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+Project Gutenberg's Leibnitz' Monadologie, by Gottfried Wilhelm Leibniz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Leibnitz' Monadologie
+ Deutsch mit einer Abhandlung über Leibnitz' und Herbart's
+ Theorieen des wirklichen Geschehens
+
+Author: Gottfried Wilhelm Leibniz
+
+Contributor: Robert Zimmermann
+
+Translator: Robert Zimmermann
+
+Release Date: April 13, 2012 [EBook #39441]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNITZ' MONADOLOGIE ***
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+Produced by Jana Srna, Alexander Bauer and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.
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+
+
+
+
+ Leibnitz'
+ Monadologie.
+
+ Deutsch
+ mit einer Abhandlung über
+ Leibnitz' und Herbart's Theorieen
+ des
+ wirklichen Geschehens,
+ von
+ Dr. Robert Zimmermann.
+
+ Wien.
+ Braumüller und Seidel.
+ 1847.
+
+
+ Gedruckt bei J. P. Sollinger.
+
+
+
+
+ Sr. Excellenz
+ dem hochgeborenen Herrn
+ Hieronymus Grafen von Lützow
+ Dreylützow und Seedorf
+
+Vicepräsidenten des k. k. General-Rechnungs-Directoriums, Commandeur des
+österr. kaiserl. königl. Leopold-Ordens (S. C. E. K.), k. k. wirkl. Geh.
+Rath und Kämmerer, Protectors-Stellvertreter bei der wechselseitigen
+Capitalien- und Renten-Versicherungsanstalt in Wien, stiftenden Mitglied
+der Gesellschaft des Vereines zur Ermunterung des Gewerbsgeistes,
+wirklichen Mitglied der Gesellschaft des vaterländischen Museums in
+Böhmen, Ehrenmitglied des pomologischen und des Schafzüchtervereins,
+Mitglied des Vereins zur Beförderung der Tonkunst und des nied. österr.
+Gewerbvereins, Herrn der Herrschaft Lochowic in Böhmen &c. &c. &c.,
+
+ ehrfurchtsvoll zugeeignet
+ vom Verfasser.
+
+
+
+
+Noch vor ganz kurzer Zeit dachte man, wenn von deutscher Philosophie die
+Rede war, beinahe ausschließlich an =Kant= und seine Nachfolger, mit
+welchen das Licht in der Finsterniß aufgegangen sei. Was vor ihm auf
+diesem Felde geschehen, ignorirte man entweder ganz, oder man glaubte es
+mit dem Namen =Wolffianismus= und =Dogmatismus= hinlänglich abgefertigt
+zu haben. Selbst =Leibnitz=, dem es Manche nicht verzeihen konnten, daß
+er französisch geschrieben, war zu großem Theile Tradition. Seine
+Monaden waren populär, seine Theodicée nannte man hie und da; von seinem
+bedeutenden Einfluß auf die Folge- und Neuzeit war wenig die Rede.
+=Kant= galt allgemein für die Pforte deutscher Weltweisheit. Allein
+selbst dieser lief zuletzt Gefahr, über seinen Enkeln in den Winkel
+gestellt zu werden, und genoß, obgleich man ihm noch immer die Ehre
+anthat, ihn als Pförtner des philosophischen Hörsaales zu betrachten,
+kaum ein kärgliches Gnadenbrot.
+
+Dies hat sich im letzten Decennium mit Einemmale geändert. Eine
+plötzliche bibliographische Thätigkeit ist über die Literatur gerathen;
+der Deutsche sammelt von allen Seiten die Schätze, die er sonst
+bisweilen sorglos unbeachtet gelassen, mannigfache Editionen
+vergriffener Meisterwerke aller Art und jeder Zeit werden veranstaltet,
+und, den ungünstigsten Fall angenommen, haben diesem literar-historischen
+Treiben auch die beiseitegelegten Schriften der vorkantischen
+Periode die Aufmerksamkeit zu danken, die man von Neuem
+ihnen zugewendet. =Leibnitz=' philosophische Werke erschienen zum ersten
+Mal vollständig gesammelt von =Erdmann=; =Guhrauer= schrieb dessen
+Biographie und gab seine deutschen Schriften heraus; eine Auswahl seiner
+historischen Manuscripte ist auf dem Wege. Sogar =Wolff=, der lang
+verunglimpfte, gescholtene, der ehrliche =Wolff= _par excellence_
+gelangte wieder zu Ehren; wenigstens gab =Wuttke= dessen interessante
+Selbstbiographie heraus und verspricht eine ausgewählte Gesammtausgabe
+seiner zahllosen Schriften. Die Scholastiker werden aufgesucht,
+gesichtet, und Männer der äußersten Linken wie =Feuerbach= halten
+=Leibnitz= und =Bayle= der ausführlichen Würdigung und Besprechung
+werth. Auch die mehrfachen Gesammtausgaben von =Kant=, die nun
+vollendete von J. G. =Fichte=, die =Auerbach='sche Uebersetzung
+=Spinoza='s, die Ausgaben =Mendelssohns= gehören hieher.
+
+Es ist möglich, daß hieran das reinhistorische Interesse, das Agens
+unserer Zeit, das nicht immer nach dem Werthe, sondern nach dem Namen
+wählt, bisher den größten Antheil hat, es wäre sonst kaum zu begreifen,
+wie man so plötzlich sollte zur Erkenntniß gekommen sein, nachdem man
+das Alte so oft geschmäht, verachtet, an den Pranger gestellt hatte;
+aber daß es das historische Interesse allein gewesen sein sollte, ist
+doch unwahrscheinlich. Auch innere Gründe, in der Natur der Sache selbst
+gelegene, müssen mitgewirkt haben, und wenn nichts Anderes, so verräth
+die Rückkehr zu den alten verlassenen Wohnsitzen wenigstens, daß den
+Heimkehrenden in den prunkenden Luftschlössern der Speculation, mit
+welchen sie sich so viel gewußt, nicht heimisch geworden sei. Nachdem
+sie lang im süßen Wahne gelebt, endlich den Stein der Weisen gefunden zu
+haben, stiegen auch daran Zweifel auf, und in dem so entstandenen
+Schwanken und Suchen nach Wahrheit greifen sie endlich auch nach den
+verrußten Repositorien, die sie so oft in die Rumpelkammer verwiesen zu
+haben sich gerühmt hatten.
+
+Noch vor einem Jahrzehend gab es eine Schule in Deutschland, welche sich
+mit stolzem Selbstvertrauen die herrschende nannte; im gegenwärtigen
+Augenblick ist diese Schule zerstreut, und von Gegnern überflügelt,
+deren Ansichten sie für längst überwunden erklärt hatte. Es gibt keine
+herrschende Schule mehr. Monadisten, Monisten und Dualisten stehen sich
+streitend gegenüber, fast eben so, wie vor anderthalb Jahrhunderten
+=Leibnitz=, =Spinoza= und =Descartes=. Der Idealismus und die
+Identitätsspeculation scheinen ihre Rolle ausgespielt, das Denken
+besonnener, ruhiger, praktischer geworden, scheint Lust zu haben, zum
+Realismus zurückzukehren, um wenigstens einen sichern Boden unter den
+Füßen zu fühlen. Eine _révolution conciliatrice_ prophezeit =Willm= in
+Straßburg in seiner Preisschrift: »_De la philosophie allemande, qu'il
+est impossible de caractériser tant que Mr. de Schelling n'aura pas
+achevé l'oeuvre du système definitif, qu'il a promis à l'Europe_.« Der
+bisherige Erfolg desselben scheint nicht zu verrathen, daß es das
+künftige Schiboleth ausmachen werde. Jene Revolution erwartet der
+Franzose von dem Realismus =Herbart='s, der auch seinerseits zum Beweise
+dienen kann, wie sich ähnliche Ruhepunkte im Laufe des philosophischen
+Gedankenganges wiederholen. Gegenwärtig hat der philosophische Kreislauf
+sein Ziel erreicht, er ist in seinen Anfang zurückgekehrt; das wäre eine
+traurige Erfahrung, wenn es sich buchstäblich so verhielte. Allein auch
+wenn dem so wäre, und der menschliche Geist wäre auf einem seit siebzig
+Jahren mit dem angestrengtesten Eifer verfolgten Wege am Ende nur zu der
+Ueberzeugung gelangt, einen Irrweg eingeschlagen zu haben, ohne darum
+den Muth zu verlieren, unverdrossen und der erlangten Uebung froh, einen
+neuen vom Anfang zu beginnen: so wäre dieser kraftvolle Vorsatz um so
+viele Aufopferung nicht zu theuer erkauft.
+
+Selbst wenn die besondere Veranlassung des im Jahre 1846 gefeierten, und
+auch in =Wien= durch die Stiftung der Akademie der Wissenschaften, eines
+Lieblingsgedankens des großen Mannes, verherrlichten zweihundertjährigen
+Geburtsfestes =Leibnitz=', nicht hinzukäme, so dürfte dennoch in einem
+Zeitpunkte der Art ein Versuch, durch Herausgabe eines seiner
+wichtigsten Schriftchen ein Schärflein zum Verständniß alter und neuer
+Richtungen beizutragen, um seiner selbst willen Nachsicht und
+Entschuldigung verdienen. Niemand ist dazu besser geeignet, als eben
+dieser allumfassende Denker, welcher den sich anfeindenden Parteien des
+Idealismus und Realismus gleich nahe steht, in dem sich die Keime aller
+seiner Nachfolger und die Spuren aller seiner Vorgänger finden. Während
+seine angebornen Ideen und sein Hauptsatz: _nihil est in intellectu,
+quod non fuerit in sensu, nisi ipse intellectus_, sich in =Kant= zum
+Kategorienschema ausbildeten, erschien =Fichte='s streng teleologische
+Weltordnung als eine natürliche Tochter der =Leibnitz='schen Monade,
+darin sich das Universum spiegelt, und gerade so und nicht anders
+spiegeln muß, soll der höchste Zweck des Menschen, den der Idealismus in
+die Selbstständigkeit, =Leibnitz= aber in die Beförderung des
+allgemeinen Wohles setzte, erreicht werden. Bei =Herbart= endlich taucht
+das ganze Monadensystem mit seiner indifferenten Vielheit und
+wechsellosen Starrheit wieder auf, an der Stelle des bildlichen
+Spiegelns sich blos eines anderen Hilfsmittels, der zufälligen Ansichten
+bedienend. Daß sich von der Identitätsphilosophie wenig bei =Leibnitz=
+findet, ist leicht begreiflich; denn er, dem die Mystiker ein Gräuel
+waren, war auch der Alleinheitslehre so abhold, daß er =Spinoza='s Werke
+noch in späteren Jahren als _absurdité_ bezeichnete. Trotzdem hat sich
+=Feuerbach= bemüht, auch in ihm die Embryonen des künftigen Pantheismus
+und Synkretismus nachzuweisen; ob mit Recht, davon kann sich Jeder
+überzeugen, dem auch nur flüchtig die Hauptumrisse seines großartigen
+Baues bekannt sind.
+
+Keines seiner Werke bietet dazu eine bessere Gelegenheit, als das
+nachstehende, dessen Uebersetzung, seit 126 Jahren wieder die erste(1),
+dem Publicum geboten wird. Während er in den meisten seiner anderen
+Schriften einen bestimmten Gegner oder eine besondere Richtung vor Augen
+hat, gegen die er ankämpft oder sich vertheidigt, wodurch selbst seine
+Hauptwerke, die _Theodicée_ und die _nouveaux essais_, nicht weniger als
+die zahlreichen Flugschriften einen polemischen Anstrich und ein
+persönliches Gepräge erhalten, das dem allseitigen Gesichtspunkte und
+allgemeineren Verständnisse des Gegenstandes häufig nachtheilig werden
+kann, gibt er in dieser trefflichen Abhandlung einen vollständigen
+Ueberblick seines gesammten Systemes, läßt ganz allein die Sache selbst
+reden, unbekümmert um fremde Meinung und Ansicht, und entwickelt so den
+großartigen Prachtbau seiner Weltansicht, an dem zwar das unbefangene
+Auge manche Risse und Spalten entdeckt, dessen Fundamente aber ewig
+bleiben werden, und der in seiner genialen Unvollendung dem Torso
+gleicht, den kein Bildhauer zu ergänzen wagte. Was er sonst häufig nur
+aphoristisch hinwarf mitten unter fremde, bestrittene und geduldete
+Ideen, oder als geistreiche Axiome aufstellte, seine tiefsten
+zerstreuten Gedanken und scharfsinnigsten Combinationen, das sammelte er
+hier wie in einem Brennpunkte, in dem, am Ende eines der Wissenschaft
+und der Welt wie kein anderes gewidmeten Lebens, alle Strahlen seines
+Geistes und Wissens zusammenflossen. Er selbst äußert sich über das
+Verhältniß dieser seiner Schrift zu seinen übrigen auf ähnliche Weise in
+einem Briefe an seinen Freund =Remond de Montmort=(2) mit welchem er die
+Zusendung des Manuscripts an denselben begleitete: »_J'ai espéré, que ce
+petit écrit contribuerait à mieux faire entendre mes méditations en y
+joignant ce, que j'ai mis dans les journaux de Leipsic, de Paris et de
+Hollande. Dans ceux de Leipsic je m'accomode assez au langage de
+l'école, dans les autres je m'accomode davantage au stile des
+Cartésiens, et dans cette dernière pièce j'ai tâché de m'exprimer d'une
+manière, qui puisse être entendue de ceux, qui ne sont pas encore trop
+accoûtumés au stile des uns ou des autres._«
+
+ (1) So war es, als diese Worte geschrieben wurden. Gerade als diese
+ Schrift in die Druckerei abging, kamen dem Verfasser die
+ Gelegenheitsschriften zur 200jährigen Geburtsfeier =Leibnitz=' in die
+ Hände. Unter ihnen fand sich in =Schilling='s »=Leibnitz= als Denker«
+ die Uebersetzung der Monadologie nach =Erdmann='s Ausgabe. Da der Herr
+ Verfasser indeß sich nicht auf die Vergleichung der verschiedenen
+ Ausgaben einläßt, so dünkte uns die nachstehende Uebersetzung noch
+ immer nicht überflüssig.
+
+ (2) Den Jüngeren. Es gab zwei Brüder dieses Namens, die beide mit
+ =Leibnitz= im Briefwechsel standen. Der ältere, =Pierre=, war ein
+ ausgezeichneter Mathematiker und lebte von 1678 bis 1719 zuerst als
+ Canonicus, dann als Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Von 11
+ Briefen, die =Dutens= unter dem Namen der =Montmort='s aufführt, ist
+ nach =Guhrauer='s Ansicht nur die _lettre VIII. Opp. o. ed. Du. V.
+ p. 29_ an ihn gerichtet, die übrigen an seinen Bruder. Dieser war
+ Secretär des Herzog-Regenten von Orleans und ein eifriger Freund der
+ Philosophie. =Leibnitz= schätzte ihn sehr hoch.
+
+Unbefangen von Vorurtheilen, frei von Systemisirungssucht und
+unwissenschaftlicher Pedanterei, will er von Unbefangenen gelesen und
+hofft von solchen verstanden zu werden. Nicht die Wahrheit einer
+gewissen Schule, die Wahrheit selbst wollte er lehren und vertheidigen,
+und wie er für seine eigene Person keiner Schule angehörte, hat er auch
+keine hinterlassen. Dafür ist er auch nicht der einzige redliche
+Wahrheitsforscher geblieben, der noch bis auf die neueste Zeit von der
+vornehmen Abgeschlossenheit der Männer von Fach und Kaste an den
+schlichten, befangenheitslosen Sinn des einfachen Gebildeten appelliren
+muß, um die Gerechtigkeit zu finden, die von den literarischen
+Sternkammern ihm vorenthalten wurde. Unwissenschaftlichkeit und falsche
+Popularitätssucht wird das Bestreben gescholten, auch solche Wahrheiten,
+die man noch nicht streng bewiesen in ein System einzureihen vermocht,
+auf das philosophische Gebiet zu ziehen. Lieber soll man engherzig und
+eitel genug sein, nicht einzugestehen, es gebe noch gar Manches, dessen
+Grund wir nicht erkennen, dessen Wahrheit aber gleichwohl evident, und
+dessen Kenntniß nutzbringend für uns ist. Wir sind überzeugt, daß es für
+jede Wahrheit, sobald sie dies wirklich ist, sie stehe noch so scheinbar
+isolirt und unvereinbar mit anderen da, einen Platz in der Wissenschaft
+gibt, an welchen sie eingereiht und ihre Verbindung hergestellt zu
+werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil
+es unmöglich ist, daß eine Wahrheit jemals der anderen widerspreche. Ein
+übereilter Schluß aber dünkt es uns, aus dem bisherigen Mißlingen,
+irgend einen Satz auf directem Wege aus einem anderen abzuleiten,
+kurzweg die Unvereinbarkeit desselben mit den Uebrigen zu folgern, und
+einen von beiden für irrig zu erklären.
+
+Leider begegnete dieser Fall auch Leibnitz, und dies mag zum Beweise
+dienen, wie verlockend die Versuchung sei. Sein Lieblingskind, die
+prästabilirte Harmonie -- man könnte sie mit einem kostbar ausgemauerten
+Marmorteiche vergleichen, den ein König erbaute, um einen Gießbach
+aufzufangen, über den er mit dem Zehntheil der Kosten keine Brücke zu
+schlagen wußte -- die prästabilirte Harmonie bleibt ein immerwährendes
+Denkmal des Fehlschlusses: es gebe keine äußere Wirksamkeit, kein
+thätiges Leben und Schaffen in dieser Welt einfacher Monaden, weil ein
+solches aus den vorausgesetzten Principien direct abzuleiten nicht
+möglich war. Diesen letzteren zu Gefallen widersprach er lieber der
+eigenen Ueberzeugung und machte die augenscheinlichste Thatsache der
+Erfahrung zum Irrthum, blos weil er keine apriorische Deduction
+derselben zu geben im Stande war. Um seinem eingebildeten Grundsatze
+treu zu bleiben, verbannte er sogar die in seinem eigenen Systeme
+liegenden Antriebe hiezu, die ihn bei einer glücklichen Wendung seines
+Gedankenganges auf einen, der Wahrheit wenigstens sehr nahe zu liegen
+scheinenden Weg gebracht haben müßten. Was ihm nicht gelungen war,
+gelang späteren monadistischen Denkern nicht in höherem Grade. Wie und
+mit welchem Erfolge sie es versuchten, haben wir bei der Wichtigkeit des
+Gegenstandes in einer eigenen, am Schlusse hinzugefügten Abhandlung
+darzustellen uns erlaubt. Wir glaubten, es dabei als einen Act der
+Pietät gegen den großen Denker ansehen zu dürfen, auf die in seinen
+eigenen Gedanken liegenden Keime hinzudeuten, welche bei längerem
+Verweilen und sorgfältigerer Beachtung eine Verstand und Herz mehr
+befriedigende Lösung anzubahnen versprechen. Inwiefern es uns gelungen
+ist, dieselben anschaulich zu machen, müssen wir der Prüfung Anderer
+überlassen.
+
+Nach dieser kurzen Rechtfertigung des Unternehmens erübrigt uns noch die
+nöthigen literar-historischen Notizen über die nachstehende Schrift, wie
+wir sie =Guhrauer='s und =Erdmann='s gründlichen Forschungen verdanken,
+hinzuzufügen. =Leibnitz= verfaßte das Original der Monadologie in
+französischer Sprache, wie der oben angeführte Brief uns lehrt, während
+seines Aufenthaltes in Wien in den Jahren 1713 und 1714 zunächst für den
+Gebrauch und auf Veranlassung des großen =Eugen=. Der Brief ist von Wien
+datirt am 26. August 1714. Er sagt darin: _Maintenant je vous envoie un
+petit discours, que j'ai fait ici pour le prince Eugène de Savoie sur ma
+philosophie._ Des Prinzen Interesse an Wissenschaft und Kunst, die er
+nicht blos aus Liebhaberei, sondern aus wahrer Liebe pflegte, ist
+bekannt und seine noch vorhandene Büchersammlung in der k. k.
+Hofbibliothek zu Wien, wie seine reichen Kunstschätze geben genügendes
+Zeugniß davon. Neben mathematischen und Kriegswissenschaften liebte er
+die Philosophie und er konnte, sagt =Guhrauer=, wie Alexander sich
+glücklich schätzen, daß zu seiner Zeit ein Aristoteles gelebt habe. Er
+verschloß, fährt =Leibnitz=' Biograph fort, die philosophische Schrift,
+die =Leibnitz= für ihn aufgesetzt hatte, wie eine seiner größten
+Kostbarkeiten und war zu eifersüchtig darauf, sie auch nur zu zeigen.
+Demungeachtet ist die Schrift verloren gegangen, und unter den
+prachtvollen rothen und blauen Maroquinbänden des Prinzen, die einen
+abgesonderten Theil der kaiserl. Hofbibliothek zu Wien ausmachen, findet
+sich keine Spur mehr von dem schlichten Manuscripte des deutschen
+Gelehrten. Ja nicht blos die dem Prinzen geschenkte Abschrift, sondern
+das Original der Abhandlung selbst schien bis auf die neueste Zeit, wo
+es =Erdmann= wieder auffand, von dem Erdboden verschwunden.
+
+Oeffentlich erschien die Schrift zuerst vier Jahre nach =Leibnitz=' Tode
+in deutscher Sprache unter dem Titel: »Des Herrn Gottfried Wilhelm von
+=Leibnitz= Lehrsätze über die Monadologie; ingleichen von Gott und
+seinen Eigenschaften, seiner Existenz und der Seele des Menschen. Aus
+dem Französischen von H. =Köhler=. Jena (nach Anderen: Frankfurt am
+Main) 1720.« Derselbe =Köhler= gab in demselben Jahre auch =Leibnitz='
+Streitschriften mit =Clarke= in deutscher Uebersetzung heraus. Jene
+Ausgabe, die sehr selten geworden zu sein scheint, ist mir nicht zu
+Gesichte gekommen. Christian =Wolff= bevorwortete sie und 1740 erschien
+eine neue Auflage von derselben durch =Huth=. In welchem Verhältnisse
+sie zu der Handschrift =Leibnitz=' selbst stand, ist mir nicht bekannt.
+Wenn es aber wahr ist, was =Erdmann=, der sie gesehen hat, behauptet,
+daß die lateinische Uebersetzung in den _Actis eruditorum_ nur eine
+Version der deutschen Uebersetzung sei, so müssen schon in ihr hie und
+da Abweichungen stattgefunden haben. Diese lateinische Uebersetzung
+erschien unter dem Namen: _G. G. Leibnitzii principia philosophiae in
+gratiam principis Eugenii conscripta_ in den _actis eruditorum
+Lipsiensium, Suppl. tom. VII. 1721 sect. XI. p. 500-514_. Sie ist die
+bekannteste. Völlig gleich mit ihr lauten die Abdrücke bei: _M. G.
+Hansch: Principia philosophiae Leibnitzii geometrico modo demonstrata.
+Francofurthi. Monath 1728_, und _Lud. =Dutens=: Principia philosophiae
+seu theses in gratiam principis Eugenii in Leibnitzii Opera omnia.
+Genevae de Fournes. 1768. tom. II. pag. 20-31_. Nachdem der Urtext auf
+der k. Bibliothek zu Hannover unter Fascikeln alter Schriften wieder
+entdeckt, und auf diese Weise vor fernerer Verwechslung mit einem zuerst
+1718 publicirten, stellenweise gleichlautenden Schriftchen: _Principes
+de la nature et de la grâce_ gesichert worden, nahm ihn =Erdmann= zuerst
+in seine Ausgabe: _Leibnitzii opera omnia philosophica (Berolini,
+Eichler, 1840) tom. II. Seite 704-712_ unter dem ursprünglichen Titel:
+_la Monadologie_, wieder auf. Diesen Text haben wir unserer Uebersetzung
+zu Grunde gelegt. Die mehr oder minder wichtigen Abweichungen, die sich
+zwischen ihm und den lateinischen Ausgaben finden, sind unter demselben
+getreulich angegeben. Woher diese rühren, ist zweifelhaft. Möglich, daß
+es verschiedene Handschriften von =Leibnitz= selbst gab, nach deren
+einer die deutsche Uebersetzung, die Mutter aller übrigen, gefertigt
+worden. Keinesfalls sind die Varianten bedeutend und bestehen meist in
+geringfügigen Zusätzen. Der wichtigste ist jener §. 33 über die
+zufälligen Wahrheiten. Von größerem Interesse, besonders für die
+Geschichte der Philosophie, sind die Parallelstellen aus der Theodicée,
+die =Leibnitz= mit eigener Hand am Rande des Originals bemerkt hat. Doch
+nahm der Uebersetzer Anstand, dieselben beizufügen, weil sie theils
+einen sehr ausführlichen Commentar verlangt haben würden, theils längst
+verlebte Ansichten und Meinungen betreffen. Desto lebhafter müssen wir
+wünschen, daß recht viele Freunde der Philosophie sich durch die
+Verdeutschung des Werkchens bewegen ließen, einer Schrift ihre
+Theilnahme zu schenken, welche der große Eugen so hoch hielt, daß er,
+wie der Graf Bonneval erzählt, sie den Freund nur küssen ließ und dann
+wieder in sein Kästchen einschloß, wie Alexander die göttlichen Gesänge
+des mäonidischen Sängers.
+
+=Wien=, im Juni 1846.
+
+
+
+
+Leibnitz' Monadologie.
+
+(_La monadologie_; _Monadologia seu principia philosophiae in
+gratiam principis Eugenii conscripta_.)
+
+
+1.
+
+Die Monade, von der wir hier sprechen werden, ist eine einfache
+Substanz, welche Verbindungen mit andern eben solchen zu
+zusammengesetzten Substanzen eingeht; einfache, d. i. ohne Theile.
+
+
+2.
+
+Einfache Substanzen muß es geben, weil es zusammengesetzte gibt; denn
+das Zusammengesetzte ist nichts, als eine Anhäufung oder ein
+_aggregatum_ von Einfachem.
+
+
+3.
+
+Wo keine Theile sind, da ist auch keine Ausdehnung, keine Gestalt, keine
+mögliche Theilbarkeit; die Monaden sind die wahren Atome der Natur, mit
+Einem Worte, die Elemente der Dinge.
+
+
+4.
+
+Eine Auflösung in Theile ist bei ihnen niemals zu befürchten; so wenig,
+als sich überhaupt eine mögliche Art und Weise erdenken läßt, auf welche
+eine einfache Substanz dem Naturlaufe gemäß zu Grunde gehen könnte.
+
+
+5.
+
+Gleich undenkbar ist es aus demselben Grunde, daß eine einfache Substanz
+auf natürlichem Wege irgend einen Anfang nehme; weil sie ja nicht durch
+Zusammensetzung gebildet wird.
+
+
+6.
+
+Anders als plötzlich kann daher die Existenz der Monaden weder anfangen
+noch enden; sie muß beginnen durch einen Act der Schöpfung (_création_),
+aufhören durch einen Act der Vernichtung (_annihilation_); während das
+Zusammengesetzte sich Theil um Theil bildet oder zu Grunde geht.
+
+
+7.
+
+Zu erklären, wie es möglich sei, daß eine Monade in ihrem Innern durch
+eine andere einen Wechsel oder eine Veränderung erfahre, haben wir
+durchaus kein Mittel. Denn es läßt sich weder aus der einen in die
+andere etwas übertragen, noch in dieser letzteren durch die erstere eine
+innerliche Bewegung erzeugen, die von außen geweckt, geleitet, vermehrt
+oder vermindert werden könnte, wie dies bei zusammengesetzten Dingen
+möglich ist, wo die mehreren Theile eine Vertauschung oder Verschiebung
+unter einander gestatten. Die Monaden jedoch haben keine Fenster, durch
+welche irgend etwas ein- oder auszutreten vermöchte. Die Accidenzen
+dürfen sich von ihren Substanzen nicht ablösen, wenn sie nicht haltlos
+im leeren Raume, etwa wie die sichtbaren Schemen (_espèces_) der
+Scholastiker herumflattern sollen. Weder Substanz noch Accidenz kann von
+außen her Eingang in eine Monade finden.
+
+
+8.
+
+Indeß müssen die Monaden nothwendig auch Qualitäten an sich haben, sonst
+wären sie keine seienden Wesen (_êtres_; _entia_). Unterschieden sich
+die einfachen Wesen nicht durch ihre Qualitäten, so würde uns jedes
+Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen wahrzunehmen, weil
+dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den einfachen
+Bestandtheilen (_ingrediens_) herrühren kann. Die Monaden aber, sobald
+sie keine Qualitäten hätten, wären eine von der andern in gar nichts
+verschieden, weil sie nicht einmal der Quantität nach differiren
+könnten. Folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder Ort
+in der Bewegung beständig nichts anders als ein vollkommenes Aequivalent
+dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder Zustand der
+Dinge jedem andern in allen Stücken völlig gleich sein.
+
+
+9.
+
+Jede Monade muß verschieden sein von jeder andern. Denn schon in der
+Natur gibt es nicht zwei Wesen, die einander in allen Stücken völlig
+gleich und wo wir außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere
+Bestimmung sich gründende Verschiedenheit zu finden(3).
+
+ (3) In den lat. Ausg. lauten diese beiden Paragraphe wie folgt:
+
+ _VIII._
+
+ _Opus tamen est, ut Monades habeant aliquas qualitates, alias non
+ entia forent._
+
+ _IX._
+
+ _Imo opus est, ut quaelibet Monas differat ab alia quacunque. Neque
+ enim unquam dantur in natura duo entia, quorum unum ex asse convenit
+ cum altero et ubi impossibile sit, quandam reperire differentiam
+ internam aut in denominatione intrinseca fundatam. Quodsi substantiae
+ simplices etc. etc._ Eine Wortstellung und Capiteleintheilung, die von
+ dem französischen Originale stark abweicht.
+
+
+10.
+
+Für ausgemacht nehme ich an, daß jedes erschaffene Wesen, folglich auch
+die erschaffene Monade, ein Gegenstand der Veränderung, wie auch, daß
+dieser Zustand des Wechsels ein continuirlicher sei.
+
+
+11.
+
+Daraus folgt, daß die naturgemäßen Veränderungen der Monaden aus einem
+innern Princip in denselben abfolgen müssen, weil ja eine äußere Ursache
+keinen Einfluß auf das Innere der Monas auszuüben vermag.
+
+
+12.
+
+Es ist aber auch nothwendig, daß außer diesem allgemeinen Principe der
+Veränderlichkeit wirkliche besondere Veränderungen in jeder Monas
+vorhanden seien, und diese sind es, welche die specifische
+Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der Monaden unter einander
+begünstigen (_il faut, qu'il-y-ait un détail de ce qui se
+change ...._)(4).
+
+ (4) _Et generaliter affirmare licet, vim non esse nisi principium
+ mutationum._ Zusatz in den lat. Ausgaben.
+
+
+13.
+
+Dieses Besondere (_détail_) der Veränderung (in jeder einfachen Monas)
+umschließt eine Vielheit in der Einheit oder ein Vielfaches im
+Einfachen. Denn da jede natürliche Veränderung stufenweise vor sich
+geht, so ändert sich Einiges und Anderes bleibt, und dadurch entsteht in
+jeder einfachen Substanz eine Mehrheit von Zuständen (_affections_) und
+Beziehungen (_rapports_), ungeachtet sie keine Theile hat.
+
+
+14.
+
+Der vorübergehende Zustand, der eine Mehrheit in der Einheit oder
+Einfachheit umschließt und vorstellt, ist kein anderer, als den man
+gewöhnlich Vorstellung schlechtweg (_perception_, _perceptio_) nennt,
+und welcher, wie später klar werden wird, von der bewußten Vorstellung
+(_apperception_, _apperceptio_) unterschieden werden muß. Die
+Cartesianer haben hier arg geirrt, indem sie alle unbewußten
+Vorstellungen für ein Nichts erachteten. Dieser Irrthum machte sie dann
+glauben, die Geister allein seien wahre Monaden, die Thiere aber hätten
+keine Seelen, oder wenn man es so nennen will, Entelechieen. Deshalb
+verwechselten sie auch, wie das gemeine Volk, eine bloße lange Betäubung
+mit dem Tode im strengsten Sinn des Worts, und verfielen zugleich in das
+scholastische Vorurtheil von dem Vorhandensein gänzlich isolirter
+Seelen, was manches geängstigte Gemüth im Glauben an die Sterblichkeit
+der Seelen noch bestärkte.
+
+
+15.
+
+Jene Thätigkeit des innerlichen Princips, welche die Veränderung oder
+den Uebergang von einer Vorstellung zur andern bewirkt, kann Begehren
+(_appetition_) heißen. Es ist zwar wahr, daß das Begehren nicht immer
+zum Besitze der ganzen Vorstellung gelangt, auf welche es hinzielt, aber
+es erreicht doch immer etwas und kommt zu neuen Vorstellungen.
+
+
+16.
+
+Wir selbst machen die Erfahrung des Vorhandenseins einer Vielheit in der
+einfachen Substanz, sobald wir an uns wahrnehmen, daß auch der kleinste
+Gedanke, dessen wir uns bewußt werden, noch eine Mannigfaltigkeit in
+seinem Objecte enthalte. Wer immer daher nur die Einfachheit der
+Substanz zugesteht, kann nicht umhin, auch die Vielheit in der Monas
+anzunehmen und =Bayle= hätte hierin keine so bedeutenden Schwierigkeiten
+suchen sollen, wie er es in seinem Wörterbuche (Art. =Rorarius=) gethan
+hat(5).
+
+ (5) Ueber diese Einwürfe =Bayle='s vgl. die Abhandlung am Schlusse.
+ Dieser =Rorarius=, geb. zu Pordenone in Friaul um das Ende des 15ten
+ Jahrhunderts, war Nuntius des Papstes =Clemens= VII. am Hofe König
+ Ferdinand's von Ungarn. Einst äußerte Jemand in seinem Beisein,
+ Carl V., der damals zur Zeit des schmalkaldischen Kriegs auf dem
+ Gipfel seiner Macht stand, komme an großartigen Eigenschaften weder
+ den Ottonen noch Friedrich Barbarossa gleich. Mehr bedurfte es nicht,
+ um den =Rorarius= zu einem Buche zu veranlassen, worin er mit großem
+ Aufwand von Gelehrsamkeit zu beweisen suchte, die Thiere seien
+ vernünftiger als die Menschen und eine Menge Tatsachen aufhäufte, die
+ den Kunstfleiß der Thiere und die Bosheit des Menschen darthun sollen,
+ das aber, wie =Bayle= meint, gar nicht übel geschrieben gewesen sein
+ soll.
+
+
+17.
+
+Andererseits muß man gestehen, daß die Vorstellungen, und Alles, was von
+ihnen abhängt, aus mechanischen Gründen, dergleichen körperliche
+Gestalten und Bewegungen sind, unmöglich erklärt werden können. Man
+stelle sich eine Maschine vor, deren Structur so eingerichtet sei, daß
+sie zu denken, zu fühlen und überhaupt vorzustellen vermöge und lasse
+sie unter Beibehaltung derselben Verhältnisse so anwachsen, daß man
+hinein, wie in das Gebäude einer Mühle eintreten kann. Dies
+vorausgesetzt, wird man bei Besichtigung des Innern nichts Anderes
+finden, als etliche Triebwerke, deren eins das andere bewegt, aber gar
+nichts, was hinreichen würde, den Grund irgend einer Vorstellung
+abzugeben. Die letztere gehört ausschließlich der einfachen Substanz an,
+nicht der zusammengesetzten, und dort, nicht hier, muß man sie suchen.
+Auch sind Vorstellungen und ihre Veränderungen zugleich das Einzige, was
+man in der einfachen Substanz antrifft.
+
+
+18.
+
+Den Namen der Entelechieen könnte man allen einfachen Substanzen
+beilegen, denn alle tragen in sich einen gewissen Grad von Vollkommenheit
+(ἔχουσι τὸ ἐντελές) und ihr vollkommenes Sichselbstgenügen (αὐτάρκεια,
+_suffisance_) macht sie zu Urhebern ihrer eigenen innern Thätigkeiten,
+so zu sagen zu unkörperlichen Automaten.
+
+
+19.
+
+Kommen wir überein, Seelen alles dasjenige zu nennen, dem in
+obenerklärtem Sinne die Fähigkeit des Vorstellens und Begehrens zukommt,
+so sind alle einfachen Substanzen oder geschaffenen Monaden Seelen.
+Allein da Empfindung schon etwas mehr ist, als eine bloße Perception
+schlechtweg, so bin ich der Meinung, für diejenigen einfachen
+Substanzen, welchen nur die letztere zukommt, reiche der Name: Monade
+oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für
+diejenigen vorbehalten werden, deren Vorstellungen deutlicher und vom
+Erinnerungsvermögen begleitet sind.
+
+
+20.
+
+Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in
+welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche
+Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder
+ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und
+ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer
+bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene
+Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene
+Kraft aus denselben emporzuraffen vermag.
+
+
+21.
+
+Hieraus folgt indeß ganz und gar nicht, daß die einfache Substanz,
+selbst so lange sie in diesen Zuständen befangen ist, jemals ohne
+Vorstellungen sei. Sie kann es nicht sein, schon aus den früher
+angegebenen Gründen nicht; denn sie kann weder zu Grunde gehen noch
+fortbestehen, ohne daß sie dadurch irgendwie afficirt würde, und eben
+diese Affection ist schon eine Vorstellung in ihr. Ist nun eine große
+Anzahl dergleichen, wenn auch nur schwacher und unbedeutender
+Vorstellungen zugleich vorhanden und befindet sich unter ihnen keine
+deutlich bestimmte, so verliert man (wie man zu sagen pflegt) den Kopf,
+gerade so, als hätte man sich mehrmahl nach einander und beständig nach
+derselben Seite hin im Kreise gedreht, wo uns dann der Schwindel
+ergreift, und die Sinne so vergehen, daß wir nichts deutlich
+unterscheiden. In einen Zustand dieser Art versetzt die thierischen
+Organismen für eine gewisse Zeit der Tod.
+
+
+22.
+
+Weil ferner jeder gegenwärtige Zustand einer einfachen Substanz
+nothwendigerweise eine Folge ihrer sämmtlichen vorhergehenden Zustände
+und die Gegenwart daher (so zu sagen) die schwangere Mutter der Zukunft
+ist:
+
+
+23.
+
+so ist es offenbar, daß die Seele, die, sobald sie einmal aus der
+Betäubung wieder erwacht, sogleich Vorstellungen in sich selbst als
+daseiend wahrnimmt, ihrer auch schon vor diesem Wiedererwachen, obgleich
+unbewußt, gehabt haben muß. Denn eine Vorstellung kann auf natürlichem
+Wege nicht anders entstehen, als wieder durch eine Vorstellung, so wie
+eine Bewegung nicht anders als durch eine andere vorangehende Bewegung
+dem Gange der Natur gemäß erzeugt werden kann.
+
+
+24.
+
+Hätten wir also nicht Vorstellungen von einem höheren Grade der
+Deutlichkeit, die gleichsam über die gewöhnlichen Perceptionen
+hervorragen, so würden wir uns ununterbrochen in einem Zustande der
+Betäubung befinden. Ein solcher ist aber der Zustand der gemeinen Monade
+fortwährend.
+
+
+25.
+
+Den Thieren dagegen hat die Natur schon höhere Vorstellungen verliehen,
+wie wir wenigstens aus der Sorgfalt schließen dürfen, mit der sie ihnen
+Organe zugetheilt hat, die dazu geeignet sind, theils reichlichere
+Lichtstrahlen, theils zahlreichere Luftschwingungen aufzunehmen, um
+durch diese Vereinigung größere Wirkungen hervorzubringen. Aehnlich
+verhält es sich mit ihrem Geruchs- und Geschmackssinne, mit ihrer
+Anhänglichkeit und vielleicht noch einer Menge anderer Sinne, die uns
+alle unbekannt sind. Wie aber die Vorgänge in der Seele jene in den
+Organen abbilden, werde ich sogleich auseinander setzen.
+
+
+26.
+
+Das Gedächtniß bringt die Seelenthätigkeiten in eine Art regelmäßiger
+Aufeinanderfolge, die der Vernunft sehr ähnlich sieht, aber von ihr
+unterschieden werden muß. So sehen wir, daß Thiere, sobald sie eine
+Vorstellung von Etwas haben, das ihnen auffällt, und wovon sie schon
+einmal eine ähnliche gehabt haben, auf dasjenige, was damals mit der
+ähnlichen Vorstellung verknüpft war, aufmerksam und auf diese Weise zu
+ähnlichen Empfindungen fortgeleitet werden, wie sie damals hatten. Zeigt
+man z. B. dem Hunde den Stock, so entsinnt er sich der Schmerzen, die er
+ihm einst verursachte, heult und läuft davon.
+
+
+27.
+
+Die heftige Einbildung, die ihm hier Schrecken einjagt und ihn
+aufscheucht, kommt entweder von der Stärke oder der Menge der
+vorhergehenden Vorstellungen. Oft bringt ein einziger starker und
+lebhafter Eindruck auf einmal die Wirkung einer langgehegten Gewohnheit
+oder vieler mit geringer Kraft, aber oft wiederholter Vorstellungen
+hervor.
+
+
+28.
+
+So lange nun die Aufeinanderfolge der Vorstellungen vom Gedächtnisse
+allein abhängt, handeln die Menschen wie die Thiere, ähnlich den roh
+empiristischen Aerzten, die ohne Theorie bloße Routine besitzen. In drei
+Viertheilen unserer Handlungen sind wir reine Erfahrungsmenschen.
+Behaupten wir z. B. es werde morgen wieder ein Tag sein, so urtheilen
+wir der Erfahrung nach, weil dies bisher immer so der Fall gewesen. Nur
+der Astronom fällt dieses Urtheil mit Bewußtsein der vernünftigen
+Gründe.
+
+
+29.
+
+Was uns von dem gewöhnlichen Thiere unterscheidet, ist allein die
+Erkenntniß der wirklich nothwendigen und ewigen Wahrheiten. Diese gibt
+uns Vernunft und Wissen, denn sie erhebt uns zur Erkenntniß Gottes und
+unser selbst. Diese allein auch nennen wir die vernünftige Seele in uns
+oder den Geist (_esprit_).
+
+
+30.
+
+Mittels der Erkenntniß der nothwendigen Wahrheiten und ihrer
+Abstractionen erheben wir uns endlich zu den Acten des reflectirenden
+Denkens, zum Gedanken des Ichs und zu der Betrachtung unseres Innern.
+Auf dem Wege des Nachdenkens über uns selbst gelangen wir dann zum
+Begriffe des Wesens, der Substanz, des Stofflosen (_immatériel_) und
+endlich Gottes selbst, indem wir einsehen lernen, daß was in uns
+beschränkt vorhanden ist, in ihm ohne Grenzen sei. Und dieses Denken
+verschafft uns die Hauptgegenstände unsrer weiteren Untersuchungen.
+
+
+31.
+
+Unsere Schlüsse stützen sich auf zwei Hauptgrundsätze: jenen des
+Widerspruchs (_principe de la contradiction_), kraft dessen wir
+dasjenige für falsch erklären, was einen Widerspruch enthält, und
+dasjenige für wahr halten, was dem Falschen entgegengesetzt oder
+widersprechend ist;
+
+
+32.
+
+und auf jenen des zureichenden Grundes (_principe de la raison
+suffisante_), kraft dessen wir schließen, daß keine Thatsache wahr oder
+wirklich, kein Satz wahrhaft sein könne, ohne daß ein hinreichender
+Grund vorhanden ist, warum es sich so und nicht anders verhalte,
+obgleich diese Gründe sehr häufig uns weder sämmtlich bekannt sind, noch
+es jemals werden.
+
+
+33.
+
+So gibt es auch zwei Classen von Wahrheiten, jene der Vernunft- und jene
+der Erfahrungswahrheiten (_verités de fait_). Die Vernunftwahrheiten
+sind nothwendig und ihr Gegentheil ist unmöglich, die Erfahrungswahrheiten
+zufällig und ihr Gegentheil möglich. Sobald eine Wahrheit
+nothwendig ist, lassen sich durch Analyse ihre Gründe auffinden,
+indem man sie in Begriffe (_idées_) und einfachere Wahrheiten
+auflöst, bis man zu den Grund- oder primitiven Wahrheiten gelangt(6).
+
+ (6) Die Stelle: »_Il-y-a aussi deux sortes des verités, celles de
+ raisonnement et celles de fait. Les verités de raisonnement sont
+ nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont
+ contingentes et leur opposé est possible_« fehlt in den lateinischen
+ Ausgaben.
+
+
+34.
+
+Auf ähnliche Weise führen die Mathematiker ihre speculativen Theorien
+und praktischen Canones auf Definitionen, Axiome und Forderungen
+(_demandes_) zurück.
+
+
+35.
+
+Endlich gibt es hier auch einfache Begriffe, von denen keine Definition
+möglich ist, ferner unbeweisbare Lehrsätze und Forderungen, mit Einem
+Wort, erste Grundsätze, bei denen ein Beweis weder möglich noch
+nothwendig ist, und dies sind die identischen Sätze, deren Gegentheil
+einen ausdrücklichen Widerspruch enthält(7).
+
+ (7) Die Stelle: »_dont l'opposé contient une contradiction expresse_,«
+ fehlt in den lateinischen Ausgaben.
+
+
+36.
+
+Ein solcher zureichender Grund muß sich aber auch bei den zufälligen
+oder Erfahrungswahrheiten aufzeigen lassen, d. i. in der
+Aufeinanderfolge der Dinge, die durch die geschaffene Welt ausgebreitet
+liegen. Wo nicht, so könnte die Auflösung in Theilgründe wegen der
+unendlichen Mannigfaltigkeit der Naturdinge und der unendlichen
+Theilbarkeit der Körper sich in grenzenlose Einzelnheiten verlieren. So
+gibt es eine Unzahl von Dingen und Bewegungen, die zusammengenommen die
+bewirkende Ursache meines gegenwärtigen Schreibens ausmachen, und ebenso
+eine unendliche Menge gegenwärtiger und vergangener Neigungen und
+Stimmungen meines Geistes, die alle zur Endursache desselben beitragen.
+
+
+37.
+
+Weil aber jede dieser Einzelursachen nur wieder weiter auf neue, noch
+mehr in's Einzelne gehende zufällige Ursachen führt, deren jede, um
+abermals begründet zu werden, einer ähnlichen Analyse bedarf: so kommt
+man damit allein nicht vorwärts, und der wahre zureichende Grund muß
+außerhalb der Reihe (_series_) der zufälligen Einzelursachen, die sich
+bis in's Unendliche fortsetzen kann, gelegen sein.
+
+
+38.
+
+Der letzte Grund der Dinge muß sich daher in einer nothwendigen Substanz
+vorfinden, in welcher sämmtliche Veränderungen formaliter
+(_éminemment_), als in ihrem Urquell, ihren Grund haben, und diese ist
+es, welche wir Gott nennen.
+
+
+39.
+
+Weil nun diese Substanz der zureichende Grund des Ganzen und dieses in
+allen seinen Theilen auf das Engste verbunden ist, so gibt es nicht mehr
+als Einen Gott, und dieser genügt.
+
+
+40.
+
+Ferner kann man schließen, daß diese letzte Substanz, einzig,
+allumfassend und nothwendig, wie sie ist, da sie nichts außer sich hat,
+das von ihr unabhängig wäre, und selbst nichts ist, als schlechthin die
+Folge der Möglichkeit ihres eigenen Wesens, auch keiner Grenzen fähig
+sein darf, und alle nur mögliche Realität besitzen muß.
+
+
+41.
+
+Hieraus folgt, daß Gott absolut vollkommen ist. Denn die Vollkommenheit
+ist nichts Anderes, als die Größe aller positiven Realität, absolut
+genommen, mit Beiseitesetzung aller Grenzen und Schranken der Dinge in
+der Welt. Und nur dort, wo es keine Schranken gibt, also bei Gott, ist
+die Vollkommenheit absolut unendlich(8).
+
+ (8) Die Stelle: »_la perfection est absolument infinie_,« fehlt in den
+ lateinischen Ausgaben.
+
+
+42.
+
+Ferner folgt daraus, daß die Geschöpfe ihre relative Vollkommenheit
+durch den Einfluß Gottes besitzen, ihre Unvollkommenheiten dagegen durch
+Schuld ihrer eigenen Natur, die sich der Schranken nicht zu entäußern
+vermag. Darin beruht ihr Unterschied von der Gottheit.
+
+
+43.
+
+Es ist ferner wahr, daß Gott die Quelle ist nicht allein des Seins
+(_existence_), sondern auch des Wesens (_essence_), so weit es wirklich
+(_réel_) ist; also dessen, was wirklich ist in der Möglichkeit (_réel
+dans la possibilité_). Denn der göttliche Verstand ist das Reich der
+ewigen Wahrheiten oder der Begriffe, von welchen diese beherrscht
+werden, so daß es ohne ihn nichts Reelles in der Möglichkeit, und nicht
+nur nichts Existirendes, sondern sogar nichts Mögliches gibt.
+
+
+44.
+
+Dabei versteht sich, daß, wenn es eine Realität gibt, in dem Wesen der
+Dinge oder in ihren Möglichkeiten, oder selbst in den ewigen Wahrheiten:
+diese Realität sich stützen muß auf etwas Existentes und Actuelles,
+folglich auf die Existenz des nothwendigen Wesens, in welchem die Essenz
+die Existenz einschließt, und für welches es hinreicht, möglich, um auch
+schon wirklich zu sein.
+
+
+45.
+
+Gott allein also (das nothwendige Wesen) hat das Privilegium mit
+Nothwendigkeit zu existiren, sobald er nur möglich ist. Und weil Niemand
+die Möglichkeit dessen läugnen wird, was weder von Schranken
+umschlossen, noch durch irgend eine Negation oder einen Widerspruch
+gestört wird, so reiche das Gesagte hin, Gottes Dasein _a priori_ zu
+erkennen. Wir haben dasselbe auch aus der Existenz der nothwendigen
+Wahrheiten bewiesen. Kurz zuvor aber auch _a posteriori_ aus dem Dasein
+zufälliger Dinge, die ihren letzten oder zureichenden Grund nur in jenem
+nothwendigen Wesen haben können, das den Grund seiner Existenz in sich
+selbst trägt.
+
+
+46.
+
+Dabei braucht man aber gar nicht, wie Einige gethan, sich einzubilden,
+die ewigen Wahrheiten seien, weil abhängig von Gott, auch willkürlich
+und seinem Belieben anheimgestellt, wie =Descartes= und nach ihm
+=Poiret=(9) geglaubt zu haben scheinen. Dies gilt nur von den zufälligen
+(_contingentes_) Wahrheiten, deren Princip die Zuträglichkeit
+(_convenance_) oder die Wahl des Besten ist, während die nothwendigen
+Wahrheiten einzig von seinem Verstande, dessen innere Objecte sie
+ausmachen, abhängen(10).
+
+ (9) Peter =Poiret=, geb. 1646 zu Metz, gehörte anfangs zu den
+ lebhaftesten Anhängern des =Cartesius=. Grund zu seiner Berühmtheit
+ legte er durch sein Werk: _Cogitationes rationales de anima et malo_,
+ Amsterdam 1685. Darin bewies er unter Anderem, daß eine Seele nie ohne
+ Körper sein könne, sondern jedesmal bei'm Austreten aus demselben
+ dasjenige Organ, mit welchem sie am innigsten und nächsten verknüpft
+ gewesen, ihr unmittelbares Seelenorgan, mit sich nehme. Von diesem
+ Satze machte er später mancherlei Anwendung, um die Transfiguration
+ u. A. auf natürliche Weise zu erklären. Zuletzt ward er ein eifriger
+ Vertheidiger der mystischen Schwärmerin Antoinette =Bourguignon=, und
+ suchte mit Hilfe jenes Satzes ihre Visionen zu vertheidigen. Deshalb
+ vielfach verfolgt und angegriffen, starb er endlich nach öfterem
+ Aufenthaltswechsel als Expfarrer zu Reimsberg bei Leyden 1719. =Bayle=
+ behandelt ihn als einen gelehrten, aber exaltirten Schwärmer, wie er
+ diesem scharfen Verstandesmenschen auch nicht anders erscheinen
+ konnte. Auch ist es Schade, daß er den wahren und folgenreichen
+ Gedanken, daß eine Seele, um zu wirken, eines Organs, und zwar eines
+ solchen, auf welches sie unmittelbar wirkt, bedürfe, eines solchen
+ daher zu keiner Zeit entbehren könne, durch seine Theilnahme an
+ mystischen Abenteuerlichkeiten verdächtigte und sich dadurch auch dort
+ um das Vertrauen brachte, wo er die Wahrheit sprach.
+
+ (10) Die Stelle: »_Dont le principe est la convenance ou le choix du
+ Meilleur_« fehlt in den lateinischen Ausgaben.
+
+
+47.
+
+So ist Gott allein die ursprüngliche Einheit oder die =einfache
+ursprüngliche= Substanz, deren Productionen alle abgeleiteten oder
+geschaffenen Monaden sind, welche, wenn man sich dieses Bildes bedienen
+darf, von Moment zu Moment durch beständige Ausstrahlungen
+(_fulgurations_) der Gottheit entstehen, welche in ihrer Thätigkeit nur
+durch die wesentlich begrenzte Empfänglichkeit der Creatur beschränkt
+wird.
+
+
+48.
+
+In Gott ist die Macht, die Quelle von Allem, was ist, die Erkenntniß,
+die den ganzen Umfang der Begriffe umfaßt, und endlich der Wille, der
+nach dem Princip der Wahl des Besten Veränderungen bewirkt und Neues
+schafft. Diese Eigenschaften entsprechen in Gott demjenigen, was in den
+Monaden das Subject oder die Grundlagen ausmacht, dem Vorstellungs- und
+Begehrungsvermögen. In Gott aber sind sie absolut, unendlich oder
+vollkommen, während sie in den Entelechieen oder geschaffenen Monaden
+(nach _Hermolaus Barbarus_ Uebersetzung: _perfectihabiis_) bloße
+Nachbildungen der Seinigen nach Maßgabe der jeweiligen Vollkommenheit
+der Monade sind.
+
+
+49.
+
+Das Geschöpf soll nach außen so viel thätig sein, als es Vollkommenheit
+besitzt, und von Anderen in gleichem Maaße leiden, als es unvollkommen
+ist. Man legt daher der Monade Thätigkeit (_action_) in dem Verhältnisse
+bei, als sie deutliche Vorstellungen hat, und Schwäche (_passion_) im
+Verhältniß, je nachdem diese verworren sind.
+
+
+50.
+
+Ein Geschöpf ist vollkommener als ein Anderes, sobald man an ihm etwas
+findet, was den vollständigen reinapriorischen Grund dessen abgeben
+kann, was an einem Anderen geschieht und deshalb sagt man, es wirke auf
+dies Andere.
+
+
+51.
+
+Aber unter den einfachen Substanzen herrscht nur ein idealer Einfluß
+einer Monade auf die andere, und dieser gelangt zu seiner Wirksamkeit
+nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes selbst, indem in
+seinem Gedankenkreise jede Monade mit Recht verlangen kann, daß er bei
+Anordnung und Regelung der übrigen von Anbeginn der Dinge her auch auf
+sie Rücksicht nehme. Denn da keine geschaffene Monade einen physischen
+Einfluß auf das Innere einer anderen nehmen kann, so bleibt dies als das
+einzige Mittel übrig, um die eine in der Abhängigkeit von der andern zu
+erhalten.
+
+
+52.
+
+Daher sind auch zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und
+Leiden wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache
+Substanzen vergleicht, in jeder derselben Gründe, die ihn bestimmen, die
+eine derselben der anderen anzupassen, woraus folgt, daß diejenige, die
+uns von einem Gesichtspunkte aus als thätig erschien, uns von einem
+anderen aus als leidend erscheinen kann; und zwar thätig, insofern
+dasjenige, was man an ihr deutlich zu erkennen im Stande ist, dazu
+dient, den Grund dessen abzugeben, was an der anderen vorgeht; leidend
+aber, insofern der Grund dessen, was so eben in ihr geschieht, in
+demjenigen anzutreffen ist, was so eben an der andern Monade mit
+Deutlichkeit unterschieden werden kann.
+
+
+53.
+
+Da es aber unter Gottes Vorstellungen eine unendliche Menge möglicher
+Welten gibt, und doch nur eine einzige davon zur Wirklichkeit gelangen
+kann, so muß es zu Gottes Wahl einen zureichenden Grund geben, der ihn
+zu der einen mehr als zu der andern bestimmte.
+
+
+54.
+
+Dieser Grund konnte sich nur in der Zuträglichkeit vorfinden, in den
+Stufen der Vollkommenheit, welche diese Welten besaßen, weil jede im
+geraden Verhältnisse ihrer größeren oder geringeren Vollkommenheit (mehr
+oder weniger) das Recht hat, eine ihr angemessene Existenz zu begehren.
+
+
+55.
+
+Dies ist die Ursache des Daseins der besten Welt, welche Gott vermöge
+seiner Weisheit erkannte, vermöge seiner Güte wählte, und kraft seiner
+Macht erschuf.
+
+
+56.
+
+Diese innige Verknüpfung (_liaison_) oder die (vollkommene)
+Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge mit jedem einzelnen und jedes
+einzelnen mit allen übrigen macht, daß jede einfache Substanz
+Beziehungen (_rapports_) an sich trägt, die ein Abdruck aller Uebrigen
+(einfachen Substanzen) sind, und folglich jede einzelne gleichsam als
+ein lebender immerwährender Spiegel des gesammten Universums erscheint.
+
+
+57.
+
+Und wie eine und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten angesehen,
+immer als eine andere, und gleichsam vervielfältigt erscheint, so kann
+es geschehen, daß wegen der unendlichen Menge einfacher Substanzen es
+eben so viele verschiedene Welten zu geben scheint, die, genauer
+besehen, nichts Anderes sind, als die verschiedenen Ansichten der
+einzigen von den verschiedenen Standpunkten der einzelnen Monaden
+angesehenen Welt.
+
+
+58.
+
+Hierin aber liegt das Mittel, die größtmögliche Mannigfaltigkeit und
+doch in der größtmöglichen Ordnung zu erhalten, oder, was dasselbe ist,
+der Weg, die größtmögliche Vollkommenheit herzustellen.
+
+
+59.
+
+Auch ist es nur diese Annahme allein -- ich wage es, sie für bewiesen zu
+halten(11), -- die das Ansehen der Größe Gottes, so wie es sich gebührt,
+wieder herzustellen vermag. Dies gesteht selbst =Bayle= und bemerkt zu
+seinen Einwürfen (_Dict. hist. crit. art. Rorarius_(12)) blos, ich weise
+Gott zu viel, und mehr als zu leisten möglich, zu. Aber er vermag nicht
+einen Grund beizubringen, warum diese allgemeine Uebereinstimmung
+(_harmonie universelle_), welche macht, daß jede Substanz mittels ihrer
+allseitigen Beziehungen ein Bild aller übrigen liefere, unmöglich sein
+sollte.
+
+ (11) Die Stelle: »_Que j'ose dire demontrée_,« fehlt in den latein.
+ Ausgaben.
+
+ (12) Vgl. die Abhandlung am Schlusse.
+
+
+60.
+
+Man sieht übrigens aus dem Gesagten die Gründe ein, warum der Lauf der
+Dinge gerade der und kein anderer sein kann, der er ist. Gott hat bei
+Anordnung des Ganzen ein Auge auf jeden Theil desselben, auf jede Monas
+insbesondere, deren einmal vorstellende Natur durch Nichts genöthigt
+werden kann, gerade nur eine bestimmte Partie der Dinge außer sich
+vorzustellen. Nichtsdestoweniger ist es klar, daß diese
+Gesammtvorstellung des ganzen Weltalls im Einzelnen nicht anders als
+verworren ausfallen und nur ein kleiner Theil der Dinge deutlich
+vorgestellt werden kann, nämlich derjenige, den jene Dinge ausmachen,
+welche jeder Monade die nächsten, oder im Vergleiche mit ihr die größten
+sind; sonst müßte jede Monade Gott sein. Die Beschränktheit der Monade
+liegt nicht in der Zahl der Gegenstände, welche sie vorstellt, sondern
+in der besonderen Beschaffenheit ihrer Kenntniß von denselben. Alle
+Monaden gehen auf die Erkenntniß des Unendlichen, des Ganzen aus, aber
+sie sind beschränkt und unterschieden von demselben durch die
+Deutlichkeitsgrade ihrer Vorstellungen.
+
+
+61.
+
+Hierin kommen zusammengesetzte und einfache Substanzen überein. Denn
+weil der ganze Raum erfüllt, daher alle Materie dicht ist, ferner im
+erfüllten Raume jede Bewegung auf entfernte Körper eine dieser
+Entfernung proportionirte Wirkung ausübt, so daß jeder Körper nicht nur
+von jenem Körper afficirt wird, der auf ihn wirkt, und gewissermaßen
+Alles mitempfindet, was diesem zustößt, sondern durch dessen Vermittlung
+auch an den Zuständen jener Körper theilnimmt, die mit dem ersten, von
+welchem er unmittelbar berührt wird, in Verbindung gerathen: so folgt,
+daß diese Mittheilung auf was immer für eine Entfernung hinaus sich
+fortpflanzen könne. Mithin empfindet jeder Körper Alles mit, was im
+ganzen Universum geschieht, und der Allsehende liest gleichsam in jeder
+einzelnen Monade, was in allen Uebrigen geschieht, geschah und geschehen
+wird. So nimmt er in der Gegenwart Dinge wahr, die der Zeit und dem Orte
+nach entlegen sind; ihm sind, wie =Hippokrates= sagte: σύμπνοια πάντα.
+Aber in sich selbst kann eine Seele nichts Anderes lesen, als was sie
+deutlich vorstellt. Daher kann sie auch nicht mit Einemmale alle ihre
+Bilder enthüllen, denn diese gehen in's Unendliche.
+
+
+62.
+
+Obgleich also jede geschaffene Monade das Universum vorstellt, hat sie
+doch eine deutlichere Vorstellung nur von dem Körper, der ihr selbst als
+Individuum angehört, und dessen Entelechie sie ist. Weil aber dieser
+Körper durch seinen Zusammenhang mit der den Raum erfüllenden Materie
+auch mit dem ganzen Universum in Verbindung steht, so stellt die Seele,
+indem sie ihren eigenen Körper vorstellt, das Universum selbst vor.
+
+
+63.
+
+Der Körper einer Monade, dessen Entelechie oder Seele sie ist, macht mit
+dieser Entelechie dasjenige aus, was man ein lebendes Wesen (_vivant_)
+nennen kann, mit einer Seele verbunden jedoch dasjenige, was wir ein
+Thier (_animal_) nennen wollen. Der Körper eines Lebendigen sowohl als
+der eines Thieres ist immer organisch, denn jede Monade ist in ihrer Art
+ein Spiegel des Universums; und weil dieses selbst nach einer
+vollkommenen Ordnung eingerichtet ist, so folgt, daß auch in den auf
+dasselbe bezüglichen Vorstellungen der Seele, folglich auch im Körper,
+als dem Mittel, mit Hilfe dessen die Seele das Universum sich vorstellt,
+eine solche herrschen müsse.
+
+
+64.
+
+Jeder derartige organische Körper eines lebenden Wesens ist eine Art
+göttlicher Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstliche
+Automaten unendliche Mal übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand
+hört in ihren kleinsten Theilen schon auf, Maschine zu sein, und der
+Zahn eines messingenen Rades z. B. hat Theile und Bestandstücke, die für
+uns nichts Kunstreiches mehr sind und nichts an sich tragen, was noch in
+Bezug zu dem Nutzen der Maschine stünde, zu welcher das Rad gehört. Die
+Maschinen der Natur dagegen, die lebenden Körper, sind noch bis in ihre
+kleinsten Theile, ja bis in's Unendliche herab Maschinen. Dies macht den
+Unterschied aus zwischen Natur und Kunst d. i. zwischen der göttlichen
+Kunst und der unseren.
+
+
+65.
+
+Der Urheber der Natur konnte dies göttliche und unendlich vollkommene
+Werk vollenden, weil jeder Theil der Materie nicht nur, wie schon die
+Alten erkannten, in's Unendliche theilbar, sondern auch wirklich ohne
+Ende in Theile und Theile der Theile untergetheilt ist, deren jeder
+eigene Bewegung hat. Sonst wäre es unmöglich, daß jeder Theil der
+Materie das ganze Universum darstellte.
+
+
+66.
+
+Hieraus sieht man nun, daß es noch in den kleinsten Theilen der Materie
+eine Welt von Geschöpfen, Entelechieen und Seelen gibt.
+
+
+67.
+
+Jeder Theil der Materie kann angesehen werden als ein Garten voll
+Pflanzen oder ein Teich voll Fische. Aber jeder Zweig der Pflanze, jedes
+Glied des Thieres, jeder Tropfen seiner Säfte ist noch ein solcher
+Garten und ein solcher Teich.
+
+
+68.
+
+Und obgleich Erde und Luft, die sich zwischen den Pflanzen eben so wie
+das Wasser zwischen den Fischen befinden, selbst weder Pflanze noch
+Fisch sind, enthalten sie deren doch in sich, aber meist von einer für
+unsere Organe nicht mehr wahrnehmbaren Feinheit.
+
+
+69.
+
+Also gibt es nichts Unangebautes, nichts Unfruchtbares, nichts Todtes im
+Universum, kein Chaos, keine Verwirrung, außer im äußeren Scheine; fast
+wie uns aus der Entfernung gesehen das Treiben in einem Teiche
+erscheinen würde, worin wir eine verwirrte wimmelnde Bewegung der Fische
+wahrnehmen, ohne diese selbst zu unterscheiden.
+
+
+70.
+
+Hieraus wird ferner offenbar, daß jeder lebende Körper eine herrschende
+Entelechie hat, die im Thiere zur Seele wird; aber die Glieder jedes
+lebenden Wesens sind voll von anderen lebenden Wesen, Pflanzen und
+Thieren, deren jedes wieder seine eigene herrschende Entelechie, seine
+eigene Seele hat.
+
+
+71.
+
+Keineswegs aber darf man sich mit Einigen, die meine Ideen mißverstanden
+haben, vorstellen, daß jede Seele ihre eigene Masse, ihre besondere
+Portion Materie besitze, und an diese für immer gebunden sei, daß ihr
+also gewisse untergeordnete Wesen unterworfen und zu ihrem
+immerwährenden Dienste bestimmt seien. Denn all diese Körper sind wie
+Bäche in fortwährendem Flusse begriffen, und beständig gehen Theile
+derselben ein und aus.
+
+
+72.
+
+Also vertauscht die Seele den Körper nur Theil um Theil und stufenweise,
+so zwar, daß sie niemals auf einmal von allen ihren Organen sich
+entblößt, und es zwar häufig Metamorphosen im thierischen Leben gibt,
+aber niemals Metempsychosen oder Seelenwanderungen. Gänzlich isolirte
+Seelen gibt es eben so wenig, als körperlose Geister (_génies_); Gott
+ist von einem Körper völlig frei(13).
+
+ (13) Die Stelle: »_Dieu en est détaché entièrement_« fehlt in den
+ latein. Ausgaben.
+
+
+73.
+
+Eben deshalb gibt es auch eben so wenig eine Erzeugung, die von Grund
+aus neu wäre, als es einen völligen Tod in strengem Sinne des Worts
+gibt, in welchem er eine völlige Trennung der Seele von (jedem) Körper
+bedeutet. Was wir Geburt (_génération_) nennen, ist Enthüllung und
+Zunahme, so wie der sogenannte Tod blos Verhüllung und Abnahme ist.
+
+
+74.
+
+Die Philosophen waren einst sehr verlegen um den Ursprung der
+substantiellen Formen, der Entelechieen und der Seelen. Seit es sich
+jedoch heutzutage durch genaue Untersuchungen an Pflanzen, Insecten und
+anderen Thieren gezeigt hat, daß organische Körper in der Natur niemals
+durch einen Fäulniß- oder anderen chaotischen Proceß erst erzeugt
+werden, sondern immer aus Samen, in welchem es ohne Zweifel schon eine
+Vorbildung (_préformation_) derselben gab, so schloß man, daß nicht nur
+der organische Körper vor der Empfängniß, sondern sogar eine Seele in
+ihm, mit einem Wort das ganze Thier selbst schon da sei, und daß mittels
+der Empfängniß dieses Thierchen nur fähig gemacht werde, durch eine mit
+ihm vorgehende bedeutende Umwandlung ein Thier einer anderen Gattung zu
+werden. Schon außerhalb des Zeugungsprocesses erblickt man etwas
+Aehnliches, wenn man Würmer sich in Fliegen, Raupen in Schmetterlinge
+verwandeln sieht.
+
+
+75.
+
+Diese Thierchen, deren einige durch die Empfängniß auf die Stufe der
+höchsten Thiergattungen erhoben werden, kann man Samenthierchen
+(_spermatiques_) nennen. Jene unter ihnen, die in ihrer Gattung
+verbleiben -- der bei weitem größere Theil(14) -- vermehren sich und
+gehen unter wie die großen Thiere, und es ist nur eine kleine Zahl von
+Auserwählten, die auf eine höhere Lebensbühne übertreten.
+
+ (14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben.
+
+
+76.
+
+Aber dies wäre nur die halbe Wahrheit; schon oben behauptete ich, wenn
+ein Thier auf natürlichem Wege keinen Anfang nimmt, so könne es auch auf
+einem solchen nicht enden; es gebe daher auf Erden weder eine wahre
+Geburt, noch eine gänzliche Vernichtung oder eigentlichen Tod. Die
+Schlüsse, die wir jetzt eben aus Erfahrung abgeleitet und _a posteriori_
+gemacht haben, stimmen vollkommen mit den früher _a priori_ entwickelten
+Principien überein.
+
+
+77.
+
+Es ist also jetzt zu sagen erlaubt, nicht nur, daß die Seele als Abbild
+eines unzerstörbaren Weltalls, sondern daß auch ein jedes Thier
+unzerstörbar sein müsse, obgleich seine Maschine oft theilweise zu
+Grunde geht und es seine organische Hülle bald anzieht, bald ablegt.
+
+
+78.
+
+Diese Grundsätze geben uns nun auch ein Mittel an die Hand, auf sehr
+natürliche Weise die Einheit, oder besser, die Uebereinstimmung der
+Seele und des organischen Körpers zu erklären. Die Seele folgt ihren
+eigenen Gesetzen, der Körper den seinigen, und beide treffen kraft der
+zwischen den Substanzen vorherbestimmten Harmonie (_harmonie
+preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums
+sind.
+
+
+79.
+
+Die Seelen handeln nach den Gesetzen der Endursachen mittels Begehren,
+Zwecken und Mitteln. Die Körper handeln nach den Gesetzen der wirkenden
+Ursachen, oder der Bewegung. Und diese zwei Reiche, jenes der
+Endursachen und dieses der wirkenden Ursachen, sind untereinander
+harmonirend.
+
+
+80.
+
+=Descartes= erkannte, daß die Seelen den Körpern keine Kraft mittheilen
+könnten, aus dem Grunde, weil sich in der Materie immer dasselbe Quantum
+von Kraft vorfindet. Doch glaubte er, es vermöge die Seele die Richtung
+der Körper abzuändern. Zu seiner Zeit wußte man noch nichts von dem
+Naturgesetze, welches die Beibehaltung derselben Totalrichtung schon in
+die Materie hineinlegt. Hätte er dieses gekannt, so wäre er ohne Zweifel
+auf das System der prästabilirten Harmonie verfallen.
