gewisse Anzahl Bewegungen zu +machen, die unter dem Namen Exercizien +bekannt sind. +</p> + +<p>Diese, begabt mit der ausschließenden +Befugniß, eine Flinte, oder eine Bajonette +zu führen, haben noch in einem höheren +Grade jene, überall die traurigen Geschenke, +von denen wir sprechen, anzunehmen, +<!-- page 163 --> +und mitzutheilen Durch ihre Mitwirkung +dringet sich die Kakomonade in die entlegensten +Provinzen ein. Sie eröffnen ihr einen +Weg in Gegenden, wohin selbst das Gold +kaum einen Eingang findet. +</p> + +<p>Offenbar sind dieses Laster, die sie gegen +das menschliche Geschlecht begehn; doch +läßt es sich schwer entscheiden, ob sie dabei +mehr strafbar, als unglücklich sind. Gewiß +ists, daß der Ehestand für den Soldaten sich +nicht schicke. Noch gewisser, daß der Zölibat +ihm die Ausschweifung nothwendig macht. +Nicht weniger gewiß ists, daß diese Ausschweifung +für ihn, und für alle Länder, +die er durchzieht, die schrecklichsten Folgen +habe. Um sich davon zu überzeugen, darf +man nur den Zustand der Plätze, wo Krieg +ist, und ihre Gegenden umher betrachten. +</p> +<!-- page 164 --> + +<p>Täglich schleicht sich da, trotz aller Wachen, +die ihn beobachten, ein verkappter +Feind hinein. Er herrscht da mit größerer +Macht, als die Statthalter des Königs. Die +Wachsamkeit derselben, ihn hindanzuhalten, +ist unnütz. Er ist sogar mit den Offizieren, +die man dahin beordern könnte, verstanden. +Uiber dieß, wie wollte man junge Leute +hindern, sich einem Gelüste zu ergeben, das +der Müssigang, aus dem sie sich eine Ehre +machen, bei ihnen genährt hat? Wie wollte +man Begierden unterdrücken, die ein, lange +Zeit, bezähmtes Temperament, oder die +Gewohnheit der Ausschweifung wüthig gemacht +hat? Weder die Bestrafung so einer +Unglücklichen, die sie anpestet, noch die +langwierigen Peinen, womit sie die Schwachheit +eines Augenblicks abbüssen müssen, werden +sie je vor dem Rückfalle bewahren. Ein +Soldat glaubt, er sei da, um des Gegenwärtigen +zu genießen: seine Bestimmung ist, +den Gefahren Trotz zu bieten, und er rechnet +<!-- page 165 --> +sichs zum Verdienste an, ihnen in jeder +Gestalt zu trotzen. +</p> + +<p>Was noch trauriger ist: da sich der +Soldat so selbst verderbt, verderbt er auch +andere mit. Er erhält, wie Midas, die +Eigenschaft, allem, was er berührt, die +Kraft, die er empfangen hat, mitzutheilen. +Und so wird eine Armee selbst in Feindes +Lande dadurch viel verderblicher, als die +schrecklichste Verwüstung des Krieges. Nicht +das, was sie daraus fortträgt, sondern das, +was sie darinnen läßt, schlägt ihm eine unheilbare +Wunde. +</p> + +<p>Wahr ists; sie empfängt dafür bald ihre +Strafe. Das Weibervolk dieses Landes +bewaffnen sich ihrerseits gleichfalls mit der +Plage, die sie verletzet hat, wie Montesquieus +Präsident vom Despotismus sagt, +daß er sich mit seinen eigenen Ketten bewaffnet, +und dadurch desto schreckbarer wird. +<!-- page 166 --> +Damit, schlagen, sie bei ihrem Durchmarsche +die Soldaten, die sich davor verwahrt, oder +davon entlediget haben. Dieser mörderische +Kriegslauf unterhält unter den Truppen +eine weit furchtbarere<a id="corr-8"></a> Pest, als die best +eingerichtete Artillerie. +</p> + +<p>Auch dieses wissen alle, die die letzten +Feldzüge mitgemacht haben. Die deutschen +Bauerndirnen waren, wie die römischen +Frauen, die sicherste Vormauer ihres Vaterlandes +geworden. Die Gefälligkeit der +kirre gewordenen Hessinnen war mehr zu +fürchten, als das Schwert ihrer vaterländischen +Helden. Eine einzige Westphälerinn +brachte mehr Unordnungen aus, und +füllte die Spitäler mehr an, als die Armee +von einem ganzen Detachement Hanovrianer. +</p> + +<!-- page 167 --> + +<p>Lieber Freund, sehen Sie hier wirkliche, +offenbare Thatsachen, an denen sich nicht +zweifeln läßt. Sie geschehn vor unsern Augen, +und leider! sind der Zeugen nur zu +viele, die die Wirklichkeit davon bestättigen +können. Unter allen den Reformazionsgegenständen, +womit man sich in diesem philosophischen +Jahrhunderte beschäftigt, ist +vielleicht dieser der einzige, woran man nicht +denkt, da er doch wahrlich der allerwesentlichste +ist. Die übrigen interessiren nur die +moralische Glückseligkeit der Menschen, indeß +dieser sich mit ihrer phisischen Existenz +befaßt. Die Mißbräuche bei den Finanzen +und in der politischen Verfassung werden +ganz gewiß übertrieben. Die Uibel, die daraus +entstehn, lassen sich vielleicht bezweifeln, +oder es könnten wenigstens die Verbesserungen +derselben sehr leicht noch trauriger +ausfallen. Allein hier stehts mit der +Sache ganz anders. Das Uibel ist gewiß, +die Nothwendigkeit, ihm zu steuern, ist dringend, +<!