+
+
+81.
+
+Dieses System bewirkt, daß die Körper handeln, als ob sie, was unmöglich
+ist, gar keine Seelen besäßen, und die Seelen handeln, als ob sie keine
+Körper hätten, und doch alle beide so handeln, als wirkten die Einen auf
+die Anderen.
+
+
+82.
+
+In Betreff der Geister als der vernünftigen Seelen, meine ich nun zwar,
+daß das so eben von Thieren und lebenden Wesen Gesagte auch von ihnen
+gelte, nämlich daß Thier und Seele nur mit der Welt zugleich einen
+Anfang und ein Ende nehmen können; allein es gilt doch bei den
+vernunftfähigen Thieren insbesondere, daß ihre kleinen Samenthierchen,
+so lange sie nichts mehr sind, als dies, blos empfindende gewöhnliche
+Seelen haben, die erst von dem Augenblicke an, da die unter ihnen
+Auserwählten, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, durch eine wirkliche
+Empfängniß zur menschlichen Natur gelangen, sich zur Stufe der Vernunft
+und zu den Vorrechten des Geistes erheben.
+
+
+83.
+
+Unter anderen Verschiedenheiten zwischen gewöhnlichen Seelen und
+eigentlichen Geistern, davon ich bereits einen Theil aufgezählt habe,
+ist auch noch diese, daß die Seelen im Allgemeinen blos lebende Bilder
+der geschaffenen Welt, die Geister aber noch überdies Abbilder der
+Gottheit selbst als des Urhebers der Natur sind; denn sie sind fähig,
+das Universum zu erkennen und in eigenen architektonischen Probestücken
+theilweise nachzuahmen, denn ein jeder Geist ist in seinem Kreise eine
+kleine Gottheit.
+
+
+84.
+
+Dies macht auch, daß die Geister in gewisser Art mit Gott in
+Gemeinschaft treten können, und daß er in Rücksicht auf sie nicht blos
+in dem Verhältniß des Erfinders zu seiner Maschine (wie zu seinen
+anderen Geschöpfen), sondern in dem eines Fürsten zu seinen Unterthanen,
+oder besser, eines Vaters zu seinen Kindern steht.
+
+
+85.
+
+Die Gemeinschaft aller dieser Geister macht zusammen die Stadt Gottes
+aus, den vollkommensten möglichen Staat unter dem vollkommensten
+Monarchen.
+
+
+86.
+
+Diese Stadt Gottes, diese im wahren Sinne des Worts allumfassende
+Monarchie, eine moralische Welt in der natürlichen, das Erhabenste und
+Göttlichste der Werke Gottes, ist zugleich dasjenige, worin sein Ruhm
+wahrhaft besteht, weil dieser gar nicht vorhanden wäre, wenn seine Güte
+und Größe nicht von Geistern erkannt und bewundert würde. In seinem
+Verhältnisse zu dieser Stadt Gottes ist es vorzüglich, worin seine Güte
+anschaulich wird, während seine Macht und Weisheit sich allenthalben
+zeigen.
+
+
+87.
+
+Wie wir oben eine vollkommene Harmonie zwischen zwei Naturreichen, jenem
+der wirkenden und jenem der Endursachen aufgestellt haben, so müssen wir
+hier noch eine Harmonie zwischen dem physischen Reiche der Natur und dem
+moralischen der Gnade in Betracht ziehen, d. i. die Uebereinstimmung,
+die zwischen Gott als Baumeister des mechanischen Weltgebäudes und Gott
+als Regenten der göttlichen Stadt betrachtet, herrscht.
+
+
+88.
+
+Diese Harmonie macht, daß die Dinge auf dem Wege der Natur selbst zu der
+Gnade geführt werden, und daß diese Erdkugel z. B. in demselben
+Augenblicke auf natürlichem Wege vernichtet und wieder hergestellt
+werden würde, in welchem es die Regierung der Geisterwelt zur Züchtigung
+der Einen oder zur Belohnung der Anderen verlangen möchte.
+
+
+89.
+
+Man kann hinzufügen, daß Gott als Weltbaumeister sich selbst als
+Gesetzgeber vollkommen befriedige, und daß daher die Sünder ihre Strafe
+nach der Ordnung der Natur und nach dem mechanischen Zusammenhange der
+Dinge unter einander selbst mit sich tragen müssen, und eben so die
+guten Handlungen ihre Belohnungen, so weit sie die Körper angehen, auf
+mechanischem Wege nach sich ziehen, obgleich dies weder immer sogleich
+geschehen kann, noch auch soll.
+
+
+90.
+
+Endlich würde es unter dieser vollkommenen Regierung weder eine gute
+Handlung ohne Belohnung, noch eine schlechte ohne Strafe geben, und
+Alles müßte zuletzt zum Wohle der Guten, d. i. derjenigen ausschlagen,
+welche zufrieden sind in diesem großen Staate, welche nach gethaner
+Pflicht sich der Vorsehung anheimstellen, welche, wie sich gebührt, den
+Urheber alles Guten lieben und nachahmen, und sich an der Betrachtung
+seiner Vollkommenheiten mit jener wahren reinen Liebe erfreuen, die uns
+ein Vergnügen finden läßt an der Glückseligkeit des geliebten
+Gegenstandes. Diese Liebe ist es, die weise und tugendhafte Personen
+anspornt, an allem dem mit allem Kraftaufwande zu arbeiten, was dem
+vermutheten oder vorangehenden Willen Gottes gemäß scheint. Diese Liebe
+ist es, die sie zufrieden sein läßt, was auch Gottes geheimer,
+bestimmter und beständiger Wille immer senden mag, weil sie erkennen,
+daß wir bei gehöriger Einsicht in die Ordnung des Universums finden
+müßten, daß diese alle Wünsche, auch die weisesten, weit übersteigt, und
+es unmöglich ist, sie besser zu machen; -- besser zu machen, nicht nur
+für das Ganze, sondern für uns selbst insbesondre, wenn wir uns
+pflichtgemäß an den Urheber des Alls anschließen, an ihn, nicht nur als
+den Baumeister der Welt und Urgrund unseres Daseins, sondern als unsern
+Herrn und Endzweck, der das Ziel unseres Wollens bleiben soll und der
+einzige Urheber unsrer Glückseligkeit.
+
+
+
+
+Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens.
+
+Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus.
+
+
+Unter den Fragen der monadistischen Metaphysik spielt jene, ob in der
+wirklichen Welt eine nach außen gehende (transeunte) Wirksamkeit
+stattfinde oder nicht, eine der wichtigsten Rollen. Abgesehen von den
+seltsamen Hypothesen =Leukipp='s, =Epikur='s und =Demokrit='s, hat auch
+die gesammte neuere Metaphysik, selbst wenn sie sich nicht zur Annahme
+der Alleinheit oder des absoluten Werdens wie =Spinoza= bekannte, von
+=Descartes= und =Malebranche= anzufangen bis auf =Leibnitz= und =Wolff=
+die Möglichkeit einer solchen zwischen den geschaffenen Substanzen, also
+mit Ausschluß der göttlichen, bestritten, und besonders =Leibnitz= an
+ihrer statt seine berühmte oder berüchtigte prästabilirte Harmonie
+erfunden. Der Widerspruch, in den er bei dieser Läugnung des äußeren
+Einflusses unter Substanzen mit unserer Gewohnheit und inneren Nöthigung
+gerieth, einen solchen vorauszusetzen, veranlaßte die Skeptiker nach
+=Locke='s und =Hume='s Vorgang, den Causalzusammenhang, dessen Erklärung
+so schwierig, ja unmöglich schien, in eine bloße Gewohnheit des
+denkenden und auffassenden Subjects, in eine Regel der Zeitfolge zu
+verwandeln. =Kant= ging noch weiter und indem er die Frage nach dem Wie
+des Causalzusammenhanges zwischen den wirklichen Dingen an sich ganz
+außer das Bereich des menschlichen Erkenntnißvermögens verwies, machte
+er dessen Voraussetzung unsererseits zu einer bloßen Verstandeskategorie.
+Die Idealisten sprachen ihr als einer solchen vollends alle
+Verbindlichkeit für das Reale ab, ohne des Widerspruchs
+gewahr zu werden, in den sie sich hiedurch mit ihrer gleichzeitigen
+Annahme unüberwindlicher »Schranken« des Ichs verwickelten, welche auf
+nichts Anderes als ein Beschränkendes von außen hinweisen konnten. Als
+sich der Idealismus von einem blos subjectiven und particularen zum
+transcendentalen und absoluten erweiterte, konnte es nicht weiter
+befremden, daß, wo alle einzelnen Wesen in der Allheit eines Einzigen
+verschwanden, auch die Wirksamkeit des Einen auf das Andere aufhörte,
+und wo die Immanenz und _causa sui_ zum alleingiltigen Princip erhoben
+wurden, auch der Begriff einer transeunten Wirksamkeit keinen Raum fand.
+Desto auffallender muß es erscheinen, daß gerade dasjenige System,
+welches in neuerer Zeit sich am meisten wieder dem vernünftigen
+Monadismus der älteren Schule angenähert hat, an demselben Problem eine
+Klippe fand, deren offene Darlegung und ungelöstes Festhalten dem
+gesunden Menschenverstande unmöglich eine bleibende Befriedigung
+gewähren kann. Diesem widerstrebt es offenbar, das Nichtdasein einer
+äußeren Wirksamkeit der Substanzen anerkennen zu sollen. Gerade je
+kräftiger sich eine Seele fühlt, je mehr sie sich bewußt sein zu dürfen
+glaubt, durch Wort und That nicht nur in sich allein, sondern auch in
+andern von ihr unterschiedenen Wesen Wirkungen verschiedener Art
+hervorzubringen und stündlich hervorgebracht zu haben, um desto schwerer
+fällt es ihr, plötzlich ihre Unfähigkeit hiezu einzugestehen. Die
+Erfahrung jeder Minute scheint zu widersprechen. Ich will meinen Arm
+heben; im selben Augenblicke werde ich gewahr, daß er sich hebt, und
+geschieht dies nicht, so empfinde ich das unangenehme Gefühl eines
+Hindernisses, was mich um so mehr schließen läßt, daß ich, derselbe, der
+hier gehemmt wird, es auch bin, der in Andern die Wirkung ohne dies
+Hemmniß zu erzeugen vermag. Je schlichter und alltäglicher diese
+Erfahrungen sind, desto schroffer erscheint der Widerspruch der
+Speculation mit denselben, und er allein ist es oft gewesen, der Vielen
+das Vertrauen zu einer tieferen philosophischen Forschung raubte, welche
+ein so augenscheinlich widersinniges Resultat gab.
+
+Andrerseits ist es aber nicht wenig merkwürdig und sehr geeignet,
+Mißtrauen gegen die eigene gewöhnliche Erfahrung zu erwecken, wenn so
+viele und namentlich alle dem Monadismus mehr oder weniger nahe stehende
+Denker ihr in einem so wichtigen Punkte beinahe einstimmig
+widersprechen. Liegt der Grund dieser Erscheinung im Wesen des
+Monadismus selbst, oder nur in der bisherigen Art und Weise seiner
+Auffassung? Das ist eine Frage, deren Beantwortung uns nicht
+uninteressant und deren Bejahung oder Verneinung wesentlich zum Credit
+oder Mißcredit des Monadismus überhaupt beitragen zu müssen scheint.
+
+Um diese Beantwortung und die daraus fließende Entscheidung mit
+hinreichender Evidenz aussprechen zu können, wollen wir in dem
+Nachstehenden auf streng historischen, aus den eigenen Schriften der
+Erfinder geschöpften Daten untersuchen, auf welchem wahren oder falschen
+Wege die beiden Hauptrepräsentanten dieser Richtung, =Leibnitz= und
+=Herbart=, denen wir =Kant= als Uebergangspunkt und ein Paar Neuere als
+Ausläufer beifügen, zu ihrem Endausspruche gelangt sein mögen. Daraus
+wird sich, wie wir hoffen, mit hinreichender Klarheit ergeben, ob mit
+ihren Darstellungen die möglichen Wege erschöpft, oder vielleicht noch
+einer oder der andere zurückgelassen worden sei.
+
+Nach den beiden Hauptansichten, deren eine das Wie eines äußeren
+Zusammenhanges unter den Dingen an sich dahingestellt und nur für uns
+Menschen nicht erkennbar sein läßt, die andere dagegen diesen selbst für
+an sich unmöglich erklärt, zerfällt das Ganze eigentlich in zwei Theile.
+Der erste liegt, da wir es nur mit dem strengen Monadismus zu thun haben
+wollen, uns begreiflicherweise ferner ab und findet hier nur der
+Vollständigkeit wegen seinen Ort. Desto ausführlicher mußte der zweite
+in Betracht gezogen werden, der sich, je nachdem der regelmäßige Ablauf
+der inneren Veränderungen und der dadurch entstehende Schein eines
+wirklichen wechselseitigen Einflusses als erzeugt durch die Allmacht
+eines außerweltlichen vollkommensten Wesens angesehen oder als Folge
+nothwendiger Denkformen jeder zusammenfassenden Intelligenz betrachtet
+wird, wieder in zwei Abschnitte scheidet. Beide Ansichten finden
+Vertreter und Fortbildner unter den Neueren, deren Modificationen wir
+zum Schlusse anführen wollen, bevor wir an den Versuch einer
+selbständigen Betrachtungsweise der Frage gehen.
+
+
+1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz=.
+
+Auffallend ist es bei strenger Betrachtung dessen, was =Leibnitz= selbst
+über seine prästabilirte Harmonie lehrt, zu bemerken, wie er blos durch
+das Beiseiteliegenlassen eines Gedankens, dem er schon sehr nahe stand,
+zu seiner Hypothese fortgetrieben wurde, die sich im Verhältnisse zum
+übrigen Systeme wie ein todtes Reis auf einem ursprünglich kräftig
+treibenden, aber gewaltsam gestutzten Stamme ausnimmt.
+
+=Leibnitz= trug sein neues System zuerst öffentlich vor in einem
+Aufsatze, den er im Jahre 1695 in das _Journal des savans_ (27. Juni)
+unter dem Titel: »_Système nouveau de la nature et de la communication
+des substances aussi bien que de l'union, qu'il-y-a entre l'âme et le
+corps_« einrücken ließ(15). Das Problem der Einheit zwischen Körper und
+Geist beschäftigte damals alle Denker, und =Descartes=, oder vielmehr
+sein Schüler =Malebranche=, hatte um der specifischen Verschiedenheit
+willen, die er zwischen Geist und Materie annahm, sich nicht anders zu
+helfen gewußt, als indem er die occasionelle Einwirkung der Gottheit,
+die vermöge ihrer Allmacht über alle Beschränkungen des Wie hinaus war,
+zu Hilfe rief. Sobald eine Veränderung in der Seele da ist, welcher eine
+im Körper entsprechen sollte, bewirkt Gott, daß die letztere
+stattfindet, und so umgekehrt. Occasionell heißt diese Einwirkung Gottes
+deshalb, weil ihr Beschluß bei Gott erst in dem Augenblick eintritt, wo
+sein Beistand nöthig wird, also bei Gelegenheit. Auf diese Weise glaubte
+=Descartes=, bei seinem Schwanken zwischen gänzlicher Indifferenz des
+menschlichen Willens und der Vereinbarkeit desselben mit göttlicher
+Präscienz, das er zwar nie im Systeme, wohl aber in Briefen
+ausgesprochen hat(16), die menschliche Willensfreiheit zu retten,
+während er dadurch zugleich die Gottheit zu einem Wesen machte, in
+welchem Entschlüsse in der Zeit entstehen und vergehen können.
+
+ (15) =Erdmann=, S. 124-128.
+
+ (16) =Sigwart=: der Spinozismus, S. 31. u. ff.
+
+In jenem Aufsatze nun bezieht sich =Leibnitz= zunächst auf seinen Brief
+an einen berühmten Theologen, dem er vor Jahren die Umrisse seiner
+Theorie mitgetheilt, der sie anfangs ziemlich paradox gefunden, nachher
+aber doch einem Theile derselben wenigstens seine Billigung nicht habe
+versagen können. Dieser ist kein Anderer, als der berühmte Anton
+=Arnauld=, der Doctor der Sorbonne und Stifter von Port-Royal, mit
+welchem =Leibnitz= von 1686-93 in häufigem Briefwechsel stand(17). Der
+Brief selbst ist vom Jahre 1690, also fünf Jahre vor dem oben erwähnten
+Aufsatze, mit dem er nahe übereinstimmt, geschrieben, und enthält im
+Wesentlichen Folgendes(18): »Kein Körper hat ein eigentliches Sein;
+dieses kommt nur den untheilbaren, anfangslosen und unvergänglichen
+Substanzen zu, die ihn ausmachen und die den Seelen ähnlich sind. Diese
+Substanzen sind und bleiben immer, wenn auch unter verschiedenen Formen,
+an organische Körper gebunden. Jede von ihnen enthält in ihrer eigenen
+Natur ein Gesetz der Reihenfolge ihrer Thätigkeiten sowohl, als ihrer
+erfahrenen und jemals zu erfahrenden Begegnisse. Daher kommen alle ihre
+Thätigkeiten unbeschadet ihrer Abhängigkeit von dem eigenen Wesen der
+Substanz her. Jede Substanz drückt das ganze Universum aus, aber die
+eine deutlicher als die andere, jede in Bezug auf gewisse besondere
+Dinge, und von einem eigenthümlichen Gesichtspunkte aus. Die Einheit des
+Körpers und der Seele, ja selbst die Einwirkung einer Substanz überhaupt
+auf die andere besteht nur in der vollkommenen wechselseitigen
+Uebereinstimmung (_accord mutuel_), die sich ausdrücklich angeordnet von
+dem ursprünglichen Schöpfungsacte beider herschreibt, und kraft welcher
+in jeder Substanz in Folge des ihr von Anbeginn inwohnenden
+Veränderungsgesetzes in jedem Augenblick gerade diejenigen Zustände
+stattfinden, welche von den übrigen Substanzen gefordert werden, also
+die Thätigkeiten der einen die Veränderungen der anderen regelmäßig und
+unabhängig von einander begleiten.« Das Uebrige der Stelle, obgleich es
+schon eine Andeutung der =Leibnitz= sehr geläufigen Idee eines
+moralischen Geisterreichs unter Gottes Leitung enthält, gehört nicht
+unmittelbar hierher.
+
+ (17) =Guhrauer=: Leibnitz &c. II. S. 108.
+
+ (18) Bei =Erdmann=, S. 107-108. =Leibnitz=' Briefwechsel mit
+ =Arnauld=, herausg. von =Grotefend=. Hannover, 1846. S. 132.
+
+Genug, schon zu jener Zeit besaß =Leibnitz= die Idee der prästabilirten
+Harmonie, die hier noch _accord mutuel_ heißt, und hatte sich damit von
+=Descartes= sowohl, als von =Malebranche=, dessen Anhänger =Arnauld=
+war, losgemacht. Sein Verhältniß zu dem Ersteren bezeichnet er selbst in
+dem _Nouveau système_(19) genauer: »Ich nahm wahr,« sagt er, »daß die
+bloße Betrachtung einer ausgedehnten Masse nicht hinreiche, und daß man
+hier noch eine Kraft anzunehmen genöthigt sei, deren Begriff, obgleich
+die Triebfeder der Metaphysik, doch leicht verständlich ist.« -- »Es ist
+nämlich unmöglich, das Princip der wahren Einheit in der Materie allein
+oder in Demjenigen zu finden, was durchaus passiv ist, weil es nichts
+Anderes ist, als eine Anhäufung oder Ansammlung von Theilen bis in's
+Unendliche. Eine Menge kann ihre Realität nur in den wahren Einheiten
+haben, die ganz anderswoher kommen und etwas ganz Anderes sind, als
+bloße Punkte, aus welchen unmöglich (?) das Stetige zusammengesetzt sein
+kann. Um zu diesen Einheiten zu gelangen, sah ich mich gezwungen, zu
+formellen Atomen meine Zuflucht zu nehmen, weil ein materielles Wesen
+nicht zur selben Zeit materiell und doch vollkommen untheilbar oder
+wahrhaft eins sein kann, sobald das Wort »materiell« immer im Sinne
+eines ausgedehnten Zusammengesetzten genommen wird. Ich fand nun,« fährt
+er fort, »daß deren (der substantiellen Formen) innere Natur in der
+Kraft bestehe, und sie folglich etwas den Vorstellungen und Begehrungen
+Analoges besitzen, also auch unter den Begriff: Seele, _âme_, gefaßt
+werden müssen .... Aristoteles nennt sie Entelechieen. Ich nenne sie
+vielleicht passender primitive Kräfte, die nicht blos das =Sein=
+(_l'acte_), das Complement der Possibilität, sondern außerdem noch eine
+ursprüngliche Thätigkeit (_l'action_) besitzen.« Er unterscheidet sie
+auf das schärfste von den gemeinen Atomen. »Die Atome der Materie
+widersprechen der Vernunft, außerdem daß sie ja selbst noch aus Theilen
+zusammengesetzt sind. Denn dadurch, daß diese Theile an einander hängen,
+hört noch nicht ihre Verschiedenheit als Theile auf.« -- »Es gibt nichts
+als substantielle Atome, d. i. reelle und vollkommen theillose
+Einheiten, die die Quellen der Thätigkeit und als letzte Elemente der
+Substanzenanalyse die absoluten Grundprincipe der Zusammensetzung der
+Dinge sind. Man könnte sie metaphysische Punkte nennen.« ... »Sie haben
+etwas Vitales an sich, eine Art von Vorstellungen, und ihre
+mathematischen Orte oder Punkte sind die Gesichtspunkte, von welchen aus
+sie das Universum vorstellen.«
+
+ (19) =Erdmann=, S. 124.
+
+Von =Descartes= also schied sich =Leibnitz= durch den einfachen Schluß:
+Wo es Zusammengesetztes (Körper) gibt, muß es Einfaches geben. Der
+cartesianische Dualismus verwandelte sich in einen Monismus, aber nicht
+der Form und Materie, wie bei =Spinoza=, sondern blos der Materie nach.
+Während dort die einzelne Persönlichkeit und individuelle Existenz sich
+in der unbegreiflichen baren Alleinheit einer allumfassenden
+ungetrennten Substanz aufheben sollte, welcher das gesammte Denken und
+die gesammte Ausdehnung in unbeschränkter Fülle als unendliche Attribute
+zukommen, entstand hier ein zahlloses Heer gleichberechtigter einfacher
+Wesen desselben Stammes, die nur gradweise unterschieden waren, und
+unter denen das höchste Wesen die allvollkommenste, die Hauptmonade,
+»_le monarque_« war, eine vollständige Demokratie der Geister, darin im
+Gegensatze zum Dualismus die Standesvorrechte einer verhältnißmäßig nur
+geringen Anzahl höherer Geister aufhörten und die Pariaskaste der
+Materie vom Schauplatze des metaphysischen Seins verschwand. An ihre
+Stelle traten die selbst- und freithätigen Individuen; das
+abendländische Princip der Individualität trat, wie =Hegel=(20) sagt,
+gegenüber der orientalischen Alleinslehre =Spinoza='s, und =Leibnitz=
+verwirklichte auf diese Weise einen Gedanken, den er schon als kaum
+sechzehnjähriger Jüngling in seiner ersten Schrift: _dissertatio de
+principio individui_(21), damals noch unter vielem scholastischen Mit-
+und Beiwerk angeschlagen hatte.
+
+ (20) Encyclopädie, herausgeg. von =Henning=. I. S. 301.
+
+ (21) Ueber diese, lange Zeit unbeachtete und selbst von =Leibnitz='
+ Historiographen =Ludovici= nur unvollständig gekannte Schrift, die
+ sich nur mehr bei =Dutens= (_ed. Genev._) findet, äußert sich
+ =Guhrauer= bei ihrer Wiederherausgabe (Berlin 1837, S. 10): »Man würde
+ ihrer endlich ganz vergessen haben, hätte nicht F. H. =Jacobi= auf
+ Veranlassung seines Streits mit =Mendelssohn= durch seine
+ wissenschaftliche Parallele der Systeme von =Spinoza= und =Leibnitz=
+ dahin geführt, auf jene Dissertation als eine schon der Aufgabe wegen
+ merkwürdige Schrift hingewiesen.« In der That war sie die Klaue des
+ Löwen, wie schon der alte =Thomasius= in seiner Vaterfreude über den
+ großen Zögling vorempfinden mochte. Vgl. auch L. =Feuerbach=:
+ Leibnitz' Philosophie &c. S. 32. u. ff.
+
+So einfach jener Schluß scheinen kann und wirklich ist, so folgenreich
+ist er auch, und wir werden späterhin Gelegenheit genug haben, uns zu
+überzeugen, daß dies gerade derjenige Satz ist, dessen nachherige
+Verkennung das System von seinem eingeschlagenen Wege abgeführt hat. Wie
+leicht eine solche Verkennung sich einschleicht, davon gibt gleich die
+obige Stelle, die wir mit einem Fragezeichen bemerkt haben, einen
+Beweis. Das Stetige, heißt es dort, könne unmöglich aus Punkten
+zusammengesetzt sein? Woraus sollte es denn? Der erwähnte Schluß
+verlangt ja ausdrücklich, das Zusammengesetzte setze einfache
+Bestandtheile voraus. Punkte aber sind nichts anderes, als die einfachen
+Bestandtheile des Raumes. Gleichwohl behaupten z. B. die Geometer
+durchgehends, die stetige Linie sei wieder nur aus Linien
+zusammengesetzt, also wieder aus Zusammengesetztem, was dem oben
+anerkannten Satze offenbar widerstreitet. Denn die durch die Theilung
+erhaltenen Linien sind entweder zusammengesetzt, haben also selbst noch
+Theile, sind daher nicht die letzten Bestandtheile, oder sie sind
+einfach, und dann keine Linien mehr, sondern Punkte, unter denen man
+sich freilich keinen auch noch so winzigen physischen Punkt vorstellen
+darf. So wird der allgemeine Satz zugleich anerkannt, und seine Realität
+doch in seinen Anwendungen geläugnet. Der Grund dieser Erscheinung
+scheint darin zu liegen, daß wir bei jeder unserer Vorstellungen,
+mitunter selbst bei solchen, die gar keinen Gegenstand haben, uns ein
+Bild (Schema) von diesem Gegenstande mit der Phantasie zu entwerfen
+gewohnt sind(22), und uns von diesem gewöhnlich leichter bestimmen
+lassen, als von dem Begriffe selbst. Wo wir ein solches Bild nicht zu
+schaffen vermögen, da gewinnt auch der Begriff selten einen festen Halt.
+Dieser Fall tritt beim einfachen Punkte, beim einfachen Zeittheile, bei
+der einfachen Substanz und überhaupt in beinahe allen Fällen ein, wo wir
+ein einfaches, sinnlich nicht Vorstellbares und nur im Begriff zu
+Fassendes vor uns haben. Er darf uns aber, eben weil er nur in der
+Einbildungskraft seinen Sitz hat, auch gar nicht irre an Demjenigen
+machen, was wir einmal unabhängig davon aus reinen Begriffswahrheiten,
+also mit Nothwendigkeit erkannt haben. Darum bestand auch =Leibnitz= mit
+Beharrlichkeit auf dem Dasein einfacher und folglich den Geistern
+analoger Substanzen als Bestandtheile der Materie, ungeachtet er
+dieselben eben so wenig wie wir oben die einfachen Punkte sinnlich
+nachweisen, ja nicht einmal ein Bild von demselben zur Veranschaulichung
+entwerfen konnte.
+
+ (22) =Drobisch=: Empir. Psych. S. 52 u. ff. -- =Bolzano='s
+ Wissenschaftslehre (Sulzbach, v. =Seidel=, 1837), III. S. 60.
+
+Nachdem so die Materie(23) als selbständiges Ausgedehnte aufgehoben und
+zu einem objectiven (nach =Herbart='s Ausdruck) beim Zusammenfassen der
+Dinge mit Nothwendigkeit sich aufdringenden, gleichwohl nicht reellen
+Scheine herabgesetzt worden, schien die Schwierigkeit, welche
+=Descartes= gegen die Möglichkeit des Einwirkens der Geister als des
+Unausgedehnten auf die Materie als das Ausgedehnte, also generisch
+Ungleichartige erhoben hatte, und welche =Malebranche= zur Aufnahme des
+Occasionalismus veranlaßte, hinweggeräumt zu sein. Es gab statt der
+unter sich ungleichartigen Geister und Materie durchgehends gleichartige
+einfache geistige Wesen und alle äußeren Einwirkungen, welche wir, von
+der sinnlichen Erfahrung genöthigt, außer uns wahrzunehmen glauben,
+reducirten sich statt auf die Einwirkung der Geister auf die heterogene
+leibeigene Materie, auf die Einwirkung homogener einfacher Wesen auf und
+unter einander selbst. Zwischen den Körpern nehmen wir Einwirkungen
+wechselseitig wahr; Körper aber als solche =sind= nicht wahrhaft,
+sondern nur die einfachen Theile derselben =sind=; die allein können es
+also auch sein, welche hier wirken, und die Wirkungen, welche wir
+zwischen den Körpern wahrzunehmen glauben, können nur die Resultate
+derjenigen sein, die zwischen den einfachen Theilen derselben
+statthaben.
+
+ (23) Ueber =Leibnitz=' frühere Vorstellungen von der Materie vgl. die
+ neuerliche treffliche Abhandlung =Hartenstein='s: _De materiae apud
+ Leibnitium notione commentatio_. Leipzig, 1846.
+
+Allein gerade hier erst fand =Leibnitz= die eigentliche, wie er meinte,
+nicht zu hebende Schwierigkeit. »Es gibt,« sagt er(24), »im strengen
+metaphysischen Sinne keinen reellen Einfluß einer Substanz auf eine
+andere, und man muß daher (mit =Descartes=) allerdings zugeben, daß alle
+Dinge sowohl als ihre Eigenschaften fortwährend durch Gottes Wirksamkeit
+erzeugt werden. Um aber das Problem zu lösen, ist es nicht genug, wie
+der Occasionalismus, eine Ursache im Allgemeinen anzuführen und kurzweg
+einen _deus ex machina_ anzunehmen; denn wenn sich Alles so von selbst
+macht ohne weitere mögliche Erklärung, so heißt dies ganz eigentlich zum
+Wunder seine Zuflucht nehmen. Die Philosophie aber muß Gründe angeben
+und erkennen lassen, wie die Dinge übereinstimmend mit dem Begriffe des
+Gegenstandes, um welchen es sich handelt, nach der Weisheit Gottes sich
+entwickeln.«
+
+ (24) _Nouv. système_, S. 127.
+
+Nun verwarf er sowohl den reellen physischen Einfluß einer Substanz
+(Monade, einfaches Wesen) auf die andere mittels Uebergangs eines
+Theilchens aus Einem in's Andere; »denn,« sagte er, »die Monaden haben
+keine Fenster, durch welche irgend etwas ein- oder austreten könnte,«
+als den Occasionalismus, »denn das heißt einen _deus ex machina_
+einführen in einer ganz natürlichen und gewöhnlichen Sache, wo er
+vernünftigerweise nicht anders mitwirken sollte, als er in jedem anderen
+natürlichen Ereignisse mitwirkt.«(25)
+
+ (25) _II. Eclaircissement_, S. 134.
+
+Daß er den physischen Einfluß der Substanzen so kurz abfertigte,
+gründete sich auf einen weitverbreiteten, zum Theil noch jetzt gang und
+gäben Irrthum. Fast allen seinen Zeitgenossen und ihm selbst schien der
+physische Einfluß, sollte er anders diesen Namen verdienen, nicht anders
+stattfinden zu können, als indem sich von der einen (thätigen) Substanz
+ein Theil ablöse und in die andere (leidende) Substanz übergehe. Nun
+hatten die einfachen Monaden weder Theile, von denen sich einer ablösen
+konnte, noch Ausdehnung, um den abgelösten in sich aufzunehmen, also --
+gab es keinen physischen Einfluß(26). =Descartes= hatte folgendermaßen
+geschlossen. Die Seele kann auf Materie nicht wirken, weil sich nichts
+von ihr trennen kann, denn sie ist einfach: die Materie nicht auf die
+Seele, denn diese ist ausdehnungslos, kann also nichts Ausgedehntes,
+kein Theilchen der Materie, das wieder Materie ist, aufnehmen. So
+schien, wenn man den physischen Einfluß mittels Ueberganges materieller
+Theile als die einzige Möglichkeit realen Einflusses der Substanzen auf
+einander ansah und jenen mit Recht für unmöglich erklärte, sowohl sein
+Occasionalismus als =Leibnitz=' _accord mutuel_, der blos ideale Einfluß
+überhaupt, außer Zweifel. =Leibnitz= selbst, da er sich von mehreren
+Seiten, besonders von =Foucher=, lebhaft widersprochen sah, suchte sich
+durch folgendes Beispiel zu rechtfertigen, das nach seiner Gewohnheit,
+die Lieblingsgedanken häufig fast mit denselben Worten zu wiederholen,
+öfter wiederkehrt: »denket Euch zwei Thurm- oder auch Taschenuhren, die
+vollkommen übereinstimmen. Dies kann auf dreierlei Weise geschehen. Die
+erste besteht in dem wechselseitigen Einflusse einer Uhr auf die andere;
+die zweite in der Sorge eines Menschen, der auf beide beständig Acht
+gibt; die dritte darin, beide so kunstreich und kunstgerecht zu
+verfertigen, daß man in der Folge ihrer Uebereinstimmung gewiß sein
+kann.«(27) ... »Der Weg des Einflusses ist jener der gemeinen
+Philosophie; da man aber nicht begreifen kann, wie materielle Theile aus
+einer in die andere Substanz übergehen können, so ist dieser Ausweg
+damit schon zu Boden geschlagen. Der Weg der beständigen Assistenz von
+Seite des Urhebers ist jener der occasionellen Ursachen, aber ich
+glaube, daß man hier einen _deus ex machina_ in einer ganz natürlichen
+und gewöhnlichen Sache in's Spiel bringt, wo Gott vernunftgemäß nicht
+anders wirksam sein kann, als er es in allen übrigen natürlichen
+Ereignissen ist. Also bleibt nur eine Hypothese übrig: der Weg der
+Harmonie; Gott hat vom Anfang der Dinge her jede von je zwei Substanzen
+so eingerichtet, daß sie zufolge ihrer inwohnenden, zugleich mit ihrem
+Dasein empfangenen Gesetze beständig mit der andern dergestalt
+übereinstimmt, als gäbe es eine wechselseitige wahrhafte Einwirkung
+zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).«
+
+ (26) Es ist nicht uninteressant, neben dieser Beweisführung jene zu
+ betrachten, die M. G. =Hansch= in seinen: _princ. phil. geometrico
+ modo demonstrata_ liefert, und durch welche er, wie er in der Widmung
+ an den Prinzen =Eugen= ausspricht, die Lehre seines Meisters erst
+ recht festgestellt zu haben meinte. Sie heißt dort: _Theor. XV. Nulla
+ monas derivativa physice influere potest in interius alterius monadis
+ derivativae. =Demonstr.= Quandoquidem monades omnibus prorsus partibus
+ carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes
+ continuo mutare possunt locum suum (per. ax.). Sed si in monadibus
+ derivativis nihil prorsus datur, quod locum suum continuo mutare
+ possit, nec intelligibili modo explicari potest, quomodo in interiori
+ monadum derivativarum motus ullus excitari, dirigi, augmentari aut
+ diminui possit (per. def.), consequenter nulla in iisdem fieri potest
+ per motum internum mutatio (per. def.). Sed in cujus interiori nulla,
+ mediante motu interno, fieri potest mutatio, in illius interius etiam
+ nihil physice influere potest (per. def.). Quamobrem nulla omnino
+ monas derivativa in interius alterius monadis derivativae physice
+ influere potest. Q. E. D. Theorem. XVI. In monadem creatam forinsecus
+ nec substantia nec accidens intrare potest. =Demonstr.= Cum nihil in
+ interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.),
+ nihil etiam in eandem ab extra ingredi potest, nec substantia nec
+ accidens (per. def.) in monadem creatam forinsecus intrare possunt.
+ Q. E. D._ So fremdartig, ja selbst abgeschmackt uns dieses _Quod erat
+ demonstrandum_ erscheinen mag, so kann doch Niemand läugnen, daß
+ dieser Anhänglichkeit auch an die äußeren unwesentlichen Formen der
+ Mathematik das Bestreben zu Grunde lag, das Wesentliche der
+ mathematischen Methode, die Klarheit und Bestimmtheit ihrer Begriffe
+ auch auf das philosophische Denken zu übertragen. Daß dieses
+ Bestreben, welches die Grundlage jeder wahren Methode der denkenden
+ Forschung ausmachen muß, auf mathematische Form allenthalben
+ zurückführt, hat wenigstens zum Theil schon =Herbart= bewiesen.
+
+ (27) _II. Eclaircissem._ S. 134.
+
+ (28) _II. Eclaircissem._ Fast mit denselben Worten auch im _III.
+ Eclaircissem. à M. =Foucher=_.
+
+=Leibnitz=' eigenthümlicher Gang, der sich allmälig durch und an seinen
+Gegnern recht heranbildete, macht es hier nöthig, einzuhalten und einen
+tiefern Blick in sein System zu thun. Setzen wir an die Stelle jener
+Uhren die einfachen Monaden. Diese haben Kräfte, weil sie Substanzen
+sind und zwar einfache Substanzen; denn =Leibnitz= dehnt den Umfang
+dieses Begriffs so weit aus, daß er auch einen ganzen Inbegriff von
+Substanzen Eine Substanz nannte. »Substanz aber ist ihm jedes Wesen, das
+der Thätigkeit fähig ist,« und »die Substanz eines Dinges selbst besteht
+in der Kraft zu handeln und zu leiden(29).« Statt Substanz überhaupt
+verstehe man hier durchgehends »einfache Substanz,« denn die
+zusammengesetzte hat als solche keine Kraft, sondern nur insofern die
+sie ausmachenden einfachen Bestandtheile zusammen eine gewisse Summe von
+Kraft besitzen. Die Wesen sind aber der Thätigkeit nicht nur fähig,
+sondern auch in der That thätig, denn: »Thätigkeit ist unmöglich ohne
+Vermögen thätig zu sein; aber auch Vermögen wäre ein leeres Wort, wenn
+es niemals in Thätigkeit übergehen könnte(30).« Sie sind ferner nicht
+nur zeitweilig, sondern fortwährend thätig, denn nicht nur jedes Thätige
+ist eine besondere Substanz, sondern auch jede einzelne Substanz wirkt
+ohne Unterbrechung fort, selbst die Körper nicht ausgenommen, in welchen
+sich niemals absolute Ruhe findet(31). Das Letztere folgt aus dem
+Ersteren; sind die Theile nicht in Ruhe, so ist es auch das Ganze nicht,
+wenigstens nichts absolut, wenn auch seine relative Lage gegen äußere
+Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle
+diese Kräfte auf die einfache Substanz selbst; nach außen können sie
+nicht wirken nach dem berühmt gewordenen Grundsatze von den fehlenden
+Fenstern der Monaden. Innerhalb der Monade selbst sind sie aber
+fortwährend wirksam; denn wäre irgend eine es zu irgend einer Zeit
+nicht, so könnte sie es niemals sein, weil es »durchaus kein Mittel
+gibt, durch welches aus der Einen in die Andere Etwas übertragen, oder
+in der letzteren durch die erstere irgend eine innerliche Bewegung von
+außen erzeugt, geleitet, vermehrt oder vermindert werden könnte(32).«
+Sind aber die inneren Kräfte der Monade fortwährend thätig, so erzeugen
+sie auch fortwährend Veränderungen in derselben, so daß »der Zustand des
+Wechsels in der Monade ein continuirlicher wird(33)« und, da sie von
+außen nicht bestimmt werden können, »die naturgemäßen Veränderungen der
+Monade aus einem inneren Princip in denselben abfolgen(34),« so daß
+»eine jede ihrer eingepflanzten Naturkraft (_vim insitam_) und ihren der
+Außenwelt angepaßten Gesetzen folgt, worin die Einheit der Seele und des
+Körpers besteht(35).« Nach dem Princip der _indiscernibilium_ muß ferner
+»jede Monade verschieden sein von jeder anderen, denn schon in der Natur
+gibt es nicht zwei Wesen, die einander vollkommen gleich und wo wir
+außer Stande wären, eine innere oder auf eine innere Beschaffenheit
+gegründete Verschiedenheit nachzuweisen(36).« Diese Verschiedenheit
+liegt bei den einfachen Wesen in ihren Qualitäten. Ohne diese »würde
+jedes Mittel fehlen, irgend einen Wechsel an den Dingen gewahr zu
+werden, weil Dasjenige, was am Zusammengesetzten erscheint, nur von den
+einfachen Bestandtheilen (_ingrediens_) desselben herrühren kann. Bei
+Monaden aber, sobald sie gar keine Qualitäten hätten, wären eine von der
+andern ganz und gar nicht verschieden, nicht einmal der Quantität nach
+differirend: folglich würde, den Raum als erfüllt vorausgesetzt, jeder
+Ort der Bewegung beständig nichts Anderes, als ein vollkommenes
+Aequivalent dessen erhalten, was er schon früher besaß, mithin jeder
+Zustand des Dinges jedem Anderen in allen Stücken völlig gleich
+sein(37).« Worin diese Qualitäten bestehen, ob sie erkennbar seien oder
+nicht, reell oder ideell, darüber spricht sich =Leibnitz= nirgendwo
+entscheidend aus. Man kann annehmen, daß er darunter Dasjenige
+verstanden habe, was er _détail de ce, qui se change_ nennt, und worin
+der Grund liegt, daß in jeder Monade zu einem gegebenen Zeitpunkt gerade
+diese und keine anderen Zustände stattfinden können, als diejenigen,
+welche in selbem Zeitpunkt in ihr wirklich stattfinden. Der Ausdruck ist
+jedenfalls etwas dunkel. =Feuerbach= ist der Ansicht(38), »=Leibnitz=
+verstehe unter demselben nicht sowohl das inwohnende Gesetz der
+Aufeinanderfolge und regelmäßigen Selbsterzeugung der Vorstellungen,
+welches in jeder Monade ein anderes sein muß, soll sie andere
+Vorstellungen als die übrigen besitzen, sondern vielmehr diese
+autonomischen Veränderungen der Monade selbst und wolle diese die
+Qualitäten derselben genannt wissen. In diesem Falle hat dann jede
+Monade nicht eine, sondern so viele Qualitäten, als sie einzelne
+Veränderungen besitzt, also unendlich viel. So viel steht gewiß, daß
+dieses »_détail de ce, qui se change_« es ist, was die specifische
+Verschiedenheit und bunte Mannigfaltigkeit der einzelnen Monaden
+untereinander begründet(39).« Die Veränderungen in der Monade, mögen sie
+selbst deren Qualitäten, oder nur Folgen des jeder Monas als specielle
+Qualität immanenten individuellen Veränderungsgesetzes sein, sind
+Kraftäußerungen derselben und die Monas ist vollkommen »spontan,« sie
+ist selbst die »eigene und einzige Ursache ihrer Handlungen.« Denn, wie
+schon =Aristoteles= richtig bemerkte, folglich hängt sie von nichts
+Anderem ab, als von Gott und sich selbst.
+
+ (29) _Principes de la nature et de la grâce_, S. 714.
+
+ (30) _De ipsa natura_, S. 157.
+
+ (31) _De ipsa nat._ S. 157.
+
+ (32) _Monadolog._ S. 705.
+
+ (33) Daselbst S. 705.
+
+ (34) Daselbst S. 705.
+
+ (35) _De ipsa natura_, S. 157.
+
+ (36) _Monadol._ S. 705. Die Anekdote von den vergeblich gesuchten zwei
+ völlig gleichen Blättern im königl. Hofgarten zu Charlottenburg ist
+ bekannt.
+
+ (37) _Monadol._ S. 705.
+
+ (38) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51.
+
+ (39) =Leibnitz=' Phil. &c. S. 51.
+
+Daraus folgt schon von selbst, was das für Veränderungen seien. Sie
+finden nur in einfachen Wesen statt, ohne Veranlassung von außen, als
+von innen kommende und innen bleibende, also spontane, völlig ideale
+Bestimmungen; dergleichen sind nur die Vorstellungen. »Diese und ihre
+Veränderungen sind das Einzige, was man in den einfachen Wesen antrifft.
+In ihnen allein bestehen alle inneren Thätigkeiten der Monaden(40).« --
+»Eine Vorstellung,« fährt =Leibnitz= fort, »ist jener vorübergehende
+Zustand, der eine Vielheit in der Einheit umschließt; denn da jede
+natürliche Veränderung stufenweise vor sich geht, so ändert sich in der
+Seele (der einzigen wahren substanziellen Einheit und Einfachheit)
+Einiges, Anderes bleibt. Dadurch entsteht in jeder einfachen Substanz
+eine Mehrheit von Zuständen und Verhältnissen, ungeachtet sie keine
+Theile hat ... Einer solchen Vielheit werden wir uns schon bewußt, wenn
+wir wahrnehmen, daß selbst unser kleinster Gedanke noch eine Vielheit,
+wenigstens seinem Gegenstande nach, enthalte(41).« Ob sich =Leibnitz=
+hier nicht getäuscht habe, und ob es wirklich unter unseren
+Vorstellungen keine einzige, ob es nicht vielmehr sehr viele gebe, die
+sich auf keine Vielheit von Gegenständen, sondern auf einen einzigen
+beziehen, wollen wir für jetzt dahingestellt sein lassen. Genug,
+=Leibnitz= erklärt Zustände, welche eine Vielheit (von Veränderungen) in
+der Einheit (der einfachen Monade) einschließen, schlechtweg für
+Perceptionen und unterscheidet sie von den bewußten Vorstellungen oder
+Apperceptionen. Nach ihnen bestimmen sich die Rangstufen der Monaden.
+Jene, die durchgehends nur Perceptionen oder dunkle Vorstellungen
+besitzen, heißen Entelechieen, ein Name, der ihres Selbstgenügens, ihrer
+Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren
+Vorstellungen, zum Theile wenigstens deutlich und vom Bewußtsein
+begleitet sind, Seelen (_âmes_).
+
+ (40) _Monadol._ S. 706.
+
+ (41) Daselbst S. 706.
+
+Bis hieher haben wir die Monaden als völlig freithätig betrachtet,
+befinden uns aber zugleich noch in Bezug auf die einzelne Monade auf dem
+Standpunkte eines vollkommenen Idealismus, der nur durch das jeder
+Monade inwohnende Gesetz ihres Veränderungsablaufs, welches in jeder
+Monade ein anderes ist, eine bestimmte Richtung empfängt. Soll also eine
+Art Zusammenhang in diese mannigfachen und von einander wechselseitig
+gänzlich unabhängigen Reihen von Veränderungen gebracht werden, so daß
+sich mit der Veränderung in der einen Monas die correspondirende in der
+andern zugleich vorfinde, was durch besondere Einwirkung der Einen auf
+die Andere nicht geschehen kann, und durch die blos gelegenheitliche der
+Gottheit nicht geschehen soll, damit das Ganze nicht planlos
+zusammengewürfelt, sondern vom Standpunkt der höchsten Weisheit aus
+geordnet erscheine: so muß von diesen den Monaden inwohnenden Gesetzen
+aus gewirkt werden. Diese Gesetze müssen so beschaffen sein, daß sich,
+so oft nach dem in einer der Monaden thätigen Gesetze zu einem gewissen
+Zeitpunkt ein bestimmter Zustand eintritt, in allen übrigen Monaden in
+Folge ihrer Gesetze die entsprechenden und anpassenden erzeugen. Zu
+deren Auswahl gehört erstens eine vollständige Erkenntniß aller
+überhaupt möglichen Gesetze dieser Art, deren wegen der unendlichen
+Anzahl der Monaden auch unendlich viele sind, sammt den Reihen von
+Veränderungen, welche in alle Ewigkeit aus ihnen folgen, also _eo ipso_
+eine unendliche Erkenntniß; ferner ein unendlicher Wille, der aus der
+unermeßlichen Menge möglicher Gesetze und Folgenreihen gerade diese
+gewählt hat, um eine zu jeder Zeit vollkommenste Welt zu schaffen; und
+endlich eine unendliche Macht, um diese Gesetze in den Monaden auch
+wirklich zur Thätigkeit zu bringen. Unendliche Erkenntniß,
+vollkommenster Wille und größte Macht sind aber nur die Attribute
+Gottes, dem allein wir die Wahl und Belebung der Veränderungsgesetze der
+Monaden und dadurch mittelbar das Dasein aller aus diesen, wie Folgen
+aus ihren Gründen, zu jeder gegebenen Zeit hervorgehenden Wirkungen
+verdanken.
+
+Aus diesem Grunde durfte =Leibnitz= von Gott, dem Urgrund aller Dinge,
+sagen: »er sei jene nothwendige Substanz, in welcher sämmtliche
+(mögliche und wirkliche) Veränderungen formaliter ihren Grund und
+Urquell haben(42).« Denn sein »Verstand ist die Quelle der ewigen
+nothwendigen Wahrheiten,« in welchen jene Gesetze begründet sind, und
+welche ihn zu der Wahl derjenigen bestimmten, welche dem allgemeinen
+Besten am zuträglichsten sind (_choix du Meilleur_). In ihm ist »die
+Macht als Quelle von Allem, die Erkenntniß, die alle Ideen umfaßt, und
+der Wille, der verändert und schafft nach dem Princip des allgemeinen
+Besten(43).« Gott mußte =wollen=, daß das Ganze so eingerichtet werde,
+wie er =erkannte=, daß es am besten sei, er mußte es auch so =vermögen=.
+Alle jemals stattfindenden Veränderungen sind längst von Anbeginn her in
+jeder Monade oder vielmehr in dem ihr von Gott eingepflanzten
+Veränderungsgesetze virtuell vorhanden, und laufen wie aufgezogene
+Uhrfedern nacheinander ab. Auf diese Weise wird die ganze reale Welt mit
+allen wechselnden und bleibenden Zuständen das Abbild einer idealen Welt
+von Gesetzen in Gottes Verstande. Was sich in dieser idealen Welt wie
+Grund und Folge verhält, wird in der realen zur (scheinbaren) Ursache
+und Wirkung. Denn »ein Geschöpf heißt vollkommener als ein anderes,
+sobald sich an ihm Etwas findet, was den vollständigen rein apriorischen
+Grund dessen abzugeben vermag, was an diesem Andern geschieht, und
+deshalb sagt man, es wirke auf dieses Andere(44).« Das Wirken ist ein
+bloßes Wort, eine Redensart, ein gedachtes Wirken, denn ein reales soll
+ja absolut unmöglich sein. Das was sich an dem Ersten von der Art
+findet, daß es die Ursache eines Zustandes an dem Zweiten abgeben zu
+können scheint, ist nur eine reale Folge des innern Gesetzes dieser
+ersten Monade, eine ihrer inneren wirklichen Veränderungen, ein Theil
+ihres immanenten realen Geschehens selbst. Der Einfluß aber unter den
+Substanzen von Monade auf Monade ist blos ein idealer und dieser gelangt
+zu seiner Wirkung nicht anders, als durch die Dazwischenkunft Gottes
+selbst, indem im Kreise seiner Ideen jede Monade mit Recht verlangen
+darf, daß er bei Anordnung und Regelung des Weltgebäudes auch auf sie
+und ihre jetzigen und künftigen Veränderungen Rücksicht nehme. Denn »da
+keine geschaffene Monade einen Einfluß auf das Innere einer anderen
+nehmen kann, so bleibt dies als das einzige Mittel übrig, die Eine in
+der Abhängigkeit von der Anderen zu erhalten ..... Daher sind auch
+zwischen den geschaffenen Substanzen Thätigsein und Leiden
+wechselseitig. Denn Gott findet, sobald er zwei einfache Substanzen
+vergleicht, an jeder derselben Gründe, welche ihn bestimmen, die Eine in
+gewissen Beziehungen der Anderen anzupassen, woraus folgt, daß dieselbe,
+die uns von einem gewissen Gesichtspunkt aus als thätig erschien, von
+einem andern aus uns als leidend erscheinen kann; und zwar thätig,
+insofern dasjenige, was man an ihr mit Deutlichkeit wahrzunehmen im
+Stande ist, dazu dient, den Grund dessen anzugeben, was an der Anderen
+vor sich geht; leidend aber, insofern der Grund dessen, was so eben an
+ihr geschieht, in demjenigen anzutreffen ist, was an einer anderen
+Monade mit Deutlichkeit unterschieden werden kann(45).« Was wir also
+Ursache und Wirkung an verschiedenen Substanzen nennen, sind nur
+verschiedene Bestimmungen, welche die Gottheit einer Jeden von Beiden
+mit Rücksicht auf die Anderen beigelegt hat. Ursache und Wirkung sind
+sie nur für uns, nur für den Beschauer, an sich sind beide Bestimmungen
+gegen einander völlig indifferent, und die Gottheit muß ihre besonderen
+Gründe gehabt haben, sie an beiden Monaden gerade so eintreten zu
+lassen, daß wir auf die Vermuthung gelangen, die Eine sei die Ursache
+der Anderen. Diese Gründe lassen sich in Gottes Verstande allerdings wie
+Sätze betrachten, deren einer den andern zur Folge hat, so daß z. B. die
+Bestimmung _a_ an der Substanz _A_ da sein muß, weil die Bestimmung _b_
+an der Substanz _B_ da ist, und der Satz: »_a_ ist an _A_« als Grund des
+Satzes: »_b_ ist an _B_« erscheint; darum ist aber weder _a_ die Ursache
+von _b_, noch _b_ die Ursache von _a_, weil ja ein- für allemal kein
+Ding auf das andere wirken, also auch keines die reale =erzeugende=
+Ursache irgend einer Bestimmung an einem andern werden kann.
+
+ (42) _Monadol._ S. 708.
+
+ (43) _Monadol._ S. 708.
+
+ (44) Daselbst S. 709.
+
+ (45) _Monadol._ S. 709.
+
+Ursachen und Wirkungen an verschiedenen Substanzen sind daher blos todte
+Bestimmungen, die nur uneigentlich diesen Namen verdienen, und deren
+Eine allenfalls gänzlich wegbleiben könnte, ohne die andere wegfallen zu
+machen. Denn die Ursache selbst ist in diesem Falle ganz und gar nicht
+die Bedingung des Eintrittes der Wirkung; die letztere ist blos eine
+Folge des ihrer Monade von Anbeginn her inwohnenden Gesetzes, so wie die
+(scheinbare) Ursache an der andern Monade gleichfalls nichts als eine
+Folge des dieser letzteren inhaftenden Gesetzes ist, und nur der
+Umstand, daß Gott diese beiden Gesetze von Anfang her so gewählt und
+eingerichtet hat, daß einst kraft derselben zu gleicher Zeit an beiden
+Monaden solche Veränderungen eintreten müssen, die zu einander im
+Verhältnisse von Ursache und Wirkung zu stehen scheinen, dieser Umstand
+gibt ihnen den seit Ewigkeit her prästabilirten Zusammenhang.
+
+Wie es aber komme, daß wir trotz dieser vollkommenen realen
+Unabhängigkeit jeder Monade für sich von aller äußeren ursachlichen
+Wirksamkeit und ihrer ausschließenden Schöpferkraft sämmtlicher inneren
+Veränderungen aus sich selbst, als den nothwendigen Folgen ihrer
+immanenten Veränderungsgesetze, doch zu der Vorstellung eines
+ursachlichen Zusammenhangs der Dinge untereinander gelangen, davon gibt
+=Leibnitz= die eigenthümliche Erklärung: »Diese innige Verknüpfung
+(_liaison_), oder die Uebereinstimmung aller geschaffenen Dinge (die,
+wie wir oben sahen, durch den Zusammenhang der idealen Welt der
+immanenten Gesetze untereinander entsteht) mit jedem Einzelnen und jedes
+Einzelnen mit allen Uebrigen macht, daß jede einfache Substanz
+Beziehungen an sich trägt, die ein Abdruck aller übrigen Substanzen
+sind, und folglich jede einzelne gleichsam als ein lebender
+immerwährender Spiegel des Universums erscheint(46).«
+
+ (46) _Monadol._ S. 709.
+
+Die Gottheit als Weltbaumeister erscheint hier unter dem Bilde eines
+Mosaikkünstlers, der aus den einzelnen Monaden wie aus Steinchen das
+ganze Weltgebäude zusammensetzt, und dabei sehr wohl im Sinne haben muß,
+welche Stellung jedes so oder anders gefärbte Steinchen einnehmen müsse,
+um den gewünschten Effect hervorzubringen. Jedes Steinchen oder
+Stiftchen befindet sich gegen jedes andere in einem bestimmten
+Verhältniß der Lage und zwar gegen jedes in einem andern. Diese
+Verhältnisse überblickt aber nur der ordnende Künstler. Nur seinem
+Geiste ist das Ganze gegenwärtig nach Zweck und Absicht, das Steinchen
+steht in diesen Verhältnissen, ohne davon, abgesehen von der inneren
+Unfähigkeit, eine Kenntniß zu haben. Insofern es aber in seinen eigenen
+Verhältnissen steht, wird es durch dieselben Ursache gewisser
+Bestimmungen an der Lage aller übrigen Steinchen, die sämmtlich anders
+angeordnet sein könnten und sein würden, wenn dieses einzige Steinchen
+mangelte. Die Monaden nun haben untereinander und zum geordneten Kosmos
+ein ganz ähnliches Verhältniß wie die Steinchen unter sich und zum
+Mosaikbilde, das sie ausmachen. Jede Monade hat bestimmte Verhältnisse
+zu jeder andern, und wird dadurch Grund gewisser Bestimmungen an diesen.
+In diesem Sinne heißt sie (sehr uneigentlich) ein Spiegel derselben. Die
+Verhältnisse sind aber für dieselbe völlig äußerlich, völlig objectiv,
+sie weiß selbst von denselben nichts; nur die oberste Intelligenz des
+Weltbaumeisters kennt sie vollständig und vermag daher aus der Lage und
+dem Verhältniß einer einzigen Monade jene aller Uebrigen zu erschließen.
+
+Die Verhältnisse, in welchen eine Monade steht, und die Bestimmungen,
+welche sie dadurch an anderen Monaden erzeugt, deren Erkenntniß daher
+eine wenn auch nur geringe und undeutliche Vorstellung von den letzteren
+gibt, verhalten sich zu der Monade selbst, wie die Bilder der sie
+umgebenden Gegenstände zu dem Spiegel, welcher dieselben auffängt. Diese
+sind für den Spiegel selbst Nichts, sie sind nur für den Beschauer
+Etwas. Dieser gewahrt die Bilder und schließt daraus auf das
+Vorhandensein, auf Nähe und Ferne der erzeugenden Gegenstände. Eben so
+würde eine so vollkommene Intelligenz, wie jene des Weltbaumeisters, aus
+Lage und Beschaffenheiten einer einzelnen Monade, d. i. aus den an ihr
+befindlichen objectiven Verhältnissen und Beziehungen zu den übrigen
+Monaden die Construction und Anordnung des ganzen übrigen Weltalls zu
+beurtheilen im Stande sein, auf ähnliche Weise, wie im geringeren Grade
+ein Maler aus wenigen Strichen die Anlage eines Gemäldes, oder ein
+Geometer aus der gegebenen Lage einer Linie und zweier Winkel das ganze
+Dreieck zu erkennen vermag.
+
+So innig zusammenhängend und nach so bestimmten unverrückbaren Gesetzen
+geordnet dachte sich =Leibnitz= das Universum. Gott wählte diese
+Gesetze, weil sie die einzigen waren, welche die beste Welt schaffen
+konnten, die er kraft seiner Heiligkeit schaffen wollte und kraft seiner
+Macht zu schaffen vermochte; jede andere hätte dem Begriffe Gottes
+widersprochen. Dies war ihm so gewiß, daß er darauf sein
+unerschütterliches Vertrauen gründete, das Uebel in der Welt sei ein
+nothwendiges Uebel, wenn es eines sei, und zwar das kleinste aus allen
+möglichen Uebeln; im Grunde sei es aber gar keines, sondern erscheine
+uns als ein solches nur von unserm untergeordneten Standpunkt aus,
+während es auf das Ganze irgend einen wohlthätigen Einfluß hat.
+
+Noch aber würde dieses Universum einen traurigen Anblick darbieten. Die
+Monaden sind wirklich noch nichts, als todte Spiegel, die von ihren
+eigenen Bildern (Verhältnissen) nichts wissen. Das einzige die Letztern
+vorstellende Wesen ist die Gottheit und diese ist zugleich das sie am
+vollkommensten vorstellende Wesen. Die vermittelnden Stufen zwischen dem
+gänzlichen Mangel alles Vorstellens und dem vollkommensten Vorstellen
+findet =Leibnitz= in dem mehr oder minder deutlichen Vorstellen, wodurch
+die oben genannten Kasten: Entelechieen, Seelen, niedere und höhere
+Geister sich unterscheiden.
+
+Man unterscheidet an der Monade ein Inneres und Aeußeres, innere
+unabhängige, spontane Veränderungen und äußere, objective Beziehungen
+und Verhältnisse zu andern: Spiegelbilder. Um uns hier eines
+Gleichnisses zu bedienen, stellen wir uns einen Mann vor, der über und
+über in eine spiegelnde Rüstung gehüllt ist und mit geschlossenen Augen
+dasteht. Dieser Mann hat Vorstellungen von denen er weiß, aber von den
+Bildern, welche unterdeß die umgebenden Gegenstände auf seine Rüstung
+werfen, weiß er nichts. Seine Vorstellungen sind von diesen äußeren
+Bildern ganz unabhängig, sie sind, mit =Leibnitz= zu reden, seine
+_perceptiones_, die Bilder seine _repraesentationes_. Jene sind ein
+Inneres, diese ein Aeußeres für ihn, und beide brauchen so wenig zu
+harmoniren, wie die wirklich vorhandene Welt mit der idealistischen
+isolirten Weltanschauung, die sich in jeder Monade bildet, zu harmoniren
+braucht. Der Mann mag glauben, sich in einem Garten zu befinden, während
+in seiner Rüstung sich der Saal abspiegelt, darin er sich in der That
+aufhält.
+
+Idealismus und Realismus werden hier scharf aus einander gehalten. Jede
+Monade hat ihren aparten Idealismus, ihre singuläre Weltansicht, ihre
+eigene mögliche Welt, während es doch nur eine einzige =wirkliche= Welt
+gibt und geben kann. Soll nun nicht ein beständiger Conflict der
+geträumten ideellen mit der wirklichen Welt entstehen, so muß das
+Aeußere in das Innere verwandelt, die objectiv (gleichsam) an der
+Außenseite der Monade als Spiegelbild vorhandene Vorstellung der
+wirklichen Welt muß zur innern subjectiven gemacht, die Monade muß sich
+ihres Spiegelbildes der wirklichen Welt bewußt werden. In dem Beispiel,
+das wir oben zu Hilfe nahmen, würde dies z. B. dadurch geschehen, daß
+der Träger der Rüstung die an derselben befindlichen Spiegelbilder
+gewahr und dadurch seines Irrthums inne würde, sich im Freien zu
+befinden. Bei der Monade geschieht es durch eine Art psychologischen
+Prozesses, der auch den Grund zur Trennung dunkler und deutlicher
+Vorstellungen herleiht, indem die blos äußerlichen Spiegelbilder dunkel,
+diejenigen aber, deren sich die Monade bewußt geworden, ihre deutlichen
+Vorstellungen heißen.
+
+Das Resultat dieses Processes wird die Ueberzeugung sein, daß die Monas,
+weil ihre innerliche Weltanschauung nur das zum Bewußtsein gekommene
+Spiegelbild der wirklichen Welt sein kann, die letztere so wie sie
+wahrhaft ist, vorstellt, ihr Idealismus also mit dem wahren Realismus
+identisch ist. Möglich wird dies Resultat nur durch die prästabilirte
+Harmonie, vermöge welcher die sich auf schöpferischem Wege in der Monas
+entwickelnden Vorstellungen keine andern sein können, als welche
+virtuell in ihrem immanenten speciellen Veränderungsgesetze präformirt
+sind. Dieses Veränderungsgesetz hat Gott in die Monas hineingelegt, der
+auch die wirkliche Welt, deren Spiegelbild an der Außenseite der Monade
+haftet, geschaffen hat. Es hieße an seinem Wollen des allgemeinen Besten
+zweifeln, wollte man nicht annehmen, daß er das Mutationsgesetz in jeder
+einzelnen Monas so eingerichtet habe, daß in ihr nur Vorstellungen sich
+erzeugen, wie sie der wirklichen Welt und der Bestimmung der Monas in
+dieser zu wirken und zu handeln, angemessen sind.
+
+Der Idealismus der einzelnen Monas ist daher kein schlechthin freier,
+sondern ein durch ihr immanentes Mutationsgesetz bedingter, und besteht
+nur in der Unabhängigkeit von realer äußerer Einwirkung, nicht aber von
+innerer. Das Veränderungsgesetz selbst hat seinen Grund in Gott und zwar
+in dem praktischen, dem Willenselement desselben, kraft dessen er das
+Beste der Welt will. Eine ähnliche Beschränkung des absoluten Idealismus
+trifft man bei =Fichte= in seiner Berufung auf die moralische
+Weltordnung und die Bestimmung des Menschen, wobei er nur die bei
+=Leibnitz= noch mächtige und unvermeidliche Persönlichkeit des
+Weltordners hinweggedacht hat.
+
+Ohne daher eine Einwirkung von irgend einer der übrigen Monaden direct
+zu erfahren, steht jede Monas in gewissen Verhältnissen zu jeder
+derselben und erkennt diese Verhältnisse kraft ihres immanenten
+Mutationsgesetzes in größerer oder geringerer Anzahl, und mehr oder
+weniger deutlich. Ihre Vorstellungen sind idealistisch, aber Gott hat
+dafür gesorgt, daß sie der wirklichen realen Welt jederzeit entsprechen.
+Die Abwesenheit des directen causalen Zusammenhanges kann unter diesen
+Umständen unserer praktischen Verpflichtung und wirklichen Thätigkeit
+keinen Schaden thun. Die Dinge wirken nicht auf die Seelenmonas, diese
+aber empfindet sie und stellt sie vor, gerade so als ob sie auf sie
+wirkten. Ohne von ihnen genöthigt zu werden, stellt die Seelenmonas die
+Dinge vor, wie sie wirklich sind, und dies in Folge ihres immanenten
+Veränderungsgesetzes, da Gott uns unmöglich kann täuschen wollen,
+welches letzten Argumentes sich auch schon =Descartes= bedient hat.
+
+Es ist nun klar, wie wir zu der Annahme eines causalen Zusammenhanges
+gelangen. Dieser findet in Wahrheit nicht statt, aber er =scheint=
+stattzufinden. Wegen des gleichmäßig geordneten Ablaufs von
+Veränderungen in sämmtlichen Monaden treten gewisse Veränderungen in
+mehreren gleichzeitig ein, wiederholen sich dieselben gleichzeitigen
+mehrmals, bis sich bei dem Beschauer allmälig die Idee ausbildet, daß
+diese gleichzeitig wiederkehrenden Veränderungen zusammengehören, die
+eine nicht ohne die andere sein kann, zwischen beiden also dasselbe
+Verhältniß statthabe, das wir sonst Ursache und Wirkung zu nennen
+gewohnt sind. Da wir dies blos als eine Verknüpfung der gleichzeitigen
+Veränderungen beim Beschauer, keineswegs aber die eine als
+hervorgebracht durch eine besondere Kraftäußerung der andern ansehen, so
+macht sich die Causalität hier schon als eine bloße Regel der Zeitfolge
+geltend, wofür sie =Hume= und die Skeptiker später ausdrücklich
+erklärten. Nach =Leibnitz= bedeutet das Causalverhältniß zwischen _a_
+und _b_ nichts Anderes als: die Veränderungsgesetze zweier Monaden sind
+so beschaffen, daß sobald in Folge des einen in seiner Monas der Zustand
+_a_ eintritt, in Folge des andern in der zweiten Monas der Zustand _b_
+eintreten muß. Dann heißt der Zustand _a_ und jeder ihm ähnliche die
+Ursache des Zustandes _b_ und jedes ihm ähnlichen und dieser die Wirkung
+von jenem. Er heißt aber nur so, er ist es nicht, denn beide sind völlig
+unabhängig von einander nach den immanenten Mutationsgesetzen
+verschiedener Monaden erfolgt.
+
+=Leibnitz= selbst nannte seine Monaden »geistige Automaten.« Wie diese
+der Künstler, nachdem er sie gehörig aufgezogen hat, sich selbst
+überläßt, in der sicheren Voraussetzung, es werde jede Schraube und
+jedes Rädchen in denselben seinerzeit gehörig eingreifen, um die
+Bewegungen hervorbringen zu helfen, die die Maschine zu machen bestimmt
+ist: gerade so überläßt auch Gott die Monaden, nachdem er ihnen die
+passenden Gesetze eingeprägt hat, ihrer Selbstthätigkeit, die ohne
+eigenes Zuthun stets mit jener aller übrigen zusammenstimmen muß.
+
+Die prästabilirte Harmonie, die wir so eben als statthabend zwischen den
+freischöpferischen Vorstellungen der Monaden und den objectiven
+äußerlich an denselben in Folge des Zusammenhanges der Welt sich
+bildenden Spiegelbildern dargestellt haben, findet sich auch zwischen
+den ersteren und den körperlichen Bewegungen. Vollkommnere Monaden
+machen den Mittelpunkt minder vollkommener aus, wie die Seele den des
+Körpers. Die Vollkommenheit aber richtet sich nach der größeren oder
+geringeren Menge deutlicher Vorstellungen, und scheidet darnach
+Entelechieen, Seelen und Geister, welche letzteren sich schon bis zu
+abstracten Begriffen und Vernunfterkenntnissen zu erheben vermögen. Jede
+Monade trägt Beziehungen zu allen übrigen Monaden an sich, sie spiegelt
+das ganze übrige Universum vor. Sollte dies bis in's kleinste Detail mit
+vollkommenster Deutlichkeit geschehen, so müßte jede einzelne Monas Gott
+sein, denn dies würde eine unendliche Erkenntnißkraft voraussetzen, weil
+unendlich viele Beziehungen vorhanden sind. Sie erkennt daher von
+diesen, so lange sie blos Entelechie ist, alle, sobald sie Seele ist,
+den größten Theil ihrer Beziehungen und Verhältnisse zu andern nur
+verworren (_confuse_). Deutlich erkennt eine Seele nur einen kleinen
+Theil derselben, etwa die nächsten oder, im Vergleiche mit ihr selbst,
+größten und mächtigsten. Die Beschränkung der Monaden erstreckt sich
+daher nicht auf die Gegenstände, welche sie vorstellt, die bei allen
+dieselben sind, nämlich das gesammte Universum, sondern auf die Art und
+Weise, =wie= sie dieselben vorstellen. Natürlich folgt daraus, daß jede
+Seele einen andern Theil der sie umgebenden Dinge deutlich vorstellt,
+z. B. ihren eigenen Körper(47). Da aber der Raum stetig erfüllt ist, so
+pflanzt sich dieses deutliche Vorstellen einer Monade mittelbar durch
+das ganze All fort, indem die von der Monade _a_ deutlich vorgestellten
+Monaden selbst wieder andere deutlich vorstellen, und so fort, was
+=Leibnitz= so ausdrückt: »Da die Materie zusammenhängend ist, und jede
+Bewegung im erfüllten Raume auf distante Körper eine Einwirkung im
+Verhältniß zu ihrer Distanz ausübt, so zwar, daß jeder Körper nicht blos
+von dem ihm zunächst befindlichen afficirt wird und gewisser Weise
+mitempfindet, was diesem widerfährt, sondern durch dessen Vermittlung
+auch mit jenen mitfühlt, welche an den ihn unmittelbar berührenden
+anstoßen: so folgt, daß diese Einwirkung sich auf was immer für eine
+Distanz hinaus erstrecke, und jeder Körper alles mitempfinde, was im
+ganzen Universum geschieht(48).« Deutlich also stellt die Seele nur
+ihren Körper vor, und insofern dieser durch den Zusammenhang aller
+Materie im erfüllten Raume untereinander das Universum ausdrückt,
+»stellt die Seele, indem sie ihren Körper vorstellt, das Universum
+selbst vor(49).« Wie es nun komme, daß die Veränderungen in den Körpern,
+ohne daß die Seele real auf denselben einzuwirken vermag, doch
+regelmäßig erfolgen, läßt sich aus den regelmäßigen inneren
+Veränderungen der einfachen Monaden erklären, welche die Körper
+constituiren. Die Körper, als Zusammengesetztes, =sind= nicht wahrhaft;
+an ihnen kann daher auch keine Veränderung vorgehen, sondern was wir
+eine Veränderung an einem Körper zu nennen pflegen, ist nichts als das
+Resultat aller gleichzeitig in den einfachen Monaden, welche den Körper
+ausmachen und denen allein wahrhafte Existenz zukommt, vorgehenden oder
+vorgegangenen Veränderungen. Herrscht aber, wie vorausgesetzt, zwischen
+den Veränderungen in den einfachen Wesen und Theilen des Körpers die
+prästabilirte Harmonie, so muß diese auch zwischen den Summen der
+gleichzeitigen Veränderungen in mehreren Körpern, also zwischen den
+(scheinbaren) Veränderungen dieser Körper selbst stattfinden. Das
+Resultat der gleichzeitigen Veränderungen in den einfachen Theilen eines
+Körpers, welches dann eine Veränderung des Körpers selbst heißt, läßt
+sich am richtigsten mit der Summe vergleichen, weil die einzelnen
+Summanden, die Veränderungsreihen in den einfachen Theilen, von einander
+ganz unabhängig sind, und einander wechselseitig aus ofterwähnten
+Gründen durchaus nicht modificiren. Auf diese Weise setzte =Leibnitz=
+höchst geistreich und scharfsinnig die Beschaffenheit des organischen
+Wesens, dessen organische Gliederung bis in's Einzelne und Kleinste mit
+einer Klarheit und Wahrscheinlichkeit auseinander, die seinem
+atomistisch-monadischen System so viel Eingang verschaffte, und von den
+Resultaten der Naturwissenschaften immer augenscheinlicher bestätigt
+wurde. »Jeder organischer Körper,« sagt er, »ist eine Art göttlicher
+Maschine, ein natürlicher Automat, der alle künstlichen unendliche Mal
+übertrifft. Denn eine Maschine von Menschenhand ist es nicht mehr in
+ihren kleinsten und letzten Theilen, und es gibt z. B. an einem Stegrade
+Theile und Bruchstücke genug, die nichts Kunstreiches mehr an sich und
+zum Totalzwecke der Maschine beinahe keinen Bezug haben. Aber die
+Maschinen in der Natur, ich meine die lebenden Körper, sind noch in
+ihren kleinsten Theilen bis in's Unendliche hinab Maschinen. Und dies
+ist der Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Kunst(50).« Und
+mit welcher Begeisterung spricht er allenthalben von der Belebung des
+Weltalls bis in seine kleinsten Theile, obgleich ihn erst =Swammerdam='s
+und =Leuvenhök='s kaum begonnene Forschungen auf diesem jetzt durch
+=Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er
+aber dieses that, übersah er oder wollte er nicht sehen, daß zu einer
+wahren Belebung auch wechselseitige Thätigkeit und Wirksamkeit gehöre,
+und jene ohne diese eigentlich keinen Sinn habe. Oder werden wir wohl
+von Belebung bei einem Körper sprechen können, dessen einzelne Theile
+zwar sich selbstthätig bewegen, deren keiner aber den andern bewegt,
+indem keiner eine Art freiwilliger Herrschaft über die andern ausübt,
+die sich alle theilnahmslos, und nur mit sich selbst beschäftigt, neben
+einander hintreiben, oder vielmehr von immanenten Gesetzen unwillkürlich
+und mechanisch getrieben werden. Dennoch hielt =Leibnitz= an seiner
+prästabilirten Harmonie mit einer Zuversicht fest, die ihn von ihr sagen
+ließ: »sie sei die vernünftigste und zugleich diejenige Annahme, welche
+die höchste Idee von der Harmonie des Universums und der Vollkommenheit
+der Wesen Gottes gibt(51).« Da ihm der Occasionalismus hauptsächlich um
+deswillen verwerflich dünkte, weil er die Gottheit zum Werkzeuge blinder
+Naturgewalt, noch mehr, weil er sie zum Diener der Willkür geschaffener
+Wesen herabzuwürdigen schien, der bei der Hand sein müßte, sobald Leib
+oder Seele seiner bedürften, der physische Einfluß aber mit der
+Einfachheit der Substanzen ihm in jedem Sinne unvereinbar vorkam: so bot
+ihm die prästabilirte Harmonie dagegen unermeßliche, und wie er meinte
+gerade solche Vorzüge, wie sie seinem edlen, für Menschenwohl und echte
+Religiosität glühenden Herzen am willkommensten waren. =Leibnitz= war
+ein Kosmopolit; sein Augenmerk traf immer das Ganze; die Mathematik
+hatte dasselbe für die Wahrnehmung des regelrechten Ganges in Natur und
+Menschenloos geschärft, es bedünkte ihn eine bare Unmöglichkeit, daß
+dies alles das Werk eines blinden Zufalls sein sollte. »Genöthigt,«
+sagte er, »zuzugeben, daß es unmöglich sei, daß die Seele oder irgend
+eine andere wahrhaft einfache Substanz von außen her Etwas empfange,
+wenn dies nicht durch die Allmacht Gottes geschieht, ward ich unvermerkt
+zu einer Ansicht hingetrieben, die mich überraschte, die mir
+unvermeidlich schien und die wirklich große Vortheile und
+beachtenswerthe Schönheiten gewährt(52).« Und an einem anderen Orte
+heißt es: »In ihr findet sich der große Gewinn, daß wir, statt wie
+mehrere geistvolle Männer (=Descartes=) geglaubt haben, blos scheinbar
+und auf eine Weise frei zu sein, die für die Praxis gerade hinreicht,
+vielmehr sagen müssen, wir seien nur dem Scheine nach bestimmt, und im
+strengen metaphysischen Sinne vollkommen unabhängig von was immer für
+Einflüssen aller übrigen Geschöpfe (aber nicht von innern). Diese
+Ansicht stellt ferner die Unsterblichkeit unserer Seele in's hellste
+Licht, so wie die immer gleichförmige Erhaltung unserer Individualität,
+die trotz aller äußeren Zufälle und so sehr auch das Gegentheil wahr
+scheinen mag, vollkommen von ihrer eigenen innern Natur geregelt wird.
+Niemals hat ein System unsere Erhabenheit mit mehr Evidenz gezeigt.
+Jeder Geist ist eine Welt für sich, sich selbst genug, unabhängig von
+jeder anderen Creatur, umfaßt er das Unendliche, stellt das Universum
+dar, ist so dauernd, so beständig und so in sich vollendet, wie das
+Universum der Geschöpfe selbst .... Mit dieser Annahme gelangt man zu
+einem Beweise für die Existenz Gottes von überraschender Klarheit. Denn
+diese vollkommene Zusammenstimmung so vieler Substanzen, die doch unter
+sich wechselseitig keinen Verkehr haben, kann nur von einer
+gemeinschaftlichen Ursache kommen(53).« Der letzte Grund war für
+=Leibnitz= von entscheidender Wichtigkeit, denn auf diese Existenz war
+zuletzt sein ganzes philosophisches Gebäude gegründet. Ohne das Dasein
+Gottes fehlte der prästabilirten Harmonie aller Boden; denn mit ihm fiel
+die Möglichkeit des Princips der Wahl des Besten hinweg, von dessen
+Realität zuletzt Alles abhing. Allein wer sieht nicht, daß der Schluß
+von dem Dasein einer prästabilirten Harmonie, die selbst nur unter der
+Voraussetzung des Seins der Gottheit haltbar wird, auf das letztere
+zurück durchaus keine Kraft hat, vielmehr ein völliges Hysteron Proteron
+ist? Auch bedachte =Leibnitz= nicht, daß wir ohne Einwirkung von außen
+von dem Vorhandensein anderer Substanzen außer unserer eigenen, also
+auch von der Harmonie oder Nichtharmonie der in denselben vorgehenden
+Veränderungen mit unseren eigenen nichts wissen können; daß diese
+Harmonie für uns so lang eine bloße Hypothese bleibt, so lang wir nicht
+auf anderem Wege den Beweis für die Existenz eines Wesens hergestellt
+haben, welches bei der ausgemachten (?) Unmöglichkeit, daß eine Substanz
+auf die andere wirke, will, daß alles Geschehen in möglichster
+Uebereinstimmung zum Wohle des Ganzen und zur Erreichung des
+größtmöglichen Besten mit beitrage. Allein =Leibnitz=' galt die
+prästabilirte Harmonie für mehr als eine bloße Hypothese, »weil sich auf
+keine andere Weise die Dinge gleich gut erklären lassen, dagegen die
+größten Schwierigkeiten, die den Denkern bisher aufgestoßen, vor ihr wie
+Spreu vor dem Winde verfliegen(54)«. So führt er den Beweis für dieselbe
+immer nur aus ihren Folgen für das praktische Erkennen und Handeln, für
+die Erkenntniß Gottes, die Unsterblichkeit der Seele, die menschliche
+Freiheit, als die Angelpunkte, um welche sich alles und jedes
+metaphysische Denken bewege. Zum Beweise ihrer Wirklichkeit genügte es
+ihm, ihre Möglichkeit erwiesen zu haben. »Denn,« sagte er, »warum könnte
+Gott der Substanz nicht eine solche Natur oder innere Kraft gegeben
+haben, vermöge welcher sie der Ordnung nach (etwa wie ein spiritueller
+oder formeller Automat) alles das aus sich producirte, was ihr zustoßen
+wird und kann, d. i. alle jene Scheine und Aeußerlichkeiten, die sie
+jemals haben und an sich tragen wird, und dies ohne Beihilfe irgend
+einer andern Creatur? Um so mehr, da die Natur der Substanz einen
+Fortschritt oder Wechsel mit Nothwendigkeit begehrt, und wesentlich
+einschließt, ohne welche sie keine Kraft zu handeln und thätig zu sein
+besäße? Und da diese Natur der Seele eine repräsentative, nämlich das
+ganze Universum auf höchst bestimmte, obgleich mehr oder minder
+deutliche Weise vorstellende ist, so wird natürlicherweise die Folge der
+von der Seele erzeugten Repräsentationen der Folge der im Universum
+selbst stattfindenden Veränderungen entsprechen. Wenn man aber, so wie
+es geschieht, selbst sobald man die Seele als nach außen zu wirken fähig
+ansieht, zugibt, daß der Körper der Seele angepaßt worden sei, so ist es
+doch noch viel vernunftgemäßer, zu sagen, daß die Körper nur für und
+wegen der Seelen gemacht worden seien, welche letzteren allein fähig
+sind, in die Gemeinschaft Gottes einzugehen und seinen Ruhm zu
+verkünden(55).«
+
+ (47) Vergl. _Monad._ S. 709.
+
+ (48) _Monadol._ S. 710.
+
+ (49) _Monadol._ S. 710.
+
+ (50) _Monadol._ S. 710.
+
+ (51) _Nouveau système_, S. 128.
+
+ (52) _Nouv. syst._ S. 127.
+
+ (53) _Nouv. syst._ S. 128.
+
+ (54) _Nouv. syst._ S. 128.
+
+ (55) _Nouv. syst._ S. 127.
+
+Der Mechanismus, dem dieses System das Wort zu reden schien, erregte
+schon seiner Zeit lebhaften Widerspruch, am heftigsten den =Pierre
+Bayle='s, jenes scharfsinnigen Skeptikers, dessen selbst für unsere Tage
+und Verhältnisse noch unzweifelhafte und in manchen Stücken
+überraschende Bedeutung erst neuerlich =Feuerbach=(56) in seiner Weise
+ins Licht gesetzt hat. Da dieser Streit einer der wenigen ist, deren
+Acten von beiden Seiten uns vollständig und von der Hand der Urheber
+selbst vorliegen, so wollen wir sowohl die wesentlichsten Einwendungen
+=Bayle='s, die meist jetzt noch Geltung haben, als die Widerlegung
+=Leibnitz=' in Kürze anführen. Sie finden sich von Seite =Bayle='s in
+den beiden Auflagen seines Wörterbuchs(57), von Seite =Leibnitz=' bei
+=Erdmann= S. 150-154. =Bayle='s Einwendungen waren im Auszug folgende:
+
+1. Aus dieser Hypothese (der prästabilirten Harmonie) würde folgen, daß
+z. B. eine Seele die Empfindung des Hungers haben müßte, auch wenn außer
+ihr und Gott gar Nichts, also auch kein Mittel vorhanden wäre, diesen
+Hunger zu stillen, weil ja die Veränderungen in ihr ohne Rücksicht und
+unabhängig von jenen des Körpers blos nach einem immanenten Gesetz
+erfolgen; eine fortwährende schmerzliche Empfindung aber ohne Mittel,
+derselben zu steuern, sei mit Gottes Güte und Weisheit unverträglich.
+
+2. Das Dasein schmerzlicher Empfindungen und unangenehmer Gefühle in der
+Seele verträgt sich auf keine Weise mit der Spontaneität der letzteren,
+weil man nicht annehmen kann, sie werde sich selbst Schmerzen zufügen
+wollen.
+
+3. Der Grund, weshalb =Leibnitz= des =Cartesius= Vermittlung zwischen
+Geist und Körper durch Gottes Beistand verwirft, beruht auf falschen
+Voraussetzungen; denn indem die Gottheit in diesem Falle vermittelnd
+eingreift, handelt sie nach allgemeinen, somit (?) nothwendigen
+Gesetzen, daher keineswegs als bloßer _Deus ex machina_.
+
+4. =Bayle= fragt, ob denn jene die innern Veränderungen erzeugende und
+schaffende Kraft der Seele die Reihe der Vorstellungen kenne, die sie
+erzeugen wird. Die Erfahrung scheine dies Letztere nicht zu bestätigen,
+weil wir ja nicht einmal je mit Sicherheit anzugeben im Stande sind,
+welche Vorstellungen wir etwa nach einer Stunde haben werden. Die Reihe
+der Vorstellungen bestimme und regiere daher wohl irgend ein anderes
+äußeres Princip, nicht die Seele selbst. Ob dies selbst aber wohl etwas
+Anderes sei, als auch wieder ein _deus ex machina_?
+
+5. Mit welchem Rechte, fragt er weiter, könne =Leibnitz= wohl, nachdem
+er kaum mit gewichtigen Gründen erwiesen habe, die Seele sei einfach und
+untheilbar, dieselbe plötzlich mit einer Pendeluhr vergleichen? d. i.
+sie zu einem Wesen machen, welches vermöge seiner innern Einrichtung
+verschiedene Thätigkeiten haben kann, wenn es sich der vielfachen ihm
+vom Schöpfer verliehenen Vermögen bedient? Wohl sei zu begreifen, daß
+ein einfaches Wesen, so lange keine äußere Macht es abändert (was ja bei
+Monaden ohnedies unmöglich ist), nur ewig gleichförmig (_uniformément_)
+handeln könne. Wäre es dagegen zusammengesetzt, wie es eine Maschine,
+wie eine Pendeluhr, ist, so würde es auch auf verschiedene Weise handeln
+können, weil die besondere Thätigkeit jedes Theils von Moment zu Moment
+die Thätigkeit der übrigen zu modificiren vermöchte. Allein woher in der
+einfachen auf sich selbst beschränkten Substanz der Grund des
+Thätigkeitswechsels; woher überhaupt und wie ist die Vielheit in der
+Einheit möglich?
+
+ (56) =Pierre Bayle= nach seinen für die Gesch. der Philos. und
+ Menschheit interessantesten Momenten. Ansbach, 1838.
+
+ (57) _Dictionn. histor. crit. ed. I. Rotterodami, 1697. II. tom.
+ II. part. p. 965._
+
+Wie ganz nahe streift dieser letzte Punkt an Dasjenige, was von der
+neuesten monadistischen Schule gegen das Vorhandensein mehrfacher
+Vermögen und mehrfachen Qualitätenwechsels in der einfachen Substanz
+vorgebracht worden ist! Auch hier wird die Untheilbarkeit der einfachen
+Wesen in andere wieder =selbständige Wesen= mit der seinsollenden
+Unmöglichkeit verwechselt, an derselben Substanz mehrere zugleich
+haftende oder einander ablösende =Beschaffenheiten= zu unterscheiden. In
+dem angeführten Beispiel aber wird übersehen, daß ja auch wenn wir ein
+Zusammengesetztes vor uns hätten, darin ein Theil den andern modificiren
+soll, dies nur möglich ist, wenn die einfachen Wesen überhaupt die
+Fähigkeit haben, auf Andere zu wirken. Statt also Anstand zu nehmen, wie
+eine Vielheit in einer einfachen Einheit Raum finden könne, hätte
+vielmehr herausgehoben werden sollen, wie widersprechend ein
+Thätigkeitswechsel sei, der nicht durch äußere Einwirkungen
+hervorgebracht werden, sondern einzig in einer _causa sui_ seinen Grund
+haben soll.
+
+=Leibnitz= selbst erwiederte auf diese Einwendungen in einem Briefe
+ungefähr Nachstehendes(58). Die Erste derselben, meint er, beruhe auf
+einer metaphysischen Fiction, die im natürlichen Laufe der Dinge gar
+nicht eintreten könne. Allerdings habe Gott jede Monas unabhängig
+gesetzt von jeder andern, allein es widerspreche seinen göttlichen
+Eigenschaften, nicht mehr als eine einzige Substanz geschaffen zu haben.
+In diesem Falle müßte er ferner die einzelnen Substanzen gänzlich ohne
+Verbindung und außer Zusammenhang unter einander hingestellt haben; jede
+hätte ihre aparte Welt für sich, etwa so wie man sich im Traum eine
+ausmalt, die nicht wirklich vorhanden ist. Aber selbst angenommen, die
+Seele sei ganz allein vorhanden, sei es dennoch nicht unmöglich, daß sie
+Veränderungen erleide. Das Letztere folge sogar aus dem Naturgesetze,
+daß ein jedes Ding seinen einmal erlangten Zustand ohne Hinzutritt einer
+äußeren Störung fortwährend beibehalten müsse. Was in Ruhe sei, bleibe
+in Ruhe, was in Bewegung, Veränderung begriffen sei, verändere sich
+fortwährend(59). Die Natur eines geschaffenen Wesens sei es, sich
+continuirlich zu verändern, und dies zwar nach einem bestimmten
+Mutationsgesetze, von solcher Beschaffenheit, daß eine höhere
+Intelligenz mit Hilfe seiner Kenntniß aus den gegenwärtigen alle
+künftigen Veränderungen vorherzusehen und zu erschließen vermöge. Da nun
+dieses Mutationsgesetz für jede Monas ein anderes sei, weil jede andere
+Veränderungen hat, so mache es die Individualität jeder einzelnen Monas
+in Bezug auf das ganze übrige Universum aus, und dieser Bezug auf das
+Universum sei es, welcher die Möglichkeit ausschließe, daß irgend eine
+einzelne Substanz allein mit Gott ohne Andere in der Welt vorhanden sei.
+Dabei kommt Alles darauf an, was man sich unter jenem Mutationsgesetze
+denkt. Betrachtet man es als eine Kraft, welche ohne selbst beschränkt
+zu sein, die übrigen Kräfte und Vermögen der Seele so leite, daß sie
+gerade bestimmte Veränderungen hervorbringen, so ist sie selbst die
+eigentliche Substanz (da sie doch als Kraft eben Etwas, welches dieselbe
+besitzt, voraussetzt, also eigentlich nur Adhärenz ist), das eigentlich
+Freithätige. Bedeutet es aber blos die Nothwendigkeit, daß um der
+übrigen Monaden willen eine gewisse Monade nur gewisse Veränderungen
+haben dürfe, so erscheint ja diese letzte beschränkt durch das Dasein
+außer ihr befindlicher Substanzen, erleidet daher eine (wirkliche, ihre
+physische Natur angehende, nur nicht materiell transitorische)
+=Einwirkung= von denselben, die ja eben durch die Annahme des
+Mutationsgesetzes vermieden werden sollte.
+
+ (58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans,
+ contenant des eclaircissements de difficultés, que Mr. =Bayle= a
+ trouvé dans le système nouveau de l'union de l'âme et du corps.«
+ Histoire des ouvrages des savans. Juillet, 1698. p. 329._ Bei
+ =Erdmann= S. 150-154.
+
+ (59) So allgemein ausgedrückt, beweiset dieser Satz mehr, als
+ =Leibnitz= will, und gegen ihn. Denn obgleich die gestoßene Kugel,
+ auch nachdem der Stoß aufgehört hat, fortfährt, den Ort zu verändern,
+ also in der Veränderung beharrt, so ist es auf der andern Seite eben
+ so wahr, daß, so lange keine äußere Störung eintritt, die
+ Geschwindigkeit, mit welcher sie ihren Weg fortsetzt, unverändert
+ bleibe. Die Monaden sind einer Störung von außen nicht fähig, ihr
+ einmal angenommener Zustand muß also derselbe für alle Zeiten bleiben.
+ War dieser ein Zustand der Ruhe, so muß die Monade für alle Zeit
+ denselben Zustand, also dieselbe Vorstellung behalten, ein Ausspruch,
+ dem die unmittelbarste innere Erfahrung jeden Augenblick auf das
+ Bestimmteste widerspricht. War jener aber ein Zustand der Veränderung,
+ so währt diese continuirlich fort, so daß in jedem Zeitpunkt ein
+ anderer Zustand in der Monas stattfindet, und nicht zwei auch noch so
+ nahe an einander gelegene Zeittheile angebbar sind, innerhalb welcher
+ eine und dieselbe Vorstellung in der Seele beharrt, was gleichfalls
+ wohl Jeder an sich selbst schon widerlegt gefunden hat. Es bleibt also
+ nichts übrig, als äußere modificirende Wirkungen, Einwirkungen
+ zuzugeben, wenn man der gewissesten inneren Erfahrung nicht auf's
+ schneidendste widersprechen will.
+
+Gegen 2. entgegnet =Leibnitz=, daß spontane, d. h. ohne fremde
+Veranlassung aus eigenem Vermögen erzeugte Veränderungen um deswillen
+nicht immer freiwillige sein müssen, und in den Monaden als Folgen der
+immanenten Mutationsgesetze derselben auch in der That nicht sind, es
+also keineswegs in der Macht der Seele stehe, sich mißfälliger oder
+unangenehmer Vorstellungen nach Belieben zu entäußern. Was 3. angeht, so
+behalte sein System immer noch genug Vorzüge vor dem cartesianischen,
+selbst wenn es sich bestätigte, daß dieses nicht so häufig zum Wunder
+seine Zuflucht nehme, als der Occasionalismus seiner Natur nach nöthig
+zu machen scheint. Denn während dieser sich mit der fortwährenden
+Ueberwachung zweier Uhren (=Leibnitz=' Lieblingsgleichniß) vergleichen
+lasse, die eigensinnig oder übel eingerichtet nie gleichförmig gehen
+wollen, gleiche die Harmonie seiner Substanzen vielmehr der Concordanz
+zweier trefflich eingerichteten, immer gleich gehenden Uhren, was eines
+großen Künstlers gewiß würdiger sei! Um den vierten Punkt zu entkräften,
+bedürfe es nur einer Unterscheidung zwischen deutlichen und verworrenen
+Vorstellungen. Jede Vorstellung, die wir gehabt, läßt Spuren in der
+Seele zurück, welche zur Modification aller künftig eintretenden mit
+beitragen helfen, ihrer Menge aber wegen von uns nicht mehr deutlich
+erkannt und unterschieden werden. Ohne daß der jedesmalige Zustand der
+Seele aufhöre, ganz natürliche Folge aller vorhergegangenen zu sein,
+kann doch nur eine höhere Intelligenz (also nicht die Seele selbst) die
+Gründe erkennen, die in den früheren Zuständen liegen, und um deren
+willen die späteren gerade so und nicht anders beschaffen sein können,
+als sie es sind, und nur eine solche kann daher mit Sicherheit
+vorausbestimmen, welche Zustände künftig noch in der Seele eintreten
+werden.
+
+Auf den fünften, bedeutendsten dieser Einwürfe antwortet =Leibnitz=, man
+könne immerhin sagen, die Seele sei ein immaterieller Automat; was aber
+ihr einförmiges Thätigsein betreffe, so müsse man unterscheiden: dies
+könne 1. so viel heißen, als nach demselben Gesetze fortwährend thätig
+sein, und in diesem Sinn finde es bei jedem (einfachen oder
+zusammengesetzten) Wesen wirklich statt, oder es bedeute 2. einförmige,
+d. h. einander beständig gleiche Veränderungen, und in diesem Sinne sei
+es falsch. So schreite die Bewegung in parabolischer Linie beständig
+nach demselben Gesetze fort, sei also wohl einförmig im ersten,
+keineswegs aber im zweiten Sinne des Worts, denn die Stücke der
+parabolischen Bahn sind sich nichts weniger als ähnlich. Auch habe die
+Seele in jedem Augenblick mehrere Vorstellungen zugleich, welche für sie
+dasselbe bedeuten, wie die Mehrheit der Theile für eine Maschine. Denn
+jede vorhergehende Vorstellung habe Einfluß auf alle nachfolgenden.
+Ueberdies schließe jede wahrnehmbare Vorstellung noch eine Menge
+kleinere und weniger bedeutende Vorstellungsacte in sich, die sich nur
+nach und nach entwickeln und sichtbar werden, wie schon aus der
+repräsentativen Natur der Seele folge, welche mittels der Verknüpfung
+und des Zusammenhangs aller Theile des Universums unter einander Alles
+ausdrückt, was im ganzen Universum geschieht und geschehen wird. Diese
+Lösung der Frage, wie eine Vielheit in der Einheit möglich sei, steht
+und fällt mit der prästabilirten Harmonie. Denn da gleich in vorhinein
+angenommen wird, jede Monas stehe zu jeder andern in einem andern
+Verhältniß, also in unendlich vielen Verhältnissen, die sich sämmtlich
+an der Außenseite (?) der Monade »spiegeln« und ihre objectiven dunkeln
+Vorstellungen ausmachen, so haben wir gleich von Anbeginn her eine
+unendliche Menge zugleich vorhandener, wenigstens dunkler Vorstellungen
+in der Monas und _ab esse valet conclusio ad posse_. Es frägt sich nur,
+ob es mit dem Spiegeln seine Richtigkeit habe. Aus der (scheinbaren)
+Unmöglichkeit einer Vielheit in der Einheit ist =Herbart='s ganze
+abweichende Theorie der Seelenlehre geflossen, welche die Mehrheit der
+Kräfte und Vermögen mit der Einfachheit der Seele für unvereinbar
+erklärt, und auf die wir zurückkommen werden, wenn von den im Begriffe
+des Dinges mit mehreren Merkmalen und der Veränderung angetroffenen
+Widersprüchen die Rede sein wird.
+
+Den obigen verwandt sind die späteren Einwendungen =Bayle='s in der
+zweiten Auflage seines Wörterbuchs und =Leibnitz=' Erwiederungen(60).
+=Bayle= vergleicht dort die Monas mit einem Schiffe, das ohne von
+Jemanden regiert zu werden, sich kraft immanenter Gesetze von selbst an
+den Ort seiner Bestimmung begibt und =Leibnitz= meint darauf, eine
+Maschine dieser Art zu verfertigen, werde auch einem endlichen Geiste
+wohl einmal möglich werden, warum sollte es eine eben so construirte
+Monas dem unendlichen Wesen nicht sein? Wie aber Jener die Seele Cäsars
+als Beispiel anführt und fragt, wie es denn komme, daß deren Körper ohne
+ihr eigenes Zuthun sich ihr so vollkommen anbequemt habe, da sagt
+=Leibnitz= geradezu: »Mit Einem Wort, Alles macht sich im Körper so als
+wäre in Bezug der einzelnen Erscheinungen die verwerfliche Lehre
+=Epikur='s und =Hobbes=', die Seele sei ein materielles Wesen,
+vollkommen wahr, als wäre der Mensch in der That ein bloßer Körper, ein
+reiner Automat.« Klingt das nicht völlig so, als hätte sich =Leibnitz=
+wirklich zu einem fatalistischen Mechanismus bekannt, dem er vergebens
+dadurch ausweichen will, daß er ihn von der Gottheit abhängig macht,
+welche Alles auf's Beste erkenne, wolle und vermöge, und auf diese Weise
+die blinde Nothwendigkeit als eine weise, vorbedachte und unverrückbare
+Ordnung der Dinge erscheinen zu lassen versucht? Mit Recht scheint diese
+Ansicht der Vorwurf zu treffen, das absolute Werden und damit auch die
+Unfähigkeit vernünftiger Leitung und Lenkung nicht von sich weisen zu
+können. Will sie das letztere, und beruft sich ausdrücklich, wie sie es
+thut, auf die continuirliche Einwirkung der unendlichen Monas auf alle
+endlichen, so trägt die Hypothese einen zweiten Widerspruch an sich, der
+noch handgreiflicher aufliegt, als der erstgenannte.
+
+ (60) _Repliques aux reflexions contenues dans la seconde édition du
+ dictionn. hist. crit. de Mr. =Bayle=._ =Erdmann=, S. 183 u. ff.
+
+Gibt es nämlich einerseits keine andere Möglichkeit physischen Einflusses
+einer Monade auf eine andere, als in so materiell-transitorischer
+Weise, wie sie =Leibnitz= ausdrücklich annimmt, und darauf
+eben seine Verwerfung desselben basirt, ist es eben deshalb
+absolut unmöglich, daß eine Monade auf die andere wie immer
+Einwirkungen ausübe oder von ihr erfahre, wie gleichfalls mit klaren
+Worten behauptet wird: wie ist es, möchten wir fragen, denkbar, daß die
+Gottheit selbst, die ja, wenn gleich die vollkommenste, doch auch nur
+eine Monas sein kann, auf die übrigen Monaden einwirke, was gleichwohl
+angenommen und worauf so viel Gewicht gelegt wird? Kann es also helfen,
+sich hinter die Allmacht der Gottheit zu flüchten, für welche es gar
+keine Beschränkung des Wie und also auch des möglichen äußeren
+Einflusses auf andere gebe? Kann selbst die Allmacht das =an sich
+Unmögliche=, was die äußere Wirksamkeit zwischen Monaden deren Natur
+zufolge sein soll, möglich und wirklich machen? Wäre dies nicht eben so
+ungereimt, als der Gottheit die Fähigkeit zuzumuthen, machen zu können,
+daß zweimal zwei nicht mehr vier, sondern fünf betrage? Um seinen
+eigenen Principien treu zu bleiben, hätte =Leibnitz= entweder auch die
+Wirksamkeit der Gottheit auf die übrigen Substanzen negiren, oder er
+hätte zugeben müssen, jene materiell-transitorische sei keineswegs die
+einzige mögliche Weise eines physischen Einflusses zwischen den
+Substanzen. Das Erstere konnte er nicht thun, so wenig als er würde
+zugestanden haben, die wirkliche Einwirkung der Gottheit auf die übrigen
+Substanzen sei von der Art des Uebergangs materieller Theilchen etwa aus
+der Substanz der Gottheit in die geschaffene Monade, da ja beider Natur
+einfach, und jene Gottes überdies noch unveränderlich ist. Es wäre ihm
+also nichts übrig geblieben, als zuzugestehen, die Art der Einwirkung
+der Gottheit auf die Substanzen sei anderer Natur, als jene
+materiell-transitorische, die er verworfen hatte, und bestehe wirklich.
+
+Wo liegt aber, möchten wir jetzt weiter fragen, der Grund, daß die Kraft
+nach außen zu wirken, die wir so eben der unendlichen Substanz in
+unendlichem Maße, nämlich auf alle übrigen unendlich zahlreichen
+einfachen Substanzen, zugesprochen haben, nicht auch in minder hohem
+Grade den blos endlichen geschaffenen Substanzen zukomme? Sind nicht
+diese so gut einfache Substanzen, wie jene? Sind sie von jener generisch
+und so verschieden, daß nicht Kräfte, welche sie besitzen, auch jener,
+nur in einem unendlich hohen Grade, inwohnen können?(61) Gibt doch
+Leibnitz selbst zu, daß dieselben Kräfte, die in der menschlichen Seele
+als Erkenntniß- und Willensvermögen auftreten, sich auch an dem höchsten
+Wesen, nur im vollkommensten Grade, vorfinden. Warum sollte nun eine
+Kraft, welche ausdrücklich dem vollkommensten Wesen inwohnt, ohne welche
+dieses nicht sein würde, was es ist, der menschlichen Seele und jeder
+andern Monade gänzlich fehlen, da ja der Grund hinwegfällt, daß einfache
+Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere
+unfähig seien?
+
+ (61) So argumentirte schon =Canz= (=Conz=?) in den _Institutions
+ Leibnitziennes ou précis de la monadologie (par l'abbé Sigorgne), Lyon
+ 1768_. Er sagt: =Leibnitz= gibt zu, daß Gott auf die Substanzen wirke
+ und zwar: _non par la transfusion d'une des ses réalités dans nous,
+ cela est impossible; mais par la limitation, la production même des
+ nos sensations découlant de l'énergie de sa force et de l'efficace de
+ sa puissance_. Da diese Wirksamkeit an ihm wirklich besteht, so ist
+ sie an sich möglich. Was nun an ihm als Attribut in unendlichem Grade
+ vorhanden ist, kann sich dasselbe nicht wenigstens in beschränkterem
+ Maße auch bei den übrigen Monaden finden? Es gibt keinen Grund, daran
+ zu zweifeln. Daraus, daß der Mensch nicht Alles vermag, schließen zu
+ wollen, er vermöge gar Nichts, wäre eben so fehlerhaft, als umgekehrt
+ daraus, daß er Einiges vermag, schließen zu wollen, er vermöge Alles.
+ Auch tritt bei der bloßen Wirksamkeit im Innern ganz dieselbe
+ Schwierigkeit ein, wie bei jener nach außen, und es ist gar kein Grund
+ vorhanden, die erstere dem beschränkten Wesen beizulegen, während man
+ die letztere nur dem unendlichen vorbehält. Die Beschränkung darf
+ daher nicht die Wirkung nach außen überhaupt, sondern blos den Grad
+ des Effects treffen, den dieselbe hervorbringt. Jene reelle Einwirkung
+ kann ohne weiteres angenommen werden, obgleich in Wirksamkeit
+ (_énergie_) und Erfolg (_effet_) beschränkt, als eine Kraft, so und so
+ viel zu bewirken und nicht mehr. Gottes Weltordnung besteht darin,
+ jedem Wesen so viel Kraft zuzuweisen, als ihm nach dem Stande des
+ Ganzen zukommen darf. Auf diese Weise kann ein Wesen das andere
+ modificiren, begränzen, sie können sich wechselseitig beschränken,
+ ohne daß Etwas aus Einem in's Andere übergeht. Der stärkere Körper
+ unterdrückt die Kraft des schwächeren, der nicht mehr das
+ Gleichgewicht halten kann, dadurch ein Uebergewicht nach der andern
+ Seite hin erhält, und eine neue Wirkung hervorbringt, während der
+ erstere, dessen Kraft nur theilweise gebunden ist, keine so große
+ Wirkung mehr wie früher ausübt. Dadurch entsteht das Phänomen einer
+ scheinbaren Mittheilung der Kräfte. Während Gott Substanzen schafft,
+ schaffen (?) diese selbst nur Modalitäten und Modus, wie unsere Seele
+ z. B. ihren eigenen. _Le corps resiste plutôt, qu'il n'agit non par sa
+ masse, mais par sa force_, d. h. die Seele thut eigentlich selbst
+ nichts, sie verhindert blos, daß das, was geschieht und ist, nicht
+ anders sei und geschehe, als es in der That ist und geschieht. Die
+ Folge wird zeigen, sowohl wie richtig die erste Einwendung des alten
+ Tübinger Professors, als auch wie nahe verwandt seine eigene
+ Erklärungsweise mit der berühmten Theorie der Selbsterhaltungen
+ =Herbart='s sei. Dieser Widerstand der Substanzen, der kein Thun sein
+ soll, und doch verhindere, daß etwas anders sei, als es ist, was ist
+ das anders, als eine (sogenannte) Selbsterhaltung? Man vergleiche nur,
+ was =Canz= hier über die Mittheilung der Wirkung sagt, mit demjenigen,
+ was in =Hartenstein='s Metaphysik über die Erklärung der _actio in
+ distans_ (S. 380.) vorgebracht wird.
+
+Auf diese Frage findet sich bei =Leibnitz= keine Antwort, dagegen ist es
+offenbar, wie sehr er der Annahme einer Einwirkung von Seite der Urmonas
+auf die geschaffenen Monaden bedurfte, um nur überhaupt zu der Hypothese
+der prästabilirten Harmonie zwischen den letzteren zu gelangen, die ihm
+als Metaphysiker ganz gleichgiltig hätte bleiben können. War es einmal,
+und davon war =Leibnitz=, wie wir oben nachgewiesen, überzeugt, absolut
+unmöglich, daß eine Monas von der andern was immer für eine Veränderung
+oder Einwirkung erleide, so ist gewiß auch für jede derselben
+gleichgiltig, ob ihre Veränderungen unter einander harmoniren oder
+nicht. Sie können einander weder stören noch fördern, ihre Harmonie kann
+zu ihrer Selbstentwickelung so wenig Etwas beitragen, als ihre
+Disharmonie derselben schaden. Die prästabilirte Harmonie ist daher
+nichts weiter als ein Postulat, das sich auf die Voraussetzung des
+Daseins des unendlichen Wesens und dessen Fähigkeit, auf die Monaden
+verändernd einzuwirken, gründet. Beweisen wollte =Leibnitz= das Dasein
+derselben aus der Existenz der ewigen Wahrheiten. Diese letzteren selbst
+aber faßte er nur als Ausflüsse des göttlichen Verstandes und Willens.
+»Ohne Gott,« sagt er ausdrücklich, »gibt es weder ein Reelles in der
+Möglichkeit, noch etwas Existentes, ja überhaupt nicht einmal etwas
+Mögliches(62).« Und an andern Orten: »Zwar hängen die Wahrheiten nicht
+von seiner Willkür ab, außer jenen, deren Grund im Princip der Wahl des
+Besten liegt, also außer den zufälligen oder Erfahrungswahrheiten,« aber
+auch »die nothwendigen Wahrheiten hängen einzig von seinem Verstande ab,
+dessen innere Objecte sie ausmachen(63).« »Weder die Essenzen noch die
+sogenannten ewigen Wahrheiten haben ein blos fingirtes Dasein, sondern
+sie existiren, so zu sagen, in einem Ideenreiche in Gott, dem Urquell
+alles Seins und Wesens. Daß dies kein leeres Wort sei, beweist, wenn
+nichts Anderes, die actuelle Existenz der Dinge. In der Reihe der Dinge
+selbst findet man ihren letzten Grund nicht, sondern in den ewigen
+Wahrheiten. Existentes aber, wie es die Dinge sind, kann nur wieder in
+Existentem gegründet sein. Daher müssen auch die ewigen Wahrheiten eine
+wahrhafte Existenz in einem absolut nothwendigen metaphysischen Subject
+besitzen, welches Letztere Gott ist, durch den alles, was sonst bloße
+Einbildung wäre, realisirt wird(64).« =Leibnitz= sah zu wohl ein, daß
+man nicht behaupten dürfe, die Wahrheit hänge von Gottes Belieben ab,
+sei etwa nur Wahrheit, weil Gott wolle, daß sie es sei, was er eben
+=Descartes= vorgeworfen hatte; da er aber nichtsdestoweniger behauptet,
+sie habe ihre Existenz nur im göttlichen Verstande, so sah er sie
+dennoch in gewisser Beziehung als von diesem abhängig an. Insofern nun
+das unendliche Wesen alle Wahrheiten erkennt, diese Erkenntnisse
+Attribute desselben sind, es selbst ein Existentes ist, so haben
+dieselben als wirkliche Gedanken eines Wirklichen allerdings gleichfalls
+Wirklichkeit, aber nur insofern sie wirkliche Gedanken sind, nicht als
+Sätze, als Stoff der Gedanken an und für sich betrachtet. Gott =erkennt=
+in seinem Denken die Wahrheiten, d. i. diese selbst sind noch etwas von
+seinem Denken derselben Verschiedenes. Sie sind der Stoff der
+Erkenntnisse und von ihrem Erkanntwerden gänzlich unabhängig, wie denn
+Niemand zweifeln wird, ob der Satz: die Erde bewegt sich um die Sonne,
+schon früher wahr gewesen, ehe =Copernicus= ihn dachte und aussprach.
+Schon damit er ihn denken konnte, mußte dieser Satz vorhanden gewesen
+sein, mußte ihm wenigstens die ganz allgemeine Seinsbestimmung eines
+»Etwas« zubehört haben. Niemand zweifelt, wenn er zwei verschiedene
+Personen das Wort »Haus« aussprechen hört, daß beide hier die gleiche
+subjective oder dieselbe objective Vorstellung (wenn auch vielleicht bei
+Jedem von einem anderen Gemeinbilde begleitet) in ihr Bewußtsein
+aufnehmen. Das Wort »dieselbe« deutet darauf hin, es finde hier nur eine
+doppelte psychologische Auffassung der nämlichen logischen Vorstellung
+statt. Diese Vorstellung muß sich sonach von ihrer Auffassung im Denken
+sowohl, wodurch sie Gedanke eines wirklichen Wesens wird, als von dem
+Gegenstande, den sie vorstellt (hier: dem Hause) unterscheiden lassen.
+Ihr kommt weder die accidentielle Existenz des wirklichen Gedankens,
+noch die actuelle des wirklichen Gegenstandes zu: sie besitzt lediglich
+ein =Sein=, das mit der sogenannten Wirklichkeit nichts gemein hat, das
+einem jeden »Etwas« ohne Ausnahme zugesprochen werden kann, und das man
+kurz mit dem Ausdrucke: =An sich sein=(65) bezeichnen könnte.
+Vorstellungen der Art als Stoff der gedachten Vorstellungen mögen
+=Vorstellungen an sich= heißen. Sätze nun, die durchaus aus
+Vorstellungen an sich als Theilen bestehen, sollen =Sätze an sich=, und
+wenn sie wahre Sätze sind, =Wahrheiten an sich= heißen. Da die Wahrheit
+derselben nicht von unserer Erkenntniß derselben abhängt, so kann es
+ihrer nicht nur viel mehrere geben, als wir bereits erkennen, sondern
+die Vermehrung unsrer Erkenntniß wird nur dadurch möglich, daß der
+=Wahrheiten an sich= eine weit größere Menge vorhanden ist, als der
+bereits erkannten Wahrheiten. Auch ihre logische Verbindung und
+Zusammenhang ist dann nicht erst das Werk unsrer Erkenntniß, sondern
+besteht unter ihnen selbst objectiv und unabhängig von der vielleicht
+ganz zufälligen und abweichenden Weise, auf welche wir dieselben
+verknüpfen, in ähnlicher Art, wie wir jetzt schon die synthetische
+Abfolge und den Erfindungsweg bei gewissen Wahrheiten zu unterscheiden
+pflegen.
+
+ (62) _Monadol._ S. 708.
+
+ (63) _Monad._ S. 708.
+
+ (64) _De rerum origine_, S. 148.
+
+ (65) Nicht im =Hegel='schen Sinne.
+
+Hätte =Leibnitz= dieses Verhältniß der Begriffe, Sätze und =Wahrheiten
+an sich= überhaupt zu jedem dieselben auffassenden Denk- und
+Erkenntnißvermögen beachtet, so hätte er nicht nöthig gehabt, zu
+besorgen, daß durch Annahme eines unabhängigen Reichs ewiger Wahrheiten
+Gottes Allmacht und Allvollkommenheit eine Beschränkung erfahren werde.
+Denn wenn gleich bei dem endlichen Geiste von einem zeitlichen Prius der
+=Wahrheit an sich= vor der Erkenntniß derselben die Rede seyn kann
+(z. B. beim copernicanischen Satze), so ist dies ja nicht bei dem
+unendlichen der Fall, der über die Zeitbestimmung hinaus ist. Hier
+bedeutet die Unterscheidung zwischen Wahrheit an sich und der Erkenntniß
+derselben von Seite Gottes nichts weiter als die Unterscheidung zwischen
+dem Stoffe des Gedankens und dem wirklichen (bei der Gottheit von
+Ewigkeit her bestehenden) Denkacte desselben. Anders könnte die Sache
+scheinen, wenn von Beschränkung des göttlichen Willens durch gewisse
+Wahrheiten, z. B. das oberste Sittengesetz, die Rede ist, und behauptet
+wird: Gott wolle und müsse wollen, was das Sittengesetz gebietet, nicht
+aber umgekehrt, was er gebiete sei das Sittengesetz. Allerdings ist das
+Sittengesetz auch der Inhalt des göttlichen Willens, nicht aber als
+hätte das Sittengesetz seinen Inhalt eben nur, weil Gott es wolle, der
+allenfalls auch ein anderes Sittengesetz hätte aufstellen können.
+Abgesehen davon, daß ja das allervollkommenste Wesen ohne gewisse
+Beschränkungen, welche in der Natur der Eigenschaften liegen, die
+dasselbe neben einander in dem vollkommensten Grade besitzen soll, in
+welchem sie neben einander möglich sind, nicht bestehen kann, ist es
+hier ja abermals eine blos formelle Unterscheidung zwischen Gedanken und
+Stoff des Gedankens, welcher den Willen bestimmt, der ja an und für
+sich, weil er der vollkommenste ist, mit dem Inhalte jener Wahrheit,
+welche das oberste Sittengesetz ausmacht, immer übereinstimmen muß. Wenn
+also auch der Kriticismus dadurch, daß er das Sittengesetz an und für
+sich, ohne es als Willensäußerung einer Persönlichkeit zu betrachten,
+der philosophischen Beurtheilung unterwarf, und als selbständige
+unabhängige Wahrheit an die Spitze anderer Wahrheiten stellte, einen
+folgenreichen Schritt auf das philosophische Gebiet nach vorwärts that,
+aber auch der antitheologischen Neigung Thür und Angel öffnete, das
+bloße Gesetz an die Stelle der darnach handelnden Persönlichkeit zu
+setzen, und die letztere gänzlich über Bord zu werfen, so läßt sich doch
+=Leibnitz= andrerseits bei der wichtigen Frage, ob die Wahrheit von
+fremdem Willen oder nur von ihrer eigenen unverrückbaren Natur abhänge,
+von dem Tadel nicht frei sprechen, eine wenigstens zweideutige
+Entscheidung geliefert zu haben.
+
+Indeß dies würde zu weit führen. Genug =Leibnitz= bestand auf der
+prästabilirten Harmonie und setzte damit, wie Jemand seiner Zeit sagte,
+einem marmornen Rumpf einen Kopfe von Sandstein auf. Während die
+Monadenlehre kräftig fortbestand, in =Herbart= einen neuen Entdecker
+fand und für künftige Zeiten vielleicht eine neue Epoche der Metaphysik
+zu beginnen verspricht, besteht die prästabilirte Harmonie, wie die von
+=Leibnitz= so emsig gesuchte, so hochgepriesene und niemals vollendete
+Universalwissenschaft(66), nur mehr als literarische Curiosität und
+beide gingen mit ihrem großen Erfinder zu Grabe. Die prästabilirte
+Harmonie hat, sagt =Feuerbach=, nicht die Bedeutung der Begründung einer
+Realität, sondern nur die der Erklärung eines Phänomens. Ja sie drückt
+eigentlich nur aus und bezweckt nur eine Harmonie zwischen der
+=Leibnitz='schen Metaphysik und den gewöhnlichen populären Vorstellungen
+vom Körper und seiner Verbindung mit der Seele. Auch fielen selbst seine
+frühesten Schüler zum Theil schon in diesem Punkte von ihm ab und
+wandten sich theils zum Occasionalismus, theils, wie der früher genannte
+=Canz=, zu einer Art physischen Einflusses. Das Letztere beweist
+wenigstens, daß schon frühzeitig jene materiell-transitorische
+Vorstellungsweise desselben nicht für die einzig denkbare angesehen zu
+werden begann. Wie aber auf =Leibnitz=' Grundlagen fußend und seinen
+eigenen Principien getreu die prästabilirte Harmonie vermieden, und eine
+allen bisher erhobenen Schwierigkeiten ausweichende Ansicht vom
+physischen Einflusse erreicht werden könne, wollen wir am Schlusse
+dieser historischen Uebersicht in Kürze anzudeuten versuchen.
+
+ (66) Daß der kühne Gedanke einer Universalwissenschaft in seinem Sinne
+ unausführbar sei, fühlte =Leibnitz= gegen das Ende seiner
+ vielgeschäftigen Laufbahn wohl selbst, nachdem er so oft die nie
+ gelungene Erfindung verkündigt hatte. Scharfsinnig ahnte er, wo es
+ zusammengesetzte Begriffe gebe, müsse es einfache geben, und es müsse
+ möglich sein, habe man diese einmal sämmtlich gefunden, durch sehr
+ einfache Combinationen zu allen zusammengesetzten zu gelangen. Die
+ Universalzeichensprache, die nach Art der Chinesen zusammengesetzte
+ Zeichen für zusammengesetzte Begriffe, aus den einfachen Zeichen der
+ einfachen Begriffe construirt, war dann ein natürliches Corollar.
+ Allein abgesehen von der Schwierigkeit, vielleicht Unmöglichkeit,
+ jemals zu =allen= einfachen Begriffen durch Analyse zu gelangen, sind
+ ja doch auch nicht alle, sondern nur ein verhältnißmäßig sehr geringer
+ Theil unsrer zusammengesetzten Vorstellungen hiezu geeignet, nämlich
+ nur jene, deren Bestandtheile selbst durchgehends wieder Begriffe
+ sind. Bei weitem die meisten aber, z. B. alle sogenannten sinnlichen,
+ haben Anschauungen unter ihren Bestandtheilen. Der Anschauungen aber
+ gibt es unendlich viele, deren jede von der andern verschieden ist,
+ deren jede auch durch ein eigenes Zeichen bezeichnet werden müßte, mit
+ deren Zusammentragung man daher niemals fertig würde. Der Umfang der
+ Zeichensprache müßte sich daher auf bloße reine Begriffe beschränken,
+ von denen wir niemals mit Sicherheit wissen würden, ob wir auch alle
+ einfachen, auf welche sie sich zurückführen lassen, wirklich besitzen,
+ und ein höchst bedeutender, ja gerade derjenige Theil unsrer
+ Vorstellungen, der für uns die größte Anschaulichkeit, Lebhaftigkeit
+ und das nächste Interesse hat, würde aus dieser Zeichensprache ganz
+ ausgeschlossen werden. Vgl. auch über diesen Gegenstand =Exner=:
+ =Leibnitz=, Universalwissenschaft. Prag, 1844.
+
+
+2. Die Causalität als Kategorie: =Kant=.
+
+Das in =Leibnitz= unläugbar vorhandene idealistische Element, das durch
+die prästabilirte Harmonie und die von derselben postulirte
+Voraussetzung eines allweisen, höchst gütigen, heiligen und allmächtigen
+Schöpfers mit dem Realismus der gemeinen Erfahrung in Einklang gebracht
+worden, tauchte in seinem großen Nachfolger, dem Weisen von Königsberg,
+unabhängiger wieder auf. =Kant='s ganze, über das Gebiet der innern
+Erfahrung hinausreichende Metaphysik beschränkte sich auf den Satz vom
+zureichenden Grunde. Nachdem =Leibnitz= die Vorstellungen zu
+nothwendigen Schöpfungen der Monade ohne alle äußere Veranlassung
+gemacht, =Locke= und =Hume= aber behauptet hatten, alle Vorstellungen,
+die wir besitzen, kämen von außen, aus der Erfahrung, diese selbst aber
+lehre nichts von Causalität oder nothwendiger Gesetzmäßigkeit der Natur,
+und das Causalitätsverhältniß sei eine blos psychologische Angewöhnung,
+schloß =Kant=: gerade der Umstand, daß wir den Begriff der Causalität in
+die Erscheinung der Dinge hineinlegen, sei Bürgschaft dafür, daß dieser
+Begriff Giltigkeit und Nothwendigkeit habe. Was aus der Erfahrung
+stammt, ist zufällig wie diese selbst; was aus dem Denken, der
+gemeinsamen Natur, der Vernunft stammt, ist allgemein und nothwendig.
+»Bisher,« sagt er(67), »nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse sich
+nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie etwas _a
+priori_ durch Begriffe auszumachen, wodurch unsre Erkenntniß erweitert
+würde, gingen durch diese Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher
+einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik besser damit
+fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unsrer
+Erkenntniß richten, welches ja schon besser mit der verlangten
+Möglichkeit einer Erkenntniß _a priori_ zusammenstimmt, die über
+Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist
+hiemit ebenso, wie mit dem ersten Gedanken des =Copernik= bewandt, der,
+nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte,
+wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer,
+versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer
+sich drehen und die Sterne in Ruhe ließ.«
+
+ (67) Kritik der r. V., her. v. =Rosenkranz= S. 670. Vgl. =Chalybäus=
+ Entwicklung d. spec. Phil. von =Kant= bis =Hegel=. 3. Aufl. 1843.
+ S. 22 u. ff.
+
+Diese Wendung, wenn sie auch noch empirische Bestandtheile enthielt, war
+übrigens idealistisch. Das denkende Subject empfängt weder die
+Erscheinungswelt rein von außen, noch producirt es dieselbe gänzlich aus
+sich selbst, sondern es empfängt den Stoff, die Elemente des Denkens,
+die Empfindungen von den Dingen, fügt aber die Verbindungen und
+Verhältnisse derselben, die Form, aus seinem eigenen Verstande hinzu.
+Der Verstand und seine Gesetze bestimmen genau, wie das Wirkliche, falls
+es vorhanden wäre, beschaffen sein müßte, aber sie können dies Wirkliche
+nicht selbst schaffen, sie können wohl die _essentia_, aber nimmer die
+_existentia a priori_ nachweisen, oder, um mit =Kant= zu reden, »aus der
+bloßen Vorstellung eines Dinges läßt sich auf keine Weise die
+Wirklichkeit desselben heraus klauben.«
+
+Diese Wirklichkeit gibt sich daher das denkende Subject nicht selbst,
+sondern es findet sie vor, aber auch nur durch Wahrnehmung, also auch
+nur durch ein zufälliges Dasein eines bestimmten endlichen Objects. Auch
+nach der längsten Erfahrung bleibt der Fall denkbar, daß einmal das
+gerade Gegentheil sich ereigne und das Allgemeine, für immer Giltige ist
+nur die Folge unsrer eigenen Verstandeseinrichtung. Wie dieser, so lange
+sie dieselbe bleibt, die Dinge erscheinen müssen, das wissen wir; wie
+sie sind, was sich alles ereignen könne und werde, wissen wir nicht. Der
+Stoff, die Empfindungen, die wir in uns antreffen, und kraft unserer
+Verstandeskräfte verknüpfen und trennen, sind nur Zustände der Seele;
+wir können nie über unsere Vorstellungen hinaus, nie die Dinge selbst in
+unser Bewußtsein ziehen, denn Alles, was wir von diesen kennen, sind
+eben wieder nichts als Vorstellungen. Uns bleibt daher nur der Schluß
+übrig: dieser materielle Stoff, die Empfindungen in uns müssen einen
+Grund haben, der wegen ihrer Zufälligkeit und Wandelbarkeit nicht in uns
+selbst, in unseren Verstandesgesetzen als dem Allgemeinen und
+Nothwendigen liegen kann, sondern außer uns liegen muß, von welchem wir
+aber nichts weiter wissen, als daß er da ist. Dieser äußere Grund sind
+die ihrer Natur nach völlig unbekannten Dinge an sich. Jede weitere
+Erkenntniß derselben würde eine Vorstellung, daher wieder nur ein
+Zustand unserer eigenen Seele sein.
+
+Den Schluß von dem Dasein der nicht wegzuläugnenden Empfindungen im
+Subjecte auf das Vorhandensein der Dinge an sich außer uns machen wir
+nach dem Verstandesgesetze der Causalität. Wir Menschen als Menschen
+sehen die Dinge unwillkürlich darauf an, daß sie sich wie Ursachen und
+Wirkungen verhalten, so wie Jemand, der eine blaue Brille trägt, die
+Gegenstände im blauen Licht erblickt, die einem Andern im weißen
+erscheinen. Für Geister von anderer Einrichtung als die unsre würde das
+Causalitätsverhältniß vielleicht gar nicht, oder auf ganz andere Weise
+vorhanden sein. Dieses so besonders geartete Sehen ist aber nicht blos,
+wie die Skeptiker behaupten, aus der Erfahrung abstrahirte Gewohnheit,
+sondern Folge einer natürlichen Einrichtung unsres geistigen Auges, die
+vor aller wirklichen Erfahrung da war. Später, wenn wir uns bei
+gebildeter Reflexion der Thätigkeitsformen des Verstandes und ihrer
+Gesetze bewußt werden, bezeichnen wir diese mit Substantiven und bringen
+sie unter abstracte Begriffe, die sich der Verstand selbst von seinen
+Thätigkeiten macht, nachdem diese schon seit lang vorhanden sind. Wird
+aber gefragt, ob mit dem Bewußtsein, daß wir die Causalität selbst in
+die Erscheinung hineinlegen, uns auch irgend ein Recht gegeben oder
+genommen sei, das Vorhandensein der Causalität unter den Dingen an sich
+anzunehmen, so schneidet =Kant= die Frage kurz durch den Machtspruch ab,
+daß wir keine synthetischen Urtheile _a priori_, d. h. keine solchen zu
+fällen vermögen, darin die Verknüpfung zwischen Subject und Prädicat
+nicht durch eine Anschauung (reine oder empirische) vermittelt wird. Von
+Dingen an sich können wir aber gar keine Anschauung haben; alles was wir
+von ihnen wissen, sind bloße Erscheinungen, und in diese legen wir zwar
+die Causalität hinein, aber eben nur vermöge unserer eigenen
+Verstandeseinrichtung. Eine Erkenntniß der Dinge an sich, die keine
+Erscheinung derselben, sondern ihr eigentliches Wesen betreffe, wäre
+eine übersinnliche Erkenntniß, und eine solche ist unmöglich. Auf jene
+Verstandeseinrichtung aber als apriorische Synthesis der Erscheinungen
+dürfen wir daraus schließen, weil ohne sie gar kein zusammenhängendes
+Bewußtsein, keine Erfahrung möglich, sondern ein atomistisches Chaos
+einzelner Wahrnehmungen allein vorhanden wäre; thatsächlich aber gibt es
+eine geordnete Erfahrung.
+
+Die Gesetze unsrer Verstandesoperationen, substantivisch ausgedrückt,
+sind die Kategorieen, und da sich die Gesetze des Verstandes als Ordner
+der Erfahrung zunächst bei den Urtheilen, also der Verbindung getrennter
+Vorstellungen äußern, so ergeben sich die verschiedenen Haupt- und
+Grundbegriffe nach den verschiedenen Arten der Urtheile. Unter diesen
+entspricht das Hypothetische der Kategorie der Causalität. Sie sind
+weder angeborne Begriffe, noch Ideen in =Plato='s Sinne, sondern durch
+Reflexion selbst erzeugte abstracte Bezeichnungen für gewisse
+nothwendige Thätigkeiten des Verstandes, für Auffassungsformen, denen
+derselbe allen empfangenen Stoff, also alle sinnlichen Empfindungen
+(Anschauungen) unterwirft. Der Verstand selbst ist ein unproductives,
+aber in diesen Auffassungsweisen des empirischen Stoffes fortwährend
+thätiges Vermögen, eine innerliche leere Kraft, welcher durch das
+Anschauungsvermögen der nöthige Erfahrungsvorrath von außen zur
+Bearbeitung zugeführt wird.
+
+Vergleicht man =Kant='s Ansicht mit jener =Leibnitz=', so scheint es
+fast, als habe er den Standpunkt einer einzelnen =Leibnitz='schen Monade
+gewählt. Während aber in dieser sämmtliche Vorstellungen von innen
+infolge ihres Mutationsgesetzes erzeugt werden, fügt das =Kant='sche
+Subject blos die Form aus eigenem Fonde hinzu und empfängt die Materie
+von außen. Wie? darüber hat sich das kritische System nie aussprechen
+wollen und können. Der Idealismus der Monade nimmt dadurch, daß ihre
+freie Thätigkeit blos auf die Verknüpfungs- und Zusammenfassungsweise
+des unwillkürlich Gegebenen beschränkt wird, ein realistisches Moment
+an; die Unfähigkeit derselben von einer andern Einwirkung zu erfahren
+oder auf sie auszuüben, wird aufgehoben, aber die dem Subjecte äußern,
+nur durch das ideale Band der prästabilirten Harmonie verbundenen
+einfachen Monaden haben sich jetzt ihrer Qualität und Wesenheit nach in
+völlig unbekannte und unerkennbare Dinge verwandelt, von denen wir --
+das Denkende -- eben nichts weiter wissen, als daß sie auf was immer für
+eine Weise Ursache des in uns angesammelten Erfahrungsstoffes sind.
+
+Daher erscheint bei =Kant= das Causalitätsgesetz als eine durch unsre
+Verstandeseinrichtung unwidersprechlich gebotene Voraussetzung, über
+deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst
+wir übrigens nichts aussagen können, und die uns aller weitern Fragen
+nach dem Wie? als unnützer, unlösbarer Spitzfindigkeiten überhebt. Ob
+sie durch prästabilirte Harmonie, durch Occasionalismus oder durch
+physischen Einfluß erfolge, kann uns gleichgiltig sein, liegt jenseits
+der Grenzen menschlicher Erkenntniß; genug, wir als Menschen müssen die
+Causalität =denken= und in die Dinge hineinlegen. Aber auch in dieser
+Fassung ist es ein neues Zeugniß für die Unabweislichkeit des
+Causalitätsbegriffes, daß ein System, das sich für unvermögend erklärte,
+das Vorhandensein einer solchen äußeren Wirksamkeit zwischen den Dingen
+an sich nachzuweisen, die Annahme desselben lieber der menschlichen
+Verstandeseinrichtung (wie =Leibnitz= selbst der Gottheit) in's Gewissen
+schob, als sie aufheben wollte. Wie zwingend muß eine Erfahrung sein,
+die zu so gewagten Annahmen verleiten kann! Abläugnungen der Art
+beweisen beinahe mehr als directe Beweise für das stattfinden eines
+wirklichen causalen Zusammenhangs unter den realen Dingen, mögen sie nun
+Substanzen, Monaden oder Dinge an sich heißen.
+
+An =Kant= knüpfen sich zwei Richtungen an, eine realistische und eine
+idealistische. Die erstere hielt sich an den im Subject gegebenen
+materiellen Stoff der Empfindung und die Dinge an sich, die andre
+bildete den Begriff der Kategorieen aus und erweiterte ihre
+idealistische Natur zunächst auch über den durch Erfahrung gegebenen
+Stoff der Vorstellungskraft. Bei unsrer ausschließlichen Rücksichtsnahme
+auf monadistische Systeme diente uns die Betrachtung der Kategorieen nur
+als Uebergangspunkt zu dem an dieselben sich schließenden realistischen
+Systeme.
+
+
+3. Die Theorie der Selbsterhaltungen: =Herbart=.
+
+Wie der Rauch auf das Feuer, so deutet der Schein auf das Sein, sagt
+=Herbart=(68). =Kant= hatte die ganze Erfahrung für bloße Erscheinung
+erklärt und nachdem es ihm ungewiß geworden war, ob das Denkende in uns
+Substanz sei und eben so ungewiß, was für Dinge hinter den körperlichen
+Erscheinungen stecken möchten, ließ er es bei der unbestimmten
+Vermuthung bewenden, hinter dem Scheine möge wohl ein Seiendes verborgen
+sein. Die entschiedene Aufforderung, jetzt die Untersuchung zu beginnen
+und das Seiende als ein solches zu bestimmen, wie es sein muß, damit die
+Erscheinungen ihrerseits als solche und keine andern daraus hervorgehen,
+diese Triebfeder des metaphysischen Denkens wirkte nicht auf ihn. Sie
+hätte aber auf ihn wirken sollen. Wo etwas scheint, muß Etwas sein, denn
+wo nichts wäre, könnte auch nichts scheinen. Auch die scheinbar nicht
+gegebenen Bestimmungen der Causalität, wie =Hume=, des Raumes, der Zeit
+und der Substantialität, wie =Kant= meinte, sind gegeben. Sobald wir
+willkürlich versuchen, Größe, Gestalt, Dauer anders zu denken, wie
+bisher, so tritt die Nothwendigkeit wieder ein, sie so zu denken, wie
+sie sich geben. Wir sind an Gestalt und Dauer ebenso gebunden, wie an
+Beschaffenheiten der Dinge, z. B. Gold fest, Wasser flüssig zu denken.
+Diese Vorschriften liegen in der Erfahrung, welche nicht allein in der
+rohen zusammenhangslosen Materie vereinzelter Empfindungen besteht;
+sondern zugleich in den Formen, die =Kant= nicht mehr zur Erfahrung
+rechnete. Diese Formen sind gegeben. Um aber den Beschauer zu bestimmten
+Formen zu nöthigen, muß ein Reales vorhanden sein.
+
+ (68) Allg. Metaph. I. S. 380 u. ff.
+
+Aus denselben Formen aber, auf welche der Schein als das Gegebene
+hinweist, erwachsen der Metaphysik neue Aufgaben. Sie sind zwar gegeben,
+aber sie können nicht so bleiben, wie sie gegeben sind, denn sie sind
+widersprechend. Statt jedoch hieraus zu schließen, die ganze
+Erfahrungswelt sei eine Ungereimtheit, welcher Gedanke alle praktische
+Wirksamkeit aufheben würde, zwingt uns diese Erscheinung vielmehr, den
+Dingen oder im Grund nur unserer gewiß falschen Auffassungsweise
+derselben eine andere Gestalt zu geben, damit sowohl das Wissen als das
+Glauben seine rechten Plätze wieder erlangen möge(69).
+
+ (69) Allg. Metaph. S. 384.
+
+Dadurch erhält die Metaphysik eine doppelte Bestimmung; einmal von der
+gegebenen Erscheinung fortschreitend bis zu dem wahrhaft Seienden zu
+gelangen, das andremal zu zeigen, auf welche Weise sich aus den
+Eigenschaften und Verhältnissen des wahrhaft Seienden allmälig eine
+gerade so beschaffene Erscheinungswelt herausbilden müsse, wie wir sie
+eben besitzen. Das Erstere ist eine analytische, das Letztere eine
+synthetische Untersuchung. Um zu der ersteren zu gelangen, stellen wir
+vor allem den Begriff des wahrhaft Seienden fest.
+
+Dieser besteht aus zwei gleich wichtigen Begriffen, den des »Sein« und
+des »Was,« welchem das Sein zugesprochen wird. Einem Dinge das Sein
+beilegen, heißt nichts anderes, als es bei der einfachen schlechthinigen
+Setzung desselben bewenden zu lassen(70). Diese Setzung ist rein
+positiv, sie darf also weder eine Negation, noch eine Relation (etwa auf
+ein Setzendes) enthalten. Eine solche würde aber darin stecken, sobald
+die Setzung complicirt wäre, sich in mehrere Setzungen auflösen ließe,
+deren Eine nicht ohne die Andere sein kann. Das Sein besteht in Bezug zu
+einem Was. Wäre dies nicht der Fall, so könnte man das Sein selbst zum
+Subject machen und aussprechen: Das Sein Ist. Allein dies hieße dem Sein
+als Subject das Sein als Prädicat beilegen, was ein Widerspruch wäre.
+Der Satz hebt sich also auf und: das Sein Ist nicht, nämlich nicht ohne
+ein Was, welchem es beigelegt wird. Diesem Was müssen, um ihm das Sein
+zusprechen zu können, verschiedene Bestimmungen zukommen(71). Ein Was,
+welchem das Sein beigelegt worden, ist ein Seiendes und die
+Eigenschaften dieses Was sind Eigenschaften des Seienden und das Was
+dessen Qualität. Diese muß schlechthin einfach, ohne Mehrheit von
+Bestimmungen, Theilen, Kräften und Eigenschaften sein; denn bekämen wir
+auf die Frage, was das Seiende sei, eine Mehrheit von Bestimmungen zur
+Antwort, deren Eine nicht ohne die Andere sein könnte, so hätten wir
+nicht mehr Eines, sondern mehrere Seiende, während doch nur Eines da
+sein soll. Wollen wir diese mehreren Bestimmungen zur Einheit
+verschmelzen, während sie sich doch ihrer Natur nach nicht auf eine
+Einzige zurückführen lassen, so ist diese Einheit nichts als eine Form
+und sie setzen heißt eigentlich ihre Glieder und zwar selbst wieder als
+getrennte Seiende setzen. Eine höhere Einheit aber im Sinne
+=Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen
+zusammenschweißen, heißt »einen Thurm von Einheiten über einander bauen,
+bis Jederman deutlich sieht, daß die höheren Einheiten sich allemal
+beziehen auf die niederen, und daß folglich je höher das Kunstwerk in
+die Luft steigt, wir desto weiter von der Sache abkommen(72).« Die
+gänzliche Einfachheit der Qualität verbietet demnach streng,
+Größenbestimmungen, die Theile voraussetzen, Unendlichkeit, deren
+Setzung nie vollendet werden könnte, derselben beizulegen. Das Seiende,
+insofern es dies ist, ist streng Eins und nicht Vieles; wäre es das
+Letztere, so wäre es der einfachen Setzung unzugänglich.
+
+ (70) Hauptpunkte der Met., her. v. =Hartenstein=, I. S. 217. Allg.
+ Met. II. S. 82. ff.
+
+ (71) Hauptp. der Met. S. 217 u. ff. Allg. Met. II. S. 94 u. ff. Lehrb.
+ z. Einl. in die Phil. 4. Aufl. S. 193.
+
+ (72) Allg. Met. II. S. 99.