-- page 168 --> +und die Anwendung des Heilmittels +dagegen wäre ohne Widerrede der nützlichste +Dienst, den man der Menschheit erzeigen +könnte. +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Fußnoten</h2> + +<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">1) Wörtlich geteutscht die kleine Pocke; +Die große Verole, ihre Schwester, von +der sichs hier eigentlich handelt, ist ein +Frauenzimmer von solcher Artigkeit, +daß sie sich immer balsamt, und parfümt; +und von solcher Ehrwürdigkeit, +daß sie auch den ausgelassensten Lüstling, +sobald er sie kennen lernt, voll Ehrfurcht +zurückhält, sich an sie zu wagen. +Anmerk. des Uibersetzers. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">2) Eine seltsame, dunkle Verkettung der +Gedanken! — Ich müßte zu weitläuftig +werden, und behalte mir vor, diese, und +die nachfolgenden Anmerkungen am Ende +des Werkchens auszuführen. Anm. +des Uibersetzers. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-3"><a href="#fnote-3">3) Sieh den Kandide, oder die beste Welt, +4. Kapitel. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-4"><a href="#fnote-4">4) (Anmerkung der Verleger). Im Manuskripte +steht ein kräftigerer Ausdruck. Sicher +ist er jener, der unter den Meistern dieser +Kunst wirklich gebraucht wird. Wir sehen +ihn hier verhüllet, und so bei, daß man ihn +nach der zerstreuten Ordnung seiner Bestandtheile +auch verkennen kann, wenn man will. +V. I. R. V. S. Wer seine Augen nicht darauf +wenden will, hat die Freiheit, ihn zu +übergehen: wer ihn hingegen ohne Schaudern +besichtigt, kann ihn durchaus an die Stelle +des Giftes setzen. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-5"><a href="#fnote-5">5) Sieh die gelehrte Abhandlung des Herrn +A * * de morbis veneris. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-6"><a href="#fnote-6">6) (Anmerkung der Verleger.) Wir dürfen nicht +bergen, daß dieses Vorgehen des Doktors +ziemlich offenbar demjenigen widerspricht, das +ihm sein Geschichtschreiber im 4. Kap. des Optimism +in den Mund legt. Dieser läßt Herrn +Pangloß mit den eignen Worten sagen, daß die +Türken, die Indianer, die Chineser, die Perser, +die Samiten die F — — noch nicht kennen; +sondern daß es nur lediglich einen zureichenden +Grund gebe, vermög welchen sie sie +in einigen Jahrhunderten kennen würden. Das +ist eine triftige Autorität. Indessen glaubten +wir doch nicht, daß sie der unsers Manuscripts +vorzuziehen wäre. Gott behüte, daß wir Herrn +Ralph eines Irrthums oder einer Untreue beschuldigen +wollten; aber die Memoires, nach +denen er gearbeitet hat, konnten nicht genau +seyn; und über dieß hatte auch sein Held zu +der Zeit, wo er ihn sprechen läßt, noch nicht +alle jene Einsichten erlangt, welche ihm neue +Reisen in der Folgezeit erworben haben. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-7"><a href="#fnote-7">7) Lettres de Gul Patin. let. 133. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-8"><a href="#fnote-8">8) Sieh die registres du Parlement & du Chatelet. +</a></p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt. +</p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Schreibweise und Interpunktion des Originales wurden weitestgehend erhalten. +Nur in wenigen, klaren Fällen wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li> Kanstantinopel — geändert in <a href="#corr-1"><i>Konstantinopel</i></a></li> +<li> kønnte — geändert in <a href="#corr-2"><i>könnte</i></a></li> +<li> Ungemächlichken — geändert in <a href="#corr-3"><i>Ungemächlichkeiten</i></a></li> +<li> ger — geändert in <a href="#corr-4"><i>der</i></a></li> +<li> dursuchte — geändert in <a href="#corr-5"><i>durchsuchte</i></a></li> +<li> drn — geändert in <a href="#corr-6"><i>den</i></a></li> +<li> Schlächtelchen — geändert in <a href="#corr-7"><i>Schächtelchen</i></a></li> +<li> fuchtbarere — geändert in <a href="#corr-8"><i>furchtbarere</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Kakomonade, by Simon Nicolas Henri Linguet + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAKOMONADE *** + +***** This file should be named 39043-h.htm or 39043-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/0/4/39043/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/39043-h/images/ornament.jpg b/39043-h/images/ornament.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bb352ea --- /dev/null +++ b/39043-h/images/ornament.jpg diff --git a/39043-h/images/title.jpg b/39043-h/images/title.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..0995050 --- /dev/null +++ b/39043-h/images/title.jpg |