+
+Die Nothwendigkeit des einfachen Was kommt diesem daher nur insofern zu,
+als es ein Seiendes werden soll. Betrachten wir daher das Was ohne Sein
+näher, so fällt diese Beschränkung hinweg. So lang das Was nicht als
+seiend gesetzt wird, ist es uns unverwehrt, dasselbe durch eine Mehrheit
+von Begriffen zu denken. Soll es aber als seiend gedacht werden, so muß
+die Qualität einfach sein und daher müssen alle jene mehreren
+Bestimmungen die Fähigkeit haben, sich auf eine einzige zurückführen zu
+lassen, die dann das Was des Gesetzten ausmacht. Dem Was, insofern es
+als seiend gedacht wird, ist folglich jene Mehrheit von Begriffen,
+mittels welcher es außerhalb des Seins gedacht werden kann, ganz
+zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes
+Was, sobald es nicht als dasjenige eines Seienden angesehen wird, läßt
+sich auf mehr-, vielleicht unendlich vielfache Art mittels einer
+Mehrheit von Begriffen ausdrücken: von jedem Was kann es daher auch
+mehrere, ja unendlich viele zufällige Ansichten geben, sobald wir die
+Beschränkung einhalten, daß sich jeder der complicirten Ausdrücke des
+Was auf eine strenge Einheit müsse zurückführen lassen. Die zufälligen
+Ansichten bedeuten nichts für das Seiende, und sind nur Mittel der
+»philosophischen Kunst, die wir gebrauchen, wie der Mathematiker die
+Transformationen seiner Zahlenausdrücke(74)«.
+
+ (73) Hauptp. S. 218. Allg. Met. S. 64. u. S. 109.
+
+ (74) =Strümpell=: Erläut. zu =Herbart='s Philos. S. 102.
+
+Wie viel es der Seienden gebe, ist unbestimmt; daß es ihrer mehrere gebe
+aber gewiß. Der Schein ist ein mehrfacher, verschiedener, er setzt also
+auch ein mehrfaches zu Grunde liegendes Seiende voraus. Denn gäbe es nur
+ein einziges Seiende, folglich auch nur eine einzige Qualität, so könnte
+aus dieser nichts Verschiedenartiges noch irgend eine Veränderung
+hervorgehen, keine Zu- oder Abnahme des Scheins ließe sich erklären. Die
+mehreren Seienden selbst sind einander gleichgiltig, völlig indifferent,
+nichts als absolutgesetzte einfache Qualitäten; das System, nach des
+Erfinders eigenem Ausdruck, eine =qualitative Atomistik=.
+
+Jedoch neben der Forderung, ein Reales hinter dem Scheine
+vorauszusetzen, macht die Erfahrung eine zweite, nicht minder dringende
+an uns, die auf demselben Schlusse beruht, wie oben die Setzung der
+Realen selbst. Wir nehmen Veränderungen, Wechsel der Erscheinungen wahr;
+es scheint etwas zu geschehen, es muß daher auch in der That etwas
+geschehen, weil es sonst nicht scheinen könnte. Denn wenn man gleich, um
+die Mehrheit der erscheinenden Beschaffenheiten, den verschiedenartigen
+Schein hinreichend zu erklären, zur Annahme einer Mehrheit seiender
+Wesen seine Zuflucht nimmt, so kann aus diesen doch Nichts hervorgehen,
+so lang sie nicht mit und zu einander in gewisse Beziehungen treten. Auf
+diesem Wege gelangen wir zu den Problemen der Inhärenz, der Veränderung
+und des wirklichen Geschehens. =Herbart= bedient sich zu diesem Zweck
+der von ihm sogenannten Methode der Beziehungen, welche darin besteht,
+daß Eigenschaften, welche an einem einzigen Wesen befindlich sich
+widersprechen und einander ausschließen würden, einer Mehrheit dieser
+Wesen, die sich wechselseitig modificiren, ohne Widerspruch beigelegt
+werden können, so wie eine Summe Eigenschaften besitzt, die ihren
+Theilen fehlen. Diesem Verhältniß zwischen Seienden entspricht in der
+Logik der Zusammenhang zwischen Prämissen und Schlußsatz. Der letztere
+folgt nämlich aus keiner der Prämissen für sich, sondern nur aus
+sämmtlichen zusammengenommen.
+
+Wenden wir diese Methode zunächst auf die Inhärenz an. An _A_ wird _a_
+gesetzt: d. i. die Setzung des _A_ soll jene von _a_ enthalten. Allein
+_A_ ist ein Einfaches, kann kein Mannigfaltiges enthalten; folglich muß
+_A_ = _a_ sein, während die Forderung, daß das _A_ als einfaches Wesen
+ein _esse_, das _a_ als Inhärenz ein bloßes _inesse_ besitzen soll,
+dieser Identität widerspricht. Die Einheit von _A_ und _a_ ist daher
+unmöglich und wird dennoch verlangt; hierin liegt der Widerspruch. An
+ihm haben wir zugleich ein Beispiel jener »treibenden« Widersprüche in
+den gegebenen Erfahrungsformen, deren eine die Inhärenz ist, welche
+=Herbart= als die Principien des metaphysischen Denkens betrachtet.
+Sobald uns ein offenbarer und gleichwohl unabweislicher (?) Widerspruch
+der Art gegeben wird, ist es Aufgabe des Denkens, diesen Widerspruch zu
+heben, und den mangelhaften Begriff zu ergänzen. Der Widerspruch liegt
+in _A_, das mit _a_ identisch sein soll und nicht identisch sein kann.
+Es kann also in beiden Fällen unmöglich dasselbe _A_ sein; es können
+aber nicht blos mehrere, eine Summe sein, weil sich sonst derselbe
+Widerspruch bei jedem einzelnen Summanden nur wiederholen würde: sondern
+die mehreren _A_ müssen auf was immer für eine Weise =zusammengefaßt
+werden=, um _a_ zu ergeben. Dies heißt so viel, daß sobald der Schein
+einer Inhärenz vorhanden sei, dieser auf das Dasein einer Mehrheit von
+Realen hinweise, welche auf eine Weise =zusammen= sind; ein Begriff,
+dessen Natur erst späterhin klar werden kann. Hervor tritt aber der
+Schein der Inhärenz, sobald wir die in der Erfahrung gegebenen Dinge
+betrachten. Von diesen nehmen wir nur Merkmale wahr, die auf ein Ding
+weisen, welches letztere weder vor den Merkmalen irgendwie gegeben, noch
+die bloße Summe derselben ist, denn existirt keines der Merkmale für
+sich allein, so ist auch ihre Summe als eine Summe von Nichtigem, selbst
+Nichts. Wir sehen daher das Ding als dasjenige an, dessen Setzung die
+Setzung der Merkmale vertritt, als -- =Substanz=, dessen Setzung aber
+die Zahl der Setzungen der Merkmale keineswegs um eine vermehrt, sondern
+ihnen zusammengenommen gleich gilt. Hierin eben liegt der Widerspruch.
+Die vielen Setzungen sollen Eine sein. Die Lösung lautete oben: Wo ein
+Schein der Inhärenz entsteht, da existirt eine Mehrheit von Realen. In
+unserem Falle jedoch entsteht ein mehrfacher Schein von Inhärenz: es muß
+daher mehrere Mengen von Realen geben, deren jede den Schein eines
+andern Merkmals, einer andern Inhärenz erzeugt(75). Damit wäre aber
+nichts für die Einheit des Dinges, dessen mehrere Inhärenzen wir in's
+Auge fassen, gethan, welche eine Grundbestimmung des Problems ist. Man
+muß daher annehmen, daß die verschiedenen Mengen Realer in Reihenform,
+welche den Schein der mannigfachen Inhärenzen hervorbringen helfen, ein
+gemeinschaftliches Anfangsglied haben, welches eben dasjenige ist, das
+wir Substanz nennen. Auf dieses wird der Schein bezogen, obgleich er ihm
+nicht anders als im Verbundenem mit den andern Gliedern der Reihen
+zukommt. Die Ursache des Scheines von Inhärenz an _A_ liegt daher in
+dessen Zusammensein mit mehreren anderen Realen, und daraus folgt der
+wichtige Satz: »Keine Substantialität ohne Causalität(76),« der nur so
+viel bedeutet: Jedes Reale kann Substanz werden, sobald es mehreren
+Reihen von Realen zum gemeinschaftlichen Anfangsgliede dient, und mit
+diesen zusammen Ursache gewisser verschiedener Arten des Scheines wird.
+
+ (75) Allg. Met. II. S. 218. S. 130.
+
+ (76) Allg. Met. II. S. 134.
+
+Fragen wir nun: was thun die Ursachen und was leidet die Substanz und
+wie hängt mit dieser das inhärirende Accidenz zusammen, das sie mit
+Hilfe der übrigen Realen als Ursachen soll erhalten haben?(77) Bisher
+war vom Thun und Leiden noch keine Rede; die Substanz so gut ein Reales,
+wie jede der hinzukommenden Ursachen, und die Reihen unterscheiden sich
+dadurch, daß, während das Anfangsglied in allen dasselbe bleibt, die
+übrigen Glieder in jeder andere sind, weil jede Reihe eine andere
+Gattung Scheines erzeugt und andere Folgen andere Gründe haben müssen.
+Eben so wenig folgt daraus über das Wie des Zusammenhangs des Accidenz
+mit der Substanz etwas; denn das Accidenz ist nichts als Schein, und
+dieser blos einfache Empfindung im denkenden Subject und gar nicht in
+der Substanz, welcher wir denselben zuschreiben. Charakteristisch jedoch
+für die auftretende Causalität ist es, daß sie keiner Zeitbestimmung
+unterliegt, die Ursache ist weder früher noch später als die Wirkung,
+sondern eben jetzt, indem wir die Inhärenz widersprechend finden,
+erklären wir die Substanz für unzureichend, ihre Accidenzen zu begründen
+und nehmen an, daß wenigstens so viel Ursachen vorhanden sein müssen,
+als Accidenzen da sind. Statt einer zeitlichen Succession der Accidenzen
+als Wirkungen nach den Ursachen sind Accidenzen und Wirkungen
+Einunddasselbe, wenn sie auch einmal als der Substanz allein, das
+anderemal derselben mit den Ursachen zusammen angehörend betrachtet
+werden. Die Succession ist nur in unserem Denken vorhanden, das ein
+zeitliches ist und bei der Substanz früher als bei den erzeugenden
+Ursachen anlangt. Von einem zeitlichen Prius der Substanz vor den
+Inhärenzen ist daher keine Rede. Ursache und Wirkung sind stets
+gleichzeitig; eine Ursache ist nur Ursache, sobald die Wirkung beginnt,
+und hört es zu sein in dem Augenblick auf, da die Wirkung verschwindet.
+Dies gilt ganz allgemein und daß im gemeinen Leben gewöhnlich die
+Gegenansicht herrscht, hat seinen Grund in der gemeiniglichen
+Verwechslung der Theilursachen mit der vollständigen Ursache. Während
+von jenen einige, oft sogar die meisten der Zeit nach früher vorhanden
+sind, ist die vollständige Ursache erst in dem Momente vorhanden, in
+welchem auch schon die Wirkung beginnt, und diese daher mit jener
+gleichzeitig.
+
+ (77) Allg. Met. II. S. 137.
+
+Anders tritt das Causalitätsverhältniß bei dem Probleme der Veränderung
+auf. Die Inhärenz führte auf das »Zusammen« mehrerer realer Wesen, von
+welchem wir weiter keinen Begriff aufstellten, als daß wir das
+Causalitätsverhältniß damit zusammenhängend fanden. Während aber hier
+Mancher an dem Satze, keine Substantialität ohne Causalität, Anstoß
+nehmen konnte, leuchtet der Satz: keine Veränderung ohne Ursache, Jedem
+von selbst ein. Im ersten Falle erscheinen die realen als Ursachen zur
+Substanz hinzutretenden Wesen als ruhende; keine thut, keine leidet
+etwas, allein bei der Veränderung? Verändern ist doch ein Thun; die
+Ursache einer Veränderung muß thätig sein, sonst ist sie ja nicht die
+Ursache der Veränderung; sie muß wirken, sonst entsteht keine Wirkung;
+eine Ursache, die nicht wirkte, wäre keine, denn sie ist es nur,
+insofern sie eine Wirkung hat, und die letztere nur Wirkung, insofern
+sie eine Ursache hat.
+
+Allein von welcher Beschaffenheit soll denn diese ursächliche Wirkung
+sein? Soll sie weder prästabilirte Harmonie, noch _Causa immanens_,
+weder blos psychologische Gewohnheit, noch allein Regel der Zeitfolge
+sein, was bleibt uns übrig, wenn wir zugleich in keinen der Widersprüche
+verfallen wollen, die =Herbart= im Thun und Leiden einfacher Wesen
+auffindet?(78)
+
+ (78) Allg. Met. II. S. 148.
+
+Gehen wir die Letzteren in Kürze durch(79). Es liegt im Begriffe der
+Veränderung, daß aus einer Complexion mehrerer Merkmale einige
+verschwinden, andere zurückbleiben, wohl auch neue an die Stelle der
+verschwundenen treten, so daß es offenbar wird, die Eine dieser
+Complexionen sei verschieden von der anderen. Zugleich soll aber auch
+die eine Complexion identisch mit der andern sein, sonst wären es völlig
+zwei verschiedene Dinge, nicht aber dasselbe Ding in nur verändertem
+Zustande. Das Ding ist daher als ein solches, welches dem Complex von
+Merkmalen _a b c d_ vorausgesetzt wurde; zugleich aber wird dasselbe
+Ding auch einem andern Complex α β γ δ als Grundlage vorausgesetzt.
+
+ (79) Im Sinne =Herbart='s besonders klar bei =Hartenstein=: Metaphys.
+ S. 81. u. ff.
+
+Hier liegen mehrere Einwendungen nahe. Die wichtigste beginnt beim
+Begriffe des Seins und schiebt, wie oben beim Problem der Inhärenz den
+Begriff der Substanz als des gemeinschaftlichen Trägers der mehreren von
+ihr selbst verschiedenen Merkmale, so hier die Substanz als Dasjenige
+unter, welches im Wechsel der Beschaffenheiten beharrt, wie =Wolff= und
+selbst =Kant= gethan. Auf diese Weise pflegt man das veränderliche Ding
+als ein solches zu erklären, dessen wesentliche Eigenschaften beharren,
+unwesentliche sich ändern. =Herbart= jedoch findet das =Wesen= der Dinge
+für uns gänzlich unerkennbar und schlechthin unmöglich, daß die einfache
+Qualität des Seienden eine Mehrheit (auch wesentlicher) Eigenschaften
+enthalten könne. Er behauptet vielmehr, weil jeder verschiedene Schein
+auf ein verschiedenes Sein hinweise, seien auch die Verschiedenheiten
+der Merkmale, die demselben Ding zugeschrieben werden, mit dessen
+Identität unverträglich, mögen sie zugleich oder nach einander an
+demselben gedacht werden.
+
+Im letzten Falle drängt sich ein neuer Einwurf auf, der dem gesunden
+Menschenverstand sehr geläufig ist. Dieser begreift mit Recht nicht, wie
+es etwas Widersprechendes haben solle, demselben Ding =in verschiedenen
+Rücksichten= verschiedene, ja entgegengesetzte Beschaffenheiten
+beizulegen. Er findet es eben so wenig befremdend, daß dasselbe Ding =zu
+verschiedener Zeit= einander ausschließende Beschaffenheiten besitze.
+Was nicht =zugleich=, sondern das Eine in Abwesenheit des Andern an
+demselben Dinge auftritt, das widerspricht sich nicht. Dabei wird
+angenommen, es gebe einen Träger der Merkmale, der zu einer Zeit diese,
+zu einer andern Zeit jene sich ausschließenden Merkmale =an sich= trägt.
+
+Allein =Herbart= will so wenig zugeben, daß das =Ansichtragen= mehrerer
+Merkmale mit der einfachen Qualität des Seienden verträglich sei, als er
+zugesteht, daß es nur Wirkliche von doppelter Art geben könne, nämlich
+solche, die sich =an Andern=, und solche, die sich nicht =mehr an
+Andern= befinden, und die man gewöhnlich mit den Worten Adhärenz und
+Substanz zu bezeichnen pflegt. Er sagt: Veränderung geschieht in der
+Zeit und zwar eine bestimmte Veränderung in bestimmter endlicher
+Zeitdauer. Das Geschehene muß sich daher durch diese ganze Zeitdauer
+ausdehnen, sonst gäbe es innerhalb derselben leere Zwischenräume, in
+welchen keine Veränderung stattfindet, und das Ganze würde nicht eine,
+sondern ein Complex mehrerer Veränderungen sein. Das Quantum des
+endlichen Geschehens wird daher gemessen an der endlichen Zeitdauer
+desselben. Nun weiß Jeder, daß die Zeit unendlich theilbar ist, und sich
+deren letzte eine unendliche Menge ausmachende Theile so wenig angeben
+lassen, als sich aus ihnen wieder durch Zusammensetzung (?) eine
+endliche Zeitdauer bilden läßt. Daher kann auch das endliche Quantum des
+Geschehens weder in unendlich viele Theile aufgelös't, noch aus diesen
+wieder zusammengesetzt werden. Denn jeder einfache Zeittheil, in welchem
+Etwas geschieht (kann in einem einfachen Zeittheil überhaupt Etwas
+geschehen?), müßte sich wieder in ein Vorher, Jetzt und Nachher zerlegen
+und damit aussprechen lassen, daß er eben kein einfacher Zeittheil sei.
+Dasjenige, was geschieht, würde dadurch gleichfalls in ein Geschehenes,
+Geschehendes und künftig Geschehendes zerfallen. Nach Art der Eleaten
+würde eine Veränderung aus durchaus einfachen Ruhepunkten, ein Geschehen
+aus Geschehenem zusammengesetzt werden müssen.
+
+Da hiebei ausdrücklich zugestanden wird, jede endliche Zeitdauer sei
+unendlich theilbar, bestehe also aus unendlich vielen Theilen und nur
+uns sei es unmöglich, durch fortgesetzte Theilung zu denselben zu
+gelangen, so ist schwer einzusehen, wie daraus folgen solle, daß es
+dergleichen einfache Theile nicht wirklich gebe, ganz unabhängig davon,
+ob wir sie durch Theilung einer endlichen Zeitdauer erreichen oder
+nicht. Zusammengesetzt ist jede =endliche= Zeitdauer denn doch gewiß,
+und ein Zusammengesetztes kann ohne einfache Theile nicht bestehen.
+Existiren diese aber, gibt es einfache Zeittheile, so hört es auf,
+widersprechend zu sein, daß sich ein endliches Quantum des Geschehens
+durch eine endliche Zeitdauer ausdehne, weil der Einwand aufhört, daß
+die Veränderung in diesem Falle aus einzelnen Ruhepunkten
+zusammengesetzt sein würde. Denn diese unendlich vielen einfachen
+Zeittheile, welche die endliche Zeitdauer _a b_ ausmachen, sind stetig,
+d. h. es lassen sich unter ihnen nicht zwei angeben, zwischen welchen
+nicht noch ein dritter wäre. Sollen wir nun sagen können, eine
+Veränderung und zwar dieselbe habe durch den ganzen Zeitraum _a b_
+gewährt, so muß der Zustand des sich Verändernden diese ganze Zeit
+hindurch in jedem Zeitmomente ein anderer gewesen sein, als in jedem
+andern. Es dürfen nicht zwei, auch noch so nahe an einander gelegene
+Punkte angebbar sein, innerhalb welcher derselbe Zustand geherrscht,
+also das sich Verändernde geruht hätte, die Veränderung unterbrochen
+worden wäre. Dies ist möglich, weil es innerhalb der ganzen Zeitdauer
+überhaupt nicht zwei Punkte gibt, zwischen welchen nicht noch ein
+dritter läge. Von den Zuständen aber, die die Veränderung constituiren
+und in jedem Zeitmomente andere sind, kann man unmöglich mit Recht
+sagen, daß sie die Veränderung aus Punkten der Ruhe zusammensetzen, weil
+dieses letztere Wort nur dort gebraucht werden darf, wo derselbe Zustand
+durch eine, auch noch so kleine Zeit ununterbrochen fortdauert, eine
+solche aber, bei der stetigen Veränderung, wo in je zwei noch so nahe
+liegenden Zeittheilen andere Zustände vorhanden sind, niemals angebbar
+ist.
+
+Allein =Herbart='s Synechologie ist nicht geneigt, die Stetigkeit des
+Raumes wie der Zeit anders als höchstens in Form einer Fiction
+zuzugestehen. Der Zeitbegriff muß nach ihr vielmehr von der Veränderung
+fern gehalten werden, da er Verwickelungen herbeiführt, die zwar nicht
+das veränderte Ding selbst, aber doch das Quantum der Veränderung
+betreffen. Das Was des (veränderlichen) Dinges wird nicht durch die
+Zeitreihe, während welcher es ihm zukommt, sondern durch die
+Eigenschaften gedacht, die dasselbe zugleich oder nach einander
+ausmachen. Würde die Zeit, in welcher es gedacht wird, im Was des Dinges
+einen Unterschied begründen, so hätten wir, da die Zeitmomente im steten
+Flusse sind, niemals dasselbe Ding, auch wenn alle Eigenschaften
+desselben beständig bleiben würden. Nur seine Eigenschaften geben auf
+die Frage nach dem Was eines Dinges Antwort, und ihr Früher- oder
+Spätersein macht hiebei keinen Unterschied. Der ganze Widerspruch liegt
+in nichts Anderem, als daß mehrere sich ausschließende Bestimmungen in
+die Identität desselben einfachen Was zusammengehen sollen.
+
+Dagegen sehen wir nach =Herbart= die Ursachen als dasjenige an, was
+diesen Widerspruch auf sich nimmt. Diese thun etwas; das Veränderte
+leidet nur; diese sind Schuld daran, daß das veränderte Ding vorher ein
+anderes war, jetzt ein solches ist. Es frägt sich nur nach der
+Beschaffenheit dieser Ursachen. Sie können nur entweder inner- oder
+außerhalb des Leidenden befindlich sein, eine Einwirkung von innen oder
+außen auf dasselbe ausüben, nur =transeunte= oder =immanente= Ursachen
+sein. Ist die Ursache weder das Eine noch das Andere, und das Werden,
+die Veränderung gleichwohl vorhanden, so muß letztere ohne Ursache sein
+als =absolutes Werden=. Die Untersuchung dieses Trilemma ist von
+entscheidenden Folgen.
+
+Thun wir den weitesten Schritt von dem Veränderten selbst zu einem außer
+demselben befindlichen Verändernden zuerst, so frägt es sich: was ist
+denn das Leidende? Es erleidet Veränderungen, geht aus einer Qualität in
+die andere über, bleibt aber deßungeachtet dieselbe Realität. Welche von
+den Beschaffenheiten, die in ewigem Wechsel begriffen sind, soll es denn
+sein, die uns als Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Was des
+Veränderten gibt? Gar keine; die wahre immer sich gleich bleibende
+Qualität ist unbekannt, nicht qualitätlos (ἄποιος ὕλη), sondern ein
+Unbestimmtes (ἄπειρον), weiterer Bestimmung fähig und ihrer gewärtig.
+Aus sich selbst ist dieser noch unbestimmte Stoff unfähig, seine eigenen
+Bestimmungen zu erzeugen, er bedarf zu dem Ende als Ursache derselben
+eine wirkende Kraft. Wirkt diese und bewirkt dadurch die eben
+vorhandenen Eigenschaften, so muß sie fortwährend gewirkt haben und
+ununterbrochen fortwirken, um dieselben festzuhalten, und so lang sie
+thätig ist, kann kein Wechsel der Qualitäten eintreten. Doch soll er
+das, der Erfahrung zufolge; der Begriff der Kraft muß daher eine
+Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige,
+was unter gewissen Umständen wirken =kann=, nennen wir im gemeinen Leben
+=Kraft=. Was bewirkt jedoch, daß dasjenige, was unter gewissen Umständen
+wirken kann, zu gewisser Zeit auch in der That in Wirksamkeit tritt, und
+auf diese Weise aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit übergeht? Ohne
+Zweifel ist das Ding, welches jetzt wirkt, ein anderes geworden gegen
+dasjenige, welches vorher nur wirken =konnte=. Also wieder eine
+Veränderung an dem Dinge, wieder eine Ursache, die der Kraft
+vorausgesetzt werden muß, und die, genauer besehen, abermals eine Kraft
+ist, die wirken könnte und wirken würde, wenn eine andere auf sie
+belebend und bewegend einwirkte. Da sich dasselbe bei jeder wiederholten
+Voraussetzung einer neuen Kraft ergibt, so öffnet sich auf diese Weise
+ein Rückschritt ins Unendliche, weil es nirgends eine Kraft gibt, die
+keiner bewegenden mehr bedarf, das Princip des Veränderns in sich selbst
+trägt, deren Was der Wechsel, die Veränderung selbst ist, mit Einem Wort
+ein πρῶτον κινοῦν ἀκίνητον.
+
+Kann man ein solches unbewegtes Bewegendes setzen? Trägt der Begriff
+eines schlechthin thätigen nicht einen Widerspruch in sich? In der
+unendlichen Reihe der successiven Bestimmung verhalten sich je zwei
+Glieder zu einander wie Thätiges und Leidendes und das Eine greift
+verändernd in den Zustand des Andern ein. Das Thätige soll thun, es ist
+also etwas von seinem Thun, seiner Thätigkeit Verschiedenes, allein es
+ist auch wieder ein nicht davon Verschiedenes, denn eben nur durch das
+Thun ist ein Thätiges. Was es thut, ist dem, was es selbst ist, fremd;
+das Thätige soll daher gedacht werden durch etwas, was es nicht ist,
+wodurch es also nicht gedacht werden darf, und soll zugleich durch
+dasjenige nicht gedacht werden, was es eigentlich und seinem Wesen nach
+ist, und wodurch es daher gedacht werden muß. Als absolutes Thun aber,
+ohne zugleich etwas zu sein, welches thut, verträgt es keine absolute
+Setzung. Denn ein Thun enthält unvermeidlich die Beziehung auf ein
+Thuendes, und eine Beziehung leidet keine absolute Position. Dieselbe
+Verwicklung wiederholt sich bei dem Leidenden. Auch dieses ist abgesehen
+von seinem Leiden ein Etwas für sich. Diese Kette von Widersprüchen, die
+sich bei jedem Gliede der unendlichen Reihe wiederholt, und da jedes
+thätig und leidend zugleich ist, sich sogar verdoppelt, macht die
+äußeren Ursachen völlig (?) untauglich, einen festen Punkt im Denken zu
+gewähren.
+
+Liegt aber der Grund der Veränderung nicht außerhalb des veränderten
+Dinges, so müssen wir ihn, so lang noch überhaupt einer angenommen
+werden soll, innerhalb desselben, also in seiner Selbstbestimmung
+suchen. Das Ding erscheint hier zugleich als Bestimmendes und
+Bestimmtes; dieselben Widersprüche, die sich im Begriff der äußern
+Ursache finden sollen, kehren daher hier und verstärkt wieder. Auch hier
+entwickelt sich eine unendliche Reihe, indem jedes Bestimmende im
+Uebergang aus der Unthätigkeit in Thätigkeit als sich verändernd gedacht
+werden soll, welcher Uebergang neuerdings eine Selbstbestimmung des
+Bestimmenden voraussetzt, in welcher dieses selbst als Bestimmtes
+erscheint und ein Bestimmendes verlangt. Bei diesem geht es eben so, und
+die Ungereimtheit wird dadurch noch größer, daß die ganze endlose Reihe
+von Selbstbestimmungen in einem und demselben Dinge vor sich gehen soll,
+während sie im früheren Falle gliedweise auf ein außerhalb des
+Bestimmten befindliches Ding übertragen wurde. Um die Reihe
+abzuschließen, kann man nicht umhin, die erste Selbstbestimmung absolut
+zu setzen, wodurch aber die immanente Ursache ins absolute Werden sich
+verwandelt. Ins Unendliche vervielfacht sich der Widerspruch, daß das
+sich selbst bestimmende Ding zugleich thätig und leidend sein, daß es
+nicht als zwei gedacht, sondern in die Identität desselben Begriffs
+verschmolzen werden soll. Auch wenn die Prädicate nicht entgegengesetzt
+wären, würde doch schon die Spaltung der einfachen Qualität in
+mindestens zwei Theile, den Bestimmenden und Bestimmten, dazu
+hinreichen, die Selbstbestimmung von dem Seienden abzuweisen.
+
+So bleibt also nur noch übrig die Veränderung ohne Ursache schlechtweg,
+als absolutes Werden zu setzen. Der Wechsel selbst werde als Qualität
+dessen gedacht, was sich verändert. Keine Ungleichförmigkeit, kein Maß,
+kein Aufhören, kein Anfangen findet statt; denn dies alles müßte einen
+wie immer beschaffenen Grund haben, und nach einem solchen darf hier
+nicht einmal gefragt werden. Das absolut Werdende ist durchaus sich
+selbst gleich, es »wird,« ohne die geringste nähere Bestimmung.
+Abgesehen davon, daß es eine Ungereimtheit ist, zu behaupten, der
+Wechsel sei die Qualität des Realen (denn der Wechsel ist eine bloße
+inhaltsleere Form, die ohne die Qualitäten, welche wechseln, gar keinen
+Sinn hat, nichts weiter ist als ein Begriff, der auf das Reale
+angewendet werden kann, sobald erst ein solches und Qualitäten desselben
+wirklich vorhanden sind); abgesehen von der Unmöglichkeit, dort von
+Wirkungen zu reden, wo man keine Ursachen derselben zulassen will: kann
+=Herbart= von seinem Standpunkt aus nicht anders, als eine Qualität des
+Seienden, die durch mehrere, ja des beständigen Wechsels halber
+unendlich viele Qualitäten gedacht werden müßte, verwerfen.
+
+Damit scheint nun aber jede Möglichkeit der causalen Verbindung zwischen
+Realen abgeschnitten. =Leibnitz= faßte das Problem transitiver
+Wirksamkeit in seiner Weise sehr bestimmt, indem er es in die
+Dreitheilung des physischen Einflusses, Occasionalismus und der
+prästabilirten Harmonie zerfällte, die ersten zwei als unmöglich
+nachwies und die dritte festhielt. Mit ähnlicher Entschiedenheit geht
+=Herbart= noch weiter und versucht die Unmöglichkeit äußerer Ursachen,
+der Immanenz und des absoluten Werdens nachzuweisen. Was kommt nun an
+die Stelle? Entweder letzteres Trilemma ist nicht vollständig, oder es
+gibt überhaupt keinen causalen Zusammenhang unter den Dingen, keinen
+Wechsel, keine Veränderung, kein Zunehmen und Abnehmen, alles ist starr,
+leblos, unbeweglich, wo die Natur und Anschauung das Gegentheil zeigt.
+Und =Herbart= selbst sagt ausdrücklich(80): »Niemand zweifelt, daß
+Veränderungen in der Natur gegeben werden.« Nur fügt er einschränkend
+hinzu: »Man unterscheidet wesentliche und zufällige Eigenschaften der
+Dinge, weil in der Erscheinung einige Merkmale beständiger sind, als
+andere. Wenn nun das Gegebene (die Erfahrung) so angesehen wird, als
+gebe es uns die Qualitäten der Dinge zu erkennen, so liegt es am Tage,
+daß die Substanz als beharrlich im Wechsel deshalb sehr leicht
+betrachtet werden konnte, weil man meinte, sie lasse sich an ihren
+wesentlichen Eigenschaften festhalten, mochten auch die zufälligen
+wechseln, wie sie wollten. Wie es zugehen solle, daß sich zum
+Wesentlichen das Zufällige, zum Einheimischen das Fremde geselle,
+darüber dachte man so genau nicht nach. Wenn einmal ein Fremder im
+Wirthshause der Substanz einkehrte, so war es ja kein Wunder, daß er
+auch wieder Abschied nahm. Das Haus blieb stehen, unbekümmert um die,
+welche aus- und eingingen, es gehörte fortdauernd seinen bleibenden
+Einwohnern. Nun ist aber die Wirthschaft schon geschlossen, wenn die
+Qualität des Seienden für absolut einfach erklärt wird. Ja noch mehr,
+wir haben darauf Verzicht gethan, die wahre einfache Qualität jemals im
+Gegebenen zu erkennen. Gegeben sind Complexionen von Merkmalen, diese
+nennt man Dinge. Eine solche Complexion sei _a b c_, so setzen wir
+ihretwegen die Substanz _A_; allein dieses _A_ in Hinsicht seiner
+Qualität ist unbekannt. Wenn nun im Gegebenen sich die Veränderung
+ereignet, daß aus _a b c_ jetzt die Complexion _a b d_ wird, wollen wir
+dann sagen, es sei in der Qualität eine Veränderung vorgefallen? Wir
+können diese Veränderung wenigstens nicht angeben: die Substanz, welche
+dieselbe soll erlitten haben, ist uns jetzt eben so unbekannt, als
+vormals, und wir sind zuletzt auf einen bloßen Wechsel der Erscheinung
+beschränkt.«
+
+ (80) Allg. Metaph. II. S. 150.
+
+Also doch ein Wechsel, wenn auch nur in der Erscheinung; also eine
+Veränderung zum wenigsten in dem Subject, welchem der Schein erscheint!
+Woher rührt diese? Ist sie durch äußere, durch immanente oder durch gar
+keine Ursache erzeugt? Wie verträgt sie sich mit der Einfachheit der
+Qualität, die ja auch dem denkenden Subject zukommt, in welchem der
+Schein haftet und sich ändert? Das sind Fragen, die sich nach dem
+Zugeständniß, daß Veränderungen wirklich stattfinden, und der
+ausdrücklichen Abweisung aller drei möglichen Arten der
+Causalverknüpfung sehr natürlich aufdrängen.
+
+Statt aller Antwort führt das System neuerdings die Methode der
+Beziehungen ein, wie oben bei dem Probleme der Inhärenz. Wie dort der
+Inhärenz verschiedener zugleich vorhandener Merkmale mehrere Reihen von
+Realen vorausgesetzt wurden, deren jede einem besondern Merkmale zur
+Basis diente, und deren gemeinschaftliches Anfangsglied die sogenannte
+Substanz war; so liegen hier den mehreren nacheinander seienden
+Merkmalen mehrere Reihen unter sich verschiedener Realer zu Grunde. Die
+Identität des veränderlichen Dinges vor und nach der Veränderung wird
+dadurch erhalten, daß das gemeinschaftliche Anfangsglied aller Reihen,
+die Substanz, dasselbe verbleibt. Die übrigen Glieder der Reihe, die
+z. B. dem Merkmale _a_ zu Grunde lag, wechseln und anstatt ihrer tritt
+eine solche Reihe von Ursachen ein, die mit der Substanz zusammen das
+Merkmal _non a_ erzeugt u. s. w. »Denn,« heißt es(81), »schon ehe die
+Veränderung eintrat, war der Complexion _a b c_ wegen, die wir als
+ungetheilt betrachteten, irgend ein Reales = _x_ gesetzt worden. Dieses
+kann auf keinen Fall den Platz einer Folge einnehmen, sondern wenn Eins
+von beiden sein muß, so gebührt ihm, als dem schlechthin Gesetzten, der
+Platz des Grundes. Jetzt sollte wegen der zweiten Complexion ein anderes
+Reale = _y_ gesetzt werden, aber diese Setzung ist nicht schlechthin zu
+vollziehen, sie soll sich vielmehr an die erstere anlehnen, weil das
+Ding noch als dasselbe gegeben ist. Zusammenfallen sollte sie mit der
+ersten, es sollte sein _y_ = _x_, aber die Position ist eine andere, ihr
+Gesetztes auch, so gewiß _c_ nicht = _d_, und _a b c_ nicht = _a b d_
+ist. Hiemit ist die Entscheidung gehörig vorbereitet. Was weiter zu thun
+ist, wissen wir vermöge der Methode der Beziehungen. Das _x_
+widerspricht sich selbst, indem es dem _y_ gleich und auch nicht gleich
+sein soll. Es ist also nicht identisch, sondern ein Vielfaches. Und nur
+indem mehrere _x_ zusammengefaßt werden, kann _y_, welches in keinem
+Falle =ein= Reales, sondern nur die Folge der Zusammenfassung mehrerer
+Realen sein konnte, daraus hervorgehen.«
+
+ (81) Allg. Met. II. S. 154.
+
+Allein, was bedeutet eben dieses Zusammen? Die mehreren Realen, welche
+zu der Substanz als Ursachen hinzukommen, um mit ihr =zusammengefaßt=
+die Folge hervorgehen zu machen, was ändern sie an der Substanz, was
+wird an ihnen selbst geändert durch dieses Zusammen? Da das Princip der
+äußeren Ursachen (im gewöhnlichen, Kräfte und Vermögen postulirenden
+Sinne dieses Worts) mit solchem Nachdruck ist abgewiesen worden, so
+folgt daraus, daß von einem Verändern an einem der Realen =durch= die
+übrigen, mit welchen es zusammengefaßt wird, keine Rede sein könne. =Ein
+Reales wirkt nicht auf das andere.= Es wirkt aber eben so wenig auf sich
+selbst, weil die immanente Ursache dem Wesen des Seienden widerspricht.
+Das Reale kann ferner auch nicht den Wechsel, das Werden selbst als
+eigenthümliche Qualität besitzen, weil ein continuirlicher Wechsel der
+Beschaffenheit eine Relation einschließen, somit der absoluten Position
+des Seienden widersprechen würde. Außer den einfachen Qualitäten der
+Seienden ist nichts vorhanden, mit ihnen selbst aber kann =nichts=
+vorgehen. Sollten sie ein vom Sein verschiedenes Geschehen
+hervorbringen, so müßten sie von sich »abweichen, sich äußern und
+dadurch außer sich gesetzt werden, sich in der Erscheinung offenbaren,
+und dadurch würde das Reale selbst eine fremde Gestalt annehmen. Im
+wirklichen Geschehen kann und darf das Seiende weder von sich abweichen,
+noch sich äußern, noch erscheinen. Dies alles wäre nichts als
+Entfremdung seiner selbst von innen heraus; also der Ursprung dieser
+Entfremdung wäre ein innerer Widerspruch; und dessen sollen wir es nicht
+beschuldigen, sondern es dagegen vertheidigen.« So bestimmt erklärte
+sich das System gegen jede entäußernde Thätigkeit der einfachen
+Qualitäten. Noch mehr, es sagt ausdrücklich: »Diese dürfen wir gar nicht
+antasten. Sie können mit dem wirklichen Geschehen nur mittelbar
+zusammenhängen. Sie können, indem Etwas geschieht, weder wachsen noch
+abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt
+die Substanz, sollte die Fortsetzung so lauten: »und weder ihre Qualität
+noch ihre Quantität wird von dem Wechsel ergriffen.« Und ebenso(82):
+»Das Reale ist in sich reif. Es bedarf gar keiner Entwicklung. Kommt
+dennoch, gleichviel wie, das Werden, das Geschehen hinzu: so vermehrt
+sich das Reale darum nicht im mindesten. Die Wirklichkeit des Geschehens
+ist schlechterdings gar nicht und in keinerlei Sinn ein Zuwachs zum
+Realen, oder ein Gelangen zur Realität. Die Redensart, es komme hinzu,
+darf überall nicht so genommen werden, als ob hier eine Addition möglich
+wäre. Man addirt nicht Linien zu Flächen, nicht Flächen zu Körpern.
+Gerade so soll man das wirkliche Geschehen nicht addiren zum Realen,
+denn Beides ist völlig ungleichartig. Die Wirklichkeit des Geschehens
+gibt einen Begriff für sich, und die Arten dieser Wirklichkeit können
+unter einander verglichen werden. Aber für das Sein ist sie schlechthin
+Nichts.«
+
+ (82) Allg. Met. I. S. 194.
+
+Daraus wissen wir nun, daß alle Begriffe des Geschehens, des Wirkens und
+der Veränderung, die wir aus der Sinnenwelt der Erscheinung mitbringen,
+etwa ein Uebergehen eines Theils der Materie aus einem in den andern
+Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was
+wirklich d. h. in dem einzigen wahrhaft Seienden oder dem der Qualität
+nach einfachen Realen geschehen kann, nicht übertragen werden dürfen,
+ohne dieses auch seines einfachen Was zu berauben. Es scheint fast, als
+sei damit so gut wie bei =Leibnitz= das wirkliche Geschehen an sich
+unmöglich gemacht. Ein Geschehen ist immer ein Sich-ändern, ein
+Qualitätswechsel, das Hervortreten eines Zustandes, der früher nicht da
+war. Nehmen wir diesen in der Scheinwelt der Sinne wahr, so gibt uns
+eben diese Wahrnehmung das Recht zu schließen, daß auch in Demjenigen,
+was nicht mehr bloßer Schein ist, in dem Seienden, gleichviel dem unser
+eigenes Ich ausmachenden oder dem außer uns befindlichen Realen Gründe
+vorhanden seien oder in Thätigkeit treten müssen, welche die Veränderung
+des Scheins erzeugen. Die letztere ist nicht von unserer Willkür
+abhängig; wir nehmen nicht nach Belieben jetzt diesen, dann jenen
+Zustand desselben wahr, welchen wir wünschen, im Gegentheil, dieser ist
+uns, nicht selten im geraden Widerspruche mit unserm Begehren, gewisse
+vorhandene Beschaffenheiten des Scheins festzuhalten oder zu entfernen,
+unabweislich gegeben, was auf einen von unserer Willkür durchaus
+unabhängigen Grund desselben hindeutet. Geschehen, verändern muß sich
+also etwas in dem Zustande des wahrhaft Seienden, des Realen, wenn sich
+im Scheine etwas ändern soll, und dennoch kann Nichts an ihnen
+=geschehen=, d. i. kein Qualitätswechsel stattfinden, ohne daß das Reale
+aufhörte, mit sich identisch zu sein. Denn wo eine einzige Qualität das
+Wesen des Seienden ausfüllt, da hört dieses auf zu sein, sobald die
+Qualität verschwindet, und es ist ein neues Reale da, sobald eine neue
+Qualität als seiend gesetzt wird. Die Lehre von der Einfachheit der
+Qualität des Realen spielt bei =Herbart= dieselbe entscheidende Rolle,
+wie bei =Leibnitz= der Satz von der Fensterlosigkeit der Monaden.
+
+Auf denselben Punkt, wie bei Leibnitz die wechselseitige
+Unzugänglichkeit der Monaden, versetzt uns bei Herbart die der
+Veränderung unfähige Einfachheit der Qualität der Realen. Wie wir uns
+dort, bevor wir zur prästabilirten Harmonie übergingen, durch die
+Impenetrabilität der Monaden zu diesem künstlichen Wege der Vermittlung
+genöthigt sahen, so werden wir hier zu einem ähnlichen äußeren
+Hilfsmittel getrieben, weil der natürliche Weg -- der sich dem
+Ergebnisse der gemeinen Erfahrung anschließt -- durch die Resultate des
+metaphysischen Gedankenganges verboten zu werden scheint. Wir dürfen uns
+aber nicht wundern, wenn der Enderfolg bei beiden Denkern ein ganz
+verschiedener ist, denn beide gehen von eben so verschiedener, und nur
+in der Hauptsache, der Annahme einer Vielheit realer Wesen,
+übereinstimmender Grundlage aus. Leibnitz, der auf theologischem Boden
+stand und mittels des ontologischen Beweises vorher die Existenz des
+vollkommensten, d. i. desjenigen Wesens bewiesen hatte, »_dans lequel
+l'essence renferme l'existence ou dans lequel il suffit d'être possible,
+pour être actuel_(83),« war es leicht, kraft der Allmacht und
+Allvollkommenheit desselben eine so regelmäßige Anordnung des Weltalls
+zu postuliren, daß die Veränderungen im Innern der einzelnen Wesen, ohne
+durch einander in der That hervorgebracht zu sein, sich wechselseitig
+correspondirten. Dabei blieb unerklärt, was für eine Art von
+Causalverknüpfung im Innern der einfachen Wesen, auf welche gleichwohl
+so viel Gewicht gelegt wurde(84), überhaupt stattfinden könne, und Alles
+lief, wie es bei einem Systeme, das die Gottheit selbst als _causa sui_
+betrachtet, nicht befremden kann, auf die Annahme der _causa immanens_
+in den einfachen Wesen hinaus. Herbart aber betrachtet die einfachen
+Realen als schlechthin gesetzt, als einfache Qualitäten, mit welchen die
+Spaltung der _causa immanens_ unverträglich sei und kann daher bei jener
+Annahme nicht stehen bleiben. Er schlägt einen Weg ein, der so leicht
+mißzuverstehen ist, daß dies zu vermeiden nichts übrig bleibt, als ihn,
+so viel thunlich, mit des Erfinders eigenen Worten darzustellen.
+
+ (83) _Monad._ S. 708.
+
+ (84) _Monad._ S. 706; _Théod._ §. 608, §. 360.
+
+Der Begriff, auf welchen uns die Methode der Beziehungen behufs der
+Erklärung des wirklichen Geschehens verwies, war: das Zusammen. Durch
+das Zusammenfassen mehrerer Realen, hieß es, lasse sich sowohl der
+Widerspruch der Inhärenz als jener der Veränderung in Uebereinstimmung
+bringen; was widersprechend sei an =einem= Realen, sei es nicht an einer
+Mehrheit. Dieses Zusammenfassen mehrerer Realen bezieht sich zunächst
+nur auf die Begriffe derselben; diese sind einfach, denn so sind die
+Qualitäten der Seienden. Fassen wir nun aber eine Mehrheit solcher
+einfachen Qualitäten, z. B. _A_ und _B_ zusammen, so erhalten wir eben
+nichts anders, als eine Summe, »aus welcher eben so wenig etwas Weiteres
+wird, als aus jenen einfachen Richtungen der Schwere und des Gegendrucks
+einer schiefen Fläche(85).« Allein es gibt ein anderes Mittel,
+wechselseitige Beziehungen zwischen den einfachen Realen herzustellen.
+
+ (85) Metaph. II. S. 164.
+
+Erinnern wir uns, daß die einfache Qualität jedes Seienden sich auch
+unter einen aus mehreren Theilen zusammengesetzten Begriff bringen und
+durch denselben vorstellen lasse. Hiebei ist wohl zu unterscheiden: der
+Begriff, der uns die Qualität des Seienden ausdrückt, ist
+zusammengesetzt, sein Gegenstand, die Qualität selbst, völlig einfach.
+Der zusammengesetzte Begriff muß von der Art sein, daß er dem einfachen
+Begriffe der einfachen Qualität seines Seienden gleichgilt, ein
+Wechselbegriff desselben sei, und sich auf ihn »zurückführen« lasse.
+Begriffe dieser Art, die dem Was des Seienden ganz »zufällig« sind,
+nennt =Herbart= zufällige Ansichten. Sehr gern vergleicht er dieselben
+mit den Componenten, in welche sich eine jede Kraft, sobald sie als
+deren resultirende betrachtet wird, zerlegen, und aus welchen sie sich
+neuerdings zusammensetzen läßt. Wie es hier völlig eins und dasselbe
+ist, ob wir die Kraft als eine einzige oder als resultirende mehrerer
+Kräfte betrachten, was an ihrer Natur an und für sich gar nichts ändert:
+so gleichgiltig ist es auch für das Was des Seienden, ob wir statt
+seines einfachen Begriffs den oder jenen mehrtheiligen Wechselbegriff
+desselben nehmen, sobald der letztere nur auf den ersteren zurückgeführt
+werden kann. Es ist nun durchaus keine Unmöglichkeit vorhanden, daß die
+zufälligen Ansichten mehrerer Realen gemeinschaftliche, daß sie
+entgegengesetzte, gleiche oder auch disparate Bestandtheile besitzen und
+dadurch andeuten, daß auch in den einfachen Qualitäten, deren Ausdrücke
+sie sind, sich Etwas »wie ja und nein« verhalte. Vielmehr kann(86) »ein
+solches Verhältniß der Begriffe hier eben so gut angenommen werden, als
+es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder
+_cis_ und _gis_« (über deren Einfachheit sich freilich noch streiten
+ließe). Jede dieser Empfindungen ist so gut unabhängig und indifferent
+gegen die andere, wie jede Qualität gegen die andere; keine derselben
+hat Theile, so wenig wie irgend eine Qualität, und doch steht jede in
+einem andern Verhältniß gegen jede andere. Roth z. B. ist dem Blau mehr
+entgegengesetzt als dem Violett, dem Gelb mehr als dem Orange, und doch
+hat die Empfindung: Orange keine Theile, deren etwa mehrere dem Roth
+gleichartiger sein könnten, als dem Gelb. »Wasserstoff ist dem
+Sauerstoff, aber auch dem Chlor und dem Stickstoff entgegen; diese
+Gegensätze können sowohl nach Beschaffenheit als Größe verschieden
+sein.«
+
+ (86) Allg. Met. S. 164.
+
+Nehmen wir also an, die einfache Qualität des realen _A_ lasse sich
+ausdrücken durch die zufällige Ansicht α + β + γ und die einfache
+Qualität des realen _B_ durch die zufällige Ansicht _m_ + _n_ − γ, wobei
+die entgegengesetzten Zeichen des Merkmals γ den Gegensatz andeuten, der
+in den einfachen Qualitäten _A_ und _B_ liegt, ohne von diesen getrennt
+werden zu können, denn sie haben weder ungleichartige noch gleichartige
+Theile, weil überhaupt keine Theile. Es sind aber α + β + γ und _m_ +
+_n_ − γ zufällige Ansichten, als =bloße Begriffe=, die sich
+zusammenfassen lassen, wobei die entgegengesetzten Merkmale sich
+aufheben. Wir erhalten daher α + β + _m_ + _n_. Theile der zufälligen
+Ansicht sind weggefallen, andere geblieben. Ist dadurch an den
+Qualitäten _A_ und _B_ selbst Etwas geändert worden? Sind von diesen
+Theile weggefallen, andere geblieben? Unmöglich! Die Qualitäten haben
+gar keine Theile, sie müssen entweder gänzlich vernichtet werden, oder
+=ganz= verbleiben, eine theilweise Zerstörung ist undenkbar. »Sollten
+denn wohl ein paar Wesen sich so verhalten, daß sie sich gegenseitig
+ganz aufhöben? Da wäre entweder Eins positiv und das Andere das Negative
+dieser Position, folglich das letztere kein Wesen: oder beide wären
+sogar nur gegenseitige Verneinungen, also keines ursprünglich positiv,
+was von realen Wesen zu behaupten noch ungereimter sein würde(87).« Es
+ist daher ganz und schlechterdings unmöglich, daß eine einfache Qualität
+durch was immer für Beziehungen zu einer andern, die zufälligen
+Ansichten beider mit eingeschlossen, irgendwie afficirt werde; jene
+Zusammenfassung der zufälligen Ansichten ist nichts mehr und nichts
+weniger als =eine leere Gedankenoperation=, die auf die realen
+Qualitäten gar keinen Einfluß übt, für sie nichts bedeutet. Gleichwohl
+gebietet uns die Erscheinung, indem sie uns Inhärenzen und Veränderungen
+aufdringt (nach der Methode der Beziehungen) die einfachen Wesen
+zusammenzufassen. Aber was soll eigentlich zusammengefaßt werden? Nur
+die zufälligen Ansichten und daß diese zusammen sind, soll als Etwas den
+Wesen selbst ganz Zufälliges betrachtet werden. Geschieht dies, nun »so
+sollte sich ihr Entgegengesetztes aufheben. Aber es hebt sich nicht auf,
+denn es ist auf keine Weise für sich; nur in unauflöslicher Verbindung
+mit Demjenigen, was nicht im Gegensatze befangen ist, gehört es zu einem
+wahren Ausdruck der Qualität dieser Wesen. Sie bestehen in der Lage,
+worin sie sich befinden, wider einander, ihr Zustand ist =Widerstand=.«
+Fragen wir, worin dieser bestehe, so heißt es, »er lasse sich mit dem
+Widerstand im Druck vergleichen, wo Keines nachgibt, obgleich Jedes sich
+bewegen sollte(88).« Fragen wir, ob hiebei wirklich eine Störung des
+Zustandes der Wesen erfolge, so ist die Antwort: »Nein! sie sollte
+erfolgen, aber Selbsterhaltung hebt sie dergestalt auf, daß sie gar
+nicht eintritt.« Fragen wir endlich, ob hier eine Kraft, ein Vermögen im
+gewöhnlichen Sinne des Worts thätig werde, so heißt es abermals: »Nein!
+denn hier ist kein Angriff von einer Seite, kein Leidendes gegenüber
+einem Thätigen; nichts was darauf ausginge, Veränderungen
+hervorzubringen. Der innere Gegensatz in den Qualitäten je zweier Wesen
+ist es, welchem beide zugleich widerstehen -- =dieser ist zwischen
+beiden, nicht aber in einem von beiden=.«
+
+ (87) Allg. Met. II. S. 169.
+
+ (88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69.
+
+Wenn hier für das wirkende Princip das Wort Selbsterhaltung gebraucht
+wird, so muß man sich sehr hüten, dieselbe etwa als eine freiwillige
+Thätigkeit anzusehen. Wäre sie eine Kraft, mittels deren Anwendung sich
+ein Wesen gegen das andere auf geschehene Veranlassung selbst erhält,
+die daher aus der Ruhe in Bewegung, aus dem Zustande der Unthätigkeit in
+jenen der Thätigkeit überzugehen fähig wäre, so würde dies eine
+immanente Veränderung in dem Wesen selbst und auf diese Weise den
+unzulässigen Dualismus eines Thätigen und Leidenden im einfachen Realen
+voraussetzen. Alle gemeinen, aus der Erfahrung geschöpften Begriffe von
+Selbsterhaltung, in welchen sie Kraftaufwand voraussetzt, müssen
+vermieden werden. Selbst die Dynamik, die dem Körper nur so lang
+aufzusteigen erlaubt, als die momentane Wurfkraft noch nachwirkt, macht
+hier keine Ausnahme. Denn »alle Triebe und Tendenzen, alle realen und
+idealen Thätigkeiten, alle Einbildungen und Rückbildungen, durch welche
+das Reale Formen annehmen soll, die es nicht hat, verrathen nur den am
+Sinnlichen festklebenden Geist, der sich noch nicht im Metaphysischen
+orientirt hat(89).« Dies um so mehr, da »Sein und Geschehen völlig
+incommensurabel sind(90)« und nicht die mindeste Aehnlichkeit haben. Wie
+sollte ein Geschehen, ein wie immer beschaffener Wechsel das Seiende
+treffen können, da »für das Seiende in Hinsicht dessen, was es ist,
+nicht das geringste verändert werden darf? Es wäre die vollkommenste
+Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen nennen, sich
+irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden anmaßte(91).« Nicht anders
+dürfen wir das wirkliche Geschehen denken, denn »als ein Bestehen wider
+eine Negation. Da nun die Negation in dem Verhältniß der Qualitäten je
+zweier Wesen liegt, so geschieht stets zweierlei zugleich: _A_ erhält
+sich als _A_, und _B_ erhält sich als _B_. Jede von diesen
+Selbsterhaltungen denken wir durch doppelte Negation, welche unstreitig
+der Affirmation desjenigen, was jedes Wesen an sich ist, völlig gleich
+gilt. Allein diese doppelte Negation ist dennoch unendlich vieler
+Unterschiede fähig. Gesetzt mit _A_ = α + β + γ sei zusammen _C_ = _p_ +
+_q_ − β, so wird auch jetzt _A_ sich selbst erhalten, aber nunmehr wird
+nicht γ, sondern β die Art und Weise bestimmen, wie es sich verhält. Der
+Gegensatz zwischen _A_ und _C_ ist ein anderer, als der zwischen _A_ und
+_B_. Die zufälligen Ansichten sind nur die Ausdrücke, welche die Wesen
+annehmen müssen, um vergleichbar zu werden; aber indem wir durch ihre
+Hilfe zwei Wesen vergleichen, finden wir sogleich, daß in der
+Vergleichung sich mancherlei Punkte darbieten, worin Störung und
+Selbsterhaltung ihren Sitz haben können. Jedes Wesen ist an sich von
+einfacher Qualität. Aber die vielfachen Qualitäten lassen sich vielfach
+vergleichen, jede mit allen übrigen. Dabei braucht nun nicht jede
+zufällige Ansicht aus den Gliedern α, β, γ zu bestehen, sondern der
+Glieder können gar viele sein. Ferner braucht nicht jede Vergleichung
+auf einerlei zufälliger Ansicht zu beruhen, sondern das Wesen erträgt
+unendlich viele zufällige Ansichten, so wie seine Qualität unendlich
+vieler Vergleichungen fähig ist(92).«
+
+ (89) Allg. Met. II. S. 173.
+
+ (90) Ebendas. S. 172.
+
+ (91) Ebendas. S. 175.
+
+ (92) Allg. Metaph. II. S. 175.
+
+Was folgt aus diesem allen? Dürfen wir nun, nachdem =Herbart= selbst
+gesteht, daß »jede Selbsterhaltung oder jedes wirkliche Geschehen,
+welches in einem Wesen vorgeht, wenn es sich gegen ein anderes erhält,
+einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des
+Geschehens gilt, daß aber diese Eigenthümlichkeit, mithin jede
+Mannigfaltigkeit, die durch die Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_, _C_,
+_D_ u. s. w. entsteht, sammt dem Geschehen verschwinde, sobald man auf
+das Seiende, wie es an sich ist, zurückgeht, weil es in allen diesen
+Fällen _A_ ist, welches sich erhält und welches erhalten wird« -- dürfen
+wir nun annehmen, daß das Geschehen etwas dem Sinne völlig Fremdes, ein
+bloßes Product einer logischen Vergleichung zwischen den begrifflichen
+Ausdrücken verschiedener Seienden sei, welche an denselben bald
+gleichartige, bald entgegengesetzte Bestandtheile aufweist? Setzt die
+Vergleichung der zufälligen Ansichten nach ihren Bestandtheilen, deren
+Resultat die geforderte, aber unmögliche Störung, d. i. die
+Selbsterhaltung sein soll, setzt diese ein Subject voraus, von welchem
+sie vollzogen wird, oder existirt sie früher, ehe ein solches vorhanden
+ist und im Denken den Act der Vergleichung durchführt? Oder ist der
+Gegensatz zwischen den Bestandtheilen +γ und −γ, eben so, wie der unter
+den Qualitäten, deren Ausdrücke sie sind, ein völlig objectives
+Verhältniß, das weder erkannt noch von irgend einem denkfähigen Subject
+gedacht zu werden bedarf, um zu existiren und die Selbsterhaltung als
+Folge nach sich zu ziehen? Etwa wie die Spiegelung der Monaden in
+einander, die auch nichts anders ausdrücken zu wollen scheint, als daß
+sich die Monaden zu einander in Beziehungen befinden können, von denen
+sie selbst nichts oder nur sehr dunkel und unvollständig wissen, und die
+nur von der, außerhalb der Monadenwelt vorhandenen vollkommensten
+Intelligenz vollständig überschaut werden?
+
+Ein so objectives Verhältniß könnte allerdings zwischen den zufälligen
+Ansichten stattfinden, insofern man unter diesen zusammengesetzte, mit
+theilweise gleichen, theilweise entgegengesetzten Merkmalen bestehende
+begriffliche Ausdrücke der einfachen Qualitäten versteht. Ein solches
+wäre aber dann eben nur ein Verhältniß zwischen Begriffen, was die
+realen Wesen und somit auch ihr Geschehen gar nichts anginge.
+
+Das Unterscheidende zwischen solchen Verhältnissen, welche Begriffe als
+solche überhaupt, und jenen, welche sie als zufällige Ansichten seiender
+Wesen zu einander haben, findet das System darin, daß als Begriffe
+betrachtet und zusammengefaßt ihre entgegengesetzten Bestandtheile sich
+ohne Schaden tilgen dürfen; als zufällige Ansichten seiender Wesen aber
+beharren müssen, weil die Wesen selbst, deren Ausdrücke sie sind, als
+einfache Qualitäten beharren und sich weder tilgen noch schwächen
+können.
+
+Inwiefern aber dieses Beharren der einfachen Qualität als Act der
+Selbsterhaltung und als wirkliches Geschehen betrachtet werden könne,
+gestehen wir aufrichtig nicht einzusehen. Es wäre zu begreifen, wenn das
+Wort »Selbsterhaltung« in dem gewöhnlichen Sinne genommen werden dürfte,
+welchen ihm der Sprachgebrauch beilegt, und in welchem es die
+selbstthätige Anwendung einer eigenen Kraft voraussetzt. Haben aber die
+Realen Kräfte oder sind sie selbst Kräfte? Das erstere bestimmt nicht,
+denn sie sind nichts als =einfache= Qualitäten, denen jedes Ansichtragen
+anderer Qualitäten widerspricht. Sind sie aber selbst Kräfte? Der
+Umstand, daß sie sich im Gegensatz zu einander befinden sollen, welcher
+Gegensatz seinen expliciten Ausdruck in den evolvirten Bestandtheilen
+ihrer zufälligen Ansichten findet, scheint dies zu verrathen. Worin
+dieser Gegensatz der Qualitäten bestehe, läßt sich nicht sagen, weil die
+Qualitäten selbst unerkennbar sind. Er findet aber -- das System selbst
+gesteht dies -- sein Analogon in dem Gegensatz-Verhältnisse, in welchem
+sich einfache Ton- oder Farbenvorstellungen zu einander befinden.
+Betrachtet man aber die letztern als Vorstellungen ihrem Inhalte nach an
+und für sich, so findet sich kein Grund, warum sie einander
+entgegengesetzt heißen sollen. Um entgegengesetzt zu sein ihrem Inhalte
+nach, müßten sie erst ähnlich sein, d. i. sie müßten einen oder etliche
+gemeinschaftliche Bestandtheile haben. Sie haben aber gar keine
+Bestandtheile, denn sie sollen ja einfach sein. Sie sind also vielmehr,
+z. B. roth und blau, völlig disparat. Dennoch behauptet =Herbart=: Das
+Roth sei dem Blau mehr entgegengesetzt, als z. B. dem Violett. Da dies
+nicht so viel heißen kann, als: der Begriff Violett sei aus den
+Begriffen Roth und Blau zusammengesetzt, und deshalb dem Begriffe Roth
+verwandter als dem Begriffe Blau, welches letztere vielmehr nur von den
+=Gegenständen= dieser Begriffe, den =Farben= Roth, Blau und Violett
+gilt, so hat dies nur insofern einen Sinn, daß, psychologisch
+betrachtet, eine dieser Farbenvorstellungen die andere leichter, eine
+andere schwerer zu verwischen im Stande ist. In dieser Bedeutung gesteht
+er aber selbst ein, die Farben-Tonvorstellungen u. s. w. als ein System
+sich aufhebender entgegengesetzter Kräfte zu betrachten. Soll diese
+Analogie für die Qualitäten der Seienden Anwendung erhalten, so scheint
+nichts natürlicher, als diese ebenfalls als Kräfte, und zwar als absolut
+gesetzte selbständige für sich bestehende Kräfte anzusehen, was dann von
+der Vorstellung, die man sich von der einfachen Substanz macht, nicht so
+weit verschieden wäre, als das System anzunehmen geneigt ist. Als Kräfte
+betrachtet, würden diese Qualitäten wechselseitig gegen einander agiren,
+reagiren oder sich mindestens auf gute Weise »selbsterhalten« können.
+Ihre Selbsterhaltungen wären Wirkungen ihrer selbst, und da, je nachdem
+ihre Existenz durch ein Anderes mehr oder weniger in Gefahr käme, auch
+ein größerer oder geringerer Kraftaufwand von ihrer Seite erfordert
+würde, so wäre es keineswegs unmöglich, daß sich Selbsterhaltungen
+verschiedenen Grades, also verschiedene Zustände im Innern der Realen
+vorfänden. Der Weg daher sowohl zu einem =wirklichen=, wie es diese
+Kraftäußerungen, als auch =mannigfaltigen= Geschehen, wie es die
+Verschiedenheit dieser Kraftäußerungen begründeten, wäre damit gebahnt.
+
+Es ist uns aber an keinem Orte in =Herbart='s sämmtlichen Schriften eine
+Stelle vorgekommen, worin er sich offen und ausdrücklich für die Ansicht
+erklärte, die Qualitäten der einfachen Seienden seien Kräfte und diese
+folglich selbstgesetzte seiende Kräfte und die Selbsterhaltungen deren
+Actionen; wohl aber solche, die für das Gegentheil sprechen. Die oben
+(S. 101) angezogene Stelle beweist deutlich genug, daß man hiebei an
+Kräfte, Tendenzen, Triebe gar nicht denken dürfe. Es ist nur eine
+vielleicht mit Absicht beibehaltene Amphibolie des Ausdrucks, die uns
+bei dem Worte Selbsterhaltung verleitet, den geläufigen Sinn des Wortes
+unterzuschieben, wo im Grunde etwas ganz Anderes gemeint wird. Der
+gemeine Sprachgebrauch, der einen Unterschied zwischen Selbsterhaltung
+und Widerstand macht, jene dem Beseelten, diesen der unbeseelten
+Materie, welcher keine Kraft innewohnen soll, (wenn dies überhaupt
+möglich wäre und man nicht dann auch auf alle Verschiedenartigkeit der
+Materie z. B. des Silbers vom Golde, Verzicht leisten müßte) --
+zuschreibt, würde den Zustand, der hier Selbsterhaltung heißt, und mehr
+ein passiver als activer ist, lieber Widerstand geheißen haben. Für
+=Herbart= jedoch bedeuten beide Worte gleichviel: »Der Zustand der
+Selbsterhaltung ist Widerstand(93),« oder wie es =Strümpell= ausdrückt:
+»wo Wesen zusammentreffen, =kann= jene erwartete Störung nicht
+eintreten, sondern jedes verharrt im Drucke als das, was es ist;
+selbsterhält sich im Widerstande, und diese seine Selbsterhaltung als
+ein vorher nicht dagewesener, jetzt aber durch den gegenseitigen
+Gegensatz veranlaßter Zustand ist das wirkliche Geschehen(94).« Es ist
+damit, wie mit dem Zusammenstoße zweier Kugeln, jede bleibt eine Kugel,
+vorausgesetzt, daß keine zerspringt, jede hat sich also selbsterhalten.
+Man pflegt aber gemeiniglich zu sagen, sie sei erhalten worden.
+
+ (93) Allg. Met. II. S. 170.
+
+ (94) Erläut. zu =Herb.= Phil. S. 104.
+
+Die zuletzt angezogenen Stellen klären uns noch über einige wichtige
+Punkte auf. Fürs Erste ist es außer Zweifel, daß die Selbsterhaltungen,
+obgleich aus bloßen Begriffsverhältnissen entspringend, nicht nur
+metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was
+dem wechselvollen Geschehen der Erscheinungswelt auf dem Gebiete des
+reinen Seins Analoges geboten wird. Ausdrücklich beruft sich das System
+auf dieselben als Wirkliches im Seienden bei der Construction der
+Naturphilosophie und der starren Materie und noch nachdrücklicher in der
+Psychologie. Hier wird geradezu angenommen, die Selbsterhaltungen,
+zugleich seiend als Wirkliches in demselben (einfachen) Realen,
+verhalten sich gegeneinander als Kräfte, hemmen und fördern einander,
+sind einander auf dieselbe Weise entgegengesetzt, wie vorher die
+Qualitäten der einzelnen Seienden selbst. Wie reimt sich nun diese
+gleichzeitige oder auch die successive Vielheit des wirklichen
+Geschehens im Realen mit der Einfachheit der Qualität desselben? Sind
+diese vielfachen Selbsterhaltungen jede Aeußerung einer besondern Kraft,
+sind sie alle Aeußerungen einer Kraft, oder sind sie -- nach dem oben
+Angeführten das wahrscheinlichste -- Aeußerungen gar keiner Kraft? Ist
+jede eine Kraft für sich, wie sie denn allerdings in dem Systeme des
+Wirkens und Gegenwirkens der Selbsterhaltungen unter einander als solche
+angesehen werden soll, wie kommt dies einfache, jeder Mehrheit von
+Qualitäten unfähige Seiende dazu, Träger einer Vielheit von Kräften zu
+werden? Sind sie überhaupt Kräfte oder Aeußerungen einer solchen, so muß
+es Zeitmomente gegeben haben, wo diese Kräfte nicht in dieser Aeußerung
+vorhanden waren, wie jetzt; es fand daher in dem Zustande des Realen
+eine innere Veränderung statt, ungeachtet eine solche mit seiner
+Einfachheit für incompatibel erklärt wurde. Als Aeußerungen derselben
+Kraft ließen sie sich ferner wohl unter einander addiren, nicht aber
+durch Gegensatz hemmen oder gar vernichten. Sind aber endlich die
+Selbsterhaltungen Aeußerungen gar keiner Kraft, sollen sie wohl gar
+nichts als die unerfüllbaren Forderungen der unter den zufälligen
+Ansichten der Wesen stattfindenden rein logischen Verhältnisse sein:
+treten sie da überhaupt aus dem Bereich bloßer Begriffe heraus? sind sie
+wirklich ein solches Etwas, das den Zweck zu erfüllen vermag, die
+natürliche Voraussetzung für das wahrgenommene erscheinende Geschehen
+abzugeben?
+
+=Strümpell='s Zugeständniß in der citirten Stelle macht diese und
+ähnliche Fragen nicht unwichtig. Sind die Selbsterhaltungen »vorher
+nicht dagewesene, jetzt veranlaßte Zustände« im Realen, die also
+offenbar Zeitbestimmungen unterliegen und unter einander verschieden
+sind, so haben wir im einfachen Realen zugleich eine Mehrheit
+verschiedener =Zustände= und eine zeitliche Veränderung, also zwei
+verbotene Dinge auf einmal. Treffen diese die einfache Qualität oder
+nicht? Wenn ja, wie vertragen sie sich mit ihr? wenn nicht, was sind sie
+denn eigentlich selbst?
+
+Diese Frage drängt sich noch lebhafter auf, wenn wir das nach
+=Herbart='s eigener Aussage(95) einzige uns zugängliche, aber »völlig
+genügende« Beispiel wirklicher Selbsterhaltungen, die Vorstellungen
+desjenigen Realen, das unsre eigene Seele ausmacht, näher in's Auge
+fassen. Zwar kennen wir die einfache Qualität unsrer Seele so wenig als
+die jedes andern Realen, aber wir nehmen doch ihre Aeußerungen am
+unmittelbarsten wahr(96). Die Seele ist die erste Substanz, die wir
+antreffen als reales Subject, auf dessen Zusammensein mit Andern der
+auch bei ihm stattfindende Schein der Inhärenz hinweist. Ihr eben so
+wenig wie jedem andern Realen ist es wesentlich, Substanz zu sein; sie
+wird es nur im Zusammensein mit mehreren andern Realen, wobei die
+Einheit der Complexion erhalten werden soll. Daraus folgt schon, daß sie
+so gut wie jedes einfache Reale schlechthin einfache Qualität besitzt,
+durchaus ohne Vielheit von Kräften, Anlagen, Vermögen, Trieben und
+Tendenzen, ohne irgend welche Receptivität und Spontaneität, ohne
+ursprüngliche angeborne Vorstellungen und Gefühle, entblößt von
+Thätigkeiten und Willensacten, ohne irgend ein Wissen von sich noch von
+Etwas außer sich, absolut leer und einfach ist. Zu ihrer Substantialität
+jedoch gehört als nothwendiges Correlat die Causalität und wo sie in ein
+vielfältiges und wechselndes Zusammen mit realen Wesen tritt, da »kann
+verschiedenartiges und wechselndes Geschehen« nicht ausbleiben. Alles
+wirkliche Geschehen ist Selbsterhaltung, also auch dasjenige, was =in=
+der Seele geschehen kann. Die Seele stellt vor, bedeutet daher im Grunde
+nichts weiter, als: sie erhält sich in ihrer eigenen Qualität gegen ein
+anderes Reale; Vorstellungen selbst sind, metaphysisch betrachtet,
+nichts als Selbsterhaltungen; je reicher der Vorstellungskreis eines
+Subjectes, desto reicher und mannigfaltiger seine Selbsterhaltungen. Die
+letztern empfängt sie weder als Leidendes von einem äußern Thätigen, wie
+die _tabula rasa_ =Locke='s, noch erzeugt sie dieselben ohne äußere
+Veranlassung durch und aus sich selbst, wie die Monade, sondern ihre
+innern Zustände als reiner Ausdruck der Art, in welcher ein Reales einer
+Störung widersteht, =welche erfolgen würde, wenn sie könnte=, treten als
+einfache Acte bei der Voraussetzung des Zusammen mit andern Realen in
+solcher Weise ein, wie es durch die Qualitäten der Realen selbst und
+deren Verhältnisse unter einander mit Nothwendigkeit geboten wird. Diese
+innern Zustände müssen als Selbsterhaltungen nach der verschiedenen Art
+der Objecte, gegen welche sich dieselbe richtet, selbst verschieden
+sein. »Eben weil die Seele von sich selbst nicht abweicht, aus ihrem
+eigenen Was nicht vertrieben wird, muß ein solches und anderes Geschehen
+in ihr eintreten, wenn sie veranlaßt wird, sich gegen solche und andere
+Reale aufrecht zu erhalten.« Allein nun kommen wir auf das Wesentliche.
+Was wird die Folge sein, wenn mehrere, wie wir voraussetzen, wohl gar,
+wie es die Natur der Realen erlaubt, entgegengesetzte Selbsterhaltungen
+in demselben Realen zusammenkommen(97)? Kann zwischen solchen Störung
+stattfinden oder nicht? Störung ist nur unmöglich zwischen einfachen
+Realen, die Selbsterhaltungen aber sind Zustände des Realen, nicht Reale
+selbst, und diese Zustände in demselben Realen beisammen bringen Störung
+hervor. Denn das Entgegengesetzte ist ineinander, der Gegensatz
+gegenseitig, und da kann gegenseitige Störung nicht ausbleiben. Was
+zwischen seienden einfachen Wesen trotz der unabweislichen Forderung des
+Gegensatzes um seiner absoluten Unmöglichkeit willen nicht geschehen
+konnte, das muß unter den Selbsterhaltungen der Forderung gemäß
+eintreten, weil die Möglichkeit vorhanden ist, daß es erfolge. Das
+letztere kann es entweder dem Quantum oder dem Quale der Selbsterhaltung
+nach; die verschiedenen Selbsterhaltungen können sich unter einander
+durch ihr Was oder durch ihre Größe stören. Im ersteren Falle würde ein
+Mittleres entstehen, nachdem sich die entgegengesetzten Bestandtheile
+aufgehoben haben. Allein das Seiende hat keine Theile, sie können sich
+daher eben so wenig als oben die entgegengesetzten Bestandtheile der
+zufälligen Ansichten von diesen trennen. Die Störung kann daher nicht
+das Was, sondern einzig die Wirklichkeit des Geschehens treffen.
+Desungeachtet kann sie keine Vernichtung des letztern sein, denn wo ein
+Positives durch ein im Verhältniß zu ihm Negatives vernichtet werden
+soll, so daß nichts herauskommt als eben nur Vernichtung, da muß das
+Negative weiter nichts sein als eben nur die Negation des erstern, das
+aber kann bei Zuständen der Realen, die »als Selbsterhaltungen jede für
+sich positiv sind, nie stattfinden.« Die Wirklichkeit des Geschehens
+wird durch die gegenseitige »Störung« nur vermindert, ein Theil des
+Geschehens, das gefordert wird, »gehemmt,« es geschieht weniger als
+geschehen sollte. Weil es aber eben so unmöglich wäre, daß von den
+einfachen theillosen Acten der Seele, den Selbsterhaltungen, Theile
+unterdrückt, andere unverletzt erhalten würden, als es unmöglich war,
+von den einfachen Qualitäten der Seienden Theile als aufgehoben, andere
+als übrigbleibend zu denken, so muß »das wirkliche Geschehen in einem
+andern Sinne unversehrt bleiben, und der Begriff des Strebens, welcher
+das Auf- und das Widerstreben in sich schließt, ist die nothwendige
+Ergänzung des Begriffes der Hemmung(98).« Dieses »Streben« ist gleichsam
+die Selbsterhaltung der Selbsterhaltungen. Diese sind =wirkliche= innere
+Zustände; es läßt sich ein Geschehen sowohl als ein Geschehenes in ihnen
+unterscheiden, das dem Was der Realen entspricht; und die Ursache, daß
+die bei den realen Wesen unmögliche Störung bei den entgegengesetzten
+Zuständen derselben wirklich vollzogen wird, liegt einzig darin, weil
+diesen die absolute Position mangelt. Für die gestörten und doch nicht
+vernichteten Selbsterhaltungen wird der Ausdruck des Aufgehobenseins in
+ähnlichem Doppelsinn gebraucht, wie bei =Hegel='s dialektisch sich
+fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein
+Aufbewahrtwerden bedeutet.
+
+ (95) Allg. Met. II. S. 176.
+
+ (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl.
+ S. 228. =Hartenst.= Met. S. 454 ff. =Drobisch=: Empir. Psych.
+ S. 340 ff.
+
+ (97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff.
+
+ (98) =Hartenst.= Met. S. 264.
+
+Kann uns das Angeführte überzeugen, daß das System die in uns
+befindlichen Vorstellungen in der That für »wirkliche Zustände in einem
+einfachen Realen« erklärt, so erheben sich neue Fragen. Wie können sich
+denn »einfache« theillose Acte wie die Selbsterhaltungen, zum Theil
+aufheben, zum Theil fortbestehen, ein Mehr oder Minder der Wirklichkeit
+zulassen, wenn sie nicht Kräfte, mechanische Kräfte sind? Sind sie dies
+aber, woran befinden sich diese Kräfte? An einer Einheit, die noch dazu
+eine Einfachheit ist? Und =wie= befinden sie sich an ihr? Als zeitweilig
+unthätige, zeitweilig thätige Vermögen, die einen Grund voraussetzen, um
+aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund?
+Ist er ein äußerer, innerer, oder gar keiner? Ist der Uebergang aus dem
+Zustand der Ruhe in jenen der Thätigkeit, ist eine Veränderung in der
+einfachen Einheit möglich? Fragen, die das System längst verboten hat,
+die sich aber nicht abweisen lassen, sobald es einmal die in uns selbst
+befindlichen, durch die innere Erfahrung gegebenen Vorstellungen und
+Seelenzustände als praktische Beispiele seiner theoretischen Lehre will
+angesehen wissen. Die innere Erfahrung bietet uns aber nicht nur eine
+Mehrheit, sondern auch eine Mannigfaltigkeit innerer Zustände dar, eine
+Mannigfaltigkeit, die so groß ist, daß auch nicht zwei Vorstellungen,
+Gefühle, Begehren u. s. w. sich vollkommen gleichen, nicht mindestens im
+Grade oder in der Lebhaftigkeit verschieden sind. Dennoch heißt es(99),
+alle Selbsterhaltungen seien unter einander identisch, weil »es in allen
+Fällen _A_ ist, welches sich erhält, und _A_, welches erhalten wird,«
+und der Widerspruch unsrer täglichen inneren Erfahrung wird mit der
+Berufung auf unsre menschliche Beschränktheit abgewiesen: denn »gesetzt
+ein Beobachter stände auf einem solchen Standpunkt, daß er die einfachen
+Qualitäten nicht erkennt, wohl aber in die verschiedenen Relationen des
+_A_ gegen _B_, _C_, _D_ selbst mit verwickelt wird, so bleibt ihm nur
+das Eigenthümliche der einzelnen Selbsterhaltungen, nicht die beständige
+=Gleichheit ihres Ursprungs und ihres Resultats bemerkbar=.« Aber ist
+damit, daß sämmtliche Vorstellungen in uns »gleichen Ursprung« haben,
+d. h. in demselben Realen vorgehen, auch schon bewiesen, daß sie unter
+einander sämmtlich gleich sind? Und wenn nicht, haben wir dann nicht von
+neuem eine widersprechende Vielheit wirklicher, unterschiedener,
+entstehender und vergehender Zustände in dem einfachen, mit sich
+identischen, veränderungslosen Seienden? Wir getrauen uns diese Frage so
+wenig zu beantworten, als eine andere, was denn das für eine
+Wirklichkeit sei, die den Selbsterhaltungen im »wirklichen« Geschehen
+zugeschrieben wird? Wirklichkeit schließt ein Sein in sich, das einzige
+Sein jedoch, welches vom Systeme zugestanden wird, kommt ausschließlich
+dem Realen zu und ist »mit dem Geschehen völlig incommensurabel.« Das
+»wirkliche« Geschehen »ist wirklich« aber nicht in demselben Sinne mit
+den einfachen Realen. In welchem also? Im accidentiellen? Aber von einer
+accidentiellen Wirksamkeit darf ja bei =Herbart= gar nicht die Rede
+sein, weil jedes »Sein« die Relation ausschließt(100). Eine Erklärung
+dieser Wirklichkeit des Geschehens haben wir nicht angetroffen.
+
+ (99) Allg. Met. II. S. 176.
+
+ (100) Allg. Met. II. S. 108 ff. u. a. O.
+
+Indeß dies alles könnten wir bei Seite setzen, wenn nur überhaupt die
+Nothwendigkeit der Selbsterhaltung aus irgend einem realen und nicht
+blos logischen Bedürfnisse klar würde, damit nicht, wenn sie in der That
+aus nichts anderem als Begriffsverhältnissen entspringen, und nur für
+solche Bedeutung haben, das Wirkliche (die innern Seelenzustände) im
+Nicht-Wirklichen (den Selbsterhaltungen) begründet scheine. Die
+Vorstellungen sind nicht durch Spontaneität der einfachen Qualität der
+Seele erzeugt, denn jede neue Vorstellung würde dann eine Aenderung
+derselben voraussetzen; sie sind nichts als Acte der Selbsterhaltung der
+Seele gegen andere Reale, mit welchen dieselbe zusammen ist, und die
+Störungen, die sie durch die letztern kraft der in ihren Qualitäten
+liegenden Gegensätze erleiden sollte. Allein =Störungen der Realen durch
+Reale können= ja -- so fordert es die einfache Qualität der Realen an
+und für sich -- =ein für allemal gar nicht eintreten, sie sind absolut
+unmöglich=! Wozu hat es daher die Seele oder jedes Reale überhaupt
+nöthig, sich gegen Etwas selbst zu erhalten, was =an und für sich gar
+nicht eintreten kann=? Gegen Etwas, was nicht etwa nur deshalb nicht vor
+sich gehen kann, weil die Seele kraft ihrer Selbsterhaltung es verwehrt
+und Widerstand entgegengesetzt, sondern was absolut und schlechterdings
+nicht statthaben kann, die Seele mag sich dagegen selbsterhalten oder
+nicht, weil es dem Begriff eines einfachen Wesens widerspricht? Wäre es
+nicht eben so, als setzte sich ein Blinder in Vertheidigungsstand gegen
+einen Feind, der gar nicht vorhanden ist? oder als zöge ein Sehender
+gegen eine leblose Statue zu Felde, die er für ein lebendes Wesen
+ansieht? So wenig er von der Statue, eben so wenig hat ja auch ein
+Reales von andern zu fürchten, wenn es ganz und gar unmöglich ist, daß
+eines durch das andere eine Störung oder Veränderung erfahre. Wo keine
+Möglichkeit des Angriffs, da ist auch keine Veranlassung des
+Widerstandes. Nicht einmal ein mechanischer Druck ist dort begreiflich,
+wo beiden Wesen die Fähigkeit mangelt, sowohl von andern einen Druck zu
+empfangen, als auf dasselbe einen solchen auszuüben. Woher soll nun der
+»wirkliche« Zustand der Selbsterhaltung kommen?
+
+In der That ist das der vornehmste Zweifel, den uns der Begriff der
+Selbsterhaltung, wie er von =Herbart= dargestellt wird, einzuflößen
+vermag. Wo in der Natur der Wesen kein realer Grund zu demselben
+vorhanden ist, wie läßt sich da ein wirkliches Geschehen erklären?
+Während einerseits die Gründe überzeugend sind, die dafür sprechen, daß
+wo ein scheinbares Geschehen wahrgenommen worden, diesem auch im Gebiete
+des wahrhaft Wirklichen ein solches entsprechen müsse, so ist es
+anderseits sehr zweifelhaft, ob die »Selbsterhaltungen« von der Art
+sind, als Surrogat dieses »wirklichen Geschehens« zu dienen. Da sie auf
+keine Weise, wie wir gesehen, in den realen Wesen selbst ihre
+veranlassende Ursache finden können, so scheint es offenbar, daß sie als
+der realen Erfüllung unfähige, logische Forderungen, die in dem
+Gegensatze der zufälligen Ansichten und folglich ausschließlich in den
+Begriffen der einzelnen Seienden selbst liegen, aus dem Reiche der
+Begriffe gar nicht heraustreten, und so wenig reale Gegenständlichkeit
+haben, als etwa die √−1 oder andere imaginäre Ausdrücke. Wenn es daher
+in den Hauptpunkten der Metaphysik heißt(101): »Durch das, was von der
+Negation nicht getroffen wird in jedem der Wesen, bleibt das Wesen
+selbst; also auch dasjenige, was die zufällige Ansicht von ihr getroffen
+darstellen würde. Dies mag man den Act der Selbsterhaltung jedes Wesens
+nennen. Eine reinere That als diese kann es überall nicht geben. Ihre
+Voraussetzung ist die Störung, welche in Rücksicht des Was der Wesen die
+Möglichkeit zufälliger Ansichten von der beschriebenen Art; in Rücksicht
+des Seins aber noch das Zusammen selbst erfordert,« so liegt in dem
+Worte: Störung, eine nicht zu übersehende Zweideutigkeit. Dies pflegt
+gewöhnlich eine physische Veränderung zu bezeichnen, soll aber nichts
+anderes bedeuten, als daß sich in den zufälligen Ansichten gewisser
+Wesen, also in bloßen Begriffen gewisse Bestandtheile wie Ja und Nein zu
+einander verhalten, die sich in der Zusammenfassung aufheben und ein
+Mittleres zurücklassen würden, welches wieder ein Begriff ist. Dieser
+aber würde ein ungiltiger sein, während die vorangehenden, aus deren
+Verschmelzung er entstanden ist, giltige waren, denen wirkliche Seiende
+entsprachen, während diesem keines entspricht. Um daher giltige Begriffe
+zu erhalten, darf in den beiden ursprünglichen zufälligen Ansichten
+nichts weggelassen, noch aufgehoben werden, sie müssen dieselben
+Bestandtheile behalten, wenn sie noch denselben Gegenstand bezeichnen
+sollen und dies ist der Act der Selbsterhaltung der Realen, deren
+zufällige Ansichten sie sind!? Giltigkeit und Ungiltigkeit oder was eben
+so viel heißt, Gegenständlichkeit und Nichtgegenständlichkeit eines
+Begriffs sind Beschaffenheiten desselben von logischer Natur,
+Beschaffenheiten des Begriffs, keineswegs aber der Realen. Wie soll nun
+dies blos logische Verhältniß der Begriffe das einzige unter den Realen
+statthabende »wirkliche Geschehen« vertreten?
+
+ (101) Kleine Schriften, her. v. =Hartenst.= I. S. 225.
+
+Wir sollten meinen, daß diese Schwierigkeiten, die wir uns zu heben
+nicht getrauen, offen genug darlägen. Daß sie =Herbart= nicht dahin zu
+bringen vermochten, seiner metaphysischen Ueberzeugung um ihretwillen,
+wie sie auch immer beschaffen sein mochten, untreu zu werden, mag als
+Beweis der ungemeinen Festigkeit dienen, mit welcher er an der
+Behauptung streng einfacher Qualität des Seienden, der Abwesenheit aller
+Kräfte, Triebe und Vermögen und aller wie immer gearteten selbstthätigen
+Wirksamkeit der Realen nach innen und außen festhielt. Er begnügte sich
+der Erfahrung gegenüber mit Hartnäckigkeit darauf zu bestehen, daß man
+von allen sinnlichen Vorstellungen und Einbildungen abstrahiren und sich
+an den inhalt- und bildlosen Begriff des »wirklichen, mit dem Sein
+incommensurabeln Geschehens« zu halten habe. Dieses ward dadurch
+freilich ein solches, das von einem Geschehen wenig mehr als den Namen
+hat. Es ist weder ein Qualitätswechsel, ein Verändern, noch verdient es
+mit Recht den Namen eines Wirklichen, denn es hat weder substantielles
+noch accidentielles Sein, es ist, offen gestanden, nichts weiter als
+eine Art Nothbrücke, um die starren, einander unzugänglichen, im Innern
+wechsellosen Seienden mit den nicht wegzuläugnenden psychologischen
+Thatsachen inneren Wechsels und innerer Vielheit möglichst, wenigstens
+im Gedanken, in Harmonie zu bringen. Denn die Realen sind an sich, aber
+nicht für einander, und es ist absolut undenkbar, daß eines auf das
+andere im gewöhnlichen Sinne: mittels übergreifender Kräfte wirke.
+Zugleich müssen sie aber auch für einander sein, denn das Eine soll das
+Andere vorstellen; Eines soll durch sein »Zusammen« mit Andern Ursache
+werden, daß in ihm selbst Vorstellungen von diesem Andern aufkommen und
+die Möglichkeit einer innerlichen Entwicklung und Fortbildung der Realen
+angebahnt werde. In dieses Füreinander treten sie aber nicht durch
+eigene reale Thätigkeit, denn eine solche haben sie nicht; sondern blos
+durch ein ihnen äußerliches zusammenfassendes Denken, nicht des einer
+bestimmten Geisterclasse, sondern einer externen Intelligenz überhaupt.
+
+Als dergleichen Formen erklärt das System zwar unmittelbar nur die
+räumlichen und zeitlichen, die, da sie gegeben und nicht von unserer
+Willkür abhängig, den Realen als solchen aber desungeachtet nur
+angedichtet sind, den Namen des objectiven Scheins führen; als nichts
+weiter stellen sich aber unserer Meinung nach auch die Selbsterhaltungen,
+somit auch das ganze »wirkliche Geschehen« dar. Das räumliche
+Zusammen(102) d. i. das Ineinandersein, in demselben Raumpunkte
+Befindlichsein mehrerer einfachen Realen ist die Bedingung
+des Causalverhältnisses, und ohne dasselbe kann gar kein wirkliches
+Geschehen in den Realen statthaben. Man könnte fragen, wie dies möglich
+sei, daß sich zwei oder mehrere einfache Wesen in demselben einfachen
+Raumpunkte befinden, da ja doch letzterer eben nichts ist, als der Ort
+eines, und zwar eines einzigen einfachen Wesens. Allein eben weil die
+räumliche Bestimmung des Realen eine nur durch das zusammenfassende
+Denken hinzukommende ist, so will =Herbart=, daß die Realen an sich
+gegen dieselbe ganz indifferent sein sollen. Sie sind nicht im Raume,
+sondern sie werden im Raume gedacht; müssen im Raume gedacht werden,
+sobald sie überhaupt als mehrere gedacht werden, und das nicht allein,
+wie =Kant= gemeint, von der menschlichen, sondern von jeder Intelligenz
+überhaupt. Ihnen als Wesen thut es daher nicht den geringsten Eintrag,
+ob wir mehrere von ihnen in demselben oder in verschiedenen Raumpunkten
+=denken=, denn wir denken sie ja eben blos so. Daß dieser Grund aufhört,
+sobald Raum und Zeit nicht als Denkformen, sondern als Bestimmungen an
+den Dingen selbst gedacht werden, ist klar. Unter jener Voraussetzung
+jedoch gilt es noch in voller Strenge, daß ohne vollkommenes
+Ineinandersein, das eine gänzliche Durchdringung voraussetzt, gar kein
+Causalverhältniß stattfinden könne. »Denn wenn zwei reale Wesen in einer
+Distanz ohne Vermittlung sich befinden, so mag dieselbe rational oder
+irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen,
+und es geschieht nichts. Sind sie aber vollkommen zusammen, so wissen
+wir schon, daß sie demgemäß sich in vollkommener Störung und
+Selbsterhaltung befinden(103).«
+
+ (102) Allg. Met. II. S. 269 u. a. a. O.
+
+ (103) Allg. Metaph. II. S. 271.
+
+Mit dem Begriff Zusammen, dessen Erörterung selbst schon in einen andern
+Theil der Metaphysik, in die Synechologie, gehört, stehen wir an der
+Grenze der =Herbart='schen Ontologie. Die Voraussetzung eines wirklichen
+Geschehens als Grundlage des Scheinbaren führt bis zu dieser Annahme,
+kraft welcher es den Wesen an und für sich völlig gleichgiltig ist, ob
+sie im Zusammen oder Nichtzusammen gedacht werden, folglich da von
+demselben auch ihre Selbsterhaltung abhängt, ob sie sich im Zustand der
+Selbsterhaltung befinden, oder nicht. Das scheinbare Geschehen nöthigt
+zur Voraussetzung des wirklichen, dieses bei der atomistischen
+Theilnahmlosigkeit der Realen zur Voraussetzung des Zusammen oder
+Nichtzusammen, der Wechsel des Geschehens zur Annahme des Wechsels des
+Zusammen und Nichtzusammen. Auf diesem Zusammen und Nichtzusammen als
+Form des zusammenfassenden Denkens beruht daher das sämmtliche wirkliche
+Geschehen, das zweite dem Sein nicht sub- sondern coordinirte Element
+der ontologischen Welt. Was sind nun diese Formen? Vermögen sie ein
+»wirkliches Geschehen« zu begründen, welche Art der Existenz kommt ihnen
+selbst zu? Besitzen sie, um ein »wirkliches« Geschehen zu erzeugen,
+selbst eine Art von Wirklichkeit? sind sie Etwas an dem denkenden
+Subjecte? sind sie Etwas an dem zusammengefaßten Objecte? oder existiren
+sie außerhalb dieser aller, aber nicht als Wirkliche, sondern als Formen
+an sich, als Bedingungen, die überhaupt erfüllt werden müssen, wenn
+etwas geschehen, sich verändern und doch dasselbe Ding bleiben oder
+Wirkungen erzeugen und erfahren soll, deren Grund nicht in ihm selbst
+liegt?
+
+Selbst =Drobisch=, der sonst so getreue Anhänger =Herbart='s, erhebt
+gegen das wirkliche Geschehen den Einwand, daß Wirkliches aus bloßem
+Schein abgeleitet werde. Bei =Herbart=, sagt er(104), entstehen
+Beziehungen aus Beziehungen; die wirklichen d. i. die Selbsterhaltungen
+unter Voraussetzung des Gegensatzes der Qualitäten aus den formalen des
+Ueberganges der Wesen aus dem Nichtzusammen in das Zusammen vermöge der
+ursprünglichen Bewegung. Aber diese Formen des zusammenfassenden Denkens
+sind nicht wirklich, sondern haben nur die Geltung des objectiven
+Scheins. Das wirkliche Geschehen wird daher, insofern es nicht schon von
+einem ursprünglichen Zusammen herrührt, was wenigstens nicht bei allem
+der Fall ist (denn nach =Herbart=(105) befinden sich nur wenige Wesen im
+ursprünglichen Zusammen, andere nicht), =mitbedingt= von diesen
+Zusammenfassungsformen, also vom objectiven Scheine. Das Wirkliche ist
+daher mindestens theilweise abhängig vom Schein, das Reelle vom
+Nicht-Reellen, während umgekehrt dieses von jenem abhängig sein sollte.
+Wirkliches, meint er, kann nur von Wirklichem ausgehen, und nimmt daher
+Gelegenheit, die Formen des zusammenfassenden Denkens als Gründe des
+wirklichen Geschehens, selbst für wirklich zu erklären, -- eine Wendung,
+die wir im nächsten Abschnitt näher untersuchen wollen. Sie ist zum
+wenigsten nicht =herbartisch=, wie =Drobisch= selbst gesteht, da dieser
+vielmehr alle Wirklichkeit ausschließlich in das wirkliche Geschehen
+verlegt und nur »aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von
+wirklicher Zeit, wirklichem Raume, und wirklicher Bewegung spricht.« Für
+ihn sind Raum und Zeit bloße Denkformen, mit deren Hilfe sich wohl eine
+Vorstellung bilden läßt, wie die Dinge gedacht werden können und sollen,
+die aber zu dem wirklichen Hergang unter den Realen selbst nichts
+beitragen. »In jedem Betracht, heißt es vom Raume(106), ist dieser eine
+Form der Zusammenfassung, welche, wenn keine weitere Bestimmung
+hinzukommt, den Dingen gar kein Prädicat, für jeden Zuschauer aber eine
+Hilfe darbietet, die ihm in vielen Fällen ganz unentbehrlich wird, und
+die er sich selbst erzeugt, gemäß der gegebenen Veranlassung.« Eben so
+zufällig ist den Realen dasjenige Zusammen, welches ihre Selbsterhaltung
+veranlaßt. »Schon die Inhärenz führte dahin, ein Zusammen mehrerer
+Realen anzunehmen. Gewiß aber wird jedes derselben durch eine absolute
+Position gedacht, daher kann unmöglich das Zusammen der Wesen eine
+Bedingung ihres Daseins ausmachen, sondern es ist ihnen gänzlich
+zufällig. Sie könnten auch recht füglich nicht zusammen sein. Und =da
+das Zusammen nichts bedeutet, als daß ein Jedes sich selbst erhält gegen
+das Andere=:« so, könnten wir jetzt fortfahren, ist auch das Geschehen
+den Realen vollkommen zufällig, ihnen eben so von unserm Denken
+angedichtet, wie die Räumlichkeit und Zeitlichkeit, von der sie an und
+für sich nichts wissen. Allein »dies heißt nur so viel, als es kann auch
+recht füglich stattfinden, daß sie sich gegen einander nicht im
+Widerstand befinden. Dabei darf nicht vergessen werden, daß in der Reihe
+unsers Denkens der Begriff des Zusammen die Bedingung der Annahme der
+Selbsterhaltung ist, dergestalt, daß sobald wir das Zusammen der Wesen
+einmal voraussetzen, dann auch in der Reihe unsers Denkens die
+Selbsterhaltung eines jeden als nothwendige Folge auftritt; an sich aber
+hat das bloße Zusammen gar keine Bedeutung(107).« Das Zusammen ist der
+Grund des Selbsterhaltens und zugleich nicht wesentlich von diesem
+selbst verschieden. Jenes ist eine bloße Form des Denkens, ein
+Hinzugedachtes, Begriffliches; dieses ist gleichfalls nichts Wirkliches,
+Reales, nichts was man eine That, eine Veränderung, ein Geschehen am
+Realen selbst nennen könnte. Bei dem Zusammendenken zweier =Prämissen=
+fallen die _termini medii_ hinweg; es bildet sich der Schluß aus
+Theilen, die getrennt schon in den Prämissen vorhanden waren. Dies
+geschieht bei dem Zusammenfassen einfacher Realen, aus welchen eine
+Folge hervorgehen soll, allerdings nicht; aber keineswegs aus dem
+Grunde, weil diese Realen sich gegen das Verschwinden einzelner Theile
+wehren, sondern weil ein solches Verschwinden bei ihnen =an und für sich
+unmöglich= ist. Daß _A_ durch das Zusammen mit _B_ nicht _C_ wird, ist
+nicht Folge eines =Geschehens= in _A_, es ist die bloße Folge des
+allgemeingiltigen, aus den Begriffen der einfachen Qualität des Seienden
+geschöpften =Satzes=, daß überhaupt in _A_ keine Störung eintreten
+könne. Daraus folgt zugleich, daß eine Selbsterhaltung des _A_ gegen _B_
+keine andere sein könne, als die gegen _C_, oder gegen _D_ u. s. w. Denn
+kann keine Störung überhaupt eintreten, weil =reine Begriffe= es
+verbieten, so ist es gleichgiltig, ob diese nicht durch _B_, nicht durch
+_C_ oder nicht durch _D_ u. s. w. eintreten könne. Es ist nicht das
+=Reale= _A_, das in jedem dieser Fälle durch einen von den Umständen
+gebotenen Kraftaufwand, sondern es ist in allen dieselbe =allgemeine
+Wahrheit=, die das Eintreten der Störung verbietet. Was als Geschehen
+und Selbsterhaltung auf das Reale übertragen und als ein Mannigfaltiges
+an demselben betrachtet wird, ist nichts als die Unterordnung specieller
+Anwendungen unter den allgemeinen Satz: Das Reale kann keine Störung
+erfahren. Was das Denken hier begeht, ist die Objectivirung eines blos
+logischen Schlusses, als wirkliches Geschehen, als That, als
+Veränderung. Diese Objectivirung ist um so unberechtigter, wenn diese
+sogenannten Selbsterhaltungen unter verschiedenen Umständen verschiedene
+sein sollen, wie sie uns die innere Erfahrung in der Seele
+unwiderleglich aufweist. In allen Fällen des wirklichen Geschehens ist
+es derselbe Satz: es kann keine Störung eintreten, der immer wiederholt
+wird. Will man dies daher ein Geschehen nennen, so geschieht in allen
+Fällen das Nämliche. Es ist weder Mannigfaltigkeit noch Mehrheit der
+sogenannten Selbsterhaltung oder besser des thatlosen Fortbestehens
+denkbar, dasselbe ist und bleibt allezeit, es wird nur =vervielfältigt
+gedacht=. So wenig irgend ein wirkliches Ding dadurch zu mehreren wird,
+daß mehrere es zugleich anschauen, so wenig geschieht in einem Realen
+dadurch Etwas, daß es mehrmal in den Fall kommt, den allgemeinen Satz
+auf sich anwenden lassen zu müssen: es könne in keinem Realen eine
+Störung eintreten.
+
+ (104) »Ueber Monadologie und speculative Theologie« in =Fichte='s
+ Zeitschrift für Phil. u. spec. Theologie, Bd. XIV. Heft I. S. 93.
+
+ (105) Allg. Metaph. II. S. 338.
+
+ (106) Allg. Metaph. II. S. 263.
+
+ (107) Allg. Metaph. II. S. 197.
+
+Wo liegt hier noch weiter ein Unterschied zwischen wirklichem und
+scheinbarem Geschehen, oder vielmehr, welches verdient mit mehr Recht
+den letzten Namen? Nicht dasjenige, welches durch das zusammenfassende
+Denken allein dem sich ununterbrochen gleichbleibenden Realen
+angedichtet wird? Nicht dasjenige, von welchem es heißt, »es wäre die
+vollkommenste Probe einer Irrlehre, wenn dasjenige, was wir Geschehen
+nennen, sich irgend eine Bedeutung im Gebiete des Seienden
+anmaßte(108)?« Nicht dasjenige, welches nichts weiter ist, als »ein
+Bestehen gegen eine Negation,« welche nur den Begriff, nicht aber das
+Wirkliche treffen kann? Nicht dasjenige, welches im Grund nur die
+Wiederholung eines und desselben Begriffssatzes in einzelnen Fällen ist,
+und das Reale selbst gar nichts angeht? Oder was hat das ausdrücklich
+sogenannte »wirkliche« Geschehen vor dem scheinbaren voraus? Dieses ist
+ein Product unserer Sinnlichkeit, was strenggenommen nur im weitern
+Sinne richtig ist, da wir ja auch Bewegung, Geschwindigkeit u. s. w.
+nicht unmittelbar mittels der Sinne, sondern nur durch Hilfe von
+Schlüssen aus dem Wahrgenommenen den Dingen beilegen, es »ist, wie es
+den Wesen auch begegne, ihnen stets fremdartig und geschieht nur in den
+Augen des Zuschauers(109).« Das wirkliche Geschehen ist, wie wir zu
+zeigen versuchten, nichts weiter als ein Erzeugniß des zusammenfassenden
+Denkens. Beide sind dem einfachen Realen, also dem einzig wahrhaft
+Seienden, gleichgiltig, jenes wie dieses Schein; denn was bleibt dem
+wirklichen Geschehen übrig, wenn es für das Sein gar nichts bedeuten
+soll? Etwa die Wirklichkeit, welche ihm beigelegt wird? Was ist diese,
+wenn sie kein Sein ist, noch ein solches enthält? Kann wohl etwas
+=wirklich= heißen, dem kein Sein zukommt? Der Sprachgebrauch wenigstens
+hält beide Begriffe für =identisch=.
+
+ (108) Metaph. II. S. 272.
+
+ (109) Allg. Met. II. S. 196.
+
+Verschwindet aber der Unterschied zwischen scheinbarem und wirklichem
+Geschehen bei näherer Betrachtung, welchen Grund haben wir dann noch,
+die Selbsterhaltungen, so wie =Herbart= sie darstellt, für ein
+wirkliches Geschehen und zwar für das allein mögliche zu halten?
+
+Es ist einer der wichtigsten und folgereichsten Sätze des Systems, daß
+eine monadistische Metaphysik ohne den Begriff des Geschehens neben
+jenem des Seins nicht bestehen könne, ohne in Starrheit, Leblosigkeit
+und todte Atomistik zu verfallen, die dem täglich und stündlich sich
+unabweislich als gewiß aufdringenden Bewußtsein ununterbrochener
+Veränderung in der Körper- und Geisterwelt, des regesten Lebens und
+Schaffens in derselben, eben so oft aufs grellste widerspräche. Ganz
+deutlich erkannte =Herbart= den Irrthum seines Vorgängers, um eines
+Grundes willen, den wir mehr des seltsamen Ausdrucks als des noch
+obschwebenden Inhalts wegen meist zu belächeln geneigt sind, die Monaden
+in des transitiven Wirkens unfähige, abgeschlossene, streng innere
+Welten verwandeln zu wollen, und an die Stelle emsiger Wechselwirkung
+und wahrhaft realer Thätigkeit eine dem Wesen völlig äußere, eines
+Schöpfers, der die Freiheit und Glückseligkeit seiner Geschöpfe will,
+unwürdige _a priori_ construirte Harmonie zu setzen. Mit Entschiedenheit
+behauptete er, es müsse ein wirkliches Geschehen geben, weil es ein
+scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch
+kein Schein vorhanden sein könnte. Er suchte dieses wirkliche Geschehen
+bei den =wirklichen= Wesen, den allein wahrhaft Seienden, den einfachen
+Realen, in der festen Ueberzeugung, daß ein solches nur dort gesucht
+werden dürfe, wo es einzig stattfinden kann; denn zwischen blos
+scheinbaren Seienden könnte auch auf keine Weise ein anderes als blos
+scheinbares Geschehen statthaben. »Irgend etwas muß geschehen, denn gar
+Vieles erscheint; und das Erscheinen liegt nicht im Seienden, sofern wir
+es nach seiner einfachen Qualität betrachten. Wenn nichts erschiene, so
+würden wir auch in der Wissenschaft nicht einmal bis zum Sein gelangen,
+vielmehr gäbe es dann gar keine Wissenschaft; gesetzt aber, ein Wunder
+hätte uns gerade auf den Punkt gestellt, wo wir jetzt stehen, so würden
+wir von hier auch nicht einen einzigen Schritt weiter vorwärts gehen,
+sondern es dabei lassen, daß die realen Wesen jedes für sich und alle
+insgesammt =seien, was sie sind=, ohne das mindeste daran zu rühren und
+zu rücken. Aber derselbe Schein, welcher uns zwingt, anzunehmen, daß
+Etwas =ist=, eben derselbe treibt uns noch weiter, er treibt vom Sein
+zum Geschehen(110).« Je entschiedener aber sich das System für die
+Unentbehrlichkeit des Geschehens ausspricht, von desto größerem Gewicht
+ist das Unvermögen desselben, die offene Lücke widerspruchslos
+auszufüllen. Bei =Leibnitz= fand sich wenigstens im Innern der Monade
+ein wirkliches Geschehen, nach bestimmten Gesetzen vor sich gehend,
+dessen Uebereinstimmung mit Andern ohne eigene Zuthat zu bewirken eben
+die Aufgabe der prästabilirten Harmonie war: bei =Herbart= finden wir
+weder im Innern noch Aeußern Veränderungen. Im Innern der Monaden sind
+mannigfache Kräfte thätig, jede gilt für einen Spiegel des Universums,
+besitzt zahllose Beschaffenheiten und Merkmale; das Reale hat weder,
+noch ist es eine Kraft, besitzt durchaus keine Mehrheit von
+Beschaffenheiten, spiegelt weder im eigentlichen noch im uneigentlichen
+Sinn Etwas ab, es ist eben ganz isolirt, starr, unabhängig. In jeder
+Monas entwickelt sich eine reiche innere Welt, eine Fülle und
+Mannigfaltigkeit psychischer Bildung, die von der untersten Stufe der
+Entelechie zur Seele und bis zum vollkommensten Geiste sich
+fortentwickelt; in den einzelnen Monaden treten gleichzeitig
+Veränderungen ein, welche sich wie die Monaden zu Körpern, so zu neuen
+complicirten Veränderungen zusammensetzend, uns diejenigen Wechsel
+erklären helfen, welche wir an den sinnlichen Gegenständen wahrzunehmen
+glauben. Die Realen machen zwar, als Seelen betrachtet, gleichfalls auf
+eine innere Bildung Anspruch; diese aber steht und fällt mit der
+Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der Selbsterhaltungen »als eines
+mannigfachen wirklichen Geschehens in der einfachen Qualität der Seele.«
+Ungeachtet der Unmöglichkeit, daß eine Monas real auf eine andere wirke,
+existirt ein idealer durch die Verknüpfung der Gesetze, welche die
+innern Veränderungen der Monaden begründen, gesetzter Zusammenhang,
+dessen Träger und Urheber die Urmonas ist, zwischen den Monaden; ein
+großartiges Band schlingt sich durch die unbegreifliche unendliche
+Wirksamkeit der ursprünglichen Substanz, deren »Efulgurationen« alle
+übrigen sind, um diese letztern und das Resultat ist ein obwohl von
+Wechselwirkung entblößtes, doch in jedem einzelnen Glied belebtes, und
+äußerlich weise und harmonisch eingerichtetes Weltgebäude. Bei =Herbart=
+dagegen beruht das Geschehen auf dem Zusammendenken der Wesen nach den
+Regeln des objectiven Scheins. Welche Wesen zusammensind, welche nicht,
+welche zusammengedacht werden sollen, welche nicht: dies zu bestimmen,
+liegt außerhalb der Grenzen seiner Metaphysik, welche vom Gegebenen nur
+bis zur Annahme eines mehrfachen Zusammen im Allgemeinen zurückgeht. Ein
+Theil der Wesen, heißt es, ist im ursprünglichen Zusammen befindlich,
+ein anderer tritt erst allmälig in dasselbe ein; welcher und warum,
+bleibt unerklärt. Denn es ist nicht die Aufgabe der Metaphysik zu
+erklären, =warum= Dies oder Jenes sei oder geschehe, sondern wie
+=Drobisch= mit =Lotze='s Worten sagt(111): »Die Metaphysik hat keine
+Erzählungen zu liefern, aber die Entstehung dieser Welt, deren einmal
+als vorhanden gegebene Gesetze und Regeln ihren einzigen Inhalt bilden.
+Es muß festgehalten werden, daß der Geist keine historischen
+Voraussetzungen hat, sondern jede Entscheidung über derartige Probleme
+einen anderweitig vermittelten Gedankengang voraussetzt,« oder es ist,
+wie =Herbart= selbst sagt, »die Begreiflichkeit der Erfahrung des
+Gegebenen ihr Anfangs- und ihr Endpunkt und die Erklärung desselben ihr
+einziger Endzweck.« Kann man aber hoffen, eine vollständige, ja nur eine
+hinreichende Erklärung des Gegebenen geliefert zu haben, so lang man
+sich begnügt, die Möglichkeit des Geschehens durch den continuirlichen
+Wechsel eines mysteriösen Zusammen und Nichtzusammen, und die nicht
+minder räthselhafte Störung erwiesen zu haben? Ist es wohl in einem
+System, das so streng auf die Form des Gegebenen hält, daß es sich
+veranlaßt sieht, auf diese Gründe hin die theoretisch dem Zweifel so
+sehr ausgesetzten Formen des zusammenfassenden Denkens zu postuliren,
+gestattet, die Formen der Ordnung, der Regelmäßigkeit, der
+Zweckmäßigkeit nur in das Gebiet des Glaubens zu verweisen, da es doch
+von ihnen nicht nachzuweisen vermag, daß sie nicht mit eben so viel
+Recht als die Formen des Raums, der Zeit, der Bewegung und der
+Geschwindigkeit gegeben sind? Das harte Urtheil der Halbheit, das
+=Fichte= d. j. über das System ausspricht, scheint in der That seinen
+Grund in diesem seltsamen Widerspruch zu haben, dessen weitere Ursachen
+und Folgen zu entwickeln hier der Ort nicht ist. Wenigstens ist so viel
+gewiß, daß die Weltanschauung der =Herbart='schen Metaphysik dem
+Verlangen einer verbindenden Einheit und eines allumfassenden
+Zusammenhangs, der darum kein Alles identificirender Monismus zu sein
+braucht, nicht Befriedigung gewährt. Das Gegebene ist uns als Ganzes,
+Geordnetes gegeben; die Realprincipien =Herbart='s sind isolirt,
+getrennt, für sich bestehend, wirkens- und leidenlos, unthätig, ohne
+andres gemeinsames Band, als die Formen des ihnen äußern
+zusammenfassenden Denkens, von dem man nicht weiß, soll es als das
+wirkliche Denken des Individuums, oder als die abstracte Thätigkeit des
+Denkens selbst, oder endlich als Stoff des Denkens an sich, als
+Dasjenige gefaßt werden, welches vorhanden sein muß, um von irgend einer
+Intelligenz menschlicher oder höherer Natur überhaupt gedacht werden zu
+können. Daß sie nicht blos als das Erste genommen werden sollen, ergibt
+sich leicht aus ihrer für alle und jede Intelligenz als bindend
+vorausgesetzte Gewalt; faßt man sie als Formen des abstracten Denkens,
+so steht der Gedanke nah, sie mit der logischen Idee im Sinne =Hegel='s
+zu verschmelzen, und in dieser die umfassende Einheit für die lose
+Vielheit der isolirten Realen zu erblicken. Auf diesem Wege scheint sich
+eine bequeme Vermittlung der Alleinheitslehre und monadistischen
+Grundlagen darzubieten. Dies scheint auch =Fichte='s d. j. Ansicht zu
+sein, und außerdem, daß =Chalybäus= u. A. in einer solchen Vermittlung
+das Heil der Philosophie sahen, hat =Lotze= sie in der That versucht.
+Andere dagegen, wie =Drobisch=, in der Verwerfung eines unpersönlichen
+Denkens mit Festigkeit beharrend, suchten diese Hinneigung zum Monismus
+zu vermeiden und gleichwohl dem Bedürfniß einer zusammenhaltenden
+Einheit Genüge zu leisten. Der Betrachtung der beiden letzten Versuche
+wollen wir den nächsten Abschnitt widmen.
+
+ (110) Allg. Metaph. II. S. 162.
+
+ (111) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841), S. 136.
+
+
+4. Modificationen dieser Ansichten.
+
+Aus der großen Anzahl derselben, die sich in den mannigfaltigsten Formen
+wiederholt haben, heben wir als charakteristisch nur die beiden neuesten
+heraus.
+
+
+a) Modificationen der Theorie der Selbsterhaltungen. Drobisch(112).
+
+ (112) Enthalten in dem obenangeführten Aufsatze »über Monadologie u.
+ specul. Theologie.«
+
+Der Mangel, den =Drobisch= an der Theorie der Selbsterhaltungen zu
+finden glaubt, und den wir schon im vorhergehenden Abschnitt (S. 115)
+angeführt haben, besteht im Wesentlichen darin, daß das wirkliche
+Geschehen in bloßen Formen des objectiven Scheins, daß also das
+Wirkliche theilweise wenigstens, so weit es seinen Grund nicht in dem
+Vorhandensein der wirklichen Realen findet, im bloßen Schein begründet
+sein soll. Wäre es möglich, meint er, falls wir ihn recht verstehen,
+diesen Uebelstand dadurch zu vermeiden, daß man das Wirkliche
+durchgehends wieder aus Wirklichem entstehen ließe, so wäre die
+Schwierigkeit beseitigt. An den Realen ist nichts zu rücken, diese sind
+bereits ein Wirkliches, ein Seiendes und daher fähig, wieder ein
+Wirkliches (das »wirkliche« Geschehen) zu begründen. Allein sie für sich
+reichen dazu nicht hin, so lang sie gegen einander indifferent bleiben,
+ohne in wechselseitige Beziehungen zu und mit einander zu treten. Der
+Metaphysiker, sagt er, sieht ein, daß den Erscheinungen nur durchaus auf
+einander bezogene Wesen zu Grunde liegen können, denn sämmtliche
+Erklärungen äußerer und innerer Thatsachen beruhen auf dem Grundsatz:
+die Wesen im vollkommenen oder unvollkommenen Zusammen und in den durch
+ihren Gegensatz bedingten, und durch Uebertragung der Gegensätze
+vermittelten Selbsterhaltungen und der wieder durch diese geforderten
+äußeren Lage zu denken. »Diese Beziehungen, sie mögen von welcher Art
+immer sein, sind etwas von den realen Wesen selbst Unterschiedenes;
+diese letzteren sind das absolute Prius, die absolut und beziehungslos
+gesetzten einfachen Qualitäten, durch welche das stattfinden der
+Beziehungen erst Möglichkeit erlangt. Natürlicherweise ist dies Prius
+kein zeitliches, sondern nur dasjenige, was den unbedingten Grund
+ausmacht, von welchem die Beziehungen abhängig sind, ohne selbst wieder
+umgekehrt von diesen Beziehungen abhängig zu sein;« doch so, daß daraus,
+weil die einfachen Wesen ohne Beziehungen existiren können, noch gar
+nicht folgt, daß sie jemals ohne diese existirt haben, d. h. daß es
+irgend eine Zeit gegeben, zu welcher gar kein Seiendes in Beziehung zu
+irgend einem andern gestanden sei. Diese Unbedingtheit in jeder
+Rücksicht gehört ganz vornehmlich zum Wesen des =Herbart='schen Realen
+und die absolute Position soll eben so viel bedeuten, daß man nach einem
+weitern Grund des Gesetzten gar nicht zu fragen habe. So will es
+wenigstens =Drobisch=. Im Gebrauche des Worts: absolute Position = Sein
+steckt aber eine Amphibolie. Entweder bedeutet die absolute Setzung die
+subjective Nöthigung des denkenden Subjects, hinter dem beobachteten
+Schein ein Etwas voraussetzen zu müssen, welches nicht mehr Schein ist,
+und dann ist damit erstens noch nicht ausgesagt, daß dies von uns
+Vorausgesetzte schon ein in seinem Sein nicht mehr von Andern Bedingtes
+sei; zweitens ist diese subjective Setzung keine absolute, weil sie auf
+der Voraussetzung des setzenden Subjects beruht. Oder der Ausdruck
+»absolut Gesetztes« bedeutet ein Ding, dessen Sein durch kein anderes
+bedingt ist, und dann scheint es wenigstens widersprechend, dasselbe für
+eine bloße Qualität zu erklären. Denn ein _quale_ ist ja nicht denkbar
+ohne ein _quid_, ein =Wasfürein= nicht denkbar ohne ein Was in
+substantiver, nicht adjectiver Bedeutung. Im =Begriff= der Qualität
+selbst liegt es, ein Etwas zu fordern, dessen Qualität sie selbst, und
+das von seiner Seite zuletzt nicht mehr Qualität ist. Man könnte beide
+Bedeutungen die subjective und objective Setzung nennen und daher den
+Schluß fällen, daß weder die subjective noch die objective Setzung
+bloßer Qualitäten eine absolute sei. Allein =Drobisch= sagt
+ausdrücklich: »Außerhalb des Denkens ist das Seiende die nicht durch
+Anderes gesetzte Qualität; denn .... wäre sie durch Anderes gesetzt, so
+könnte sie als abhängig durch unser Denken nicht als absolut gesetzt
+werden.« Folgt aber daraus, daß das Denken und zwar nur das Denken eines
+gewissen Systems, -- denn das gewöhnliche Denken weiß sehr gut, daß eine
+Qualität nicht ohne ein Etwas, welches dieselbe an sich trägt, bestehen
+könne -- die Qualität als absolut setzt, folgt daraus, daß sie dies in
+der That sei(113)? auch dann, wenn dies Absolutsetzen sich mit dem
+Begriff einer Qualität kaum vereinbaren läßt?
+
+ (113) Freilich dürfte man dann, einmal zu demjenigen gelangt, was
+ nicht mehr Beschaffenheit =ist=, sondern dergleichen nur an sich
+ =hat=, von demselben nicht mehr wissen wollen, als daß es eben ein
+ =Etwas= sei. Weitere Antworten müßten durch Qualitäten gegeben werden,
+ welche eben wieder nicht =es= selbst, sondern nur die =an= ihm
+ befindlichen Beschaffenheiten ausdrückten.
+
+Allein noch bedenklicher ist die folgende Schlußreihe. =Drobisch= fährt
+fort, die Qualität lasse sich eben so wenig als durch sich gesetzt
+ansehen, weil dies auf die unendliche Reihe in der Selbstbestimmung,
+kürzer gesagt auf die _causa sui_ führen würde. Dies wollen wir gern
+zugeben. Wenn er aber daraus folgert, daß Sein »im objectiven Sinn« sei
+auf das Seiende gar nicht anwendbar, so scheint zu folgen, daß dem
+Seienden keine andere als eine subjective, an die Voraussetzung des
+Setzenden gebundene, folglich keine absolute, sondern nur eine bedingte
+Setzung zukommen könne, wodurch nach seinem eigenen frühern Ausspruch
+die Natur des wahrhaft Seienden, die unbedingte Setzung vernichtet
+würde. Die letztere Meinung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn es
+weiter heißt, daß einfache Qualitäten, wenn sie weder dem Wesen noch dem
+Grade nach durch etwas Anderes gesetzt zu werden vermögen, in unserm
+Denken schlechthin gesetzt werden müssen, und nicht nur die absolute
+Position die einfache Qualität, sondern auch umgekehrt diese jene
+bedinge. Wird diese Setzung durch ihre Beschränkung innerhalb unsers
+Denkens nicht in der That unter stillschweigender Voraussetzung des
+Setzenden, also subjectiv und relativ angenommen?
+
+Auch die Gründe, warum eine Qualität nicht durch eine andere gesetzt
+sein könne, dünken uns wenigstens nicht unwidersprechlich. Die Gesetzte
+müßte in diesem Falle, meint =Drobisch=, die Folge, das sie Setzende der
+Grund sein. Grund und Folge aber können nie anders als zusammengesetzt
+sein, weil die Folge nur eine neue Verbindung der Theile des Grundes
+ist; keine Folge sei ein Einfaches: die einfache Qualität aber, wie aus
+dem Begriff der Einheit von selbst folge, keiner Entstehung fähig. Die
+Bedeutung, in welcher hier Grund und Folge gebraucht werden, ist im
+Grund dieselbe, für welche man sonst die Begriffe Ursache und Wirkung
+braucht. Denn es ist hier ein Wirkliches, das den Grund eines andern
+Wirklichen enthalten soll. Wie Grund und Folge in eigentlichem Sinne
+können sich nur Sätze und zwar wahre Sätze verhalten. Wenn also auch
+diese jedesmal zusammengesetzt sein müssen, weil ein jeder Satz
+wenigstens drei constituirende Bestandtheile verlangt, warum sollte wohl
+ein Widerspruch darin liegen, daß eine einfache Ursache eine einfache
+Wirkung habe? oder eine wenn auch zusammengesetzte Wirkung eine einfache
+Ursache?
+
+Wir können uns auf diese Fragen, für welche das Vorstehende wenigstens
+keine Widerlegung enthält, hier nicht weiter einlassen. Wichtiger für
+unsern Zweck sind die Folgerungen, die aus dem bisher im =Herbart='schen
+Geist geführten Raisonnement gezogen werden. Sie beziehen sich auf das
+Verhältniß der Beziehungen zu den Realen. Die Beziehungen, in welche die
+Realen treten müssen, um als Grundlagen der Erscheinungswelt gelten zu
+können, sind nicht blos, wie =Herbart= will, Werke der Reflexion, des
+zusammenfassenden zuschauenden Denkens, es ist vielmehr bei weitem
+wahrscheinlicher, ja es ist gewiß, daß dieselben objectiv und an sich
+schon vorhanden sein müssen, damit die Reflexion sie aufzufinden und
+aufzufassen vermöge. Die Eigenthümlichkeit der Zahl 8, die dritte Potenz
+der Zahl 2 zu sein, kam ihr an und für sich nicht erst durch Vermittlung
+der Reflexion zu, wenn wir sie auch erst mit Hilfe der letzteren
+=erkennen=. Dasselbe ist z. B. mit einem Größenverhältniß zwischen
+wirklichen Dingen der Fall. Nicht erst wird _A_ größer als _B_, weil wir
+es so denken, sondern weil es größer ist, darum denken wir es so. Nennen
+wir Beschaffenheiten, wie die vorstehenden, die einem oder mehreren
+Dingen nur in Bezug auf ein Drittes zukommen, =äußere=, um sie von den
+ihm an und für sich ohne Bezug auf ein Drittes angehörenden innern (oder
+den Eigenschaften) zu unterscheiden: so folgt, daß auch die äußern
+Beschaffenheiten dem Dinge nicht erst vermöge der angestellten
+Reflexion, sondern objectiv zukommen. Es wird daher auch ein Ding nicht
+dadurch erst zum specifisch Bestimmten, daß die Reflexion die
+Unterschiede desselben von andern Dingen erkennt, sondern damit diese an
+ihm erkannt werden können, müssen sie =in= oder =an= ihm befindlich
+sein.
+
+Alle äußern Beschaffenheiten sind zugleich Beziehungen, weil sie alle
+ihrem Träger nur in Bezug und im Verhältniß zu gewissen dritten Dingen
+zugeschrieben werden: aber nicht alle Beziehungen sind zugleich äußere
+Beschaffenheiten. So die Beziehungen, die zwischen einem Ding und dem
+Ort oder dem Zeitpunkt, welchen es einnimmt, stattfinden. Niemand
+behauptet, das Ding _A_, das sich früher am Orte _a_ befand, sei einzig
+dadurch, daß es sich jetzt am Orte _b_ befindet, ein anderes geworden,
+wenn sich außerdem gar nichts an demselben geändert hat. Dennoch lassen
+sich von demselben _A_ zwei einander ausschließende Vorstellungen
+bilden. Die eine lautet: Ein im Orte _a_ befindlicher Körper; die
+andere: Ein im Orte _non a_ (_b_) befindlicher Körper. Irgend Etwas muß
+sich daher an _A_ geändert haben, was doch keine Beschaffenheit sein
+kann; denn in Bezug auf diese soll sich gar nichts an ihm geändert
+haben. Was sich an ihm änderte, ist der Ort, die Raumbestimmung, die
+keine Beschaffenheit und doch ein Veränderliches am Dinge ist, und die
+»=Bestimmung=« heißen soll. Der Körper in _a_ und der Körper in _b_
+enthält daher zwei sich ausschließende Raumbestimmungen, was an sich
+genommen widersprechend ist, denn derselbe Körper kann nicht an zwei
+Orten sein. Soll dies dennoch möglich sein, so muß sich noch etwas an
+dem Ding geändert haben, was wieder keine Beschaffenheit sein darf, und
+das ist die =Zeit=. Der Körper _A_ war im Orte _a_ zu einer Zeit α, die
+von der Zeit β, in welcher er im Orte _b_ war, verschieden ist. Raum und
+Zeit sind daher keine Beschaffenheiten, gewiß aber noch weniger
+selbständige Wirkliche: es gibt kein Ding, welches =der= Raum und
+keines, welches =die= Zeit wäre: sie sind daher überhaupt nichts
+=Wirkliches=. Sie sind aber auch nicht =Nichts=; sie sind in der That
+Bestimmungen an den Dingen und wir können das ihnen zukommende Sein mit
+dem Ausdruck »Dasein« bezeichnen, um es von dem =Wirklichsein= der
+existirenden Dinge und ihrer Beschaffenheit zu unterscheiden.
+
+Wenn dem so ist, so gibt es =Drobisch= ohne Zweifel vollkommene
+Berechtigung, seines Vorgängers Ansicht zu bestreiten, daß =alle=
+Beziehungen unter den Realen ohne Ausnahme blos Zuthaten der Reflexion
+und das Werk des zusammenfassenden Denkens seien. Schon das
+Zugeständniß, daß es gänzlich beziehungslose Seiende in der That nicht
+jemals müsse, ja nicht einmal könne gegeben haben, wie denn auch
+=Herbart= eingesteht, einige Reale seien allerdings von jeher in
+ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere
+Nöthigung hin, den Ursprung der Beziehungen an den Wesen selbst, und
+nicht in dem ihnen äußerlichen zusammenfassenden Denken zu suchen. In
+der Ueberzeugung, ein gänzlich beziehungsloses Seiende sei zum Realgrund
+der Erscheinungen untauglich, erweitert =Drobisch= das obige
+Zugeständniß bis zu der Annahme, =alle= Wesen stünden =von Anbeginn her=
+in Beziehungen zu einander; sie ohne solche zu denken, sei eine bloße
+Abstraction; die Beziehungen selbst aber seien nicht weniger
+ursprungslos als die Seienden; seien wie diese nicht durch ein anderes,
+etwa durch ein zusammenfassendes Denken gesetzt; sie existirten von
+demselben eben so unabhängig, wie die einfachen Seienden und
+unterschieden sich von diesen nur dadurch, daß diese schlechthin und sie
+selbst unter Voraussetzung der einfachen Wesen gesetzt sind. Denn alles
+im Denken absolut zu Setzende sei auch objectiv nicht durch Anderes
+gesetzt; nicht aber sei umgekehrt alles nicht durch Anderes Gesetzte
+auch im Denken absolut setzbar. Von der letzten Art nun sind die
+Beziehungen. Diese könnten nur durch etwas gesetzt werden, was selbst
+entweder wieder Beziehung wäre oder nicht. Wenn nicht, so könnten es nur
+die einfachen Wesen sein. Allein diese sind jeder Beziehung fremd,
+tragen daher in sich durchaus keine Nothwendigkeit in Beziehungen zu
+treten. Etwas aber, was nicht einfaches Wesen und nicht Beziehung wäre,
+kann eben so wenig Grund der Beziehungen werden, »weil jede Vermittlung
+ihrer Natur nach wenigstens zwei Vermittlungen zwischen dem zu
+Vermittelnden und dem Mittelgliede schon voraussetzt. Beziehungen können
+daher nur aus Beziehungen entstehen, sind weder durch die einfachen
+Wesen, noch durch die zusammenfassende Intelligenz gesetzt, sondern sind
+Regeln für gewisse Arten der Zusammenfassung, die auch dann statthaben
+und giltig sein müssen, wenn selbst keine Intelligenz sie wirklich
+zusammenfaßte, z. B. die Bewegung geschehe wirklich, die chemische
+Zersetzung nehme sich wirklich Zeit.« Während =Herbart=, der vielmehr
+einzig und allein alle Wirklichkeit in das innere Geschehen setzt »blos
+aus Concession für den gemeinen Sprachgebrauch von wirklicher Zeit,
+wirklichem Raume und wirklicher Bewegung spricht,« acceptirt =Drobisch=
+»diese Concession bestens.« Denn ist sie giltig, sind die formalen
+Bestimmungen des zusammenfassenden Denkens nur ihrem Begriffe nach, _in
+abstracto_ genommen, objectiver Schein, _in concreto_ aber mehr als
+dies, =wirklich=, =giltig=, auch wenn keine Intelligenz zusammenfaßte,
+so bedeutet dieses nichts anderes, als was wir eben zu beweisen suchten,
+daß die =wirklichen= inneren und äußeren Beziehungen der Wesen aus jenen
+abstracten Formeln nicht erst abgeleitet werden können und sollen,
+sondern ein von dem intelligenten Wesen unabhängiges objectives Dasein
+besitzen.
+
+So weit =Drobisch=. Was er unter der »Wirklichkeit der Beziehungen«
+verstehe, müssen wir gestehen, ist uns nicht klar geworden. Daß sie sich
+nicht auf =alle= Beziehungen erstrecken könne, ist nach dem, was wir
+oben über Raum und Zeit beibrachten, nun wohl schon ohne Erläuterung
+ersichtlich. Diese sind in keinem Betracht etwas Wirkliches, weder als
+Beschaffenheit, noch als selbständiges Ding. Sie sind Bedingungen: die
+Zeit, wenn es möglich sein soll, daß dasselbe Ding entgegengesetzte
+Eigenschaften besitze; der Ort, um erklärlich zu finden, warum ein
+gewisses veränderliches Wesen bei bestimmtem endlichen Maß von Kräften
+und binnen gegebener endlicher Zeitdauer gerade diese und keine andere
+Veränderungen an andern Wesen erfahren oder bewirkt habe. So ist es
+_caeteris paribus_ nur die räumliche Entfernung, die die Schuld trägt,
+daß ich dieselbe Schrift in der Entfernung von fünf bis sechs Zoll vom
+Auge sehr bequem, bei mehr Entfernung viel schlechter oder gar nicht
+lesen kann, und der Zeitverfluß, unter dessen Annahme es denkbar ist,
+daß derselbe Baum, der jetzt Blätter trägt, nach vier Wochen kahl und
+dürr sei. Weder dieser Zeitverfluß noch jene Entfernung existirt
+=wirklich=, d. i. als Beschaffenheit an dem Dinge oder als Ding für
+sich, noch auch als bloße Denk- oder Anschauungsform des Individuums:
+sondern ihnen beiden kommt nur jenes =Sein an sich= zu, das jedem
+=Etwas= zukommt, es sei ein Wirkliches oder blos Mögliches, ein
+Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten
+Vorstellungen, Sätzen und Wahrheiten an sich beilegten. Müssen wir also
+einerseits =Drobisch= das Verdienst einräumen, das objective, vom
+Gedachtwerden unabhängige Dasein der Raum- und Zeitbestimmungen richtig
+erkannt zu haben, so können wir nicht zugeben, daß er dasselbe bei
+denselben Bestimmungen mit dem Worte »Wirklichkeit« bezeichne.
+
+Abgesehen davon betrachten wir die Region genauer, in welche =Drobisch=
+den Wechsel und das Geschehen versetzt wissen will. »Alle Wesen, sagt
+er, sind im ursprünglichen (besser: ursprunglosen) Zusammenhang, oder
+stehen miteinander in unmittelbaren oder auch mittelbaren, wenn gleich
+noch so entfernten wirklichen Beziehungen, und alle Veränderung in der
+Welt bedeutet nur eine Umwandlung der entfernteren Beziehungen in
+nähere, der mittelbaren in unmittelbare oder auch umgekehrt dieser in
+jene.« Man könnte versucht werden, in dieser Ansicht die _rapports_
+wieder zu erkennen, in welchen sich die =Leibnitz='schen Monaden von
+Anbeginn her bald in näherem bald in entfernterem Grade befinden, die
+dem Wechsel unterliegen, bald nähere bald entferntere werden, und
+dadurch den Schein erzeugen, als gingen diese Veränderungen der
+wechselseitigen Lage aus der Freithätigkeit der Monaden selbst hervor,
+während sie doch nur nach dem Gesetz der prästabilirten Harmonie
+erfolgen. Allein in den Monaden geschieht wenigstens innerlich in der
+That etwas. In der äußeren Lage derselben ereignet sich vermöge der
+prästabilirten Harmonie keine Veränderung, ohne daß zugleich die
+entsprechende im Innern der Monade statt hat. Das wirkliche Geschehen
+beschränkt sich nicht auf die Verhältnisse und Beziehungen der einfachen
+Substanzen zu einander, es besteht vielmehr ausschließlich im Innern
+derselben. Bei =Drobisch= findet gerade das Gegentheil statt. Die
+einfachen Qualitäten, das Innere der Seienden, bleiben starr und
+unveränderlich; was sich ändert, sind allein die äußeren Beziehungen.
+Schließen wir von diesen die räumlichen und zeitlichen, weil sie keine
+Wirklichkeit haben, aus, so bleiben als des Wechsels fähige Beziehungen
+blos jene übrig, welche wir auch früher schon unter dem Namen: äußere
+Beschaffenheiten, charakterisirt haben. Unter diesen gibt es aber
+wenigstens einige, die sich nicht ändern können, ohne daß sich auch in
+den sogenannten =innern= Eigenschaften des Dinges etwas ändert. Werden
+daher diese als einfache Qualitäten =unveränderlich= angenommen, so kann
+auch kein Wechsel in jenen äußern Beschaffenheiten stattfinden, welche
+sich nicht ändern können, ohne daß eine innere sich geändert habe. Dies
+letztere scheint aber in der That bei allen äußeren Beschaffenheiten der
+Dinge der Fall zu sein.
+
+Dieser Satz, zusammengenommen mit der Thatsache, daß räumlichen und
+zeitlichen Bestimmungen keineswegs Wirklichkeit zukommt, beschränkt den
+dargebotenen Ausweg ungemein, oder richtiger, er hebt ihn völlig auf.
+Der eigentliche Fragepunkt, wie ein wirkliches Geschehen zu denken sei,
+und auf welche Weise es mit der einfachen Qualität des Seienden bestehen
+könne, ist dadurch nicht erledigt. Noch immer ist das wirkliche
+Geschehen auf Beziehungen beschränkt, von welchen gerade der hier
+beinahe ausschließend hervorgehobene Theil, die räumlichen und
+zeitlichen, =keine= Wirklichkeit hat. Dem eigenen Einwande des Hrn.
+Prof. =Drobisch=, wie Wirkliches aus Nicht-Wirklichem entstehen könne,
+ist damit noch kein Genüge geleistet. Statt der unbegreiflichen Störung,
+von welcher =Fichte= d. j. meint, es sei ungenügend, daß der Schöpfer
+eines so tiefsinnigen Systems sich über diesen Punkt nicht anders zu
+helfen wisse, als durch die oberflächliche mechanische Vergleichung mit
+dem wechselseitigen Sichdrücken zweier Körper: statt dieser
+seinsollenden und nichtseienden Störung haben wir neuerdings ein
+Geschehen, das richtiger wieder kein Geschehen heißen sollte, weil es
+sich mit dem Beharren der einfachen Qualität vertragen soll, und welches
+kein wirkliches sein kann, weil es sich auf nichts Wirkliches gründet.
+Uebrigens sehen die Ideen, die Hr. Prof. =Drobisch= über diesen
+Gegenstand veröffentlicht hat, wie er selbst sagt, einem Entwurfe zu
+ähnlich, um sie bereits als fertiges Resultat ansehen zu können, wie
+solches von einem so geistvollen und tiefeindringenden Denker wie
+=Drobisch= zu erwarten ist. Nachdem er so viel gewonnen, das Unhaltbare
+der blos durch Reflexion hinzugethanen Denkformen als Basis realer
+Erscheinungen mit Deutlichkeit inne zu werden, kann es ihm nicht schwer
+fallen, auch über die Beschaffenheit derselben uns entschiednere
+Vorstellungen zu liefern, als bisher mit dem schwankenden Begriff der
+Wirklichkeit derselben der Fall war.
+
+
+b) Modification der prästabilirten Harmonie: Lotze(114).
+
+ (114) Metaph. von Dr. H. =Lotze= (1841).
+
+Vielleicht würde es den Verfasser überraschen, sein System als eine
+veränderte Wiedergeburt der prästabilirten Harmonie betrachtet zu sehen,
+ungeachtet er sich der Bezeichnung S. 272 selbst bedient und sagt, die
+»empirischen Wissenschaften ... haben sich keineswegs abzumühen, aus den
+Wellen der mathematischen Bewegung den Glanz des Lichtes
+hervorzuzaubern, als wäre er selbst noch ein kosmologisches Geschehen,
+sondern sie müssen anerkennen, daß aus dem Innern des Wesens heraus nach
+=einer vorher bestimmten Harmonie= bestimmten Veränderungen des
+Körperlichen bestimmte Empfindungen entgegenkommen, ohne nach den
+Gesetzen massenhafter Wirkungen von ihnen erzeugt worden zu sein.« Wir
+haben daher in der That auch hier wieder kein anderes als ein =ideales=
+Geschehen vor uns. Aber dieses ideale Geschehen unterscheidet sich von
+jenem zwischen den Monaden sehr auffallend dadurch, daß das letztere
+zwischen wahrhaft =realen=, jenes aber zwischen nur =idealen= Wesen
+vorgeht. Es könnte also wohl scheinen, als mangelte die Hauptbedingung
+einer prästabilirten Harmonie, die Grundlage einer Vielheit =realer=
+Wesen.
+
+An deren Stelle und an die Stelle desjenigen überhaupt, was sonst das
+»Seiende« heißt, setzt der Verf. »dasjenige, welches den Schein der
+Substantialität in sich erzeugt,« den in sich selbst zusammenhängend
+geordneten Schein, welcher auf eine Substanz hindeutet, die wieder
+nichts anderes ist, »als dasjenige, was den Schein zusammenhält, das
+Wesen, das Gesetz, das System von Gründen, welches an dem Scheine den
+Schein der Substantialität als Begrenztheit und Bestimmtheit gegen
+Anderes erzeugt.« Daher erzeugt nur derjenige Schein den Schein der
+Substantialität, der nach dem Inhalte nicht eines, sondern mehrerer
+allgemeiner Begriffe angeordnet ist, deren Einheit die Seite der
+Einzelnheit, deren Vielheit die Vielfältigkeit und Zufälligkeit der
+Beschaffenheiten an dem Seienden ausmacht. »Das vollständige Seiende
+setzt daher so viele Gründe voraus, als es Bestimmungen an sich trägt,«
+und das eigentlich Reale an ihm ist das Gesetz, welches sein Wesen
+ausmacht, alles Uebrige ist Schein.
+
+Treten nun dergleichen Seiende in Causalverbindung, so ist es im Grunde
+nicht der an beiden in gleicher Weise befindliche Schein, sondern es
+sind die Gesetze, die ihr beiderseitiges Wesen ausmachen, welche in ein
+Causalverhältniß treten. »Ursache, heißt es S. 108, ist nicht ein Ding,
+aus welchem in Gestalt einer wirkenden Kraft oder eines sonstigen
+Uebergangs irgend eine Mittheilung an ein anderes erfolgt; sondern weil
+das Ding in sich eine Vielheit gesetzmäßig begründeter Eigenschaften,
+ein System von Gründen hat, so werden die Gründe dieses Dings, wenn sie
+in Bezug zu einem andern treten, mit den Gründen dieses letztern
+zusammen den ganzen Grund ausmachen, aus welchem die Wirkung als eine
+als seiend gesetzte Folge hervorgeht.« Auf dieselbe Weise pflegt das
+Hervorgehen des Schlußsatzes mit dem Zusammenkommen zweier Prämissen
+nach Aufhebung des _terminus medius_ dargestellt zu werden. Es ist eine
+Uebertragung logisch-syllogistischer Verhältnisse auf das
+Causalverhältniß zwischen =wirklichen= Dingen, wie sie schon in der
+Methode der Beziehungen erscheint. Auch ist über die Richtigkeit der
+Sache kein Zweifel, so lange man Prämissen und Schlußsatz als =Sätze an
+sich= betrachtet, abgesehen, ob sie jemand denke und ausspreche oder
+nicht. Würden aber die Prämissen als =wirkliche Gedanken=, und der
+Schlußsatz gleichfalls als =wirkliches= Urtheil irgend eines Individuums
+angesehen, dann tritt zu dem Verhältniß des =Grundes zur Folge=, das
+schon zwischen den Sätzen selbst, wie sie ihrer Natur nach sind, statt
+hat, noch jenes zwischen =Ursache und Wirkung= hinzu. Dann sind es nicht
+die Prämissen allein, dann ist es das =Denken= derselben, die
+=Thätigkeit=, das =Wirkende= des Denkenden, welches hinzukommt, um das
+wirkliche Denken des Schlußsatzes hervorzubringen. =Wirkliches= kann nur
+durch Wirkliches, und zwar nur durch das =Wirken= des Wirklichen erzeugt
+werden. Davon können uns sehr alltägliche Erfahrungen überweisen. Ein
+Brief, der geschrieben werden soll, wird wenn auch Papier, Feder,
+Gedanken u. s. w. vorhanden sind, gewiß nicht fertig, wenn man nicht
+=schreibt=. Damit steht der Satz: daß sobald alle Theilursachen
+vorhanden seien, auch die Wirkung vorhanden sein müsse, keineswegs im
+Widerspruch, er dient vielmehr zur Bestätigung. Auch die Thätigkeit, das
+Wirken selbst ist eine von den Theilursachen, welche die Ursache erst
+=vollständig= machen. Uebersieht man dies, so kommt das wieder nur
+daher, daß Gründe und Folgen mit Ursachen und Wirkungen verwechselt
+werden. Gründe bedürfen keiner Thätigkeit, um sobald sie da sind, auch
+das Dasein der Folge hervorzubringen; sie sind ja bloße Sätze, nichts
+Wirkliches, und das Verhältniß zwischen ihnen und ihren Folgen geht
+nicht deren =wirkliches Vorhandensein= oder =Nicht-wirklich-Vorhandensein=
+an, sondern einzig und allein ihre =Wahrheit oder Falschheit=.
+Sobald der Satz: Zweimal zwei ist vier, wahr ist, ist auch
+der Satz: Zweimal vier ist acht, wahr, und der Satz: Zweimal
+zwei ist fünf, ist falsch. Bedient man sich aber doch häufig des
+Ausdruckes, der Satz _A_ enthalte den Grund von der Existenz des
+(wirklichen) Dinges _B_, so bedeutet dies nach solcher Auslegungsweise
+nichts anderes als: Sobald der Satz: =_A_ ist=, =wahr= ist, ist auch der
+Satz: =_B_ ist=, =wahr=. Abermal also begründen diese Sätze nur die
+=Wahrheit= gewisser anderer Sätze, nicht aber das =Dasein=, die
+=Wirklichkeit= gewisser Dinge. Die Wirklichkeit solcher existirenden
+Dinge, die überhaupt einen Grund ihrer Wirklichkeit haben, kann nur in
+der Existenz anderer begründet sein, und zwar nur in deren Wirksamkeit,
+denn ohne eine solche zu besitzen, verdienten sie nicht =wirkliche=
+Dinge zu heißen.
+
+Er fährt fort: »Ursache und Wirkung ist gar kein Gegensatz. Ursache ist
+das Ding, wie es vor dem Zusammenkommen mit der andern Ursache, welche
+jedoch zu demselben hinzupostulirt werden muß, vorhanden war. Wirkung
+ist der Eintritt in den Proceß und dieser selbst, also ein Geschehen.«
+Scheint sich dies nicht selbst zu widersprechen? Ist das Ding schon
+Ursache vor dem Hinzukommen des anderen, so bedarf es dieses zweiten gar
+nicht mehr, denn dann ist es sich selbst genug, die Wirkung zu erzeugen.
+Bedarf es dagegen dieser Ergänzung, dann ist es wenigstens noch nicht
+die ganze, sondern höchstens eine Theilursache. Dies um so mehr, da es
+keinem Dinge wesentlich ist, Ursache zu sein, da es vielmehr dann erst
+Ursache wird, wenn es zu wirken anfängt, und es zu sein aufhört, sobald
+sein Wirken ein Ende nimmt. Eine unthätige Ursache, ein Ding, das
+Ursache wäre und nicht wirkte, ist ein logisches Unding. Nicht der
+Mensch _A_ an und für sich, sondern insofern er schreibt, thätig ist,
+ist die Ursache dieses Briefes. Damit soll noch ganz und gar nichts über
+die Art und Weise dieses Wirkens ausgesagt, sondern nur anschaulich
+werden, daß ein =wirkliches= Ding ohne zu =wirken= auf keine Weise
+Ursache eines andern wirklichen Dinges werden könne, weil es eben erst
+Ursache dadurch wird, daß es zu wirken beginnt und fortfährt. Der Verf.
+tadelt aber sogar =Herbart=, den Erfinder der ruhenden Causalität, daß
+er »diese nicht consequent genug festgehalten« und die »Substanzen als
+=thätige=, sich selbst erhaltende Wesen begriffen habe,« was allerdings
+noch zweifelhaft ist, wenn es aber sich so verhielte, als einer der
+dankenswerthesten und fruchtbarsten Sätze dieses tiefsinnigen Geistes
+müßte anerkannt werden. Denn da wir unsererseits nicht zu jenen gehören,
+welche in der dialectischen Bewegung des Begriffs, in der »Entäußerung
+der logischen Idee,« in der »Uebersetzung der Bedingungen in die Sache
+und dieser in jene als in die Seite der Existenz(115),« in dem
+Umschlagen der Begriffe in ihr Gegentheil so wenig wie in einer
+»unendlichen Sichaufsichselbstbeziehung des Absoluten« Ersatz finden für
+eine wirkliche und reale Thätigkeit wirklicher und realer Wesen: so
+können wir uns auch nicht leicht des Gedankens einer stattfindenden
+selbstthätigen Wirksamkeit der Realen nach innen oder nach außen
+entschlagen, um an deren Stelle logische, zwischen =Sätzen an sich=
+ausschließlich geltende Schlußformen auf das Wirkliche zu übertragen und
+darin einzig wiederzufinden. Vielmehr dünkt uns dies eine neuerlich sehr
+häufig und nachtheilig gewordene Verwechslung zwischen Gegenstand und
+Begriff, Sache und Vorstellung, einem Wirklichen und einem bloßen Etwas
+an sich. Haben wir nicht bei jeder Vorstellung in unsrem Denken
+wenigstens dreierlei zu unterscheiden: Die =gedachte= Vorstellung; den
+=Stoff= dieser Vorstellung, abgesehen von ihrem Gedachtwerden, somit =an
+sich= betrachtet; und den Umstand, =ob= dieser Vorstellung ein
+=wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen
+Eigenschaften zugleich Eigenschaften der =Vorstellung=, seine Merkmale
+zugleich Bestandtheile der letztern sein müßten, sondern einzig, ob es
+einen wirklichen Gegenstand gibt, welcher durch diese Vorstellung
+vorgestellt wird, auf welchen sie sich bezieht? Gewiß sind Gegenstand
+und Vorstellung desselben keineswegs identisch. Was daher vom
+Gegenstande gilt, muß nicht von der Vorstellung, was von dieser, nicht
+umgekehrt vom Gegenstande gelten. Dem Etwas überhaupt können
+Eigenschaften zukommen, die dem =wirklichen= Etwas fremd sind. Wenn
+unter jenem, sobald es wahre Sätze an sich sind, das Verhältniß von
+Grund und Folge herrscht, kann unter =wirklichen Etwassen= nur das
+Verhältniß der Ursache und Wirkung stattfinden. Daß man beide so leicht
+verwechselt, hat seinen Grund zum Theil darin, daß wir so wenig genau zu
+sprechen gewohnt sind, daß wir häufig von Wirkungen sprechen, wo wir nur
+von Gründen oder Folgen, bloßen Sätzen sprechen sollten. Sobald dies
+Verhältniß von Grund und Folge zwischen zwei Sätzen an sich, die beide
+eine Existenz aussagen, vorhanden ist, verhalten sich die beiden Dinge,
+deren Existenz in denselben ausgesagt wird, wie Ursache und Wirkung. Da
+ferner der eine dieser Sätze nicht ohne den andern wahr sein kann, oder:
+sobald der eine wahr ist, es auch der andere sein muß, so ist auch die
+darin ausgesagte Existenz dieser beiden Dinge im Causalverhältniß
+gleichzeitig; somit Ursache und Wirkung gleichzeitig. Obgleich also
+beide Verhältnisse: zwischen den Dingen jenes der Ursache und Wirkung,
+zwischen den Sätzen, die die Existenz dieser Dinge aussprechen, jenes
+des Grundes und der Folge zu gleicher Zeit stattfinden, sind sie doch
+nicht ein und dasselbe. Daß dem so ist, kann uns zur Genüge wieder ein
+sehr nahe liegendes Beispiel lehren. Unsere Erkenntnißgründe weichen
+häufig von den wahren Ursachen sehr ab, ja sind zuweilen gerade
+verkehrt. So pflegen wir zu sagen: Wenn das Barometer steigt, so wird es
+schön Wetter, wo das letztere als =Folge= des erstern =erkannt= wird, da
+es doch der =Grund= desselben ist. Richtig muß also der Satz so lauten:
+Wenn das Wetter schön wird, so steigt das Quecksilber; und hier ist
+abermals das =wirkliche= Zunehmen des Luftdrucks =Ursache=, das
+=wirkliche= Steigen des Barometers =Wirkung=. Nicht aber ist der =Satz=:
+Wenn der Luftdruck sich vermehrt, Grund des =wirklichen= Steigens des
+Barometers, noch umgekehrt der =Satz=: so steigt das Barometer, =Folge=
+des =wirklichen= Steigens des Luftdrucks, weil Sätze und Wirklichkeiten
+einander ganz heterogen, und weder diese durch jene, noch jene durch
+diese hervorzubringen sind.
+
+ (115) Encyklop. =Hegel='s, her. v. =Henning=. I. S. 306.
+
+Dies ist aber keineswegs so zu verstehen, als ob der Inhalt der Sätze an
+sich und ihre Verhältnisse zu einander als Gründe und Folgen für das
+Dasein, die Anordnung, das Geschehen, in der =wirklichen= Welt
+gleichgiltig wären; sie sind im Gegentheil von der entschiedensten und
+folgenreichsten Wichtigkeit für dieselbe, weil sie als Sätze an sich
+nicht nur den Stoff aller mechanischen Naturgesetze, sondern auch den
+objectiven Stoff aller Gedanken, Urtheile und Entschließungen enthalten,
+die durch ihre =Wirklichkeit= im Gemüthe denkender und willensfähiger
+Wesen auf (deren) Handlungen und Einwirkungen sowohl auf sich selbst als
+auf die Außenwelt entscheidenden Einfluß üben. Was als Satz an sich
+vorhanden, außerhalb aller Existenz, nur eine Verknüpfung wie Grund oder
+Folge besitzen kann, vermag als gedachter Satz, als wirklicher Gedanke
+eines Wirklichen schon auf Wirkliches zu wirken und Wirkliches
+hervorzubringen, d. i. ein wahres Verhältniß zwischen Ursache und
+Wirkung zu begründen. Um ein altes Wort für einen neuen Begriff zu
+gebrauchen, man könnte, wenn unter _mundus_ der Inbegriff alles
+endlichen Wirklichen, des substantiellen und accidentiellen, also auch
+alles wirkliche Geschehen begriffen würde, die Gesammtheit aller
+derjenigen Wahrheiten, die etwas Seiendes ausdrücken, sammt ihren
+objectiven Gründen und Folgen den _mundus idealis_ nennen, weil nichts
+sein und nichts geschehen kann, dessen Dasein oder Geschehen nicht in
+einem Satze ausgesprochen werden könnte. Der Stoff dieses Satzes, den
+vielleicht noch Niemand ausgesprochen, vielleicht nicht einmal gedacht
+hat, wie Niemand jenen des Copernicus dachte, ungeachtet er bestand, ehe
+dieser ihn ausgesprochen, wäre ein Satz an sich, und insofern dieser
+Satz etwas ausspräche, was immer oder einstens =wirklich ist und
+geschieht=, eine Wahrheit an sich. Indeß hier könnte man Anstand nehmen.
+Unter den =Sätzen an sich= dieses _mundus idealis_ würden zum Theil
+solche sich befinden, die sich auf zu aller Zeit existirende wirkliche
+Dinge beziehen, zum Theil solche, die von in der Zeit entstehenden und
+vergehenden, mit einem Wort veränderlichen Dingen etwas aussagen. Von
+der Art der Erstern sind offenbar alle solche Sätze, die
+reinbegriffliche Allgemeingiltigkeit haben, z. B. von der Existenz
+wirklicher Dinge überhaupt, von der Existenz einfacher Wesen u. dgl. Zu
+den letztern gehören alle solche, die eine Erfahrungswahrheit
+aussprechen, deren Subjectsvorstellungen solche sind, die sich auf
+=individuelle Gegenstände= beziehen, also Anschauungen oder gemischte
+Begriffe. Da Gegenstände letzterer Art in der Zeit =entstehen= und
+=vergehen=, so hat es den Anschein, als ob der Satz an sich (im _mundus
+idealis_), der sich auf diesen Gegenstand eben bezieht, z. B. das Dasein
+=dieses= Baumes aussagt, zu gewisser Zeit, nämlich wenn der Baum
+=wirklich= existirt, wahr, zu einer andern, wo dies nicht der Fall,
+falsch würde, daß er sich daher verändere, was wir von einem Etwas, das
+selbst keine Existenz hat und außer aller Zeit ist, wie ein Satz an
+sich, nicht glauben zugeben zu können. Eine kleine Veränderung in der
+Natur des =Satzes an sich= überhebt uns dieser Schwierigkeit. Sätze, die
+sich auf Gegenstände beziehen, welche zu gewisser Zeit existiren oder
+geschehen, zu anderer nicht, nehmen, um in ihrer Wahrheit oder
+Falschheit keine Veränderung zu erleiden, die Zeitbestimmung mit in die
+Subjectvorstellung auf. Der Satz: der Baum blüht, ist so wie er da
+ausgesprochen wird, weder wahr noch falsch, denn dem Baum ist es weder
+eigenthümlich, =immer= zu blühen, noch =immer= nicht zu blühen. Wenn
+dagegen der Satz lautet: der Baum in =diesem= Augenblicke blüht, kann er
+nur Eines von beiden, entweder wahr oder falsch sein, je nachdem der
+Baum in =diesem= Augenblicke wirklich blüht oder nicht. Blüht er daher
+in dem Augenblick _t_ wirklich, so ist auch der Satz =an sich=: der Baum
+im Augenblick _t_ blüht, immer wahr gewesen, und es nicht erst
+=geworden= in dem Augenblick, da der Baum wirklich zu blühen anfing,
+erleidet daher keine Veränderung. Warum die Zeitbestimmung sich nur in
+Erfahrungssätzen findet, ergibt sich daraus, weil nur diese etwas von
+veränderlichen Gegenständen aussagen und nur bei solchen eine
+Zeitbestimmung als Bedingung, unter welcher allein eine Veränderung
+möglich ist, ins Mitleiden gezogen wird. Reine Begriffssätze, z. B. die
+Summe aller Winkel im Dreiecke ist gleich zwei Rechten, enthalten keine
+Zeitbestimmung, weil an ihrem Gegenstande keine Veränderung vorgehen
+kann. Sätze dieser Art sind daher zu aller Zeit wahr, oder wie man
+allein richtig sagen muß, ihre Wahrheit ist außer aller Zeitbestimmung.
+
+Bei =Leibnitz= erscheint, wie wir gesehen haben, die Annahme eines
+_mundus idealis_ als Vorbild der wirklichen Welt im Geiste Gottes, aber
+er betrachtete die allgemeinen und die Erfahrungswahrheiten nicht =an
+sich= und unabhängig von ihrem Gedachtwerden bestehend, sondern einzig,
+insofern sie in Gott selbst als wirkliche Ideen und Gedanken Ursachen
+der wirklichen Welt werden. Es ist aber jetzt wohl hinlänglich klar, daß
+dieselben, auch abgesehen von ihrer Wirklichkeit als gedachte
+Wahrheiten, einzig den Beschaffenheiten ihres an sich seienden Stoffes
+nach untersucht werden können. Eben so leicht einzusehen dürfte es sein,
+daß eben diese Sätze, mögen sie nun allgemeine und nothwendige
+Wahrheiten, Gesetze u. s. w. heißen, nichts Wirkliches hervorzubringen
+im Stande sind, sondern daß dies nur die Auffassungen derselben in den
+Gemüthern wirklicher Wesen, die als solche selbst etwas Wirkliches sind,
+vermögen, indem sie dem denkenden Wesen als Bestimmungs- oder
+Abhaltungsgründe, als Richtschnur oder Hilfsmittel für sein Handeln und
+Denken dienen. Es ist ganz unmöglich, daß nur =an sich seiende Gesetze=
+ohne Dazwischenkunft einer wirklichen Persönlichkeit die wirkliche Welt
+aus sich hervorgehen machen, so wie es unmöglich ist, daß ein
+Nichtwirkliches ein Wirkliches erzeuge.
+
+Allein dies ist nicht des Verf. Ansicht, der zwar ebenfalls eine ideale
+Welt von Gesetzen annimmt, nach welchen sich der Schein ordnet und
+zusammenfaltet, um den Schein der Substantialität hervorzubringen, der
+aber diesem Geschehen zugleich die allein wahre Realität zuschreibt.
+»Die Apodikticität des Daseins kommt allein dem Sein-Sollenden, dem
+Guten zu« ... daher »muß Alles, was wirklich sein soll, in einer
+Zweckbeziehung enthalten sein, und ... das Verhältniß zwischen
+unerfülltem, erfülltem Zweck und Mittel ist das Gesetz all' dieses
+Zusammenhanges.« Diese Zweckbeziehung ist aber keine äußerliche, etwa
+auf ein zwecksetzendes Wesen, sondern eine den Dingen selbst
+»immanente,« sich in sich und durch sich selbst vollendende. Die
+»Gesetze« im Innern der Dinge, welche den Schein zusammenhalten, und zu
+einem scheinbar Seienden machen, bringen durch eigene Kraft das
+Wirkliche hervor, indem sie »in der eigenthümlichen Inhaltsbestimmtheit
+der Dinge Theile eines Grundes bilden, welche wenn sie mit andern
+Theilen desselben, die von andern Dingen als Vehikel ihrer Wirklichkeit
+getragen werden, zusammenkommen, den ganzen Grund ausmachen, aus dessen
+einzelnen Bestimmungen durch wechselseitiges Aufheben und Verlöschen
+oder anderweitige durch das Zusammenkommen neubegründete Verhältnisse
+ein Resultat als verwirklichte Folge hervorgeht.« Damit aber, wie dies
+bei »ruhender Causalität« die Folge sein müßte, nicht alle Wirkungen ein
+für allemal gleichzeitig erfolgen, und nicht aller Grund zur weitern
+Fortentwicklung hinwegfalle, damit sich also die »ruhende« Causalität in
+eine bewegte verwandle, bedient sich der Verfasser kosmologischer Formen
+als der Bedingungen, unter welchen Dinge, welche vorher gegen den
+Causalzusammenhang gleichgiltig waren, erst wirklich in denselben
+eintreten. Welche Dinge mittels derselben in die Erscheinung treten,
+dies zu entscheiden ist Sache der Zwecke »als der treibenden und
+bewegenden Macht!« Gesetze also sind das eigentliche Thätige. Wie dies
+möglich sei? wie Gesetze, die im Grunde nichts Anderes sind als =Sätze=,
+Bewegung, Thätigkeit, Realität besitzen, wie ihnen diese sogar
+ausschließlich beigelegt werden können, wenn es doch klar zu sein
+scheint, daß nicht das Gesetz, sondern das Ding =nach= dem Gesetze
+allein sich fortzuentwickeln, zu bewegen und thätig zu sein vermöge:
+darüber muß man von Denen keine weitere Erklärung fordern, die nun
+einmal gleich uns das abstracte Denken (soll heißen »die Wahrheiten an
+sich«) nicht als ein sich Bewegendes und dialektisch sich Entwickelndes
+zu begreifen im Stande sind, und welche wie wir die Denkthätigkeit der
+Individuen von dem Stoffe des Denkens: den Sätzen, Vorstellungen und
+Begriffen an sich, die in diesem nur aufgefaßt werden, streng
+unterschieden wissen wollen. Eben darum vermögen wir uns die
+Zweckbeziehung nicht anders denn als eine von einem vernünftigen Wesen
+gesetzte, keineswegs als eine diesem immanente und unbewußt treibende
+Macht zu denken. Allerdings entsteht nicht jedes Wirken nur eben durch
+Erkenntniß. Der Stein z. B. wirkt, indem er den Pflanzenkeim des unter
+ihm liegenden Samenkorns niederhält, auch wenn Niemand die Wahrheiten,
+welche dies Causalverhältniß aussprechen, denkt und erkennt. Umgekehrt
+gibt es nicht minder selbst falsche Sätze, welche durch die Auffassung
+in das Gemüth eines denkenden Wesens Wirkungen haben. Ein Zweck aber,
+also ein Satz, gewinnt nur dadurch Wirklichkeit, daß er von irgend einem
+Wirklichen gedacht oder gesetzt wird, und nur als Wirkliches vermag er
+auch wieder Wirklichem das Dasein zu geben.
+
+Dieser Satz, auf den wir überall zurückkommen, ist der hier eigentlich
+entscheidende. Ist er richtig, so kann überhaupt in keinem System ein
+wirkliches Geschehen zugelassen werden, wo es nicht wirkliche Reale
+gibt, und zwar solche, die diesen Namen verdienen, die des
+wechselseitigen Einwirkens auf einander fähig sind.
+
+Einen Beweis dazu liefert das Vorliegende. Für den Verf. besteht »das
+wahre eigentliche Geschehen in der Beziehung des Erscheinenden auf sein
+Inneres,« d. h. auf das Gesetz, welches den erscheinenden Schein
+zusammenhält. Das Seinsollende, welches allein Apodikticität des Daseins
+hat, erhält sich durch diese gegen jede Veränderung seiner Lage als
+»=Störung=.« Die Voraussetzung der Apodikticität des Daseins haben wir
+zu machen, aber »wir dürfen nicht die Selbsterhaltung auf einfache Wesen
+mit unveränderlicher Qualität (welche diese immer sein mag) ausdehnen.«
+Die Qualität muß, um gestört werden zu können, zu dem Seinsollenden, dem
+Guten, »welches das allein wahre Seiende ist(116),« gehören. »Wo eine
+Erscheinung sich organisch zusammengefügt hat, wird sie als ein ideales
+Wesen, das eine Apodikticität seines Daseins in der Reihe anderer
+genießt, sich erhalten gegen die Störungen seiner kosmologischen
+Grundlage durch andere. Die mechanische Rückwirkung, die sie vermöge
+dieser Basis gegen den Anstoß ausübt, gehört dem scheinbaren Geschehen
+und wird nicht von ihr hervorgebracht, sondern von den Massen, die nach
+mechanischen Gründen sich verhalten, wie sie auch in zufälligen Gebilden
+sich verhalten würden. Aber gegen die Störung seiner idealen Natur, die
+der Veränderung seiner kosmologischen Grundlage unterliegen würde,
+leistet es Widerstand, indem es sich als seinsollendes Wesen gegen die
+Macht der eindringenden Bewegung erhält. Es setzt daher die Umwandlung
+seiner mechanischen Verhältnisse als ideale Accidenzen in sich, dem
+Idealen, und wirft sie eben so sehr aus sich als ein Fremdes hinaus, als
+es ihnen erst die ideale Qualität zuertheilt, die sie zeigen. Die
+Geschichte dieses Widerstandes, den die idealen Wesen vermöge ihrer
+mechanischen Grundlage sich einander leisten, indem sie jedes das andere
+unter einer von ihnen selbst gesetzten idealen Form von sich abstoßen,
+ist das wahre eigentliche Geschehen und in ihm erst thut sich der
+Schauplatz aller Erscheinung auf. Jedes hat seine Erscheinung in dem
+andern; dadurch daß es von dem Andern, auf das es einwirkt, vermittels
+der in diesem hervorgebrachten Veränderungen gemessen, und als Fremdes,
+dem idealen Sinne des Angegriffenen nicht Zukommendes aus ihm
+herausgeworfen wird, erlangt es die ideale Qualität, die es zur wahren
+Erscheinung macht. Die Natur bringt so als ihren Gipfel nothwendig die
+Empfindung hervor; erst in ihr kommt die schweigende unsichtbare Welt
+der kosmologischen Dinge zur wahrhaften Erscheinung und die Qualität der
+Sinne, der Glanz, der Klang, der Druck und die Wärme bilden mit den
+Gefühlen der Lust und Unlust diejenige Grundlage des idealen Geschehens,
+zu der sich der todte und erscheinungslose Zusammenhang des
+Kosmologischen erhebt.« Die sinnlichen Qualitäten sind das Material,
+dessen Combination und Entwicklung in sich als der Schein des idealen
+Geschehens das eigentliche Erscheinen bildet. Dieses ist nicht, »so lang
+die Wellen des mechanischen Geschehens sich nicht bis an die Schwellen
+des idealen Wesens fortsetzen, das die Störung seiner eigenen
+mechanischen Basis in Gestalt jener Qualitäten auf idealem Gebiete von
+sich abstößt ... Klingen des Schalles und Glänzen des Lichtes treten
+(daher) mit einem neuen Anfang des Geschehens auf idealem Gebiet hervor,
+indem das ideale Wesen in ihnen seine eigene Störung empfindet, und an
+ihr das Wesen der äußern Ursachen mißt. Diese innere Welt der
+qualitativen Erscheinung ist eben deshalb nur da möglich, wo ein ideales
+Wesen vorhanden ist, welches organische Formen zu der gesetzmäßigen
+Grundlage eines Begriffs verbindend, die äußere Einwirkung als Störung
+dieses Begriffs empfinden kann. Wo Massen oder zufällige Gebilde in
+Conflict mit einander gerathen, da wird das Geschehen zwischen ihnen,
+die keinen Begriff der idealen Welt zu vertreten und zu vertheidigen
+haben, nur ein kosmologisches bleiben, das nicht in ihnen, sondern in
+einem Dritten zur Erscheinung kommt.«
+
+ (116) Vgl. =Weiße= über =Lotze=: =Fichte='s Zeitschrift. IX. 8.
+ S. 260.
+
+Die idealen Wesen sind sonach die unerläßlichen Bedingungen qualitativer
+Erscheinung und wirklichen Geschehens. Ihre Beschaffenheit ist demnach
+entscheidend für die Art und Weise, wie wir das wirkliche Geschehen zu
+denken haben. Welche Vorstellung dürfen wir uns nun von denselben
+machen?
+
+Sie sind bloße Phantasiegeschöpfe! »Denn da die Qualität der Empfindung
+nicht ein Attribut des mechanischen Processes ist, der sie erregt,
+sondern die Folge aus ihm und einer andern Prämisse, welche aus der
+Natur des idealen Wesens fließt, so müssen wir der Phantasie gestatten,
+über die Grenzen unserer Sinnlichkeit hinauszuschweifen und ideale Wesen
+zu denken, welche die gleichen einwirkenden Kräfte in mannigfaltige
+verschiedene Formen der Empfindung projiciren.«
+
+Wenn wir auf diese Weise das ideale Wesen, das wir nach Seite 273 in dem
+Bestreben, »die Beziehungen, welche die Ontologie zwischen den Seienden
+bietet, aufzusuchen, eben selbst gewesen sind,« wenn wir sonach unsere
+eigene Existenz in ein »bloßes Gebild der Phantasie« sich verflüchtigen
+sehen, dürfen wir da nicht billig fürchten, den Boden der Metaphysik
+unter den Füßen verloren zu haben? Stehen wir nicht hier auf dem Punkte,
+statt der monadistischen Vielheit specifisch verschiedener Realen nur
+eine Mehrheit unter sich verschiedener »Gesetze« vor uns zu haben, denen
+unmittelbare Bedeutung für das Wirkliche ohne Dazwischenkunft einer
+denkenden und handelnden Persönlichkeit nur dann mit einigem Rechte
+zugestanden werden kann, wenn man ihr als lebendiger »Genesis« oder
+»dialektisch sich fortbewegender Idee« etwa ein ursprüngliches
+wirkliches, mit dem Denken identisches Sein zuspräche, wogegen sich aber
+der Verf. selbst entschieden ausspricht. Er will sie ausdrücklich als
+bloße (an sich seiende) Gesetze angesehen wissen, nach deren innerer
+Nothwendigkeit sich der Schein so ordnet, daß der Schein der
+Substantialität, der Thätigkeit und der sinnlichen Qualität entsteht.
+Ist es aber nicht wahr, daß sobald alle realen Grundlagen außer den
+Gesetzen sich in »Phantasiegeschöpfe« auflösen, auch Dasjenige fehlt,
+=welchem= der Schein überhaupt erscheinen, und das selbst nicht wieder
+weder ein Zweck noch ein Gesetz sein kann? Ein Solches, welchem der
+Schein erscheint, ist zum wenigsten der Denker selbst. Wenn aber auch
+Dieser nur ein »Phantasiegeschöpf« ist, verliert dann die Existenz des
+Scheines überhaupt nicht allen Halt? Kann Etwas erscheinen, wo Niemand
+ist, dem es erscheinen kann? Ja kann überhaupt nur etwas erscheinen, wo
+Nichts vorhanden ist, an welchem es erscheinen kann? Fallen aber, sobald
+derjenige fehlt, welchem der Schein erscheint, nicht auch alle die
+Gründe hinweg, welche die Anordnung dieses Scheins nach ethischen
+Principien, und metaphysischen Kategorien zur Folge haben? Ja sogar die
+Reflexion über dieselben ist unmöglich, wenn kein ihrer fähiges Wesen
+vorhanden ist.
+
+Indeß dies würde uns in eine Kritik des ganzen Standpunktes des Verf.
+verwickeln, wo wir nur ein einzelnes Princip des Geschehens
+hervorzuheben uns vorgenommen haben. Dieses ist in der That von der Art,
+daß es uns gestaltet, den Gang der Untersuchung wenigstens dem Wortlaut
+nach zu seinem Anfangspunkt zurückzubiegen. Wir gingen von einer
+=prästabilirten Harmonie= aus und stehen wieder bei einer solchen, wenn
+sie auch mit der erstern wenig mehr als den Namen gemein hat. Die
+erstere nimmt unveränderliche, den Realen von Gott eingepflanzte Gesetze
+(_insitae leges_) an, nach welchen sich der Ablauf der Veränderungen in
+denselben immanent entwickelt; die zweite betrachtet das sogenannte
+Reale selbst nur als die scheinbare Hülle des immanenten Gesetzes, das
+ohne von einer Persönlichkeit eingepflanzt worden zu sein, sich seiner
+eigenen innern bewegenden Natur nach vollständig erfüllt. Die
+Veränderungen in den Monaden stimmen nach dem Willen der vollkommensten
+Persönlichkeit, der _Choix du meilleur_ miteinander überein: das
+wirkliche Geschehen harmonirt bei =Lotze= mit der vorstellenden
+Empfindung vermöge der Natur der »innern Qualität« der letztern und des
+Zusammenhangs, welcher unter den idealen Gesetzen herrscht, welche das
+Wesen des Scheins ausmachen. Das Uebergehen allgemeiner Gesetze und
+Essenzen in die Wirklichkeit hängt nach =Leibnitz= vom Verstande und
+Willen der Gottheit ab, welche das Beste erkennt und das Beste will:
+nach =Lotze= ist es der an und für sich unbedingten Werth oder Unwerth
+habende oder nicht habende Inhalt der Gesetze, von welchen einzig, mit
+Ausschluß aller nach ihnen handelnden oder setzenden Persönlichkeit, ihr
+Uebergang in die Wirklichkeit abhängt. =Lotze='s Teleologie ist eine
+=immanente=, =Leibnitz=' und auch =Herbart='s eine äußerliche. Diese
+setzt eine Persönlichkeit gegenüber dem vorhandenen geschaffenen Stoffe,
+welche den Zweck denkt und sich des Stoffes zu seiner Realisirung
+bedient. Jene setzt die Zwecke als solche absolut, die durch den
+Durchgang durch die Erscheinungswelt sich selbst vollenden und zur
+erfüllten Realität verwirklichen. Wenn wir daher (wie der Verf. selbst
+es will) die »Bewegung« des Gedankens als belebtes oder lebendes Ding
+ausschließen, so bleibt uns nichts übrig, als zu sagen: Ein Gesetz ist,
+so lange es von keinem vernünftigen Wesen gedacht wird, nichts weiter
+als ein Satz, der an und für sich gar keine Wirkung hervorzubringen
+vermag: gedacht und erkannt geht es in die Wirklichkeit über, und vermag
+Handlungen und Thätigkeiten vernünftiger Wesen so zu bestimmen, daß
+diese ihm entsprechende Veränderungen an andern wirklichen Dingen
+hervorbringen. Es aber an und für sich als Satz, als nicht wirklich
+Existirendes, Grund wirklicher Dinge und wirklichen Geschehens werden zu
+lassen, das läßt sich mit der eigenen Behauptung des Verf. nicht
+vereinen: Nur Wirkliches könne Wirkliches erzeugen.
+
+Damit stünden wir am Rande unserer Untersuchungen auf gegebenem Gebiete,
+so weit sie den Monadismus betreffen. Strenggenommen gehörte das
+letztere System nicht mehr hieher, wenn es sich nicht auf die
+Voraussetzung einer Mehrheit idealer Wesen als Träger des Scheines
+stützte, in denen man aber wenig Verwandtschaft mit Monaden und Realen
+mehr erkennen mag. Eher ließen sie sich mit den vagen Dingen an sich der
+kritischen Philosophie vergleichen. Jedenfalls ist das wirkliche
+Geschehen an ihnen eben so transcendent, wie an den Dingen an sich,
+Monaden und Realen, und die immanente Zweckbeziehung durch das Bedürfniß
+zusammenhaltender Einheit gegeben. Entscheidend für die Zulässigkeit der
+von dieser Ansicht aufgestellten Theorie des wirklichen Geschehens ist
+die Erkenntniß der Nichtidentität der Verhältnisse zwischen Grund und
+Folge, und zwischen Ursache und Wirkung, und der Unmöglichkeit jenes,
+das nur unter Sätzen als Nicht-Existirendes gilt, auf die wirklichen
+Dinge zu übertragen.
+
+Gegen =Drobisch= sind es hauptsächlich zwei Einwendungen, die uns der
+Berücksichtigung werth schienen; die eine: daß Raum- und Zeitbeziehungen
+in keinem Fall mit unter die =wirklichen= oder äußern Beschaffenheiten
+der Dinge gerechnet werden dürfen; die andere: daß auch in den =äußern=
+Beschaffenheiten, Beziehungen und Verhältnissen wenigstens gewisser
+Dinge kein Wechsel vorfallen könne, wenn nicht auch in deren =innern=
+Eigenschaften ein solcher stattfindet, den aber die Annahme einfacher
+unveränderlicher Qualität nicht erlaubt.
+
+Die Bedenken gegen die Theorie der Selbsterhaltungen lassen sich in
+kurzem auf vier zurückführen:
+
+a) Die Selbsterhaltungen der Realen sind völlig überflüssig. Denn ist
+einmal absolut unmöglich, daß ein Reales auf was immer für eine Weise in
+dem andern Veränderungen hervorbringe, wozu hat dieses nöthig, sich
+gegen jenes selbstzuerhalten?
+
+b) Scheint aber dieser Einwurf die Selbsterhaltung mit einer Thätigkeit
+der Realen selbst, was sie nicht sein soll, zu verwechseln, und ist nur
+diese absolute Unmöglichkeit Störungen zu erleiden, selbst die
+Selbsterhaltung, so ist im Grund jede Selbsterhaltung nichts weiter, als
+ein specieller Folgesatz aus dem allgemeinen Satze: Es kann überhaupt
+keine Störung stattfinden, also überhaupt nichts anders als ein Satz,
+der keine reale Bedeutung hat, von der Form: _A_ ist _A_.
+
+c) Daher ist auch von keinem Wechsel, keiner Veränderung der Realen bei
+diesem Geschehen die Rede, ungeachtet selbst =Lotze= gesteht: ein wahres
+Geschehen sei nur dasjenige zu nennen, welches »zum Ende ein qualitativ
+Anderes als zum Anfangspunkte hat.« Die Selbsterhaltung dagegen ist ein
+fortwährendes Sichselbstgleichbleiben des Realen; es tritt mehrmals in
+das Verhältniß, sich ändern zu sollen; aber die vorhandene Unmöglichkeit
+schneidet allen Wechsel ein für allemal ab. Ob es diese Störung, die es
+einmal durchaus nicht erleiden kann, nicht durch _C_, nicht durch _D_,
+nicht durch _E_ erleidet, kann dem _A_ an sich genommen höchst
+gleichgiltig sein. Will man aber diesen Umstand als modificirend für die
+Selbsterhaltungen und die letztern wirklich als verschiedene innere
+Zustände im Realen (nach =Strümpell=) ansehen, so
+
+d) frägt es sich neuerdings, wie sich eine solche Vielheit wirklicher
+Zustände mit der streng einfachen Qualität der Seele in Einklang bringen
+lasse? Hiezu kommt, daß uns die Vielheit wirklicher Zustände in der
+Seele in unserm eigenen Bewußtsein gegeben wird, und auf diese Weise
+sich zugleich als ein Ding mit mehreren Merkmalen und der Veränderung
+unterworfen zeigt.
+
+Bei der prästabilirten Harmonie ist die Abwesenheit des wechselseitigen
+Einwirkens am auffallendsten, der Mechanismus und Fatalismus, der
+dadurch in den Lauf des Geschehens im Innern und Aeußern der Monaden
+gebracht wird, am widersprechendsten mit der täglichen geläufigen
+Erfahrung. Nachdem einmal die falsche Vorstellung von physischer Wirkung
+als Uebergang von Materie beseitigt, und wenigstens die Möglichkeit
+offen gelassen ist, daß die vollkommenste Monade ihrerseits auf alle
+andern und im vollkommensten Grade zu wirken im Stand sei: da ist in der
+That kein weiterer Grund vorhanden, die Fähigkeit der äußern
+Wirksamkeit, wenn auch in minderem Grade, den unvollkommneren Monaden
+abzusprechen. Wie sie an denselben gedacht werden könne, wollen wir im
+nächsten Abschnitt zu zeigen versuchen.
+
+
+5. Die Wechselwirkung.
+
+Fassen wir zusammen, was wir aus der bisherigen Betrachtung der Meinung
+Anderer für unsre eigene Ueberzeugung gewonnen haben, so sind dies
+vornehmlich zwei Sätze: der eine, daß sie sich sämmtlich dahin
+vereinigen, ein wahres und wirkliches »Geschehen« der Erfahrung gemäß
+voraussetzen zu müssen; der andere, daß die Annahme eines solchen,
+sobald sich die Realen nicht ganz passiv und unthätig gegen dasselbe
+verhalten, mit ihrer besondern Beschaffenheit, ihrer Impenetrabilität
+oder ihrer streng einfachen Qualität, die aber selbst für sich nichts
+weniger als unwidersprechlich sind, im Widerspruch stehe. Zugleich ergab
+sich jedoch auch, daß jeder der für diesen Widerspruch vorgebrachten
+Gründe auf irgend eine Weise einem Zweifel unterliege, welcher nicht
+allein aus der Ungewohnheit des Resultats, sondern in der That aus
+offenbaren Widersprüchen ihrer selbst oder aus ihrer mangelhaften
+Beweisführung entspringt. Können uns weder die Selbsterhaltungen in
+ihrer ursprünglichen noch in ihrer veränderten Gestalt, weder das ideale
+Geschehen des teleologischen Idealismus, noch jenes der eigentlichen
+prästabilirten Harmonie mit ihren Gründen Ueberzeugung abnöthigen: so
+gewinnt dagegen der erstgenannte Satz immer mehr Boden, der außer der
+thatsächlichen Anerkennung auch noch die Bestätigung des gesunden
+Menschenverstandes für sich hat. Wenn wir am Gewölbe des Himmels nicht
+minder als in dem feinsten Zellgewebe des Pflanzenkeims beinahe
+ununterbrochen den Ablauf von Veränderungen wahrnehmen, die wir nicht
+ohne Ursache zu denken vermögen; wenn diese Ursache gleichwohl, wollen
+wir nicht in dasselbe Ding als _causa sui_ die anfangslose Reihe des
+absoluten Werdens hineinlegen, nicht im veränderten Dinge selbst liegen
+kann; wenn es uns die unnatürlichste Ueberwindung kostet, dies
+anscheinende Resultat der freiesten wechselseitigen Thätigkeit für
+nichts anders als den indifferenten mechanischen Ablauf blinder
+Naturgesetze zu halten: so dürfen wir noch einen Versuch machen, dem
+strittigen Problem eine Annahme unterzuschieben, welche ohne in
+Widerspruch mit Erfahrung oder reinen Begriffserkenntnissen zu treten,
+uns über jene Schwierigkeiten hinauszuheben verspricht.
+
+Diese Möglichkeit ist bei =Leibnitz=, gerade wo man es am wenigsten
+vermuthen sollte, in der That vorhanden, und wir haben sogleich im
+Eingang unsrer Darstellung darauf hingewiesen(117). Es hätte nur bei ihm
+gestanden, durch einen höchst einfachen Gedanken, dem er überdies sehr
+nahe war, die blendende, aber trostlose Hypothese der Harmonie gegen
+lebendige thätige Wechselwirkung einfacher Wesen zu vertauschen: durch
+einen Gedanken, der in seinem System einen Grundsatz ausmachte und
+diesem ganz, wie man sagen könnte, das Dasein gegeben hatte. Ob ihn die
+nachstehende Darstellung auch nur in Einigem zu ersetzen vermöge, wagen
+wir gegen uns selbst kaum zu behaupten, und übergeben sie daher mit
+großer Schüchternheit und vollkommenem Bewußtsein ihrer Mängel und der
+vielen erst noch auszumachenden Schwierigkeiten dem prüfenden Urtheil.
+
+ (117) _Secretan_ (_la philos. de =Leibnitz=, Genève 1841_) ist anderer
+ Ansicht und meint, die prästabilirte Harmonie ergebe sich mit
+ Nothwendigkeit aus =Leibnitz=' Definition der Substanz als eines das
+ Universum repräsentirenden Wesens, welches sonach nicht ohne
+ »Repräsentirendes« sein könne, und sei daher vom übrigen System
+ unzertrennlich. Allein lag nicht die Frage viel näher: Wodurch bewirkt
+ denn das Repräsentirte, daß es repräsentirt wird? Doch wohl dadurch,
+ daß es auf das Repräsentirende einwirkt, seine eigene Repräsentation
+ in demselben hervorbringt? Durch die Annahme einer solchen Einwirkung
+ wäre aber die prästabilirte Harmonie vermieden, oder die Harmonie
+ zwischen den einfachen Wesen selbst überhaupt erst begreiflich
+ geworden.
+
+Daß diese Vermittlung nirgend anderswo als beim physischen Einfluß, so
+lebhaft sich =Leibnitz= gegen denselben aussprach, zu finden sein werde,
+ist leicht vorauszusehen. =Leibnitz= hatte ganz recht, zu behaupten, es
+gebe nur die drei genannten Arten, den Causalitätszusammenhang einfacher
+Substanzen zu begreifen: physischen Einfluß, prästabilirte Harmonie und
+Occasionalismus. Er hätte noch kürzer sein und aussprechen können, es
+gebe deren nicht mehr als zwei: die Substanzen wirkten entweder auf
+einander ein oder sie wirkten nicht. Occasionalismus und prästabilirte
+Harmonie waren nur der Erfahrung gemachte Concessionen, Nothbrücken, um
+die allzu weite Kluft kärglich auszufüllen. =Herbart= verschmähte es,
+sich einer solchen zu bedienen, er blieb lieber bei dem Satze stehen,
+daß die Dinge überhaupt jeder Veränderung ihrer Qualität unzugänglich
+seien. Der Widerspruch mit der täglichen Erfahrung kümmerte ihn hiebei
+nicht, weil er das apriorische reine Denken höher anschlug, und die
+Erfahrung ganz und gar in das Gebiet des Scheins zu verweisen vorzog,
+eh' er einen Schritt im Denken thun wollte, für welchen er keine
+apriorische Berechtigung, gegen den er wohl gar Gründe zu haben glaubte.
+Der physische Einfluß bleibt somit allein übrig, wenn das Nichtwirken
+der Substanzen ausgeschlossen wird und es handelt sich nur darum,
+denselben richtig aufzufassen.
+
+=Leibnitz= nahm den Begriff offenbar zu eng, denn nach seiner Erklärung
+könnten nur Wesen, welche Ausdehnung haben, also zusammengesetzt und
+folglich Körper sind, physisch auf einander einwirken. Nur von solchen
+können sich Theile ablösen und nur solche können dergleichen in sich
+aufnehmen. Das Wort »physisch« bildete einen strengen Gegensatz gegen
+die Einwirkung geistiger Naturen auf einander, wie sie in der Erziehung,
+im Unterricht, in der Mittheilung statthat. Da es für ihn keine andern,
+als einfache und zwar geistige Wesen gab, so hatte er mit der Verwerfung
+des materiellen Einflusses vollkommen recht: nur war damit die
+Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht
+verworfen. Sein Argument betraf die =einfachen= Substanzen eigentlich
+gar nicht, sobald deren Einwirkungen auf einander nur nicht materieller
+Art waren; Wirkungen anderer Art auf einander auszuüben war ihnen
+dadurch keineswegs =verwehrt=. Da nun die Erfahrung Wirksamkeit der
+Substanzen forderte, so setzte er sich im Grund in unnöthigen
+Widerspruch mit derselben, wenn er ihr Stattfinden dort bestritt, wo
+seine Gründe für das Gegentheil keine Anwendung mehr fanden. Während er
+die endlichen Substanzen der Fähigkeit, nach außen Wirkungen was immer
+für einer Art hervorzubringen, für verlustig erklärte, gab er diese
+Fähigkeit an der unendlichen Substanz unbedenklich zu. Er gestand daher,
+daß wenigstens die unendliche Substanz die Fähigkeit nach außen zu
+wirken, und alle Endlichen die Fähigkeit von ihr Einwirkungen zu
+empfangen, in der That besitzen, daß sonach eine Art der Einwirkung
+zwischen =rein einfachen= Wesen nicht nur möglich sei, sondern wirklich
+bestehe, welche nicht materieller Natur sei. Von welcher Art sie sei, zu
+erforschen, oder gar eine Beschreibung davon zu liefern, dünkte ihm so
+unausführbar, daß er sie der Allmacht des höchsten Wesens zuschob, für
+welches Nichts unmöglich sei. Wird man aber selbst der =Allmacht= etwas
+zumuthen dürfen, was =an sich= unmöglich ist? schließt nicht schon die
+höchste Heiligkeit Gottes mehreres an sich Mögliche von dem Kreise
+seines Wollens und Handelns aus? Nicht mehr noch die wechselseitige
+Beschränkung, welche seine neben einander bestehenden Eigenschaften der
+Allmacht und Heiligkeit einander auflegen? Gibt es ferner, wenn wir auch
+nicht den Umstand, daß die Gottheit keinen Schmerz empfinden, Nichts
+vergessen könne u. dgl. als eine Schranke derselben ansehen wollen, gibt
+es nicht auch dann eine Menge theoretischer Begriffswahrheiten, welche
+den Umfang dessen, was Gott hervorbringen kann, beschränken, weil sich
+bei näherer Betrachtung zeigt, daß es etwas an sich selbst Unmögliches,
+oder dem Wohle des Ganzen doch gar nicht Zusagendes wäre, z. B. ein
+Körper mit sieben gleichen ebenen Seitenflächen begrenzt u. dgl. Ist
+aber eine Einwirkung von Seiten der Urmonas auf die übrigen nicht nur
+=an sich= möglich, sondern auch wirklich, so läßt sich fragen, warum
+diese Fähigkeit, nur in minder vollkommenem Grade, nicht auch den
+endlichen Substanzen zukommen solle? warum diese, da es =an sich=
+möglich ist, daß sie Wirkungen von außen empfangen, weil sie ja
+dergleichen von der vollkommensten Substanz empfangen, nicht auch äußern
+Einflüssen von gleichfalls endlichen Substanzen ausgesetzt sein dürften?
+
+Benützen wir diesen Umstand, so sind wir der Nothwendigkeit enthoben,
+bei der prästabilirten Harmonie unsre Zuflucht zu suchen. =Leibnitz=
+gesteht einfache Wesen zu, welche Kräfte, und zwar mehrere, der
+Veränderung, Vermehrung und Verminderung fähige Kräfte besitzen, unter
+welchen sich »primitive« befinden, welche unfähig »jemals zu ruhen« in
+fortwährender Thätigkeit begriffen sein müssen. Welche Gründe können uns
+noch weiter nöthigen, die Wirkungen dieser thätigen Kräfte als dem
+Thätigen selbst ausschließend =immanent= anzusehen? Der Grund, den das
+System dafür beibringt, ist hinweggefallen. Die Aeußerung dieser Kraft
+nach außen braucht nicht materieller Uebergang zu sein. Wir haben ein
+Beispiel äußerer, nicht materieller transeunter Wirkung an der
+Wirksamkeit der Urmonas: warum soll eine ähnliche nicht auch an den,
+ihrer Einfachheit nach, von ihr nicht verschiedenen endlichen Substanzen
+stattfinden können?
+
+Gibt es aber weiter keinen Einwand gegen diese Annahme (und =Leibnitz=
+führt in der That keinen weiteren an, sondern liefert sogar selbst das
+Beispiel der Urmonas als des nach außen unendlich-Thätigen), so kann es
+uns gestattet sein, sie einmal versuchsweise an die Stelle der
+entgegengesetzten Annahme zu setzen. Wir erklären unter ihrer
+Voraussetzung irgend ein Veränderungsphänomen, z. B. das des Stosses.
+Von einer Reihe dicht aneinander hängender Kugeln werde die erste in
+Bewegung gesetzt; die letzte fliegt ab, die mittleren bleiben in Ruhe.
+Die erste hat, da wir jetzt =annehmen=, ein Ding könne nach außen auf
+das andere wirken, auf die letzte gewirkt, von der sie durch so viele
+mittlere getrennt war. Was liegt hier näher, als der Schluß: die Wirkung
+der ersten auf die letzte sei durch die mittleren vermittelt worden; die
+erste habe auf die zweite, diese auf die dritte u. s. f. bis auf die
+letzte gewirkt: Während die Wirkung der ersten auf die letzte durch die
+mittleren Kugeln vermittelt war, wurde die Wirkung der ersten auf die
+zweite durch keine weitere Kugel vermittelt, sie kann daher in Bezug zu
+der vorigen eine unvermittelte heißen. Mit der Zurückführung der
+vermittelten auf unvermittelte Wirkung haben wir sie in der That der
+Erklärung näher geführt, wir haben sie aber derselben zugleich so nahe
+geführt, als dies überhaupt geschehen kann. Wer wird es übernehmen, das
+Unvermittelte noch weiter zu erklären, d. h. dasjenige aufzuweisen,
+durch welche es selbst wieder vermittelt worden sei? Wäre dies nicht
+eben so, als wollte man das Einfache noch in Theile zerlegen, das Axiom
+noch weiter begründen? Nicht Schwäche unserer Erkenntnißkraft, nicht
+Beschränktheit unsers Verstandes, die =Sache= selbst verbietet uns
+weiter zu gehen. Es ist dies einer von jenen nicht seltenen Sätzen, die
+keines Beweises bedürfen, weil sie an und für sich jedem unbefangenen
+Verstande einleuchten. Einen Erfolg =erklären=, heißt angeben, durch
+welche Mittel er zu Stande gekommen. Wenn er nun =ohne= weitere
+Vermittlung eingetreten ist, so ist es ja eine offenbare =Unmöglichkeit=
+ihn weiter zu erklären, und eine eben so offenbare Ungereimtheit dies zu
+wollen.
+
+Setzen wir daher an die Stelle jener Kugeln eine Reihe dicht(118) an
+einander liegender einfacher Monaden und wir bemerken an dem Endgliede
+derselben, _B_, eine Veränderung, deren Grund wir am Anfangsglied _A_
+wahrnehmen, so schließen wir, _A_ habe auf _B_ verändernd eingewirkt. Es
+frägt sich, ob diese Wirkung eine vermittelte oder unvermittelte gewesen
+sei. Im letzteren Falle bedarf sie keiner weitern Erklärung, und ist
+keiner solchen fähig, im erstern läßt sie sich auf unvermittelte
+Wirkungen zurückführen.
+
+ (118) Eine unzulässige Annahme, wie wir sogleich sehen werden, die
+ aber doch von Denkern, wie =Herbart=, =Fischer= u. a., wenn auch
+ versteckter Weise, gemacht wird. Denn wann sind ein paar Monaden dicht
+ aneinander? Wenn die linke Seite der einen mit der rechten der andern
+ zusammenfällt. Aber da müßten sie erst zwei Seiten, also Theile haben.
+ Die Antwort ist somit: nie können sie so liegen, daß ihre Orte nicht
+ zwei verschiedene, und somit eine Entfernung zwischen ihnen wäre,
+ welche man eben durch das Wort: =dicht= vermeiden will. Den Beweis
+ gleich nachher.
+
+Der Beantwortung dieser Frage muß die andere vorhergehen, ob der Raum
+stetig erfüllt sei oder nicht? =Leibnitz= war der erstern Ansicht. »Der
+Raum,« sagt er(119), »ist ein Verhältniß, eine gewisse Anordnung nicht
+nur der existirenden Dinge, sondern auch der nur möglichen, als ob sie
+existirten. Seine Wahrheit und Realität aber ist wie die aller ewigen
+Wahrheiten in Gott begründet .... Raum und Zeit haben ihre Realität nur
+in Gott, und er kann die Leere erfüllen, sobald es ihm gutdünkt,
+insofern ist er allgegenwärtig ... Ich lasse kein Leeres im Raume zu ..«
+Und um dem Einwurf zu begegnen, daß dann auch die Bewegung unmöglich
+sein würde, ein Einwurf, der auch die cartesianischen Wirbel veranlaßte,
+fügt er hinzu: »Wäre die Welt mit harten Körperchen erfüllt, die sich
+weder schmiegen noch theilen könnten, also mit eigentlichen Atomen, so
+wäre Bewegung im erfüllten Raume allerdings unmöglich. Allein in der
+Wirklichkeit gibt es gar keine ursprüngliche Härte; im Gegentheil die
+Flüssigkeit ist ursprünglich, und die Körper zertheilen sich nach
+Bedürfniß, weil kein Hinderniß da ist.« Wie dem auch sei, er konnte
+nicht leicht anders urtheilen, ohne in Widerspruch mit dem
+theokratischen Charakter seines Systems zu gerathen. Denn steht ein
+allweiser, höchst gütiger und allmächtiger Schöpfer an der Spitze der
+Welt, so würde es seinem auf Erzeugung der größtmöglichen Summe von
+Wohlsein in derselben gerichteten Sorgfalt widersprechen, auch nur einen
+einzigen Punkt im Raume unbesetzt, auch nur eine einzige Möglichkeit des
+Daseins eines Geschöpfes unerfüllt zu lassen, weil dadurch wenigstens
+Ein Wesen der Gelegenheit beraubt würde, sich seines Daseins und seiner
+Glückseligkeit zu erfreuen.
+
+ (119) _Nouv. ess._ S. 240.
+
+Ist nun, wie wir mit =Leibnitz= annehmen wollen, der Raum in der That
+erfüllt in allen seinen Punkten, so existirt auch zwischen je zwei auf
+einander einwirkenden einfachen Wesen, seien sie nah oder fern, eine
+stetig erfüllte und zusammenhängende Reihe von Monaden. Auf ähnliche
+Weise, wie sich bei den Kugeln die Einwirkung von der ersten auf die
+zunächst befindliche, von dieser wieder auf die nächste u. s. w.
+fortpflanzte, wird nun auch die Fortpflanzungsweise der Wirkungen durch
+die Monadenreihe gedacht. Die erste theilt sie der nächsten mit, diese
+wieder der nächsten u. s. f. Da zwischen dem ersten und zweiten kein
+dritter Atom, der als Vermittler dienen könnte, aber auch der Annahme
+zufolge, daß der ganze Raum stetig erfüllt sei, kein leerer Raum sich
+vorfindet, so kann man diese Wirkungen zwischen =nächsten= Atomen als
+die =unmittelbaren= betrachten, auf welche sich jede wie immer
+vermittelte transeunte Wirksamkeit zurückführen lassen muß, und die
+selbst nicht mehr auf andere zurückgeführt zu werden vermag.
+Unmittelbares erklären zu wollen, widerstreitet ja seiner eigenen Natur,
+widerspricht jedem gesunden Verstande. Im Worte selbst liegt es schon,
+daß hier nichts weiter weder zerlegt noch selbst wieder ermittelt werden
+könne; und dies und nichts anderes soll doch der Ausdruck: ein Ereigniß,
+ein Geschehen erklären, bedeuten. Weder von der Art noch von der innern
+Beschaffenheit des unmittelbaren Verkehrs läßt sich weiter etwas mit
+Wahrheit aussagen. Beide sind ganz und vollständig bestimmt, sobald man
+nur den Act, dessen Stattfinden einmal erwiesen ist, als einen
+unmittelbaren erkannt und anerkannt hat. Allerdings vermögen wir sie aus
+diesem Grund weder empirisch nachzuweisen, so wenig wie die einfachen
+Wesen, die die Grundlage des Wirklichen wie der Erscheinung ausmachen,
+noch sind wir im Stande, sie mit Händen zu greifen, ja nicht einmal ein
+Bild uns von denselben zu entwerfen, so wenig als wir dies von einem
+einfachen Raumpunkte zu thun vermögen. Das Dasein unmittelbarer
+Wirkungen beruht auf einem nothwendigen reinen Vernunftschlusse, sobald
+wir einmal der Erfahrung zufolge Wirkungen überhaupt zulassen. Selbst
+die seltsame Hypothese, jeder mögliche physische Einfluß sei überhaupt
+nur als Uebergang materieller Theilchen denkbar, und auf dieses
+Uebergehen lasse sich jede wo und wie immer in der Welt stattfindende
+Veränderung reduciren, kann ohne Voraussetzung unmittelbarer Wirkungen
+nicht bestehen. Denn fragen wir, was die Ursache der Ortsveränderung
+sei, oder was diese selbst wieder für Wirkungen hervorbringe, so muß man
+uns die Antwort schuldig bleiben, oder zugeben daß in beiden Fällen
+selbst unmittelbares Einwirken von außen stattfindet. Eine Ursache der
+Ortsveränderung muß es ohne Zweifel geben. Ist diese selbst eine
+unmittelbare, so sind wir weitern Suchens überhoben, ist sie eine
+mittelbare, so setzt sie neuerdings eine unmittelbare voraus. Und nur
+die letztere ist die wahre, eigentliche Ursache; die mittelbare Ursache
+ist nur die Wirkung einer andern Ursache. Gibt es aber auch nur
+Ortsveränderungen in der geschaffenen Welt, und sollen sie nicht zweck-
+und ziellos sein, ja sollen sie nur zu unserer Kenntniß überhaupt
+gelangen, so müssen sie selbst neue Veränderungen in uns, d. i.
+Vorstellungen nach sich ziehen, und dies unmittelbar, d. i. nicht wieder
+durch Hilfe anderer Ortsveränderungen. Wollen wir daher nicht alles
+thatsächliche Einwirken kurzweg abläugnen, wollen wir nicht dem gesunden
+Menschenverstande zum Trotz behaupten, es herrsche in der gesammten
+Schöpfung nirgendwo ein ursächlicher Zusammenhang unter den Wesen, so
+müssen wir das Vorhandensein mannigfachen unmittelbaren Einwirkens
+zugestehen, weil es ohne diese kein vermitteltes und überhaupt gar kein
+transeuntes Einwirken geben könnte. Vermitteltes fordert Unvermitteltes
+so streng, wie das Zusammengesetzte das Einfache; jenes ohne dieses ist
+nicht denkbar, geschweige =wirklich=. Dieser Satz bedarf keines
+Beweises; er ist an und für sich klar. Wenn er nicht selten übersehen
+und mißverstanden wird, so liegt der Grund davon vielleicht weniger in
+ihm, als in gewissen Vorurtheilen, die häufig viel mehr den Gelehrten
+als dem schlichten Verstande geläufig sind. So gibt es gar manche
+Geometer, die mit dem einfachen Punkte nicht recht umzugehen wissen;
+bald wollen sie aus zwei oder drei solchen Punkten, wenn sie dieselben
+nur recht dicht an einander schieben, eine Linie (etwa die kleinste
+gerade) erzeugen; bald sehen sie wohl ein, daß jede auch noch so kurze
+Linie eine unendliche Menge von Pünktchen enthalten müsse, meinen aber
+wieder, daß diese Menge bei Linien von einer gleichen Länge auch eine
+gleiche sein müsse; Einige sagen sogar, die Linie, die Fläche, der
+Körper enthielten keine unendliche Menge von Punkten, sondern nur eine
+Anzahl von Punkten, die immer noch vermehrt werden könne, oder es gebe
+nebst den Punkten noch etwas Anderes, was die Linie bildet, und mehr
+dergleichen Ungereimtheiten. Ist es aber darum, weil wir den einfachen
+Punkt nicht =wahrnehmen=, weniger gewiß, daß es solche gebe? weniger
+gewiß, da es doch ein logischer Grund verlangt, weil Zusammengesetztes
+ohne Einfaches überhaupt gar nicht möglich ist? Würde ein Blinder, der
+eine menschliche Stimme hört, bei'm Tasten nach derselben aber nur
+Tische, Stühle und Hausgeräth berührt, ein Recht haben zu vermuthen, es
+sei kein =Mensch= vorhanden, obgleich er dessen Stimme vernommen, weil
+er ihn bei seinem Herumtappen noch nicht berührt hat, ihn vielleicht gar
+nicht berühren kann, weil dieser durch ein natürliches Hinderniß von ihm
+geschieden ist? Dürfen wir demnach nicht einer Folgerung, welche sich
+mit Nothwendigkeit aus einem als wahr anerkannten Satz ergibt,
+ungeachtet wir sie durch die Sinne nicht zu verificiren im Stande sind,
+mehr und mit größerer Sicherheit Glauben schenken, als der Beschränkung
+nicht nur unserer äußeren Sinnesorgane, sondern auch unserer inneren,
+der Phantasie, der Einbildungskraft, die von äußern Eindrücken der
+Sinnenwelt geweckt und genährt, auch nur diesen ähnliche wieder
+hervorzubringen vermag? Die =Erkenntniß= aus =Begriffen= ist wohl auch
+abhängig von den Täuschungen unserer, von den Sinnen geleiteten
+Urtheilskraft, von den Irrthümern und Täuschungen unsers menschlichen
+Erkennens, allein die Abfolge einzelner Wahrheiten unter einander, ihr
+innerer objectiver Zusammenhang, ist vollkommen unabhängig von dem
+Gedacht- oder Erkanntwerden desselben. So setzt der Begriff des
+Zusammengesetzten an und für sich den Begriff des Einfachen voraus, weil
+dieser in ihm als Bestandtheil erscheint, ohne welchen er selbst nicht
+sein würde, was er ist. Eben so verlangt der Satz, welcher das Dasein
+des Zusammengesetzten ausspricht, als unabweisliche Forderung jenen, der
+das Dasein des Einfachen ausspricht. Ist der eine wahr, so muß es auch
+der andere sein. An dem Dasein zusammengesetzter Dinge, Körper u. a.
+zweifelt aber Niemand.
+
+Der Satz: Wo es Vermitteltes gibt, muß es Unvermitteltes geben, ist, wie
+man leicht sieht, nur eine Variation des =Leibnitz='schen Haupt- und
+Fundamentalsatzes: Wo es Zusammengesetztes gibt, muß es Einfaches geben.
+Den letztern hat =Leibnitz= mit sieghafter Klarheit vertheidigt und
+durchgefochten, und sich mit dessen Hilfe vom cartesianischen Dualismus
+emancipirt. Was mochte es gewesen sein, das ihn verhinderte, sich der
+zweiten folgereichen Anwendbarkeit desselben Satzes bewußt zu werden?
+Er, welcher das Dasein einfacher Wesen mit so tiefer Ueberzeugung
+anerkannte, hatte den Einwand nicht zu fürchten, daß man unmittelbare
+Wirkungen nicht zu »denken« vermöge, was hier nichts anders hieße, als:
+man sei nicht im Stande, sich ein sinnliches Bild, etwa wie von den
+materiellen Theilchen des physischen Einflusses, von denselben zu
+entwerfen. Scheute er sich vor der Lücke, welche das Denken hier übrig
+zu lassen schien, indem es sich auf ein, nicht weiter erklärbares,
+Unvermitteltes berief? Konnte es ihm, nachdem er das Dasein des
+moralischen Uebels als eine unausweichliche, in der Natur der Sache und
+einer vernünftigen Weltregierung begründete, und deshalb keineswegs mit
+Schmerz oder Unwillen zu ertragende Nothwendigkeit geschildert hatte,
+entgehen, daß hier eine gleiche in der =Natur der Sache=, nicht auf der
+Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde?
+Konnte ihn dies bewegen, den Versuch weiterer Erklärung aufzugeben?
+Schreckte es ihn, der mit der Fackel der Philosophie in so viele
+verborgene dunkle Tiefen geleuchtet, an diesem entscheidenden Punkt
+gestehen zu sollen, er stehe an den verschlossenen Pforten eines
+»Geheimnisses?«
+
+Dieses Wort ist so schwer verpönt von der Philosophie, die es sich zur
+Aufgabe macht, Alles ergründen und Alles erklären zu können, und wird so
+häufig angewendet, daß es die Mühe lohnt zu untersuchen, was man dabei
+eigentlich denke. Ein Geheimniß bedeutet immer etwas Unerklärliches,
+Unzugängliches, Verborgenes; aber schon diese Worte weisen darauf hin,
+es betreffe nur das Verhältniß irgend einer =Sache=, einer Wahrheit,
+eines Ereignisses zu unserer Erkenntniß oder zu unserem Wahrnehmen und
+Begehren. Nur weil die Statue zu =Sais= wirklich vorhanden, aber für
+jeden Beschauer verschleiert war, hieß sie ein Geheimniß. Daher kann ein
+Geheimniß sich lösen, verschwinden, wenn unsere Erkenntnißkräfte steigen
+oder günstige Umstände hinzukommen. Wo aber Nichts vorhanden ist, da ist
+auch von keinem Geheimniß die Rede. Ein solches hat nur dann statt, wo
+ein Erkennen oder ein Erklären an sich möglich ist, und nur uns durch
+unsre mangelhafte Erkenntnißkraft oder durch Schuld ungünstiger Umstände
+unmöglich gemacht wird. Nicht das Nichtwissen überhaupt, sondern nur das
+Nichtwissen Desjenigen, was an sich wißbar ist, ist ein =Geheimniß=.
+
+Bei den unmittelbaren Wirkungen findet in der That kein Nichtwissen des
+an sich Wißbaren statt. Sie sind an und für sich ihrer Natur nach nicht
+weiter erklärbar, und ein jeder Versuch, sie auf einfachere Vorgänge
+zurückzuführen, müßte eine Ungereimtheit zu Tage fördern. Sie sind weder
+ein Geheimniß noch eine Fiction, noch ein logisches Unding; sie sind,
+sobald einmal Wirkungen überhaupt angenommen werden, eine
+unbestreitbare, durch die Beschaffenheit des Begriffs der Wirkung
+geforderte und gegebene Thatsache, an der selbst für ein allwissendes
+Wesen Nichts zu erklären erübrigt.
+
+Es mögen außer den genannten noch Gründe anderer Art gewesen sein, die
+=Leibnitz= bewogen, den diesem so nahe liegenden Ausweg gerade
+entgegengesetzten, den Weg der prästabilirten Harmonie einzuschlagen,
+und mit soviel Scharfsinn und Beredsamkeit durchzuführen. Bei näherer
+Betrachtung ergibt es sich, daß wenigstens einige derselben in dem nahen
+Zusammenhang des Problems der transeunten Wirksamkeit mit den im Raum-
+und Zeitbegriffe auftauchenden Verwicklungen und Schwierigkeiten gelegen
+haben mögen.
+
+Die oben gegebene Auflösung wäre völlig befriedigend, wenn es die
+Annahme wäre, daß es in allseitig stetig erfülltem Raume Punkte gebe,
+welche einander die =nächsten=, und deren erfüllende Substanzen einander
+ebenfalls die nächsten sind. Die unmittelbare Wirkung, die in diesem
+Falle zwischen nächsten Substanzen stattfindet, wäre dann im
+eigentlichen Sinne zwar eine _actio transiens_, aber keine _actio in
+distans_, weil keine Distanz zwischen den Substanzen, die im nächsten
+Raumpunkten sich befinden, eingeschoben werden kann. Das
+Nebeneinanderliegen der nächsten Raumpunkte hätte etwa nach Art des
+=Herbart='schen reinen =Aneinander= statt; während dieser aber die
+wechselseitige vollkommene Durchdringung und das völlige Ineinandersein
+der einfachen Wesen zur unerläßlichen Bedingung des entstehenden
+wirklichen Geschehens macht, geht in unserm angenommenen Falle eine
+wahrhaft unmittelbare übergehende Wirksamkeit von der einen zu der außer
+ihr, aber zunächst befindlichen Substanz vor.
+
+Allein unglücklicher Weise ist die Annahme nächster, d. i. solcher
+Raumpunkte, zwischen welchen ein dritter weder möglich noch wirklich
+ist, eben so unrichtig, wie die Annahme einander zunächst und
+unmittelbar =an= einander befindlichen Substanzen.
+
+Beide Annahmen sind nicht gleich bedeutend. Man könnte zugegeben haben,
+wie es jeder Geometer thut, der die Stetigkeit des Raumes nicht läugnet,
+daß es keine nächsten Raumpunkte gebe, die unmittelbaren Wirkungen
+sonach nicht solche seien, welche von Substanzen ausgeübt werden, die
+sich in nächsten Raumpunkten befinden: dennoch könnte man behaupten
+wollen, es ließen sich Substanzen aufweisen, die zwischen sich nur
+=leeren= Raum und keine mittleren Substanzen haben. Im ersten Fall fände
+blos eine _actio transiens_, im letztern eine eigentliche _actio in
+distans_ statt, und jene Substanzen wirkten unmittelbar aufeinander,
+zwischen welchen es keine gibt, die einer von beiden näher wäre, als sie
+es selbst einander sind. Dies hieße aber so viel, es gebe leeren Raum,
+der Raum sei nicht stetig erfüllt. Wir wollen versuchen, zu zeigen, daß
+die eine Annahme so irrig sei, wie die andere.
+
+Da mit diesen beiden Sätzen das ganze frühere Raisonnement zu fallen
+scheint, so ist es nöthig, sie ausführlich zu prüfen. Was den erstern
+betrifft, der sich auf die Voraussetzung stützt, es gebe im Raum nächste
+Punkte, so vergleichen wir, was =Herbart='s Synechologie darüber
+enthält. Diese betrachtet die Linie anfangs so gut wie der Geometer als
+Continuum und stößt auf den Satz, der auch der Antinomie der Materie zu
+Grunde liegt: die Linie ist unendlich (ohne Ende) theilbar, und: sie ist
+nicht unendlich theilbar. Beide Sätze sind in einem gewissen Sinne, der
+aber bei jedem ein anderer ist, wahr, wäre dieser Sinn nicht bei jedem
+ein anderer, so müßte einer der beiden Sätze nothwendig falsch sein.
+Versuchen wir z. B. die Linie _A B_ durch Anwendung gewisser, immer
+kleiner anzunehmender Maßeinheiten zu theilen, so gelangen wir =niemals=
+an's Ende. Andrerseits wissen wir, die Linie sei ein Zusammengesetztes;
+ein solches könne aber nicht bestehen ohne einfache Theile; dergleichen
+muß daher auch die Linie besitzen, zu welchen wir jedoch durch
+fortgesetzte Theilung niemals gelangen. Warum? weil wir das Einfache
+überhaupt nur zu denken, aber weder =anzuschauen= und empirisch zu
+erreichen, noch im Bilde =festzuhalten= vermögen. Soll die Linie daher
+einfache letzte Theile wirklich enthalten, dabei aber dennoch unendlich
+theilbar heißen, so kann dies letztere nur in Bezug auf die von uns
+wirklich versuchte und fortgesetzte Theilung der Fall sein. Eine solche
+=wirkliche= Theilung kann aber nur etwa bei materiellen Linien
+stattfinden. Bei diesen jedoch gelangen wir sehr bald an's Ende, weil
+uns keine Mittel weiter zu Gebote stehen, die Theilung fortzusetzen.
+Dagegen hat jede Linie, unabhängig von uns und unserer wirklichen
+Theilung an und für sich einfache, für uns unerreichbare letzte Theile,
+schon deshalb, weil sie ihrer Erklärung nach ein Ausgedehntes, also
+Zusammengesetztes sein muß und jeder ihrer Punkte, anzufangen von einer
+gewissen Entfernung für alle kleineren abwärts, gewisse Nachbarn hat,
+woraus die unendliche Menge ihrer Punkte von selbst folgt.
+
+Es frägt sich, von welcher Art sind nun diese einfachen letzten, selbst
+theillosen Theile? Noch immer wiederholen einige Geometer den Satz: die
+Linie sei in's Unendliche aus Linien zusammengesetzt. Dieser ist nur
+richtig, wenn man ihn so versteht, daß es zu jeder auch noch so großen
+Anzahl von Linien, aus denen wir uns jede Linie, so klein sie wäre,
+zusammengesetzt denken, noch eine größere gibt. Unrichtig aber ist er,
+wenn er entweder so viel heißt, die Linie habe keine einfachen Theile,
+oder ihre einfachen Theile seien wieder Linien. Es ist wahr, daß wir
+durch fortgesetzte Theilung der Linie immer nur wieder zu Linien
+gelangen; es ist aber auch eben so wahr, daß jede Linie einfache Theile
+haben müsse, weil sie ein Zusammengesetztes ist. Diese einfachen Theile
+können nun selbst nicht wieder Linien sein, weil sie sonst selbst
+Ausgedehnte wären und aufhörten, ihre Bezeichnung zu verdienen. Sie sind
+eben nichts als einfache Theile und führen als solche den Namen: Punkte.
+
+Es frägt sich ferner, ob es dieser Punkte in jeder (begrenzten oder
+unbegrenzten) Linie eine endliche oder unendliche Menge gebe? Sind ihrer
+nur endlich viele, so tritt der Satz der alten Metaphysik in sein Recht:
+_extensio linearum pendet a numero punctorum_. Dennoch ist eine Linie
+schon größer als eine andere, sobald sie nur um einen einzigen Punkt
+mehr besitzt, als diese. Allein eine Linie hat eine gewisse Ausdehnung;
+ein Punkt als einfacher Raumtheil hat keine Ausdehnung. Wird nun eine
+Ausdehnung, die um eine Null der Ausdehnung vermehrt worden, wohl größer
+heißen dürfen, als sie früher war? Den citirten Satz =Wolff='s und
+=Baumgarten='s erklärt auch =Herbart=, freilich blos in Bezug auf die
+»starre Linie,« für den seinigen und nimmt an, die Linie im
+intelligiblen Raum bestehe aus einer blos endlichen Anzahl reiner
+Aneinander. Und =Fischer= behauptet geradezu, zwei Punkte, deren
+Entfernung = 0, müßten nicht =in= einander, sondern könnten ganz wohl
+=an= einander gedacht werden. Denn nur für die Anschauung seien zwei
+Punkte, deren Entfernung = 0, =ein= Punkt, also =in= einander. Daß sie
+aber auch =an= einander gedacht werden könnten, und in manchen Fällen
+müssen, lasse sich außer Zweifel setzen(120). Daß sie so =gedacht=
+werden können, bewies der Verf. selbst, indem er die Stelle
+niederschrieb, damit mußte er aber noch keineswegs etwas =Wahres=
+gedacht haben(121). Es läßt sich vielmehr ganz streng beweisen, daß zwei
+Punkte einander nie und nirgendwo so nahe sein können, daß nicht noch
+ein dritter zwischen ihnen Raum fände.
+
+ (120) Versuch einer logischen Analyse des Begriffs vom Unendlichen.
+ (Vgl. =Hartenst.= Met. S. 298.) Wahrscheinlich hat der Verf. die
+ Berührung krummer Linien mittels ihrer Tangenten im Sinne, die so
+ innig sein soll, daß kein dritter Punkt zwischen dem berührenden und
+ berührten liegt. Wäre aber die Berührung nicht viel inniger, wenn der
+ berührende und der berührte Punkt ein und derselbe, der Tangente und
+ der krummen Linie gemeinschaftliche, Punkt wären?
+
+ (121) Vgl. =Trendelenburg=: logische Untersuch. I. S. 157.
+
+Besteht aber die Linie nicht aus einer =endlichen= Anzahl von Punkten,
+so kann sie nur aus einer =unendlichen= bestehen. Jede begrenzte Linie,
+z. B. _A B_, die eine bestimmte endliche Länge, etwa die eines Zolles
+hat, erscheint daher in einer Hinsicht =endlich=, in einer andern
+=unendlich=; jenes in Bezug auf den Abstand ihrer Grenzpunkte von
+einander, dieses in Bezug auf die Anzahl der Punkte, welche sie enthält.
+Denkt man sich vollends den Raum stetig erfüllt, so nimmt jede in noch
+so enge Grenzen eingeschlossene Linie eine unendliche Menge von
+einfachen Wesen auf, weil keiner ihrer unendlich vielen Punkte unbesetzt
+bleiben darf. Um die hier sich häufenden scheinbaren Schwierigkeiten auf
+einen klaren Ausdruck zu bringen, betrachten wir nachstehendes Problem:
+
+Nehmen wir ein Dreieck _A B C_, dessen Scheitel in _B_, dessen Basis
+_A C_ sei, und ziehen in demselben in beliebiger Entfernung die
+Parallele zur Grundlinie _D E_. Nun enthält sowohl die Grundlinie als
+die Parallele nach dem Frühern unendlich viele Punkte. Verbinden wir
+ferner jeden Punkt der _A C_ durch eine Gerade mit dem Scheitel _B_, so
+haben alle diese Geraden einen Punkt mit der _D E_ gemein, ohne mit
+einander zusammenzufallen, da sie nicht mehr als den Scheitelpunkt _B_
+mit einander gemein haben dürfen. Nehmen wir endlich _A C_ so erfüllt
+an, daß sich in jedem ihrer Punkte ein einfaches Wesen befinde, und
+übertragen wir die im Punkte _A_ vorhandene Monas nach _D_, die in _C_
+befindliche nach _E_, und die in jedem beliebigen zwischen _A_ und _C_
+gelegenen Punkt α ruhende Monas nach dem Durchschnittspunkt β der Linie
+_B_ α mit der _D E_, so müssen =alle= in _A C_ gewesenen Monaden auch in
+der kleineren _D E_ Raum haben, und da nicht zwei Monaden in einem
+Raumpunkte sein können, weil ihn schon Eine vollständig =erfüllt=, so
+scheint zu folgen, daß die _D E_ eben so viel Punkte enthalten müsse wie
+die _A C_.
+
+Nichtsdestoweniger wenn wir vom Punkte _E_ eine Parallele _E F_ zur
+_D A_ ziehen, schneidet diese auf der Basis _A C_ ein _D E_ gleiches
+Stück _A F_ ab, in welchem sich abermals jeder Punkt mit einem
+entsprechenden der _D E_ verbunden denken läßt, so daß auch _A F_ gleich
+viel Punkte wie _D E_ zu haben scheint. Nun ist _A C_ offenbar = _A F_ +
+_F C_ > _D E_ und das Stück _F C_ für sich betrachtet, enthält
+gleichfalls eine unendliche Menge von Punkten, so daß wir erhalten
+
+ ∞ + ∞ = ∞,
+
+was uns offenbar nöthigt, verschiedene Größen der Unendlichkeiten
+anzunehmen. Da wir nun die Basis so groß denken können, als wir nur
+wollen, die Parallele _D E_ aber dem Scheitel so nahe rücken, und
+folglich so klein machen können, als wir nur wollen, so muß es zuletzt
+dahin kommen, daß dieselbe Menge einfacher Wesen, die vorher die Basis
+erfüllte, sich von der beträchtlich kleineren Parallele in der Nähe des
+Scheitels aufnehmen lassen muß, ohne daß jemals zwei einfache Wesen in
+denselben Punkt zusammenfallen. Diese scheinbar sich immer steigernde
+Widersinnigkeit bewog =Herbart=, zu Fictionen seine Zuflucht zu nehmen.
+Um Etwas, das höchstens paradox klingt, d. h. nur scheinbar
+widersprechend ist, weil es sich sinnlich nicht vorstellen, sondern nur
+mit dem Verstande erkennen läßt, nicht annehmen zu müssen, nahm er an,
+was ein offenbarer Widerspruch ist. Das Untheilbare Aneinander soll in
+ein Halbes-, Drittel- und Viertelaneinander zerlegt gedacht werden, um
+den sich anhäufenden Wesen Platz zu machen. Indem er so die Theilung
+über die von ihm festgesetzte Grenze hinaus, wenigstens in Gedanken
+fortsetzt, gibt er stillschweigend zu, daß die Annahme »nächster
+Punkte,« wie sie seine starre Linie ausmachen, zur Lösung dieser und
+ähnlicher Schwierigkeiten nicht hinreiche(122). Es bleibt daher
+unverwehrt, zu versuchen, ob es mit dem Gegentheil dieser Annahme besser
+gelingen werde. Gibt es in der That keine nächsten Punkte, sondern
+enthalten je zwei auch noch so nahe an einander gerückte Punkte noch
+einen dritten zwischen sich, so enthält auch jede noch so kleine
+räumliche Entfernung noch eine schrankenlose Unendlichkeit von
+Raumpunkten. Wollten wir statt dessen behaupten, beide Linien, sowohl
+die größere _A C_ als die kleinere _D E_, enthielten eine gleiche
+Unendlichkeit von Punkten, so würden wir eine ganz unberechtigte
+Behauptung aufstellen, weil wir blos aus dem Umstande, daß zwei Mengen
+in einem solchen Verhältniß stehen, daß wir verfahrend nach einer
+gewissen Regel mit jedem Gliede der Einen ein und nur eines der Andern
+und mit jedem Gliede der Andern ein und nur eines der Erstern zu einem
+Paare vereinigen können, mit dem Erfolge, daß kein Glied der einen oder
+der andern Menge mehrmal genommen, auch keines übersprungen wird -- weil
+wir aus diesem Umstande noch gar nicht =berechtigt= sind zu behaupten,
+daß beide Mengen einander gleich seien, sobald sie unendlich sind. Ein
+deutliches Beispiel davon liefern die Reihen der natürlichen Zahlen und
+der nach denselben fortlaufenden Potenzen von der Zahl 10. Wir würden
+daher in dieselbe Ungereimtheit verfallen, zu welcher, wie wir sahen,
+der Satz: _extensio linearum pendet a numero punctorum_, verleiten
+konnte. Vorsichtiger dürfen wir uns nur folgendermaßen ausdrücken: für
+jeden Punkt in der _A C_ gibt es einen entsprechenden in der _D E_.
+Dawider läßt sich nichts einwenden, weil zwischen je zwei Punkten eine
+unendliche Menge anderer noch eingeschoben werden kann. Jede Linie
+daher, welche man zu theilen und deren letzte Theile man zu erreichen
+strebt, läßt sich mit der Reihe der natürlichen Zahlen vergleichen, von
+denen je zwei zwischen sich eine unendliche Reihe von Brüchen haben.
+Jedes Paar der zunächst stehenden Brüche wird unter sich wieder durch
+eine unendliche Reihe von Brüchen getrennt, so daß das Ganze das Ansehen
+eines Fächersystems ineinander geschobener Unendlichkeiten gewinnt, in
+welchem das nachfolgende und aufwickelnde Denken zuletzt den Faden
+verlieren zu müssen glaubt. Allein welcher Anhänger der starren Linie
+würde sich nicht sträuben gegen die Annahme: daß durch Herausnahme eines
+einzigen Punktes _c_ aus der Mitte der begrenzten Linie _a b_, diese in
+zwei Stücke getheilt wird, deren jedes jetzt auf der Seite gegen _c_ hin
+=unbegrenzt= ist, und sich dem Orte dieses _c_ in's Unendliche nähert?
+Abgesehen davon, daß er schon die Einschließung unendlich vieler
+Raumpunkte in endliche Grenzen nicht zugesteht, und eine Linie nicht
+glaubt summiren zu können, bevor er sie nicht durch endliche
+Wiederholung des reinen Aneinander construirt hat, abgesehen davon,
+würde er nicht den Kopf schütteln über die Behauptung, die Linie _a b_,
+deren Grenzpunkte ich hinweggenommen, sei nun unbegrenzt und auf beiden
+Seiten unendlich? Er würde sich kaum von der Vorstellung losmachen
+können, daß nach Hinwegnahme der Grenzpunkte _a_ und _b_ die beiden
+nächsten Punkte z. B. _c_ und _d_ neue Grenzpunkte werden, sowie wenn
+man von einer Reihe Soldaten die beiden Flügelmänner wegnimmt, ihre
+nächsten Nebenmänner an ihre Stelle treten.
+
+ (122) Dies erkennt auch =Trendelenburg= an: Log. Unt. I. S. 167.
+
+Da es in allen diesen Fällen beinahe ausschließlich darauf ankommt, ob
+man den Satz, es gebe nächste Raumpunkte, zwischen welchen kein dritter
+sei, annehme oder verwerfe: so wollen wir es jetzt versuchen, den Beweis
+für das Gegentheil desselben zu führen. Denn je schwieriger es dem
+Vorstellen wird, Unendlichkeiten, und vollends vervielfältigte
+Unendlichkeiten, einfache (letzte) und =unendlich= zahlreiche Punkte zu
+sondern und festzuhalten; je mehr wir geneigt sind, unsrer
+sinnlich-endlichen, bildergewöhnten Einbildungs- und Fassungskraft
+ausschließlich zu folgen und zu vertrauen: um desto wichtiger ist es,
+sich der apriorischen Gründe bewußt zu werden, auf welchen ein Satz, den
+unsre nur Endliches umfassende Vorstellungskraft beständig zu widerlegen
+scheint, gefestigt ruht. Sind diese unwidersprechlich, so vermögen wir
+fortan, dort wenigstens wo es begreifliche Erkenntniß und
+strengwissenschaftliche Schärfe gilt, uns von falschen Vorspieglungen
+und Folgerungen, zu welchen uns fehlerhafte Einbildungen verleiten
+könnten, zu verwahren. Im gemeinen Leben allerdings können wir nicht
+verhindern, daß uns gewöhnlich Bilder unserer Phantasie mehr leiten als
+scharfumrissene Begriffe und daß wir, wie =Leibnitz= sagt, zu drei
+Viertheilen unsers Selbst Empiristen sind; »wir erwarten,« fährt er
+treffend fort, »jeden Tag, daß die Sonne aufgehen werde, weil es bisher
+so geschehen, aber nur der Astronom kennt die vernünftigen Gründe
+davon.«
+
+Bevor wir aber zu unserer Darstellung des Beweises übergehen, bedarf es
+zunächst einer näheren Betrachtung des Begriffs der =Aehnlichkeit=.
+Aehnliche Dinge heißen im Allgemeinen und im täglichen Leben solche, die
+theilweise gleich, theilweise verschieden, und dabei von solcher
+Beschaffenheit sind, daß man sie leicht mit einander verwechselt. Der
+Mathematiker jedoch und also auch der Geometer bedient sich dieses Worts
+in einer engern Bedeutung, und bestimmt die Beschaffenheiten selbst
+genauer, die Dingen gemeinschaftlich sein müssen, um in seinem Sinne
+ähnlich zu heißen. Bloß äußerliche, zufällig übereinstimmende
+Beschaffenheiten reichen dazu nicht hin. Ein Dreieck und Viereck, die
+beide zwei Quadratzoll Flächenraum haben, werden darum noch nicht leicht
+verwechselt werden können. Dagegen werden zwei Dreiecke, deren Seiten
+beiderseits unter einander ein Verhältniß wie 3 : 4 : 5 haben, mit Recht
+schon ähnlich heißen dürfen, wenn auch die Seiten des Einen 3, 4 und 5
+Zoll, die des Andern nur 9, 12 und 15 Linien lang sind. Denn das
+Verhältniß der Seiten unter einander, das mit ihrer Maßeinheit nichts zu
+thun hat, ist dasselbe geblieben. Von dieser Maßeinheit, sei sie nun
+Metre, Zoll, Linie oder was immer sonst, ist es ganz unmöglich, Jemand
+einen Begriff beizubringen, wenn ich sie ihm nicht aufzeige, sie ihn
+=anschauen= lasse, ihm einen wirklichen Maßgegenstand, eine Elle etwa
+oder etwas der Art, vorweise. Hat er aber einmal die Anschauung der
+Maßeinheit, so läßt sich das Verhältniß einer gegebenen Länge zu
+derselben, ohne weitere =Hinweisung= auf einen bestimmten Gegenstand,
+durch bloße =Worte= bezeichnen. Ich sage: diese Stange ist fünf Fuß
+lang, und er hat die Anschauung eines Fußes bereits gehabt, so weiß er,
+was er sich bei fünf Fuß Länge vorzustellen habe. Die letztere
+Eigenschaft, sich durch bloße Worte begreiflich machen zu lassen, ohne
+der Anschauung eines bestimmten Einzelgegenstandes zu bedürfen, ist das
+untrügliche Kennzeichen solcher Beschaffenheiten, die sich durch =reine
+Begriffe= auffassen lassen. Haben nun mehrere Gegenstände alle innern,
+durch bloße Begriffe ohne irgend eine Anschauung, ausdrückbare
+Beschaffenheiten gemein, wie oben die Dreiecke das Verhältniß ihrer
+Seiten unter einander, so heißen sie mathematisch-ähnliche Gegenstände.
+
+Ist dies richtig, so heißt es auch soviel: Sobald zwei Gegenstände im
+mathematischen Sinn, in welchem wir für jetzt das Wort fortwährend
+gebrauchen wollen, ähnlich sind, müssen alle innern, durch Begriffe
+(ohne Zuziehung einer Anschauung) auffaßbare Beschaffenheiten bei beiden
+dieselben sein, und sie lassen sich nur durch unmittelbare =Anschauung=
+oder durch ihre =äußern= Beschaffenheiten, d. i. durch ihre Verhältnisse
+zu bestimmten äußern durch Anschauung gegebenen Gegenständen, von
+einander unterscheiden.
+
+Der Sinn, in welchem hier die Worte Anschauung und Begriff genommen
+werden, tritt wohl schon aus den angeführten Beispielen hinlänglich
+hervor, dennoch wird es nicht überflüssig sein, besonders über das
+Erstere, welches seit =Kant= in so vielfacher Bedeutung Anwendung
+gefunden hat, etwas beizufügen. Die Art, wie man das Wort Anschauung
+gewöhnlich gebraucht, wenn man Vorstellungen, wie: diese Rose, dieses
+Haus u. dgl. dadurch bezeichnet, läßt eine dreifache Auslegung zu; man
+kann bald nur das Wort: dieses, bald: Rose, Haus &c., bald beide
+zusammen genommen hervorgehoben wissen wollen. Die zweite Auslegung
+bezeichnet, wie Jedermann zugibt, keine =bloße Anschauung= eines
+einzelnen individuellen Gegenstandes, sondern in der That einen
+=Gemeinbegriff=, der viele Gegenstände, die Rosen, Häuser u. s. w. sind,
+umfaßt. Von diesen vielen Gegenständen, die unter denselben Begriff
+fallen, wollen wir aber zuweilen Einen ausscheiden, indem wir sagen, daß
+wir ihn anschauen; dazu bedienen wir uns des Demonstrativs: =diese= Rose
+(und keine andere), =dieses= Haus, u. s. w. Nach dieser (der ersten)
+Auslegung wollen wir mit den beigefügten Worten: Rose, Baum, Haus nur
+andeuten, daß =dieser= Gegenstand, den wir so eben anschauen, unter den
+=Begriff=: Rose, Baum u. s. w. gehört. Der Accent ruht daher auf dem
+=Dies=, welches den angeschauten Gegenstand von allen übrigen
+ausscheidet und als Gegenstand der Anschauung bezeichnet, gleichviel ob
+er Rose oder Baum oder etwas Anderes ist. Angeschaut wird daher nur das
+reine =Dies=, der einzelne Gegenstand. Die Vorstellung dieses Dies
+selbst ist eine =einfache= Vorstellung, in welcher sich weiter keine
+Theile unterscheiden lassen, ungeachtet ihr Gegenstand sehr
+zusammengesetzt sein mag. Denn es ist keineswegs nothwendig, daß die
+Theile des Gegenstands auch durch Theilvorstellungen in der Vorstellung
+desselben repräsentirt werden. So ist die Vorstellung: Uhr gewiß nicht
+aus den Vorstellungen der Theile einer Uhr zusammengesetzt, da diese
+letzteren bei verschiedenen (z. B. Wand-, Taschen-, Sonnen-, Sanduhren)
+sehr verschieden sind. Fände es in der That statt, so müßten auch
+=einfache= Gegenstände immer nur durch =einfache= Begriffe vorgestellt
+werden. Davon macht aber schon die Vorstellung der Gottheit eine
+Ausnahme. Diese als Gegenstand ist eine einfache Substanz, ihr Begriff
+als das Wesen, welches keinen Grund seines Daseins hat, ist
+=zusammengesetzt=. Was wir daher Anschauung nennen, ist in der That eine
+=einfache Einzelvorstellung=. Daraus folgt schon, daß nicht zwei
+Anschauungen einige Theile gemein, andere verschiedenartig besitzen
+können, daß mithin je zwei Anschauungen, entweder ein und dieselbe, oder
+in Folge verschiedener subjectiver Auffassung völlig disparat sein
+müssen; daß ferner die Zusätze: Rose, Baum u. s. w. nur hinzugefügt
+werden, um die =Gattung= zu bezeichnen, welcher der Gegenstand des
+»Dies« angehört, und ein Dies vom andern für die Mittheilung =möglichst=
+zu unterscheiden. Denn ein einzelnes Dies läßt sich, genau so wie es
+vorgestellt worden, gar nicht mittheilen, außer durch Hinweisung auf den
+Gegenstand selbst, durch welchen es erzeugt worden, und sogar die
+Anschauungen desselben Gegenstandes werden, in verschiedenen Seelen und
+unter verschiedenen Umständen empfangen, einander nicht völlig gleich
+sein. Daher die Verschiedenheit der sogenannten sinnlichen Begriffe,
+eigentlich der in verschiedenen Individuen aus der Erscheinung
+abstrahirten sinnlichen Bilder; die Erfahrung, daß verschiedene Menschen
+bei denselben Worten Verschiedenes denken u. dgl. m.
+
+Anschauungen heißen sonach einfache Einzelvorstellungen, welche unter
+der Form: =Dies= auftreten. Beide Merkmale sind nothwendig, denn es gibt
+einfache Vorstellungen, die nicht Einzelvorstellungen sind, und
+Einzelvorstellungen, die nicht einfach sind. Von der ersten Art sind
+z.B. die Begriffe: Grund, Folge, Ursache, Wirkung u. A. die einfach
+sind, welchen aber viele, theils wirkliche Gegenstände, theils bloße
+Sätze an sich unterstehen. Von der letztern Art ist, wie schon erwähnt,
+der Begriff der unbedingten, grundlosen Substanz, welche nur einen
+einzigen Gegenstand -- die Gottheit -- hat. Weder eine Vorstellung der
+erstern noch der letztern Art ist eine Anschauung, sondern sie sind
+=Begriffe=. Begriffe heißen im Allgemeinen alle unsere Vorstellungen,
+welche nicht Anschauungen, also alle, welche zusammengesetzt sind oder
+mehrere Gegenstände haben. Nach den Bestandtheilen, aus welchen sie
+zusammengesetzt sind, zerfallen sie selbst wieder in =gemischte= und in
+=reine= Begriffe. Erstere sind solche, welche in ihren nähern oder
+entferntern Bestandtheilen Anschauungen enthalten; letztere solche,
+welche entweder =einfach= oder doch aus durchgehends =reinen= Begriffen
+zusammengesetzt sind. Von der letzten Art sind die meisten
+mathematischen. Um daher einen reinen Begriff zu erklären, bedarf es
+durchaus keiner Hinweisung auf eine Anschauung, oder überhaupt auf
+Etwas, welches sich nicht mittels bloßer Worte, ohne Vorzeigung eines
+bestimmten Gegenstandes, mittheilen und begreiflich machen ließe. Sätze,
+die aus reinen Begriffen zusammengesetzt sind, führen den Namen:
+Begriffssätze; alle jene, in welchen als näherer oder entfernterer
+Bestandtheil eine Anschauung Platz greift, gehören zu den
+Erfahrungssätzen. Unter den Begriffssätzen kann es nun, wie begreiflich,
+auch solche geben, die aus durchgehends einfachen Begriffen
+zusammengesetzt sind. Diese, als die einfachsten, werden sich am besten
+zu Grundsätzen und Anfangssätzen eines wissenschaftlichen Lehrgebäudes
+eignen; in welchem es ohnedies der wissenschaftliche Gang erfordert, vom
+Einfachen zum Zusammengesetzten fortzuschreiten. Wie folgenreich diese
+Begriffsbestimmungen auch für die Geometrie sind, davon gibt ihre
+Anwendung auf den Begriff der Aehnlichkeit, und dessen hinwieder auf den
+vorliegenden Fall, ein Beispiel, das anschaulich genug ist.
+
+Es ist von selbst klar, daß reine Begriffe und reine Anschauungen völlig
+incommensurabel sind, und weder jene aus diesen, noch diese aus jenen
+sich bilden können. Daraus folgt, daß Wahrheiten, welche aus bloßen
+reinen Begriffen zusammengesetzt sind, nur wieder aus eben solchen
+Wahrheiten objectiv abgeleitet werden können, und eben so, daß sich in
+Folgerungen aus gemischten, d. i. aus Anschauungen und Begriffen
+bestehenden Sätzen wieder Anschauungen vorfinden müssen.
+
+Wenden wir dies auf das Verhältniß zwischen den =zeitlichen= und
+=räumlichen= Bestimmungen der Dinge an. Beide verhalten sich zu einander
+wie Grund und Folge, so daß jene die Bedingung abgeben, daß in diesen
+eine Veränderung eintrete, weil eine jede Veränderung Zeit bedarf. Man
+kann daher die letztern aus den erstern ableiten, und aus dem
+unmittelbar Vorhergehenden folgt, daß sobald sich in den zeitlichen
+Bestimmungen (dem Grunde) etwas vorfindet, was nicht durch reine
+Begriffe, sondern nur durch Anschauungen im vorerwähnten Sinn
+ausgedrückt werden kann, diesem ähnliche, nur durch Anschauungen
+bestimmbare Umstände in der vollständigen räumlichen Folge entsprechen
+müssen. Eine solche ausschließlich durch reine Begriffe nicht
+darstellbare Zeitbestimmung ist z. B. die Bestimmung eines einzelnen
+Zeitpunktes. Sie läßt sich nicht anders erreichen, als durch Angabe
+eines in diesem Zeitmomente eben vorhandenen Zustandes, d. i. durch
+Angabe eines Dies, einer Anschauung. Nicht weniger unbestimmbar durch
+reine Begriffe ist auch die absolute Entfernung zweier Raumpunkte von
+einander. Eine solche ist nur durch Vergleichung mit einer einmal als
+gegeben angenommenen, z. B. der Dauer des Pendelschwungs einer
+Secundenuhr möglich. Die Dauer eines Pendelschlags aber wird nur durch
+Anschauung gegeben. Die Angabe der Entfernung jedoch, die irgend ein
+Zeitpunkt von einem als fix gegebenen hat, würde noch nicht hinreichen,
+denselben vollständig zu bestimmen. Denn da die Zeit Ausdehnung besitzt,
+so würde es jederzeit zwei Punkte auf den entgegengesetzten Seiten des
+fixen geben, welche von dem letztern gleiche Entfernung hätten. Um auch
+diese Zweideutigkeit aufzuheben, muß die Angabe noch hinzukommen, ob der
+zu bestimmende Zeitpunkt früher oder später als der fixe zu suchen sei.
+Auch dieser Umstand läßt sich nicht anders, als durch Anschauung
+bestimmen, etwa dadurch, daß wir in dem Momente, da wir die Vorstellung
+_a_ haben, uns erinnern, auch die ähnliche α schon gehabt zu haben, was
+daher nothwendig in einem vorhergehenden Zeitpunkte geschehen sein muß.
+Die genannten drei Angaben reichen jedoch hin, jeden beliebigen Punkt in
+der Zeit vollständig zu bestimmen. Den Beweis davon liefert die
+Chronologie, die mittels der Anschauung, z. B. der Geburt des Heilands,
+einen fixen Punkt bestimmt; durch die Anschauung z. B. des scheinbaren
+Sonnen- und wahren Erdenlaufs die Zeitdauer eines Jahres mißt, und nun
+jeden andern Punkt in der Zeit durch das Verhältniß seiner Entfernung
+von dem fixen Punkt zu der Länge eines Jahres und durch den Umstand
+bestimmt, ob dieser Zeitpunkt früher oder später als der Zeitpunkt der
+Geburt Christi falle.
+
+Verhalten sich nun die Raumbestimmungen zu den Zeitbestimmungen wie
+Folgen, so muß es auch in ihnen Umstände geben, die sich nur mittels
+Anschauungen bestimmen lassen; es können ihrer aber zugleich auch nicht
+mehrere sein, als die Zeitbestimmungen enthalten. Dennoch reichen bei
+ihnen nicht =ein= fixer Punkt, =eine= gegebene Entfernung und das
+Früher- oder Spätersein des Punktes zu, sondern es müssen, um jeden
+beliebigen Punkt durch Hilfe reiner Begriffe seiner Lage nach
+vollständig festzustellen, wenigstens vier Punkte im Raum durch
+Anschauung gegeben sein. Denn da Raumbestimmungen erst dann eintreten,
+wenn ein Verändertwerden oder Verändern der Substanzen vorausgesetzt
+wird, dazu aber wenigstens zwei Substanzen, also auch zwei Orte
+erfordert werden, so haben wir statt des =einen= fixen Zeitpunkts gleich
+ein =System zweier= Punkte, von denen jeder sich eben so wenig wie ein
+einzelner Zeitpunkt anders als durch die =Anschauung=, die sich auf die
+gerade in demselben vorhandenen Substanzen bezieht, bestimmen läßt.
+Daraus folgt sogleich, daß alle Systeme zweier Punkte, weil sie nur
+durch Anschauung gegeben, also nur durch solche unterscheidbar sind,
+daher alle innern durch reine Begriffe darstellbaren Beschaffenheiten
+gemein haben müssen, einander =ähnlich= sein werden.
+
+Die beiden fernern begrifflichen Unbestimmtheiten in der Zeit führen
+eben so viele weitere im Raume herbei. Soll aus dem Wirken der beiden
+Substanzen irgend eine Veränderung, z. B. Ortsveränderung, hervorgehen,
+so ist dazu wenigstens noch ein Ort erforderlich, der zu den beiden
+ersten hinzukommt. Der durch Begriffe nicht bestimmbaren Entfernung
+zwischen zwei Zeitpunkten entspricht daher die begriffliche
+Unbestimmbarkeit =dreier= Orte im Raum. An die Stelle der dritten
+Unbestimmtheit in der Zeit, des Früher- oder Späterseins, tritt im Raum
+noch die Annahme eines =vierten= Ortes, dessen Lage gegen die drei
+andern nicht durch reine Begriffe bestimmt werden kann. Sind diese vier
+Punkte, welche den Coordinaten des Punktes nach den drei Dimensionen des
+Raumes entsprechen, durch Anschauung gegeben, so läßt sich, wie bekannt,
+jeder andere Punkt im Raume durch seine bloßen Verhältnisse zu den
+gegebenen Stücken vollständig bestimmen.
+
+Mit Hilfe des Vorhergehenden reducirt sich unsere Aufgabe, die
+Unmöglichkeit nächster Raumpunkte zu erweisen, auf einen ganz speciellen
+Fall. Gelingt es nur von irgend einem bestimmten System zweier
+Raumpunkte mittels reiner Begriffe nachzuweisen, daß beide einen dritten
+zwischen sich haben, so gilt das Gleiche von allen Systemen zweier
+Punkte, weil alle einander ähnlich sind und dieselben =innern=
+Beschaffenheiten besitzen. Es handelt sich sonach nur darum, nichts
+einzumengen, was nicht durch reine Begriffe ausdrückbar ist, natürlich
+mit Ausnahme der vier aus der Natur der räumlichen Bestimmungen
+folgenden Unbestimmtheiten. Wenn wir uns daher in der folgenden
+Deduction der Buchstaben zur Bezeichnung gewisser Punkte bedienen, so
+geschieht dies nur der Abkürzung wegen. Es sind keineswegs innerlich
+verschiedene, sondern Punkte und Entfernungen von der Art, daß ihnen
+auch beliebige andere substituirt werden können, sobald sie nur dasselbe
+Verhältniß unter einander haben.
+
+Nehmen wir daher von einem beliebigen Punkte _O_ zwei Richtungen
+ausgehend an in solcher Weise, daß zwei in denselben liegende
+(beliebige) von einander verschiedene Punkte _M_ und _N_ eine Entfernung
+von einander haben, welche der Summe ihrer Entfernungen vom
+gemeinschaftlichen Ausgangspunkte _O_ der Richtungen gleich ist, so daß
+
+ _M O_ + _O N_ = _M N_,
+
+so heißen die =Richtungen= _O M_ und _O N_ entgegengesetzt, und die
+Punkte _M_ und _N_ selbst auf entgegengesetzten Seiten des Punktes _O_
+liegend. Ein Punkt aber, der so gelegen ist, daß man ausgehend von ihm
+nach zwei entgegengesetzten Richtungen, in der einen derselben zum
+Punkte _M_, in der andern zum Punkte _N_ gelangt, heißt =zwischen=
+diesen Punkten _M_ und _N_ gelegen.
+
+Wir haben daher sogleich an dem eben construirten System der beiden
+Punkte _M_ und _N_ ein System zweier Punkte, welche einen dritten
+zwischen sich besitzen. Und da nach dem Vorhergehenden jedes System
+zweier Punkte jedem andern eben solchen ähnlich ist, so folgt, daß die
+Beschaffenheit, welche sich mittels reiner Begriffe ausdrücken läßt, wie
+folgt: »Jedes System zweier Punkte besitzt einen dritten so gelegenen,
+daß man in zwei von demselben ausgehenden entgegengesetzten Richtungen
+fortschreitend, in der einen nach dem einen, in der andern nach dem
+zweiten Punkte gelangt,« =jedem= System zweier Punkte zukomme, oder daß
+je zwei Punkte einen dritten zwischen sich haben, oder daß nicht zwei
+Punkte einander die nächsten sein können.
+
+Dieser Beweisführung läßt sich wenigstens nicht vorwerfen, was die
+Gegner gern thun, daß der Begriff einer jedesmaligen Entfernung je
+zweier Raumpunkte unter einander, der erst erwiesen werden soll,
+stillschweigend schon vorausgesetzt werde. Denn bei der Annahme des
+Systems zweier Punkte ist von der =Entfernung= derselben unter einander
+noch gar keine Erwähnung geschehen. Die Unbestimmbarkeit eines solchen
+Systems durch reine Begriffe, wovon einzig die Rede war, ergibt sich aus
+andern Gründen, und zwar unmittelbar aus der Unbestimmbarkeit des
+einfachen =Zeittheils= durch reine Begriffe. Wir gerathen daher gar
+nicht in die Nothwendigkeit, ein reines Aneinander, eine Null der
+Entfernung erst hinwegzuräumen, weil wir die Frage nach der Entfernung
+völlig bei Seite liegen lassen. Die Kraft des Beweises stützt sich
+vielmehr lediglich auf den Begriff der Aehnlichkeit, mit dessen Hilfe,
+was von einem System zweier Punkte durch den Augenschein als giltig
+erwiesen worden, auf alle Systeme dieser Art ausgedehnt wird. Als
+directe =Folgerungen= fließen hieraus die Sätze: daß zwischen zwei
+Punkten eine Entfernung statthaben müsse, weil je zwei einen mittlern
+zwischen sich besitzen, und eben so: daß alle Entfernungen einander
+ähnlich sein müssen, weil es sämmtlich Systeme zweier Punkte sind, zu
+deren =innern= Beschaffenheiten die Entfernung gehört.
+
+Nicht so streng direct, wie der eben angeführte, aber doch mit
+hinreichender Gewißheit, läßt sich behufs der Widerlegung der zweiten
+Auslegungsweise unmittelbarer Wirkungen als Wirkungen nächster
+Substanzen, zwischen welchen sich =leerer= Raum befindet, der Beweis für
+die stetige Erfüllung des Raumes führen. Allerdings würde diese
+unmittelbar eine Folge der Existenz des allervollkommensten Wesens sein,
+dessen Eigenschaften es verlangen, daß es, um dem obersten Sittengesetze
+zu genügen, so viele Wesen zur Glückseligkeit geschaffen habe, als nur
+überhaupt an sich möglich war. Ihre Möglichkeiten zu existiren, sind die
+Orte, an welchen sie existiren. Bliebe einer derselben unerfüllt, so
+ginge auch die Möglichkeit eines der Glückseligkeit fähigen Wesens nicht
+in Wirklichkeit über.
+
+Wenn man diesen Beweis vermeiden will, weil er sich, wie man glauben
+könnte, auf theoretisch nicht streng genug erweisbare Sätze stützt, so
+liefert uns derselbe Begriff der Aehnlichkeit, der in der Geometrie von
+der folgenreichsten Verwendbarkeit ist, sogleich Mittel zu einem andern.
+Nach dem oben Erwähnten besitzt jedes System zweier Punkte eine
+Entfernung und sind =alle= Entfernungen einander ähnlich. Sind aber alle
+Systeme zweier Punkte einander ähnlich, so sind es auch alle einzelnen
+=Punkte= des Raums. Denn wären diese es nicht, so wäre die innere
+Verschiedenheit der Punkte, aus welchen das System besteht, auch eine
+innere Verschiedenheit der =Systeme= zweier Punkte selbst, und daher
+keineswegs die letztern sämmtlich unter einander ähnlich.
+
+Die Aehnlichkeit aller einfachen Raumpunkte hat zur Folge, daß sich kein
+innerer, in dem Wesen irgend eines Punkts liegender Grund auffinden
+läßt, warum er weniger als ein anderer geeignet sein sollte, zum Ort
+eines einfachen Wesens zu dienen. Es läßt sich daher durchaus kein Grund
+aus reinen Begriffen namhaft machen, warum, wenn gewisse Punkte erfüllt
+sind, nicht =alle= erfüllt sein sollen. Daß aber wenigstens einige
+Punkte erfüllt seien, daran können wir um so weniger zweifeln, als ja
+wenigstens unser eigenes Ich, unsre eigene Seele irgend einen Ort im
+Raume einnimmt(123). Dem Gegner der stetigen Raumerfüllung bleibt die
+Last des Beweises vorbehalten, daß es einen Grund gebe, um deswillen
+nicht alle Orte des Raumes gleichgut zur Aufnahme einfacher Substanzen
+geschickt sein sollen. Die Auffindung eines solchen dürfte um so
+schwieriger sein, da die Möglichkeit des allseitigen Erfülltseins des
+Raumes eine absolute, eine aus theoretischen Wahrheiten abfolgende ist,
+und auch praktische oder moralische Gründe nicht dagegen, wohl aber
+unter Voraussetzung eines vernünftigen Welturhebers, sehr nachdrücklich
+dafür sprechen. So sehr wir daher auch der Meinung sind, daß sich für
+die Existenz des vollkommensten Wesens, welche in der frühern Fassung
+des Beweises vorausgesetzt wurde, die entscheidendsten Beweise angeben
+lassen; so sollte der letztangeführte Grund selbst dem Atheisten
+genügen, da er einsehen muß, daß die Möglichkeit allseitiger
+Raumerfüllung eine an sich absolut vorhandene, und nicht erst durch die
+Voraussetzung eines weisen Welturhebers bedingte ist. Da aber eine
+Möglichkeit in ihr selbst oder außer ihr liegende Gründe verlangt, warum
+sie nicht zur Wirklichkeit gelangt, so hat Jeder, der die stetige
+Raumerfüllung bestreitet, die Verpflichtung auf sich dergleichen
+nachzuweisen. So lange dies nicht geschehen, haben wir von unserer Seite
+keinen Grund, von der Annahme der allseitigen Erfüllung des Raumes
+abzugehen. Kann die letztere daher auch nicht für eine direct bewiesene
+gelten, so gründet sie sich doch auf als wahr anerkannte, rein
+apriorische Sätze, die widerlegt sein wollen, eh' sie selbst verworfen
+werden kann.
+
+ (123) =Kant= in den Träumen eines Geistersehers (S. W. v.
+ =Rosenkranz= VII.) läugnet zwar, daß ein geistiges Wesen einen Raum zu
+ erfüllen vermöge, gibt aber zu, daß materielle einfache Wesen einen
+ Punkt im Raume erfüllen. »Wesen (S. 38), welche die Eigenschaft der
+ Undurchdringlichkeit nicht an sich haben, werden, so viel man deren
+ vereinigt, niemals ein solides Ganze ausmachen .... es sind
+ immaterielle Wesen, und wenn sie Vernunft haben, Geister. Denn,« fährt
+ er fort, »eine Masse, die einen Kubikfuß ausfüllt, wird Niemand einen
+ Geist, sondern Materie nennen. Füge ich nun einen Geist hinzu, so muß
+ entweder ein einfaches Theilchen jener Masse austreten, damit der
+ Geist Platz habe, oder der Letztere darf gar keinen Raum darin
+ einnehmen. Im erstern Fall muß bei Hinzuthat eines zweiten Geistes ein
+ zweites Massentheilchen den Raum verlassen, ein drittes eben so, und
+ so geht es fort, bis zuletzt ein Klumpen von Geistern da ist, eben so
+ undurchdringlich, wie vorher die Materie, und daher von ihr ganz und
+ gar nicht verschieden, was man kaum zugeben wird. Bedarf der Geist
+ aber keinen Platz, so ist er auch immateriell und erfüllt keinen
+ Raum.« Ob übrigens Wesen letzterer Art möglich seien, läßt =Kant=
+ dahingestellt. Wenn aber der Satz richtig ist, daß zwei Punkte
+ einander niemals die nächsten sein können, so ist das obige
+ Raisonnement schon deshalb außer Giltigkeit, weil gar keine
+ Nothwendigkeit vorhanden ist, daß wo der Geist eintritt, ein einfaches
+ materielles Wesen deshalb hinaus müßte, selbst wenn der Geist einen
+ Ort, wie ein materielles Wesen ausfüllte. Dies Ausfüllen ist aber doch
+ sowohl vom Geiste, als von der materiellen Einheit, welcher letztern
+ es =Kant= selbst zugesteht, nur =bildlich= zu verstehen. Gewöhnlich
+ braucht man dieses Wort, um damit das Erfüllen eines Raumes
+ anzudeuten, der bereits eine gewisse Ausdehnung hat. Ein einfacher
+ Raumtheil, dergleichen der Ort der »materiellen Einheit« so gut, wie
+ der des Geistes sein muß, hat keine Ausdehnung. Er ist nichts, als der
+ Grund, welcher zur Erklärung dient, warum ein einfaches veränderliches
+ Wesen binnen gewisser Zeit gerade diese und keine andern Veränderungen
+ theils erleidet, theils ausübt. Ein Grund dieser Art muß sowohl bei
+ der materiellen Einheit als beim Geiste vorhanden sein, denn beide
+ sind veränderliche Wesen. Oder wäre der Geist als Immaterielles dies
+ nicht? Dann müßte er unveränderlich, also unendlich, also die Gottheit
+ selbst sein. Das sind wenigstens Geister von der Gattung unseres Ich
+ nicht. Warum sollte daher der Geist keinen Ort einnehmen können? Ja
+ warum soll er nicht eben so gut seinen Ort =allein= einnehmen können,
+ wie die »materielle Einheit« thun soll? Warum soll endlich einem
+ »Klumpen von Geistern,« vorausgesetzt, daß er aus einer unendlichen
+ Menge von Geistern besteht, deren jeder nach dem Vorhergegangenen
+ seinen einfachen Ort als veränderliches Wesen einnimmt, nicht
+ Ausdehnung, Massenhaftigkeit, kurz jede der Eigenschaften zukommen,
+ welche man gewöhnlich der Materie beilegt, ohne daß dadurch die
+ einfachen Geister, die ihn ausmachen, genöthigt werden, selbst
+ ausgedehnt, massenhaft, etwa gar zusammengesetzt u. s. w. zu sein?
+ Können einem Ganzen nicht Eigenschaften zukommen, die den Theilen
+ fremd sind? Wir brauchen dabei blos an sich neutralisirende chemische
+ Verbindungen zu erinnern. =Tafel= in der kleinen Schrift über =Kant='s
+ Verhältnis zu =Swedenborg= (Tübingen 1845) hat diese Ansichten
+ =Kant='s über die Immaterialität und Unräumlichkeit der Seele erst
+ neuerlich wieder aufgenommen. Auch er fürchtet, daß die Erkenntniß der
+ Gleichartigkeit zwischen Geistern und »materiellen Einheiten,« die ja
+ doch auch nichts weiter sein können, als einfache Substanzen zum
+ »Materialismus« führe. Richtiger wäre es vielleicht: zum
+ =Spiritualismus=, denn sie vergeistigt auch die Elemente der Materie,
+ statt die Geister zur Materie herabzusetzen. Zwischen geistigen
+ und materiellen Einheiten kann keine andere als eine bloße
+ Gradverschiedenheit statthaben. Die Annahme eines specifischen
+ Unterschieds Beider in Betreff ihrer innern Beschaffenheit sowohl als
+ ihrer räumlichen Verhältnisse führt auf so seltsame Annahmen, wie
+ =Tafel='s (nach =Herbart='s Vorgang) gemachte Voraussetzung eines
+ doppelten Raumes. Die immateriellen Wesen sollen außerhalb des Raumes
+ sein, und doch in Verhältnissen, die unter sich »Figuren, Gestalten«
+ und »räumliche Formen« bilden. Sie befinden sich in einem Analogon des
+ Raumes, der keiner ist, und doch wie ein solcher aussieht. Wie dadurch
+ Raum und Zeit zu bloßen, die Dinge selbst nichts angehenden Denkformen
+ werden, haben wir oben schon in dem Abschnitt über die Selbsterhaltung
+ zu zeigen versucht.
+
+Stehen nun die zwei Sätze: je zwei Punkte haben einen dritten zwischen
+sich, und: der Raum ist allseitig stetig erfüllt, apriorisch fest; so
+beruht auf ihnen auch die Lösung der vorangeführten Schwierigkeiten. Es
+darf nicht mehr befremden, daß wir durch wirkliche Theilung nimmermehr
+zu Punkten gelangen, welche so beschaffen wären, daß wir die Linie durch
+deren Aneinanderlegung (!) zu construiren vermöchten, weil solche
+nächste Punkte an sich unmöglich sind. Wir dürfen nicht mehr daran
+zweifeln, daß dieselben Atome, die bisher in unendlicher Menge und
+stetigem Zusammenhang einen weiter ausgedehnten Raum erfüllten, auch in
+einem viel enger begrenzten Raume Platz finden können, welchen sie
+gleichfalls stetig erfüllen. In allen diesen Fällen ist es der Umstand,
+daß zwischen je zwei Raumpunkten noch ein dritter und dies fortgesetzt,
+eine ganze unendliche Menge von Orten liege, der unsere Bedenklichkeiten
+behebt; aber aufgeben müssen wir es desungeachtet aus demselben Grunde,
+zusammengesetzte Raumdinge und den Raum selbst etwa auf ähnliche Weise
+aus ihren einfachen Bestandtheilen Stück für Stück zusammensetzen und
+construiren zu wollen, wie man Sandkörner zu einem Haufen zusammenträgt.
+
+Um dieses Construiren handelt es sich aber auch gar nicht, sondern um
+die Erkenntniß und den Beweis gewisser Wahrheiten. Sind diese einmal
+außer Zweifel gesetzt, welches bei Erfahrungssätzen durch die Erfahrung
+selbst und den Augenschein, bei Begriffssätzen aber wieder nur durch
+bereits anerkannte Begriffswahrheiten möglich ist; widersprechen sie
+also keiner reinen Begriffswahrheit, sondern folgen vielmehr aus einer
+oder mehreren solchen: so besitzen auch ihre Gegenstände die
+Beschaffenheiten, welche sie von ihnen aussagen, mit Nothwendigkeit, und
+wir können dessen gewiß sein, selbst wenn wir sie an den Dingen nicht
+empirisch nachzuweisen vermögen. Eine ganz andere Frage ist es, ob wir
+von diesen Beschaffenheiten der Dinge uns mittels unserer
+Einbildungskraft ein wie immer vollständiges »Bild« zu entwerfen im
+Stande seien, und diese wird sich in sehr vielen Fällen verneinen
+lassen. Vom Einfachen, vom Unendlichen vermag sich das Denken wohl einen
+Begriff, die Einbildungskraft aber kein Bild zu machen. Darum wäre es
+gleichwohl irrig, zu sagen, daß wir die Begriffe des Einfachen und
+Unendlichen nicht hätten. Haben wir sie nicht, indem wir davon sprechen?
+Sagen wir nicht sogar von den Gegenständen, den einfachen sowohl als den
+unendlichen, manche unbezweifelte Beschaffenheit aus, ohne sie sinnlich
+wahrnehmen zu können, z. B. gleich, daß wir uns von den erstern kein
+Bild zu machen im Stande sind, oder daß wir mit der Zählung des letztern
+niemals fertig werden u. s. w.? Sagt man also wohl mit Recht, man könne
+diese Begriffe nicht =denken=, und die Schwierigkeiten der
+Raumconstruction seien deshalb unauflöslich und die Stetigkeit des
+Raumes, die sich aus streng apriorischen Gründen darthun läßt, selbst
+verwerflich, weil ihr die construirende Einbildungskraft nicht zu folgen
+vermag? Gesteht doch selbst =Fischer=, obgleich er für seine Person
+nicht weniger dagegen handelt: »Diejenigen, deren wissenschaftliche
+Beschäftigung ganz im Gebiete der Anschaulichkeit liegt, glauben Mangel
+an Deutlichkeit und Befriedigung des Verstandes zu finden, wo sie die
+Anschaulichkeit vermissen. Aber Deutlichkeit ist Sache des Verstandes,
+nicht des Anschauungsvermögens, und das, was blos gedacht, aber nicht
+angeschaut wird, ist vollkommen deutlich, wenn es mit vollem Bewußtsein
+gedacht wird und nach den Gesetzen des Denkens nicht anders gedacht
+werden kann(124).« Dasselbe ist hier der Fall. Zwei unumstößliche
+Lehrsätze, die sich streng erweisen lassen, zwingen uns den Raum stetig
+zusammenhängend und stetig erfüllt zu denken; das Widerstreben unsers
+Vorstellens entsteht aus natürlicher Beschränktheit unsrer
+Einbildungskraft, die das begrifflich Gedachte auch bildlich anschauen
+will, was bei einfachen Punkten und unendlicher Anzahl nicht gelingen
+kann. Während die Einführung der reinen Aneinander offenbar der
+erwiesenen Begriffswahrheit, daß sich je zwei Punkte nur entweder im
+Ineinander, wo sie derselbe Punkt sind, oder im Auseinander, wo dann ein
+=Zwischen= nothwendig wird, befinden können, geradezu widerstreitet, und
+auf diese Weise richtige Raumvorstellungen aus einer erweislich falschen
+abgeleitet werden sollen: tritt unsre begriffliche Erkenntniß nur mit
+der fehlerhaften Angewöhnung unsrer Phantasie in Widerspruch, an die
+Stelle des begrifflich Erfaßten ein sinnliches Schema schieben, das
+Unendliche verendlichen, das Nieanschaubare anschauen zu wollen. Diese
+sinnlich erreichbar und construirbar sein sollende ist die wahre
+»schlechte« Unendlichkeit, für welche die Dialektik mit so viel Unrecht
+den Proceß _in infinitum_ überhaupt und die unendliche Zahlenreihe
+ausgegeben hat. Das Unendliche einer Zahlenreihe, die unendliche einen
+Körper oder ein Raumding erfüllende Menge von Punkten ist darum weder
+=unbestimmt= noch =unbegrenzt=. Sagen wir z. B. »die Reihe aller
+Primzahlen,« so ist dadurch jedes Glied, das in diese Reihe gehört,
+genau =bestimmt=, und jedes Ungehörige eben so ausgeschlossen, wenn wir
+auch weder jedes einzelne Glied mit Namen, noch ihrer aller Summe
+anzugeben wissen. Spreche ich von dem Inbegriff sämmtlicher innerhalb
+des Umfangs des Dreieckes _A B C_ in derselben Fläche gelegenen Punkte,
+so habe ich damit nicht nur alle außerhalb dieses Umfangs vorhandenen,
+sondern auch die Punkte des Umfangs selbst ausgeschlossen, und dadurch
+die unendliche Menge der innern Punkte so genau =bestimmt=, daß kein
+Zweifel mehr entstehen kann, ob irgend ein wo immer belegener Punkt zu
+den innern oder den äußern, oder den Punkten des Umfangs gehöre. Auf
+gleiche Weise bestimmt sich die unendliche Menge der Punkte, welche die
+Linie _a b_ oder den Körper _A B C D_ ausmachen. Daraus erhellt, daß gar
+kein Widerspruch in dem Umstande liegt, daß z. B. die Linie _a b_
+=zugleich=, aber in =verschiedener= Hinsicht, =endlich= und =unendlich=;
+die Summe einer unendlichen Reihe z. B. sämmtlicher zwischen den
+natürlichen Zahlen 1 und 2 gelegener Brüche -- einer endlichen Größe:
+der =Einheit= gleich sei, daß somit ein Unendliches nicht nur
+=begrenzt=, sondern auch =genau bestimmt= sein könne.
+
+ (124) Abhandlungen zur Atomenlehre (Berl. Ak. d. W. 1828, S. 88).
+
+Die erwähnten Schwierigkeiten, die dem Raumbegriffe und der Erklärung
+des Unendlichen angehören, mögen einen Theil von jenen ausgemacht haben,
+die nicht nur =Leibnitz=, sondern auch manchen Andern abschrecken
+konnten, den von uns im Sinne seiner Grundsätze angedeuteten Ausweg
+einzuschlagen. In der That, ist unsere, in Uebereinstimmung mit den
+größten Denkern, wie =Plato=, =Aristoteles=, =Zeno=, =Euklides=,
+=Archimedes=, St. =Augustin=, =Thomas von Aquin=, =Scotus=, =Occam=,
+=Newton=, =Leibnitz=, =Boscowich= u. m. a. dem einzigen Epikur und
+einigen Neuen gegenüber vertheidigte Behauptung richtig: so ist die
+bisher versuchte Erklärung des äußern Einflusses, mittels Berufung auf
+unmittelbare d. i. wie man sich einbildete, zwischen =nächsten=
+Raumpunkten oder zwischen =nächsten= Substanzen stattfindende Wirkungen,
+in einer wesentlichen Rücksicht falsch und bedarf der Verbesserung. Das
+Sinnenfällige, welches dieselbe dadurch erhielt, daß man sich beim
+unmittelbaren Einfluß die wirkende und leidende Substanz in nächster
+Nähe, in unmittelbar aneinander anstoßenden Orten, in einer kleinsten
+Entfernung dachte, so daß die _actio_ wohl eine _transiens_, wohl gar
+_in distans_, aber nur in der kleinsten Entfernung, nämlich in der des
+reinen Aneinander war, müssen wir völlig aufgeben. Denn sowohl die
+Annahme, es gebe nächste Raumpunkte, als jene, es gebe einfache
+Substanzen, zwischen welchen sich leerer Raum befinde, verlangt eine
+Unmöglichkeit und steht mit wahren Begriffserkenntnissen im Widerspruch.
+Niemals kann die Distanz, auf welche die unmittelbare Wirkung sich
+erstreckt, eine kleinste werden, weil, so nahe wir uns auch zwei Punkte
+gerückt denken mögen, immer noch eine ganze Unendlichkeit zwischen
+beiden liegt; in keinem Fall kann ein Atom den andern berühren, weil sie
+weder in demselben noch in zwei unmittelbar aneinander stehenden Orten
+befindlich sein können(125), nimmermehr kann eine Durchdringung
+statthaben, weil zwei einfache Wesen nicht in einem einzigen Orte sein
+können. Eben so wenig stichhältig ist auch die Supposition, die wir
+bisher gemacht, daß die Einwirkung immer in der geraden Linie erfolgen
+müsse, oder durch eine dazwischen liegende Substanz aufgehoben würde.
+Bleiben wir bei dem dort angeführten Beispiel von dem Stoße dicht
+aneinander aufgehangener Kugeln, so ist es klar, daß die Einwirkung der
+Ersten auf die Letzte nicht durch die mittlere vermittelt werden muß,
+sondern eben so gut durch eine Seitenbewegung der ersten Kugel in
+halbkreisförmiger Schwingung erfolgen könne. Auch der Stoß der Kugel auf
+der Fläche mittels des Rückpralls von einer elastischen Wand kann
+dasselbe beweisen.
+
+ (125) Vgl. die Anmerk. S. 149.
+
+Ist dem also, so scheint es fast, als sei damit das ganze mühsam
+gewonnene Resultat einer möglichen =äußeren= (unmittelbaren und folglich
+auch mittelbaren) Einwirkung der einfachen Substanzen unter einander,
+völlig über den Haufen geworfen. Wir müssen alle von sinnlichen
+Wahrnehmungen und Vorstellungsweisen hergenommenen Gedanken fallen
+lassen; weder Uebergang materieller Theilchen, noch kleinste Distanz,
+weder Berührung noch Durchdringung sind zulässig, wenn es gilt, den
+äußern Einfluß zu erklären; es bleibt uns, wenn wir nicht die
+Möglichkeit der äußern Einwirkung als solche vernichten wollen, nichts
+übrig, als der Begriff der =unmittelbaren Wirkungen= allein ohne jeden
+weitern Zusatz.
+
+Alles was wir von jetzt an von der Vorstellung des unmittelbaren
+Einflusses fern halten müssen, waren nur Versuche, diesen widerhaarigen
+Begriff auf irgend eine Weise für unsere Einbildungskraft zurecht zu
+machen. Eine Wirkung in die Ferne bei der =kleinsten= Distanz =dünkt=
+uns eher begreiflich, als eine, bei welcher die Entfernung nur auf die
+Größe des Erfolgs Einfluß hat. Dabei vergessen wir in der Regel, daß da
+alle Entfernungen einander ähnlich sind, es für den Eintritt der Wirkung
+selbst ganz gleichgiltig sein muß, ob sie in größerer oder geringerer
+Entfernung erfolgt. Die Größe der Entfernung ist ein rein zufälliger
+Umstand. Denn da sie selbst nicht durch reine Begriffe, sondern nur
+durch Vergleichung mit gewissen Anschauungen bestimmt werden kann, so
+kann es auch keine reine Begriffswahrheit geben, die untersagte, daß in
+einer Entfernung von dieser oder jener Größe noch eine unmittelbare
+Wirkung stattfinde. Ein Satz, der dies Verbot in Bezug auf eine
+bestimmte Entfernung enthielte, wäre kein reiner Begriffssatz mehr, weil
+=diese= bestimmte Entfernung eine Anschauung in denselben hineintrüge.
+Was aber nicht durch eine reine Begriffswahrheit verboten wird, was
+nicht mit einer solchen im Widerspruche steht, das ist =an sich
+möglich=, und bedarf eines hindernden Grundes, warum es nicht =wirklich=
+werden solle oder werden könne. So das Stattfinden äußerer Einwirkung in
+jeder beliebigen Entfernung.
+
+Transeunte Action durch =Berührung= sagt unserer an möglichste
+Nahebringung und Verdrängung körperlicher Gegenstände gewöhnten
+Phantasie =mehr= zu, als äußerer Einfluß ohne dieselbe. Allein was
+denken wir uns unter Berührung? In der Regel erklärt man, dieselbe finde
+statt, wenn gewisse Theile zweier oder mehrerer Körper sich in demselben
+Raumtheile befinden. Allein dies ist schlechterdings unmöglich, weil
+nicht zwei (wenn auch einfache) Wesen an demselben Orte sein können.
+Legt man aber die Berührung zweier Körper so aus, daß zwischen ihnen
+kein Raum mehr ist, so widerspricht dies dem erwiesenen Lehrsatze, daß
+zwei Punkte sich niemals die nächsten sein können. Im gewöhnlichen Leben
+wird unter Berührung zweier Körper meist nur verstanden, daß sich
+zwischen denselben nur mehr Luft oder Wasser, oder eine andere ihnen
+ungleichartige und sehr wenig dichte Masse in sehr dünnen Schichten
+befinde. Aber man mag unter Berührung dies oder was man sonst immer
+will, verstehen, so sieht man, immer müsse auch bei dem Einwirken zweier
+Körper auf einander, bei sogenannter Berührung, irgend ein unmittelbares
+Einwirken einer oder mehrerer Substanzen des Einen auf eine oder mehrere
+des Andern, und somit eine _actio in distans_ stattfinden, weil es sonst
+nie zu einer vermittelten Einwirkung käme.
+
+Mit dem Grundsatze: zwei Wesen, einfach oder zusammengesetzt, können
+sich nicht in demselben einfachen oder zusammengesetzten Raume befinden,
+ist eigentlich auch schon die Hypothese der =Durchdringung= der Körper
+und Atome abgewiesen. Wir glauben sie dort wahrzunehmen, wo im Grunde
+nur die Erscheinungen der Porosität in feinerer Gestalt vor sich gehen.
+Bei unserer Ansicht von stetig erfülltem Raume erstreckt sich die
+Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht
+zwischen sich das Eintreten eines dritten duldeten. Wenn sich aber die
+Vertheidiger jener Hypothese auf das Zeugniß der Chemie berufen, so
+spricht diese oder vielmehr die atomistische Theorie in derselben ihnen
+gerade entgegen. Diese erkennt überall nicht Mischung sondern =Mengung=,
+kein Ineinandersein; und die »Durchdringung« erscheint als blos an
+zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der
+Porosität. Dabei fällt es der Chemie nicht ein, die Zahl der Atome, die
+einen Körper constituiren, absolut angeben zu wollen, wie denn
+überhaupt, was sie Atome nennt, nicht als ein absolut einfacher Theil
+(eine Monade), sondern als ein aus mehreren (im Grunde unendlich vielen
+einfachen Theilen) zusammengesetztes Körperchen angesehen werden soll.
+Sie begnügt sich vielmehr mit Angabe des Verhältnisses, in welchem sich
+Atome verschiedener Gattung in Bezug auf einen als Maßstab angenommenen
+Stoff miteinander verbinden.
+
+Alles dieses, wozu noch die Vorstellung der Geradlinigkeit der äußern
+Einwirkung kommt, wie man sie aus den sichtbaren Erscheinungen des
+Stosses, des Schusses u. dgl. abstrahirt, alles dies soll uns helfen,
+ein Bild der unmittelbaren Einwirkung zur Veranschaulichung zu
+entwerfen; alles dies soll mit dazu beitragen, eine Erklärung des =Wie=,
+der Art und Weise, wie dieselbe vor sich geht, zu liefern, während es
+gerade das Wesen der unmittelbaren Wirkung ist, gar kein »Wie«
+zuzulassen. Eine Wirkung, von welcher sich ein »Wie« angeben ließe, wäre
+eine vermittelte, der Erklärung fähige, eine solche, welche sich
+zerlegen läßt, also eine zusammengesetzte, die selbst wieder fähig sein
+müßte, auf einfache, unvermittelte zurückgeführt zu werden.
+
+Unternehmen wir es daher, die unmittelbaren Wirkungen zu erklären, so
+versuchen wir etwas, das ihrem Begriffe widerspricht; etwas, welches =an
+und für sich unmöglich= ist. Mißlingt uns daher die Erklärung, führt sie
+Widersprüche, Irrthümer und Unrichtigkeiten herbei, so ist dies nur eine
+Folge unsrer ungereimten Forderung: das Unerklärbare solle sich erklären
+lassen. Keineswegs aber darf uns dies Mißlingen an der Wahrheit des
+Satzes selbst, es gebe unmittelbare Wirkungen, irre werden lassen, so
+wenig als das Mißlingen aller Versuche, den reinen Sauerstoff zu
+zerlegen, uns zweifeln machen darf, ob ein solcher Stoff wirklich
+vorhanden sei, vielmehr gerade zur vollkommensten Bestätigung dient, es
+existire ein solcher, und zwar als einfacher Stoff.
+
+Lassen wir daher von jetzt an alle aus dem Streben, das begrifflich
+Gedachte auch möglichst sinnlich zu vergegenwärtigen, hervorgegangene
+Erklärungsversuche bei Seite, und halten wir uns streng an den Begriff
+der unmittelbaren Wirkungen selbst. Zuvörderst ergibt sich, daß jede
+unmittelbare Wirkung eine _actio transiens et in distans_, und zwar in
+was immer für eine endliche Entfernung sein müsse.
+
+Betrachten wir neuerdings den Stoß zweier Kugeln. Es ist klar, daß der
+stoßende Körper nicht früher in den Ort des gestossenen eindringen kann,
+als bis dieser denselben verlassen hat. Wann wird dieser aber anfangen,
+denselben zu verlassen? Sobald der Erstere auf ihn einwirkt. Wie
+geschieht das? Sobald er ihn =berührt=, sagt die =sinnliche=
+Wahrnehmung, d. h. sobald beide einen Punkt gemein haben, wie z. B. die
+Tangente und ihre krumme Linie. Diese =sinnliche= Betrachtungsweise
+müssen wir jetzt fernhalten. Denn lagen nicht die Körper noch vor dem
+Stosse ganz auseinander, und jetzt sollen sie einen gemeinschaftlichen
+Punkt besitzen? Sie müßten sich also wohl durchdringen? Allein wäre dann
+noch ein Grund vorhanden, daß die gestossene Kugel von der Stelle
+weiche, sobald die stossende sich völlig in dieselbe eindrängen kann?
+Folglich durchdringen sie einander nicht, weder ganz noch theilweise,
+haben keinen Punkt gemein, liegen also gänzlich auseinander. Gleichwohl
+weicht die Eine, ehe die Andere sie berührt, vom Platze, erleidet daher
+eine Wirkung aus der Ferne. Wie groß darf die Entfernung sein, damit
+noch eine Wirkung erfolge? Läßt sich ein =innerer= Grund angeben, warum
+in einer gewissen Entfernung dieselbe noch erfolgen könne, in einer
+andern nicht mehr, (natürlich abgesehen von den dieselbe schwächenden
+äußeren Einflüssen, welche sie vielleicht unserer Wahrnehmung entziehen,
+dennoch aber nicht vernichten und auf Null bringen können)? Keineswegs;
+alle Entfernungen sind einander ähnlich. Müssen wir daher zugeben, daß
+eine Substanz auf eine andere einwirken könne in einer gewissen
+Entfernung, sei sie auch noch so klein: so besteht diese Möglichkeit des
+Einwirkens auch in jeder andern noch so großen Entfernung, nur der
+=Grad= der Einwirkung wird sich nach Maßgabe dieser Entfernung ändern
+müssen. Es enthält daher nichts Widersinniges, zu behaupten, daß jede
+Substanz, die nur überhaupt nach außen wirkt, auch bis in die
+größtmögliche Entfernung hinaus unmittelbar zu wirken im Stande sei.
+
+Dies ist aber auch Alles, was wir über das Wesen unmittelbarer Wirkungen
+ihrer Natur nach zu sagen vermögen. Sie weiter erklären und auseinander
+setzen wollen, hieße sie in vermittelte, nicht mehr einfache und
+unvermittelte Wirkungen umwandeln. Die unmittelbare Wirkung ist ein
+einfacher, theilloser Act, dessen Dasein nothwendig wird durch das
+factische Vorhandensein zusammengesetzter und theilbarer Acte, und
+dessen weitere Auseinandersetzung seiner einfachen Natur entgegen ist.
+Sie ist aber der einzig mögliche und denkbare Ausweg, unser
+metaphysisches Denken mit dem Augenschein der sinnlichen Erfahrung in
+Uebereinstimmung zu bringen. Dies könnte gering scheinen; vielleicht
+könnte Jemand gerade darum Mißtrauen gegen sie hegen, weil sie sich mit
+der Erfahrung zu harmoniren bemüht, weil sie sich auf den Augenschein
+beruft, und auf diese Weise nicht auf reinen Begriffswahrheiten, sondern
+auf bloßen Erfahrungs- und Wahrscheinlichkeitssätzen zu beruhen scheint.
+Selbst wenn dies der Fall wäre, würde sie durch einen Vergleich mit den
+Hypothesen anderer Systeme noch nichts verlieren. Abgesehen davon, daß
+diese meist geradezu der Erfahrung, dem Augenschein, der
+Wahrscheinlichkeit widerstreiten: haben wir auch nachzuweisen gesucht,
+daß sie gewissen unbestreitbaren Begriffswahrheiten zuwider sind,
+während die unsere nicht nur als an sich =möglich=, weil sie der
+Erfahrung entspricht, als =wahrscheinlich=, sondern als =wirklich= und
+=nothwendig= anerkannt werden muß. Wirft man ihr dagegen vor, sie sei
+=undenkbar=; denn sie verlange etwas Einfaches, Unbegreifbares,
+Unerfaßliches zu erfassen, so erinnere man sich, ob es wohl leichter
+sei, die intellectuelle Anschauung, die pantheistische Substanz, die
+logische Idee, das Absolute klar und anschaulich zu denken. Kann bei den
+letztern von einem klaren, deutlichen Denken nur überhaupt die Rede
+sein, wo die erste Forderung damit beginnt, so heterogene Dinge, wie
+Denken und Sein, zu identificiren, oder eine unendliche Vielheit,
+Individualität und Mannigfaltigkeit in eine unbegreifliche Einheit zu
+verschmelzen? Kein unbefangener Verstand sträubt sich gegen den von
+selbst klaren Satz: daß es Veränderungen gebe, von welchem aus wir auf
+dem natürlichsten Wege durch Anwendung eben so unzweifelhafter reiner
+Begriffswahrheiten: Wo es Zusammengesetztes gibt, müsse es Einfaches; Wo
+es Vermitteltes gibt, Unvermitteltes geben, zu der Annahme
+unmittelbarer, an und für sich (ihrem Wesen nach) nicht weiter
+erklärbarer, Wirkungen gelangten: aber jedes gesunde Denken empört sich
+gegen jede Identification des Begriffs mit seinem Gegenstande, weil sie
+der unmittelbarsten Erfahrung und dem schlichtesten Verstandesurtheil
+widerstreitet und lächerlich wird, sobald sie sich nur in die
+entfernteste Nähe des wirklichen Lebens wagt(126). Dawider war freilich
+kein anderes Mittel übrig, als indem man den Verstand selbst seiner
+unbestrittensten Rechte entsetzte, und im =Widerspruch= die Wahrheit
+fand, womit man jedoch die Henne todtschlug, welche die goldenen Eier
+legte. Nicht genug läßt sich im schroffen Gegensatz zu dieser kühnen,
+auf innerlich widersprechenden Grundlagen beruhenden Hypothesenbauerei
+der modernen Weltweisheit der Tiefsinn, Ernst und wahrhaft tief
+eindringende Forschergeist =Herbart='s hervorheben. Wenn desungeachtet
+auch er wie in so manchen Punkten, so besonders in jenem wichtigen
+Theile der Metaphysik, dessen Darstellung uns in diesem Augenblick
+beschäftigt, nicht jede Anforderung zu befriedigen vermag, so liegt die
+Schuld weniger darin, daß er Schwierigkeiten leichtfertig übersprungen,
+oder oberflächliche dialektische Brücken darüber geschlagen hätte:
+sondern vielmehr in der allzu großen Gewissenhaftigkeit, mit welcher er
+Hindernisse und Widersprüche auch dort zu erblicken meinte, wo für
+Andere, die nicht weniger als er nach besonnener Gründlichkeit streben,
+keine vorhanden zu sein scheinen. Die einfache Qualität, das reine
+Aneinander machten ihm eine Vermittlung, wie die unsrige, unmöglich.
+Dennoch ist er es, dessen gewichtiges Zeugniß uns zur erfreulichen
+Bestätigung unseres Schlusses von den in der Erfahrung stattfindenden
+vermittelten Wirkungen auf die unvermittelten nicht mehr wahrnehmbaren,
+zwischen den einfachen Wesen, dienen kann.
+
+ (126) Vgl. =Exner=: Psychol. der =Hegel='schen Schule a. m. a.
+
+Der hauptsächlichste Einwand nämlich, der sich gegen unsere ganze
+bisherige Deduction der unmittelbaren Wirkungen erheben ließe, dürfte
+der sein: daß wir bei unsrem Beweise von der Erfahrung ausgehen, die uns
+das Dasein wenigstens mittelbarer Wirkungen darbietet, und daß daher
+unsere ganze Schlußfolge statt auf reinen erweislichen Begriffssätzen,
+auf bloßen mehr oder weniger gewissen Wahrscheinlichkeitsurtheilen
+beruht. Dabei liegt die Ansicht zu Grunde, daß von allen jenen Sätzen,
+die von einem Gegenstand der Erscheinungswelt etwas aussagen, keiner
+unmittelbare Gewißheit habe. Die Skepsis weist nach, daß wir nicht
+selten ganz falsche Wahrscheinlichkeitsurtheile fällen, daß wir dem
+Augenscheine trauend Dinge zu erblicken oder zu hören meinen, deren
+Vorstellungen blos in der krankhaften Beschaffenheit unserer Organe
+ihren Grund haben. Die Sinnestäuschungen sind oft unwidersprechlich.
+Daraus zieht sie den Schluß, daß dem Zeugniß der Sinne überhaupt nicht
+zu vertrauen sei, daß Wahrnehmungsurtheile nur durch eine häufige,
+völlig gleichlautende Wiederholung einen Grad von Wahrscheinlichkeit zu
+ersteigen im Stande sind, welchen wir ohne merklichen Nachtheil an die
+Stelle der Gewißheit setzen dürfen. Ferner folgert sie, daß aus blos
+wahrscheinlichen Sätzen selbst mit Zuziehung anderer zweifellos wahrer
+Sätze keine andere als wieder nur wahrscheinliche Schlußsätze folgen
+können, und daß daher jeder Schlußsatz, unter dessen Prämissen sich auch
+nur Ein aus bloßer Wahrnehmung geschöpfter Satz befindet, niemals mehr
+als einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit ersteigen, d. h. niemals
+mehr als eine mehr oder minder plausible Hypothese werden könne.
+
+Gegen diesen Einwand läßt sich für den ersten Anschein nichts einwenden.
+Es ist ganz und gar kein Zweifel, daß aus wahrscheinlichen Prämissen
+auch nur ein wahrscheinlicher Schlußsatz folgen könne. Wenn daher in
+unserm Schlusse der Obersatz folgendergestalt lautet: Sobald es
+vermittelte Wirkungen gibt, muß es unvermittelte Wirkungen, die sich
+nicht weiter erklären lassen, geben; so ist dies ein reiner und
+unumstößlicher, in allen Fällen wahrer Begriffssatz. Es gibt vermittelte
+Wirkungen, behaupten unsere Gegner -- hat nur Wahrscheinlichkeit, weil
+er nur aus der Erfahrung geschöpft ist. Es ist ja möglich, daß wir
+diesen Begriff und Zusammenhang erst selbst in die Erscheinung
+hineinlegen; daß in Wahrheit gar nichts geschieht, weder Vermitteltes
+noch Unvermitteltes; wenigstens sind wir nicht im Stande, ein solches
+Geschehen nachzuweisen, ohne Gefahr, uns in einer Sinnestäuschung, einem
+optischen Betruge zu verfangen, der unsre ganze Erfahrungserkenntniß
+annihilirt.
+
+Allein dies eben scheint uns zu viel behauptet. Wir besitzen in der That
+die unmittelbar gewisse unzweifelhafte Erkenntniß eines wirklichen,
+nicht blos scheinbaren Geschehens, welches einen äußern Einfluß zwischen
+Substanzen mit Nothwendigkeit fordert.
+
+Der oben angeführte Einwand wäre schlagend, wenn es die Voraussetzung
+wäre, =daß alle Erfahrungssätze=, d. i. solche, die in ihren
+Bestandtheilen, nähern oder entferntern, die Anschauung irgend eines
+bestimmten individuellen Gegenstandes enthalten, _eo ipso_ auch bloße
+Wahrscheinlichkeitssätze seien. Dem ist unsrer Meinung nach aber nicht
+so, es gibt vielmehr welche darunter, denen =unmittelbare Gewißheit=
+zukommt.
+
+Betrachten wir die Erfahrungssätze in der kurz zuvor gesetzten Bedeutung
+als solche, die auf irgend eine Weise Anschauungen unter ihren
+Bestandtheilen enthalten, so finden wir, daß sich nicht alle in dieselbe
+Classe werfen lassen. Einige darunter sagen nichts weiter, als das
+Dasein einer gewissen Vorstellung, einer Empfindung, eines Begriffs,
+einer Anschauung =in uns selbst= aus, andere enthalten die Aussage des
+Vorhandenseins des Gegenstandes, welchen wir als =Ursache= jener in uns
+daseienden Vorstellung ansehen. Urtheile letzterer Form, z. B. =dies=,
+was ich jetzt wahrnehme, ist ein Baum, haben nur Wahrscheinlichkeit. Es
+könnte ja auch blos das Bild eines Baumes, ja es könnte vielleicht gar
+kein, außerhalb unsres Leibes vorhandener Gegenstand und nur eine
+Affection meines Auges sein, die in mir die Vorstellung eines Baumes
+erzeugt. Wenn ich in die Ferne ausschauend Etwas gewahre, was wie eine
+menschliche Figur aussieht, und ich urtheile: es sei in der That ein
+Mensch, so kann ich mich irren, es könnte vielleicht nur eine Bildsäule
+sein. Dagegen kann ich mich nicht irren, indem ich sage: ich habe in
+diesem Augenblick die Vorstellung eines in der Ferne befindlichen
+Menschen. Diese habe ich ja in der That, indem ich von ihr spreche. Das
+Dasein dieser Vorstellung in mir ist mir =unmittelbar gewiß=, nur nicht
+das Dasein dieses oder jenes oder überhaupt eines sie hervorbringenden
+außerhalb unsres Leibes selbst befindlichen Gegenstandes.
+
+Alle Erfahrungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_,
+haben unmittelbare Gewißheit, sind selbst unmittelbare, nicht weiter
+vermittelte Urtheile; Erfahrungssätze dagegen der Form: Der Gegenstand,
+der die Anschauung _a_ in mir hervorbringt, hat diese oder jene
+Beschaffenheit; er ist namentlich derselbe, der auch die andern
+Anschauungen _b_, _c_, welche ich gleichzeitig habe, in mir
+hervorbringt, kommen jederzeit nur durch Vermittlung, oft durch sehr
+vielfache Vermittlung zu Stande. Nicht die Vorstellung: Rose, empfange
+ich unmittelbar von außen, wenn ich das Urtheil fälle: =Dies= ist eine
+Rose, sondern zunächst nur die Empfindungen des Roths, des Wohlgeruchs
+u. s. w. Kehren diese Empfindungen, (deren Vorstellungen =Anschauungen=
+oder =Diesse= sind) mehrmals und stets gleichzeitig wieder, so schließe
+ich endlich, daß derselbe Gegenstand, der Ursache der Anschauung:
+=Dieses= Roth, ist, auch Ursache der Anschauung: =Dieser= Wohlgeruch
+u. s. w. sei, und so oft ich diese Anschauungen vereinigt vor mir habe,
+auch derselbe Gegenstand: eine Rose, vorhanden sein mag. Das Urtheil:
+Dieser Gegenstand ist eine Rose, sollte, deutlicher ausgedrückt, so
+lauten: Der Gegenstand, welcher die in mir eben vorhandenen
+Anschauungen: Röthe, Wohlgeruch u. s. w. hervorbringt ist ein solcher,
+der wenn noch gewisse andere Umstände hinzukommen, z. B. wenn ich den
+Stengel desselben mit meinen Fingern drücke, die Empfindung eines
+Schmerzes hervorbringt u. s. w. Ein solches Urtheil ist daher, so häufig
+es auch für das Gegentheil genommen wird, ein sehr vielfach
+vermitteltes. Unter seinen Prämissen befinden sich nicht nur unmittelbar
+gewisse Wahrnehmungsurtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung
+=dieses= Wohlgeruchs, ich habe die Vorstellung =dieses= Roths u. s. w.,
+sondern auch reine Begriffssätze, z. B. die Veränderung muß eine Ursache
+haben u. a. Die wichtigste Rolle unter denselben aber spielt in den
+meisten Fällen die =Gleichzeitigkeit= der Anschauungen: =Dies= Roth,
+=Dieser= Wohlgeruch u. s. w. Diese, in einigen Fällen wahrgenommen, wird
+hierauf durch die Induction auf alle Fälle ausgedehnt, und das Resultat
+dadurch ein nur wahrscheinliches.
+
+Von dieser Art sind jedoch keineswegs die Erfahrungsurtheile, auf welche
+wir unsre Beweisführung stützen und deren Gebrauch uns die Gegner zum
+Vorwurf machen. Diese sind =durchgehends= vielmehr =unmittelbar gewisse
+Wahrnehmungsurtheile= von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_.
+
+Mit Hilfe dieser =unmittelbar gewissen=, nicht blos wahrscheinlichen
+Erfahrungsurtheile vermögen wir mit apriorischer Gewißheit wenigstens so
+viel nachzuweisen, daß es außer unserm eigenen, dem vorstellenden Ich,
+Dinge geben müsse, welche auf dasselbe einwirken, gleichviel ob
+unmittelbar oder mittelbar. Mit unmittelbarer Gewißheit erkennen wir
+zunächst, daß wir =Vorstellungen= haben, daß in uns =Zustände= vorhanden
+sind, welche sich =ändern=, entstehen und vergehen. Das letztere folgt
+daraus, weil es unter ihnen welche gibt, deren Inhalt von der Art ist,
+daß sie sich einander ausschließen. Diese können nicht gleichzeitig in
+uns vorhanden gewesen sein, wir müssen uns also verändert, die eine
+Vorstellung muß der andern den Platz geräumt haben. Dieser Vorgang kann
+nicht ohne einen Grund vor sich gegangen sein, welcher nur entweder in
+oder außer unserm eigenen Ich gelegen sein kann. Die alte Vorstellung
+kann nicht verdrängt werden, die neue nicht in's Bewußtsein treten ohne
+in oder außer uns befindliche Ursache.
+
+Wo kann nun diese Ursache liegen?
+
+Nicht in unserm eigenen Ich, denn sonst müßte dieses eine _causa sui_
+enthalten. Der Begriff einer _causa sui_ aber, wie man ihn bisher immer
+verstanden und auch nicht anders verstehen kann, ist schlechthin
+widersprechend. Denn ist es der richtige Begriff von Ursache und
+Wirkung, daß ein wirkliches _A_ nur in jenem Falle die vollständige
+Ursache des wirklichen _B_ genannt zu werden verdiene, wenn die
+Wahrheit: »_A_ ist,« den objectiven Grund der Wahrheit: »_B_ ist,«
+enthält, so ist die Forderung eines Wirklichen, das _causa sui_ sei,
+identisch mit der Forderung einer Wahrheit: »_A_ ist,« die ihr eigener
+Grund, d. i. der Grund der Wahrheit: »_A_ ist,« sei. Nun kann aber eine
+Wahrheit wohl =ohne= Grund, ein Axiom, eine Grundwahrheit sein,
+keineswegs aber ihr eigener Grund, d. i. Grund und Folge zugleich.
+
+Vielmehr folgt sowohl aus rein apriorischen Gründen, als aus
+natürlichen, unwidersprechlichen Thatsachen des Bewußtseins, daß die
+Ursache der Veränderungen in unserm Vorstellungskreise zum Theile
+wenigstens =außerhalb= unser selbst, und nur teilweise, bei den
+Anschauungen z. B. nur zu sehr geringen Theilen, =in uns= gelegen sein
+müsse.
+
+Denn betrachten wir ganz allgemein unser Ich als veränderliche Substanz,
+deren Vorstellungen entstehen und vergehen, deren Kräfte also der
+Zunahme und Abnahme fähig sind: so ist es klar, daß sie zu keiner Zeit
+=alle= Kräfte, und noch weniger alle in dem =größten Maße=, in welchem
+sie neben einander möglich sind, besitze, d. i. daß sie nicht vollkommen
+ist. Wenn nichts anders, so muß doch Jeder von sich zugestehen, daß er
+nicht =alle= Wahrheiten erkenne, die es überhaupt gibt, daß er deren von
+Tag zu Tag mehrere zu erkennen im Stande sei, daß also wenigstens seine
+Erkenntnißkraft eine im Wachsen begriffene, unvollendete sei. Der Grund
+aber, daß er nicht =alle= Wahrheiten erkennt, kann doch unmöglich in den
+Wahrheiten selbst liegen. Von diesen kann keine der andern
+widersprechen, sonst hörte eine oder die andere auf, eine Wahrheit zu
+sein. Es liegt daher in der Beschränktheit unserer Erkenntnißkraft.
+Wodurch wird aber die Erkenntnißkraft selbst beschränkt? Warum ist sie
+nicht vorhanden in dem zur Allvollkommenheit erforderlichen Grade? Liegt
+der Grund davon in dem Wesen, d. i. in seinen übrigen Kräften? Dies wäre
+nur dann möglich, wenn die übrigen Kräfte, welche das Wesen besitzt, mit
+demjenigen Grade der Erkenntnißkraft, welcher zur Allvollkommenheit des
+Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind
+jedoch keineswegs von der Art, daß sie das Dasein des zur
+Allvollkommenheit nothwendigen Grades der Erkenntnißkraft verbieten.
+Kann daher der Grund, weshalb ein Wesen nicht vollkommen ist, nicht in
+den Kräften desselben liegen, so liegt er in dem Wesen überhaupt nicht;
+denn wo sollte er sonst liegen? Er muß sich folglich in einem anderen
+Wesen, das nicht anders als außerhalb des Veränderlichen sein kann,
+befinden. Das Veränderliche muß daher fähig sein, Einwirkungen von außen
+zu empfangen, oder, was dasselbe ist, es muß außerhalb unsers eigenen
+Ich Dinge geben, welche nach außen zu wirken im Stande sind.
+
+Von welcher Beschaffenheit diese außer uns befindlichen Dinge sind,
+darüber sagt diese Untersuchung noch nichts. Sie spricht es nicht aus,
+ob die in uns vorgehenden Veränderungen von eben so unvollkommenen
+Substanzen, wie die unsre ist, erfolgen; ob sie theilweise, oder wie
+=Leibnitz= und =Descartes= gemeint zu haben scheinen, wenn man sie so
+auslegen darf, gänzlich von dem vollkommensten Wesen herrühren; sie
+bestätigt aber neuerdings, was wir schon bei =Leibnitz= angedeutet, daß,
+sobald einmal zugegeben sei, es gebe veränderliche und folglich endliche
+Wesen, auch nach einem außerhalb liegenden Grunde dieser Veränderungen
+geforscht und folglich die Möglichkeit des Einwirkens von außen
+angenommen werden müsse.
+
+Noch viel entschiedener aber, besonders für Jene, welche gewohnt sind,
+den Anfangspunkt des philosophischen Denkens, wie seine Bestätigung, in
+dem denkenden Subjecte selbst zu suchen, sprechen für unsere Behauptung
+einer Einwirkung von und nach außen, gewisse Classen von Vorstellungen,
+welche wir in unserm Bewußtsein antreffen, und die wir schon mehrmals
+als =Anschauungen= bezeichnet haben. Es sind einfache Vorstellungen, die
+nur einen einzigen Gegenstand haben. Unter diesen gibt es mitunter
+mehrere, welche so beschaffen sind, daß wir es unmittelbar, also auch
+mit voller Gewißheit erkennen, daß sie von etwas außer uns Befindlichem
+in unserm Innern erzeugt werden. Dies gilt nicht von allen. Auch
+Gegenstände, die sicher nicht außerhalb meiner sind, z. B. meine eigenen
+Seelenzustände, kann ich anschauen, d. i. ich kann mir eine Vorstellung
+davon bilden, die einfach ist, und einen einzigen Gegenstand hat. Von
+der letztern Art sind die Vorstellungen, welche wir in den unmittelbar
+gewissen Wahrnehmungsurtheilen anwenden, durch welche wir das Dasein
+einer in =uns= befindlichen Vorstellung aussagen, z. B.: =ich= habe die
+Vorstellung: =Dies= Roth. Der Bestandtheil dieses Satzes ist nicht die
+Anschauung: Dies Roth, sondern die Vorstellung dieser Anschauung. Die
+Anschauung selbst sowohl, als die Anschauung dieser Anschauung sind =in
+mir=.
+
+Von der oben zuerst erwähnten Art sind dagegen die Anschauungen:
+=Dieser= Wohlgeruch, =dieser= Schall, =dieses= Grün u. s. w. Diese
+weisen unmittelbar auf etwas außerhalb unseres Ich Befindliches hin,
+durch welches sie angeregt werden. Dieses braucht eben nicht ein
+außerhalb meines Leibes Existirendes zu sein. Recht gut können diese
+Anschauungen in meinem Ich auch blos durch Zustände meines Leibes,
+krankhafte Affectionen meiner Sinnesorgane veranlaßt werden;
+desungeachtet bleibt ihre Ursache eine äußere für mein erkennendes Ich,
+und bringt durch seine Thätigkeit in diesem eine Veränderung hervor. Nur
+erst wenn wir über den Gegenstand selbst, der sie in uns hervorbringt,
+etwas aussagen wollen, gerathen wir in Gefahr, zu irren. Welch
+anderweitige Beschaffenheiten er habe, das erkennen wir meist durch
+Wahrscheinlichkeitsschlüsse, die häufig trügen, uns z. B. eine Rose
+vermuthen lassen, wo statt ihrer nur eine Anhäufung gewisser Stoffe in
+unserem Gehirn existirt, die jene Vorstellung hervorruft u. s. w.
+Unmittelbar erkennen wir nur: Es gibt Wirkliches außer uns, durch dessen
+Einwirkung Anschauungen dieser Art in uns erzeugt werden.
+
+Daß Urtheile, wie das letzte, von uns in der That gefällt werden, gibt
+gewiß Jedermann zu; ebenso, daß sie nicht von der Form sind, die wir
+kurz zuvor für das bloße Wahrscheinlichkeitsurtheil aufstellten:
+derselbe Gegenstand, der die Anschauung _a_ in mir bewirkt, ist
+(wahrscheinlich) auch Ursache der Anschauung _b_, oder hat die
+Beschaffenheit, daß er auch die Anschauungen _m_, _n_ hervorbringen
+würde, wenn noch gewisse andere Umstände einträten. Dieses Urtheil ist
+offenbar sehr vermittelt und zwar durch Vordersätze, die ihrer Natur
+nach einen bloß wahrscheinlichen Schlußsatz gewähren, weil einer unter
+ihnen von der Form sein muß: =Wenn= gewisse Erscheinungen _a_, _b_ ....
+mehrmals gleichzeitig sind u. s. w. Dagegen wird in einem der
+obenerwähnten Urtheile über die Beschaffenheit des erzeugenden
+Gegenstandes nicht mehr ausgesagt, als daß derselbe ein Wirkliches sei;
+ob dasselbe oder verschiedene Wirkliche? fordert eine ganz andere
+Untersuchung. Dieses Urtheil reicht sonach über jede Möglichkeit des
+Irrthums hinaus, es ist ein unmittelbar gewisses Factum des Bewußtseins.
+Wer kann es läugnen, daß er Dinge außer sich voraussetze; daß er
+urtheile, daß dergleichen Dinge da sind, daß sie auf ihn einwirken; daß
+er diese Urtheile auf Nöthigungen des äußern Sinnes fälle, auf den Grund
+von Vorstellungen hin, von denen es sonst keinen Grund gäbe, wenn er
+nicht außerhalb des Vorstellenden selbst gelegen wäre? Wer kann ferner
+anders, als höchstens mit dem Munde läugnen, daß er sehe, höre, rieche,
+und daß er deshalb Gegenstände setze, welche er zu sehen, zu hören und
+zu riechen meine? Zwang nicht dieses unwiderstehliche Hinweisen der
+Vorstellungen des äußern Seins auf außen befindliche Gegenstände sogar
+den strengen Idealismus, gewisse unbegreifliche Schranken und Gesetze
+des Ich in »der untern bewußtlosen Sphäre unserer Subjectivität«
+anzuerkennen, in welchen sich das Ich nachher als in gewissen
+Bestimmungen d. i. Empfindungen und Vorstellungen befangen wahrnimmt?
+Und =Kant= erklärte ausdrücklich, die Empfindungen seien von außenher
+empfangener Stoff, und unsre ganze Kenntniß von der Außenwelt beschränke
+sich auf den Satz: Wären keine Dinge außer uns, so wären auch keine
+Erscheinungen in uns. Nun sind diese, also müssen auch jene sein.
+
+Ja während man bei =Leibnitz=, dem schon =Bayle= vorrückte, daß im Falle
+vollkommener Spontaneität der Seele in Betreff ihrer Vorstellungen gar
+kein Grund vorhanden sei, mehr als =eine= Monade anzunehmen, mit Recht
+fragen darf, woher er denn von den mehreren Monaden, die er voraussetze,
+mit einem Wort, von der Außenwelt, selbst von dem allervollkommensten
+Wesen etwas wissen könnte, wenn in aller Strenge durchaus kein äußerer
+Einfluß stattfinden dürfe: waren Denker, wie =Locke= und =Herbart=, so
+durchdrungen von dem Gefühle der Abhängigkeit unsers Vorstellens von der
+Außenwelt, daß sie selbst so weit gingen, zu behaupten: =alle= unsere
+Vorstellungen ohne Ausnahme würden von außenher erzeugt, was wir
+unsrerseits nur von =einem Theile der Anschauungen= zu behaupten wagten.
+Denn obgleich es wahr ist, daß keine unsrer Vorstellungen ohne irgend
+eine von außen gebotene =Veranlassung= in uns entsteht, so ist doch die
+Art, wie die Außenwelt hiebei thätig ist, bei verschiedenen Classen von
+Vorstellungen eine verschiedene, und zwar werden jene Anschauungen,
+welche eine so stringente Hinweisung auf die Außenwelt enthalten, durch
+wirkliche, außer uns befindliche Gegenstände erzeugt; sobald aber auch
+nur zwei derselben durch das Wörtchen »=und=« verbunden werden sollen,
+tritt dieser einfache =Begriff= hinzu, der offenbar nicht wie jene durch
+einen äußern Gegenstand, sondern durch die eigene Thätigkeit der Seele
+auf Veranlassung und bei Gelegenheit jener Anschauungen erzeugt worden
+ist. Ueberhaupt darf der Ausdruck: =von außen erzeugt= nicht so
+verstanden werden, als wäre hiebei unsre Seele selbst völlig unthätig.
+Dies ist nicht einmal bei jenen Anschauungen, die von außen herkommen,
+der Fall, und es ist deshalb nicht völlig richtig, wenn man sie, wie
+häufig geschieht, als unwillkürliche, uns ohne und häufig wider Willen
+aufgedrungene Vorstellungen bezeichnet. Denn gegen viele, ja die
+meisten, steht es gänzlich in unsrer Macht, uns zu verschließen.
+Schließe ich die Augen, so werde ich die Rose nicht sehen, und daher
+auch die Anschauung: =Dies= Roth, nicht empfangen. Ziehe ich, um auch
+ein Beispiel der Anschauung eines innern Gegenstandes zu gebrauchen,
+meine Aufmerksamkeit von der Vorstellung √−1 oder dem Urtheil, daß z. B.
+√−1 imaginär sei, ab, so gelangen diese Gedanken nicht zur Anschauung.
+Auf alle unsre Anschauungen hat daher unser Wille wenigstens mittelbaren
+Einfluß.
+
+Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, so bliebe doch soviel erreicht,
+als wir hier erreichen wollen: wir finden unter den Anschauungen in der
+That Zustände, welche mit unmittelbarer Gewißheit auf Einwirkung von
+außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese
+Nöthigung wirklich ausüben, weil wohl jede einen Gegenstand hat, dieser
+aber, wie schon gesagt, nicht jedesmal ein äußerer sein =muß=, sondern
+wohl auch ein innerer, ein Seelenzustand u. s. f. sein =kann=; denn ich
+vermag auch meine eigenen Vorstellungen, Urtheile, Empfindungen, Wünsche
+u. s. w. anzuschauen, und mir Anschauungen von Anschauungen zu
+verschaffen; zu prüfen, ob das Eine oder das Andere stattfinde, ob das,
+was ich eben jetzt anschaue, etwas in mir oder nicht in mir
+Befindliches, sondern von außen auf mich Einwirkendes sei: dies vermögen
+wir und urtheilen wirklich darüber. Dieses Urtheil fällen wir sogar
+nicht mit bloßer Wahrscheinlichkeit, sondern mit unmittelbarer
+Gewißheit, sofern wir uns nur nichts Mehreres erlauben, als zu
+behaupten, daß wir hier etwas anschauen, was ein außer uns Wirkliches
+ist, nicht aber, von welchen weiteren Beschaffenheiten es sei, ob eine
+Rose, oder ein Blatt Papier u. s. w. Die Urtheile, mittels welcher wir
+dies behaupten, sind unmittelbar gewisse Erfahrungsurtheile von der
+Form: =Dies=, was ich jetzt eben anschaue, ist die Wirkung eines auf
+mich einwirkenden Wirklichen. In diesem Urtheil erscheint aber als
+Subjectvorstellung nicht die Anschauung selbst, von welcher wir dies
+aussagen, sondern eine Anschauung von dieser Anschauung. Diese
+Subjectvorstellung ist daher selbst etwas in mir Vorhandenes und stellt
+etwas in mir Vorhandenes vor; dieses Letztere aber ist selbst die
+Anschauung eines außer mir Befindlichen, nämlich des einwirkenden äußern
+Gegenstandes. Obgleich hier also Gegenstand der Vorstellung und diese
+selbst beides Vorstellungen sind, dürfen sie dennoch nicht mit einander
+verwechselt werden. Die Vorstellung, welche den Gegenstand der andern
+ausmacht, tritt dadurch zu dieser ganz in dasselbe Verhältniß, wie ein
+wirklicher sinnlicher Gegenstand zu seiner Vorstellung. Die Vorstellung
+der =wirklichen= gedachten Vorstellung: =Dies Haus=, ist von ihr nicht
+weniger verschieden, als die Vorstellung: =dies= Haus von dem
+=wirklichen Hause= selbst. Durch die Verwechslung beider Dinge, des
+Gegenstandes der Vorstellung mit dieser selbst, sind vielfache Irrthümer
+entstanden, wie es nicht anders geschehen kann, wenn man zwei völlig
+verschiedenen Dingen dieselben Eigenschaften beilegt. Auf ihr beruht
+hauptsächlich der reine Idealismus, und noch greller der
+transcendentale, bis die Verwirrung in der völligen Identificirung des
+Denkens und Seins den Gipfelpunkt erreicht. Denn wo soll dann ein klares
+Denken noch herkommen, wenn der Begriff eben so gut die Sache, als die
+Sache der Begriff sein soll, wenn Sein und Nichts und wieder Sein und
+Denken identisch sind.
+
+Auf diese Weise wäre das Vorhandensein einer Einwirkung von außen,
+wenigstens auf eine einfache Substanz, wie unser (des Denkenden) eigenes
+Ich, durch eine unwidersprechliche, unmittelbar gewisse =Thatsache des
+Bewußtseins= erwiesen. Auf dieses Wort hin ist schon so viel gesündiget
+worden, daß man fast fürchten muß, durch seine Anwendung Mißtrauen zu
+erregen. Es scheint sehr bequem und kann es auch in der That sein, »wo
+die Begriffe fehlen,« sich mit Berufung auf innere Thatsachen
+auszuhelfen, die Einer eben so gut läugnen als der Andere zugeben kann.
+Hat man doch sogar die transcendentale Freiheit für eine Thatsache des
+Bewußtseins ausgegeben! Ein Anders ist es aber mit jenen Urtheilen, die
+wir als unmittelbare Erkenntniß durch innere Erfahrung angesehen wissen
+wollen. Niemand kann es, er müßte denn sich selbst Lügen strafen wollen,
+verneinen, daß er Urtheile, wie: ich werde afficirt, ich empfinde
+Einwirkungen auf mich, wirklich fälle. Selbst Denker, welche, wie
+=Leibnitz=, die Möglichkeit der Einwirkung nicht anerkannten, vermochten
+sich im Leben dieses Urtheils kaum zu enthalten. Sie zweifelten am
+Schreibtisch, weil ihnen vorkam, daß der Satz gewissen anerkannten
+Begriffswahrheiten widerstreite, aber sie würden sich kaum so
+angelegenheitlich bemüht haben, denselben mit den scheinbarsten
+Argumentationen zu bestreiten, wenn er sich ihnen nicht so nachdrücklich
+von jeder Seite her aufgedrängt hätte. Wenigstens das Urtheil, daß sie
+fortwährend so afficirt werden, als ob auf sie von außen gewirkt werde,
+würden sie mit allen Andern zuzugestehen sicher bereit gewesen sein. Und
+mehr bedürfen wir nicht. In dieser unmittelbar gewissen Erkenntniß, daß
+wir von außen afficirt werden, liegt auch schon die Bürgschaft, daß dies
+wirklich geschehe; von wem und wie? darauf vermögen wir hier noch keine
+Antwort zu geben.
+
+Wenn man gegen diesen Beweis, der zwar auf Erfahrungssätzen, aber auf
+=unmittelbar= gewissen beruht, einwenden wollte: jegliches Urtheil,
+welches wir fällen, z. B. Ich denke, sei eine bloße Sache der Erfahrung,
+und rein apriorisch sei ein Beweis nur dann, wenn er auch nicht einmal
+eine =solche= Erfahrung enthalte: so hört damit die Möglichkeit
+überhaupt auf, irgend einen Beweis zu führen, ja nur irgend eine
+richtige Erkenntniß zu erlangen. Denn ohne zu urtheilen vermag man auch
+nichts zu erkennen. Will man aber die letztere Möglichkeit nicht
+gänzlich aufgeben, so muß man zugestehen, daß eine Deduction, welche
+sich auf keine andere, als unmittelbar gewisse Wahrnehmungsurtheile
+stützt, wenigstens mehr als Wahrscheinlichkeit zu liefern im Stande sei.
+
+Ist einmal nur soviel außer Zweifel, daß wenigstens wir selbst (das
+denkende Subject) Einwirkungen von etwas Wirklichem, das außer uns und
+von uns selbst verschieden ist, erfahren, so sind die weiteren Fragen
+nach dem Woher? und Wie? des Einwirkens nicht länger unbeantwortlich.
+
+Das außer uns befindliche Wirkliche kann, als solches, nur ein
+zweifaches sein, entweder ein solches, das noch an einem andern sich
+befindet, oder ein solches, bei welchem dies nicht mehr der Fall ist.
+Ein weiterer Fall ist nicht denkbar. Im erstern Falle wollen wir es mit
+einem alten Namen: =Adhärenz=, im letztern =Substanz= nennen. Wenn nun
+gleich Dasjenige, was zunächst auf uns einwirkt, in den meisten Fällen
+selbst nur eine Adhärenz sein mag, die sich vielleicht wieder an einer
+Adhärenz befindet u. s. f., so kann dies doch nicht ins Unendliche
+hinaus sich erstrecken. Denn eine endlose Reihe von Dingen, welche an
+andern sind, ohne ein solches, welches nicht mehr an andern ist, eine
+endlose Reihe von Getragenen ohne Träger ist ein klarer Widerspruch.
+Zuletzt muß es dennoch irgend ein Selbständiges geben, eine Substanz,
+von welcher wir, durch Vermittlung ihrer Adhärenzen, die Einwirkung von
+außenher erleiden. Eine weitere Frage, deren Beantwortung uns jedoch
+hier zu weit führen würde, ist es dann, ob es dieser außer uns
+befindlichen Substanzen eine oder mehrere, vielleicht sogar unendlich
+viele gebe, ob sich unter diesen eine vollkommene befinde, ob wir sowohl
+von dieser als von den unvollkommneren Einwirkungen erleiden u. s. w.
+Alle diese Sätze, wie noch mehr andere, z. B. daß es Wirkliches
+überhaupt gebe, daß jedes Wirkliche wirke, daß keine Substanz zur selben
+Zeit widerstreitende Beschaffenheiten besitzen könne, daß sie daher,
+wenn sich dergleichen an ihr aufzeigen lassen, zu verschiedenen Zeiten
+existirt haben muß u. v. d. A., bestehen aus so einfachen Begriffen, daß
+sie theils unmittelbar, theils nach sehr kurzer Betrachtung jedem
+unbefangenen Verstand einleuchten müssen, selbst ohne daß er sich der
+Gründe, auf welchen sie beruhen, deutlich bewußt geworden. Ja das
+Letztere ist sogar häufig äußerst schwierig, wovon sogleich der Satz von
+der äußern Einwirkung der Substanzen das treffendste Beispiel liefert;
+und darum wird es dem Denken, sobald es einmal den Gründen dieser
+scheinbar so einfachen Wahrheiten nachgeht, gar nicht schwer, dieselben
+mit dem Munde zu läugnen und allmälig ganz zu verwerfen, weil es die
+Gründe für dieselben nicht aufzufinden vermag. Zum Theil aber haben
+diese Wahrheiten in der That gar keine Gründe, sondern sind
+=Grundwahrheiten=, zum Theil liegen diese ganz anderswo, als wo sie
+gewöhnlich gesucht zu werden pflegen. So viel ist jedenfalls gewiß, daß
+das unverdorbene Denken nicht erst die Beweise des Denkers erwartet, um
+diese Wahrheiten als solche anzuerkennen, und der Vorzug des
+=Vernünftigen= besteht eben darin, dergleichen Wahrheiten, wie er sie
+nur vernimmt, mit Beifall anzunehmen. Des Denkers Aufgabe ist es viel
+weniger, diesen Sätzen allgemeine Anerkennung zu verschaffen, als
+vielmehr die falschen und scheinbaren Gegengründe und Vorurtheile, die
+man gegen dieselben vorgebracht hat, hinwegzuräumen.
+
+Dies hielten wir auch bei dem Satze von der =äußern Einwirkung der
+Substanzen=, einer Wahrheit, an welcher im gemeinen Leben ohnedies
+Niemand zweifelt, für unsere vornehmste Aufgabe. Die Vorurtheile und
+irrigen Vorstellungen, denen namentlich das Wie? dieser äußern
+Einwirkung ausgesetzt war, vermochten wir nicht kürzer zu beseitigen,
+als indem wir zu zeigen suchten, daß diese Frage selbst schon =an sich=
+eine nichtige, ein _non-sens_ sei, weil sie etwas Ansichunmögliches zu
+wissen verlangt. Wir vermögen auch hier, wo wir bereits erwiesen haben,
+daß wir Einwirkungen von außen, und zwar von wirklichen Substanzen außer
+uns erfahren, über die Art und Weise dieser Einwirkung nichts anders zu
+sagen. Sie ist ihrer Natur nach =unmittelbar=, oder wenn sie vermittelt
+ist, läßt sie sich wenigstens auf unmittelbare Einwirkungen
+zurückführen, und diese Zurückführung ist schon ihre ganze Erklärung.
+Alle Fragen nach ihrer fernern Beschaffenheit, nach Berührung,
+Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen
+wir demnach als =nicht zur Sache gehörig= ohne weiters abweisen. Unser
+Satz lautet einfach so: Wir nehmen Veränderungen in uns wahr; unter
+diesen solche, die unmittelbar auf außerhalb unseres Ich befindliche
+Wirkliche hinweisen, von welchen sie als Wirkungen in uns hervorgebracht
+werden; diese Wirklichen selbst müssen (zum Theil wenigstens, d. h. mit
+Ausschluß der Adhärenzen) Substanzen sein; die Einwirkungen aber
+geschehen entweder unmittelbar oder sie lassen sich doch auf
+unmittelbare zurückführen.
+
+Nachdem wir soviel erreicht, dies von einer einzigen einfachen Substanz,
+jener, welche unser eigenes (des Denkenden) Ich ausmacht, zu erweisen,
+erübrigt die Frage: ob diese Fähigkeit, Einwirkungen von außen zu
+erleiden und also umgekehrt auch auszuüben, =allen= Substanzen zukomme
+oder nicht. Darüber würde kein Zweifel herrschen können, wenn es
+ausgemacht wäre, ob zwischen sämmtlichen Substanzen höhern und niedern
+Ranges nur eine Grad- oder wirklich specifische Verschiedenheit (d. h.
+solche, die sich nicht auf eine blos graduelle zurückführen läßt)
+stattfinde. Wenn einige Substanzen die Fähigkeit nach außen zu wirken
+und von außen zu leiden besäßen, andere nicht, so wäre dies allerdings
+eine specifische Verschiedenheit unter denselben. In der That waren
+viele Denker dieser Meinung und besonders die Schriften des =Cartesius=,
+seiner Anhänger und Zeitgenossen liefern reichliche Beispiele von
+widersinnigen Behauptungen, zu welchen die Annahme specifischer
+Verschiedenheit unter den Substanzen verführt hat. Besonders war es der
+Streit um die Thierseelen, welcher die Gemüther beschäftigte und häufig
+bis zur Parteiwuth entzündete. Während die Einen den Thieren alle und
+jede Seelenfähigkeit, ja die Seele selbst absprachen, geriethen Andere
+ins entgegengesetzte Extrem, die Thierseele sogar über die Menschenseele
+zu erheben, und sie für weit begabtere Wesen als die letztern anzusehen.
+=Leibnitz= dagegen nahm sich der wesentlichen Gleichheit aller
+Substanzen auf das eifrigste an und hatte, wie die bekannte Anekdote im
+Schlosse zu Charlottenburg zeigte, gar nichts dawider, daß auch aus den
+Atomen, die in dem Kaffee, den er eben trank, enthalten sein mochten,
+sich mit der Zeit Wesen höherer, sogar menschlicher Art entwickeln
+können. Selbst =Herbart=, dem man unter den Neuern am nachdrücklichsten
+den Vorwurf gemacht, er betrachte z. B. die Thiere als bloße Maschinen,
+erscheint als Vertheidiger der wesentlichen Gleichheit aller
+Substanzen(127). Er gibt zu, es sei keinem einzigen einfachen Realen
+wesentlich, Substanz zu sein -- welches bei ihm nichts anderes heißt,
+als in Causalzusammenhang mit andern Realen zu treten, in Folge dessen
+Selbsterhaltungen d. i. Vorstellungen in dem Ersten entstehen; und diese
+Eigenschaft könne unter Hinzutritt gewisser Umstände einem jeden ohne
+Unterschied zukommen. Vor allem aber gibt uns die Erfahrung Belege genug
+an die Hand, daß sich das Charakteristische der Seele, ihre innern
+Zustände, wenn auch in verschiedenem Grade an allen einfachen Substanzen
+vorfinden, und diese generisch durchgehends verwandt sind. Fast an allen
+organischen Wesen trifft man Organe und Thätigkeiten an, welche den
+menschlichen analog sind, und in den unorganischen läßt sich zum
+wenigsten keine sichere Grenze festsetzen, über welche hinaus sie
+aufhörten, noch organisch zu sein, so daß wir zuletzt genöthigt werden,
+auch in ihnen Organismen, wenn auch von minderer Vollkommenheit,
+anzuerkennen. Von Vorstellungen aber haben wir eben gar keinen andern
+Begriff, als daß es solche Veränderungen seien, welche im Innern
+einfacher Substanzen vorgehen. =Leibnitz= erklärt sie mit klaren Worten
+für das Einzige, was im Innern einfacher Substanzen vor sich gehen kann,
+und worin alle innern Thätigkeiten der Monaden bestehen(128). Da nun
+alle Substanzen, mit Ausnahme der allvollkommenen, unvollkommene, also
+veränderliche sind, mithin Veränderungen mit ihnen vorgehen, die nach
+dem eben Gesagten keine andern als Vorstellungen (im weitesten Sinn)
+sein können, so folgt, daß alle Substanzen Vorstellungen haben und ohne
+Ausnahme Vorstellungskraft besitzen, und daher generisch nicht unter
+einander verschieden sind. Allerdings darf man bei dem Wort
+Vorstellungen nicht an solche denken, die wir gemeiniglich mit diesem
+Namen bezeichnen, und die meist schon »bewußte« d. i. solche
+Vorstellungen sind, von denen wir =wissen, daß wir sie haben=. Diese
+Vorstellungen werden vielmehr =alle=, oder doch dem größten Theil nach
+=dunkle=, unbewußte Eindrücke sein können, bloße Perceptionen nicht
+Apperceptionen; unbestimmte Empfindungen, aber doch Veränderungen im
+Innern der Substanzen, aus welchen sich im Laufe der Zeit =klare= und
+=deutliche= entwickeln. Sind aber alle Substanzen vorstellende und
+veränderliche Wesen, so werden sich bei jeder einzelnen die Fragen nach
+einem =Grund= ihrer Veränderungen, welcher nicht in ihr selbst liegen
+kann, wiederholen, und in jeder werden sich höchst wahrscheinlicher
+Weise Vorstellungen von ähnlicher Art wie unsere Anschauungen oder
+=Diesse= vorfinden, welche eben so unmittelbar wie diese auf ein
+außenbefindliches, einwirkendes Wirkliche hinweisen. Zum wenigsten ist
+gar kein Grund vorhanden, warum es nicht der Fall sein sollte, da im
+Gegentheil eben die Anschauungen diejenigen Vorstellungen sind, welche
+dem größten Theile nach gar nicht zu unserm Bewußtsein gelangen.
+
+ (127) d. h. in ihren letzten Gründen. Der Abstand von einem Tartuffe
+ zu einem Newton würde noch immer groß genug bleiben.
+
+ (128) _Monad._ §. 17.
+
+Indeß möge dies oder jenes der Fall sein, so gilt der bisher zu erweisen
+versuchte Satz, wenn nicht von allen, doch wenigstens von denjenigen
+Wesen, welchen auch der Dualismus die Vorstellungs- und Seelenfähigkeit
+nicht abspricht. Erweitert umfaßt daher unser Satz von nun an =alle=
+endlichen vorstellenden Substanzen, weil sich um ihrer wesentlichen
+Gleichheit willen kein Grund angeben läßt, warum das Vermögen nach außen
+zu wirken und von außen zu leiden auf einige derselben sich erstrecken
+solle, auf andere nicht. Denn wissen wir einmal, daß alle endlichen und
+vorstellenden Substanzen eben deshalb auch veränderlich, und des
+Wachstums ihrer Kräfte fähig sind, so dürfen wir auch schließen, daß der
+Zweck ihrer Erschaffung kein anderer war, als sich dieser Zunahme ihrer
+Fähigkeiten zu freuen und darin Glückseligkeit zu genießen. Und wenn
+einige, namentlich alle diejenigen, welche auf =uns= einwirken, und
+deren Dasein wir eben nur aus diesen ihren Wirkungen auf uns erfahren,
+d. i. sämmtliche Erdengeschöpfe nicht weniger als die uns bisher
+bekannten Himmelskörper, die Kraft auf andere zu wirken, und
+Rückwirkungen von ihnen zu erfahren besitzen: reicht dies nicht hin, zu
+schließen, daß ähnliche Kräfte =allen= zukommen, weil sie sonst zwecklos
+da wären, wenigstens des Guten nicht so viel genießen und in andern
+befördern könnten, als sie auf diese Weise vermögen?
+
+Ist aber dies einmal außer Zweifel, so kann es auch keinem Anstand mehr
+unterliegen, daß diese Einwirkung unter den Substanzen eine
+=wechselseitige= sein müsse. Denn jede Veränderung in dem Veränderten
+setzt eine Veränderung in dem =Verändernden=, von welchem die thätige
+Kraft ausgeht, voraus. Es gab eine Zeit, in welcher die Veränderung im
+Veränderten noch nicht da war, das Verändernde sie also noch nicht
+bewirkt hatte. Indem das letztere dieselbe früher noch nicht bewirkte
+und jetzt bewirkt, hat es an sich selbst eine Veränderung erfahren, die
+es nicht erfahren haben würde, wenn es nicht jene Veränderung im andern
+hervorgebracht hätte. Ohne die letztere wäre es daher selbst ein anderes
+geblieben. Insofern daher das Veränderte da sein muß, um eine
+Veränderung vom andern zu erfahren, welche ihrerseits wieder eine solche
+im Verändernden, das aus dem Zustande der Unthätigkeit in jenen der
+Thätigkeit übergehen muß, erfordert: kann es selbst wieder als reciproke
+Ursache dieser Aenderung im Verändernden angesehen werden. Darin liegt
+nichts Widersprechendes; denn die Veränderung _x_ im veränderten Dinge
+_A_ ist eine andere als jene _y_ im verändernden Dinge _B_. Das Ding _A_
+ist also Ursache der Veränderung _y_ in _B_, und das Ding _B_ Ursache
+der von _y_ verschiedenen Veränderung _x_ an dem _A_. Der Widerspruch
+würde nur dann stattfinden, wenn _A_ Ursache derselben Veränderung in
+_B_ wäre, welche _B_ in _A_ bewirkt, wenn z. B. das _A_ Ursache des
+=Seins= von _B_ und _B_ umgekehrt Ursache des Seins von _A_ sein sollte.
+In =derselben= Beziehung kann ein Ding nicht zugleich Ursache und
+Wirkung sein, wohl aber in =verschiedener= Beziehung. Wenn daher =Lotze=
+der Wechselwirkung vorwirft, die Ursache bedinge in ihr nicht nur die
+Wirkung, sondern die Wirkung zugleich die Ursache, und es werde daher
+unter Wirkung nicht das Resultat des Processes, sondern das Object
+verstanden, an welchem dieses erzielt wird, indem z. B. der Geschlagene
+den Schlagenden und dieser jenen bedinge: so verwechselt er die
+Vorstellung des gemeinen Lebens, welches hier, wie häufig, eine bloße
+=Theilursache=: den Geschlagenen, statt der ganzen Ursache heraushebt,
+mit der ausdrücklichen Erklärung, daß dasjenige, was in einem Sinne
+Wirkung, in einem ganz =andern Sinn= Ursache sei; weil beides
+andernfalls in der That widersprechende Bestimmungen desselben Dings
+sein würden. Trifft z. B. die bewegte Kugel _a_ auf die ruhende _b_, so
+gibt sie einen Theil ihrer Geschwindigkeit an diese ab, so daß sie
+selbst sich langsamer bewegt als früher, die zweite aber sich bewegt,
+die vordem geruht hat. Die =Abnahme= der Geschwindigkeit der ersten ist
+daher Ursache der =Zunahme= der letztern, und die =Zunahme= der
+Geschwindigkeit der letztern die Ursache der Abnahme der Geschwindigkeit
+der erstern. Auch =Hegels=(129) Einsprache gegen diesen Satz gründet
+sich auf die unrichtige Voraussetzung, daß die Wirkung in =derselben=
+Beziehung, in welcher sie dies ist, auch wieder Ursache sein solle.
+Allein um das obige Beispiel beizubehalten, ohne Zweifel ist die
+Veränderung, welche in dem Geschlagenen vorgeht, eine andere, als jene,
+welche der Schlagende erfährt, der Geschlagene daher in einer ganz
+andern Beziehung Grund einer Veränderung im Schlagenden, als jene ist,
+in welcher er zugleich eine Wirkung durch den Schlagenden erleidet.
+
+ (129) Encyclop. I. S. 306.
+
+Das Ergebniß der ganzen bisherigen Untersuchung ist daher in wenig
+Worten Folgendes: Jede (endliche, veränderliche) Substanz wirkt auf jede
+andere und zwar =unmittelbar= in jeder Entfernung, in mancherlei Weise,
+anziehend, abstoßend, verändernd; sie wirkt aber auch =mittelbar=, indem
+sie dadurch, daß sie auf irgend eine Substanz unmittelbar wirkt, Einfluß
+auf jene Veränderungen nimmt, welche diese selbst wieder ihrerseits
+unmittelbar in anderen Substanzen bewirkt; jede Substanz =erfährt= eben
+so von jeder andern mittelbarer oder unmittelbarer Weise Einwirkungen
+mannigfacher Art; sie erfährt dergleichen nicht nur von den endlichen
+Substanzen, auf welche sie selbst einen mittelbaren oder unmittelbaren
+Einfluß ausübt, sondern auch von der allvollkommenen, in welcher sie,
+weil diese unveränderlich ist, ihrerseits keinerlei Wirkung
+hervorzubringen vermag. In Bezug auf die allvollkommene Substanz ist
+daher die Thätigkeit jeder endlichen Substanz einseitig, nicht
+wechselseitig. Denn nur von der ungeschaffenen auf die geschaffenen kann
+eine Einwirkung bestehen, nicht aber umgekehrt, weil die =ungeschaffene=
+auch =unveränderlich= ist.
+
+Man könnte hiebei den Grund vermissen, auf welchen sich das
+Vorhandensein der nach außen wirkenden Kraft in der allvollkommenen
+Substanz stützt. Allein wenn wir die Kraft nach außen zu wirken bereits
+jeder unvollkommenen Substanz beilegen, welchen Grund gäbe es wohl, sie
+der =vollkommensten= abzusprechen? Dies könnte nur der Fall sein, wenn
+sie irgend einer ihrer übrigen Kräfte widerstreiten möchte. Das findet
+jedoch keineswegs statt, ja ihr Vorhandensein wird sogar aufs
+entschiedenste gefordert, wenn die Gottheit wirklich das
+allervollkommenste Wesen sein soll, weil sonst den unvollkommenen
+Substanzen ein Vermögen zukommen würde, das der allvollkommenen mangelt,
+und weil ohne diese die Gottheit aufhören müßte, =Schöpfungs=kraft zu
+besitzen. Es genügt schon zu bemerken, daß das Vorhandensein einer
+solchen Kraft in Gott mit keiner seiner übrigen Kräfte in Widerspruch
+stehen könne, weil wir denselben analoge in uns selbst vereinigt
+antreffen.
+
+Der Weg, auf welchem wir zu diesem, von den Ansichten Anderer bedeutend
+abweichenden Resultat gelangt sind, beruht im Wesentlichen auf
+Leibnitzisch-monadistischen Fundamenten. Entscheidende Wendepunkte sind
+jedoch für denselben die Begriffe: unmittelbare Wirkungen, Stetigkeit
+und allseitige Erfüllung des Raums, und die unmittelbar gewissen
+Erfahrungsurtheile. Wer uns vorwerfen will, daß wir uns hiebei auf ein
+»Geheimniß,« beim zweiten Punkt auf ein »im Denken nicht Erreichbares,«
+beim dritten auf ein »schlechthin Gewisses« berufen, und die Deduction
+deshalb für oberflächlich und unzureichend erklärt: dem können wir
+nichts Anderes entgegenhalten, als was wir schon im Laufe der
+Untersuchung am rechten Orte eingeschaltet, und worin, wie wir glauben,
+eine genügende Vertheidigung liegt. Nicht die Nichterklärbarkeit eines
+=an sich= nicht Erklärbaren, wie es die unmittelbaren Wirkungen sind,
+scheint uns den Namen eines Geheimnisses zu verdienen; dieser ist
+vielmehr dort am Platze, wo es Etwas zu erkennen =gibt=, welches wir
+bisher aus was immer für Gründen noch nicht erkannt haben, aber
+mindestens bei fortgeschrittener Vervollkommnung und günstigen Umständen
+einst zu erkennen und erklären hoffen dürfen. Dies ist aber bei
+unmittelbaren Wirkungen keineswegs der Fall; diese werden und können wir
+niemals zerlegen und erklären, weil ihre Natur es verbietet.
+
+Eben so wenig dünkt uns die Unmöglichkeit, einen gewissen Begriff »im
+Denken zu erreichen,« d. h. sich eine =anschauliche= Vorstellung von
+demselben zu entwerfen, schon ein Recht zu geben, diesen Begriff
+überhaupt für ungereimt und widersprechend zu erklären. Der Umstand, daß
+wir zu einfachen Punkten weder durch wirkliche Theilung gelangen, noch
+durch fortgesetzte Zählung eine unendliche Menge einzelner Einheiten
+zusammen addiren können, bietet keine hinreichende Bürgschaft weder
+dafür, daß es keine einfachen Punkte in der That gebe, noch dafür, daß
+sie in keinem endlich begrenzten Raume in unendlicher Anzahl vorhanden
+seien. Vielmehr belehren uns Schlüsse aus reinen Begriffen auf das
+nachdrücklichste von dem Gegentheil.
+
+Noch weniger aber können wir von der Annahme »unmittelbar gewisser
+Erfahrungsurtheile« ablassen, sobald unter denselben keine andere, als
+Urtheile von der Form: Ich habe die Vorstellung _a_, verstanden werden.
+Denn um dieses Urtheil zu fällen, muß ich die Vorstellung _a_ wirklich
+besitzen und nicht nur sie allein, sondern sogar noch eine Vorstellung
+von ihr selbst, welche als Bestandtheil in meinem Urtheile erscheint.
+Ihr Dasein ist daher so gewiß, als ich dieses Urtheil wirklich fälle;
+mein Urtheil hat daher =unmittelbare= Gewißheit. Das Auffallende in
+dieser Behauptung verursacht nur das geringe Gewicht, das man =bisher=
+auf dieselbe gelegt hat, und die Verwechslung solcher Urtheile mit den
+nur =wahrscheinlichen= Erfahrungssätzen von der Form: »Derselbe
+Gegenstand, welcher Ursache der Anschauung _a_ in mir ist, ist auch
+zugleich Ursache der Anschauung _b_,« welche sie sich gefallen lassen
+mußte. Urtheile dieser letztern Art aber begnügen sich nicht damit, das
+=Dasein= einer Vorstellung in uns auszusprechen, sie maßen sich an,
+Etwas über den =Gegenstand= auszusagen, von welchem diese Vorstellung
+herrühren soll, und gerathen auf diese Weise in Gefahr des Irrthums.
+
+Obgleich daher unser Satz zuletzt aus Erfahrungsurtheilen der ersten
+Form entspringt, so können wir doch nicht zulassen, daß er um deswillen
+nur Wahrscheinlichkeit besitzen solle. Seine Prämissen, Erfahrungs- wie
+reine Begriffssätze, haben objective Gewißheit, denn theils lassen sie
+sich durch andere unwidersprechlich darthun, theils sind sie unmittelbar
+gewiß, und leisten dann, auch wenn sie Erfahrungssätze sind, denselben
+Dienst, wie reine unangefochtene Begriffswahrheiten. Die einzige Art von
+Wahrscheinlichkeit (besser: Gefahr zu irren), die hier, wie bei jedem
+Schließen und Folgern unterläuft, ist die leider nur allzu häufige
+Möglichkeit, durch =Verwechslung= eines im Schließen gewonnenen Satzes
+mit einem andern blos ähnlichen, oder auf =sonst eine Weise= irgendwo
+einen Irrthum im Schließen, eine Art Rechnungsfehler, begangen zu haben.
+Aber diese Wahrscheinlichkeit ist nicht wenig verschieden von
+derjenigen, welche bei Feststellung irgend eines Factums in der
+Naturbeschreibung, Experimentalphysik, Geschichte u. s. w. (z. B., ob
+die Iliade in der That von =Homer= herrühre u. dgl. m.), in's Spiel
+kommt. In der letztern folgern wir aus Vordersätzen, die selbst schon
+von der Form sind: Wenn, α, β =wahr= sind, so sind _u_, _v_ ...
+=wahrscheinlich=. Bei der erstgenannten subjectiven Wahrscheinlichkeit
+jedoch liegt der Grund der bloßen Wahrscheinlichkeit nur in der
+Möglichkeit des Irrthums im Denken. Die =Abfolge= der Sätze selbst ist
+von diesem Denken völlig unabhängig; sie sind, gleichviel ob mittelbare
+Erfahrungs- oder reine Begriffssätze, von der Form: Wenn _a_, _b_ =wahr=
+sind, so sind auch _m_, _n_ ... =wahr=. Hier herrscht daher in den
+Sätzen selbst keine bloße Wahrscheinlichkeit. Um diese aber auch im
+Gedachtwerden der objectiven Schlußfolgen möglichst zu beseitigen und
+unsere Zuversicht zu unsrer Erkenntniß zu erhöhen, bedarf es nur der
+Erfahrung, daß mehrere Menschen oder wir selbst zu verschiedenen Zeiten
+und unter verschiedenen Umständen diese Reihe von Schlüssen geprüft und
+richtig befunden haben.
+
+Von einer Prüfung =dieser= Art hat daher jeder neue Versuch, einen Theil
+unsres Gedankenschatzes zum deutlicheren Bewußtsein zu erheben, sein
+Urtheil, seine Bestätigung oder Verwerfung zu erwarten. Einer solchen
+sieht auch der vorstehende entgegen. Wenn wir gleich recht gut fühlen,
+wie Viele uns einwenden werden, mit der Zurückführung auf unerklärbare
+Thatsachen sei eben nichts erklärt, und ein Beweis, welcher
+Schwierigkeiten negire, statt sie zu lösen, entbehre des
+wissenschaftlichen Ernstes, so hoffen wir desungeachtet, eine
+unbefangene Prüfung, über die Mängel der Darstellung eines ersten
+Versuches hinweg sehend, werde hie und da Ansichten entdeckt haben,
+welche näherer Betrachtung nicht unwerth sind. Der Schreiber dieses
+wenigstens hat aus ihnen die Ueberzeugung gewonnen, sowohl daß es eine
+Ungereimtheit genannt zu werden verdient, dort wo =an sich= nichts
+weiter zu erklären oder zu vermitteln ist, eine weitere Erklärung zu
+verlangen, als auch daß es unmöglich ist, den Quellen unserer
+empirischen Erkenntniß nachgehend nicht endlich zu solchen Urtheilen und
+Vorstellungen zu gelangen, welche, die erstern unmittelbar unumstößlich
+und gewiß, die letztern ihrer Natur nach durch Einwirkung außerhalb der
+Seele, wenn auch nicht immer des Leibes, befindlicher Gegenstände
+erzeugt sein müssen. Mit Hilfe dieses und einiger der andern hier
+dargelegten Begriffe däucht es uns nicht unmöglich, ohne an =Leibnitz='
+Grundsätzen etwas Wesentliches (etwa mit Ausnahme der Raumbegriffe, die
+bei ihm ziemlich unklar sind) zu vergeben, vielmehr nur durch
+consequente Festhaltung seines eigenen Hauptprincips, der odiosen
+Annahme der prästabilirten Harmonie auszuweichen und eine
+befriedigendere Ansicht zu gewinnen, für welche nicht nur die
+Naturwissenschaften, sondern auch die Astronomie mit ihrer Gravitation
+und Aequilibrirung der Himmelskörper zu sprechen scheinen. Jene
+Grundsätze =Leibnitz=', also die Fundamente monadistischer Metaphysik
+selbst zu untersuchen, war hier nicht der Ort und lag nicht in unserer
+Absicht, denn dies würde beinah eine Prüfung der gesammten Metaphysik
+erfordern. Noch erfreut sich dieselbe, zahlreicher genialer Versuche
+ungeachtet, in den wenigsten Lehren einer allgemeinen Uebereinstimmung,
+und im Ganzen erstreckt sich das zweifellose Wissen der Denker noch
+wenig über =Descartes=' berühmtes: _cogito, ergo sum_ hinaus. Während
+die Naturwissenschaften von Stunde zu Stunde mehr Boden gewinnen und
+überraschende Fortschritte machen, stockt die =reine Begriffswissenschaft=,
+welche ihnen die feste Grundlage, auf der sie fußen können,
+erst geben sollte, noch immer bei den zuerst sich darbietenden
+Problemen. Manchmal der Auflösung sich ganz nahe glaubend,
+gewahrt sie sich kurz darauf weiter als je davon zurückgeworfen. Das
+letztere vielleicht gerade deshalb, weil sie, besonders in neuester
+Zeit, Gefallen daran gefunden zu haben scheint, gerade der zunächst
+liegenden, und ihr nur um deswillen trivial dünkenden Lösung, weil sie
+dem gesunden Menschenverstand am meisten zusagend ist, immerdar aus dem
+Wege zu gehen, und das Wort des Räthsels auf geheimen, nur für
+Auserwählte gangbaren Wegen, die nicht immer jene des Lichtes sind, zu
+suchen. Wenn daher die Frage nahe liegt, warum die Vorsehung es zulassen
+möge, daß das Denken, die eingeschlagene gerade Bahn verlassend, oft
+erst nach den seltsamsten und weitesten Umwegen zu derselben
+zurückzukehren genöthigt werde, während es nur eines glücklichen
+Griffes, eines offenen Blickes bedurft hätte, um die Wahrheit auf dem
+kürzesten Wege zu finden: so mag vielleicht einer der Gründe der sein,
+daß sie uns das unschätzbare Gut des schlichten geraden Verstandes durch
+die eigene Verwirrung am herbsten und eindringlichsten fühlen lassen
+will. Auf dem Umwege waren vielleicht manche andere glückliche
+Entdeckungen zu machen, zu welchen wir ohne denselben nie gelangt sein
+würden, und wenn nichts Anderes, so macht das Gefühl, alle Möglichkeiten
+des Irrens erschöpft zu haben, unsern Glauben an die endlich errungene
+Wahrheit zuversichtlicher und fester haftend. =Lessing='s Ausspruch, er
+wolle lieber das redliche Streben nach der Wahrheit, als die fertig
+zugerichtete (wenn man sie nicht mit =Liebe= erfaßt), findet hier seine
+Geltung. Durch den langen Umschweif, welchen das Denken seit =Leibnitz=
+durch die mannigfaltigsten Gebiete genommen, um endlich doch zu der
+Ueberzeugung zurückzukehren, daß ohne Wirksamkeit keine Welt, daß die
+lebendige Wechselthätigkeit einfacher Wesen die _conditio sine qua non_
+sei, wenn wir nicht in todten Mechanismus und starren Indifferentismus
+verfallen sollen, dem durch extramundane wirkungslose Bevormundung nicht
+abgeholfen werden kann, wird es hoffentlich anschaulich genug geworden
+sein, die =Wechselwirkung= allein sei der passende Ausweg, den Glauben
+des Herzens und die Zweifel des Verstandes zu versöhnen, und der täglich
+gebieterisch sich vordrängenden Erfahrung auf metaphysischem Wege die
+Hand zu reichen. Durch das Wirken erst erhält das Sein Leben, wie die
+elektrische Spannung der Luft erst zum Vorschein kommt, wenn sie
+leuchtet und zündet. Ein Sein, das nicht wirkt, ist ein todtes Sein,
+also gar kein Sein, und ein Sein, das nicht auf Andere wirkt, ein
+nutzloses Sein; denn kein Wesen ist um seinetwillen, sondern um des
+Ganzen, wie ein Factor um des Productes willen da. Nur einer kurzen
+Beharrlichkeit hätte es vielleicht bedurft, um den Monaden =Leibnitz='
+diesen weltbürgerlichen Sinn einzuhauchen; allein so schnell sollte die
+Forschung nicht fortschreiten, damit der Einzelne nicht übermüthig
+werde, und um zehn Irrthümer ist die Wahrheit nicht zu theuer erkauft.
+So mußte die Monadologie als Betrachtung des Weltganzen den Platz
+räumen, um ihn dem Idealismus der einzelnen Monade zu überlassen; so
+mußte =Leibnitz=' genialer rhapsodischer Dogmatismus geläutert werden
+durch eine scharfe Prüfung unsrer Erkenntnißkräfte und erst, nachdem
+trotz =Kant='s Gegenrede dem denkenden Geiste durch lange Beobachtung
+gewiß geworden, er vermöge wenigstens einige synthetische, oder besser
+reine Begriffswahrheiten, die synthetischer Natur sind, und nicht minder
+Erfahrungsurtheile einer gewissen Gattung mit zweifelloser Gewißheit zu
+erkennen, ohne sie durch irgend eine Art »reine« Anschauung vermitteln
+zu müssen: jetzt erst dürfen wir uns ruhig und unbesorgt dem Zuge
+unserer Gedanken überlassen, und wenn er uns zum Monadismus zurückführt,
+darin einen Beweis für die innere Nothwendigkeit dieses Gedankenweges
+sehen. Daraus folgt aber keineswegs, daß das Denken genau die Form des
+=Leibnitz='schen behalten müsse, obgleich auch der wichtigste, für die
+Brauchbarkeit eines metaphysischen Systems entscheidende Gedanke darin,
+wie wir zu zeigen suchten, schon im Keime lag. Welche Form es auch immer
+annehmen möge, daß es =Leibnitz=' Grundsätzen wenigstens in den
+Hauptzügen ähnlich sich gestalten werde, dafür finden wir nicht nur in
+=Herbart='s Beispiel, sondern auch in der merkwürdigen Erscheinung, daß
+das Denken, welches so lange auf den abenteuerlichsten Bahnen schweifte,
+zu ihm als seinem Anfangspunkte neuerdings zurückgekehrt, die sichere
+und erfreuliche Bürgschaft.
+
+
+
+
+Verbesserungen.
+
+
+S. 4 Z. 4 v. u. Vergleichung. -- 7. 4 v. u. _Actis_. -- 23. 19 v. u.
+abzugeben. -- 26. 13 v. o. =sich= vorstellt. -- 47. 1 v. u. =das Citat
+zu löschen=. -- 55. 13 v. u. Idealismus. -- 62. 5 v. o. Seelen. -- 65.
+10 v. o. kommt. -- 74. 1 v. o. =einem= marmornen Rumpf =einen=. -- 79.
+11 v. o. in die Dinge. -- 94. 15 v. o. _non a_. -- 96. 17 v. o. ein
+Sich-ändern. -- 115. 16 v. u. formalen. -- 118. 17 v. u. den Wesen. --
+132. 9 v. u. welche =die Ursache= erst. -- 138. 7 v. o. zwecksetzendes.
+-- 144. 17 v. o. Veränderung der Realen bei diesem Geschehen. -- 166. 2
+v. o. =betrachtet= zu streichen. -- 181. 17 v. u. Stelle. -- 182. 15
+v. u. welchen.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Einleitung 1
+
+ ~Leibnitz' Monadologie.~ (_La monadologie_; _Monadologia seu
+ principia philosophiae in gratiam principis Eugenii conscripta_) 9
+
+ ~Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen
+ Geschehens.~ Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus 33
+
+ 1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz= 37
+
+ 2. Die Causalität als Kategorie: =Kant= 75
+
+ 3. Die Theorie der Selbsterhaltungen: =Herbart= 79
+
+ 4. Modificationen dieser Ansichten 122
+
+ a) Modification der Theorie der Selbsterhaltungen: =Drobisch= --
+
+ b) Modification der prästabilirten Harmonie: =Lotze= 130
+
+ 5. Die Wechselwirkung 145
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemanden erkannt wird, weil
+ werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil
+
+ oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_ame_) solle für
+ oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für
+
+ necessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont
+ nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont
+
+ (14) _cest-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben.
+ (14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben.
+
+ préctablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums
+ preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums
+
+ sie das Universum vorstellen.
+ sie das Universum vorstellen.«
+
+ zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).
+ zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).«
+
+ carent (per. def), in monadibus etiam derivativis nullae partes
+ carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes
+
+ interius monadis creatae physice influere possit (per theor. praec.),
+ interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.),
+
+ Gegenstände vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle
+ Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle
+
+ Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἐχοῦσι τὸ ἐντελές), jene, deren
+ Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren
+
+ =Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felder unterstützten! Während er
+ =Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er
+
+ (55) _Nouv. syst._ S 127.
+ (55) _Nouv. syst._ S. 127.
+
+ (58) _Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans,
+ (58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans,
+
+ Substanzen des Uebergangs ma erieller Theilchen aus einer in die andere
+ Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere
+
+ deren Art und Weise des stattfindens zwischen den realen Wesen selbst
+ deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst
+
+ =Schelling='s aus disparaten oder gar entgegensetzten Bestimmungen
+ =Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen
+
+ zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedem
+ zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes
+
+ Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sodern auch dasjenige,
+ Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige,
+
+ (80) Allg. Metaph. II. S. 150
+ (80) Allg. Metaph. II. S. 150.
+
+ abnehmen. Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt
+ abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt
+
+ Körper, eine Selbstbewegung, ein κινο͂υν ἀκἰνητον auf dasjenige, was
+ Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was
+
+ es factisch stattfindet in den einfachen Empfingungen Roth und Blau oder
+ es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder
+
+ (88) Man vergl. die Note über =Canz=., S. 97.
+ (88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69.
+
+ einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebirte des
+ einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des
+
+ metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein solsen, was
+ metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was
+
+ fortbewegendem Begriff, indem es außer den Zerstört- auch noch ein
+ fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein
+
+ (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200. ff. Encykl.
+ (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl.
+
+ (97) =Hartenst.= Met. 263. ff.
+ (97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff.
+
+ aus den einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund?
+ aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund?
+
+ irrational sein; es fehlt die Bedindung der Causalität, des Zusammen,
+ irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen,
+
+ scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein gebe müsse, weil sonst auch
+ scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch
+
+ urspünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere
+ ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere
+
+ Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 f. f. auch den sogenannten
+ Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten
+
+ =wirklicher= Gegenstand entspicht, den letzten nicht so, daß dessen
+ =wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen
+
+ Möglicheit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht
+ Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht
+
+ Schwäche unsers Ernißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde?
+ Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde?
+
+ Porosität viel weiter, weil es niemal zwei Punkte gibt, die nicht
+ Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht
+
+ zusammengetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der
+ zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der
+
+ Wesens verlangt wird, im Widerspruche standen. Die übrigen Kräfte sind
+ Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind
+
+ außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche An-Anschauungen diese
+ außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese
+
+ Durchdringung, materiellen Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen
+ Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Leibnitz' Monadologie, by Gottfried Wilhelm Leibniz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNITZ' MONADOLOGIE ***
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.